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WWW.64711.DE Presse-Echo: Heißes Pflaster: Ärger in Erbacher Werner-von-Siemens-Straße

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22.9.2019

Heißes Pflaster: Ärger in Erbacher Werner-von-Siemens-Straße

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Sonntag, 22.09.2019 - 10:00 An den Bushaltestellen in der Werner-von-Siemens-Straße von Erbach trifft sich eine Klientel, die Bürger beunruhigt. Was soll nun werden aus diesem Platz? Wird es immer schlimmer, wie viele meinen? Von Sabine Richter

Wenn der Rettungsdienst zu einem Notfall in der Werner-von-SiemensStraße gerufen wird, wisse man schon, dass es wahrscheinlich um Betrunkene oder Drogen geht. Foto: Joaquim Ferreira ERBACH - Wieder sitzen sie auf der Bank an der Bushaltestelle in Erbach: Der Mann mit dem abgeklärten Gesichtsausdruck, der in seiner Militärhose wie ein Fremdenlegionär aussieht, daneben das ungleiche Paar, vielleicht Mutter und Sohn, samt der zwei kläffenden Hunde. Und die Frau, deren blonde Haare stumpf und strähnig herabhängen. Fast alle sind mindestens 50, jeder hat eine Getränkedose neben sich und Nachschub in einer Tasche auf dem Boden stehen. Die Szene in der Werner-von-SiemensStraße ist nicht groß, vielleicht zehn, fünfzehn Leute, aber sie kann heftig werden: Am 1. März dieses Jahres gab es eine Messerstecherei, der Täter https://www.echo-online.de//lokales/odenwaldkreis/erbach/heisses-pflaster-arger-in-erbacher-werner-von-siemens-strasse_20459957

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wurde im Darmstädter Landgericht kürzlich zu dreieinhalb Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Auch muss er in eine Entziehungsanstalt. Dies war der vorläufige Höhepunkt des Treibens an der Bushaltestelle, die fast täglich Schauplatz von lautem Gegröle, Konflikten, torkelnden Menschen, öffentlichem Erbrechen und Urinieren, aber auch von dubiosen Verkäufen hinter vorgehaltener Hand ist. Was soll nun werden aus diesem Platz in Erbach? Wird es immer schlimmer, wie viele meinen? Andreas, der manchmal dort "zwei, drei Bier" trinkt, ist mit 29 Jahren deutlich jünger als die anderen und hat mal in Oberzent gewohnt, lebt jetzt aber in Erbach und wird demnächst eine viermonatige Therapie beginnen. Er ist auf Methadon und entgiftet gleichzeitig vom Beikonsum. Dass die Szene um ihn herum von anderen Bürgern "dumm angeschaut" und als "asoziale Penner" abgestempelt werde, stört ihn. "Ich randaliere nicht und mache keinen Stress und finde es blöd, wenn andere das machen." An der Bushaltestelle lässt er sich nieder, wenn er "zum Bitti geht" - zum Erbacher Mediziner Gerhard Bittenbring. Zu Hause sei es den meisten Leuten zu langweilig, zumal sie arbeitslos sind. "Und der frühere Szene-Treffpunkt an der Mümling existiert nicht mehr, seit die Stadt die Bänke dort weggemacht hat. Da sind die selber schuld, wenn wir nun hier sitzen", erklärt Andreas, dessen Namen die Redaktion geändert hat.

Gruselig" finden die Verkäuferinnen die Klientel vor ihrer Tür Ein älterer Mann an seiner Seite, den wir hier Georgi nennen, stimmt ihm zu, auch wenn er sonst nicht viel sagt, außer, dass er mit Alkohol nichts am Hut habe und normalerweise nur vormittags an der Bushaltestelle sitze: Später, wenn bei den anderen der Pegel steigt, wird es ihm zu ungemütlich dort. Was die beiden noch erzählen, ist, dass mit ihnen sonst keiner spreche - eher reden die Leute über sie. "Niemanden interessiert es zum Beispiel, wie meine Kindheit war", sagt Andreas. Die meisten Süchtigen hätten keine gute Vergangenheit, es gebe Gründe, warum sie auf die schiefe Bahn kommen: "Aus Spaß trinken hier die Wenigsten."

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Dieses Trinken ist aber auch kein Spaß für alle anderen. Das Team in der nahen Parfümerie hat die Messerstecherei noch vor Augen, zumal die Kamera im Geschäft die Tat zufällig gefilmt hat. Kundinnen, die sofort hinrannten, sagten später als Zeuginnen vor Gericht aus. "Gruselig" finden die Verkäuferinnen die Klientel vor ihrer Tür, und wenn es im Winter früh dunkel wird, haben sie Angst, abends alleine abzuschließen. Die lautstarken Auseinandersetzungen der Betrunkenen quer über die Straße hinweg, die Ausscheidungen direkt vor dem Geschäft, das verschüttete Bier und der Müll seien eine Zumutung. Oft schon riefen die ParfümerieMitarbeiterinnen die Polizei, doch ihnen habe man nur geantwortet, dass die Trinker sich doch eher gegenseitig wehtäten. "Als es eskalierte mit der Messerstecherei, hieß es, dass ein Sicherheitsdienst kommt", sagen sie. Aber der ist bis jetzt nicht da. https://www.echo-online.de//lokales/odenwaldkreis/erbach/heisses-pflaster-arger-in-erbacher-werner-von-siemens-strasse_20459957

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Wer hingegen regelmäßig kommt, ist der Rettungsdienst. "Wenn wir zu einem Notfall in der Werner-von-Siemens-Straße gerufen werden, wissen wir schon, dass es wahrscheinlich um Betrunkene oder Drogen geht", sagt ein Helfer: "Wenn Du das aber schon ein paar Jahre mitmachst, ist es irgendwo Routine." Der Sanitäter kennt Patienten, die er immer wieder an derselben Stelle abholt und ins Krankenhaus fährt. "Auch Pöbeleien kommen vor, aber hier auf dem Land geht es da noch ruhig zu." Der Sanitäter würde die Werner-von-Siemens-Straße keineswegs als Brennpunkt bezeichnen, sondern sagt: "Irgendwo müssen diese Menschen doch hin." Auch Christiane Kobus, Sprecherin des Polizeipräsidiums Südhessen, findet das Wort "Brennpunkt" zu stark, selbst wenn die Delikte dort und in der Hauptstraße zunehmen: 66 gab es im Gesamtjahr 2018, für 2019 waren es schon Anfang September 41, wobei auch die verstärkten Kontrollen eine höhere Zahl der Fälle aufgedeckt haben könnten. Die Straftaten in Erbach umfassen Rohheitsdelikte (Körperverletzung und Schlimmeres), Raub und Diebstahl, Rauschgiftdelikte, Beleidigungen, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigungen. "Wir werden gegen die Straßenkriminalität vorgehen, weiterhin kontrollieren und Personalien überprüfen", sagt Christiane Kobus. "Im Steigerungsfall dürfen wir auch Platzverweise aussprechen. Aber wenn die Leute da einfach nur sitzen, können wir sie aus polizeilicher Sicht nicht einfach wegschicken." Um hier mehr zu tun, will Bürgermeister Peter Traub die Stadtpolizei um zwei volle Stellen von aktuell dreieinhalb auf künftig fünfeinhalb Stellen aufstocken - vorausgesetzt, das Parlament stimmt zu. Dann könnten ab Mitte 2020 jeweils zwei Kollegen für die 13.600 Einwohner von Erbach unterwegs sein und das Sicherheitsgefühl der Bürger verbessern. Die Klientel von der Bushaltestelle zu vertreiben, auch wenn dort Alkoholverbot herrscht, hält er für das falsche Signal. Traub denkt aber darüber nach, sie von der Werner-von-Siemens-Straße wegzulocken und auf dem dortigen Parkplatz einen Tisch mit Bänken und Überdachung zu errichten, wo nicht jeder Bürger unmittelbar vorübergeht. Für den Winter wäre eine Wärmestube vorstellbar, um aus kommunaler Verantwortung Schutz zu bieten. Weitere konstruktive Vorschläge erhofft Traub sich von einem Gesprächskreis, zu dem er alle möglichen Expertengruppen einladen https://www.echo-online.de//lokales/odenwaldkreis/erbach/heisses-pflaster-arger-in-erbacher-werner-von-siemens-strasse_20459957 möchte, darunter karitative Vereinigungen und die Polizei.

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Während über sie geredet wird, sitzen jene, um die es geht, an der Bushaltestelle. Andreas tippt nervös auf seinem Handy herum. "Ich will hier weg", sagt er dann, "im Odenwald habe ich keine Perspektive, da jeder weiß, welche Vergangenheit ich habe und dass ich mal beim Bitti war." Sich nach alledem einen normalen Freundeskreis aufzubauen, sei hier in den ländlichen Strukturen unmöglich. Wer nicht weggeht oder zurückkehrt, dem bleibt hier nicht viel - außer der Bushaltestelle in der Werner-vonSiemens-Straße. Dieser Artikel wurde ursprünglich am 22.09.2019 um 05:00 Uhr publiziert.

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