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TYLL

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Spielzeit 2025/26

TYLL

„Illusion ist das Leben nur kurz dir gegeben, bald stehst du vor Scherben, denn du wirst sterben.“

aus: Passacaglia della vita

TYLL

nach dem Roman von Daniel Kehlmann für die Bühne bearbeitet von Johanna Schall und Grit van Dyk

Besetzung

Origenes, Esel Jakob Schleert

Tyll 2 / Drache Franz Warnek

Tyll 3 / Claus Ulenspiegel, Tylls Vater Hannes Rittig

Nele 2 / Drache Friederike Serr

Nele 3 / Agneta, Tylls Mutter / alte Frau Christiane Schoon

Friedrich V., Winterkönig / Dr. Athanasius Kircher, Jesuit / Knecht / Dragoner Anjo Czernich

Elisabeth Stuart, Winterkönigin / Pirmin, Gaukler / Hanna / Frau mit Karren

Oswald Tesimond, Jesuit / Gustav Adolf, König von Schweden / Graf Martin von Wolkenstein

Nora Hickler

Markus Voigt

Meister Tilmann, Henker / Söldner / Abt / Stallmeister / Schwedischer Soldat / Adam Olearius Felix Meusel

Tyll 1 Moritz Eggebrecht* / Valentin Matteo Stiehm*

Nele 1

Mathilda Hoyme* / Siiri Seifert*

Martha Greta Charlotte Brandt* / Alba Amalia Pfeuffer*

Akrobat*innen

Zirkus ZweiPommernhoch e. V.**

*Statisterie des Theaters Vorpommern

**Maya Bieber, Ralf Borowy, Luise Hartmann, Jonathan Jung, Christian Petersen, Janina Stenzel, Tom Zimmermann

Inszenierung

Bühne

Kostüme

Musik

Choreografische Mitarbeit

Licht

Dramaturgie

Regieassistenz & Abendspielleitung

Inspizienz

Soufflage

Johanna Schall

Eva Humburg

Jenny Schall

Andreas Dziuk

Stefano Fossat

Christoph Weber

Nadja Hess

Wolf-Dietrich Stückrad

Stefano Fossat

Kerstin Wollschläger

Premiere in Greifswald am 21.03.2026

Premiere in Stralsund am 10.04.2026

Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden und 40 Minuten, inkl. einer Pause

Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Hamburg

Der Roman Tyll von Daniel Kehlmann ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Ausstattungsleiterin Eva Humburg Technischer Direktor Christof Schaaf

Bühnentechnische Einrichtung Jens-Uwe Gut, Michael Maluche Toneinrichtung

Nils Bargfleth, Samuel Zinnecker Leitung Bühnentechnik Robert Nicolaus, Michael Schmidt Leitung Beleuchtung Kirsten Heitmann Leitung Ton Daniel Kelm

Leitung Requisite Alexander Baki-Jewitsch, Christian Porm Bühne & Werkstätten: Produktionsleiterin Eva Humburg Tischlerei Stefan Schaldach, Bernd Dahlmann, Kristin Loleit Schlosserei Michael Treichel, Ingolf Burmeister Malsaal Anja Miranowitsch, Fernando Casas Garcia, Sven Greiner Dekoration Paul Gebler, Janet Hellmuth Kostümwerkstätten: Gewandmeisterinnen Carola Bartsch, Annegret Päßler, Angela Sulek Modisterei Elke Kricheldorf Assistenz Maisa Franco, Finja Stagge Maske Tali Rabea Breuer, Jill Dahm, Philipp Gielow, Antje Kwiatkowski, Kateryna Maliarchuk, Bea Ortlieb, Ilka Stelter Ankleiderinnen Ute Schröder, Petra Hardt

Ein herzlicher Dank an Oliver Schwarz für die theaterplastischen Arbeiten.

Liebe Gäste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer Aufführungen aus urheberrechtlichen Gründen untersagt sind. Vielen Dank.

„Tyll“

von Daniel Kehlmann – eine Einführung

Tyll Ulenspiegel

– das ist der legendäre Unangepasste mit der Narrenkappe, dessen Name so viel wie „Leck mich am Arsch“ bedeutet. Er ist der widerständige Vagabund, der mit seinen bösartigen Streichen die Heuchelei und Dummheit seiner Mitmenschen entlarvt und sich gesellschaftlichen Normen und Autoritäten verweigert. 1510 wurde eine Sammlung von 96 Geschichten, die das Leben und die Streiche von „Dil Ulenspiegel“ schildern, erstmals veröffentlicht. Unabhängig davon, ob ein reales Vorbild tatsächlich existiert hat, ist Eulenspiegel in der europäischen Kultur als eine archetypische Figur tief verwurzelt, die im Verlauf der Jahrhunderte unterschiedlichste Beschreibungen erfahren hat – von einer boshaften Figur, die auch als „Teufelsbündner“ bezeichnet wurde, über einen durchtriebenen Halunken, Außenseiter, Soziopathen bis zum harmlosen Schelm und Spaßvogel.

Der Roman „Tyll“

In seinem 2017 erschienenen Bestsellerroman „Tyll“ versetzt der renommierte deutschsprachige Autor Daniel Kehlmann eben diese Figur vom Spätmittelalter in die Zeit des 30-jährigen Krieges, der von 1618 bis 1648 in Europa wütete, und verwebt dabei so sachkundig wie

perspektivenreich historisch Belegtes mit Fiktionalem.

Kehlmanns Titelfigur wächst in einem süddeutschen Dorf auf und übt sich bereits als Junge im Balancieren auf dem Seil. Als zwei Jesuiten in das Dorf kommen, erweckt Tylls in Heilkräutern und magischen Sprüchen kundiger Vater deren Misstrauen und wird der Hexerei angeklagt. Am Abend vor der Hinrichtung des Vaters flieht Tyll gemeinsam mit der Bäckerstochter Nele und zieht künftig als Gaukler durch das Land. Auf seinem Weg durch das zunehmend von Krieg und Glaubenskämpfen verwüstete Land trifft Tyll auf Bauern, Mönche, Drachenforscher – und immer wieder taucht an seiner Seite ein sprechender Esel auf. Aber er begegnet auch historischen Persönlichkeiten. So wird er Hofnarr beim exilierten Königspaar Elisabeth Stuart und Friedrich von Böhmen, dem sogenannten Winterkönig, dessen Krönung als Auslöser des Krieges gilt. Den schwedischen König Gustav Adolf trifft er in dessen Heerlager und mit dem jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kircher kreuzen sich seine Wege sogar zweimal. Scheinbar mühelos bewegt sich Tyll durch Zeit und Raum und wird Zeuge eines Krieges in Europa, in dem die Mächtigen jede

Vorstellung von Recht, Maß und Moral ihren eigenen Interessen unterordnen –während die Bevölkerung unendlich viel Leid zu ertragen hat. Es ist ein Europa, in dem jegliche Ordnung zusammenge brochen ist.

Für das Theater Vorpommern haben die Regisseurin Johanna Schall und Grit van Dyk eine eigene Bühnenfassung er arbeitet und die sprachmächtige Prosa des Romans in dialogisches und fes selndes Theater übertragen.

„Als Narr ist Tyll gemein, wütend, verletzend, verhöhnend – egal wem gegenüber, denn er darf alles sagen. Bei Kehlmann heißt es, dass man über ihn manchmal begreifen kann, ‚wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht‘. Dieser Tyll trägt zwar eine Narrenkappe, aber ein Spaßmacher ist er nicht, eher ein anarchischer Provokateur. Er nimmt die Menschen beim Wort und beim Kragen und läuft dabei – wie immer beim Seiltanzen – dem Sturz davon.“

Der 30-jährige Krieg war die Summe der Krisen seiner Zeit, in dem alle Streitigkeiten kulminierten, die seit Jahrzehnten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation geschwelt hatten. Es war ein Krieg um Macht und um Religion. Die Katholiken und die Protestanten kämpften um den rechten Glauben. Und die Herrscher Dänemarks, Schwedens, der Niederlande und Frankreichs kämpften in wechselnden Konstellationen gegen die Vorherrschaft des habsburgischen Kaisers und dessen spanische Verwandte – und zwar maßgeblich auf dem Territorium des römisch-deutschen Reiches. Bis der Westfälische Frieden die Waffen zum Schweigen brachte, hatten ungefähr 4 Millionen Menschen ihr Leben vor allem durch Hunger, Gewalt und Seuchen verloren. Gemessen an der Gesamtbevölkerung gab es damit mehr Opfer

als im 2. Weltkrieg – unter anderem in Mecklenburg wurden ganze Landstriche geradezu menschenleer „gefegt“.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (962-1806) war ein Verbund aus ungefähr 300 unterschiedlich großen Territorien, darunter auch das Königreich Böhmen und die Niederlande. An der Spitze stand der von sieben Kurfürsten gewählte Kaiser, der seit über 200 Jahren von der katholischen österreichischen Familie der Habsburger gestellt wurde.

Ein Jahrhundert vor dem Ausbruch des 30-jährigen Krieges erschütterte der Wittenberger Theologe Martin Luther mit seinen 95 Thesen zur Reform der Kirche die geistliche und weltliche Ordnung des Reiches. Die Reformation löste eine Spaltung der abendländi-

schen Christenheit aus. Die wachsende Ausbreitung des Protestantismus empfanden die katholischen Machthaber zunehmend als Gefahr. Ab 1600 kam eine neue Generation strenggläubiger katholischer Fürsten in Machtpositionen – darunter der ehrgeizige Habsburger Ferdinand (1578-1637), der mit zunehmend kriegerischen Tönen verkündete, die Einheit des Glaubens wieder herstellen zu wollen. 1617 wurde er zum König von Böhmen gekrönt. Zuvor hatten sowohl die protestantischen als auch die katholischen Reichsfürsten untereinander politisch-militärische Verteidigungsbündnisse geschlossen.

Wichtige Akteure waren damals auch die sehr gut ausgebildeten Jesuiten, die entscheidend die Gegenreformation bzw. Rekatholisierung vorantrieben. Zugleich traten sie auch als Inqui-

sitoren auf, die all diejenigen, die mit ihrer Weltanschauung im Widerspruch zu den religiösen Grundsätzen der Zeit standen, der Ketzerei anklagten und durch Folter Geständnisse erpressten, die das Todesurteil zur Folge hatten.

Der europäische Kontinent stand damals in vielerlei Hinsicht so unter Spannung, dass letztlich eine regionale Revolte – der Prager Fenstersturz – zum Auslöser des 30-jährigen Krieges werden konnte. Am 23. Mai 1618 rebellierten in Böhmen die protestantischen Reichsstände gegen die strikte Rekatholisierung durch König Ferdinand: Sie drangen in die Prager Burg ein und warfen (katholische) kaiserliche Statthalter aus dem Turmfenster. Selbstverständlich wurde diese Tat als Angriff auf die habsburgische Autorität und offene Rebellion verstanden.

Nachdem die Protestanten in Böhmen im August 1619 König Ferdinand offiziell abgesetzt und verkündet hatten, einen neuen Monarchen zu suchen, begann sich die Situation zuzuspitzen. Da Böhmen einen der sieben die Kaiserwahl mitbestimmenden Kurfürsten stellte, bestand nun die Möglichkeit, dass ein Protestant auf dem böhmischen Thron zur Wahl eines nicht-katholischen Kaisers hätte führen können – das hätte die Macht der Habsburger ernsthaft gefährdet. Und tatsächlich war es der erst 23-jährige protestantische Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632), der die angebotene Königswürde annahm. Er wusste, dass er sich damit gegen den Kaiser und das Reich stellte, vertraute aber auf seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu wichtigen protestantischen Mächten in Europa – vor allem baute er aufgrund seiner Heirat mit Elisabeth Stuart (1596-1662) auf die Unterstützung aus England.

Einen Tag nachdem Friedrich V. zum neuen König von Böhmen ernannt worden war, wurde Ferdinand II., der abgesetzte böhmische König, zum neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt. Gemeinsam mit seinen katholischen Verbündeten begann Ferdinand aufzurüsten und mit einem Heer gegen die protestantischen Aufständischen in Böhmen zu ziehen. In der entscheidenden Schlacht am Weißen Berg nahe Prag am 8. No-

vember 1620 verlor Friedrich V. und floh am nächsten Morgen nach Den Haag. Da seine Herrschaft nur knapp ein Jahr gedauert hatte, erhielt er den Spottnamen „Winterkönig“. Wenige Stunden nach seiner Flucht marschierten in Prag katholische Truppen ein, die tagelang mordeten und plünderten und damit den Auftakt für eine überaus aggressive Rekatholisierung in Böhmen machten. Zehntausende Protestanten wurden zur Flucht gezwungen.

Der Prager Fenstersturz und das brutale Vorgehen von Kaiser Ferdinand gegen die Protestanten vergrößerte nicht nur den Graben zwischen den Konfessionen, sondern auch zwischen dem Kaiser und seinen europäischen Konkurrenten. Nacheinander begannen sich die Nachbarstaaten in den Krieg einzumischen, um die eigene Existenz und den protestantischen Glauben vor der katholischen Herrschaft der Habsburger zu schützen. Der Krieg begann sich auszuweiten. Nachdem bereits Spanien, die Niederlande und Dänemark involviert waren, landete im Juni 1630 der protestantische schwedische König Gustav Adolf (1594-1632) mit seinen Soldaten in Peenemünde – bis zu seinem Tod in der Schlacht von Lützen hatte er als erfolgreicher Feldherr zahlreiche große Schlachten gewonnen und dementsprechend den Vormarsch der katholischen Truppen zurückgedrängt.

„ ... denn fressen und saufen, Hunger und Durst leiden, huren und buben, raßeln und spielen, schlemmen und demmen, morden, und wieder ermordet werden, totschlagen, und wieder zu Tod geschlagen werden, tribuliern, und wieder gedrillt werden, jagen, und wieder gejaget werden, ängstigen, und wieder geängstiget werden, rauben, und wieder beraubt werden, plündern, und wieder geplündert werden, sich fürchten, und wieder gefürchtet werden …“ aus: „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Grimmelshausen

Bis zum Westfälischen Frieden von 1648 zogen die Armeen fast aller europäischen Mächte durch das „teutsche“ Land. So lange die Herrschenden ihre selbst gesteckten Ziele nicht erreicht hatten, hatte auch niemand Interesse daran, den Krieg zu beenden – ungeachtet des Leidens der Bevölkerung, die die Hauptlast des Krieges tragen musste. Denn der Krieg hinterließ eine Spur von Verwüstung vor allem in den Städten, Dörfern und auf dem Land, also dort, wo es was zu essen und zu plündern gab. Zurück blieben Hunger, Seuchen und entvölkerte Landstriche.

Die Finanzierung der Heere, die vor allem aus Söldnern bestanden, funktionierte nach dem Prinzip „der Krieg ernährt den Krieg“, das heißt, die Landbesitzer, auf deren Grund die Heere

lagerten, hatten die Verpflegung zu gewährleisten. Militärhistoriker haben ausgerechnet, dass ein Heer von 40.000 Mann täglich 40 Tonnen Brot, 20 Tonnen Fleisch und 120.000 Liter Bier brauchte, um satt und betrunken zu sein. Außerdem zogen viele Söldner gemeinsam mit ihren Familien durch das Land, die keinen Anspruch auf Verpflegung hatten und sich durch Plünderung der Schlachtfelder selbst versorgen mussten. Ebenso gehörte zu den Armeen ein riesiger Tross aus Händlern, Handwerkern, Gauklern und Prostituierten. Eine halbe Million Menschen soll damals so unterwegs gewesen sein.

Es herrschte ein kaum vorstellbares Ausmaß an Gewalt, denn viele Söldner und Marodeure verübten Überfälle auf Dörfer, Bauernhöfe und Flüchtlings-

trecks, folterten und plünderten, um an Beute zu gelangen. Gleichzeitig waren aber auch Heerscharen von Mördern, Räubern und Vergewaltigern im Land unterwegs. All diese Gewalt und Brutalität führte zu einer ungeheuren Verrohung, die 1631 kulminierte, als Tausende völlig entfesselte Söldner unter dem Befehl von General Tilly ein Blutbad in Magdeburg anrichteten.

1643 wurden die Friedensverhandlungen mit den Vertretern aller Kriegsparteien aufgenommen. Parallel dazu wurde aber noch fünf Jahre weitergekämpft – die Schlacht von Zusmarshausen am 17. Mai 1648 gilt als die letzte große Feldschlacht, die mit einer verheerenden Niederlage der kaiserlichen Truppen endete. Am 24. Oktober 1648 wurde dann der Westfälische Frieden geschlossen, der nicht nur den Dreißigjährigen Krieg beendete, sondern auch einen dauerhaften Religionsfrieden im Reich festlegte und ein neues System souveräner Staaten etablierte, die sich gegenseitig als gleichberechtigt anerkannten. Damit wurde auch der Grundstein für das moderne Völkerrecht gelegt.

Die Fragilität der Ordnung

In seinem Roman „Tyll“ hält sich Daniel Kehlmann nicht an die historische Chronologie der Ereignisse – vielmehr bewegt er sich mit der gleichen Leichtigkeit wie seine Titelfigur zwischen den

Zeiten und Orten. Sein vielschichtiges Epos über eine von Verwirrung und Zerstörung geprägte Zeit des Umbruchs ist im 16. Jahrhundert verortet und zugleich ein sehr gegenwärtiger Roman.

Es ist der Übergang von einem vormodernen Weltbild, das noch von Aberglauben und magischem Denken bestimmt war, zu einem zunehmend von der Wissenschaft geprägten Blick auf die Welt. Der Glaube an Unheil verkündende kosmische Vorzeichen oder Krankheiten auslösende Verwünschungen und Zaubersprüche wurde im umfassenden Chaos des Krieges abgelöst von einem neuen rationalen Denken. Zugleich bricht eine über Jahrhunderte hinweg stabile dynastische Ordnung zusammen, um ein modernes Staatengebilde entstehen zu lassen. Mit dem Blick auf unsere Gegenwart formuliert Daniel Kehlmann in einem Interview, dass „wir alle immer unterschätzen, wie leicht Ordnung zusammenbrechen kann“ und wir zugleich „die Tragfähigkeit der Ordnungssysteme“ überschätzen.

Umbruchszeiten sind stets mit großer Unsicherheit und Ungewissheit verbunden. Eine verbindliche Wahrheit entzieht sich immer wieder dem Zugriff. Stellvertretend dafür steht in „Tyll“ unter anderem die Figur des Esels, denn der Tod des namenlos bleibenden Esels in Tylls Kindheit bleibt ebenso rätselhaft

wie die Sprechkunst des so lebensklugen Esels Origenes, der am Ende Tyll selbst den Spiegel vorhält und beschließt, seinen eigenen Weg zu gehen und ein Buch zu schreiben.

Das Gefühl von Unsicherheit und Instabilität bestimmt auch unsere Gegenwart, in der ein sich beschleunigender Wandel der politischen Weltordnung unübersehbar ist. Immer mehr Akteure

versuchen, mit militärischer Aggression ihre imperialen Machtansprüche durchzusetzen. Vermeintlich gültige politische Bündnisse beginnen zu bröckeln. Die Missachtung des Völkerrechts ist erneut politische Realität. Wo ist heute der Narr, der riskiert, den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten und unerwünschte Wahrheiten auszusprechen?

Tränen des Vaterlandes (1636)

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret.

Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun

Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun

Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch’ ist umgekehret,

Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun,

Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.

Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut

Von Leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,

Dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.

Der Narr und die Kappe mit den Eselsohren

Der Teufel ist der große Verwirrer, der Verneiner aller Unterschiede, und in seiner Abwesenheit übernimmt diese Rolle sein kleiner Bruder, der Narr. Nicht umsonst stammen die Kopfschellen des Narrenkostüms von den Teufelshörnern ab, und diese wiederum erwachsen aus der ältesten aller Rangvermischungen, viel älter als jene zwischen Herr und Knecht: der Vermischung von Mensch und Tier. Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus wird in Hanau zum Hofnarren des kaiserlichen Gouverneurs Ramsay. Da bekommt er nicht einfach nur ein Kalbsfell-Kostüm übergezogen, sondern er wird tatsächlich in einer aberwitzigen Initiation zum Tier gemacht.

Noch einer bekommt solch einen Eselskopf: Der Tischler Bottom in Shakespeares „Sommernachtstraum“, und nach seiner Rückverwandlung in menschliche Gestalt versucht er vergeblich, sich daran zu erinnern, was ihm eigentlich zugestoßen ist. Denn er war eben nicht ein drolliges Rokoko-Tierchen, er war ein Trickster, ein Halbwesen der Frühzeit, ein Teufelsverwandter und, nach mittelalterlicher Vorstellung, als Esel ein wahres Monster der Potenz.

„Ich werd an dich denken, sagt Origenes. Ich bring es noch zu was, als Nächstes lern ich schreiben, und wenn du magst, schreib ich ein Buch über dich, für Kinder und alte Leute. Was hältst du davon?“

aus: „Tyll“ von Daniel Kehlmann

Die 29. Historie sagt, wie Eulenspiegel in Erfurt einen Esel in einem alten Psalter lesen lehrte.

Als er nach Erfurt kam, wo ebenfalls eine recht große und berühmte Universität ist, schlug Eulenspiegel auch dort seine Zettel an. Und die Lehrpersonen der Universität hatten von seinen Listen viel gehört. Sie beratschlagten und beschlossen, dass sie Eulenspiegel einen Esel in die Lehre geben wollten, denn es gibt viele Esel in Erfurt, alte und junge. Sie schickten nach Eulenspiegel und sprachen zu ihm: „Magister, Ihr habt gelehrte Schreiben angeschlagen, dass Ihr eine jegliche Kreatur in kurzer Zeit Lesen und Schreiben lehren wollt. Darum sind die Herren von der Universität hier und wollen Euch einen jungen Esel in die Lehre geben. Traut Ihr es Euch zu, auch ihn zu lehren?“ Eulenspiegel sagte ja, aber er müsse Zeit dazu haben, weil es eine des Redens unfähige und unvernünftige Kreatur sei. Darüber wurden sie mit ihm einig auf zwanzig Jahre. Eulenspiegel nahm den Esel, besorgte sich einen alten Psalter und legte den in die Futterkrippe. Und zwischen jedes Blatt legte er Hafer. Dessen wurde der Esel inne und warf um des Hafers willen die Blätter mit dem Maul herum. Wenn er dann keinen Hafer mehr zwischen den Blättern fand, rief er: „I – A, I – A!“ Als Eulenspiegel das bei dem Esel bemerkte, ging er zu dem Rektor und sprach: „Ich habe mit großem Fleiß und vieler Arbeit erreicht, dass er einige Buchstaben und besonders etliche Vokale kennt und nennen kann. Wenn Ihr wollt, so geht mit mir, Ihr sollt es dann hören und sehen.“ Der gute Schüler hatte aber den ganzen Tag gefastet bis gegen drei Uhr nachmittags. Als nun Eulenspiegel mit dem Rektor kam, da legte er seinem Schüler ein neues Buch vor. Sobald dieser es in der Krippe bemerkte, warf er die Blätter hin und her und suchte den Hafer. Als er nichts fand, begann er mit lauter Stimme zu schreien: „I – A, I – A!“ Da sprach Eulenspiegel: „Seht, lieber Herr, die beiden Vokale I und A, die kann er jetzt schon; ich hoffe, er wird noch gut werden.“

„Das gute Theater hatte ihr am meisten gefehlt, von Anfang an, mehr noch als das genießbare Essen. In deutschen Landen kannte man kein richtiges Theater, da zogen armselige Komödianten durch den Regen und schrien und hüpften und furzten und prügelten einander.

Sie dachte oft an das Hoftheater in Whitehall zurück. An die kleinen Gesten der Schauspieler dachte sie, an die langen Sätze, deren Rhythmus ständig wechselte wie Musik. Leute standen auf der Bühne und verstellten sich, aber sie hatte sofort begriffen, dass das gar nicht stimmte und dass auch die Verstellung bloß eine Maske war, denn falsch war nicht das Theater, nein, alles andere war Getue, Verkleidung und Firlefanz, alles, was nicht Theater war, war falsch. Auf der Bühne waren die Menschen sie selbst, ganz wahr, völlig durchsichtig.

aus: „Tyll“ von Daniel Kehlmann

Vor 400 Jahren und in unserer Zeit

Mehrheitlich hat sich die Auffassung durchgesetzt, es lasse sich nicht entscheiden, ob es im Dreißigjährigen Krieg wesentlich um Religions- oder um Machtfragen ging, weil beides sich gegenseitig durchdrungen und stimuliert habe.

Dieser Krieg war ein Krieg, der aus vielen Kriegen, unterschiedlichen Kriegstypen, diversen Motiven und je eigenen Dynamiken zusammengesetzt war. Es ist ebendieses Zusammenfließen unterschiedlicher Kriegstypen und räumlich zunächst voneinander getrennter Kriege, das den Dreißigjährigen Krieg für einige der Großkonflikte unserer Gegenwart geradezu paradigmatisch werden lässt – und zu der Befürchtung Anlass gibt, die Kriege der Zukunft würden eher diesem Beispiel ähnlich sein und weniger den Kriegen, die zwischen 1648 und dem 20. Jahrhundert folgten.

Dabei geht es nicht um einzelne Aspekte des Krieges und auch nicht um dessen Beginn infolge einer schlecht koordinierten Adelsrebellion in Prag. Es sind seine strukturellen Merkmale, die ihn zur Analysefolie heutiger und künftiger Kriege werden lassen: die Vermischung religiös-konfessioneller Konflikte mit Hegemonialkriegen; die Gleichzeitigkeit eines „großen“, regulären Krieges und eines exzessiven, gegen die Bevöl-

kerung gerichteten Kleinkrieges; sowie die Verbindung sozialrevolutionärer Elemente mit einem Staatenkrieg, in dem es um die Verschiebung von Grenzen und die Annexion von Räumen ging.

Dass sich unterschiedliche Motive und Gründe des Konflikts überlagern und mit allen möglichen Formen des Kampfes verbinden, lässt diese Kriege so lange dauern und macht ihre Beendigung so schwierig. Die lange Dauer wiederum führt dazu, dass diese Kriege ganze Regionen furchtbar verwüsten und sich die Zahl der Kriegstoten zu einer demografischen Katastrophe auswächst. Nicht auf den Schlachtfeldern, nicht in der Konfrontation von Truppen, nicht einmal durch den Gebrauch von Waffen entstehen die exorbitanten Todesraten solcher Kriege, sondern durch Hungersnöte und die ihnen folgenden Krankheitswellen. Auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation hat sich infolge des Dreißigjährigen Krieges die Bevölkerung um etwa ein Viertel verringert; ganze Dörfer sind verschwunden, zuvor blühende Städte haben sich in stagnierende Orte verwandelt. Von solchen Kriegen heimgesuchte Räume werden um Jahrzehnte zurückgeworfen, und das nicht nur in wirtschaftlicher und demografischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf die Kultur und den Fortschritt der Wissen-

schaft. Kriege vom Typ „Dreißigjähriger Krieg“ haben Entwicklungsrückstände zur Folge, die sich auch über Jahrzehnte kaum aufholen lassen.

Was lässt sich, bei aller gebotenen Vorsicht, aus dem Dreißigjährigen Krieg für den Umgang mit gegenwärtigen Kriegen wie in Syrien, im Jemen und in Libyen lernen, bei denen sich ebenfalls religiös-konfessionelle Konflikte mit Hegemonialbestrebungen verbinden und partizipatorisch motivierte Aufstandsbewegungen mit zwischenstaatlichen Rivalitäten zuammenfallen? Man muss sich darauf einstellen, dass sie nicht

durch einfache Friedensschlüsse, sondern nur durch komplexe Friedensprozesse zu beenden sind. Und man muss alles dafür tun, dass sie nicht zu einem einzigen Krieg zusammenwachsen, der dann den gesamten Nahen Osten in Brand setzt. Das jedoch wird umso wahrscheinlicher, je länger diese Kriege dauern. Wenn es nicht gelingt, sie räumlich einzudämmen und zügig zu beenden, droht der Region ein Schicksal, wie es Europas Mitte im 17. Jahrhundert widerfahren ist.

Herfried Münkler, 2017

„Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen.“

„Von mir gehört hat die kleine Majestät, die saublöde Majestät mit der goldenen Krone auf dem goldenen Thron, weil ich nach euch geschickt hab. Und hau mich nicht, ich darf das sagen, du kennst doch die Narrenfreiheit. Wenn ich die Majestät nicht saublöd nenne, wer soll das sonst tun? Einer muss es doch. Und du darfst nicht.“

aus: „Tyll“ von Daniel Kehlmann

Kriege brechen immer wieder aus, weil sich die verschiedenen Player nicht über die wahren Intentionen ihres Gegenübers sicher sein können. Sie sind ständig mit der Problematik konfrontiert, dass sie aus ihrer Sicht immer unzureichendes Wissen haben, welche Ziele von der Gegenseite tatsächlich verfolgt werden. Es reicht nicht, sich auf die öffentlichen Aussagen eines potenziellen Konkurrenten zu verlassen. Zu viele Beispiele aus der Geschichte zeigen, dass die Handlungen von Akteuren konträr zu ihren Aussagen stehen können.

Es ist interessant, dass Staaten bestrebt sind, ihre militärischen Aktionen mit völkerrechtlichen Argumenten zu garnieren, um diese Kriege gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung, ihren Verbündeten und den Gesellschaften in anderen Ländern zu legitimieren und

legalisieren. Wir sehen aber gleichzeitig, dass die Normen Staaten nicht davon abhalten können, Krieg zu führen, wenn sie darauf abzielen. Normen wirken nicht – gerade wenn es um Krieg und Frieden geht –, weil es sie gibt, sondern weil es Mächte gibt, die an ihrer Umsetzung interessiert sind und auf ihre Einhaltung bestehen. Die Idee, dass man Kriege durch eine starke Verrechtlichung minimieren kann, leidet letzten Endes an dem Problem, dass es Staaten braucht, die diese Regeln auch durchsetzen. Das ist die eigentliche Aufgabe des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Wenn es aufgrund unterschiedlicher Interessen der ständigen Mitglieder handlungsunfähig ist, sind die Chancen, einen Krieg verhindern zu können, marginal. Insbesondere gilt das für die ständigen Mitglieder, die sich bei kleinen und mittelgroßen

Nur mein Sinn für Moral kann mich stoppen US-Präsident Donald Trump sieht sich in der Außenpolitik nur seinem eigenen Gewissen verpflichtet. „Ich brauche kein internationales Recht“, sagte Donald Trump in einem Interview der „New York Times“. Er habe nicht vor, Leuten zu schaden. Journalisten der Zeitung hatten Trump gefragt, ob es Einschränkungen für seine weltweite Macht gebe. Es sei nur eine Sache, erwiderte der US-Präsident: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, was mich stoppen kann.“ Auf Nachhaken der Journalisten sagte Trump dann zwar auch, dass die US-Regierung sich an internationales Recht halten müsse. Aber: „Es hängt davon ab, was die Definition von internationalem Recht ist“, schränkte er ein. n-tv.de, vom 9.01.2026

Staaten auf Sanktionen einigen können, ihre eigenen Aktionen aber immer schützen werden. Das System hat dort seine Grenzen, wo sich Staaten nicht unterwerfen wollen.

Der russische Angriff auf die Ukraine ließ einen Großteil der Menschen in der Erkenntnis aufschrecken, dass Krieg als politisches Instrument auf die Bühne der internationalen Politik zurückgekehrt ist. Doch das ist kein neues Phänomen, wir wollten es nur nie sehen. In anderen Teilen der Welt war Krieg als Instrument der zwischen- und innerstaatlichen Auseinandersetzung nie abwesend.

Eine besondere Aufgabe für Politik und Wissenschaft ist es, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Vorstellung einer von Krieg und Gewalt befreite-

Welt eine Illusion ist. Daraus resultiert ebenso die Verpflichtung, breite Teile der Bevölkerung über Krieg in all seinen sozialen, militärischen, politischen und ökologischen Dimensionen aufzuklären. Nur so können Gesellschaften begreifen, dass wir in absehbarer Zukunft in keiner friedlichen und kooperativen Welt leben werden, sondern das internationale Gefüge konfliktiv und konfrontativ bleiben wird.

Carlo Masala, 2024

Weil dann der Unholdt gäntzlich mir Zum Greiffswald nicht will lenger leiden / So bleibt dennoch mein Hertz alhier / Undt wirdt sich nimmer von euch scheiden!

Wohin gedenckstu dann mein Sinn?

Ist doch Europa gantz voll Kriegen / Es ist ja warlich kein Gewinn / Von einem stets zum andern fliegen.

aus: „Auff Ihren Abschied auß Greiffswald“ von Sibylla Schwarz

Impressum

Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH

Stralsund – Greifswald – Putbus

Spielzeit 2025/26

Geschäftsführung: André Kretzschmar

Künstlerische Leitung: Rolf C. Hemke

Textnachweise:

Redaktion: Nadja Hess

Gestaltung: Wenzel Pawlitzky

1. Auflage: 500

Druck: Flyeralarm

www.theater-vorpommern.de

Der Einleitungstext auf den Seiten 6 bis 14 ist ein Originalbeitrag für dieses Heft von Nadja Hess.

Anonym: Passacaglia della vita. Komposition: Stefano Landi. Übersetzt von Pascal de Wroblewsky. / Bote, Hermann: Ein kurzweiliges Buch von Till Eulenspiegel aus dem Lande Braunschweig. Frankfurt/Main 1981. / Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel von: Simplicissimus Teutsch. Hrsg. Dieter Breuer. Frankfurt/Main 2005. / Gryphius, Andreas: Tränen des Vaterlandes, unter: projekt-gutenberg.de / Kehlmann: Daniel: Tyll. Reinbek bei Hamburg 2017. / Kehlmann, Daniel: Kommt, Geister. Frankfurter Vorlesungen. Reinbek bei Hamburg 2015. / Masala, Carlo: Warum die Welt keinen Frieden findet. Wien 2024. / Münkler, Herfried: Der ewige Krieg, in: Die Zeit vom 20.05.2018. / Schwarz Sibylla: Auff Ihren Abschied auß Greifswald, unter: zgedichte.de / Trump: Nur mein Sinn für Moral kann mich stoppen, unter: www.n-tv.de vom 9.01.2026

Bildnachweise:

Die Fotos sind auf der ersten Hauptprobe am 16.03.2026 entstanden und stammen von Peter van Heesen.

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