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Don Giovanni (in 90 Minuten)

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Spielzeit 2025/26

Freistil

DON GIOVANNI

IN 90 MINUTEN

Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
„Meine Liebe hat er verraten, mein Leben hat er zerstört!“

FREISTIL – das etwas andere Musiktheater

DON GIOVANNI IN 90 MINUTEN

Il dissoluto punito ossia Il Don Giovanni

Der bestrafte Verführer oder Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten

Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

Libretto von Lorenzo Da Ponte

Deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze

Die Uraufführung fand am 29. Oktober 1787 im Gräflich Nostitzschen

Nationaltheater (heute: Ständetheater) in Prag statt.

Besetzung

Donna Anna Bryndís Guðjónsdóttir / Franziska Ringe

Don Giovanni Alexandru Constantinescu

Leporello Thomas Rettensteiner

Don Ottavio Semjon Bulinsky

Donna Elvira Antje Bornemeier

Der Komtur Jovan Koščica

Zerlina Sina Puffay

Herren des Opernchors des Theaters Vorpommern (eingespielte Tonaufnahme)

Philharmonisches Orchester Vorpommern

Premiere in Greifswald am 28.03.2026

Premiere in Stralsund am 04.04.2026

Aufführungsdauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte: Neue Mozart-Ausgabe: Alkor-Edition Bärenreiter, Kassel

Textfassung: Hartmann & Stauffacher, Köln

Liebe Gäste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer Aufführungen aus urheberrechtlichen Gründen untersagt sind. Vielen Dank.

Musikalische Leitung

Inszenierung

Bühne, Kostüme & Video

Licht

David Behnke

Mascha Pörzgen

Eva Humburg

Roland Kienow

Chor Jörg Pitschmann

Dramaturgie Stephanie Langenberg

Musikalische Assistenz

Regieassistenz & Abendspielleitung

Inspizienz

Probensoufflage

Studiumspraktikum

Yoshihiro Horie, Taigo Kitamura, Olesia Stepanova

Frida Jasper

Lisa Henningsohn

Saskia Becker

Mara Stritzel

Ausstattungsleiterin Eva Humburg Technischer Direktor Christof Schaaf Leitung Beleuchtung Kirsten Heitmann Bühnentechnische Einrichtung Michael Schmidt, Jens-Uwe Gut Toneinrichtung Nils Bargfleth, Samuel Zinnecker Leitung

Bühnentechnik Robert Nicolaus, Michael Schmidt Leitung Ton Daniel Kelm

Requisite Alexander Baki-Jewitsch (Leitung), Christian Porm (Leitung), Marvin Mülling, Thomas Below, Maximilian Roth, Carolin Süssner Bühne & Werkstätten:

Produktionsleiterin Eva Humburg Tischlerei Stefan Schaldach, Bernd Dahlmann, Kristin Loleit Schlosserei Michael Treichel, Ingolf Burmeister Malsaal Anja Miranowitsch, Fernando Casas Garcia, Sven Greiner Dekoration Paul Gebler, Janet Hellmuth Kostüm & Werkstätten Angela Sulek (Leitung) Gewandmeisterinnen

Annegret Päßler, Carola Bartsch Modisterei Elke Kricheldorf Assistentin Finja Stagge, Maisa Franco Ankleiderinnen Ute Schröder, Petra Hardt Maske Tali Rabea Breuer, Jill Dahm, Philipp Gielow, Antje Kwiatkowski, Kateryna Maliarchuk, Bea Ortlieb, Ilka Stelter

„Still war’s im Hause, es war wohl gegen Mitternacht. Zu meinem großen Unglück war ich ganz allein in meinem Zimmer, als ich plötzlich merkte, dass da ein Mann war, den ich im ersten Augenblick für Sie selber noch hielt.

Doch ich entdeckte bald die schreckliche Wahrheit!

Schweigend kommt er näher, legt die Arme um mich. Ich will mich wehren, er hält mich fester. Ich schreie.

Doch niemand kommt! Mit einer Hand versucht er, mich am Schreien zu hindern, mit der anderen fasst er mich mit aller Kraft. Ich glaub’ schon, er besiegt mich ... Und schließlich wuchs mir aus der großen Angst und den Schmerzen so übermenschlich große Stärke, dass ich zuletzt vermochte, mit Gewalt mich zu lösen und zu entkommen. Nun nehme ich alle Kraft zusammen, schreie um Hilfe. Er aber flieht. In höchster Erregung laufe ich ihm nach bis auf die Straße. Verfolge den Mann, der vorher mich verfolgt hat.

Mein Vater kommt hinzu, fordert Rechenschaft, doch der Feigling ist natürlich dem alten Mann überlegen – und wird nach allem andern auch noch zum Mörder!

Er ist der Verbrecher, der mich so gequält hat. Du weißt, er hat feige den Vater erschlagen. Ich schreie nach Rache und du willst sie auch. Vergiss nicht die Wunde im Körper des Toten. Vergiss nicht den Anblick des Blutes am Boden. Das soll dich bestärken: Gerecht ist dein Zorn.“

Donna Anna zu Don Ottavio, Ausschnitt aus Rezitativ und Arie Nr. 10

SCHNELL INS STÜCK

MOZART, MOZART!

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) war der „Rockstar“ der Wiener Klassik – ein Virtuose an den Tasten, ein Meister der Opern und jemand, der schon als Kind die Musikwelt auf den Kopf stellte. Mit Witz, Genialität und einem untrüglichen Gespür für menschliche Charaktere schuf er über 600 Werke. In seinen Opern, Konzerten und Sinfonien verschmilzt Leichtigkeit mit Abgrund, Humor mit Tragik – als hätte er die ganze Welt in Töne übersetzt. Sein Einfluss reicht von Beethoven bis in die Moderne, und obwohl er nur 35 Jahre lebte, klingt Mozarts Musik noch immer, als wäre sie für alle Ewigkeit geschrieben.

DON GIOVANNI

Charmeur, Dandy, skrupelloser Verführer, Aufreißer, Macho, Herzensbrecher, Frauenheld: Bereits im 17. Jahrhundert streifte ein spanischer Schürzenjäger namens Don Juan durch die Literatur, brach Regeln und stahl Herzen. Seither inspiriert er Dichter, Dramatiker und Komponisten – über Mozart hinaus bis in die Gegenwart. Ein Mythos, der verführt, provoziert und nie alt wird.

HANDLUNG

Die Nacht stürzt Donna Anna in ein tiefes Trauma: Ein Mann dringt in ihr Zimmer ein, den sie zunächst für ihren Verlobten Don Ottavio hält. Als sie den Irrtum erkennt und sich wehrt, eskaliert die Situation. Ihr Vater eilt herbei und wird kurz darauf von dem Fremden getötet. Gequält von Schuldgefühlen über die Verwechslung und erschüttert von der Gewalt, gerät ihr bisheriges Leben aus den Fugen. Sie entlarvt Don Giovanni als Täter und fordert Aufklärung und Gerechtigkeit.

INSZENIERUNG

In nur 90 Minuten entfaltet sich Mozarts Meisterwerk mit zugespitzter Dramatik und überraschender Intensität. Die Oper wird neu erzählt – frisch, frech und voller szenischer Energie. Der besondere Blick auf Donna Annas Erinnerungen, unterstützt durch gezielt eingesetzte Videos, schafft eine kompakte, verdichtete Version, in der das Surreale und das MenschlichIntensive des Stücks spürbar werden. Ein Abend, der sich vom klassischen Rahmen löst und das Publikum mitten ins Geschehen zieht.

WAS PASSIERT?

Don Giovanni ist auf ein weiteres erotisches Abenteuer aus: Die schöne Donna Anna soll erobert werden. Sein treuer Diener Leporello ist mit der Kamera immer dabei, um den Ruhm seines Herren zu mehren. Doch diesmal geht alles schief: Anna hat sich gewehrt und folgt dem in einen schwarzen Mantel gehüllten Unbekannten, um ihn zu stellen. Ihr alter Vater (der Komtur) kommt hinzu, Anna rennt fort, um Hilfe zu holen. Als sie mit ihrem Verlobten Ottavio zurückkehrt, findet sie den Vater ermordet vor. Sie schwört Rache.

Leporello berichtet Anna stolz von seinem Sujet: dem legendären erotischen Helden. Er führt ihr Don Giovanni mit dem Bauernmädchen Zerlina in Aktion vor. Anna ist sicher: Don Giovanni ist der Mörder ihres Vaters. Ottavio hat daran Zweifel: Ein Adeliger kann doch kein Vergewaltiger und Mörder sein.

Donna Elvira, die von Giovanni verlassen wurde, ist ihm nachgereist. Sie trifft auf Anna, die ihre Geschichte erzählen möchte.

Giovanni lädt alle zu seinem großen Fest der (sexuellen) Freiheit, um sich dort mit der jungen Zerlina zu amüsieren. Ottavio, Anna und Elvira verkleiden sich, um daran teilzunehmen und ihn als Täter zu überführen. Giovanni

schiebt die Schuld auf Leporello und zeigt sich unbeeindruckt. Anna beginnt, überall den Geist ihres Vaters zu sehen.

Anna quält sich mit Schuldgefühlen. Sie fühlt sich verantwortlich für den Tod ihres Vaters. Ottavio sucht nach weiteren Beweisen für Giovannis Schuld, während ihm seine Verlobte immer mehr entgleitet.

Elvira fürchtet um die Seele ihres ExGeliebten und will ihn vor sich selbst retten.

Leporello ist wütend, doch Giovanni gelingt es, ihn zu versöhnen. Auf dem Friedhof gelangen sie an das Grab des Komturs. Zu ihrer Überraschung hören sie die Stimme des Toten. Die auf dem Grab errichtete Statue spricht! Giovanni macht sich darüber lustig und lädt den Komtur zum Essen.

Annas Verzweiflung wächst. Ottavio möchte ihr helfen und drängt sie, alles hinter sich zu lassen und ihn zu heiraten. Doch Annas Verletzung ist zu groß. Sie fühlt sich nicht gehört und glaubt, nur noch im Himmel Erlösung zu finden.

Die Tafel ist bereitet. Der Geist des Komturs erscheint tatsächlich und führt Giovanni, der nicht bereuen will, in die Hölle.

Die Hölle, das sind die anderen. Anna befreit sich von ihren Dämonen.

SCHON GEWUSST?

Schauplatz Sevilla

Die Handlung der Oper spielt im spanischen Sevilla, wo bereits im 17. Jahrhundert die erste Don-Juan-Geschichte im Theaterstück von Tirso de Molina ihren Anfang nahm. Die Stadt galt damals als exotischer, lebhafter Ort voller Leidenschaft – ein idealer Hintergrund für die Geschichte eines berühmten Verführers. Auch viele andere große Opern spielen hier, darunter Mozarts „Le nozze di Figaro“ (1786), Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ (1816) oder Bizets „Carmen“ (1875).

Opernreif

Wolfgang Amadeus Mozart hätte selbst als Hauptfigur einer Oper bestehen können: Schon als Wunderkind reiste er durch Europa, navigierte durch Hofintrigen, kämpfte mit finanziellen Engpässen und verband unermüdliche Arbeit mit außergewöhnlichem musikalischem Genie. Ebenso abenteuerlich war das Leben seines Librettisten Lorenzo Da Ponte (1749-1838): Er begann als katholischer Priester in Venedig, geriet in Skandale und wurde aus der Stadt verbannt. Später wirkte er als Dichter am Wiener Kaiserhof, bevor er in die USA auswanderte, in New York eine Buchhandlung eröffnete und dort die italienische Oper bekannt machte – eine wahre Welttournee zwischen Sünde, Skandal und Kunst.

Dreimal Mozart / Da Ponte

Innerhalb von vier Jahren schufen Mozart und sein Librettist Lorenzo Da Ponte gemeinsam drei Bühnenwerke, die heute zu den bedeutendsten des Repertoires zählen: „Le nozze di Figaro“ (1786), „Don Giovanni“ (1787) und „Così fan tutte“ (1790).

Eine Oper für Prag

Nach dem großen Erfolg seiner Oper „Le nozze di Figaro“ in Prag erhielt Mozart den Auftrag für ein neues Werk: Die Uraufführung von „Don Giovanni“ fand am 29. Oktober 1787 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater in Prag statt – dem heutigen Ständetheater. Das Publikum tobte vor Begeisterung. Mozart dirigierte selbst vom Cembalo aus. Der Erfolg war so groß, dass er die Oper mit neuen Arien und Kürzungen für eine Aufführung am 7. Mai 1788 in Wien anpasste.

Zwischen Lachen und Abgrund „Don Giovanni“ ist ein „Dramma giocoso“, ein heiteres Drama. Hier verbindet sich Komik mit Tragik, Leichtigkeit und Ernst – eine Spielart des Opernwerks, die Humor und menschliche Abgründe zugleich zeigt. Mozart nutzt diesen Stil meisterhaft, um die Gegensätze von Lust und Moral, Verführung und Schuld, Spaß und Gefahr in „Don Giovanni“ musikalisch zu spiegeln.

Casanova meets „Don Giovanni“ Es heißt, einer der berühmtesten Verführer seiner Zeit habe bei der Uraufführung im Publikum gesessen: Giacomo Casanova (1725-1798) lebte damals zeitweise in Prag und kannte den Librettisten Lorenzo Da Ponte persönlich. Manche Historiker vermuten sogar, dass er Da Ponte bei einzelnen Textstellen beratend zur Seite stand – ganz sicher belegt ist das jedoch nicht.

Jäger und Sammler

In der berühmten „Registerarie“ zählt Leporello Don Giovannis Eroberungen auf: „In Italien 640, in Deutschland 230, 100 in Frankreich und zehn bei den Türken, aber in Spanien schon 1003.“ Heiße Temperamente und offene Herzen gleich mehr Verführung? Nicht ganz. Don Giovanni sucht die Herausforderung – und findet sie dort, wo das Leben besonders streng von Religion und Sitten geprägt ist: im katholischen Spanien.

Musikalischer Insider

Während des Banketts im zweiten Akt von „Don Giovanni“ überrascht Mozart sein Publikum mit einem musikalischen Scherz: Das Orchester spielt Melodien aus drei damals populären Opern – darunter Vicente Martín y Solers „Una cosa rara“, Giuseppe Sartis „Fra due litigante il terzo gode“ und sogar Mozarts eigene Wiener Oper „Le nozze di Figaro“ mit der bekannten Arie „Non più andrai“. Don Giovanni erkennt die Melodie, Leporello bemerkt trocken: „Die Musik kommt mir bekannt vor.“ Das Prager Publikum verstand Mozarts Anspielungen sofort.

In letzter Minute

Wolfgang Amadeus Mozart war dafür bekannt, Partituren sehr spät fertigzustellen. Die Ouvertüre zur Oper „Don Giovanni“ soll Mozart in der Nacht vor der Uraufführung niedergeschrieben haben. Während Mozart komponierte, warteten die Musiker bereits auf die Noten – am nächsten Tag wurde das Stück praktisch „frisch aus der Feder“ gespielt.

Dämonisches

d-Moll

Die Ouvertüre von „Don Giovanni“ beginnt in d-Moll, einer Tonart, die bei Mozart für besonders düstere und dramatische Stimmungen steht. Schon im frühen 18. Jahrhundert verband man d-Moll mit Rache, Vergeltung und Dramatik – Bedeutungen, die Mozart in der Oper meisterhaft nutzt. Später im 19. Jahrhundert erhielt sie den Ruf der „dämonischen“ Tonart, passend zum leidenschaftlich-dramatischen Grundton des Werks. Mozart knüpft damit an andere d-Moll-Kompositionen an, etwa das Klavierkonzert KV 466, und an die berühmte Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ aus der „Zauberflöte“.

„DIE GESCHICHTE AUS DONNA ANNAS PERSPEKTIVE

ERZÄHLEN“

Regisseurin Mascha Pörzgen im Interview über ihre Inszenierung von „Don Giovanni“ am Theater Vorpommern

Wann hast du „Don Giovanni“ zum ersten Mal erlebt, und hat sich dein Blick auf die Oper seitdem verändert?

Meine erste Begegnung mit „Don Giovanni“ hatte ich während meines Studiums in Hamburg in der Schauspieltheaterregie. Der Dramaturg Wolfgang Willaschek stellte uns das Werk im Musiktheater-Seminar vor, und ich war sofort fasziniert. Schon damals dachte ich: „Eigentlich will ich viel lieber Musiktheater machen, das ist so viel spannender.“

Eine noch intensivere Erfahrung folgte 1999, als Willaschek mich einlud, als Regie-Mitarbeiterin mit Johannes Schaaf ans Marijnski-Theater nach St. Petersburg zu reisen. Dort inszenierten wir mit einem jungen Ensemble „Don Giovanni“. Diese Zeit war sehr intensiv und prägend.

Über die Jahre sind mir alle drei DaPonte-Opern ans Herz gewachsen; ich fühle mich ihnen verbunden wie einer Wahl-Familie, der ich immer wieder begegne. Und wie in jeder Familie verändern sich auch die Figuren

– oder besser gesagt, der Blick, mit dem man auf sie schaut. Deshalb finde ich es besonders spannend, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, das Stück aus einem sehr spezifischen Blickwinkel zu erzählen.

„Don Giovanni“ in 90 Minuten – wie funktioniert das?

Am Anfang fragte ich mich das auch. Doch dann wurde mir klar, dass „Don Giovanni“ aus vielen einzelnen Geschichten besteht. Wenn man sich auf einen Handlungsstrang konzentriert, können andere zurücktreten. So entstand eine überraschende Schärfung. Wir erzählen das Stück nun aus der Perspektive von Donna Anna. Mir war wichtig, ihrer Wahrnehmung Glauben zu schenken: Sie hält den Mann, der sie nachts aufsucht, zunächst für ihren Verlobten Don Ottavio. In unserer Inszenierung symbolisiert ein identischer Mantel die Verwechslung. Als Anna erkennt, dass es nicht Ottavio ist, wehrt sie sich und beschließt, den Mann zu verfolgen. Aus ihrer Sicht führt diese Entscheidung zum Tod ihres Vaters.

Was in dieser Nacht genau geschah, bleibt bei Da Ponte bewusst offen. Für Anna wird dieser Moment zum Ursprung eines tiefen Schuldgefühls. Sie versucht, das Geschehen zu begreifen, macht sich Vorwürfe und denkt: „Wenn ich ihn gleich erkannt hätte, wäre alles nicht passiert.“ Niemand kann ihr diese Last abnehmen, und so entwickelt sich ein innerer Konflikt zwischen Verwechslung und Schuld – aus diesem doppelten Trauma entsteht Annas Geschichte.

Wie verändert sich die Oper, wenn man sie aus diesem Blickwinkel betrachtet?

Aspekte wie die Beziehung zwischen Zerlina und Masetto oder Donna Elviras Vorgeschichte rücken bewusst in den Hintergrund. Dennoch bleiben diese Figuren wichtig, da sie unterschiedliche Perspektiven auf Giovanni eröffnen.

Im Zentrum steht vor allem die Beziehung zwischen Anna und Don Ottavio. Die Rezitative zwischen ihnen bleiben in unserer Fassung vollständig bestehen, sodass das Publikum viel über dieses Paar erfährt. In den Proben zeigte sich, wie dysfunktional diese Beziehung ist: Ottavio möchte alles richtig machen, versteht aber nicht, wie stark Anna traumatisiert ist und sich schuldig fühlt. Meistens spricht er über Anna in der dritten

Person – ein Ausdruck seiner eigenen Überforderung und seines ausgeprägt patriarchalen Denkens. Je mehr er versucht, Kontrolle zu übernehmen, desto weniger fühlt sich Anna in ihrem Schmerz ernst genommen.

Was bedeutet die Verdichtung des Stoffs für die Dramaturgie und die Wirkung des Abends?

Ich bin gespannt, wie die hohe Emotionalität in der kompakten Fassung wirkt. In einer langen Aufführung gibt es oft Pausen zum Durchatmen; in unserer Version entsteht eine konzentrierte, intensive, anhaltende Spannung. Wir erzählen die Geschichte aus Annas Erinnerung, aus ihrer Wahrnehmung und ihren Gefühlen. Um diesen surrealen Charakter dieser Erinnerungen zu verstärken, setzen wir gezielt Videos ein. Auf der Suche nach einer szenischen Begründung entstand die Idee, Leporello als eine Art skrupellosen, nahezu voyeuristischen Filmemacher zu zeigen. Damit rückt seine Figur stärker in den Vordergrund – und plötzlich stellt sich eine für mich unerwartete Frage: die nach den Grenzen der Kunst und der Ethik der Abbildungen. Leporello und Giovanni filmen gewissermaßen ihre eigenen Handlungen, Szenen geraten zunehmend außer Kontrolle – ein Effekt, den man auch aus der Filmgeschichte kennt. So überlagern sich mehrere Ebenen: Annas Erinnerun-

gen, zwei Künstlerfiguren, die Videos mit erotischer Konnotation produzieren, und die im Hintergrund sichtbaren filmischen Bilder, die aber nicht realistisch gedreht sind. Der Einsatz von Film erlaubt uns, diese verschiedenen Ebenen sichtbar zu machen, und eröffnet zugleich einen unmittelbaren Zugang zur Gegenwart.

Was hat dich im Probenprozess besonders fasziniert?

Mich überrascht immer wieder, wie heutig das Stück wirkt, obwohl es vor über 200 Jahren entstanden ist. Unsere Inszenierung lebt von einer modernen Ästhetik: Elemente italienischer und spanischer Filme der 60er und 70er Jahre treffen auf zeitgenössische und historische Details.

Gerade anhand einzelner Figuren wird deutlich, wie stark diese Aktualität spürbar wird: Donna Anna ist dafür ein gutes Beispiel. Ihre Reaktionen sind vollkommen nachvollziehbar, sie ist in keiner Weise vergangenheitsbezogen. Natürlich lebt sie in einer Gesellschaft mit bestimmten Regeln und Zwängen – doch menschliche Emotionen verändern sich nicht so schnell. Wir spielen heute noch antike Dramen, die Konflikte behandeln, die 2000 Jahre alt sind – und sie wirken vollkommen gegenwärtig. Auch andere Figuren erhalten durch unsere Perspektive eine überraschen-

de Aktualität. Leporellos Registerarie etwa lässt heute unweigerlich Assoziationen zu Machtmissbrauch oder zu Männern wie Jeffrey Epstein zu. Und Giovannis Fähigkeit, Menschen genau das zu geben, was sie in dem Moment brauchen, ist ein Phänomen, das wir in solchen Geschichten bis heute beobachten. Deshalb wirken diese Figuren überhaupt nicht alt, sondern lebendig – und auf ihre Weise in ihrer Zeit verwurzelt und zugleich hochaktuell.

Für viele bleibt die Figur des Don Giovanni ein Rätsel. Wie siehst du ihn?

Ich glaube nicht, dass er wirklich fühlen kann. Aber ich denke, dass er danach sucht. Er sucht nach Gefühl, nach einem Kick. Bei allen, denen er begegnet, löst er starke Gefühle aus, kann sie aber nicht adäquat selbst artikulieren. In der Oper wäre das Mittel der Wahl dafür die große, emotionale Arie. Aber Mozart hat ihm folgerichtig keine große Ausdrucksarie gegeben. Für mich ist Don Giovanni eine Figur mit stark psychopathischen Zügen –oder, positiver formuliert, jemand, der verzweifelt nach Intensität und Ausdruck sucht. Auch um sich selbst zu spüren, provoziert er Begegnungen, geht er immer weiter. Selbst die Tötung eines Menschen reicht nicht aus, um etwas zu fühlen. Nicht einmal als der Tod ihn schließlich holt, zeigt er

Angst. Vielleicht fühlt er erst im allerletzten Moment etwas – vielleicht ist dieser letzte Schrei sogar eine Art Erlösung.

Was wünschst du dir, dass das Publikum aus dem Abend mitnimmt?

Während der Proben haben wir sehr viel über Beziehungen gesprochen – über Missverständnisse, Abhängigkeiten und darüber, wie Menschen miteinander umgehen. Wenn die Zuschauer*innen nach der Vorstellung über diese Themen weiter nachdenken, wenn Emotionen und Fragen bleiben, dann hat der Abend sein Ziel erreicht.

Das Interview führte Dramaturgin Stephanie Langenberg.

ZWISCHEN VERFÜHRUNG UND ABGRUND – MOZARTS „DON GIOVANNI“

Gedanken des musikalischen Leiters David Behnke

Der Zugang zu einer Oper beginnt für mich meist ganz still – mit der Partitur. Beim Lesen der Noten entwickelt sich bereits ein innerer Klang, beinahe so, als würde man ein Buch lesen und dabei unmittelbar Bilder entstehen lassen. Das Auge vermittelt gewissermaßen die Musik. Besonders aufschlussreich sind die Momente, in denen Mozart die Instrumentation verändert oder neue Klangfarben hinzutreten: Oft markieren solche Wechsel eine dramaturgische Wendung oder einen emotionalen Umschlag.

Schon beim Studium der Partitur zeigt sich, wie präzise Mozart musikalisch denkt und wie eng Musik, Szene und Charakterzeichnung miteinander verwoben sind.

Gerade „Don Giovanni“ lebt von dieser Vielschichtigkeit. Mozarts Musik wirkt oft elegant, klar und scheinbar mühelos – doch unter dieser Oberfläche öffnen sich immer wieder Abgründe. Schon die Ouvertüre macht das deutlich: Die schweren, dunklen Akkorde zu Beginn überraschen zunächst und lassen sofort erahnen, dass hinter der glänzenden Fassade der Titelfigur ein unausweichliches

Schicksal steht. Von Beginn an liegt über der Musik eine Art Vorahnung dessen, was sich im Verlauf der Oper unaufhaltsam verdichtet. Zwischen Verführung und Bedrohung, zwischen spielerischer Leichtigkeit und dunkler Vorahnung entfaltet sich die musikalische Welt dieser Oper.

Mozarts Musik erzählt die Handlung immer auf eine sehr feinfühlige und pointierte Weise, die der Oper eine tiefere Ebene verleiht. Manchmal kommentiert er auch musikalisch. Besonders deutlich wird das in den sogenannten AccompagnatoRezitativen, in denen das Orchester unmittelbar mit dem Bühnengeschehen interagiert. Stimme und Orchester reagieren hier direkt aufeinander, greifen musikalische Gedanken auf und führen sie weiter. Dadurch entsteht ein lebendiger Austausch, der den dramatischen Ausdruck einer Situation unmittelbar hör- und fühlbar macht.

Ein besonders eindrucksvoller Moment ist der Auftritt des „Steinernen Gastes“ im Finale. In den Sechzehntelbewegungen und den ständig überra-

schenden harmonischen Wendungen der auf- und absteigenden Tonleitern entsteht eine Atmosphäre des Unausweichlichen – wie ein musikalisches Karma, bestehend aus Verführung, Täuschung und Verletzung, das Don Giovanni schließlich einholt.

Überhaupt gehört es zu Mozarts großer Kunst, eingängige Melodien immer wieder in Nuancen zu verändern. Wiederholungen sind selten identisch; kleine motivische Verschiebungen oder harmonische Über-

raschungen geben ihnen eine neue Bedeutung. Wenn eine musikalische Idee zurückkehrt, hat sich meist auch die Situation der Figur verändert –und diese Entwicklung wird unmittelbar hörbar. Er überträgt dies aber auch auf die große Form. So erscheint beispielsweise selbst ein leichtfüßiges, eingängiges Duett in einem anderen Licht, wenn die düsteren Akkorde der Ouvertüre noch im Ohr nachhallen.

Bemerkenswert ist zudem, wie Mozart die Titelfigur zeichnet. Don Giovanni

besitzt keine große Arie, in der er sich selbst erklärt oder emotional öffnet. Stattdessen ist er häufig der Auslöser für die Emotionen der anderen Figuren. Er bringt sie zum Singen, formt ihre Reaktionen und Gedanken.

Gerade darin zeigt sich Mozarts außergewöhnliche Empathie für seine Figuren. Die Musik macht die Verletzungen, Sehnsüchte und Konflikte hörbar, die hinter den Begegnungen der Figuren stehen. Auch wenn Mozarts Tonsprache stellenweise eine

gewisse Leichtigkeit oder Eleganz bewahrt, entsteht daraus keineswegs ein heiteres Bild der Handlung. Vielmehr legt die Musik die inneren Spannungen der Figuren offen und lässt die Abgründe der Geschichte umso deutlicher hervortreten. In dieser Verbindung von klanglicher Klarheit und emotionaler Tiefe liegt bis heute die besondere Faszination dieser Oper.

DON GIOVANNI UND

DIE SPRACHE DER SCHUHE

Alles beginnt mit einem einzigen Blick. Und mit einem Paar Damenschuhe. Jedenfalls auf unserer Bühne. Es ist immer das perfekte Paar: mal elegant, mal lässig, mit Pfennigabsatz oder Glitzerschmuck, aus zartem Leder, grell pink, großstädtisch, zum Tanzen gemacht oder sportlich. In diesem einen Paar manifestiert sich die Seite der Frau, die sie selbst am meisten leben möchte – und Don Giovanni erkennt sie sofort. Er erfasst nicht nur, wer sie ist, sondern wer sie in diesem Moment sein will. Darin liegt seine Macht: Er liest Wünsche, Träume und verborgene Sehnsüchte.

Für Don Giovanni sind Schuhe mehr als bloß ein Accessoire: Sie sind der erste Funke einer Begegnung – und oft das Einzige, was von dieser bleibt. Leporello sammelt und verwaltet diese Schuhe, er pflegt gewissermaßen ein Archiv flüchtiger Augenblicke. Jedes Paar ein Abdruck, jede Sohle erzählt eine Geschichte.

Wer ist dieser Don Giovanni? Ein Angeber, ein Macho, ein Sexsüchtiger, ein Getriebener, ein Suchender? Jede Frau wird für ihn Spiegel und Projektionsfläche zugleich: ein Abbild seiner Sehnsüchte und Fantasien. Er kann sie alle besitzen, und er tut es auch. Doch hat

er eine erobert, lässt er sie im nächsten Moment schon wieder los. Jede Begegnung schenkt ihm Genugtuung, Bestätigung, Genuss – flüchtig, doch berauschend. Einen Moment, in dem seine Präsenz und Dominanz spürbar werden.

Seit Tirso de Molina ihn 1630 in „El burlador de Sevilla“ erfand, prägt Don Juan – der Verführer, der Gesetz und Moral bricht – die europäische Kunst und insbesondere die Literatur bis heute. Von Spanien aus verbreitete sich sein Mythos über Jahrhunderte hinweg, immer wieder neu interpretiert und den jeweiligen kulturellen Konventionen angepasst. In Molières „Dom Juan ou le Festin de pierre“ wird er zum frechen Skeptiker, dessen Witz und Verachtung gesellschaftlicher Normen das Publikum gleichermaßen irritiert und begeistert. Im 18. Jahrhundert verfeinert der Italiener Giovanni Bertati die komische Dimension der Figur, und Giuseppe Gazzaniga vertont dessen Libretto für seine Opernfassung, die im Februar 1787 in Venedig Premiere feierte. Nur acht Monate später erobert in Prag Mozarts „Don Giovanni“ die Bühne – eine vollkommen eigenständige, vielschichtige Umsetzung des Mythos, die Tirso de Molinas moralische War-

nung, Molières Ironie und die Leichtigkeit der Opera buffa zu einem lebendigen Charakter verschmelzen lässt. Don Giovanni erscheint hier nicht nur als Verführer, sondern als Archetyp: Verkörperung ungebremster Leidenschaft, Ausdruck rücksichtsloser Macht und Träger eines dunklen, charismatischen Charmes.

Seit Mozarts Oper lebt der Don-JuanMythos weiter – von E. T. A. Hoffmann, Lord Byron, Søren Kierkegaard bis zu Max Frisch und noch moderneren Stimmen. Jede Generation projiziert ihre Sehnsüchte, Ängste und moralischen Fragen auf ihn. Bis heute begegnet uns der Don-Giovanni-Typus immer wieder – nicht nur in der Kunst, sondern im privaten wie im öffentlichen Raum – in Menschen, die mit Charisma, Macht und Manipulation andere für sich einnehmen und für ihre eigenen Zwecke benutzen.

Vielleicht bleibt uns diese Figur gerade deshalb so vertraut: weil sie eine Versuchung verkörpert, die nie ganz verschwindet. Wer würde nicht gern den Schlüssel kennen wollen, um sein Gegenüber für sich und seine Interessen zu gewinnen? Und weil Geschichten von Don Giovanni immer auch

davon erzählen, was geschieht, wenn dieser Versuchung keine Grenzen gesetzt werden, wird sichtbar, wie schnell Macht und Lust zur Gefahr werden können – gestern wie heute.

Bei Mozart jedenfalls endet die Geschichte mit der Abrechnung. Schon zu Beginn der Oper wird klar: Don Giovannis Spiel steht auf wackeligem Grund; keine seiner Eroberungen will ihm mehr gelingen. Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina verbünden und rächen sich – Don Giovanni muss für seine Taten büßen. Die Schuhe, einst Trophäen eines Verführers, werden zu stummen Zeugen flüchtiger Begegnungen, Mahnmale vergänglicher Lust und Macht. Don Giovanni geht, doch was bleibt, sind nicht nur gebrochene Herzen und zerstörte Träume. Es sind die Frauen, die über alles hinauswachsen – und ein Paar Damenschuhe, das stumm vom Anfang aller Verführung erzählt.

Die Begegnung mit Don Giovanni wird für Donna Anna zum Wendepunkt ihres Lebens. In einem einzigen Moment bricht ihre Welt zusammen. Von da an erscheint sie mir wie eine Insel. Sie fühlt sich unverstanden, trägt ihre Last ganz allein.

Doch sie hört auf sich selbst und sie weiß, was für sie richtig ist. Sie besitzt unglaublich große Kraft und Stärke und hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Sie ist nicht nur ein Opfer – sie ist eine Kämpferin.

Bryndís Guðjónsdóttir über Donna Anna

Impressum

Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH

Stralsund – Greifswald – Putbus

Spielzeit 2025/26

Geschäftsführung: André Kretzschmar

Künstlerischer Leiter: Rolf C. Hemke

Redaktion: Stephanie Langenberg

Bildredaktion: Marie-Louise Bartels

Gestaltung: Wenzel Pawlitzky

1. Auflage: 500

Druck: Flyeralarm www.theater-vorpommern.de

Textnachweise: Sofern nicht anders vermerkt, handelt es sich bei den Texten um Originalbeiträge von Stephanie Langenberg für dieses Programmheft. Der Text auf S. 6 zitiert das Libretto von „Don Giovanni“ in Auszügen (Übersetzung: Bettina Bartz und Werner Hintze). Die Inhaltsangabe auf S. 8 stammt von Mascha Pörzgen. Das Interview mit Mascha Pörzgen (S. 16-19) führte Stephanie Langenberg. Der Beitrag auf S. 20-23 stammt von David Behnke.

Bildnachweise: Die Szenenfotos stammen von Peter van Heesen und entstanden auf der Orchesterhauptprobe in Greifswald am 25.03.2026.

Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die Universitäts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-Rügen Es wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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