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Bilder deiner großen Liebe

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Spielzeit 2025/26

BILDER DEINER GROßEN LIEBE

Nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“

BILDER DEINER GROßEN LIEBE

Nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf

In einer Bühnenfassung von Robert Koall

Besetzung

Isa: Paula Dieckmann

Ein Mann: Jan Bernhardt

Inszenierung: Arnim Beutel

Bühne & Kostüme: Peter Sommerer

Dramaturgie: Joris Löschburg

Regieassistenz & Abendspielleitung: Georg Meier

Inspizienz: Elke Zeh

Soufflage: Nadim Hussain, Elke Zeh, Georg Meier

Licht: Friedemann Drengk

Premiere in Greifswald am 27.03.2026

Premiere in Stralsund am 16.04.2026

Aufführungsdauer: ca. 75 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte: Rowohlt Verlag, Bühnenfassung von Robert Koall

Ausstattungsleiterin Eva Humburg Technischer Direktor Christof Schaaf Bühnentechnische Einrichtung Andreas Franke, Tino Dluzinska Toneinrichtung Nils Bargfleth, Robert Hoth Leitung Bühnentechnik Robert Nicolaus Leitung Beleuchtung Kirsten Heitmann Leitung Ton Daniel Kelm Leitung Requisite Alexander Baki-Jewitsch, Christian Porm Bühne & Werkstätten: Produktionsleiterin Eva Humburg Tischlerei Stefan Schaldach, Bernd Dahlmann, Kristin Loleit Schlosserei Michael Treichel, Ingolf Burmeister Malsaal Anja Miranowitsch, Fernando Casas Garcia, Sven Greiner Dekoration Paul Gebler, Janet Hellmuth Kostüm & Werkstätten: Gewandmeisterinnen Carola Bartsch, Annegret Päßler, Angela Sulek Modisterei Elke Kricheldorf Assistenz Finja Stagge, Maisa Franco Ankleiderinnen Ute Schröder, Petra Hardt Maske: Helga Petritsch

Liebe Gäste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer Aufführungen aus urheberrechtlichen Gründen untersagt sind. Vielen Dank.

Isa, Herrscherrin über das Universum

ISA: Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.

Weil das viele Leute denken, dass die superkomplett bescheuert sind, die Verrückten, nur weil sie komisch rumlaufen und schreien und auf den Gehweg kacken und was nicht alles. Und das ist ja auch so. Aber so fühlt es sich nicht an, jedenfalls nicht von innen, jedenfalls nicht immer.

Es macht einem nur wahnsinnig Angst, wenn man merkt, dass man gerade auf den Gehweg kackt und weiß, dass das nicht üblich ist und dass so was nur Leute machen, die verrückt sind, und diese Angst macht, dass es einem

auch wieder ganz gleichgültig ist, was die anderen denken, ob die jetzt gucken oder nicht, weil man in dem Moment wirklich andere Probleme hat. Und mein Problem war eben, dass ich langsam wieder verrückt wurde.

Es war nicht das erste Mal, deshalb wusste ich schon, wie das läuft und dass das in Schüben kommt. Für wer sich das nicht vorstellen kann: wie Hunger oder Durst, oder wenn man ficken will. Das kommt ja auch in Schüben. Und nicht immer, wenn’s einem passt. Und da stehe ich jetzt im Garten, vier hohe Ziegelsteinmauern um mich rum. Eltern sind weg, Ärzte und Pfleger auch gerade weg, und vor mir ein riesiges Tor aus riesigem Eisen.

Die Blumen blühen. Die Blumen, die der Depri mir gezeigt hat mit seiner Depribegeisterung, was schlimm ist. Alle Depris versuchen immer sofort, dich in ihre Deprischeiße reinzuziehen. Aber die Blumen sind okay und können nichts dafür, wer sie gut findet. Sie haben sich das nicht ausgesucht. Wenn sie es sich aussuchen könnten, würden sie vielleicht mich aussuchen. Und darüber denke ich seit zwei Stunden nach. Und am Himmel die Sonne, mein schöner Freund.

Ich hebe also den Arm und zeige mit der Hand nach oben, sodass mein rechter Daumennagel genau den Rand der Sonne berührt, damit sie nicht mehr weiterwandert. Und da wandert die Sonne nicht mehr weiter, und die Zeit steht still. Das ist leicht.

Und auch das ist leicht: Mit sanftem Druck des Fingernagels schiebe ich die Sonne Millimeter für Millimeter zurück, und da weiß ich: Am Anfang war die Kraft. Isabel, Herrscherin über das Universum, die Planeten und alles. Wenn ich will, dass die Sonne steht, steht die Sonne. Wenn ich will, dass das Eisentor aufgeht, dann geht das Eisentor auf. Und raus.

In der Hose vorne links die zwei Tabletten, die ich unter der Zunge rausgenommen hab, hinten links mein Tagebuch.

aus: BILDER DEINER GROßEN LIEBE; Bühnenfassung von Robert Koall

Hoffnungslos, aber nicht ernst
Gedanken über Bilder deiner großen

Liebe von Wolfgang Herrndorf I

Als Wolfgang Herrndorf 2010 die Diagnose eines bösartigen Hirntumors erhält, beginnt für ihn ein Schreiben unter veränderten Vorzeichen: Die verbleibende Zeit ist ungewiss, auf jeden Fall zu kurz. Körperliche und geistige Fähigkeiten stehen von nun an unter Beobachtung, jeder Tag gewinnt ein anderes Gewicht, die Stimmung schwankt zwischen Verzweiflung und provisorisch begründeter Euphorie.

Als Autor reagiert Wolfgang Herrndorf nicht mit Niedergeschlagenheit oder Rückzug, sondern radikaler Disziplin und Produktivität.

Das sichtbarste Ergebnis dieser stoischen Überlebensstrategie ist der Blog Arbeit und Struktur, den er bis kurz vor seinem Tod im August 2013 führt. In knappen, oft nüchternen Einträgen werden Krankheitsverlauf, Therapie, Schreibfortschritt, allgemeine und konkrete Resignationen dokumentiert. Die Form des inneren Monologs erinnert dabei durchaus an die Tradition des literarischen Schreibens über sich – von Augustinus Confessiones, über Rousseaus Träumereien eines einsamen Spaziergängers, bis hin zu modernen Künst-

lertagebüchern. Statt Hoffnung auf Transzendenz oder posthumen Ruhm, bleibt Herrndorf aber konsequent im Diesseits: präzise, unsentimental, unzufrieden, todunglücklich und dabei verstörend mitreißend – Ob mit lakonischem Blick auf den düsteren Abgrund, oder präzisen Angaben über Diagnose und Lebenserwartung.

Charakteristisch ist dabei eine Art Ringen um kontrollierte Sachlichkeit. Ein häufig zitierter Satz aus Arbeit und Struktur lautet: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Ironie und Humor dienen hier nicht der Verharmlosung, sondern der Stabilisierung. Diese Haltung lässt sich als eine pragmatische Form von Stoizismus lesen: Arbeit als Struktur, Schreiben als Ordnungssystem. Herrndorf formuliert es schlicht: „Ich arbeite. Das ist alles, was ich tun kann.“ In der Konsequenz bedeutet das: Solange geschrieben wird, gibt es eine Form von Handlungsmacht, geht das Leben weiter, mit einem (trotz allem irgendwie) souveränen Selbst am Steuer.

In diese schweren letzten Lebensjahre fällt auch die Arbeit an Bilder deiner großen Liebe. Der Text, 2014 posthum von Herrndorfs langjährigen Freunden Kathrin Passig und Holm Friebe veröffentlicht, bleibt Fragment und wirkt doch in seiner Anlage und Wirkung erstaunlich geschlossen. Im Zentrum steht Isa, die bereits in Tschick auftritt. Als eine von Herrndorfs typisch enigmatischen Nebenfiguren taucht sie dort als Herrscherin über eine Mülldeponie auf. In Bilder begibt sie sich selbst auf die Reise. Sie flieht aus einer psychiatrischen Heilanstalt für Jugendliche, barfuß, ohne Geld und ohne Ziel.

Dabei lässt sich Isa nicht allein als jugendliche Außenseiterin und Ausreißerin lesen, sondern auch als Projektionsfläche und fiktive Gegenfigur des Autors. Sie ist jung, heimatlos, oft in Gefahr und dabei niemals wirklich gefährdet. Mit Nonchalance, Naivität und Mut, dafür – bis auf Ihr Tagebuch – ohne Besitz, Plan oder Selbstverwirklichungsmission, fungiert sie als perfekte Antifolie bürgerlicher Subjektivität. Ihre Wahrnehmung ist durchlässig, sprunghaft, mitunter halluzinatorisch. Stets bewegt sie sich wie selbstverständlich durch eine potentiell feindliche Welt ohne echte Fürsorge oder stabile soziale Bindungen. Ihre Selbstsicherheit speist sich nicht aus Stabilität, sondern aus der Fähig-

keit, Unsicherheit auszuhalten. Isa ist mit ihrem Schicksal allein. Einsamkeit und Abgründigkeit werden nicht dramatisiert, sondern als Qualität und Ausgangspunkt affirmiert.

Insofern verkörpert Herrndorfs letzte Heldin eine pragmatische Form stoischer Gelassenheit: Sie handelt weder wegen noch gegen die Unordnung in ihr. Vielmehr bricht sie auf in eine Welt, deren Reihenhausornamentik selbst immer schon brüchig ist. Dabei wirkt sie zugleich wie ein Katalysator – in Isas Anwesenheit sprechen Kleinkriminille von schlaflosen Nächten, gealterte Dichter vom ephemeren Sein des Augenblicks und scheinbar intakte Vorgartenbesitzer von der Angst des Verlusts. So gesehen bringt Isa Chaos in eine Welt, die sich verzweifelt an den Glauben an die eigene Sinnhaftigkeit klammert.

Dass Wolfgang Herrndorf sich auch immer wieder selbst in diese Begegnungen mit Isa einschreibt, auf einem Friedhof, als Autor oder als Mann, der Isa über den Wert des erfüllten Augenblicks belehrt, verstärkt den Eindruck, dass sich der Autor hier eine literarische Gegenfigur geschaffen hat, die alle anderen an dieses kurze Glück gelebten Lebens erinnert. Isa evoziert den Zauber vergangener Jugendlichkeit, an den uns schon die zwei Helden in Tschick durch ihre Irr-

fahrt erinnert haben. Isa schafft das allein durch Anwesenheit, Präsenz. Zeit zählt dann nicht mehr als noch zu erwartende Dauer, sondern als gelebte Intensität. Im Angesicht des Abgrunds ist dieses Lob des Augenblicks trostvoll, die Erinnerung an das vergangene Glück heiter: Die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst.

Im letzten Bild schießt Isa mit der P8 eine Kugel in die Luft:

„Ich halte die Waffe genau senkrecht hoch und sehe mit offenem Mund der Kugel hinterher, sehe sie steigen, sehe sie immer kleiner und kleiner

und fast unsichtbar werden im tiefdunklen blauen Himmel, bevor sie sich aus dem Verschwundensein wieder materialisiert und zu fallen beginnt, millimetergenau zurück in den Lauf der Waffe.“

Als Wolfgang Herrndorf dies schreibt, hat er sich schon eine Pistole besorgt und sich kundig gemacht, wie genau man schießen muss, um garantiert zu sterben. Er erschießt sich, kurz nachdem endgültig beschlossen war, Bilder deiner großen Liebe zu veröffentlichen.

Der Text ist eine Mimose!

Regisseur Arnim Beutel im Gespräch

2013 hast Du bereits „Tschick“ hier am Theater Vorpommern inszeniert – wie ist es, jetzt wieder Herrndorf zu inszenieren?

Damals gab es den Roman Bilder deiner großen Liebe noch gar nicht – der kam erst nach der Inszenierung raus. Umso schöner, jetzt zurückzukehren. Und diesmal sogar mit Isa im Mittelpunkt – einer Figur, die so eigen ist, dass man als Regisseur eigentlich nur staunen kann.

„Bilder deiner großen Liebe“ gilt als Herrndorfs letzter und unvollendeter Roman. Wie hast Du Dich dem Buch genähert?

Ich versuche, die Figuren ernst zu nehmen – wirklich ernst. Gerade bei Jugendlichen ist die Versuchung groß, sie lustig oder schräg zu zeichnen. Aber genau das wollte ich vermeiden. Keine „witzigen Typen“, kein Klamauk. Wenn man Figuren wirklich ernst nimmt, wird es oft von ganz allein komisch. Nicht, weil jemand einen Witz macht – sondern weil das Leben eben manchmal absurd ist. Und genau darin liegt die Kraft von Herrndorf.

Der Text ist nicht unbedingt sehr theatral, oder? Fiel es Dir schwer, Isas Reise auf die Bühne zu bringen?

Auf jeden Fall! Herrndorf beschreibt

Situationen sehr genau – aber Beschreibung macht noch kein Theater. Wenn man das einfach nachspielt, wird’s schnell doppelt gemoppelt oder langweilig. Also mussten wir jede Szene übersetzen: Warum erzählt Isa das gerade? Wo ist sie innerlich? Zudem springt sie ständig zwischen Welten hin und her – außen, innen, Realität, Fantasie. Das Publikum muss das nicht komplett durchschauen, aber wir im Team müssen es wissen. Sonst verliert man Isa.

Und dann die Sprache: Ich habe irgendwann gesagt, der Text ist wie eine Mimose. Zu viel Druck – und er klappt zusammen. Man darf ihm nichts aufzwingen, nichts überhelfen. Eher vorsichtig behandeln, fast zärtlich. Theater als Pflanzenpflege, sozusagen. Das war auf jeden Fall eine Herausforderung!

Gibt es eine Szene, ein Detail oder einen Augenblick, der Dir besonders gefällt?

Ja – wenn Isa erzählt, dass sie lieber ein Junge wäre. Da macht sie sich komplett auf, und im nächsten Moment versucht sie schon wieder, sich zu sortieren. Und dann kommen diese poetischen Bilder mit Blättern, als würde sie sich selbst neu zusammensetzen. Sehr leise, sehr berührend. Und großartig wie Paula das spielt!

Gibt es so etwas wie eine Lesart oder Message, die Du unserem Publikum gerne mitgeben möchtest?

Ganz schlicht: Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Wahrheit. Isa zeigt uns ihre Sicht auf die Welt, ihre Wahrheit – und die ist vielleicht anders, aber deshalb nicht weniger wahr. Dazu wollen wir unser Publikum auch einladen!

Das Gespräch führte Joris Löschburg

Alles in Ordnung im Universum

Über „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf II

Fern aller Widrigkeiten der Welt, fernab vom immer wieder beschworenen Chaos, vom Zeitalter der Beschleunigung und Unsicherheit gibt es sie noch: diese Orte, an denen alles geregelt zu sein scheint. Geordnete Architektur, getaktete Zeit –bundesrepublikanische Wirklichkeit: Autobahnzubringer und Raststättenromantik, Parkraumbewirtschaftung und Pommesbude. Hecken auf Linie. Kies in Form geharkt. Häuser, die aussehen, als hätten sie sich selbst genehmigt. Straßen, die wissen, wo sie hinführen, und Menschen, die suggerieren, sie wüssten es auch.

Alles in Ordnung im Universum.

Und doch liegt eine gefährliche Unruhe in der Luft: Denn hinter den Fassaden sitzt etwas, das nicht aufgeräumt werden kann. Das ist ein Leben, das anders hätte verlaufen können und es nicht ist. Man hat gelernt, das zu überdecken: mit Arbeit, mit Routinen, mit ordentlich geschnittenem Buchsbaum.

„Und dann liegst in deinem superperfekten Bett und denkst nach.

Du hörst auf die Geräusche auf der Straße, ein Betrunkener grölt, und ein Tier schreit, und du hörst dein Herz klopfen.“

Da ist der Mann auf dem Schiff. Er erzählt. Von einem Leben, das einmal möglich war und es nicht mehr ist. Vom großen Geld, das weg ist. Von einem Freund, der tot ist. Zeit, die sich nicht mehr zurückholen lässt. Jetzt fährt er Kies über einen Kanal, langsam, immer gleich langsam. Weil es nicht schneller geht. Weil es nie schneller ging – dafür gibt es physikalische Gründe. Möglichkeiten finden sich eng und eindeutig begrenzt, wie das Wasser im Kanal. Denn die Stelle, die ein jedes Ding in diesem Universum einnimmt, ergibt sich immer auch aus seiner Differenz, Ordnung konstituiert sich über das Verbot. Insofern ist es nicht vorgesehen, einfach aus einer Psychiatrie auszubrechen. Verboten, in ein Geschäft einzubrechen, unbefugt auf einem Lastschiff mitzufahren, eine Pistole (eines Toten!) an sich zu nehmen.

Differenz arbeitet aber nicht nur ausschließlich, sondern auch über

Wahrscheinlichkeiten. Insofern ist es zumindest unwahrscheinlich, dass Menschen einfach anhalten, um andere mit dem Auto mitzunehmen, um sich zu unterhalten, ihre Pausenbrote zu teilen oder ihre Häuser zu öffnen. Unwahrscheinlich, dass Unbekannte Bekanntschaft schließen.

„Als ich die Hand raushalte, bremst in derselben Sekunde ein Auto.“

Isa schildert noch das große Eisentor ihrer Heilanstalt, da ist sie auch schon hindurchgetreten. Sie hält die Sonne mit dem Daumen an und schiebt sie bei Bedarf weiter. Das ist kein Trick, sondern die Wahrheit. Isa, Herrscherin über das Universum. Es gibt auch die Möglichkeit, Ordnung selbst zu schaffen. Eine Tankstelle verwandelt sich in ein Raumschiff, ein taubstummer Junge wird zum vielleicht intensivsten Gesprächspartner der ganzen Reise. Isa tauft ihn „den Glücklichen“, obgleich er genauso verloren zu sein scheint wie sie selbst.

«Wir sind beide gut und glücklich.» Obgleich wir auch traurig sind. «Aber da denken wir nicht dran.»

Insofern Bilder deiner großen Liebe ‚nur‘ auf einen Abgrund zuführt, ist es keine Roadnovel im eigentlichen Sinn, schon gar keine Heldenreise. Isa muss nichts finden, niemanden retten, nir-

gendwo hingelangen. Ihre psychische Erkrankung wird thematisiert, auch die Möglichkeit einer bewussten ‚Heilung‘. Auch diese Frage kann also vermeintlich entschieden werden.

„Ich nehme die zweite Tablette und beschließe, geheilt zu sein. Ich spüre die Heilung klar. Es ist vorbei. Es wird nicht wiederkommen.“

Krank oder nicht – de facto schafft Isa ihre Tatsachen, beschreibt die Welt, so wie sie auch sein könnte. Dabei verlaufen Halluzination und Wirklichkeit, Traum und Realität. Mit dem Begriff des Surrealen haben die Literaten und Maler um André Breton diesen Zustand auf den Begriff gebracht. In der Figur der rastlosen Nadja hatte Breton seinerseits eine souveräne Außenseiterin in Literatur gebannt, damals freilich auf den Boulevards von Paris. Isa hingegen läuft über Felder, durch Wälder und Vorgärten. Sie bringt nichts in Ordnung und schließt nichts ab. Dennoch verändert sich etwas. Brüche werden sichtbar. Hinter der Ordnung liegen Verletzungen, Trauer, Verluste.

„Ich hatte auch mal ein Mädchen.“

In den Gesprächen mit Isa wird deutlich: Der Tod ist allgegenwärtig. Alle Welt weist noch Chaos auf. Alles in Ordnung im Universum.

Wolfgang Herrndorf – Vom Bild zur Sprache

Wolfgang Herrndorf (1965–2013) begann seine künstlerische Laufbahn als Maler, bevor er die Literatur für sich entdeckte. Die Präzision, Komposition und Sinnlichkeit seiner Bilder durchzieht auch sein Schreiben: Szenen sind klar gesetzt, Figuren spürbar konturiert, Stimmungen fein austariert.

Zu seinen wichtigsten literarischen Werken zählen In Plüschgewittern (2002), Tschick (2010), Sand (2011) und Bilder deiner großen Liebe (posthum veröffentlicht, 2014). Insbesondere Bilder deiner großen Liebe, an dem er in seinen letzten Lebensjahren arbeitete, zeigt die verschränkte Bewegung von Bild und Sprache, die stoische Ruhe des Autors und die Reflexion über Einsamkeit, Krankheit und Sterblichkeit.

Sein Blog Arbeit und Struktur gibt Einblick in die disziplinierte Arbeitsweise Herrndorfs, die er auch nach der Diagnose eines Hirntumors 2010 beibehielt: Schreiben als Ordnung, Malerei als Inspiration. 2013 nahm er sich das Leben. Sein Werk bleibt ein Zeugnis für die enge Verbindung von visueller Sensibilität und erzählerischer Kraft.

Eine Aufnahme von Wolfgang Herrndorf, entstanden 2011. Foto: Stefi Roßdeutscer

Impressum

Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH

Stralsund – Greifswald – Putbus

Spielzeit 2025/26

Geschäftsführung: André Kretzschmar

Künstlerische Leitung: Rolf C. Hemke

Textnachweise:

Redaktion: Joris Löschburg

Gestaltung: Wenzel Pawlitzky

1. Auflage: 500

Druck: Flyeralarm

Die Texte auf Seite 8 und 12-18 sind Originalbeitrage für dieses Heft von Joris Löschburg.

Bildnachweise:

www.theater-vorpommern.de

Die Fotos sind auf der Hauptprobe am 17.03.2026 entstanden und stammen von Peter van Heesen.

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