Spielzeit 2026/27
2. PHILHARMONISCHES
„Das Wunderkind kommt herein – im Saale wird’s still.“ Thomas Mann Roden Noel
PROGRAMM Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) Sinfonie Nr. 26 Es-Dur KV 184 1. Molto Presto 2. Andante 3. Allegro
Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 1. Moderato nobile 2. Romance: Andante 3. Finale: Allegro assai vivace - Pause -
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56, „Schottische Sinfonie“ 1. Andante con moto – Allegro un poco agitato 2. Vivace non troppo 3. Adagio 4. Allegro vivacissimo – Allegro maestoso assai
Solist: Tassilo Probst, Violine Philharmonisches Orchester Vorpommern Dirigent: GMD Florian Csizmadia Öffentliche Generalprobe Mo 05.10.2026 Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal Konzerte Di 06.10.2026 Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal Mi 07. & Do 08.10.2026 Stralsund: Großes Haus Liebe Gäste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer Aufführungen aus urheberrechtlichen Gründen untersagt sind. Vielen Dank.
TASSILO PROBST Der deutsche Geiger Tassilo Probst zählt zu den vielversprechendsten Musikern seiner Generation. Als Preisträger zahlreicher nationaler und internationaler Wettbewerbe wie dem „Concours International de Violon Tibor Varga“ oder der „George Enescu Violin Competition“ konzertierte er als Solist mit namhaften Orchestern wie dem Konzerthausorchester Berlin, der NFM Wrocław Philharmonic, dem George Enescu Philharmonic Orchestra, der Südwestdeutschen Philharmonie und vielen mehr.
sam mit dem Cape Town Philharmonic Orchestra auftrat. Des Weiteren spielte er Konzerte mit dem Göttinger Symphonieorchester, den Münchner Symphonikern, dem Wuppertaler Sinfonieorchester, der Neubrandenburger Philharmonie und dem Sinfonieorchester in Thessaloniki. Gemeinsam mit seinem Klavierpartner Maxim Lando war Tassilo Probst in Rezitalkonzerten in Europa und den USA zu erleben. In der Spielzeit 2026/27 ist Tassilo Probst „Artist in Residence“ beim Philharmonischen Orchester Vorpommern und wird dort in drei verschiedenen Philharmonischen Konzertprogrammen sowie einem Sonderkonzert in Chorin solistisch zu erleben sein.
Neben seinen solistischen Tätigkeiten ist er auch begeisterter Kammermusiker. Zu seinen Kammermusikpartnern zählen u. a. Daniel Müller-Schott, Alban Gerhardt, Danjulo Ishizaka und Kit Armstrong. Zudem teilte er des Öfteren die Bühne mit dem Pianisten Lang Lang und dem Violinisten Daniel Hope, der über ihn sagte: „Tassilo ist ein herausragender junger Geiger und Musiker mit einem starken Willen, einem einzigartigen Klang und einer beeindruckenden Beherrschung seines Instruments.“ Die Saison 2025/26 begann Tassilo Probst mit einer Konzerttournee in Südafrika, auf der er neben Rezitalkonzerten und Meisterkursen gemein-
2
3
WOLFGANG AMADEUS MOZART: SINFONIE NR. 26 ES-DUR KV 184 Man könnte das Werk unterschätzen, wenn man nur auf die Uhr schaut. Mozarts Sinfonie Nr. 26 dauert kaum länger als neun Minuten. Und doch entfaltet sie in dieser kurzen Zeit eine erstaunliche Fülle an Farben, Kontrasten und musikalischen Wendungen. Sie gehört zu jenen Werken, in denen Mozart mit denkbar knappen Mitteln eine ganze musikalische Welt erschafft.
türe. Die unmittelbaren Übergänge zwischen den Sätzen relativieren zugleich deren formale Eigenständigkeit, sodass sie weniger als voneinander getrennte Abschnitte denn als unterschiedliche Zustände eines übergreifenden musikalischen Verlaufs wahrgenommen werden. Der erste Satz setzt mit großer Energie ein. Trompeten und Hörner verleihen dem Beginn festlichen Glanz, während die Streicher mit kurzen, prägnanten Gesten sofort für Bewegung sorgen. Mozart entwickelt die Musik aus kleinen Motiven, die sich ständig verwandeln. Dynamische Gegensätze, Synkopen und rasche Läufe verdichten das musikalische Geschehen. Mit sicherem Gespür für Proportion und Wirkung entfaltet Mozart aus wenigen musikalischen Elementen durch subtile Akzentuierungen und wechselnde Perspektiven eine erstaunliche Vielfalt. Gerade diese Verbindung von kompositorischer Ökonomie und klanglicher Fülle macht die besondere Kunst dieses Satzes aus: Trotz seiner knappen Anlage schafft das Werk eine bemerkenswerte Balance zwischen Dichte und Leichtigkeit.
Mozart war siebzehn Jahre alt und erst wenige Wochen zuvor von seiner dritten Italienreise nach Salzburg zurückgekehrt, als die Sinfonie entstand. Das Autograph der Partitur trägt das Datum 30. März 1773. Über die genauen Umstände ihrer Komposition ist heute nur wenig bekannt. Sicher ist jedoch, dass Mozart zu dieser Zeit bereits über beträchtliche kompositorische Erfahrung verfügte. Auf seinen Reisen durch Italien hatte er zahlreiche Werke komponiert und unterschiedliche musikalische Eindrücke aufgenommen, die in seinem weiteren Schaffen nachwirkten. Die drei Sätze sind nach dem Prinzip schnell – langsam – schnell angeordnet und stehen damit deutlich in der Tradition der italienischen Ouver-
4
„… eine sehr konzentrierte Kraft von geradezu magischer Wirkung.“ Jean-Victor Hocquard über Mozarts Sinfonie KV 184
sich die Heiterkeit in bloßer Unbeschwertheit erschöpft.
Umso stärker fällt die Wendung zum Andante in c-Moll aus. Die helle Klangwelt des Beginns weicht einer zurückgenommenen, ernsteren Atmosphäre. Die Streicher treten in einen kammermusikalisch anmutenden Dialog, die Bläser setzen behutsame Farbakzente. Chromatische Wendungen und fein dosierte harmonische Spannungen verleihen dem Satz eine Empfindsamkeit, die weit über eine bloße Ruhepause zwischen zwei schnellen Sätzen hinausweist. Für einen Augenblick scheint die festliche Oberfläche des Werkes nach innen gekehrt.
Zum besonderen Charakter des Werkes trägt die farbige Besetzung bei: Neben den Streichern verlangt Mozart zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner und zwei Trompeten. Das Instrumentarium entspricht damit in wesentlichen Punkten dem eines zeitgenössischen Opernorchesters und verleiht der Sinfonie einen ausgesprochen festlichen und theatralischen Klangcharakter. Diese Nähe zum Theater hat zu der Vermutung geführt, dass Mozart das Werk möglicherweise für einen szenischen Zusammenhang komponierte, auch wenn sich der konkrete Anlass heute nicht mehr feststellen lässt.
Nahtlos schließt sich das Finale in EsDur an und nimmt die zuvor zurückgenommene Energie unmittelbar wieder auf. Im tänzerisch-drängenden Dreiertakt gewinnt die Musik neue Beweglichkeit; die Instrumentengruppen treten in einen lebhaften Austausch und treiben das musikalische Geschehen immer weiter voran. Dabei bewahrt Mozart auch hier seine Vorliebe für Überraschungen: Kleine Verschiebungen, unerwartete Akzente und rasche motivische Wechsel verhindern, dass
Dass die Sinfonie später tatsächlich Teil einer Bühnenaufführung war, ist hingegen belegt: Die Böhm’sche Wandertruppe verwendete KV 184 spätestens ab etwa 1785 als Ouvertüre zu Karl Martin Plümickes Schauspiel „Lanassa“ und verband die Aufführung mit Musik aus Mozarts „Thamos, König
5
in Ägypten“ KV 345. Ende September 1790 wurde „Lanassa“ im Rahmen der Frankfurter Krönungsfeierlichkeiten in Anwesenheit Mozarts aufgeführt. Mozart komponierte mit KV 184 eine Sinfonie, die ganz aus sich selbst heraus wirkt und zugleich eine unverkennbare Bühnenwirksamkeit entfaltet. So erscheint die Komposition heute als ein Werk zwischen Sinfonie und Ouvertüre, zwischen Konzertsaal und Bühne – und prädestiniert es als Auftakt für ein Sinfoniekonzert. Gerade diese Offenheit prägt ihre Wirkung: Mozart verbindet unterschiedliche musikalische Vorstellungen mit einer Selbstverständlichkeit, die den Satz zugleich geschlossen und überraschend wandlungsfähig erscheinen lässt. Seine Wirkung entsteht nicht durch große Dimensionen, sondern durch die Prägnanz und Konsequenz, mit der er musikalische Gedanken entwickelt, kontrastiert und verwandelt. Dass hinter dieser erstaunlichen kompositorischen Souveränität ein noch sehr junger Komponist steht, macht das Werk zu einem besonders eindrucksvollen Beispiel jener außergewöhnlichen Begabung, die Mozart schon früh zum Wunderkind werden ließ. Eine kleine Sinfonie ist sie nur ihrem Umfang nach.
6
7
ERICH WOLFGANG KORNGOLD: VIOLINKONZERT D-DUR OP. 35
„Das Konzert ist eher für einen Caruso als für einen Paganini konzipiert.“ Mit diesen Worten charakterisierte Erich Wolfgang Korngold sein Violinkonzert D-Dur op. 35, das 1947 von Jascha Heifetz in St. Louis uraufgeführt wurde. Der Vergleich mit dem berühmten italienischen Tenor, Enrico Caruso, bringt eine wesentliche Eigenschaft des Werkes auf den Punkt: Die Violine steht ganz im Zeichen des Gesangs. Ihre weit ausschwingenden melodischen Linien und ihr expressiver Ton bilden das Zentrum,
während die virtuosen Anforderungen ganz in den Dienst dieser gesanglichen Gestaltung treten. Als Korngold das Violinkonzert schrieb, blickte er bereits auf eine außergewöhnliche musikalische Laufbahn zurück. Schon in jungen Jahren als Wunderkind gefeiert und von Persönlichkeiten wie Gustav Mahler und Richard Strauss gefördert, hatte er mit der
8
Oper „Die tote Stadt“ 1920 seinen internationalen Durchbruch erlebt und sich früh als einer der erfolgreichsten Komponisten seiner Generation etabliert. Die politische Entwicklung in Europa zwang ihn schließlich zur Emigration in die Vereinigten Staaten, wo er in Hollywood eine zweite, ebenso erfolgreiche Karriere begann. Die Filmmusik wurde dort zu einem wichtigen Wirkungsfeld, das sein späteres Schaffen nachhaltig prägte.
einer farbigen, harmonisch erweiterten spätromantischen Klangsprache. Erweiterte Sept- und Nonakkorde, chromatische Wendungen und stellenweise Ganztonbildungen verleihen der Musik eine schillernde, teils impressionistisch anmutende Klangfarbe. Lyrische Abschnitte wechseln mit virtuosen Passagen, wobei die technische Brillanz stets der melodischen Gestaltung und dem Ausdruck untergeordnet bleibt. Der zweite Satz, Romance, bildet den Ruhepunkt des Konzerts. Erneut greift Korngold auf eigene Filmmusikthemen zurück: Das innige Hauptthema entstammt „Anthony Adverse“ (1936, „Ein rastloses Leben“). Die ausgedehnte Melodie wird von einem transparenten, farbenreichen Orchester getragen; Harfe, Celesta und Vibraphon verleihen dem Satz eine besondere Klanglichkeit. Im Mittelteil verdunkelt sich die Atmosphäre, bevor die Musik zu ihrem ursprünglichen Ausdruck zurückfindet. Auch hier steht die Violine ganz im Zeichen der Gesanglichkeit.
Auch das Violinkonzert nahm während seiner Jahre in Hollywood Gestalt an. Auf Anregung des Geigers Bronisław Huberman hatte Korngold bereits 19371939 erste Entwürfe angefertigt, bevor er das Projekt 1945 wieder aufnahm und vollendete. Dabei griff er auf eigenes thematisches Material aus seinen Filmmusiken zurück und formte es für den neuen musikalischen Zusammenhang um. Wie diese charakteristischen Merkmale im Konzert Gestalt annehmen, zeigt bereits der erste Satz, Moderato nobile. Hier wird die Violine unmittelbar zum Träger des musikalischen Geschehens. Das weit gespannte Hauptthema stammt aus „Another Dawn“ (1937, „Flammende Nächte“), während das Seitenthema auf Material aus „Juarez“ (1939) zurückgeht. Eine expressive Melodik entfaltet sich vor dem Hintergrund
Im Finale verändert sich der Charakter grundlegend. Tänzerische Energie und hohe virtuose Beweglichkeit bestimmen den Satz. Das aus „The Prince and the Pauper“ (1937, „Der Prinz und der Bettelknabe“) stammende thematische Material wird in immer neuen Zusammenhängen verarbeitet und gewinnt
9
dadurch eine eigenständige musikalische Funktion. Die Solovioline bewegt sich häufig in hoher Lage und verlangt vom Interpreten große technische Präzision, während Korngold die Virtuosität eng mit der orchestralen Farbigkeit verbindet. Mit Schwung und zunehmender Intensität führt das Finale effektvoll zum Abschluss.
ren und neue Klangideale durchgesetzt hatten. Hinzu kam das geringe Ansehen der Filmmusik, die vielfach noch als Gebrauchsmusik und damit als weniger anspruchsvolle Form musikalischer Kunst betrachtet wurde. Gerade hier liegt jedoch eine wichtige Besonderheit von Korngolds Werk: Er hatte die Möglichkeiten der Filmmusik selbst entscheidend erweitert und sie mit einer sinfonisch gedachten, leitmotivisch strukturierten und orchestral differenzierten Kompositionsweise zu einer eigenständigen musikalischen Kunstform entwickelt.
Die Uraufführung am 15. Februar 1947 in St. Louis wurde vom Publikum begeistert aufgenommen und geriet für Korngold zu einem großen Erfolg. Die Reaktionen der Kritik fielen bei den nachfolgenden Aufführungen jedoch deutlich zurückhaltender aus. Besonders in New York begegneten einige Kritiker dem Werk mit Skepsis. Olin Downes bezeichnete es in der „New York Times“ abschätzig als „Hollywood Concerto“ und kritisierte die vermeintlich sentimentale Melodik sowie die aus seiner Sicht mangelnde Originalität. Auch Irving Kolodin von der „New York Sun“ äußerte sich ablehnend und versah das Konzert mit dem spöttischen Bonmot „more corn than gold“.
Auch die Verwendung von Filmmusik im Violinkonzert erscheint vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht. Korngold übernahm seine Filmmelodien nicht einfach als Reminiszenzen an frühere Erfolge, sondern integrierte sie in eine neue konzertante Dramaturgie. Aus Themen, die ursprünglich mit bestimmten Filmbildern verbunden waren, wurden Bestandteile eines eigenständigen musikalischen Zusammenhangs. Zugleich lässt sich die Entstehungsgeschichte nicht schlicht als Weg vom Film zum Konzert verstehen: Einige Themen gehen auf frühe Skizzen des Violinkonzerts zurück oder entstanden in engem zeitlichem Zusammenhang mit den jeweiligen Filmarbeiten. Die Grenzen zwischen beiden Bereichen waren für Korngold also weniger fest, als es die spätere Rezeption vermuten ließ.
Solche Urteile standen nicht zuletzt im Zeichen der ästhetischen Umbrüche der Nachkriegszeit. Korngolds spätromantische Tonsprache, seine weit ausschwingenden Melodien und die üppige Orchestrierung entsprachen nur bedingt den Vorstellungen einer Musikwelt, in der sich längst modernistische Verfah-
10
Gerade darin liegt eine besondere Qualität des Violinkonzerts. In ihm verbindet sich die melodische Weite und klangliche Opulenz, die Korngolds Musik schon in seinen europäischen Jahren prägten, mit der Souveränität eines inzwischen international erfolgreichen Komponisten. Seine Jahre in Hollywood markieren dabei keinen stilistischen Neubeginn: Auch seine Filmmusik schrieb Korngold in jener Tonsprache, die er bereits lange zuvor in Europa entwickelt hatte. Im Violinkonzert erscheint diese über Jahrzehnte gewachsene Sprache in besonders konzentrierter Form – eine Entwicklung, die ihren Ausgangspunkt in der außergewöhnlichen Begabung des einstigen Wunderkinds hat. Dass das Konzert lange Zeit vor allem mit Hollywood in Verbindung gebracht wurde, sagt daher vielleicht mehr über die ästhetischen Maßstäbe seiner Zeit als über das Werk selbst. Was manchen Zeitgenossen als anachronistisch oder allzu populär erschien, hat sich längst von diesen abschätzigen Urteilen gelöst. Heute gehört das Violinkonzert zu den meistgespielten Werken seines Genres und ist fest im Repertoire verankert. Korngold schrieb keine Musik gegen seine Zeit – er schrieb Musik, die nur von ihm so klingen konnte.
11
FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY: 3. SINFONIE A-MOLL OP. 56, „SCHOTTISCHE SINFONIE“
12
„Ich glaube, ich habe heut da den Anfang meiner [...] Symphonie gefunden.“ Felix Mendelssohn Bartholdy schrieb diesen Satz am 30. Juli 1829 an seine Familie, nachdem er in Edinburgh die Ruinen der Kapelle von Holyrood Palace besucht hatte. „In der tiefen Dämmerung“ war er zu dem Palast gegangen, „wo Königin Maria gelebt und geliebt hat“. Die Kapelle war dachlos, Gras und Efeu wuchsen zwischen den Mauern, alles war „zerbrochen, morsch und der heitere Himmel [schien] hinein“. Der zwanzigjährige Komponist befand sich damals auf einer Bildungsreise durch Schottland. Noch am selben Tag notierte er sechzehn Takte – den musikalischen Keim dessen, was mehr als zwölf Jahre später seine dritte Sinfonie werden sollte.
die Drucklegung. Die 1843 erschienene Partitur stellt die von ihm zuletzt autorisierte Fassung dar. Schon die Entstehungsgeschichte macht deutlich, dass die „Schottische“ weit mehr ist als die musikalische Erinnerung an eine Reise. Der Eindruck von Holyrood gab den entscheidenden Anstoß, doch Mendelssohn übersetzt weder eine konkrete Landschaft in Musik noch erzählt er eine historische Episode. Schottland erscheint vielmehr als atmosphärischer Ausgangspunkt: als Erinnerung an einen Ort, an dem sich Natur, Geschichte und ein Gefühl der Vergänglichkeit verbinden. Auch der Beiname „Schottische“ sollte daher nicht zu wörtlich verstanden werden. Mendelssohn selbst verwendete diese Bezeichnung nicht, ebenso wenig ist sie bei seinen Zeitgenossen nachweisbar. Veröffentlicht wurde das Werk vielmehr als Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56. Die Bezeichnung „Schottische“ setzte sich erst nach Mendelssohns Tod als geläufiger Beiname der Sinfonie durch. Musikalisch verweist die Komposition denn auch weniger auf konkrete schottische Volksmelodien als auf Eindrücke und Stimmungen, die Mendelssohn mit dem Land verband.
Der Weg von diesen sechzehn Takten zur fertigen Sinfonie war allerdings lang. Erst 1841 nahm Mendelssohn die Arbeit wieder intensiv auf. In der Zwischenzeit hatte sich seine musikalische Sprache weiter entfaltet; nun konnte der Komponist den frühen Eindruck der schottischen Reise zu einer weit größeren kompositorischen Form ausarbeiten. Am 20. Januar 1842 vollendete er die Partitur in Berlin; am 3. März dirigierte er die Uraufführung im Leipziger Gewandhaus. Später überarbeitete Mendelssohn das Werk zunächst für weitere Aufführungen und nochmals für
Der erste Satz, Andante con moto – Allegro un poco agitato, beginnt mit einer ungewöhnlich dunklen Klangge-
13
14
15
stalt: Oboen und Bratschen führen das bereits 1829 entstandene Thema vor. Erst allmählich gewinnt die Musik an Bewegung und Spannung, bis aus dem zurückgenommenen Beginn eine dramatisch aufgeladene Klangwelt entsteht. Die Musik wechselt dabei zwischen verhaltener Innigkeit und kraftvoller Steigerung; dabei entsteht eine Atmosphäre, in der Assoziationen an Nebel, Wind oder eine raue Landschaft anklingen mögen – nicht als konkrete Vertonung, sondern als Wirkung von Harmonik, Rhythmus und Klangfarbe.
Darüber halten Klarinetten und Fagotte ruhige, lange Klänge. Aus dem Zusammenspiel von gesanglicher Linie, gezupfter Bewegung und gehaltenem Klang entsteht die eigentümlich transparente und schwebende Atmosphäre des Satzes. Diese Innigkeit hat immer wieder zu einer Verbindung mit der literarischen Welt Walter Scotts angeregt, die das romantische Bild Schottlands nachhaltig geprägt hat. Ein konkretes Programm lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Wie bereits die vorangegangenen Sätze, geht auch das Finale ohne Pause aus dem vorhergehenden Satz hervor (der zweite und dritte Satz sind darüber hinaus durch eine Modulation unmittelbar miteinander verbunden). Aus der zurückgenommenen Klangwelt des dritten Satzes mündet das Allegro vivacissimo in eine von kriegerischer Unruhe geprägte Musik. Im abschließenden Allegro maestoso assai weicht die kämpferische Spannung einer feierlichen, hymnischen Geste, die als Dankgebet gedeutet werden kann und schließlich aus dem a-Moll des Beginns ins strahlende A-Dur führt.
Dann folgt mit dem Vivace non troppo ein überraschender Perspektivwechsel. Die Schwere des ersten Satzes weicht tänzerischer Beweglichkeit. Der als Scherzo fungierende Satz kann mit seiner pentatonisch geprägten Klarinettenmelodie und den charakteristischen punktierten Rhythmen Assoziationen an schottische Tanzmusik wecken; die Klanggestalt lässt dabei auch an Dudelsackmusik denken. Eine konkrete Volksmelodie zitiert Mendelssohn dabei jedoch nicht. Ihn interessiert weniger das folkloristische Dokument selbst als vielmehr die musikalische Stimmung, die damit verbunden ist.
Die Uraufführung am 3. März 1842 im Leipziger Gewandhaus wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Auch die zeitgenössische Kritik reagierte auf die ungewöhnliche Anlage der Sinfonie. Die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ hob den nahtlosen Übergang der vier
Das Adagio führt in eine ruhigere, nach innen gekehrte Welt. Die 1. Violinen entfalten eine weit gespannte, kantable Melodie, während die übrigen Streicher sie mit leisen Pizzicato-Achteln begleiten.
16
Sätze hervor, während die „Neue Zeitschrift für Musik“ gerade diese Neuerung skeptischer beurteilte. Bei der Londoner Aufführung im Juni 1842 unter Mendelssohns eigener Leitung setzte sich der Erfolg fort und bestätigte die große Resonanz, die das Werk auch außerhalb Leipzigs fand. Gerade die unterschiedlichen Reaktionen auf die formale Anlage machen deutlich, wie eigenständig Mendelssohn mit der sinfonischen Tradition umging. Er verbindet die vier Sätze zu einem übergreifenden musikalischen Verlauf, ohne ihre unterschiedlichen Charaktere aufzuheben. Formale Klarheit, motivische Verknüpfung und eine fein differenzierte Orchesterbehandlung greifen ineinander und verleihen dem Werk seine besondere Geschlossenheit. So entsteht eine sinfonische Sprache, die zugleich traditionsbewusst und unverkennbar persönlich ist. Dass Mendelssohn diese Souveränität bereits in jungen Jahren entwickelte, gehört zu den bemerkenswertesten Aspekten seiner Biografie. Schon früh erwies er sich als musikalisches Wunderkind. In der „Schottischen“ ist diese außergewöhnliche Reife längst zu einer persönlichen künstlerischen Sprache geworden. Was 1829 in den Ruinen von Holyrood als flüchtiger musikalischer Einfall begann, gewinnt in der fertigen Sinfonie eine Ausdruckskraft, die weit über den konkreten Ort hinausweist.
17
Flöte Claudia Otto Rosalie Tietz
DAS PHILHARMONISCHE MIT GMD FLORIAN CSIZMADIA
Oboe Julia Hoffmann Clemens Teutschbein Klarinette László Sándor Tom Wendt Inken Grabinski Fagott Jörg Thieme Emiko Kaneda Horn Nikolas Pritzkat Telus Garolea Georgel Gradinaru Annette Dieterle Trompete José Ángel Toscano Fernández Andreas Dümmler Posaune Carsten Bartel Pauke Hsiao-Hung Lee Schlagzeug Matthias Suter Eri Hasemi-Nishizawa Harfe Ivan Cervantes
18
ORCHESTER VORPOMMERN
1. Violine Julius Maier Martina Röthig Daniela Besthorn Oliver Brien Elena Dimitrov Gundula Dümmler Akino Sakamoto Yu-Thin Huang Karlis Norde Filippo Tesini 2. Violine Elias Schödel Yu-Ching Huang Claire Weatherhead Hiroaki Takagi Smaranda Doß Paul Neugebauer Elena Bonandrini Siwon Choi Viola Germán de Evan de Marcos Wei-Chin Hsu Mert Uygar Kurtcu Stefan Fiedler Zhixuan Fu Friederike Schumann Violoncello Josua Petersen Gregor Szramek Romane Montoux-Mie Sophie Walter Kontrabass Christoph Uhland Yuki Tanabe Imki Niemeier Orchesterwarte Frank Schumann Alexander Elsner Orchestermanager David Pérez Anido
19
VORSCHAU
3. PHILHARMONISCHES KONZERT Jean Sibelius: Orchesterlieder Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 3 d-Moll Solistin: Sam Taskinen, Bassbariton Philharmonisches Orchester Vorpommern Dirigent: GMD Florian Csizmadia Öffentliche Generalprobe Mo 02.11.2026 / 19.00 Uhr Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal Konzerte Di 03.11.2026 / 19.30 Uhr Greifswald: Stadthalle / Kaisersaal Mi 04. & Do 05.11.2026 / 19.30 Uhr Stralsund: Großes Haus
Impressum Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH Stralsund – Greifswald – Putbus Spielzeit 2026/27 Geschäftsführung: André Kretzschmar Künstlerische Leitung: Rolf C. Hemke
Redaktion: Stephanie Langenberg Gestaltung: Öffentlichkeitsarbeit TVP / Marie-Louise Bartels 1. Auflage: 500 Druck: Flyeralarm www.theater-vorpommern.de
Textnachweise: Die Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft von Stephanie Langenberg. Die Zitate auf U1 & Umschlag außen stammen aus der Novelle „Das Wunderkind“ von Thomas Mann. Bildnachweise: Cover & S. 3: Tassilo Probst, Foto: Arlet Ulfers/Michael Herdlein; S. 6/7: „Blick vom Mönchsberg auf die Festung Hohensalzburg und auf die Salzburger Altstadt“, Foto: Taxiarchos228, 2011; S. 8: Rückansicht des HollywoodSchriftzugs mit Blick auf Hollywoodland und Hollywood, Michael E. Arth, 2019; S. 11: Capitol Records Building, Los Angeles, Foto: Wikimedia Commons, 2005; S. 12: Neist Point Lighthouse, Isle of Sky, Foto: FrankyFromGermany, 2014; S. 14/15: Die Ruinen der ehemaligen Klosterkirche der Holyrood Abbey, Foto: Laszlo Ilyes, 2007; S. 17: Holyrood Abbey, Foto: WolfBlur, 2016; S. 18/19: Das Philharmonische Orchester Vorpommern, Foto: Peter van Heesen, 2026; S. 20: Sam Taskinen, Foto: Paul Bougnotteau.
Es wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die Universitäts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-Rügen
21
Es wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.
„Wir sind alle Wunderkinder, wir Schaffenden.“ Thomas Mann
Theater Vorpommern Stralsund – Greifswald – Putbus www.theater-vorpommern.de