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An dieser Stelle schaue ich ja ganz gerne unter die Haube der journalistischen Maschinerie – diesmal auf Basis meiner Erfahrungen beim Eurovision Song Contest, der zum Redaktionsschluss nur kurze Zeit zurückliegt. Wie all jene wissen, die eines der größten TV-Events des Jahres auch mal live erleben wollten und deshalb um Karten für die einzelnen Termine rangen, gab es vor jeder der drei Liveübertragungen mehrere Dress Rehearsals. Was vermutlich weniger Menschen wissen: Die jeweils erste Probe jedes (Semi-)Finales fand unter Ausschluss der zahlenden Ö entlichkeit statt. Stattdessen durften Medienvertreter*innen auf der Tribüne Platz nehmen und in vergleichsweise kleinem Kreis den ersten voll kostümierten Durchlauf der Shows bestaunen.
Nun bin ich ja erklärter ESC-Fan sowie Verteidiger davon, dass man als Kulturjournalist*in die eigene Perspektive durchaus nicht verstecken, sondern vielmehr thematisieren sollte. Denn wem bringt es etwas, wenn ich so tue, als ließe mich ein Film, eine Band, eine Inszenierung, ein Kunstwerk kalt? Was ist der Mehrwert davon, gerade jene Aspekte von Kultur zu ignorieren, die diese im Kern so bedeutsam machen? Wenn man als Kritiker*in Fan von etwas ist, darf – und sollte – man das meiner Meinung nach in die eigenen Analysen einfließen lassen.
Den Umstand, dass ich ESC-Fan bin, ließ ich in der Vergangenheit auch schon des Öfteren durchblitzen. Gelinde gesagt. Doch als ich da in der Probe fürs Semifinale saß und um mich herum einzelne Gruppen von Kolleg*innen bei bestimmten Acts lauthals jubelten und bei anderen höchstens höflich applaudierten, begann sich in mir ein merkwürdiges Unwohlsein breitzumachen. Irgendetwas stieß mir da komisch auf. Vielleicht war es die o en zur Schau gestellte Parteilichkeit. Vielleicht war es die Tatsache, dass in der Vorbereitung eines Bewerbs nur manche der teilnehmenden Acts in den Genuss dieses Zuspruchs kamen. Vielleicht wurde hier selbst für mich der Anschein einer journalistischen Objektivität zu stark irritiert. Und vielleicht war es auch nur mein verletzter Berufsstolz. Denn neben so arrivierten Institutionen wie The Gap fanden sich auch eine Vielzahl von Vertreter*innen sogenannter Fanmedien – von Blogger*innen über Podcaster*innen bis hin zu Influencer*innen – im Pressepool. Diese haben natürlich einen völlig anderen Blick auf den Song Contest, als es selbst ein nischiges österreichisches Popkulturmagazin hat. Doch inwiefern dieser Blick noch ein journalistischer ist, darf fallweise getrost hinterfragt werden. Was im Übrigen nicht heißen soll, dass diese Perspektiven nicht auch ihren Wert haben. Aber auf den Rängen der Wiener Stadthalle wurde mir dann doch mal wieder bewusst, was verloren ginge, sollte die mühsam aufgebaute kritische Distanz der traditionellen Medien irgendwann gänzlich solch einer distanzlosen, algorithmisch getriebenen A ektivität weichen.

Bernhard Frena Chefredakteur • frena@thegap.at
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Manuel Fronhofer, Thomas Heher
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Gestaltung
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Autor*innen dieser Ausgabe
Luise Aymar, Barbara Fohringer, Loma Gerner, Ania Gleich, Simon Graser, Johanna T. Hellmich, Jannik Hiddeßen, Tobias Natter, Petra Ortner, Dominik Oswald, Simon Pfeifer, Nico Rottenbücher, Helene Slancar, Jana Wachtmann, Stefan Weinöhrl, Sarah Wetzlmayr
Kolumnist*innen
Josef Jöchl, Toni Patzak, Christoph Prenner
Fotograf*innen dieser Ausgabe
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Coverillustration
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Lektorat
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Die Redaktion von The Gap ist dem Ehrenkodex des Österreichischen Presserates verpflichtet.
010
Perspektiven auf Religion und Queerness
016Wenn Institutionen versagen
Über die Notwendigkeit
queerer Communityarbeit
020Unter Sapphos Töchtern
Lesbische Bars als Orte des Widerstands
024Mehr als nur Freiluftparty
Wie Festivals Erfahrungsräume bauen
028Zwischen UK-Sound und Wienerlied Hip-Hop made in Vienna: Suki
032»Haneke würde vielleicht sagen, dass ich eine Vollidiotin bin« Filmemacherin Vivian Bausch im Porträt



LGBTQIA* Über queere Communitys, queere Orte und queere Spiritualität
003 Editorial/Impressum
006 Comics aus Österreich: Carli Fridolin Biller
014 Golden Frame
034 Literatur: Schule für Dichtung Wien
038 Gewinnen
039 Rezensionen
044 Termine
008 Gender Gap: Toni Patzak
052 Screen Lights: Christoph Prenner
058 Sex and the Lugner City: Josef Jöchl
Nico Rottenbücher
Unseren Redakteur Nico muss schon eine ganz besondere Liebe zu Eiscreme umtreiben. Nach eigenen Angaben verbringt er nämlich nicht nur sehr viel Zeit damit, immer neue Salons aufzusuchen und deren Sortenvielfalt zu verkosten, nein, er führt auch akribisch Tagebuch über diese köstlichen, kühlen Erlebnisse. Wer Tipps für diesen Sommer braucht, sollte sich also dringend bei ihm melden! Eine vergleichbare Liebe zum Detail beweist er auch in den Artikeln und Rezensionen, die er seit Kurzem zu The Gap beisteuert.
Rund dreißig Jahre ist Petra nun schon als Musikjournalistin aktiv, den größten Teil davon für das 2021 eingestellte Mostviertel Magazin. Dort hatte sie sogar eine eigene Musikkolumne. Nun ist sie als freie Journalistin bei einer Reihe von Medien tätig – seit letzter Ausgabe auch bei uns. Musik ist und bleibt dabei ihr großes Lieblingsthema, und da geht für sie so ziemlich alles: von Punk, Metal, Industrial und Rock über Blues, Reggae, Jazz und Electronic bis hin zu richtig alter, traditioneller Volksmusik.






















6 Ausgaben um nur € 19,97
Aboprämie: Oska »Refined Believer« (CD)
Ihr mögt uns und das, was wir schreiben?


Und ihr habt knapp € 20 übrig für unabhängigen Popkulturjournalismus, der seit 1997 Kulturscha en aus und in Österreich begleitet?
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Auf unserer Seite 6 zeigen Comickünstler*innen aus Österreich, was sie können. Diesmal informiert uns Carli Fridolin Biller über praxisnahe Messgrößen. ———— Vollformatige Comicseiten ohne Unterteilung in einzelne Panels haben eine lange Geschichte hinter sich. In gewisser Weise zählen sie mit zu den ältesten Spielformen des Mediums. Serien wie »The Yellow Kid« erö neten bereits im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert die sogenannten Sunday Funnies immer wieder mit ganzseitigen Tableaus, die ein gleichzeitiges Gewusel unterschiedlichster Figuren und Handlungsstränge zeigen konnten. Später etablierten Superheld*innencomics dann in den 1940ern Splashpages, die meist auf einer Doppelseite eine grafisch und künstlerisch imposante Momentaufnahme boten. Und mit dem explosionsartigen Aufstieg von Webcomics in den Nullerjahren, verbreitete sich auch das Format des einseitigen Infocomics rasant – das Carli Fridolin Biller nebenan ad absurdum führt.
Information Proliferation
Einseitige Comics unterscheiden sich dabei in ihrer Wirkung markant von ihren durchorganisierten Verwandten. Ohne Panels geht die strikte Ordnung der Zeit verloren. Alles scheint in gewisser Weise gleichzeitig zu passieren. Zudem ist auch die Leserichtung oft weniger zwingend. Sicher, die Gewohnheit – in der westlichen Welt –, von links nach rechts und von oben nach unten zu lesen, verschwindet auch hier nicht vollständig. Aber es stellt sich doch eine ungewohnte leserische Freiheit ein, mit der alle Elemente der Seite viel aktiver in Bezug zueinander gesetzt werden können. Gerade dies macht wohl den Reiz von Infocomics aus, die es erlauben, komplexe Informationsverkettungen auf einen Blick darzulegen. Sei es der Fortpflanzungszyklus des Tiefsee-Anglerfisches (siehe »The Oatmeal«), die Strahlungsdosis von Bananen (siehe »XKCD«), die typischen Schlafpositionen von Pärchen (siehe »Chaos Life«) oder eben (un-)typische Messgrößen für alle Lebenslagen wie bei Carli Fridolin Biller.
Carli Fridolin Biller lebt, arbeitet und studiert in Wien. Billers künstlerische Praxis umfasst vor allem Ölmalerei, aber auch Siebdruck, Zeichnung und Illustration. Die Arbeiten spielen mit emotionaler und körperlicher Intimität, mit Queerness und Beziehungen sowie der Selbstverständlichkeit von Humor als Überlebensstrategie.
Die Rubrik »Comics aus Österreich« entsteht in Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft für Comics. www.oegec.com COMICS
- 23.08.2026
www.jazzsaalfelden.com
YVONNE MORIEL MARTA SANCHEZ QUINTET ZBIGNIEW
STEFANOVICH – DELL – LILLINGER – WESTERGAARD DON KA -
POT LAVA QUARTET INDUSTRIESALON DAUGHTERDAUGHTER
DARIUS JONES & OTOMO YOSHIHIDE QUINTET KOENIGLOLLIPOP
CHICAGO UNDERGROUND DUO YE OLDE 2: AT THE END OF TIME
THOUSAND LEAVES YEAH NO CHRISTOPH CECH & OENM
SAUVAGES PARADIS WOBBLE8 KERAVEC/MAZUREK/KÖNIG
MEL*E TRUNK CALAMITY ALGOL
MARTA SANCHEZ SOLO AND MANY MORE …


Toni Patzak
hakt dort nach, wo es wehtut
Heirat, Haus, Kinder, Hund: Was für mich nach dem kürzestmöglichen Thriller klingt, ist für viele Menschen das absolute Lebensziel und gehört verfolgt sowie in dieser Reihenfolge erreicht. Je nach Klasse, Bildungsstand und Region mag diese Abfolge von Lebensetappen ein bisschen anders aussehen, aber der Grundton ist derselbe. So wird von mir erwartet: Studium, Abschluss, jemanden kennenlernen, arbeiten, zusammenziehen, schwanger werden, Kinder bekommen, in Mutterschutz gehen, Kotze wegwischen, vielleicht wieder Teilzeit beginnen oder ganz zu Hause bleiben (wenn man Glück hat), einen Hund holen (wenn man das will) oder eine Katze oder einen Goldfisch (für die Spießer), den Kindern beim Erwachsenwerden zuschauen und sich selbst dabei beobachten, wie man alt wird, dann irgendwann in die Pension gleiten und die Tage bis zum Tod zählen. Wenn diese Abfolge gestört ist oder nicht in der gewohnten Reihenfolge stattfindet, dann ist das komisch. So fällt es auf, wenn im Studium jemand neben mir sitzt, der Mitte sechzig ist und eventuell noch zwei Kinder hat, die genauso hier im Hörsaal sein könnten. Vielleicht wird man aber auch gleich aus der Schule heraus schwanger, muss in die Arbeitswelt, skippt das ganze Hausbauen-Goldfisch-und-so-weiter, um dann mit vierzig »seine Jugend nachzuholen«.
Die klar definierte und zur Norm erhobene Abfolge von Lebensetappen, nennt man Chrononormativität. Ja, furchtbar langes, grauslich akademisches Wort, aber eigentlich ganz klar: »Chrono« kommt vom griechischen Wort für Zeit und »normativ« bedeutet vorschreibend, wie etwas zu sein hat.
Wenn man aus dieser chrononormativen Vorstellung herausfällt oder sich, Gott bewahre, aktiv dafür entscheidet, bei diesem Spiel erst gar nicht mitzumachen, dann hat man ein Problem, dann kommt man nämlich mit den etablierten Regeln in Konflikt. Beispielsweise gelten
Tickets für Studis natürlich nur für jene unter 26, weil man danach ja schließlich schon fertig ausgebildet zu sein hat. Oder man entscheidet sich, erst mit Anfang dreißig aus dem elterlichen Haus auszuziehen, und kann dann tschüss sagen zum Wohnticket für Jungwiener*innen. In dessen Genuss dürfen nämlich nur all die wirklich jungen Menschen kommen.
Was aber, wenn man aufgrund der Beschaffenheit seiner Lebenssituation gar keine andere Wahl hat, als aus der chrononormativen Lebensvorstellung rauszufallen? Was ist, wenn man einen Elternteil pflegen muss und daher nicht ausziehen kann? Wenn man migriert ist und sich daher erst neues finanzielles und soziales Kapital aufbauen muss? Oder wenn man sich aufgrund von Krankheit oder individueller Probleme nicht in der »vorgesehenen« Zeit durch eine Lebensetappe schlängeln kann?
Keine Zeit für deine Zeit
Im Text »Against Chrononormativity: How May a Concept of Queer Time Challenge Traditional Ideas of Historical Progress?« argumentiert Izzie Atkinson, dass queere Menschen allein durch ihr Queer-Sein einer anderen Zeitvorstellung folgen. Deutlich zu sehen ist das bei trans, inter sowie gender-nonkonformen Kindern, bei denen die Politik die Chrononormativität festschreibt und somit vorgibt, wann diese wie zu pubertieren haben, ab wann sie in diesen Ablauf eingreifen dürfen und bis zu welchem Grad. Bei cis-queeren Paaren ist wiederum das traditionelle Bild von Ehe, Reproduktion und Co nicht gleichermaßen anwendbar und schwieriger zu erreichen als bei cis-hetero Paaren. Atkinsons Text beschreibt, dass queere Zeitvorstellungen ein Ausbrechen aus normativen Zeitvorstellungen bedeuten.
Das mag wohl stimmen, ich denke allerdings, dass es durchaus auch reicht, Ausländer*in zu sein. Migrant*innen stehen nämlich permanent
vor dem Dilemma, sich entweder neuen Normen zu fügen und somit die eigenen Kulturvorstellungen hinter sich zu lassen oder aber die herkunftskulturellen Vorstellungen beizubehalten und somit der Gefahr ausgesetzt zu sein, als nicht integriert wahrgenommen zu werden. Die bloße Existenz als Migrant*in destabilisiert die normative Zeiteinteilung.
Monochron vs. polychron
Hinzu kommen hier noch zwei weitere Konzepte: monochrone und polychrone Zeitvorstellungen. Mit viel Verallgemeinerung kann man euroamerikanische Kulturen grob als monochron und Kulturen des globalen Südens als polychron bezeichnen. Monochrone Zeit ist planbar und linear. Sie fokussiert sich auf Effizienz, Produktivität sowie auf das Fertigstellen einer angefangenen Aufgabe, bevor man zur nächsten übergeht. Polychrone Systeme verstehen Zeit hingegen als flexibel, als kontextabhängig. Die Gleichzeitigkeit von Dingen wird betont. Situationen strukturieren den Alltag stärker als fixe Zeitpläne und mehrere unvollständige Prozesse können nebeneinander laufen, ohne dass die einzelnen Aufgaben automatisch als gescheitert angesehen werden.
Um ein Zitat der Kulturwissenschaftlerin Donna Haraway abzuwandeln: Wir leben alle in derselben Ära, aber in unterschiedlichen Zeiten. Und weil mein Anthropologiestudium mir nur einen einzigen Bonus bringt – klugscheißen –, werde ich das nächste Mal, wenn mich jemand fragt, wieso ich noch immer im Master hänge, antworten, dass ich bei diesem chrononormativen Bullshit einfach nicht mitmache. Und auf die Frage, wieso ich mich immer verspäte, erwidere ich, dass ich halt stolz auf meine Kultur bin. patzak@thegap.at @tonilolasmile

40 Jahre eigenständig.

40 Jahre Landeshauptstadt sind mehr als ein Jubiläum. Ein Wendepunkt für ein eigenständiges Niederösterreich mit starken, vielfältigen Regionen.
Kunst und Kultur geben Niederösterreich Identität –mit einer Hauptstadt als verbindende Mitte des Landes. Über 3 Millionen Besucher, 20.000 Veranstaltungen und 30.700 Arbeitsplätze machen die Kultur zu einem zentralen Motor der regionalen Wertschöpfung – mit jährlich 1,35 Milliarden Euro. Hauptsache Niederösterreich.
Alle Infos finden Sie unter: www.hauptsache-noe.at
















































































Das Land mit Kunst und Kultur.




















Obwohl Religiosität oft als Widerspruch zu queerer Emanzipation gilt, leben zahlreiche Menschen beides gleichzeitig. Gläubige Queers und Vertreter*innen religiöser LGBTQIA*-Communitygruppen über ihre Erfahrungen zwischen persönlichem Glauben, religiösen Institutionen und queeren Lebensrealitäten. ———— Alle Jahre wieder … ist Pride Month. Während die Regenbogenparade freudig um den Ring zieht, liefern sich zeitgleich christliche Fundamentalist*innen mit Schildern wie »Familie = Vater, Mutter, Kinder« und queerfeministische Aktivist*innen mit Demosprüchen wie »Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat« einen Platzkampf in der Innenstadt. Wer queer und nicht gläubig, gläubig und nicht queer oder weder noch ist und jährlich nur solche Eindrücke vom Zusammentreffen von Religion und Queerness mitbekommt, könnte meinen, dass diese beiden Konzepte inhärent unvereinbar sind. Gott sei Dank (no pun intended) ist dem nicht so. An dieser Schnittstelle finden sich nicht nur religiös angehauchte Discohymnen wie Madonnas »Like a Prayer«, sondern auch queere Menschen verschiedenster Bekenntnisse sowie diverse Initiativen, die sich für deren Sichtbarkeit und Gleichberechtigung in religiösen Kontexten einsetzen.
Sichtbar bleiben
Claudia Marlen Schröder ist Obfrau von Queer Glauben Wien, einem Verein mit Sitz in der Türkis Rosa Lila Villa. 1990 unter dem Namen »Homosexualität und Kirche« gegründet, ist die Gruppe ökumenisch ausgerichtet. »Und das nicht nur zwischen den einzelnen christlichen Konfessionen. Es war von Anfang an klar, dass der Verein interreligiös gestaltet werden soll«, erzählt Schröder. So habe es etwa unter Lior Bar-Ami, dem ehemaligen Rabbiner von Or Chadasch, der einzigen progressiven jüdischen Gemeinde Österreichs, eine starke jüdische Beteiligung bei Queer Glauben Wien gegeben. Or Chadasch organisiert auch seit über zwanzig Jahren im Rahmen der Vienna Pride jährlich den »Pride Schabbat«. Seit der Europride 2019 findet zudem ein jährlicher ökumenischer »Pride Prayer« statt.
In einem Interview mit dem evangelischen Theologen Angelo Comino beschrieb Bar-Ami queer-jüdisches Leben als selbstverständlichen Teil der Gemeinde. Bei Or Chadasch sei seine Homosexualität nie ein Geheimnis gewesen: »Als liberale Gemeinde gehen wir mit der Zeit, legen das Judentum
»Egal, wie oder was ich bin, ich bin von Allah erschaffen und queer sein ist ein Teil, der in mir erschaffen wurde.«
— Vani, queere Muslimin
gemäß dem 21. Jahrhundert aus und heißen alle Jüdinnen und Juden, gleich welcher sexuellen Orientierung und Genderidentität, willkommen.«
Der Austausch mit Queer Glauben Wien sei jedoch seit Bar-Amis Umzug nach Berlin abgeflacht, so Schröder. Die langjährige Freund*innenschaft zwischen den beiden Organisationen bleibe aber natürlich bestehen. Auch queere Buddhist*innen seien eine Zeit lang zu den wöchentlichen Treffen gekommen – und irgendwann dann nicht mehr. Wie

Claudia Marlen Schröder, Queer Glauben Wien
sichtbar queeres Leben in verschiedenen Religionen sei, hänge oft stark vom Engagement einzelner Menschen ab, erzählt die QueerGlauben-Wien-Obfrau. Fallen diese weg, verschwinden mit ihnen oft auch die Räume, die sie aufgebaut haben. Das zeigt sich nicht zuletzt online: Keshet Österreich – benannt nach dem hebräischen Wort für Regenbogen – ist eine Vertretung queerer Jüd*innen. Auf Instagram findet man @keshet_at zwar noch, seit 2024 ist der Account allerdings nicht mehr aktiv.
Der anstrengende Einsatz für Sichtbarkeit kann jedoch durchaus zu nachhaltigen Veränderungen führen: Vor dreißig Jahren war Queer Glauben Wien etwa am Beschluss der Evangelischen Kirche beteiligt, in dem festgehalten wurde, dass diese sich »für eine zivilrechtliche Berücksichtigung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften und die Abschaffung bestehender Strafrechtsbestimmungen, welche Homosexuelle gegenüber Heterosexuellen diskriminieren«, einsetzen werde. »Meiner Meinung nach war das ein sehr progressiver Beschluss, dem ich auch heute immer noch Respekt zolle«, hält Schröder fest. Seit 2019 – anschließend an die Öffnung der standesamtlichen Ehe – sind in der evangelischen Kirche in Österreich auch kirchliche Trauungen und Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare möglich.
Nicht im Trend
So konnte auch Peter Gabriel seinen Mann Peter Pröglhöf heiraten. Beide sind evangelische Pfarrer und leben in Hallein, südlich von Salzburg. Beide sind Mitglied bei Evanqueer, einem Verein für queere Menschen in den evangelischen Kirchen Österreichs. Gabriel selbst ist einer von acht Pfarrer*innen, die über die Bundesländer verteilt als Seelsorgebeauftragte für queere Menschen und ihre Angehörigen im Einsatz sind. Er erzählt, dass die grundsätzlichen Fragen von Religion – nach dem Sinn des Lebens, wo alles herkommt, was nach dem Tod passiert – zwar weiterhin relevant seien, dass Religion aber im Moment überhaupt nicht im Trend liege. »Also Religion vielleicht schon, aber nicht Kirche. Die ist einfach out, eine veraltete Institution, und das sage auch ich als Pfarrer so.«
Diese Ansicht bestätigt sich im Gespräch mit queeren Gläubigen. Finn ist 24 Jahre alt und trans: »Ich habe das Glück, Teil einer sehr progressiv-liberalen Gemeinde zu sein. Deswegen würde ich aber nie sagen, ich supporte die Kirche als Ganzes.« Zeitweise habe er das Gefühl gehabt, seine Transidentität ließe sich mit seinem Glauben nicht vereinbaren: »Aber
»Die Kirche ist einfach out, eine veraltete Institution, und das sage auch ich als Pfarrer so.«
— Peter Gabriel

nicht, weil ich dachte, dass mich die Kirche ausschließt, weil ich trans bin.« Grund seien vielmehr seine Erlebnisse während eines Austauschjahrs in den USA gewesen. »Dort habe ich gesehen, was extremer Glaube kombiniert mit einer extremen Rechten hervorruft und wie viel Hass man damit rechtfertigen kann«, schildert er. Das habe ihn sehr an seinem Glauben und an Religion allgemein zweifeln lassen.
Zu diesen zurückgefunden habe er während seines Studiums, als er sich für ein evangelisches Stipendium beworben und im Motivationsschreiben all seine kritischen Gedanken geäußert habe. Das sei dort nicht negativ aufgefallen, so Finn. »Ich wurde eher gefragt: ›Okay, spannend, warum siehst du das so?‹« Religion sei für ihn aber nichts, das in seinem Alltag ständig sichtbar sei, sondern eher der Gedanke im Hintergrund, dass man nie tiefer fallen könne als in Gottes Hand. Oder, wenn man es auf andere Spiritualität übertrage: »Dass es immer noch etwas gibt, das einen im Leben trägt.«
Peter Gabriel meint, Religion könne eine Form von Spiritualität sein, würde aber letztlich nur in Gemeinschaft funktionieren. »Ich kann das nicht für mich allein leben. Aber so eine Gemeinschaft kann bereits eine Partnerschaft sein, eine Familie, ein Freundeskreis. Und das kann sich durchaus von der religiösen Institution unterscheiden.«
Sexy Saint Sebastian
Dass Religion und Queerness einander ausschließen müssten, ist ohnehin eher eine junge Vorstellung. Queere Lesarten religiöser Figuren und Geschichten gibt es seit Jahrhunderten in Kunst, Literatur und (Pop-) Kultur. Eine von ihnen ist der heilige Sebastian – halbnackt, von Pfeilen durchbohrt, leidend und gleichzeitig auffällig schön –, der seit Langem als schwule Ikone gilt und über Jahrhunderte zu den wenigen männlichen Aktdarstellungen gehörte, die kirchlich legitimiert waren. Renaissance-Maler*innen wie Guido Reni und Botticelli inszenierten ihn eindeutig erotisch, mit einem Lendenschurz, der aussieht, als würde er jeden Moment






der Schwerkraft nachgeben. Später griffen Künstler*innen wie Derek Jarman in seinem Film »Sebastiane« aus dem Jahr 1976 diese homoerotischen Untertöne explizit auf.

Peter
Gabriel, Evanqueer
Eine andere religiöse Figur, die zeitweise queer gelesen wird, ist Lilith, laut einigen jüdischen Traditionen die erste Frau Adams. Sie habe sich ihm nicht unterordnen wollen und wurde deshalb in feministischen sowie queeren Kontexten zur Symbolfigur für Selbstbestimmung und Widerstand gegen patriarchale Ordnung. Dass solche Interpretationen bis heute für Diskussionen sorgen, zeigte zuletzt auch die Gruppenausstellung »Du sollst dir ein Bild machen« im Künstlerhaus in Wien, in der christliche Ikonografie humorvoll und feministisch neu interpretiert wurde. Neben viel positivem Feedback, auch aus kirchlichen Kreisen, reagierten konservative Gruppen mit einer Petition gegen die angebliche »Gotteslästerung«.
Institution vs. Glaube
Solch konservative Auslegungen von Religion machen queeren Gläubigen den Umgang mit Institutionen oft nicht leicht. Besonders die katholische Kirche hinkt hier etwa den evangelischen Bekenntnissen deutlich hinterher. Erst kürzlich sprach sich der aktuelle Papst Leo XIV. gegen eine Segnung von homosexuellen Ehen aus. Der Katechismus
strotzt immer noch vor starrer Geschlechterideologie, offizielle Aussendungen warnen vor »Geschlechtertheorie« und »Geschlechtsumwandlungen«. Schwule Priester sind nach anonymen Berichten zwar zahlreich, aber selten out. All dies macht die Trennung von Institution und Glaube für viele Menschen sehr wichtig. »Wenn ich mich nur an der Kirche in Rom orientieren würde, wäre ich schon längst ausgetreten«, erzählt Teresa. Sie ist 28 Jahre alt, queer und kommt aus Oberösterreich. Dort war sie in der römisch-katholischen Kirche sehr aktiv, unter anderem im Pfarrgemeinderat und fünfzehn Jahre als Ministrantin. Es sei damals ein wichtiger sozialer Aspekt ihres Lebens gewesen – alle würden sich dort kennen und man sei eine Gemeinschaft. Seit sie in Wien lebt, seien ihre Freund*innen vorrangig queer, Glaube sei kaum Thema. Umgekehrt spreche man in ihrer Gemeinde aber auch nicht über Queerness: »In diesem Setting bin ich dann gefühlt einfach nicht queer.« Ein Umstand, den sie aber ändern möchte. Sie wolle beides stärker verbinden, denn »von dieser Trennung wird mir manchmal ein bisschen schwindelig«. Jesus sei für sie einer ihrer zentralen Anhaltspunkte bei Fragen, wie sie handeln, wer sie sein und wo sie sich positionieren möchte. Bei politischen Diskussionen oder wenn es darum gehe, diskriminierendes Verhalten anzusprechen, würde er ihr helfen, Stellung zu beziehen. »Ich fühle mich dann weniger unsicher, weniger allein und auch irgendwie beschützt«, führt sie aus.

auch die Grundidee der Regenbogenpastoral. Solange es nicht selbstverständlich sei, die Bedürfnisse von Menschen ernst zu nehmen, unabhängig davon, wen sie lieben oder wer sie sind, müsse man dafür einstehen.
»Ist das nicht voll verboten?«
Mehr Akzeptanz wünscht sich auch Vani, »innerhalb und außerhalb der Community, im religiösen und im gesellschaftlichen Setting«. Sie ist Muslimin und queer. Dass Queerness und Islam zusammengehen, sei für viele Menschen noch immer schwer vorstellbar, erzählt sie. Wenn sie erwähne, dass sie queer und muslimisch sei, kämen gleich darauf häufig Fragen wie: »Geht das überhaupt? Ist das nicht voll verboten?« Mit ein Grund für diese Annahmen sei laut Vani der mediale Fokus auf extremistische Formen des Islams. Die eigentliche Ausgrenzung, die sie spüre, gehe
»Die Bibeltexte sprechen von Jesus als Mensch, der sich für marginalisierte Gruppen einsetzt.«
— Magdalena Weigl
Auch Magdalena Weigl, Teamleiterin der Katholischen Jugend Österreich und Mitglied im Leitungsteam der Regenbogenpastoral, sieht das ähnlich: »Die Bibeltexte sprechen von Jesus als Mensch, der sich für marginalisierte Gruppen einsetzt. Zu einer marginalisierten Gruppe zu gehören, liegt nie an den Menschen selbst, sondern immer daran, dass andere Gruppen der Gesellschaft ausschließend handeln.« Jesus habe sich immer für das eingesetzt, was er für richtig hielt. Das sei
für sie weniger vom Glauben selbst aus als von gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, wie Muslim*innen zu sein hätten. Deshalb habe sie sich oft fehl am Platz gefühlt und aus Selbstschutz in muslimischen Räumen ihre Queerness und in queeren Räumen wiederum ihren Glauben versteckt.
Wie andere Religionen ist eben auch der Islam nicht monolithisch – religiöse Texte erklären sich nicht von selbst, sie müssen verstanden, interpretiert, ausgelegt werden.
Der Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr verweist etwa auf die Geschichte des Propheten Lot, die häufig als religiöses Argument gegen Homosexualität angeführt wird. Tatsächlich gehe es darin aber weniger um gleichgeschlechtliche Liebe als um Machtmissbrauch und versuchte Vergewaltigung, argumentiert Mohr. Und da der Begriff »Homosexualität« aus dem 19. Jahrhundert stamme, ließen sich weder in Koran noch Bibel Begriffe finden, die eindeutig damit zu übersetzen sind.
Für Vani sei ihr Glaube jedenfalls kein Widerspruch zu ihrer Queerness, sondern vielmehr etwas, das ihr Halt gebe. Je mehr sie sich selbst mit dem Koran beschäftigt habe, desto mehr habe sie das verstanden: »Egal, wie oder was ich bin, ich bin von Allah erschaffen und queer sein ist ein Teil, der in mir erschaffen wurde.« Dank dieser Erkenntnis habe sie auch eine Community gefunden – muslimisch und interreligiös – und Events wie Klub Halal für sich entdeckt.
Kein Entweder-oder
Sicher, reaktionäre und konservative Kräfte gibt es wohl in jeder Religion – allzu häufig an deren Spitze. Doch egal ob auf der Regenbogenparade, in der Synagoge, Kirche oder Moschee, auch queer-religiöse Räume gibt es längst, selbst wenn sie oft wie ein Widerspruch behandelt werden. Womöglich, weil sie sich nicht so leicht in jene Schubladen stecken lassen, in denen gesellschaftlich gerne über Religion und Queerness gedacht wird. Weder die Vorstellung der ausschließlich queerfeindlichen Religion noch die Idee eines völlig konfliktfreien queeren Glaubens greifen wirklich. Dass Religion und Queerness gleichzeitig existieren können, heißt aber nicht, dass diese Spannungen dazwischen verschwunden wären, sondern oft nur, dass Menschen trotz dieser Spannungen Wege finden, beides zu leben. Vielleicht liegt die größte Herausforderung für queere Gläubige gerade darin, sich weder von religiösen Institutionen noch von säkularen Erwartungen vollständig vereinnahmen zu lassen. Die Frage ist deshalb vielleicht nicht, ob Queerness und Religion zusammenpassen, sondern warum sich so viele Menschen nicht vorstellen können, dass sie es tun.
Simon Pfeifer
Queer Glauben Wien hält regelmäßig Tre en in der Türkis Rosa Lila Villa ab. Nähere Informationen unter www.queerglauben.at. Nächste Termine des Klub Halal finden sich auf Instagram: @klubhalal.


Im Rahmen einer Residency in Wien stellt die ugandische Künstlerin Nabukenya Allen im Theseustempel im Wiener Volksgarten ihre Installation »Kiteezi« aus, die sich mit dem globalen Netzwerk aus Mode, Müll und Menschen beschäftigt. ———— Die drei berühmten Rs des nachhaltigeren Lebens: reduce, reuse, recycle. Müll weitestgehend vermeiden. Potenziellen Abfall wiederverwerten. Und den Rest nach Möglichkeit aufbereiten. So sollen die schadhaften Spuren unserer Konsumgesellschaft im Rahmen bleiben. Doch auch die penibelsten Verfolger*innen dieser Strategie, werden nicht umhinkönnen, eine gewisse Menge an zu deponierendem Mist zu hinterlassen.
Kleidung nimmt in diesem Prozess eine besondere Position ein. Einerseits wird sie zumeist unter moralisch wie ökologisch fragwürdigen Bedingungen in entfernten Nationen produziert. Wenn dann hierzulande der zugrundeliegende Modetrend zu Ende geht und die billig produzierten Stücke nicht ohnehin im Abfalleimer landen, werden sie häufig wieder in den globalen Süden zurückgeschickt, um dort ein zweites Leben zu beginnen. So kommt es nicht selten vor, dass der Weg eines T-Shirts von einer indischen Baumwollplantage über einen chinesischen Sweatshop und einen schwedischen Modediskonter schlussendlich auf eine ugandische Mülldeponie wie Kiteezi Landfill führt.
Letztere befindet sich nicht unweit der Hauptstadt Kampala und war 2024 Schauplatz eines Erdrutsches, bei dem der nur unzulänglich gesicherte Müllberg aufgrund starker Regenfälle in Bewegung geriet. Zahlreiche Menschen und Gebäude wurden darunter begraben, 35 Personen starben infolge des Unglücks. Die Künstlerin, Modemacherin und Aktivistin Nabukenya Allen, auch bekannt unter dem Namen Njola, widmet sich dieser Tragödie sowie ihren globalen Zusammenhängen in Form einer Installation, die stark auf die letzten beiden der drei eingangs erwähnten Rs setzt.
Auf Basis von weggeschmissenen Materialien entwirft Allen nämlich eine Modekollektion für die sogenannten Boda-BodaFahrer*innen. Schätzungen zufolge schlängeln sich mehrere Hunderttausend von ihnen täglich auf ihren Motorradtaxis durch Kampalas Straßen, um sich und ihren Familien einen minimalen Lebensunterhalt zu sichern. Die Kleidungsstücke aus alten Autoreifen, Plastiksäcken und Textilresten wirken dabei nahezu postapokalyptisch, aber auch wie eine hoffnungsvolle Alternative zu unserer scheinbar so unvermeidlichen Wegwerfgesellschaft.
Bernhard Frena
Die Installation »Kiteezi« von Nabukenya Allen aka Njola ist von 29. Mai bis 11. Oktober im Theseustempel im Wiener Volksgarten zu sehen.

Aus der queeren Community wird aktuell vermehrt Kritik an etablierten LGBTQIA*-Organisationen laut.
Wenn Staat und Institutionen eine*n ignorieren, bleibt es oft an Communitys hängen, sich selbst zu helfen. Das birgt Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten. Zwei queere Aktivistinnen erzählen, warum es gerade jetzt so wichtig ist, sich zu organisieren. ———— Was genau eine »Gemeinschaft« beziehungsweise »Community« ausmacht, ist gar nicht so leicht zu definieren. In der Theorie ist der Begriff so schwammig wie ausufernd. Und in der Praxis zeichnet sich eine Community oft mehr durch ein Netzwerk Tausender einzelner Interaktionen aus als durch eine abgegrenzte Gruppe von Personen. Kurz zusammengefasst könnte man bei einer Community vielleicht von Menschen reden, die sich umeinander kümmern. Gerade bei queeren Menschen wird diese Sorgearbeit mangels ausreichender staatlicher Angebote oft von selbstorganisierten Organisationen übernommen.
Um den aktuellen Entwicklungen in der Szene auf den Grund zu gehen, haben wir mit zwei Aktivistinnen geredet, die bereits seit mehreren Jahren in der queeren Community aktiv sind und bereits einige Initiativen mitgegründet haben. Wir haben uns entschieden,
gen Signal-Gruppen, in denen unter anderem auch nach Hilfe bei Umzügen, Einkäufen oder Gängen zur Apotheke gefragt wird. Eine Kontrolle, wer Teil solcher Communitys ist, funktioniert nicht und ist in der Regel auch nicht gewollt. Carmen erklärt dies folgendermaßen: »Nicht nur Menschen, die out sind, sind queer. Wir müssen Politik für alle machen – und nicht nur für jene, die bereits wissen, dass sie queer sind, oder es jetzt schon leben können.«
Etablierte Organisationen würden im Gegensatz dazu häufig so arbeiten, dass sie regeln und bestimmen, wer Zugänge zu Räumen, Rechten und Versorgung bekommen kann. »Institutionen haben nur Raum für bestimmte Menschen«, führt Carmen aus. »Ohne Staatsbürger*innenschaft oder geregelten Aufenthalt versagt beispielsweise das gesamte medizinische System für dich. Es ist nämlich von Grund auf rassistisch aufgebaut – und auch transmedikalistisch.«
Transmedikalismus beschreibt die Idee, dass trans zu sein eine Krankheit sei, die medizinisch durch eine Transition geheilt
»Für mich macht Aktivismus die queere Community aus. Ich sehe ihn als eine Pflicht, nicht als Hobby.« — Carmen, queere Aktivistin
unsere beiden Gesprächspartnerinnen Carmen und Sophie zu anonymisieren sowie ihre Namen zu ändern. Denn: »Wenn Community Aufgaben übernimmt, die der Staat – aus welchen Gründen auch immer – nicht übernimmt, bewegt man sich häufig in einem Graubereich der Legalität«, so Carmen. Das hält sie aber nicht davon ab, diese Arbeit trotzdem anzugehen. »Für mich macht Aktivismus die queere Community aus. Ich sehe ihn als eine Pflicht, nicht als Hobby.« Es sei laut Carmen aber nicht immer ganz einfach, jene Menschen zu erreichen, die auf Hilfe angewiesen sind. Einerseits weil es schwer sei, Angebote sichtbar zu machen, andererseits aufgrund der »einschränkenden, weißen, cis und bourgeoisstudentischen Struktur der Linken in Wien«.
Daher ist es umso wichtiger, dass der Zugang möglichst barrierearm angelegt ist. Reale und digitale Räume, die von und für die Community gestaltet werden, sind unglaublich wichtig. So zum Beispiel die teilweise riesi-
werden könne – und dies ausschließlich auf spezifische, assimilierende Arten und Weisen. »Nur Ärzt*innen können offiziell diagnostizieren und verschreiben, dass ich eine Frau sein darf«, so Carmen weiter.
Der Zugang zu Hormonen oder anderer gender-affirming Care ist in unserer Gesellschaft mit vielen Barrieren behaftet. Und er ist begleitet von einer belastenden Pathologisierung und Infragestellung der eigenen Identität. Das macht die Kommunikation in der Community darüber, welche Ordinationen unterstützend arbeiten, umso wichtiger. Informationen, Erfahrungen, Ressourcen und etwa mögliche Zugänge zu Hormonen werden miteinander geteilt.
Carmen kritisiert jedoch nicht nur die staatlichen und medizinischen Systeme. Auch größere queere Institutionen würden zwar für queere Rechte kämpfen – aber oft nur für einen gewissen Teil der Community. Zahlreiche, auch innerhalb der LGBTQIA*-Gemeinschaft

















marginalisierte Menschen seien von diesen Bemühungen ausgeschlossen. Sie seien vielmehr weiter Anfeindungen aus der Gesellschaft ausgesetzt, während nur ein ausgewählter Teil als normal genug dargestellt werde.
Die großen Institutionen sehen durchaus ihre eigenen Limitierungen. Das Qwien, ein queeres Archiv sowie Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum, existiert beispielsweise bereits seit zwanzig Jahren. Einst die Idee zweier schwuler Historiker, stellt der Verein selbst fest, dass es etwas anderes sei, eine selbstverwaltete Gruppe queerer Aktivist*innen zu sein, als einen Betrieb mit nicht ganz zehn Beschäftigten zu führen. Man würde sich allerdings bemühen, etwaige Leerstellen und Unterrepräsentationen nach Möglichkeit zu beseitigen.
Ein ganz großes Thema in unseren Gesprächen ist Geld. Und das ist zunehmend knapp. Überall findet aktuell Sozialabbau statt, Räume wie die Freifläche in St. Marx oder das Kulturzentrum Amerlinghaus gehen verloren. »Wie kann es sein, dass wir zuerst Privatkonzerne mit irgendwelchen Hallen ausstatten, bevor wir schauen, dass alle irgendwo unterkommen«, kritisiert Sophie. Es gebe derzeit viele Fundraiser von und für diverse Communitys. Daran merke man stark, wo das Geld fehlt, wo soziale Systeme versagen und auf andere Mittel zurückgegriffen werden muss. Soli-Events jeglicher Art – von Bastelworkshops, über Partys bis hin zu autonomen Volxküchen – versuchen Abhilfe zu schaffen. Sophie fasst das Problem prägnant zusammen: »Wo ist das Scheißgeld für Menschen, für deren Medical Care und fürs Überleben?«
So viele andere Kämpfe
Vielleicht fehlt es ja nicht primär an Geld, sondern an Willen. »Unsere Existenz ist eine Gefahr für konservative Konstrukte von Familie und heterosexuellen Lebensentwürfen. Allein dass es trans Frauen gibt, bringt viele Annahmen darüber, wie Sex und Gender funktionieren, ins Kippen. Unser Kampf für das Recht auf körperliche Autonomie hängt mit so vielen anderen Kämpfen zusammen«, stellt Carmen klar. Doch selbst jene Rechte, die erkämpft wurden, sind prekär. Die politische Lobbyarbeit von Vereinen wie der Hosi, der 1979 gegründeten, größten politischen Interessensvertretung von LGBTQIA*-Personen in Österreich, führt mitunter nur zu vorübergehenden Zugeständnissen der Politik.
»Letztlich kann der Appell an den Staat nicht funktionieren, weil wir keine Macht haben«, meint Carmen. »Alles, was uns gegeben wird, kann uns auch wieder genommen werden, solange wir nicht organisiert sind und Parallelstrukturen aufgebaut haben, mit denen wir weitestgehend abgesichert sind.« Der Staat inszeniere sich vorwiegend selbst, schmücke sich
mit Homonationalismus. Jene Forderungen, die diesem Narrativ nicht helfen, seien auch kein Teil des Tauschhandels der Akzeptanz. Ein wichtiges politisches Druckmittel, um in Österreich Zugeständnisse von staatlicher Seite zu erwirken, sollte ursprünglich die Vienna Pride sein. Sie sollte aufzeigen, wie stark die Unterstützung für queere Rechte hierzulande ist. Doch mittlerweile gleicht sie eher einem kapitalistischen, kommerziell orientierten Partyzug als einem Protest. »Auf der Pride laufen so viele Menschen mit, die nicht annährend die Forderungen queerer Menschen verstehen, die diese sogar aktiv untergraben«, meint auch Sophie. »Man könnte die Pride schon so vermarkten, dass es tatsächlich Bedeutung hätte, hinzugehen. Konzernwägen mit Musik von ›Atemlos‹ bis Pitbull, haben aber nichts mit Queerness zu tun. Niemand kann mir sagen, dass das schwul ist, nur weil Glitzer drauf klebt.«
»Wo ist das Scheißgeld für Menschen, für deren Medical Care und fürs Überleben?«
— Sophie, queere Aktivistin
Die Vienna Pride ist ein Ziel vieler Tourist*innen, sie hat eine unglaubliche Strahlkraft. Umso schwerer wiegt, dass Parteien und Konzerne auf ihr vertreten sind. »Die Hosi ist uns keine Rechenschaft mehr schuldig. Sie braucht uns Queers nicht auf der Pride«, sagt Carmen dazu.
Kritik als Liebe
Doch gibt es auch hier Nuancen, wie Sophie anmerkt: »Ich tue mir schwer, der Hosi die Community abzusprechen. Die Menschen, die dort sind, sind schon real.« Allerdings nimmt auch sie die Strukturen und Vorgehensweisen der Hosi als unflexibel wahr. Und auf Kritik werde selten reagiert. In einer funktionierenden Community braucht es aber laut Sophie Raum für Kritik, ein Verständnis für sowie einen Ausdruck von Erwartungen und Bedürfnissen. »Ich glaube, dass Kritik eine Form der Liebe ist«, so die Aktivistin. »In einer Community ist es wichtig zuzulassen, dass Leute nicht perfekt sind. Es gibt Konflikte. Es muss okay sein, bis zu einem gewissen Grad Ambivalenzen auszuhalten.«
Die Hosi hat viel geleistet, um sich nun die Stimme der Community nennen zu können. Doch wessen Stimme ist das wirklich?
Und vor allem: Für wen wird dabei nicht gesprochen? Genau in diesem Punkt wird auch in der Szene gerade Kritik laut. So kursiert etwa ein offener Brief einiger bekannter LGBTQIA*-Organisationen in den sozialen Medien, mit dem Aufruf, die Pride solle kein Geschäftsmodell sein und solche Events müssten die Community ausreichend einbinden. In den Kommentaren wird allerdings gerade manchen Unterzeichner*innen eine mangelnde Einbindung der gesamten Bandbreite queerer Menschen vorgeworfen.
Pride geht auch anders
Rund um die Pride zeigen aber auch konkrete Gegenbeispiele, wie es anders ginge. Da wäre etwa der Marsch für’n Arsch, der spezifisch als Widerstand gegen rechte Agitation anlässlich der Vienna Pride veranstaltet wird: »Der Marsch für’n Arsch ist eine Notwendigkeit. Leute fühlen sich verpflichtet, das als Community zu organisieren. Auch weil es einfach nicht aussagekräftig genug ist, auf die Pride zu gehen«, so Sophie.
Die queere Gegendemonstration ist laut, sichtbar und mittlerweile ziemlich groß. Carmen stellt klar: »Das ist, was eine Pride sein sollte: ein Protest, ein Aufschrei, eine Demo gegen Queerfeindlichkeit. Keine große Party. Beim Marsch für’n Arsch finden sich die ganzen Queers, die intersektional kämpfen wollen. Dort und nicht etwa beim ESC.«
Und im Anschluss an die Demos gibt es dann noch das Trans viel Fest. Sophie: »Dort bildet sich aus einer breiten queeren Masse eine Community. Ohne Konsumdruck, ohne belästigt zu werden. Das ist bei der Vienna Pride – in dem Rahmen, in dem sie gerade existiert – einfach nicht möglich.«
Queere Community bedeutet nämlich nicht nur Sorgearbeit, nicht nur Kämpfe um Raum und Rechte, nicht nur laut zu werden angesichts von Unterdrückung. Sie bedeutet auch, sich zu vernetzen, gemeinsam Strukturen aufzubauen und mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Nur so versteht man wirklich, was Community eigentlich ist. Nicht über spröde Definitionen, sondern wenn man beginnt, sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und füreinander da zu sein.
Johanna T. Hellmich
Am 31. Mai findet die Pride-ReclaimedDemonstration statt, mit dem Ziel, die Vienna Pride wieder zu ihren radikalen Wurzeln zurückzuführen. Der Marsch für’n Arsch ist –wie die Regenbogenparade – für den 13. Juni geplant. Nähere Infos finden sich etwa auf Instagram unter @marschfuernarsch_w.









Weltweit verschwinden lesbische Bars. Doch in Wien zieht frischer sapphischer Wind auf. Über zwei unterschiedliche Projekte, deren Existenz allein Widerstand gegen Vergessen und Verdrängung bedeutet. ———— »Das Wetter ist angenehm warm an diesem Freitagabend. Mein Fahrrad habe ich schon um die Ecke vom Last Little Haven abgestellt und im Gehen drehe ich mir noch eine Zigarette. Vor dem Lokal steht eine Menschentraube, Getränke in der einen und Tschick in der anderen Hand. Jetzt bin ich mitten unter ihnen – dykes of all kinds. Drinnen ist es voll, Körper an Körper, sodass ich kaum die Kunstwerke an den Wänden sehe. Es sind Fotografien von Dykes, so viel weiß ich. Ein paar Tage vorher lagen sie noch zur Auswahl quer über den Boden des Lokals verstreut.
Queere Stadtkultur
Vorne an der Bar hole ich mir ein Getränk. Umgeben von lauter Lesben schaue ich mir dann die Fotografien genauer an und lausche den angeregten Gesprächen um mich herum. Es ist einer dieser Räume, die sofort spürbar machen, warum lesbische Barkultur mehr ist als einfach nur Ausgehen. Diese Bar ist Geschichte, Gemeinschaft, Überleben, Widerstand – und ein eigenes Kapitel queerer Stadtkultur. Lesbische Orte hatten es in Wien nie leicht. Jahrzehntelang existierten sie im Schatten, oft in privaten Wohnungen, verborgenen Räumen oder an temporären Treffpunkten. Teresa Fi-
Teresa Fischer hat das Last
mitgegründet.

Wie die Barabende von Kess zeichnen sich auch die Plakate durch viel DIY-Charme aus.
scher, eine der Gründer*innen des Last Little Haven, erzählt mir von einer Bäckerei, deren Hinterzimmer ein Treffpunkt für die Wiener Lesben gewesen sei. »Deswegen haben wir dieses Jacobs-Kaffee-Schild – als Teil unseres Konzepts und als historische Referenz.«
In der Geschichte fanden Treffen in lesbischen Bars also eher versteckt statt, was vor allem mit Angst vor Angriffen gegen die Community zu tun hatte. Fischer, die zu dieser Entwicklung auch forscht und Fotografien sowie Artefakte daraus sammelt, beschreibt die Architektur früher lesbischer Bars so: »Man hatte diesen Vorraum mit der Bar, wo man zunächst abgefangen wurde, und dann das Hinterzimmer, wo man intim sein konnte.«
Sichtbare Frauenräume entstanden in Wien erstmals in den 1980er- und 1990er-Jahren. Allen voran das legendäre Frauencafé, das für viele zur Schule des politischen und persönlichen Erwachens wurde. Hier trafen sich Aktivistinnen, Künstlerinnen, Studentinnen, Frauen, die unter sich sein wollten – und dies zum ersten Mal auch konnten. Ein Nachfolgecafé besteht übrigens bis heute unter dem Namen Flinte.
In den Nullerjahren habe es dann auch größere Lokale wie Gina’s Weibar gegeben, die eher Restaurantcharakter hatten, berichtet Fischer. Im Zuge des Queer-Turns hätten sich allerdings viele zuvor spezifisch lesbische Orte zu allgemeineren Queer-Bars gewandelt.
Über die Jahre mussten unzählige dezidiert lesbische Orte schließen, nicht nur hierzulande. Erst kürzlich wurde die legendäre Bar La Gata in Frankfurt zwangsgeräumt. Sie war seit 1971 geöffnet und galt damit als älteste lesbische Kneipe der Welt – ein Schock, der auch in Wien nachhallte. »Es sind so viele lesbische Bars verschwunden«, bedauert Fischer. »Da dachte ich mir: Was passiert eigentlich, wenn man einfach mal eine aufmacht?«
Und das tat sie dann auch. Mit dem Last Little Haven rief sie, gemeinsam mit anderen, einen Ort der Erinnerung und des Widerstands ins Leben. Einen multifunktionalen Ort in der Gumpendorfer Straße in Wien, der als »Sapphic Space« konzipiert wurde – eine Mischung aus fiktiv-historischer lesbischer Bar, Ausstellungsraum und CommunitySpace. Der Gestaltung liege ein »Remodeling auf Basis der Dreißiger- bis Fünfzigerjahren«

zugrunde, so Fischer. Die Gründer*innen hätten sich dabei an architektonischen Merkmalen früher lesbischer Treffpunkte orientiert. Auch die typische Raumaufteilung mit Vorraum und intimerem Hinterraum übernahmen sie. Während diese Struktur ursprünglich ein Schutzmechanismus gegen Razzien und Angriffe war, sei sie im Last Little Haven aber bewusst offen gestaltet.
»Everyone is a handy dyke. Wir können alles gemeinsam aufbauen.«
— Teresa Fischer, Last Little Heaven
Die Ästhetik des Raums greift zahlreiche historische Elemente auf: einen originalen Spiegel, ein altes Telefon – früher essenziel, damit potenzielle Besucherinnen vorab die Sicherheit eines Ortes checken konnten. Besonders markant ist die Schmuckwand, gestaltet mit einer originalen Musterwalze aus den Fünfzigern – eine Referenz an Bars, in denen oft nur eine Wand kunstvoll dekoriert war, während der Rest des Raums heruntergekommen wirkte. Das doppelte Panzerglas des ehemaligen Juweliergschäfts erinnert hingegen an die historische Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen wie Metallstreben vor Fenstern.
Laut Fischer ist es einerseits Ziel des Projekts, einen Raum für die Community zu schaffen: »Space maintainen, Space holden, für die Community. Es geht darum Präsenz zu zeigen und Visibility zu schaffen.« Andererseits soll damit lesbische Geschichte vermittelt und gegen das Vergessen angekämpft werden. Die Sammlerin beschreibt es als Arbeit gegen Erasure, gegen das Verschwinden von Orten und Erinnerungen, sowohl mithilfe der Ausstellung historischer Artefakte als auch durch zeitgenössische künstlerische Positionen. In seiner heutigen Form sei das Last Little Haven ein »persönlicher, kleiner Zufluchtsort«, sagt sie.
Gleichzeitig sei das Lokal, wie auch frühere lesbische Bars, ein Ort des Widerstands. Fischer erzählt, dass die ersten Treffpunkte tatsächlich mit einer Ersatzkirche vergleichbar gewesen seien, »wo du Community, Kinship und Ersatzfamilie gefunden hast«. Mit Nachdruck fügt sie hinzu: »Und wenn das keine Resistance ist, weiß ich auch nicht. Du konntest Ressourcen sharen und die Leute waren füreinander da. Zugleich boten sie dort einen Freiraum, wo es sonst keinen gab.«
Solche Orte des Widerstands sind selten, aber in der sapphischen Community ist die Sehnsucht nach ihnen da. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, wie überlaufen die ersten Abende nach dem Opening im Last Little Haven waren. Und daran, dass fast zeitgleich noch ein weiteres, ähnliches Projekt startete: die lesbischen Barabende von Kess. Wie viele andere Dykes aus Wien, war ich auch hier mit meinem lesbisch-queeren Freund*innenkreis von den ersten Terminen an dabei. Das Format verwandelt wechselnde Locations für
Das
Last Little Heaven ist eine Mischung aus Bar, historischer Rekonstruktion und Galerie.
einzelne Abende in lesbenzentrierte Orte –etwa das Café Berg, das Amerlinghaus oder das Vereinslokal von Tekosin. Innerhalb kurzer Zeit ist Kess dabei für die lesbische Community zu einem unverzichtbaren Raum des Widerstands und des Connectens geworden.
Ruby und Maya, zwei der Gründer*innen und Teil des aktuellen Orgateams, berichten, dass das Projekt aus dem Bedürfnis heraus entstanden sei, spezifische Räume für die lesbische Community zu schaffen, die über das allgemeine queere Angebot hinausgehen. Sie würden sich als eine kollektive, ehrenamtliche Initiative verstehen, die durch DIY-Strukturen und eine starke Gemeinschaftsorientierung geprägt sei. Der Name leitet sich von einem historischen Begriff aus der Subkultur ab: »Er kommt von ›kesser Vater‹. Das ist ein sehr altdeutsch klingender, aber gar nicht so altdeutscher Begriff. Ein bisschen Berlin, Golden Twenties. Er bedeutet Butch. Und kess allein heißt keck, vorlaut. Ein bisschen rough. Ein bisschen tough.«
Die Gründer*innen sahen eine Leerstelle in der Wiener Szene, weil viele Veranstaltungen zwar queer, aber nicht spezifisch lesbisch ausgerichtet seien. Ruby dazu: »Es ist hier halt alles sehr stark Teil einer queeren Community. Aber wir sehen uns nicht nur als Teil der queeren, sondern auch konkret als Teil der lesbischen Community. Doch wo ist die in Wien?« Die Konsequenz für Kess war deshalb ganz klar: »Wir sind kein FLINTA*-only-Event. Wir sind eine lesbenzentrierte Bar, und das steht auch so auf unseren Flyern.«
Soziale Funktion
Gleichzeitig betonen die beiden, dass sie inklusiv gegenüber dem gesamten sapphischen Spektrum seien, solange der Fokus auf lesbische Identität gewahrt bleibt: »Wir wollen einfach das volle Spektrum von jenen Leuten, die sich irgendwie mit den Begriffen Lesbe oder Dyke oder so identifizieren können«, führt Ruby aus. »Trans Männer, trans Frauen, nichtbinäre Lesben, Leute, die questioning sind.« Die Kess-Betreiber*innen würden großen Wert darauf legen, dass das eingenommene Geld wieder zurück in die Gemeinschaft fließt und der Raum eine soziale Funktion erfüllt, die über den reinen Barbetrieb hinausgeht. Als Ziel geben sie an, einen physischen Ort schaffen zu wollen, der Wärme und echte Verbindung ermöglicht. Das sei gerade im digitalen

Zeitalter essenziell: »Wir schauen eben darauf, dass wir einen willkommen heißenden Raum haben, ein willkommen heißendes Team, und dass man sich jederzeit an uns wenden kann. Wir wollen einfach so authentisch und so ehrlich wie möglich arbeiten. Die Atmosphäre soll einfach ultrawarm sein.«
»Wir wollen das volle Spektrum von jenen Leuten ansprechen, die sich mit Begriffen wie Lesbe oder Dyke identifizieren können.«
— Ruby, Kess
Aber lesbische Bars sind eben immer auch fragile Orte. Beide Projekte kämpfen mit denselben Problemen: Raum, Miete, Sicherheit. Das hat mit steigenden Kosten, Gentrifizierung und auch mit einer männlich dominierten queeren Szene zu tun, in der dezidiert lesbische Projekte stärker um Sichtbarkeit kämpfen müssen. »Die größte Herausforderung ist wirklich der Raum«, erzählt Maya von Kess. Das Last Little Haven denkt dabei langfristig: »Man müsste kaufen«, meint Mit-
betreiberin Teresa Fischer, »sonst ist man immer von einer Schließung bedroht.« Doch die Community habe nicht viel Geld. Trotzdem: Ein Vereinsmodell, damit das Lokal langfristig bestehen kann, und ein Crowdfunding seien in Planung. »Everyone is a handy dyke«, sagt Fischer und lacht. »Wir könnten alles gemeinsam aufbauen.«
Auch die Organisatorinnen von Kess spinnen ähnliche Ideen und träumen von einer ganzen lesbischen Nachbarinnenschaft: Carsharing, Dinners, gegenseitige Hilfe. »Ein großes Netzwerk, in dem sich alle gegenseitig unterstützen«, schwärmt Ruby. Sie und ihre Kollegin Maya wünschen sich mehr Rotzigkeit, mehr Mut, mehr Selbstverständlichkeit. »Sobald alle Hemmungen fallen, sind wir an einem guten Punkt«, stellt Ruby fest. »Eigentlich vollkommen richtig«, denke ich mir, als ich ein paar Tage später im Last Little Haven stehe und an das Gespräch zurückdenke. Gerade hatte ich noch überlegt, bald nach Hause zu gehen. Doch das Lokal ist inzwischen gar nicht mehr so überfüllt und der Weg zur Bar auch nicht weit. Also entscheide ich mich, ein bisschen länger zu bleiben, und mache mich auf, um noch eine Runde zu bestellen.
Loma Gerner
Mehr Infos zum Last Little Haven gibt es auf Instagram unter @last_little_haven. Ausstellungserö nungen sind auch für Allys o en, die restlichen Termine nur für jene, die sich im sapphischen Spektrum wiederfinden. Die nächsten Barabende von Kess sind am 12. sowie am 26. Juni im Vereinslokal von Tekosin im fünften Wiener Gemeindebezirk.













































Beim Jazzfestival Saalfelden finden Konzerte duchaus auch mal im Ruderboot statt.
Auf Bergen und Waldlichtungen, in Clubs und an selbstorganisierten Kulturorten entstehen Festivals, die Musik nicht nur als Programm, sondern als räumliche und soziale Erfahrung verstehen. Vier recht unterschiedliche Formate zeigen, wie sehr Atmosphäre, Community und Ort dabei Teil des Konzepts sind. ———— Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter den Bergspitzen, während der Bass leise unter den Zehen vibriert. Wir drehen uns um – eine andere Szene: Am Seeufer tanzen Sounds miteinander, bunte Lichter spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Wir schließen kurz die Augen und landen wieder woanders: auf vermoostem Waldboden, wo sich eine Menschentraube langsam durch die Nacht bewegt. Und dann plötzlich wieder die Stadt: Stimmengewirr im Innenhof, verschwitzte Körper zwischen Lichtinstallationen. Festivals funktionieren in Österreich längst nicht mehr nur über ihre Line-ups — zumin-
dest jene, die ihre Identität nicht ausschließlich aus fett gedruckten (männlichen) Headlinern beziehen. Immer öfter definieren sich kleinere und alternative Festivals über Orte, Atmosphäre und die Frage, wie Musik überhaupt erlebt werden soll. Zwischen Bergen, Seen, Clubs und improvisierten Bühnen entstehen dabei temporäre Räume, in denen Natur, Architektur und Community genauso Teil des Programms sind wie die Acts selbst. Gemeinsam ist ihnen weniger ein Genre als eine bestimmte Haltung dazu, wie Musik, Ort und Publikum miteinander in Beziehung treten.
Eines der ältesten Festivals, das sich durch diese Verbindung zwischen Musik, Raum und Atmosphäre auszeichnet, ist das seit 1978 bestehende Jazzfestival Saalfelden. Fast fünf Jahrzehnte lang verwandelt das Fes -
tival die kleine Stadt am Steinernen Meer in Salzburg nun schon in eine Location, bei der Musik nicht an der Bühnenkante endet, sondern durch Wälder, kleinere Off-Spaces und manchmal sogar übers Wasser wandert. »Berge und Landschaft gehören einfach zum Umfeld von Saalfelden, sie sind mit ein Teil der Geschichte, die wir erzählen. Sie sind zugleich aber auch Räume, die wir bespielen«, schildert Mario Steindl, der seit vielen Jahren die künstlerische Leitung des Festivals innehat. Raum wird in Saalfelden dabei zum kuratorischen Prinzip. Steindl reist jedes Jahr zu zahlreichen Events, scoutet Musiker*innen und entwickelt daraus sein Programm. Dabei steht nicht nur die Musik selbst im Vordergrund, sondern auch die Frage, wo sie wirken kann: »Wenn ich ein Projekt höre, taucht in meinem Kopf sofort ein Bild auf, wo sich dieses am besten entfalten könnte – nicht jedes
Das Streamlines Festival vereint in seiner Ästhetik urbanes Baumaterial mit organischen Elementen.

Projekt passt in jeden Raum.« Ob Konzerte im Wald oder auf einem Ruderboot: Natur wird hier bewusst Teil der Inszenierung.
Gleichzeitig lebt das Festival stark von Austausch und Vernetzung. Viele Acts bleiben mehrere Tage vor Ort und begegnen einander immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen. Steindl ermöglicht Künstler*innen regelmäßig, neue Projekte zu entwickeln – etwa über Commissions oder sogenannte Wildcards, bei denen sich Musiker*innen am Festival gegenseitig zu gemeinsamen Sessions einladen können. Dadurch entstehen spontane Kooperationen weit über einzelne Konzerte hinaus. Zwischen den verschiedenen Venues wird flaniert, die Nexus Bar wird zum Treffpunkt von Besucher*innen, Musiker*innen und Veranstalter*innen. Die Grenzen zwischen Bühne und Publikumsraum wirken dabei oft bewusst durchlässig. »Es ist ein Festival des Miteinanders, des Austauschs, des gemeinsamen Erlebens auf verschiedensten Ebenen – weil wir auch die Räume dafür schaffen«, so Steindl. Gerade dadurch wirkt Saalfelden wie ein Gegenmodell zu anonymen Großevents.
Bass
Auch das Nordkette Wetterleuchten Festival auf der Innsbrucker Seegrube versteht Musik nicht bloß als etwas, das auf einer Bühne stattfindet, sondern als Teil eines Ortes und einer temporären Gemeinschaft. Während in Saalfelden improvisierte Musik in Wäl -
dern und Bars erklingt, zieht das Nordkette Wetterleuchten die Clubkultur aus der Stadt hinaus — auf knapp 2.000 Meter Seehöhe. Licht, Wetter und die Aussicht auf Innsbruck werden Teil der Dramaturgie und verändern die Wahrnehmung von Musik und Raum gleichermaßen. Für viele Künstler*innen sei das Festival deshalb ein besonderer Ort, erzählen die Veranstalter Berthold Schwan und Chris Martinek: »Sie kommen raus aus den dunklen, oft stickigen Clubräumen und spielen mitten in der Natur.« Der Berg ist dabei allerdings nicht bloß romantische Kulisse, sondern auch ein logistischer Kraftakt. »Man muss sich vorstellen: Man nimmt eine grüne Wiese ohne Infrastruktur und verlegt sie dann noch mit-
ten in die Berge«, so die Veranstalter. Strom, Wasser, Sicherheit und Transporte müssen dort oben überhaupt erst möglich gemacht werden — erschwert von Wetterumschwüngen, Regen oder sogar Schnee.
Gerade der Natur ausgesetzt zu sein, prägt den intimen Charakter des Festivals. »Es ist eher ein temporärer Ort, an dem für ein Wochenende eine eigene kleine Gemeinschaft am Berg entsteht – mit Musik als Zentrum, aber nicht als einzigem Inhalt«, so Schwan und Martinek. Campen, Feuer machen und gemeinsam Zeit verbringen werden genauso Teil des Wochenendes wie die Konzerte selbst. Wetterleuchten funktioniert dadurch weniger als klassisches Festivalprogramm, sondern wie ein kurzer Ausnahmezustand fernab der Stadt. Dass dieses Konzept auch ohne reine Headliner*innen-Logik aufgeht, zeigt sich seit Jahren am Vertrauen des Publikums: »Es gab Ausgaben, die ausverkauft waren, bevor wir überhaupt das Programm veröffentlicht hatten.« Gerade diese Mischung aus improvisierter Gemeinschaft, DIY-Geist und logistischer Absurdität prägt bis heute den Charakter des Festivals. Oder, wie Schwan und Martinek selbst sagen: »Eines haben wir nach all den Jahren auch gelernt: Couches und Sofas 2.000 Höhenmeter hinaufzuschleppen, wird nicht leichter.«
Vom Club ins Camp
Andernorts entstehen neue Festivalstrukturen, die noch stärker aus internationalen Netzwerken und Kollektiven heraus wachsen: Das Streamlines Festival ist deutlich jünger und kleiner als das Jazzfestival Saalfelden und das Nordkette Wetterleuchten. Ursprünglich wurde es 2018 als DJ- und Veranstaltungsnetzwerk in Wien gegründet, bevor Teile des Gründungsteams nach Berlin und Amsterdam übersiedelten. »Die Verbindung zwischen den drei Städten ist organisch gewachsen«, erzählt
Dem Sterrrn Fest geht es darum, zumindest temporär einen queerfeministischen Raum zu schaffen.


Eine Couch fürs Nordkette Wetterleuchten auf 2.000 Höhenmeter zu schleppen, ist kein leichtes Unterfangen.
Co-Founder Jona Sorger. Statt auseinanderzudriften, entwickelte sich daraus ein Netzwerk, dessen gemeinsames Zentrum nun jährlich im niederösterreichischen Kautzen sichtbar werden soll. Dass Streamlines weniger als klassisches Festivalprojekt, sondern vielmehr aus einer Community heraus entstanden ist, zeigte sich bereits letztes Jahr in der Struktur der ersten Ausgabe: Von den rund 200 Besucher*innen seien fast alle irgendwie involviert gewesen –als Künstler*innen, Helfer*innen oder Teil der Community. »Das war Absicht. Wir wollten ein Fundament legen für weiteres Wachstum«, so Sorger. Streamlines versteht sich weniger als Event mit möglichst großen Namen, sondern vielmehr als Festival von der Community für die Community.
Auch räumlich unterscheidet sich Streamlines stark von klassischen Clubformaten. Das Festivalgelände im Seedcamp Kautzen verbindet harte elektronische Musik mit einer fast verwunschenen Naturkulisse aus alter Mühle, Bachlauf und Wald. »Für uns ist Streamlines immer eine Intersection gewesen zwischen Natur, organischen Formen und der eher kantigen Ästhetik der elektronischen Musik«, erklärt Sorger. Nebel zwischen den Bäumen, Lichtinstallationen im Wald und der Fluss neben dem Gelände würden die Musik auf eine Ebene heben, »die zum Beispiel in einem Club nicht möglich ist«. Besonders ein Satz beschreibt die Philosophie des Festivals dabei wohl am besten: »So was kann man nicht bauen, so was muss wachsen.«
Queerfeministischer Fiebertraum
Dass Festivals heute nicht nur musikalische, sondern auch soziale und politische Räume schaffen wollen, zeigt sich deutlich beim Sterrrn Fest des Grrrls Kulturvereins in Graz. Während die zuvor genannten Festivals stark über Natur- und Landschaftsräume funktionieren, entsteht hier mitten in der Stadt ein queerfeministischer Gegenraum. Seit mittlerweile fünf Jahren verbindet das Festival an selbstorganisierten Kulturorten wie der
Sbäm Fest Wels, Alter Schlachthof, 5. und 6. Juni Internationales Punk-, Skate- und DIY-Festival mit starkem Communityfokus. Zwischen Hardcore, Poppunk und Skatekultur tri t hier Szenenostalgie auf jüngere DIY-Strukturen.
Poolbar Festival Feldkirch, Altes Hallenbad; 8. Juli bis 16. August
Seit Jahrzehnten eines der wichtigsten österreichischen Festivals für Musikkultur. Im und rund um das ehemalige Hallenbad verbinden sich mehr als einen Monat lang Konzerte mit Kunst und Unterhaltung für alle Generationen.
Wellenklænge Festival Lunz am See; 10. bis 25. Juli
Das von Suzie Heger gegründete Festival verbindet zeitgenössische Musik mit Tanz, Performance und bildender Kunst. Herzstück bleibt die ikonische Seebühne am Lunzer See.
Acoustic Lakeside Festival Sittersdorf, Sonnegger See; 16. bis 18. Juli Kleines Indie-, Folk- und Alternative-Festival am Sonnegger See in Kärnten. Bekannt für intime Atmosphäre, familiären Charakter und entschleunigtes Camping direkt am Wasser.
FM4 Unlimited am Attersee Attersee, Strandbad; 18. Juli
Open-Air-Format von »FM4 Unlimited« gleich neben dem Attersee mit Fokus auf aktuelle Acts zwischen Beats, Elektronik und Pop. Ein-Tages-Festival in Badekleidung.
Sauzipf Rocks Festival Döbriach; 7. und 8. August DIY-Rockfestival am Millstätter See mit Fokus auf härtere Gitarrenmusik, Szenenähe und selbstorganisierte Strukturen. Klein, laut und bewusst fern von Großeventlogik.
Fuzzstock Festival Unterort, Petzen; 27. bis 30. August Indiefestival auf der Petzen in Südkärnten. Konzerte, Bergkulisse und Camping verbinden sich hier zu einem entschleunigten Festival mit viel Natur und Woodstock-Vibes.
Kombüse oder dem Schaumbad Konzerte mit Workshops, Installationen und Performances. »Dieser Anspruch ist beim Sterrrn Fest nicht nur ein Programmpunkt, sondern die Grundlage des gesamten Festivals«, erzählt Lilly Jagl vom Organisationsteam. Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und solidarisches Arbeiten seien dabei essenzielle Prinzipien.
Auch die Venues selbst prägen das Festival wesentlich mit: »Beide Räume sind Teil einer lokalen, selbstorganisierten Kulturszene und bringen ihre eigene Geschichte, Atmosphäre und Community mit«, sagt Jagl. Dadurch entstehe ein Festivalgefühl, das näher und durchlässiger wirke als bei klassischen Musikfestivals. Publikum, Künstler*innen, Mitarbeiter*innen und Veranstalter*innen begegnen einander bewusst auf Augenhöhe. Das Festival setzt auch in anderer Hinsicht auf Niederschwelligkeit und Communityar-
beit: Alle Formate können gegen freiwillige Spende besucht werden, viele Bereiche werden von freiwilligen Helfer*innen getragen. Eine DJ habe das Sterrrn Fest, so Jagl, einmal als »queerfeministischen Fiebertraum« bezeichnet. Und vielleicht weist gerade das auch auf etwas hin, das die vier beschriebenen Festivals gemeinsam haben: Dass sie weniger fertige Produkte sind als vielmehr Räume, in denen für kurze Zeit andere Formen von Gemeinschaft möglich werden.
Ania Gleich
Das Sterrrn Fest findet am 19. und 20. Juni in Graz statt. Das Nordkette Wetterleuchten geht am 18. und 19. Juli in Innsbruck über die Bühne. Und das Jazzfestival Saalfelden wird heuer von 20. bis 23. August veranstaltet, zeitgleich mit dem Streamlines Festival in Kautzen, das allerdings erst am 21. August beginnt.




























Hot Take: Die spannendsten deutschsprachigen Hip-Hop-Acts finden sich in der österreichischen Hauptstadt. Was die Wiener Szene so besonders macht, besprechen wir in dieser fünfteiligen Serie mit jenen Produzent*innen, die den Sound der Stadt aktuell prägen. Diesmal: Suki. ———— Ein schummriger Club. Drei junge Männer, augenscheinlich betrunken, liegen sich in den Armen und schunkeln zur Musik. »Es is’ ned zum Aushalten«, singt der Mittlere in breitem Wienerisch, bevor das Bild zu anderen tanzenden Menschen auf dem Dancefloor wechselt und die Musik in ein Gitarren-Interlude übergeht. Das Video gehört zum Song »Der Teufel tanzt im Volksgarten« der Band Laurenz Nikolaus und der blonde Mann, der neben dem Sänger durch den Club stolpert, ist der Schlagzeuger und Produzent Suki. Die Gruppe, die mit ihrem modernen Entwurf von klassischem Austropop überraschend schnell erfolgreich wurde, ist mittlerweile sein Hauptprojekt. Erwartbar sei das nicht gewesen, so Suki: »Bis vor einem Jahr war es mein Plan zu schauen, wie weit ich es im deutschen Hip-Hop schaffe.«
Dass Suki, der eigentlich Isaac Gartmayer heißt, irgendetwas mit Musik machen würde, war früh abzusehen. »Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie«, erzählt er. Viele seiner Verwandten seien hauptberuflich Musiker*innen. Die meisten im klassischen Bereich, manche sogar bei den Wiener Symphonikern. Folgerichtig begann auch Suki bereits mit sechs Jahren ein Instrument zu spielen – das Schlagzeug. Als Teenager bekam er von
seinem Vater dann die Musikproduktionssoftware Logic. Klassische Musik interessierte ihn zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. »Ich war ein voller Electronic-Head«, erinnert sich Suki. Genres wie Dubstep, House, vor allem aber Drum & Bass faszinierten ihn. »Ich habe versucht, am Schlagzeug das nachzuspielen, was ich an den elektronischen Beats so cool fand.« Selbst seine vorwissenschaftliche Arbeit
der schnell zu einer kleinen Wienhymne wurde. Der Song habe ihm geholfen, sich weiter zu vernetzen. Auf einmal sei er von anderen Künstler*innen angefragt worden. Suki: »So bin ich in die Szene in Wien reingekommen.« Prägend sei zudem sein Studium der Medientechnik an der FH St. Pölten gewesen. Nicht wegen der Vorlesungen, sondern weil er dort auf ein kreatives Umfeld stieß, das ihn
»Alles, was ein bisschen nach UK klingt, war immer schon interessant für mich.« — Suki
schrieb Gartmayer zum Thema Drum & Bass und produzierte dafür erstmals einen ganzen Song. »Das war der Startschuss für meine Produzentenkarriere«, meint er und lacht.
Eine kleine Wienhymne
Schon früh arbeitete er mit Eli Preiss zusammen, die während der Coronapandemie anfing, deutschsprachige Lieder zu veröffentlichen. Der erste größere Erfolg der beiden war »Wein in Wien«, ein melancholischer Partytrack auf einem dezenten Drum-&-Bass-Beat,
noch tiefer in die Hip-Hop-Community zog. Er lernte Srsly von den Pan Kee Bois kennen, dessen Bandkollege Laurenz Öllinger aka Kion zwei Jahre zuvor ebenfalls an der FH studiert hatte. Die Musiker*innen, mit denen Suki damals in Kontakt kam, suchten vor allem Hip-Hop-Beats. Auch wenn er mit dem Genre bis dahin wenig am Hut hatte, dachte er sich: »Das klingt alles nicht so kompliziert, das probiere ich mal.« Mittlerweile weiß er aber, dass auch hinter vermeintlich simplen Rap-Beats mehr steckt, als man denkt.
Immer wieder stellt Suki seitdem unter Beweis, dass er das Hip-Hop-Handwerk beherrscht, 808s knallen lassen und Trap-HiHats setzen kann. Die Essenz seines Sounds speist sich dabei weiterhin aus der elektronischen Musik seiner Teenagerjahre. »Alles, was ein bisschen nach UK klingt, war immer schon interessant für mich«, erklärt er. »Dort herrscht einfach ein anderes Level an Produktionsgenauigkeit.« Einflüsse britischer Musik ziehen sich seit »Wein in Wien« wie ein roter Faden durch seine Diskografie. Damit trifft Suki genau den Zeitgeist. Denn nicht erst seit Luciano mit UK-Drill-Sound international Erfolge feiert, schielen Künstler*innen hierzulande mit mindestens einem Auge nach England. Was in London funktioniert, wird anderswo eben gerne kopiert.
In Wien mit seiner lebendigen Drum&-Bass-Szene fallen derlei CrossoverIdeen auf besonders fruchtbaren Boden. Künstler*innen, die mit dem Genre aufgewachsen sind, wie Eli Preiss und auch Suki selbst, können diese Einflüsse authentischer verarbeiten als andere. »Es gibt hier auch viele Leute, die nicht damit groß geworden sind und das nicht checken, aber es kommt immer mehr«, meint Suki. Teil seiner Mission sei es jedenfalls, diesen Sound weiterzuverbreiten.
Aus Karrieregründen zog der Wiener Produzent vor einiger Zeit nach Berlin und unterschrieb dort einen Co-Verlagsdeal mit Universal und Audio Dynasty. Über das Label bekommt er nun regelmäßig Anfragen für Studiosessions mit den unterschiedlichsten Künstler*innen. »Ich habe mich in den letzten Jahren damit angefreundet, auch in die Rolle des klassischen Produzenten zu schlüpfen«, sagt er. Anfangs nahm Suki die meisten dieser Anfragen an. »Ich wollte einfach viele Leute kennenlernen und mein Netzwerk ausbauen.« In den vergangenen Jahren sammelte er so Production-Credits bei Songs von Vicky, Makko, Kid Kapri und vielen anderen.
In Wien wäre dieser Schritt laut Suki kaum möglich gewesen: »Es fehlen einfach die Ressourcen für eine langfristige Karriere.« Ohne die großen Major-Labels, die sich immer mehr aus Österreich zurückziehen, könne man sich als Produzent in einer überschaubaren Szene wie der in Wien kaum über Wasser halten. Gleichzeitig schätze er, dass junge Künstler*innen hier auf gewisse Weise von der Industrie abgekapselt seien. »Dabei kommt halt kreativeres Zeug rum, das ist cool.« In Berlin sei alles ein wenig mehr Einheitsbrei.
Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Sukis neuestes Projekt einer Rückbesinnung auf das Urwienerische gleicht. Laurenz Ni-

Alter: 28
Bezirk: 1030
Dein Sound in einem Wort: puristisch
OG-Hip-Hop-Track aus Wien: Kreiml & Samurai feat. Monobrother »Wiener« No.-1-Newcomer*in: Juizz
kolaus sei ganz organisch entstanden, erzählt er. Eines Abends sei er mit dem Produzenten Moritz Fardin aka Mo Nomad und Laurenz Öllinger im Studio gewesen, um einen Song für dessen Soloprojekt Kion fertigzumachen. Im Anschluss hätten sie beschlossen, etwas Neues auszuprobieren, und zu einem Gitarrensample gejammt. »Dabei sind damals irgendwie diese WienerliedTextstücke entstanden.«
Unter anderem spielten die drei den Song dann ihrer Kollegin Verifiziert vor, die in diesem Jahr das Popfest kuratierte. Sie bot ihnen einen Slot an – sofern sie rechtzeitig ein ganzes Set zusammenbekommen. »Dann haben wir die EP geschrieben. Eigentlich nur mit dem Ziel, dort live zu spielen«, so Suki. Doch schon die ersten Clips der neuen Lieder gewannen auf Tiktok rasch an Reichweite und Major-Labels bekundeten ihr Interesse. Aus dem »Nebenbeiprojekt« wurde
plötzlich mehr. »Das ist eine ganz neue Welt für mich«, sagt der Musiker. »Und eine sehr schöne Arbeit, weil es für uns alle drei eine andere Art ist, Songs zu schreiben.« Man kommt nicht umhin, das ganze als Full-Circle-Moment zu begreifen: Suki, der nach Berlin gezogen ist, um die große Musikindustrie mit elektronischen Beats zu versorgen, sitzt nun wieder öfter in Wien, um Mundartlieder zu texten und Schlagzeug zu spielen.
Jannik Hiddeßen
Aktuelles von Suki findet sich auf seinem Instagram-Account @prod.suki. Die EP »Annemarie« von Laurenz Nikolaus ist beim Label Upstairs erschienen.
Dieser Text ist im Rahmen des The-GapNachwuchspreises für Musikjournalismus in Kooperation mit dem Festival Waves Vienna entstanden.
1986 erreichte Falcos »Rock Me Amadeus« Platz eins der US-Charts. Bis heute ist es der einzige deutschsprachige Song, dem das gelang. Produzent Rob Bolland, U4-Türsteherlegende Conny De Beauclair und Falco-Tribute-Protagonistin Tini Kainrath über ihre Erinnerungen an den Musiker und Menschen Hans Hölzel.
Automobiler Tribut an eine Musiklegende: VW Golf Falco Edition

Rob Bolland
Falco-Produzent und Co-Songwriter von »Rock Me Amadeus«
Welcher Song war deiner Meinung nach der wichtigste in Falcos Karriere?
Zum einen sicher »Der Kommissar«, Falcos erster internationaler Erfolg und immer noch einer meiner absoluten Lieblingssongs. Als Kind hatte ich eine Zeit lang in Deutschland gelebt, die Kombination aus deutschen und englischen Lyrics sprach mich deshalb besonders an – und natürlich, dass Falco rappte. Und zum anderen »Rock Me Amadeus«. Als mich Horst Bork, Falcos späterer Manager, bei einer Fachmesse in Cannes fragte, ob mein Bruder Ferdi und ich Falco produzieren wollen würden, sagte ich vor allem wegen »Der Kommissar« zu. Zurück in Holland schrieb ich dann »Rock Me Amadeus«
– kurz nachdem ich den Film »Amadeus« (von Regisseur Miloš Forman; Anm. der Red.) gesehen hatte. Es war das erste Stück, das ich für Falco schrieb – und er hasste es. Nachdem ich mittlerweile schon oft in Wien gewesen bin und weiß, wie omnipräsent Mozart hier ist, verstehe ich auch warum.
Und welchen Falco-Song würdest du als deinen persönlichen Favoriten bezeichnen?
Das wäre wohl »Jeanny«. Falco mochte »Rock Me Amadeus« nicht und trug deshalb auch nichts dazu bei – bei »Jeanny« war das anders. Mein Bruder und ich komponierten den Song gemeinsam und wir verwendeten wieder dieses Kindergarten-Deutsch wie schon bei »Rock Me Amadeus«. Den Text hatten wir eigentlich in der dritten Person geschrieben, aber Hans änderte das und brachte neue Lyrics mit ins Studio. Er sagte, wir sollen
das Licht ausmachen, wir starteten die Aufnahme – und mit diesen Regengeräuschen am Anfang fühlte es sich an, als würde man an den Ort eines Verbrechens betreten. Man kann die Spannung spüren. Unsere Version sollte ähnlich funktionieren, aber sie war nicht so gut wie die von Falco.
Gibt es eine spezielle Falco-Anekdote, die du mit uns teilen möchtest?
Man hört ja viele Dinge über ihn, nicht unbedingt nur Gutes, aber Hans war ein sehr netter Mensch. Als meine Frau nach der Geburt unseres Sohnes im Spital war, nahmen wir gerade wieder gemeinsam auf – und eines Tages stand Hans plötzlich im Spital und hatte winzige Lederhosen als Geschenk mit dabei. Er war damals am Höhepunkt seiner Karriere und es war wirklich eine sehr süße Geste. Ich werde das jedenfalls sicher nie vergessen.
Conny De Beauclair
U4-Türsteherlegende und mit Falco befreundet
Welcher Song war deiner Meinung nach der wichtigste in Falcos Karriere?
Das war sicher »Rock Me Amadeus«. Als erstes und bis heute einziges deutschsprachiges Lied erklomm es – am 29. März 1986 – die Spitze der US-Billboard-Charts. Zudem war es ein Nummer-eins-Hit in Großbritannien, Kanada und weiteren Ländern.
Und welchen Falco-Song würdest du als deinen persönlichen Favoriten bezeichnen?
Ich habe mehrere Lieblingslieder von Falco: natürlich seine erste Single »Ganz Wien« mit der Zeile »Im U4 geig’n die Gold sch«, dann seine erste Nummer eins »Der Kommissar« und daneben noch »Jeanny«, »Rock Me Amadeus«, »Vienna Calling«, »Emotional«, »Junge Römer«, aber auch » e Sound of Musik« – um nur einige zu nennen.
Wie schätzt du Falcos musikalischen Nachhall ein?
Falco hatte und hat auch heute noch einen großen Ein uss auf die deutschsprachige Musikszene. Er war einer der ersten deutschsprachigen Rapper. Selbst Herbert Grönemeyer sagte mir einmal, dass er ein begeisterter Fan von Falco sei. Und auch für viele junge Künstler*innen ist Falco ein musikalisches Vorbild. Für mich ist Falco jedenfalls der größte Popstar Österreichs.
Gibt es eine spezielle Falco-Anekdote, die du mit uns teilen möchtest?
Gerne erinnere ich mich an die Anfangszeit in den Achtzigern zurück, als Falco mir eines Nachts im U4 einen Walkman mit Kopfhörern gab und mich um meine Meinung bat. Ich sollte mir zwei Songs anhören und dann sagen, welchen davon ich auf die A-Seite geben würde. Ich hörte damals das erste Mal »Der Kommissar« und »Helden von heute«. Ich empfahl ihm, »Der Kommissar« auf die A-Seite zu geben, was Falco gar nicht ge el, weil der Song von Robert Ponger geschrieben worden war und »Helden« von Falco selbst – eigentlich ist es ja eine Coverversion von David Bowies »Heroes«. Als »Der Kommissar« dann Nummer eins wurde, war ich ein bisschen stolz, dass ich das auch so entschieden hatte.
Musikerin und Teil des Falco-TributeProjekts rund um Thomas Rabitsch
Hat sich dein Blick auf Falcos Werk verändert, weil du dich mit seiner Musik auch als Interpretin auseinandergesetzt hast?
Absolut. Je genauer man sich damit beschäftigt, desto faszinierender ist seine Musik, weil sie so zeitlos ist – was den Sound, aber auch was die Texte betri t. Es el mir früher nicht so wirklich auf, weil ich nur einzelne Schlagworte aufschnappte, aber die Texte sind auch richtig gut. Wenn man sich dann näher damit beschäftigt, merkt man, wie gescheit und großartig das alles ist.
Wie schätzt du Falcos musikalischen Nachhall ein?
Ich glaube, je länger er nicht mehr am Leben ist, desto größer wird sein Name – und das spricht auch für ihn. Es hört nicht auf, weil seine Musik einfach gut ist und weil er selbst auch so ein spannender Typ war. Dass sich aktuelle Acts auf ihn beziehen, merkt man zum Beispiel bei Bilderbuch, auch was das Styling betri t. Schon bei Falco war das ein Teil des Ganzen, diese Kunst gur.
Welcher Falco-Song ist dein persönlicher Favorit?
Es ist schwer, ein Lieblingslied auszuwählen – es gibt so viele gute. Aber ich würde mich wohl für »Emotional« entscheiden, weil der Song so viel Souliges drinnen hat. Allgemein sind die Achtzigerjahre für mich sehr von Falco geprägt. Nicht dass ich ständig seine Musik gehört hätte, aber sie passt so in diese Zeit. Sie hat das Feeling der Achtziger so gut eingefangen – und trotzdem ist sie zeitlos.
Gibt es eine spezielle Falco-Anekdote, die du mit uns teilen möchtest?
Es hätte immer wieder sein können, dass wir uns begegnen, aber es passierte tatsächlich nur ein einziges Mal: Ich war damals erst um die zwanzig oder so, hatte gerade mit der Musik begonnen und wir fuhren zusammen im Aufzug. Das war am Stephansplatz. Er fuhr gleichzeitig mit mir von der Onyx Bar nach unten und war mit einer schönen blonden Frau unterwegs – keine Ahnung, wer das war. Es gab einen Spiegel im Aufzug und Falco zog einen Kamm aus der Hosentasche, um sich die Frisur zu richten. Also, das war schon ein sehr »falkischer« Moment. Ich war jung und frech, dachte mir, irgendwas muss ich schon sagen. Es wurde dann ein »Passt eh«, da war der Aufzug schon unten und wir stiegen aus. Das war mein FalcoMoment. Immerhin (lacht)



Zum runden Jubiläum ist nicht nur eine limitierte Reissue von »Rock Me Amadeus« erschienen, sondern etwa auch je ein FalcoSondermodell des VW Golf und des VW Golf GTI.
Dieser Beitrag ist als Teil einer bezahlten Kooperation mit Volkswagen entstanden. Die textliche Verantwortung liegt bei The Gap.
Die aus Linz stammende Regisseurin und Drehbuchautorin Vivian Bausch arbeitet gerade am Otto-Wagner-Areal an ihrem ersten Langfilm »Soldat«. Im Gespräch erzählt sie von ungewöhnlichen Regiemethoden und der Fahrt auf der Gefühlsachterbahn zwischen Scham, Vertrauen und Ausdauer. ———— Es ist schon einschüchternd, wie die ehemalige Klinik da auf der Baumgartner Höhe thront. Das denkmalgeschützte Otto-Wagner-Areal umfasst mit unzähligen Jugendstilbauten, einem Theater und dem anliegenden Erholungsgebiet stolze 500.000 Quadratmeter. Seine optische Krönung ist die Kirche am Steinhof, deren goldene Kuppel im Sonnenlicht glitzert. »Ich bin voll das Otto-Wagner-Fangirl, to be honest«, schwärmt Vivian Bausch. Die Anlage sei so pompös – ganz anders als Linz, wo die Regisseurin und Drehbuchautorin aufgewachsen ist.
Vom Balkon des Pavillon C, der ehemaligen Direktion, haben wir einen guten Ausblick auf das Kommen und Gehen. Und das ist rege, denn trotz all des mitunter überwältigenden Prunks, wird das Gelände aktuell niederschwellig nutzbar gemacht: Die 34 -jährige Oberösterreicherin ist eine der vielen freien Kunstschaffenden, die derzeit in den Räumlichkeiten der ehemaligen Klinik eingemietet sind. Umso enttäuschender wäre es, wenn die Immobilien hier in der Zukunft von »Investor*innen geschluckt« würden, so
In ihren Filmen möchte Vivian Bausch gesellschaftliche Ambivalenzen aufzeigen.

Bausch. »Es ist wirklich ein perfekter, vielfältiger Ort«, meint sie und entschuldigt sich auch gleich für das Chaos, das im lichtdurchfluteten Altbau herrscht. Gerade habe da nämlich noch ein Casting für »Soldat« stattgefunden. Die Vorbereitungen für ihr Langfilmdebüt laufen derzeit auf Hochtouren. Schon im Juli ist Drehbeginn. Für die Entwicklung der Coming-of-Age-Story erhielt Bausch (gemeinsam mit Fabian Rausch) 2024 den CarlMayer-Drehbuchpreis sowie eine Förderung in der Höhe von rund 1,2 Millionen vom Talent Lab des Österreichischen Filminstituts. Obwohl aller Anfang bekanntlich schwer ist, scheinen sich bislang die Türen auf ihrem Weg zum ersten abendfüllenden Film ohne großen Widerstand zu öffnen. Erstaunlicherweise habe bis jetzt jede Einreichung dafür geklappt, erzählt Bausch.
Unorthodoxe Methoden
Vor diesem aktuellen Projekt zeichnete die gebürtige Linzerin bereits für Kamera und Regie bei einer Reihe von Kurzfilmen sowie einer Dokumentation verantwortlich. Ein Studium der Montage in München brach sie ab (»zu teuer und nicht die richtige Disziplin«) und begann stattdessen eines der Regie an der Filmakademie in Wien (»voll arg und viel passender«). In diesem Metier möchte sie fürs Erste auch bleiben, obwohl ihr oft gesagt worden ist, sie sei für Regie nicht geeignet. So oft, dass sie irgendwann selbst daran gezweifelt hat. Lange habe sie gedacht, als Regisseur*innen seien nur Menschen mit einem ganz bestimmten Persönlichkeitstyp geeignet. Einem, dem sie selbst nicht entspreche. Zum Glück, denn das Klischeebild vom »klassischen Regisseur«, wie Bausch es nennt, ist eindeutig ein unsympathisches. In ihrer Vorstellung seien das nämlich oft Männer, strenge Machtwärter, die immer alles perfekt machen müssen. Bausch selbst habe hingegen sogar einen richtigen »people pleaser« in sich, mit dem sie sich oft in die Haare kriege: »Der spießt sich manchmal mit der Regietätigkeit.«
Diese Unsicherheiten seien laut Bausch, da ist sie sich sicher, ein großes FLINTA*Problem, mit dem sie nicht alleine ist. Als Frau müsse man sich oft in Hierarchien beweisen und durchboxen, vor allem in Bereichen, die traditionell von Männern dominiert sind. »Ich habe immer das Gefühl, ich schulde jemandem etwas«, erzählt sie. Am Set kann man sie oft Dinge von A nach B schleppen sehen, Aufgaben, die eigentlich ihre Assistenz übernehmen sollte.
Kontrolle abzugeben, das sei auch eine Frage von Vertrauen, erklärt Bausch. Für »Soldat« habe sie ein großartiges, diverses Team, das es ihr leicht mache, an sich zu glauben. Mittlerweile weiß sie auch: Als Regisseurin muss man schon führen können, aber man
kann dafür einen Weg finden, der einem selbst gefällt. In ihren Anweisungen sei Bausch beispielsweise manchmal nicht so präzise, wie es vielleicht üblich ist. Stattdessen verlasse sie sich stärker auf ihre Körpersprache. Ihre Schauspieler*innen verstünden dann auch nonverbal, was von ihnen verlangt wird. Das sei eben gar nicht klassisch, findet Bausch. »Haneke würde vielleicht sagen, dass ich eine Vollidiotin bin«, meint sie lachend.
Der Altmeister in Ehren: Bauschs Methoden scheinen zu funktionieren. Etwa, um die Geschichte eines Mädchens, das von ihrem Stiefvater misshandelt wird, zu erzählen. Für ihren Kurzfilm »Ein Teil von mir« drückte Bausch den Schauspieler*innen einfach selbst eine VHS-Kamera in die Hand. Das Ergebnis ist verstärkte Nähe, Dringlichkeit und ein fast dokumentarischer Anschein der traumatischen Geschehnisse. »Ich liebe Dokumentarfilme«, erzählt Bausch. Den Spielfilm jedoch noch mehr: »Der kann ebenfalls sehr intim sein, aber ich habe das Gefühl, dass ich die Figuren darin besser schützen kann.« Diese sind in den Projekten der Filmemacherin nämlich oft problematischen Dynamiken und Charakteren ausgesetzt. Als Drehbuchautorin inter-
Ermächtigendes, gewisse Gefühle kreativ zu nutzen«, meint sie. Scham etwa. Scham aufgrund von persönlichen Themen, aufgrund von Lautsein, aufgrund von starker Präsenz. Scham, die einem von Kind auf eingeredet wird, die krankhaft ist. So eine Scham habe sie auch bei der Stoffentwicklung für ihren Langfilm empfunden, erzählt sie.
Im Zentrum von »Soldat« steht ein junges Mädchen, das eine Militärjacke des österreichischen Bundesheeres trägt. Dieses Mädchen ist nicht nur eine herrlich provokante Figur, sondern basiert auch auf Bauschs eigener Jugend. Ein Jahr lang habe sie damals die Uniform rund um die Uhr anbehalten und sich dabei angenehm beschützt gefühlt. Als sie den Charakter in einem Workshop mit der deutschen Regisseurin und Drehbuchautorin Doris Dörrie zum ersten Mal vorstellte, war diese sofort davon begeistert. Deshalb beschäftigte Bausch sich weiter damit, trotz ursprünglichen inneren Widerstands. Kern und Grundstimmung von »Soldat« seien dabei immer gleichgeblieben, obwohl der Film im Laufe der Arbeit daran doch einige
»Mein innerer people pleaser spießt sich manchmal mit der Regietätigkeit.«
— Vivian Bausch
essieren sie gerade diese heiklen Zustände: »Ich will aber keine Opfer-Täter-Geschichten erzählen, sondern Ambivalenzen aufzeigen. Und dass man die Strukturen dahinter – Patriarchat und Kapitalismus – versteht.« Als Regisseurin wiederum müsse sie dabei immer stark die Grenze zwischen Spiel und Nichtspiel im Auge behalten. Für »Ein Teil von mir« fragte Bausch deshalb einfach ihre Besetzung, mit welchem Kollegen sie sich in der Rolle des Täters wohlfühlen würde.
Work in Progress
Auch wenn die Handlungen ihrer Filme selten autobiografisch sind, verstecken sich darin Themen, die Bausch durchaus persönlich beschäftigen. Aber: »Etwas Persönliches ist auch immer etwas Allgemeines.« Das Filmschaffen und das Fiktionalisieren eigener Erfahrungen hätten für sie deshalb auch eine Art therapeutische Wirkung. »Es hat etwas
strukturelle Änderungen durchgemacht habe. Das Drehbuch sei auch nach wie vor work in progress, erklärt sie mit einem Schmunzeln. Das Schreiben sieht sie als einen »coolen, psychologischen Prozess«. Manchmal müsse man als Autorin die eigenen unguten Figuren jedoch erst lieb gewinnen. »Ich glaube, ich sollte mich auch von dem Gedanken lösen, vor dem Dreh schon das perfekte Drehbuch zu haben. Und zulassen, dass Dinge während des Drehs passieren«, sagt die Filmemacherin. Um im Nachsatz noch hinzuzufügen: »Was ja auch schön ist.« Helene Slancar
Details zum Scha en von Vivian Bausch sind auf ihrer Website www.vivianbausch.net zu finden.
Dieser Text ist im Rahmen einer Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria entstanden.
Das Gemeine hat viele Gesichter und kommt mal leise, mal laut, mal schäbig, mal blitzsauber um die Ecke. Die Onlineklasse »So eine Gemeinheit«, geleitet von Autor und Musiker Franz Adrian Wenzl (bekannt als Austrofred und von der Band Kreisky), an der Schule für Dichtung in Wien zeigt eindrücklich, wie man das Fiese in literarischer Kurzform zu fassen kriegt.
Gemeingefährlich gut, wie sich diese zwölf Autor*innen hier Luft verscha en.
von Karin Leroch
fünf vier drei zwei eins. ich komme! gartenhaus? nein. haus. wohnzimmer. klo? nein. schlafzimmer. mein zimmer. nein. höre was. küche? nein, mama, keinen kuchen. hast du die anderen gesehen? nein, sind nicht draußen. vergiss es. keller, treppe, pelletofen. nein. zurück nach oben. garderobe. sehe es jetzt. keine schuhe und jacken mehr da. sie sind weg. lustig. lustig. nicht lustig. allen ein geschenk versprochen, wenn sie auf meine party kommen. geschenke sind auch weg. mein magic ball. auch weg. mein geburtstag. heute. okay.
immerhin noch. onlinefreunde. valhall. login joe. passwort sniper10.
POV von Anne Lukas
Schokokeks geteilt
Paulina nimmt sich einfach das größere Stück
von Christian Schwetz
Ich bin wütend, traurig, enttäuscht.
Schon wieder ein Idol meiner Jugend als schmutziger alter Mann geoutet.
Gute Menschen gab es drüben, hier hab ich sie auch gefunden. Und ansonsten: Nirgendwo mangelt es an Schweinehunden, singt Biermann.
Ich google, welche Leichen man in seinem Keller schon gefunden hat.
Dann geh ich runter, in meinen Keller, steh lange vor der Kellertür.
Dieses Abteil aus Stahllamellentrennwänden zuzumauern, wäre wohl keine besonders gute Idee.
Ich geh wieder rauf in die Wohnung, setz mich an den Computer, versuche meine Homepage so gut wie möglich auszuradieren. Dann schreib ich acht Mails: Ich ziehe meinen Text vom Wettbewerb zurück!
Bitte nicht veröffentlichen!
Ich will nicht berühmt werden.
Niemand braucht sich für meinen Keller interessieren. Is nich traurig, is ja Wahrheit, singt Biermann.
von Natalie Himmelsbach
komplett durchgeprüft neigte hiob sich vor gott und dankte für nichts
von Meine Katze
Irgendwaun wors daun wirklich an der Zeit und hob i ruafn miassn den Hondwerker für den, jo, Service von der Therme. Denk i mir, ruaf i wen au aus meim eigenen Bezirk, kummts ma billiger. Hob i docht. Werkelt der zirka drei Stunden herum und mant, des des des hot austauscht werden miaßn. I waas es jo ned, wie des funktioniert, so die Therme. Is ned mei Bronsch. Rechnung 2.000,— in bar und sufurt. Na bum. Hob i grod zufällig des Göd daham ghobt wegn am Oabeitsunfoi und gibs erm hoit, weil er ned aufhert zum meckern, denk mir aber scho: Ui, des kummt mia a bisl vü vor. Najo. Irgendwie denk i mir a am nechsten Tog nu immer, dass mir des a bisl vü vorkummt, und ruaf i bei der Oabeitakomma an. Die manaan, se fenden den Typen irgendwie ned im Firmenbuch und i soid xyz mochn. Na bum. Danke für nix, sog i nu. Wüll i zur Bolizei gehn und den Hondwerka onzagn, sagt die Bolizei, i soid zur Oabeitakomma geh. Najo. Jetzt steh i do und des Woamwossa geht ned amal. Na bum. So schnö werd i kaan Oabeitsunfoi mehr habn.
von Jörg Schlager
In die grauen Gänge des Wiener Verkehrsamts Musste ich mich begeben, weil ich den digitalen Führerschein auf meinem Handy haben wollte.
»Sie haben eine Brille?«, frug mich eine hellsichtige Dame und schickte mich weiter zum Amtsarzt, dessen Sekretär mir ein Formular vor die Nase schob.
Vieles wollten sie von mir wissen, so auch, welche Medikamente
Ich einzunehmen pflege. »Psychopharmaka«, schrieb ich
Teilnahmslos hin und gab den Wisch dem grauen Herrn.
Nach dem Eintreten sah ich den Amtsarzt. Ich, dem Landvermesser K. gleich, erschrak ob seines aufgedunsenen Gesichts und der Wasserunterlaufenen Fischaugen. Was ich denn schlucke,
War die Frage. »Was zur Schlafunterstützung«, war die Antwort, Worauf er gelangweilt »SUIZIDAL?« schräg über den Wisch schmierte.
Nun muss ich ein jährliches psychiatrisches Gutachten vorlegen.
SCHLONZ! von Petra Zeleny
An de olle!
An oi de, de nix nochfrogn miassn de neda ned amoi nochdenga miassn weu se sowieso ois wissn – von Haus aus ois wissn netta ned nochdenga miassn
Nana, wasd eh
Weus eana mitta Müch von da Mutta eigebn wordn is so von Aufong au nix frogn haum miassn zerscht ned und a speda a ned
Weus eh logisch is weus e da Hausvaschtaund sogd und weus de Oiden immer scho vorbedt haum des wos sowiso auf da Haund liegt wos ma quasi auf de Finga von ana Haund ozoin kau wos imma scho recht woa und wos a imma scho so passt hod des wer ma sicha hiazt ned aufaunga zum aundascht mochn.
Na dreimoi ned.
Heast!
An oi de:
Kunstum und Nachhaltement!
Ich vernachhaltige euch, mich auszukünsteln! Durch das Fenster zukunst ihr nachhaltigerweise meine Frunstfransen. Kunsterte!
Ich nachhaltige euch nicht aus! Ihr … ihr … ihr … Nichtskunstigen!
Mit eurer Abstraktionskrunst könnt ihr euch selber nachhaltigenwärts abkunstvoll entmachen. Fortmachten!! Weg, wegtrollern!
Abkunstbar könnt ihr den Buckel mir runterkünsteln! Euch entlöffeln, euch entgedampfen und dabei nachhaltig grundkunstvoll eure Fußspuren wieder wegretuschieren aus dieser Welt!
Kunstgütiger, habe ich einen Schlonz!
So einen nachhaltigen, betonfesten Grant kunstkleistere ich euch gewissenhaft kunstkrunstig in eure Gesichter! Benachhaltigt subtrahiere ich euch aus meinem Kunstregister, ihr künstlerischen Antimaterien! Euch demäzenisiere ich aus eurer Unkunstwüste. Ihr Nachhaltigkeitsfurze! Ihr Kunstbaracken!
Ach, verkunstet euch doch aus meiner Kunstoase. Nachhaltigst!
von Eva Schreiber
Meine Freundin Susanna schickt mir in aller Hergottsfrüh den Energiepegel von Radio Wien via WhatsApp. Schütze 60 %
Die Vergangenheit könnte Sie heute einholen. Erwarten Sie nicht, dass sich diese Angelegenheit von alleine regelt! Freundin. Ha!
von Claudia Dvoracek-Iby
Bei unserem allerletzten Streit Fiel dir ein grauer Stein Aus dem Mund Du hast es nicht bemerkt Und ich habe nichts gesagt Als du gegangen bist Habe ich ihn aufgehoben War schwerer als gedacht
Seitdem trage ich ihn bei mir Und verfluche dich Denn seitdem schimmert er So schön dein Stein Schimmert in allen Facetten Von ozeantiefem Blau Ihn einfach wegzulegen Ist schwerer als gedacht
von Thomas Glatz
Nicht einmal zweimal in den selben Fluss steigen kann man!
von Doris Brockmann
Der Zwerg sprach:
»Liebe Riesen, ich hab es an den Drüsen, wenn das nicht wär, so glaubet mir, dann wär ich auch so groß wie ihr.« »Ja, ja, die Drüsen, lieber Zwerg, die sind ein rechtes Teufelswerk«, erwiderten die Riesen und kraulten ihre Drüsen, »wenn die nicht schwöllten immerzu, schmollten wir auch so rum wie du.«
von Dominika Meindl
Den Verantwortlichen der Rodung der Linzer Bergschlössl- und der Ziegeleistraßenparks zugunsten des Westrings wünsche ich, dass sie post mortem in einem ewigen Kreislauf an Autobahnzubringerkreisverkehren sich verheddern und erst wieder herausfinden, wenn die Hölle sich mit Eis bedeckt.
Der Nachbarin, die gerade den blühenden Löwenzahn in den Ritzen ihrer Einfahrt mit Roundup totspritzt, wünsche ich eine Reinkarnation als Ritzenpflanze im Einfamilienhausghetto.
Allen Herren, die im Gendern eine Verhunzung der deutschen Sprache sehen, wünsche ich den Pay-Gap ihrer eigenen Gattinnen an den Hals. Plus eine verpflichtende Nachschulung im Fach angewandte diachrone Linguistik im Ausmaß von vier Semestern.
Allen Männern, die mir mit ihren blöden Premiumfahrzeugen den Vorrang nehmen, obwohl hinter mir kein anderes Auto ist, und die mich dann ausbremsen, weil sie drei Meter weiter abbiegen, diesen Abbiegenazis wünsche ich einen erweiterten Sachkundenachweis, weil sie ein Listenauto fahren, und dass ihnen viele Vögel mit starkem Durchfall auf den Lack scheißen.
Allen Despoten, Tyrannen, Faschisten, Demokratiefeinden wünsche ich herzlich eine gute Sterbestunde. Davor viele Papierschnitte und Fieberblasen. Ich wünsche Trump, dass er täglich in Hundekot steigt und erst draufkommt, wenn er schon quer über den sauteuren Seidenteppich im Ballroom gelatscht ist. Ich wünsche Putin, dass ihm kein Hund mehr zugeht, kein liebes Tier lässt sich jemals wieder von ihm streicheln, nie mehr wieder ein warmer Blick aus treuen Augen, und ich wünsche ihm einen nächtlichen Schlaganfall, seine Adlaten fragen sich in der Früh, nanu, wo bleibt der Chef, sonst ist er um fünf schon in der Höh, aber ich trau mich nicht nachschauen, sonst ist er eminent grantig und schickt uns an die Front! 72 Tage später folgt Putin seinem großen Vorbild Stalin, Tod wegen unterlassener Hilfeleistung.
Ich wünsche allen Patriarchen dieser Welt ein Jahr als Frau, den Taliban zu Hause, Trump in Somalia; alle haben Cellulite und Endometriose, dazu eine superübergriffige Chefin und einen Mann, der viel fremdgeht und bei jeder Gelegenheit erklärt, dass Gendern die deutsche Sprache verhunze.
Allen, die Bomben bauen, wünsche ich, dass es sie beim Niesen in tausend Fetzerl zerreißt und sie keine Hände mehr haben, um sich aufzuheben.









1.–3.10.2026
Agatha is Dead! (DE) Aki Traar (AT)
Alycia May (AT) Arthur the gang (AT) Ava Fina (AT) Baby Berserk (NL) Blanche Biau (CH) chest. (FR)
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1 Pez Arts
Pez-Zuckerl sind absoluter Kult. Im Rahmen des Projekts »Pez Arts« hat das Traditionsunternehmen aus Traun nun gemeinsam mit dem Wiener Künstler Josef Florian Krichbaum eine auf 5.000 Stück limitierte Sonderedition des Pez-Spenders produziert. Wir verlosen fünf Exemplare.
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Die erfrischenden Beauty- und Pflegeprodukte von Lush helfen dabei, in der Hitze des Sommers cool zu bleiben. Mit Thymian, Lavendel, Sandelholz, Estragon und grüner Minze belebt dieser aromatische, minzige Bodyspray Körper und Geist. Wir verlosen drei Exemplare.
3 Hitster – Battle of the Generations
Das beliebte Partyspiel für Erwachsene, bei dem sich alles um Musik dreht, lässt die Spielenden in dieser neuen Version aus drei Kategorien beziehungsweise Musikepochen wählen: »Vinyl-Klassiker«, »Kassetten & CDs« sowie »Streaming-Ära«. Wir verlosen drei Exemplare.
4 »Warum ich Architektin wurde«
Margarete Schütte-Lihotzky gilt als eine der einflussreichsten Architekt*innen ihrer Generation, Stichwort: Frankfurter Küche. Ihre autobiografischen Erinnerungen, herausgegeben von Karin Zogmayer, erscheinen bereits in der dritten Auflage. Wir verlosen drei Exemplare.
5 Punk- und Deutschpunk-Mixtapes 200 Musiker*innen und Journalist*innen, Punks, Ex- und Anti-Punks blicken zurück auf fünfzig Jahre Punk – in Form des für sie jeweils wichtigsten Songs. »Bored Teenagers« und »Angri aufs Schlara enland« funktionieren dabei wie Mixtapes in Buchform. Wir verlosen je ein Exemplar.
6 Nicole List »Angst vor Männern«
Im vorliegenden Essay beschreibt Nicole List eindrücklich, was es heißt, in einer Welt zu leben, die von und für cis Männer gemacht ist. Sie verweilt dabei nie in Schuldzuweisungen, sondern fordert ein angstfreies Leben für alle. Wir verlosen drei Exemplare.


Nur ein Buchstabe trennt das Ausatmen vom Aufatmen – und doch kann sich der Unterschied unglaublich groß anfühlen. Mit einem »Deep Breath Out« ist man an Letzterem zumindest schon ziemlich nah dran. Einfach mal alles rauslassen, um in einen Zustand innerer Leere zu kommen. In einem durch und durch positiven Sinn. Mit ihrem atemberaubenden Zweitling »Deep Breath Out« zeigt die Songwriterin Filiah wie es sich anfühlen kann, wenn die Luft raus ist. Wieder: im besten und buchstäblichen Sinn. Denn Energielosigkeit kann man der Musikerin bestimmt nicht unterstellen.
Alles fühlen dürfen
Ihr neues Album ist ein Paradebeispiel dafür, dass Introspektion und Output einander nicht ausschließen. Insgesamt dreizehn Stücke hat sie auf »Deep Breath Out« versammelt. Diese reichen von eingängigen, poppigeren Klängen bis hin zu eindeutig im Indiefolk verwurzelten, ruhigeren Nummern. Im Song »Playground Vision« lotet Filiah, die mit bürgerlichem Namen Nina Schwarzott heißt, den schmalen Grat zwischen Zartheit, Stärke und Humor aus. Denn Verletzlichkeit begreift die Musikerin keinesfalls als Schwäche. »Wenn ich mir wünsche, dass Menschen etwas aus meiner Musik mitnehmen, dann, dass sie alles fühlen dürfen – und dabei Raum einnehmen dürfen«, so die gebürtige Niederösterreicherin.
Wenn sie im Song »It’s Always Winter (Until It Is Not)« von der Angst singt, gesehen zu werden – »I’m scared to be seen / But I still have this dream« – entsteht einerseits zwar der Eindruck von Lampenfieber, andererseits scha t es Filiah auf ihrem neuen Album aber auch ihr Innerstes zu o enbaren, sich den alles durchleuchtenden Röntgenstrahlen zu stellen. Dass überall dort, wo Licht ist, auch Schatten sein muss, ist kein Geheimnis. Die große Kunst liegt jedoch darin, auch in diesen dunklen Momenten kurze Augenblicke des Ausatmens – und Aufatmens – zu finden. (VÖ: 5. Juni) Sarah Wetzlmayr
Live: 5. Juni, Wien, Porgy & Bess — 28. Juni, Salzburg, Stadtfest — 25. Juli, Vöcklabruck, OKH — 25. September, Wiener Neustadt, Zentralkino


Ein flehendes Sehnen, ein intimes Gefühl von Übertreibung. Die erste Singleauskopplung »Big Swiss« – benannt nach dem gleichnamigen Roman von Jen Beagin – hat bereits den Takt für das neue Farce-Album »The Label« vorgegeben. Bei dem Alt-Pop-Track vibrieren die Bässe, während mit süßer Stimme von Verführung und Begehren gesungen wird. Farce thematisiert das berauschte Gefühl eines Crushes: so sehr zu wollen und gleichzeitig so sehr gewollt zu werden. Dieselbe Stimmung zeigt sich bei »Migraine Sex«. Die Mischung aus Over-Stimulation und liebevoller Nähe drückt sich textlich wie klanglich aus – etwas, das sich durch das ganze Album zieht. Durch die laut dröhnende Verletzlichkeit des Songs werden die Lyrics zu einer O enbarung der eigenen Ängste: »I can’t see anything / Out of my reach / And I can’t be anything, anything / Unfortunately«. Auch der Track »Going to the People Museum« dreht sich um das Gewolltwerden, wenn auch über mehere Ecken: »Like a second hand shiver from a nicotine pen«.
Der Opener »Deeply Strange People« thematisiert hingegen elterliche Einflüsse sowie die Frage, wie man diese tiefsitzende Prägung überwinden kann. Die energetischen Strophen fügen sich in die Grundstimmung des Albums ein und werden durch den zurückgenommenen Refrain konterkariert. Weiter hinten auf »The Label« nimmt »Skin on Skin« dann eine gereiftere, abgeklärtere Perspektive auf Elterneinflüsse ein. Über Clubsounds bittet Farce ihr Gegenüber dort um große Vertrauensversprechen.
Auf »Culture Vulture« wiederum begibt sich Farce in die Position der kontrollierenden Szeneinsiderin, die ihr eigenes Ding durchzieht und wenig für die titelgebenden Geier übrig hat. Diese selbstsichere Attitüde ist auch beim abschließenden »Tar« hörbar. Nun melancholischer, aber weiterhin mit starker Stimme: »Why would I even bother / To explain to you / What I can and cannot do«. Somit beendet Farce ein Album, auf dem sie sich verletztlich zeigt, gestärkter denn je – nicht trotz, sondern wegen der merklichen Vulnerabilität. (VÖ: 26. Juni) Nico Rottenbücher


Wenn einer sagt, »Austria is a too small country to make good popstars«, dann darf man ihn gleich an Ort und Stelle adeln – nicht zum Grafen, sondern vielmehr zum Lügenbaron. »Mumpitz!«, sagt man da als Antwort. Ja, gut, der Output an veritablen, internationalen Nummer-eins-Hits in den letzten Jahren ist nicht gerade überbordend und lässt sich prinzipiell in zwei Kategorien von Acts einordnen: einerseits die, denen dieses genuin Österreichische, auf das zum Beispiel die Deutschen so stehen – aber sich mitunter als fade Koketterie entlarven lässt –, so aus jeder Pore ihres lederjackengegerbten und schnapsgetränkten Körpers quillt, dass ein Schinakel drauf schwimmen könnte. Und andererseits gibt’s dann die, die super international klingen wollen und sollen, die sich so gar nicht nach Wien, Mühlviertel, Gnas oder eben – der Kreis schließt sich – Spittal an der Drau anhören, sondern nach der großen weiten Welt. Und das ist im Zweifel wohl der nachhaltigste Weg. Schau dir einmal an, wo die Esther Graf schon überall war: meistgestreamte österreichische Künstlerin, am Spotify-Billboard am Times Square, nominiert für MTV Europe Music Award und 1 Live Krone. Also, hallo! Das ist doch der Sto aus dem die Träume aller Provinzteens vom Boden- bis zum Neusiedler See gemacht sind.
Die ganzen Wapplercoaches haben da schon (ausnahmsweise) einen Punkt, wenn sie sagen, dass es auf das Mindset ankommt: Ausgelatschte Wege führen dich halt nicht nach oben, sondern eher zum Discounter, weshalb das zweite Album auch keine banale »Ich bin jetzt erwachsen«-Storyline verfolgt, sondern tatsächlich befreiter, spaßiger, crazier, selbstbestimmter, unkonventioneller ist. In, sagen wir mal so, konventioneller Popmusik kann das dann entweder bedeuten, dass die Musik tatsächlich stark ist, oder es ist halt ein Marketinggag (schlag nach unter »Girlboss«). Dass wir hier doch eher zur positiveren, ersteren Lesart tendieren, hat vor allem mit den Songs zu tun, die – auch mit tollen Features wie von Ness oder Dani Lia × Yola – einfach echt Spaß machen. Musikalisch ist da natürlich viel purer Retro-Popkitsch dabei, aber halt in Gut. Das ist nicht einfach, in New York genauso wenig wie in Spittal an der Drau. (VÖ: 26. Juni) Dominik Oswald

Alarm für Kobrakasino
Sirene Records

Kobrakasino sind wunderschöne Engel, die die Popgöttin aus dem Äther unter die Discokugel geatmet hat. Auf »Alarm für Kobrakasino« spielen sie hochemotionalen Elementarteilchen-Pop, bei dem Gedanken und Töne um die wesentlichen Dinge im Alltäglichen kreisen und die zur Verhandlung feilgebotenen Schwerpunkte wie Sehnsucht, Leistungsdruck und Beziehungskisten mit einer so süßen musikalischen Zuckerglasur überzogen sind, dass selbst der ärgste Kostverächter ein bissl schnabulieren will. Das zweite Studioalbum erscheint beim Eigenlabel der Band und bezirzt die Basalganglien aller Tanzbereiten genauso, wie es das melancholische Potenzial der Nachdenklichen umflort. Während der verführerisch-milde Gesang unseren Ohren schmeichelt, schlenzen die pulsierenden Beats den Langspieler bisweilen ordentlich in die Kurve. Die Arrangements sind dabei klar und licht. Das Songwriting ist eingängig. Ein Paradebeispiel dafür ist die elektrisierende Nummer »Das Herz von meinem Chef«. Fresh!
Und doch hakt da irgendetwas. Die äußerst geschickt arrangierte Songmelange oszilliert irgendwo zwischen Synthpop, NDW-Romantik und fetzigen Indieri s. Also eh da, wo grad alle in der besonders coolen Popnische oszillieren. Und weil ebendort die Ho nung zu trenden wohnt, klingt diese Platte auch einigermaßen nach Lifestyle, Anbiederung und Algorithmus anstatt nach künstlerischer Initiative und musikalischer Innovation. Aus der Zentrale heißt es zudem, man habe das alles mit einer Indiesleaze-Ästhetik angereichert. Fresh! Für die Musik aber irrelevant. Wenn sich also deutschsprachiger Pop anhört, als hätte man ihn bei Zalando bestellt, ist der Verdacht des schnöden Product-Placements nicht ganz von der Hand zu weisen. Das mindert zwar die künstlerische Glaubwürdigkeit, nicht aber zwangsläufig die Qualität des Dargebotenen und muss beim Schunkeln nicht jeden stören. Sehr gut gemacht ist »Alarm für Kobrakasino« allemal. Ob das Trio langfristig die Aufmerksamkeit der Konsument*innen aufrecht halten kann, wird sich zeigen. Denn Trends sind schon immer so schnell gegangen, wie sie gekommen sind. Oder sind Kobrakasino eine negative Dialektik der Popmusik? (VÖ: 12. Juni) Tobias Natter
Live: 2. Juli, Wien, Flucc — 3. Juli, Graz, Parkhouse





23. Juni – 5. Juli A...kademie der bildenden Künste Wien

Pleasurecruise

Spätestens sein Debütalbum »It Was a Hoax« rückte Lil Julez 2023 ins Rampenlicht. Mit einer Band im Rücken, die seine angenehme, tiefe Stimme trägt, hervorhebt und umhüllt, zählt er seither auch zu jenen Acts, die man auf jeden Fall mal live erlebt haben sollte. Nun legt der 26-Jährige mit seinem zweiten Album »Pleasurecruise« nach. Darin steckt aber wesentlich mehr als nur Pleasure. Präsentiert bekommt man eine Reise durch Gefühle und Gedanken, die nicht nur die Gen Z bewegen. »Lovebyte«, die erste Single daraus, ist aufgeweckt und dynamisch. Der treibende Rhythmus und die positiv geladene Stimmung nehmen einen sofort mit. Die Lyrics sind inspiriert von etwas, das uns alle nachhaltig beeinflusst: Beziehungen zu Computern, KI und Chatbots – teils romantische, teils sogar tragische.
Das Album hat aber thematisch noch einiges mehr zu bieten. Beim Opener »I Wanna Be Lonely« wird der Wunsch nach Einsamkeit regelrecht zelebriert. »Falling« (mit einem Feature von Peter the Human Boy) klingt wie eine sanfte Welle, beschreibt im Kontrast dazu aber das Wissen, dass jemand – oder etwas – unsere persönlichsten Gedanken und Gefühle kennt. Und die Tatsache, dass wir schlicht nicht aufhören können, diese preiszugeben, obwohl uns bewusst ist, dass das nur zu unserem Nachteil ist.
Spannendes Konglomerat
Musikalisch inspiriert wurde Lil Julez für dieses Album hörbar von einer breiten Spanne von Acts aus den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern. Da gibt es Anleihen und Zitate von Bands wie Franz Ferdinand, man hört Sonic-Youth-Gitarren genauso wie Michael-Jackson-Beats. Das alles wird aber fein zu einem eigenen Ganzen zusammengeknüpft – ein wirklich spannendes Konglomerat. Manchmal fröhlich, dann wieder verspielt, mal ernst, und dann wieder unterhaltsam verrückt. Alles immer mit sehr viel Gefühl und Tiefe. Lil Julez’ neues Album ist ganz bestimmt kein simpler »Pleasurecruise«, sondern liefert Indiepop/-rock, der vertraut klingt, aber gleichzeitig frisch und aufregend. (VÖ: 19. Juni) Petra Ortner


Skofi ist da, back und eigentlich auch nie wirklich weg gewesen. Mit ihrem zweiten Album »Halt mich fest«, das zwanzig Tracks voller Sommerekstase im Angebot hat, liefert die Wiener Musikerin, Rapperin und Produzentin nicht nur hemmungslosen Taumel, sondern füllt auch eine Lücke in der österreichischen Musiklandschaft: smarte Texte auf schnellen Beats, Laissez-faire-Attitüde mit haarscharfer Beobachtungsgabe sowie eine ordentliche Portion queeres Feuer für den ausgekühlten Dancefloor. Wer das Sommeralbum 2026 gesucht hat, findet es in Form dieser Platte optional sogar auf Doppelvinyl. Hier wird nicht nur abgerissen, sondern auch festgehalten, was gerade dringend notwendig scheint: diese präzise Fuck-that-Mentalität mit Ho nungsschimmern dazwischen, sowie diese süße Sommermelancholie, die einen von Juni bis September auf frischverliebten Wolken trägt. Auf »Halt mich fest« schmelzen die Eiskugeln dahin und tropfen direkt in den süßen Rauschmund.
Das Album taumelt dabei durch Herzschmerz, Überforderung, toxische Dynamiken, Sehnsucht, Begehren, Wut und Verletzlichkeit, ohne jemals stehen zu bleiben. Alles verschwimmt wie in einer ausufernd langen Sommernacht, in der niemand mehr auf die Uhr schaut. Zwischen clubbigen Höhenflügen, verträumten Passagen und rotzigen Ansagen nimmt Skofi ihre Hörer*innen mit in einen emotionalen Dauerzustand aus Ekstase und Katerstimmung. Immer wieder kippen die Songs plötzlich von melancholischer Zärtlichkeit in Selbstermächtigung, von verträumter Sommerromantik in den Wunsch, einfach alles niederzubrennen, was im Weg steht. Dabei bewegt sich Skofi mit beeindruckender Selbstverständlichkeit zwischen Rap, House, Garage, Drum & Bass sowie Indiepop. Die Produktionen pulsieren und treiben an, ohne die Vocals jemals zu überdecken. »Halt mich fest« ist der Soundtrack für Momente, in denen die Sonne durch die Blätter auf geschlossene Augenlider glitzert. Für Chlorgeruch im Freibad und verschwitzte Heimwege in der Morgendämmerung. Für diese kurzen Augenblicke, in denen alles gleichzeitig zu viel und genau richtig ist. Und Skofi singt mittendrin, hält fest, reißt ab, fängt auf. Alles Chaos, alles dazwischen. (VÖ: 12. Juni) Ania Gleich
Live: 5. Juli, Wien, Donauinselfest — 25. Oktober, Wien, Flucc Wanne

Surface Level Love
Janitor Records

einzigen Untiefen, in die man versinkt, sind die eigenen Gedanken. Yan Nay liefert mit seinem Debütalbum »Surface Level Love« eine Ansammlung von (Very-)Late-Night-Thoughts. Gedanken, die ihm den Schlaf geraubt haben. Eine überraschende Konstante, die sich dabei hervortut: die Veränderung. Beziehungen, die sich wandeln. Gefühle, die schwinden. Die Probleme des »Erwachsenwerdens«, bei dem der Umbruch bereits im Namen mitschwingt. All das wird von authenti schem Indiesound ummantelt, bei dem Yan Nay stets mit einer ordent lichen Portion Melancholie über angenehme Gitarrenakkorde gleitet. Während der Sänger in so manch einer Nacht wohl mehr Dinge zer dacht als geschlafen hat, scheinen die Songs seines Albums – bewusst – keine Unzahl an Studiosessions durchlaufen zu haben, sondern wirken wie direkt aus der jeweiligen Gefühlslage heraus eingespielt.
Das Album klingt wie der Abspann eines Coming-of-Age-Films. Jeder Song könnte dabei eine andere Geschichte schön abrunden. Während Yan Nay in »Everything Is Free« seinen Frust über oberflächliche Ge spräche voll leerer Worte auslässt, besingt er in »As Good As You« Erwartungen, die er nicht erfüllen kann, und Selbstzweifel, die daraus resultieren. Was alle seine Lieder eint, ist ihre Verletzlichkeit, aber auch eine gewisse Grundstimmung von »…but it’s gonna be fine«. Indiepop wird ja mitunter nachgesagt, er sei nur ein leicht verdauliches Dahin geplätschere mit Texten über Altbauwohnungen und Tanzen im Regen. Das widerlegt der Musiker aus Salzburg. Und wer weiß: Wenn man Ge danken, die einen nachts nicht loslassen, in Form eines Albums verar beitet, verstummt vielleicht auch irgendwann das elendige Ticken des Weckers. (VÖ: 26. Juni)
Live: 27. Juni, Wien, Club Lucia
REPEAT. CRY. DANCE. OBSESS. REPEAT. CRY. DANCE. OBSESS. REPEAT. CRY.




































FEELINGS. 3 ACTS. 1 NIGHT. ALL FEELINGS. 3 ACTS. 1 NIGHT. ALL FEELINGS.
02. AUGUST 2026 18:30 |Toscana Park Gmunden




now on sale!































Auch dieses Jahr dürfen wir am Karlsplatz wieder für vier Tage und Nächte kostenlos aktuellem österreichischem Pop lauschen. Die Musiker*innen Wolfgang Lehmann und Sofie Royer (Bild) sind heuer für die Kuration verantwortlich und lassen ein vielseitiges Programm erwarten. »Das Popfest ist Werkpräsentation, Bühne der Entdeckung, Raum für Perspektiven – ein Ort des Zusammenkommens und des gemeinsamen Erlebens«, so Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler. 23. bis 26. Juli Wien, Karlsplatz





















Zwei Tage buntes Treiben in St. Pölten – mit Konzerten, DJ-Sets und künstlerischen Interventionen. Das Festival lädt bei freiem Eintritt zum Tanzen und Genießen ein. Mit dabei sind Acts wie Buntspecht, Oehl und Mira Lu Kovacs. Kleiner Geheimtipp: Am Freitag tritt auf der Bühne vorm Festspielhaus das Duo Jopa (Bild) auf, bestehend aus Lili Kaufmann (Zinn, Schapka, Potato Beach) und Leni Ulrich (ehemals Bipolar Feminin). Sollte man gesehen haben! 12. und 13. Juni St. Pölten, Regierungsviertel und Kulturbezirk





Die psychedelische Rockband aus Oklahoma steht für großes Theater und für eine Weirdness, die durchaus an Acid-Trips denken lässt. Bekannt für spektakuläre Shows und einen experimentierfreudigen Sound, entführen uns Wayne Coyne & Co in eine Welt voller pinker Roboter, Magier*innen und Superhelden. Ein Wachtraum getragen von eingängigen Melodien ebenso wie von großen Emotionen. 15. Juni Wien, Gasometer
Das australische Duo Royel Otis macht Musik, die live noch direkter wirkt als auf Platte: eine Mischung aus leichtem Indiepop und warmen Harmonien. Die beiden zeigen, wie viel Kraft in gut gebauten Popsongs stecken kann. Keine Inszenierung, kein Kitsch – nur Musik, die Körper wie Kopf gleichermaßen unmittelbar anspricht: schlicht, tanzbar, lebendig. 17. Juni Kufstein, Festung
Rotzig und laut, eine Ikone der britischen Rap- und GarageSzene: Mike Skinner kommt mitsamt Band nach Österreich! Seine aufgeladenen Beats kombiniert mit sehr direkten Lyrics in erzählerischem Ton haben Hip-Hop maßgeblich geprägt. Aus realem Leben wird dabei musikalische Poesie – zwischen Arbeitslosigkeit und unerwiderter Liebe. 17. Juni Wien, Arena Open Air — 18. Juni Linz, Posthof Open Air
Johanna Gußmagg fusioniert auf raffinierte Weise träumerischsüße Momente mit roher Energie. Ihre Debüt-EP »Soft Skin« liefert große Gefühle und fordert Stereotype heraus – genau wie auch ihr Pseudonym Jo the Man the Music geschickt mit Erwartungen spielt. 10. Juli Zwischenwasser, Hägi Wendls — 11. Juli Lienz, Schloss Bruck — 16. bis 18. Juli Sittersdorf, Acoustic Lakeside — 9. Oktober Salzburg, Rockhouse
Die Band rund um Ellie Rowsell und Joff Oddie enterte vergangenes Jahr mit ihrem vierten Album »The Cleaning« erneut die Spitzenposition der UK-Charts. Die Anfänge als Akustikduo hört man aus der intimen Mischung aus Vintage-Rock, Folk und Dreampop nach wie vor heraus. Musik, die wohl schon vielen als Soundtrack für Liebe, Verlust und menschliche Nähe gedient hat. 19. Juli Wien, Arena Open Air
Wenige Bands sind eine derart fixe Größe der gegenwärtigen Rockszene wie Kings of Leon. Nach ihrem letzten Konzert in Österreich – als Headliner beim Linzer Lido Sounds vor zwei Jahren –, kommen sie nun erneut in die Alpenrepublik. Im Vorprogramm geben sich Cari Cari die Ehre. 23. Juni Wien, Stadthalle
Auf dem aktuellen Album »Little Wide Open« erzählt Kevin Morby von einem Amerika fernab von kapitalistischem Größenwahn und stellt so einen Kontrast zu den Nachrichten her, die uns sonst so aus Übersee entgegenschwappen. Sanfter, folkiger Indierock, poetisch und sehnsuchtsvoll wie immer. 17. Juli Wien, Simm City
Um Verwechslungen mit einem anderen Musiker vorzugbeugen, begann Nick Murphy einst unter dem Pseudonym Chet Faker Musik zu machen. Unter diesem ist der Australier mittlerweile für seinen smoothen elektronischen Pop bekannt. 21. Juli Wien Arena Open Air — 22. Juli Linz, Posthof Open Air













































































































































































































































































Kuratorin zeitgenössischer Zirkus Kultursommer Wien
Was für einen Stellenwert hat der zeitgenössische Zirkus innerhalb der Zirkuskunst?
Zirkus ist ein Genre, das von Straßenkunst über Theaterbühnen, Ausstellungsformate und Las-Vegas-Shows bis hin zur Pariser Oper und zum traditionellen Zirkuszelt unglaublich vielschichtig und international stattfindet. Gerade in dieser Unterschiedlichkeit ist es eine faszinierende Kunstform, in der sich der zeitgenössische Zirkus als wichtige, eigenständige Strömung etabliert hat. Mich freut es vor allem, dass er in der österreichischen Kulturlandschaft immer mehr Fuß fasst und ankommt. Einen noch größeren Austausch mit anderen Kunstformen wie beispielsweise dem Theater fände ich sehr reizvoll und wünschenswert.
Welche Möglichkeiten bietet der Kultursommer Wien als Veranstaltungsrahmen?
Das Besondere am Kultursommer Wien sehe ich im Spielen an öffentlichen Orten, die wir für einen bestimmten Zeitraum kulturell beleben. Für die Kinder und Bewohner*innen der angrenzenden Grätzl ist das ihr Park. Wir sind dort zu Gast und bringen etwas Neues mit. Leute kommen und gehen während der Vorstellungen, Kinder tanzen vor der Bühne und beteiligen sich sehr aktiv am Geschehen. Es kann für Künstler*innen auch herausfordernd sein, den vertrauten, geschlossenen Veranstaltungsraum zu verlassen. Aber gerade dieses direkte Zusammenkommen mit dem Publikum finde ich inspirierend, es regt zu anderen Spielformen und Fragestellungen an.
Inwiefern kannst du deine Erfahrungen als Autorin und Dramaturgin für die Programmplanung nutzen?
Meine eigene künstlerische Praxis ist vom Arbeiten in verschiedenen Genres geprägt. Ich mag es, Schnittstellen auszuloten, und empfinde das Zusammenspiel und die Reibung unterschiedlicher Kunstformen als inspirierend. Einen breiten künstlerischen Background und Blick zu haben, bereichert mich bei meiner Perspektive auf die eingereichten Arbeiten und ihre Unterschiedlichkeit. Zu enge Genregrenzen interessieren mich nicht. Gerade in der Fluidität der Arbeiten und in der Freude am Experimentellen sehe ich eine große Stärke.
Kultursommer Wien 2. Juli bis 16. August Wien, diverse Locations

Auch diesen Sommer kann Wien die Füße nicht still halten: In 58 Spielstätten wirbelt Impulstanz wieder durch internationale Tanzstile und ein vielfältiges Programm aus Performances (Bild: »Post-Orientalist Express«), Workshops, Research Projects und musikalischen Acts. Mit dieser Bandbreite am Parkett verstärkt das Festival seit 1984 den rhythmischen Puls der Stadt. Zudem hat es auch schon lange einen einzigartigen Stellenwert in der internationalen Tanzwelt. Für diesen sorgen unter anderem seine innovativen Angebote: Wer auf der Suche nach kostenlosen Möglichkeiten zum Drehen und Wiegen ist, darf sich etwa wieder auf die Tanzklassen von Public Moves freuen. Unter freiem Himmel kann man hier – unabhängig von Alter und Erfahrung – der Tanzfreude freien Lauf lassen. 9. Juli bis 9. August Wien, diverse Locations

»International, zeitgenössisch, profiliert, virulent, avantgardistisch, diskursiv, politisch« – die Sommerszene Salzburg erkennt das gesamte Potenzial darstellender Kunst. Ob bereits bekannte Namen oder neue Entdeckungen (im Bild das Debüt »Maldonne« von Leïla Ka), ob internationale Performer*innen oder lokale Künstler*innengruppen – die vielfältigen Artists zeigen mit ihren Projekten neue Wege für Tanz, Theater und Performance auf. Bemerkenswert ist auch das interdisziplinäre Kunstverständnis, dank dem Installationen, Filme und Konzerte ebenso Platz im Programm haben. 8. bis 23. Juni Salzburg, diverse Locations

Neben der Möglichkeit für ausgedehnte Spaziergänge und einer imposanten Gartenanlage bietet der Augarten auch 2026 wieder Raum für spannende s Freiluftkino. An sechzig Abenden können bei Kino wie noch nie neben der lauen Sommerluft auch legendäre Filmklassiker und fesselnde Neuentdeckungen genossen werden. Bei den Projektionen unter freiem Sternenhimmel wird das Open-Air-Kino seinem Namen auf jeden Fall gerecht. Und mit Decken und Regenschutz direkt vor Ort muss man sich auch bei schlechterem Wetter den Leinwandspaß nicht entgehen lassen. 25. Juni bis 23. August Wien, Augarten
Zwölf Jahre, zwölf Sekunden. Zum vollen Dutzend zeigen die Kürzestfilm Festspiele abermals, dass man für Tiefgang auf der Leinwand nicht mehrere Stunden im Kinosessel sitzen muss. Das hintergründige Spiel mit der Zeit findet sich aber nicht nur in der würzigen Kürze der eingereichten Filme wieder, sondern auch in den heurigen Mottos »Gestern«, »Heute«, »Morgen« und »Nie«. 3. Juni Wien, Gartenbaukino
Wie der Name schon verrät, bringt dieses Festival frischen Wind in das weite Feld, das wir Medien nennen. Das interdisziplinäre Event vereint experimentelle Kunst mit ländlicher Entschleunigung. Dabei verwandelt sich das 14-Seelen-Dorf Boden zu einem medialen Experimentierraum. Zwischen Traditionellem und Zeitgenössischem, zwischen kleinem Ort und großen Perspektiven präsentiert Medienfrische neue künstlerische Ideen. 1. bis 21. Juni Boden, diverse Locations
Ob im Hallenbad, bei der Feuerwehr oder in Kirchenräumen – dieses Festival findet für seine experimentellen Klänge immer den richtigen Ort. Mit Musik, Performancekunst, Literatur und Soundinstallationen zeigt es, worin sich Klang überall verstecken kann. Unter dem Motto »This Stupid World Is All We Have« dient unsere so deprimierende wie unausweichliche Gegenwart als Inspiration für sonische Experimente. 10. bis 12. Juli Gallneukirchen, diverse Locations
Dass Kultur am Land nicht nur Bierzelte und Trachten bedeuten muss, zeigt das Kulturfestival Bühne der Macht. Der kleine Ort Sankt Daniel im Gailtal verwandelt sich dabei in einen umso größeren Denkraum für Freiheit, Verantwortung und Generationendialog. Theater, Film und Philosophie kommen zusammen, um eines der zentralsten gesellschaftlichen Themen zu hinterfragen und neu zu denken: Macht. 15. bis 19. Juli Sankt Daniel, diverse Locations
Christoph Schlingensief: Es ist nicht mehr mein
Regierungskoalition im Jahr 2000. Insofern scheint es nur folgerichtig, dass auch diese Retrospektive zum
Mit keinem anderen Projekt erregte der deutsche Kunststar so viel öffentliche Aufmerksamkeit in Österreich wie mit »Bitte liebt Österreich«. Die an die TV-Show »Big Brother« angelehnte Container-Aktion fand damals im Rahmen der Wiener Festwochen statt, pünktlich zum Start der ersten schwarz-blauen
Schlingensief’schen Gesamtwerk als Teil des Festivals stattfindet. Startpunkt ist »Church of Fear« (Bild), das 2003 im deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig zu sehen war. Ausgehend von dieser Be -
Schlingensiefs künstlerischen Anfängen und die andere hin zu seinen späteren, zutiefst persönlichen
schäftigung mit der eigenen sowie der gesellschaftlichen Angst zeichnet die Schau zwei Linien, eine hin zu
Auseinandersetzungen mit der eigenen Krebserkrankung, an der er 2010 auch verstarb. bis 13. September Wien, Mak





Im etablierten Kanon kommt Textilkunst meist gar nicht vor. Ein Schelm, wer denkt, das könnte mit dem hohen Frauenanteil sowie der starken Assoziation mit Weiblichkeit zusammenhängen. Anni Albers sollte jedenfalls eigentlich mindestens so bekannt sein wie Walter Gropius, an dessen Bauhaus sie das Weben lernte – weil ihr dort der Zugang zu anderen Metiers aufgrund von Sexismus erschwert worden war. Das Belvedere widmet ihr nun die erste umfassende Personale in Österreich. War an der Zeit. bis 16. August Wien, Unteres Belvedere
Unter Art brut versteht man Arbeiten, die von Außenseiter*innen des Kunstbetriebs erstellt werden. Von Kindern, Lai*innen und Menschen, die nicht neurotypisch sind oder sich am Rande der Gesellschaft befinden. In Anlehnung daran ist nun bei »Photo | Brut« die Sammlung von Bruno Decharme zu sehen, der seit über vierzig Jahren Fotografien abseits der ausgetretenen Pfade zusammenträgt – unter anderem etwa von der autistischen Fotografin Elisabeth Van Vyve, die ihr Leben akribisch mithilfe von Einwegkameras festgehalten hat (Bild). bis 6. September Wien, Foto Arsenal
In Zeiten von Trump, Deepfakes und KI-Slop müssen wir uns alle zwangsweise mit dem Unterschied zwischen Realität und Fiktion beschäftigen. Auch in der Kunst wird diese Dichotomie nicht erst seit gestern in jede erdenkliche Richtung gedreht. Die Kuratorinnen Frederike Sperling und Pia Wamsler rücken nun den Begriff der Attitüde ins Zentrum und argumentieren anhand von sieben künstlerischen Positionen, dass es mittlerweile gar nicht mehr darum gehe, was, sondern wie etwas gesagt wird. 3. Juni bis 25. Juli Wien, Kunstraum Niederösterreich
Performancekunst in einen musealen Kontext einzubinden, ist kein leichtes Unterfangen. Liegt es doch im Wesen der Kunstform einmalig und ephemer zu sein. Die Lösung sind dann meist filmische Dokumentationen, Ausstellung von Requisiten und Reenactments. Oder eben eine eigene, maßgeschneiderte Performance. Florentina Holzinger, die zwischen Biennale und Festwochen mal wieder in aller Munde ist, wurde vom Kunsthaus Bregenz mit der Kreation einer ihrer sogenannten »Étuden« beauftragt. Beschränkte Kapazität! 11. Juli Bregenz, Kunsthaus


Regisseur »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«
Was war der Ausgangspunkt für deinen neuen Film? Bei meinem letzten Film »Wir sind die Mutanten« beschäftigte ich mich mit dem Thema Arbeit. Daraus entwickelte sich der Gedanke, dass Zeit dafür ein entscheidendes Element ist. Es ging damals um das Karriere- und Entwicklungscenter der Post. Dorthin wurden jene Beamt*innen geschickt, die nicht mehr gebraucht wurden. Diese Menschen wurden in ein altes Postgebäude gesetzt und hatten dort in der Regel nichts zu tun. Ein oder zwei Schulungen gab es zwar, aber eigentlich war es eine repressive Einrichtung. Ein Postler hat es mit einem Gefängnis verglichen, in dem sie, zur Untätigkeit verdammt, ihre Zeit absitzen müssen. Das war der Ausgangspunkt für »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«.
Ist ein Leben außerhalb der etablierten Zeitlogiken möglich?
Eigentlich geht das nur als Aussteiger*in, denn auch unsere Freizeit ist geprägt durch die Logiken der Arbeitswelt. Sieht man sich die Geschichte der Arbeiter*innenkämpfe an, findet man immer wieder Konflikte um Zeit, zum Beispiel darum, den Samstag zum freien Tag zu machen. Man kann zwar versuchen, sich mehr freie Zeit zu schaffen, aber es ist schwierig und es gelingt nur wenigen Menschen. Neben der Erwerbsarbeit frisst auch die Care-Arbeit viel freie Zeit. Gerade Frauen haben daher oft kaum Eigenzeit.
Wie hat sich dein Verhältnis zu Zeit im Laufe der Arbeit an diesem Film verändert? Ich habe nicht wirklich ein Mittel gefunden, um besser mit meiner Zeit umzugehen. Mehr offline zu sein, hilft vermutlich. Auf Social Media bin ich zum Beispiel nicht sehr aktiv. Ein anderer Ansatz ist, nicht noch mehr Aufgaben in den Alltag zu stopfen. Rituale können ebenso dafür sorgen, dass Zeit bewusster erlebt wird, etwa im Rahmen von Meditation oder Sport. Auch beim Spielen lässt sich die Zeit irgendwie ausschalten. Das ist eigentlich die beste Methode, um aus diesem durchgetakteten Zeiterlebnis herauszukommen. Oder einfach wieder zu lernen, Langeweile zu erleben.
Start: 19. Juni

Regie: Hlynur Pálmason Der Fischer Magnus (Sverrir Guðnason) und die Künstlerin Anna (Saga Garðarsdóttir) haben drei Kinder und leben seit Kurzem in Trennung. Er verdient gut, ist aber durch seine Arbeit viel abwesend und tut sich schwer, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Sie versucht, in der sexistischen Kunstwelt Fuß zu fassen, und überlegt, zurück in die Stadt zu ziehen. Im Film begleiten wir die Familie ein Jahr lang – während sich alle an die veränderten Bedingungen gewöhnen und einen neuen Alltag lernen müssen. Regisseur Hlynur Pálmason (»Godland«, »Winter Brothers«) drehte den Film, der als Islands Beitrag bei den diesjährigen Oscars eingereicht wurde, analog im 35-Millimeter-Format. »The Love That Remains« liefert visuell starke Bilder in einer beeindruckenden Landschaft und einige überraschend surreale Szenen. Ein Film über Liebe, Familie und Verlust. Start: 12. Juni

Regie: Abu Bakr Shawky Wir schreiben das Jahr 1967 und der junge, in Kairo lebende Ahmed (Amir El-Masry) will Pianist werden. Bei der Suche nach einer Brieffreund*in lernt er Liz (Valerie Pachner) kennen, die aus Österreich stammt. Die zwei beginnen, einander regelmäßig zu schreiben. Sie ermutigt ihn dazu, seine Träume zu leben und ein Konzert zu spielen. Während sich die beiden emotional näherkommen, erleben wir die Geschichte Ägyptens im zwanzigsten Jahrhundert – inklusive der Ermordung des ehemaligen Präsidenten Anwar asSadats und deren Folgen. Die Liebesgeschichte von Ahmed und Liz ist dabei keine leichte, leben sie doch in völlig unterschiedlichen Kulturen. Abu Bakr Shawky kennt diesen Clash auch persönlich: Seine Mutter ist Österreicherin, aus Villach. Sein Vater stammt aus Ägypten. Start: 10. Juli
Regie: Joscha Bongard ———— Bereits in seinem letzten Film »Pornfluencer« beschäftigte sich Joscha Bongard mit der Welt der Content-Creator*innen. In »Babystar« geht es nun um die Familie Sommer: Als die 16-jährige Tochter Luca (Maja Bons) erfährt, dass ihre Eltern (Bea Brocks und Liliom Lewald) noch ein Kind wollen, um eine weitere Möglichkeit zu haben, das Familienleben online besser zu inszenieren, beginnt sie, an ihren Eltern zu zweifeln. Start: 4. Juni
Regie: Ratchapoom Boonbunchachoke ———— Der Witwer March (Wisarut Himmarat) trauert um seine verstorbene Frau Nat (Davika Hoorne). Dann taucht diese jedoch wieder auf – als Staubsauger, in dem ihre Seele Zuflucht gefunden hat. In dieser Form hilft sie erst seiner Familie und dann der Regierung, unliebsame Geister loszuwerden. So wandelt sich die Fantasy-Romanze nach und nach in ein gesellschaftskritisches Drama. Start: 5. Juni
Regie: Maïlys Vallade, Liane-Cho Han Jin Kuang ———— Basierend auf dem autobiografischen Roman »Metaphysik der Röhren« der belgischen Autorin Amélie Nothomb erzählt dieser Animationsfilm deren fantasievolle Kindheitsgeschichte. Gemeinsam mit ihrer Freundin Nishio-san erlebt sie dabei zahlreiche Abenteuer und Wunder. Bis Amélie an ihrem dritten Geburtstag lernen muss, mit einem unerwarteten Erlebnis klarzukommen. Start: 11. Juni
Regie: Muriel d’Ansembourg ———— Alec (Caolán O’Gorman) arbeitet für seinen Vater Dylan (Andrew Howard) – und zwar im Pornobusiness. Dylan ist Darsteller, Alec kümmert sich um Kamera, Schnitt und Postproduktion. Als wäre das nicht schon Stoff genug für jahrelange Therapie, tut sich der introvertierte, junge Mann auch noch schwer, Nähe zuzulassen. Doch nach einer Begegnung mit Nina (Safiya Benaddi), beginnt er, sich dieser zu öffnen. Start: 11. Juni
Regie: Regina Schilling ———— Vor hundert Jahren wurde Ingeborg Bachmann geboren. Pünktlich zum Jubiläum kommt nun ein Porträt der österreichischen Schriftstellerin in die Kinos. Der Film mischt Archivmaterial mit nachgestellten Szenen – in denen Sandra Hüller in die Rolle der Autorin schlüpft. Anhand von Briefen, Tagebüchern sowie natürlich ihrer eigenen Literatur wird Bachmanns Leben an einem imaginären Tag gezeigt. Start: 25. Juni

Idee: Nick Antosca Max Cady (Javier Bardem) wird aus dem Gefängnis entlassen – und sinnt nach Rache an Tom (Patrick Wilson) und Anna Bowden (Amy Adams), die ihn vor siebzehn Jahren vor Gericht vertraten. Die Geschichte basiert auf dem Buch »The Executioners« aus dem Jahr 1957 sowie auf den beiden Filmadaptionen von 1961 und 1991. Bei letzterer führte Martin Scorsese Regie, der für die neue Serienadaption gemeinsam mit Steven Spielberg als Produzent fungiert. ab 5. Juni Apple TV

Idee: Laura Kittrell »Natürlich blond« kann getrost als Kultfilm bezeichnet werden. Während Reese Witherspoon damals die aufstrebende Jusstudentin verkörperte, darf für das Prequel nun Lexi Minetree eine jüngere Version spielen. »25 Jahre nachdem Elle Woods die Welt zum ersten Mal erobert hat, fühlt es sich surreal an, jetzt ihre Ursprungsgeschichte erzählen zu dürfen«, so Produzentin Witherspoon. Die Serie bereits für eine zweite Staffel verlängert. ab 1. Juli Amazon Prime Video
A-Trak
Anna Ullrich
Billie Marten
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bewegen bewegte Bilder – in diesem Kompendium zum gleichnamigen Podcast schreibt er drüber

Nach einem missglückten Wunsch ist Nikki (Inde Navarrette) regelrecht besessen von Bear (Michael Johnston).
Auweia, »das Netz« hat mal wieder unaufgefordert etwas eingeordnet – und das geht bekanntlich selten gut aus. Dafür braucht es nicht mal Hot-Button-Issues wie Nahen Osten, drohenden Klimakollaps oder die nächste Seuche. »Lohnt sich der neue Schwarzwald-›Tatort‹?«, wanzt es mich also aus einem der 41 offenen Browsertabs an, eine Antwort läge nur einen Klick entfernt. Also zumindest für jene halt, die so etwas juckt. Meine Neugier geht indes hart gen Null, wenn in einer Sprache, die stark nach KI-Generisch klingt, aber jedenfalls genauso leblos ist, die Aufbereitung eines Themas angepriesen wird, das allenfalls in einer brachen TV-Landschaft als von Belang durchgeht.
Aber was sagt es davon abgesehen bitte generell über den kulturellen Diskurs aus, wenn sich eine Kreativleistung – und sei es ein »Tatort« – vorrangig daran messen lassen muss, ob sie sich »lohnt«? Das ist ja nun keine Polymarket-Wette, sondern ein Angebot zur inhaltlichen Auseinandersetzung, das entsprechend auch Zeit und Aufmerksamkeit verlangt, eventuell gar den Verzicht auf parallel ausgeführte Tasks wie Unterwäschefalten, Dating-Profil-Updaten oder Vokabelbüffeln für exotische Fremdsprachen wie die Lingua Linkedin. Wenn Kultur, die in den Köpfen ohnehin schon großräumig zu »Content« geschrumpft wurde, nun auch noch als nachgerade lästige Aufgabe rüberkommt, die einem andere, »lohnendere« #MeTime raubt, ist das doch eine recht unerquickliche Entwicklung.
Unruhige Nächte
Okay, womöglich habe ich das auch in den falschen Hals bekommen und reagiere über. Ungeachtet dessen bin ich aber dankbar, dass das Werk, um das es hier gehen soll, sich gar nicht zum Ziel gesetzt hat, ein »lohnendes« Filmerlebnis zu bieten. Es will vielmehr aus der Komfortzone locken und herausfordern, auch irritieren. Vorab: Die Nacht nach der Österreichpremiere von »Obsession« (Kinostart: 25. Juni), die dem untrüglichen Tastemaker-
Gespür des Slash Filmfestivals zu verdanken ist, war für den Verfasser dieser Zeilen jedenfalls gleich mal eine von rastlosen Träumen erfüllte. Das würde man zu Beginn der Handlung freilich noch nicht vermuten: Curry Barkers erster Langfilm mit Budget (nach dem viralen 800-Dollar-Horrorhit »Milk & Serial«) lässt sich zunächst eher wie eine prototypische, von einem fantastischen Zufall in Gang gesetzte Achtzigerjahre-Rom-Com an.
Nicht zu scherzen
Die Geschichte geht so: Bear (Michael Johnston) jobbt in einem Musikbedarfsstore, ist verklemmt und socially awkward, vor allem aber bis über beide Ohren in Kollegin Nikki (grandios: Inde Navarrette) verknallt. Den Mumm, sie um ein Date zu bitten, bringt er jedoch nicht auf. Als ihm eines Tages ein scheinbarer Scherzartikel namens »One Wish Willow« unterkommt, der die Erfüllung eines Wunsches verspricht, ersteht er ihn, halb zum Spaß halt. Nachdem er sich nach einem weiteren ernüchternden Abend mit Nikki endgültig in der Friendzone wähnt, zerbricht er in einem Akt der Verzweiflung doch noch den magischen Weidenzweig. Sein Begehr: Die Angebetete möge ihn mehr lieben als alles andere auf der Welt. Exakt das trifft dann auch ein. Zunächst scheint sich dabei alles zu erfüllen, was er sich immer ersehnt hatte: Nikki findet ihn unwiderstehlich und möchte ständig Zeit mit ihm verbringen. Die Kehrseite der erzwungenen totalen Zuneigung stellt sich jedoch alsbald ein. Nikki verhält sich, als existiere sie nur noch für ihn, also nicht einmal mehr für sich selbst: Mal steht sie nachts in der Ecke und starrt ihn an, mal versiegelt sie die Eingangstür mit Klebeband, damit er nicht abhaut. Und das ist erst der eher harmlose Anfang.
Bemerkenswert ist Curry Barkers Fähigkeit, Intensität und Tonalität dieses Sturzflugs in den Irrsinn hocheffektiv zu modulieren. Galliger Humor und schocksatter Nervenkitzel greifen so unberechenbar ineinander, dass man als Zuschauer*in nie sicheren Boden unter den
Füßen hat – was den 26-Jährigen eindeutig als bereichernden Neuzugang im Kreis rezenter Hype-Horror-Auteur*innen wie Zach Cregger oder der Philippou-Brüder ausweist. Wie diese hat Barker sein Talent für Zuspitzung in der Sketch-Comedy trainiert, um es nun für furchterregende Sezierungen der conditio humana anzuwenden. Das zeigt sich besonders am Protagonisten, der keineswegs als unbeholfener Sympathieträger mit reinem Herzen dargestellt wird, wie es in einem konventionelleren Film wohl der Fall gewesen wäre. »Obsession« demaskiert ihn mit diabolischem Grinsen als verantwortungslosen Egoisten und führt ohne jede Milde vor, welche Kollateralschäden seine Selbstsucht für andere verursacht.
Die Prämisse mag zwar im Grunde nur eine weitere Variation von W. W. Jacobs’ klassischer Kurzgeschichte »Die Affenpfote« (1902) sein, doch so perfide und hinterhältig ausgearbeitet wurde diese lange nicht mehr. Die konsequent gewählte Perspektive des Täters zwingt dazu, das Grauen, zu dem auch ach so klasse Kerle bereit sind, um sich einen Vorteil zu verschaffen, ohne distanzierende Wirkung zu betrachten. Indem männliche Kränkung selbst als Ungeheuer auftritt, entsteht Raum für rigorose Reflexion: Wären wirklich all die »good guys«, die man kennt – oder zu denen man sich unter Umständen selbst zählt –, in vergleichbaren Situationen vor ähnlichem Fehlverhalten gefeit?
Es scheint also nicht ausgeschlossen, dass mit dem Zauberzweig auch manche Gewissheit im Publikum zerbricht. Das Unwohlsein, das dieser bemerkenswert boshafte und unangenehm nah an unsere Gegenwart anschließende Film einem tief ins Gemüt pflanzt, will einen wahrlich nicht »belohnen«. Ganz im Gegenteil verlangt es einem erheblich mehr ab, als man einzubringen gedachte.
prenner@thegap.at • www.screenlights.at
Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen.





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Regisseurin »Der Fiskus«
Ein Stück über ein Finanzamt, das klingt zuerst einmal sehr trocken. Was reizte dich daran?
Felicia Zeller ist eine spannende Autorin. Ich mag ihre Sprache und auch ihre Figuren, die sie oft in prekäre und fürs Theater eher unwahrscheinliche Kontexte reinsetzt. Bei »Der Fiskus« nimmt uns die Autorin mit ins Finanzamt, also an einen wahren Unort. Mit der Ausnahme von Menschen, die dort arbeiten, wird dieser Ort für gewöhnlich so gut es geht gemieden. Ich finde es interessant, dass man in »Der Fiskus« in eine Welt eintaucht, in die man sich sonst nicht freiwillig begeben würde.
Die Figuren wirken überzeichnet und gleichzeitig nachvollziehbar. Wie habt ihr den Ton getroffen? Wir wollten herausfinden, was sie menschlich und damit nahbar macht. Wirklich interessant wird es für mich erst, wenn man Klischees und Oberflächlichkeiten zurücklässt und tiefer eintaucht. Im Stück bewegen wir uns in einem Setting, in das man sich eigentlich nicht hineinbegeben will, zusammen mit Figuren, mit denen man im Alltag möglichst nichts zu tun haben möchte. Die Finanzbeamt*innen in »Der Fiskus« sind wahnsinnig skurril aber gleichzeitig auch sehr komplexe Figuren. Sie verfolgen ihre Sehnsüchte mit einer so großen Ernsthaftigkeit, Dringlichkeit und Begeisterung, dass man kaum umhinkommt, mit ihnen mitzufiebern.
Das Stück ist komödiantisch, behandelt aber ernste Themen. Wie haltet ihr die Balance?
Es ist uns nicht besonders schwergefallen, weil sich die Figuren so lustvoll an diesen Themen abarbeiten und mit so viel Begeisterung durch ihren Büroalltag navigieren. Die Kritik an Machtstrukturen und an den Ungerechtigkeiten im Steuersystem liegt bei Felicia Zeller größtenteils zwischen den Zeilen. Einer der Hauptkonflikte in »Der Fiskus« ist der Cum-ExSkandal. Dieser weitreichende Steuerskandal zieht sich als ein Handlungsstrang durchs Stück, er nimmt aber nie Überhand. Alle Figuren bringen ihre eigenen Themen und Motivationen mit. Sei es, ihr geradezu sportliches Anliegen, Steuerbetrüger*innen aufzuspüren, oder ihr Wunsch, die eigenen Finanzen durch geschickt ausgenutzte Steuerlücken aufzustocken: Die Figuren halten sich gegenseitig und auch das Publikum auf Trab.
bis 26. Juni Salzburg, Schauspielhaus


25 Jahre nach 9/11 teilen internationale Künstler*innen in einer gemeinsamen Produktion von Wiener Festwochen und Schauspielhaus Wien ihre Perspektiven auf die Spätfolgen des Terroranschlags. In vier Projekten zwischen Lecture, Rap, Theater und Videokunst werden von den Anschlägen erzeugte Ängste mit Rassismus, willkürlichen Verhaftungen und massenhaften Abschiebungen kontrastiert. Weiters werden der polemische Diskurs in Europa über das Blutvergießen im Nahen Osten thematisiert, ein Body-Horror-Trip über queeres Begehren inszeniert und Erzählungen über Terror musikalisch zerlegt. Ein spannender Abend mit Autor*innen von Weltrang (unter anderem Claudia Rankine, Sivan Ben Yishai, Eyal Raz, Ozan Zakariya Keskinkılıç und Myassa Kraitt). 2. bis 13. Juni Wien, Schauspielhaus

Ein Stück, bei dem man gleichzeitig lachen und immer wieder kurz schlucken muss: »Lecken 3000« ist zurück auf der Bühne. Autor*in Lynn T Musiol schreibt mit Witz und vielen popkulturellen Referenzen über ein totgeschwiegenes Thema: lesbischen Missbrauch. Zehn Jahre nach dem Ende ihres Verhältnisses bekommt Ari eine SMS von ihrer früheren Lehrerin Ute und beginnt, die Umstände dieser Beziehung zu hinterfragen. War das Missbrauch? Neben dem offensichtlichen Machtwird auch noch ein Klassengefälle angedeutet. Es stellt sich die Frage, wie man am besten mit der Situation umgeht, ohne der eigenen Community zu schaden. Musikalisch wird die Produktion übrigens mit Farce von keiner unbekannten begleitet. 15. und 21. Juni Wien, Burgtheater Vestibül
Was haben Stalin, Queen Elizabeth II., US-Präsident John F. Kennedy, die britische Premierministerin Margaret Thatcher und Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah gemeinsam? Bei ihren Beerdigungen wurde jeweils Chopins »Marche funèbre« gespielt. Die beiden Künstler*innen Lina Majdalanie und Rabih Mroué werfen die Frage auf, ob in solchen Momenten nicht auch die Musik selbst beerdigt wird, wenn man sie ihrer Freiheit beraubt und für posthume Glorifizierung instrumentalisiert. Ein Stück über das Zusammenspiel von Macht, Tod und Musik. bis 20. Juni Wien, Volkstheater Bezirke
Ganz nach der Redewendung »Dein Wort in Gottes Ohr« wurden für »183 Abgeordnete – Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen« Originalzitate aus parlamentarischen Reden im österreichischen Nationalrat gesammelt und in einen vielstimmigen Theatertext verwandelt. Das Ergebnis der Koproduktion von Schauspielhaus Graz und Theater im Bahnhof ist gleichermaßen ernst wie absurd und stellt mit viel Schmäh sowohl die schönen als auch die schiachen Seiten der österreichischen Politik zur Schau. bis 24. Juni Graz, Schauspielhaus
Ausgangspunkt von »Doppelgänger/Doppelganger« ist eine Familiengeburtstagsfeier inspiriert von Erinnerungen aus der Jugendzeit der Mitglieder des Kunstkollektivs Gob Squad. Aber wer spielt welche Rolle? Und wer entscheidet, was als Nächstes passiert? Schnell wird klar, dass mehr Menschen für das Geschehen verantwortlich sind, als zunächst gedacht. So wird die Geburtstagsfeier zu einer surrealen Vision mit unerwarteten Wendungen, während verschiedene Identitäten und Stimmen darum kämpfen, gehört zu werden. 18. bis 21. Juni Wien, Halle G im Museumsquartier
Ein Abend über die Frauen des Burgenlandes: von Tyranninnen, Kämpferinnen, »Blutgräfinnen« und Hexen zwischen Mythos und möglicher Wirklichkeit. In »Die Straße der Frauen« nähern sich zwanzig Künstlerinnen diesen Geschichten an und fragen, was von ihnen geblieben ist. Im Fokus stehen Frauen, die zu Lebzeiten mit gesellschaftlichen Normen brachen, sich Zuschreibungen widersetzten und vielleicht gerade durch ihre Widersprüchlichkeit zur Projektionsfläche wurden. 19. Juni Eisenstadt, Kultur Kongress Zentrum 25. und 26. Juni Wien, Off Theater

Was geht ab im Weinviertel?
In Form so unterschiedlicher wie zahlreicher Projekte zeigt das Viertelfestival heuer, was im Weinviertel kulturell los ist – und was fehlt. Fünf Highlights aus dem Festivalprogramm.
Wie lange noch? Solange ...
Katharina Cibulka stickt mit pinkem Tüll in meterhohen Buchstaben einen Satz auf ein Gerüstnetz, zum Beispiel »Solange Gleichberechtigung eine ewige Baustelle ist, bin ich Feminist:in«. bis 27. Juni; Siloturm Hasitschka, Raasdorf bei Wien
Female Voices
In der Veranstaltungsreihe »Female Voices« werden Musikerinnen in den Vordergrund gerückt und ihnen ein exklusiver Platz auf der Bühne im Alten Schlachthof Hollabrunn gegeben.
29. Mai, 13. Juni, 11. und 18. Juli; Alter Schlachthof, Hollabrunn
Es Wir(d)t – Männer weinen nicht
Die Regisseurin Anna Jose ne Holzer erweist dem einstigen StidlWirtshaus in Pillichsdorf die letzte Ehre. Ihr Film handelt von Erinnerung, Verlust und Männlichkeit im Wandel. 13. und 14. Juni; ehem. Stidl-Wirtshaus, Pillichsdorf
Yachtclub – Regatta radikaler Möglichkeiten
Eine frühere Jugenderziehungsanstalt wird zur Produktionsstätte für künstlerische Forschung, kollektive Prozesse und konkrete Gestaltung. Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Gartenbar. 19. Juni bis 19. Juli; ehem. Erziehungsanstalt, Kirchberg am Wagram
Do schau her
In Großmugl konnte man sich früher in 13 verschiedenen Gaststätten tre en. Einige davon ö nen fürs Viertelfestival wieder ihre Pforten. Highlight: Der Nino aus Wien im Gasthaus Gratzl. 27. und 28. Juni sowie 4. und 5. Juli; ehem. Gasthäuser, Großmugl
Das Viertelfestival 2026 findet von 6. Mai bis 19. Juli im Weinviertel statt. Sämtliche Details unter www.viertelfestival.at
Gewidmet all denjenigen, die beim Lesen auf die eine oder andere Wissenslücke gestoßen sind.
Am besten unter dem Kürzel 808 bekannt, galt der Drumcomputer Roland TR-808 in den Achtzigern als Eckpfeiler der aufstrebenden Electronic-, Dance- und Hip-Hop-Genres. Bis heute haben seine markanten synthetischen Sounds einen ikonischen Status in diesen Szenen. Die Frankfurter Küche wurde 1926 von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entworfen und sollte den Kochbereich auf seine wesentlichen Funktionen reduzieren. Alles sollte leicht zugänglich sein und die Wege möglichst kurz. Das Konzept gilt als Urtyp moderner Einbauküchen. Als in die Friendzone verbannt, wähnt sich so mancher »nice guy«, wenn eine Frau keine Beziehung mit ihm will. »Idle Worship« ist ein Song der Band Paramore von deren fünften Album »After Laughter« (2017). In ihm besingt Haley Williams das angespannte Verhältnis zu übergri igen Fans, die die Band gleichzeitig auf ein Podest heben und dann aufgrund dieser überhöhten Erwartungen von der Realität enttäuscht werden. Der Umgang der kirchlichen Hirten mit ihren Schäfchen wird unter dem Begri Pastoral zusammengefasst. Diese wird häufig in Einzelbereiche unterteilt, Arbeitskreise zur Regenbogenpastoral beschäftigen sich etwa mit der Einbindung queerer Menschen in die (römisch-katholische) Kirche. Sappho ist die wohl berühmteste Dichterin der Antike. Sie lebte auf der Insel Lesbos und ist vor allem für ihre Liebesgedichte bekannt, die mitunter explizit an Frauen gerichtet waren. Von ihr beziehungsweise ihrem Herkunftsort leiten sich die Begri e sapphisch und lesbisch ab. Mit Sunday Funnies werden die sonntäglichen Beilagen in Tageszeitungen bezeichnet, die ab dem späten neunzehnten Jahrhundert die gesamte Familie erfreuten. Eine Besonderheit war der damals neu eingeführte Farbdruck. Die restlichen Teile der Zeitungen waren meist noch in Schwarz-Weiß gehalten. Tekosin ist ein Wiener Verein, der einen selbstorganisierten, konsumfreien Raum für queere Migrant*innen und Geflüchtete scha en möchte. Seine regelmäßigen Community-Events richten sich dabei insbesondere an trans, inter und nichtbinäre Menschen.


Eine komplexe Verschränkung und der Hass auf Porridge. ———— Schon vor fünf Jahren schwebte eine auffällige Dreiecksillustration am Cover von The Gap. Das Thema, dem sich der damalige Chefredakteur Sandro Nicolussi im zugehörigen Text widmete: die komplexe Verschränkung von Kunst, Kultur und Gesellschaft, also »wie Entwicklungen aus der Kunst auf die Gesellschaft wirken«. Sein Nachfolger Bernhard Frena schrieb ein paar Seiten weiter hinten im Heft über trans* Erfahrungen in Comics und Graphic Novels – anhand der Publikationen von Steven Appleby und Ari Ban. Beiträge zu Camp (»quasi so etwas wie die Großmutter der Queerness«, meinten damals Florian Aschka und Larissa Kopp) und zu queeren Struggles in Polen beziehungsweise Wien sowie ein Glossar rundeten das jährliche LGBTQIA*-Special ab. In ihrem Text zum Thema Stadtentwicklung forderte Magdalena Augustin dann noch, Kultur schon in der Planungsphase besser einzubinden. Und neue Releases von Buntspecht, Sharktank, Svaba Ortak sowie Tents ließen uns zu freundlichen Worten greifen. Ganz anders der Ton von Josef Jöchls Kolumne »Sex and the Lugner City«: »Ich hasse Porridge«.
gibt’s The Gap?

Salon Ananas Wien
So manche Großeltern sagen zu Erdbeeren ja bis heute Ananas. Das kommt vermutlich vom Sortennamen der Gartenerdbeere: Fragaria ananassa. Der Salon Ananas hat sich das zum Anlass genommen, statt der großen gelben die kleine rote Frucht als Logo zu verwenden. Im Hybrid aus Concept-Store und Galerie findet sich neben Spielen, Postkarten, Büchern, Kalendern, Kühlschrankmagneten, Regenschirmen, Postern, Kunstdrucken und Ausstellungen von Illustrator*innen auch die jeweils aktuelle Ausgabe von The Gap. Ottakringer Straße 135, 1160 Wien
Wer gerade auf der Suche nach einem neuen Look ist, findet im Taiga das volle Programm: sowohl neue (nachhaltige!) Mode als auch eine frische Frisur im zugehörigen Salon. Jungferngasse 2, 8010 Graz
Traditionelle französische Kost abseits der Haute Cuisine kann man – neben Wein und Cocktails – in dieser kleinen, aber feinen Bar in Wien-Neubau genießen. Kirchengasse 18, 1070 Wien

Wer sich informiert, kann mitreden und das Morgen mitgestalten. Zuversicht. Macht was.
Diskutiere im STANDARD FORUM

Josef Jöchl
artikuliert hier ziemlich viele Feels
Brauchen wir eigentlich noch einen Pride Month? Ich sage: definitiv ja. Erst vor ein paar Wochen landete ich wieder mal am anderen Ufer. Ein Freund von mir hatte Handwerker in der Wohnung, die seine neue Küche aufbauen sollten. Die Spüle lag aber noch im schwedischen Möbelhaus – nicht in jenem am Westbahnhof, sondern in dem in Transdanubien. Als er im Gruppenchat fragte, wer Zeit hätte, sie dort zu abholen, zögerte ich keine Sekunde. Auf ins Abenteuer! Den 22. Bezirk kannte ich im Grunde nur aus Munkeleien über eine Schönheitsklinik im Donauzentrum, in der es angeblich eine Botox-Flatrate gibt.
Doch schon am Kagraner Platz legte sich meine Stirn in tiefe Falten. Was war eigentlich der Deal mit Küchen? In den letzten paar Jahren hatten nicht wenige Personen in meinem Umfeld sehr starke Meinungen zu Einbauküchen entwickelt. Ständig wurden irgendwo die Fronten ausgetauscht, Fliesendekore besprochen oder Tafelgeschirre erstanden, während ich noch immer dasselbe Ikea-Starterset benutzte. Die erfolgreiche Umgestaltung einer Küche erschien mir wie ein Zeichen einer Reife, die ich nie erlangen würde. Ich konnte nicht umhin, mich zu wundern: Hatte ich als Schwuler mit unterentwickeltem Interesse an Interior Design überhaupt noch einen Platz in dieser Welt?
Contenance im Cargo
Es mag vielleicht ein bisschen pick-me rüberkommen, aber Inneneinrichtung ist eben nicht so meins. Vielleicht habe ich mich deshalb bereits auf dem Weg vom 24A zum Ikea verlaufen. Plötzlich stand ich zwischen lauter Lkws und einem Mitarbeiter, der mich anschrie, den Cargobereich sofort zu verlassen. Dabei hieß
er mich einen Wappler, und ich ihn darauf einen Trottel. Wow, dachte ich mir, so früh hatte ich in Servicekontexten noch nie die Contenance verloren! Aber ich hatte ja schließlich dringend eine Spüle abzuholen. Zu diesem Zweck wurde ich dann von der Warenabholung zum Servicecenter geschickt, wo mir eine freundliche Mitarbeiterin sagte, dass die Spüle am Click&-Collect-Schalter für mich bereitgestellt sei. Dumm nur: Der Weg dorthin führte am Cargobereich vorbei, wo ich gerade einen Mitarbeiter gegen mich aufgebracht hatte. Also erklärte ich ihr, dass ich mich nicht traute, alleine hinzugehen, weil ich mich fünf Minuten vorher in ein kleines, maskulinistisches Schreiduell hatte verwickeln lassen. Gut, dass wir 2026 haben! Sie schnippte mit dem Finger und ließ mich von einem ihrer Kollegen zu Click & Collect eskortieren. Gewissermaßen hatte ich meinen eigenen Ikea-Bodyguard bekommen. Take that, hegemoniale Männlichkeit!
Ich kam zwar wohlbehalten bei Click & Collect an, doch Spüle wartete dort keine auf mich. Die war nämlich erst vier Tage später zur Abholung vorgesehen, wie mir ein anderer Mitarbeiter des Servicecenters wenig später erklärte. »Aber die Handwerker bauen jetzt die Küche ein!«, eskalierte ich den Konflikt und wimmerte dabei ein bisschen. »Keine Sorge, ich kann den Auftrag stornieren. Du kannst dir die Spüle dann selbst aus dem SB-Bereich holen«, reagierte der Mitarbeiter kompetent und einfühlsam. Auf dem Drucker hinter ihm sah ich einen Regenbogensticker leuchten, auch sein Namensschild fiel mir auf. Entweder war er ein trans Mann oder er hatte einfach so einen Vornamen wie
ein Latzhosen tragender Charakter aus einem Achtzigerjahre-Kinderbuch. Ersteres würde mich nicht wundern. Trans Personen kämpften ja seit jeher an vorderster Front für die Rechte von Homosexuellen – auch wenn es in diesem Fall nur um ein Keramikspülbecken ging. Bevor ich mich in die Ausstellungshalle wagte, kaufte ich mir noch ein Paar Frankfurter. Diese ganze Küchensache hatte mich hungrig gemacht.
Wenn man durch Möbelhäuser geht, drängen sich einem Vorstellungen von alternativen Lebenswegen auf. Auch ich fragte mich, wie das wohl wäre, mit richtig guten Geschirrhangerln. Oder einem Kühlschrank, in dem ich nicht alle drei Tage eine Pfütze mit einem No-NameWettex aufsaugen muss. Oder einer Arbeitsplatte, die 2.000 Euro kostet, auf der ich lässig ein paar Ottolenghi-Bücher platzieren würde. Vielleicht würde ich mich dann endlich ernst genommen fühlen. So als hätte ich einen angestammten Platz in dieser Welt. Denn selbst 2026 fühle ich mich als Schwuler manchmal ein bisschen off. Etwa wenn ich und mein Freund, obwohl beide jenseits der Vierzig, noch immer »die Burschen« genannt werden (was mich in anderen Zusammenhängen wiederum nicht stören würde, Stichwort Botox-Flatrate). Es ist gar nicht so leicht zu erklären. Als hätte mein Nervensystem den gesellschaftlichen Fortschritt noch nicht ganz eingeholt. Eine Stunde später lieferte ich das Spülbecken in der Wohnung des Freundes ab. Die Handwerker bauten es ein, während mir mein Kumpel seine Küchenfantasy ausmalte und ich mich auf einmal gut aufgehoben fühlte. Happy Pride. joechl@thegap.at • @knosef4lyfe









