
Das offizielle Verbandsmagazin von April 2026

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Das offizielle Verbandsmagazin von April 2026


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Eine Faust darauf
Wir haben sie diesen Winter unzählige Male beobachtet: die letzten Sekunden vor dem Start. Wenn Athletinnen und Athleten noch einmal die Brille richten. Leise mit sich selbst sprechen. Noch ein letztes Mal an den Schnallen rütteln. Stampfen – fast überladen vor Anspannung. Jede und jeder hat seine eigene Routine, und in jeder Disziplin sehen diese Routinen anders aus.
Doch fällt etwas auf. Etwas, das sich an jedem Weltcup-Start beobachten lässt.
Das «Füschtli».
«Füschtli», das; schweizerisch, umgangssprachlich:
Kurze Begrüssungs- oder Abschiedsgeste, bei der zwei Personen die geballte Faust gegeneinanderstossen; Ausdruck von Vertrautheit, Bestätigung oder Ermutigung. Wird häufig in informellen Situationen verwendet, insbesondere im sportlichen Umfeld als letztes Zeichen der Unterstützung vor einer Leistungssituation.
Synonym: Ghettofaust
Auch Franjo von Allmen schwört darauf. Etwas vom Letzten, was er macht, bevor er startet? Er gibt seinem Coach ein «Füschtli». Manchmal auch zwei. Das wäre dann das «Doppel-Füschtli». In der Titelgeschichte dieser Ausgabe geht es auch um seine Faust. Darum, warum seine weissen Fausthandschuhe so oft blau sind – und was das über seinen Fahrstil aussagt. Es geht auch um viele andere seiner Körperteile.
Aber zurück zum «Füschtli». Zu diesem kleinen Moment, der überall gleich aussieht – und so viel bedeutet.
Manche Athletinnen und Athleten holen sich gleich mehrere Fäuste ab. Nicht nur beim Cheftrainer. Beim Servicemann. Bei der Physiotherapeutin. Beim ganzen Team. Ein kurzer Kontakt hier, ein Nicken dort. Und aus einem Einzelsport wird ein Gemeinschaftswerk.
Denn hinter jedem Erfolg steht ein Team. Immer.
Das «Füschtli» ist genau das: ein stilles Versprechen.
«Ich bin da.»
«Und du kannst das.»
«Los!»
Als würde man sich noch einmal verbinden – und im gleichen Augenblick lösen.
Gerade Menschen wie Karin Luchsinger zeigen, wie viel mehr in diesen Sekunden steckt. Als Teamphysiotherapeutin im Snowboardcross nimmt sie eine Rolle ein wie niemand sonst. Sie ist weder Coach noch direkte Konkurrentin. Eine neutrale Bezugsperson. Eine, die spürt, was es gerade braucht. Worte. Ruhe. Oder eben ein «Füschtli».
Es hat auch etwas Praktisches. Vor und nach dem Wettkampf wird es zur Lösung für ganz unterschiedliche Situationen. Ein Hallo, aber auch ein Tschüss. Ein «Gib Gas» und ein «Gratuliere». Ein «Hey, du hast dich tapfer geschlagen».
Eine Möglichkeit, Nähe und Anteilnahme zu zeigen, ohne sich lange anfassen zu müssen.
Vielleicht passt es genau deshalb so gut in diese Welt. Weil im Spitzensport ständig abgewogen wird. Nähe und Distanz. Emotion und Professionalität. Mitgehen – und trotzdem einen Schritt zurückstehen.
So erzählen es auch die Kommunikationsverantwortlichen von Swiss-Ski. Von diesem emotionalen Auf und Ab an den Olympischen Spielen. Von Momenten, in denen sie ganz nah dran sind und in denen sie plötzlich eine Rolle einnehmen, die eigentlich gar nicht zu ihrer Aufgabe gehört. Was die Lösung dafür ist?
Sie liegt auf der Hand.
Oder besser gesagt: in der Faust.
Nur noch ein letztes «Füschtli» – diesmal nicht als Startsignal, sondern als Abschied.
Für den Moment. Für den Winter.
Viel Vergnügen beim Lesen wünscht
Lia Näpflin, Chefredaktorin
Das offizielle Verbandsmagazin von Swiss-Ski, erscheint viermal pro Jahr
Ausgabe vom April 2026, 60. Jahrgang
Herausgeber
Swiss-Ski
Home of Snowsports, Arastrasse 6, 3048 Worblaufen
T +41 31 950 61 11, snowactive@swiss-ski.ch
Redaktion
Lia Näpflin (lia.naepflin@swiss-ski.ch)
Roman Eberle (roman.eberle@swiss-ski.ch)
Freie Mitarbeit
Peter Birrer, Benjamin Steffen, Daria Zwahlen, Pascal Amri, Anya Censi, Mine Kasapoglu, Thomas Petit
Art Direction/Layout
LS Creative GmbH
Leander Strupler, Sandro Reist
Inserate/Advertorials
Swiss-Ski
Matthias Rietschin (matthias.rietschin@swiss-ski.ch)
Thomas Huser (thomas.huser@swiss-ski.ch)
Abonnemente
Jahresabo CHF 49.-, 4 Ausgaben (inkl. MWST)
Druck
AVD Goldach AG
Übersetzungen
Syntax Übersetzungen AG
Copyright
Swiss-Ski
Nachdruck nur mit ausdrücklicher
Genehmigung der Redaktion gestattet.

34 Nadja Kälin

Dürfen wir dich mal was fragen?
62 Jonas Hasler



Crans-Montana
Unser Skiclub

Abfahrt, Super-G, Team-Kombination - Franjo von Allmen hat als erster Schweizer Wintersportler dreimal Gold gewonnen an denselben Olympischen Spielen. Das Land weiss alles über ihn. Wirklich? Von A bis Z? Kaum.
Deshalb: Gestatten, Franjo von Allmen – nicht von A bis Z, aber von Augen bis Fuss.
Ein anatomisches Porträt. Aber eigentlich eine Lebensgeschichte. Von Allmen, 24 Jahre alt aus Boltigen im Simmental, sagt häufig «du» oder «man», wenn er von sich selber redet. Und wenn er «das Ganze» sagt, meint er den Körper.
Augen
Augenfarbe? «Braun, glaube ich.» Franjo von Allmen muss in einen Spiegel schauen, «ja, braun» - und diese braunen Augen sähen «scharf wie ein Adler». Und hat dieser Adler ein Auge für die Linie? «Glaube schon, ja. Ich fahre vielleicht nicht immer dieselbe Linie wie
die meisten anderen Athleten, manchmal geplant, manchmal ungeplant.» Von Allmen sagt, manchmal müsse er die Linie ein bisschen anders «agugge» (Bedeutung von «gugge/«agugge», vgl. weiter unten: «Mund») als etwa Marco Odermatt. Warum? Rein skitechnisch – und um etwas mehr Linie zu investieren, damit es möglich sei, Schwung und Tempo besser aufzubauen.
Hat er einen Ohrstecker, links, rechts? «Keinen, nirgends.» Nie gewollt oder nie gedurft? «Nie Gedanken dazu gemacht.»
Lieblingsgeräusch? «Ein 5-Zylinder.» Gibt es ein Geräusch, zu dem er besonders gut einschläft? «Am liebsten keines. Oder Musik.» Was für Musik? «Spielt nicht so eine Rolle. Ich schlafe so ziemlich überall ein. Kürzlich gelang es mir auf dem Helikopterflug von GarmischPartenkirchen ins TV-Studio im Leutschenbach.» Die weitesten Direktflüge
führten ihn bisher aus der Schweiz in die USA – «da kam es auch schon vor, dass ich vor dem Start einschlief und bei der Landung aufwachte».
Hirn
Sein Hirn? «Manchmal ein bisschen inaktiv», sagt Franjo von Allmen. Dürfte es manchmal gerne ein Stückchen aktiver sein? «Wenn mich etwas interessiert, schaffe ich es schon, mich darüber zu informieren. Nach Allgemeinwissen brauchen Sie mich nicht zu fragen.» War er ein guter Schüler? «Nicht auf die Nase gefallen, aber auch nicht der Schlauste der Schule.» Machte, was es zu machen gab, und sagte manchmal auch: «Wenn’s reicht, dann reicht’s.»
Und skitechnisch: Hilft es manchmal, wenn das Hirn ein bisschen inaktiv ist, damit mehr Risiko möglich ist und weniger Kontrolle? «Ich denke, das Risiko, das man nimmt, nimmt man durchaus bewusst. Bloss ist manchmal die Ausführung nicht ganz so wie vorher ausgemalt.»

Zwei Halskettchen, besondere Begleiter, immer nah: ein Zwilling und ein Tigerauge-ähnlicher Stein.
Mental sei er «schon recht gut aufgestellt»; was für Training oder Wettkampf nicht nützlich sei, vermöge er gut links liegen zu lassen. Seit jeher? Oder dank Arbeit mit einem Mentaltrainer?
Dank «Sachen», die man erlebt habe, habe man selber ein bisschen dran gearbeitet, sagt Franjo von Allmen - «Hilfe hatte ich eigentlich nie, ich kam selber klar, mehr oder weniger».
Was für «Sachen», die er erlebt hat?
«Sicher meine ganze Lebensgeschichte, von der ich etwas mitnehmen kann. Sei es der Schicksalsschlag in meiner Familie - mein Vater verstarb, als ich 17 war. Seien es Gespräche mit Trainern, Kollegen oder älteren Leuten, die interessante Ansichten vermitteln.»
Apropos «Gespräche»: Franjo von Allmen findet, sein Dialekt werde mittlerweile relativ gut verstanden, abgesehen von klassischen Berndeutsch-Wörtern, die es halt manchmal zu übersetzen gelte. Er
versucht, seiner Linie treu zu bleiben, auch sprachlich. Wenn er aber mit Menschen querbeet aus dem Land «unterwäge» sei (für Nicht-Bernerinnen und -Berner: «unterwäge» = unterwegs), sei es automatisch so, dass er sich ein wenig anpasse, um nicht alles dreimal wiederholen zu müssen. Das Wort «gugge» benutzt von Allmen deshalb seltener vor als auch schon («gugge» = «luege» = schauen).
Ausgeschlagene Zähne: null. Verletzungen im Mundbereich beschränken sich auf Schürfungen am Kinn, wenn er mit dem Velo stürzte oder anderswie auf die «Schnure» fiel («Schnure» = Mund).
Es gibt zwei Halskettchen, die er immer trägt - jedes Kettchen hat eine besondere Bedeutung für ihn. An dem einen hängt ein brauner Stein, etwas wie ein Tigerauge, am anderen ein kleines Sternzeichen – ein Zwilling. Beide Stücke tragen Erinnerungen in sich – und bleiben so immer nah.

Noch nie gebrochen, sicher das eine oder andere Mal angeschlagen (aber nicht drauf gefallen, vgl. weiter oben: «Hirn»).
Hat er einen guten Riecher, was Menschen angeht? «Sehr, ja. Und ich probiere zu jenen, mit denen ich’s gut habe, Sorge zu tragen.» Es sei nicht selbstverständlich, einen derart guten Kollegenkreis zu haben, «mit dem die ganzen Erfolge eigentlich auf der Seite bleiben und man immer noch gleich <agugget> wird».
Lieblingsgeschmack? «Etwas in Richtung Holz», sagt der gelernte Zimmermann. «Der Geschmack, wenn man morgens in die Werkstatt kommt.» Und was noch? «Ah, Fleisch. Grillgeschmack.»

Ein feines Näschen, noch nie gebrochen - und mit gutem Riecher, was Menschen angeht.
Hat er breite Schultern? «Also der Schmalste bin ich schon nicht.»
Und breite Schultern, um öffentliche Erwartungen zu tragen? «Druck von aussen ist mir eigentlich egal, weil ich mein eigenes Ding mache.» Lässt sich nicht beeindrucken, liess sich nicht beeindrucken, als Kind am Grand Prix Migros zum Beispiel. «An den regionalen Qualifikationsrennen war ich meines Wissens nie der Schnellste, aber den Final gewann ich zweimal.» Wenn’s wirklich zählte, war er da, ist er da.

Ruhepuls: 44.
Wer oder was lässt sein Herz höherschlagen? «Sport allgemein, sei es Skifahren, sei es einfach in der Natur zu sein, Töff- und Velofahren.»
Und wann hüpft das Herz so richtig? «Wenn du auf etwas hingearbeitet hast und am Tag X ablieferst - und der ganze Druck, den du dir gemacht hast, verfliegt.» Wann kommen solche Momente? Nach Minuten, Tagen, Wochen? Bei Olympia war es «recht direkt» nach der Abfahrt. «Ganz extrem» war es in Kitzbühel 2026, nach Rang 2 im Super-G. Vorher hatte er fast Rennen für Rennen einen grossen Fehler begangen oder war ausgeschieden, gestürzt - «in Kitzbühel aber brachte ich wirklich mal einen fehlerfreien Super-G runter: Da waren die Emotionen im Ziel so gross wie noch nie.» Da falle die erste Last ab, und klar gebe es noch weitere Stufen, «wenn du zurück ins Hotel gehst, wenn du nach den Rennen heimreist und dir alles bewusst machst» (oder «Fly With Me to the Angels» hörst, vgl. weiter unten: «Lunge»).
Es heisst, wer laut und lange zu singen vermöge, habe eine gute Lungesingt er laut und lange? «Ja, aber nicht schön.» Gibt’s einen Song, mit dem er etwas Besonderes verbindet? «<Fly With Me to the Angels>» von <Headless>». Das Lied erinnert ihn an die WM 2025 mit zwei Goldmedaillen - «der Trainer spielte mir das Lied auf der Heimfahrt ab. Es war der Moment, als ich wirklich realisierte, was abgegangen war.»
Hat «normalerweise» kein Rückenweh, «kam aber auch schon vor». Unternimmt auch etwas für den «Normalzustand», das Sommertraining sei «ja schon nicht einfach da, damit man es ein bisschen lustig hat, sondern um vorzubeugen». Auch während der Saison macht er morgens eine halbe Stunde Kräftigungsübungen auf der Matte, «um das Ganze ein bisschen in Schwung zu bringen».
Franjo von Allmen
Bauch und Rumpf
Schaffte er als Jugendlicher am SwissPower-Test die 4-Minuten-Plank-Übung?
«Nicht mal vielleicht – war meine absolute Horror-Übung. Schon nur das Geräusch des sekündlichen Piepens – schlimm.» War früher nie besonders stark im Rumpf, hatte kein Sixpack, «da ging es zuletzt doch noch ein paar Schrittchen vorwärts». Mittlerweile mag er Konditionstraining, weil es auch einen Ausgleich zum Skifahren biete, «und ich weiss, warum ich es mache».
Ist er ein guter Armdrücker? «Lange nicht mehr gemacht.» Ist nicht so, dass er jeden bodigte, wenn er sich früher mit den Jungs mass, an einem gemütlichen Abend oder vielleicht auch aus lauter Langeweile, «aber schlecht war ich nicht». Machten es die Jungs vielleicht doch nicht bloss aus lauter Langeweile, sondern auch im Ausgang, um Mädchen zu beeindrucken (mit Blick auf einen möglichen Pärchentanz, vgl. weiter unten: «Hüfte»). «Nein, ganz und gar nicht.» Echt? «Echt!»
Im Bankdrücken sicher besser als mit Klimmzügen. Machte früher viel und gerne Liegestützen – und baut auch heute noch ab und zu nach einem Konditionstraining ein «Bring Sally Up» ein. Freiwillig oder obligatorisch? «Freiwillig.»
Und helfen ihm die Arme, ein guter Starter zu sein? «Ja, wenn ich mich nicht selber verhasple. Ich bin nicht der Schnellste, Stefan Rogentin ist meistens schneller, aber sonst gehöre ich wohl nicht zu den Langsamsten.»
Hände
Warum trägt er Fausthandschuhe, obwohl es heisst, so sei es schwieriger, die Stöcke zu halten? «Ich habe einfach saumässig ungern kalte Finger. Und ja, ich finde, dass man in Fausthandschuhen weniger kalte Finger hat, definitiv.»
Hin und wieder sind die weissen Handschuhe blau, weil Franjo von Allmen mit den Händen die markierte Piste berührt, «wohl oder übel, gehört dazu, ein
drittes Standbein manchmal.» Selbstverständlich versuche er weiterhin, die Technik zu optimieren, «und wenn du zentral über dem Ski stehst, brauchst du die Hand nicht im Schnee zu haben – aber das ist etwas, das sich über die Jahre eingeschlichen hat. Es fällt mir nicht immer gleich leicht, zentral zu stehen. Aber besser wäre es natürlich schon, die Hand nicht im Schnee zu haben.»
Was möchte er skifahrerisch mehr beherrschen? «Weniger Fehler machen. Ich hatte noch selten einen Lauf, in dem alles perfekt aufging.» Ist das skitechnisch oder mental bedingt? «Eine Mischung. Im Kopf ist die Idee da, es scheitert an der Umsetzung. Im Skirennsport bist du schnell <unterwäge>, du musst dich schnell adaptieren, und diese Adaption ist nicht immer gleich einfach.»

Die Faust und was dran ist und drumherum: am liebsten in weissen Faust-Handschuhen - «ich habe einfach saumässig ungern kalte Finger», sagt Franjo von Allmen.

Von Allmen, der Sieger - heute und schon damals: An den regionalen Qualifikationsrennen des Grand Prix Migros war er nie der Schnellste, «aber den Final gewann ich zweimal». Bilder: Keystone-SDA
Schon mal gebrochen? «Das Handgelenk nicht, aber diverse Mittelhandknochen, den Daumen auch, wenn ich mich richtig erinnere. Meistens, wenn ich die Hand an einem Tor anschlug.» Noch nie beim Töfffahren, «Holz anfassen», sagt er.
Und früher - war er ein Töffli-Bub, der das Handgelenk fürs Gasgeben brauchte? «Nein, ich fuhr nie Töffli. Ich war viel mit dem Velo <unterwäge>, was mir auch fitnessmässig half.»
Finger
Rechtshänder. Kein Fingerring. Kann er schön schreiben? «Wenn ich will: ja.» «Schnürlischrift» beherrscht er nicht mehr, meistens schreibt er in Grossbuchstaben, alles, Steinschrift, «ist so eine Angewohnheit». Mit dem Kugelschreiber, geht schneller als mit dem Bleistift.
Langfinger? Jemals etwas geklaut? «Nein, ich doch nicht.» Echt? «Echt! Ich war immer ein Braver.»
Skitechnisch gesehen: «Spielt eine relativ grosse Rolle beim Skifahren. Mit der Hüftpositionen kannst du mit kleinen Bewegungen einen grossen Unterschied machen, je nachdem, wie du den Schwung einleitest.» Die Art und Weise der Schwungeinleitung sei essenziell, «aber der ganze Körper muss mitspielen, es ist eine zusammenhängende Bewegung. Es reicht nicht, die Hüfte nach vorne zu drücken. Es bringt auch nicht viel, wenn du die Hüfte nach vorne zu drücken versuchst und die Arme nach hinten fallen.» Oder die Hand im Schnee ist (vgl. weiter oben: «Hände»).
Und sonst: Kann er tanzen, so Pärchentanz? «Jaja, ein bisschen.» Einfach vom Ausgang her, nicht aus einem Tanzkurs.
Nachsitzen gab es nicht in der Schulzeit, eher Strafaufgaben, die er am ehesten bekam, wenn er die Hausaufgaben vergessen hatte, «nichts Haarsträubendes. Wie gesagt: Ich war immer ein Braver.»
Hat er ein Lieblingsbänkli, wo er den Hintern gern zur Ruhe setzt? «Ja.» Wo? «Möchte ich nicht verraten.»
Und gibt’s Lieblingsunterhosen, die aus Aberglauben in jedem Rennen getragen werden? «Nein. Ich zähle nicht zu diesen Fahrern.» Gibt’s sonst ein Ritual? «Das Fäustchen vor dem Start mit dem Trainer – wichtig. Sehr.» Warum? «Es ist das letzte Mal, dass du mit jemandem in Kontakt kommst, bevor du auf dich allein gestellt bist. Als Abschluss, jetzt geht’s los.»
Maximalkraft an der Beinpresse? 190 Kilogramm, «so etwas». Weiss er, wie viel andere drücken? «Nein. Letztlich weisst du selber, was für dich gesund ist und was nicht.» Mag er das Gefühl der brennenden Beine? «Zählt zu meinen Lieblingsgefühlen… Nein, Scherz – absolut nicht. Es kommt vor, dass du im Trockentraining dieses Gefühl bewusst suchst: Du gehst an deine Limiten, du weisst, es geht eigentlich nicht mehr – und du gehst trotzdem noch weiter. Doch beim Skifahren mag ich dieses Gefühl gar nicht.» Aber man hält es überraschend lange aus, oder? «Ja, wohl oder übel.»
Kein Kreuzbandriss! Es gab Knochenprellungen, gezerrte Bänder, diverse gebrochene Mittelhandknochen (vgl. weiter oben: «Handgelenk»), einen gebrochenen Daumen, wenn er sich richtig erinnert, aber: Kreuzbandriss? Noch nie. «Da darf ich von Glück reden, einerseits. Anderseits geht man in den Kraftraum, man dehnt und mobilisiert, damit das Ganze möglichst belastbar ist – damit es vielleicht auch einmal einen Sturz verträgt, der nicht unbedingt glimpflich ausgehen müsste. Aber natürlich ist es unberechenbar, es ist schnell etwas passiert.»

Abfahrtsolympiasieger, Abfahrtsweltmeister - aber früher ein «abnormal» guter Slalomfahrer, 2021 Sieger eines FIS-Slaloms: «Gugg a», sagt Franjo von Allen.
Wenn er sagt, er dürfe von Glück reden, einerseits. Ist er ein Glückskind? Oder findet er, wer seine Familiengeschichte kenne und eine solche Frage stelle, sei – im Gegensatz zu ihm (vgl. weiter oben: «Hirn») - auf die Nase gefallen? «Was ist Glück?», fragt Franjo von Allmen zurück. «Jeder hat sein Päckli zu tragen. Grundsätzlich darf ich nicht klagen, ich bin gesund, darf meiner Leidenschaft nachgehen und dabei auch noch erfolgreich sein - das sind Sachen, die man im Alltag gern vergisst. Ich bin sehr bereichert mit meinem Leben.»
Er hat noch alte Slalomschoner, die die Schienbeine schützten, irgendwo verstaubt. War er eigentlich mal ein guter Slalomfahrer? «Ja, abnormal.» Ironisch? «Nein, ich war wirklich nicht so schlecht.» Echt? «Echt! Ich war wirklich nicht so schlecht.» Bis er anfing, Speed zu fahren. Der typische Werdegang für Junge, die irgendeinmal in Richtung Speed gehen: Sie beginnen mit den Grundlagen, mit Riesenslalom und Slalom, im FIS-Alter kommen die ersten Speed-Trainings, Franjo von Allmen weiss heute noch, wie viel Spass er hatte, «obwohl ich sehr langsam war». Es gab mehr und mehr Trainingsmöglichkeiten, man merkt, wie verhältnismässig
leicht es fällt, besser zu werden, die Trainer pushen dich, du stellst das Slalomtraining etwas zurück – und so verliert sich der Slalomfahrer auf diesem Weg.
Er hat vergessen, dass es gar nicht so lange her ist, dass er in einem FIS-Slalom auf dem Podest stand, im November 2021, Rang 2 auf der Diavolezza – «ja, krass», sagt Franjo von Allmen. Und schon gar nicht hat er eine Erinnerung daran, dass er sogar mal einen FIS-Slalom gewann –«Was? Wirklich?» Februar 2021, San Bernardino, «gugg a», sagt er.
Am Weltcup-Final 2025 wäre er gerne den Slalom gefahren – «aber wenn du nie mehr Slalom trainierst, macht es verletzungsmässig gesehen schon nicht viel Sinn».
Die Waden seien nicht aussergewöhnlich ausgeprägt, sagt Franjo von Allmen. Lieblingssocken hat er keine, er trägt unifarbene, aber auch «Themen-Socken», ein bisschen «fancy», mit einem Hamburger drauf zum Beispiel oder mit Pommes Frites. Und wer wäscht die Socken? «Die Waschmaschine.» Und wer stopft die Socken in die Waschmaschine? «Ich.»
Wie sehen die Füsse mittlerweile aus, nach anderthalb Jahrzehnten in Skischuhen? «Gut.» Sehr wenig Überbein. Er habe zum Glück immer wieder Schuhe, die ihm sehr gut passten, und wenn dem nicht so war, handelte er stets früh genug – «ja, ich habe für Skifahrer-Verhältnisse anschauliche Füsse».
Von Didier Cuche ist überliefert, er habe die Skischuhe gehütet wie ein Baby, damit sie bloss nicht abhandenkämen –«ja, da versucht man schon besondere Sorge zu tragen, gerade auch, wenn man die ganze Saison mit demselben Schuh fährt. Ist schon ein sehr wichtiges Utensil», sagt Franjo von Allmen. Alles andere – Helm, Stöcke – liesse sich irgendwie organisieren. Aber die passenden Schuhe gebe es nicht einfach so im nächsten Sportgeschäft. Also liess er sie auch noch nie irgendwo liegen.
Text: Benjamin Steffen, Lia Näpflin

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Die Athletinnen und Athleten von Swiss-Ski durften im vergangenen Winter über insgesamt 17 Olympia-Medaillen und 111 Weltcup-Podestplätze jubeln.
Weltcup und Olympische Spiele
Seit einem halben Jahr steht Peter Barandun als alleiniger Präsident an der Spitze von Swiss-Ski. Im Interview spricht der Bündner über Wachstumspotenziale, olympische Begegnungen oder darüber, worauf der Erfolg des Schweizer Schneesports beruht.
Nach vielen Jahren in der Rolle des Vize- und Co-Präsidenten bist du seit vergangenem Oktober der Präsident von Swiss-Ski. Welche neuen Facetten von Swiss-Ski hast du seither kennengelernt?
Peter Barandun: Neu hinzugekommen ist die Führung der Verbandsleitung um Claudia Lämmli sowie die Co-CEOs Walter Reusser und Diego Züger. Die Strategie, Wirkung und Kultur von Swiss-Ski noch direkter prägen zu können, ist ein Privileg. Anlässlich der Olympischen Spiele durfte ich alle unsere Teams vor Ort besuchen – der Kontakt zu ihnen hat sich dadurch intensiviert. Ich war tief beeindruckt vom Teamspirit und der hochprofessionellen Arbeit, die geleistet wird. Die Aufmerksamkeit gegenüber meiner
Person hat sich verändert, und meine Verantwortung für den Verband ist massiv gestiegen. Verantwortung zu tragen ist jedoch etwas, das mir seit jeher grosse Freude bereitet.
Swiss-Ski hat seinen Umsatz in den vergangenen Jahren enorm gesteigert. Wo siehst du noch weiteres Wachstumspotenzial?
Zentral ist unser grosses Projekt D2C – Direct-to-Consumer. Mit einer vernetzten, digitalen Kommunikation wollen wir unsere Mitglieder und Schneesportfans eng begleiten – von zu Hause bis direkt an den Event. Mit digitalen Inhalten schaffen wir gezielt Berührungspunkte und stärken so die Bindung zur Marke Swiss-Ski. Die Sportmarketingwelt befindet sich im Umbruch – geprägt


«Verantwortung zu tragen, bereitet mir seit jeher grosse Freude.» Seit vergangenem Oktober tut dies Peter Barandun als Präsident von Swiss-Ski. Bilder: Keystone-SDA

Ein langjähriges Ziel ist es, die Bindung zu den Fans zu stärken und die Verbindung zur Marke Swiss-Ski weiter auszubauen.
von neuen Technologien, neuen Kanälen und verändertem Nutzerverhalten. Dadurch können wir direkt mit unseren Fans und Mitgliedern interagieren. Aufmerksamkeit ist für uns entscheidend: Ohne entsprechende Reichweite gibt es weniger Einnahmen aus Sponsoring und Medienrechten. Deshalb wollen wir unser Publikum vermehrt über neue Kanäle aktivieren und gezielt auf unsere eigenen Plattformen führen. Unser Ziel ist es, dass in der Schweiz rund 500'000 Personen direkt mit Swiss-Ski verbunden sind. Das schafft einen grossen Mehrwert –für uns als Verband, für unsere Partner und für die Schneesportfans selbst. Mit diesem Projekt sind wir anderen Verbänden, aber auch vielen Unternehmen in der Privatwirtschaft, voraus.
Welche neuen Geschäftsfelder gilt es aus deiner Sicht zu erschliessen, damit sich der Verband weiterentwickeln kann? Die entscheidende Frage ist aus meiner Sicht nicht, was noch dazukommen soll, sondern ob wir allenfalls auf bestimmte Dinge verzichten sollten.
Unsere Tätigkeiten gilt es stets kritisch zu hinterfragen. Wir sind in den letzten Jahren stark gewachsen – unser Rucksack ist heute so voll wie noch nie. Es gilt immer wieder sorgfältig zu prüfen, ob und wo in unserem Angebot ein Umbau sinnvoll wäre. Prüfenswert sind beispielsweise zusätzliche Stiftungsmodelle für unseren Nachwuchs. Das, was wir im Bereich Forschung und Entwicklung gemeinsam mit unseren Innovationspartnern erarbeiten, kann
uns auf dem Schnee den entscheidenden Hundertstel-Vorsprung verschaffen. Solche Partnerschaften – etwa mit Hoch- und Fachhochschulen – gilt es weiter auszubauen. Wir sind überzeugt: Der gezielte Ausbau der Bereiche Forschung, Entwicklung und Medizin hilft uns, nachhaltig erfolgreich zu sein. So sehe ich in der Verletzungsoder Krankheitsprävention beispielsweise weiterhin grosses Potenzial – über alle unsere Sportarten hinweg.

Gemeinsam mit Innovationspartnern investiert Swiss-Ski in Forschung und Entwicklung – mit dem Ziel, auf Schnee den entscheidenden Hundertstel-Vorsprung herauszuholen. Bild: Florence Gross
Swiss-Ski ist sportlich seit Jahren auf Erfolgskurs. Neben mehr als 100 Podestplätzen im Weltcup gab es im vergangenen Winter 17 Olympia-Medaillen zu bejubeln. Hast du manchmal Angst, aus einem wunderbaren Traum zu erwachen?
Nein, das habe ich nicht. Unsere Medaillen und Top-Platzierungen sind kein Zufall. Wir sind sehr ehrgeizig und selbstkritisch und suchen unternehmerisch stets nach neuen Potenzialen. Unser tägliches Handeln hinterfragen und analysieren wir kontinuierlich – so, wie es notwendig ist, wenn man nachhaltig erfolgreich sein will. Unser Ziel ist es, möglichst breit aufgestellt zu sein, um mögliche Ausfälle auffangen zu können.
Du hast die Olympischen Spiele vor Ort hautnah miterlebt. Was ist dir dabei besonders in Erinnerung geblieben?
Bei Olympia hat mich nicht der Medaillensegen am meisten beeindruckt, sondern die Menschen: jene, die innerhalb ihrer Teams Verantwortung übernehmen, füreinander einstehen und gemeinsam Grosses erreichen wollen. Überall spürte ich einen tollen Teamspirit – je nach Sportart jeweils auf eine etwas andere Art und Weise. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch bei den Skispringern. Keiner der Verantwortlichen hatte ernsthaft daran geglaubt, dass eine Medaille möglich ist. Und dann, ein paar Stunden später, stehen wir in Predazzo an der Schanze – und Gregor Deschwanden hat Bronze um den Hals. Was sich dort abspielte, ist kaum zu beschreiben. Diese immense Freude im gesamten Team – herrlich. Eine solche Gefühlsexplosion im positivsten Sinne hatte ich zuvor selten erlebt. Unsere grossartigen Athletinnen und Athleten haben mich bei Olympia stark beeindruckt. Wie schon den ganzen Winter über konnten sie mehrheitlich die erwarteten Leistungen oder noch bessere abrufen.

17 Medaillen im vergangenen Winter und über 100 Podestplätze im Weltcup: Swiss-Ski befindet sich seit Jahren auf konstantem Erfolgskurs.

Peter Barandun besuchte während der Olympischen Spiele alle SchneesportAustragungsorte und durfte mitunter, wie in Bormio bei Loïc Meillard und Marco Odermatt, persönlich zu Medaillen gratulieren.
Mit Marco Odermatt, Franjo von Allmen und Loïc Meillard verfügt Swiss-Ski über mehrere Alpin-Aushängeschilder der obersten Kategorie. Welche Bedeutung haben solche Ausnahmeathleten für den Verband – abgesehen von Olympia-Medaillen und Grosserfolgen im Weltcup? Wir erleben eine aussergewöhnliche Phase – und ja, auch Glück gehört dazu. Drei solche Ausnahmeathleten
gleichzeitig zu haben, ist ein Geschenk. Österreich hatte mit Marcel Hirscher eine prägende Figur. Rund um solche Persönlichkeiten können sich neue künftige Topathleten entwickeln – und zwar in aller Ruhe. Ohne Druck, weil sie nicht sofort bereitstehen müssen, um im Weltcup eine Lücke zu schliessen. Athleten wie Odermatt, Von Allmen und Meillard verschaffen Swiss-Ski mit ihren Leistungen und ihrer Ausstrahlung eine enorme Medienpräsenz. Das wiederum macht uns als Verband für Sponsoren äusserst attraktiv.
Trotz gewichtiger Absenzen im Frauenteam gelang es Swiss-Ski, zum sechsten Mal in den vergangenen sieben Jahren den Nationencup im Ski Alpin zu gewinnen. Welches sind die wichtigsten Teile in diesem Erfolgspuzzle? Wir wollen strukturell so aufgestellt sein, dass wir gewichtige Ausfälle wie aktuell jenen von Lara Gut-Behrami verkraften können. Wie bereits erwähnt, muss es stets unser Anspruch sein, an der Spitze mit einer gewissen Breite vertreten zu sein. Bei der systematischen Talentförderung leisten wir derzeit sehr gute Arbeit. Der strategische Entscheid, 30 Prozent mehr Athletinnen und Athleten in die Swiss-Ski-Kader aufzunehmen, trägt Früchte. Die Durchlässigkeit, die früher kaum vorhanden war, ist heute gegeben. Ein Beispiel dafür ist Sandro Simonet: Er ist aus allen Swiss-Ski-Kadern ausgeschieden und erhielt von Swiss-Ski aufgrund seiner Leistungen ausserhalb der Verbandsstrukturen dennoch einen Startplatz für einzelne Weltcup-Rennen. Zudem haben wir heute deutlich mehr Mut, sehr jungen Athletinnen und Athleten im Weltcup eine Chance zu geben, damit sie sich auf höchster Stufe beweisen können. Beispiele dafür sind Sue Piller und Dania Allenbach. Was sich ebenfalls seit einigen Jahren auszahlt, ist die grosse personelle Kontinuität im alpinen Bereich. Wir haben die besten Leute in den Schlüsselpositionen –und das ist matchentscheidend.
Im Snowboard, der zweiterfolgreichsten olympischen Sportart von Swiss-Ski, gab es erstmals überhaupt keinen Olympia-Podestplatz. Welche Gründe können hierfür ins Feld geführt werden? Zunächst gilt es zu berücksichtigen, dass es im Snowboard nur einen OlympiaWettkampf pro Disziplin gibt – sei es im Snowboard Alpin oder in der Halfpipe. Im Boardercross kommt noch ein Team-Wettkampf dazu. In diesen Disziplinen hat man also nur eine oder bestenfalls zwei Chancen. Noémie Wiedmer verpasste eine Medaille nur
hauchdünn, wenige Wochen später stand sie im Weltcup erstmals auf dem Podest. Im Freestyle-Bereich hiess es vor einigen Jahren noch, dass wir gegen die Japaner und Chinesen kaum mehr eine Chance hätten. Inzwischen zeigt sich aber, dass auch hierzulande wieder mehr junge Freestylerinnen und Freestyler nachrücken. An der JuniorenWM gab es in der Halfpipe durch Lura Wick und Mischa Zürcher sogar zwei Medaillen. Und was ich an dieser Stelle, wenn wir über das FreestyleCluster sprechen, besonders hervorheben möchte: Im Aerials durften wir erstmals überhaupt zwei Medaillen an ein und denselben Winterspielen bejubeln. Noé Roth hat mich bei meinem Besuch in Livigno enorm fasziniert. Er ist unglaublich nervenstark – immer dann, wenn es an Grossanlässen zählt, zeigt er Topleistungen. Dasselbe gilt für Mathilde Gremaud. Sie ist eine Ausnahmeerscheinung im Freestyle-Sport. Mit ihren erst 26 Jahren hat sie nun bereits zum dritten Mal in Folge an Olympischen Spielen eine Medaille gewonnen, zum zweiten Mal sogar Gold. Im Skicross zeigte sich im vergangenen Winter unsere grosse Breite an der Spitze eindrücklich – gekrönt von den Olympia-Podestplätzen von Fanny Smith und Alex Fiva. Beide bewiesen unter schwierigen Bedingungen im entscheidenden Moment Nerven aus Stahl.
Gute Nerven braucht es auch am Schiessstand im Biathlon. In diese Sportart hat Swiss-Ski in den vergangenen Jahren viel investiert. Insgesamt steht jedoch eine enttäuschende Saison zu Buche. Fakt ist, dass es sowohl beim Schiessen als auch bei den Laufleistungen im Vergleich zum Vorjahr insgesamt Rückschritte gab. Wir haben Athletinnen und Athleten, die auf höchstem Niveau performen können – das haben sie in den Jahren zuvor mehrfach bewiesen. Im vergangenen Winter blieben sie jedoch teilweise deutlich unter den Erwartungen. Nun gilt es sorgfältig zu analysieren, woran das lag, und daraus die entsprechenden
Massnahmen abzuleiten. Im Nachwuchs gibt es schweizweit einige hoffnungsvolle Talente. Gleichzeitig braucht es Zeit, um an der Basis – in den Skiclubs – eine ausreichende Breite an jungen Biathletinnen und Biathleten aufzubauen. Wir hatten gehofft, dass sich diese Entwicklung schneller vollzieht. Trotzdem möchte ich betonen, dass ich weiterhin stark an Biathlon glaube.
Im Langlauf gab es im vergangenen Winter einige emotionale Augenblicke und letztlich auch einen historischen Moment. Bemerkenswert finde ich, mit welcher mentalen Stärke unsere Athletinnen und Athleten bei Olympia auftraten. Nadine Fähndrich musste im Einzelsprint eine riesige Enttäuschung verkraften und war danach im Teamsprint überragend – und gewann mit Nadja Kälin Silber. Beeindruckend war auch Kälins Herangehensweise im abschliessenden 50-KilometerRennen, in dem sie sensationell zu Bronze lief. «Jetzt mache ich es wie Kläbo», dachte sie sich beim Schlussanstieg kurz vor dem Ziel. Sie orientierte sich im entscheidenden Moment am absolut Besten. Auf diese Aussage von ihr wurde ich zuletzt immer wieder angesprochen. Für mich ist das eine Einstellung, der eine absolute Winner-Mentalität zugrunde liegt.
Die erwähnten Erfolge wären ohne ein starkes Fundament nicht möglich. Der Breitensport ist die Basis der gesamten Struktur von Swiss-Ski. Er wurde deshalb in den vergangenen Jahren verbandsintern gezielt gestärkt. Wie macht sich dies bemerkbar? Wir haben die Ausbildungsangebote für Trainerinnen und Trainer weiterentwickelt, praxisnäher gestaltet und digital ergänzt. Die einzelnen Clubs profitieren von klareren Strukturen, modernen Trainingskonzepten und einer stärkeren Begleitung durch unsere Regionalverbände. Wir sind enger zusammengerückt. Die
Nachwuchsförderung erfolgt heute systematischer, und es fliessen mehr Gelder direkt oder indirekt an die Basis. Der Austausch zwischen den Clubs, den Regionalverbänden und Swiss-Ski als Dachverband wurde intensiviert. Die Vernetzung ist deutlich stärker als früher – nicht zuletzt dank Veranstaltungen wie dem President's Day. Das schafft Nähe und Vertrauen zwischen den SchneesportClubs, ihren Verantwortlichen und uns von Swiss-Ski. Auch der Wissenstransfer findet heute systematischer statt: Vorbildliche Modelle und Best Practices werden geteilt, statt isoliert gelebt zu werden. Davon profitieren alle.
Grosser Beliebtheit erfreuen sich die verschiedenen Eventserien im Nachwuchsund Breitensport.
Magnete. Über alle Eventserien hinweg bringen wir jährlich rund 50'000 Menschen auf den Schnee. Am Ende geht es dabei um eines: Nachhaltigkeit. Erfolg im Spitzensport ist – wie bereits erwähnt – kein Zufall, sondern das Resultat einer starken und breit abgestützten Bewegung.
Wenn wir an der Basis investieren, investieren wir in die Zukunft des gesamten Schweizer Schneesports.
Interview: Roman Eberle
Eine ausführliche Version dieses Bilanzgesprächs ist auf swiss-ski.ch abrufbar.



Bronze! Ebenso unerwartet wie plötzlich passte bei Gregor Deschwanden an den Olympischen Spielen alles perfekt zusammen – Ski, Anzug, Gefühl und Selbstvertrauen. Als hilfreich erwies sich in mehrerlei Hinsicht der Faktor Zeit.
Als Gregor Deschwanden am 1. Februar in Willingen als stiller Beobachter dem Finaldurchgang des WeltcupSpringens auf der Mühlenkopfschanze beiwohnte, schwirrten allerlei Gedanken in seinem Kopf herum. Solche an eine Olympia-Medaille gehörten nicht dazu – aus naheliegenden Gründen. Eben erst hatte er den letzten Wettkampf vor den Olympischen Winterspielen im 33. Rang beendet – wieder ausserhalb der Punkteränge, wie schon tags zuvor (31.).
Als «nicht sehr positiv» respektive «zäh» beschreibt Deschwanden jene vorolympische Zeit. Von der erhofften Form war er so weit entfernt, dass die Winterspiele nur noch eines sein konnten: die Möglichkeit für einen kompletten Neustart – die Reset-Taste drücken also. Trotz der Irrungen und Wirrungen gelang es dem Zentralschweizer so, die herausfordernden Olympia-Aufgaben mit Zuversicht anzugehen.
Dass es für den ersten olympischen Wettkampf in Predazzo zunächst auf die kleinere Schanze ging, begünstigte das Gefühl eines Neustarts. Auf sogenannten Normalschanzen wird im Vergleich zu den Grossschanzen weniger Speed

Aufstieg in einen illustren Kreis: Gregor Deschwanden ist nach Walter Steiner und Simon Ammann der dritte Schweizer OlympiaMedaillengewinner im Skispringen. Bilder: Keystone-SDA
aufgenommen, was absprungstarken, grossen Springern wie Deschwanden zupasskommt. Von den kleineren Schanzen wird im Weltcup seit einigen Jahren nur noch selten gesprungen; in der zurückliegenden Saison war dies nur Ende November in Falun der Fall gewesen. Martin Künzle, Trainer der Schweizer Skispringer im Weltcup und langjähriger Wegbegleiter Deschwandens, sagt rückblickend: «Wenn man von der Grossschanze kommt und sich nicht in Topform befindet, kommt dieser Bruch gelegen.» Und ohnehin gilt:
An den Spielen beginnt wieder alles bei null. «Andere Athleten waren mehr unter Druck und entsprechend nervöser. Gregor hatte nichts zu verlieren.»
Um die Feinabstimmung zu finden und ein Gefühl für die Schanze zu entwickeln, standen den Athleten im Val di Fiemme zwei Trainingstage à je drei Sprünge zur Verfügung – nicht wie im Weltcup nur eine Trainingseinheit. Zeit, sich wie an der WM vor einem Jahr langsam heranzutasten, hatte Deschwanden

nicht, denn «dafür bin ich zuvor zu schlecht gesprungen. Ich musste genau wissen, was ich wann im Training abzuarbeiten habe.» Zunächst gelang es dem Luzerner, auf technischer Seite Fortschritte zu erzielen, danach auch in Bezug auf das Material. Nach und nach kamen so jene Prozentpunkte zusammen, die letztlich ausschlaggebend dafür waren, dass am 9. Februar 2026 möglich wurde, was mit Blick auf die vorherigen Wochen und Monate undenkbar schien: der Gewinn einer Olympia-Medaille.
Hatten für Deschwanden an den ersten fünf Wettkämpfen des vergangenen Weltcup-Winters immerhin noch drei Top-15-Klassierungen resultiert, zeigte seine Formkurve danach bis Olympia immer weiter nach unten. In Engelberg durften sich sechs verschiedene Schweizer über Weltcup-Punkte freuen, ausgerechnet er als Teamleader, der im Jahr zuvor vor Heimpublikum noch auf dem Podest gestanden hatte, musste die Weihnachtstage mit dem Gefühl eines «Nullers» und zunehmender Ratlosigkeit verbringen.
Nach einer ebenfalls enttäuschenden Vierschanzentournee entschied Deschwanden, auf den Weltcup in Sapporo von Mitte Januar zu verzichten und stattdessen unter der Anleitung von Chefcoach Bine Norčič einen Trainingsblock in Planica einzulegen. Das dabei zurückgewonnene Selbstvertrauen wich im Wettkampfmodus jedoch umgehend wieder der Enttäuschung. Zwar konnten einzelne offensichtliche Fehler von Durchgang zu Durchgang ausgemerzt werden, resultatmässig war es gleichwohl ein Treten an Ort ausserhalb der Top 30.
«So konnte es nicht weitergehen»
Gemeinsam mit Roger Kamber, dem Verantwortlichen für die Schweizer Sprunganzüge, nahm Deschwanden einen «radikalen Wechsel» in Bezug auf die Zusammensetzung und den Schnitt des Anzugs vor, denn «so konnte es nicht weitergehen». Kamber und er fokussierten sich bei der Problemsuche auf den Bereich des Oberkörpers und orientierten sich nun am Anzugsmodell aus dem Vorjahr – freilich innerhalb der neuen FIS-Vorgaben, wonach die Anzüge zwecks weniger Auftrieb enger geschnitten sein müssen. Beim Training in Predazzo kam der neue Anzug schliesslich erstmals zum Einsatz – und auf Anhieb fühlte sich Deschwanden mit diesem auf der Schanze wohler. «Ein gutes Tragegefühl trägt zu mehr Entspannung und Lockerheit bei.»
Umgehend tat sich jedoch die nächste Baustelle auf, denn nach dem ersten Trainingstag (mit den Rängen 22, 22 und 14) war für Trainer Martin Künzle offensichtlich, dass Deschwanden in der ersten Flugphase von den Ski zu wenig Unterstützung – in der Skispringersprache: Feedback – erhielt. Der Toggenburger schlug deshalb vor, am zweiten Trainingstag ein bestimmtes Modell aus dem vorhandenen Ski-Sortiment zu testen, das weicher war. Dieses beugt sich leichter und sammelt so mehr Wind, womit es den Athleten nach oben drückt. Es galt, den richtigen Kompromiss zwischen möglichst viel Speed und genügend SkiUnterstützung zu finden. «Wir hatten nichts zu verlieren. Ich sagte deshalb, dass wir jetzt noch diese letzte Chance für einen Skiwechsel wahrnehmen sollten», so Künzle. Inklusive Probedurchgang blieben noch vier Trainingssprünge bis zum Wettkampf.
Doch ausgerechnet vor der Anreise nach Predazzo hatte sich der Servicemann Björn Schneider entschieden, jenes Modell, auf dem die neuen Hoffnungen ruhten, bei sich zuhause in Thüringen zu lassen und nicht im Service-Bus mitzunehmen. Schliesslich hatte Deschwanden in den Wochen davor keinerlei Andeutungen dahingehend gemacht, jenen Ski in naher Zukunft noch einmal benutzen zu wollen. Schneider setzte sich deshalb umgehend ins Auto und legte insgesamt rund 1500 Kilometer zurück, damit das Paar Ski für den zweiten Trainingstag im Val di Fiemme bereit war.
Dass erstmals in der Olympia-Geschichte eine Eröffnungsfeier dezentral veranstaltet wurde, erwies sich für das

Schweizer Skisprungteam letztlich als Glücksfall. Eine der drei Aussenstellen für den Einlauf der Nationen war in Predazzo – nicht irgendwo, sondern im Auslauf der Schanzenanlage. Folglich war diese vorübergehend gesperrt, womit die beiden Trainings nicht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen stattfinden konnten, sondern mit einem Unterbruch von zwei Tagen. Mehr Zeit für Analysen also. Vor allem aber genügend Zeit, um das besagte Ski-Modell ins Trentino zu bringen.
Mit dem neuen Material an den Füssen verbesserte sich Deschwanden in der zweiten Trainingseinheit rangmässig nur unmerklich (18, 14 und 18), jedoch erhielt er – wie erhofft – deutlich besseres Feedback von den Ski. Auch die Tatsache, dass an der Bindung nochmals Anpassungen vorgenommen wurden, zahlte sich aus.


«Das Timing war schlicht perfekt –die entscheidenden Dinge gingen zum richtigen Zeitpunkt auf.»
Gregor Deschwanden
Die Analyse jener Trainingssprünge am Vortag des Wettkampfs offenbarte, dass ein Flug bis hinunter zur Hillsize für Deschwanden möglich sein sollte, sofern er es schafft, zu Beginn der Flugphase mehr Höhe mitzunehmen. Diese Vorgabe des Trainerteams vermochte der 35-Jährige im Probedurchgang vor dem Wettkampf perfekt umzusetzen – er war Viertbester.
Plötzlich, weniger als eine Stunde vor Beginn des ersten Olympia-Wettkampfs, kehrte in Deschwanden ein Gefühl zurück, das er seit Wochen vergeblich gesucht hatte: Selbstvertrauen. «Das Timing war schlicht perfekt – die entscheidenden Dinge gingen zum richtigen Zeitpunkt auf.» Selbstvertrauen, endlich. Doch auch: einsetzendes Kopfkino. Zur Schanzenanlage gefahren war Deschwanden an
jenem Montag mit der Erwartung, in die Top 10 zu springen und damit ein SaisonBestresultat zu realisieren. Doch nun drehten sich die Gedanken um etwas viel Grösseres: um die reelle Chance auf den ersten Podestplatz des Winters – ausgerechnet bei Olympia.
Und tatsächlich: Nach dem ersten Durchgang lag Deschwanden im 4. Zwischenrang; zu Bronze fehlte ihm die Winzigkeit von 0,1 Punkten. Trotz dieser verheissungsvollen Ausgangslage war er im Kopf nun klarer als vor dem ersten der beiden Wettkampfsprünge. «Ich wusste: Ich habe im Probedurchgang einen sehr guten Sprung hingekriegt –und ich habe es im 1. Durchgang noch einmal geschafft. Wieso soll es mir kurz darauf im Finaldurchgang nicht noch einmal gelingen?»
Kurz dachte er zwischen den beiden Wettkampfsprüngen an die Podestkleider von Swiss Olympic, die er nicht mit zur Schanze genommen hatte. Vor allem aber beschäftigte ihn die Landung. Er wusste, dass ein kleiner Wackler die Medaille kosten kann, schliesslich fällt die Benotung auf der kleinen Schanze viel stärker ins Gewicht als auf der grossen. Was also tun, um die Sprungrichter zu überzeugen? «Weit springen. Das hilft immer für gute Noten», so Martin Künzle.
Weit springen? Weit springen! Deschwanden landete bei 106 und 107 Metern – zweimal Schanzenrekord. Er kam damit auf die exakt gleiche Punktzahl wie der Japaner Ren Nikaido, was letztlich gleichbedeutend mit dem Gewinn von Olympia-Bronze war. «Vor dem letzten Sprung spürte ich, dass mich nicht mehr viel aus der Bahn werfen kann. Ich konnte innerhalb von zwei Sprüngen eine Selbstverständlichkeit aufbauen, die mir die Gewissheit gab, dass auch der dritte Sprung an diesem Abend gut kommt.»
Nach drei Olympia- und sechs WMTeilnahmen, die mehrheitlich mit Enttäuschungen geendet hatten, schlug das Pendel für Deschwanden diesmal auf die richtige Seite aus. Beharrlichkeit, Disziplin, Geduld, Teamwork und zum richtigen Zeitpunkt zurückerlangtes Selbstvertrauen trugen Gregor Deschwanden noch weiter: zum ersten Weltcup-Sieg am Holmenkollen in Oslo, nur 33 Tage nach dem Bronze-Coup.
Text: Roman Eberle
«Vor dem letzten Sprung spürte ich, dass mich nicht mehr viel aus der Bahn werfen kann.»
Gregor Deschwanden














Olympische Spiele sind ein Rausch. Medaillen, Tränen, Jubel – alles passiert gleichzeitig. Und mittendrin müssen die Kommunikationsverantwortlichen von Swiss-Ski entscheiden: Draufhalten oder wegschauen?
Wir fühlten uns wie in einer Schneekugel. In Livigno, wo die Freestyle-Wettkämpfe stattfanden, herrschte tiefer Winter, das Tal eingehüllt in Weiss – und wir mittendrin in der Blase der Olympischen Spiele. Dreieinhalb Wochen lang drehte sich alles um das grösste Wintersportereignis der Welt. Um den nächsten Social-Media-Post, den nächsten Wettkampf, darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Wann posten? Was könnte passieren? Auf welche Situationen müssen wir vorbereitet sein? Alles Fragen, die sich Kommunikationsverantwortliche von Swiss-Ski stellen müssen.
Zu sechst sind wir vor Ort im Einsatz, je zwei für Ski Alpin, die nordischen Disziplinen und den Freestyle-Bereich –an fünf verschiedenen Standorten über Norditalien verteilt. Wir bewegen uns zwischen Sportarten und Wettkämpfen, zwischen Zielraum und Medienzone – mit dem Laptop auf dem Schoss mitten im Schnee und gefrorenen Fingern nach acht Stunden am Handy. Wir betreuen die Teams in allen Medien- und Kommunikationsbelangen, erzählen ihre Geschichten und reagieren auf das, was auf dem Schnee passiert – manchmal innerhalb weniger Minuten.
20 Minuten lang weiss Noé Roth nicht, ob sein Wettkampf weitergeht oder vorbei ist. Als Zwölfter und Letzter könnte er es gerade noch in den Super Final schaffen. Oder eben nicht. Wie ein Tiger im Käfig läuft er hin und her. Immer wieder kommt er zurück zum Livetiming, wirft einen Blick auf die Rangliste. Draufhalten und posten? Oder noch warten – es könnte ja noch emotional werden.
Wenn die beiden Kasachen ihre Sprünge stehen, ist Roth raus. Aus der Traum von einer Aerials-Einzelmedaille. Neben ihm Pirmin Werner. Seine Sprünge stehen, er führt nach der Qualifikation.
Die Kasachen stehen nicht. Roth ist für den Super Final qualifiziert. Er liegt im Schnee, überwältigt von der Erleichterung. Werner ist sofort bei ihm, redet ihm gut zu, baut ihn auf. Teamkollegen, Freunde.
Filmen? Posten? Vielleicht kommt da noch mehr.
Und tatsächlich dreht sich die Geschichte komplett. Roth steht seinen Sprung im Final und gewinnt Silber. Werner dagegen patzt und wird Fünfter. Triumph und Enttäuschung – im selben Team, im selben Wettkampf. Für Social Media halten wir fest, wie sich die beiden


eine

in den Armen liegen. Hängen bleibt ein anderes Bild: der Moment, in dem Werner die Umarmung löst und seine Enttäuschung kurz herunterschlucken muss.
Jede Disziplin funktioniert anders, jedes Team hat seine eigene Dynamik. Und genau deshalb erleben die Kommunikationsverantwortlichen die Olympischen Spiele aus einer Perspektive, die nur wenige sehen: Wir gehören irgendwie zum Team, begleiten die Athletinnen und Athleten durch ihre Höhen und Tiefen – und stehen in einer anderen Rolle daneben. Wir sind keine Betreuungspersonen und doch oft die Ersten, die sie im Ziel antreffen – im Moment des grössten Jubels oder der tiefsten Enttäuschung. Mittendrin im emotionalen Auf und Ab, das diese Spiele ausmacht.
Ähnlich extrem waren die Olympischen Spiele auch zwischen zwei Wettkämpfen. Beim Langlauf-Teamsprint liegen zwischen Zieleinlauf der Frauen und Start der Männer gerade einmal 10
Minuten. Für die Frauen gibt es Silber, für die Männer «Leder». Ein Post mit lachenden Gesichtern. Der nächste mit hängenden Köpfen.
Acht Tage zuvor im Langlauf die Niederlage im Einzelsprint. In den wenigen Ecken, die der Zielraum im Val di Fiemme hergibt, steht jemand und weint. Draufhalten und auch diese Emotionen zeigen? Oder ist das zu persönlich? Kurz zögern. Vielleicht lieber filmen, auf Nummer sicher – und später entscheiden, ob posten oder nicht. Zuerst noch diese Interviewanfragen von gestern Nacht beantworten – fürs Skispringen, während entlang der Loipe noch immer die Tränen fliessen.
Am späten Vorabend hatte Gregor Deschwanden auf der Normalschanze aus dem Nichts Bronze gewonnen. Und am selben Tag hatte auch Mathilde Gremaud im Slopestyle Gold geholt. Während
ihrer Feier die Meldung von Deschwandens Medaille. Noch mehr Jubel. Aber nicht alle bekommen ihn mit. Einige sitzen eine Etage höher im Zimmer in Quarantäne: Verdacht auf Norovirus. Offiziell. Inoffiziell geben wir den Gurken vom Salatbuffet die Schuld.
Gefeiert wird trotzdem. «Limoncello per tutti». Davon kommt nichts auf Social Media – dafür ein Video der neuen Frisuren. Haare, Schnäuze und Bärte fallen. Auch wir müssen hinhalten. Wir gehören schliesslich auch zum Team – irgendwie.
So vieles passiert gleichzeitig, parallel, überschlägt sich. Jubel hier, Enttäuschung dort – und mittendrin versuchen wir, all diese Momente festzuhalten. Und immer wieder diese Fragen: Soll das die Sportwelt sehen? Muss das die Sportwelt sehen? Ist das eine private Emotion? Und kann die Emotion einer Olympionikin oder eines Olympioniken überhaupt privat sein? Wenn ja – wann?


Wohl dann, wenn ein Mensch gerade nicht Athlet, Medaillenkandidatin oder Publikumsliebling ist. Sondern einfach jemand, der vier Jahre lang alles diesem einen Moment untergeordnet hat – und nun merkt, dass es wieder nicht reicht.
Ski-Slopestyle-Final der Männer. Andri Ragettli wird Vierter. Wie schon vor vier Jahren. Eine halbe Stunde sitzt er am Boden, den Kopf zwischen den Knien, die Arme darüber verschränkt. Jedes Mal, wenn er aufblickt, sind die Tränen noch dicker als zuvor.
Der Blick zur TV-Crew. Der SRF-Moderator tippt auf seine Uhr, zieht die Schultern hoch – fast entschuldigend. Das gehört zum Sport. Auch das Interview nach der «Niederlage».
«Muss ich das wirklich machen?»
Die Antwort zerreisst: «Ja, du musst.»
Schlucken. Atmen. Antworten.
Ragettli rafft sich auf. Auf dem Weg zur Medienzone versucht er niemanden anzuschauen. Niemand soll ihn ansprechen, niemand ihn berühren. Man spürt: Eine einzige Geste zu viel – und alles würde überlaufen. Dann steht er da. Vor dem Mikrofon. Vor der Kamera. Er hält durch, beantwortet die Fragen und erzählt, dass er diese Medaille für seinen verstorbenen Vater hätte gewinnen wollen. Danach: so schnell wie möglich weiter. Noch ein Interview, noch eines. Dann direkt zur Familie. Damit er diesen Moment nicht allein tragen muss.
Draufhalten?
Dieses Mal nicht. Agenturbilder vom Wettkampf genügen.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem eine Emotion privat sein darf. Obwohl Millionen zuschauen. Obwohl der Sport längst auch Bühne ist. Da steht eine Person, unter dieser Startnummer, die gerade nicht an Reichweite, Klicks oder Views denkt. Nicht an Bilder und Schlagzeilen. Sondern einfach daran, dass ein Traum gerade zerbrochen ist.
Und genau hier beginnt auch unsere Rolle. Die der Kommunikationsverantwortlichen. Wir stehen zwischen diesen Momenten und der Öffentlichkeit. Wir müssen spüren, wann ein Bild erzählt werden darf – und wann nicht. Wann ein Interview drängen darf – und wann eine Athletin, ein Athlet, zuerst einfach Mensch sein muss.
Es ist ein ständiges Abwägen.
Denn manche Momente sind wie eine Schneekugel. Alles wirbelt durcheinander, nichts ist klar. Man muss sie zuerst einen Moment stehen lassen, damit sich der Schnee wieder setzen kann. Erst dann wird sichtbar, was wirklich passiert ist und wichtig ist.
Text: Lia Näpflin
Am Fuss des Titlis, mitten in der Zentralschweiz, liegt Engelberg – ein Ort, der mit Höhenlagen bis über 3’000 Meter und seiner Nordhanglage zu den schneesichersten Regionen der Schweiz zählt. Genau hier hat eine aussergewöhnliche Familie ein ebenso besonderes Bauprojekt realisiert: drei Häuser, eng miteinander verbunden – architektonisch und familiär. Für die Skirennfamilie Gisin, mit Dominique, Marc und Michelle, ging damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: dort zu bauen und Wurzeln zu schlagen, wo ihre eigene Geschichte begonnen hat.
Ein Ski-Familienprojekt in Engelberg
«Heute noch bauen zu können und dann auch noch dort, wo man selbst aufgewachsen ist, ist eine seltene Chance», sagt Dominique Gisin. «Für uns war das wie ein Traum.»
Entstanden ist ein Ensemble aus drei Einfamilienhäusern, das Architektur, Materialität und Lichtgestaltung miteinander verbindet. Mehrere Generationen waren an diesem Projekt beteiligt: Geschwister, Partner und Eltern. Gerade bei einem Bauprojekt in Hanglage und mit unterschiedlichen Perspektiven innerhalb der Bauherrschaft waren viele Entscheidungen im Voraus schwer abzuschätzen.

Eine enge Begleitung durch den Architekten Florian Rickenbacher, Partner der RBA Architekten GmbH ETH SIA, sowie durch verschiedene Planungs- und Fachpartner, unter anderem TRILUX AG als Lichtpartner, half dabei, für jede Situation die beste Lösung zu entwickeln. Rückblickend überwiegt für die Familie jedoch klar die positive Erfahrung.
«Wir mussten flexibel bleiben», ergänzt Michelle Gisin. «Aber am Ende haben wir immer für alles eine Lösung gefunden.»


Architektur zwischen «Chalet» und «Moderne»
Jedes Haus trägt seine eigene Handschrift und folgt doch einer gemeinsamen gestalterischen Idee. Die Architektur orientiert sich an der alpinen Umgebung und interpretiert das klassische Chalet zeitgemäss. Mit Blick auf den Titlis eröffnet sich von den Häusern ein eindrucksvolles Bergpanorama.
Holz, Stein und Sichtbeton prägen das Erscheinungsbild der Gebäude. Diese Materialwahl greift bewusst die Hanglage des Grundstücks auf und bringt gleichzeitig eine alpine, felsige Anmutung in die Architektur. Auch im Innenraum spielen warme, natürliche Materialien eine zentrale Rolle. Böden und Akustikdecken bestehen überwiegend aus holzähnlichen Materialien oder rustikalem Parkett und tragen zu einer wohnlichen Atmosphäre bei.
Obwohl alle drei Häuser einer gemeinsamen architektonischen Idee folgen, entwickelt jede Familie ihre eigene Interpretation von Wohnen und Licht. Während ein Haus grosszügige Wohnräume und warme Lichtstimmungen betont, setzen die anderen stärker auf klare Linien und bewusst eingesetztes Tageslicht.
Ein verbindendes Element aller drei Häuser ist die Lichtplanung. Das Lichtkonzept wurde gemeinsam mit TRILUX entwickelt und versteht Beleuchtung nicht als technisches Detail, sondern als integralen Bestandteil der Architektur.
Zum Einsatz kommen unter anderem Leuchtenfamilien aus dem TRILUX Portfolio wie Sonnos, Olisq, Invego und Skeo. Ergänzt werden sie unter anderem durch designorientierte Leuchten der Monolicht AG, Tochtergesellschaft der TRILUX AG und Teil der TRILUX Gruppe. Modelle wie Boya, Matua oder Lucid Mini setzen gezielte architektonische Akzente und prägen die Atmosphäre der Räume.
Für die Familie spielt Licht auch im Alltag eine wichtige Rolle. Séverine Gisin beschreibt die Wirkung von Licht treffend:

Treppenhaus mit Boya Variation, sowie Küche mit TRILUX Sonnos

So wird Licht zu einem zentralen Bestandteil der Architektur und trägt entscheidend dazu bei, dass sich die Häuser nicht nur funktional, sondern auch als Zuhause anfühlen.
Für TRILUX ist dieses Projekt ein besonderer Fall. Solche privaten Bauprojekte gehören nicht zum typischen Alltag eines internationalen Lichtunternehmens in der kommerziellen Beleuchtung. Umso schöner ist es, wenn aus einer Partnerschaft mit Swiss-Ski eine Geschichte entsteht, die so authentisch ist wie diese.
Die Häuser der Familie Gisin stehen deshalb nicht nur für ein architektonisches Projekt, sondern auch für eine besondere Verbindung zwischen Familie, Spitzensport und Licht. Ein Projekt, das zeigt, wie Partnerschaften über den Sport hinauswirken können.
Küche mit Monolicht Lichtbandsystem M-Serie (Decke rechts), TRILUX Sonnos Anbauleuchten (Decke mittig) und Monolicht Matua Pendelleuchten (Korridor links).
Wenn Licht den Unterschied macht
«Licht nimmt man meist nur dann wahr, wenn etwas nicht stimmt oder ein Raum schlecht ausgeleuchtet ist. Wenn du bei einem solchen Projekt keine gute Beleuchtung hast, verlierst du wahrscheinlich ein Drittel der Qualität, um dich wirklich wohlzufühlen.»

Sie schrieb Sportgeschichte: Nadja Kälin gewann mit Bronze über 50 Kilometer als erste Schweizer Langläuferin eine olympische Einzelmedaille.
Wer ist die 24-jährige St. Moritzerin, die mit Leistungsasthma kämpft und kein Star sein will?
Plötzlich ist alles kein Traum mehr. Die Athletin mit der Startnummer 13 reisst die Arme hoch, in ihrem Gesicht zeichnet sich ein Lachen ab, das tiefe Genugtuung ausdrückt. Und vermutlich ein bisschen Ungläubigkeit. Bronze über 50 Kilometer an Olympischen Spielen? Kann das wirklich sein?
Ja!
Nadja Kälin strahlt im Endspurt eine imposante Souveränität aus. Diese Stockstösse! Diese Entschlossenheit! Dieses Tempo! Der Kraftakt trägt sie auf das Podest. Nach 2:23:09,7 Stunden ist der grösste Erfolg ihrer Karriere perfekt. Und besagter Traum Realität. «Irgendwie surreal», sagt sie ein paar Tage danach, «es ist alles so schwer zu fassen.» Schneller als Nadja Kälin sind einzig die Schwedin Ebba Andersson und die Norwegerin Heidi Weng.
Als sie an diesem 22. Februar im Zielraum von Tesero steht, sagt sie: «Als Kind träumt man davon. Aber dann wird man älter und denkt: Das ist alles so weit
weg.» Aber jetzt hat die 24-Jährige an den Olympischen Spielen Milano Cortina 2026 im unerwartet grossen Stil abgeräumt. Kälin bringt nicht nur eine Bronze-, sondern auch eine Silbermedaille nach Hause – errungen im Teamsprint mit Nadine Fähndrich. Und nicht zu vergessen ist der 4. Platz im Skiathlon, ihrem ersten Wettkampf an Olympischen Spielen überhaupt.
Kein Star – und schon gar keine Heldin
Nie zuvor hat eine Schweizer Langläuferin eine olympische Einzelmedaille gewonnen. Das ist Stoff, aus dem Heldinnen geboren werden. Oder Stars. Nur ist man mit solchen Begriffen bei Nadja Kälin an der falschen Adresse. Sind die Scheinwerfer auf sie gerichtet, ist ihr das eher unangenehm. Mit «Star» und «Heldin» kann sie nichts anfangen. «Dieses Rennen war zwar mega cool, aber es macht mich nicht zu einem besseren Menschen.»
Es sind Worte, die ihre Schwester nicht verwundern. Marina Kälin, Medaillengewinnerin an Juniorinnenund U-23-Weltmeisterschaften und ebenfalls Olympia-Teilnehmerin – sagt: «So kenne ich Nadja. Sie gerät nicht so schnell aus dem Häuschen und geniesst lieber still, als etwas an die grosse Glocke zu hängen.» Marina hat den Fünfziger daheim am Fernseher mitverfolgt –und mitgelitten. Am Ende traut sie ihren Augen kaum: «Nadja hat eine olympische Einzelmedaille geholt. Sie hat es einfach geschafft – krass!»
Besonders freut Nadja Kälin, wenn sie mit ihrer Leistung vor allem bei Jugendlichen etwas bewirken kann. «Es ist schön, dass die Kinder in der Schweiz nicht immer nach Norwegen blicken müssen», sagt sie mit Blick auf die dominierende Langlauf-Nation. Kälin taugt zweifellos als Vorbild für den heimischen Nachwuchs. Und in diese Rolle schlüpft sie viel lieber als in die eines Stars.
Das Atmen fällt auf einmal schwer
Rückblick. Nadja Kälin gilt lange als Talent, das im Nachwuchs mehrere Erfolge auf internationaler Bühne feiert. 2020 gewinnt sie mit der Staffel Gold an den Juniorinnen-Weltmeisterschaften in Oberwiesenthal, vier Jahre später läuft sie über 10 Kilometer klassisch zu Silber an den U-23-WM. Im Weltcup gelingt es ihr vorerst aber nicht, in die Top 10 vorzudringen.
Das ändert sich in der vergangenen Saison – und am Ursprung des Durchbruchs steht ein gesundheitliches Fragezeichen. Kälin tut sich anfänglich auf einmal schwer mit dem Atmen. Sie findet dafür keine plausible Erklärung. Die Höhe kann nicht das Problem sein, denkt sie, «an die bin ich als Engadinerin doch gewöhnt». Zunächst geht Kälin, die mittlerweile in Davos wohnt, davon aus, dass sie einfach nicht in Form ist.
Aber das reicht nicht, um alles auszublenden. Die Beschwerden tauchen zwar in unterschiedlicher Intensität, aber doch regelmässig auf. Also beschliesst Kälin, sich medizinisch untersuchen zu lassen. Das Problem bekommt nach eingehenden Tests einen Namen: Leistungsasthma. Das Lungenvolumen ist reduziert, entsprechend wirkt sich das auf die körperliche Verfassung aus.
Das mag nun nach etwas Gravierendem klingen, löst bei der Athletin aber keine Ängste aus. «Mit dieser Herausforderung sind viele Langläuferinnen und Langläufer konfrontiert», sagt sie. Einer von ihnen ist ein prominenter Landsmann: Der vierfache Olympiasieger Dario Cologna kämpfte ebenfalls mit Leistungsasthma.
Ein Spray verschafft Abhilfe. Und Nadja Kälin gelingt der Durchbruch.
Aufgeben war nie eine Option
Es wäre wohl zu kurz gegriffen, diesen Durchbruch einzig und allein auf den Spray zurückzuführen. Für Kälin ist er einer der Gründe dafür, dass der Knoten geplatzt ist. An erster Stelle steht für sie aber immer noch die beharrliche Arbeit in den vergangenen Jahren. Ihre Schwester Marina beschreibt sie als «resilient» und fügt an: «Nadja musste einige Phasen durchmachen, in denen es ihr nicht wunschgemäss lief. Aber aufzugeben war für sie nie eine Option.»
Als die Lösung gefunden ist, liefert Nadja Kälin Beeindruckendes ab. An den Weltmeisterschaften 2025 in Trondheim wird sie 6. im Skiathlon, 8. über 10 sowie über 50 Kilometer und 5. mit der Staffel. Dass es gleich so gut läuft, überrascht sie zwar. Sie betrachtet das Abschneiden als Bestätigung dafür, dass sich ihr Aufwand lohnt und sie sich der Weltspitze annähert. Doch ihr schiesst auch durch den Kopf: Die Plätze ganz vorne sind immer noch ein Stück entfernt.
Nadja Kälin arbeitet ihre Leistungen gewissenhaft und selbstkritisch auf. «Zufrieden bin ich selten mit mir», sagt sie. Ihr Hang zum Perfektionismus treibt sie an, und sie achtet darauf, sich nicht unnötig der Gefahr einer Grippe auszusetzen. «Nur schon eine Erkältung kann Teile einer Saison ruinieren.»
Super happy – und es wird noch besser
An den Olympischen Spielen, an denen die Langlaufrennen im Val di Fiemme ausgetragen werden, erlebt Nadja Kälin die schönsten Tage ihrer Karriere. Nach dem 4. Rang im Skiathlon fühlt sie sich «super happy», nach Silber im Teamsprint glaubt sie: «Besser kann es nicht mehr werden.» Ihre Gedanken damals: «Jetzt kommt noch ein Rennen.» Heute sagt sie schmunzelnd: «Und dann passiert das…»
Für den letzten Anstieg des Fünfzigers hat sie sich eine Strategie zurechtgelegt. Nach Möglichkeit will sie es nicht auf einen Zielsprint ankommen lassen.


Nadja Kälin gewinnt über 50 Kilometer Bronze – es ist die erste olympische Einzelmedaille einer Schweizer Langläuferin.

Ein kurzer Blick zurück in der Loipe – ahnt Kälin in diesem Moment bereits, dass ihr ein olympischer Coup gelingen wird?

Zwei Medaillen und ein Diplom: Nadja Kälin erlebt an den Olympischen Spielen 2026 die erfolgreichsten Tage ihrer Karriere.
«So, jetzt machst du es wie Kläbo», denkt sie sich. Dem Norweger Johannes Kläbo –mit sagenhaften sechs Goldmedaillen der Überflieger von Milano Cortina 2026 –hatte sie am Vortag zugeschaut, wie er die anspruchsvolle Passage meisterte.
Der Plan geht auf. Und für Nadja Kälin geht es abseits der Loipe in die Verlängerung. Ein Interview hier, Fotos da – es ist das Los einer erfolgreichen Athletin. Sie sieht darin die Chance, dass Langlauf wieder mehr medialen Zuspruch erhält. «Wir sind in der Öffentlichkeit nie so präsent wie die Alpinen, die im Winter zurecht die klare Nummer eins sind», sagt sie. «Ich finde aber, dass der Langlaufsport schon auch eine gewisse Aufmerksamkeit verdient hat.»
Kälin mag keine Lautsprecherin sein, doch sie scheut sich nicht davor, ihre Meinung kundzutun und auch für Kolleginnen einzustehen. Als Athletensprecherin vertritt sie die Interessen des Teams beispielsweise gegenüber dem nationalen wie auch dem internationalen Verband: «Wenn ich ein Anliegen habe, lege ich das offen und setze mich für die Kolleginnen ein.»
Man könnte fast meinen, für die Bündnerin hätte die Saison 2025/26 nie enden müssen. Eine Woche nach dem Bronze-Coup lief sie den Skiathlon in Falun und egalisierte mit dem 7. Rang ihr Weltcup-Bestresultat. Gleich nach Olympia war ihr Programm so beladen, dass sie sagte: «Ich habe gar keine Zeit, um müde zu sein.» Doch der Winter hat ihr sowohl physisch als auch mental viel abverlangt. Da kann die eine oder andere Woche Ferien nicht schaden. Und im Mai geht es schon wieder los mit der Vorbereitung auf die kommende Saison mit dem Höhepunkt WM in Falun. Mit dem Appetit kommt bekanntlich der Hunger. Nadja Kälin sagt: «Ich habe nicht vor, bald aufzuhören.»
Man könnte es auch anders formulieren: Sie hat noch Grosses vor.
Text: Peter Birrer
In Airolo steht die wichtigste Trainings- und Wettkampfanlage für Aerials und Moguls in der Schweiz. Hier trainieren Nachwuchs und Weltklasse gemeinsam. Organisiert wird der Betrieb von Deborah Scanzio, ehemalige WM-Medaillengewinnerin und heute treibende Kraft. Doch die Anlage ist erst der Anfang.
Ein Samstagmorgen im März, Skigebiet Airolo, der Schnee glitzert in der Sonne: Oben am Hang stehen junge Aerials-Athletinnen und -Athleten, Startnummern über den Skianzügen, sie nesteln ein letztes Mal an den Handschuhen, bevor sie auf die Schanze zufahren, die anderen, während sie warten, führen noch einmal ihren Sprung aus im Geist, schon wirbeln sie durch die Luft.
Weiter unten am Hang, dort, wo die Schanzen nebeneinander stehen wie drei Brüder, schlängelt sich Deborah Scanzio vorbei an braungebrannten Gesichtern und verspiegelten Sonnenbrillen. Scanzio ist Event-Verantwortliche für den AerialsWettkampf, jetzt wechselt sie ein paar Worte mit einem Mann, der ein Mikrofon in der Hand hält. Er soll den AerialsWettkampf moderieren, hat aber bisher erst Moguls kommentiert und das auch erst einmal. Im Hintergrund dröhnt PunkRock aus grossen schwarzen Boxen.
Neben den drei Schanzen steht ein schlanker Holzbau, er sieht so neu aus wie er ist, das Holz makellos. Der obere Stock ist den Punkterichtern vorbehalten. Im unteren Stock hängen Fotos von Noé Roth an den Wänden. Noé Roth beim Sprung in der Luft, Noé Roth World Champion. Am Tisch blicken ein Mann und eine Frau auf drei Bildschirme, sie gehören zur kanadischen Delegation und haben den Livestream eingerichtet. Sie zoomen auf die Buckel der Buckelpiste, dann wieder auf den Anlauf zu den Aerial-Schanzen, fragen Deborah Scanzio, ob das okay sei so. Sie nickt und steht auf. Oben, auf dem Dach des Gebäudes stehen Coaches und filmen ihre Athletinnen und Athleten, aber wer auf dem Dach steht, muss einen Sicherheitsgurt tragen – wegen der Haftung. Also steigt Deborah Scanzio hoch und sagt es ihnen, später wird sie es noch dem Kameramann einer Fernsehstation sagen.
Es ist Europacup-Wochenende in Airolo: Frauen und Männer absolvieren je zwei Wettkämpfe bis am Sonntagnachmittag. Zusätzlich ist das Schweizer Mixed Team vor Ort, das jüngst an den Olympischen Spielen die Silbermedaille gewann: Noé Roth, Pirmin Werner und Lina Kozomara. Roth ist zweifacher Weltmeister, zweifacher Weltcup-Gesamtsieger, Werner ist WM-Bronzemedaillengewinner, hinzu kommen zig Erfolge im Team, aber später, als sie unterhalb des Auslaufs der
Schanze sitzen und Autogrammkarten signieren, kommt einer, schaut auf die Medaille und fragt: Wart ihr wirklich bei Olympia?
Von der ersten Angst bis zur OLYMPIA-MEDAILLE
Er ist die Ausnahme. Man kennt die drei hier, in der Sportart Aerials gibt es zwei zentrale Orte in der Schweiz: Mettmenstetten im Kanton Zürich, wo die Athleten im Sommer auf der Wasserschanze trainieren, und Airolo, wo sie die Sprünge im Schnee perfektionieren. Airolo ist der Ort, an dem sich für Lina Kozomara die ganze Bandbreite ihrer Karriere abgespielt hat: Der erste Wettkampf, bei dem sie sich als Achtjährige nicht über die Schanze traute – bis zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele, an denen sie eine Silbermedaille gewann. «Wir kommen seit 15 Jahren hierher», sagt ihr Teamkollege Pirmin Werner. «Und langsam beginnt es sich auszuzahlen», er lacht. Die Fernsehstationen sind da, RSI und Tele Ticino, vielleicht ist Aerials bekannt wie nie.
Die Bedingungen in Airolo sind einzigartig in der Schweiz – was in erster Linie mit der grössten der drei Schanzen zusammenhängt: 4.10 Meter hoch, 71 Grad steil oben. Bis zu drei Saltos und fünf Schrauben kann machen, wer dort drüber rast. Europaweit gibt es eine Handvoll

Deborah Scanzio ist die Event-Organisatorin in Airolo. Die ehemalige Athletin hält als treibende Kraft der Freestyle Arena alles zusammen. Bilder: Anya Censi

Für Noé Roth (links) und Pirmin Werner ist Airolo mehr als eine Trainingsanlage: Hier haben sie ihre Sprünge perfektioniert – und den Weg an die Weltspitze vorbereitet.
vergleichbarer Anlagen, weltweit ein gutes Dutzend. Früher musste man dafür nach Finnland oder nach Weissrussland. «Unser Anspruch war, dass wir eine permanente Winter-Trainingsanlage haben für die Sportarten Moguls und Aerials – so ist das Projekt entstanden», sagt Christoph Perreten, Chef Freestyle bei Swiss-Ski. Nebst der Dreifachsalto-Schanze sind es die Details, die Airolo ausmachen: Damit der Trainingsbetrieb mit weniger Schnee aufgenommen werden kann, wurden Erdverschiebungen vorgenommen, Leitungen für die Beschneiungsanlagen verlegt und der schmale Holzbau errichtet, von welchem aus die Punkterichter die Sprünge bewerten.
Aus diesem Holzbau tritt jetzt Deborah Scanzio, die Event-Verantwortliche. Scanzio, braune Locken, ein Piercing in der rechten Augenbraue, arbeitet für die Bergbahnen von Airolo im Marketing und organisiert in dieser Funktion

Mit drei Schanzen, modernster Infrastruktur und Trainingsmöglichkeiten für Moguls und Aerials gehört die Freestyle Arena Airolo zu den wichtigsten Anlagen ihrer Art in Europa.
die Freestyle-Events im Gebiet. Wenn man sagt, Scanzio kenne jede Unebenheit auf diesen Hängen hier, dann ist es wörtlich gemeint: Sie ist geboren im Tal und ehemalige Moguls-Athletin; 2007 gewann sie WM-Bronze.
Die treibende Kraft
Später wird sie erzählen, wie intensiv die vergangenen Wochen waren. Scanzio organisierte nicht nur den Europacup-Wettkampf, sondern auch das FIS Development Camp, ein Vorbereitungslager für die Junioren-WM, sowie die Junioren-WM selbst. Aber wenn sie spricht, wirkt sie heiter und unbeschwert. «Sobald ich mal auf dem Berg bin, ist mein Job ziemlich entspannt – alles läuft, ich schaue bloss, obs irgendwo Probleme gibt», sagt sie. Vielleicht ist es das südliche Flair, das sie heiter wirken lässt, oder der italienische Akzent. Der Moderator macht einen guten Job bei seinem ersten Aerials-Wettkampf, Deborah Scanzio lacht. Er habe sie rechtzeitig um all die Informationen gebeten, sagt sie, aber sie sei erst gestern dazugekommen, sie ihm zu schicken. Aber er sei ein Profi, langjährige Event-Erfahrung. «Am wichtigsten ist, dass er die Sponsoren erwähnt», sagt Scanzio und lacht wieder. Dann begrüsst sie eine Frau, bedankt sich bei einem Mann, spricht Italienisch, spricht Französisch, dann wieder Englisch. Später wird der Speaker unten bei der Talstation Musik auflegen fürs AprèsSki. Scanzio hätte einen professionellen DJ anheuern können, der mehr gekostet hätte, aber sie will das Geld lieber für den Wettkampf ausgeben.
Als ehemalige Freestyle-Athletin weiss Scanzio genau, welche Bedingungen es braucht, damit Athletinnen und Athleten erfolgreich sein können – und wie aufwändig es in einer Randsportart ist, diese Bedingungen zu schaffen. «Vielleicht sind unsere Athleten weniger bekannt als die Abfahrer, vielleicht ist weniger Geld im Spiel in unserem Sport», sagt sie. «Aber dafür gibt es eine Menge Leute mit einem grossen Herz und mit einer unglaublichen Leidenschaft.» Sie weist auf einen Mann in einem tanngrünen Skianzug hin. Er hat

Hier packen alle mit an: Hand in Hand, damit Trainings und Wettkämpfe für Aerials und Moguls möglich werden.
den guten Teint eines Mannes, der mehr Zeit auf der Piste verbringt als vor dem Bildschirm, und hält zwei Metallstangen in den Händen. «Siehst du», sagt Deborah Scanzio, «da ist der Top-Coach unseres Landes und schraubt eine Fahnenstange zusammen». Der Mann ist Michel Roth, Vater und Coach von Noé Roth – aus Livigno kamen sie mit zwei Silbermedaillen zurück. Jetzt bohrt Roth ein Loch in den Schnee, stösst die Halterung hinein und verschraubt die Flagge, während diese schon im Wind flattert.
Aerials mag eine kühne Sportart sein, aber für den Grossteil der Menschen ist sie auch einigermassen fremd. Gebannt –und etwas verwundert – schaut man diesen jungen Leuten zu, die wie auf Schienen auf die Schanze zufahren, man versucht dann Schritt zu halten mit all den Saltos, all den Schrauben, aber noch in Zeitlupe ist es schwer, alles genau mitzuverfolgen. Ist man aber dann an einem Ort wie Airolo und sieht, mit welchem Elan die Leute anpacken, sieht, was alles möglich wird dadurch und welche Freude dies auslöst, auch wenn nicht bei jedem Wettkampf eine Million Zuschauer mitfiebern, dann wird die Faszination plötzlich greifbar.
Weiter oben am Hang läuft nun die Qualifikation, unten bei den Festbänken scharen sich knapp zwanzig Kinder um das Olympia-Trio Noé Roth, Pirmin Werner und Lina Kozomara. Sie stellen sich auf fürs Gruppenfoto, die Kameramänner eilen herbei, Smartphones in der Luft. Dann nimmt das Schweizer Aerials-Trio Platz auf einem Festbank, vor ihnen die Silbermedaillen, ein paar Filzstifte und Autogrammkarten. Ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, kommt und schnappt sich die Silbermedaille von Roth. Sie sagt: «Hallo Noé, ich habe gerade eine Silbermedaille gewonnen bei den Olympischen Spielen, möchtest du ein Autogramm haben?» «Aber klar», spielt Roth mit. Das Mädchen nimmt eine Karte und schreibt sorgfältig ihren Namen darauf. Roth kennt viele der Kinder hier, von Trainings, von Coachings. Ohnehin kennt man sich in der Aerials-Szene – und man hilft sich, auch über die Landesgrenzen hinweg.
Eine Frau kommt und bittet Kozomara zum Interview mit dem Tessiner Fernsehen, Deborah Scanzio bringt Pirmin Werner die versprochene Bratwurst mit Brot. «Sie schaut sehr gut zu uns», sagt Werner. Dass sie als ehemalige Athletin
ihre Bedürfnisse genau kenne, sei extrem wertvoll – wenn man nicht aus dem Spitzensport komme, sei das manchmal schwieriger. Dann steht der Direktor vom Tourismusbüro da und schüttelt Noé Roth die Hand, gratuliert zur Olympiamedaille und bedankt sich mehrmals für die tolle Werbung für Airolo, grazie mille.
Roth blickt hoch zum Hang, wo der Wettkampf läuft und sein Vater neben den Schanzen steht. «Ohne all das Engagement, das so viele Leute hier reinstecken,
würde hier kaum eine solche Infrastruktur stehen – und unser Sport wäre niemals so weit.» Zwischendurch schreibt er seinen Namen auf einen Skihelm, «es ist unser Zuhause hier – ich wüsste keinen Berg, auf dem ich mehr Zeit verbringe.» All die Erinnerungen, er beginnt von früher zu erzählen, «du donnerst über die Schanze, fällst hin, stehst wieder auf, alles gut». Ein paar junge Athletinnen kommen vorbei und Lina Kozomara schaut auf dem Handy, welchen Platz sie belegen, freut sich ab dem 6. Zwischenrang einer Jugendlichen, muntert eine andere auf. «Es ist euer erster Europacup: einfach geniessen.»

Hier wird nicht nur trainiert: Die Anlage ist Austragungsort von Europacups – und in diesem Jahr auch der Junioren-Weltmeisterschaften.
Noé Roth lacht, er blickt auf den Landehang. «Es ist toll, all diese kleinen Kids springen zu sehen. Es macht wirklich Spass, ihnen zuzuschauen.» Er sagt, es erinnere ihn an früher, als er selbst ein kleiner Junge war. «Wenn ich diese Kinder sehe, führen sie mir vor Augen, dass ich auch mehr Spass haben sollte.» Es kommen zwei Jungs mit ihren Eltern, «Ciao zäme, Buongiorno», Roth schreibt zweimal seinen Namen in Blockschrift, dann lacht er, sagt, diese Unterschrift habe er als kleiner Junge entwickelt.
Es sind diese Kinder und Jugendlichen, die über die Schanze springen und sich dann ein Autogramm abholen – sie will man fördern und langfristig für den Sport begeistern. Für sie wurde diese Anlage gebaut, so sagt es Christoph Perreten. «Selbst die Kleinsten trainieren am gleichen Standort – sei es in Mettmenstetten oder in Airolo – wie ihre grossen Vorbilder. So sind sie greifbar für den Nachwuchs.»
Dem stimmt Deborah Scanzio zu. In der Mittagspause sitzt sie im Bergrestaurant vor Poulet und Kartoffeln, hinter ihr schweben die Gondeln hoch auf den Sasso della Boggia auf über 2000 Metern. Und auch ihr Ziel wäre es, genauso wie dasjenige Christoph Perretens, dereinst einen Weltcup in Airolo zu veranstalten. Für den Moment aber hat sie genug zu tun, sie sagt, heute Abend, irgendwann nach der Siegerehrung, werde sie sich hinsetzen und ein Bier trinken, nur eins. Manchmal denke sie, sie nehme sich zu wenig Zeit für die Menschen um sie herum, immer sei sie in Eile. Aber dann reisse sie trotzdem ständig neue Projekte an. «Aber vielleicht ist das mein Charakter» sagt sie, bevor sie aufsteht, «vielleicht brauche ich das».
Oder die Freestyle-Szene braucht sie.
Text: Pascal Amri


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Karin Luchsinger ist seit 16 Jahren mit dem Snowboardcross-Team unterwegs. Sie ist zuständig für die Behandlung geprellter Schultern und verhärteter Muskeln – aber auch wenn der Bauch schmerzt oder die Gedanken nicht aufhören zu kreisen. Das Porträt einer Frau, die weit mehr ist als eine Physiotherapeutin.
«Es sind die kleinen Dinge», sagt Karin Luchsinger irgendwann in ihr Telefon. Erzurum in der Türkei, die Märzsonne scheint schräg durch das Hotelfenster: «Manchmal kommen die Athletinnen und Athleten und sagen: ‘Es geht schon viel besser als gestern’.»
Zum vierten Mal ist Karin Luchsinger in Erzurum, dieser Stadt tief im Osten des Landes, bekannt für Puderzuckerschnee, 3000 Meter hohe Gipfel und lange, steile Abfahrten. Das Schweizer Snowboardcross-Team ist für die Weltcup-Rennen angereist, vorher trainiert es und bestreitet die Qualifikation. Für Luchsinger, die das Team seit 16 Jahren als Physiotherapeutin begleitet, sind es lange Tage. Vor dem Frühstück ein, zwei Knöchel tapen, manchmal mehr, dann um zehn mit dem Team hoch auf den Berg, den Kurs besichtigen, später Training –Luchsinger ist bei allem dabei. Und wenn nachmittags um vier die Athletinnen ihre Boots ausziehen, beginnt ihre eigentliche Arbeit. Sie behandelt Schultern, Handgelenke, Knie – und immer wieder Nacken, die durchgeschüttelt werden, wenn jemand stürzt. Aber an Luchsinger wenden sich die Athletinnen und Athleten auch, wenn sie beispielsweise nicht schlafen können oder Bauchschmerzen haben.

43 Jahre alt ist Karin Luchsinger. Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin und Craniosacral-Therapeutin. In ihrer Arbeit kombiniert sie verschiedene Techniken –auch aus anderen Teilgebieten der Osteopathie. Und wären es diese zwei Aspekte allein, die sie ausmachten, Karin Luchsinger wäre eine brillante Physiotherapeutin mit einem reichen Erfahrungsschatz. Doch sie ist mehr als das.
2009/2010 betreute sie als Physiotherapeutin zum ersten Mal das Snowboardcross-Team, damals noch im Europacup. Sie erlebte Olympische Winterspiele in Pyeongchang und zuletzt in Livigno.
Sie jubelte, als Kalle Koblet 2023 seinen ersten Weltcup-Sieg feierte, sie freute sich, als Sina Siegenthaler zuoberst auf dem Podest stand. Sie sah Coaches kommen und gehen – und blieb selbst immer dabei. Manche sagen: Karin ist die einzige Konstante im Team. Fragt man sie, was sie brauche zum Leben, sagt sie: «Hauptsache Abwechslung».
Einen Tag später, Karin Luchsinger ist noch immer in Erzurum, wieder WhatsApp-Call, das Internet ist schlecht, darum ohne Kamera. Wie ist die Stimmung im Team – so kurz nach Olympia, so kurz vor Saisonende? «Heute war nicht

so gut», sagt Luchsinger. Den Männern liefs nicht nach Wunsch, den Frauen auch nicht. Sie kennt all die Tücken: die langen Reisen, der Jetlag, kränkelnde Athleten, Gepäck, das verlorengeht, Niederlagen. Und trotz allem immer wieder: hoch auf den Berg, bei Wind, bei Wetter. Warum macht sie das mit?
Karin Luchsinger liebt das Snowboarden. Die Glarnerin, die heute in Graubünden lebt, unterrichtete sogar eine Zeit lang als Snowboardlehrerin. Und heute nun bleibt manchmal Zeit, nebst all den Trainings, Rennen und geprellten Schultern, so wie vorgestern, um durch den Tiefschnee zu gleiten.
Dass der Sport bis heute ihr Leben taktet, ist kaum Zufall: Der Vater ein begeisterter Langläufer, die Mutter ebenso, sie selbst war Teil des Regionalkaders. «Ich habe früh gemerkt, wie der Sport Menschen verbinden kann», sagt Luchsinger. «Die Emotionen, die man spürt, die Leidenschaft, die man teilt – das geht über das eigene Team, über die Landesgrenzen hinaus.» Und wenn sie so spricht, über das Unterwegs-Sein, die Gemeinschaft, das Kribbeln an den Renntagen, das Mitfiebern, die guten Resultate, die man zusammen feiert, dann entfaltet sich ihre Hingabe zu den Menschen um sie herum. «Bei all dem dabei sein zu dürfen», sie denkt kurz nach, «das bedeutet mir viel.»
Sie sagt das so nicht explizit, aber man merkt es, wenn sie erzählt: Sie mag auch die schwierigen Momente. Wenn einer die Nerven verliert, weil die Verletzung ihn plagt, weil er schlecht geschlafen hat, weil man nun schon über eine Stunde aufs Mittagessen wartet. Vielleicht ist Karin Luchsinger nie wichtiger als in diesen Momenten. Weil sie weiss, was zu tun ist, wenn einer davonläuft. Ob man ihn ablenken muss oder in Ruhe lassen. Weil sie weiss, wie jeder tickt. Weil sie am längsten schon dabei ist in diesem Team, länger als die Athletinnen,
länger als die Coaches. Erkundigt man sich nach ihr, bei den Leuten, die mit ihr zu tun haben, tritt zutage, wie sie das Team trägt.
Anruf bei Kalle Koblet, er begegnete Karin Luchsinger zum ersten Mal im Zuge der Junioren-WM in Slowenien. Das war 2016. «In all den Jahren habe ich noch nie jemanden schlecht reden gehört über Karin», sagt der Snowboardcrosser. Ein Bindeglied sei sie, eine, die zu allen einen Draht habe. Als Physiotherapeutin behandelt sie Service-Männer genauso wie Coaches – nebst allen Athletinnen und Athleten. Und viele kommen ins Erzählen, wenn sie auf der Liege sind. «Ich glaube, es gibt niemanden vom Staff, der uns kennt
«An meinen Erfolgen hat Karin auf jeden Fall einen Anteil.»
Noémie Wiedmer

wie sie», sagt Kalle Koblet. Mit ihrer positiven Art präge sie jede Einzelne und jeden Einzelnen und damit das ganze Team, sagt Koblet. Hinzu kommt die Erfahrung, von der sie profitieren. «Karin weiss haargenau, was sie zu tun hat. Sie kennt die Dynamiken, kennt all die Geschichten, war überall schon mal – sie ist enorm wichtig für uns.» Umgekehrt gilt das genauso: Am 23. Dezember letzten Jahres, dem Todestag der verstorbenen Sophie Hediger, fuhr das ganze Team nach Arosa, um dort – in jenem Gebiet, das Hediger so geliebt hatte
– zusammen zu snowboarden und eine Kerze anzuzünden. «Das ist», sagt Karin Luchsinger, «das Schöne – dass ich auch dazugehöre. Dass sofort klar war: Karin kommt auch mit.»
Man hört, Luchsinger sei insbesondere für die jungen Athletinnen wichtig. Noémie Wiedmer, 18-jährig, die in Livigno starke Vierte wurde, sagt: «An

Sie behandelt Schultern, beruhigt Nerven und weiss aus Erfahrung, was zu tun ist: Luchsinger ist eine wichtige Stütze für die Athletinnen und Athleten.

Seit
den Olympischen Spielen war ich so aufgeregt. Karin hat dann jeden Abend eine Art Nervenentspannung gemacht – du merkst richtig, wie dich das runterfährt – entsprechend gut habe ich geschlafen.»
In Erzurum, keinen Monat nach den Spielen, fuhr Wiedmer zum ersten Mal aufs Weltcup-Podest. «An meinen Erfolgen hat Karin auf jeden Fall einen Anteil», sagt die Berner Oberländerin. «Das Vertrauensverhältnis zu ihr ist besonders», sagt sie. «Wenn dir am Abend die Gedanken im Kopf surren, kannst du ihr das Herz ausschütten. Und dann geht’s dir besser.» Sie lacht. Manche ihrer Teamkolleginnen sagten, sie bräuchten eigentlich gar keine Physiotherapie, aber sie gingen, um eine halbe Stunde mit Karin zu plaudern.
«Wir sagen immer: sie hat magic hands», sagt Kalle Koblet, der Winterthurer Athlet, der sie seit zehn Jahren kennt. «Keine Ahnung, wie sie das macht, es sind sehr feine Bewegungen, man spürt kaum was – aber wenn du am nächsten Tag auf dem Brett stehst, sind die Schmerzen weg.» Wie macht sie es? Luchsinger lacht. «Es sieht aus wie Handauflegen.» Koblet schickte auch schon seine Mutter, seine Freundin oder deren Mutter zu ihr in die Praxis nach Chur. «Vielleicht zeigt das ihren Stellenwert – wäre sie nicht so gut, ich würde kaum jemanden sagen, fahr doch zwei Stunden nach Chur für einen Physio-Termin.»
Karin Luchsinger selbst findet: «Die Athleten würden auch ohne Physio überleben, man muss diese Rolle nicht überbewerten.»
Bevor Noémie Wiedmer Mitte März in St. Moritz WM-Zweite bei den Juniorinnen wird, eine knappe Woche nach ihrem ersten Podestplatz im Weltcup, zweieinhalb Monate, nachdem sie sich das Handgelenk gebrochen hat, sagt sie, was Karin Luchsinger ausmache, sei auch ihre Hilfsbereitschaft. «Wenn du am Start stehst und zu ihr sagst: ‘Oh, ich brauche ein Taschentuch’ – dann rennt sie für dich.»
Es sind die kleinen Dinge.
Text: Pascal Amri
Grosse Premieren, bewegende Comebacks und eindrückliche Geschichten: Die Wintersaison 2025/26 hatte es für das Wintersport-Team Helvetia in sich. Als Sponsorin lebt Helvetia die Emotionen mit – und wartet selbst mit einem neuen Kapitel auf.
2025 feierten Helvetia und Swiss-Ski ihre 20-jährige Partnerschaft. Neben dem Engagement als Premium Partnerin begleitet Helvetia als Individualsponsorin ausgewählte Athletinnen und Athleten im Wintersport-Team Helvetia. Mit Malorie Blanc, Lenz Hächler, Isabelle Lötscher und Noémie Wiedmer stiessen in dieser Saison neue Athletinnen und Athleten dazu.
Die «Neuen» im Team machten bereits auf sich aufmerksam: Noémie Wiedmer fuhr mit ihren 18 Jahren erstmals auf ein Weltcup-Podest –dies kurz nach ihrem vierten Rang an den Olympischen Spielen. Auch Isabelle Lötscher stand erstmals im Weltcup auf dem Podest und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele.
Einen der emotionalsten Momente der Saison lieferte Malorie Blanc: Kaum trägt die 22-Jährige das Helvetia Logo auf ihrem Helm, heimst sie ihren ersten Weltcupsieg ein. Nicht irgendeinen, sondern einen Heimsieg in CransMontana, das nur wenige Kilometer von ihrem Wohnort Ayent entfernt liegt.

Auch Rückschläge mussten überwunden werden und sorgten für emotionale Momente. Michelle Gisin musste nach ihrem schweren Sturz im Trainingslauf zum Speed-Auftakt in St. Moritz im Dezember ihre Saison vorzeitig beenden. Seither widmet sie sich geduldig, aber entschlossen ihrer Reha. Wir wünschen Michelle weiterhin viel Kraft und Zuversicht auf ihrem Weg zur Genesung.
Ein starkes Comeback gelang Saskja Lack im Skicross: Nach ihrem schweren Sturz in Arosa 2024 fuhr sie diesen Februar zu ihrem nächsten Weltcup-Podestplatz. Diesem folgten weitere Podestplätze und sie qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in Milano Cortina.

Wintersport Team
Nach dieser aufregenden Saison wird es Zeit, es etwas ruhiger zu nehmen. Noch bevor die Athletinnen und Athleten in die Sommertrainings starten, erhalten sie die neue Sommersportausrüstung ihrer Sponsoren. Dabei wird das neue Logo von Helvetia auffallen: Nach dem Zusammenschluss von Helvetia mit Baloise ist inzwischen eine neue Marke entstanden. Sie trägt den Namen Helvetia und tritt im Design von Baloise in blauer Schrift auf.
Gemeinsam mit den Athletinnen und Athleten entwickelt sich Helvetia weiter. So freuen wir uns bereits auf die nächste Saison mit dem neuen Auftritt und wünschen unserem Wintersport-Team einen schönen Sommer.





Julie Zogg und Ladina Caviezel zählen zu den Gesichtern des Schweizer Snowboardsports. Nach mehr als zwei Jahrzehnten endet die gemeinsame Reise – nach Erfolgen, Erwartungen und Erfahrungen, die sie prägten und veränderten.
Zum Anfang vom Ende gab’s einen grossen Text. Im «Liechtensteiner Vaterland». Nachdem Julie Zogg Mitte Februar 2026 von den Olympischen Winterspielen nach Mels – Kanton St. Gallen, nahe Liechtenstein – zurückgekehrt war, ohne Medaille, sagte sie mit Blick auf die letzten Rennen ihrer Karriere: «Könnte ich noch einmal einen Sieg feiern, wäre das für mich das Grösste und ein versöhnlicher Abschluss.»
Benötigt eine solche Athletin Versöhnung? Nach einer Karriere mit zwei WM-Goldmedaillen, mit zwei Siegen im Gesamtweltcup, nach fünf Siegen in Serie im Parallelslalom-Weltcup, nach vier Olympia-Teilnahmen – nach einer Karriere, die mehr als 18 Jahre gedauert hat? Braucht es da Versöhnung?
Zogg, 33 Jahre alt, lebt noch so sehr im Moment, dass bloss das Ergebnis zählt, der Sport, die Gegenwart, das letzte Ergebnis halt, der 11. Platz an den Olympischen Spielen – kaum die Zukunft und schon gar nicht die Vergangenheit. Das genaue Datum des Weltcup-Debüts weiss sie nicht mehr, «einfach Ende 2007». Sie erinnert sich noch, dass sie im ersten Rennen in Nendaz Rang 33 belegte. Der 16. Dezember 2007 war’s, genau genommen; einen Text darüber in irgendeiner Zeitung gab es nicht, was sie kaum gross kümmerte. «Grind abe und seckle», habe ihr Motto geheissen, sagt Zogg heute – nichts lesen, nichts sehen, «alles egal, ich wollte einfach schnell snowboarden». Fahrerinnen, die schon länger dabei waren, habe sie «einfach zu überholen versucht», sagt sie, «ich machte, wie’s grad kam».
Gegeneinander, miteinander, «Seich» und «Stürme»
Und irgendeinmal kam auch Ladina Jenny in den Weltcup. Ein Jahr jünger, aber seit längerem eine Gegnerin, eine Kollegin, eine Wegbegleiterin und irgendeinmal eine Freundin. Jenny, heute Caviezel, weiss noch viel weniger von ihrem ersten Weltcup-Rennen. Der Ort? «In Kreischberg, Österreich» – aber ans Rennen habe sie so gut wie keine Erinnerung, «keine Ahnung, ob ich mega nervös war. Vermutlich nicht. Ich freute mich einfach riesig.» Das Ergebnis? Auch keine Ahnung. Das Datum? Noch viel weniger. Der 6. Januar 2010 war’s. Hauptsache, es fand statt? «So kommt’s rüber», Caviezel staunt selber, «aber es ist einfach schon lange her, seither ist so viel passiert, so viele Weltcup-Starts».
Caviezels Debüt ist gut dokumentiert – «Gelungener Einstand bei den ‹Grossen›» titelte die «Südostschweiz» über die Snowboarderin aus Uznach nach dem 28. Rang. Und sie sagte, auf Ziele für den zweiten Weltcup-Einsatz möge sie sich nicht festlegen, «ich will einfach Vollgas geben. Mal sehen, ob es sogar noch ein paar Ränge weiter nach vorne geht.»
Ging es. Im Gegensatz zu Julie Zogg gewann Ladina Caviezel zwar keine Kristallkugel und kein WM-Gold – aber auch sie nahm an vier Olympischen Winterspielen teil, auch sie gewann ein Weltcup-Rennen und zwei WM-Medaillen. Und es ist bemerkenswert genug, dass zwei Snowboarderinnen aus dem Ostschweizer Nachwuchs-Fördergefäss BASE (für Boarding Association Switzerland East) fast zeitgleich so gut geworden sind – und sich nun zeitgleich verabschieden, nach mehr als zwei Jahrzehnten, die sie gemeinsam durchlebt und ähnlich erlebt haben.
Sie sind viele Rennen gefahren und haben viel erfahren, manchmal gegeneinander, vor allem aber miteinander. In jungen Jahren trainierten sie oft zusammen in Flumserberg, ehe Caviezel ans Sportgymnasium nach Davos ging. Manchmal fuhren sie zusammen an die Rennen, «ja, wir verbrachten viel Zeit Seite an Seite», sagt Caviezel. Zogg spricht von den Herbst-Trainingslagern in Zermatt, vom Spass, den sie hatten, vom «Seich», den sie machten, von den «Stürmen» auf dem Gletscher, denen sie trotzten, «wir schafften es kaum noch stehenzubleiben, weil wir so klein und fein waren».
Auf die Frage, ob sie ein Lieblingsspiel hatten, sagt Caviezel: «Wir machten wohl eher ‹Seich› als ein Gesellschaftsspiel. Wir waren laut, Powerkinder, Powerfrauen, nicht immer einfach für die Trainer, wir sagten, was wir dachten.» Heute, zwei Jahrzehnte später, sei es vielmehr so, dass sie abends zusammensässen und etwas spielten, Skyjo zum Beispiel, ein Kartenspiel, das sich «ein bisschen etabliert» habe im Team. «Weil wir alle gewinnen wollen, brauchten wir ein Spiel, das im dümmsten Fall nicht vollends eskaliert», sagt Caviezel, «Sportler halt, schlechte Verlierer.»
Und als sie Erfolge hatten, war plötzlich alles anders
Die «Power» ist nicht gewichen aus den beiden Frauen, aber es kam die Zeit, als sie nicht mehr machten, «wie’s grad kam». Die Unbeschwertheit war alsbald weniger, die Erfolge – ausgerechnet – raubten ein Stückchen Leichtigkeit. Im Jahr 2015 gewann Julie Zogg erstmals den Gesamtweltcup, und die Erinnerungen, vielmehr die Gefühle aus dieser Zeit scheinen ihr noch viel präsenter zu sein als die Tage des Weltcup-Debüts. Gegen Saisonende fanden

«Alles egal, ich wollte einfach schnell snowboarden.»
Julie Zogg
Rennen in Japan statt, und dabei sicherte sich die Österreicherin Marion Kreiner den Sieg in der Riesenslalom-Wertung; Zogg erzählt, sie sei zu Kreiner gegangen und habe gesagt: «Mega cool, dass du das schaffst – und den Gesamtweltcup nimmt dir wohl auch niemand mehr weg.» Aber weil sie, Julie Zogg, die letzten Rennen allesamt vor Kreiner beendete, war es letztlich sie, die Kreiner gleichsam den Gesamtweltcup wegnahm. «Es gab Augenblicke, da war mir das überhaupt nicht recht», sagt Zogg.
Was folgte, war noch schwieriger. Oder buchstäblich: schwerer. In der folgenden Saison habe sie sich so viel Druck gemacht, und was manchmal einfach so gesagt wird, führt Julie Zogg aus: Sie verstand die Blicke der Athletinnen plötzlich anders, es waren Blicke, aus denen sprach, dass sie – Zogg! Die Beste! – plötzlich etwas zu verlieren hatte. «Du nimmst so vieles anders wahr. Es kam so weit, dass ich mich in der Mittagspause eine Stunde lang mit den Stärken meiner nächsten Gegnerin beschäftigte; dass ich mir vor allem einredete, wo sie überall besser ist als ich.» Solche Gedanken führten zu einer Verunsicherung, «bin ich wirklich noch so gut?», zu einer Unsicherheit, die mehr wog als die Überzeugung, den eigenen Stärken vertrauen zu dürfen.
Ladina Caviezel erlebte es ähnlich: wie die Unbeschwertheit vom Anfang allmählich verflog – von der Freude über einen Top-16-Platz über den Antrieb, den ersten Podestplatz bestätigen zu wollen, wieder und wieder. «Ich war gerne in der Rolle des Underdogs. Aber wer gewinnen muss und nicht mehr gewinnen
darf, ist in einer völlig anderen Ausgangslage. Du brauchst einen Umgang damit, dass die anderen wissen: Die ist auch schnell.» Mit dem Lauf der Zeit habe sie einen Weg gefunden, dank der Arbeit mit einem Mentaltrainer, dank der Routine, dank «Sachen und Übungen», wie sie sagt, die sie bewusst in diese Routine einbaute. Sie mache sich eher zu viele als zu wenig Gedanken, «da baute ich mir ein Umfeld auf, das mich unterstützt», mit bewussten Zugängen in unterschiedlichen Bereichen, Physiotherapie, Massage, Ernährung, Feldenkrais.
Es klingt fast so, als sei der Ernst des Lebens immer greifbarer geworden, in mancher Hinsicht. Auch die Szene veränderte sich, Zogg und Caviezel sagen beide, die legendären Snowboard-Partys seien weniger und zahmer und gesitteter geworden. «Früher gingen wir nach jedem Rennen in den Ausgang – so ist es nicht mehr», sagt Zogg. Sie erzählen von einem Weltcup-Anlass Ende Februar 2026 in Polen, als die meisten Nationen im gleichen Hotel übernachteten und die Fahrerinnen und Fahrer nicht spätnachts auf den Tischen tanzten,

sondern frühabends Mario Kart spielten. «Und praktisch niemand trank einen Schluck Alkohol», sagt Zogg. Mit der Corona-Pandemie – mit der obligatorischen Distanz, gewissermassen – habe es «einen Schnitt» gegeben; die Verbundenheit mit Athletinnen und Athleten anderer Nationen sei weniger eng, sagt Caviezel, «aber klar, wir sind auch älter geworden».
Es lässt sich nicht wegdiskutieren. Julie Zogg gab den Rücktritt schon im August 2025 bekannt, Ladina Caviezels Ankündigung folgte drei Monate später. Doch keine überraschte die andere, schon im Winter 2024/25 hatten sie sich ausgetauscht, «wann ist bei dir fertig?» Im Sommer entstand nach und nach Klarheit, «ich spürte, dass dieser Prozess nicht einfach ist – aber dass es ihn braucht», sagt Zogg. Caviezel ist sich «definitiv sicher, die richtige Entscheidung gefällt zu haben» – auch wenn es Zeiten geben werde, «wo man es vermisst». Es klingt fast so, als wähle Caviezel bewusst das Wort «man», um noch etwas Distanz zu wahren zu diesem Gefühl und zu dieser Person, die so fühlen wird.
Unbeschwertheit mit dem «coolen Trüppchen»
Julie Zogg startet am 1. Mai in einem 60-Prozent-Pensum als Marketingverantwortliche bei einem langjährigen Sponsor, Ladina Caviezel intensiviert die Mitarbeit in der Immobilienfirma des Vaters. Mit Dario Caviezel, ihrem Ehemann, der weiterhin durch den Snowboard-Weltcup tourt, wird sie der Profiszene nahe bleiben; und bei zwei langjährigen Wegbegleiterinnen liesse sich bei Bedarf Rat holen, wenn es gerade schwierig ist, der Profiszene doch nicht mehr so nahe zu sein wie bisher jahrein, tagaus. Stefanie Müller und Nicole Baumgartner, zwei ehemalige Weltcup-Fahrerinnen, sind schon vor Jahren zurückgetreten, zu viert treffen sie sich immer noch einige Male pro Jahr, «wir sind ein cooles Trüppchen», sagt Zogg.
«Ein cooles Trüppchen» – als habe in dieser Gruppe auch ein Stück der alten Snowboard-Zeit überlebt, ein Stückchen Unbeschwertheit. Und womöglich wird auch eine Erkenntnis reifen, nach solchen
«Wir waren laut, Powerkinder, Powerfrauen, nicht immer einfach für die Trainer.»
Ladina Caviezel
Karrieren, die diese beiden Frauen so viel gelehrt haben: den Umgang mit «Stürmen» auf dem Gletscher von Zermatt; mit Sportlerinnen und Sportlern, die schlechte Verlierer sind, ist halt so, aber gute Gefährtinnen und Gefährten; mit Erfolg und Misserfolg; mit anderen Rollen – vielleicht wird sich die Erkenntnis festsetzen, dass es nicht ewig dasselbe Leben braucht, um Teil eines «coolen Trüppchens» zu sein.
Text: Benjamin Steffen
Ein Winter voller sportlicher Höchstleistungen liegt hinter uns. Was bleibt sind viele schöne Erinnerungen, die unser Treueprogramm den Sunrise Kundinnen und Kunden ermöglicht hat. Es brachte zahlreiche Fans an alle Schweizer Weltcup-Events – und zwar immer noch ein bisschen näher am Geschehen.

Ganz nah mit dabei am Hundschopf: die Sunrise Plattform bietet die beste Sicht auf den legendärsten Sprung im Weltcup.
Lasst uns die schönsten Momente der Skisaison nochmals hochleben. Wir erinnern uns, als wärs gestern gewesen:
• FIS Ski Weltcup Adelboden:
In Adelboden wird erneut Geschichte geschrieben. Marco Odermatt gewinnt zum fünften Mal in Folge den Riesenslalom – ein historischer Moment, den unsere Kundinnen von der Sunrise Lounge Tribüne aus verfolgen dürfen. Das emotionale Highlight des Wochenendes ist die Rangverkündigung im House of Sunrise, wo die Anwesenden die Stimmung zum Überkochen bringen.
• FIS Ski Weltcup Wengen:
Bei der Afterparty in der Sunrise Lounge feiern Marco Odermatt und Franjo von Allmen ihre grossartigen Resultate vom Lauberhorn-Wochenende gemeinsam mit den Fans.
• FIS Langlauf Weltcup Davos:
Eine Gruppe Langlaufbegeisterter kommt in Davos nicht mehr aus dem Schwärmen. Der ehemalige Spitzenlangläufer Jonas Baumann führt die Gruppe bei der privaten Streckenbesichtigung auf der originalen Weltcup-Loipe und liefert ihnen spannende Hintergrundinfos.
• Näher an den Stars:
In der Sunrise Loube in Wengen, dem House of Sunrise in Adelboden sowie auf den Plattformen in Laax und Engelberg bot sich den Sunrise Gästen eine erstklassige Aussicht auf das sportliche Geschehen.

Das House of Sunrise vereint Premium-Hospitality, exklusiven Clubstyle und ein stimmungsvolles Rahmenprogramm zu einem Erlebnis auf Weltklasse -Niveau.
Die Langeweile wird auch in den kommenden Monaten keine Chance bekommen. Dafür garantiert das Sunrise Treueprogramm. Ein kurze Vorschau aus dem vielfältigen Angebot und deine Vorteile dazu bekommst du hier:
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Exklusive Streckenführung beim Langlauf Weltcup in Davos - hautnah bei Nadine Fähndrich, Janik Riebli und Co.
auch einen Welcome Drink. Unsere Lounge kannst du im Hallenstadion in Zürich, in der Geneva Arena und im St. Jakobshalle in Basel besuchen.
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Lass Schneesportträume wahr werden
Die Schweiz ist eine Wintersportnation – und Schneesport ein Stück gelebte Kultur. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Nachwuchstalente und ihre Familien stetig. Genau hier setzt die Stiftung Passion Schneesport an: Sie stellt sicher, dass kein Talent aus finanziellen Gründen aufgeben muss, und stärkt die Nachwuchsförderung in den Regionen.
Nach der Karriere ist noch lange nicht Schluss: Der Swiss Regio Cup zeigt eindrücklich, dass die Leidenschaft für den Rennsport kein Ablaufdatum kennt. Mit der Rennserie stärkt Swiss-Ski gezielt den Regionalskirennsport, belebt das Clubleben und bietet auch nach der Leistungssportkarriere eine attraktive Möglichkeit, dem Rennsport verbunden zu bleiben.
Die Entwicklung des Angebots ist eindrücklich: An den elf Renntagen standen 344 Athletinnen und Athleten am Start – deutlich mehr als in den Vorjahren (2025: 271; 2024: 143). Pro Rennen messen sich im Schnitt rund 75 Fahrerinnen und Fahrer.
Auffällig ist die generationenübergreifende Mischung: Die Hälfte der Teilnehmenden ist jünger als Jahrgang 2000, der häufigste Jahrgang ist 2009. Gleichzeitig reicht die Spannweite bis Jahrgang 1945 – ein starkes Zeichen für die Attraktivität der Serie über alle Altersklassen hinweg.
Auch sportlich setzt der Cup Akzente: Mehrere Rennen wurden mit einem offiziellen Training am Vortag ergänzt – ein Angebot, das bei den Teilnehmenden sehr gut ankommt und die Qualität zusätzlich anhebt. Der Swiss Regio Cup etabliert sich damit immer mehr als feste Grösse im Schweizer Amateur-Skirennsport. (LNN)

Denn nur so bleibt die Schweiz auch in Zukunft eine starke Wintersportnation mit Athletinnen und Athleten, die als Vorbilder inspirieren.
Unterstütze auch du junge Schneesporttalente auf ihrem Weg. Mit deiner Spende förderst du Leidenschaft, Talent und Chancengleichheit – unabhängig vom finanziellen Hintergrund.
Wähle deinen Beitrag und hilf mit, Schneesportträume wahr werden zu lassen. (LNN)
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2 Schweizer Team glänzt mit sechs Medaillen
Gänsehaut, Emotionen und starke Leistungen: Die Schweiz überzeugt auch an den Paralympischen Spielen Milano Cortina 2026 mit sechs Medaillen und übertrifft damit das gesteckte Ziel von drei Medaillen klar. Überragender Athlet ist Robin Cuche mit zweimal Gold in der Abfahrt und im Super-G sowie Silber im Riesenslalom und Bronze im Slalom.
Fabrice von Grünigen gewinnt Silber im Banked Slalom, während Aron Fahrni mit Bronze im Snowboardcross Geschichte schreibt und die erste paralympische Medaille für die Schweiz in dieser Disziplin holt. Ergänzt wird das starke Teamergebnis durch drei Diplome. Swiss-Ski gratulieret allen Athletinnen und Athleten von Swiss Paralympic herzlich zu diesen grossartigen Erfolgen. (LNN)

3 Werde aktiv für einen nachhaltigeren Schneesport
Du hast eine Idee, wie Schneesport nachhaltiger werden kann? Dann lass uns loslegen: Snowstainability unterstützt Projekte aus der Schweizer Schneesport-Community – mit finanziellen Mitteln, fachlichem Know-how oder Sachleistungen.
Egal ob Verein, Organisation oder engagierte Einzelperson: Alle können Projektanträge einreichen. Ziel ist es, gemeinsam konkrete Lösungen für die Zukunft des Schneesports zu entwickeln.
Im Fokus stehen vier zentrale Bereiche: nachhaltige Energie- und Infrastrukturlösungen, umweltfreundliche Mobilität, ein bewusster Umgang mit Materialien und Ressourcen sowie mehr Diversität im Schneesport. Ziel ist es, den Schneesport nachhaltiger zu gestalten und für alle zugänglich zu machen.
Jetzt ist dein Moment: Reiche dein Projekt ein und gestalte die Zukunft des Schneesports aktiv mit. (LNN)

4 Wer ist unser Top-Fan?
Ob es das Selfie mit Loïc Meillard ist, der signierte Helm von Andri Ragettli oder das perfekte Gruppenbild im Schnee – Schweizerfahne und Fondue inklusive: Jetzt seid ihr gefragt!
In der Swiss-Ski App läuft zum Saisonende ein Gewinnspiel, bei dem die Schneesport-Community ihre besten Fan-Momente teilen kann. Ladet euer Lieblingsbild hoch und zeigt, was euch mit dem Schneesport als Fan verbindet. Zu gewinnen gibt es attraktive Preise – darunter Tickets für die alpine Ski-WM in Crans-Montana sowie signiertes Merchandise.
Auch euer Umfeld muss mithelfen: Freunde und Familie können die eingereichten Bilder liken und für ihre Favoriten abstimmen. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden anschliessend anhand der Anzahl Likes sowie durch eine Jury von Swiss-Ski bestimmt. Jetzt mitmachen, euren Fan-Moment teilen – und vielleicht schon bald zum Fan der Saison gekürt werden. (LNN)
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Crans-Montana 1987 Unvergesslich. Unerzählt.

Crans-Montana, 4. Februar 1987: Joël Gaspoz auf bestem Weg zu Riesenslalom-Gold – noch...


Drei Tore trennten Joël Gaspoz 1987 von der Goldmedaille im Riesenslalom. Dann stürzte er ins Nichts – und spürte Liebe.
Der nächste Schweizer Triumph daheim in Crans-Montana steht fest. Doch statt Jubelgeschrei und Siegestrunkenheit dominieren Fassungslosigkeit und Stille. Selbst bei Pirmin Zurbriggen, dem neuen Weltmeister, der wie die Massen im Stadion und am Pistenrand Anteil nimmt am Unheil, das gerade über Joël Gaspoz hereingebrochen ist an diesem 4. Februar 1987, Zurbriggens 24. Geburtstag.
Die Affiche des WM-Riesenslaloms ist eine Art Walliser Derby. Zwei Teamkollegen, die einander zugeneigt sind, die je zwei der letzten vier Weltcup-Riesenslaloms vor den Titelkämpfen im eigenen Kanton gewonnen haben, die in Adelboden sogar Erster und Zweiter geworden sind. Hier der Oberwalliser Pirmin Zurbriggen aus Saas-Almagell, der Star dieser goldenen Schweizer Generation. Da der Unterwalliser Joël Gaspoz aus Morgins, der einzige Romand im WM-Team. Und am Ende spitzt sich dieses elektrisierende Duell maximal zu. Im Ziel unten führt Zurbriggen vor Marc Girardelli und Alberto Tomba. Am Start oben steht nur noch Gaspoz, der Leader nach dem ersten Lauf. Gaspoz ist auf bestem Weg zu Gold, als es ihn am drittletzten Tor aushebelt. Er stürzt ins Nichts. Aus der Traum. Und einen Moment lang scheint die Welt stillzustehen.
Als er all die Tränen sah
Der Regisseur Pierre Morath hat jenem Schweizer Jahrhundert-Team mit dem 2020 realisierten Dokumentarfilm «Skistars im Goldrausch – Der Triumph von Crans-Montana» ein Denkmal gesetzt. Auch Joël Gaspoz kommt prominent darin vor, als tragischer Held. Er sagt ergreifende Sätze wie diese: «Ich war traurig für die Leute, die gekommen waren, um mich zu sehen. Und die Leute, die gekommen waren, um mich zu sehen, waren traurig für mich. Als ich all die Tränen sah, war es, als würde ich Liebe bekommen.» Die historischen Bilder von 1987 und wie Joël
Gaspoz Jahrzehnte später auf sein dramatisches Aus zurückblickt, ohne Verbitterung, ohne Überhöhung – zurück bleibt der Eindruck, dass auch ein Scheitern von vollendeter Schönheit sein kann.
Anders als die fortwährend präsenten Pirmin Zurbriggen, Vreni Schneider oder Maria Walliser tauchte Joël Gaspoz mit dem Film quasi aus der Versenkung auf. Er hatte sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen nach dem Rücktritt im Jahr 1989, und je mehr Zeit verging, desto weniger Menschen hatten ein Bild vor dem geistigen Auge, wenn sie diesen Namen hörten, Joël Gaspoz, diesen Namen aus einer immer ferneren Ära, diesen Namen, der immer noch Jahr für Jahr fällt, während der Lauberhornrennen – weil Joël Gaspoz bis zum heutigen Tag der letzte Schweizer Slalomsieger in Wengen ist. 1987 war das, gut zwei Wochen vor dem WM-Drama.
«J'avais tourné la page», sagt Joël Gaspoz in einem Videocall im März lapidar. Er habe damals mit dem Skirennsport abgeschlossen. Gaspoz, mittlerweile 63-jährig, sitzt in einem Pariser Café an der Sonne, als er von der Karriere und dem Leben danach erzählt. «Ich blieb beruflich nicht in der Skiwelt, die damals ohnehin ein sehr deutschschweizerisches Milieu war. Ich hatte keine Verträge mehr und erhielt auch nicht viele Einladungen. Mir war es ganz recht, dass es keinen Grund mehr gab, präsent zu bleiben.»
Ein Jüngling dominiert die Stars
Sein Talent hatte Joël Gaspoz einst blutjung ins Rampenlicht geschleudert. Er war noch keine 16 Jahre alt, als er im Weltcup debütierte, mit 17 nahm er erstmals an Olympischen Winterspielen teil, mit 19 feierte er den ersten Weltcup-Sieg, in Aprica, sagenhafte 1,98 Sekunden vor dem zweitklassierten Phil Mahre und 2,03 Sekunden vor dem drittklassierten Ingemar Stenmark, zwei Topstars jener Zeit. «GASPOZ LE MOZART DU SKI», titelte eine Zeitung. «Das lässt einen nicht kalt», sagt Gaspoz im Film von Pierre Morath zum frühen Rummel um seine Person.
Als Rennfahrer vereinte Gaspoz edle Technik und aggressiven Wagemut; als Mensch hatte er eine ungezähmte, exzessive und eine sanftmütige, verletzliche Seite. Nach dem steilen Aufstieg, gekrönt vom phänomenalen Sieg in Aprica, kam Gaspoz von der Ideallinie ab, es folgten drei Winter ohne einen Podestplatz. Das normale Leben forderte mehr Raum ein, Gaspoz erlebte eine stürmische Liebe, «mehrere Trennungen von der gleichen Frau. Ich war sensibel, das Skifahren war mir nicht mehr wichtig», erzählt er. Doch Gaspoz rappelte sich wieder auf, das Ski-Genie in ihm schlug wieder durch. 1986 gewann er den Riesenslalom-Weltcup, einen Punkt vor Stenmark, 1987 führten er und Zurbriggen das Ranking am Ende punktgleich an.
Für Pirmin Zurbriggen war Joël Gaspoz ein wichtiger Orientierungspunkt gewesen auf dem Weg in den Weltcup und an die Weltspitze. Zurbriggen war ein Jahr jünger und nicht ganz so früh reif für
Einsätze auf der höchsten Stufe wie Gaspoz. Er eiferte ihm nach, ehe er ihn überflügelte – weil er bei aller gegenseitigen Wertschätzung halt doch primär ein Gegenpol war mit seiner mustergültigen, hochseriösen Profisportler-Einstellung. Und doch sagt Zurbriggen, ohne Gaspoz hätte er nicht erreicht, was er erreicht hat. Und dass er ihn dafür bewundert habe, wie er im Rennen den Schalter habe umlegen können nach schlechten Trainings.
Gaspoz selber hatte sich als jugendlicher Neuling vor allem an Jacques Lüthy orientiert, sie wurden Zimmerkollegen. «Jacques zu haben – das war mein Glück», sagt Gaspoz über den drei Jahre älteren Freiburger. Mit Lüthy gab es auch keinerlei Verständigungsprobleme. Gaspoz sprach nicht gut Deutsch, aber wenn er heute ab und zu mit Karl Frehsner, dem damaligen Trainer, telefoniere, «verstehen wir einander ganz gut, auch wenn ich sonst nie Deutsch rede».
Noch bis am 31. Mai läuft die zweite Phase des Vorverkaufs für die FIS Alpinen Skiweltmeisterschaften Crans-Montana 2027. Erstmals sind Ticket-Kontingente in sämtlichen Kategorien erhältlich. Auf den legendären Pisten Mont Lachaux und Nationale werden die weltbesten Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer vom 1. bis 14. Februar 2027 um elf Medaillensätze kämpfen. Und das Beste daran: 40 Jahre nach dem Schweizer Medaillenrausch an den bisher einzigen Weltmeisterschaften in CransMontana verfügt Swiss-Ski wieder über ein Team, dem alles zuzutrauen ist. Jetzt WM-Tickets sichern!
Zum Ticketverkauf für die Ski-WM:
«Ich durchlebte mehrere Trennungen von der gleichen Frau. Ich war sensibel, das Skifahren war mir nicht mehr wichtig.»
Joël Gaspoz
Rast und Meillard brachten ihn zum Weinen
Joël Gaspoz blieb nach der Karriere in Morgins, diesem Dorf, das heute Teil des riesigen schweizerisch-französischen Skigebiets Portes du Soleil ist. Morgins hat auch vor und nach Gaspoz grosse Skirennfahrer hervorgebracht, zuerst Martial Donnet, der 1978 den Weltcup-Slalom in Madonna di Campiglio gewann und dessen Karriere sich noch knapp mit jener von Gaspoz überschnitt. Und dann Didier und Daniel Défago. Gaspoz betreute die Brüder, als er sich nach dem Rücktritt als Trainer im Skiclub engagierte. Daniel Défago wurde 2000 Junioren-Weltmeister im Slalom und arbeitet heute als IT-Direktor bei der FIS. Didier Défago gewann die Abfahrten am Lauberhorn in Wengen, am Hahnenkamm in Kitzbühel, auf der
Stelvio in Bormio und an den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Heute ist er CEO von Crans-Montana 2027, den bevorstehenden Weltmeisterschaften auf dem Hochplateau, 40 Jahre nach dem Goldrausch mit dem schmerzhaften GaspozOut als schärfstem Kontrastpunkt.
Joël Gaspoz schliesst nicht aus, die WM 2027 zu besuchen und in eine Welt zurückzukehren, von der er sich abgewendet hatte nach dem Rücktritt. Als er als Clubtrainer aufgehört und auch seine Kinder das Skifahren gelehrt hatte, stellte Gaspoz die Latten in die Ecke. «Das Skifahren war während 30 Jahren meine Leidenschaft – das ist doch schon viel. Ich empfand es immer als Geschenk, eine solche Passion für etwas zu haben.» Es kamen neue Leidenschaften, einige kleinere, einige grössere, zum Beispiel das

Motorradfahren. Den Lebensunterhalt verdiente sich Gaspoz im Immobiliengeschäft, «ich hatte weder eine Lehre noch sonst eine Ausbildung gemacht, aber ich hatte Vertrauen ins Leben».
Seit einigen Jahren lebt Joël Gaspoz in Vevey. Viel Zeit widmet er der Strassenfotografie, seiner jüngsten Leidenschaft. Er durchstreift mit der Kamera Städte wie eben Paris, der einstige Künstler auf Ski drückt sich jetzt anderweitig aus. Auch das Interesse am Skirennsport ist wieder erwacht. Er kann Gaspoz wieder mitten ins Herz gehen, «bei den WM-Titeln von Camille Rast und Loïc Meillard letztes Jahr in Saalbach weinte ich».
Gaspoz wirkt mit sich im Reinen, mit seinem heutigen Leben wie mit seinem früheren. Er blickt anders auf seine Aktivzeit als jene, die bedauernd oder vorwurfsvoll meinen, er habe zu wenig aus seinem Talent gemacht, die sieben Weltcup-Siege (jener in Wengen sollte der letzte und der einzige im Slalom bleiben) seien ein schwaches Abbild seines immensen Potenzials. Joël Gaspoz findet, auf der einen Seite habe es die Kristallkugel gegeben und den Slalom-Sieg in Wengen, «mein Meisterstück»; und auf der anderen Seite diesen Sturz in Crans-Montana. «Zusammen ergibt das doch eine Karriere in der Balance.»
Text: Philipp Bärtsch

Heute gehört die Strassenfotografie zu Gaspoz' Leidenschaften. Bild: Privatarchiv

Was macht dich wütend?
Am meisten wütend macht es mich, wenn Dinge, die ich mir vorgenommen habe, nicht aufgehen. Wenn ein Trick nicht perfekt war oder nicht gut genug. Oder bei einem Fotoshooting, wenn ich nicht das Fahren zu zeigen vermag, das ich eigentlich kann – wenn der Style nicht perfekt ist. Das frustriert mich, denn ich bin ein Perfektionist.
Wann hast du zum letzten
Mal geweint und warum?
Als meine Grossmutter nach den Olympischen Spielen angerufen hat. Sie sagte, dass sie stolz auf mich ist. Das war sehr emotional für mich.
Was erzählst du von dir, wenn du jemanden beeindrucken willst?
Ehrlich gesagt nicht unbedingt etwas übers Snowboarden, sondern eher darüber, was ich sonst im Leben mache. Ich schneide gerne Videos und fliege Drohnen – das macht mir Spass.
An anderen Menschen stört dich am meisten?
Unpünktlichkeit, ganz klar. Noch schlimmer ist Unpünktlichkeit ohne Erklärung. Die Person soll sich einfach kurz melden, dass sie später kommt. Ich warte nämlich nicht gerne – dafür bin ich zu ungeduldig.
Was nervt dich an unserer Gesellschaft?
Dass es auf der Welt immer noch Krieg gibt. Und dass wir heutzutage viel zu viel Zeit am Handy verbringen. Geht raus!
Bei was hast du deine Meinung fundamental geändert?
Ich habe gelernt, dass man andere Menschen weder beeinflussen noch kontrollieren kann. Man kann nur sich selbst beeinflussen. Wenn man die Ursache immer bei anderen sucht und nicht bei sich selbst, kommt man nicht weiter. Am Ende kann man sich nur auf sich selbst verlassen – alles andere führt oft zu Enttäuschungen.
Jonas Hasler ist 19 Jahre jung – und schon jetzt einer der vielseitigsten Freestyle-Snowboarder der Schweiz. Der junge Thurgauer fährt alle drei Parkand-Pipe-Disziplinen und war sogar der einzige Snowboarder überhaupt, der an den Olympischen Spielen 2026 in allen drei Disziplinen an den Start ging.
Auch im Weltcup hat Hasler bereits aufhorchen lassen. In der Halfpipe von Calgary (CAN) gelang ihm in dieser Saison mit Rang 4 sein bislang bestes Weltcup-Resultat. Im Slopestyle scheint besonders Laax ein gutes Pflaster für ihn zu sein: Dort fuhr er zweimal in die Top 10.
Seine ersten grossen internationalen Erfolge feierte Jonas Hasler jedoch im Nachwuchsbereich. An den Junioren-Weltmeisterschaften gewann er 2021 in Krasnoyarsk (RUS) Silber und holte er 2022 in der Halfpipe von Leysin Bronze. Seinen ersten und bislang einzigen Europacup-Sieg feierte er 2022 in der Halfpipe von Crans-Montana. Bereits in der Saison 2021/22 sicherte er sich den Gesamtweltcup im Europacup der Halfpipe und schrieb damit Geschichte als bis heute jüngster Sieger.
instagram.com/j0.nash
Worüber sprichst du nicht gerne?
Als Sportler spreche ich nicht gerne über Politik, weil ich dafür meistens zu wenig informiert bin. Sonst gibt es aber nichts Spezielles – ich bin grundsätzlich ein offener Mensch.
Was war die letzte Lüge, die du erzählt hast?
Bei einem Konzert in Amerika habe ich letztens über mein Alter gelogen. Ich bin 19 und habe gesagt, ich sei 21. Am Ende habe ich es reingeschafft – auch dank meines Riders Pass.
Bei wem müsstest du dich eigentlich entschuldigen?
Bei meinen Eltern, weil ich zu wenig im Haushalt helfe und früher auch gerne mal etwas Scheisse gebaut habe.
Ist es besser, geliebt oder gefürchtet zu sein?
Gefürchtet zu werden. Das Gefühl, gefürchtet zu werden, hält länger an als geliebt zu werden. So wirst du als wahrer Konkurrent wahrgenommen.
Wovor drückst du dich am meisten?
Vor Hausarbeit, ganz klar. Im Sport drücke ich mich manchmal auch vor dem Konditionstraining. Lange Joggingrunden gehören nicht zu meinen Vorlieben.
Wie lange haltest du es ohne Handy aus?
Wenn es nicht neben mir liegt und ich etwas zu tun habe, dann sehr lange. Wenn nichts los ist, greife ich aber zu oft danach.
Wenn jemand deine Suchverläufe sehen würde: Was wäre dir am unangenehmsten? Wahrscheinlich die Webseite, auf der man Flugzeuge verfolgen kann – ein Live-Radar, der zeigt, wo sich welches Flugzeug gerade auf der Welt befindet. Ich bin nämlich ein ziemlicher Fan von Flugzeugen. Wenn eines am Himmel ist, schaue ich sofort nach, wohin es fliegt. Am Flughafen bin ich deshalb ziemlich oft am Handy.
«Erfolg verändert einen. Die Frage ist nur, in welche Richtung. Man kann sich sehr schnell auf eine negative Art verändern.»
Jonas Hasler
Welche Freiheiten sind dir wichtig?
Dass ich das machen kann, was mir am wichtigsten ist und mir am meisten Freude bereitet. Zum Beispiel Snowboarden oder ganz allgemein Sport. Ich will mich bewegen können, wann ich will.
Wann hattest du so richtig Glück?
Letztens durfte ich auf dem Rückflug ins Cockpit. Da war ich mega glücklich (lacht). Im Sport habe ich auch immer wieder Glück – zum Beispiel dann, wenn ich trotz misslungenem Trick am Ende auf meinen Füssen lande.

Besonders bemerkenswert: Jonas Hasler ist der einzige Athlet, der an den vergangenen Olympischen Spielen in allen drei Parkand-Pipe-Disziplinen an den Start ging.
Ist es eine Illusion, zu glauben, Erfolg verändere einen nicht?
Erfolg verändert einen. Die Frage ist nur, in welche Richtung. Man kann sich sehr schnell auf eine negative Art verändern. Wenn man aber am Boden bleibt, kommt das schon gut. Wichtig ist, andere Menschen genauso zu behandeln wie schon vor dem Erfolg.
Welche Entscheidung in deinem Leben bereust du insgeheim immer noch?
Mir kommt nichts in den Sinn. Es gibt nichts, was ich im Nachhinein bereue. Ich bin im Reinen mit mir.
Was würdest du gerne können, kannst es aber nicht?
Fliegen. Keine Diskussion – ganz definitiv fliegen. Ich versuche es zwar in der Pipe und auf den Sprüngen, aber das wäre klar die Superkraft, die ich mir wünschen würde.

Bereits im Nachwuchsbereich zeigte Hasler sein Potenzial: Silber an der Junioren-WM 2021 in Krasnoyarsk (RUS), Bronze 2022 in Leysin und ein Europacup-Sieg 2022 in der Halfpipe von Crans-Montana.
Was glaubst du, denken andere über dich, wenn du den Raum verlässt?
Das kommt darauf an, welcher Raum es ist. Schwer zu sagen. Meistens interessiert es mich aber gar nicht so sehr, was andere denken. Es gibt sicher Menschen, die positiver und andere, die negativer über mich denken. Generell glaube ich aber, dass die Leute meine Liebe und meine Freude am Snowboarden sehen und spüren.
Du hast drei Wünsche frei, was wünschst du dir?
Dass ich fliegen kann. Dass ich gesund bleibe. Und dass ich mein Leben so weiterleben kann wie jetzt. Und dass ich weiterhin Freude an dem habe, was ich mache. Jetzt sind es vier Wünsche – aber die Freude gehört für mich einfach zum Leben dazu.
Aufgezeichnet: Lia Näpflin

helvetia.ch/swiss-ski
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Martina Schild lebt heute ein anderes Leben. Eines ohne Abfahrt und SuperG – dafür mit Kindern, Kühen und dem Alltag im Sportgeschäft. Grindelwald ist geblieben, vieles andere nicht. Und doch gibt es Momente, die überraschend vertraut sind.
Es gibt diese Momente, in denen sie ihn noch spürt – den Ehrgeiz. Bald 13 Jahre ist es her, seit Martina Schild ihren Rücktritt gegeben hat. Heute ist sie 44, Mutter von zwei Söhnen, Bäuerin – und sie heisst nicht mehr Schild, sondern Borra.
Ehrgeiz, sagt sie, sei fast ein zu grosses Wort. Es sei vielmehr ein leises Ringen nach mehr.
Seit einigen Jahren leitet Borra als eine von zwei Leiterinnen das Kinderturnen in Grindelwald, in ihrer Heimat. Etwa bei der Staffel, wenn die Kinder mehr herumtrampeln und träumen, statt einfach so schnell zu rennen, wie sie eigentlich könnten. Dann ist er wieder da, dieser Impuls. Ganz leise. «Gib doch Gas», denkt sie.
Borra hilft, wenn ein Kind Unterstützung braucht. Danach soll es selbst versuchen. «Kann ich nicht, gibt es nicht.» Ganz die Sportlerin. Eben doch, noch immer. Oder einfach eine KituLeiterin, die fordert und fördert – auch wenn sie selbst für sich kaum bewusst Sport macht.
Der Grund für Martina Borras Rücktritt 2013 war die Gesundheit. Wenn heute der Rücken wieder einmal zwickt, schiebt sie einen Rumpfblock ein – gerade so lange, bis es nicht mehr zwickt. «Meine Fitness ist es, zur Alp zu gehen», sagt sie. In diesem Jahr wird es der sechste Alpsommer sein für die junge Familie.
Die Walliser in Grindelwald
Borras sind so etwas wie Hobbybauern. Sie züchten Eringerkühe – gross, schwer, schwarz. Tiere, die kämpfen. Das Züchten dieser besonderen Rasse und die Besuche der Wettkämpfe, der Stechfeste, sind ihre Leidenschaft. Die Arbeit auf der
Alp hingegen – wo auch um die 120 Rinder anderer Bauern dazukommen – ist Lohnarbeit. «Wir sind die Exoten in Grindelwald», sagt Borra. Nicht als Familie – sondern mit ihrer Herde. Denn die 33 Eringer sind eine Walliser Hausrasse. Die Leidenschaft dafür bringt Borras Mann mit. Er hat sie aus seiner Heimat über die Berner Alpen nach Grindelwald gezügelt.
Claudio Borra arbeitete als Servicemann bei Swiss-Ski und präparierte gegen Ende von Martina Schilds Karriere auch ihre Ski. Im Frühling 2017 gaben sich die beiden das Ja-Wort. Drei Monate später kam Milan zur Welt, zwei Jahre danach Silas. Als mittlere von drei Schwestern übernahm Martina Borra den Hof der Eltern noch während ihrer Karriere. «Das ist wohl die grösste Überraschung in meinem Leben», sagt sie.
«Wir sind die Exoten in Grindelwald»
Martina Borra



Gemeint ist damit, dass das Bauerndasein bis heute einen so grossen Platz einnimmt. Die Verantwortung im Stall liegt zwar bei ihrem Mann. Wenn es aber um das Alpdasein und die Stechfeste geht, ist auch sie selbst mittendrin. Dann braucht es Vorbereitung – und die beginnt nicht erst am Wettkampftag. Auch die Tiere müssen fit werden. Also gehen die Borras mit ihren Kühen spazieren, den Berg hinauf. Das stärkt nicht nur die Kondition, sondern auch die Bindung. «Zu gewissen haben wir schon eine besondere Beziehung», sagt Borra.
Tiere züchten, um mit ihnen Wettkämpfe zu bestreiten – schwingt da ein alter Ehrgeiz mit? Borra winkt ab. Die Stechfeste mögen umstritten sein, «aber der Rangkampf liegt in der Natur dieser

Tiere». Wenn ihre Kühe erfolgreich sind, freut sie das – mehr nicht. Kein persönlicher Triumph, kein Wiederaufleben alter Ambitionen. Und doch: Die Erfolge sind sichtbar. In der Stube hängen zahlreiche Trycheln, auch Siegestrycheln. Was dort aber nicht hängt, ist Borras Silbermedaille.
Erfolg, Verletzung, Abschied
2006, Olympische Winterspiele in Turin. Martina Schild geht nicht als Favoritin an den Start. Ein Meniskusriss in der Saisonvorbereitung hatte die Qualifikation für die Spiele lange infrage gestellt. Doch sie schafft es – und fährt, mehr oder weniger überraschend, zu Silber in der Abfahrt. «Es hat einfach alles gepasst. Ich erinnere mich gerne an diesen Tag.» 2010 holt Schild das Verletzungspech erneut ein. Eine Woche vor den Spielen in Vancouver reisst sie sich das Kreuzband. Drei Jahre später folgt der Rücktritt. «Ich hatte immer Freude am Skifahren, und es war eine hammermässige Zeit. Der Entscheid war für mich richtig», sagt sie heute.
Einmal Skirennfahrerin, immer Skirennfahrerin? Nicht ganz. Kaum war die Karriere vorbei, war Borra selbst kaum mehr auf den Ski anzutreffen. Stattdessen stand sie im Sportgeschäft ihrer Eltern und arbeitete. Dort, wo zwischen Skischuhen und Jacken noch heute ihre Silbermedaille hängt.
Das eigene Skifahren verlor an Bedeutung. Die Faszination für den Weltcup hingegen ist geblieben – kompromisslos. Verpasst Borra ein Rennen im Fernsehen, reagiert sie beinahe «allergisch» auf jedes Wort zum Resultat. Augen und Ohren auf Durchzug, bis sie zuhause die Replaytaste drückt und das Rennen nachschaut. Borra schmunzelt: «Der Skisport interessiert mich halt einfach.»
Geht es um das Skifahren der beiden Söhne, ist Borras Interesse da – aber leise. «Das ist Claudios Sache», sagt sie. Aus Gründen. Zuhause ist sie diejenige,
«Es ist halt schon einfach eine gute Lebensschule.»
Martina Borra

Die Leidenschaft hat auch die nächste Generation erreicht:

Auf der Piste hält sich Mama bewusst zurück und überlässt das Skifahren ganz dem Papa – «Sie sollen auch ihr Ding haben».
die organisiert, erinnert, antreibt – zieh dich an, bist du parat, hast du alles. Auf der Piste soll davon nichts mehr übrig sein. «Sie sollen einfach fahren und Spass haben.»
Für Vater Claudio, der auch noch als Zimmermann arbeitet, ist das Skifahren mehr als nur Sport – es ist Verbindung, gemeinsame Zeit. «Sie sollen auch ihr Ding haben», sagt Borra. «Und ausserdem reicht es, wenn ein Elternteil sich darum kümmert.»
Milan acht- und Silas sechs-jährig, beide fahren in der JO von Grindelwald, schnuppern erste Rennluft – und sprechen jetzt schon von der nächsten Saison. «Natürlich würde es mich freuen, wenn sie später auch Skirennen fahren», sagt Borra. Müssen? Keinesfalls. Sie sollen wollen. Und trotzdem: «Es ist halt schon einfach eine gute Lebensschule.»
Text: Lia Näpflin




Vom Skitag bis zum Clubrennen: Der SC Flims lebt von einem aktiven und vielfältigen Clubleben.
Präsident Arno Schuoler führt den SC Flims mit klaren Strukturen. Rund 180 JO-Kinder gehören zum Club – damit der Betrieb funktioniert, müssen die Familien mitanpacken.
Wer Arno Schuoler zuhört, merkt rasch: Da handelt es sich um einen Mann, der es strukturiert mag und für den eine klare Kommunikation unverzichtbar ist. Das überrascht nicht, wenn man weiss, was der 52-Jährige in seinem beruflichen Alltag macht. Er arbeitet als Berufsfeuerwehrmann bei Schutz & Rettung der Stadt Zürich.
Seit bald drei Jahrzehnten lebt er nun schon im Unterland. Aber wann immer die Zeit es zulässt, fährt er heim in die Berge. Er stammt aus Disentis, ist ein begeisterter Skifahrer – und seit 2024 alleiniger Präsident des Skiclub Flims. Zuvor hatte er das Amt während drei Jahren mit Oli Buholzer geteilt, der danach die Rolle des Vizepräsidenten übernahm.
Organisation auf solidem Fundament
Der Betrieb läuft so, dass Schuoler heute sagen kann: «Wir sind eine Organisation, die finanziell auf einem soliden Fundament steht.» Und der SC Flims, mit rund 800 Mitgliedern einer der grössten Clubs überhaupt in der Schweiz, bemüht sich um ein attraktives Angebot.
Ein wichtiger Bereich ist die Nachwuchsförderung. Rund 180 Kinder im JO-Alter werden von rund 60 Leiterinnen und Leitern betreut. Daneben gehören verschiedene Veranstaltungen zum Jahresprogramm. Back-to-Snow-Party, Frauen- und Männer-Skitage, SnowboardTage, Curling-Abende, Clubrennen und -abend, Osterhöck in der eigenen Clubhütte auf dem Crap Sogn Gion, Ski & Golf (Skirennen mit anschliessendem Golfturnier) oder The Moonwalk (öffentlicher Tourenski-Anlass im Februar bei Vollmond) – für jeden Geschmack ist
etwas dabei. «Breitensport-Events und gesellschaftliche Anlässe sind uns ein grosses Anliegen. Sie kommen bei den Leuten gut an», sagt Schuoler.
Der Rennbereich ist sozusagen ausgelagert worden. Der Skiclub Flims bildet mit den Skiclubs Trin und Crap Sogn Gion die Renngemeinschaft Laax Ski. In diesem Förderkader werden Nachwuchstalente im Auftrag der Stammclubs gezielt weitergebracht. Und wichtig ist es dem Präsidenten auch, dass man sich jederzeit an die Richtlinien von Swiss-Ski und Swiss Olympic hält.
Der Club drohte fast einzuschlafen
Die Zeiten haben sich zum Positiven gewendet. Es gab eine Phase, in der Arno Schuoler fast den Eindruck bekam, das Clubleben schlafe ein. Der SC Flims existierte sehr wohl, «aber es passierte kaum
etwas». Mehrere Unterländer, so Schuoler, hätten für frischen Wind gesorgt. Und er leistete nach seiner Wahl in den Vorstand ab 2019 seinen Beitrag, dass der SC Flims wieder ganz in die Spur fand.
Schuoler würde sich zwar wünschen, dass sich noch mehr Einheimische anschliessen und dass sich auch mehr Mitglieder aktiv beteiligen und einbringen. Die Herausforderung, Freiwillige für Veranstaltungen zu rekrutieren, kennt er so gut wie die meisten seiner Amtskolleginnen und -kollegen. Aber die
Flimser begegnen der Schwierigkeit, indem sie Auflagen gemacht haben: Ein Helfereinsatz pro Kind und Saison muss geleistet werden. Ist das nicht der Fall, muss die Familie eine «Umtriebsentschädigung» berappen. Übrigens: Abgewickelt wird alles Administrative über das Sekretariat. Die zuständige Person ist in der clubeigenen GmbH angestellt.
Arno Schuoler führt den Verein zwar als Präsident, versteht sich aber keineswegs als Funktionär, der alles nach seinem Gusto entscheidet. «Wir pflegen einen

Mit rund 800 Mitgliedern sowie 180 JO-Kindern und etwa 60 Leiterinnen und Leitern gehört der SC Flims zu den grössten Skiclubs der Schweiz.

Auch bei Nacht aktiv: Veranstaltungen wie The Moonwalk bringen Bewegung und Gemeinschaft in den Verein.
regelmässigen Austausch im Vorstand, weil es mir wichtig ist, alle Meinungen abzuholen», sagt er. «Die Verantwortung trage am Ende ich, ja. Aber Beschlüsse werden gemeinsam gefasst. Mir liegt es fern, den Club in Alleinregie zu führen.» Bei allem Tun und Handeln bleibt er seinen Prinzipien stets treu. Das heisst: Er legt Wert auf Effizienz, Transparenz und Ordnung. Fünfmal pro Jahr finden Vorstandssitzungen statt, dazu kommt jeweils im Juni ein Workshop.
Und eigentlich steht auch der Plan, wie lange er seine Arbeit noch fortsetzen will. 2027 möchte Arno Schuoler abtreten. Eine Idee, wer den eingeschlagenen Kurs des SC Flims als Nachfolger weiterführen könnte, hat er auch schon. Mit Paolo Castelli stammt der Kandidat aus den eigenen Reihen. Der JO-Leiter hat im Vorstand den Bereich Marketing, Sponsoring und Kommunikation unter sich. «Mal schauen», antwortet er auf die Frage, ob er sich das überhaupt vorstellen könne, bevor er anfügt: «Es braucht Leute mit Leidenschaft für den Skisport, um die vielen Aufgaben zu stemmen.»
Castelli, dessen Frau ebenfalls JOLeiterin ist, kennt sich als Schulleiter im Umgang mit jungen Menschen aus. Ihm ist es ein Bedürfnis, mit seinem Engagement dem Skiclub etwas zurückzugeben. «Meine Kinder profitierten ebenfalls vom Angebot und kamen jedes Mal glücklich nach Hause», sagt er. «Wir verfolgen alle dieselben Interessen: Wir lieben es, Sport zu treiben.» Und: «Die positiven Rückmeldungen nach einem Skitag sind für mich eine wunderbare Form der Wertschätzung für unseren Einsatz.»
Wenn er sich nun Gedanken darüber macht, ob er Schuoler ablösen soll oder nicht, kann er zumindest einen Punkt überspringen: Ein Neustart wäre nicht nötig.
Text: Peter Birrer
Hinter Ihnen liegt ein Magazin voller Gold und Glück, von Geschichten und Medaillen, von der Langläuferin Nadja Kälin, die nach dem Gewinn von Olympia-Bronze über 50 Kilometer sagte: «Als Kind träumt man davon. Aber dann wird man älter und denkt: Das ist alles so weit weg.» (auf Seite 32 dieser «Snowactive»Ausgabe) Und die Schwester, in diesem Fall Marina Kälin, denkt: «Sie hat es einfach geschafft – krass!»
Es ist ein Magazin voller Tränen auch, von den Tränen des Ski-Freestylers Andri Ragettli, nachdem er den vierten Rang belegt hatte, im Olympia-SlopestyleFinal 2026 (S. 28).
Von den Tränen des Publikums, die sich anfühlten, als würden sie Liebe geben, nachdem Joël Gaspoz im drittletzten Tor ausgeschieden war, im WMRiesenslalom 1987.
Gaspoz, 63 Jahre alt, wirke «im Reinen» mit sich, heisst es auf S. 58, «mit seinem heutigen Leben wie mit seinem früheren». Gaspoz sitzt in einem Pariser Café an der Sonne, als er aus all seinen Leben erzählt. In seinem früheren Leben als Skirennfahrer gab es auch noch ein «normales Leben», das zeitweise «mehr Raum» einforderte, mit «mehreren Trennungen von
der gleichen Frau». Von einer Frau vielleicht, die «weiss, was zu tun ist, wenn einer davonläuft», wie Karin Luchsinger, die Physiotherapeutin des Snowboardcross-Teams (S. 44)? Oder wenn «etwas Scheisse gebaut» worden ist?
Auch Jonas Hasler, 19 Jahre alt, ist «im Reinen» mit sich (S. 62), «es gibt nichts, was ich im Nachhinein bereue», sagt er – auch wenn er findet, dass er sich eigentlich bei seinen Eltern entschuldigen müsste, «weil ich zu wenig im Haushalt helfe und früher auch gerne mal etwas Scheisse gebaut habe».
Aber «etwas Scheisse» braucht man «im Nachhinein» offenbar nicht zu bereuen, vor allem nicht, wenn jemand weiss, was zu tun ist, wenn die «Scheisse» so viel Raum einfordert, damit nicht so leicht alles wieder im Reinen ist.
Als Kind träumt man davon, im Haushalt nichts helfen zu müssen. Aber dann wird man älter, baut die «Scheisse» nicht nur, sondern putzt sie auchund füllt die Waschmaschine selber, wie der Gold-, Gold- und Gold-Gewinner Franjo von Allmen (S. 6), und denkt womöglich: «Geschafft - krass.» Man hatte «für den Moment genug zu tun», wie Deborah Scanzio, die Verantwortliche für
auf dünnem
die Aerials-Anlage in Airolo, von der es auf Seite 38 heisst: Heute Abend werde sie sich hinsetzen und ein Bier trinken, «nur eins».
Und darum geht es vermutlich, ob Tränen geflossen oder Medaillen gewonnen oder Waschmaschinen vollgestopft worden sind: sich am Abend des Tages oder des Lebens hinzusetzen, geschafft, krass, und - ob Gold oder Scheisse - etwas zu trinken.
Als Kind träumt man davon. Aber dann wird man älter, erlebt ein früheres Leben und ein normales und verpasst WM-Gold oder Olympia-Bronze, man wird noch älter und erlebt ein heutiges Leben, nur eins, und wird noch älter und sitzt in einem Pariser Café an der Sonne und denkt: Das ist alles so weit weg. Die Kindheitsträume. Und was mit ihnen geschah.
Geniessen Sie den Sommer – laufen Sie ihm nicht davon.
Benjamin Steffen arbeitet für die Agentur GECKO Communication sowie als Kolumnist und Autor für «Snowactive». Bis im Frühling 2024 war der Berner Sportjournalist bei der NZZ, für die er unter anderem über Ski Alpin schrieb.
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