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Surprise 635 / 2026

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Strassenmagazin Nr. 635 25. Sep. bis 8. Okt. 2026

CHF 8.–

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«Ich möchte einfach ein normaler Mensch sein.»

Asylwesen

Abgewiesene Asylbewerber erzählen vom Leben in Nothilfe und Ausschaf­fungshaft, im Rück­kehr­zentrum und als Sans-Papiers.


«Ohne meine Tätigkeit als Stadtführer wäre ich heute nicht mehr hier» Auf seinem Sozialen Stadtrundgang durch Basel erzählt Heiko Schmitz, wie er als erfolgreicher Unternehmer durch einen Konkurs und persönlichen Schicksalsschlag auf der Strasse landete - und wie er dort überlebte.

Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich. 2

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TITELBILD: BODARA AG

Editorial

Hin und her, auf und ab Manchmal versteht man etwas Grundsätz­ liches genau dann, wenn man denkt, man erledige bloss Routinearbeit. Wir trugen für die grafische Umsetzung unserer Titel­ geschichte Zitate zusammen, die sich durch die Erzählungen zweier abgewiesener Asyl­ bewerber in der Schweiz ziehen. Je öfter wir diese Sätze durchlasen, sie mal verkürzten, mal austauschten, desto klarer wurde mir, wie sehr in ihnen die ganze Tra­ gik des Themas liegt. Die Worte der beiden abgewiesenen Männer aus Algerien und der Türkei stehen in krassem Gegen­ satz dazu, wie sonst oft über das Asylwesen gesprochen, geschrieben wird: Meist geht es um das Verwalten von Menschen, um das System als solches. Was es verkraftet, wann es zusammenbricht. Die Texte in unserem Heft erzählen vom persönlichen Erleben. Davon, wie die Ankunftsgesellschaft zunehmend zu einer Art Nie­ mandsland wird. Davon, wie der Mensch in ein Dazwischen gerät, in dem alles falsch ist, was er tut – sei es rechtlich, persönlich 4 Aufgelesen 5 Na? Gut!

Briefwahl ohne Briefkasten 5 Vor Gericht

Das Recht, zu reparieren 6 Verkäufer*innenkolumne

Grosseltern 7 Moumouni antwortet

Wo ist die freie Welt?

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8 Asylwesen

Das Leben nach der Wegweisung 18 Sozialer Abstieg

Erst geht’s rauf, dann geht’s runter

oder politisch. Eine Wegweisung ist für viele eine tiefgreifend existenzielle Erfah­ rung. Das Leben ein ewiges Hin und Her. Auf der Landkarte, im Vollzugssystem oder draussen vor der Tür. Für andere ist es ein Auf und Ab. Die Geschichte von Sarah Berger ist das Porträt einer Frau, die einmal zum stolzen Schweizer Mittelstand gehörte und nun in Richtung Armut schlittert. Doch das ist noch nicht die ganze Wahrheit, denn sie hatte schon früh schlechte Karten im Leben. Wurde nicht nur übersehen, sondern auch missbraucht, sie kämpfte sich hoch, bis alles wieder einstürzte. Auch sie hat so einen eigenen Satz: «Selbst ist die Frau.» Oft ist er ein Gemeinplatz. Doch wenn sie ihn sagt, fasst er den Kern ihrer Lebensgeschichte in wenige Worte. DIANA FREI

Redaktorin

24 Kino

Kämpfen gegen das Patriarchat 25 Buch

Lebenslange Zwiegespräche

26 Veranstaltungen 27 Randnotizen

Offenbleiben 28 SurPlus Positive Firmen 29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren 30 Surprise-Porträt

«Ich bin eine Träumerin»

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Aufgelesen

News aus den über 80 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Kennenlern-Spiel: Tuukka Tuomasjukka von Rohee, Tampere, nimmt die Highland-Kuh in Empfang, um von der Situation in Finnland zu erzählen.

Strassenzeitungen von den USA bis nach Slowenien. Surprise war auch dabei: u. a. Diana Frei (links) und Sara Winter Sayilir (rechts).

Engagierter Journalismus, stabile Hilfe Rund 80 Journalist*innen, Sozialarbeiter*innen, Vertriebler*innen, Geschäftsleitungsmitglieder und Strassenzeitungsverkäufer*innen aus 18 Ländern trafen Anfang September für eine Woche in Glasgow zusammen, um über die Zukunft von Strassenmagazinen zu diskutieren. Alle zwei Jahre tauschen sich die Mitglieder des Internationalen Netzwerks der Strassenzeitungen INSP auf diese Weise aus: Dabei geht es um weltweit geteilte Herausforderungen wie sinkende Auflagen im Printjournalismus (aber auch steigende wie in Serbien!), Journalismus in sich schliessenden und ins Autoritäre kippenden Gesellschaften, den akuten Wohnraummangel und andere besorgniserregende Herausforderungen von Armutsbetroffenen, aber auch weniger gravierende Themen wie Zusatzprodukte, Digitalisierungsfragen oder Verkaufsschulungen. Immer wieder überraschend ist die Vielfalt des Strassenzeitungskosmos – bedingt durch lokal und national sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen. Unstrittig ist, was uns eint: Armutsbetroffenen eine Chance auf Einkommen, Stabilität und Teilhabe zu bieten. WIN

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ILLUSTRATION: PRISKA WENGER

Na? Gut!

Briefwahl ohne Briefkasten Für Menschen ohne Wohnung und somit ohne Briefkasten, in dem das offizielle Stimm- und Wahl­ material ankommt, ist Abstimmen und Wählen mit einem höheren Aufwand verbunden. Um dem entgegenzuwirken, hat der Berliner Bezirk Pankow nun ein Pilotprojekt durchgeführt. Vor der Wahl des Abgeordneten­ hauses – des Berliner Parlaments – vom 20. September haben Angestellte des Wahlamts eine Tagesstätte für wohnungslose Menschen besucht und sie beim Eintrag ins Wähler*innenverzeichnis und gegebenenfalls beim Wählen unterstützt. Die Voraussetzungen, um an der Wahl teilzunehmen, sind für Menschen ohne festen Wohnsitz dieselben wie für Wahlberechtigte mit festem Wohnsitz. «Es gilt, alle wahlberechtigten Bürger*innen Berlins für die Teilnahme für die Wahlen am 20. September zu mobilisieren», sagte Landeswahlleiter Stephan Bröchler der Deutschen Presse-Agentur. In Berlin leben tausende Menschen auf der Strasse und mehrere Zehntausend in Unterkünften für Menschen ohne eigene Wohnung oder zum Beispiel übergangsweise bei Bekannten. Nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe wissen viele nicht, dass sie wählen dürfen oder welche Schritte dafür notwendig sind. Gerade die Politik auf Landes- und kommunaler Ebene habe direkte Auswirkungen auf deren Lebenssituation. In welcher Zahl Wahlberechtigte aus diesem Kreis tatsächlich von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, ist offen. Dazu gibt es nach Angaben Bröchlers bislang keine empirischen Untersuchungen. DPA/LEA An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen. Surprise 635/26

Vor Gericht

Das Recht, zu reparieren Wer etwas kauft, dem gehört’s. Was nach selbstverständlichem Eigentumsrecht klingt, ist in der Ära der Tech-Monopole zur Farce geworden. Das bemerken Konsument*innen besonders dann, wenn ein Gerät, ein Laptop etwa, den Geist aufgibt – und man es reparieren will. Dann zeigt sich ein perfides System: fest verleimte Gehäuse, die sich ohne Zerstörung kaum öffnen lassen, Spezialschrauben, für die es im Handel keine Werkzeuge gibt, vor allem aber Software-Sperren verhindern jegliche eigenständige Instandsetzung. Das Resultat: eine ewige Kaufschleife und Berge von Elektroschrott, laut dem «Global E-Waste-Monitor» der UNO 62 Millionen Tonnen jährlich. Nur ein knappes Viertel davon wird korrekt entsorgt oder rezykliert – der Rest türmt sich unreguliert im globalen Süden. Teils werden unabhängige Reparaturen gar kriminalisiert. In Norwegen wurde 2020 zum Beispiel der kleine Werkstattbetreiber Henrik Huseby von Apple vor Gericht gezerrt. Er hatte gebrauchte iPhone­­­-Displays aus Asien importiert, um Handys zu reparieren. Nur bei Geräten, deren Garantie abgelaufen war, versteht sich, und die Apple ohnehin nur ungern, mit langen Fristen flickt. Apple klagte wegen Markenrechtsverletzung – weil die Logos auf den recycelten Original-Ersatzteilen übermalt waren. Das bittere Ende: Der Oberste Gerichtshof Norwegens verurteilte Husby zur Zahlung von 23 000 Euro Prozesskosten und Schadenersatz an den Tech-Giganten – der Einmannbetrieb war ruiniert.

Nicht nur private Gadgets sind betroffen. Als sich in Polen die Züge der Regionalbahn Koleje Dolnośląskie nach einer Wartung im Jahr 2022 nicht mehr vom Fleck bewegten, machten IT-Forensiker*innen eine brisante Entdeckung: In der Software waren Kill­ Switches verbaut, die die vom Newag­­­­­ Konzern hergestellten Züge in Fremdwerkstätten blockierten. Erst beschuldigte Newag die Wartungswerkstätte, die Panne verursacht zu haben. Dann die IT-Forensiker*innen, sie hätten den Freischalte-Code manipuliert. Inzwischen musste Newag zwar einräumen, dass der Code der Züge gar nicht verändert wurde – und dass er absichtlich nicht in den Handbüchern enthalten war. Der Fall ist seither zur spektakulären Schlammschlacht ausgeartet. Solches Unrecht basiert auf Gesetzeslücken, die das physische Eigentum dem geistigen Eigentum der Konzerne unterordnet. Wohl nicht mehr lange. In den USA musste sich Traktorenhersteller John Deere diesen Frühling der «Right to Repair»­ Bewegung beugen und zahlte 99 Millionen Dollar Schadenersatz, weil nur konzern­ eigene Mechaniker Ersatzteile verbauen konnten, ansonsten auch diese Maschinen ihren Dienst verweigerten. In der EU ist seit dem 31. Juli 2026 eine neue Richtlinie in Kraft, die den Einsatz von Software­­Sperren explizit verbietet. In der Schweiz gibt es zwar weiterhin kein gesetzliches Recht auf Reparatur. Mit der Revision des Umweltschutzgesetzes wurden jedoch erste rechtliche Grundlagen geschaffen, um der Wegwerfökonomie entgegenzuwirken. Eine konkrete Massnahme wird schon 2027 umgesetzt: Akkus dürfen in Elektrogeräten nicht mehr fest verklebt werden. Y VONNE KUNZ ist Gerichtsreporterin

in Zürich. 5


Verkäufer*innenkolumne

Grosseltern Grossvater trat in mein und meiner Brüder Leben mit der Bemerkung, dass wir Kinder bei einer Guttat belohnt würden mit Streicheln der Wange, ein Fehlverhalten aber mit Zwicken bestraft würde. Mein Grossvater hat eine grosse, enorm weiche Stimme. Er hat einen Blick, da fühlst du dich gleich geborgen. Mein Grossvater hat hundert Kumpels, und er traf sich regelmässig mit ihnen im Dorf. Grossvater wäre auch in den Ferien im Dorf geblieben. Wäre da nicht meine Grossmutter gewesen.

Mein Grossvater führte mich ins Gärtnern ein. Wir verloren uns beide zwischen Bohnengewächsen, im Gurkenfeld und beim Erdbeer-Naschen. Wir befüllten die Pfannen der Grossmutter mit Zutaten. Sie kochte für die ganze Sippschaft. Am Abend gab’s als Erstes immer Suppe. Der Grossvater brach Brotstückchen, direkt hinein damit, und die Grossmutter schimpfte darüber. Der Grossvater genoss alle Mahlzeit mit Herzensfülle. Er ass langsam, fast so langsam wie ich, und er lebte langsam, weil er ahnte, dass die Endlichkeit ihn ansonsten früher einholen würde. Meine Grossmutter war hektisch. Sie war das stetig drehende Wasserrad. Ich sah ihre Grösse nicht. Sie war hektisch, weil sie für die Familie alles Erdenkliche tat. Sie war hektisch, weil das Leben voller Kanten ist, weil man sich vorsehen muss, denn überall lauert Gefahr.

Meine Grosseltern haben sich oft nicht verstanden. Sie stritten, und Grossvater meinte zu mir mit vorgehaltener Hand: «Warte ab, nach dem Sturm hellster Sonnenschein!» Grossvater hatte recht. Der Wind drehte, und Grossmutter bedachte ihren Mann mit den weichsten, fantasievollsten Ausdrücken. Mein kleines rosa Kaninchen. Mein Kohl­köpfchen. Grossmutter und Grossvater waren hartnäckig. Aller Unbill des Zusammenlebens trotzten sie. Ihre Reibereien mögen die Aussenwelt irritiert haben. Doch der wolkenverhangene Himmel täuschte. Die Sonne schien im Innern.

NICOL AS GABRIEL, 62, bei Surprise schon lange, verdient dabei gutes Geld, fühlt sich damit zuhause, geht nie in Pension.

Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

ILLUSTRATION: MARIE SCHÜPBACH

Meine Grossmutter, eine Frau von Welt. Eine Frau, die (wie ich) Kunst liebt, die Einkaufszentren ansteuert, die den Grosskindern Jugendbücher schenkte, in denen alles Moderne, Wissenschaftliche und Technische offenbart wurde.

Ich habe diese Bücher nie gelesen. Ich erkannte ihren Wert nicht. Heute halte ich mich für es bitz dumm.

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ILLUSTRATION: CHRISTINA BAERISWYL

Demokratie kann entlarvend sein. In diesem Fall wurde gezeigt, dass es für den Grossteil der Stimmenden immer noch normal ist, Frauenkörper zu kontrollieren. Wer denkt, dass es ok ist, per Abstimmung Frauen zu verbieten, was sie anziehen, ist mächtig über die eigenen Beine gestolpert beim Versuch, den Freiheitsbegriff hochzuhalten.

Moumouni antwortet

Wo ist die freie Welt? Geben Sie es zu: Als vor ein paar Jahren die ganze Schweiz über Subventionen für Hornkühe diskutierte, hatten Sie keine Ahnung von Hornkühen. Haben Sie trotzdem abgestimmt? Ich habe letztens mal wieder einem Freund beim Ausfüllen des Stimmzettels über die Schulter geschaut und war schockiert, worüber er das Recht hatte, abzustimmen – Schweizer*innen mit Schweizer Pass: Geht es euch denn dabei noch gut? Was für eine Last an Entscheidungen – da kann man sich ja nur blamieren!

petenz hat, mittels kleiner Kreuze je nachdem auch über Millionenbudgets zu entscheiden, mal besser, mal schlechter informiert oder auch allein vom Titel der Initiative ableitend, steigt einem das wohl manchmal zu Kopf.

Ich verstehe allerdings nach diesem Blick auf die Abstimmungsunterlagen auch mal wieder etwas besser, woher die Selbstgerechtigkeit kommt, mit der Leute manchmal über Ausgaben wie Hilfeleistungen für Geflüchtete oder subventionierte Stadttheater sprechen: «Dafür zahle ich doch keine Steuern!» Wenn man alle paar Monate die Kom­

Mit 87 zu 82 Stimmen hat beispielsweise der Zürcher Kantonsrat ein Kopftuch­ verbot an Schulen und Kindergärten für Schülerinnen und Lehrpersonen befürwortet. Die SVP feierte das Abstimmungsresultat unter anderem als «wichtigen Erfolg für die Gleichberechtigung und gegen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen».

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Demokratie kann entlarvend sein. Zum Beispiel, wenn eine Mehrheit zeigt, dass sie keine Ahnung von der Materie hat. Wie beim Thema Kopftuchverbot, für das in den letzten Monaten in der Schweiz an mehreren Orten gestimmt wurde.

Zwar weiss ich, dass der knappe Ausgang der Abstimmung zeigt, dass in den letzten Jahren schon einiges passiert ist an Aufklärung darüber, dass Kopftuchverbote rassistisch, antiliberal und antifeministisch sind, und dass man Gewalt an Frauen nicht verhindert, indem man diese isoliert – denn das ist, was das Verbot und die ewigen Debatten darüber mit den Frauen machen – und trotzdem finde ich es peinlich, wie die Abstimmung ausgegangen ist. Gegen Gewalt an Frauen hilft eine Stärkung des Opferschutzes und Frauenhäuser. Täterprävention sieht auch anders aus. Die Schweiz wurde in der letzten Bewertung über die Einhaltung der Istanbul Konvention zum Schutz von Frauen stark kritisiert – und wird wahrscheinlich auch beim nächsten Bericht, der diesen Herbst 2026 he­ rausgegeben wird, abstinken – weil es zum Beispiel nicht mal in jedem Kanton Frauenhäuser gibt und die wenigen, die es gibt, überlastet sind. Stattdessen kümmern sich unsere Parlamentarier*innen mal wieder um Kopftücher und verbieten selbst das freiwillige Tragen derselben! Ganz nebenbei wird dabei allen Frauen, die einer bestimmten Gruppe angehören, pauschal das Vermögen abgesprochen, eigenständig zu denken und sich dafür oder dagegen entscheiden zu können. Meine Güte. Kann man eigentlich nicht erwarten, dass Menschen, die über die Rechte von Frauen entscheiden, das auch im Sinne der Frauen tun? Und dass sie sich sorgfältig darüber informieren, was das heisst?

FATIMA MOUMOUNI

empfiehlt die Website oftgehoert.ch, um sich beim Reden übers Kopftuch nicht zu blamieren. 7


«Von einem Wert auf und Freiheiten etwas

Asylwesen Die Bedingungen für Geflüchtete in Europa sind teilweise menschenunwürdig – auch hierzulande. Zwei Menschen, die nicht in der Schweiz bleiben dürfen, erzählen ihre Geschichten.

Weggewiesen

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m Land, das so vieli Menschenrechtei legt, hätte ich soi s nicht erwartet.» Surprise 635/26

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Verlorene Jahre Lange Zeit konnte Khadir Mansouri (Name geändert) trotz abgewiesenem Asylgesuch nicht nach Algerien ausgeschafft werden. Nun, da es so weit sein könnte, ist er untergetaucht. Über ein Leben zwischen Nothilfe, Ausschaffungshaft und dem Überleben als Sans-Papiers. AUFGEZEICHNET VON LEA STUBER

«Mein Schlaf ist schon lange schlecht. Ich kann nicht einschlafen oder liege nachts wach und die Gedanken kreisen. Der Körper ist hier, aber die Seele, sie ist weg. Ich habe Depressionen. Ich war in ambulanter Behandlung in der Psychiatrie und nahm Antidepressiva. Im Asylheim ging ich regelmässig joggen oder ins Gym, damit die negative Energie raus kann und ich mich besser fühle ( Psychische Gesundheit*). Ich möchte einfach ein normaler Mensch sein, der zur Gesellschaft gehört. Mit einer Arbeit, einem Zuhause. Mit einem Wochenende. Ich möchte die Leute nicht ständig um Geld fragen müssen. Ich schäme mich, den Leuten von meiner Situation zu erzählen. Jeder Mensch hat ein Potenzial. Doch mein Potenzial ist verpufft. Ich konnte nicht zeigen, was ich kann. Lange wusste ich nicht einmal von der Schweiz. Inzwischen lebe ich seit 18 Jahren hier, ohne Papiere. Ich wuchs mit einem älteren Bruder, zwei älteren und zwei jüngeren Schwestern auf; wir lebten in zwei Zimmern. Sie alle leben heute in Algerien. Mit meiner Mutter telefoniere ich regelmässig, ich vermisse sie. Sie ist nicht mehr jung, sie braucht Unterstützung im Alltag und nimmt Medikamente. An meinen Vater habe ich kaum Erinnerungen, er starb, als ich vier Jahre alt war. Den Papa oder die Mama zu verlieren, wünsche ich keinem Kind, sie sind so wichtig. Nach der Schule hätte ich gerne andere Sprachen gelernt. Wir sind acht Milliarden Menschen auf der Welt, wir brauchen Sprachen, um miteinander in Verbindung zu treten. Stattdessen arbeitete ich als Bus-Chauffeur und baute ein kleines Business auf – ich kaufte und verkaufte Zement. Hätte ich Vitamin B gehabt, hätte ich damit gut verdienen können, doch ich arbeitete für ganz, ganz wenig Geld und wohnte bei meiner Mutter. Ich sah einfach keine Zukunft. Am liebsten wäre ich nach Norwegen gegangen. Unter den jungen Leuten erzählte man sich: Skandinavien sei besser als Frankreich oder Deutschland, dort gebe es Öl und somit Arbeit. Oder nach Kanada. Ich dachte, dort seien die Gesetze nicht so streng, man könne auch ohne Visum einreisen und arbeiten. Was nicht stimmt, leider. * Im Glossar auf Seite 17 finden Sie Hintergründe zur psychischen Gesundheit von Asylsuchenden und weiteren Themen. Im Text sind alle Begriffe aus dem Glossar fett markiert. 10

Ich beantragte mehrmals ein Visum für Frankreich, andere Leute bekamen eines, sie hatten Familie dort, bei der sie wohnen konnten. Ich nicht. Und so ging ich 2008 nach Spanien und schlug mich ein paar Monate lang durch, schlief draussen, lernte andere Sans-Papiers kennen. Ein Schulfreund meines Bruders lebte in Therwil und sagte: In der Schweiz, da sei es besser. Mit einem anderen Freund meines Bruders, der heute in Frankreich lebt, kamen wir mit dem Auto beim Badischen Bahnhof an. Ich bin zwar nicht in Basel geboren und aufgewachsen, aber ich liebe diese Stadt. Der Rhein, um zu schwimmen. Die Nähe zu Deutschland und Frankreich. Der FC Basel. Tennis, Roger Federer. Das Münster und die Architektur. Ich habe hier viele gute Dinge erlebt. In Ausschaffungshaft: «Es war ein Schock» Ich stellte ein Asylgesuch. Erst mit der Zeit verstand ich, dass ich mit Herkunft Algerien kaum Chancen auf Asyl habe. Als ich im Mai 2009 den Brief vom Migrationsamt erhielt, ging ich nach Frenkendorf. Dort sagte mir ein Herr Meier: ‹Herr Mansouri, Sie müssen die Schweiz verlassen.› ( Wegweisung) Dann kam die Polizei. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mit der Polizei zu tun – und sie steckte mich in den Knast. Bässlergut, für 16 Monate. Ausschaffungshaft. Es war ein Schock. Ich weigerte mich, nach Algerien zurückzukehren. Wäre ich zum Beispiel aus Tunesien, hätte mich die Schweiz mit einem Sonderflug auch gegen meinen Willen ausschaffen können. Bei Algerien ging das nicht. Denn Algerien nahm Menschen nicht zurück, die nicht zurückkommen wollen ( Rückübernahmeabkommen). Ich realisierte, dass die einzige Lösung für ein besseres Leben für mich wäre: zu heiraten. Im September 2010 kam ich raus. Ich lernte eine Algerierin kennen, die in Frankreich lebt, und zog zu ihr. Ich hätte sie gerne geheiratet, doch es klappte nicht, und wir beendeten die Beziehung. So ist das Leben. Zurück in Basel verkaufte ich, um zu überleben, Brillen und Parfüms, direkt auf der Strasse oder online auf Facebook. Ich lernte einen Schweizer kennen – verheiratet, vier Kinder – und konnte zwischendurch gratis bei ihm auf dem Sofa schlafen, das ist viel besser als draussen ( Obdachlosigkeit). Er ist ein sehr guter Mensch. Surprise 635/26


«Früher drohtei mir bei eineri Kontrolle Knast. Heute drohti mir diei Ausschaffung.» KHADIR MANSOURI Geboren: 1981 in Heumis, Algerien Nationalität: Algerien Muttersprache: Arabisch In der Schweiz seit: 2008 Aufenthaltsstatus: Sans-Papiers Wohnt: in Basel, auf Sofas von Kollegen Motto: Kommt schon gut Hobbys: Fitness, Joggen, Fussball Mag: ein gutes Gespräch Mag nicht: Wenn Menschen nicht authentisch sind, Krieg Liebste Musik: Michael Jackson, Johnny Hallyday, Raï (algerischer Musikstil) Als Politiker würde er: weltweit alle Konflikte stoppen Grösster Wunsch: ruhig leben können, eine Weltreise (u.a. nach Tokio) Surprise 635/26

2015 wurde ich am Dreispitz von der Polizei kontrolliert. Ich konnte mich nicht ausweisen, ich war Sans-Papiers, und so schickte sie mich erneut in den Knast ( Ausschaffungshaft, Illegaler Aufenthalt). Für sieben Monate. Danach war klar: So konnte es nicht weitergehen. Von jemandem, der in Ungarn lebt, hörte ich, dass Heiraten dort weniger kompliziert sei. In Budapest lief erst alles gut, ich lernte sogar eine Frau kennen. Aber dann, als ich die Metro nahm, kontrollierte mich die Polizei. Der Polizist sagte, ich hätte zwei Möglichkeiten. Entweder bekäme ich eine Anzeige, damit drohten mir ein bis drei Jahre Gefängnis. Oder – weil ich freundlich sei und ein ruhiger Mensch – ich könne ein Papier unterschreiben und nach Serbien ausreisen. ‹Ok, Chef, machen wir die zweite Variante›, sagte ich. Sie fuhren mich zur Grenze mitten im Nirgendwo – eine EU-Aussengrenze –, und ich unterschrieb, dass ich die nächsten sechs Monate nicht einreisen würde.

Zu Fuss nach Kroatien Ohne zu wissen, wo ich genau war, verbrachte ich die Nacht dort draussen, alles war leer und dunkel. Am nächsten Tag wanderte ich stundenlang, bis ich ein kleines Dorf fand. Von da nahm ich den Bus nach Novi Sad und dann nach Belgrad. Langsam konnte ich mich orientieren und verstand, was gerade passiert war. Da wollte ich zurück nach Basel. Wo sonst hätte ich hinsollen? Immerhin kenne ich hier Leute, kenne das System ein wenig. Ich bin ein sozialer Mensch, Freundschaften sind mir wichtig. Mit ein paar anderen machte ich mich zu Fuss auf den Weg Richtung Kroatien, zwei Tage und zwei Nächte waren wir unterwegs. Dann geriet ich in Kroatien in eine Kontrolle und kam in den Knast. Das Gleiche in Slowenien. Nach 97 bzw. 67 Tagen wurde ich wieder freigelassen, warum genau, keine Ahnung, ich kenne die Gesetze dort nicht. Anschliessend in Italien war es eine Katastrophe. Ich schlief in einem verlassenen Haus in Milano, es gab keinen Strom, kein Wasser, nichts. Ich wusste, dass es an der Grenze zur Schweiz viele Kontrollen gab. Doch in Milano wollte ich nicht bleiben, dort kannte ich nichts und niemanden. Ich ging das Risiko ein, und schon in Chiasso kontrollierte mich die Grenzwache im Zug. Erneut Knast. In Muttenz, 100 Tage. Zusammengezählt verbrachte ich über zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Als ich rauskam, lernte ich beim Fussball spielen eine Frau kennen, im März 2018. Ich war hoffnungsvoll, dachte: Nun beginnt das neue Leben. Ich war oft bei ihr daheim im Quartier Gundeli. Wenn wir einen Konflikt hatten, blieb ich aber lieber im Asylheim in Ettingen. Ich hatte nach meiner Rückkehr ein zweites Asylgesuch gestellt, auch dieses wurde abgelehnt. Meist war ich nur zum Schlafen dort, die Tage verbrachte ich in Basel. Ich versuchte, mir eine Struktur zu geben, der Langeweile zu entfliehen. Die Situation war noch immer gleich: Weil ich nicht von mir aus zurückkehrte, konnte ich nicht ausgeschafft werden und lebte von Nothilfe. 11


2020 reichte ich mit einem Anwalt – ich habe noch heute Schulden deswegen – ein Härtefallgesuch ein. Wir haben gekämpft, haben aufgezeigt, dass ich ein stabiles soziales Netz habe, aber das Härtefallgesuch wurde abgelehnt. 2022 reichte ich erneut eines ein, dann nochmals eines. Die Begründung vom Staatssekretariat für Migration war: Von 2012 bis 2015 war ich Sans-Papiers, daher sei ich nicht genug integriert. Was hätte ich noch mehr machen können? Was bedeutet Integration überhaupt? Ich besuchte Deutschkurse. Während Corona machte ich bei einem Beschäftigungsprogramm mit und putzte drei Mal pro Woche in Therwil und Ettingen. Später machte ich als Freiwilliger in einem Altersheim Spaziergänge mit den Bewohner*innen. Die Frau, die ich auf dem Fussballplatz kennengelernt hatte, und ich, wollten heiraten. Wir bereiteten alle Papiere vor, machten die ganze Prozedur, waren schon beim Zivilstandsamt. Doch auf einmal wollte sie nicht mehr. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie sich das anfühlt – ich kann ziemlich viel Schmerz ertragen. Wir hatten eine toxische Beziehung, waren wie Katz und Maus, sehr anstrengend. Unsere Liebe war nicht immer so, wie ich sie mir wünschte. Seit wir die Beziehung beendet haben, ist für mich das Thema Heirat abgeschlossen. Über Nacht auf Sofas von Kollegen oder auf der Strasse Hätte ich in Algerien ein Haus, würde ich wohl zurückkehren. Mein Bruder, der mit einem alten Auto Taxi fährt, lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in einer kleinen Wohnung, meine Mutter lebt auch da. Es gibt keinen Platz für mich. Es ist, als gäbe es nirgendwo einen Platz für mich, nicht in der Schweiz und auch sonst nirgends. Neben meiner Familie kenne ich kaum noch Leute in Algerien. Die Kinder meiner Geschwister sind bald erwachsene Frauen und Männer. Ich war 27, als ich in die Schweiz kam. Jetzt bin ich 45. Ginge ich etwa nach Deutschland und käme in eine Kontrolle, würden sie mich wieder in die Schweiz schicken. Wegen meines Fingerabdrucks, der in der Dublin-Datenbank gespeichert ist. Ich hätte nur Zeit verloren. Ich bin nicht mehr so jung. Im Frühling 2025 wurde ich erneut aufgefordert, nach Algerien zurückzukehren. 2023 hatte es zum ersten Mal überhaupt Sonderflüge nach Algerien gegeben, damit können Menschen auch gegen ihren Willen ausgeschafft werden. Wenn sie Leute ausschaffen, die sich nicht an die Regeln halten, die kriminell werden – okay. Aber Leute, die sich einfach ein gutes Leben wünschen und Arbeit finden wollen? Die könnten doch hierbleiben? Im Sommer letztes Jahr suchte die Polizei mich, bei meiner Ex-Partnerin und auch im Asylheim. Seither bin ich nicht mehr ins Asylheim zurückgekehrt. Ich habe keine Nothilfe und damit auch keine Krankenkasse mehr. Sollte ich krank werden, keine Ahnung, wie das dann geht. Ich würde nicht ins Spital gehen. Früher drohte mir bei einer Kontrolle Knast, heute droht mir die Ausschaffung. Wenn ich Leute in Uniform sehe, fühlt es sich an wie ein Erdbeben. Ich gehe weiter und hoffe: Bitte kontrolliert mich nicht! Es ist belastend, immer auf der Hut zu sein: Wo könnte es eine Kontrolle geben? Wie kann ich 12

sie umgehen? Ich gehe in keine Quartiere, wo viel Polizei sein könnte. Ich gehe in keine Bars, keine Discos. Ich übernachte auf den Sofas von Kollegen oder auf der Strasse. Ich bin zwei Tage hier, dann zwei Tage da. Einmal konnte ich für drei Wochen bei einem Kollegen sein, der in den Ferien war. Früher, wenn ich müde war, ging ich in mein Zimmer im Asylheim und las ein Buch. Oder duschte. Es war nicht besonders gut und doch mehr als jetzt. Gestern Abend bin ich mit leerem Magen ins Bett gegangen. In die Gassenküche zu gehen, käme nicht in Frage. Ich schäme mich. Es ist nicht gut, Schwäche zu zeigen. Ein Cousin lebt auch in Basel, er hat eine Aufenthaltsbewilligung. Voilà, so ist das Leben. Seine Frau und er unterstützen mich täglich. Ich verbringe auch viel Zeit mit ihren beiden Kindern, wir machen viele Spässe. Die Familie öffnet mir ihre Türe und sagt mir: ‹Du bist immer willkommen, du kannst bei uns duschen, etwas essen, du kannst hier chillen.› Auch die Sozialarbeiterin von der Psychiatrie ist sehr wichtig für mich, Frau Rossi, sie steht mir zur Seite und sucht immer wieder nach Lösungen. Ich könnte als Chauffeur arbeiten, auch die Ausbildung zum Sozialarbeiter hätte mich interessiert. Doch wer gibt mir schon einen Job? Es kommt nur Schwarzarbeit infrage. So verdiene ich mal 50, maximal 200 Franken. Damit ist noch keine Miete gezahlt. Manchmal mache ich kleinere Jobs, bei Umzügen helfen, bei einem privaten Umbau, solche Dinge. Es ist, als würde ich in einem grossen, offenen Gefängnis leben. Die Schweiz ist schön, aber für mich ist die Türe zu.»

«Es ist, alsi gäbe esi nirgendwoi einen Platzi für mich.»


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Ein System, das Menschen isoliert Kazım Alabalık (Name geändert) flüchtete aus politischen Gründen aus der Türkei. Heute lebt der über 60-Jährige in einem Rückkehrzentrum im Kanton Bern und wehrt sich gegen die drohende Ausschaffung. Wie in der Schweiz mit Asylsuchenden umgegangen wird, hat sein Europabild verändert. TEXT KAZIM ALABALIK

Menschen wie ich verlassen ihre Heimat – den Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen sind, wo sie ihr festes Leben, ihre Angehörigen und ihr Land haben – nicht freiwillig. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wie der in Haft sitzende ehemalige Co-Vorsitzende der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), Selahattin Demirtaş, einmal sehr treffend sagte: «Einen Menschen, dessen Geschichte man nicht kennt, kann man nicht verstehen, und wen man nicht versteht, den kann man nicht lieben.» Deswegen möchte ich meine Geschichte erzählen. Migration ist für mich nichts Neues. Als ich sechs Jahre alt war, zog meine Familie aus wirtschaftlichen Gründen von meinem Geburtsdorf in Erzurum in einen anderen Bezirk. Meine Familie gehört zur alevitisch-kurdischen Minderheit in der Türkei, unsere Muttersprache ist Kurdisch. Anders als zuhause wurde in dem neuen Dorf ausschliesslich Türkisch gesprochen. Das Sprechen und Erlernen des Kurdischen war damals in der Türkei offiziell verboten. In unserem alten Dorf in den Bergen, wo alle Kurdisch gesprochen hatten, hatte der Staat dieses Verbot nicht konsequent durchgesetzt. Am neuen Ort aber wurde uns die türkische Sprache von den Lehrer*innen mit Schlägen eingebläut, die türkischsprachigen Mitschüler*innen grenzten uns aus. 13 Jahre in Haft in der Türkei Das zweite Mal migrierte ich im Alter von 16 Jahren. Just nachdem ich mich gerade an das Dorf und das Türkische gewöhnt hatte, musste ich nach Istanbul ziehen, um mehr zum Familienunterhalt beitragen zu können. Ich komme aus einer politisch aktiven Familie, auch ich engagierte mich früh. Im Jahr 1992 wurde ich aufgrund meiner Identität als revolutionärer Sozialist verhaftet und 13 Jahre lang in Haft gehalten. Wie gewaltvoll der Staat damals mit uns revolutionär-sozialistischen, patriotischen Gefangenen zwischen 1992 und 2000 umging, ist gut dokumentiert. Surprise 635/26

Ich habe unter anderem die Operation «Rückkehr zum Leben» überlebt, die am 19. Dezember 2000 gewaltsam unseren Fastenwiderstand gegen die Isolationshaft und die untragbaren Haftbedingungen «beendete». Wie viele Menschen der Staat damals getötet und gefoltert hat! Ich wurde 2005 entlassen. Für Menschen, die ihr Leben in Freiheit verbracht haben, ist es schwer vorzustellen, wie das ist: Erst 13 Jahre lang vom eigentlichen Leben abgeschnitten zu sein, um dann auf einmal unvorbereitet aus der Eintönigkeit und Brutalität des Gefängnisalltags herauszutreten. Es gab unter den politischen Inhaftierten eine eigene Art Leben in den Gefängnissen, es war zwar ein stetiger Kampf mit dem Staat und seinen Angestellten, aber wir lasen auch viel, eine Zeitlang gab es sogar eine Bibliothek. Draussen aber herrscht um dich herum plötzlich die ganze Komplexität des Lebens, wo wieder Widersprüche existieren und der zuvor in Gefangenschaft scheinbar klare Unterschied zwischen Gut und Böse verschwindet – ich musste quasi neu anfangen. Ich fühlte mich wie mitten im Meer ausgesetzt. Oder, um einen anderen, positiveren Vergleich zu wählen, wie in den «Flitterwochen»: Es gibt eine gewisse Euphorie. Man sieht die Familie wieder, trifft Freunde und reist an vertraute Orte, das fühlt sich alles sehr intensiv und besonders an. Sind das Interesse und der Nachholbedarf der ersten Woche oder zehn Tage einmal vorbei, muss man jedoch ganz allein seinen Weg finden. Manche meiner Mitentlassenen entschieden sich damals, «unterwegs zu verschwinden», sich aus der Bewegung zurückzuziehen. Meine Überzeugungen und Werte aber hatte das Gefängnis nicht ändern können, im Gegenteil. Ich setzte mein politisches Engagement fort. Der stetige politische Druck, die Gewalt, die Einschüchterungs- und Unterwerfungsversuche des Staates beeinflussten jeden Aspekt meines Lebens. Eines Nachts wurde ich auf dem 13


Weg zu Fuss nach Hause festgenommen. Die Polizisten bezeichneten sich selbst als «Terrorismusbekämpfer». Sie zwangen mich zu einem Geständnis. Ich war damals für die pro-kurdische Oppositionspartei HDP aktiv. Man wollte von mir Beweise für eine Zusammenarbeit der HDP mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK bekommen. Da sie auch wussten, dass ich Mitglied der ebenfalls verbotenen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei MLKP war, wurde mein Handlungsspielraum schlagartig sehr klein. Also reiste ich ins Ausland, um für eine Weile unterzutauchen. Zwar gelang mir getarnt als Geschäftsreisender die Ausreise, doch die türkische Polizei belästigte stattdessen meine kranke Mutter und meine Schwester, um über sie Druck auf mich auszuüben. Da wurde mir klar, dass ich nicht mehr in die Türkei zurückkehren konnte, ohne erneut verhaftet zu werden. Also stellte ich Ende 2021 einen Antrag auf politisches Asyl bei der Schweizer Migrationsbehörde. Sozial isoliert, psychisch erkrankt Im Türkischen gibt es eine Redewendung: «Aus der Ferne klingt die Trommel schön.» Schon als ich zum ersten Mal die Asylunterkunft betrat, wurde mir klar, dass mich keine einfache Zeit erwartete. Aber was soll’s, dachte ich mir, wann war das Leben denn jemals einfach gewesen, warum sollte es jetzt einfach sein? Hätte mich da jemand gefragt: «Wie fühlt es sich an, ein Flüchtling zu sein?», hätte ich geantwortet: «Es gibt kein schlimmeres Gefühl im Leben als das, etwas tun zu müssen, das einem aufgezwungen wird.» Noch bevor ich die psychischen Folgen meiner Gefängnisjahre verarbeitet hatte, kamen nun neue Belastungen durch das Schweizer «Lagersystem» hinzu. Mein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Ich war noch nie in psychologischer Behandlung gewesen. Doch nun kamen mir plötzlich am helllichten Tag schmerzhafte Erinnerungen hoch, ich verlor das Gleichgewichtsgefühl, hatte mit Schwindel zu kämpfen. ( Psychische Gesundheit) Über das SRK bekam ich psychologische Hilfe, manchmal mit Übersetzung, das half etwas. Doch die soziale Isolation verschlimmerte alles. Damals begann ich zu schreiben. Das war ein gutes Ventil. Über biografische Notizen, Gedichte und Kurzgeschichten versuchte ich mich auszudrücken. Anfangs fiel es mir etwas schwer, auf diese Weise mit mir selbst zu sprechen, aber mit der Zeit merkte ich, dass ich etwas Neues schuf, also machte ich weiter. Als sich etliche Gedichte angesammelt hatten, veröffentlichte ich mit der Hilfe von Freunden und Familie einen ersten Gedichtband. 2022 wurde mein Asylantrag abgelehnt. Davor hatten mich die Menschen in meinem Umfeld mit mehr Erfahrung schon gewarnt: «Das ist ein natürlicher Prozess, jeder bekommt zunächst eine Ablehnung.» Ich erlebte die Anhörungen dazu wie folgt: Die Sachbearbeiter*innen der Ausländerbehörde, die die Aufenthaltsgenehmigungen erteilen, betrachteten mich, der ich ihnen gegenüberstand, als reine Arbeitsaufgabe und übernahmen keinerlei Verantwortung. Dass Asylsuchende wie ich bereits unzählige Schwierigkeiten und Qualen durchgemacht hatten, bevor wir hierherkamen, dass wir vor Krieg, Folter und Gefängnis geflohen waren, all das war ihnen egal. Es gab keine Präzedenzfälle, keine Regeln und keine Parallelen. Das Einzige, was sie wollten, war: «Überzeuge uns mit deiner Geschichte.» 14

Ein Freund hatte mich bereits vorgewarnt: «Egal, wie perfekt deine Geschichte auch sein mag, du kannst dir noch so sehr Mühe geben, alles hängt davon ab, wie der SEM-Mitarbeiter, der an diesem Tag deine Aussage aufnimmt, zu Hause mit seiner Frau und seinen Kindern lebt und wie er gerade drauf ist. Ist er glücklich, betrachtet er die Akte positiv; ist er unglücklich, betrachtet er sie negativ.» Genauso hab ich das auch empfunden. Die Begründung meiner ersten Ablehnung lautete paraphrasiert: In meiner Aussage hätte ich gesagt, dass ich von meiner «beruflichen Auslandsreise» aus meine Schwester angerufen und nach dem Stand der Dinge gefragt hätte, woraufhin meine Schwester gesagt habe: «Die Polizei war hier und hat nach dir gefragt.» Der SEM-Mitarbeiter hielt dies für unglaubwürdig und kommentierte: «Wenn die Polizei nach dir gefragt hat, warum hat deine Schwester dich dann nicht sofort von sich aus angerufen und dir das gesagt?» Er machte diese «Unstimmigkeit» in meiner Geschichte zum Grund für die Ablehnung. Und das, obwohl die Aussage des Angeklagten nach internationalem Recht als wahr angesehen werden muss, sofern nicht das Gegenteil bewiesen ist. Gegen den Entscheid legte mein Anwalt Rekurs ein. Die zweite Ablehnung erhielt ich im Mai 2025. In der Zwischenzeit hatte ich wegen meiner andauernden psychologischen Probleme eine eigene Wohnung ausserhalb des Asylzentrums zugestanden bekommen, etwa anderthalb Jahre lang lebte ich dort. Als nun die zweite Ablehnung eintraf, wurde mir mit dieser auch eine Ausreiseverfügung erteilt. Und das, obwohl in der Zwischenzeit in der Türkei zwei neue Verfahren gegen mich angestrengt worden waren, deren Anklageschriften auch den Schweizer Behörden vorliegen. Da die Rechtsmittel in der Schweiz ausgeschöpft waren, wandte sich mein Anwalt mit dem Fall irgendwie an die UNO. Diese nahm den Fall zur Prüfung in der Sache an. Der Staat macht Weggewiesenen das Leben zur Hölle Nun begann für mich ein noch schwierigeres Leben. Zwar führte der Einbezug der UNO zu einer Aussetzung der Ausreiseverfügung, jedoch entzog mir der Schweizer Staat alle sozialen Rechte. Er warf mich aus meiner Wohnung und schickte mich in eines der «Rückkehrzentren», was ein beschönigendes Wort ist für «Ausschaffungslager». Dort werden Personen, deren Anträge vom Schweizer Staat abgelehnt wurden, unter Überwachung gehalten, damit sie nicht fliehen oder untertauchen, bevor sie ausgeschafft werden können. ( Ausschaffungshaft) Es funktioniert im Grunde genommen wie ein offenes Gefängnis. Teilweise haben die kantonalen Migrationsämter die operative Verantwortung für diese Lager vollständig abgegeben, indem sie den Betrieb an private Sicherheitsfirmen wie die ORS Service AG auslagern. Die administrative Verantwortung liegt zwar weiterhin bei den kantonalen Migrationsbehörden. In der Praxis verhalten sich jedoch alle Seiten so, als gäbe es keine Ansprechpartner*innen. Die Lagerleitung wimmelt alle Anfragen mit dem Hinweis ab: «Ihre Ansprechpartnerin ist die Migrationsbehörde.» Und das Migrationsamt stellt sich im wahrsten Sinne des Wortes blind und taub und kümmert sich nicht. Die inoffizielle politische Praxis des Staates ist ohnehin, den Menschen, gegen die ein Ausschaffungsentscheid gefallen ist, das Leben möglichst schwer zu machen. Man nimmt ihnen die Menschenwürde und lässt ihre Lage ausweglos erscheinen. Alle Verbindungen zur Gesellschaft, alle sozialen Beziehungen sollen geSurprise 635/26


kappt und ihr Leben zur isolierten Hölle werden. Damit sie eingeschüchtert und ihre Hoffnungen zerstört werden, damit sie von der Ausreise überzeugt werden. Dabei steht im Gesetz: «… das Recht auf Asyl wird Personen gewährt, die in ihrem eigenen Land aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen Überzeugung ernsthafter Verfolgung ausgesetzt sind oder der Gefahr einer solchen Verfolgung ausgesetzt sind.» In Wirklichkeit jedoch werden in den Ausschaffungszentren Menschen aller «Rassen», Hautfarben und Nationalitäten zusammengetrieben und mit allen sichtbaren und unsichtbaren Mitteln unter Druck gesetzt, damit sie die Schweiz wieder verlassen. Bestrafung als einzige Führungsmethode Als wir damals im Gefängnis dem Druck der Wärter ausgesetzt waren, versuchten wir dagegen zu halten, indem wir sagten: «Die Wärter sind letztlich Arbeiter, sie führen nur Befehle aus, und es macht keinen Sinn, ihnen Vorwürfe zu machen.» Wir versuchten sogar, sie zu schützen. Ähnlich ist es in der Schweiz in den Asylunterkünften. Den gewöhnlichen Mitarbeitenden mache ich keinen Vorwurf. Dafür aber allen, die in der Verwaltung und Leitung dieser Anstalten arbeiten. Sie sind selbst Migrant*innen. Sie haben weder Ahnung von Psychologie noch die Absicht, Probleme zu lösen. Und weil man nicht einmal über eine gemeinsame Sprache verfügt, basiert der Führungsstil der Verwaltung einzig auf Bestrafung. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Als wir ins Lager kamen, erklärte man uns die Regeln. Die Reinigung des Lagers obliegt uns abgewiesenen Asylsuchenden, es gibt einen Reinigungsplan. Wer an einem Tag seiner Verantwortung nicht nachkommt, kassiert eine Woche Mehrputzen. Streitet oder prügelt sich jemand mit einem Mitarbeitenden, wird der Person für bestimmte Zeit der Zutritt zum Lager verwehrt. Je nach Art des Streits oder der Schlägerei beträgt das Verbot mal einen Monat, mal zwei Monate. Fragt diese Person dann: «Und wo soll ich übernachten?», dann heisst es: «Das geht mich nichts an, du sollst dich nicht widersetzen.» Auch wer an drei Tagen in der Woche zwischen 8:30 und 10 Uhr die Anwesenheitsliste nicht unterschreibt, verliert den Zugang zum Lager. Uns Menschen, gegen die eine Ausweisungsverfügung vorliegt, ist es zudem verboten, zu arbeiten. Deshalb sind wir gezwungen, in einem der teuersten Länder Europas mit 10 Franken pro Tag auszukommen ( Nothilfe). Über allem schwebt zudem ebenfalls die ständige Drohung: Wenn du das Nothilfegeld auch nur ein einziges Mal nicht abholst, verfällt dein Anspruch und du kannst nie wieder Nothilfe beziehen. Ob diese Strafen eine rechtliche Grundlage haben, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Aber von einem Land, das so viel Wert auf Menschenrechte und Freiheiten legt, hätte ich so etwas nicht erwartet – auch nicht als Geflüchteter. Soweit ich es beurteilen kann, gibt es nur eine Wahrheit: Ob es sich nun um ein Land der Zweiten oder Dritten Welt oder um ein hochentwickeltes kapiSurprise 635/26

«Der Staati sollte unseri Leben nichti in ein Gefängnisi verwandeln.» KAZIM ALABALIK Geboren: 1964 in einem Dorf bei Erzurum, Türkei Nationalität: Türkei Muttersprache: Kurdisch In der Schweiz seit: 2021 Aufenthaltsstatus: im Asylverfahren, vorläufig aufgehobene Ausreiseverfügung Wohnt: im Rückkehrzentrum Konolfingen Philosophie: dialektischer Materialismus Hobbys: Geschichten und Gedichte schreiben Mag: spazieren gehen, reisen, Menschen beobachten Liebste Musik: kurdische und türkische Folklore, Pop und Klassik Als Politiker würde er: die Besetzungen und Kriege auf der Welt beenden und jedem Menschen das Recht auf Unterkunft, Nahrung und freie Meinungsäusserung sichern. Grösster Wunsch: Ein menschenwürdiges Leben führen, wie es jedem zusteht.

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talistisches Land handelt, das von sich behauptet, der Welt Demokratie und Freiheit zu bringen – es gilt immer dieselbe Logik: Erziehung und Unterwerfung der Menschen durch Strafe. Diese Führungsmethode ist (offenbar) die einzige und alternativlose Realität unseres Zeitalters. Widerstand ist immer so legitim wie die angedrohte Strafe. Mir kommt dabei sowohl die Unternehmenspolitik der Betreiber*innen als auch die willkürliche Umsetzung durch die Mitarbeiter*innen vor Ort, nicht selten selbst mit Migrationshintergrund, in den Sinn. Es besteht immer für alle die Option, einfach nicht mehr mitzumachen. Auch und besonders in Fällen wie der Ausschaffung der Asylsuchenden Bahar Yalçınkaya und ihrer zwei Töchter Anfang August in die Türkei. Die Kurdin wurde sofort bei Ankunft am Flughafen Istanbul inhaftiert, ihre ältere Tochter von ihr getrennt, das Baby mit ihr ins Frauengefängnis Bakirköy gebracht. Der Schweizer Staat hat Bahar Yalçınkaya vor den Augen ihrer Tochter in Handschellen gelegt und unter Anwendung von Gewalt abgeschoben. Und das, obwohl ihr Anwalt darauf hingewiesen hatte, dass in der Türkei das Risiko einer Inhaftierung bestehe. Es gibt ein Recht auf ein Leben in Würde Geflüchtete haben keine Lobby, sie sind oft ganz auf sich allein gestellt und leiden unter berechtigten Ängsten und Sorgen, die sie davon abhalten, sich zu wehren. Weil Staaten wie die Schweiz um die Schutzlosigkeit der Geflüchteten wissen, massen sie sich jede Art von Unterdrückung an. Das Schweizer Flüchtlingsrecht stützt sich auf die Bundesverfassung, die Genfer Flüchtlingskonvention und das nationale Asylgesetz. Asylsuchende wie ich, die hierzulande Schutz suchen, erwarten von der Schweiz, dass sie sich an ihre eigenen Gesetze und die unterzeichneten internationalen Abkommen hält und allen Menschen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben gewährt. Auch in den Rückkehrzentren sollte den Menschen nicht der Zugang zu ihrem Recht auf ein Leben in Würde und auf soziale Zugehörigkeit entzogen werden. Der Staat sollte unser Leben nicht in ein Gefängnis verwandeln. Auch wenn oder gerade weil wir geflüchtet sind, möchten wir hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und leben, ohne die Lebensfreude zu verlieren. Wie gern würde ich in der Schweiz frei denken, leben und arbeiten und mit meinen Gedichten und Erzählungen einen Beitrag zur Kunst, Literatur und Kultur dieses Landes leisten.

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Glossar Ausschaffungshaft: Eine solche kann die Vollzugsbehörde gemäss Ausländer*innengesetz (AuG) anordnen, wenn eine weggewiesene Person die Ausreisefrist ungenutzt verstreichen lässt. Eine Person darf maximal sechs Monate in Ausschaffungshaft sein. Härtefall: Abgewiesene Asyl-

suchen­de können unter gewissen Voraussetzungen eine Härte­ fallbewilligung (B-Bewilligung) beantragen. Ein langer Aufenthalt in der Schweiz allein reicht nicht aus, um eine Bewilligung zu erhalten. Weitere Voraussetzungen sind etwa die sprachliche und soziale Inte-

«Es bestehti immer für allei die Option, einfach nichti mehr mitzumachen.»


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gration, die finanzielle Selbständigkeit und der Wille zur Teilnahme am Wirtschaftsleben. Illegaler Aufenthalt: Gemäss

Ausländer*innen- und Integrationsgesetz (AIG) ist es strafbar, sich illegal in der Schweiz aufzuhalten. Abgewiesene Asylsuchende werden daher oft wiederholt wegen illegalen Aufenthalts verurteilt. Hat eine Person die Strafe verbüsst (nach maximal zwölf Monaten), wird sie wieder freigelassen. Die wenigsten verlassen danach die Schweiz, mit ihrer weiter­ dauernden Anwesenheit machen sie sich erneut des illegalen Aufenthaltes schuldig. Diese Form der Freiheitsstrafe wird gemäss Moreno Casasola von der Freiplatzaktion Basel häufig mit Ausschaffungshaft kombiniert. Für Betroffene ist es oft schwierig nachzuvollziehen, welche Art von Haft sie antreten müssen. Nothilfe: Bis zur Ausreise aus

der Schweiz haben abgewiesene Asylsuchende ein von der Bundesverfassung garantiertes Recht auf Nothilfe. Dieses umfasst einen Minimalanspruch

auf Nahrung, Kleidung und Unterkunft sowie eine obligatorische Krankenversicherung. Die Höhe der Nothilfe variiert je nach Kanton, von 8 Franken (z.B. Aargau) bis gut 12 Franken pro Tag (Basel-Stadt). Bei weitem nicht alle Nothilfeberechtigten beziehen sie auch, wie das «Monitoring Sozialhilfestopp» des Bundes zeigt. Obdachlosigkeit: Von den Men-

schen, die in der Schweiz keine Wohnung haben, sind 61 Prozent Sans-Papiers, dies zeigte eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz 2022. Insgesamt haben über 80 Prozent der obdachlosen Menschen eine ausländische Nationalität – was zeigt, wie eng Wohnungs­ losigkeit mit Migration und Aufenthaltsrecht verknüpft ist. Rückübernahmeabkommen:

Zwischen der Schweiz und Algerien besteht seit 2007 ein Rückübernahmeabkommen, das aber limitiert ist. So dürfen Ausschaffungen nach Algerien nur auf Linienflügen erfolgen, was voraussetzt, dass sich die Betroffenen nicht wehren.

Lange Zeit war die Zusammenarbeit mit den alge­rischen Behörden schwierig. In den letzten Jahren hat die Schweiz die Gespräche mit Algerien intensiviert und auf diese Weise erreicht, dass Ausschaffungen nach Algerien inzwischen einfacher sind. 2022 verzeichnete das SEM 351 selbständige und 111 zwangsweise Rückführungen, so viele wie noch nie. Seit 2023 lässt die algerische Regierung auch Sonderflüge zu, auf solchen können Menschen auch gegen ihren Willen ausgeschafft werden. Deshalb sind die Zahlen nochmals gestiegen: Von 2024 bis Ende Juli 2026 organisierte die Schweiz 765 selbständige und 488 zwangsweise Rückführungen nach Algerien. Sans-Papiers: Wurde ein Antrag

auf Asyl oder auf eine Aufenthaltsbewilligung abgelehnt, lief eine Aufenthaltsbewilligung aus oder wurde entzogen, oder wurde nach der Einreise kein entsprechender Antrag gestellt, handelt es sich um Menschen, die ohne legalen Aufenthaltsstatus in der Schweiz leben.

Psychische Gesundheit: Unter

geflüchteten und asylsuchenden Personen sind posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD) sowie Depressionen deutlich verbreiteter als in der Gesamtbevölkerung. Dies zeigt eine Metaanalyse aus dem Jahr 2020, die Studien aus 15 Ländern untersucht hat, darunter solche aus der Schweiz. Wegweisung: Ist die asylsu-

chende Person in ihrem Herkunftsland «nicht in asylrelevanter Weise verfolgt und bestehen keine Gründe dagegen», ordnet das Staatssekretariat für Migration (SEM) die Wegweisung an. Die Behörde setzt eine Frist, innerhalb derer die Person die Schweiz verlassen muss. Abgewiesene Asylsuchende erhalten normalerweise kein Ausweispapier. In einigen Kantonen können sie den N-Ausweis (Asylsuchende) behalten oder aber sie erhalten ein provisorisches Ausweispapier. Für die fehlende Möglichkeit, sich auszuweisen, können die Betroffenen in der Folge von der Polizei gebüsst werden ( Illegaler Aufenthalt).

Zahlen zum Schweizer Asylwesen Aufgrund der diversen Rechts­ lagen, in denen sich Menschen befinden, die ein Recht auf Nothilfe haben (Dublin-Verfah­ ren, beschleunigtes Verfahren, erweitertes Verfahren, altrechtli­ che Fälle mit Gesuchen vor März 2019), sowie deren Beweglichkeit, ist eine Gesamt­ zahl der Nothilfebeziehenden für 2025 kaum zu ermitteln. Eine grosse Zahl der Menschen scheidet «auf unbekannte Weise» aus dem System aus – so wie Khadir Mansouri. Nur bei denen, die nach einem sogenannten erweiterten Asylverfahren einen negativen Entscheid bekommen haben, bezieht die Mehrheit auch Nothilfe. Dazu gehört bspw. Kazım Alabalık.

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Antragsteller*innen stellten 2025 ein Asylgesuch. Fast zwei Drittel der 2025 in der Schweiz gestellten Asylgesuche stammten von afghanischen, eritreischen, türkischen, algerischen oder somalischen Staatsangehörigen.

Im Jahr 2025 wurde über 5495 Asylanträge von Menschen aus der Türkei entschieden: 1526 von ihnen erhielten Asyl, 117 erhielten eine vorläufige Aufnahme. Die Schutzquote von Menschen aus der Türkei (d.h. der Anteil der Asylgewährungen plus die vorläufigen Aufnahmen zum Total aller Entscheide) beträgt aktuell 31,9 %.

Verfahrensentscheide: 2025 erhielten 7382 Personen Asyl. Die Schutzquote (Asylgewährungen und vorläufige Aufnahmen aus erstinstanzli­ chem Entscheid) betrug 43,8 %.

Die Schutzquote von Menschen aus Algerien liegt zurzeit bei 1,3 %.

Im Jahr 2025 sind 7094 Personen in oder nach einem Asylverfahren selbständig und kontrolliert aus der Schweiz ausgereist.

Personen wurden entweder in ihren Heimatstaat oder einen Drittstaat zurückgeführt. Es wurden 46 Sonderflüge durchgeführt. Bei 10577 Personen wurde eine unkontrollierte Abreise registriert, d.h. der Aufenthalts­ ort der Personen ist den Behörden nicht mehr bekannt.

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Sarah Berger, die eigentlich anders heisst, wuchs in einer Gemeinde in der Nähe von Bern auf mit ein paar tausend Einwohner*innen, drei Kirchen und ein paar Beizen.

«Ich war unten, oben, wieder unten. Und jetzt ist gut so» Sozialer Abstieg Sarah Berger wurde früh in ihrem Leben aus der Bahn geworfen.

Das holte sie dann wieder ein, als sie es geschafft hatte: Aufstieg in den Mittelstand, Studium, Hochzeit, Kinder. Heute muss sie jeden Franken umdrehen. TEXT UND FOTOS KLAUS PETRUS

Würde Sarah Berger ihr Lebensmotto auf einen Zettel schreiben, stünde da vielleicht «Selbst ist die Frau» oder «Weniger ist mehr», und immer wäre ein Augenzwinkern dabei, ein rauchiges Lachen oder ein «Ich bin dankbar», in dem so viel liegt. Doch nichts davon steht auf dem Zettel, der vor uns auf dem Esstisch ausgebreitet ist. Stattdessen eine Liste mit: Miete, Versicherungen, Handy-Abo, Zigaretten, Tee, und vielem mehr. Es ist Dienstagnachmittag, Spätsommer, aus dem Fenster des Wohnzimmers ist ein Hügel zu sehen, mit einem Baum darauf. Sarah Berger, die eigentlich anders heisst, serviert kalten Minztee. Sie tippt mit dem Finger auf die Liste und sagt, als leite sie eine kleine Firma: «Das ist mein Einsparpotenzial.» Und später sagt sie: «Ich kenne das Leben, denn ich war mal unten, dann oben und wieder unten, und jetzt ist gut so.» Teil 1: Niemand kümmert das was Dieses Leben der Sarah Berger, geschieden, Mutter dreier Kinder und heute ein bisschen Hippie, lässt sich in vier Teilen erzäh18

len. Der erste beginnt 1971, dem Jahr ihrer Geburt. Aufgewachsen ist Sarah Berger in einer Gemeinde in der Nähe von Bern mit ein paar tausend Einwohner*innen, drei Kirchen und ein paar Beizen, das Dorf umgeben von prächtigen Auenlandschaften. Es lebt sich gemütlich und zufrieden hier. Bergers Kindheit war nicht rosig. Der Vater arbeitete auf dem Bau, er war jähzornig, da gab es schon mal eins mit dem Teppichklopfer. Die Mutter, sie war Verkäuferin, schützte sie nicht. Dafür bekam ihr Bruder alle Aufmerksamkeit; er war träge, unzuverlässig, wurde verhätschelt rund um die Uhr. Um sie aber kümmerte sich niemand. Berger gibt ein Beispiel: «Mein Bruder spielte in der Blasmusik. Ich machte Sport. Gab es ein Konzert, mussten wir alle hin. Hatte ich einen Match, kam keine Sau. Mit der Zeit habe ich mich damit abgefunden, nicht gesehen zu werden.» Sie war neun, als ihr Bruder, vier Jahre älter als sie, sich an ihr vergriff. Das ging Jahre so. Er machte das, als sei nichts dabei. Sie liess es geschehen, als wäre es das Normalste überhaupt. Und kamen doch Zwei-

fel hoch, ob er, der eigene Bruder, so was darf, war da niemand zum Reden. Überhaupt, wer hätte ihr geglaubt, wen hätte es gekümmert? So frass sie alles in sich hi­ nein. Viele Jahre später, da war Sarah Berger um die fünfzig und in Therapie, brach die Wut aus ihr heraus, die Scham und die verzweifelte Einsicht, dass der Bruder der lange Schatten war in ihrem Leben. So sagt sie es heute, bei sich in der Wohnung, ihrer Burg, die sie beschützt. Vor gut einem Jahr verstarben die Eltern in kurzem Abstand; bis zum Schluss war sie es, die als familiärer Beistand und Buchhalterin alles für sie regelte; einmal mehr hatte ihr Bruder die Verantwortung abgegeben. Als die Dankeskarten an die Trauergemeinde verschickt waren, wünschte sie ihm Glück und trennte sich endgültig von ihm – ihrem Bruder, der ihre Kindheit zerstört und ihr Verhältnis zur Sexualität auf Dauer beschädigt hatte. «Das Gute am Ganzen war», sagt Berger heute, «dass ich schon früh für mich selber sorgen und an meine Zukunft denken musste.» Surprise 635/26


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Und diese Zukunft malte sich Sarah Berger, der Teenager, so aus: Erst eine Ausbildung machen, am liebsten was Kreatives. Die Lehre als Schriftsetzerin bricht sie nach einem Jahr ab, stattdessen macht sie in Bern eine Ausbildung zur Fachfrau Hauswirtschaft. Teil 2: Oben bleiben ist anstrengend Das sei die beste Zeit ihres Lebens gewesen, wie sie sagt: Weg von zuhause, Stadtleben, Ausgang, coole Leute, ehrliche Gespräche, endlich wird sie wahrgenommen. Die Welt der Sarah Berger wird grösser und grösser, alles riecht nach Befreiung. Teil zwei und drei der Zukunftsplanung: Hochzeit, dann Kinder. Es werden deren drei sein, ihr erstes bekommt Berger mit Mitte zwanzig. Den Mann hat sie zwei Jahre davor geheiratet, ein Studierter, der auf alles eine Antwort hat. Was sie beeindruckt. («Er war so anders, mir ist das Herz aufgegangen.») Doch schon bald macht er sie klein, gibt ihr zu verstehen, dass sie nichts weiss, nichts kann, nichts ist. Vierzehn Jahre sind sie verheiratet, die letzten Ihre Wohnung nennt Sarah Berger ihre Burg, die sie beschützt. Hierhin flüchtete sie, als sie eines Tages zusammenbrach.

fünf sind kaum zum Aushalten. In dieser Zeit beginnt Berger in einem Grossbetrieb zu arbeiten, anfangs 20 Prozent als Mitarbeiterin, später, nach internen Weiterbildungen, wird sie Teamleiterin, ein 80-Prozent-Job. Da ist sie bereits geschieden und allein mit den Kindern. Von ihrem Ex kriegt sie für die Kinder gerade mal das Minimum. Sie selber muss sparen, wo es nur geht, und schrammt knapp am Existenzminimum vorbei. Da begegnet Berger einem Unternehmer, charmant und vermögend. Er beachtet sie, kümmert sich, macht ihr Geschenke, nimmt sie auf Reisen mit, all inclusive. Ein Flair von Upperclass ist da plötzlich in ihrem Leben, das sich anfühlt wie ein Film. Was aber irgendwie nicht ihre Welt ist. Vor allem: Berger will nie wieder abhängig sein – «Selbst ist die Frau», das wird fortan ihr Leitspruch. Also gibt sie Vollgas, arbeitet erst in einem Altersheim, später in einem Wohnund Pflegeheim, sie bildet Lernende aus, hat viel Verantwortung und noch mehr Arbeit. Und sie verdient gut, endlich. Mit 46

Jahren macht Berger den Lehrgang zur Bereichsleitung Hotellerie-Hauswirtschaft inklusive dem Wirtepatent und arbeitet, neben ihrem Job, an den Wochenenden in der Gastronomie. Voll im Element, immer auf Zack – sie will das so, es tut ihr gut, denn jetzt ist sie wer. «Ich wollte die Anerkennung, die ich als Kind nicht hatte, und nun war sie da. Meine Kinder, die Arbeit, das Studium – ja, ich war stolz auf mich.» Die Gewissheit, nicht mehr jeden Franken zweimal umdrehen zu müssen, bringt Ruhe in ihr Leben. Sie lädt Freundinnen auf einen Kaffee ein und leistet sich, ohne darüber nachdenken zu müssen, schon mal eine teurere Jeans. Das Leben ist schön. Sie weiss, sie hat viel erreicht. Teil 3: Plötzlich geht nichts mehr Doch 2022 ist Sarah Berger, inzwischen 51, eine erschöpfte Frau. Sie hätte es wissen müssen, sagt sie heute, alles deutete darauf hin: auf den bodenlosen Fall. Zu lange hatte sie ihren Kopf nur in die Arbeit gesteckt. Konnte sich schlecht abgrenzen, wollte es


«Mein ganzes Leben lang habe ich mich über Leistung definiert. Ich war solide Mittelschicht. Auf einmal gehörte ich nicht mehr dazu.» SAR AH BERGER

allen recht machen. Jetzt ist sie am Limit, die Batterien sind leer. An einem Dienstagnachmittag bricht sie im Büro zusammen, nichts geht mehr. Was ihr peinlich ist, denn eigentlich muss sie weiter funktionieren. Sie wartet, bis ihre Chefin mit dem Hund Gassi geht, dann schleicht sie sich aus dem Büro, sie will nach Hause, in ihre Burg. Bloss ein Schwächeanfall, das geht vorbei, redet sie sich ein. In Wahrheit will sie es sich und den anderen nicht eingestehen: Sie hat sich übernommen, ist kaputt. In der Zeit danach ist nichts mehr, wie es war. Berger geht zu Ärzten und in die Therapie, verbringt fast ein Jahr in Kliniken und psychologisch betreuten Institutionen. Dort greift sie, wie sie heute sagt, in die hinterste Schublade ihres Gedankenmagazins, lockt die Dämonen heraus und lässt alle Masken fallen. Zum Vorschein kommt das missbrauchte Mädchen, das nicht geschützt und nicht gesehen wurde, die gedemütigte Ehefrau, die aufopfernde Mutter, die auf Anerkennung hoffende Arbeiterin. «Ich fühlte mich wie erschlagen, wusste nicht mehr, wer ich bin», sagt Berger. Die Sinnsuche wird zum Spiessrutenlauf durch Kliniken, Ämter und Behörden. Am schlimmsten war der Verlust von Autonomie, sagt Berger. «Eben noch hatte ich alles im Griff. Und plötzlich war ich abhängig von Menschen, die ich nicht kannte, die aber über meine Gesundheit bestimmten, meine Finanzen und meine Zukunft.» An den Zustand, eine hilflose Frau zu sein, wollte sie sich nicht gewöhnen. Am Ende, nach unzähligen Gesprächen und Bemühungen, wieder zu arbeiten, nach all dem Papierkram und wiederholten Depressionen, bekam Berger eine IV-Rente sowie einen Job in einem Betrieb mit geschützten Arbeitsplätzen; da waren zwei Jahre seit ihrem Zusammenbruch vergangen. Surprise 635/26

Was Berger in der Krise auch lernen musste: Zusammenhalt ist etwas gar Launisches. Bekannte, darunter beste Freundinnen, waren plötzlich wie verschwunden, meldeten sich nicht mehr. «Mag sein, dass sie nicht wussten, wie damit umgehen, dass ich keine Kraft mehr hatte», sagt Berger. «Vielleicht passte ich einfach nicht mehr ins Schema. Von einem Tag auf den anderen hatte ich keinen richtigen Job mehr, dazu wenig Geld.» Die Blicke der anderen, diese Scham, die so entsteht – früher hatte sich Berger darüber keine Gedanken gemacht. Jetzt bekam sie den Erwartungsdruck zu spüren, der auf einem lastet, wenn man nicht mehr mithalten kann. «Mein ganzes Leben lang habe ich mich über Leistung definiert. Ich war, wie mein Umfeld, solide Mittelschicht. Auf einmal gehörte ich nicht mehr dazu. Und war auf dem Abstellgleis.» Exkurs: Schweizer Mittelschicht Diese Mittelschicht ist immer wieder Thema im Gespräch mit Sarah Berger. Auf die Frage, wer dazu gehöre, sagt sie das Naheliegende: Alle, die weder arm noch richtig reich sind. Wie dehnbar diese Definition ist, zeigt das Beispiel Christoph Blocher: der mehrfache Milliardär, Unternehmer und SVP-Politiker rechnet sich selber gerne zum «Mittelstand». Wie auch der deutsche Bundespräsident Friedrich Merz, Besitzer zweier Privatjets, oder die Schauspielerin Cate Blanchett, sie soll ein Vermögen haben von 95 Millionen US-Dollar. Das Bundesamt für Statistik ist da genauer: Zum Schweizer Mittelstand gehört, wer als alleinstehende Person einen monatlichen Bruttolohn zwischen 4228 und 9061 Franken hat oder wer als Paar mit zwei Kindern zwischen 8880 und 19 028 Franken verdient. Berechnet wird dies an-

hand des Medianlohns, das ist jener Lohn, der genau in der Mitte liegt, wenn man alle 100-Prozent-Einkommen nach Grösse sortiert; 2024 lag er bei 7024 Franken pro Monat. Nach diesen Berechnungen gehören 55 Prozent der Schweizer Bevölkerung zur Mittelschicht. Das Finanzielle ist das eine. Für Sarah Berger hat die Zugehörigkeit zur Mittelschicht noch eine andere Seite, und die hat mit einem Gefühl von Sicherheit zu tun, auch mit einem gewissen Stolz, durch Arbeit und Leistung etwas erreicht zu haben, worauf sich bauen lässt. Bergers Vorstellungen von einer Zukunft als junge verheiratete Frau mit Kindern und einem Eigenheim – sie hatte mit ihrem damaligen Mann ein altes Bauernhaus umgebaut –, gehören zu diesem Bild der Mittelklasse. Tatsächlich: eine Familie, ein Haus, ein Auto, eine Waschmaschine, Ferien und die Aussicht auf eine ordentliche Rente – lange standen die Werte der Mittelklasse für eine Normalität, die fast alle Lebensbereiche durchzog. Man lobte das Mittlere und Massvolle als erstrebenswerten Life­ style, in den sich ein Grossteil der Bevölkerung eingliederte. Schliesslich trieb das Konsumverhalten einer stabilen, finanziell abgesicherten Mittelschicht die Wirtschaft an und garantierte gesellschaftlichen Wohlstand. Diese Umstände haben sich heute geändert. Die klassischen Konsumgüter der Mittelstandsgesellschaft sind anspruchsvoller und teurer geworden. Dazu kommen steigende Lebenshaltungskosten wie Miete oder Krankenkasse. Wer soll das noch bezahlen können? Das hatte sich auch Berger gefragt, als sie damals, vor ihrem Zusammenbruch, noch zur typischen Mittelschicht gehörte. Sie ist inzwischen davon überzeugt, dass die Angst, man könne trotz Arbeit und Fleiss seinen Standard nicht mehr halten, dazu führen kann, dass man sich abgehängt fühlt. Und das betreffe immer mehr Menschen, so Berger. Sie teilt die auch in Umfragen untersuchte Befürchtung der Mittelschicht, dass es in der Schweiz nur noch Arme und Reiche geben wird und nichts mehr dazwischen, sollte das so weitergehen. Daniel Oesch ist Wirtschaftssoziologe an der Universität Lausanne und forscht seit Jahren zum Thema. Für ihn gibt es sie nach wie vor, die Mittelklasse. Die Befürchtungen vor dem Abstieg seien zwar psychologisch nachvollziehbar, die Fakten aber würden kaum Anlass dazu geben. Sein 21


Fazit: «In der Schweiz herrscht Vollbeschäftigung, die Arbeitslosigkeit ist mit drei Prozent im internationalen Vergleich tief. Auch die Lohnungleichheit ist in den letzten zwei Jahrzehnten weitgehend stabil geblieben, mit Ausnahme eines möglichen Anstiegs an der Spitze der obersten Einkommen.» Nach der Jahrtausendwende habe die Schweiz sogar ein regelrechtes «Jobwunder» erlebt, als sich die Beschäftigung innert zwanzig Jahren von 4,1 auf 5,1 Millionen Arbeitskräfte erhöhte. Woher dann die Sorge vieler, man könne den hart erarbeiteten Standard nicht mehr halten oder steige sogar ab? «Wir reden über höhere Kosten – Krankenkasse oder Miete –, aber nie über Löhne. Genau da liegt das Problem», sagt Oesch und führt aus: «Bevölkerung und Volkswirtschaft sind in den letzten zwei Jahrzehnten enorm gewachsen, bei den Reallöhnen dagegen hat sich im Vergleich wenig getan. Sie sind jährlich um nur rund ein halbes Prozent gestiegen, in den Nachkriegsjahrzehnten waren es zwei bis drei Prozent.» Besonders gravierend sei das beim Thema Wohnen, so Oesch. Im Vergleich zum Lohnwachstum sei der Anstieg der Mietpreise vor allem für Neuwohnungen horrend; Einfluss auf diese Entwicklung hätten die Arbeitnehmer keinen. «Das frustriert und verstärkt das Gefühl, man würde stagnieren oder sich sogar rückwärtsbewegen.» Teil 4: Weniger ist mehr Die Miete steht ebenfalls auf der Liste, die Sarah Berger auf dem Tisch in ihrem Wohnzimmer ausgebreitet hat. 1600 Franken plus 200 NK pro Monat bezahlt sie derzeit; bald wird sie umziehen und so über 200 Franken monatlich einsparen. Reduzieren will sie auch die Fixkosten: ein neues Abo für Handy und Internet – bei einem alternativen Anbieter kann sie fast die Hälfte zurücklegen –, Versicherungen, die sie durchgesehen und nach unten angepasst hat, auch die Zigarettenmarke hat sie gewechselt. Ein Auto besitzt sie nicht mehr. Ebenso wenig ein Abo für die Fitness; Berger ist viel in der Natur unterwegs und spielt Pétanque. Die Kleider kauft sie in der Brocki, und haben sie einen Riss oder ein Loch, flickt sie diese. Was sie nur wenige Male braucht, Werkzeug zum Beispiel, leiht sie sich auf einer Börse aus. «Das A und O», sagt Berger, «ist die Budgetplanung. Rechnungen, von denen ich weiss, dass sie kommen, ziehe ich schon zu Beginn des Monats vom Einkom22

«Wir reden über höhere Kosten – Krankenkasse oder Miete – aber nie über die Löhne. Genau da liegt das Problem.» DANIEL OESCH, WIRTSCHAF TSSOZIOLOGE

men ab. Auch an die Steuern denke ich. So sind die bösen Überraschungen nicht ganz so schlimm.» Damit meint sie – der Klassiker für Leute am oder unter dem Existenzminimum – Zahnarztrechnungen, die arg aufs Budget drücken. Ein anderer Tipp fürs Leben, wie Berger findet: «Mach einen Menuplan für die ganze Woche und geh bloss einmal die Woche einkaufen – und das auch nur mit einem Einkaufszettel in der Hand. Damit du nicht mehr nach Hause bringst als nötig.» Wie sie sich ernährt, darauf achtet Berger. Sie ist aufgewachsen mit Fertig- und Tiefkühlgerichten, Ausnahme waren selbstgemachte Pommes und ab und zu ein Salat von der Bäuerin, einer Freundin ihrer Mutter. Heute nimmt Berger möglichst viel Unverarbeitetes zu sich, trinkt Tee statt Süssgetränke, verwertet alle Reste, sammelt Bärlauch und macht daraus Pesto fürs ganze Jahr. Berger schmunzelt, während sie all diese Dinge von ihrem Zettel abliest. «Brocki, selber machen, leihen statt kaufen, weniger ist mehr – ich bin voll im Trend, nicht?» Die Kehrseite: Bei Sarah Berger ist das nicht bloss ein Lifestyle, der tatsächlich auch ein wenig zu ihrer Art passt; eine Existenz in Knappheit, Not und Angst ist für sie real. Öfter im Gespräch redet sie von den letzten drei oder vier Tagen im Monat, an denen ihr Kühlschrank auch mal leer ist und sie, während sie auf die IV-Rente wartet, die erst in der ersten Woche des neuen Monats überwiesen wird, nichts anderes auf dem Teller hat als Pasta, Reis oder Kartoffeln. In dieser Offenheit redet sie darüber mit niemandem. «Wer das nicht aus eigener Erfahrung kennt, kann sich so etwas gar nicht vorstellen», sagt Berger. Und Almosen möchte sie keine, das wäre ihr bloss

peinlich. Ihre Kinder wissen nur so viel, dass es bei ihr schon mal eng werden kann. Berger erzählt von Weihnachten vor einem Jahr, als ihre Söhne ihr einen Einkauf schenkten: Der Jüngste begleitete sie in den Laden und legte, ohne sie zu fragen, immer wieder Lebensmittel in den Einkaufswagen. «An der Kasse hatte ich lauter Dinge, die ich mir nicht leisten kann, alles Bio statt die Billigvariante wie sonst. Ich war berührt. Und beschämt.» Dass Sarah Berger trotz allem glücklich ist mit ihrem bescheidenen Leben, verdankt die heute 55-Jährige einer schlichten Tatsache, wie sie sagt: «Ich war schon einmal unten in meinem Leben, nach der Scheidung. Was ich damals lernen musste – kalkulieren, sparen, aus wenig viel machen –, davon kann ich heute profitieren. Auch weiss ich aus Erfahrung: Es kann immer besser werden. Dafür bin ich dankbar.» Was auch geblieben ist über all die Jahre: ein gewisser Stolz, es geschafft zu haben. Früher der Stolz darüber, durch Arbeit gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Heute der Stolz, dass sie am Ende des Monats wieder einmal über die Runden gekommen ist. Und in guten Zeiten sogar etwas zurücklegen kann. Für ein Paar Joggingschuhe irgendwann. Oder für eine neue Lesebrille.

Diese Steingussfigur hat Sarah Berger schon lange. «Weni se ahluege, wird mir warm ums Härz. Es isch es fründlichs Gsichtli wos guet meint mit mir.» Surprise 635/26


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Kämpfen gegen das Patriarchat Kino Der Dokumentarfilm «Kalari Kid» zeigt junge Frauen, die sich im modernen Indien gegen

frauenspezifische Gewalt und tradierte Rollenbilder wehren. Und zwar mittels Kampfkunst. TEXT ADELINA GASHI

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Arushis Eltern schicken ihre beiden Töchter in den Kalari-Unterricht, «damit sie sich vor bösen Menschen verteidigen können», erklärt die Mutter. Jeden Morgen vor der Schule trainiert Arushi zusammen mit ihrer Schwester. Das Mädchen fliegt durch die Luft, ihr rechtes Bein ausgestreckt, die Arme vollführen gleichzeitig eine komplizierte Choreografie. Die traditionelle Kampfkunst ähnelt dem klassischen indischen Tanz, die Bewegungen sind fliessend, rasant – und können beim Gegenüber gehörigen Schaden anrichten. Das wird Arushi nur allzu klar, als sie mit einem Jungen in ihrer Schule kämpft und der ins Spital muss. «Aber ihr habt mir doch gesagt, dass ich mich wehren soll, wenn mich jemand ärgert», sagt sie mit schuldbewusster Miene zu ihren wütenden Eltern. Ihre Mutter droht, ihr das Training zu verbieten, sollte sie nicht lernen, sich besser zu beherrschen. Mehr als ein Hobby In einem anderen Wohnzimmer sitzt die Studentin Milena mit ihrer Familie am Esstisch und isst zu Abend, im Hintergrund laufen die Nachrichten. «Habt ihr das gehört von der Ärztin, die von einem Patienten missbraucht wurde?», fragt die Mutter. «Unserer Milena kann das nicht passieren. Sie weiss sich zu wehren.» Milena ist schon etwas weiter als Arushi und beherrscht auch die Schwerttechnik. In einem Sportverein trainiert sie als einzige Frau Kalari und duelliert sich dort mit Männern, die sie als ebenbürtige Gegnerin behandeln. Der Kampfring, so der Eindruck, ist der einzige Raum, in dem Milena gleichgestellt ist. Surprise 635/26

BILDER: FIRST HAND FILMS, SPIRITED HEROINE

Für ein neugeborenes Mädchen in Indien ist das Risiko, das fünfte Lebensjahr nicht zu erreichen, doppelt so hoch wie für einen neugeborenen Jungen. Dies belegen Zahlen aus einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2022, die Indien im weltweiten Vergleich als eines der gefährlichsten Länder einstufen, um als Mädchen geboren zu werden. Die Kultur der Diskriminierung beginne bereits im Mutterleib, ziehe sich durch das Säuglings- und Kindesalter und begleite Frauen ein Leben lang, steht im Bericht. Die neunjährige Arushi weiss, was sie zu tun hat, wenn jemand versucht, ihr zu nahe zu kommen. Mit blitzschnellem Kicken und präzis sitzenden Hieben ist sie in der Lage, ihren Gegner ausser Gefecht zu setzen. Das Mädchen lernt Kalari – eine der ältesten Kampfsportarten der Welt. Diese hat ihren Ursprung in der Region Kerala, dem Bundesland im Südwesten Indiens, in dem Arushi lebt. Arushi ist eine der Protagonist*innen des Dokumentarfilms «Kalari Kid» des schweizerisch-indischen Filmduos Maria Kaur Bedi und Satindar Singh Bedi. Die beiden porträtieren nebst Arushi auch die 21-jährige Milena. Diese zwei Kalari-Kämpferinnen versuchen, in der männerdominierten indischen Gesellschaft ihren Platz zu behaupten. Und da ist auch Dr. Binny, die Professorin für Gender Studies an der Universität in Kerala, die für ihre öffentlichen Forderungen nach Gleichstellung Todesdrohungen erhält. Als Expertin für geschlechterspezifische Gewalt erläutert sie sie im Film weitere Zusammenhänge.


Lebenslange Zwiegespräche Buch Mit Fragebögen im Stil von Max Frisch

lädt Julia Rüegger zum Nachdenken ein. Die «Sokratische Methode» ist eine Technik, die durch gezielte Fragen kritische Reflexion und Erkenntnisgewinn fördert. Sokrates soll sie, in Anlehnung an den Beruf seiner Mutter, als «Hebammenkunst» bezeichnet haben. Ob diese Methode tatsächlich von Sokrates stammt oder ihm von seinem Schüler Platon angedichtet wurde, ist umstritten. Aber es zeigt doch, dass die Kunst des Fragens eine lange Tradition hat. Max Frisch hat diese Kunst wiederbelebt – und auch er erhoffte sich davon einen Erkenntnisgewinn. Seine im «Tage­buch 1966–1971» erstmals publizierten 11 Fragebögen sind Kult. Ihre Fragen u.a. zu Gesellschaft und Beziehungen, Heimat oder Humor sind nach wie vor aktuell. Und nun: «Frische Fragebögen». Der Untertitel zu «Sind Ihre Wunden gut verheilt?» der Autorin Julia Rüegger ist zugleich Absichtserklärung und augenzwinkernde Hommage. Eine Hommage, da sich Rüegger in ihrer Einleitung nicht nur als begeisterte Leserin der Fragebögen von Frisch sieht, sondern diesem Format auch bescheinigt, eine der direktesten und zugänglichsten, wenn nicht gar demokratischsten Formen der Auseinandersetzung zu sein. Dennoch stört sie auch manches an Frischs Fragen, was nicht nur der Zeit geschuldet ist, sondern auch der männlichen Perspektive. Etwa die Absenz von queeren Lebenswirklichkeiten oder die nicht hinterfragte binäre Geschlechterordnung. Also hat sie sich entschlossen, auf Frischs Fragebögen mit eigenen zu antworten, als Widerrede und kritische Auseinandersetzung. Dabei orientiert sie sich an Frischs Vorgaben, mit einigen thematischen Anpassungen. So gibt es statt Fragen zu Geld und Besitz zwei Fragebögen zu Klimawandel und Demokratie. Oder auch Fragen zu Gegenwarts­ erscheinungen wie Dating-Plattformen, Zuwendung durch Roboter oder zum bedingungslosen Grundeinkommen. Um ihre eigene Sichtweise zu erweitern, bezieht sie darüber hinaus Fragen anderer Autor*innen und Philosoph*innen ein. Frischs Fragebögen sind, so Julia Rüegger, eine Einladung zu einem möglicherweise lebenslangen Zwiegespräch. Deshalb trägt sie selbst seine Fragen eher als offene Denkfiguren mit sich, statt diese nur zu beantworten. Die Qualität guter Fragen sieht sie darin, dass diese uns immer wieder von Neuem dazu anregen, unser Leben und unsere Haltungen zu überdenken. Mit ihren eigenen Fragebögen führt sie die Tradition der Kunst des Fragens fort und lädt uns zu einem anregenden Dialog und zu einem immer wieder «frischen» Blick ein. CHRISTOPHER ZIMMER

Visuell kombiniert «Kalari Kid» die eindrücklichen Landschaften Indiens, die Darstellung geschlechtsspezifischer Gewalt im Alltag und kraftvolle Kampfszenen.

«Kalari Kid», Regie: Maria Kaur Bedi, Satindar Singh Bedi, Dokumentarfilm, CH 2026, 93 Min. Läuft ab 1. Okt. im Kino. firsthandfilms.ch/kalari-kid Surprise 635/26

FOTO: ZVG

«Kalari Kid» ist ein Film über weibliche Selbstermächtigung. Patriarchale Gewalt gehört zum Alltag. Arushi und Milena lernen dank der Kampfkunst, was es bedeutet, persönliche Grenzen setzen zu können. Was es heisst, die Möglichkeit zu haben, sich zu wehren. Als Milena in die Stadt zieht, um dort die Pflegefachschule zu besuchen, bringt sie ihren Kommilitoninnen in den Pausen Kalari bei. Damit sie sich vor Gewalttätern im Spitalzimmer oder nachts auf der Strasse schützen können. In organisch eingeflochtenen Interviewsequenzen verdeutlicht Dr. Binny, wie gross das Problem der Gewalt an Frauen im Land ist. Sie zeigt auf, weshalb Arushi und Milena durchaus Grund haben, sich körperlich zu wappnen. «Täglich werden im Schnitt siebzehn Vergewaltigungen gemeldet», sagt sie an einer Stelle. «Nur die schlimmsten schaffen es in die News.» Das indische Innendepartement veröffentlichte diesen Frühling eine Statistik, die die zunehmende Gewalt an Frauen dokumentiert. Im Jahr 2022 haben 445 256 Frauen häusliche Gewalt erlebt, wurden gekidnappt, haben sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit erlitten oder wurden vergewaltigt. Wie begegnet man dieser rohen Gewalt und täglichen Bedrohung als Mädchen und Frau? Kalari scheint eine Antwort darauf zu sein. Und so wirft der Dokumentarfilm genauso ein Schlaglicht auf den gravierenden Missstand wie auch auf die machtvolle Kampfkunst. In farbig-schillernden und mit epischer Musik unterlegten Kampfszenen werden Mädchen und Frauen wie Arushi und Milena zu Heldinnen in einem Kampf um ihr Leben als Frauen.

Julia Rüegger: «Sind Ihre Wunden gut verheilt?» Frische Fragebögen. edition taberna kritika 2026. CHF 22.90

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BILD(1): KLAUS PETRUS, BILD(2): BOTTO DAO, BILD(3): MICHAEL GOLZ, BILD(4): URSULA MARKUS

Veranstaltungen Zürich «Bilder schaffen Wirklichkeit», Doppelausstellung, Do, 1. bis So, 25. Okt., Do bis Sa, 12 bis 21 Uhr, Mi und So, 12 bis 18 Uhr, Photobastei, Sihlquai 125. photobastei.ch

Migration gehört zu den prägendsten Themen unserer Zeit. Und kaum ein gesellschaftliches Phänomen wird so stark durch Bilder vermittelt: Fotografien von überfüllten Booten, Grenzzäunen oder Flüchtlingslagern prägen unsere Vorstellung davon, was Migration bedeutet. Mit dem Projekt «Bilder schaffen Wirklichkeit» möchte die Photobastei diesen Blick erweitern. Im Zentrum steht nicht die politische Debatte, sondern die Frage, wie fotografische Bilder unsere Wahrnehmung prägen. Zwei dokumentarische Ausstellungen nähern sich diesem Thema auf unterschiedliche Weise. Während «Bitter Oranges» von Gilles Reckinger afrikanischen Erntearbeitern in Kalabrien die Kamera selbst überlässt, begleitet Klaus Petrus mit seinem Projekt «Spuren der Flucht» seit sieben Jahren Menschen entlang der Balkanroute. Beide Arbeitsweisen eröffnen einen Raum für einen differenzierten Blick auf Migration, Würde und gesellschaftliche Teilhabe. Mit zahlreichen Gesprächen und Führungen: siehe online. DIF

Aarau «Künstliche Kreativität», Ausstellung, Sa, 26. Sep. bis So, 10. Jan., Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr, Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz. aargauerkunsthaus.ch

Seit ChatGPT Ende 2022 öffentlich zugänglich wurde, ist KI im Alltag angekommen. Und kaum ein Bereich bleibt von der künstlichen Intelligenz unberührt – weder Arbeit und Bildung noch Gesundheit, Wirtschaft oder Kultur. Überall zeichnen sich tiefgreifende Verän-

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derungen ab, in wachsender Geschwindigkeit und mit unvorhersehbarem Ausgang. Auch die Kunst reagiert darauf unmittelbar. Man denkt zunächst an frühere Medienumbrüche wie an den von der analogen Fotografie zur digitalen. Aber was jetzt geschieht, muss man annehmen, ist nochmals eine Nummer grösser. Die Ausstellung in Aarau stellt (in Kooperation mit dem HEK, Haus der Elektronischen Künste in Basel) drei Leitfragen: Wie wird KI Teil künstlerischer Prozesse? Wie verändern KI-generierte Inhalte unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit? Und was verändert sich, wenn KI räumlich, körperlich und sozial erfahrbar wird? DIF

Warth TG «Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden», Ausstellung, So, 27. Sep. bis So, 20. Dez., Mo bis Fr, 14 bis 17 Uhr, Sa/ So, 11 bis 17 Uhr (bis 30. Sep. täglich 11 bis 18 Uhr), Kunstmuseum Thurgau (neben Kartause Ittingen). kunstmuseum.tg.ch

Wer bin ich, wo komme ich her, wohin gehe ich? Die Ausstellung «Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden» befragt die Karte als Metapher für das eigene Leben und als Orientierungsinstrument im Gelände – vom gezeichneten Fantasieland bis zum Archivmaterial. Dabei sind Karten auch Machtinstrumente. Diejenigen. die sie entwerfen, entscheiden über Sichtund Unsichtbarkeiten, über Grössenverhältnisse und Schwerpunkte. Die Kunstschaffenden in der Ausstellung nähern sich der Karte auf sehr unterschiedliche Weise. Sie zeichnen die politischen Verstrickungen der Schweiz im Sklavenhandel nach, erfinden Geschichten von Menschen, die aus historischen Zeugnissen ausgelöscht wurden, oder suchen Orientierung ganz ohne Karte: im Gespräch, in der Erinnerung, im Rückblick auf ein Leben. Was all diese Positionen verbindet, ist die Ahnung, dass das (sich) Verlieren zur Bedingung des Wiederfindens wird – und die Karte zum Spiegel nicht nur der Welt, sondern auch des Ichs. DIF

Bern «Use Your Resources», Ausstellung, bis So, 18. Okt., Mo 14 bis 18 Uhr, Di bis Fr, 10 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 16 Uhr, Polit-Forum Bern, Marktgasse 67. polit-forum-bern.ch face-migration.ch Was hat Flucht mit Klima und Umwelt zu tun? Und wie lässt sich aus Altem Neues schaffen? Das Polit-Forum Bern zeigt in Kooperation mit der interdisziplinären Plattform «Face Migration» die Ausstellung «Use Your Resources». «Gemeinsam mit Jugendlichen und Geflüchteten für Klima und Umwelt», steht im Untertitel: In Workshops gestalteten Geflüchtete und Jugendliche aus Recycling-Materialien wie Textilien, Holz, Elektronik oder Glas eigene Objekte. Sie verknüpfen persönliche Geschichten mit dem Wunsch nach einem sorgsamen Umgang mit unserer

Umwelt. Eine Video-Installation ergänzt die Präsentation mit persönlichen Statements der Beteiligten. Die Ausstellung zeigt, dass Geflüchtete längst nicht nur Schutz suchen, sondern Ideen und Ressourcen für eine nachhaltige Zukunft mitbringen. Begleitend finden «Living Library»-Gespräche statt, die einen direkten Austausch zwischen den Besucher*innen, Kunstschaffenden und Expert*innen im Bereich «Migration und Klima» ermöglichen. DIF

Zürich «Platz da! Einen Platz suchen, verlieren, finden», Theater, Fr/Sa, 9./10. Okt., je 19 Uhr Johanneum, Aemtlerstr. 43a, Eintritt frei / Kollekte, ohne Anmeldung; «Schräge Vögel», Sa, 14. Nov., 18 Uhr, St. Anna-Kapelle, St. Annagasse 11, Anmeldung bis 12. Nov. auf friends@ malaika-kultur.ch oder WhatsApp: 079 887 38 77. malaika-kultur.ch Das Integrations-Projekt Malaika schafft interkulturelle Theater- und Catering-Erlebnisse. Jetzt präsentiert es seine neuste Produktion, ein wie immer selbstgeschriebenes Theaterstück. Hier werden in den Lebenswelten der Mitspieler*innen Geschichten gefunden und daraus Theatermomente mit Witz und Musik entwickelt. Auf der Bühne stehen mehr als 25 Menschen aus über zehn Ländern. Diesmal geht es um Plätze aller Art – und um die Frage, was uns trennt und was uns verbindet. Anschliessend findet in lebendiger und familiärer Atmosphäre beim gemeinsamen Essen ein Austausch mit den Darsteller*innen statt, die alle eine Fluchtgeschichte haben. Und im November ist dann die Theatergruppe «Schräge Vögel» bei den Malaikas zu Gast: Menschen am sogenannten Rand der Gesellschaft erzählen «Bänkli-Gschichte» – ebenfalls Geschichten mitten aus dem Leben. Komisch, nachdenklich und immer menschlich. DIF

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Randnotizen

Offenbleiben Vor ein paar Tagen standen ein älterer Herr und ich an der Tramhaltestelle wie «bstellt und nid abgholt». Verkehrsüberlastung. Statt uns zu echauffieren, lobten wir die sonstige Verlässlichkeit des Schweizer ÖV. Er erzählte mir von seiner grossen Reise nach Indien, fünfzig Jahre sei das her, und davon, was er von ihr bis heute in sich trägt. Auf dem Heimweg komme ich bei Božidar vom Quartierladen vorbei. Gulaschduft liegt in der Luft, wir bleiben hängen. Er lüftet das Geheimnis seines serbischen Rezepts. Wenig später kreuzt der berüchtigte orange Kater meinen Weg. Legenden über seine Hinterhofkämpfe eilen ihm voraus. Streunende Katzen zu erobern, ist mir ein persönliches Anliegen. Es gibt Menschen (und Büsis), die wenig über uns wissen und uns trotzdem kennen. Auf dem Weg zur Arbeit steht mein geschäumter Milchkaffee bereits auf dem Tresen, mit einem «Guten Morgen, Adriana». Freitags hole ich Blumen bei Bettina und wir reden über Kleines und Grösseres. Es sind keine Freundschaften. Oft kennen wir nicht einmal ihre Geschichten. Trotzdem gehören diese Menschen zu meinem Leben.

ILLUSTRATION: MAJ LISA DOERIG

Der Soziologe Mark Granovetter nannte solche Beziehungen «schwache Bindungen». Das klingt nach wenig. Aber gerade diese losen Bekanntschaften verbinden uns mit einer grösseren Welt. Kleine Begegnungen, in denen etwas in uns in Bewegung kommt. Ein Wortwechsel am Kiosk, ein Gespräch mit einer Surprise-Verkäuferin. Belanglos vielleicht, aber tragend. Belanglos erscheint gerade wenig. An meinem «Chuchitisch» wird viel über das Knirschen in der Welt diskutiert. Krieg, Klima­krise, Rechtsruck, Rassismus, Sexismus und Kontrollverlust sind kaum auszuhalten. Selbst Wahrheit scheint ver­ handelbar, Fakten werden zu Meinungen erklärt, Grenzen des Sagbaren verschoben. Es gibt Grundsätze, über die wir nicht verhandeln sollten. Menschenwürde, Gleichwertigkeit und Menschenrechte gehören dazu. Aber das bedeutet nicht, dass wir Surprise 635/26

aufhören können, miteinander zu reden. Demokratie braucht Widerspruch und Grenzen – und die Bereitschaft, im Gegenüber weiterhin einen Menschen zu sehen. Genau darin liegt für mich die Kraft «schwacher Bindungen». Wir wissen wenig voneinander und bleiben uns in vielem fremd. Und trotzdem reden wir miteinander. Über Gulasch und Meeresluft in Serbien, gutes Essen, alte Geschichten, neue Pläne. Unterschiede verschwinden dadurch nicht, aber sie müssen nicht das Einzige sein, was wir im Anderen sehen. Je mehr Welt durch unsere Bildschirme strömt, desto stärker kann das Gefühl werden, ihr nur noch gegenüberzustehen. Ohnmacht kann uns erstarren lassen, in Rückzug oder Wut treiben. Autoritäre Bewegungen wissen, wie man diese Gefühle benutzt. Sie geben der Angst ein Objekt und der Wut eine Richtung, versprechen Klarheit, wo Wirklichkeit kompliziert ist. Angst baut Mauern nicht nur zwischen Menschen, sondern auch in uns. Irgendwann halten sie nicht nur das Schreckliche fern, sondern auch das Unerwartete, Fremde, Schöne. Ein mögliches Gegengift klingt unspektakulär und verlangt doch einiges: offenbleiben. Andere ernstnehmen, ihnen mit Aufmerksamkeit begegnen, sich um Verständnis bemühen, auch wenn sie uns fremd sind. Das heisst nicht, alles zu verstehen, gutzuheissen oder hinzunehmen. Es heisst, eine Beziehung nicht vorschnell abzubrechen. Auch mit den Sperrigen, Lauten, Widersprüchlichen, Fordernden. Eine Haltung, die immer wieder neu eingeübt werden muss. Fremdheit schliesst Nähe nicht aus. Wir müssen einander nicht ähnlich sein, nicht einer Meinung. Aber wir können uns die Mühe machen, im Anderen mehr zu sehen als seine Haltung, Herkunft, Widersprüche oder Schattenseiten.

ADRIANA RUŽEK

ist Gassenarbeiterin in Basel. Sie findet, wer Katzen vorbeiziehen lässt, ohne sie für einen kurzen Austausch angelockt zu haben, verpasst unnötig viel im Leben. 27


IND 0.– S AB 50 ABEI! SIE D

Die 25 positiven Firmen Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung. Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.

SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA Das Programm

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Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist. 01

Atem-Fachschule LIKA, Stilli bei Brugg

02

Chiway Therapiezentrum, Winterthur

03

Breite-Apotheke, Basel

04

Fontarocca AG Natursteine

05

Toppharm Apotheke Paradeplatz Zürich

06

Gemeinnützige Frauen Aarau

07

Scherrer & Partner GmbH, Basel

08

Gemeinnütziger Frauenverein Nidau

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Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern

10

Lebensschau, Männedorf

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Bodyalarm – time for a massage

12

Hausarztpraxis Tannenhof, Tann-Rüti

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InhouseControl AG, Ettingen

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Automation Partner AG, Rheinau

15

Zehnder Arbeitssicherheit, Zürich

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Madlen Blösch, Geld & so, Basel

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movaplan GmbH, Baden

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Jocher Projekte GmbH, Rheinfelden

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appius GmbH, Interims-Management

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Broki Sidewäg, Bern

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Maya Recordings, Oberstammheim

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AnyWeb AG, Zürich

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Beat Vogel – Fundraising-Datenbanken, Zürich

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Praxis Carry Widmer, Wettingen

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine Bestätigung. Kontakt: Clara Fasse Team Marketing, Fundraising & Kommunikation T +41 61 564 90 53 I marketing@surprise.ngo

Einige unserer Verkäufer*innen leben fast ausschliesslich vom Heftverkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestärkt sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkäufer*innen zusätzliche Unterstützung. Sie erhalten ein Abonnement für den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei finanziellen Notlagen aber auch für Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere Unterstützungsbeiträge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.

Eine von vielen Geschichten Merima Menur kam 2016 zu Surprise – durch ihren Mann Negussie Weldai, der bereits in der Regionalstelle Bern arbeitete. Zuvor lebten sie fünf Jahre getrennt – er in der Schweiz, sie in Äthiopien. Einige Zeit nach ihrer Ankunft in der Schweiz begann Merima auch mit dem Verkauf des Surprise Strassenmagazins und besuchte einen Deutsch-Kurs, mit dem Ziel selbständiger zu werden und eine Anstellung zu finden. Dank Surplus besitzt Merima ein Libero-Abo für die Stadt Bern und kann somit leichter an ihren Verkaufsort reisen. Surplus gibt der 41-Jährigen ausserdem die Möglichkeit, sich einige bezahlte Ferientage zu gönnen.

Weitere Informationen gibt es unter: surprise.ngo/surplus

Unterstützen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende Derzeit unterstützt Surprise 30 Verkäufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.

Unterstützungsmöglichkeiten: · 1 Jahr: 6000 Franken · ½ Jahr: 3000 Franken · ¼ Jahr: 1500 Franken · 1 Monat: 500 Franken · oder mit einem Beitrag Ihrer Wahl.

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Wir alle sind Surprise #631: Heimat

«Bedanken mit Gedicht» Immer wieder kaufe ich vor dem Coop Arlesheim das Surprise Strassenmagazin. So auch gestern, und die Ausgabe war gerade dem Thema gewidmet, mit dem ich mich in den letzten Tagen mit Worten auseinandergesetzt habe. Anbei sende ich Ihnen mein Gedicht. Damit möchte ich mich von Herzen für Ihr Engagement und für das berührende und inspirierende Magazin bedanken. Gewidmet all jenen, die ihre Heimat verloren haben. Möge, wer fliehen musste, eine Zuflucht in Sicherheit finden. Möge, wer seine innere Heimat verlor, einen Ort des Trostes und der Stille wiederentdecken. Heimat – ein leiser Ort im Herzen. Ein stiller Ort in der Natur, im Schatten, unter den Armen eines Baumes geborgen. Heimat: heimkehren auf eine grüne Matte am Fusse eines Berges, den leisen Stimmen der Erinnerungen lauschend, wenn die Welt still wird. Heimat: ein innerer Ort der Geborgenheit, wo wir verstanden werden, wo es kein Wenn und Aber gibt. Ein Ort, der unzählige schöne Erinnerungen in sich birgt. Heimat: ein Fels in der Brandung des Lebens. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fliessen ineinander – und formen unser gegenwärtiges Sein. Heimat: ein wärmendes Licht in unserer Seele, das niemals erlischt und uns mit Geborgenheit umgibt, ganz gleich, wie weit wir gehen oder wohin der Weg uns führt. MYRIAM HIDBER DICKINSON, ohne Ortsangabe

Impressum Herausgeber Surprise, Münzgasse 16 CH-4051 Basel Geschäftsstelle Basel T +41 61 564 90 90 Mo–Fr 9–12 Uhr info@surprise.ngo, surprise.ngo Regionalstelle Zürich Kanzleistrasse 107, 8004 Zürich T +41 44 242 72 11 M+41 79 636 46 12 Regionalstelle Bern Beundenfeldstrasse 57, 3013 Bern T +41 31 332 53 93 Soziale Stadtrundgänge Basel: T +41 61 564 90 40 rundgangbs@surprise.ngo Bern: T +41 31 558 53 91 rundgangbe@surprise.ngo Zürich: T +41 44 242 72 14 rundgangzh@surprise.ngo Anzeigenverkauf Stefan Hostettler, 1to1 Media T +41 43 321 28 78 M+41 79 797 94 10 anzeigen@surprise.ngo Redaktion Verantwortlich für diese Ausgabe: Diana Frei (dif) Sara Winter Sayilir (win), Klaus Petrus (kp), Lea Stuber (lea), Andres Eberhard (eba) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch

Surprise 635/26

Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Maj Lisa Dörig, Hanna Fröhlich, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Fatima Moumouni, Adriana Ružek, Ralf Schlatter, William Stern, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Nicolas Gabriel, Adelina Gashi, Marie Schüpbach Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Geneh­ migung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt. Gestaltung und Bildredaktion Bodara AG, Büro für Gebrauchsgrafik Druck AVD Goldach Papier Holmen TRND 2.0, 70 g/m2, FSC®, ISO 14001, PEFC, EU Ecolabel, Reach Auflage 23 100

«Dass ‹heimaten› ein Verb sein kann»

Vielen Dank für den Hinweis von Fatima Moumouni, dass heimaten ein Plural und auch ein Verb sein kann und dass heimaten Aktivismus bedeutet, um sich ein Zuhause zu schaffen, das den Namen Heimat auch verdient. SAMUEL LEEMANN, Pfäffikon ZH

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FOTO: KLAUS PETRUS

Surprise-Porträt

«Ich bin eine Träumerin» «Ich bin in Jacobina geboren, das ist eine Stadt im Bundesstaat Bahia im Nordosten von Brasilien. Viele in dieser Region bezeichnen sich aufgrund ihrer Geschichte und Herkunft als afro-brasilianisch, so auch meine Familie. Wir sind in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, aber als Kind habe ich davon nicht viel mitbekommen. Ich habe drei Brüder und eine Schwester. Meine Mutter war erst als Stickerin tätig, später verarbeitete sie Früchte zu Süssigkeiten. Mein Vater war Maurer. Um zusätzlich Geld zu verdienen, bot er immer samstags auf dem örtlichen Markt Lebensmittel an, die er in grossen Filialen aufkaufte. Schon in der Schule bekam ich Rassismus zu spüren. Wir Schwarze zählten weniger als die weissen brasilianischen Kinder. Einmal sollten wir ein Theaterstück aufführen; die Rollen bekamen aber nur die weissen Schulkinder. Ich sprach die Lehrerin darauf an, doch sie tat so, als wäre das nur Zufall gewesen. Darüber war ich sehr traurig; zugleich hat mich das nur stärker gemacht. Ich wollte schon immer unabhängig sein. Nach der obligatorischen Schule machte ich das Lehrerinnendi­ plom. Mit Anfang zwanzig zog ich nach Salvador, die Hauptstadt von Bahia. Dort studierte ich an der Katholischen Universität einheimische Sprachen und Lite­ raturen, daneben arbeitete ich als Verkäuferin oder gab Privatunterricht. 1983, mit fast Mitte dreissig, begann ich als Lehrerin für Portugiesische Sprache und Brasilianische Literatur an einer Schule in Salvador zu arbeiten; dort blieb ich bis 2002. In dieser Zeit lernte ich meinen Mann kennen. Er war gleich alt wie ich, kam aus der Schweiz und war in Brasilien, um Portugiesisch zu lernen. Wir verliebten uns, und 2000 kam ich erstmals in die Schweiz, um herauszufinden, wie das Leben hier so ist. Mir hat es gefallen, und so lebte ich ab 2003 für die kommenden zehn Jahre mehrheitlich in Basel. Ich engagierte mich als Freiwillige in sozialen Projekten und lernte Deutsch. 2012 kehrten wir nach Brasilien zurück – vor allem mein Mann sehnte sich danach. Nach unserer Pensionierung bereisten wir für einige Jahre die lateinamerika­ nischen Länder, dann kehrten wir nach Europa zurück und lebten zwischen 2018 und 2022 in Portugal. Für meinen Mann waren es schöne Jahre, für mich weniger. Schon in Lateinamerika, dann aber in Portugal spürte ich wieder den Rassismus meiner Kindheit; ich wurde als Schwarze Frau teils ganz offen diskriminiert. Das war mit ein Grund, warum wir jetzt wieder in der 30

Maria Izabel Nascimento Müller, 77, singt im Surprise Strassenchor. Für ihre interkulturell vermittelnden ­Kinder- und Jugendmärchen wünscht sich die Autorin eine Publikation im deutschsprachigen Raum.

Schweiz leben. Auch hier gibt es Rassismus, er ist aber versteckter. Und er richtet sich gegen Ausländer*innen generell und nicht nur gegen Schwarze, wie das in meiner Heimat und auch in Portugal der Fall ist. Als ich vor inzwischen fünfzehn Jahren nach Brasilien zurückkehrte, habe ich begonnen, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben und sie zu illustrieren. Schon als Kind wollte ich Schriftstellerin werden, das war mein grosser Traum. Ich erzähle in meinen Büchern von meiner Kindheit sowie meinen Erfahrungen in Bahia und in Basel, und zwar in Gestalt von Märchen. Natürlich kommt in meinen Büchern auch Rassismus vor, er ist sogar ein ganz grosses Thema, nur versuche ich es sehr subtil anzugehen. Auf Märchen greife ich des­ wegen zurück, weil ich glaube, dass sie universell sind, sie werden auf der ganzen Welt verstanden. In meinen Geschichten kommen nicht nur Gestalten aus brasilianischen Märchen vor, sondern auch solche aus europäischen. Ich wünsche mir nämlich, dass meine Bücher auch von Menschen hier in der Schweiz oder in Deutschland gelesen werden. Vielleicht darf ich es ja noch erleben, dass meine Bücher, nachdem sie bereits auf Portugiesisch erschienen sind, nun auch einen deutschsprachigen Verlag finden. Das wäre wunderbar. Wie gesagt, ich bin eine Träumerin.» Aufgezeichnet von KL AUS PETRUS Surprise 635/26


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