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Strassenmagazin Nr. 633 28. Aug. bis 10. Sep. 2026

CHF 8.–

davon gehen CHF 4.– an die Verkäufer*innen

Bitte kaufen Sie nur bei Verkäufer*innen mit offiziellem Verkaufspass

Fotoessay

Wem gehört Albanien?

In Tirana gehen die Menschen auf die Strasse. Ein Fotoessay zeigt die gewaltigen Umbrüche, die Albanien seit 1991 erlebt. Seite 8


«Ich möchte der Sucht und der Armut ein Gesicht geben» Seit Franziska Lüthi für ihre Gewalterfahrungen Worte findet und das Erlebte teilen kann, fühlt sie sich nicht mehr schuldig. Auf ihrem Sozialen Stadtrundgang durch Bern spricht sie über die Verkettung von Traumata, Sucht und Armut.

Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.


TITELBILD: HANS PETER JOST

Editorial

Einen Platz in der Welt haben In Tirana protestieren seit drei Monaten tausende Albaner*innen gegen ein geplantes Luxusresort von Trump-Tochter Ivanka und -Schwiegersohn Jared Kushner. Im Naturschutzgebiet, wo das Bauvorhaben ge­plant ist, leben Flamingos – sie geben den grössten Protesten in Albanien seit An­fang der 1990er-Jahre mit dem Fall des sozialistischen Regimes ihren Namen.

fen, die als Angehörige von mutmass­ lichen IS-Kämpfern jahrelang eingesperrt waren. Nach ihrer Freilassung stellt sich nun die Frage, wie IS-Unterstützer*innen wieder Teil der – im Moment stark mit dem Wiederaufbau und Neuanfang beschäftigten – Gesellschaft werden können. Und sich so nicht erneut radikalisieren. Die Reportage ab Seite 18.

Der Fotograf Hans Peter Jost war in den ver­­ gangenen 35 Jahren regelmässig in A ­ lba­‑ ­nien und hat den Bauboom sowie die weitere rasante Veränderung des Landes festgehalten. In seinen Bildern steckt ­auch die Frage, wie wir – sei es als Gesellschaft oder als Individuen – unseren Platz in der Welt finden. Der Fotoessay ab Seite 8.

Ein Bus vor dem Bahnhof in Basel bietet seit letztem Herbst einen Raum des Austauschs und des Verweilens, insbesondere für jene, die einen grossen Teil ihrer Zeit auf der Strasse verbringen, aber eigentlich für alle. Er wird von der Gassenarbeit Schwarzer Peter betrieben, einmal pro Woche kümmert sich dort ein Arzt um Wunden und andere kleinere Gesundheitsfragen. Die Reportage ab Seite 14.

Einen Platz in der Welt haben, darum geht es im weiteren Sinne auch in unseren zwei anderen Beiträgen. Reporterin AnnaTheresa Bachmann ist gut eineinhalb Jahre nach dem Sturz des Assad-Regimes nach Syrien gereist und hat Frauen getrof-

4 Aufgelesen 5 Na? Gut!

Digitaler Nachlass 5 Vor Gericht

Abgeblitzt 6 Verkäufer*innenkolumne

Ich bin nicht Donald Trump 7 Moumouni antwortet

Wohin weht der Wind?

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8 Fotoessay

Albanien zwischen Tradition und Boom 14 Gesundheitsversorgung

Den Arzt zu den Menschen bringen

Wir wünschen Ihnen eine bereichernde Lektüre und freuen uns wie immer über Feedback.

18 Syrien

Zurück in ein Leben ohne IS 24 Theater

Raum, um zuzuhören 25 Buch

Schwelender Mikrokosmos

LEA STUBER

Redaktorin

26 Veranstaltungen 27 Randnotizen

Der Sommer gab alles 28 SurPlus Positive Firmen 29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren 30 Surprise-Porträt

«Ich fühlte mich wie neu geboren»

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Aufgelesen

News aus den über 80 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Strategische Prozessführung

Höhere Kosten für Schulessen in Hamburg

Rund 300 000 Menschen sind an etwa 3000 Standorten in Deutschland in sogenannten Werkstätten für Menschen mit Behinderung beschäftigt. Nun hat die Gesellschaft für Freiheitsrechte im Verbund mit dem Verein Sozialhelden und anderen im Mai Klage gegen das aktuelle Entgeltsystem für Werkstattbeschäftigte erhoben. Ihrer Argumentation nach sei die derzeitige Regelung verfassungs- und konventionswidrig, weil sie gegen das Verbot der Diskriminierung und das Recht auf diskriminierungsfreie Arbeit verstosse. Zudem sei es nicht vereinbar mit der europäischen Mindestlohnrichtlinie. Nun sollen die Gerichte klären, ob oder wann Beschäftigte in Werkstätten für behinderte Menschen Arbeitnehmer*innen im Sinne des Mindestlohngesetzes sind und damit Anspruch auf Mindestlohn haben.

Dass Lebensmittel immer teurer werden, weiss auch der Hamburger Senat. Die Schulbehörde erhöht seit Jahren immer wieder die Preise für das Mittagessen in Ganztagsschulen. Kostete eine Portion 2020 noch 3,50 Euro, sind im neuen Schuljahr bis zu 5,30 Euro fällig. Zusätzlich zum Preisanstieg kürzt die Behörde ihren Zuschuss um 25 Cent pro Mahlzeit, also um etwa 5 Euro pro Monat. Zwar erhalten Kinder, deren Eltern Sozialleistungen beziehen, das Essen umsonst – Vergünstigungen für Geringverdienende oder Eltern mit mehreren Kindern gibt es aber nur an Grundschulen. Die im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen vereinbarte Ausweitung dieser «Sozialstaffel» auf die Klassen 5 und 6 ist laut Schulbehörde «aktuell noch nicht geplant». Die Eltern von knapp 30 000 Kindern müssen daher tiefer in die Tasche greifen.

STRASSENKREUZER, NÜRNBERG, JULI 2026

HINZ & KUNZT, HAMBURG, #402, AUGUST 2026

Ein Paradies mit eigenen Regeln

FAKTUM, GÖTEBORG, #286, JULI 2026

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Anders Johansson hat seit 33 Jahren einen Kleingarten. Jeden Tag schauen er und seine Frau nach 60 Kaninchen.

BILD: NIKLAS MAUPOIX

Über der Naturrepublik Sjöbergen weht die eigene Flagge. Sie liegt mitten im beliebten Göteborger Stadtteil Majorna und doch abgeschieden auf einem Hügel – faszinierend, fast ein wenig mythisch, seit die ersten Siedler*innen in den 1930er-Jahren hierherkamen. Mit einer Unabhängigkeitszeremonie im Jahr 2015 wehrten sich die hiesigen Kleingärtner*innen erfolgreich gegen die Pläne der Gemeinde, das Gelände mit Wohnungen zu bebauen. Wer hier einen der 60 Kleingärten haben möchte, muss gemäss den Vorschriften Nutztiere halten, mindestens drei Tiere derselben Art. Die meisten haben Hühner und Kaninchen, manche haben sich auch für Enten, Bienen oder Brieftauben entschieden. Von Zeit zu Zeit kommt die Bezirksverwaltung vorbei, um sicherzustellen, dass die Tiere gesund sind und artgerecht versorgt werden.


ILLUSTRATION: PRISKA WENGER

Na? Gut!

Digitaler Nachlass Wenn Menschen sterben, die auf der Strasse lebten, passiert das oft unbemerkt. Diese Todesfälle werden nicht systematisch erfasst, weder in der Schweiz noch in Deutschland (mehr: Surprise 570/24). Ein neues Projekt will nun den Nachlass von obdach- und wohnungslosen Menschen in Hamburg sichern. Dort leben geschätzt über 3700 Menschen auf der Strasse. Sie sollen mit «Strassennachlass» die Möglichkeit bekommen, ihre letzten Wünsche und Dokumente auf einer digitalen Nachlassplattform für die Zeit nach ihrem Tod sicher festzuhalten. Hinter der Initiative stehen der Verein Gabenzaun, die Strassenhilfe Hamburg, das Start-up Chronuu und die Hoffnungsorte Hamburg. Volker Kruse von Chronuu sagt gegenüber der deutschen Zeitung taz: «Auf der Strasse werden wichtige Dokumente schnell nass oder sie gehen verloren. Oft weiss man bei Verstorbenen gar nicht, wie die Person hiess oder ob sie Angehörige hatte.» Mit «Strassennachlass» sollen obdachlose Menschen kostenlos, sicher und anonym ihren Nachlass ordnen, ihre Lebensgeschichte festhalten und wichtige Kontaktpersonen definieren können. Wer möchte, kann das digitale Portal mit einem Armband mit digitalem Chip ergänzen. Obdachlose können sich online registrieren und eine Vertrauensperson festlegen. Nur diese kann auf die hinterlegten Daten zugreifen, Angehörige benachrichtigen und letzte Wünsche weitergeben. LEA

An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen. Surprise 633/26

Vor Gericht

Abgeblitzt Der 56-jährige Burkiner, ein vierfacher Vater, lebt seit 2006 in der Schweiz. Seine beiden älteren Töchter wurden in Burkina Faso geboren, die jüngeren Kinder in der Schweiz. 2021 wurde er vom jurassischen Strafgericht erstinstanzlich verurteilt. Es sind schwerste Delikte: Körperverletzung zum Nachteil seiner älteren Töchter, heute 22 und 26. Bezüglich der ältesten wurde er zudem wegen mehrfacher sexueller Nötigung, Vergewaltigung und wiederholtem Inzest schuldig gesprochen. Das setzte eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Zudem verhängte das Gericht ein striktes fünfjähriges Kontakt- und Annäherungsverbot zu den Töchtern und eine zehnjährige Landesverweisung. 2022 bestätigte das kantonale Obergericht das Verdikt. Dagegen erhob der Mann Beschwerde am Bundesgericht und machte gravierende Rechtsverletzungen seitens der Schweiz geltend: willkürliche Beweismittelwürdigung, Verletzung des rechtlichen Gehörs und der Unschuldsvermutung. Die Landesverweisung verstosse gegen Artikel 2 und 3 der Menschenrechtskonvention, das Recht auf Leben und das Folterverbot. Die Vorinstanzen hätten die volatile Lage in Burkina Faso nach den Militärputschen 2022 ausser Acht gelassen. Als Bekannter eines ehemaligen Präsidenten sei er besonders gefährdet. Auch Artikel 8, das Recht auf Familienleben, sieht er verletzt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) stufe eine Ausweisung im Falle intakter familiärer Beziehungen regelmässig als unverhältnismässig ein. Er blitzte ab am Schweizer Bundesgericht – und zog weiter an ebendiesen EGMR. Die fremden Richter*innen in Stras­s-­

burg werden hierzulande gerne als wokes Kuschelgremium dargestellt, das Vergewaltigern den Verbleib in der Schweiz ermöglicht – ausgerechnet wegen des Rechts auf Familienleben. Doch das täuscht, wie dieser Fall zeigt. Das Gericht entschied im Juni 2026 zugunsten der Schweiz. Die Beschwerde sei ohnehin verfrüht: Bislang sei noch gar kein Ausreise-Entscheid gefällt worden. Die Schweizer Gerichte hätten aber auch die Verhältnismässigkeit der Landesverweisung ausreichend und stichhaltig begründet: Der Beschwerdeführer sei als Erwachsener in die Schweiz gekommen und habe seither keine engen sozialen Bindungen entwickelt. Gearbeitet habe er zum Zeitpunkt des Verfahrens länger nicht mehr. Demgegenüber pflege er in Burkina Faso enge Kontakte zu Angehörigen, besonders zum Adoptivsohn. Auch engagiere er sich dort operativ und finanziell in seinem Verein, der ein Gesundheitszentrum betreibt. Er habe selbst eingeräumt, wegen seiner Tätigkeiten in seinem Herkunftsland regelmässig hinzureisen, er denke gar daran, definitiv zurückzukehren. Der EGMR hat mit zwei Leitentscheiden 2001 und 2006 unmissverständlich klargestellt: Das Recht auf Familienleben bietet niemandem absoluten Schutz. Bei schwersten Delikten – insbesondere im familiären Umfeld – stehen Opferschutz und öffentliche Sicherheit über dem individuellen Recht auf Familienleben. Entsprechend erklärt das Gericht in diesen Fällen Wegweisungen fast immer für zulässig. Einzige Ausnahme: der Einzelfall wurde unvollständig geprüft. Denn ebenso fest steht ein weiterer Grundsatz: pauschale oder automatische Wegweisungen sind nie rechtens. Y VONNE KUNZ ist Gerichtsreporterin

in Zürich. 5


Verkäufer*innenkolumne

Ich bin nicht Donald Trump Seit einigen Monaten gibt es zu jedem Heft ein Teaser-Plakat, das wir beim Verkaufen anbringen können. Es soll die Passant*innen auf die Themen im Heft aufmerksam machen. Als wir es zum ersten Mal hatten, hängte ich es an meinem Standort am Bahnhof Winterthur auf und stand friedlich und freundlich mit dem Heft in der Hand da. Es dauerte nicht lange, da blieb ein Mann stehen und warf einen Blick auf das Plakat. Darauf standen zwei ­Schlagzeilen: «Neuer Bericht des Bundesrates: Arme Schweiz?» und «USA: Trump macht Jagd auf Obdachlose».

Ich möchte Frieden und gut schlafen. Keinen Krieg.» Aber es ging weiter: «Trump wirft Migrant*innen aus dem Land! Er bekämpft die Armen!» Ich sagte: «Ich bin nicht verantwortlich dafür. Ich möchte hier nur vier Franken verdienen, indem mir jemand ein Heft abkauft. Ich bin nicht Trump … » Er schrie: «Ich kaufe dieses Heft nie mehr!» Er griff nach dem Plakat und zerriss es.

Ich dachte: Oje, was ist das denn? Was will er von mir? Reflexartig habe ich mich entschuldigt. «Ich kann nichts dafür.

So plötzlich, wie er angefangen hatte, fing sich der Mann wieder. Er lief in den Coop davon. Kurz darauf kam er zurück,

Am nächsten Morgen früh stand er wieder da und kaufte mir ein Heft ab, als erste Person des Tages. «Toi, toi, toi», sagte er. Und ich: «Ok …» Seither kauft er jede Ausgabe. Ich weiss unterdessen, dass er in Zürich wohnt. Er fährt für das Heft nun extra jedes Mal nach Winterthur zu mir. Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr.

SEYNAB ALI ISSE, 54, verkauft Surprise seit 22 Jahren am Bahnhof Winterthur. Wenn sie streitet, dann höchstens mit ihren Kindern über Kleinigkeiten.

Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

ILLUSTRATION: MARIE SCHÜPBACH

Er dagegen las offenbar nur: «Trump!!!» und beschimpfte mich: «Sie wissen, dass dieser Mann viel zu viel Geld hat! Trump ist ein Lügner! Ein Kriegstreiber!»

Ich sagte: «Wenn Sie kein Heft wollen, kein Problem. Aber dann gehen Sie bitte. Wenn Sie herumschreien, schauen alle Leute her.» Tatsächlich hatten die Leute begonnen, sich nach uns umzudrehen.

mit einem Mineralwasser und einem Gipfeli. Er drückte mir beides in die Hand und entschuldigte sich.

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ILLUSTRATION: CHRISTINA BAERISWYL

schen Form zu tun, die riesige Flagge an der Rütliwiese beispielsweise hängt meistens schlaff –, aber im direkten Vergleich liegt man hierzulande wohl nur knapp hinter den türkischen, was die Anzahl anbelangt. In der Schweiz suche ich jeweils nach dem Produkt mit den meisten Schweizerkreuzen oder Hinweisen darauf, dass ein Produkt aus der Schweiz ist. Nach jahrelangen Studien kann ich sagen, dass derzeit unangefochten eine Kaugummipackung auf Platz eins liegt: Auf den circa fünfzig Quadratzentimetern Verpackungsfläche ist insgesamt acht Mal vermerkt, dass der Kaugummi aus der Schweiz ist, und dass er gut ist, weil er aus der Schweiz ist, und dass er schweizerisch ist, was Qualität bedeute, und dass es sich spezifisch um Schweizer Qualität handle.

Moumouni antwortet

Wohin weht der Wind? Ich bin in der Türkei in den Ferien und zähle rot-weisse Flaggen. Inzwischen ist das zu einem Spiel geworden: Wer mehr findet, hat gewonnen. Und wer näher dran ist beim Schätzen, wie viele wir davon in der Umgebung finden können, bekommt eine Glace. Da das auch ausserhalb meiner Ferien eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, bin ich ziemlich gut darin, und ich bekomme viel Glace. Nice. Auf der Parkbank ein rot-weisses Schild, im Park selbst eine rot-weisse Tulpenformation, hier eine kleine, da eine grosse Flagge, hier eine auf einem offiziellen Gebäude, da an einem Schlüsselanhänger, dann Fussballtrikot. In den Boden ist ein rot-weisser Stein eingelassen. Am Horizont schwebt eine riesige Flagge auf einem sehr hohen Mast neben einem Minarett. Der Wind bläst ihr Erhabenheit ein, majestätisch weht sie in der Luft. An der Tankstelle hängt ein Bildschirm, auf dem ebenfalls eine Surprise 633/26

türkische Flagge weht, das Flattern ist wohl digital erstellt worden und stockt manchmal. Immer mal wieder sieht man Girlanden mit zwanzig bis dreissig Miniflaggen, dreimal gespannt über den Marktplatz, das macht circa neunzig Miniflaggen. Hier Flagge auf Auto in Klein, dort ganzes Auto in Rot-Weiss, das rote Feuerwehrauto hat ebenfalls das weisse Motiv aus Halbmond und Stern aufgemalt. Selbst das Licht der roten Ampel strahlt durch eine Halbmond-Stern-Schablone. Das Taxihäuschen ist gekleidet in eine rot-weisse Flagge. Ein Spaziergänger führt einen Hund aus; auf dem Leinengeschirr Halbmond und Stern auf blutrotem Grund. Zurück in der Schweiz geht es weiter mit dem rot-weissen Flaggenzählen. Schweizer*innen haben zwar tendenziell kleinere Fahnen, und meistens fliegen sie auch nicht so majestätisch in der Luft – das hat wohl mit der bescheideneren Höhe der Masten und der quadrati-

Beziehungsweise: [Markenname] «of Switzerland» steht oben, direkt darunter steht «finest Swiss oral care», dann ein Schweizerkreuz, an der Seite weisse Schrift auf rotem Grund «Swiss made», auf der Rückseite steht wieder «finest Swiss oral care», dann eine Schweizer Adresse und nochmal ein rot-weisses «made in Switzerland» und noch ein weiteres Schweizerkreuz. Was wollen uns die vielen Flaggen nur sagen? Womöglich hat man in beiden Ländern panische Angst davor, in Ohnmacht zu fallen und beim Aufwachen nicht mehr zu wissen, wo man ist. Falls man also kurzzeitig an Gedächtnisverlust leidet, wüsste man so relativ schnell wieder: Irgendwas mit rot-weiss, alles rot-weiss. Den Rest der Geschichte kann man vergessen. Hauptsache rot-weiss, schölöööö.

FATIMA MOUMOUNI

hat als Deutsche wohl auch nach der WM 2006 noch einen verkrampften Umgang mit Flaggen als Ausdruck nationaler Überlegenheit. 7


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Und jetzt die «Flamingo-Proteste» Fotoessay Seit 35 Jahren reist der Fotograf Hans Peter Jost immer

wieder nach Albanien. Seine Bilder zeigen die gewaltigen Umbrüche, die das Land seit den Neunzigerjahren durchmacht. FOTOS HANS PETER JOST

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TEXT KLAUS PETRUS

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Albanien im Wandel: Auf der einen Seite alteingesessene Tradi­tionen wie die «Schwurjungfrauen» (albanisch burrnesha), die nach einem feierlichen Eid wie Männer leben und von der Gesellschaft als solche anerkannt werden (1), aufwändige Trachten (5) und traditionelle Dorfläden (3); auf der anderen Seite Aufbrüche und Umstürze wie das Ende des kommu­ nistischen Systems im Jahr 1990, mit dem auch die Getreideproduktion zusammenbrach – Brot war mit das wichtigste Grundnahrungsmittel der albanischen Bevölkerung (4) – oder wiederholte regierungskritische Proteste, wie sie gegenwärtig stattfinden (2). Surprise 633/26

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Erst ging es um den Bau eines Resorts an der Küste Albani­­­ens in einem wichtigen Brutgebiet für Flamingos, an dem Donald Trumps Tochter sowie sein Schwiegersohn be­­teiligt sind; das Projekt soll laut Ministerpräsident Edi Rama den Tourismusund Bauboom zusätzlich ankurbeln (6 und 8). Inzwischen steht bei den seit Mai andauernden «Flamingo-­Protesten» viel mehr auf dem Spiel, es geht um Korruption, Miss­­wirtschaft und die Frage: Wem gehört Albanien? (7) 12

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Schon als Jugendlicher hatte Albanien es ihm angetan. Damals, in den 1960ern, hörte Hans Peter Jost die deutsche Ausgabe von «Radio Tirana» und stellte sich dabei ein Land vor, wo es allen gut geht, wo es weder Arme noch Reiche gibt und keine Ungerechtigkeit herrscht. Schon bevor Jost dann 1991 zum ersten Mal das Land mit der Kamera bereiste, war ihm klar: Das war alles bloss Propaganda. Viele Menschen in Albanien lebten damals in bitterer Armut, nicht wenige mussten ihre Heimat verlassen, um andernorts Arbeit zu finden. Anfang 1997 erreichte die Krise ihren Höhepunkt, als betrügerische Investmentfonds die Bevölkerung um ihr Vermögen brachten und diese sich zu wehren begann. Jost redet im Rückblick von «bürgerkriegsähnlichen Zuständen», die aufgrund dieses sogenannten «Lotterieaufstandes» in Albanien herrschten. Gut zehn Jahre später bereist Jost das Land erneut und von da an immer wieder. Er dokumentiert die gewaltigen Umbrüche, die Albanien seitdem durchmacht: der Einzug des Kapitalismus, die ungleiche Verteilung des Vermögens, die Armut überall, die Neubauten in den Städten und an den Meeresküsten, Schwärme von Tourist*innen – im Jahr 2025 waren es rund 12 Millionen auf eine Bevölkerung von inzwischen noch 2,35 Millionen – und was all das für die Natur bedeutet. «Vieles hat sich getan in Albanien, doch vieles nicht zum Guten», resümiert Jost. Und verweist auf den irren Investment- und Bauboom der letzten Jahre. «Das Land wurde zur Spielweise von Ministerpräsident Edi Rama, Investoren konnten ihre Schwarzgelder anlegen und internationale Stararchitekten ihre Kreativität ausleben, doch die Einheimischen haben davon kaum etwas», so Jost. Umso weniger erstaunen den Fotografen die «Flamingo-Proteste», die seit diesem Mai unter dem Motto «Albanien ist nicht zu kaufen» andauern und klar an Edi Rama adressiert sind. Für Jost ist Albanien unter der Regierung des seit 2013 amtierenden Ministerpräsidenten «keine Demokratie, sondern eine Autokratie». Jost erhofft sich von dieser friedlichen Revolution einen Wandel, der endlich der albanischen Bevölkerung zugutekommt.

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FOTO: ZVG

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HANS PETER JOST, 73, gehörte zu den «Arbeiterfotografen» und ist seit Anfang der Achtzigerjahre als freier Fotojournalist tätig. Er befasst sich mit sozialen Fragen und Umweltthemen. Über Albanien seit dem Ende der Diktatur 1991 hat er «Albania Transition» (Benteli Verlag 2011) sowie «Albania in between» (PLAK-Verlag 2022) veröffentlicht. 13


Verbandswechsel und mehr Gesundheitsversorgung Seit Oktober 2025 ist die Basler

Gassenarbeit mit einem Bus vor dem Bahnhof. Einmal pro Woche ist auch ein Arzt dabei – doch die Menschen kommen nicht nur wegen Medizinischem. TEXT UND FOTOS KLAUS PETRUS

Mittwochmorgen, kurz nach 9, Bahnhof Basel SBB. Ein weisser Bus der Gassenarbeit Schwarzer Peter mit der Aufschrift «Mobile Beratung und Gesundheitsversorgung» steht davor, im Schatten ein aufgeklappter Tisch mit vier Campingstühlen. Ibrahim Nazari * richtet das Schachbrett und die Figuren vor sich aus. Der Mann aus Afghanistan ist regelmässig hier, er kennt die Leute: Meta Abazi, den Pensionär aus dem Kosovo, zum Beispiel, oder Seraina Moser *, die sich dazusetzt und zu spielen beginnt. Doch Zeit zum Plaudern, sagt sie hastig, habe sie jetzt nicht, später vielleicht. Sie alle sind hier, weil dieser Camper da ist mit Kaffee, Tee, Suppe, Socken und einem grossen offenen Ohr. Wie in anderen Städten kommen auch in Basel am Bahnhof häufig Menschen zusammen, die keine feste Bleibe haben oder aus anderen Gründen viel auf der Strasse sind: Obdachlose, Suchtbetroffene, solche, die prekär leben, oder Wanderarbeiter*innen aus Osteuropa. Anders als für die 140 000 Passant*innen, * Namen geändert 14

die an einem Werktag hier verkehren, ist der Bahnhof für sie kein Durchgangsort, sondern ein Ort der Begegnung. «Aber auch ein Brennpunkt», wie Adriana Ružek sagt, Co-Geschäftsleiterin des Schwarzen Peter. «Unterschiedliche Nationalitäten, Alkohol, ein hoher Lärmpegel, Polizeikontrollen, das alles kann mitunter zu Konflikten führen.» Inspiration aus Frankfurt und Rom Der Basler Bahnhof gehört schon lange zu den Orten, an denen die Gassenarbeit anzutreffen ist. «Vor zwei Jahren bekamen wir vom Kanton dann die Anfrage, ob speziell für den Bahnhof ein sozialarbeiterisches Angebot möglich wäre», so Ružek, die an diesem Mittwoch zusammen mit Mira Muheim und Mats Müller den Bus betreut. Nach Sitzungen, an denen neben dem Schwarzen Peter und dem Kanton auch die Stadtreinigung und die SBB teilnahmen, wurde recherchiert, welche Angebote es andernorts bereits gibt: zum Beispiel in vielen deutschen Städten die Bahnhofsmission, eine Einrichtung der

evangelischen und katholischen Kirche, eine Kontakt- und Anlaufstelle in Frankfurt, eine Notschlafstelle an der Stazione Termini in Rom. Die Idee für eine mobile Anlaufstelle kam aus Berlin, wo diverse Organisationen via Bus nicht nur Suppe verteilen, sondern auch niederschwellig Sozialberatungen und medizinische Hilfe anbieten. Wenige Monate später war die Bewilligung für das Projekt auf dem Tisch und die Finanzierung durch die Christoph Merian Stiftung (CMS) für zwei Jahre gesichert. So steht seit letztem Oktober der weisse Bus des Schwarzen Peter zweimal die Woche beim Haupteingang des Basler Bahnhofs, jeweils für drei Stunden. Ibrahim Nazari war von Anfang an da. Der gebürtige Afghane, mehrheitlich im Iran aufgewachsen, spricht hervorragend Deutsch, er kam 2012 als 27-Jähriger in die Schweiz, hatte viele Jobs, war mal auf dem Bau, mal in der Logistik, mal in der Landwirtschaft. Bis er, wie er selber sagt, «mächtig Mist gebaut» hat und des Landes verwiesen wurde. Da aber weder Afghanistan Surprise 633/26


Heute gehts um Schmerzen an der Schulter, sonst arbeitet Arzt Maximilian Meyer im Suchtambulatorium der UPK Basel.


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Kaffee, Tee, Suppe (3), Socken und ein grosses offenenes Ohr findet der 69-jährige Meta Abazi (2) beim Bus der Basler Gassenarbeit (1). Die medizinische Ver­ sorgung, die hier geleistet wird, ist für die Schweiz ziemlich neu. 16

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noch der Iran als sichere Herkunftsländer gelten (wie es im migrationspolitischen Jargon heisst), durfte Nazari nicht ausgeschafft werden. Jetzt lebt er von der Not­ hilfe, das sind 12.70 Franken pro Tag. Davon kauft er Essen, auch mal Zigaretten, der Rest ist fürs Übernachten in der Notschlafstelle. Und nutzt die sozialen Angebote in der Stadt, einen Kaffee hier, eine warme Mahlzeit dort. Bittsteller zu sein, das fällt Nazari schwer. Er möchte arbeiten, Geld verdienen, sich etwas leisten können. «Ich sitze hier und beobachte die Leute, wie sie von einem zum anderen eilen, mit vollbepackten Säcken, schicken Kleidern, alle sind geschäftig, alle sind erfolgreich. Da komme ich mir überflüssig vor, hier auf dieser Bank. Ich sehe ihre Blicke, weiss, was sie denken.» Auch deshalb hat sich Schwarzer Peter dafür eingesetzt, den Platz vor dem Bahnhof aufzuwerten – damit jene, die sich dort aufhalten, nicht ab- und ausgegrenzt sind vom Rest. Jetzt stehen dort kleine Bäume und Büsche in Töpfen, es gibt Rundbänke, die auch von Passant*innen und Tourist*innen benutzt werden, um kurz zu verweilen. «So entstehen Beziehungen zwischen Leuten, die sich sonst kaum treffen würden, da die soziale Kluft zwischen ihnen zu gross ist», sagt Gassenarbeiterin Ružek. Anfänglich seien viele Vorbeigehende kritisch gewesen, man habe sich gefragt, was dieser Camper da soll. «Inzwischen bringen uns wildfremde Menschen Spenden vorbei, sie bleiben auf einen Kaffee und kommen mit anderen ins Gespräch.» Eine schmerzende Schulter Speziell für die Schweiz ist die medizinische Versorgung, die im Bus geleistet wird. Die Basler Gassenarbeit bestritt damit Neuland, seit diesen Sommer ist nun auch in Luzern ein Bus mit diesem Angebot unterwegs. Heute ist Meta Abazi, der Pensionär aus dem Kosovo, an der Reihe. Ihn schmerzt die Schulter, er hat zudem Zucker, weswegen er sich von Maximilian Meyer untersuchen lässt. Der 33-Jährige ist Oberarzt im Suchtambulatorium der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel und seit Projektbeginn im Oktober vorigen Jahres jeden Mittwochvormittag hier. Abazi kam in jungen Jahren schon in die Schweiz, hat hier Marroni verkauft nebst anderen Jobs im Niedriglohnsektor.

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Nach der Pensionierung kehrte er in den Kosovo zurück. Seine Frau war inzwischen an Krebs verstorben, mit seinen drei Kindern hat er nicht sonderlich viel Kontakt. Letzten Winter kam der heute 69-Jährige zurück in die Schweiz, um Finanzielles zu regeln: Seine hiesige Adresse war inzwischen ungültig geworden, weswegen ihm die Rente nicht mehr zugestellt wurde.

oder dritten Besuch aber kann Vertrauen aufgebaut werden. Manchmal kommt es sogar zu längeren Gesprächen, in denen die Leute mir nicht nur ihre Krankheitsgeschichte offenlegen, sondern auch ihr Leben.» In diesen Momenten seien die Beziehung und die Nähe, die so entstehen, mindestens genauso wichtig wie der ärztliche Befund, ist Meyer überzeugt.

«Manchmal kommt es sogar zu längeren Gesprächen, in denen die Leute mir nicht nur ihre Krankheitsgeschichte offen­legen, sondern auch ihr Leben.» MA XIMILIAN ME YER, ARZ T

So jedenfalls erzählt es Abazi, der zurzeit keine Bleibe hat, in Notschlafstellen schläft oder, wie jetzt im Sommer, irgendwo draus­ ­sen. Am liebsten möchte er so schnell wie möglich in den Kosovo zurück. Blutdruck- und Blutzuckermessungen sowie Verbandswechsel bei chronischen Wunden gehören im Bus des Schwarzen Peter zu den Routinearbeiten von Maximilian Meyer. Gerade für Menschen ohne Aufenthaltsbewilligung oder für solche, die hier in der Schweiz keine Krankenkasse haben, schliesse das Angebot des Schwarzen Peter eine medizinische Versorgungslücke, sagt Meyer. Mitunter stellt er auch Rezepte aus. Können sich die Betroffenen die Medikamente nicht leisten, übernimmt der Schwarze Peter die Kosten. Natürlich seien die Arbeitsbedingungen im Bus ganz andere als im Spital, sagt Meyer, dessen Einsatz von der CMS vergütet wird. Doch er staunt, was auf derart engem Platz möglich ist. «Es gibt hier ein Kleiderlager, eine Suppenküche, einen Verbandswechselplatz mit einem medizinischen Grundstock – und das alles in einem Minicamper.» Die meisten Klient*innen kennt er inzwischen recht gut. «Anfänglich sind sie oft skeptisch, nach dem zweiten

Eine Handvoll Nähe und Aufmerksamkeit, das tönt nach wenig – und obendrein nach Sozialromantik. Aber dem ist nicht so. Seraina Moser, eben noch mit Ibrahim Nazari am Schachbrett, sagt es so: «Leute wie ich führen einen täglichen Kampf: nicht nur um Geld, auch um gesehen zu werden. Für die meisten in dieser Gesellschaft zählen wir nicht.» Moser, Mitte 50, hatte keine leichte Kindheit, wie sie erzählt, Gewalt war im Spiel, Vernachlässigung auch. Schon früh kamen die Drogen in ihr Leben. Einmal war sie für ein paar Jahre clean, der Sog war am Ende aber zu gross. Natürlich wünsche sie sich irgendwann ein Leben ohne Sucht, darauf zu hoffen sei für sie aber ein Luxus. Moser hat andere Sorgen. Und redet wieder davon, wie aufreibend es sei, arm zu sein und abhängig. Wie viele andere, die sich an diesem Mittwochmorgen um den weissen Bus am Basler Bahnhof versammeln, kommt auch Seraina Moser immer wieder hierher. Weil dieser kleine Camper mehr ist als ein Gefährt auf vier Rädern zwischen Bänken und Büschen, bepackt mit Kleidern, Wasserflaschen und Hühnersuppe. Er ist Treffpunkt und Lebensraum. Oder wie Gassenarbeiterin Adriana Ružek sagt: ein «sozialer Anker».

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Der Neuanfang Syrien Jahrelang lebten zehntausende Frauen und Kinder

aus den früheren IS-Gebieten in Gefangenschaft. Wie sie nach dem Sturz des Assad-Regimes zurück in ihr Leben finden – und weg von der Radikalisierung. TEXT ANNA-THERESA BACHMANN ILLUSTRATIONEN LAURA SCHOCH Aleppo

Raqqa al-Hol

SYRIEN

Damaskus

Als sich der Konvoi endlich in Bewegung setzte, seien ihre Kinder zu den Busfenstern gestürzt und hätten ihre Gesichter an die Scheiben gedrückt. «Mama, schau mal: die Bäume! die Häuser!», hätten sie durcheinandergerufen, erinnert sich Oum Khaled. Sechs Jahre hatte sie mit ihren acht Kindern im berüchtigten Lager al-Hol im Nordosten Syriens gehaust, in einem Zelt hinter Stacheldraht. So wie Zehntausende weitere Frauen und Kinder, die als Angehörige oder mutmassliche Unterstützerinnen des selbsternannten Islamischen Staates (IS) gegolten hatten. Meist ohne Anklage und ohne Perspektive. Erst im Sommer 2025 durfte Oum Khaled das Lager verlassen. Eines ihrer Kinder hat einen Gendefekt und benötigte dringend medizinische Behandlung. Die kurdischen Milizen, unter deren Kontrolle al-Hol damals stand, genehmigten die Ausreise. Mehrstöckige Häuser, Geschäfte oder Parks, die nun ausserhalb des Lagers an den Busfenstern vorbeizogen – all das hatten Oum Khaleds jüngste Kinder bis dahin nur aus Erzählungen gekannt. Oder von den Displays der Handys, die ins Lager geschmuggelt worden waren und die sich nur leisten konnte, wer auf dem Camp-eigenen Schwarzmarkt oder mithilfe von Verwandten ausserhalb des Lagers genug Geld aufgetrieben hatte. Heute lebt Oum Khaled mit ihren Kindern im Osten Aleppos, in einer engen Gasse mit unverputzten Häusern. Hinter einem der Hauseingänge windet sich eine schmale Treppe hoch zur Wohnung, deren Tür Oum Khaled öffnet. Von Kopf bis Fuss ist sie in Schwarz gekleidet und trägt einen Niqab, einen Gesichtsschleier, der nur ihre Augen hinter dicken Brillengläsern freilässt. Die heute 45-Jährige Surprise 633/26

heisst eigentlich anders. Sie möchte anonym bleiben. Das Stigma al-Hol klebe noch immer an ihr und ihren Kindern, sagt sie. Auf Matratzen, die in der kargen Wohnung auf dem Boden liegen, bittet Oum Khaled, Platz zu nehmen. Möbel gibt es keine. In einer Ecke steht eine Waschmaschine. Benutzen kann Oum Khaled sie nicht. «Das Stromnetz ist zu schwach», sagt sie. Doch das sei immer noch besser als das Leben im Camp. Obwohl der Neuanfang in ihrer alten Heimatstadt Aleppo schwer sei. Von hier war sie einst zu Beginn des fast vierzehn Jahre dauernden syrischen Bürgerkriegs gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren Kindern in Richtung IS-Gebiet aufgebrochen. Menschen wie Oum Khaled und ihre Kinder stellen Syrien gut anderthalb Jahre nach dem Sturz des AssadRegimes vor schwierige Fragen: Wie sollen mutmassliche IS-Familien wieder Teil der Gesellschaft werden? Und: Kann man ihnen trauen – während im Land immer noch Zellen der Terrororganisation aktiv sind? Sich von der IS-Ideologie distanzieren Oum Khaled bestreitet heute, dass sie jemals von der dschihadistischen Ideologie des IS überzeugt gewesen sei. «Wir sind dort einfach hineingeraten», sagt sie. Bis zum Ausbruch der zunächst friedlichen Proteste gegen das Assad-Regime im Jahr 2011 und dem wenig später beginnenden Bürgerkrieg habe ihre Familie in Aleppo ein unaufgeregtes Leben geführt. Vollverschleiert habe sie sich damals schon, seit ihrer Hochzeit und aus religiöser Überzeugung, wie sie sagt. Tatsächlich galt der dicht bebaute Osten Aleppos bereits vor dem Krieg als konservativer als andere Teile der 19


zweitgrössten Stadt Syriens, die lange als Handelsmetropole diente und in der die muslimischen und christlichen, arabischen und kurdischen Bewohner*innen den Alltag ihrer Viertel prägten. Ab 2012 übernahm im Osten der Stadt die bewaffnete Opposition die Kontrolle. Es folgten jahrelange und heftige Kämpfe zwischen den Rebellen und den Truppen des Regimes im Westen Aleppos. Oum Khaleds Ehemann, beteuert sie, sei während dieser Zeit wie sie selbst Zivilist gewesen. Bei einem der Angriffe wurde er schwer verletzt und war seither halbseitig gelähmt – allein deshalb habe er gar nicht für den IS kämpfen können. Die IS-Dschihadisten hatten in der Zwischenzeit ihr vermeintliches Kalifat ausgerufen und die Stadt Raqqa, rund zweieinhalb Autostunden von Aleppo entfernt, zu ihrem Machtzentrum in Syrien erklärt. In diese Richtung sei Oum Khaled schliesslich vor den Kämpfen in Aleppo geflohen. Ihre Familie habe geglaubt, dass es in diesem Landesteil sicherer sei. Ins Gebiet der Terrororganisationen seien sie zufällig geraten. «Ja, es stimmt, wir haben im IS-Gebiet gelebt», sagt sie. «Aber wir waren keine Anhänger*innen.» Ob das zutrifft, lässt sich heute kaum überprüfen. Fest steht: 2019 nahmen kurdisch angeführte Milizen mit Unterstützung der USA sowie der internationalen Anti-ISKoalition an der Grenze zum Irak die letzte Bastion des IS in Syrien ein. Zehntausende IS-Kämpfer sowie Männer, Frauen und Kinder aus den früheren IS-Gebieten gerieten in Gefangenschaft und wurden in Lager und Gefängnisse im Nordosten Syriens verfrachtet, die unter kurdischer Kontrolle standen. «Sie trennten die Männer von den Frauen und Kindern», erinnert sich Oum Khaled. «Bis heute habe ich nichts von ihm gehört.» Vermutlich, glaubt sie, sei auch er in einem Gefängnis im Nordosten Syriens gelandet. Zuvor habe er ihr noch 2000 US-Dollar zugesteckt, damit sie die Kinder ernähren konnte. Das Jüngste sei bei der Ankunft im al-Hol-Camp kaum älter als zehn Tage gewesen.

«Ja, es stimmt, wir haben im IS-Gebiet gelebt. Aber wir waren keine Anhänger*innen.» OUM KHALED

Ein Klima der Gewalt Al-Hol war Jahrzehnte zuvor als Flüchtlingslager für Menschen aus dem Irak gegründet worden. Mit der Ankunft zehntausender mutmasslicher IS-Familien entwickelte sich das Camp in der medialen Darstellung zu einem der berüchtigtsten Flüchtlings- und Internierungslager der Welt, mit eigenen Hierarchien, einem Klima der Gewalt und Schmuggelstrukturen. Mehr als 70 000 Menschen waren dort zeitweilig untergebracht. Internationale Hilfsorganisationen warnten jahrelang vor den Zuständen im 20

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Lager – aus humanitären und medizinischen Gründen. Aber auch weil vielen der dort Festgehaltenen, darunter den Kindern und Jugendlichen, inmitten der Trostlosigkeit eine weitere Radikalisierung drohte. Eine einfache Schulbildung habe es zwar gegeben, sagt Oum Khaled. «Aber letztendlich haben sie dort nur Kekse verteilt, statt den Kindern etwas beizubringen.» Die Älteren hätten zudem mit anpacken und ihr dabei helfen müssen, selbstgemachte Falafel im Camp zu verkaufen, um etwas Geld zu verdienen. Die Folgen dieser Jahre reichen bis in die Gegenwart. Heute, zurück in Aleppo, eilt Oum Khaleds Kindern der Ruf von al-Hol voraus. Einige Menschen im Quartier würden sie abschätzig behandeln, erzählt Oum Khaled, die sich weiterhin so streng verhüllt wie im IS-Gebiet. Und der Weg zurück in ein geregeltes Leben ist voller bürokratischer Hürden. Für die jüngsten Kinder, die im sogenannten Kalifat geboren wurden und deren Vater bis heute verschollen ist, existieren keine offiziellen Geburtsurkunden. Lange habe sie deshalb nach einer Schule suchen müssen, die ihre Kinder überhaupt aufgenommen habe, sagt Oum Khaled. Job im Baugewerbe Unterstützung bekommt Oum Khaled von der «Stabilization Support Unit» (SSU). Die NGO begleitet Rückkehrer*innen aus den Lagern im Nordosten Syriens, hilft ihnen bei Behördengängen und versucht zugleich, Spannungen zwischen den Familien und der übrigen Bevölkerung abzubauen. Finanziert wird ihre Arbeit durch internationale Geldgeber, darunter europäische. Rund 100 mutmassliche IS-Familien hat die Organisation laut ihrem Geschäftsführer Monzer al-Salal bislang bei der Reintegration unterstützt. Damit das gelingt, seien drei Faktoren entscheidend, so al-Salal. «Diese Familien brauchen eine Unterkunft, Bildung sowie Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu sichern, sodass sie davon in Würde leben können.» Im Fall von Oum Khaled hat die SSU ihr und ihren beiden mittlerweile erwachsenen Söhnen Jobs im Baugewerbe vermittelt: Für je 200 US-Dollar pro Monat – einem im heutigen Syrien überdurchschnittlichen Betrag für diese Art von Arbei – räumen die drei Kriegstrümmer in Aleppo beiseite und befreien die vielen noch immer zerstörten Strassen von Schutt. Al-Salal warnt davor, Familien wie die von Oum Khaled pauschal als Terroranhänger*innen zu brandmarken und sie für die Verbrechen ihrer Angehörigen verantwortlich zu machen. «Wenn wir diese Familien nicht unterSurprise 633/26

stützen und ihnen nicht helfen, dann kann der IS sie ­wieder für sich gewinnen», sagt er. «Er könnte ihre wirt­ schaftliche Not ausnutzen und ihr Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein.» Deswegen sei ihre Reintegration auch eine Form von Terrorismusprävention. Doch ein Rest von Skepsis gegenüber Menschen aus Lagern wie al-Hol, so räumt al-Salal ein, bleibe bei vielen in der Gesellschaft trotzdem – ob begründet oder nicht. Neue IS-Anschläge in Syrien Auch wenn der IS in Syrien heute kein zusammenhängendes Territorium mehr besitzt, ist seine Ideologie längst nicht besiegt. In den vergangenen Monaten beanspruchte die Terrororganisation zusammen mit ihr nahestehenden Zellen mehrere Anschläge in Syrien für sich und kündigte eine «neue Phase» der Gewalt an, die sich gegen die von Islamisten dominierte Übergangsregierung von Präsident Ahmed al-Scharaa richte. Al-Scharaa, der lange nur unter seinem früheren Kampfnamen Abu Mohammed al-Jolani bekannt war, ­verbindet eine komplexe Vergangenheit mit den dschihadistischen Netzwerken der Region: Viele Jahre war er im Netzwerk der Terrororganisation al-Qaida aktiv gewesen und unterhielt zeitweise auch Kontakte zum IS. Mit beiden überwarf er sich im Verlauf des Syrien-Krieges, und sein letztes islamistisches Milizenbündnis Hayat Tahrir al-Sham (HTS) entwickelte sich zu einem Rivalen des IS. Mit der HTS und verbündeten Gruppen gelang es al-Scharaa im Dezember 2024, das Assad-Regime zu stürzen. Seither hat al-Scharaa nicht nur seinen Kampfnamen in Syrien abgelegt, sondern bemüht sich auch international um ein gemässigteres Image. Damit hat er durchaus Erfolg, etwa bei US-Präsident Donald Trump: Formell trat Syrien im November 2025 der internationalen Anti-IS-­ Koalition bei. Gleichzeitig rückte Washington von seinen früheren Verbündeten in Syrien ab: den kurdischen Milizen, die während des Bürgerkriegs im Nordosten des Landes ein autonom verwaltetes Gebiet aufgebaut hatten. Als der Konflikt zwischen der neuen Führung in Damaskus und den Kurd*innen über die Zukunft des Nord­ ostens Anfang 2026 nach einem Jahr erfolgloser Verhandlungen eskalierte, griff al-Scharaas Regierung das Gebiet an. In den Wirren der Kämpfe konnten mehrere mutmassliche IS-Kämpfer und ihre Angehörigen aus einem Gefängnis und dem al-Hol-Camp fliehen. Ihre genaue Anzahl und die Umstände sind bis heute umstritten. Aber das Chaos jener Tage verstärkte die Angst vor einem erneuten Erstarken des IS in Syrien und der Welt. 21


Auch die Cousinen Oum Obaida und Oum Ahmad konnten Anfang 2026 mit ihren Kindern aus dem al-Hol-Camp ausbrechen. Dort waren zu diesem Zeitpunkt laut internationalen Hilfsorganisationen noch mehr als 20 000 Menschen untergebracht. Die beiden Frauen sind in ihren Zwanzigern, heissen ebenfalls anders und bestreiten im Gegensatz zu vielen früheren Insass*innen von al-Hol nicht, sich vor einigen Jahren dem IS angeschlossen zu haben. Ihre Ehemänner seien damals Kämpfer der Terror­ organisation gewesen: Der Mann von Oum Obaida sei später bei Gefechten getötet, jener von Oum Ahmad mehrere Jahre von den Kurden in Haft gesetzt worden. Lieber keine Hilfe suchen Seit ihrer Flucht aus al-Hol leben die beiden Frauen mit ihren insgesamt sieben Kindern in der Nähe von Aleppo, in einer halbverlassenen Siedlung mit zwei- und dreistöckigen Flachbauten. Auf dem Dach trocknen sie Kamille und Mohnblüten in der stechenden Sonne, um sie als Tee zu verkaufen. Das soll den kargen Lohn von Oum Ahmads Mann aufbessern, der inzwischen aus der Haft entlassen wurde und in einer nahen Gärtnerei arbeitet. Unterstützung von Hilfsorganisationen erhalten sie nach eigenen Angaben nicht. Hilfe zu beantragen, sei ihnen zu riskant: Sie fürchten, damit die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zu ziehen und erneut hinter Stacheldraht zu landen. Davor hätten sie andere frühere Insassinnen von al-Hol gewarnt, die sie im Wartezimmer eines Arztes in Aleppo getroffen hatten, berichten die Frauen. Da die Übergangsregierung das Camp kurz nach dem Abzug der Kurden und der Übernahme durch Damaskus schliessen liess, können Oum Obaida und Oum Ahmad nicht wieder in al-Hol enden. Doch berichten Mitarbeitende lokaler Hilfsorganisationen, die dort arbeiten, dass mittlerweile rund 4000 Menschen in ein neues Lager in der Nähe von Aleppo gebracht wurden. Wieder dort landen und auf unbestimmte Zeit ausharren, das wollen Oum Obaida und Oum Ahmad unter keinen Umständen. Zu furchtbar sei ihre Behandlung in al-Hol gewesen. Erinnern sie sich hingegen an ihre Zeit im Kalifat, geraten sie mitunter ins Schwärmen. Auf den Strassen Raqqas, da sei es unter dem IS so sauber und sicher gewesen, sagt Oum Ahmad. «Naja, bis auf die Bombardierungen der USA», ergänzt sie. Nach ihrer eigenen Rolle in jenen Tagen gefragt, erzählt sie von gegenseitigen Familienbesuchen. «Der Dschihad der Frau ist ihr Zuhause», sagt sie. Doch die Rolle von IS-Frauen auf die von Hausfrauen und Müttern zu reduzieren, greift zu kurz. Viele von ihnen 22

unterstützten die Terror-Herrschaft auf unterschiedliche Weise und machten sich mitschuldig. Etwa, indem sie sich an der Versklavung und Misshandlung von Jesid*innen beteiligten. Der IS verübte an der religiösen Minderheit im Irak 2014 einen Völkermord und verschleppte Tausende Frauen und Kinder, auch nach Syrien. Andere IS-Frauen patrouillierten als Sittenwächterinnen in Städten wie Raqqa und überprüften, ob Frauen die strengen Kleidervorschriften des IS einhielten. Von den drakonischen Strafen, mit denen die Dschihadisten ihre Herrschaft im «Namen des Islam» durchdrückten, können auch die beiden Frauen erzählen. Einmal habe sie der Hinrichtung einer Frau beiwohnen müssen, erinnert sich Oum Obaida. Ihr sei Ehebruch vorgeworfen worden. «Wir Frauen standen weit weg. Nur die Männer waren in Nähe der Frau, zusammen mit den Kindern. Sie hatten Steine in den Händen», erzählt sie. Auf Befehl eines Richters habe ein Mann der Verurteilten mit einem grossen Stein von hinten auf den Kopf geschlagen, damit sie bewusstlos wird. Dann schlugen auch die anderen zu. «Der Anblick war beängstigend», sagt Oum Obaida. Die Strafe selbst verteidigt sie trotzdem. So habe es der Koran vorgeschrieben, behauptet sie, und verweist auf eine Sure, die ihre Sichtweise stützen soll. Für ihre Kinder, sagen die beiden Frauen, wünschen sie sich jedoch ein anderes Leben als das ihre. Sie selbst hätten vor ihrer Heirat mit einem IS-Kämpfer einmal Ärztin und Übersetzerin werden wollen, sagen die Cousinen. Der Krieg habe diesen Träumen ein Ende gesetzt. Dem Versprechen des IS, das den einen Freiheit vorgaukelte und für andere Terror bedeutete, scheinen sie allerdings bis heute nicht vollständig abgeschworen zu haben. Einem Versprechen, dem zwischen Armut und Indoktrination auch die nächste Generation in Syrien wieder verfallen könnte.

Mitarbeit YASER SHAHROUR Surprise 633/26


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Raum, um zuzuhören Theater In Kolumbien werden seit Jahrzehnten Kinder in bewaffneten

Konflikten zwangsrekrutiert. Die multimediale Performance «Corazón Rudo» rückt am Zürcher Theater Spektakel ihre Stimmen ins Zentrum. TEXT MONIKA BETTSCHEN

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zu Wort kommen – auch die Täter*innen. «Wer als Minderjährige*r dazu gezwungen wurde, Waffengewalt anzuwenden, ist zugleich Täter*in und Opfer – auch von sexualisierter Gewalt oder von Drogenmissbrauch. Weigert sich eine Gesellschaft, diese Ambivalenz anzuerkennen, besteht die Gefahr, dass neue Konflikte entstehen», sagt Diana Rojas-Feile. Es wäre falsch, von einem einheitlichen kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung auszugehen, betont Rojas-Feile, die auch in ihrem eigenen Umfeld erlebt hat, wie Menschen zu Opfern der Gewalt wurden. «Vielmehr gibt es eine Vielzahl konkurrenzierender Erzählungen und unterschiedliche Erklärungen dafür, was im Land geschah – und immer noch geschieht. Menschen in der Hauptstadt Bogotá haben die Ereignisse anders erlebt als Leute auf dem Land. Kolumbien ist eine gespaltene Gesellschaft.» Es bestehe heute ein Teufelskreis der Gewalt, der nie durchbrochen worden sei: «Der Gedanke, dass es Krieg braucht, wird normalisiert. Wir müssen uns in Kolumbien fragen, ob wir den Frieden wirklich wollen.» Angestossen durch Forschungsprojekt Nach jahrzehntelangen bewaffneten Konflikten seien viele Kolumbianer*innen müde, über die Vergangenheit zu sprechen, sagt Rojas-Feile. Darum sei es für das Projekt «Corazón Rudo» wichtig gewesen, in den Recherchegesprächen mit den Betroffenen erst einmal Ängste ab- und Vertrauen aufzubauen. «Ich habe die Gespräche nie mit den Worten ‹Erzähl mal, wie es damals war› begonnen. Stattdessen fragte ich, welche Erinnerungen in ihren Körpern gespeichert seien. So konnte ich ihnen zeigen, dass ich sie nicht auf ihre Gewalterfahrungen reduziere, sondern Surprise 633/26

BILDER: MARIA ANGELICA MEJIA

Kolumbien blickt auf einen der längsten bewaffneten Konflikte der Gegenwart zurück. In mehr als sechs Jahrzehnten wurden Millionen von Menschen vertrieben und Familien auseinandergerissen. Bis heute dauert der Konflikt zwischen Rebellengruppen, Paramilitärs und dem staatlichen Militär an. Sie bekämpfen sich, befeuert durch eine Vielzahl an Ursachen. So macht etwa die ungerechte Verteilung von Agrarflächen viele Kleinbäuer*innen zu Landlosen. Ein Grossteil der Bevölkerung ist unzufrieden mit der mangelnden politischen Teilhabe oder dem fehlenden Zugang zu Bildung und Gesundheit. Besonders Indigene und Afrokolumbianer*innen werden diskriminiert, politische Gewalt ist stetig präsent und betrifft unterschiedliche politische Lager. Verschärft wird die Situation durch den Kokainhandel, mit dem sich viele Konfliktparteien finanzieren. Trotz des 2016 unterzeichneten Friedensabkommens zwischen der Regierung und der sozialistisch-marxistischen Guerillaorganisation FARC flammen in entlegenen Regionen wieder neue Kämpfe auf. Und: Die Rekrutierung Minderjähriger durch bewaffnete Gruppen hat wieder stark zugenommen. Die Regisseurin Diana Rojas-Feile ist selbst in Bogotá aufgewachsen und eröffnet in ihrer multimedialen Performance «Corazón Rudo» (dt. Raues Herz) einen Zugang zur Perspektive von Menschen, die als Kinder zwangsrekrutiert wurden. In ihrer künstlerischen Forschung setzt sich Rojas-Feile mit den ästhetischen und ethischen Herausforderungen auseinander, solche realen Biografien erzählbar zu machen. Die Produktion entstand aus der Überzeugung heraus, dass Frieden eine permanente Aufgabe ist und nur erreicht werden kann, wenn alle Konfliktparteien


Schwelender Mikrokosmos Buch In «Hundesöhne» erzählt Louisa Merten

von verlorenen Menschen und Tieren. Das Tierheim Le Chat, auch Lösch genannt, ist Ginnys Zuhause. Mit dem knorrigen, verwitweten «Hundeflüsterer» Sebrov und seinem gegen Mensch und Tier groben Sohn Mirko betreut sie heimatlose Katzen und Hunde. Der Alltag ist Routine, ein ständiger Kampf gegen Hitze, Tierkot und Gestank in einem bunten Chaos von Plüschtieren und Fressnäpfen. Das Haupthaus von Le Chat hat die Form eines Kreuzes, ein Tempel mit Geburtsnischen und Sterbekammern. Vor sechs Jahren hat Ginny ihre Mutter, ihren Bruder und den Mann, den sie «Papa» nennt, verlassen, um im Lösch eine Lehre als Tierpflegerin zu machen. Doch dahinter steckt ein Plan. Ginny ist auf der Suche nach ihrem biologischen Vater, den ihre düstere und unnahbare Mutter nur «den Fremden» nennt und von dem Ginny glaubt, dass er irgendwo in der Gegend um das Tierheim wohnt. Aber mit der Zeit versiegt ihr Elan. Und immer mehr gleicht sie in ihrem Verlorensein den ausgesetzten und verstossenen Vierbeinern. Einziger Lichtblick ist das Warten auf die Rückkehr ihres Lovers Remi, Sebrovs zweitem Sohn. Bis eines Tages Aka auftaucht. Die neue Praktikantin, die Ginny wie ein Eindringling erscheint, wirft sie aus der Bahn. Ginnys Lethargie zerbricht, und verschüttete Sehnsüchte erwachen wieder. In Marcel, einem Bekannten Sebrovs, glaubt sie ihren Vater zu erkennen und folgt ihm bis zu seinem Haus. Sie nistet sich in einer Höhle ein und beobachtet Marcel. Sie wird zur Stalkerin, unsichtbar zwar, aber spürbar wie eine Bedrohung. Als Marcel eines Tages fluchtartig aufbricht, dringt Ginny in sein Haus ein und schlüpft in die Rolle der Tochter, die sie hätte werden können. Als sie ins Tierheim zurückkehrt, hat man sie ersetzt. Sie will es zwar nicht wahrhaben, versucht sich in den Alltag zurückzudrängen, aber längst ist alles aus den Fugen geraten. Alte Wunden brechen auf. Alle im Umfeld von Lösch haben Verluste erlitten. Die Geschehnisse geraten in eine wirbelnde Bewegung, die sich in einem vernichtenden Waldbrand entlädt, nach dem Ginny einen letzten, aussichtslosen Versuch unternimmt, die alten Wunden zu schliessen. Es ist ein ungewöhnlicher Schauplatz, an dem die Autorin Louisa Merten ihren Debütroman angesiedelt hat. Ein schwelender Mikrokosmos, dessen Bewohner, Mensch wie Tier, an verlorener und versagter Liebe leiden. Merten fasst dieses Leiden in eine Sprache, die umso lyrischer wird, je mehr sie vom Unsagbaren erzählt. So ist ein anspruchsvoller und packender Text entstanden, der unter die Haut geht. CHRISTOPHER ZIMMER

Mit Klang und Installation Zugang zur Perspektive von Menschen finden, die als Kind zwangsrekrutiert wurden.

«Corazón Rudo», multimediale Performance, Zürcher Theater Spektakel, bis 30. Aug. Restkarten an der Abendkasse. Weitere Vorstellungen 2. bis 4. Sep., Rote Fabrik, Zürich. theaterspektakel.ch, rotefabrik.ch Surprise 633/26

FOTO: ZVG

ihnen als Gegenüber begegnen möchte, das bereit ist, zuzuhören», erzählt die Regisseurin. Als Künstler*in oder auch als Journalist*in neige man dazu, Interviewpartner*innen, auch mit guten Absichten, zu instrumentalisieren. Um dem vorzubeugen und deren Würde zu wahren, habe sie mit einer Anwältin und einer Psychologin zusammengearbeitet. Angestossen wurde «Corazón Rudo» durch das Forschungsprojekt «Ästhetisierung von Kriegsgewalt» an der Hochschule der Künste in Bern unter der Leitung der Soziologie- und Geschichtsprofessorin Priska Gisler. In diesem Rahmen begann Rojas-Feile eine mehrmonatige Recherche. In Workshops erzählten ihr Menschen, die als Minderjährige zwangsrekrutiert wurden, ihre Geschichten. Dabei nutzte sie auch Körperkartografien. Das ist ein Ansatz aus der Psychologie, der unter anderem in der Traumatherapie angewendet wird. Emotionen oder auch Schmerzen werden auf eine Körperskizze übertragen, um die Selbstwahrnehmung zu stärken und sich nicht mehr länger bloss als Summe leidvoller Ereignisse zu sehen. Später folgten auch Schreibübungen, aus denen sich eine kollektive Geschichte formte, die sich in «Corazón Rudo» nun in der fiktiven Figur Margarita verdichtet. Am Zürcher Theater Spektakel kann das Publikum nun mit Kopfhörern einen Erfahrungsraum begehen, in dem Musik, Klang, Installation und Erinnerungen ein tieferes Verständnis dafür ermöglichen, wie das Stigma der Vergangenheit das Leben der Betroffenen prägt. «Eine Frau erzählte mir, dass sie lange ein Doppelleben führte aus Angst, von der Familie abgelehnt zu werden. Nun fand sie die Kraft, sich ihrer Tochter anzuvertrauen», sagt Rojas-Feile. «Mich beeindruckt, wie resilient viele dieser Menschen sind, die sich zwar im juristischen Sinn durchaus als Opfer wiedererkennen, aber dennoch Wege zurück ins Leben finden.»

Louisa Merten: Hundesöhne. Lenos 2025. CHF 27.90

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Basel «Theaterfestival Basel», bis So, 6. Sep., Kaserne Basel, Festivalzentrum, Klybeckstrasse 1b, und andere Spielorte. theaterfestival.ch

Die Eröffnungsinszenierung des Theaterfestival Basel heisst «Three Times Left is Right» und ist eine provokante Dokufiktion. Es geht um ein Paar, dessen politische Überzeugungen kaum unterschiedlicher sein könnten: Er ist Professor mit linker Vergangenheit, sie Publizistin der Neuen Rechten. Es entsteht eine Auslegeordnung von Fragen der Ideologie, Zugehörigkeit und Widersprüchlichkeit. Überhaupt scheint das Theater gerade wieder verstärkt zum Ort ernsthafter gesellschaftlicher und politischer Fragen zu werden – zu beobachten sowohl in einzelnen Produktionen wie auch in der Haltung grösserer Festivals. In dem Sinn kann hier auch nachholen, wer das eine oder andere am Zürcher Theater Spektakel verpasst hat: zum Beispiel das Stück «Trapped in Hope», für das Regisseur Nabil Al Raee auf seine eigene Geschichte als Leiter des Freedom Theatre im Westjordanland zurückgreift. Die dokumentarische Theaterarbeit erzählt von Enteignung, Gewalt und den langfristigen Folgen von Besatzung. DIF

Zürich «Schillernde Blasen. Friedrich Glauser – Nando von Arb», Ausstellung, Sa, 5. Sep. bis Sa, 5. Dez., Galerie Litar, Letzistrasse 23. litar.ch Zwischen dem Comiczeichner Nando von Arb (*1992) und dem Schriftsteller Friedrich Glauser (1896–1938) liegt ein ganzes Jahr­ hundert. Aber bei beiden tauchen Ängste, Träume und Erinnerungen aus der Kindheit auf. Von Arb über­ setzt in seiner Graphic Novel «Fürchten lernen» eigene Angster­ fahrungen in Bilder. Glauser er­ zählt in «Damals in Wien» 1938 von seiner Kindheit in Wien um 1900, geprägt vom frühen Tod der Mutter und einem übermächtigen Vater. Für die Ausstellung hat sich von Arb Friedrich Glauser künst­ lerisch angenähert, mit grosser Sensibilität für dessen Sprach­

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Bern «Atlas der Reproduktion – Babys, Grenzen, Geopolitik», Ausstellung, Fr, 4. Sep. bis So, 25. Okt., Di bis Fr, 10 bis 19 Uhr, Sa 10 bis 17 Uhr, Kornhausforum, Kornhausplatz 18. kornhausforum.ch Reproduktive Rechte bezeichnen Menschenrechte, die allen Men­ schen garantieren, frei, selbstbe­ stimmt und ohne Diskriminierung über ihren Körper und ihre Sexua­ lität zu entscheiden. Weltweit wer­ den reproduktive Rechte aber zu­ nehmend eingeschränkt, und die öffentlichen Debatten darüber sind oft stark polarisiert. Acht Installa­ tionen thematisieren im Kornhaus­ forum nun reproduktive Ungleich­ heiten. Sie zeigen zum Beispiel fotografisch, welche Motive spani­

sche Eizellenspenderinnen und russische Leihmütter haben. Sie zeigen, wie geflüchtete Frauen Schwangerschaft in Schweizer Asylzentren erleben. Oder sie ver­ binden die Erfahrungen von Ge­ burtsmüttern aus Sri Lanka mit den Perspektiven von Adoptivkindern in der Schweiz. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Univer­ sität Bern und basiert auf For­ schungsarbeiten des Geographi­ schen und Sozialanthropologischen Instituts. Im Rahmenprogramm finden sich Themen wie reproduk­ tiver Rassismus oder die unfreiwil­ lige Sterilisation in der Prekarität (beide am Do, 1. Okt.). DIF

Zürich «ZirQus», Festival, Mi, 2. bis So, 6. Sep., Zirkusquartier Zürich, Hohlstrasse 256. zirkusquartier.ch/zirqus

kunst. Seine Zeichnungen werden nun bei Litar zu sehen sein. Wien um 1900 und die Schweiz von heute: Welche Ängste liegen in der Luft? Wir vermuten, da liegen ein paar Antworten parat. DIF

Der «ZirQus» ist das grösste Festi­ val für aktuelles Schweizer Zirkus­ schaffen, und das besteht längst aus mehr als Clowns und roten Nasen. Hier rebelliert die «Cie Cir­ qu’en Choc» in ihrem Stück gegen die Gleichgültigkeit. Die Künst­ ler*innen von «House of Hermess» feiern in «La Gender Reveal Party» die Geschlechterfluidität. Und «Tri­ angle of Happiness» von «Heavy

Weight Pieces» ist quasi ein physi­ scher Essay über das menschliche Bedürfnis nach Glück. Im Pro­ gramm finden sich Stücke, die vom Stummfilm inspiriert sind, und

Angebote, mit dem eigenen Leib klassische Zirkus-Disziplinen von Tanz- bis Partnerakrobatik ken­ nenzulernen. Das ganze Festival basiert auf Hutsammlung und ist so für Menschen mit geringem Ein­ kommen und Familien mit Kindern besonders zugänglich. DIF

Basel «Foodsave-Bankett», Brunch mit Rahmenprogramm, Sa, 12. Sep., 11 bis 16 Uhr, kHaus, Kasernenstrasse 8. foodsave-bankette.ch Zu krumm, zu klein, zu viel: Le­ bensmittel, die den strengen Nor­ men des Detailhandels nicht ent­ sprechen oder die zu viel eingekauft werden, landen oft im Abfall – und das, obwohl sie tadellos schme­ cken. In der Schweiz entstehen so fast drei Millionen Tonnen Food

Waste pro Jahr. Um diesen zu be­ kämpfen, holen die «Foodsave-­ Bankette» die Nahrungsmittel mit grossen öffentlichen Essen zurück auf den Teller. Ein breites Netz­ werk aus verschiedenen Organisa­ tionen und vielen Freiwilligen veranstaltet dieses Jahr fast vierzig dieser Festessen in der ganzen Schweiz. Besonders empfehlen wir die Ausgabe im September in Ba­ sel: Hier tritt ab 14 Uhr der Surprise Strassenchor auf und sorgt für eine mitreissende Stimmung am Rheinufer. Eine Reservation für das Bankett ist nicht erforderlich, FUX bezahlt wird via Kollekte.

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BILD(1): NURITH WAGNER-STRAUSS, BILD(2): NANDO VON ARB, BILD(3): SARAH HILDEBRAND, BILD(4): KIRA KYND, BILD(5): JULIA VON SIEBENTHAL

Veranstaltungen


Randnotizen

Der Sommer gab alles Kürzlich schrieb mir jemand einen Satz, der seitdem in mir nachhallt: «Wärme bewegt.» Sie ist mehr als eine Temperaturangabe, mehr als Hitze über Asphalt oder flimmernde Gewitter am Horizont. Wärme ist tief in uns verwoben. Sie bedeutet Geborgenheit und Nähe. Sie bringt Erinnerungen zurück, macht Sehnsüchte grösser und Gemüter unruhig. Auch in der Literatur war Wärme nie bloss Wetter. Sie ist Vorahnung, spült Gefühle an die Oberfläche und lässt Gewissheiten schmelzen. Vielleicht hat gerade der Sommer die Angewohnheit, alles sichtbarer zu machen. Mein Sommer hätte in Marseille beginnen sollen. Seit Wochen lag das Zugticket bereit. Jean-Claude Izzos «Mein Marseille» wartete bereits auf dem Nachttisch. Ich sah mich durch Endoume laufen, den Mistral im Gesicht, Salz auf der Haut. Dann genügte eine Sekunde, ein falscher Schritt, ein Knacken. Jetzt verbringe ich den Sommer mit einer Orthese, Krücken und dem Verlust der Leichtigkeit. Mein Herz war schülig schwer. Kurz darauf dachte ich an einen Satz, den wir uns gerne einreden, wenn Pläne auseinanderfallen: Nicht zu bekommen, was man sich wünscht, ist manchmal ein Glücksfall. Vielleicht glaubt man ihn erst Monate später. Vielleicht nie ganz. Einen Tag später lese ich, dass die Wälder in der Nähe von Marseille brennen.

ILLUSTRATION: MAJ LISA DÖRIG

Während ich den Fuss hochlagere, wird mir bewusst, wie privilegiert diese Enttäuschung eigentlich ist. Ich kann überhaupt reisen. Ich habe eine Wohnung, einen Rückzugsort. Draussen steigen die Temperaturen diesen Sommer so oft über dreissig Grad. Windstille Tropennächte. Tiefgekühlte Erbsenpackungen landen auf Pulsadern statt im Risotto, und die Berliner Polizei nutzt ihre Wasserwerfer ausnahmsweise zum Abkühlen statt zum Auseinandertreiben. Für viele bedeutet es schlechten Schlaf und Augenringe. Für andere wird Hitze zur täglichen Belastungsprobe – überall dort, wo Gesundheit, Einkommen oder Wohnsituation kaum Spielraum lassen, ihr zu entkommen. Besonders sichtbar wird das bei Menschen ohne Wohnung, die keinen Ort haben, an den Surprise 633/26

sie sich zurückziehen können. Hitze ist vielleicht die demokratischste Naturgewalt und zugleich eine der sozial ungerechtesten. In unserer Arbeit beschäftigt uns eine einfache Frage: Wo kann ein Mensch einfach kühl sein? Plötzlich sprechen wir im Team über vertikale Begrünung, Windschneisen und Schwammstädte – Wörter, die vor wenigen Jahren noch kaum jemand kannte. Gemeinsam mit der Fachhochschule OST haben wir den Blick auf das gerichtet, was längst da ist: Bibliotheken, Museen, Quartierzentren und öffentliche Gebäude – kühle Räume, die an Hitzetagen Schutz bieten könnten, wenn wir sie als solche begreifen würden. Die Empfehlungen liegen vor, was noch fehlt, ist ihre Umsetzung. Man muss nicht alles neu bauen, manches muss man nur öffnen. Andere Städte zeigen längst, wie das gehen kann. Barcelona hat hunderte Climate Shelters geschaffen. Bibliotheken, Schulen und Kulturhäuser, in denen Menschen Schatten, Wasser und einen Stuhl finden. In Paris und Genf gefallen mir schon die Worte: îlots de fraîcheur – Inseln der Frische. Kleine kühle Oasen mitten in der Stadt, die Schutz versprechen, wenn der Asphalt glüht. Athen beschäftigt inzwischen sogar eine Chief Heat Officer, deren Aufgabe es ist, die Stadt auf extreme Hitze vorzubereiten. Und darin liegt die eigentliche Herausforderung. Hitze begegnet uns noch immer als Sommerthema und nicht als soziale Frage. Der Perspektivenwechsel beginnt dort, wo wir nicht nur lernen, mit der Hitze zu leben, sondern wie wir Schutz für jene zugänglich machen, die ihn am dringendsten brauchen. Wärme ist deshalb auch immer widersprüchlich. Sie ist das Erste, was wir mit Geborgenheit verbinden. Und sie zeigt uns heute, wie verletzlich wir werden, wenn schützende Orte fehlen.

ADRIANA RUŽEK

ist Gassenarbeiterin in Basel. Bei Hitzewellen schwört sie auf eiskalten Citron pressé und ein kühles Fussbad mit Pfefferminz- und Zitronenöl. 27


IND 0.– S AB 50 ABEI! SIE D

Die 25 positiven Firmen Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung. Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit. Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist. 01

Toppharm Apotheke Paradeplatz Zürich

02

Gemeinnützige Frauen Aarau

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

04

Gemeinnütziger Frauenverein Nidau

05

Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern

06

Lebensschau, Männedorf

07

Bodyalarm - time for a massage

08

Hausarztpraxis Tannenhof, Tann-Rüti

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InhouseControl AG, Ettingen

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Automation Partner AG, Rheinau

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Zehnder Arbeitssicherheit, Zürich

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Madlen Blösch, Geld & so, Basel

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movaplan GmbH, Baden

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Jocher Projekte GmbH, Rheinfelden

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appius GmbH, Interims-Management

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Breite-Apotheke, Basel

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Broki Sidewäg, Bern

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Maya Recordings, Oberstammheim

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AnyWeb AG, Zürich

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Beat Vogel - Fundraising-Datenbanken, Zürich

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Praxis Carry Widmer, Wettingen

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hoopsforyu, jewelry

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Zibsec Sicherheitsdienst, Zürich

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Wuillemin Beratung, wuillemin-beratung.ch

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine Bestätigung. Kontakt: Clara Fasse Team Marketing, Fundraising & Kommunikation T +41 61 564 90 53 I marketing@surprise.ngo

GEMEINSAM SCHAFFEN WIR CHANCEN Nicht alle haben die gleichen Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Aus diesem Grund bietet Surprise individuell ausgestaltete Teilzeitstellen in Basel, Bern und Zürich an – sogenannte Chancenarbeitsplätze. Aktuell beschäftigt Surprise acht Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt in einem Chancenarbeitsplatz. Dabei entwickeln sie ihre persönlichen und sozialen Ressourcen weiter und erproben neue berufliche Fähigkeiten. Von unseren Sozialarbeiter*innen werden sie stets eng begleitet. So erarbeiteten sich die Chancenarbeitsplatz-Mitarbeiter*innen neue Perspektiven und eine stabile Lebensgrundlage. Einer von ihnen ist Negussie Weldai «In meinem Alter und mit meiner Fluchtgeschichte habe ich schlechte Chancen auf dem 1. Arbeitsmarkt. Darum bin ich froh, bei Surprise eine Festanstellung gefunden zu haben. Hier verantworte ich etwa die Heftausgabe oder übernehme diverse Übersetzungsarbeiten. Mit dieser Anstellung ging ein grosser Wunsch in Erfüllung: Meinen Lebensunterhalt wieder selbst und ohne fremde Hilfe verdienen zu können.»

Schaffen Sie echte Chancen und unterstützen Sie das unabhängige Förderprogramm «Chancenarbeitsplatz» mit einer Spende. Mit einer Spende von 5000 Franken stellen Sie die Sozial- und Fachbegleitung einer Person für ein Jahr lang sicher. Unterstützungsmöglichkeiten: 1 Jahr CHF 5000.– ½ Jahr CHF 2500.– ¼ Jahr CHF 1250.– 1 Monat CHF 420.– Oder mit einem Betrag Ihrer Wahl.

Spendenkonto: Surprise, 4051 Basel IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Vermerk: Chance Oder Einzahlungsschein bestellen: +41 61 564 90 90 info@surprise.ngo oder surprise.ngo/spenden nk n Da liche chtigen z r e H i ren w für Ih Beitrag!


Wir alle sind Surprise

Rätsel aus #629

Rätsel aus #630

Lösungswort: ABSCHIEDSWORTE Die Gewinner*innen wurden benachrichtigt.

Lösungswort: SNACKAUTOMAT Die Gewinner*innen wurden benachrichtigt.

Impressum Herausgeber Surprise, Münzgasse 16 CH-4051 Basel Geschäftsstelle Basel T +41 61 564 90 90 Mo–Fr 9–12 Uhr info@surprise.ngo, surprise.ngo

Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Maj Lisa Dörig, Hanna Fröhlich, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Fatima Moumouni, Adriana Ružek, Ralf Schlatter, William Stern, Priska Wenger, Christopher Zimmer

Regionalstelle Zürich Kanzleistrasse 107, 8004 Zürich T +41 44 242 72 11 M+41 79 636 46 12

Mitarbeitende dieser Ausgabe Seynab Ali Isse, Anna-Theresa Bachmann, Hans Peter Jost, Laura Schoch, Marie Schüpbach

Regionalstelle Bern Beundenfeldstrasse 57, 3013 Bern T +41 31 332 53 93

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Geneh­ migung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt.

Soziale Stadtrundgänge Basel: T +41 61 564 90 40 rundgangbs@surprise.ngo Bern: T +41 31 558 53 91 rundgangbe@surprise.ngo Zürich: T +41 44 242 72 14 rundgangzh@surprise.ngo Anzeigenverkauf Stefan Hostettler, 1to1 Media T +41 43 321 28 78 M+41 79 797 94 10 anzeigen@surprise.ngo Redaktion Verantwortlich für diese Ausgabe: Lea Stuber (lea) Diana Frei (dif), Klaus Petrus (kp), Sara Winter Sayilir (win), Andres Eberhard (eba) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch

Surprise 633/26

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FOTO: BODARA

Surprise-Porträt

«Ich fühlte mich wie neu geboren» «Es war im Oktober 2006, da kam ich erstmals zu Sur­ prise. Das ist nun schon fast zwanzig Jahre her. Ich bin sehr zufrieden hier. Aufgewachsen bin ich in Soma­ lia. Ich komme aus einer sehr armen Familie, einem Beduinenstamm. Wir waren immer unterwegs, Schulen gab es keine. Bei uns gibt es immer noch sehr viele Leute, die nicht sesshaft oder Halbnomaden sind. Bei uns spielen Tiere eine grosse Rolle. Wenn es viel regnet, haben wir viele Tiere, dann ist alles gut. Ohne Regen herrscht Dürre, dann sterben die Tiere. Als ich klein war, habe ich mich um die Ziegen geküm­­ mert, später, als Jugendlicher, um die Kamele. Da mein Vater mit vier Frauen verheiratet war, habe ich sehr viele Geschwister, 26 Brüder und Schwestern, um g ­ enau zu sein. Mit zwanzig Jahren bin ich alleine in eine Stadt in der Nähe von Mogadischu gezogen. Dort habe ich auf der Baustelle gearbeitet und etwas Geld verdient. Mein Vater war darüber gar nicht g ­ lücklich, denn er wollte, dass wir als gesamte Familie zusammenleben. Wenig später habe ich geheiratet, wir haben vier Kinder bekommen. Weil die wirtschaftliche Lage alles an­ dere als rosig war, musste ich das Land verlassen, wenn ich meine Familie durchbringen wollte. Das alles hat mich sehr traurig gemacht. So ging ich mit meiner Familie nach Kenia, in ein grosses Flüchtlingscamp. Meine Frau und die Kinder musste ich dort zurücklassen, da ich mehr Chancen hatte, wenn ich allein weiterzog. Von Kenia aus ging ich, zusammen mit einer Gruppe anderer Ge­flüchteter, in den Sudan. Wir durchquerten die Sahara, das war anstrengend und gefährlich, wir hatten während Tagen kaum Wasser. Als wir in Libyen ankamen, waren wir erleichtert, es ge­ schafft zu haben. Doch es war noch nicht vorbei. Mit dem Schiff fuhren wir von Libyen übers Mittelmeer nach Italien. Wäh­rend der Überfahrt starben einige von uns, darunter waren auch Freunde von mir. Als ich 2003 nach Italien und ein paar Monate später in die Schweiz kam, fühlte ich mich wie neu geboren. Von dem Geld, das ich hier in der Schweiz als Flüchtling bekam, konnte ich etwas meiner Frau schicken, mit dem Rest versuchte ich zu überleben. Drei Jahre später fand ich Arbeit bei Surprise und verdiente mit dem Verkauf­der Hefte endlich etwas Geld. Ich verkaufe die Surprise-Magazine in Zumikon und schätze meine Kund*innen sehr. Wohnen tue ich in Oerlikon. Viele Jahre hatte ich dort ein kleines Zim­ 30

Hussein Samatar, 51, verkauft Surprise in Zumikon beim Migros und Coop. Er ist seit über zwanzig Jahren in der Schweiz und möchte endlich wieder einmal zurück in seine Heimat Somalia.

mer in einem alten Haus in der Nähe des Bahnhofs. Eine Küche gab es nicht, ich musste mir meine Mahlzei­ ten auf dem Bett anrichten. Die Miete bezahlte ich von meinem Verdienst, sie betrug 530 Franken im Mo­ nat. Vor drei Jahren habe ich zusammen mit einem Kollegen endlich eine neue Wohnung gefunden. Jetzt haben wir eine grosse Küche, sogar einen Balkon hat die Wohnung. Die Miete beträgt 1500 Franken, wir teilen sie uns auf. Der Sonntag ist mein freier Tag. Dann mache ich Wäsche, koche was Feines, spaziere zum Hauptbahnhof in Zürich und manchmal von dort weiter bis Tiefenbrun­ nen. Unter der Woche arbeite ich in der Reinigung am Flughafen. Samstags bin ich für Surprise unterwegs. Meine Frau und ich haben uns inzwischen getrennt, sie arbeitet in Nairobi in einem Spital, meine Kinder sind erwachsen und haben die Universität besucht. Ich bin froh, dass es allen gut geht. 2010 war ich bei ihnen zu Besuch und durfte sie alle wiedersehen. Seither war ich nicht mehr dort, ich kann es mir nicht leisten, der Flug ist zu teuer. Am liebsten würde ich zurückgehen, wieder heiraten und mir in der Heimat etwas aufbauen.»

Aufgezeichnet von HANNA FRÖHLICH Surprise 633/26


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