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Surprise 624/26

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Migrationsgesellschaft

Nach der Flucht

Wahidullah Alikhan spricht darüber, wie man trotz allem seine Menschlichkeit nicht verliert.

Seite 8

«Geld und Status sind relativ – Armut auch»

Auf seinem Sozialen Stadtrundgang durch Zürich erzählt Hans Peter Meier, warum er trotz seines guten Jobs und gutem Einkommen am Nullpunkt gelandet ist – und warum er den Glauben an einen Ausweg nicht verloren hat.

Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.

Editorial

Die Frage der Heimat

Einen Zufluchtsort in ein Zuhause verwandeln – so umschreibt Wahidullah Alikhan den langwierigen Prozess des Ankommens in der Schweiz. Wir trafen ihn zu einem Gespräch, nachdem wir seine Fluchtgeschichte von Kabul bis Zürich veröffentlicht hatten – in seinen eigenen Worten, ungeschönt und berührend (Nr. 619 und 620) – und Leser*innen daraufhin wissen wollten: Wie geht es ihm heute, wie findet er sich zurecht?

Eine Aussage bleibt mir besonders präsent: Würden ihn seine Eltern in der Schweiz besuchen, so würde er ihnen Orte zeigen, die für ihn zum Alltag geworden sind, wo er lebt, arbeitet und sich mit Freunden trifft, so Alikhan – «damit meine Eltern wissen, dass ich in Sicherheit bin, mir eine Zukunft aufbaue und endlich an einem Ort bin, wo ich frei atmen kann». Ab Seite 8.

Nicht von ungefähr handeln unsere Beiträge immer wieder von Heimat: Armut, Ausgrenzung, Obdachlosigkeit und Flucht,

4 Aufgelesen

5 Na? Gut! Petition: «Solidarität ist kein Verbrechen»

5 Vor Gericht Instagram & Co. am Pranger

6 Verkäufer*innenkolumne Wie meine Tierwelt verschwand

7 Die Sozialzahl Deprivierte Kinder und Jugendliche

8 Flucht «Wie sich mein Leben verändert hat»

14 Arbeitsmigration Menschen als billige Arbeitskräfte

das sind alles Themen, bei denen es auch um den Verlust von Zugehörigkeit geht und ums Verlassen von Orten, an denen Menschen nicht mehr willkommen sind.

So erging es jenen Pol*innen, die jahrelang in Deutschland hart gearbeitet haben –auf dem Bau oder in der Pflege – und nun nicht mehr «gebraucht» werden, ab Seite 14. Und so geht es den Jugendlichen in unterschiedlichen Städten Deutschlands, die von ihrem Leben auf der Strasse berichten, darüber, wie sie obdachlos geworden sind und woran sie noch immer glauben, ab Seite 20.

Hier wie dort geht es um das Ringen um einen Platz, an dem man sein darf, wer man ist, und wo man sich aufhalten kann, ohne weggeschickt zu werden.

PETRUS Redaktor

20 Obdachlosigkeit Was Jugendliche auf die Strasse treibt

22 Jung und obdachlos

24 Audio Konstruktiver Umgang mit Long Covid

25 Buch Verstummte Sprachen

26 Veranstaltungen

27 Fotokolumne Was gibt dir Hoffnung?

28 SurPlus Positive Firmen

29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

30 Surprise­Porträt «Und dann wird es gut»

KLAUS

Auf g elesen News aus den über 90 Strassenzeitungen und ­magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Unreguliertes Abkassieren

aller Wohnungen, die in deutschen Metropolen angeboten werden, sind möbliert und befristet vermietete Wohnungen – Tendenz steigend.

Das zeigt eine Auswertung des Instituts für Wohnen und Umwelt im Auftrag des Bundesbauministeriums. Aus Sicht von Forschenden ist klar, dass fehlende gesetzliche Regelungen für das stark wachsende Angebot an möblierten Zeitmietwohnungen verantwortlich sind. Parallel dazu seien die Mieten in diesem Segment deutlich angestiegen. Zwar hat Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kürzlich strengere Regeln für Vermieter*innen angekündigt. Aber CDU und CSU blocken.

Rechtsextreme Parteien verbieten?

Da in Deutschland über ein AfD-Verbot diskutiert wird, stellen sich auch in Österreich Menschen die Frage, ob sich die FPÖ wohl verbieten liesse. Dazu schreibt Karl Weber, emeritierter Professor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Universität Innsbruck: «Ein Parteienverbot gibt es in Österreich nicht. Die Bundesverfassung enthält Bestimmungen gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung im Verbotsgesetz (Verfassungsgesetz) und im Staatsvertrag von Wien 1955 (Verbot faschistischer und nationalsozialistischer Organisationen). Verfolgt eine Partei schon bei

Armutsverwaltung

Im Juli tritt in Deutschland die Reform der Grundsicherung in Kraft, die das Bürgergeld abschafft. Für Leistungsbezieher*innen gilt neu: Zwei versäumte Termine im Jobcenter bedeuten 30 Prozent Leistungskürzung. Ein dritter verpasster Termin oder ein abgelehntes Jobangebot können zur kompletten Leistungssperre führen. Viele Leistungsbeziehende leben bereits mit dem aktuellen Regelsatz von 563 Euro am Limit: In einer Studie des Vereins Sanktionsfrei und des Umfrageinstituts Verian gibt nur gut die Hälfte der Befragten an, dass in ihrem Haushalt alle genug zu essen haben. Ein Drittel verzichtet regelmässig auf Mahlzeiten. Werden Leistungen gekürzt, betrifft das meist Essen, Strom, Miete. Wer als «nicht erreichbar» gilt, riskiert Obdachlosigkeit. Auch sollen Menschen schneller aus «zu teuren» Wohnungen ausziehen. Die Höchstmiete wird bereits in der einjährigen Karenzzeit an die «angemessene» Miete angepasst, die die Kommunen bestimmen.

sind Bürgergeldbezieher*innen. Darunter sind hauptsächlich Minderjährige, Kranke, Pflegende und Arbeitende

BODO, 04/26, APRIL 2026, BOCHUM/DORTMUND

20ER, DIE TIROLER STRASSENZEITUNG, #262, MÄRZ 2026

ihrer Gründung nationalsozialistische Ziele, so erlangt sie von vornherein keine Rechtspersönlichkeit als politische Partei. Hat eine Partei aber einmal Rechtspersönlichkeit erlangt, kann sie nicht mehr verboten werden. Dazu bedürfte es eines Bundesverfassungsgesetzes. In Deutschland kann das Bundesverfassungsgericht Parteien verbieten, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung beeinträchtigen oder beseitigen wollen. Auch andere europäische Staaten kennen solche Parteienverbote. Die Erfahrungen sind durchwegs nicht gut, die meisten Verfahren müssen eingestellt werden oder verlaufen im Sand, da die Anforderungen für das Verbot sehr hoch sind. Auch kann der innere Frieden eines Staates durch ein Verbot, das die Partei wohl nicht so einfach akzeptieren wird, erheblich gefährdet werden. In Österreich bräuchte ein Parteienverbot ein Verfassungsgesetz, also eine Zweidrittelmehrheit. Eine solche ist aber in absehbarer Zeit nicht in Sicht.»

HINZ & KUNZT, #398, APRIL 2026, HAMBURG

Petition: «Solidarität ist kein Verbrechen»

Eine Frau, die einen Asylbewerber beherbergt hatte, stand im vergangenen Jahr im Kanton Jura vor Gericht. Ihr wurde vorgeworfen, gegen das Ausländer*innen- und Integrationsgesetz (AIG) zu verstossen, konkret gegen Artikel 116: die Förderung der rechtswidrigen Ein- und Ausreise sowie des rechtswidrigen Aufenthalts. Dafür ist eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe vorgesehen.

Im Juli wurde die Frau dann von allen Vorwürfen freigesprochen. Nun hat das Mouvement Jurassien de Soutien aux Sans-Papiers et Migrants (MJSSP) auf Campax die Petition «Solidarität ist kein Verbrechen –Für die Abschaffung des Solidaritätsdelikts» lanciert. Das MJSSP, das mit der Frau zusammen vor Gericht stand, schreibt in der Petition: «Ihr Prozess (…) zeigt, wie absurd ein Gesetz ist, das die Hilfe für Menschen in Not unter Strafe stellt.» Ein Dach über dem Kopf, eine Mahlzeit oder Hilfe beim Asylverfahren anzubieten, dürfe kein Verbrechen sein. Handlungen, die aus dem Engagement für die Rechte von Migrant*innen oder aus einer grundlegenden humanitären Pflicht heraus erfolgen, dürften nicht kriminalisiert werden.

Das MJSSP fordert die Abschaffung dieses Solidaritätsdelikts und die entsprechende Änderung von Art. 116 des AIG. Dieses müsse die Grundrechte respektieren. Denn: Solidarische Handlungen, also die Freiheit der Bürger*innen, sich friedlich zu engagieren, sind durch die Europäische Menschenrechtskonvention geschützt. LEA

Vor Gericht

Instagram & Co. am Pranger

In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren erlebte die Zigarettenindustrie ihre heftigste Niederlage. Dass ihre Produkte gesundheitsschädigende Wirkung haben und stark abhängig machen, wussten die Tabakmultis zwar schon lange. Nach aussen hin vermarkteten sie Zigaretten aber weiterhin als unbedenkliche Lifestyle-Produkte – und zielten dabei insbesondere auf Jugendliche. In aufsehenerregenden Gerichtsprozessen konnte den Tabakfirmen diese unlautere Strategie nachgewiesen werden. Strafzahlungen in Milliardenhöhe, strengere Vorschriften und ein griffigerer Jugendschutz waren in vielen Ländern die Folge.

Nun, dreissig Jahre später, könnte ein ähnlich wegweisendes Urteil für die Social-Media-Konzerne gefallen sein. Ein Geschworenengericht in Los Angeles verurteilte Ende März Youtube und Instagram bzw. die jeweiligen Mutterkonzerne Alphabet und Meta zu Strafzahlungen und Schadenersatz von insgesamt sechs Millionen Dollar. Eine unbedeutende Summe angesichts des Milliardenumsatzes der beiden Social-Media-Giganten.

An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen.

Schmerzen dürften die Eigentümer*innen und Aktionär*innen vielmehr die potenziell weitreichenden Folgen des Urteils. Youtube und Instagram, so das Urteil der Geschworenen, hätten Nutzer*innen nicht genügend über die Risiken des Gebrauchs dieser Plattformen aufgeklärt. Geklagt hatte eine 20-Jährige Frau, die nur unter dem Pseudonym KGM bekannt ist. Bis zu 16 Stunden am Tag habe sie auf Social Media

verbracht, so KGM. Ihre Anwälte argumentieren, dass die Nutzungsfunktionen von Instagram und Youtube – Autoplay, unendliches Scrollen, ein undurchsichtiger Algorithmus – bei ihrer Klientin ein Suchtverhalten gefördert habe, das schliesslich Depressionen und Angstzustände auslöste. Die Anwälte der Social-Media-Unternehmen stellten sich dagegen auf den Standpunkt, die Erkrankung der Klägerin sei unabhängig von Instagram und Youtube zu betrachten. Auch wenn Alphabet und Meta ankündigten, Berufung einzulegen: Beobachter*innen gehen davon aus, dass das Urteil den Zigaretten-Moment für die Social-MediaIndustrie bedeutet. Dafür verantwortlich ist nicht zuletzt ein juristischer Kunstgriff seitens der Anklage. Bisher konnten sich die Social-Media-Unternehmen nämlich stets auf Section 230 des Communications Decency Act stützen – ein US-Gesetz, das es verunmöglicht, die Plattformbetreiber für die Inhalte der Nutzer auf ihren Apps haftbar zu machen: Hate Speech, Gewaltvideos, Cyber-Bullying – für die SocialMedia-Konzerne waren das höchstens Unannehmlichkeiten. Und manchmal nicht einmal das: Wie eine BBC-Dokumentation jüngst enthüllte, wurden Mitarbeitende von Meta sogar dazu angehalten, den Algorithmus von Instagram-Reels so auszugestalten, dass Nutzer*innen vermehrt toxische Inhalte ausgespielt wurden – weil so die Verweildauer gemäss interner Statistik erhöht werden konnte. Mit dem Fokus auf die Nutzungsfunktionen und das Design der Apps haben die Anwälte von KGM die Achillesferse von Alphabet und Meta getroffen. Und vermutlich einen Dammbruch ausgelöst: Tausende weitere Klagen an verschiedenen Gerichten sind hängig.

WILLIAM STERN ist Gerichtsreporter in Zürich.

Verkäufer*innenkolumne

Wie meine Tierwelt verschwand

Eines Nachts, meine Eltern kamen vom Ausgang, machten sie einen Riesenkrach. Ich stand auf und ging nachsehen. Mein Vater hatte auf einem Arm etwas, das sich bewegte, aber mit einer dünnen Decke bedeckt war. Als er mich sah, fuhr er mich an, ich solle zurück ins Bett.

Ich druckste herum, fragte, ob ich nicht helfen könne. Das Ding auf meines Vaters Arm kam so ins Schwanken, dass die Decke herabfiel und ich sah, dass es ein blauer Ara war. Wie schön ist das, dachte ich, und war sofort hellwach. Doch mein Vater schickte mich ins Bett zurück und meinte, das ist für alle zusammen morgen früh. Kaum war Ruhe eingekehrt, schlich ich mich aus dem Kinderzimmer und ging in die Wohn-

stube, wo dieser wunderschöne Vogel sass. Auch er war noch hellwach, aufgeregt und verängstigt. Ich dachte, typisch meine Eltern, tun sich ein Tier zu, stellen es ab und gehen schlafen. Ich blieb die ganze Nacht und sprach ruhig und leise auf ihn ein. Silver hiess er, wie ich am nächsten Morgen erfuhr.

Nun hatten wir zwei Hunde und einen Ara. Silver und Bonny, das BassetWeibchen, waren lange Zeit mein Ein und Alles. Ach, so viele schöne Erinnerungen mit ihnen! Eine nur: Silver durfte auf Bonny reiten, beide verstanden sich gut. Bald kam auch noch ein roter Ara dazu. Wie alles endete, war leider nicht so glücklich. Bonny wurde zwar alt, verliess uns aber, als sie kaum noch gehen konnte. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie grau sie nach all den Jahren geworden war, und ich weiss noch, wie sehr ich trauerte.

Wadiza, der Windhund, starb jung. Den roten Ara mussten wir wieder an die Leute zurückgeben, die ihn, wie sich herausstellte, doch nur bei uns parkieren wollten, während sie im Ausland waren.

Und da meine Mutter nun wieder arbeitete, mussten wir Silver bald auch fortgeben. Er war zu einsam geworden und rief und schrie deshalb laut und oft –wodurch sich wiederum die Nachbarn gestört fühlten.

Tiere gelten vielen Menschen immer noch als Gegenstand, den man besitzt. Auch das Strafgesetzbuch spricht bei einem verletzten Tier immer noch von Sachbeschädigung. Es wird Zeit anzuerkennen, dass die Tiere sich selbst gehören. Sicher sorgen wir oft auch gut für sie. Doch seien wir ehrlich, wir bekommen es tausendfach zurück.

KARIN PACOZZI, 59, verkauft Surprise zurzeit sporadisch. Sie schreibt in ihren Texten oft über das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren. Der erste Teil der Geschichte erschien im Heft Nr. 623.

Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

Deprivierte Kinder und Jugendliche

Das Bundesamt für Statistik hat die Lebenssituation von Kindern untersucht, die in Familienhaushalten mit tiefen Einkommen leben. Diese Kinder sind in vielfältiger Weise in ihrem Lebensalltag benachteiligt oder – so der Fachausdruck – depriviert.

In der Statistik werden unterschiedliche Facetten von Benachteiligung in wichtigen Lebensbereichen beleuchtet. So können sich die betroffenen Kinder nur bedingt angemessen kleiden, oft fehlt auf ihren Tellern gesundes Essen wie Früchte und Gemüse, sie haben kaum Zugang zu altersgerechten Büchern und Spielzeugen und sind häufig von Geburtstagsfesten und Schulausflügen ausgeschlossen.

Gemäss der Definition der EU gelten Kinder als depriviert, wenn sie in mindestens drei von siebzehn wichtigen Lebensbereichen aus finanziellen Gründen benachteiligt sind. In der Schweiz traf dies 2024 auf 4,9 Prozent der Kinder unter 16 Jahren zu. Kinder in Haushalten mit tiefem Einkommen (unterstes Fünftel der Einkommensverteilung) sind in der Schweiz besonders häufig depriviert, ihr Anteil beläuft sich auf 14,2 Prozent. Im zweituntersten Quintil liegt der Anteil noch bei 5,2 Prozent, danach ist die Deprivation von Kindern kaum mehr zu beobachten.

Schaut man auf die verschiedenen Lebensbereiche, in denen Benachteiligungen vorkommen, so stechen für Kinder aus Haushalten im ersten Quintil einige Aspekte besonders heraus: 19,1 Prozent dieser Kinder können nicht einmal eine Woche in die Ferien fahren, 8,0 Prozent müssen auf kostenpflichtige

Kinderspezifische Deprivation nach Einkommensklassen, 2024

Freizeitbeschäftigungen verzichten, 6,6 Prozent können keine Feste zu speziellen Anlässen feiern, 5,9 Prozent besitzen keine zwei Paar passende Schuhe in gutem Zustand und 5,8 Prozent kein Velo, Trottinett oder anderes Freizeitgerät für draussen. Diese Zahlen deuten darauf hin, dass Kinder aus einkommensschwachen Haushalten vor allem bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben benachteiligt sind und darum auch besonders häufig unter sozialer Ausgrenzung leiden. Dies ist vor allem auch dann der Fall, wenn diese Kinder in EinelternHaushalten leben.

Solche Einschränkungen haben Folgen. Diese Kinder werden mehr Mühe haben, eine gute Ausbildung zu machen, denn dem Schulsystem gelingt es bis heute nicht, solche Benachteiligungen auszugleichen und Chancengerechtigkeit zu ermöglichen.

Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektor*innen (SODK) hat im Mai 2025 ein Förderprogramm beschlossen, um die Situation von Kindern und Jugendlichen in der Sozialhilfe zu verbessern. Ziel ist es, die Entwicklung von armutsbetroffenen Kindern zu fördern, damit sie später wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen und sich aus der Armut befreien können. Die SODK genehmigt dafür Kinderzuschüsse in der Gesamthöhe von 50 Millionen Franken. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) hat die Ausführungsbestimmungen zur Umsetzung dieses Förderprogramms erarbeitet. Diese sehen vor, dass ein Zuschlag von mindestens 50 Franken auf dem Grundbedarf für den Lebensunterhalt (GBL) für Kinder und Jugendliche gewährt wird.

PROF. DR. CARLO KNÖPFEL ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Anteil deprivierter Kinder (Mindestens 3 von 17 Merkmalen)

Kinder ohne Möglichkeit, eine Woche pro Jahr zu verreisen

Kinder ohne Möglichkeit, regelmässig an einer kostenpflichtigen Freizeitbeschäftigung ausser Haus teilzunehmen

Kinder ohne Möglichkeit, ein Fest zu speziellen Anlässen (Geburts- oder Namenstage usw.) feiern zu können

5. Quintil (höchstes Einkommen)
Quintil 3. Quintil
2. Quintil
1. Quintil (tiefstes Einkommen)

«Einen Zufluchtsort in ein Zuhause verwandeln»

Flucht Wahidullah Alikhan ist aus Kabul in die Schweiz geflüchtet. Seine Fluchtgeschichte hat er aufgeschrieben. Nun spricht er darüber, was Heimat ist. Und wieso er seiner Mutter von unterwegs fröhliche Fotos schickte.

TEXT UND FOTOS KLAUS PETRUS

Nachdem wir die Fluchtgeschichte von Wahidullah Alikhan von Kabul nach Zürich in zwei Teilen veröffentlicht hatten (Surprise 619 und 620), fragten sich viele, ob er sich inzwischen eingelebt hat hier in der Schweiz und was seine Pläne sind. Ich habe Wahidullah Alikhan in den vergangenen Monaten mehrmals in Grenchen, wo er heute lebt, getroffen, um mit ihm zusammen seinen Weg in die Schweiz zu rekonstruieren und über seine Zukunft zu reden – irgendwann haben wir uns geduzt, was wir auch in diesem Gespräch tun.

Wahidullah, seit wir deine Geschichte veröffentlicht haben, wollen Leser*innen wissen: Wie geht es Wahidullah Alikhan heute?

Wahidullah Alikhan: Es geht mir gut. Ich habe Arbeit, bin gesund und in Sicherheit. Das mag für euch vielleicht seltsam klingen, aber: Mir wurde in der Schweiz ein neues Leben geschenkt! In meinem alten Leben, in Afghanistan wie auf der Flucht, war ich immer wieder in grosser Gefahr. Manchmal dachte ich, ich würde nicht überleben.

Kann man sagen, dass du angekommen bist? Ist das überhaupt möglich: Ankommen in einem fremden Land? Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Ich glaube, ankommen in einem neuen Land ist ein langer, fortlaufender Prozess und nicht ein einzelner Moment, in dem man wie ich am 28. August 2023 in Zürich am Bahnhof ankommt. Seit ich in der Schweiz bin, habe ich mich darauf konzentriert, mich in diese Gesellschaft zu integrieren. Ich versuche, die Sprache zu erlernen, und beobachte die Eigenheiten und Gepflogenheiten der Leute, um jeden Tag ein wenig mehr über dieses Land zu erfahren.

Gibt es Dinge, die dich erstaunen – oder auch mal zum Schmunzeln bringen?

Ja. Zum Beispiel redet man hier unglaublich viel über das Wetter, das finde ich speziell – aber auch sympathisch. Will man mit jemandem ins Gespräch kommen, fragt man nicht nach der Familie oder wie es den Kindern geht, sondern man redet übers Wetter. Und natürlich ist mir sofort aufgefallen, wie wichtig Pünktlichkeit ist. Hat der Zug einmal zwei Minuten Verspätung, so wird man darüber informiert. Das finde ich schon lustig. Bei uns in Afghanistan hat man ein anderes Verhältnis zur Zeit, man nimmt das nicht so genau.

Sollten wir ein bisschen lockerer werden?

Zu Beginn kamen mir all die Regeln schon seltsam vor. Aber inzwischen weiss ich, dass sie auch ihr Gutes haben: Sie schaffen genau die Sicherheit, die ich so sehr schätze. Wenn ich spätabends spazieren gehe, telefoniere ich oft mit meiner Mutter. Sie sagt mir dann, ich solle vorsichtig sein und zu dieser Zeit nicht mehr vor die Tür gehen. Dann erkläre ich ihr, dass sie sich nicht sorgen muss und ich mich hier frei bewegen kann. In solchen Momenten werde ich daran erinnert, wie sehr sich mein Leben verändert hat.

Angenommen, deine Eltern würden dich besuchen. Was würdest du ihnen von der Schweiz zeigen?

Ich würde ihnen die Berge und die Seen zeigen! Afghanistan ist ein wunderschönes Land, ein Stück Paradies, vor allem die Berge sind gewaltig. Bevor ich hierherkam, dachte ich, so etwas kann es nur in meinem Heimatland geben. Aber das stimmt nicht. Als ich hier in der Schweiz

«Was wird als Nächstes passieren? Muss ich mich verstecken? Schaffe ich es über die Grenzen oder werde ich zurückgeschickt?» –Fragen, die die Flucht prägen.

zum ersten Mal sah, wie sich die Berggipfel im Wasser der Seen spiegeln, war ich überwältigt, und ein tiefes Gefühl der Gelassenheit überkam mich. Dieses Erlebnis würde ich gerne mit meinen Eltern teilen. Und ich würde mit ihnen eine lange Zugfahrt machen. Zu sehen, wie die Landschaft an einem vorbeizieht – und das ganz nach Fahrplan –, ist für mich zu einem Symbol der Stabilität geworden, die ich hier gefunden habe. Vielleicht würde ich mit ihnen nach Bern, Zürich oder Genf fahren und ihnen ein paar Sehenswürdigkeiten zeigen. Aber viel wichtiger wäre mir, sie an Orte mitzunehmen, die für mich zum Alltag geworden sind, damit sie mit eigenen Augen sehen können, wie ich lebe und arbeite. Ich möchte, dass sie wissen, dass ich in Sicherheit bin, mir eine Zukunft aufbaue und endlich an einem Ort bin, wo ich frei atmen kann.

Und wenn wir nach Afghanistan reisen würden, was würdest du uns zeigen?

Ich würde euch Seiten dieses Landes zeigen, die in den Nachrichten leider viel zu selten zu sehen sind: die Gastfreundschaft und Aufgeschlossenheit der Menschen zum Beispiel. Es gab Zeiten, da war Afghanistan ein friedliches, modernes, offenes Land, und dieser Geist lebt in vielen von uns noch immer weiter. Wir würden durch die belebten Strassen von Kabul, Dschalalabad und Herat gehen. Ich würde euch in die Provinz Bamiyan mitnehmen, die Wiege der Kultur der Hazara, einer Minderheit, die von den Taliban diskriminiert und verfolgt wird. Wir würden einen Abstecher in die Hügel von Kandahar machen, nach Nuristan an der Südseite des Hindukusch reisen und nach Aryub Zazai, einer Region im Südosten des Landes – und und und. Ihr würdet überwältigt sein von dieser atemberaubenden Landschaft. Es gibt so viele schöne Orte in diesem Land, die vergessen gehen wegen all den Kriegen und Konflikten.

Ohne hier in die Details gehen zu können: Was hat sich in Afghanistan verändert, seit du das Land vor gut viereinhalb Jahren verlassen hast?

Die Lage hat sich in vielerlei Hinsicht verschlechtert. Zwar gibt es in dem Sinn momentan keinen Krieg in Afghanistan, doch die Sicherheitslage ist nach wie vor prekär und instabil. Auch die wirtschaftliche Situation wurde durch die Herrschaft der Taliban nicht besser, im Gegen­

«Es gab Zeiten, da war Afghanistan ein friedliches, modernes, offenes Land, und dieser Geist lebt in vielen von uns noch immer weiter», sagt Alikhan.

Das Leben nach der Flucht

Wahidullah Alikhan, 25, lebt in Grenchen und arbeitet in Zürich auf dem Flughafen als Aushilfe bei der Passagierkontrolle. Alikhan hat derzeit den F-Ausweis (vorläufig aufgenommene Flüchtlinge). Seine Fluchtgeschichte von Afghanistan in die Schweiz können Sie in den Ausgaben 619 und 620 nachlesen oder bei uns bestellen: redaktion@strassenmagazin.ch.

teil – die Arbeitslosigkeit hat zugenommen, die internationale Hilfe ist zurückgegangen. Es gibt grosse Armut im Land. Nicht zuletzt schränken die Taliban die Bürgerrechte ein, vor allem jene von Frauen und Mädchen. Sie dürfen nicht zur Schule oder an die Universität, überhaupt können sie am gesellschaftlichen Leben kaum noch teilnehmen. All das hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung von Afghanistan.

Wie schätzt du in diesem Zusammenhang die Rolle des Westens und der USA ein?

Das ist eine vielschichtige Frage, die in meiner Heimat seit langem extrem kontrovers diskutiert wird. Einerseits ist der Westen schon seit zwanzig Jahren militärisch, politisch und wirtschaftlich in Afghanistan präsent und hat beim Aufbau von Infrastruktur und Institutionen mitgeholfen, was für die afghanische Bevölkerung wichtig war. Andererseits gab es in dieser Zeit eine Reihe von strategischen Fehlern, etwa beim Verteilen von Geldern. Auch ist der plötzliche Abzug der Truppen und diplomatischen Vertreter in den Augen vieler Menschen in Afghanistan für den Zusammenbruch des bestehenden Systems mitverantwortlich. Sie denken, der Westen habe den Taliban letztlich die Bühne überlassen – und also dazu beigetragen, dass sich das Land in der jetzigen Situation befindet.

Wenn du an deine Flucht zurückdenkst, was für Erinnerungen hast du?

Es ist ein Wirbelwind an widersprüchlichen Gefühlen, die in mir hochkommen. Auf der einen Seite erinnere ich mich noch genau an diese andauernde Angst und erdrückende Ungewissheit: Was wird als Nächstes passieren? Muss ich mich verstecken? Werde ich entdeckt? Schaffe ich es über die Grenzen oder werde ich zurückgeschickt? Und dann ist da immer wieder eine tiefe Traurigkeit. Es tut weh, wenn ich daran denke, was ich zurücklassen musste: meine Familie, meine Freunde, die Kultur und Sprache sowie das Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit. Es fühlt sich an, als wäre ein Teil meiner Seele dortgeblieben, daheim, in Afghanistan. Diese Traurigkeit wird wohl niemals ganz vergehen.

Und auf der anderen Seite?

Dankbarkeit und ein Gefühl der Erleichterung: Ich habe überlebt, ich bin in Sicherheit. Das fühlt sich wie ein Ge­

schenk an. Und irgendwie bin ich auch stolz. Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, wie stark ich sein musste. Ich erinnere mich, wie ich während der Flucht dachte: Wenn du das hier überlebst, wirst du auch alles andere überleben.

Du hast von Angstgefühlen gesprochen und von tiefer Traurigkeit. Oft ist in diesem Zusammenhang von einem Fluchttrauma die Rede. «Trauma» ist ein grosses Wort, finde ich. Aber ja, solche Erlebnisse, wie ich sie hatte, hinterlassen tiefe Narben in der Seele. Wenn man extremer Gefahr ausgesetzt ist oder sogar den Tod fürchten muss, lässt man dieses Gefühl nicht einfach hinter sich, sobald man eine Grenze überquert hat. Bis heute bekomme ich Herzrasen bei lauten Geräuschen oder wenn sich jemand plötzlich schnell bewegt. Mein Körper glaubt, ich sei in Gefahr, noch bevor mein Verstand begriffen hat, dass ich in Sicherheit bin. Nachts tauchen Bilder in mir auf, die ich am liebsten vergessen würde, weil sie so schrecklich sind. Diese Albträume sind wie ein Schatten, der mich verfolgt und es mir schwer macht, voll und ganz darauf zu vertrauen, dass mein «neues Leben» von Dauer ist. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich weiss, dass meine Liebsten noch immer an dem Ort sind, von dem ich selber geflohen bin. Der Kontrast zwischen ihrer Realität dort und meinem Frieden hier ist nur schwer auszuhalten. Auf der anderen Seite waren da auch schöne Erlebnisse.

Zum Beispiel?

Ich erinnere mich an Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin und die ich gar nicht kannte: Sie teilten ihr Brot mit mir, schenkten mir ein freundliches Wort, ohne dass sie etwas dafür verlangten. Solche Augenblicke haben meinen Glauben an die Menschlichkeit und das Mitgefühl gestärkt, als ich ihn schon beinahe verloren hatte. Auch unter uns Geflüchteten haben sich tiefe Freundschaften ergeben. Um all das zu überstehen, ist man aufeinander angewiesen. Diese Abhängigkeit verwandelte sich in gegenseitige Unterstützung und daraus ist zwischen uns ein enges Band entstanden.

Du hast mir Fotos gezeigt, die du während der Flucht gemacht hast. Darauf sehe ich einen entspannten, sogar fröhlichen Wahidullah. Oder täusche ich mich?

Nein, du hast recht. Solche Fotos zu machen, war für mich ein bewusster Entscheid. Wenn du dich in einer Situation befindest, wo du glaubst, alles verloren zu haben – deine Familie, dein Zuhause, deine Träume –, wird bereits ein Lächeln zu einer Form des Widerstandes. Und zu einem Schutzschild gegen die Realität: Manchmal muss man nach aussen so tun, als ginge es einem gut, nur um zu verhindern, dass man innerlich zusammenbricht. Der Anblick eines «glücklichen» Wahidullah half mir, mich daran zu erinnern, dass die Person, die ich vor der Flucht war und die lachen und Freude empfinden konnte, immer noch in mir war.

Mich dünkt, solche Fotos können einem auch die Kontrolle über die eigene Fluchtgeschichte – oder besser: was andere dafür halten – geben. Es ist interessant, dass du das sagst. Ich habe mich oft gefragt, ob ich mit diesen Bildern mir selber oder anderen etwas vormache. Am Ende glaube ich: Nein, das tue ich nicht. Wir Flüchtlinge werden oft nur als Opfer gesehen oder als Menschen in Not. Doch wir sind viel mehr als das. Indem ich diese Fotos machte, wollte ich selber entscheiden können, wie man mich sehen oder sich an mich erinnern sollte – nämlich als jemand, der überlebt hat, der stark ist und bereit weiterzumachen. Insofern hast du recht: Ich wollte mit diesen Bildern auch die Kontrolle über meine eigene Geschichte behalten.

Allerdings waren die Fotos ja nicht nur für dich gedacht. Ich vermute, deine Eltern haben sie ebenfalls gesehen? Ja, und natürlich spielte das auch eine Rolle. Wer will schon der eigenen Mutter Bilder schicken, die zeigen, wie schlecht es einem geht, wie man leidet und in welcher ausweglosen Situation man sich befindet? Sie ist in dem Moment ja weit weg, kann nichts tun für ihr Kind. Sie würde daran zerbrechen. Ein Foto zu schicken, auf dem ich fröhlich aussehe, war meine Art, ihr zu sagen: «Mach dir keine Sorgen, es geht mir gut, ich bin stark genug, um all das zu überstehen.»

Reden wir über deine Zukunft.

Bevor ich vor gut viereinhalb Jahren aus Afghanistan geflohen bin, habe ich in Kabul begonnen, Medizin zu studieren. Ich bin jetzt Mitte zwanzig und möchte so bald wie möglich meine Ausbildung fortsetzen. Ich möchte

später einen Beruf haben, in dem ich mich weiterentwickeln und mit dem ich gleichzeitig anderen helfen kann. Wenn das klappt – und ich blicke hoffnungsvoll in die Zukunft –, kann ich mir gut vorstellen, hier in der Schweiz zu bleiben.

Und was wünschst du dir von der Schweiz?

Die Chance zu bekommen, wirklich dazuzugehören und als Mensch wahrgenommen zu werden, als Wahidullah Alikhan, nicht nur als jemand mit dem Etikett «Flüchtling». Ich denke, es ist wichtig, den Menschen, die aus anderen Ländern kommen, offen zu begegnen und daran zu denken, dass sie nicht bloss eine Geschichte aus der Vergangenheit mitbringen, sondern auch Potenzial für die Zukunft haben. Was bedingt, dass man uns Migrant*innen mit Neugier statt mit Angst begegnet. Nur so kann ein konstruktiver Austausch zwischen den Kulturen entstehen.

Du erhoffst dir Offenheit. Erlebst du stattdessen Diskriminierung und Rassismus?

Manchmal kommt das vor, aber nicht oft. Und wenn, so versuche ich dem durch mein Verhalten und mein Engagement etwas Positives entgegenzusetzen und so zu zeigen, dass am Ende Fähigkeiten wichtiger sind als Vorurteile. Ich möchte schon bald auf eigenen Beinen stehen und dieser Gesellschaft, die mich gerettet hat, etwas zurückgeben. Letztendlich ist es mein Wunsch, mir ein erfolgreiches Leben aufzubauen, damit ich meiner Familie eines Tages sagen kann, dass ich hier nicht nur in Sicherheit bin, sondern auch daheim. Womit wir wieder am Anfang des Gesprächs wären: Ich glaube, ankommen heisst viel mehr als nur physisch an einem Ort sein. Angekommen ist man, wenn man einen Zufluchtsort in ein Zuhause verwandelt hat.

Dann frage ich dich nochmals: Bis du angekommen?

Ich bin auf guten Wegen.

Hintergründe im Podcast: Radiojournalist

Simon Berginz spricht mit Klaus Petrus darüber, wieso beim Erzählen von Fluchtgeschichten Stereotypisierungen lauern. surprise.ngo/talk

«Meiner Mutter ein Foto zu schicken, auf dem ich fröhlich aussehe, war meine Art zu sagen: ‹Mach dir keine Sorgen.›»

Ausgebeutet und abgeschoben

Arbeitsmigration Menschen aus ärmeren EU-Ländern leisten in Deutschland häufig schwere, unbeliebte Arbeit – in der Pflege, auf dem Bau oder im Handwerk. Willkommen sind sie aber nur bedingt. Fünf Betroffene erzählen.

Katarzyna hatte ein Leben wie aus dem Bilderbuch: Ehemann, Sohn, Haus am See in Polen. Doch ihr Mann starb. Sie heiratete noch einmal, kaufte ein neues Haus, das die gelernte Inneneinrichterin im provenzalischen Stil ausstattete. «Ich habe sehr viel Geld reingesteckt, weil ich mich sehr eng an diesen neuen Mann gebunden hatte. Und ich habe alles verloren», sagt sie. Denn er hatte ihr verheimlicht, dass er hohe Schulden hatte. Das Haus musste sie verkaufen. Ein paar Jahre arbeitete sie in Nordirland in einem Restaurant. Dann hatte sie noch zweimal Pech: Katarzyna gönnte sich einen neuen BMW, sparte an der Versicherung –ein Verwandter fuhr ihr das Auto zu Schrott. Zudem investierte sie eine grosse Summe in eine Geschäftsidee, die scheiterte. «Als ich mich in dieser kritischen finanziellen Situation befand, bin ich zum ersten Mal nach Deutschland gefahren, vor siebeneinhalb Jahren», sagt sie. 24-Stunden-Pflege – eine Freundin hatte ihr dazu geraten.

Die Menschen, die in diesem Artikel zu Wort kommen, sind seit 6 bis 13 Jahren in Deutschland. Ihre Namen wurden geändert und ihr genaues Alter wird nicht erwähnt, damit sie anonym bleiben. Ihre Erzählungen können nicht unabhängig überprüft werden, doch sie decken sich mit dem, was auch Sozialarbeiter*innen über diese Menschen sagen. Und sie alle haben eines gemeinsam: Sie haben in Deutschland hart gearbeitet.

Wenn sie nach den Gründen gefragt werden, warum sie zum ersten Mal nach Deutschland kamen, erzählen die Porträtierten von Todesfällen in der Familie und von Arbeitsstellen, die nach über zwei Jahrzehnten schlossen, von einer unfairen Behandlung durch den Arbeitgeber oder von dem Onkel, der schon in Deutschland arbeitete.

Oskar Brabanski vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und Claudius Voigt von der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender kennen viele solcher Geschichten von anfänglicher Hoffnung, die bitter enttäuscht wurde. Sie kommen im Artikel als Experten zu Wort.

Unter den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland stellen Pol*innen die zweitgrösste Gruppe, nach Menschen aus der Türkei. In Nürnberg stehen sie an dritter Stelle nach Eingewanderten aus der Türkei und Rumänien. Zuwanderung aus

Polen ist in Deutschland nicht neu: Schon im 19. und 20. Jahrhundert kamen insgesamt etwa eine halbe Million Menschen aus Polen. Im Ruhrgebiet schufen sie den industriellen Aufstieg mit. Im Jahr 2024 kehrten nun zum ersten Mal mehr Menschen nach Polen zurück, als von dort nach Deutschland einwanderten. Polen hatte im letzten Jahrzehnt ein stabiles Wirtschaftswachstum, die Lebensverhältnisse glichen sich immer mehr an.

Die Arbeit

Die Arbeitgeber*innen, von denen die Pol*innen in diesem Artikel erzählen, sind unterschiedlich: Agenturen aus Deutschland oder Polen, Zeitarbeitsfirmen, Privatpersonen, die informell bezahlen. Manche arbeiteten auch einige Zeit als Selbständige und hatten ein Gewerbe angemeldet. Antoni beispielsweise ist seit 13 Jahren in Deutschland, machte als Erstes Pflasterarbeiten in München, dann Abbruch und arbeitete später an Fassaden in Nürnberg. «Die Knie sind kaputt, mit der Wirbelsäule habe ich Probleme, das kommt von den Pflastersteinen. Beim Abbruch hatte ich mit den Nebenhöhlen Probleme, weil es die ganze Zeit staubte», sagt er.

Maciej arbeitete in Deutschland als Zimmermann und ging schon auf die 60 zu. «Man muss mit schwerem Gewicht vier-, fünfmal im Laufe einer Schicht bis in den sechsten Stock. Das ist schlecht für die Beine», erzählt er. «In Polen habe ich in einem Sägewerk gearbeitet, das ist auch schwere Arbeit. Ich habe offensichtlich einen guten Organismus.» Trotzdem wurde er wegen seines Alters entlassen und fand keine Arbeit mehr.

Katarzyna wohnte einmal als Betreuerin bei einer Frau mit paranoider Schizophrenie. «Die Frau konnte nicht reden, sie hat in voller Lautstärke alle 30 Sekunden geschrien, Tag und Nacht. Ich habe das drei Monate ausgehalten.» Sie erzählt auch von anzüglichen Bemerkungen von Senioren, um die sie sich gekümmert hat. Sie wechselte Stomabeutel – also Beutel, in denen bei einem künstlichen Darm- oder Blasenausgang Stuhl oder Urin gesammelt werden – und verabreichte Insulin, obwohl solche medizinischen Aufgaben eigentlich nur Fachkräfte übernehmen dürfen. Joanna hat in Polen ambulante Pflege studiert und arbeitete in zwei Nürnberger Pflegeheimen. Im letzten waren sie stark un-

terbesetzt. «Dort gab es elektrische Fussmatten. Wenn eine Person aus dem Bett aufstand, ist ein Alarm losgegangen und man musste sich beeilen, damit sie nicht umfiel. Aber wenn fünf auf einmal losgehen, wohin soll ich dann rennen?»

Joanna kam der Liebe wegen nach Deutschland und zog zu ihrem Freund aufs Land in Bayern. Aber ohne Auto und Führerschein fühlte sie sich dort abgeschnitten von der Welt. Sie lernte einen anderen Mann kennen, begann eine neue Beziehung. Aber er schlug sie. Joanna entschied sich, ihn zu verlassen. Nur wohin? Über Facebook fand sie über eine polnische Firma eine Arbeitsstelle, die auch eine Wohnung anbot.

Die Wohnung

Oskar Brabanski arbeitet bei der Beratungsstelle «Faire Mobilität» des Deutschen Gewerkschaftsbundes und berät Menschen aus EU-Ländern, die in Deutschland arbeiten. «Auf dem Wohnungsmarkt haben diese Menschen kaum Chancen», sagt er. «Selbst mit Job finden sie selten bezahlbare Wohnungen. Deshalb suchen viele gezielt Arbeit mit Unterkunft.»

Das kann gut klappen, wie zwei Jahre lang bei Katarzyna: Während sie in einem Pflegeheim arbeitete, wohnte sie in einer Pension ähnlich «einem Vier-Sterne-Hotel: schöne Villa mit Garten, weisse Bettwäsche, ein kleines Gästezimmer, Fernseher, Kühlschrank, täglich wurden die weissen Handtücher gewechselt», erinnert sie sich. Dazu ein Lohn von über 2000 Euro netto, 40 Euro täglich für Verpflegung und gutes Mittagessen im Heim. «Das war meine sehr gute Zeit.»

Es kann aber auch schiefgehen, wie bei Antoni. Während er in Nürnberg arbeitete, mietete er eine Wohnung von der Partnerin seines Arbeitgebers. Bei einer Polizeikontrolle wurde ihm eine unbezahlte Geldstrafe zum Verhängnis. Er musste ins Gefängnis – denn Geldstrafen, die nicht bezahlt werden können, müssen als sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe abgesessen werden. «Ich kam aus dem Gefängnis und die ‹Chefin› hat mir gesagt, dass ich kriminell sei und daher ausziehen muss. »

Seitdem hat Antoni weder Wohnung noch Arbeit. «Besonders problematisch ist die doppelte Abhängigkeit vom Arbeitgeber, der oft auch die Unterkunft stellt», bestätigt Brabanski. «Viele EU-Arbeitsmigrant*innen landen auf der Strasse oder müssen sofort einen neuen Job annehmen, oft unter schlechten Bedingungen.»

Arbeit und Wohnung gleichzeitig zu verlieren ist der eine Weg, wie Menschen aus EU-Ländern in der Obdachlosigkeit landen. Der andere: Sie werden um ihren Lohn geprellt und können so ihre Unterkunft nicht mehr bezahlen. Besonders häufig passiert das bei informellen Beschäftigungsverhältnissen.

Auf ihrer letzten Arbeitsstelle, bevor sie obdachlos wurde, arbeitete Katarzyna informell. Sie war 24-Stunden-Pflegerin für eine bettlägerige Frau, die über 100 Kilogramm wog. «Sie hat sehr viel gejammert und ich hatte keine Pausen. Von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends war ich da, manchmal bis Mitternacht, und dann kam noch: ‹Bleib noch, bleib!›»

Als die Familie der Patientin in den Urlaub fuhr, blieb Katarzyna alleine bei ihr. Plötzlich ging es der Frau schlechter, Katarzyna rief den Krankenwagen. «Am zweiten Tag ist sie gestorben. Dann kam der Sohn und hat sich aufgeführt. Er setzte mich ins Taxi, und ich habe keinen Cent für meine Arbeit bekommen. Danach verschwanden sie von der Bildfläche. Nachdem ich weggefahren war, konnte ich niemanden mehr erreichen.»

Auch Antoni erzählt, dass er bei seiner letzten Arbeit nicht alles Geld bekommen habe, das ihm zustünde. Sogar am Ostersonntag habe er gearbeitet, berichtet er. Auch das kein Einzelfall, sagt Brabanski: «Häufig werden Löhne einfach nicht vollständig gezahlt: Drei Monate gibt es Geld, im vierten Monat nicht.» Oder es werde nur ein Teil der Stunden vertraglich geregelt, der Rest wird schwarz bezahlt. «Ein Stück weit tragen die Arbeiter*innen eine Mitschuld», meint Brabanski, «doch meist sind sie einfach ausgeliefert.»

Fehlende Bezahlung führe häufig zu noch grösseren Problemen, so Brabanski: «Wenn jemand seinen Lohn nicht bekommt und nicht weiss, was er essen soll, ist es kein Wunder, wenn er im Supermarkt mal ein Brot mitgehen lässt. Oder wenn er schwarzfährt, weil er sich kein Ticket leisten kann.»

Schwarzfahren ist in Deutschland eine Straftat, die in der Regel mit einer Geldstrafe geahndet wird. Bei so geringen Vergehen wird das Urteil in der Regel direkt per Strafbefehl zugestellt. Wer keinen Einspruch einlegt, gilt als verurteilt. Doch wer schwarzfährt, weil er sich das Ticket nicht leisten kann, kann meist auch die Strafe nicht zahlen und landet wie Antoni im Gefängnis. Ersatzfreiheitsstrafen sind Alltag im Leben vieler wohnungs- und obdachloser Menschen. Wer gerade dabei ist, sich aufzurappeln, den trifft eine Haftstrafe hart. Viele starten wieder auf der Strasse.

Die Obdachlosigkeit

Alle Angebote für wohnungs- und obdachlose Menschen in Nürnberg stehen auch Menschen aus Osteuropa offen, die oft keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. In die Notschlafstellen können die Menschen am Abend kommen und erhalten einen Platz, oft in Mehrbettzimmern. Am nächsten Morgen müssen sie die Unterkunft wieder verlassen und alle Sachen mitnehmen. In Pensionen bekommen sie ein festes Bett für längere Zeit, manchmal ein ganzes Zimmer. Wer eigene Mittel hat, muss für die Unterkunft zahlen.

Joanna etwa hat in den letzten Monaten für ihr Pensionszimmer 500 Euro im Monat selbst gezahlt, von ihrem Lohn, den sie im Heim verdiente. Bereits zuvor schlief sie immer wieder in der Notschlafstelle: drei Monate bei Patient*innen zur Pflege, dazwischen immer wieder einige Zeit in Notschlafstellen.

Katarzyna lebt gerade mit ihrem Partner in einem Zelt im Nürnberger Stadtgebiet. «Wir haben saubere Bettwäsche und Kopfkissen, aber das ist kein Leben», sagt sie. Im ersten Zelt hatte sie sich eine Bronchitis eingefangen, weil es vom Regen durchweicht wurde – das zweite, dichte Zelt bekamen sie von Bekannten geschenkt. Eine Sozialarbeiterin organisierte Matratzen.

Eine Übernachtung in einer Notschlafstelle kostet die Stadt zwischen 20 und 30 Euro pro Nacht bei durchschnittlicher Auslastung. Maciej, Antoni und Paweł wohnen alle im zweiten Stock der Diana-Herberge, einer grossen Notschlafstelle für Männer in der Nähe des Dianaplatzes. Dieses Stockwerk wird pensionsähnlich betrieben – ein festes Bett, feste Zimmernachbarn. Doch tagsüber muss man raus.

Maciej hat Glück, er wohnt in einem Zweibettzimmer. Die Tage sind gleichförmig, die Zeit vergeht langsam. Maciej hat für sich eine sinnvolle Beschäftigung gefunden: «Ich spiele hier Autorenspiele auf dem Handy.» Nicht um Geld, versteht sich, nur um etwas zu tun haben. «Im Spiel geht die Zeit sehr schnell vorbei. Und irgendwas muss man ja haben, oder?»

«Er setzte mich ins Taxi, und ich habe keinen Cent für meine Arbeit bekommen.»

KATARZYNA

Manchmal kommt Alkohol ins Spiel – wann und wo, ist nicht immer klar. Meistens ist er spätestens dann da, wenn jemand auf der Strasse landet – als Bewältigungsstrategie, um das eigene Elend für kurze Zeit zu vergessen, und später als körperliches Bedürfnis. Nur wenige erzählen, wie Maciej, dass sie mit einem Bier in der Woche gut hinkommen. Alkoholismus ist eine schwere Krankheit, bei der die Fähigkeit, das eigene Trinkverhalten zu steuern, stark eingeschränkt sein kann.

Katarzyna sagt: «Ich hatte auch ein Alkoholproblem. Nicht so, dass ich ganz unten war, dass ich mich nicht erinnert habe. Aber wenn ich traurig war, dann habe ich getrunken.» Doch das sei nun Vergangenheit: «Ich habe das Leben gewählt statt der Leberzirrhose.»

Vor ein paar Wochen noch hatte Joanna neben ihrer Arbeit im Heim einen Aushilfsjob, der ihr gefiel. Sie ernährte sich gesund, lebte in einem Einzelzimmer in einer Obdachlosenpension. Dort bekommen wohnungslose Menschen, anders als in einer Notschlafstelle, ein festes Zimmer, das sie tagsüber nicht verlassen müssen. Doch dann fing Joanna wieder zu trinken an. «Es ist einfach passiert», sagt sie. Den Job in der Pflege beendete sie selbst, als sie merkte, dass es ihr wieder schlechter ging. In der Folge flog sie aus dem Pensionszimmer, schlief daraufhin sogar eine Nacht im Freien in der Nähe des Hauptbahnhofs. Am Tag darauf wollte sie nicht in die Wärmestube gehen. Sie schämte sich.

Hilfen und Kosten

Menschen aus osteuropäischen EU-Ländern, die im Rahmen der Freizügigkeit nach Deutschland kommen, erhalten nur unter bestimmten Voraussetzungen Sozialleistungen. Entscheidend ist in den meisten Fällen die Frage nach dem Arbeitnehmer*innen-Status: Wie lange ist die Person schon im Land, hat oder hatte sie eine Arbeit, hat sie diese unfreiwillig verloren, ist sie auf Arbeitssuche? Hat sie Familie in Deutschland? All diese Faktoren haben einen Einfluss darauf, ob Bürgergeld oder andere Sozialversicherungsleistungen in Anspruch genommen werden können. Wer nachweisen kann, gearbeitet zu haben oder auf Jobsuche zu sein, ist berechtigt, Leistungen zu bekommen. Diese Nachweise zu erbringen, ist jedoch nicht immer leicht: Dokumente fehlen, Adressen ändern sich, informell bezahlte Arbeit ist ein grosses Problem.

Katarzyna kämpft gerade darum, Sozialleistungen vom sogenannten Jobcenter zu bekommen, die ihr aus der angemeldeten Arbeit zustehen. Da sie aber immer wieder in verschiedenen Städten in Deutschland lebte und arbeitete, konnte sie manchmal die Briefe an ihre alte Adresse nicht mehr abholen, Anträge verliefen im Sand. Eine Zeit lang war sie durch einen Unfall arbeitsunfähig und bekam deswegen kein Geld zugesprochen. In Nürnberg nun hat es geklappt; als Postadresse gab sie die Wärmestube an. Wer weder Arbeit noch Anspruch auf Bürgergeld oder Sozialhilfe hat, ist in der Regel in Deutschland auch nicht krankenversichert. Zwar wird die Behandlung in medizinischen Notfällen in Nürnberg niemandem verwehrt – die Kosten dafür trägt bei stationären Leistungen der Bezirk Mittelfranken, bei ambulanten Angeboten die Stadt Nürnberg. Über eine Million Euro wurde insgesamt im Jahr 2024 dafür ausgegeben: 630 000 Euro vom Bezirk und 550 000 Euro von der Stadt. Letztere fliessen zum grössten Teil an die Strassenambulanz der Caritas, die ambulante Behandlungen für Menschen ohne Versicherung anbietet.

Das Angebot in Nürnberg für Menschen aus Osteuropa ist damit besser als in vielen anderen deutschen Städten. «In einzelnen Kommunen wird eine explizite Verdrängungsstrategie verfolgt», erklärt Joachim Krauss, stellvertretender Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). «Mitunter ist auch der Zugang zur basalen Versorgung – Kleidung, Essen, medizinische Versorgung – reglementiert, und zur gesundheitlichen Regelversorgung ist er vielfach nicht gegeben.»

Zwar können Menschen aus Osteuropa nach Deutschland kommen, um zu arbeiten oder Arbeit zu suchen, doch wenn es nicht klappt, haben sie oft keinen Anspruch auf Hilfen. Diese Diskrepanz von Aufenthaltsrecht und dem fehlenden Zugang zu sozialstaatlichen Leistungen sei eine Grundproblematik, heisst es vom Sozialamt Nürnberg. Oskar Brabanski kritisiert diesen Zustand: «Wir profitieren von der Arbeitskraft dieser Menschen, verschleissen sie körperlich und psychisch – etwa in der Landwirtschaft oder auf dem Bau. Die Folgekosten etwa für Krankheiten im Alter tragen dann ihre Herkunftsländer, nicht wir. Wir schöpfen nur das Beste ab.» Natürlich gebe es auch Sozialbetrug, doch wer den Fokus nur auf den Missbrauch lege, sehe die andere Seite des Problems nicht.

Das Ende der Freizügigkeit

Das Recht auf Freizügigkeit hat folgende Bedingungen: EUAusländer*innen müssen entweder arbeiten, auf Arbeitssuche sein oder ausreichend finanzielle Mittel haben, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Das Freizügigkeits-Gesetz regelt explizit, dass diese Voraussetzungen nur aus «besonderem Anlass» überprüft werden dürfen. «Dieser besondere Anlass kann sein, wenn jemand Leistungen beim Jobcenter beantragt», erläutert Migrationsexperte Claudius Voigt. «Denn das spricht dafür, dass die Person keine eigenen Existenzmittel hat.»

Die Überprüfung erfolgt in Deutschland durch die Ausländerbehörde – diese wiederum bekommt die Infos von Jobcenter und Sozialamt: Denn diese sind seit 2016 in bestimmten Fällen gesetzlich verpflichtet, der Ausländerbehörde zu melden, wenn eine Person Sozialleistungen beantragt, die auf Basis der Freizügigkeit in Deutschland ist. «Rechtlich gesehen ist das also in Ordnung», sagt Voigt. Aber: «Die zwingende Übermittlung der Daten führt letztlich doch zu einer systematischen Überprüfung.» Und genau die dürfe es ja eigentlich nicht geben. «Im Menschenrechtsausschuss der UN wird Deutschland für die Übermittlungspflicht regelmässig kritisiert», sagt Voigt. Und betont: «Die Tatsache, dass jemand obdachlos ist, ist kein besonderer Anlass für eine Überprüfung.» Wessen Freizügigkeit überprüft wird, bekommt zunächst einen Brief von der Ausländerbehörde. Innerhalb einer Frist können die Betroffenen Belege vorlegen, dass sie entweder ein Recht auf Freizügigkeit haben oder das Daueraufenthaltsrecht nach fünf Jahren rechtmässigem Aufenthalt in Deutschland besitzen. Antoni hat diesen Brief vor Kurzem erhalten. «Das hat mich sehr erschrocken, ich habe sofort Bauchschmerzen bekommen», sagt er. «Eigentlich will ich hier ein bisschen informell arbeiten, um Geld für einen neuen Pass zu haben. Dann kann ich wieder legal arbeiten und beginnen, auch wieder normal zu funktionieren.»

Auch Joanna hat diesen Brief bekommen – da war sie gerade versicherungspflichtig angestellt und verdiente Geld in der Pflege. Sozialarbeitende halfen ihr, legten bei der Ausländerbehörde Belege für ihre Zeit als Angestellte vor, und die Sache war vom Tisch. Joanna ist immer noch sichtlich erleichtert.

«Sie werden nicht wie Menschen behandelt.
Das zerstört ihre Psyche.»
OSKAR BRABANSKI

Wenn keine Gründe genannt werden, folgt die sogenannte Verlustfeststellung. Dabei wird der Verlust der Freizügigkeit festgestellt, und die Person ist ausreisepflichtig. In Nürnberg wurden im Jahr 2024 insgesamt 37 solcher Verlustfeststellungen getroffen – sieben davon, weil die Voraussetzungen für die Freizügigkeit fehlten, die anderen 30 aus «Gründen der öffentlichen Ordnung, Sicherheit oder Gesundheit». Denn auch wer zum Beispiel schwere Straftaten begeht, verliert sein Recht auf Freizügigkeit.

Dass die Freizügigkeit aufgrund fehlender Voraussetzungen aberkannt wird, sei vor fünf bis zehn Jahren so gut wie nicht vorgekommen, meint Voigt. «Das hat sich verändert, zum einen durch die Mitteilungspflicht von Sozialamt und Jobcenter, zum anderen durch die politische Grosswetterlage.» Verlustfeststellungen werden in fast allen Städten in Deutschland gemacht; dass es daraufhin tatsächlich zu einer Abschiebung kommt, sei laut Voigt sehr selten.

Es kommt aber vor: Im ersten Halbjahr 2025 wurden zwölf und im Jahr 2024 insgesamt 26 EU-Bürger*innen aus Nürnberg in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Die grösste Gruppe davon –neun Menschen – wurden nach Polen gebracht. Einer von ihnen war Paweł, der an einem Herbstmorgen in der Notschlafstelle von der Polizei geweckt wurde. Er durfte nicht mehr an seine Sachen, wurde auf die Wache mitgenommen. Dort musste er mit anderen Polen in ein Auto steigen, das ihn bei Görlitz über die Grenze ins polnische Zgorzelec brachte. «Für mich war das schrecklich, für die anderen auch, denke ich. Keiner hat viel geredet. Manche hatten Angst, weil sie mit der Polizei in Polen Probleme hatten.» Essen und Trinken bekamen sie während der Fahrt keines, erzählt Paweł.

In Zgorzelec wurden sie an der Zollstation aus dem Auto gelassen – übliches Vorgehen. «Am Grenzübergang werden die Abgeschobenen den jeweiligen Grenzbehörden übergeben, die über das weitere Vorgehen entscheiden», teilt das Amt für Migration und Integration der Stadt Nürnberg mit. In Pawełs Fall hiess das, dass die polnische Polizei ihm einen Zettel gab, dass er einen Monat lang nicht erneut die Grenze übertreten dürfe. «Ich war gestrandet, ohne Geld, ohne Sachen», erinnert er sich. Vier Tage verbrachte Paweł in Zgorzelec auf der Strasse, bis er sich genug Geld für ein Ticket in seine Heimatstadt erbettelt hatte.

Die Rückkehr

Fünf Monate verbrachte Paweł schliesslich in seiner Heimat bei seinen zwei Kindern im schulpflichtigen Alter. «Dort habe ich keinen Tropfen Alkohol getrunken», sagt er. Von aussen betrachtet klingt das gut. Doch seine Familie sei schwierig, die Beziehung zu seiner Ex eine Katastrophe. Nach fünf Monaten kehrte er nach Nürnberg zurück und damit auch zum Alkohol, zu den Problemen mit der Polizei, zur Notschlafstelle. Er hat immer noch Hoffnung auf ein besseres Leben durch gutbezahlte Arbeit.

Auch Antoni, dem ebenfalls die Abschiebung droht, mag sich ein Leben in Polen nicht vorstellen. Danach gefragt, wird er wortkarg. «Ich sehe mich dort nicht. Ich weiss nicht, was ich dort machen würde. Ich fühle mich hier einfach besser.»

Zu ihrer Familie haben die meisten der Porträtierten noch Kontakt: Sie telefonieren mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihren Kindern, schicken ihnen kleinere Geldbeträge. Viele sind auch immer mal zu Besuch in Polen gewesen, haben alte Kumpels getroffen und Verwandte besucht. Doch auch in der alten Heimat geht das Leben weiter, über die Jahre wird man sich fremder. Gleichzeitig ist das Leben in Deutschland, wenn auch voller Widrigkeiten, vertraut und die Menschen, die man täglich sieht, sind einem nah. «Beheimatung» nennen Sozialarbeiter*innen diesen Prozess, der das eigene Empfinden von Zugehörigkeit wachsen lässt und gegen den auch kein behördlicher Beschluss ankommen kann.

«Deutschland wollte Arbeitsmigrant*innen, doch es kamen Menschen», paraphrasiert Oskar Brabanski von der Beratungsstelle «Faire Mobilität» zum Schluss das bekannte Zitat von Max Frisch. «Doch sie werden nicht wie Menschen behandelt, sondern wie Roboter, wie Vieh, wie austauschbare Ware. Neben den arbeitsrechtlichen Problemen zerstört das auch die Psyche dieser Menschen.»

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von STRA ß ENKREUZER / INSP.NGO

Zwischen Freiheit und Angst

Obdachlosigkeit Im Buch «Wie Treibholz auf Asphalt» erzählen junge obdachlose Menschen aus ihrem Leben. Vier Leseproben geben einen Einblick in die tägliche Realität auf der Strasse.

TEXT NACHDRUCK MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG DES VERLAGS FISCHER SAUERLÄNDER

King, 25

Mit 11 bin ich ins Heim, und mit 15 bin ich nach Berlin abgehauen. Meine Eltern waren damals beide Alkoholiker. Mein Vater ist selbst früher obdachlos gewesen und war 20 Jahre auf der Strasse. Durch meine Mama ist er aus der Obdachlosigkeit herausgekommen. Als sie sich damals kennengelernt haben, war meine Mama so fasziniert von ihm, dass sie zusammengekommen sind.

Ich bin der Älteste. Ich habe zwei Geschwister und eine Stiefschwester. Vor kurzem bin ich Onkel geworden.

Mein Vater hat meine Mama geschlagen. Damit meine Geschwister das nicht mitkriegen, habe ich sie dann immer in meinem Zimmer eingeschlossen.

Weil meine Eltern morgens nicht klargekommen sind, musste ich für meine Geschwister Frühstück machen, sie in die Kita und zur Schule bringen und später wieder abholen. Teilweise bin ich selbst gar nicht mehr zur Schule gegangen, sondern hab Mittagessen gekocht. Manchmal musste ich auch zu meiner Oma fahren: «Mama und Papa haben schon wieder das ganze Geld versoffen, kannst du mir bitte was geben, damit ich einkaufen gehen kann?»

Die so: «Warum versaufen die das immer wieder? Das habe ich deiner Mutter nie beigebracht!»

Ich so: «Bin ich meine Mama? Das kannst du meine Mutter selbst fragen.»

Meine Oma guckt mich an: «Dann hol deine Geschwister für ein paar Tage hierher, ihr könnt erst mal bei mir pennen.»

So bin ich aufgewachsen …

Isi, 20

Ich habe bei Freunden übernachtet, die eine eigene Wohnung hatten, und manchmal wieder bei meiner grossen Schwester. Ab und zu habe ich draussen geschlafen, aber nur selten und nie für lange. Für mich ging das auf der Strasse gar nicht klar. Ich habe mich da richtig unwohl gefühlt. Da waren eklige Männer, und es war gefährlich: Ich wurde von irgendwelchen Pennern angequatscht oder einfach von Männern angefasst. Das war echt nicht okay. Wenn ich was gesagt hab, sind viele aggressiv geworden und haben sogar Flaschen nach mir geworfen. Das war nicht cool. Deswegen habe ich immer versucht, bei anderen unterzukommen. Ich habe krassen Respekt vor Leuten, die es schaffen, dauerhaft auf der Strasse zu leben.

Jenny, 23

Wir hatten zwar weniger materielle Dinge, aber dafür mehr Freiheit: Du konntest selbst entscheiden, was du machst, wann du es machst und wie du es machst. Keiner hat gesagt: «Nee, du bleibst hier. Es ist schon spät!» Und das ist, denke ich, der Punkt, den viele Leute sehr mögen. Das kann aber auch schnell schiefgehen, und dann hast du gar nichts mehr. Dann stehst du da und musst den ganzen Tag schnorren, damit du ein paar Brötchen zum Essen hast. Man muss halt auch wissen, wann es reicht, wann der schöne Sommerurlaub vorbei ist.

Es gibt viele Obdachlose, die gut verstecken, dass sie auf der Strasse leben. Die wollen nicht, dass man das sieht, es ist ihnen peinlich und unangenehm. Die haben es gut, weil sie nicht so schnell erkannt werden. Mir war es auch immer ein bisschen unangenehm, in einer grossen Gruppe unterwegs zu sein, weil die Leute dann sofort wussten, dass wir obdachlos sind. Die rochen, dass wir nicht sauber waren, die sahen, wie wir uns benahmen – wir waren schon offensichtlich assi. Aber eigentlich war das auch egal, weil wir ja im Endeffekt genau deswegen obdachlos waren: um frei zu sein. Das war ja der Nervenkitzel daran, dass wir uns benehmen konnten, wie wir wollten. Wir waren obdachlos, keiner konnte uns irgendwas. Nicht mal die Polizei. Weil wir keinen festen Wohnsitz hatten – was willst du da machen? Die konnten uns nicht mal Post schicken.

Kobai Halstenberg (Text), Vanessa Mundle (Illustration): «Wie Treibholz auf Asphalt – Junge Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Strasse». Fischer Sauerländer 2026. CHF 21.90

May, 18

Es kam öfter vor, dass ich einen Nervenzusammenbruch hatte, weil mir alles zu viel wurde. Dann ging ich in der Bahn oder am Bahnsteig in die Knie und weinte richtig doll. Meistens reagierten die Leute darauf gar nicht. Wenn über- haupt, erkundigten sie sich, ob alles gut sei, was ja offen- sichtlich nicht der Fall war. Wenn ich Ja gesagt habe, sind sie weitergegangen oder haben mir zwei Euro gegeben. An diesem Tag hatte mich in der Bahn wieder jemand angeschrien und beleidigt. Ein paar Abteile weiter hab ich mich auf den Boden gehockt und geweint. Diesmal kam eine junge Frau, 25 Jahre alt vielleicht, und hat mich um- armt. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, mich richtig an ihrer Schulter auszuweinen. Das hat sich so gut angefühlt! Ich hatte mich immer so alleine gefühlt, wenn ich geweint habe und mich alle angeguckt haben, es aber niemanden richtig interessierte. Von dieser Person umarmt und ge- tröstet zu werden, ohne dass ich überhaupt wusste, wer sie ist, das ging mir richtig nahe.

So was Ähnliches ist noch mal passiert. Ich sitze wei- nend an einem Bahnsteig auf dem Boden, und eine Frau fragt mich: «Hey, was ist denn los? Kann ich dir irgendwie helfen?» Ich kann kaum mit ihr reden, weil ich so heule. Dann fragt sie mich, ob sie mich umarmen darf. Sie um- armt mich und wartet so lange bei mir, bis ich mich beru- higt habe. Danach habe ich ihr meine Geschichte erzählt, und sie hat mir 40 Euro gegeben, mich nochmal umarmt und mir alles Gute gewünscht.

Ich schnorre, seit ich 14 bin, seit 4 Jahren, und es ist zweimal passiert, dass mich jemand umarmt hat.

Jung und obdachlos

Auch in der Schweiz leben Jugendliche auf der Strasse. Eine neue Studie soll Aufschluss geben über deren genaue Zahl, über die Gründe ihrer Obdachlosigkeit und mögliche präventive Massnahmen.

420 – so viele junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren sind in der Schweiz schätzungsweise obdachlos. Diese Zahl stammt aus einer Studie der Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz (FHNW) von 2023, der zufolge hierzulande rund 2200 Menschen obdachlos und 8000 Menschen von Wohnungsverlust bedroht sind. 18 Prozent der Obdachlosen sind Jugendliche – umgerechnet eben 420 Personen – und etwa 60 Prozent der in dieser Studie befragten Erwachsenen wurden erstmals im Alter von unter 18 Jahren obdachlos.

In der Studie wird eingeräumt, dass die genaue Zahl der Jugendobdachlosigkeit aufgrund einer fehlenden systematischen Erhebung der Daten noch unbekannt ist. Diese Lücke soll ein vom Schweizerischen Nationalfonds unterstütztes und von der FHNW durchgeführtes Forschungsprojekt bis 2027 schliessen. Was offenbar schon jetzt unbestritten ist: Die Dunkelziffer der betroffenen Jugendlichen dürfte wesentlich höher sein als die bisher errechneten Zahlen. Einer der Gründe geht aus den Befragungen hervor: Aus Scham und Angst vor Stigmatisierung suchen Betroffene oft keine Hilfe, sei es bei Anlaufstellen für psychosoziale Unterstützung oder in Notschlafstellen, weswegen sie in den bisherigen Statistiken nicht erfasst werden.

Kommt hinzu, dass der Begriff der Obdachlosigkeit unterschiedlich definiert wird. Häufig wird angenommen, nur Menschen würden als obdachlos gelten, die auf der Strasse oder in Parks schlafen, sogenannte «rough sleepers». Nach der ETHOS-Typologie (Europäische Typologie für Wohnungslosigkeit und prekäre Wohnversorgung) zählen dazu jedoch auch Menschen, die ihre Nächte in Notschlafstellen oder vergleichbaren niedrigschwelligen Einrichtungen verbringen. Wenn nun davon die Rede ist, dass in der Schweiz über 400 Jugendliche obdachlos sind, so ist das im Sinne dieser ETHOS-Definition zu verstehen. Davon unterschieden wird der Begriff der Wohnungslosigkeit, der weiter gefasst ist als jener der Obdachlosigkeit: Wohnungslos sind demnach alle Menschen, die auf Zeit in sozialen Einrichtungen leben; das können Jugendheime sein, Frauenhäuser, Psychiatrien, Gefängnisse oder Asylheime.

Volljährig auf die Strasse entlassen Vergleichsweise gut erforscht sind die Gründe für Jugendobdachlosigkeit. Zu den häufigsten gehören familiäre Konflikte, Gewalt, psychische Erkrankungen sowie Konsum-, Sucht- oder Drogenprobleme (siehe Surprise 536/22). Auch finanzielle Schwierigkeiten, knapper Wohnraum oder steigende Mieten können Obdachlosigkeit begünstigen. Studien für Deutschland wie auch die Schweiz haben gezeigt, dass sogenannte «Careleavers» besonders gefährdet sind, obdachlos zu werden. Das sind junge Menschen, die bis zu ihrem 18. Lebensjahr beispielsweise in einem Heim lebten oder bei einer Pflegefamilie und mit der Volljährigkeit quasi von einem Tag auf den anderen auf sich gestellt sind und sich entsprechend überfordert fühlen (dazu Surprise 487/20).

Um auch solchen Jugendlichen zumindest vorübergehend eine Art Auffangnetz zu bieten, nimmt die Berner Notschlafstelle Pluto junge Personen bis zum 23. Lebensjahr auf. In der Deutschschweiz ist Pluto neben Nemo in Zürich eine der wenigen Notschlafstellen speziell für Jugendliche. Sie wurde 2022 lanciert, verfügt über insgesamt sieben Betten, die mehrheitlich ausgelastet sind, ist jede Nacht zwischen 18 und 9 Uhr morgens geöffnet und bietet Jugendlichen ab 14 Jahren kostenlos Obdach, Schutz und Sicherheit (ausführlich Surprise 550/23).

2200

Menschen

sind in der Schweiz obdachlos und 8000 von Wohnungsverlust bedroht

aller Obdachlosen in der Schweiz sind Jugendliche

mal wurde 2025 in der Berner Notschlafstelle Pluto übernachtet.

Besonderen Wert legen die Sozialarbeiter*innen auf ein möglichst niederschwelliges Angebot. Im Falle von Pluto bedeutet dies: Die Jugendlichen müssen grundsätzlich keinen Ausweis zeigen, sie brauchen nicht aus Bern zu sein, müssen keine Kostengutsprache zum Beispiel einer Krankenkasse oder Sozialhilfe haben und können während der Öffnungszeiten kommen und gehen, wann immer sie möchten; auch dürfen sie, was in vielen vergleichbaren Institutionen verboten ist, ihre tierlichen Begleiter mitbringen. Dabei heisst Niederschwelligkeit nicht, dass es keine Regeln gibt. Beispielsweise ist Drogenkonsum im Haus verboten, ebenso Gewalt und Gewaltandrohung gegen Mitbewohnende oder Angestellte; auch dürfen die Jugendlichen im Normallfall nicht länger als drei Monate im Pluto bleiben. Bei Minderjährigen werden je nach Fall die obhutsberechtigten Personen oder die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) über den Aufenthaltsort der Jugendlichen informiert. Grundsätzlich aber verfolgen Institutionen wie das Pluto einen strikt anwaltschaftlichen Ansatz ganz im Interesse der Jugendlichen, welche die Notschlafstelle aufsuchen.

Hilfe suchen

Für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern, welche Unterstützung brauchen, gibt es schweizweit inzwischen zahlreiche Beratungs- und Unterstützungsstellen. Hier eine Auswahl:

Rêves sûrs: Der Verein hilft jungen Menschen in Notsituationen und vertritt die Interessen dieser Personengruppen. Er gründete auch die Berner Notschlafstelle Pluto. sichere-traeume.ch und pluto-bern.ch

147: Unterstützt junge Menschen, wenn sie kleine oder grosse Sorgen, Probleme oder Fragen haben und bietet Beratungsangebote an. 147.ch

Elternnotruf: Berät bei Fragen zur Erziehung und Entwicklung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – auch in kritischen Momenten, bei Konflikten oder bei Krisen. elternnotruf.ch/angebot/beratung

Kinderschutz Schweiz: Stiftung zum Schutz und zur Förderung von Kindern mit einer Meldeund Beratungsstelle. kinderschutz.ch

KESB: Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde hat die gesetzliche Aufgabe, den Schutz von gefährdeten Kindern und Erwachsenen sicherzustellen. Im Kanton Bern: kesb.dij.be.ch

Mit dem Podcast über Long Covid möchten Zita Bauer und Jann Zosso sowohl Betroffene als auch ein Fachpublikum erreichen.

Mit dem Projekt hat das Produktions-Duo auch als Paar die Erkrankung verarbeitet.

Sich gesundhören

Audio Im Podcast «So Long Covid» erzählen die Journalistin Zita Bauer und der Physiker Jann Zosso Geschichten der Genesung, die das Nervensystem in den Fokus rücken.

TEXT CÉLINE GRAF

«Wie in einem schlechten Film» habe er sich gefühlt, sagt Jann Zosso im Podcast «So Long Covid» über die Krankheit, an der er litt: Er war wie rund 300 000 Menschen in der Schweiz an Long Covid erkrankt. Sie alle haben dauerhafte chronische Beschwerden nach einer Covid-19-Infektion. Symptome sind etwa starke Erschöpfung, Kopf- und Muskelschmerzen, Gedächtnis- und Schlafstörungen. Was verursacht die Symptome, wenn als Ursache keine Entzündung oder andere Schäden, etwa an Organen, gefunden werden kann? Und was bedeutet das für die Behandlung von Long Covid und das chronische Fatigue-Syndrom (ME/ CFS), die sich überlappen? Diesen Fragen gehen die Journalistin und Anthropologin Zita Bauer und ihr Partner Jann Zosso, ein Physiker, im Podcast «So Long Covid» nach. Konkret befassen sie sich mit einem Ansatz aus der Schmerztherapie und Neurobiologie, der Zosso selbst geholfen hat. Er litt unter einer schweren Form von Long Covid oder Post Covid, wie die Krankheit auch heisst. Zeitweise war er im Roll-

stuhl und hatte wegen kleinster Tätigkeiten wie etwa Duschen Zusammenbrüche und tagelange Schmerzen. Ausgerechnet ein Reha-Aufenthalt verschlimmerte seinen Zustand nochmals. In der betreffenden Klinik im appenzellischen Gais deckte später eine Recherche von SRF deren falschen Umgang mit LongCovid-Patient*innen auf.

Eiskalt baden

In sechs Folgen rollt der Podcast die Geschichte von Zosso und weiteren Personen auf, die von Long Covid genesen sind. Darunter sind die Ärztin Jasna Cotting und die Radsportlerin Marlen Reusser, die den Podcast auch mitfinanziert hat. Sie möchten damit «den Diskurs ergänzen» und «realistische Hoffnung» geben, sagen Bauer und Zosso.

Den Podcast haben sie vor allem für Betroffene gemacht. Bauer erklärt im Gespräch, die Debatte zwischen Betroffenen sei besonders auf Social Media und in Foren derart gehässig, dass sie

einen konstruktiven Beitrag leisten wollten. Und es habe sie gestört, dass Erkrankte oft nur pessimistische Prognosen erhalten. Vielen Spitälern und Praxen würden immer noch Ressourcen fehlen für die Beratung ebenso wie für die Anwendung neuer Erkenntnisse. Die Wartelisten für Long-Covid-Sprechstunden sind lang. «Es ist eine Dringlichkeit da», sagt Bauer. Bevor alle Folgen des Podcast erschienen waren, meldeten sich Dutzende Erkrankte bei ihnen, die mehr wissen wollten. Zosso begleitet manche von ihnen als «Peer» – in der Rolle eines Beraters also, der selbst betroffen war. Für reizempfindliche Hörer*innen haben Zosso und Bauer den Podcast auch in einer Version ohne Musik produziert. «Wir wollen ausserdem auch Fachpersonen erreichen», sagt Bauer im Gespräch. Tatsächlich hätten Ärzt*innen sie schon kontaktiert oder weiterempfohlen. Die beiden bringen ihr Wissen auch in die nationale Long-Covid-Strategie ein, die der Bund derzeit erarbeitet.

Die Forschung zu Long Covid und ME/CFS kommt erst langsam voran. Ein interdisziplinäres EU-Forschungsprojekt, an dem sich auch die Universitäten Basel und Zürich beteiligen, ist «Horizon Europe Long Covid». Katrin Bopp, Leiterin der Long Covidund Fatigue-Sprechstunde am Universitätsspital Basel, sagt im Podcast, heute sei klar, dass neuronale Netzwerke eine relevante Rolle bei diesen komplexen Krankheiten spielen würden. «Das war für uns ein ganz wichtiges Puzzleteil.» Bopp und der Leiter der Psychosomatik am Unispital, Rainer Schäfert, haben festgestellt, dass Techniken wie das «Somatic Tracking» der «Pain Reprocessing Therapy»-Behandlung, die aus der Schmerztherapie kommt, bei manchen Long-Covid-Patient*innen anschlagen. Dabei werden Schmerzsignale aus dem Gehirn aktiv wahrgenommen und schrittweise «uminterpretiert». Zosso schildert im Podcast, wie er so seinen Körper trainierte, nicht mehr extrem auf Symptome zu reagieren. Und wie er, kombiniert mit weiteren Therapien, nach einem halben Jahr gesund war. Bauer und Zosso betonen, dass die Methode nicht allen helfe. In jedem Fall sei zuerst eine individuelle Diagnose nötig, und verschiedene Faktoren wie Vorerkrankungen und das psychosoziale Umfeld wirkten mit.

«So Long Covid» ist auf Korrektheit bedacht und spannend erzählt. Mit der eigens komponierten Musik, eingespielten Sprachnachrichten, Videocalls und Reportage-Elementen wähnt man sich zuweilen in einem amerikanischen «True Crime»Format. So badet Zita Bauer einmal im eiskalten Wasser, um das Gefühl einer starken Reaktion des Nervensystems nachzuvollziehen.

Für sie als Paar sei das Projekt eine schöne Erfahrung gewesen und sie hätten damit auch die schwere Zeit der Erkrankung verarbeitet, sagt Bauer. «Nie hätten wir gedacht, dass wir bis hier kommen, mit Janns Gesundheit und dem Podcast.»

Zita Bauer, Jann Zosso: «So Long Covid», Podcast-Serie, zu hören auf Spotify, Apple Podcasts, Youtube. solongcovid.ch

Verstummte Sprachen

Buch Der «Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen» zeigt, wie wichtig es ist, die Sprachvielfalt zu erhalten.

Die Kernaussage des «Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen» bringt es auf den Punkt: Wenn eine Sprache nicht mehr an die Kinder weitergegeben wird, wenn die Generationenfolge abbricht, dann verstummt die Sprache, dann stirbt sie aus.

Dass Sprachen aussterben, ist nicht neu. Man nimmt an, dass es im Laufe der Menschheitsgeschichte etwa 500 000 gesprochene Sprachen gab. Zeugnisse finden sich nur selten. Nicht einmal ein Prozent der Sprachen gibt es in schriftlicher Form. Heute sind es weltweit noch 7000 Sprachen, was immer noch eine beeindruckende Vielfalt ist. Wobei allerdings die halbe Menschheit nur die 24 Weltsprachen spricht, die andere Hälfte die «restlichen». Von diesen ist mindestens die Hälfte bedroht. Und der Verlust dieser Sprachen hat sich dramatisch beschleunigt. Geschätzte Verlustrate: eine Sprache alle ein bis drei Monate. Mit jeder Sprache aber geht die Identität einer Gemeinschaft verloren und nicht zuletzt auch viel Wissen.

Der «Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen» nimmt uns mit auf eine spannende «Lese-Expedition» in die Welt der Sprachen. Dafür wurden 50 gefährdete Sprachen (darunter das Rätoromanische) aus allen Kontinenten ausgewählt. Jede ist mit einer Karte und einem Infotext versehen, die uns faszinierende Besonderheiten vorstellen –wie etwa eine Sprache mit 122 Konsonanten, eine Trommelsprache oder eine Sprache mit über 1,5 Millionen Formen für ein einziges Verb. Angegeben sind jeweils auch die Bedrohungen dieser Sprachen. Sie sind zahlreich und reichen von Globalisierung, Urbanisierung und Kolonialisierung (mit unvorstellbaren Verbrechen an indigenen Völkern) über die Bildung von Nationalstaaten (mit dem Diktat: ein Volk, eine Sprache) bis hin zu Naturkatastrophen. Doch auch der Wechsel ganzer Sprachgemeinschaften in eine andere, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Erfolg versprechende Sprache kann zum Verschwinden eines Idioms führen. In fünf Essays und weiteren Infografiken werden diese Erkenntnisse zusammengefasst und vertieft. Dabei zeigt sich der Wert der Sprachvielfalt und die Wichtigkeit, sie zu erhalten. Hoffnung gibt es. Denn das Bewusstsein für den Verlust ist gewachsen. Und der technische Fortschritt ermöglicht eine immer bessere Dokumentation von Sprachen. Eine wichtige Rolle spielt eine Art «Arche Noah»: ein digitales Archiv mit Tausenden von Ton- und Videoaufnahmen. Wer weiss, vielleicht wird damit eines Tages eine der verstummten Sprachen zu neuem Leben erweckt. CHRISTOPHER ZIMMER

FOTO: ZVG

Arnfrid Schenk, Stefan Schnell: Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen. Von Nordfriesland bis nach Amazonien. Dumont 2025. CHF 48.90

Veranstaltungen

Bern «auawirleben», Theaterfestival, Mi, 6. bis So, 17. Mai, Spielorte: PROGR, Dampfzentrale, Schlachthaus Theater, Tojo Theater, Grosse Halle, Feuerwehr Viktoria Aula. Festivalzentrum: Lehrer*zimmer PROGR, Waisenhausplatz 30. auawirleben.ch

«Trotzdem» ist so ein Schlagwort in einer Welt, die vielen zurzeit Angst macht zwischen Krieg und Autoritarismus, Klimakatastrophe und Faschismus mit und ohne KI. Auf Englisch «nonetheless», und so heisst also die aktuelle Ausgabe des Festivals auawirleben. Dagegenhalten. Durchhalten. Zusammenhalten. Der Gedanke zieht sich quer durch die Produktionen, die aus Australien, Belarus, Brasilien, Bulgarien, Deutschland, England, Estland, Litauen, Mexiko, Österreich, Polen, Spanien und der Schweiz stammen. Zum Beispiel «Mi madre y el dinero» aus Mexiko: Über sechzig Jahre lang arbeitete Josefina Orlaineta in mehr als vierzig Jobs. Ihr Sohn fand beim Theater in der Hauptstadt derweil zu seiner Identität als schwuler Mann. Nun stehen sie zusammen auf der Bühne und erzählen von Überlebensstrategien, prekärer Arbeit, Klasse und Familie. DIF

Aarau

«Arty Show – Kunst im Schaufenster», Kunstparcours, bis Sa, 2. Mai, Führungen am Sa, 25. Apr. und Sa, 2. Mai, kostenlos, Treffpunkt: Aarau Info, Metzgergasse 2; ansonsten diverse Schaufenster, Altstadt. arty-show.ch

Kunst im Schaufenster, das ist nicht etwa ein Marketing-Gag des lokalen Tourismusbüros, sondern

Schweiz «Das Tanzfest», Mi, 6. bis So, 10. Mai, ganze Schweiz. dastanzfest.ch

Das Spannende am Tanzfest ist, dass hier Profis am Werk sind, aber der Tanz doch nicht nur als Kunstform verstanden wird – sondern als gesellschaftliche Kraft: Er schafft Räume für kulturelle Verständigung, bringt Generationen zusammen und stärkt die körperliche und mentale Gesundheit. Das heisst: Tanz findet überall statt, auf öffentlichen Plätzen, in Altersheimen und Shopping Center, in Museen und auf Bäumen. Und es können sich alle beteiligen, unabhängig von Alter und körperlichen Voraussetzungen oder sozialem Hintergrund. Von Basel und Burgdorf bis Zürich und Zug gibt es inklusive Discos, Tanzspaziergänge, Flashmobs und Schnupperkurse. In Brig thematisiert die inklusive Compagnie TanzGas mit «HALT – tanz in den Rahmen» das Anderssein in der Gemeinschaft. Erinnerung und Begegnung werden von Laien- und Profitänzer*innen im Stück «Sensorama» von Lisa Lareida am Tanzfest Bern untersucht. Und in Basel geht die Performance «Happy Hype» des Collectif OUINCH OUINCH in eine karnevaleske, queere Party über. DIF

St. Gallen

ein Kunstprojekt. Schon in den 1990er-Jahren haben insgesamt über 900 Künstler*innen – darunter Andy Warhol – Schaufenster des New Yorker Kaufhauses Bonwit Teller gestaltet. Nicht um sich damit der Konsumwelt anzubiedern, sondern im Sinn eines Experimentierfelds, das Fragen der Inszenierung und Wahrnehmung ausserhalb des Museumsraums aufwirft. Es gibt eine ganze Schaufenstertheorie (siehe online bei Arty Show). In dem Sinn wird nun die Altstadt von Aarau zur OpenAir- Galerie: Zwanzig Schweizer Künstler*innen stellen in Schaufenstern aus. Die Vitrinen, die dem Verkauf dienen, werden zu Bühnen für Skulpturen, Malerei, Zeichnung, Fotografie, Installationen und textile Arbeiten. Die lokale Kunstszene steht dabei im Zentrum, hinzu kommen Künstler*innen vor allem aus der Romandie. Nächste Ausgaben folgen dieses Jahr in Lausanne, Davos, Neuchâtel und La Chaux-deFonds, siehe online. DIF

nierung benennt. In Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Julie Paucker ist also ein Schauspiel mit Hunden (mit Uno, Picco u. a.) entstanden. «Survival of the fittest?» wird da gefragt und auch gleich geantwortet: «Nein: Survival of the kindest!» Uns scheint es fast schon überschwänglich beziehungsorientiert, wie hier über das Verhältnis Tier-Mensch nachgedacht wird. Aber nicht nur flauschig-kuschelig verspricht es zu werden, sondern auch analytisch, wenn gesellschaftliche Systeme beschnuppert werden. «WUFF statt WEF» heisst hier die Ansage, und die Frage stellt sich: Wäre das nicht möglicherweise das nachhaltigere Prinzip fürs Zusammenleben? DIF

Schweiz

«weit weit wort» und «Die 7½ Leben des Paul Ungewitter», Lesungen, Spoken Word und Kabarett, Do, 30. Apr., 20 Uhr, Bücher Dillier, Sarnen; Do, 28. Mai, 19.30 Uhr, Bücher Scheidegger, Affoltern am Albis; Sa, 15. Aug., 17 Uhr, libraria poesia clozza, Scuol. Weitere Orte und Termine siehe online. ralfschlatter.ch

«Wau Wow – ein Hundsstück», Theater, Do, 30. Apr. bis Fr, 5. Juni, Theater St. Gallen, Lokremise, Grünbergstrasse 7. konzertundtheater.ch

«Ein Leben ohne Hunde ist möglich, aber sinnlos», so lautet die Prämisse dieses Hundsstücks für St. Gallen, wie Regisseur Piet Baumgartner seine neuste Insze-

Ralf Schlatter ist Geschichtenerzähler, Wortspieler – und übrigens auch unsere literarische Begleitung in der Surprise Textwerkstatt, in der wir mit Surprise-Verkäufer*innen eigene Texte erarbeiten. Wir wissen also, wovon wir reden, wenn wir hier seine Auftritte empfehlen. Zurzeit ist er sowohl mit Lesungen aus seinem wunderbaren Roman «Die 7½ Leben des Paul Ungewitter» und mit einem Querschnitt durch sein sonstiges Werk unterwegs: mit Kurzgeschichten, Gedichten und einem seiner Songtexte für die Walliser Sängerin Sina. Schlatters Bühnenprogramme und Texte entstehen aus einer feinen Beobachtung des Alltags heraus und sind oft bevölkert von tragikomischen Figuren. Rhythmische Sprache verbindet sich so mit schlauem Humor. DIF

CAROLINE MINJOLLE, 59, ist freischaffende Fotografin aus Zürich. Das mit Einwegmaterialien inszenierte und im Rahmen eines Ausstellungsprojektes des Kollektivs Lunax entstandene Bild zeigt Dominique, eine junge Frau, die sich für den Klimaschutz, für Gleichstellung sowie eine nachhaltige Gesellschaft engagiert, was der Fotografin in unserer düsteren Welt Hoffnung gibt.

An dieser Stelle fragen wir einmal im Monat Schweizer Fotografinnen des Netzwerkes «Purple Eye», was ihnen in Zeiten wie diesen Hoffnung gibt. purple-eye.ch

Die 25 positiven Firmen

Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung.

Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist.

Automation Partner AG, Rheinau

Zehnder Arbeitssicherheit, Zürich

Madlen Blösch, Geld & so, Basel movaplan GmbH, Baden

Kaiser Software GmbH, Bern

Jocher Projekte GmbH, Rheinfelden appius GmbH, Interims-Management Gemeinnützige Frauen Aarau Breite-Apotheke, Basel

Broki Sidewäg, Bern

Maya Recordings, Oberstammheim

AnyWeb AG, Zürich

Beat Vogel - Fundraising-Datenbanken, Zürich

Praxis Carry Widmer, Wettingen hoopsforyu, jewelry

Zibsec Sicherheitsdienst, Zürich

Wuillemin Beratung, wuillemin-beratung.ch

Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern unterwegs GmbH, Aarau

Blumen & Kohl GmbH, Zehendermätteli

Praxis Dietke Becker, Männedorf

Boner Elektrohaus AG, Basel

Büro Dudler, Raum- und Verkehrsplanung, Biel

Infopower GmbH, Zürich

FF Finanzberatung Flückiger, Baar

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden?

Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei.

Spendenkonto:

IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel

Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine Bestätigung.

SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA

Wie wichtig ist

Ihnen Ihre Unabhängigkeit?

Eine von vielen Geschichten

Negasi Garahlassie gehört unterdessen schon fast zum Winterthurer Stadtbild. Seit rund 15 Jahren ist Negasi Garahlassie als Surprise-Verkäufer tätig. Entweder verkauft der gebürtige Eritreer seine Magazine auf dem Wochenmarkt oder am Bahnhof Winterthur. Der Arbeitstag des 65-Jährigen beginnt frühmorgens und dauert meist so lange, bis der abendliche Pendelverkehr wieder abgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Söhnen ist er auf das Einkommen des Strassenmagazinverkaufs angewiesen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das SurPlus-Programm unterstützt ihn dabei: Mit Krankentaggelder, bezahlten Ferientagen und einem Abonnement für den öffentlichen Nahverkehr.

Das Programm Einige unserer Verkäufer*innen leben fast ausschliesslich vom Heftverkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestärkt sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkäufer*innen zusätzliche Unterstützung. Sie erhalten ein Abonnement für den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei finanziellen Notlagen aber auch für Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere Unterstützungsbeiträge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.

Weitere Informationen gibt es unter: surprise.ngo/surplus

Unterstützen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende

Derzeit unterstützt Surprise 30 Verkäufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.

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· 1 Jahr: 6000 Franken

· ½ Jahr: 3000 Franken

· ¼ Jahr: 1500 Franken

· 1 Monat: 500 Franken

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Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Maj Lisa Dörig, Hanna Fröhlich, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Fatima Moumouni, Adriana Ružek, Ralf Schlatter, William Stern, Priska Wenger, Christopher Zimmer

Mitarbeitende dieser Ausgabe

Céline Graf, Stella Hänsenberger, Alex Mages, Caroline Minjolle, Alisa Müller, Karin Pacozzi

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt.

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#Strassenma g azin «Tolle Berichte»

Grosses Kompliment und ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten für die tollen Berichte und Reportagen.

#Stadtrund g än g e Basel: Benno Fricker «Informationen und Wissen»

Ich fand es spannend, besonders von den eigenen Erfahrungen zu hören und Fragen stellen zu können. Der Wille, Informationen und Wissen weiterzugeben, war zu spüren, dies hat das Erlebnis massgeblich beeinflusst.

CARMEN MOLLET, Bubendorf

#Stadtrund g än g e Basel: Luc y O y ubo «Sehr empfehlenswert»

Gute Organisation und Integration verschiedener Perspektiven. Deutliche und klare Sprache. Sehr empfehlenswert! Die Produkte der besuchten Verkäufer*innen könnte Lucy Oyubo noch mehr promoten bzw. genaue Beispiele geben, was diese anbieten und was interessant wäre, zu probieren, zu entdecken.

#621: Arme, reiche Schweiz Korrigendum

Im Artikel zum Nationalen Armutsmonitoring von Klaus Petrus ist uns wohl im Heftabschluss etwas verloren gegangen, was zu einer Falschaussage führte. Im Text steht, dass die Empfehlung der SKOS für den (kantonal festgelegten) Grundbedarf eines Einpersonenhaushalts in der Sozialhilfe rund 1000 CHF pro Monat umfasse. Darin enthalten seien Lebensunterhalt wie Nahrung und Kleidung, die Wohnkosten sowie die medizinische Grundversorgung. Wohnkosten sowie medizinische Grundversorgung sind jedoch nicht Teil des Grundbedarfs, sondern werden (ebenfalls je nach Wohnort und persönlicher Lage in unterschiedlicher Höhe) extra berechnet. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen und danken den aufmerksamen Leser*innen für den Hinweis.

DIE REDAKTION

#Stadtrund g än g e Zürich: Christian Gabriel «Mut und Vertrauen»

Eine bewegte und bewegende Lebensgeschichte, in lebendige Worte gefasst und überzeugend vorgetragen. Gibt Mut und Vertrauen in die Welt!

TINU BALMER, Zürich

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Surp rise-Porträt

«Und dann wird es gut»

«Ich bin in Rumänien aufgewachsen, in einem kleinen Dorf, zusammen mit meinen Eltern und zwölf Geschwistern. Damals war das Land noch kommunistisch, regiert von Nicolae Ceaușescu. Ich weiss, im Westen gilt Ceaușescu als Diktator, aber für viele von uns war die Zeit unter seiner Regierung eine gute Zeit. Man hatte Jobs – mein Vater arbeitete bei der Bahn, meine Mutter half in der Landwirtschaft aus – und es gab keine Korruption. Oder jedenfalls nicht so viel Misswirtschaft, wie das seitdem der Fall ist. Sicher, das Geld war immer knapp. Auch wir Kinder mussten neben der Schule arbeiten, damit alle Essen und Kleidung hatten. Doch man musste nicht um die Zukunft bangen.

Mit achtzehn machte ich den Führerschein, auch für grosse Lastwagen. So wurde ich Chauffeur. Erst war ich im Auftrag von Spediteuren in Rumänien und Osteuropa unterwegs, dann ging ich 2018 nach Irland, bevor ich vier Jahre später im Auftrag einer Speditionsfirma für einen Job in die Schweiz kam. Allerdings musste ich damals alle drei Monate das Land verlassen, um wieder eine Arbeitsbewilligung zu bekommen. Als ich einmal aus Rumänien in die Schweiz zurückkehrte, hiess es seitens der Firma, ich könne nicht weiterarbeiten, da ich kein Deutsch beherrsche.

Inzwischen habe ich den Ausweis B. Er ist auf fünf Jahre befristet, was bedeutet, dass ich während dieser Zeit in der Schweiz bleiben darf. Allerdings brauche ich dafür Arbeit am Stück. Das war nach der Kündigung schwierig geworden – und ist es bis heute. Da ich kein Geld mehr hatte, lebte ich zwischendurch auf der Strasse, schlief in öffentlichen Parks. Jetzt verbringe ich die Nächte meistens in Notschlafstellen. Allerdings geht das nur wenige Nächte hintereinander, manchmal sind es zehn, in Ausnahmefällen zwanzig. Dann muss ich die Notschlafstelle wechseln: von Basel nach Luzern, von dort nach Olten, dann nach Zürich und wieder zurück.

Das kostet viel Geld: Erstens die Übernachtung, im Schnitt um die zehn Franken, dann mehrere hundert Franken für das Monatsabo der Bahn. Ich muss die Strecke zwischen der Notschlafstelle – zum Beispiel jener in Luzern – und Basel mit dem Zug zurücklegen können. In Basel verkaufe ich Surprise, diese Einkommensquelle ist für mich unverzichtbar.

Ob ich daran denke, nach Rumänien zurückzukehren? Meine Eltern sind inzwischen verstorben und die meisten meiner Geschwister sind fortgezogen; zwei

Maricel Corduneanu, 49, stammt aus Rumänien. Er verkauft Surprise beim Bahnhof SBB in Basel und vertraut fest darauf, dass er bald eine feste Arbeitsstelle bekommt.

Brüder leben in Grossbritannien, zwei Schwestern in Spanien. In Rumänien gibt es kaum noch Jobs und die Löhne sind sehr schlecht.

Also vertraue ich darauf, hier in der Schweiz eine feste Anstellung zu kriegen – was in meinem Alter, ich werde bald fünfzig, natürlich nicht einfach ist. Und ich muss möglichst bald einen Job haben, denn mein B­Ausweis läuft nächstes Jahr aus. Wenn ich nicht nachweisen kann, dass ich einer unbefristeten oder wenigstens auf ein Jahr befristeten Arbeit nachgehe, war es das. Ich weiss nicht, wie oft ich mich schon um Jobs beworben habe – bisher leider vergebens.

Meistens scheitert es an der Sprache. Ich möchte gerne einen Deutschkurs belegen und habe schon mehrere Anläufe genommen. Doch dann fehlte es mir am Geld oder ich war krank – ich habe ein Nierenleiden. Auch war ich oft zu gestresst, weil der Druck so gross ist, unbedingt Geld verdienen zu müssen. Dabei wäre ich für fast alles zu haben, am liebsten in der Reinigung oder als Chauffeur.

Man darf einfach die Hoffnung nicht verlieren. Zum Glück habe ich, und das sage ich nicht einfach so daher, viel Gottvertrauen. Zudem ist die Schweiz ein freundliches Land, die Menschen sind sehr nett, sie haben Verständnis und Geduld. Das macht das Leben einfacher. Jetzt brauche ich nur noch Arbeit. Und dann wird es gut.»

Aufgezeichnet von KLAUS PETRUS

FOTO: KLAUS PETRUS

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