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«Ich fühle mich jetzt nicht mehr allein»

Auf seinem Sozialen Stadtrundgang durch Basel erzählt Tito Ries von seinem jahrelangen Kampf gegen Schulden, Depression und Alkoholsucht–und welche Wege aus der Schuldenspirale führen.

Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.

Würden wir aktiv werden?

An der Bushaltestelle oder bei der Post stelle ich mir manchmal das Leben der Menschen vor, die um mich herum stehen und ebenfalls warten. Wie sieht wohl die Wohnung dieser Personen aus, was macht sie glücklich, was beschäftigt sie jetzt gerade?

Einmal im Zug war ich überrascht, als die Frau neben mir Schweizerdeutsch sprach (und realisierte meinen Rassismus). So wie damals liege ich wohl meistens falsch. Wie schade. Wie einfach wäre es, wenn es nicht mehr als ein paar Augenblicke bräuchte, um einschätzen zu können, wer mein Gegenüber ist. Wie schön aber auch, dass das Leben vielfältiger und unberechenbarer und komplexer als meine Vorurteile ist.

Wenn ich die Fotos von Wahidullah Alikhan sehe, denke ich: ein selbstbewusster Mann, der mitten im Leben steht, vielleicht mit einer nachdenklichen Seite und bestimmt viel Witz. Und dann lese ich, wie er aus Kabul geflüchtet ist, via Iran, Türkei, die Balkanländer, bis in die Schweiz, und ich bin erschüttert. Irgendwie beruhigt es mich, dass

4 Aufgelesen

5 Na? Gut! So viel bezahlen, wie man kann

5 Vor Gericht 101 km/h im Stadtquartier

6 Verkäufer*innenkolumne Vor sich selber davonlaufen

7 Die Sozialzahl Das demografische Trilemma

8 Diaspora Netzwerken im Fussballklub

14 Flucht Von der Türkei bis in die Schweiz

20 Asylwesen KI im Schweizer Asylverfahren

man Alikhan diese Erfahrungen nicht ansieht, und gleichzeitig frage ich mich: Was wäre anders, wenn wir allen Menschen ihren Weg ansehen würden? Würden wir aktiv werden gegen eine menschenunwürdige Asylpolitik? Teil 2 von Wahidullah Alikhans Fluchtgeschichte lesen Sie ab Seite 8.

Ihr Innerstes zeigen, das müssen Asylsuchende auch im Schweizer Asylverfahren. Welche Konsequenzen es hätte, wenn dabei neu KI-Systeme eingesetzt würden, lesen Sie im Interview auf Seite 20.

Welches Bild nach aussen gibt man ab? Was sehen die Leute in einem? Um Fragen wie diese geht es auch in unserer Titelgeschichte. Der SV Slavonija, FK Drina und FC Prishtina wurden von Männern gegründet, die vom Balkan in die Schweiz migriert sind. Welche Bedeutung die Klubs heute haben, ab Seite 14.

LEA STUBER Redaktorin

22 Kunst Jeder Strich eine Entscheidung

24 Illustration «Ein Ort macht etwas mit einem»

26 Veranstaltungen

27 Fotokolumne Was gibt dir Hoffnung?

28 SurPlus Positive Firmen

29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

30 Surprise­Porträt «Wir hatten viel Glück»

Auf g elesen

News aus den über 90 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Unheilvoller Kreislauf

Die Ärztin Sarah Axelrath behandelt in der US-amerikanischen Stadt Denver Menschen, die auf der Strasse leben. Eines der häufigsten Missverständnisse in Bezug auf Obdachlosigkeit sei deren Verknüpfung mit vorhergehenden Traumata und Drogenkonsum. «Drogenkonsum gehört nicht einmal zu den drei häufigsten Ursachen für Obdachlosigkeit. Die drei sind instabile Wohnverhältnisse, Armut und Arbeitslosigkeit.» Sobald Menschen jedoch auf der Strasse lebten, werde Drogenkonsum oft zu einem Bewältigungsmechanismus für die extremen Umstände, so Axelrath. Diese Überlebensstrategie könne Menschen schnell in einen Kreislauf von Erschöpfung und Sucht führen. Die traditionellen Gesundheitssysteme seien selten darauf ausgerichtet, diesen Realitäten gerecht zu werden. Immerhin gebe es auf Initiative jüngerer Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen immer mehr Strassenmedizin und integrierte Outreach-Modelle. Das gebe ihr Hoffnung.

«Ein mitreissendes und überraschendes politisches Drama.»

Die drei häufigsten Ursachen von Obdachlosigkeit sind

Zu viele Wohnungslose

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland sind wohnungslos, so viele wie nie zuvor. Laut der Bundesarbeitsgemein schaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) ist das ein Anstieg von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Darunter finden sich über eine Viertel Million Kinder und Jugendliche.

Die soziale Frage unserer Zeit

Der Wohnraummangel sei «die soziale Frage dieser Zeit», so der Soziale WohnMonitor des Pestel-Instituts. Trotz des jährlichen Bedarfs von etwa 400 000 neuen Wohnungen werden laut Studie in Deutschland nur rund 200 000 gebaut. Von Wohnraummangel besonders betroffen sind junge Menschen, Ältere sowie Menschen mit Behinderung.

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So viel bezahlen, wie man kann

Alles begann damit, dass sie, die als Jugendarbeiterin im Hip-HopCenter in Bern arbeitete, einen gebrauchten Coiffeurstuhl und einen Spiegel mitbrachte und den Jugendlichen anbot, ihnen die Haare zu schneiden. Melanie Keller liess sie selbst entscheiden, wie viel sie dafür bezahlten. Ihr Angebot sprach sich herum und wurde grösser. Gegenüber den Zeitungen Der Bund und Berner Zeitung sagt Keller: «Der Bereich der Schönheit und der persönlichen Pflege wird vom Sozialamt oft nicht oder nur unzureichend abgedeckt, obwohl er für das Selbstwertgefühl wichtig ist.» Ein Coiffeurbesuch dürfe kein Luxus sein. Und so eröffnete Melanie Keller im September ihren eigenen Coiffeursalon in Bern, «Cut N’ Go» heisst er.

Das Prinzip gilt auch hier: Die Kund*innen entscheiden selber, wie viel sie für den Haarschnitt bezahlen. Wer es sich leisten kann, zahlt mehr, so die solidarische Idee dahinter, wer ein kleines Budget hat, weniger. Keller vertraut auf die Ehrlichkeit der Kund*innen, sie prüft ihre finanzielle Lage nicht. Wenn Kund*innen, die es sich leisten können und einen angemessenen Preis bezahlen wollen, fragen, was ein Haarschnitt etwa koste, antworte Keller: Sie rechne mit etwa einem Franken pro Minute –damit deckt sie die Kosten für Miete, Material und Löhne.

Auch Spenden, etwa von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, finanzieren den Coiffeursalon mit. Bis im Herbst ist das Projekt gesichert. Melanie Keller versucht derzeit, die Vereinbarungen mit den Förderinstitutionen zu verlängern sowie zusätzliche Stiftungsgelder zu beantragen. LEA

Vor Gericht

101 km/h im Stadtquartier

Auf der Website des Fahrzeugherstellers heisst es über den sogenannten Sport-PlusModus: «In diesem Modus werden die Fahrzeugeigenschaften wie Beschleunigung und Handling auf sportliches Fahren ausgelegt.» Treffender ist wahrscheinlich die Beschreibung eines Reddit-Users: «Der Sport-Plus-Modus verwandelt dein Auto in ein Tier.» Im Fall des Beschuldigten hat die mit einem einfachen Knopfdruck auf der Mittelkonsole vorzunehmende Fahreinstellung zu einer heftigen Kollision geführt.

elementarer Verkehrsregeln» (Art. 90 Abs. 3 Strassenverkehrsgesetz). Der sogenannte Rasertatbestand wird bei «besonders krasse(r) Missachtung der zulässigen Mindestgeschwindigkeit» angewendet, worunter Tempoüberschreitungen von 50 km/h oder mehr in einer 50er-Zone fallen.

In den Einvernahmen hatte der Beschuldigte die Temposchätzung der verkehrstechnischen Gutachter*innen noch angezweifelt, vor Gericht sagt er auf die Frage der Richterin, ob er eine Geschwindigkeit von 101 km/h für möglich halte: «Chönt sii.»

An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen.

Oktober 2024: Mitten in Aarau beschleunigte der damals 19-Jährige seinen BMW M4 (mehr als 500 PS) an einer Ampel von 0 auf 101 km/h – das zumindest ergab das verkehrstechnische Gutachten. Nach wenigen Metern verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug, das Heck scherte aufs Trottoir aus, er geriet auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit einem korrekt entgegenkommenden Toyota Prius. Der Mann und sein Beifahrer blieben unverletzt, der 75-jährige Lenker des Toyota musste ins Spital gebracht und operiert werden. Knapp eineinhalb Jahre später muss sich der BMW-Lenker nun vor dem Bezirksgericht Aarau verantworten. Seine Füsse zucken während der Befragung, die Antworten kommen kurz und knapp. «Keinen wirklichen Grund», sagt er, habe es gegeben für die Aktion, mitten in einem belebten Stadtquartier das Gaspedal durchzudrücken. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem einfache Körperverletzung vor, vor allem aber die «vorsätzliche Verletzung

Der amtliche Verteidiger plädiert auf eine Halbierung der geforderten Strafe – 12 statt 24 Monate Freiheitsstrafe bedingt und 2000 statt 4000 Franken Busse – und weist darauf hin, dass es sich um einen Ersttäter handle. «Es ist nicht davon auszugehen, dass es je wieder zu einem solchen Vorfall kommen wird.» Das stimmt zumindest für die nächsten paar Monate: Der Beschuldigte befindet sich – neben dem Strafverfahren – einstweilen in einer administrativen Massnahme. Er muss beim Verkehrstherapeuten antraben und ein psychologisches Gutachten über sich ergehen lassen, bevor er das Billett zurückfordern kann. Das Unfallauto, ein geleaster BMW M4, ist er los, ein zweites Auto steht noch in der Garage. Nach der eineinviertelstündigen Urteilsberatung verkündet die Gerichtspräsidentin: 22 Monate Freiheitsstrafe bedingt und eine Busse von 4000 Franken. Zudem muss der junge Mann die Kosten der Untersuchung und des Gerichts auf sich nehmen, und – sobald es seine wirtschaftliche Lage erlaubt – die der amtlichen Verteidigung. Nur dem Zufall sei es zu verdanken, dass nichts Schlimmeres passiert sei, so die Richterin.

WILLIAM STERN ist Gerichtsreporter in Zürich.

Verkäufer*innenkolumne

Vor sich selber davonlaufen

Ende Januar, genauer am 27. Januar 2026 um 11 Uhr, wurde im Triemlispital mein Darm untersucht. Im Spätsommer 2025 hätte es schon gemacht werden sollen. Doch ich war schlecht vorbereitet, hatte mich nicht an die Diät gehalten. Deswegen vereinbarte ich mit den Ärzten, dasselbe im Winter 2026 stationär zu untersuchen.

Trat am Vortag, 26. Januar, um 11 Uhr ins Triemlispital ein. Station K, Zimmer 228. Kriegte zum Essen nur noch klare Bouillonsuppe. Bin überzeugt, dass dies enorm wichtig war. 17 bis 19 Uhr trank ich das Plenvu, aufgelöst, 1 Liter. Zuvor bereits die gleiche Menge Wasser innerhalb einer Stunde. Am Dienstagmorgen, 5 bis 7 Uhr, dasselbe nochmals. Um 10

Uhr Stuhl flüssig. Mein Hintern war wund vom vielen Stuhlen. Schon ab 3 Uhr nachts hatte ich nicht mehr schlafen können, weil sie mir einen schwerkranken Mann ins Zimmer brachten.

Am frühen Morgen wollte ich das Ganze abbrechen und davonlaufen. Erkannte aber rechtzeitig das Muster, das typisch ist für mich: Ich versuche, vor mir selber davonzulaufen. Das wollte ich natürlich nicht.

Bin heute sehr glücklich, dass ich diese ganze Tortur über mich ergehen liess. Muss nun dasselbe für mindestens fünf bis zehn Jahre nicht mehr durchmachen. Habe Hochachtung vor dem Fachpersonal im Spital. Das Team bestand total aus drei Leuten, Nachtwache und zwei Pflegefachfrauen. Hatten alle Hände voll zu tun.

Diesmal habe ich die vorgeschriebene Ernährung während der vier Tage vor der Untersuchung eingehalten. Das ist für

mich wichtig. Habe mich besser vorbereitet, und es hat sich ausgezahlt. Sie haben mir im Spital auch geraten, Wasser über den ganzen Tag verteilt zu trinken, in kleinen Portionen. Das ist das Gegenteil von dem Prozedere für die Untersuchung. Aber das habe ich mir nun vorgenommen.

Hans, lass den Mut nicht sinken In Zukunft werde ich weiterhin Täglich viel Wasser trinken

HANS RHYNER, 70, las den Spruch «Brüder, lasst den Mut nicht sinken, morgen müsst ihr Wasser trinken» vor vielen Jahren an der Wand einer Ausnüchterungszelle, wo er ebenfalls eine Nacht verbracht hat.

Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

Das demografische Trilemma

Diese Zahl hat grosse mediale Aufmerksamkeit erhalten: 2024 betrug die durchschnittliche Geburtenrate in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik noch 1,29 Kinder pro Frau. Dies ist der tiefste Wert, der für die Schweiz je gemessen wurde. Er bestätigt aber den Trend, der sich seit geraumer Zeit beobachten lässt. Frauen bekommen immer weniger Kinder, die Kernfamilie wird kleiner und kleiner. «Mama, Papa, ein Kind, ein Hund» wird in der Schweiz zur Standardfamilie.

Sogleich ging einmal mehr die Debatte los, was zu tun wäre, damit Frauen wieder mehr Kinder bekommen. Der Blick ins Ausland machte dann rasch klar, dass bis heute keine Massnahmen gefunden wurden, welche die gewünschte Wirkung in nachhaltiger Weise zeigen würden. In sehr vielen Ländern findet sich vielmehr das gleiche Bild: Die Geburtenrate sinkt.

Diese Entwicklung führt auch die Schweiz in ein demografisches Trilemma. Die Mehrheit der Bevölkerung möchte zwar erstens, dass sich der Wohlstand im Land weiter vermehrt. Man bekommt aber zweitens immer später Nachwuchs und lebt gerne in Ein­ oder Zwei­Kinder­Familien. Vielen ist es drittens auch wichtig, dass die schweizerische Kultur – was immer das sein mag – nicht durch eine zu hohe Zuwanderung infrage gestellt wird. Das demografische Trilemma besagt nun gemäss dem Demografen Paul Morland und dem Ökonomen Philip Pilkington, dass in einem Land – leider – nicht alle drei Ziele gleichermassen erreicht werden können.

Geburtenrate in der Schweiz, 2014 bis 2024 2.0

Wer eine tiefe Geburtenrate begrüsst und dazu auch die Migration begrenzen möchte, riskiert Wohlstandsverluste. Unter diesen Prämissen wird die Wirtschaft nicht mehr genügend Arbeitskräfte finden. Wer aber weiterhin nach grösserem Wohlstand strebt und trotzdem die Einwanderung einschränken möchte, kommt nicht darum herum, dafür zu sorgen, dass wieder mehr Kinder auf die Welt kommen. Beide Szenarien sind weder politisch machbar noch gesellschaftlich erwünscht.

So bleibt nur die Option, bei tiefer und weiter sinkender Geburtenrate und gleichzeitigem Streben nach mehr Wohlstand auf eine entsprechend grosse Arbeitsmigration zu setzen. Diesen Weg geht die Schweiz seit vielen Jahren, trotz wachsendem politischem Widerstand.

Aber auch dieses Szenario ist nicht ohne Weiteres zukunftstauglich. Zum einen wird es schwieriger werden, genügend Migrant*innen zu finden, die in der Schweiz leben und arbeiten möchten. Umliegende Länder wie Italien, Frankreich oder Deutschland ergreifen bereits Massnahmen gegen eine Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften oder fördern die Rückkehr von Auswander*innen. Zum anderen verlangt eine verstärkte Migration flankierende Massnahmen, also den Ausbau der Infrastruktur in den verschiedensten Bereichen: Wohnen, Bildung, Gesundheit, Mobilität. Das wird kosten.

Doch aus diesem demografischen Trilemma gibt es kein Entrinnen, nicht mal für die Schweiz.

PROF. DR. CARLO KNÖPFEL ist Dozent am Institut Sozialplanung, Organisationaler Wandel und Stadtentwicklung der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz.

«Hajde, hajde» – los, los

Diasp ora Einst von Gastarbeitern ge g ründet, gehören Fussballklubs mit Bezu g zum Balkan heute fest zur Schweizer Vereinslandschaft. Besuch beim SV Slavoni j a, FK Drina und FC Prishtina in Bern.

TEXT JANINE SCHNEIDER FOTOS DAVID FÜRST

Die Turnringe sind hochgezogen und die Festbänke an den langen Tischen bereits gut besetzt, als die Band den ersten kroatischen Pop-Schlager anstimmt. Kinder klettern die Sprossenwände hoch, Eltern begrüssen einander, alle haben sich schick gemacht für die Plava Noć – die blaue Nacht –, das Vereinsfest des kroatisch-bernischen Fussballvereins SV Slavonija. An der Seitenlinie wartet bereits eine Gruppe Tänzer*innen mit golden bestickten Westen und roten Blumen im Haar auf ihren Auftritt.

Auch in der Küche der Zollikofer Mehrzweckhalle Geisshubel ist einiges los. Aktive und ehemalige Spieler kümmern sich um die Versorgung der Gäste mit Pitabrot, rohen Zwiebeln, Ajvar und natürlich Ćevapi. Mario Marić wendet die Hackfleischröllchen, die auf der Grillplatte brutzeln und ihr Aroma verströmen. Der 39-jährige Vizepräsident hat jahrelang für den SV Slavonija gespielt. «Im Fussball steckt so viel mehr, als die meisten denken», ruft er über den Lärm des Dampfabzugs hinweg, «Zusammenhalt, Freundschaft, Engagement!» Und wirft eine neue Ladung Ćevapi auf den Grill.

Im Einwanderungsland Schweiz sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Diaspora-Fussballklubs entstanden – eritreische, italienische, spanische, vor allem viele aus dem postjugoslawischen Raum: kosovo-albanische, serbische, kroatische oder bosniakische. In der ganzen Schweiz gibt es gemäss Daten des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) über fünfzig Fussballklubs mit Namen wie FC Kosova oder FK Drina, allein im Raum Bern sind es sechs aktive Klubs. Der SV Slavonija ist der älteste. Der Verein wurde 1971 von der ersten Generation jugoslawischer Gastarbeiter gegründet.

Ab Ende der 1960er-Jahre hatten die Schweizer Branchenverbände vermehrt Arbeitskräfte aus dem damaligen Jugoslawien rekrutiert. Der sozialistische Staat litt nach radikalen Wirtschaftsreformen unter einer hohen Arbeitslosigkeit und erhoffte sich eine Lösung in einem vergleichsweise liberalen Ausreiseregime und der Vermittlung von Arbeiter*innen ins Ausland. In der Schweiz wiederum prägte die «Überfremdungsdebatte» im Vorfeld der Schwarzenbach-Initiative 1970 den Diskurs vor allem gegenüber italienischen Gastarbeiter*innen. Als Schweizer Unternehmen zunehmend Mühe hatten, in Italien Arbeitskräfte anzuwerben, sahen sich die Behörden nach neuen, weniger problematisierten Rekru-

tierungsgebieten um. Anfang der 1970erJahre stellten die 20 000 bis 40 000 jugoslawischen Gastarbeiter*innen einen kleinen Teil der ausländischen Wohnbevölkerung der Schweiz dar, bis 1990 stieg ihre Zahl auf über 170 000 Menschen. Ende der 1960er-Jahre gab es in Bern kaum Freizeitangebote für jugoslawische Gastarbeiter. «Wo konnten sich die Leute damals schon treffen? Es gab keinen kroatischen Verein, kein kroatisches Café, viele sprachen kein Wort Deutsch. Also traf man sich im Hotel National», erzählt der 33-jährige Ivo Ćurić, Sportchef des heutigen SV Slavonija, was er aus den Erzählungen der Gründungsmitglieder weiss. Man beschloss, einen eigenen Fussballverein auf die Beine zu stellen, und nannte ihn SV National – dem Berner Hotel zu Ehren. Im Team spielten vor allem Kroaten, aber auch Serben, Bosnier, ein paar Ungarn. «So wie das damals auch in Jugoslawien war.»

Im Verlauf der 1980er-Jahre nahmen die Spannungen im jugoslawischen Vielvölkerstaat zu, und nationalistische Symbole und Einstellungen hielten auch Einzug in die Fussballstadien. 1990, im Jahr der ersten jugoslawischen Mehrparteienwahlen, kam es beim Spiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad zu massiven Ausschreitungen. Fans zerstörten Zäune und stürmten das Feld, sie warfen Sitzschalen und Steine, das Spiel endete, bevor es begonnen hatte. Die Ausschreitungen

Inklusive Pokal: 2022 hat der SV Slavonija die Schweizer Meisterschaft der exil-kroatischen Fussballklubs gewonnen, erzählt Sportchef Ivo Ćurić auf dem Viererfeld in Bern.

Der heilige Trifun (links) wacht über das Vereinslokal des FK Drina. Radovan Milinković, 31 (links), und Goran Marinković, 52, verkörpern zwei Generationen des Vereins.

im Maksimir-Stadion in Zagreb offenbarten das Ausmass der jugoslawischen Staatskrise. 1991 erklärten sich Kroatien und Slowenien zu unabhängigen Staaten, 1992 folgte Bosnien-Herzegowina. Jugoslawien zerfiel in mehrjährigen Kriegen. Auf dem Balkan trägt die Fankultur vieler Fussballvereine bis heute nationalistische Züge: Radikale Fangruppen skandieren im Stadion den Gruss der faschistischen Ustascha aus dem Zweiten Weltkrieg oder feiern den Kriegsverbrecher Ratko Mladić, der den Genozid in Srebrenica verantwortete.

FK Drina: «Ein paar heisse Matches»

Die Ereignisse gingen auch am SV National in Bern nicht ohne Spuren vorbei. Ende der 1980er-Jahre wurde nationale Identität wichtiger. Serben und Bosniaken traten aus dem Verein aus, nun spielten dort nur noch Kroaten. Der SV National wurde in SV Slavonija umbenannt – nach der nordkroatischen Region, aus der viele der Spieler kamen. In den kommenden Jahrzehnten entstanden in Bern weitere Klubs entlang ethnisch-nationaler Linien: die serbischen FC Jedinstvo und FK Drina, der kosovo-albanische FC Prishtina Bern, der mazedonische FC Makedonija Bern, der bosniakische FC Bosna-Bern und der zweite kroatische Klub NK Tomislavgrad. Alles Männerteams. Die erste und bislang einzige Frauenequipe gründete der FC

Prishtina Bern dann im Jahr 2017, wegen fehlendem Nachwuchs gab er sie 2024 wieder auf.

«Das ist der heilige Trifun.» Radovan Milinković deutet auf die Ikone, die im Glaskasten gen Osten hängt: Sie zeigt einen jungen Mann mit leicht zerzaustem Haar und einem Kreuz in der rechten Hand. «Jeder serbische Verein hat seinen Heiligen.» Das Klubhaus des FK Drina liegt am Ende einer ungeteerten Strasse hinter einem Betonwerk unter der Autobahnbrücke der Berner Agglomerationsgemeinde Ittigen. Nebenan bimmeln die Glöckchen weidender Schafe. In der Ecke gegenüber vom heiligen Trifun hängt ein Plakat mit Bildern verschiedener Kaninchenrassen – der FK Drina konnte das Lokal vor eineinhalb Jahren vom Kaninchenzüchterverein Papiermühle übernehmen. «Es ist schön, ausserhalb der Familie einen Ort zu haben, wo wir unsere Muttersprache reden können», erklärt Milinković, 31 Jahre alt und Präsident des FK Drina. Die meisten Spieler gehören zur Zweit- oder Drittgeneration, sind in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Für Leute wie sie bieten die Fussballvereine eine Möglichkeit, die Muttersprache zu verbessern, je nachdem ein anderes Alphabet zu erlernen, den Bezug zur eigenen Herkunft zu pflegen. Und für Neuankommende, Männer, die für die Arbeit oder die Liebe vom Balkan in die Schweiz ziehen, sind die Vereine mit ihren Netzwerken eine Möglichkeit, Anschluss zu finden.

Goran Marinković, 52 Jahre alt, hatte dieses Netzwerk nicht. Der Serbe wuchs nahe der Drina auf, dem Grenzfluss zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina. Kurz vor Kriegsbeginn 1991 kam er in die Schweiz, wo seine Eltern lebten. Der damals 17-Jährige suchte sich einen Fussballklub, begann beim FC Schönbühl. «Ich sprach kein Wort Deutsch», erinnert er sich, «zum Glück spielte dort ein Mazedonier, der für mich übersetzen konnte.» 1996 übernahm Marinković mit anderen serbischen Spielern den FC Solar, der ebenfalls in Schönbühl beheimatet war, später benannten sie den Verein in FK Drina um.

«Während der Kriege gab es schon ein paar heisse Matches», erinnert sich Marinković. 1999 spielten sie gegen den kosovo-albanischen Verein FC Besa Biel –mitten im Kosovo-Krieg, zur Zeit, als die Nato Serbien bombardierte. «Da war die Stimmung schon aufgeladen. Aber keine

Schlägerei, nichts. Wir haben den Match verloren, ‹eine ufd Schnurre becho›. Aber nur im übertragenen Sinn.» Nicht zuletzt wollte man sich gegenüber der schweizerischen Öffentlichkeit und dem Verband beweisen. Zeigen, dass man keine Probleme machte.

Und wie ist das Verhältnis zwischen den Klubs heute? Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nachdem, wen man fragt. Die meisten betonen, dass es keine Konflikte mehr gebe. Im Gegenteil: Man kenne sich sehr gut untereinander, sei teilweise befreundet, besuche sich an Festen, gehe nach einem Match noch etwas zusammen trinken. Das zeigt sich auch in den Teams: Beim serbischen FK Drina spielten auch schon Kroaten mit, der Juniorentrainer beim kroatischen SV Slavonija ist Serbe, die erste Mannschaft des kosovo-albanischen FC Prishtina hat in ihren sowieso sehr durchmischten Teams auch serbische Spieler dabei. Radovan Milinković vom FK Drina sagt: «Wenn Männer aus Serbien oder Bosnien hierherziehen und neu bei uns spielen, sind sie oft erstaunt, wie gut wir miteinander auskommen.»

Fragt man den 46-jährigen Nedžad Avdić vom inzwischen nicht mehr aktiven Verein FC Bosna-Bern – ihnen fehlte der Nachwuchs –, zögert dieser mit seiner Antwort. «Der Krieg hallt leider immer noch nach, auch wenn alle sehr bemüht sind, die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen. Je nachdem, gegen welches ExilBalkan-Team wir spielten, war die Spannung im Vorfeld grösser.» Dann schiebt er nach: «Wahrscheinlich hängt die Antwort auf diese Frage auch davon ab, wo und wie man den Krieg erlebt hat.»

SV Slavonija: Weniger Vorurteile

Es ist ein aussergewöhnlich warmer Novembertag, als die Junioren des SV Slavonija im letzten Spiel vor der Winterpause auf den FC Rubigen treffen. Trotz des milden Wetters haben sich am Rand des Fussballplatzes Bodenweid in Bern-Bümpliz nur wenige Zuschauer*innen eingefunden, einzelne Eltern, die ihre Jungs auf Kroatisch und Schweizerdeutsch anfeuern. Erst vor Kurzem hat der SV Slavonija seine erste Juniorenmannschaft gegründet. In dieser spielen nicht nur Kinder aus kroatisch-stämmigen Familien, das Team ist durchmischt. Die Herangehensweise des Vereins habe sich in den letzten Jahren verändert, erklärt Sportchef Ivo Ćurić, sportlicher Erfolg sei wichtiger geworden. Er

sitzt auf den Betonstufen, die als Zuschauertribüne dienen, und beobachtet das Spiel. «Wir wollen keine Mannschaft, die zwar das sportliche Niveau nicht halten kann, aber Hauptsache, es laufen nur Kroaten auf dem Feld.»

Auch auf Seiten der sogenannten Mehrheitsgesellschaft hat sich etwas verändert in den letzten Jahren. Die Vorurteile, die Schweizer*innen gegenüber Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien hegten, wurden früher auch den Klubs entgegengebracht: Spieler aus gegnerischen Teams vom Land machten ausländerfeindliche Sprüche, Schiedsrichter kamen voreingenommen auf den Platz, Gemeinden blickten skeptisch auf die Klubs, die plötzlich neben den lokalen Fussballvereinen auftauchten und mehr Zuschauer*innen zu ihren Spielen brachten.

Heute sei das anders: Die Vereine betonen, dass rassistische Beschimpfungen viel seltener geworden seien und man zu den Schweizer Klubs und den Gemeinden ein gutes Verhältnis habe. In den Juniorenteams ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Eltern mit einem anderen Hintergrund ihr Kind fürs Fussballtraining zu einem kroatischen oder kosovo-albanischen Verein schicken.

Trotzdem bleibe der Eindruck, als Verein mit ausländischen Wurzeln nicht ganz gleichgestellt zu sein, sagt Ivo Ćurić vom

Ein Konditionstest bei zehn Grad Minus für den Erfolg: Die Spieler des FC Prishtina Bern joggen, dribbeln und stretchen, unter Beobachtung von Sportchef Gazmend Tetaj.

SV Slavonija, «im Zweifelsfall benachteiligt zu werden». Immer wieder legen sie beim Verband Rekurs gegen Schiedsrichterentscheide ein, weil sie eine rote Karte an Trainer oder Spieler für unverhältnismässig halten. Ćurić sagt: «Manchmal habe ich den Eindruck, dass uns sportlicher Erfolg nicht ganz gegönnt wird.» Er spüre Neid, ein «Wieso schaffen die das?». Vielleicht auch, fügt Ćurić hinzu, weil die klassischen Schweizer Vereine viele Spieler ausgebildet hätten, die nun bei ihnen spielen.

Nicht für alle Vereine ist sportlicher Erfolg gleich wichtig. Für Klubs wie den FK Drina oder NK Tomislavgrad steht die Gemeinschaft im Vordergrund. Sie spielen in der fünften bzw. in der vierten Liga Amateurfussball. Der SV Slavonija ist in der dritten Liga, möchte aber weiter oben spielen. Dazu braucht er ein gutes Team, Nachwuchs und Geld. Ćurić zeigt auf das hintere Spielfeld, wo rot-schwarze Werbebanner am Gitter hängen: «FC Prishtina me zemër». FC Prishtina mit Herz. «Dieser Klub macht es vor», sagt Ćurić.

FC Prishtina Bern: «Ein Klub für alle» Ein Tag Anfang Jahr, wieder auf der Bodenweid, aber diesmal riecht die Luft nach Schnee, der kurz darauf zart auf den Kunstrasen fällt. Heute findet hier kein Spiel des SV Slavonija statt, sondern ein Training des FC Prishtina Bern. Die erste Mannschaft hat sich trotz zehn Grad Minus zu einem Konditionstest versammelt. Es gehe darum, zu sehen, wo sie individuell, aber auch als Team stehen würden, erklärt der Trainer. Sportchef Gazmend Tetaj steht in einer dicken Daunenjacke an der Seitenlinie und beobachtet, wie die Spieler joggen, dribbeln und stretchen.

«Unser Ziel war es immer, ein Klub für alle zu werden», sagt der 45-Jährige. Mit alle meint Tetaj, dass sich der Fussballklub längst von einem kleinen Klub zu einem der wichtigsten Vereine im Westen Berns gemausert hat – neben einem SC Bümpliz beispielsweise. Zu ihm kommen nicht mehr nur Albaner, sondern alle, die in der Region Fussball spielen wollen, von Kindern bis Senioren, auch ein Frauenteam soll es bald wieder geben. «Ich finde es schön, dass wir so kulturell durchmischte Teams haben», sagt Tetaj: «Es hat dem Platz Bern gutgetan, von diesem Nationendenken wegzukommen.»

Der Verein entstand 1990 aus einer Grümpelturnier-Mannschaft. Die Anfänge waren hart. Trainiert wurde auf dem Rasen

der Grossen Allmend, oft spät abends, irgendwo am Rand, im Scheinwerferlicht der eigenen Autos, weil es keine Beleuchtung gab. Das Team schaffte es bis in die 3. Liga. Dann, 2010, kamen neue Spieler zum Verein, Spieler wie Tetaj, die in Schweizer Klubs ausgebildet worden waren und den Traum einer Profikarriere zwar aufgeben mussten, aber Arbeit, Energie und Geld in ein Projekt wie den FC Prishtina Bern stecken wollten.

«Ich habe grossen Respekt davor, was die erste Generation geleistet hat, die nicht dieselben Möglichkeiten hatte wie wir heute», sagt Tetaj. Er wollte einen professionellen Klub mitaufbauen, «der auch zeigt, wie gut wir integriert sind». Sie professionalisierten die Strukturen, das Training, sorgten für neue Ausrüstung und holten erfahrene Leute ins Team. Darunter auch Unternehmer, die den Klub als Sponsoren finanziell unterstützen konnten und in der kosovo-albanischen Community verwurzelt sind. Beispielsweise ist Tetaj selbst mit seinem Carrosserie- und Lackierzentrum CLZ ein Sponsor des Klubs. Ohne die Sponsoren wäre der steile Aufstieg des FC Prishtina Bern nicht möglich gewesen. Man kann sagen: Es ist der berufliche Erfolg der Zweit- und der Drittgeneration, der den Verein trägt. Saison um Saison stieg der Klub auf, bis er 2023 schliesslich die 1. Liga Classic erreichte –seither spielen sie auf nationaler Ebene gegen Klubs wie das U21-Team von Servette oder den FC Monthey. «Langfristig möchten wir den Schritt in den Profifussball schaffen», sagt Gazmend Tetaj vom FC Prishtina Bern.

Während sich die Spieler neben ihm im Training aufwärmen und der Schnee mittlerweile in dicken Flocken fällt, läuft laute albanische Musik. Und der Trainer spornt die Spieler mit «Hajde, hajde» an – los, los.

Diese Recherche entstand in Zusammenarbeit mit dem Berner Online-Medium Journal B und wurde mit Unterstützung von JournaFONDS realisiert.

Hintergründe im Podcast: Radiojournalist Simon Berginz spricht mit Autorin Janine Schneider über ihre Recherche. surprise.ngo/talk

Van
TÜRKEI
RUSSLAND
GEORGIEN
SYRIEN
Türkei 2022
Türkei 2022

«Und ich gehörte zu diesen Glücklichen»

Flucht Zwei Jahre lang war der 25-jährige Medizinstudent Wahidullah Alikhan auf der Flucht. In der letzten Surprise-Ausgabe nahm er uns mit von Kabul bis in die Türkei. Hier folgt der zweite Teil seiner Fluchtgeschichte.

TEXT UND HANDYFOTOS WAHIDULLAH ALIKHAN

Türkei, Ende 2021. Inzwischen war ich seit vier Monaten von Kabul weg, meinem Zuhause. Schmerzvoll erinnerte ich mich an meine Familie, meine Freunde und mein Medizinstudium. Wie gern wäre ich Arzt geworden. Ärzt*innen stehen für Menschlichkeit und Mitgefühl, und oft sind sie die letzte Hoffnung in Zeiten von Schmerz und Verzweiflung. Ihre Hände sollen heilen und ihre Herzen Barmherzigkeit bringen. Daran glaube ich fest, und so habe ich es auch an der Universität gelernt.

Doch in der Türkei entpuppten sich diese Ideale als Lügen –Lügen, die unsere Hoffnungen zerstörten. Die Herzen der Ärzt*innen dort waren aus Stein. Eines Tages erkrankte ein Freund. Ich war zuversichtlich, dass wir einen Arzt finden würden, der meinen Freund gesund pflegt, und brachte ihn in eine Klinik der Stadt Van. Doch statt erleichtert war ich schockiert. Mein Freund war vor Schmerzen inzwischen ohnmächtig geworden. Und als Erstes fragte der Arzt: «Haben Sie einen Ausweis?» Ich war fassungslos. «Herr Doktor», antwortete ich, «wir sind Flüchtende aus Afghanistan und erst seit ein oder zwei Wochen im Land.» Meine Stimme zitterte vor Hilflosigkeit, doch der Arzt sagte bloss: «Wenn Sie nicht sofort gehen, rufe ich die Polizei.»

Ich werde diesen Moment nie vergessen. Die Türkei, ein Land, von dem ich meinte, es halte die humanitären Werte hoch, war in Wahrheit ein grausamer Ort, an dem Menschlichkeit nichts als eine Lüge war und Ungerechtigkeit herrschte.

Ein 50-Euro-Schein bei der Pflaumenplantage

In Istanbul fand ich Anfang 2022 für acht Monate in einer Textilfirma einen Job. Die Hoffnung, hier Geld zu verdienen, um so wenigstens einen Teil der Schulden abzuzahlen, die ich gemacht hatte, um die Schlepper zu bezahlen, zerschlug sich jedoch

Zur Lage auf dem Balkan

Während zwischen der Türkei und der EU ein Migrationsabkommen besteht und Griechenland, Ungarn, Kroatien sowie Slowenien Teil der EU sind oder zum Schengenraum gehören, sind Balkanstaaten wie Serbien oder Bosnien und Herzegowina weder noch. Deswegen greifen Abkommen wie die Dublin-Verordnung dort nicht. Gerade diese Transitländer aber machen einen wesentlichen Teil der sog. Balkanroute aus. 2015 benutzen über 700 000 Flüchtende diese Route, 2016 wurde sie offiziell geschlossen bzw. mit Grenzpolizei abgesichert. 2022, als auch Wahidullah Alikhan dort unterwegs war, stieg die Zahl auf rund 145 000, der höchste Wert seit 2015. KP

schnell. Wir arbeiteten unter harten Bedingungen von frühmorgens bis in die Nacht, verdienten dabei aber nur wenig. Auch waren wir ständig in Angst vor Polizeirazzien. Manchmal kamen die Polizisten sogar während des Essens und machten Kontrollen, manche von uns wurden verhaftet.

Der Weg von der Türkei nach Bulgarien war ein erneuter Abstieg in die Hölle – ein Weg voller Angst, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Als ich Istanbul Ende August 2022 zusammen mit anderen afghanischen Flüchtenden in Richtung Edirne nahe der bulgarischen Grenze verliess, wurde ich Zeuge einer so grossen Not, wie ich sie mir vorher nicht hätte vorstellen können. Noch heute lässt mich der Gedanke daran erzittern. Kurz vor der Grenze fanden wir Unterschlupf – ein dunkles, dreckiges Loch. Als wir dann die Grenze zu Fuss überquerten, waren wir so geschwächt, dass wir keine Kraft mehr hatten, uns vor den bulgarischen Grenzpolizisten in Sicherheit zu bringen. Unsere Körper waren buchstäblich ausgelaugt. Die Beamten nahmen uns fest und zwangen uns auf die Knie – eine Geste, die mich zutiefst demütigte. Mit ihren Gewehrkolben schlugen sie auf uns ein. Und als sie keine Lust mehr hatten, uns zu verprügeln, liessen sie ihre Hunde auf uns los. Viele von uns wurden dabei verwundet – auch ich.

Ich hatte gedacht, Bulgarien würde als europäisches Land wenigstens ein wenig Menschlichkeit zeigen. Doch dieser Glaube war ein bitterer Irrtum. Damals war ich wirklich verzweifelt. Ich war von der Türkei enttäuscht, doch die Grausamkeit Bulgariens war noch schlimmer.

Schliesslich, es war Anfang September, schickten uns die bulgarischen Grenzpolizisten in die Türkei zurück. Kaum über die Grenze wurden wir von der türkischen Polizei entdeckt. Einigen von uns gelang die Flucht – auch ich rannte weg –, doch wenig später tauchten weitere Polizisten auf und wollten uns festnehmen. Ich kletterte auf einen Hügel und sprang über einen Zaun. Dieser Sprung fühlte sich an, als würde ich dem Tod entkommen – ein furchterregender und zugleich intensiver Augenblick.

Alles, was ich dort in der Türkei bei mir hatte, war eine Flasche Wasser. Ich irrte umher, der Hunger machte mich ganz benommen, und mit jedem Schluck Wasser wurde ich noch durstiger. Ich durchstreifte Einöden und Wälder. Wo ich genau war, wusste ich nicht. Irgendwann kam ich zu einer Pflaumenplantage, wo ich mich niederliess, um mich zu erholen. Und kaum zu glauben: Dort fand ich auf dem Boden einen 50-Euro-Schein. Vermutlich hatte ihn ein Arbeiter verloren – für mich war dieses Stück Papier wie ein Rettungsanker.

Ich verbrachte die Nächte und Tage damit, mich durch Felder und Wälder langsam weg von der bulgarisch-türkischen Grenze zu bewegen. Als ich damit rechnen konnte, dass mir keine Grenz-

FRANKREICH

DEUTSCHLAND

polizei mehr auflauert, dachte ich, endlich auf dem richtigen Weg zu sein. Ich lief zu einer Strasse und winkte den vorbeifahrenden Autos. Irgendwann hielt ein Lastwagen an. Ich fragte den Chauffeur, ob er mich nach Istanbul bringen könne. Er willigte ein, wollte dafür aber mein restliches Geld. Ich hatte keine andere Wahl, als wieder zurückzugehen. Istanbul war der einzige Ort, an dem ich einen neuen Schlepper finden konnte, der mich aus der Türkei erneut in Richtung Westen bringen würde.

Zürich

Der Mann versteckte mich in seinem Lastwagen, so wie man einen Vogel in einem Käfig versteckt. Dort musste ich mich acht oder neun Stunden lang stillhalten. Ich hielt zwischendurch sogar meinen Atem an, so sehr fürchtete ich, dass man mich entdecken könnte, sobald der Wagen einmal anhielt. Als wir in Istanbul ankamen, ruhte ich mich ein paar Tage aus, kontaktierte dann einen Schlepper und setzte meinen Weg fort.

SCHWEIZ

Ein Handy, aber kein Internet

Ich hatte in all dieser Zeit viel gesehen. Ich sah menschliche Knochen, irgendwo verstreut, sie waren Zeugen von Verzweiflung und Tod. Einmal sah ich einen Schädel. Ich stellte mir vor, er habe jemandem gehört, der ich sein könnte: ein junger Mann, der sein Zuhause verlassen musste, um anderswo Frieden und Glück zu finden – und dessen Hoffnungen von Bergen, Wäldern und Einöden verschluckt wurden. Alles, was von diesem Mann übrigblieb, war sein Schädel, ein stummes Überbleibsel seines tragischen Schicksals. Ein Schädel, der wertlos auf dem Boden herumlag und der mir einmal mehr bewusst machte, wie zerbrechlich das Leben ist und wie schnell Träume zerplatzen können.

Vermutlich hatte dieser junge Mann ein Zuhause, eine Mutter, einen Vater und Geschwister. Vielleicht wartet seine Frau noch immer auf ihn und hofft, dass ihr Geliebter eines Tages zurückkehren wird. Auch seine Schwester betet womöglich jeden Tag dafür, dass ihr Bruder endlich nach Hause kommen möge. Und seine Mutter wartet vielleicht noch immer an der Tür, ohne zu wissen, dass ihr Sohn von Bestien getötet wurde – nicht von Tieren, sondern von Menschen, die sich wie Monster verhalten, in Ländern, die behaupten, die Menschenrechte zu achten.

Schliesslich gelang es mir, die bulgarische Grenze zum zweiten Mal zu überqueren. Wieder war das mit Strapazen verbunden. Doch man gewöhnt sich daran. Wenn man einmal solche Leiden erlebt hat, fühlt es sich beim nächsten Mal nicht mehr ganz so unerträglich an – auch wenn die Situation genauso schlimm ist.

Es war Anfang Oktober 2022, als ich mich einer Gruppe von Flüchtenden anschloss und wir in Richtung Serbien loszogen. Der Weg dorthin war wie eine weitere Strasse durch die Hölle. Nachdem wir es gerade erst knapp von der Türkei nach Bulgarien geschafft hatten, begann nun eine tagelange Wanderung durch dichte Wälder, auf einem Grat zwischen Leben und Tod. Ich hatte ein Handy, aber kein Internet, sodass ich keinen Schlepper kontaktieren konnte. Als wir in die Nähe der bulgarisch-serbischen Grenze kamen, versuchten wir die Grenzposten zu umgehen, von denen es viele gab und die alle Nummern trugen, Checkpoint 52 oder Checkpoint 97. Wir – eine Gruppe von etwa dreissig Menschen – hielten uns im Schutz der Wälder auf. Es gab dort viele Tiere, etwa verwilderte Hunde. Wir konnten sie zwar verscheuchen, hatten aber trotzdem Angst.

Fünfzehn Tage und Nächte verbrachten wir im Grenzgebiet –an die Namen von Städten oder Dörfern kann ich mich nicht mehr erinnern. Um zu überleben, assen wir Baumrinde und kauten

ALGERIEN

TUNESIEN

Blätter. Aus einem Bach tranken wir Wasser, obschon es trüb war, verschmutzt und voller Würmer. Irgendwann rebellierte mein Magen, ich musste mich ständig übergeben und hatte Bauchschmerzen, als hätte mich jemand mit Knüppeln geschlagen.

Wien

Endlich konnten wir mit Schleppern Kontakt aufnehmen. Sie holten uns an einem vereinbarten Ort ab und luden uns auf einen Lastwagen. Es war wie eine vorübergehende Flucht aus der Hölle. Ich hatte keine Uhr bei mir, denke aber, die Fahrt dauerte fünf oder sechs Stunden. Schliesslich waren wir an der bulgarisch-serbischen Grenze – wo genau, kann ich nicht mehr sagen. Wir stiegen aus, gingen an einen Fluss, aus dem wir endlich Wasser trinken konnten, das nicht verschmutzt war. Die Schlepper gaben uns etwas Brot. Es war, als würde Leben in unsere Körper zurückkehren. Unsere Gesichter bekamen wieder Farbe, wie Blumen, die nach dem Regen aufblühen. Ab jetzt mussten wir zu Fuss weiter. Das Grenzgebiet war bergig, voller Hügel, die sich auftürmten wie riesige Mauern. Mit Mühe gelang es uns, die Grenze nach Serbien zu überqueren.

ÖSTERREICH

UNGARN

SLOWENIEN

Brot, Wasser und ein Dessert

In Bulgarien war die Gefahr real gewesen: Wären wir von der Polizei entdeckt und dort registriert worden, so hätte man uns später, wenn wir in einem anderen EU-Land gefasst worden wären, nach Bulgarien zurückgeschickt – so schreibt es das Dublin-Abkommen vor. Weil aber Serbien nicht zur EU gehört, hat dieses Abkommen dort keine Gültigkeit, und wir mussten nicht derart in Angst sein.

Dafür gerieten wir in Serbien wieder an Schlepper, die uns unmenschlich behandelten. Wir trafen sie im serbisch-ungarischen Grenzgebiet, in der Nähe der serbischen Stadt Subotica. Dort durchlebten wir Tage und Nächte voller Angst und Ungewissheit. Sie gaben uns nur wenig zu essen und zu trinken. Weil sie sich weigerten, uns mit Lebensmitteln zu versorgen, mussten wir einmal mehr zuhause nach Geld fragen – ein Zuhause, das mehr und mehr zu einer Erinnerung verblasste. Ich kaufte mir Essen, ein Handy – das alte hatte mir die türkische Grenzpolizei abgenommen – sowie ein paar Kleider. Mein Haar und mein Bart waren lang geworden, als hätte ich Jahre in der Wildnis verbracht. Wir stellten uns sogar den serbischen Behörden, um eine Unterkunft zu erhalten. Doch sie weigerten sich, uns zu helfen.

ITALIEN

Die Schlepper versprachen uns, dass es nur fünf bis sechs Stunden dauern würde, bis wir die Grenze zu Ungarn überquert hätten. Also nahmen wir bloss eine Flasche Wasser mit und machten uns auf in Richtung Horgoš, ein kleines Grenzdorf. Doch

Zur Gewalt an den Grenzen

Wahidullah Alikhan berichtet davon, wie er beim Überqueren der Grenzen von der Polizei aufgegriffen und zurückgeschickt wurde – dabei hätte sie Gewalt an Flüchtenden ausgeübt. Diese staatlichen Massnahmen, auch «Pushbacks» genannt, gelten als völkerrechtswidrig, da Flüchtende zurückgeschoben werden, ohne dass sie einen Asylantrag stellen und dessen Rechtmässigkeit gerichtlich überprüfen lassen können. Allein im Jahr 2024 wurden über 120 000 Pushbacks an den EU-Aussengrenzen registriert. Wir haben über die Gewalt der Grenzpolizei ausführlich berichtet (Surprise 496/21). KP

BOSNIEN UND HERZEGOWINA
KROATIEN

MONTENEGRO

UNGARN

Subotica

SERBIEN

ALBANIEN

NORDMAZEDONIEN KOSOVO

GRIECHENLAND

Die braune Linie zeigt den von der Grenzpolizei vorgenommenen Pushback von Bulgarien zurück in die Türkei, wo Alikhan seinen Weg erneut aufnahm.

Edirne
Istanbul
TÜRKEI
BULGARIEN
RUMÄNIEN
MOLDAU
Serbien 2022

DEUTSCHLAND

FRANKREICH

ÖSTERREICH

Zürich

SCHWEIZ

2025

2025

SLOWENIEN

Wien UNGARN

KROATIEN

Die dargestellte Fluchtroute erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und basiert auf den Angaben des Autors.

TUNESIEN ALGERIEN

ITALIEN
BOSNIEN UND HERZEGOWINA
Teil 2: Nr. 620
Teil 1: Nr. 619
Zürich
Grenchen

Budapest

hatten wir offenbar vergessen, dass Schlepper niemals die Wahrheit sagen. Und so waren wir zwei Tage unterwegs, teils zu Fuss, teils in einem Lastwagen, bis wir die ungarische Grenze erreichten. Wir kamen in der Nacht an und waren zu müde, um sie zu überqueren. Am nächsten Morgen sahen wir von Weitem ungarische Grenzsoldaten, und so kehrten wir um.

UNGARN

Die Grenze zwischen Serbien und Ungarn ist eine Festung mit Wachtürmen und meterhohen Zäunen mit Stacheldraht –wie eine riesige Gefängnismauer. Wir versuchten vier oder fünf Mal, die Grenze zu überqueren, und immer wählten wir eine andere Route. Doch vergebens, überall war Polizei. Ich weiss nicht mehr genau, wie lange wir in diesem Grenzgebiet festsassen. Es waren Wochen, wenn nicht Monate.

Subotica

RUMÄNIEN

Schliesslich teilten wir uns in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe wurde beim Versuch, die Grenze zu überqueren, von der Polizei gefasst und nach Serbien zurückgeschickt. Die andere aber schaffte es – und ich gehörte zu diesen Glücklichen. Es fühlte sich an, als wäre ich dem Tod entkommen, es war ein Triumph auf diesem langen Weg in die Freiheit.

Nachdem wir die Grenze von Serbien nach Ungarn überquert hatten, warteten wir in einem Wald erneut auf Schlepper, die uns weiter nach Österreich bringen sollten. Doch niemand kam. Ich erinnere mich an die erdrückende Stille in diesem Wald, wir fühlten uns, als hätte man uns vergessen. Irgendwann in der Nacht kam ein Fahrzeug. Wir mussten uns aufteilen, denn es passte nur die Hälfte unserer Gruppe in den Wagen. Die Schlepper hatten weder Essen noch Trinken für uns, die zurückbleiben mussten. Sie sagten bloss: «Ein anderer Wagen wird euch bald abholen.»

MONTENEGRO

SERBIEN

die Polizei und brachte uns in eine Art Flüchtlingsunterkunft. Sie gab uns Brot, Wasser und ein Dessert – ich fühlte mich wie im Paradies! Dann stellte die Polizei uns Fragen: «Wer seid ihr, woher kommt ihr, warum seid ihr hier, wohin wollt ihr?» Wir antworteten: «Wir wollen nicht hierbleiben, wir wollen weiter.» Einige nannten Deutschland als Ziel, andere Frankreich oder die Schweiz – alles Namen, die für uns mit viel Hoffnung verbunden waren. Dann setzte die Polizei uns in einen Polizeibus und brachte uns zum Hauptbahnhof in Wien, der Hauptstadt Österreichs.

Wie obdachlose und verlorene Reisende

Da standen wir nun, an der Schwelle zu einer neuen Welt, nur ohne Obdach und ohne Geld. Am Bahnhof trafen wir einige Afghanen. Sie machten uns Mut und gaben uns Energy-Drinks. Sie erzählten uns, dass sie dasselbe durchmachen mussten wie wir, was uns tröstete. Auch zeigten sie uns einen Platz zum Übernachten. Am nächsten Tag kontaktierten wir unsere Familien und baten sie erneut um Geld. Am Hauptbahnhof in Wien kauften wir mit diesem Geld Zugtickets. Wir wollten in die Schweiz, in der Hoffnung, auf diesem Weg nach Deutschland zu gelangen. An der österreichisch-schweizerischen Grenze wurden wir jedoch erneut kontrolliert und aus dem Zug geholt. Wir rannten davon und schafften es unentdeckt über die Grenze. Dann stiegen wir in einen Zug und fuhren nach Zürich. Dort verbrachten wir den Tag in einem Park, wie obdachlose und verlorene Reisende, ohne Ziel und ohne etwas, das sie ihr Eigen nennen können.

Belgrad Niš Sofia Edirne

Einmal mehr war der Hunger gross. Doch was konnten wir tun? Wir wussten ja nicht, wohin wir gehen sollten. Am Tag darauf, es war später Nachmittag, kam endlich das Auto. Es nahm den Rest von uns mit und fuhr uns spät in der Nacht irgendwo über die Grenze nach Österreich. Ich glaube, das war im Mai oder Juni 2023. Ich bekam das alles gar nicht richtig mit, denn ich war wie benommen vor Erschöpfung und kam mir vor wie ein seelenloser Körper, den man von einem Ort zum anderen verfrachtet.

ALBANIEN

NORDMAZEDONIEN KOSOVO

Die Grenzgebiete der EU sind wie ein verworrenes Netz aus Stacheldraht und Überwachungskameras, eine riesige Falle, in die Menschen wie wir jederzeit tappen können. Dennoch gelang es den Schleppern, uns dort unbemerkt hindurchzulotsen. Schliesslich kamen wir mit dem Auto in einer österreichischen Grenzstadt an, deren Name mir entfallen ist. Dort verhaftete uns

GRIECHENLAND

Zur Lage in der Schweiz

Seit Jahren fährt die Schweizer Migrationspolitik zweigleisig: Sie fördert zum einen die Zuwanderung von Fachkräften aus der EU/EFTA (Personenfreizügigkeit), verfolgt zum anderen jedoch eine restriktive Politik bei Drittstaaten und im Asylbereich. Letzteres vor allem seit 2015, dem Beginn der sog. Migrationskrise; damals stieg die Zahl der Asylgesuche in der Schweiz auf knapp 40 000. Inzwischen ist sie auf 27 740 gesunken (für das Jahr 2024). Die meisten Anträge wurden 2024 von Menschen aus Afghanistan wie Wahidullah Alikhan gestellt. Dabei wurden 10 390 Asylgesuche erstinstanzlich positiv entschieden, was einer Anerkennungsquote von etwa 37 Prozent entspricht. KP

Ein paar Afghanen gaben uns die Adresse einer Polizeistelle, bei der wir uns melden konnten. Wir wussten, dass die Schweiz nicht zur EU gehört, und dachten deshalb, hier sei die Weiterreise in ein anderes Land viel einfacher. Doch das war ein Irrtum. Wie Österreich oder Deutschland hat auch die Schweiz das Dublin-Abkommen unterzeichnet.

Das dämmerte uns aber erst, nachdem die Polizei unsere Fingerabdrücke genommen hatte. Mit diesem Akt wurde unsere Hoffnung, nach Deutschland zu kommen, mit einem Schlag zunichte gemacht. Wären wir nach Deutschland gereist und hätte uns die Polizei dort verhaftet, so wären wir nach dem Dublin-Abkommen in die Schweiz zurückgeschickt worden. Die einzige Möglichkeit, in Deutschland zu bleiben, hätte darin bestanden unterzutauchen. Für Menschen auf der Flucht ist das Dublin-Abkommen wirklich eine grausame Sache. Und so entschied ich, dass es besser sei, in der Schweiz zu bleiben und hier Asyl zu beantragen.

Das war am 28. August 2023, zwei Jahre, nachdem ich meine Heimat verlassen hatte. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine lange und schmerzhafte Reise zu Ende war.

Wahidullah Alikhan lebt heute in Grenchen und arbeitet am Flughafen Zürich als Aushilfe bei der Passagierkontrolle. Er hat derzeit den F-Ausweis (vorläufig aufgenommener Flüchtling). Er möchte in der Schweiz bleiben und hier sein Medizinstudium aufnehmen. Den ersten Teil seiner Flucht von Afghanistan in die Türkei können Sie in der Ausgabe 619 und online unter surprise.ngo nachlesen.

Aus dem Englischen übersetzt von KLAUS PETRUS

Istanbul
TÜRKEI
BULGARIEN
MOLDAU

«Systeme können nicht nicht entscheiden»

Asylwesen Laut Nationalrat soll im Schweizer Asylverfahren bald KI eingesetzt werden. Was das für die Grund- und Menschenrechte der Asylsuchenden bedeuten würde, erklärt Datenwissenschaftler Thomas Mandelz.

INTERVIEW LEA STUBER

Thomas Mandelz, im Dezember hat der Nationalrat eine Motion der FDP angenommen. Diese will im Asylverfahren Routineaufgaben wie die Erkennung von Dokumentenbetrug, die Nutzung von Dolmetscher*innen und die Fallselektion von KISystemen erledigen lassen. Bevor als Nächstes der Ständerat darüber berät: Was halten Sie davon?

Thomas Mandelz: Mir stellen sich zwei Fragen. Haben «KI-gestützte Assistenzsysteme», wie es in der Motion heisst, wirklich den Nutzen, den man sich erhofft, nämlich Beschleunigung und mehr Effizienz? Und sind sie konform mit den Grund- und Menschenrechten?

Wo könnten Letztere durch den Einsatz von KI beschnitten werden? Wir müssen uns genau anschauen, in welchen Bereichen KI angewendet wird. Nicht überall ist das Risiko gleich gross. Ein assistierendes System kann den Schutz vor Diskriminierung verletzen, wenn es systematisch Entscheidungen trifft, die auf Eigenschaften einer Gruppe von Menschen basieren – sei es Geschlecht, Hautfarbe, aber auch die Qualität von Dokumenten, die je nach Herkunftsland unterschiedlich ist. Auch kann ein solches System Einfluss nehmen auf die Lebens- und Entwicklungschancen eines Individuums, indem es dessen Asylentscheid beeinflusst. In diesem Sinn: Ein System wirkt sich unterschiedlich schwerwiegend aus. Was würde es zum Beispiel heissen, wenn KI für die Erkennung von Dokumentenbetrug eingesetzt würde? Wie weiss ich als Asylsuchender, wo und wie bei meinem Verfahren KI eingesetzt wurde? Bei der Anwendung von KI besteht gegenüber den Betroffenen eine Informationspflicht.

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In welchen Bereichen finden Sie den Einsatz von KI vertretbar? Im Positionspapier der Digitalen Gesellschaft zu KI unterscheiden wir drei Kategorien: ein «tiefes Risiko», ein «hohes Risiko» und ein «inakzeptables Risiko». Wenn ein Text, der den Asylentscheid erklärt, mit KI geschrieben wird, finde ich das weniger problematisch, als wenn die Entscheidung selbst mit KI getroffen wurde. Vollautomatisierte – oder schon nur KI-unterstützte –Asylentscheide bewerten wir ganz klar als «inakzeptables Risiko». Hier dürfen KI-Systeme nicht eingesetzt werden. Und zwar einerseits, weil ein vollautomatisierter Asylentscheid komplex ist aufgrund der verschiedenen Informationen, die einfliessen. Andererseits, weil die Auswirkungen auf ein Individuum irreversibel und schwerwiegend sein können. Weiterhin fehlt der KI der Mechanismus, sich mehr Informationen und Kontext zu holen. Systeme können nicht nicht entscheiden.

Was bedeutet das?

Wenn man beispielsweise ein LLM, ein Large Language Model, etwas fragt, bekommt man immer eine Antwort – egal, ob die Frage sinnvoll ist, egal, ob sie der Realität entspricht. Das kommt von der Grundarchitektur dieser Systeme, sie spucken immer eine Entscheidung aus. Während ein Mensch innehalten und nachhaken würde: Ich brauche mehr Kontext, ich brauche mehr Informationen, bevor ich entscheiden kann. Das ist eine Fähigkeit, die diese Systeme nicht haben.

Zur Motion

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) soll nach Annahme der Motion «Pilotprogramm KI-Assistenz in Asylverfahren, 25.4068» innert 24 Monaten ein Pilotprogramm für KI-Systeme starten. Als Nächstes wird sich die Staatspolitische Kommission des Ständerats mit der Motion befassen. Frühestens in der Sommersession wird dann der Ständerat darüber entscheiden.

parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/ geschaeft?AffairId=20254068

Wie gross wäre die Gefahr, dass es zu Fehlern kommt? Schauen wir uns das Beispiel Dokumentenbetrug an: Ein Modell, das einen solchen zu erkennen versucht, ist mit bestehenden Daten und bereits gefällten Entscheidungen von Menschen trainiert. Das Modell sucht nach Mustern in den Daten, die den Entscheidungen entsprechen. Dabei kann es zu Verzerrungen kommen, die uns gar nicht bewusst sind. Ich höre oft: Systeme seien rationaler als Menschen. Dabei sind KI-Systeme immer abhängig davon, welche Muster sie «erkennen», also berechnen. Und das sind Muster, die sie in menschlichem Verhalten erkennen. So bleiben vorhandene Verzerrungen bestehen oder werden sogar verstärkt: Trifft ein KI-System eine risikobasierte Vorauswahl bei Asylsuchenden, führt die intensivere Prüfung bestimmter Gruppen zu einer höheren Zahl erkannter Auffälligkeiten. Diese Ergebnisse beeinflussen die weitere Modellanpassung und bewirken, dass dieselben Gruppen erneut priorisiert werden, wodurch

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sich ein selbstverstärkender Feedback-Loop etabliert. Selbst wenn man vorschreibt, dass Menschen – als sogenannte «human in the loop» – nochmals drüberschauen und absegnen.

Auch die FDP schreibt in ihrer Motion, die KI­Systeme sollten «stets unter strenger menschlicher Kontrolle» angewendet werden. Was heisst das in der Realität?

Die meisten von uns kennen es: Wenn ich eine KI bitte, einen Text zu schreiben, dann lese ich nicht mehr jedes Wort genau durch. Wir werden weniger aufmerksam. Je nach Text ist das vielleicht nicht gravierend. Bei Entscheidungen über menschliche Schicksale besteht aber eine grössere Sorgfaltspflicht. Wie können wir gewährleisten, dass diese «menschliche Kontrolle» wirklich im Detail überprüft und nicht nur abnickt? Ich finde den Begriff bezeichnend, den die Motionär*innen verwendet haben: «KI-gestützte Assistenzsysteme». Das suggeriert, dass die KI nur assistiert und dass keine Entscheidungen automatisiert getroffen werden. Doch es ist als Mensch schwierig, nicht der Bequemlichkeit zu verfallen und weiterhin jede Entscheidung der KI mit gleicher Sorgfalt zu hinterfragen.

Kommt es trotz aller Bedenken zum Einsatz von KI im Asylbereich, welchen Standards müsste diese genügen?

so, wie sie diese treffen? Welche Faktoren und Muster geben den Ausschlag? Damit können Fachpersonen die Qualität des Modells einschätzen. Macht es vereinfachte Entscheidungen oder differenziert es genug? Macht es vielleicht grobe Fehler? Bei unwahrscheinlichen Begebenheiten, einem Sonderfall sozusagen, machen Modelle häufig Fehler, weil sie dazu aus dem Training weder Daten noch Muster haben. Hier braucht es Transparenz.

Die LLMs der grossen Tech­Firmen sind diesbezüglich Black Boxes. Sie kommen dann wohl nicht infrage.

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Kennen Sie Apertus? Die ETH hat dieses LLM trainiert, und zwar vorbildlich: mit offenem Quellcode, offenen Trainingsdaten sowie einem für alle frei zugänglichen Modell. Somit kann man nachvollziehen, welche Daten zum Training verwendet und wie sie gesammelt wurden. Aber Apertus kommt nicht an das Qualitätslevel der grossen Firmen heran. Aus Sicht des Bundesrats wird es ein Trade-off zwischen Modellqualität und Transparenz sein. Technisch gesehen gibt es die Möglichkeit, Modelle zu trainieren und einzusetzen. Die Realität ist: Das kostet viel Geld. Es wäre nicht sinnvoll, wenn die Schweiz das alleine versuchen würde; sie müsste sich Partner*innen suchen.

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Vorab: Ohne Rechtsrahmen fände ich es nicht ratsam, ein solches Programm einzusetzen. Ich würde unbedingt abwarten, bis eine –im Idealfall griffige – Regulierung da ist. Im Datenschutzgesetz fehlen KI-spezifische Aspekte. Die geplante KI-Regulierung vom Bundesrat wird bis Ende Jahr als Vernehmlassungsvorlage vorliegen und kommt somit frühestens 2027. Zudem würde ich für die Entwicklung einer solchen KI die Expertise verschiedener Akteur*innen dazunehmen: Asylsuchende, die von den Entscheidungen betroffen sind, Mitarbeitende des Staatssekretariats für Migration, Menschen aus der Zivilgesellschaft, die sich mit digitalen Themen, mit Grund- und Menschenrechten sowie mit dem Asylwesen beschäftigen, Rechtsexpert*innen, KI- und IT-Fachpersonen.

Wie würden Sie sie einbinden?

All diese Fachpersonen wären beim Training der KI dabei. Und könnten so nachvollziehen, wie die KI zu einem bestimmten Resultat kommt: Warum treffen die KI-Systeme Entscheidungen

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THOMAS MANDELZ arbeitet an der Hochschule für Informatik FHNW als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Data Science und ist co-verantwortlich für die Studienrichtung «Data Science & Artificial Intelligence for Sustainability». Bei der Digitalen Gesellschaft ist Mandelz Teil der Fachgruppe zum Thema KI und automatisierte Entscheidungssysteme.

Jeder Strich eine Entscheidung

Kunst Das Fumetto Comic-Festival Luzern zeigt eine enorme Bandbreite an Stilen und Themen. Und führt vor Augen, warum man manchmal die Notbremse ziehen sollte.

«Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltge schichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse», schrieb der deutsch-jüdische Philosoph Walter Benjamin mit Blick auf den Faschismus (und kurz bevor er auf der Flucht vor den Nazis Suizid beging). Der Name des gesellschaftskritischen Luzerner Comic-Magazins «Die Notbremse» geht auf diesen Gedanken zurück. «Wir reagieren auf den krisenhaften Zustand der Welt mit der ‹Notbremse›», schreiben die Herausgeber*innen auf ihrer Webseite. Und sie wissen, wovon sie sprechen: «Die Notbremse» ist das Kind einer weltumspannenden Krise. Als die Corona-Pandemie den gewohnten Alltag zum Erliegen brachte, war an der Kunsthochschule Luzern 2021 auch keine Werkschau möglich. «Die Studienleitung trug deshalb im Herbst 2020 die Idee einer Publikation an mehrere Student*innen heran. Was als einmaliges Projekt gedacht war, entwickelte sich schnell zu einem eigenständigen Comic-Magazin, das zweimal pro Jahr ehrenamtlich von sieben Kulturschaffenden zu einem zeitgenössischen Thema herausgegeben wird», sagt Anna Egli, Illustratorin und Mitherausgeberin der ersten Stunde. «Comic erlaubt es, auch schwere Themen mit Witz und Humor aufzugreifen, ohne dass es plump wirkt. Dadurch entsteht ein Wiedererkennen, eine Zugänglichkeit.»

Frühere Ausgaben waren Themen wie Zukunft, Vermögen oder Aufbruch gewidmet. In der zehnten Ausgabe dreht sich alles ums Kämpfen: In der Illustration auf dem Cover durchstösst ein Küken seine Eischale. Das Schlüpfen: ein gewaltiger Kraftakt, wie der Kampf um den eigenen Platz in der Welt. Oder manchmal

sogar um das nackte Überleben. «Jeder Strich beim Zeichnen eines Comics ist eine Entscheidung. Zum Beispiel darüber, wie die Emotion einer Figur am treffendsten zum Ausdruck kommt», sagt Iris Weidmann, Illustratorin und seit 2023 «Notbremse»-Redaktionsmitglied. Wenn man einen Comic anschaut, muss man gleichzeitig mehrere Eindrücke erfassen: Bildebene, Dialogtext, Off-Text – ein komplexes Zusammenspiel: «Comiclesen schärft die Fähigkeit, Bilder richtig zu interpretieren. Und es ermutigt dazu, sich dafür auch die Zeit zu nehmen. Denn einen Comic kann jede*r im eigenen Tempo anschauen», sagt Weidmann.

Politische Kommentare

An der diesjährigen Ausgabe des Fumetto Comic-Festivals präsentiert sich «Die Notbremse» – in Anlehnung an ihren Namen –in einer Art Bahnhofswelt. In der Luzerner Kunsthalle werden ausgewählte Geschichten aus den letzten fünf Jahren gezeigt. Das Magazin lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wann man in krisengeplagten Zeiten selbst gerne einmal die Notbremse ziehen würde. Dies tut es mit Scharfsinn, Witz und dem Mut, Haltung zum Zeitgeschehen zu beziehen. Zum Beispiel, wenn Anja Wicki in ihrem Comic «Demokratietorte» über die Gier nachdenkt, mit der sich manche Leute mit Macht und Geld ihr Stück vom globalen Kuchen sichern wollen (Abbildung ganz links).

Wie stark die Comic-Kunst neben surrealen Geschichten, diffusen Atmosphären und menschlichen Abgründen auch von politischen Kommentaren und visuellem journalistischem Erzählen lebt, zeigt auch die Reportage der Comic-Zeichnerin Léandre Ackermann, die im Ausstellungsraum Kornschütte gezeigt wird.

Sie hat im französischen Calais das Tageszentrum der Ärzte ohne Grenzen besucht, um den Alltag unbegleiteter Minderjähriger aus dem Sudan zu dokumentieren (die beiden Abb. links und rechts zentral). «Politische Perspektiven im Programm zu haben, ist uns sehr wichtig», sagt Lea Willimann, künstlerische Leiterin des Fumetto Comic-Festivals. «Comic wird oft immer noch primär als schrill, bunt und unterhaltend wahrgenommen. Comic ist all das – und noch viel mehr: Er eignet sich eben auch gut, um von schweren Dingen zu erzählen. Comic kann Perspektiven öffnen und Themen niederschwelliger transportieren als etwa ein Text. Zudem sind seit einiger Zeit auch autofiktionale Erzählformen, das persönliche Erleben, in der Comic-Kunst präsent. Hier öffnet sich ein emotionales Türchen, zum Beispiel durch feinen Humor. Selbstironie schafft Nähe und gibt den Menschen das Gefühl, mit einem bestimmten Problem nicht allein zu sein.»

So liegt in Melek Zertals Comicgeschichte «The Heist» (Abb. Mitte u. rechts oben) auch mal eine junge Frau auf dem Sofa, erinnert sich an einen Traum mit Jeanne d’Arc und verliert sich im Gedanken, ob diese in ihrer Rüstung nicht geschwitzt haben muss. Die französisch-algerische Illustratorin erzeugt nachdenkliche Stimmungen und einen ruhigen Rhythmus. Wie, lässt sich im Hotel Schweizerhof auch direkt erleben, wo Zertal live zeichnet.

Für den Comic-Wettbewerb, der seit der ersten Fumetto-Ausgabe 1992 Bestandteil des Programms ist, wurden in diesem Jahr zum Thema «Peak» 1647 Einsendungen aus 61 Ländern eingereicht. So viele wie noch nie. Das Festival umfasst mittlerweile neun Haupt- und fünfzig Satellitenausstellungen und zieht neben jungen Talenten auch renommierte Künstler*innen in die Zent-

ralschweiz. Wie etwa 2016 den maltesisch-US-amerikanischen Comiczeichner und Journalisten Joe Sacco. Oder in diesem Jahr den Genfer Zeichner Helge Reumann, der mit seiner Installation «Chöd» im Roten Haus zeigt, wie durchlässig die Grenze zwischen Comic und zeitgenössischer Kunst sein kann.

Das Flair der jungen Kunst

Dafür, dass Comic von einer breiten Öffentlichkeit dennoch oft als eher junge Kunst wahrgenommen wird, sieht Lea Willimann mehrere Gründe: «Ich verstehe Zeichnen als eine Art menschlicher Ur-Impuls, dem wir alle in unserer Kindheit begegnet sind. Zudem spielt der Marktaspekt mit rein: Es gibt in der Schweiz keinen starken, etablierten Comic-Markt, die Bedingungen sind oft prekär.» Vielleicht führt auch dieser Umstand dazu, dass das Genre jung bleibt, weil er dazu zwingt, sich immer wieder neu zu erfinden. Comic hat so etwas Unmittelbares an sich. Willimann sagt: «Diese narrativen Bilderzählungen, die ihre Handlungen Panel für Panel entwickeln, weisen eine enorme Bandbreite an Genres und Subgenres auf. Hier finden sich Zeichnung und Illustration ebenso wie Grafik, Cartoon oder Animation. Wir können hier jedes Jahr aus dem Vollen schöpfen und auch ‹Nischiges› zeigen. Auch das trägt wohl dazu bei, dass dem Fumetto, und damit auch dieser Kunstform, stets etwas aufregend Undergroundiges anhaftet.»

Fumetto Comic-Festival Luzern, 7. bis 15. März, diverse Ausstellungsorte, Festivalzentrum Kornschütte, Kornmarkt 3. fumetto.ch

«Ein Ort macht etwas mit einem»

Illustration Pirmin Beeler hat für Surprise die Serie «Orte der Begegnung» illustriert. Nun stellt er in einer Satellitenausstellung des Fumetto in Zug die Originale aus.

INTERVIEW DIANA FREI ILLUSTRATION PIRMIN BEELER

Pirmin Beeler, wir kamen für unsere Serie mit der Idee auf dich zu, Orte zu illustrieren, an denen sich Menschen informell begegnen. War dir sofort klar, wieso wir solche Orte spannend finden?

Pirmin Beeler: Ganz klar. Ich lese viel Literatur, im Durchschnitt etwa vier Bücher im Monat. Und ich finde, das ist eigentlich ein sehr literarisches Thema: Menschen, Begegnungen. Gerade auch, wenn sich Menschen ausserhalb ihrer ganz persönlichen Komfortzone begegnen. Wie zum Beispiel in einem Park, wo sich ein Banker und ein Obdachloser über den Weg laufen können. Darin liegt eine gewisse Spannung.

Du musstest die Stimmung dieser Orte –Freibad, Coiffeur, Café, Hundewiese etwa – einfangen. Wie macht man das? Ich tauche in diese Welten ein. Coiffeursalon, Café, ein Migros-Restaurant, ein Bahnabteil, das sind geniale Orte, auch die Hundewiese. Die fand ich allerdings schwierig zu zeichnen, weil ich selber keinen Hund habe. Die Kasernenwiese in Zürich kenne ich grundsätzlich. Ich ging online auf Foren und auf Hündeler-Webseiten, auf denen sich Hundebesitzer*innen austauschen. Ich finde diese Webseiten sehr authentisch, überhaupt nicht durchgestylt, und die Fotos sehen entsprechend aus. Leute laden ungefiltert Hunderte Bilder von ihren Hunden hoch. Das sind gute Inspirationsquellen. An anderen Orten bin ich auf Google Maps mit Street View «durchgewandert»,

auf der Bieler Schüssinsel zum Beispiel. Wenn das Budget da wäre, würde man natürlich in den Zug steigen, sich an einem schönen Frühlingstag hinsetzen und mit seinen fünf Sinnen beobachten. Dann zurück ins Atelier gehen und all das, was man aufgesogen hat, aufs Papier bringen.

An unterschiedlichen Orten sind Menschen in einer anderen Verfassung, sogar in einer anderen Körperhaltung. Im Freibad liegt man auf dem Boden, was einem im Museum kaum einfiele. Ist man je nach Ort ein anderer Mensch? Absolut. Der Ort beeinflusst einen elementar. In der Badi läuft man auch halbnackt herum, was anderswo peinlich wäre. In der Sauna ganz nackt, und es ist normal. Aber nur genau da. Und dann gibt es auch diese Orte, an denen niemand freiwillig ist. An denen man es aushalten muss. Man macht sich da eher klein. Man kann nicht weg, und vielleicht gibt es auch Störkulissen. Wenn man irgendwo anstehen muss etwa. Und andernorts ist man frei zu sagen: Uh, viele Leute hier, ich gehe wieder.

Auch in deinem Werk spielt die Stimmung von Orten eine grosse Rolle. Eine Arbeit von 2013/14 heisst «Langzeit», die Geschichte spielt in der Psychiatrie. «Langzeit» war als Kurzge schichte angelegt, ich habe sie

nachher in meine erste Graphic Novel integriert. Die Ausgangssituation war die Langzeitpsychiatrie, die ich kenne, weil ich in meiner Erstausbildung Psychiatriepfleger bin. Ich habe lange auf der stationären Psychiatrie gearbeitet. 2001 habe ich die Ausbildung abgeschlossen, da gab es die sogenannte Langzeitpsychiatrie noch. Das waren Abteilungen für Menschen mit chro nischen psychischen Erkrankungen. Und das war so, wie man es sich vor stellt, mit langen Korridoren und Menschen, die in ihrer Agonie und in ihren Ängsten den ganzen Tag in ihren Stühlen sitzen, rauchen und nichts zu tun haben. Da hat sich unterdessen viel zum Gu ten verändert, solche Abteilungen gibt es heute gar nicht mehr. Die Psychiatrie ist offener geworden. Viele dieser ehemaligen Langzeitpatient*innen sind jetzt in Pflege- und Altersheimen untergebracht.

Das heisst, in einer besseren Situation. Sicher besser in dem Sinn, dass ihnen nicht mehr dieses Stigma anhaftet, dass sie ihr Leben in der Psychiatrie verbringen. Sie sind nicht mehr in einer Klinik, sondern mit anderen Menschen der Gesellschaft in einem Heim. Da hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Älter werden wir alle. Ein Alters- und Pflegeheim ist eine Institution, die viel näher an der Gesellschaft angesiedelt ist. Und

wir haben ja schon darüber gesprochen: Ein Ort macht etwas mit einem. Im Altersheim sind die Türen nicht verschlossen.

In der gleichen Graphic Novel gibt es einen komplett anderen Handlungsstrang in einem kurdischen Dorf in der Türkei. Wie kam es dazu?

Dieser andere Teil erzählt von einer Mutter-Sohn-Beziehung, die auch auf meiner eigenen Biografie basiert. Ich finde es spannend, zwei unterschiedliche Themen aufeinanderprallen zu lassen und zu schauen, was passiert. Auch das ist ein literarisches Mittel.

Beide Handlungsstränge sind nicht Geschichten, die auf der Hand liegen. Die eine spielt geografisch weit weg in einer Welt, die den meisten nicht vertraut ist. Die andere in der Psychiatrie. Wie findest du den Zugang zu den unterschiedlichen Welten?

Meine Mutter wohnt tatsächlich seit dreissig Jahren im kurdischen Gebiet der Türkei. Durch diesen biografischen Teil ist die Geschichte für mich naheliegend. Das verändert die Art, wie man eine Recherche angeht. Man kann sich eine Welt so schneller aneignen. Die Geschichte wird so sicher schon mal authentisch, das ist ein Vorteil.

Aber du bist jemand, der auch sonst viel recherchiert?

Ich bin jetzt an meinem dritten Buch, da geht es um Gertrude «Trudi» Duby-Blom. Sie war schon in jungen Jahren Sozialistin und hat sich in Deutschland offen gegen die Nazis gestellt. Später hat sie in Mexiko die Lacandón Mayas mit der Fotokamera dokumentiert und sich auch da politisch für deren Anliegen engagiert. Sie ist also eine historische Figur. Ich war dreimal für längere Zeit in Mexiko und habe mit Förderbeiträgen des Kantons Zug zweieinhalb Monate über sie recherchiert. Mich interessiert allerdings eher der abenteuerliche Aspekt ihrer Reisen, dieses Chiapas der 1950er-Jahre und diese Frau, die ein spezieller Mensch war. Ich glaube, sie war ein rechter Vulkan. Die Fakten lasse ich einfliessen, aber ich möchte mich davon nicht einzwängen lassen.

Gertrude Duby-Blom hat gegen die Umstände gekämpft, indem sie sie mittels Journalismus und Fotografie dokumentiert hat. Du bist Zeichner und dokumentierst die Welt auch. Habt ihr etwas gemeinsam?

Als Illustrator bin ich ein visueller Mensch, und Trudi Duby-Blom hatte einfach ein Talent für Bildkomposition. Die Tausende von Bildern, die sie gemacht hat, praktisch alle in Schwarz-Weiss, haben mich sofort angesprochen. Und sie war eine mutige Frau, das hat mich für sie eingenommen.

Sie hat zu einer Zeit für die Indigenen, für den Regenwald, die Umwelt gekämpft, als das alles sonst kaum jemand scherte. Dieses Politische ist zwar nicht mein Antrieb, aber es kommt quasi gratis dazu, weil das ihr hauptsächlicher Lebensinhalt war.

ZVG PIRMIN BEELER, 51, machte den Bachelor Illustration Fiction an der Hochschule für Design und Kunst in Luzern. Sein Debüt heisst «Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei rauskommen». Er lebt in Zug.

«Pirmin Beeler: Orte der Begegnung», 5. bis 22. März, Mo bis Fr, 12 bis 17 Uhr, Vernissage mit Artist Talk und mit Surprise, 5. März, 19 Uhr; Kulturhaus Gewürzmühle, St. Johannes Strasse 40, Zug. pirminbeeler.ch, gewuerzmuehle.ch

Alle Beiträge der Serie «Orte der Begegnung» finden sich online unter surprise.ngo/ strassenmagazin/orte-der-begegnung

FOTO:

Veranstaltungen

Basel

«Carl Cheng: Nature Never Loses», Ausstellung, bis So, 10. Mai, Di bis So, 11 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1. tinguely.ch

Carl Cheng, geboren 1942 in San Francisco, begann seine künstlerische Karriere in den 1960er­Jahren vor dem Hintergrund politischer Unruhen. Als US­Amerikaner mit asiatischen Wurzeln erlebte er in der Zeit des Vietnamkrieges selber Diskriminierung. Sein Atelier betrieb er unter dem Namen John Doe Co. (in der Schweiz hätte er es vielleicht Max Muster genannt), mit der Firmenbezeichnung machte er sich auch über die Kommerzialisierung von Kunst und Künstler*innen lustig. Es war die Zeit einer nach dem Krieg boomenden Raum­ und Luftfahrtindustrie sowie eines sich rasch verändernden Landschaftsraums, mit dem sich Cheng beschäftigte. Das Museum Tinguely zeigt neben den frühen fotografischen Skulpturen auch seine selbst geschaffenen «Art Tools», mit denen er flüchtige Werke kreierte. Spektakulär waren seine Interventionen im öffentlichen Raum, wie das «Santa Monica Art Tool» (1983–88): Die Walze wurde mit einem Traktor über den Sand gezogen, sodass ein dreidimensionaler Abdruck einer Miniaturstadt entstand. DIF

Zürich

«Nathalie», Film mit Podium, So, 1. März, 11 Uhr, Kino Riffraff, Neugasse 57–63. riffraff-houdini.ch

Ungeöffnete Mahnungen, Berge voller Schulden, eine unsichere Zukunft: Die alleinerziehende Reinigungsfrau Nathalie kämpft sich durchs Leben, um ihre Existenz und die ihrer Kinder zu sichern. Eins will sie nicht: in der Sozialhilfe landen. Tamara Miloševićs Dokumentarfilm «Nathalie» porträtiert eine Frau, die in der Schweiz am Existenzminimum lebt. Die Spezialvorstellung im Riffraff fin­

Prinzip, nicht ausschliesslich um bestimmte städtebauliche Orte. Eher um Gemeingüter im Sinn von Ressourcen, die gemeinschaftlich genutzt und verwaltet werden. Stadtforscher*innen und Sozialwissenschaftler*innen nennen das gerne auch «Commons». Ob beim gemeinschaftlichen Wohnen oder in der kollektiven Landwirtschaft: Es findet ein ständiges Aushandeln

von Regeln statt, damit eine gemeinsame Nutzung möglich wird. Die Jahresausstellung Architektur der Berner Fachhochschule (BFH) lädt dazu ein, Allmenden und Commons als Praxis zu entdecken: als soziale, räumliche und politische Form, die durch Teilhabe lebendig wird. Mit Beiträgen aus Forschung, Lehre und zivilgesellschaftlichem Engagement. DIF

Schweiz

det in Zusammenarbeit mit Caritas Zürich statt. Zentrales Thema ist die Schuldenproblematik: Im Anschluss an den Film findet ein Podiumsgespräch mit der Protagonistin und Gästen aus der Schuldenberatung und ­prävention statt. DIF

Bern

«Allmenden – Gemeinschaftlich handeln», Ausstellung, Mi, 4. März bis Fr, 20. März, Di bis So, 11 bis 17 Uhr, Kornhausforum, Kornhausplatz 18. kornhausforum.ch Teilen, mitentscheiden, Verantwortung übernehmen – Allmenden stehen für eine bestimmte Art des Umgangs mit Raum, Ressourcen und Wissen. Und mit «Allmend» ist in diesem Fall nicht einfach die Hundewiese am Stadtrand gemeint, wo wir sonntags joggen gehen. Es geht auch ums

schaftlich ist die Stimmung apokalyptisch, auf den Strassen ist ein Mob auf der Jagd nach «Freaks». Nach und nach tauchen also auch die Freund*innen der Dragqueen in der Mansarde auf, wo es immer voller und immer lustiger wird. Erinnerungen und Geschichten, Bilder und Lieder verschwimmen ineinander. Ebenso Imagination und Realität. Real ist in diesem Mikrokosmos auf jeden Fall die Freundschaft, und die Drag­Family wird zum rettenden Luftschiff. Das Ganze ist eine fantastische Theatermaschine zwischen Musikspieldose und Dancefloor, eine poetische Erfahrung vom Anderssein in Zeiten der Gefahr, basierend auf einem Text von X Schneeberger. DIF

Lan g enthal

«Das Luftschiff», Theater, Do, 19. bis Sa, 21. März, jeweils 20.30 Uhr, Tojo Theater Bern; So, 29. März, 17 Uhr, Takatuka Däniken SO; Fr, 10. Apr., 20 Uhr, Theater Ticino Wädenswil; Do/Fr, 23./24. Apr., je 20.15 Uhr, ThiK Baden. collectif-barbare.ch

In einer Mansarde in Metropolis hängt eine alternde Dragqueen ihren Erinnerungen nach. Ihr ganzes Leben ist in Koffer verpackt – wegen Platzmangel und prekärer Wohnungsnot. Klimatisch und gesell­

«Time Leaks», Ausstellung, bis So, 10. Mai, Mi bis Fr, 14 bis 17 Uhr, Sa/So, 10 bis 17 Uhr, Kunsthaus Langenthal, Marktgasse 13. kunsthauslangenthal.ch Der Genfer Künstler Alfatih bespielt die sechs Räume der ehemaligen Steuerverwaltung im zweiten Stock des Kunsthauses Langenthal, das einst das Gemeindehaus war. Wichtig zu wissen: Das Gebäude ist auf

Wasser gebaut, unten durch fliesst der Fluss Langete. Dessen historisches Hochwasserschutz­System und regelmässige Überschwemmungen brachten Langenthal den Spitznamen Klein­Venedig ein. Der Schauplatz der Ausstellung spiegelt also die Spannung zwischen Ordnung und dem Unvorhergesehenen: Tief unten sind Kräfte am Werk, die die schöne Planung zu untergraben (oder zu unterspülen) drohen. «Time Leaks» ist nun eine Untersuchung von Spielregeln und der Frage, was passiert, wenn ihre Logik ins Wanken gerät. Alfatih, 1995 geboren, ist für seine interaktiven Arbeiten, Installationen und Videoarbeiten bekannt. Er kommt aus dem Media & Interaction Design und bewegt sich so spielerisch wie zeitkritisch gerne auch in digitalen Welten.

IRIS STUTZ, 60, ist freiberufliche Fotografin aus Zürich. Das Bild von 2021 ist Teil des Projekts «50-50-50» zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts in der Schweiz und zeigt die ehemalige Modistin Margrit Vögtlin. Für die Fotografin ist die Vitalität der 101-Jährigen ein Zeichen dafür, wie kraftvoll sich Humor auf unser Leben auswirken kann.

An dieser Stelle fragen wir einmal im Monat Schweizer Fotografinnen des Netzwerkes «Purple Eye», was ihnen in Zeiten wie diesen Hoffnung gibt. purple-eye.ch

Die 25 positiven Firmen

Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung.

Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist.

AnyWeb AG, Zürich

Beat Vogel - Fundraising-Datenbanken, Zürich

Praxis Carry Widmer, Wettingen hoopsforyu, jewelry

Zibsec Sicherheitsdienst, Zürich

Wuillemin Beratung, wuillemin-beratung.ch

Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern unterwegs GmbH, Aarau

Blumen & Kohl GmbH, Zehendermätteli

Praxis Dietke Becker, Männedorf

Boner Elektrohaus AG, Basel

Büro Dudler, Raum- und Verkehrsplanung, Biel Infopower GmbG, Zürich

FF Finanzberatung Flückiger, Baar

Fäh & Stalder GmbH, Muttenz

RTB GmbH, nobullshit-websites, rtp.ch

Deragisch Consulting GmbH

Kählin Bodenbeläge GmbH

Napura GmbH, Neuheim

Barth Real AG, Zürich die Mappe GmbH, Agentur in Basel ARISVERLAG

Automation Partner AG, Rheinau

Xmedia für Kommunikation, Laufenburg Lebensraum Interlaken GmbH

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden?

Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto:

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SURPLUS – DAS

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Wie wichtig ist Ihnen Ihre Unabhängigkeit?

Eine von vielen Geschichten

Merima Menur kam 2016 zu Surprise –durch ihren Mann Negussie Weldai, der bereits in der Regionalstelle Bern arbeitete. Zuvor lebten sie fünf Jahre getrennt –er in der Schweiz, sie in Äthiopien. Einige Zeit nach ihrer Ankunft in der Schweiz begann Merima auch mit dem Verkauf des Surprise Strassenmagazins und besuchte einen Deutsch-Kurs, mit dem Ziel selbständiger zu werden und eine Anstellung zu finden. Dank Surplus besitzt Merima ein Libero-Abo für die Stadt Bern und kann somit leichter an ihren Verkaufsort reisen. Surplus gibt der 41-Jährigen ausserdem die Möglichkeit, sich einige bezahlte Ferientage zu gönnen.

Das Programm Einige unserer Verkäufer*innen leben fast ausschliesslich vom Heftverkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestärkt sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkäufer*innen zusätzliche Unterstützung. Sie erhalten ein Abonnement für den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei finanziellen Notlagen aber auch für Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere Unterstützungsbeiträge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.

Weitere Informationen gibt es unter: surprise.ngo/surplus

Unterstützen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende

Derzeit unterstützt Surprise 30 Verkäufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.

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· 1 Jahr: 6000 Franken

· ½ Jahr: 3000 Franken

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Verantwortlich für diese Ausgabe:

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Mitarbeitende dieser Ausgabe

Wahidullah Alikhan, Dominique Anne Bamert, Pirmin Beeler, David Fürst, Hans Rhyner, Janine Schneider, Iris Stutz

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt.

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#610: Auf die Politik hofft niemand mehr

«Ich erwarte

Sensibilität»

Ich lese gerade das Surprise

610/25 von Oktober nach und bin etwas geschockt, wie unreflektiert Sie Karten verwenden. Im Bericht zur Vojvodina verwenden Sie eine Karte Serbiens, in der der Kosovo noch als Teil Serbiens dargestellt wird. Der Kosovo ist seit 2008 unabhängig! Gerade wenn Sie einen politkritischen Text veröffentlichen, erwarte ich eine Sensibilität hinsichtlich der Geschichte und Politik der Region, was hier offensichtlich nicht der Fall war. Sehr schade! Ich bin enttäuscht!

LIRIJA SEJDI, ohne Ortsangabe

Anm. d. Red.:

Wir entschuldigen uns für die missverständliche Darstellung, aus der eine pro-serbische Haltung abgeleitet werden könnte. Dies war keine Absicht und allein unserer Unaufmerksamkeit geschuldet. Natürlich hätte Serbien ohne Kosovo abgebildet werden müssen.

#614/615: Festta g saus g aben «Persönlich, anmächelig und vielseitig»

Ganz herzlich möchte ich mich bedanken für die seit geraumer Zeit viel persönlicher, anmächeliger und vielseitiger gestalteten SurpriseHefte!

NICOLE KÜTTEL-MESOT, ohne Ortsangabe

«Halte Ausschau nach Schwesterprodukten»

Heute Morgen kaufte ich die zweite Surprise-Festtagsausgabe, die ich mir gerade zu Gemüte führe. Sehr gut gelungen – eine wahre Freude. (Nur die Kindergartenzeichnungen liegen mir nicht so, aber tant pis. Die Geschmäcker dürfen verschieden sein.) Abonnieren möchte ich nicht – denn der Kontakt zu meinem Verkäufer ist mir wichtig. Wenn wir mal auf Reisen sind, halte ich Ausschau nach Schwesterprodukten. (Und da freue ich mich jeweils ganz besonders auf den Augustin.)

MARGARET PAVLETIC, ohne Ortsangabe

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Das Abonnement ist für jene Personen gedacht, die keinen Zugang zum Heftverkauf auf der Strasse haben. Alle Preise inklusive Versandkosten.

25 Ausgaben zum Preis von CHF 250.– (Europa: CHF 305.–) Reduziert CHF 175.– (Europa: CHF 213.50)

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Probe-Abo für CHF 40.– (Europa: CHF 50.–), 4 Ausgaben Reduziert CHF 28.– (Europa: CHF 35.–)

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Der reduzierte Tarif gilt für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Es zählt die Selbsteinschätzung.

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«Wir hatten viel

Glück»

«Seit sechs Jahren bin ich nun bei Surprise. Ich liebe meine Arbeit. Das Verkaufen hilft mir, Deutsch zu lernen. Ich habe tolle Kund*innen. Auch wenn sie mal nichts kaufen, geben sie mir Kraft und Motivation. Die Menschen aus Zug sind sehr nett.

Nachdem ich 2007 in die Schweiz kam, habe ich anfangs nur in einem Beschäftigungsprogramm gearbeitet – ich war dort in der Reinigung tätig – und habe Sozialhilfe bekommen. Durch eine Bekannte bin ich dann zu Surprise gestossen.

Ich verkaufe pro Monat um die 300 Hefte, vor Corona habe ich etwa 400 verkauft. Ich habe viele Stammkund*innen. Ich würde trotzdem gerne noch in der Reinigung arbeiten – wie damals im Rahmen des Beschäftigungsprogramms. Dafür habe ich auch ein Zeugnis bekommen. Ich hätte dort weitermachen können, erhielt dafür aber keinen Lohn. Einen anderen Job in der Reinigung kann ich derzeit leider nicht finden. Ich bin sehr froh um Hinweise.

Ich wohne in Gattikon, das ist ein kleines Dorf in der Nähe von Thalwil im Kanton Zürich. Sechsmal pro Woche pendle ich nach Zug für die Arbeit. Ich lebe zusammen mit meinem jüngeren Sohn in meiner Wohnung. Er ist inzwischen 18-jährig und macht eine Lehre im Detailhandel.

Ich stamme aus Eritrea in der Nähe von Asmara, der Hauptstadt des Landes. Mein anderer Sohn, er ist 14 Jahre älter, kam 2007 auch mit mir in die Schweiz. Wir haben Eritrea wegen der sehr schlechten wirtschaftlichen Lage verlassen. Als ich mich auf den Weg machte, war ich noch schwanger mit meinem zweiten Sohn; er kam auf der Flucht im Sudan zur Welt. Wir hatten viel Glück. Dafür danke ich Gott. Der Glaube ist sehr wichtig für mich. Ich gehöre der EritreischOrthodoxen Kirche an. Im Kanton Zürich besuche ich regelmässig Gottesdienste.

Meine beiden Söhne und ich haben nach der Ankunft in der Schweiz einen F-Status erhalten. Mein älterer Sohn begann dann direkt mit der Sprachschule, er besuchte sie zwei Jahre lang. Danach sagte die Betreuerin jedoch, er könne nicht weitermachen. Mein Sohn wollte eine Lehre anfangen oder wenigstens irgendwo ein Praktikum machen. Doch die Betreuerin meinte, mit einem F-Status gehe das nicht. Stattdessen hätte er ein Beschäftigungsprogramm absolvieren müssen. Mein Sohn wollte aber etwas lernen, er wollte vorankom-

Sie möchte eine Arbeit in der Reinigung finden und endlich ihren älteren Sohn wiedersehen.

men. Nach diesen Gesprächen mit der Betreuerin war er sehr wütend. Vom einen auf den anderen Tag verschwand er. Er ging nach England. Damals war er gerade mal 16 Jahre alt.

In England hatte er kein gutes Leben. Immer wieder kam er in Polizeikontrollen und musste ins Gefängnis, da er ja keinen gültigen Aufenthaltsstatus besass. Die Behörden riefen mich an, fragten, ob sie ihn zurück in die Schweiz schicken sollten. Natürlich habe ich Ja gesagt, nur klappte es nicht. Ich habe immer wieder das Konsulat kontaktiert, aber bisher ist es an der Bürokratie gescheitert. Ich habe alles versucht.

Ich kann meinen Sohn in England nicht besuchen, weil ich wegen des F-Ausweises nicht ausreisen darf. Und die britischen Behörden glauben wohl, dass ich dann nicht wieder in die Schweiz zurückkehren würde. Sie denken, ich würde in England bleiben. Ich habe immer wieder beteuert, dass ich ihn bloss für eine Woche besuchen möchte und dass ich alleine gehen würde, also meinen jüngeren Sohn hierlassen würde. Aber das war den Behörden offenbar nicht Garantie genug, um mir zu vertrauen.

Mittlerweile ist mein älterer Sohn 32 Jahre alt. Die ganze Sache mit ihm beschäftigt mich sehr. Ich wünsche mir nichts mehr, als ihn wiedersehen zu können.»

Aufgezeichnet von HANNA FRÖHLICH

Letu Weldu, 59, verkauft beim Bahnhof Zug, bei der Migros im Einkaufszentrum Herti sowie in Neudorf in Cham.

Der Verkauf des Strassenmagazins Surprise ist eine sehr niederschwellige Möglichkeit, einer

Arbeit nachzugehen und den sozialen Anschluss wiederzufinden.

Alle

Ein

Strassenmagazin kostet 8 Franken.

Die Hälfte davon geht an den*die Verkäufer*in, die andere Hälfte an den Verein Surprise.

Das Heft erscheint alle 2 Wochen. Ältere Ausgaben werden nicht verkauft.

Verkäufer*innen tragen gut sichtbar einen Verkaufspass mit einer persönlichen Verkaufsnummer. Diese ist identisch mit der Nummer auf dem Magazin.

info@surprise.ngo

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