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Surprise 619 / 25

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Strassenmagazin Nr. 619 13. bis 26. Februar 2026

davon gehen CHF 4.–an die Verkäufer*innen

Bitte kaufen Sie nur bei Verkäufer*innen mit offiziellem Verkaufspass

Kabul 2019
Kabul 2019
Kabul 2019
«Während

meiner Obdachlosigkeit waren Bücher mein Rettungsanker»

Nicolas Gabriel erlebt auf seinem Sozialen Stadtrundgang durch Zürich, was ihm während seiner 17 Jahre Obdachlosigkeit oft versagt blieb: die Begegnung mit anderen Menschen.

Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.

Warum wir dranbleiben müssen

Als Redaktion möchten wir Geschichten erzählen, Sachverhalte schildern und Missstände aufdecken, so dass Sie, liebe Leser*innen, sich davon zum Nachdenken anregen lassen – und im besten Falle bereichert fühlen. Unser thematischer Fokus liegt dabei auf den Lebenswelten derer, denen es weniger gut geht: Armutsbetroffene, Migrant*innen, Minderheiten, Menschen mit wenig oder keiner Lobby. Wir erzählen ihre Geschichten, um sie sichtbarer zu machen. Wir hoffen, dass so Verständnis entsteht, womöglich ein Gefühl des Miteinanders, vielleicht sogar positiver gesellschaftlicher Wandel.

Nun sind diese Geschichten oft schwer verdaulich, auch belastend. Heutzutage, wo man sich kaum noch abgrenzen kann vom Strom der beunruhigenden Nachrichten, fällt es nicht immer leicht, sich einzulassen auf noch mehr Schicksale und Missstände. Und doch, glauben wir, dürfen wir nicht aufhören hinzuschauen. Damit nicht jene Kräfte die Oberhand gewinnen, denen Men-

4 Aufgelesen

5 Na? Gut! Gesundheitsvorsorge für alle

5 Vor Gericht Wirr und heftig

6 Verkäufer*innenkolumne Immer wieder neu anfangen

7 Moumouni antwortet Was ruft der Berg?

8 Flucht Aus Kabul in die Schweiz

14 Kommentar Für gut abgestützte Medienvielfalt

schenleben nichts bedeuten. So wie den Schleppern, dem Arzt und der Grenzpolizei auf der Fluchtroute von Wahidullah Alikhan, der ab Seite 8 mit eigenen Worten seine Erfahrungen auf dem Weg von Kabul bis in die Schweiz beschreibt. Das können auch Strukturen sein, die nur kalt verwalten, was einen humaneren, individuellen Umgang braucht. Wie auch unter schwierigsten Bedingungen um Menschlichkeit gerungen werden muss, erzählt die Geschichte aus dem Heim für Menschen mit Behinderungen in der Westukraine, ab Seite 14.

Surprise ist ein Teil der Schweizer Medienlandschaft und angewiesen auf einen funktionierenden und stabil finanzierten Service public. Warum, erfahren Sie auf Seite 16.

Das «Na? Gut!» auf Seite 5 stammt von ihr unserer Schnupperpraktikantin Janna Erny. Wir danken ihr für ihren Einsatz.

SARA WINTER SAYILIR Redaktorin

16 Ukraine Pflegeeinrichtung am Rand

24 Teilhabe Intime Klänge

26 Veranstaltungen

27 Randnotizen Ankommen

28 SurPlus Positive Firmen

29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

30 Surprise-Porträt «Grundsätzlich geht es mir gut»

Auf g elesen

News aus den über 90 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

88 Verstorbene

Mit einer Auflistung aller Namen und einem Gedenkgottesdienst verabschiedet das Strassenmagazin Curbside Chronicle aus Oklahoma City in den USA alle ihnen bekannten obdachlos Verstorbenen des Jahres 2025. Sieben von ihnen waren ehemalige Verkaufende des Magazins.

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414

000

Einwohner*innen.

Personen lebten am 23. Januar 2025 akut auf der Strasse und waren nicht in Notunterkünften oder Übergangswohnheimen untergebracht.

BENJAMIN VOISIN

REBECCA MARDER

PIERRE LOTTIN

DENIS LAVANT

Expert*innen zählten über

Personen in Oklahoma City, die im Lauf des Jahres 2025 von Obdachlosigkeit betroffen und mit Hilfsorganisationen in Kontakt waren. 21 000

Die jährliche sogenannte Point-in-Time-Zählung vom 23. Januar 2025 ermittelte

1882

Personen in Obdachlosigkeit, 23 Prozent davon chronisch.

Der Mindestlohn in Oklahoma City liegt bei 7.25 USDollar. Um sich davon eine 1-Zimmer-Wohnung leisten zu können, muss man wöchentlich

88 Stunden arbeiten.

Zwangsarbeit für junge Arbeitslose

Im thüringischen Landkreis Nordhausen hat ein SPD-Landrat im November «testweise» eine Arbeitspflicht für Bürgergeldbezieher*innen unter 25 Jahren eingeführt, die auch 2026 weiterläuft. Betroffene müssen bis zu 40 Stunden pro Woche in Werkstätten gemeinnütziger Vereine arbeiten. Auch eine Aushilfstätigkeit auf einem Bauhof der Gemeinden oder die Pflege von Grünanlagen sind möglich. «Entlohnt» wird die erzwungene Arbeit mit 1.20 Euro die Stunde. Es wird zudem geprüft, ob Nichtteilnehmer*innen mit einer Kürzung des Bürgergeldes abgestraft werden können.

Steigende Mieten im Norden

L’ÉTRANGER

SWANN ARLAUD

Die durchschnittliche Miete in Norwegen lag laut dem Mietpreisindex von Husleie.no im 3. Quartal 2025 bei 12 755 Kronen. Das sind umgerechnet 1013.30 Franken. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2024 entspricht dies einem Anstieg von 3,72 Prozent. In der Hauptstadt Oslo liegt die durchschnittliche Miete bei 16 430 Kronen, also CHF 1305.25. Zur Einordnung: Etwa ein Fünftel der Bevölkerung Norwegens wohnt zur Miete.

=OSLO, NORWEGEN, #1/2026

FREIE BÜRGER, FREIBURG, DEZEMBER 2025
Oklahoma City hat rund
THE CURBSIDE CHRONICLE, OKLAHOMA CITY, #130, JAN. 2026

Gesundheitsvorsorge für alle

In Zürich leben rund 11 000 bis 14 000 Menschen ohne Krankenversicherung. Die meisten von ihnen sind Sans-Papiers. Sie haben keine gültige Aufenthaltsberechtigung für die Schweiz, leben versteckt und in ständiger Angst vor den Behörden. Oft arbeiten sie unter Bedingungen, die sich negativ auf ihre Gesundheit auswirken. Für sie war es bisher kaum möglich, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zudem gibt es Menschen, die aufgrund nicht bezahlter Krankenkassenbeiträge keine Leistungen mehr in Anspruch nehmen können.

Bleiben Krankheiten und Unfälle unbehandelt, begünstigt dies chronische Verläufe und Verschlimmerungen. So landen Menschen im Notfall, was das Gesundheitswesen teurer kommt als eine reguläre Versorgung von vornherein. Seit 2021 läuft in der Stadt Zürich ein Pilotprojekt: Es sichert die medizinische Grundversorgung von Menschen ohne Krankenversicherung analog zu den Leistungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Voraussetzung ist, dass die teilnehmende Person den Lebensmittelpunkt in der Stadt Zürich hat.

Am 7. Januar beschloss der Gemeinderat von Zürich, das Projekt dauerhaft weiterzufinanzieren. Zusätzlich bekommen betroffene Personen Unterstützung beim Abschluss einer Krankenversicherung und Zugang zu Prämienverbilligungen. Um die Menschen, die von diesem Angebot profitieren können, direkt zu erreichen, stellt die Stadt Informationen in 14 Sprachen zur Verfügung. Das Programm kostet die Stadt rund 1,9 Millionen Franken im Jahr, bislang beteiligt sich der Kanton nicht an den Kosten. JANNA ERNY

Vor Gericht

Wirr und heftig

Querulanten nennt man sie. Spinnsieche, Unruhestifter. Menschen, die mit ihrem Verhalten den geregelten Ablauf der Bürokratie durcheinanderbringen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen.

Der Beschuldigte an diesem Morgen am Bezirksgericht Aarau ist ein 34-jähriger Mann mit Ohrring, modischem Schnauzbart und Adidas-Turnschuhen. Sein Deutsch tönt zusammengebastelt, er wirkt übertrieben höflich. In einer Sitzungspause im Foyer streitet er sich beinahe mit seinem Verteidiger, als dieser ihm den einzigen Stuhl anbietet – denn obwohl der Mann Fussfesseln trägt (er befindet sich wegen eines anderen Vergehens im Strafvollzug), will er lieber stehen bleiben. Schwer vorstellbar, dass es der gleiche Mann ist, der vergangenes Jahr unter anderem der Sozialbehörde seiner Wohngemeinde eine Mail mit folgendem Inhalt schrieb:

«Ich brauche hilfe bitte ich hoffe ihr könnt lesen

Hilfe ein Unterkunft und ein arbeit oder soziale unterschutzung

Wegen euch bin ich so ein Zustand

Ich kann wirklich nicht ich ficke eure stamme und glauben allen und gemeinden und eure nuten mamas (...)»

wurde. Wie nach anfänglich normalen Gesprächen die Probleme anfingen. Wie er frühmorgens unter Alkohol- und Drogeneinfluss am Schalter aufgekreuzt und laut geworden sei, mit der Hand auf den Tresen geschlagen habe. Als dann «Todesdrohungen ausgesprochen wurden», sei das Mass überschritten gewesen. Es kam zur Anzeige. Für die Staatsanwaltschaft hat sich der 34-Jährige der Beschimpfung und der versuchten Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte strafbar gemacht. Sie fordert eine Freiheitsstrafe von 12 Monaten und eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 30 Franken; auch weil der Mann seine Freundin und Mutter der gemeinsamen Kinder, deren Schwester und ihren Vater mit Emails bedroht und genötigt haben soll, letzteres allerdings nur als Versuch. Der Verteidiger hingegen spricht von «bürokratischem Irrsinn» der Sozialbehörde gegen einen «tief verzweifelten Mann», der an einer paranoiden Persönlichkeitsstörung leidet. «Er hat Mails und Mails und Mails geschrieben und wurde einfach ignoriert.» Die in der Anklage genannten Mails seien «Hilfeschreie an die ganze Welt» gewesen. Der Beschuldigte fühlt sich «beschämt», wenn er seine damals getätigten Aussagen heute höre. Er habe sich hilflos gefühlt, sei psychisch belastet gewesen und von der Sozialhilfe wie ein Kind behandelt worden.

An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen.

Sieben solcher Mails sind in der Anklageschrift aufgelistet, alle gingen an weitere Personen, unter anderem an den Schweizer Botschafter in Moskau und das deutsche Konsulat in der Schweiz. Bei der Befragung erzählt eine der betroffenen Sozialarbeiterinnen, wie der Mann, der damals aus dem Gefängnis in die Obdachlosigkeit entlassen wurde, das erste Mal bei ihr vorstellig

Das Gericht verurteilt den Mann zu einer Freiheitsstrafe von 10 Monaten und einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 10 Franken. Die leicht tiefere Strafzumessung begründet die Einzelrichterin mit einem gewissen Verständnis für die Notsituation des Mannes. Von einer Landesverweisung wird abgesehen.

WILLIAM STERN ist Gerichtsreporter in Zürich.

Immer wieder neu anfangen

Teil 1, Sudan: Der erste Teil meiner Flucht war die Route von Eritrea in den Sudan. Ich hatte meine zwei kleinen Kinder dabei, Mädchen. Im Sudan waren wir fremd. Ich verstand die Sprache nicht. Es war ein kompletter Neuanfang. Aber ich musste arbeiten, ich musste für meine Kinder sorgen, ich musste es einfach schaffen.

Teil 2, Libyen: Nach zwei Jahren reiste ich mit den Kindern weiter nach Libyen. Die Flucht durch die Sahara war Gott sei Dank nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte. Auch in Libyen blieb ich mit meinen Töchtern zwei Jahre lang. Es war wieder ein kompletter Neuanfang. Ich musste arbeiten. Ich wollte meine Kinder nicht alleine lassen. Es waren andere Personen da, mit denen wir zusammenlebten. Ich liess meine Kinder bei ihnen, damit ich Geld verdienen konnte. Die Sprache war für mich wieder schwer zu verstehen. Man spricht in Libyen

Arabisch wie im Sudan, aber mit einem anderen Klang. Ich hatte keine Möglichkeit, die Sprache ordentlich zu lernen.

Teil 3, Schweiz: Von Libyen aus floh ich mit den Kindern 2011 nach Italien. Ich wollte in die Schweiz weiterreisen, weil der Vater meiner Kinder dort lebte. Er war schwer krank. Ich versuchte zu ihm zu finden, damit die Kinder ihren Vater wiedersehen konnten. Ich kannte das Land nicht, ich verstand die Sprache nicht. Es war nochmal ein kompletter Neuanfang.

Aber ich schaffte es, die Kinder sahen ihren Vater. Mit der Zeit ging es ihm gesundheitlich besser. Er lebt in einem Pflegeheim. Wir bekamen Unterstützung. Wir begannen die Sprache zu lernen.

Ich versuchte mir neue Wörter zu merken und vergass sie wieder, weil mein Kopf ständig mit dem Erlebten in der Vergan­

genheit beschäftigt war. Ich lernte Sätze und verlernte sie wieder, weil ich oft allein war und sie nicht gebrauchen konnte.

Unterdessen sind meine Töchter erwachsen und haben gute Ausbildungen abgeschlossen. Ich möchte arbeiten und die hiesige Sprache nochmals besser lernen. Ich möchte einen Neuanfang wagen.

YORDANOS WELDEMICAEL 55, verkauft Surprise in Zürich beim Coop Wipkingerbrücke und am Klusplatz. Ihre Geschichte hat sie letzten Sommer erstmals am Kulturfestival «About Us!» vor Publikum vorgetragen. Es war ein wichtiger Moment für sie.

Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

Moumouni antwortet

Was ruft der Berg?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was der tägliche Blick auf die Berge mit Ihnen macht? Glauben Sie, dass die Berge Ihnen guttun?

Sie werden es ähnlich sehen wie ich: Der Blick in die Berge macht etwas mit einem. Ehrfurcht. Bewunderung. Sehnsucht. Ein inneres Hüpfen. Vielleicht sogar Dankbarkeit. Verbindung zu Grösse, die nicht vom Menschen geschaffen ist. Ruhe.

Je länger ich in der Schweiz lebe, desto misstrauischer macht mich dieser sedierende Anblick. Ich glaube, es macht etwas, wenn jeder Blick in den Horizont, in den hoffnungsvoll blauen Himmel, von kalten Kanten und Spitzen gerahmt ist. Riesige, unbewegte Massen aus Stein. Grau. Jeden Tag.

Manchmal ist der Himmel bedeckt und suggeriert, dass, wenn es nur klar wäre, wir weit in die Ferne schauen könnten. Doch dann klart der Himmel

auf und ist wieder gespickt von Unbeweglichem. Niemand, der mal einen Berg gesehen hat, glaubt wirklich, dass man Berge versetzen kann. Gleichzeitig hat ihr Zustand etwas Verlockendes, so unbewegt die Wolken berühren zu können, sich keiner Bewegung beugen zu müssen, so wohl zu sein im Stillstand.

Bergvölker gelten als besonders widerständig. Im Gebirge wird – in einem den Flachländer*innen unbekannten Terrain – Widerstand, Ungehorsam und Zähheit formiert. Man denke an die Kurd*innen, die sich nun schon wieder islamistischer Gewalt und westlichem Opportunismus entgegenstellen müssen (Bijî Kurdistan!). Die Schweiz dagegen scheint, wenn man zum Beispiel auf das letzte Weltwirtschaftsforum in Davos zurückblickt, nicht sonderlich widerständig zu sein.

Ich glaube übrigens keinesfalls, dass man die Unterwürfigkeit gegenüber Trumps USA als kolonialherrschaftlichen Zustand

beschreiben kann, wie Autor Lukas Bärfuss und Theatermacher Milo Rau es kürzlich in Essays in der Zeit und im Tages­Anzeiger gemacht haben. Dazu fehlt die koloniale Gewalt – ausser ich habe verpasst, wie Karin Keller­Suter oder Parmelin Hände und Füsse abgehackt wurden, weil wir nicht genügend Zölle gezahlt haben. Und es fehlt die ideologische Abwertung der Schweizer*in an sich – ausser ich habe verpasst, wie eine weltweite ideologische Pseudowissenschaft verbreitet, dass Käse essen und an Demokratie glauben uns zu minderwertigen Geschöpfen macht und durch gottgegebene Bestimmung zu brutaler Ausbeutung prädestiniert. Zu kolonialen Verhältnissen gehört antikolonialer Widerstand gegen die Ideologie des Unterdrückers, die Schweiz schenkt jedoch Goldbarren und Rolexuhren, um weiter Anteil an den Vorteilen der Nähe zu einem Rüpelstaat zu haben. Und weil unser Wohlstand immer mehr verpflichtet als die Werte, die wir uns auf die Flagge schreiben. Mit dieser Position hat sich die Schweiz spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg relativ bequem arrangiert.

Der Berg ruft. Die ewige (Sehn­) Sucht nach beständiger Ruhe, komme, was da wolle.

Ich glaube, die Schweizer Berge haben uns in ihrem Bann. Und sie strahlen nicht Widerstand, Standfestigkeit und Rückgrat aus, sondern wecken eine Erinnerung – das Erbe des Reduits:

Wenn der Faschismus kommt, dann verstecken wir uns einfach in den Löchern im Berg.

Wird schon gut kommen. Und wenn wir wieder herauskriechen, erzählen wir nicht, dass wir feige Kollaborateur*innen waren, um uns vor dem zu schützen, was dem Rest der Welt zum Schicksal ward – sondern neutral, besonnen, smart.

FATIMA MOUMOUNI glaubt, wir haben einen Berg Arbeit vor uns im Kampf gegen den wiederkehrenden Faschismus –stets am Horizont.

TURKMENISTAN

«Ich sah keinen anderen Weg»

Flucht Wahidullah Alikhan lebt in Grenchen und hat einen F-Ausweis. Er kam aus Kabul hierher, er möchte weiter Medizin studieren. Was ihn zur Flucht bewogen hat und was er auf dem We g erlebte, schrieb er auf. Dies sind seine Worte. (Teil 1)

Ich bin geboren am 25. April 2001 in Afghanistan, in der Stadt Dschalalabad, im Herzen eines Landes, das seit Jahrzehnten von Kriegen und Krisen heimgesucht wird. Zusammen mit meinen Brüdern und Schwestern bin ich in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Eltern hatten ständig Geldprobleme, die durch die anhaltenden Konflikte im Land nur noch grösser wurden. Mein Vater, ein Lastwagenfahrer, hegte die Hoffnung, dass wir, seine Kinder, eines Tages Erfolg haben würden, wenn er uns bloss eine gute Ausbildung ermöglichen kann. Er träumte von einem Afghanistan frei von Kriegen. 2016 schloss ich die Grundschule in Dschalalabad ab und besuchte daraufhin eine Madrasa, wo uns die Grundlagen des Islam vermittelt wurden. Bereits damals waren die Angst vor den Taliban sowie die Schüsse von Gewehren, das Heulen der Mörserraketen und die Explosionen von Bomben unsere ständige Begleitung. Schon früh wurde ich Zeuge der Vertreibung von Familien und des Todes unschuldiger Menschen. All das war Teil meiner Kindheit und hinterliess tiefe Narben in meiner Seele.

Teheran

Studieren unter widrigen Umständen

Ich war immer ein fleissiger Schüler und träumte davon, an einer Universität zu studieren. Doch ich wusste, dass dieses Ziel nicht einfach zu erreichen ist – vor allem mit meinem familiären Hintergrund sowie in einem Land wie Afghanistan, dessen Zukunft so ungewiss war.

Jeden Morgen ging ich auf einer vom Krieg zerstörten Strasse zur Schule. Trotzdem waren meine Klassenkameraden und ich voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wie unsere Eltern träumten wir vom Wiederaufbau unseres Landes, von einer Heimat, in der Kinder wie wir eine Zukunft voller Frieden und Wohlstand haben. Wir wussten, dass Bildung unsere einzige Möglichkeit ist, um diesen Traum zu erfüllen. Oft hatten wir nur zehn Afghani in der Tasche, das sind umgerechnet nicht einmal 15 Rappen. Trotzdem waren wir glücklich – weil wir einander hatten und uns gegenseitig beim Lernen unterstützen konnten. Und so hatten wir trotz Angst vor dem Krieg und den Spuren, die all das in uns hinterlassen hat, wenigstens teilweise eine unbeschwerte Kindheit.

Ich war glücklich darüber, dass ich meine Schulzeit erfolgreich abschliessen konnte. Um an einer öffentlichen Universität zugelassen zu werden, musste ich eine Prüfung ablegen, ein sogenanntes Staatsexamen. Das war 2017. Ich lernte Tag und Nacht, um mich darauf vorzubereiten. Viele Studierende aus wohlhabenden Familien hatten private Nachhilfelehrer*innen. Ich musste allein zuhause lernen.

Mir fehlte zwar das Geld, doch war ich fest entschlossen, die Prüfung erfolgreich zu absolvieren. Das Staatsexamen brachte noch andere Herausforderungen mit sich, wie Korruption und Vetternwirtschaft. Viele Eltern nutzten ihren gesellschaftlichen und politischen Einfluss oder sie bezahlten Bestechungsgelder, um ihren Kindern einen Studienplatz zu sichern – während ich, der Sohn eines Lastwagenfahrers, das Nachsehen hatte. Es war ein unfaires Spiel. Umso mehr hatte ich mir in den Kopf gesetzt, es aus eigener Anstrengung heraus zu schaffen.

Und es klappte! Ich wurde mit einem Teilstipendium an einer Privatuniversität in Kabul im Fachbereich Medizin zugelassen. Und so zog ich Anfang 2019 von Dschalalabad in unsere Hauptstadt. Weil das Studium teuer war, musste ich mir überlegen, wie ich es finanzieren kann. Manchmal machte mein Vater Überstunden, um mehr zu verdienen, manchmal lieh ich mir das Geld für die Semestergebühren von Freunden, deren Eltern reich waren. Gereicht hat es aber selten. Deshalb begann meine Familie, die Eier unserer Hühner auf dem Markt zu verkaufen, und meine Schwestern nähten Kleider für fremde Leute.

Mit jedem Tag verschlechterte sich die Lage in Afghanistan. Im Frühjahr 2021 wurden die Angriffe der Taliban immer schlimmer, auch Schulen wurden bombardiert. Meine Eltern machten sich Sorgen, dass ich unter solchen Umständen mein Studium nicht mehr fortsetzen könnte, und fürchteten um meine Zukunft. Im Sommer war der Krieg auf dem Höhepunkt. Die Kämpfe zwischen den Taliban und der Regierung nahmen weiter zu, viele Zivilist*innen wurden getötet. Mein Traum von einer strahlenden Zukunft schien zu zerplatzen. Das bisschen Hoffnung, das ich in diesen schwierigen Zeiten noch hatte,

Zur Lage in Afghanistan

Im April 2021 kündigten die USA und ihre NATO-Verbündeten den Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan an – zwanzig Jahre nach dem Ende der Talibanherrschaft, die zwischen 1996 und 2001 weite Teile des Landes regierten. Im Sommer 2021 starteten die Taliban eine neue Offensive, am 15. August nahmen sie die Hauptstadt Kabul ein. Präsident Ashraf Ghani löste seine Regierung auf und setzte sich ins Ausland ab. Eine Woche später floh auch Wahidullah Alikhan aus Afghanistan. Seitdem kontrollieren die Taliban das gesamte Land, wobei bisher kein westlicher Staat deren Regierung offiziell anerkannt hat.

TEXT UND HANDYFOTOS WAHIDULLAH ALIKHAN

TURKMENISTAN

TADSCHIKISTAN

AFGHANISTAN
Kabul
Dschalalabad
Provinz Nimroz
Provinz Helmand
Taftan
Spin Boldak
Dschalalabad 2018
Kabul 2018

TURKMENISTAN

AFGHANISTAN
IRAN
Teheran
Teheran 2021
Teheran 2021 Teheran 2021

ging zunichte. Wegen des Krieges, der sich immer mehr auch Kabul näherte, verliessen viele der Professor*innen das Land. Auch einige meiner Klassenkameraden hörten mit dem Studium auf und gingen ins Ausland – sie hatten ja das Geld dazu. Für mich, der ich zurückblieb, fühlte es sich an, als würden all meine Zukunftswünsche von den Flammen des Krieges verzehrt. Aber ich wollte nicht aufgeben. Wie ich schon sagte, hatte ich den festen Entschluss gefasst, meinen Traum von einem erfüllten Leben aus eigener Kraft zu erreichen, egal, wie viele Opfer ich dafür bringen muss.

TURKMENISTAN

In dieser Zeit fühlte sich das Universitätsleben für mich an wie eine Welt, in der ich ein Fremder war. Meine Freunde schlenderten durch die Gassen von Kabul und gingen aus, um sich wenigstens manchmal noch zu amüsieren. Wenn ich sie sah, lächelte ich ihnen von weitem zu und liess mir nichts anmerken. Meine Realität sah ganz anders aus. Meine Familie war in Geldnöten und sorgte sich um mich. Oft hatte ich das Gefühl, in einem dunklen Raum eingesperrt zu sein, unfähig, auch nur einen Lichtstrahl zu sehen.

Die Quelle meines Kummers war meine Ohnmacht, nichts gegen die harte Realität tun zu können. Weder hatte ich Einfluss auf die Situation meiner Eltern noch auf den Krieg im eigenen Land. Auch meine jüngeren Geschwister wurden all ihrer Träume beraubt. Genau wie ich wollten sie eine Ausbildung machen, sie wollten Ärzte, Krankenschwestern oder Ingenieure werden. Meine jüngsten Schwestern träumten von farbenfrohen Kleidern und Spielzeug, beides konnten sich meine Eltern nicht leisten. Das brach mir das Herz und verstärkte mein Gefühl von Hilflosigkeit. Ich wünschte mir eine glückliche Zukunft für sie. Ich stellte mir vor, dass ich durch mein Studium einen Weg finden werde, um irgendwann einmal ihre Träume erfüllen zu können.

Schwere Entscheidung

Die Situation in Afghanistan war nun ausser Kontrolle. An allen Ecken und Enden breitete sich unter den Menschen Hilflosigkeit und Unsicherheit aus, auch in Kabul. Wir hatten das Gefühl, dass alles um uns herum auf eine Zerstörung zusteuerte. Besonders die Universitäten wur­

Provinz Helmand

Zur Lage im Iran

Provinz Nimroz

KIRGISTAN

den zu Zielen der Taliban: Professor*innen wurden mit dem Tode bedroht, Studierende wurden Opfer brutaler Gewalt, besonders die Frauen unter ihnen wurden gedemütigt. Meine Eltern machten sich infolgedessen noch grössere Sorgen um mich, schliesslich verboten sie mir, weiterhin die Universität zu besuchen. Was für mich sehr schlimm war, denn ich studierte dort bereits zwei Jahre Medizin.

TADSCHIKISTAN

Trotz allem wollten meine Eltern für mich eine glänzende Zukunft. Und so fassten wir gemeinsam als Familie am 18. August 2021, nur wenige Tage, nachdem die Taliban auch Kabul eingenommen hatten, den Entschluss, dass ich anderswo mein Glück versuche und Afghanistan verlasse – mein geliebtes Zuhause. Diese Entscheidung fühlte sich an, als würde meine Seele in Stücke zerrissen. Ich liess einen Teil meiner Identität zurück. Mein Herz fühlte sich an wie ein zerbrochener Spiegel, der in tausend Stücke zersprungen war. Meine Hoffnungen waren verdorrt wie trockene Blätter, die von einem leblosen Baum fallen. Meine Zukunft erschien mir wie ein dunkler, endloser Tunnel ohne sichtbares Ende. Und mein Herz war wie ein sinkendes Schiff, das in den Wellen der Verzweiflung ertrank.

Und doch musste ich diese Entscheidung treffen. Ich sah keinen anderen Weg.

Als Erstes musste ich mit einem Schmuggler Kontakt aufnehmen, der mich aus dem Land nach Pakistan und von dort weiter in den Iran brachte. Was wiederum viel Geld kostete. Mein Vater verkaufte ein Stück Land, das er in seinem Heimatdorf noch hatte – was ihm schwerfiel, denn er verband mit diesem Ort viele Erinnerungen an seine Familie und die Vorfahren. Wir verkauften unsere Kuh, eine wichtige Einnahmequelle für die Familie. Meine Mutter verkaufte ihre Hochzeitsarmbänder, was sich für mich anfühlte, als würde sie alles verhökern, was an Glück für sie noch übrigblieb. Meine Schwestern nähten weiterhin Kleider für Fremde. Ich sah, wie ihre kleinen Finger von Nadeln durchstochen wurden. Das alles taten sie bloss, um mir zu helfen. All das bereitete mir ein schlechtes Gewissen.

Aufbruch ins Ungewisse

Kabul

Dschalalabad

Taftan Spin Boldak

Der Iran gehört zu den Ländern mit den meisten Geflüchteten, allein 3,5 Millionen Menschen kommen aus Afghanistan. Auf dem Weg in Richtung Europa bleiben viele für einige Monate im Land, um Geld für die Weiterreise zu verdienen. Aufgrund der sich verschlechternden ökonomischen Lage – die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 20 Prozent – werden immer mehr afghanische Geflüchtete zurückgeschickt, um Arbeitsplätze für die eigene Bevölkerung zu sichern. Die Inflation hat die Situation seit vorigem Jahr noch verschärft, sie ist auch mitverantwortlich für die gegenwärtigen landesweiten Proteste gegen die autoritäre Regierung.

PAKISTAN

Schliesslich kamen wir in Kontakt mit Schmugglern und vereinbarten mit ihnen eine Route bis in den Iran. Von Spin Boldak aus brachten sie mich zusammen mit einer Gruppe anderer Afghan*innen erst durch die Wüste der Provinz Helmand, dann über unwegsame Strassen durch die Provinz Nimroz nach Pakistan. Das war Anfang September 2021. Die Reise war viel härter, als ich mir vorgestellt hatte. Dreissig von uns wurden in einen überdeckten Pickup gepfercht, der eigentlich nur für zehn Personen gedacht war. Wie Säcke stapelten sie uns übereinander. Ich weiss nicht, ob es auf der ganzen Welt unmenschlichere Wesen gibt als diese Schlepper. Tiere haben wenigstens ein gewisses Mass an Würde. Schlepper haben keine.

Unser erster Halt war unweit von Taftan, einer Stadt in der Provinz Belutschistan an Pakistans Grenze. Unterwegs fiel einer von uns vom Pickup, aber die Schmuggler

AFGHANISTAN

fuhren einfach weiter – so als ob dieser junge Mann keinen Namen hätte, keine Mutter, keine Träume, als wäre er nichts. Später stoppten uns pakistanische Soldaten und hielten uns vier Tage lang in einem Haus an der Grenze fest, umringt von Stacheldrahtzäunen. Sie gaben uns kein Essen und nur wenig zu trinken. Sie beschimpften uns, machten uns deutlich, dass sie in uns keine Menschen sahen, sie schlugen und demütigten uns. Wir waren alle sehr verzweifelt.

Dann liessen uns die Soldaten frei. Die Schlepper brachten uns weiter an die iranische Grenze zum Berg Mushkil Ghar, was auf Deutsch – der Name sagt schon alles – «der schwierige Berg» heisst. Kaum über der Grenze, eröffneten iranische Grenztruppen das Feuer auf uns. Zu diesem Zeitpunkt waren wir bereits sehr geschwächt, wir hatten Hunger und Durst. Zum Glück wurde niemand verletzt. Und doch hatten wir das Gefühl, man habe uns den letzten Rest von Menschlichkeit genommen. Unsere Herzen wurden zu Stein, wir befanden uns auf einem dunklen und endlosen Weg irgendwo zwischen Leben und Tod, ohne dass uns jemand helfen konnte.

Inmitten all dieses Leids starb ein afghanischer Mann unter uns – an Hunger und Durst. Wir mussten den Leichnam zurücklassen zwischen all den Steinen. Seine leeren Augen waren zum Himmel gerichtet, seine Lippen vertrocknet. Er war ein guter Freund und sein Tod ein grosser Verlust für uns alle. Es war, als ob mit ihm ein Teil von uns gestorben wäre.

Eines Nachts nahmen uns iranische Soldaten gefangen und brachten uns in einen dunklen, dreckigen Raum. Sie beschimpften uns, behandelten uns wie Eindringlinge und gaben uns damit einmal mehr zu verstehen, dass wir nicht willkommen waren. Einige von uns wurden brutal zusammengeschlagen. Sie boten uns Wasser an, doch das war schmutzig. Das Essen, das sie uns vorsetzten, hätten nicht einmal Tiere angerührt. Wir fühlten uns wie in einem Albtraum. Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit waren auf unseren Gesichtern zu lesen, und wieder war niemand da, der uns hätte helfen können.

Nachts weinten wir, wenn wir an unsere Familien und unsere Heimat dachten. Es fühlte sich an, als wären es die letzten Tage unseres Lebens. Unser Geist war leer, alles war Schmerz. In dieser Zeit starben wieder einige aus unserer Gruppe, auch sie an Hunger, Durst oder infolge der Schläge der Grenzsoldaten. Unter uns waren auch Frauen, einige waren schwanger. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich immer mehr. Sie wurden bereits davor von pakistanischen Soldaten misshandelt, und jetzt wiederum von den iranischen. Wir anderen waren machtlos, wir konnten ihnen nicht helfen und mussten tatenlos ihr Leid mitansehen.

Herzen aus Stein

Die Reise quer durch den Iran in die Türkei fühlte sich an wie ein Abstieg in die Hölle – eine Hölle nicht aus Feuer, sondern voller menschlicher Gier und Grausamkeit. Inzwischen war es Ende Oktober, ich war bereits seit über zwei Monaten unterwegs. Diese Zeit kam mir vor wie eine dunkle Nacht, die kein Ende zu haben schien. Jeder Schritt

auf diesem langen Weg brachte uns dem Tod näher, wir fühlten uns wie Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden. Noch bevor wir die türkische Grenze erreichten, wurden wir mehr als ein halbes Dutzend Mal an weitere Schlepper «verkauft», und jeder wollte noch Geld aus uns herauspressen.

Während der Reise wurden wir zu angeblich sicheren Unterkünften gebracht, wo die Übergabe an andere Schlepper stattfinden sollte. Doch diese Orte waren nichts anderes als Abgründe des Elends, Höhlen des Kummers und des Leids. Wir lebten auf engstem Raum in kleinen, schmutzigen Häusern, die an Viehställe erinnerten. Das Wasser war wieder dreckig, eine Quelle nicht des Lebens, sondern von Krankheit und Tod. Das Essen war verdorben und verschimmelt, als wäre es eine Henkersmahlzeit.

Als wir Anfang November 2021 unweit der iranischen Stadt Maku die Grenze zur Türkei überquerten, fasste uns bald darauf die Grenzpolizei. Sie nahmen uns Hosen, Hemden und Handys weg und liessen uns stundenlang in der Kälte stehen. Manchen von uns rissen sie die Fingernägel aus. Sie rasierten unsere Köpfe, was uns den letzten Rest an Würde nehmen sollte. Wir schämten uns deswegen. Manchmal nahmen sie eine Frau mit, stellten sie an einen Pfosten und vergewaltigten sie – wie ein Vogel, der in den Klauen eines Monsters gefangen ist.

Oft arbeitete die Grenzpolizei mit den Schmugglern zusammen. Sie tauschten unsere Daten aus, riefen unsere Familien an und drohten ihnen mit Videos, auf denen zu sehen war, wie wir geschlagen und gefoltert wurden – nur, um unsere Angehörigen damit zu verängstigen oder sie dazu zu bringen, ihnen Geld zu schicken.

Das alles klingt wie Szenen aus einem Film. Doch es war unser Leben.

Wahidullah Alikhan arbeitet in Zürich auf dem Flughafen als Aushilfe bei der Passagierkontrolle. Er hat derzeit den F­Ausweis (vorläufig aufgenommene Flüchtlinge). Den zweiten Teil seiner Flucht von Istanbul über den Balkan nach Zürich lesen Sie in der Ausgabe 620.

Aus dem Englischen übersetzt von KLAUS PETRUS

Zur Lage in der Türkei

Seit März 2016 gibt es ein Migrationsabkommen zwischen der EU und der Türkei mit dem Ziel, «irreguläre Migration» zu regulieren und «Schleuserkriminalität» zu bekämpfen. Wie der Iran ist auch die Türkei ein Transitland für afghanische Flüchtende; 2024 waren es eine halbe Million Menschen, die sich dort zwischenzeitlich aufhielten. 2022 veröffentlichte Amnesty International unter dem Titel «Sie behandelten uns nicht wie Menschen» einen Bericht, dem zufolge sowohl die türkische als auch die iranische Grenzpolizei Geflüchtete misshandelte, folterte und Schusswaffen einsetzte, um Menschen am Grenzübertritt zu hindern.

Maku 2021

Van

Maku

Die dargestellte Fluchtroute erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wurde aufgrund der Angaben des Autors erstellt.

SAUDI-ARABIEN

IRAK
SYRIEN
TÜRKEI
ZU ASERBAIDSCHAN
KUWAIT
Iran 2021
Teil 1: Nr. 619
Teil 2: Nr. 620

Zusammenhalt in Gefahr

Halbierungsinitiative Wir bauen in der Schweiz eine gut funktionierende Medienlandschaft zurück, weil sie nicht mehr auf dieselbe Weise Geld abwirft wie früher. Dabei setzen wir unsere gemeinsame Realität aufs Spiel.

Eigentlich haben schon alle alles gesagt. Im Vorfeld der Halbierungsinitiative wird vielerorts der besondere Wert der SRG (und des Service public generell) herausgestrichen, immer wieder die Untrennbarkeit von Journalismus und Demokratie erklärt und betont, dass Journalismus beziehungsweise Medien nicht mit reinem Marktdenken zu betreiben sind. Der stete Abwehrkampf gegen den Abbau in der Medienbranche sowie gegen den gnadenlosen Zerstörungswillen von rechts aussen zermürbt.

Was hatten wir eigentlich das letzte Mal zu sagen, als uns eine radikale Medienabbau-Initiative bevorstand, im Februar 2018? «Was sind uns die Medien wert?», fragte damals anlässlich der No-Billag-Initiative Roger Blum hier im Surprise, emeritierter Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern und damaliger Ombudsmann der SRG Deutschschweiz. Und zitierte den verstorbenen Zürcher Publizistikwissenschaftler Ulrich Saxer, der die Medien als «unverzichtbare Bestandesträger der Demokratie» bezeichnet hatte.

Es ging auch da schon darum, Qualitätsmedien von Clickbait-Schleudern abzugrenzen und dem Publikum zu erklären, wie verantwortungsvoller Journalismus aussieht und funktioniert. Nämlich, «dass nur veröffentlicht wird, was auf gesicherten Quellen basiert (Wahrheitspflicht), dass Vertuschungen, Skandale und Affären ans Tageslicht kommen (investigativer Journalismus), und dass die Informationen erläutert, vertieft und kommentiert werden», wie Blum schrieb.

Er betonte zu Recht, wie besonders die Aufgabe des Journalismus gerade in der direktdemokratischen Schweiz ist, wo «in der Regel jährlich vier Volksabstimmungen stattfinden und die Abstimmungskämpfe jeweils etwa während zwei Monaten laufen, die politischen Journalist*innen während acht Monaten eines Jahres damit beschäftigt [sind], den Stimmberechtigten Abstimmungsfragen zu erläutern». Das sei nicht unbedingt ein lukratives Geschäft, und vielleicht eben darum Service public.

manchen Fällen, beispielsweise dem der NZZ, inzwischen berechtigte Zweifel anmelden, wie es mit der Verpflichtung gegenüber der Demokratie hier eigentlich aussieht. In der ehemals (wirtschafts-)liberalen Zeitung und ihren Onlineplattformen wird bereits seit geraumer Zeit eine Regierungsbeteiligung der AfD in Deutschland als unproblematisch dargestellt, Chefredaktor Eric Gujer schrieb seinen deutschen Leser*innen 2024 sogar einen Newsletter unter dem Titel «Ministerpräsident Höcke, na und?». Zur Erinnerung: Der Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke war vorher mehrfach wegen der Verwendung von NS-Vokabular verurteilt worden und wird seit 2020 vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet.

Sparen ohne Not

Im Jahr 2029 wird die SRG schon jetzt mit rund 120 Millionen Franken weniger auskommen müssen.

Dass es in der Schweiz mit ihren kleinen Märkten und den vier Sprachregionen nicht möglich ist, eine umfassende Information der Bevölkerung kommerziell zu betreiben, ist weiterhin wahr und wird immer schwieriger. Blum nannte die No-Billag-Initiative – lanciert von freisinnigen, libertären und rechtskonservativen Jungpolitikern – damals eine «in hohem Masse destruktive und verantwortungslose Politik». Explizit warnte er vor einer Annahme: «Die SRG würde schrumpfen und kaum mehr Werbung erhalten, weil ihre Reichweite zu gering wäre. Die Werbung würde zu ausländischen Werbefenstern und zu internationalen Giganten (wie Google, Facebook, Amazon) abwandern. Die SRG müsste folglich den Laden dichtmachen. Rundfunkangebote für die rätoromanische Schweiz gäbe es nicht mehr. Sendungen für Minderheiten und für Kulturinteressierte würden künftig fehlen. Kritische politische Sendungen würden verschwinden.»

Diesen leisteten in der Schweiz nicht nur gebührenfinanzierte Rundfunkanstalten wie die SRG, sondern auch Print- und Onlinemedien: «Auch die NZZ, der Tages-Anzeiger, Le Temps, der Corriere del Ticino und viele andere Medien erfüllen diese Aufgabe aus Verpflichtung gegenüber der Demokratie.» Hier möchte man Blum heute widersprechen, lassen sich doch in

Heute wissen wir: Obwohl No-Billag damals abgelehnt wurde, ist vieles von dem passiert, was Blum sich im Fall einer Annahme ausmalte. Was einigermassen erschreckend ist. Der Bundesrat beschloss 2024 eine schrittweise Senkung der Radio- und Fernsehabgabe für Privathaushalte von 335 auf 300 Franken ab 2027. Dann werden auch rund 80 Prozent der mehrwertsteuerpflichtigen Unternehmen von der Abgabe befreit und die Limite für die Entrichtung der Unternehmensabgabe gleichzeitig erhöht. 2024 erhielt die SRG noch einen Abgabenanteil von 1.3 Milliarden Fran-

KOMMENTAR SARA WINTER SAYILIR

ken. Im Jahr 2029 wird die SRG mit rund 120 Millionen Franken weniger als heute auskommen müssen. Ohne Not, wohlgemerkt. Seitdem steckt die SRG in einer permanenten und radikalen Restrukturierungs- und Schrumpfungsspirale. Gleichzeitig habe der gesellschaftliche Druck massiv zugenommen, so berichtet es ein langjähriger Mitarbeiter der SRG, der anonym bleiben möchte. Es herrsche eine gedämpfte Stimmung unter den Mitarbeitenden, viele hätten resigniert und duckten sich weg. Planungssicherheit fehle. Bestraft werde letztlich das Publikum. Zudem fehle es den Mitarbeiter*innen an Perspektiven. Denn nach der Initiative kämen die Konzessionsverhandlungen mit dem Bundesrat, worin dieser wiederum Einfluss auf die konkreten Restrukturierungsschritte nehmen könne.

Immerhin wurde im Ständerat kürzlich das angekündigte Entlastungspaket 2027 des Bundesrats abgelehnt: Dieses sah Kürzungen bei der indirekten Presseförderung, der Ausbildung von Programmschaffenden, der Verbreitung lokaler Radioprogramme in Bergregionen und dem Beitrag ans Auslandsangebot der SRG vor. Daran, dass auch die privaten Medienhäuser wie Tamedia, Ringier und Co. ohne Not immer weiter Geld aus dem Journalismus ziehen, ändert dies jedoch wenig.

del. Statt über das Verhältnis von Service public zu internationalen Streamingdiensten, sogenannten Sozialen Netzwerken und anderen konkurrierenden Angeboten sowie die Kosten für die Verbraucher*innen nachzudenken, stecken wir im reinen Abwehrkampf. Und schon scheint der Plan von rechts aussen aufzugehen.

Surprise könnte sich nicht auf eine unterberichtete, wichtige Nische konzentrieren, würden andere nicht die Grundlagen legen.

Keine vernünftige Debatte möglich

Besonders in unruhigen, chaotischen und gefährlichen Zeiten wie diesen ist es wichtig, sich gut, verlässlich und faktengebunden informieren zu können. Eine produktive Diskussion, was Service public und eine gesunde, demokratietragende Medienlandschaft sein sollte, findet aber kaum statt. Besonders lähmend ist, dass ein Teil der Debattierenden eigentlich die Zerschlagung des Service public im Sinne hat. Auf die problematische Haltung vieler Politiker*innen wies auch der ehemalige Tamedia-Bundeshausredaktor Markus Häfliger bei seinem Abschied aus dem Journalismus im Oktober 2024 hin: Es gebe nur wenige, «die sehen, dass unser Mediensystem an einem kritischen Punkt angelangt ist». Die Naiven begriffen nicht, was auf dem Spiel stünde, wenn die unabhängigen Medien wegbrechen. Dann gebe es die Gleichgültigen, die es in Kauf nähmen, «weil es sie vermeintlich nicht betrifft». Und schliesslich diejenigen, «die ein strategisches Interesse daran haben, dass das Mediensystem, wie wir es bisher kannten, kollabiert». Es sind diese rechtspopulistischen Kräfte, die strategisch gegen den Service public schiessen und gezielt das Vertrauen in die Institutionen unterminieren, während sie gleichzeitig Medien unter ihre Kontrolle zu bringen versuchen –was sie ja auch erfolgreich tun. Und das schon lange, man denke nur an Christoph Blochers Übernahme zahlreicher Lokal- und Regionalmedien 2017.

So lässt sich nicht vernünftig und differenziert über Auftrag, Verfasstheit und Programm der traditionellen Medienhäuser debattieren, die ja auch ohne politische Querschüsse bedroht sind – durch die Digitalisierung und den gesellschaftlichen Wan-

Was hat das alles mit dem Strassenmagazin zu tun? Surprise ist kein Teil des Service public und bekommt keine öffentlichen Gelder. Als kleines Medienunternehmen mit sozialem Zweck sind wir jedoch angewiesen auf eine breite, gut abgestützte Medienlandschaft, die mit ihrer Berichterstattung unsere gemeinsame Realität schafft: Die Zusammenführung lokaler und globaler Ereignisse, die unterschiedlichen Perspektiven auf gemeinsame Herausforderungen, die diversen Gesetzgebungen auf den verschiedenen Staatsebenen und deren Handhabe sowie der Austausch darüber in einer viel stimmigen Medienlandschaft – sie bilden das Rückgrat auch unserer journalistischen Arbeit. Surprise könnte sich nicht auf eine unterberichtete und wichtige Nische konzentrieren, würden andere nicht die notwendigen Grundlagen legen. Zugespitzter formuliert: Wir könnten als Gesellschaft kaum noch miteinander reden, hätten wir kein unabhängiges, gut recherchiertes Wissen dazu aus den Medien. Die Folge wäre: unterschiedliche Realitätswahrnehmungen und eine noch stärkere Fragmentierung der Gesellschaft.

Mittlerweile stellen sogar das Wasserwerk und der lokale Kulturbetrieb eigene Medienformate zur Verfügung – wie Podcasts, Webseiten und Social-Media-Kanäle. Auch sie konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Endverbraucher*innen. Sie ersetzen jedoch keinen unabhängigen, verantwortungsvollen Journalismus. Hier stehen Eigeninteressen vor Wahrheitsanspruch, es besteht kein unabhängiges Fact Checking und auch keine Gemeinwohlorientierung.

Glücklicherweise gibt es aber nicht nur Negatives zu vermelden, es entstehen auch brillante Neugründungen und engagierte junge Formate. Beispielsweise sind unabhängige Investigativkollektive wie WAV, Reflekt und Correctiv wichtig für eine vielfältige, vielstimmige Medienlandschaft. Auch spezialisierte Podcastformate wie das Hörkombinat:Politik, das nach journalistischen Prinzipien arbeitet. Sie liefern eine dringend benötigte Tiefe, sind jedoch noch sehr von engagierten Einzelpersonen abhängig und meist projektgebunden, also prekär finanziert. Ähnlich leisten auch die Online-Neugründungen in der Folge der Printmedienkrise wie Republik, WNTI, Bajour, Tsüri oder Hauptstadt wichtige Arbeit. Alle fahren auf Dauer besser, wenn sie sich nicht in Konkurrenz, sondern im Zusammenspiel mit der SRG und einem gut aufgestellten Service public sehen. Und das sogar ökonomisch, wie auch schon die WOZ ausführte: SRG und private Medien konkurrenzieren sich in medienökonomischer Hinsicht kaum. Im Gegenteil: sie ergänzen sich, das haben sogar zwei Studien der Universität Zürich und Fribourg unlängst bewiesen.

1 Bewohner*innen des Pflegeheims in ihrem karg eingerichteten Aufenthaltsraum.

2 Das Dorf mit dem Pflegeheim liegt in Transkarpatien im Westen der Ukraine.

Es gibt kein Zurück

Ukraine In Transkarpatien steht ein Pflegeheim für Menschen mit Behinderungen. Vom laufenden Transformationsprozess des ukrainischen Fürsorgesystems ist hier weni g zu sehen. Die Einrichtun g versucht, sich nach Kräften selbst zu behelfen.

TEXT EMILIA SULEK FOTOS DANIL USMANOV

Im November erreicht wenig Sonne den Grund des engen Tals in den Karpaten. Auf dem Gras liegt dicker Raureif. Der Wind heult zwischen Buchen und Eichen hindurch. Das Dorf Wilschany ist in Transkarpatien, einer Region in der Südwestukraine. Hier, mitten im Wald, liegt eine Einrichtung für Kinder mit Behinderung. In der UdSSR gründete man solche Einrichtungen häufig an abgelegenen Orten wie diesem. Wilschany verfügte auch bereits über die notwendige Infrastruktur. Oberhalb des Dorfes liegt der Tereblja-Staudamm. Bei dessen Bau wurde für die Arbeiter*innen eine eigene Siedlung errichtet. 1956 wurde der Staudamm in Betrieb genommen, die Ingenieure*innen und Handwerker*innen zogen wieder ab. Die ehemaligen Wohnblocks wurden zu einer psychiatrischen Klinik umfunktioniert. Und dort, wo sich einst die Bauverwaltung befand, entstand 1961 das Pflegeheim. Offiziell trägt das Haus den Namen Kinderheim, tatsächlich sind die meisten Menschen, die hier leben, volljährig. Insgesamt 213 Personen mit einer geistigen oder/und körperlichen Behinderung wohnen hier. Viele von ihnen können das Bett aus eigener Kraft nicht verlassen. Der süssliche Geruch menschlicher Körper hängt in der Luft. Obwohl die Bettwäsche regelmässig gewaschen wird, sogar täglich. Alles läuft hier auf Hochtouren. Heizungsraum, Wäscherei, Küche. Vor allem die Pflegerinnen sind ständig auf den Beinen. Die meisten von ihn haben keine formelle Ausbildung für das, was sie hier tun. Es gibt dreizehn Gruppen, jede Gruppe hat einen Schlaf- und einen Aufenthaltssaal. Für jede dieser Gruppen – mit bis zu fünfzehn Bewohner*innen – ist jeweils eine Pflegerin zuständig.

Oksana Rischko arbeitet seit zwanzig Jahren hier. Im Schlafraum ihrer Gruppe, der gehfähigen Erwachsenen, steht Bett an Bett. Der Aufenthaltsraum hingegen ist fast leer. Hier gibt es nur einen Tisch und Bänke, an die Wand ist eine Berglandschaft ge-

Für ein modernes Fürsorgesystem

Seit 2017 arbeitet die Ukraine an einem Prozess der Deinstitutionalisierung. Ziel der Reform ist der Aufbau eines alternativen Betreuungs- und Pflegesystems, das auf lokalen Lösungen und der Betreuung in Herkunfts- und Pflegefamilien basiert. Das System soll europäischen Standards angenähert werden. Das Heim in Wilschany wurde 1961 absichtlich in der Peripherie gegründet, zunächst als geschlossene Einrichtung. Noch entspricht das Heim in vielerlei Hinsicht der Sorte alter «Institutionen», wie sie UNICEF kritisiert: Die Bewohner*innen leben von der Gesellschaft isoliert, sind von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen, das Funktionieren institutioneller Abläufe hat Vorrang vor den Bedürfnissen der Bewohner*innen. Chronische Unterfinanzierung und Personalmangel führen auch bei besten Absichten des Personals zu Missständen. EMILIA SULEK

malt. Der Fernseher hängt an der Decke. Die mobileren Bewohner*innen sind gerade im Hof. Sie helfen bei den täglichen Verrichtungen: der Wäscherin beim Wäsche tragen, der Köchin beim Müll rausbringen. Sinnstiftende Beschäftigung ist rar und Untätigkeit anstrengend. Einer lacht sich kaputt, jemand wiegt sich rhythmisch, noch eine springt herum wie aufgezogen und ein anderer zieht ständig seine Hose herunter. Die 54-jährige Pflegerin zieht ihn stoisch wieder an: «Er entblösst sich nun mal gern.» Rischko gibt zu, dass ihr manchmal fast der Kopf platzt. Die Ukraine hat laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF den höchsten Anteil in Europa an Kindern, die in verschiedenen Arten von Einrichtungen untergebracht sind. Im Jahr 2022 waren das 105 000 Kinder, auch solche in Internaten und Bildungseinrichtungen. Gleichzeitig steckt die Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit 1991 in einem fortwährenden Wandlungsprozess: Das beinhaltet auch eine Reform des institutionellen Kinderbetreuungssystems, die dafür sorgen soll, dass die meisten Kinder in Familien aufwachsen können und der Bedarf an institutioneller Betreuung auf ein Minimum beschränkt wird.

Schlechte Bedingungen, voller Einsatz

«Wir beobachten einen Rückgang der Personen, die in solchen Einrichtungen untergebracht sind», sagt Lesja Lewko. Die 49-Jährige ist Projektkoordinatorin bei der ukrainischen Hilfsorganisation «Komitee für medizinische Hilfe in Transkarpatien» (CAMZ), die eng mit dem Heim in Wilschany zusammenarbeitet. «In der UdSSR hatten Eltern keine Wahl. Die Kinder wurden ihnen einfach weggenommen. Heute kommen vor allem ältere Kinder in die Einrichtungen, wenn ihre Eltern die Betreuung nicht bewältigen können.»

Die Betreuung der Bewohner*innen ist nicht leicht. Das wissen alle Pflegerinnen. Sie waschen die Menschen, ziehen sie an, wechseln die Windeln. Einige können nicht selbständig essen. Ihre Körper umzulagern ist Schwerarbeit und verursacht Rückenschmerzen. Eine Schicht dauert zwölf Stunden. Olga Schandor hat sich daran gewöhnt, aber sagt, dass es am Anfang schwer war. «Manche Mitarbeiterinnen gehen nach zwei Tagen wieder. Sie können den Anblick des Leids nicht ertragen», sagt sie. Die Arbeit zehrt an der Psyche. Immerhin seien die Arbeitsbedingungen besser geworden, sagt Schandor. «Dem früheren Direktor war es egal, ob meine eigenen Kinder zuhause zu essen hatten. Nach Schichtende sind wir sogar noch aufs Feld gefahren.»

Das Heim pachtete früher achtzehn Hektaren Land. Hier bauten die Mitarbeiter*innen zusätzlich zu ihren Aufgaben im Heim noch Kartoffeln, Mais und Rüben an. Das Gemüse wurde zu Tierfutter verarbeitet, das Heim züchtete auch Schweine. Zur Erntezeit blieben so lediglich zwei oder drei Pflegerinnen im Heim, der Rest fuhr aufs Feld. Mit dem Dilemma waren sie nicht allein, viele Einrichtungen hatten damals noch ihren eigenen Bauernhof. «Wir hatten 141 Schweine, aber kein einziges dichtes Fenster», erinnert sich Heimleiter Bohdan Kykyna an die Situation, als er im Jahr 2009 die Leitung übernahm. Bei Regen habe man Lappen auf die Fensterbänke gelegt, damit das Wasser nicht auf den Boden lief. Viele Dielen waren morsch, also wurden sie mit

3 Bohdan Kykyna leitet das Pflegeheim seit 2009. Wilschany ist sein Heimatdorf.

4 Pflegerin Oksana Rischko mit Personen aus ihrer Gruppe kurz vor der Nachtruhe.

5 Eine Mitarbeiterin und ein Bewohner transportieren das Mittagessen. Die Bewohner*innen helfen gern bei den täglichen Aufgaben.

6 Oksana Rischko bereitet den Schlafsaal ihrer Gruppe für die Nacht vor. Die Wäsche wird täglich gewaschen.

7 Zsoltan Pop im Werkatelier, in dem es jeden Tag Beschäftigungsangebote gibt.

8 Pflegerin Olha Schandor mit den Zwilligen Maksym und Mischa, die aus Luhansk evakuiert werden mussten. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges hat das Heim 22 evakuierte Pflegebedürftige aus den umkämpften Gebieten aufgenommen.

Blech überdeckt. Die Heizkörper waren blockiert. Alle hätten gefroren. «Soll ich nun Kolchosvorsteher oder Leiter des Kinderheims sein?», habe Kykyna im zuständigen Sozialamt gesagt (Kolchosen nannte man in der Sowjetunion landwirtschaftliche Grossbetriebe), dann verkaufte er die Schweine und kündigte den Pachtvertrag.

Zuvor hatte der 56-Jährige als Buchhalter in Chust gearbeitet, rund 45 Kilometer von Wilschany entfernt. Als der frühere Kinderheimleiter verstarb, bewarb Kykyna sich auf die Stelle. Wilschany ist sein Heimatdorf. Sein Vater hatte über vierzig Jahre in diesem Heim gearbeitet, seine Mutter war Krankenschwester in der psychiatrischen Klinik gewesen. Nun ist Kykyna ungehalten darüber, dass Journalist*innen sich für seine Einrichtung interessieren. Er holt eine slowakische Zeitung aus seinem Schreibtisch. Die Autorin habe geschrieben, die Kinder würden mit Strumpfhosen an ihre Betten gefesselt! «Die Journalist*innen verstehen die Nuancen nicht», ärgert sich Kykyna. «Die Bedingungen sind nicht ideal. Wir versuchen trotzdem, etwas Gutes für diese Kinder zu tun.» Der sechsjährige Wolodymyr lebt mit Spastiken und ist auch heute mit Strumpfhosen an einen Rollstuhl fixiert. So wie die Betreuungsumstände im Heim sind, weiss man sich dort nicht anders zu helfen, um Verletzungen und Unfälle zu vermeiden.

Halbherzige Hilfe nach Kriegsbeginn 2006 kaufte CAMZ zusammen mit anderen Investoren ein Gebäude in Tjatschiw, einer benachbarten Stadt, für ein Pilotprojekt mit betreutem Wohnen. 25 Erwachsene aus Wilschany wurden dafür ausgewählt. In Tjatschiw werden sie von Pädagog*innen begleitet. Sie haben ein Gewächshaus, ein paar Hühner und eine Kuh und lernen gemeinsam mit anderen Kindern schreiben, lesen und Mathematik. «Das Ziel ist, bessere Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung zu schaffen», erklärt Lesja Lewko, die Projektkoordinatorin von CAMZ, «und sie so zu unterstützen, dass sie im Idealfall in ihrem eigenen Zuhause leben können, aber nicht weit von Tagesstätten und Rehabilitationszentren entfernt.» Die Kosten werden vom ukrainischen Staat getragen.

Auch in Wilschany bewegt sich etwas. Die Bewohner*innen, die das können und wollen, werden neu jeden Tag unterrichtet. Die Kosten übernimmt ebenfalls CAMZ. Eine der Lehrpersonen ist Natalia Mikulin. Sie arbeitete früher in der psychiatrischen Klinik. Die Arbeit war hart, mit 54 Jahren ging Mikulin in Rente. Doch dann langweilte sie sich zuhause. Seit zwei Jahren leitet sie das Keramik-Atelier im Heim – und hat zuhause einen zweiten Job: ihren Garten mit Hühnern und Schweinen, mit dem sie sich selbst versorgt. Seit dem Anfang des russischen Angriffskrieges macht sie die ganze Arbeit allein, ihr Mann versteckt sich vor der Mobilmachung im Wald.

Transkarpatien ist die sicherste Region der Ukraine, sie grenzt an Ungarn, Rumänien, die Slowakei und Polen. Nach der russischen Invasion im Februar 2022 nahm das Heim 22 weitere Menschen mit Betreuungsbedarf auf, die aus Einrichtungen in Luhansk, Krywyi Rih in der Ostukraine sowie Kyiv evakuiert worden waren. Viele europäische Länder boten damals Hilfe an. «Sie

stellten Gebäude im Ausland zur Verfügung, das Personal aber sollte von uns kommen. Aber wie kann man die Betreuungspersonen dazu zwingen, ihre Familien zu verlassen und mit den Pflegebedürftigen wegzugehen?», fragt Heimleiter Kykyna. Sie schickten nur diejenigen ins Ausland, die wenig Pflege benötigten. Die komplexeren Fälle blieben in der Ukraine.

Personalmangel ist ein grosses Problem Weronika läuft im Zimmer auf und ab. Sie ist 29, sagt aber, fünf zu sein. Sie hat die Diagnose Schizophrenie. Weronika ist aus Kyiv. Im Zimmer nebenan wohnen die Evakuierten aus Luhansk. Unter ihnen Maksym und Mischa, sechsjährige Zwillinge, sie strotzen vor Energie. «Wir haben ihnen beigebracht, mit dem Löffel zu essen, aber eigenständig auf die Toilette gehen können sie noch nicht», erzählt Pflegerin Schandor. «Ich behandle sie wie meine eigenen Kinder», sagt die 60-jährige ausgebildete Köchin. Manchmal schimpft sie, manchmal gibt sie auch einen Klaps, oft aber umarmt sie die Jungs. «Man muss sie an die Hand nehmen, sie beruhigen. Aber oft reicht die Zeit nicht für alle.»

Das Heim beschäftigt insgesamt 142 Personen, fast alle aus den umliegenden Dörfern. Heute steht die Hälfte der Häuser dort leer, vor 2022 war die Umgebung voller Leben. Die Männer arbeiteten in Tschechien oder der Slowakei. Sie kamen alle zwei Monate nach Hause. Nach der russischen Invasion kamen sie nicht mehr zurück. Für die verbliebenen Frauen heisst das: Auch sie müssen mit ihren Kindern ins Ausland ziehen, wenn die Familie an einem Ort sein will. Denen, die nicht wegziehen wollen, gewährt Kykyna grosszügig Urlaub: zwei Monate, zweieinhalb, die sie bei ihren Männern im Ausland verbringen können. «Was habe ich denn für eine Wahl?», sagt er. «Ich bin den Frauen dankbar, dass sie überhaupt noch hier arbeiten.»

Personalmangel ist das Hauptproblem des Heims. «Ich habe zwanzig offene Stellen. Niemand will in dieser Abgeschiedenheit arbeiten», erklärt Kykyna. Es gibt nur drei Krankenschwestern im Team. Ein Arzt kommt dreimal pro Woche vorbei. Die Logopädin hat gekündigt. Seit Jahren wird nach Physiotherapeut*innen gesucht. Wenn jemand ins Spital muss, fährt Kykyna die Person selbst in die Stadt. Das ist schneller, als auf den Krankenwagen zu warten. Deswegen trinkt er praktisch nie Alkohol, er müsse immer fahren können, sagt er. Grössere Operationen werden meist im Ausland durchgeführt. Der 23-jährige Ihor Lakatos erlitt als Kind schwere Verletzungen, er wurde aus seiner Familie genommen. Auf der Haut bildeten sich schwere Verwachsungen. Seit einer komplexen OP kann er sich heute wieder besser bewegen. Der 22-jährige Eduard Hotra, der mit Zerebralparese lebt, wurde in den USA behandelt. Heute geht er mithilfe eines Rollators. Für jede Behandlung sucht Kykyna eigens Sponsoren, wenn die Versicherungsleistungen dafür nicht ausreichen. Mit den Patient*innen muss zusätzlich auch immer Betreuungspersonal mitgeschickt werden.

Aus der Umgebung lässt sich kaum noch Personal rekrutieren. Männer gibt es sowieso nur wenige: Im Heim arbeitet eine Handvoll Rentner, der Wachmann und ein paar Tischler, die auch Brennholz hacken. Die meisten Pflegerinnen haben keine Aus-

bildung. Wer eine Ausbildung hat, ist längst in die EU gegangen. Die Idee der Deinstitutionalisierungsreform sei lobenswert, sagt Heimleiter Kykyna. «Ich bin auch dafür, dass alle Kinder in ihren Familien leben, notfalls in Pflegefamilien. Aber: Kinder wie unsere nimmt niemand auf.» Kykyna spricht durchgehend von «Kindern». «Zum Beispiel Ruslan. Seit fast vierzig Jahren ist er hier. Er ist bettlägerig. Ein Umzug wäre für ihn stressig, vielleicht lebensgefährlich.» Kykyna hat bei den Provinzbehörden eine Änderung der Heimsatzung beantragt. Nun dürfen offiziell Menschen bis zum Alter von 35 Jahren im Heim bleiben. Und auch Ältere, wenn kein Platz in einem Zentrum für Erwachsene gefunden werden kann. «Aber es gibt keine freien Plätze, sie bleiben in der Regel bis zu ihrem Lebensende hier», sagt Kykyna.

Zu Zeiten der UdSSR wurden die verstorbenen Kinder im Wald beigesetzt. Kykyna bestand darauf, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Das Dorf protestierte, der Friedhof sei zu klein. «Aber verdienen diese Kinder nicht ein normales Begräbnis?», sagt Kykyna über die damalige Diskussion mit dem Dorf. Schliesslich teilte ihm die Verwaltung doch ein Stück Friedhof zu. Die Särge werden von Tischlern aus dem Heim gebaut. «Für unsere Kinder ist es schwierig, einen Sarg zu kaufen, weil viele von ihnen» –Kykyna wählt seine Worte vorsichtig – «deformiert sind.»

Auch die Gräber werden von den Tischlern ausgehoben, die Pflegerinnen pflanzen Blumen. Sonst schaut hier niemand vorbei. Im Schnitt werden die Bewohner*innen etwas über zwanzig Jahre alt. Zur Sowjetzeit erreichten die meisten das Erwachsenenalter nicht.

Warum nicht alle reformwillig sind

«Auf dem Papier macht die Reform Fortschritte», sagt Anastasija Stepula. Die 37-Jährige arbeitete früher bei einer bekannten Modezeitschrift und hat einen Sohn auf dem Autismus-Spektrum. Heute vertritt sie das Ukrainian Child Rights Network, ein Zusammenschluss von 33 Organisationen, die sich für die Rechte von Kindern einsetzen. Sie sitzt in einem Café in Kyiv, es gibt aromatischen Kaffee, geschnittene Kaki-Früchte auf einem Kristallteller, die Gabel ist aus Silber. Draussen heult die Sirene. Während der Nacht gab es fünfmal Alarm wegen der russischen Angriffe.

«Die sowjetischen Kinderbetreuungseinrichtungen waren totalitär», sagt Stepula. «Behinderung galt als etwas Beschämendes. Die Kinder wurden von der Gesellschaft isoliert, ihnen wurde nur ein Dach über dem Kopf, Essen und manchmal Medikamente zur Verfügung gestellt. Mehr nicht. Keine Rehabilitation, Unterhaltung oder Unterricht.» Die Reform stellt eine Herausforderung dar. Für die Mitarbeiter*innen der zahlreichen Institutionen gibt es kaum andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Stepula glaubt, Einrichtungen und Sozialhilfeämter würden die Reform deshalb sabotieren. «Nehmen wir an, es gibt eine Familie mit vielen Kindern, arm, aber so weit gesund. Das Sozialamt kann die Eltern unter Druck setzen: Entweder gebt ihr eines eurer Kinder ab oder wir bringen euch wegen elterlicher Vernachlässigung vor Gericht und nehmen euch so alle Kinder weg.» Bei Eltern mit geringer Bildung, dazu zählen auch viele Rom*nja, kann ein solches Szenario viel bewirken, sagt Stepula.

Über achtzig Prozent der Bewohner*innen in Wilschany sind Rom*nja, sagt Heimleiter Kykyna. «Unser Land ist im Krieg, gleichzeitig führen wir eine so grosse Reform durch. Viele Gemeinden sind überfordert, manche wählen eine Abkürzung», sagt Stepula weiter und zählt auf: So könne man den Namen «Kinderheim» in «Bildungszentrum» ändern – dieselbe Einrichtung, nur der Name wäre neu. Auch könnten sich Mitarbeiter*innen von Institutionen als Pflegefamilien registrieren lassen. Sie würden so die familiäre Betreuung übernehmen, in der Praxis blieben die Kinder aber im Heim. Viele der Kinder in den Institutionen seien soziale Waisen. Die Einrichtungen würden die Dokumente fälschen, nach denen die Eltern ihre Kinder besuchten. Andernfalls müssten sie die Kinder zur Adoption freigeben. Und die Einrichtungen müssen ihre Betten füllen. Die Kinder würden so zu Geiseln des Systems.

Auf Anfrage hat das zuständige Ministerium für Sozialpolitik, Familie und Einheit der Ukraine bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgegeben. Auch Kykyna glaubt, dass die Reform zu Korruptionsszenarien einlädt. Für ihn führt deshalb der Weg über Fundraising. 2023 eröffnete er mit Drittmitteln ein Café, das einzige im Dorf. Die 30-jährige Edita Meloyan serviert dort Kaffee und Pfannkuchen. «Sie hat eine minimale Beeinträchtigung. Eigentlich hätte sie bei ihrer Familie bleiben können. Aber ist ein Kind erst einmal bei uns, gibt es leider kein Zurück», sagt Kykyna. Meloyan wird im Café von Zsoltan Pop unterstützt, einem 34-Jährigen mit Schizophrenie-Diagnose, der mehrere Sprachen spricht.

Das Café ist nicht das einzige integrative Projekt Kykynas. Er hat auch eine orthodoxe Kapelle bauen lassen. Heimbewohner*innen assistieren dem Priester bei Gottesdiensten, zu denen auch Menschen aus dem Dorf kommen.

Auf der anderen Flussseite wurden kürzlich zwei nicht mehr genutzte Gebäude der psychiatrischen Klinik fertig renoviert. Die Klinik selbst nimmt keine neuen Patient *innen mehr auf, sie wird abgewickelt, viele Gebäude stehen leer. Kykyna hat zwei davon von den Dorfbehörden als Erweiterung für das Heim zur Verfügung gestellt bekommen. Bald werden die bettlägerigen Bewohner*innen in eines der Häuser verlegt. In dem zweiten soll betreutes Wohnen eingerichtet werden. Kykyna ist stolz auf das Projekt, sagt aber: «Eigentlich sollten wir nicht bauen. Das widerspricht dem Geist der Reform.» Doch nach dem Krieg werde es noch schwieriger, sagt er und zündet eine Zigarette an. «Wir werden das Land wiederaufbauen müssen. Unser Heim wird dabei sicherlich keine Priorität haben. Wir müssen uns selbst helfen.»

Alle Personen im Text, die nur mit Vornamen genannt sind, wurden aus Schutzgründen anonymisiert.

Das Projekt wurde mit dem RECHERCHEPREIS OSTEUROPA 2024 ausgezeichnet, den Renovabis, die Diakonie Württemberg und n-ost einmal jährlich vergeben. Der Text erscheint hier erstmalig.

9 Mehr als 80 Prozent der Bewohner*innen des Pflegeheims stammen aus Roma-Communitys.

10 Edita Meloyan und ihre Kolleg*innen im 2023 neu eröffneten Café des Pflegeheims. Es funktioniert als Arbeitsintegrationsprojekt.

11 Kurze Tage und wenig Abwechslung: In den Herbst- und Wintermonaten verbringen die Menschen sehr viel Zeit drinnen.

Intime Klänge

Teilhabe Schwerkranke Menschen können kaum an der Kultur und am Leben draussen teilhaben. Mit «Kultur am Bettrand» organisiert die Musikerin Shirley Grimes kostenlose Darbietungen im kleinsten Rahmen. Unter anderem am Spitalbett.

Ein Dezember-Sonntag kurz vor 15 Uhr im Universitätsspital Basel (USB): Während sich Sängerin und Gitarristin Seraina Clark und Kontrabassist Hannes Fankhauser im Foyer der HNO-Abteilung installieren, finden sich die ersten Patient*innen ein. Dann legen sie mitten in der medizinischen Atmosphäre mit einem Konzert los – akustischer Sound wandert durch die Spitalflure, es sind fein gesponnene Klänge. Clark und Fankhauser sind das Duo Bluescht, ihre Musik bewegt sich im Grenzbereich von Neuer Schweizer Volksmusik, Folk und Improvisation. Auch mehrere Spital-Mitarbeitende gesellen sich zum Set, hören kurz zu und gehen unmittelbar wieder ihrer Arbeit nach. Die Stimmung ist dennoch entspannt und frei von Hektik. Man spürt, wie Clark versucht, ihr Publikum zu lesen, mal vom wilden Wald singt, mal einen Naturjodel vorträgt. Die Wirkung zeigt sich am strahlenden Gesicht eines Patienten.

Nach der gut zwanzigminütigen Darbietung erzählt Seraina Clark von ihrem ersten Konzert im Spital: «Bei diesem Auftritt vor sterbenskranken Menschen habe ich realisiert, dass ich neue Worte finden muss. Ich konnte nicht gute Besserung wünschen, denn eine solche gab es für die Betroffenen nicht.» Einer der Patienten habe sie an ihren kurz zuvor verstorbenen Vater erinnert. «Da hatte ich das Gefühl, auch für ihn zu singen. Das war sehr emotional für mich. So sehr, dass mir die Tränen kamen. Zugleich war es sehr schön, für diesen Patienten etwas darbieten zu dürfen und zu sehen, wie sich seine Gesichtszüge öffneten und er sogar mitsummte.»

Das Projekt «Kultur am Bettrand» hat die Musikerin Shirley Grimes im März vor drei Jahren lanciert. Ziel ist es, schwerkranken Menschen und deren Angehörigen kostenfreien Kulturgenuss im ganz kleinen Rahmen zu ermöglichen – zuhause ebenso wie am Spitalbett. An einem solchen verbrachte die gebürtige Irin, die heute in Bern lebt, einst selbst viel Zeit, als ihr inzwischen

erwachsener Sohn seine ersten Lebenswochen auf der Intensivstation durchleben musste. Die Folge für sie als Mutter war eine anhaltende Erschöpfung. Seither ist ihr bewusst, was schwerkranke Menschen durchmachen – und wie oft die pflegenden Angehörigen dabei vergessen gehen. Die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen führte ihr zusätzlich vor Augen, dass es für viele gesundheitlich stark angegriffene Menschen tägliche Realität ist, weder am Leben draussen noch an der Kultur teilhaben zu können.

Patient*innen, Angehörige und Personal profitieren

So enstand die Idee der Kultur am Bettrand. Grimes machte sich daran, Künstler*innen aus ihrem Umfeld für Auftritte anzufragen. «Mit Ausnahme einer Person haben alle zugesagt», sagt sie. Entsprechend umfasst die Liste der Mitwirkenden bereits an die 90 Namen – von Entertainer Michael von der Heide über den Rapper Baze bis hin zum Historiker und Kabarettisten Benedikt Meyer. Aufgrund eines Zeitungsartikels wurde auch Cornelia Klüver, Leiterin Pflege am Universitätsspital Zürich (USZ), auf das Angebot aufmerksam: «Ich habe sogleich meiner Chefin geschrieben, dass das etwas für uns sein könnte. Eine Woche später habe ich mich bereits mit Shirley Grimes getroffen.» Das Resultat: Das USZ entschied sich 2024 zunächst für ein sechsmonatiges Pilotprojekt auf insgesamt sechs Abteilungen – darunter die Onkologie, die plastische Chirurgie, die Palliativ-Abteilung und

ausgewählte Intensivstationen. «Oft wird bei uns behauptet, dass Spitäler unter einer ‹Projektitis› litten. Was dazu führt, dass Mitarbeitende bei der Vorstellung eines weiteren Projekts oft die Augen verdrehen», sagt Klüver. «Das war bei ‹Kultur am Bettrand› nicht der Fall, da haben alle gerne mitgemacht. Nicht zuletzt, weil man damit die Möglichkeit hat, mit wenig Aufwand den Patient*innen, deren Angehörigen, aber auch dem Personal direkt etwas Gutes zu tun.»

Anfangs sei das ein Ausprobieren gewesen. «Zumal sich das Personal zu Beginn doch nur wenig unter dem Angebot vorstellen konnte. Aber mit jedem Auftritt gewann das Projekt in unserem grossen Haus an Bekanntheit.» Ein Spital funktioniere im Grunde wie eine Stadt, sagt sie. Und entsprechend werden die Künstler*innen unterdessen jeweils mit einem kleinen Plakataushang auf der entsprechenden Abteilung vorangekündigt.

Musik hilft heilen

Essenziell sei, dass die Künstler*innen mit dem Spitalsetting und der jeweiligen Situation umgehen könnten. Dafür werden sie von Grimes spezifisch gebrieft. Aktuell findet das Angebot am USZ jeden dritten Sonntag im Monat statt. «Dabei sind stets zwei Kulturschaffende zu Gast. Jede und jeder von ihnen besucht vier Abteilungen und spielt dort ein bis zwei Privatkonzerte am Bettrand», sagt Klüver.

Die meisten Spitäler in der Schweiz stehen unter Kostendruck. Finanziert werden die Auftritte denn auch vom Verein «Kultur am Bettrand» selber durch Stiftungs- und Spendengelder. Die Künstler*innen erhalten eine angemessene Gage, die Veranstaltungen sind kostenlos: «Wir glauben, dass Kultur für alle zugänglich sein muss», steht auf der Website des Vereins. Mit dem aktuellen Budget seien rund 120 Besuche pro Jahr zuhause oder im Spital möglich – mehr wären denkbar und wohl auch gefragt, meint Grimes.

Kann denn Kultur auch konkret zum Heilungsprozess und zur Linderung von Schmerzen beitragen? «Dazu existieren verschiedene Studien», sagt Klüver vom USZ. «Sie belegen zum Beispiel, dass eine tägliche Musikeinheit den Verlauf chronischer Erkrankungen positiv beeinflussen kann. Oder dass Patient*innen, die während oder nach einer Operation von ihnen bevorzugte Musik hören, weniger Schmerzmittel benötigen.»

Nachdem «Kultur am Bettrand» inzwischen sowohl am Universitätsspital Zürich als auch am Berner Inselspital fix angeboten wird, ging das Projekt Ende letzten Jahres neu in Basel in die Pilotphase. «Unserem Team erschien die dunkle Jahreszeit ideal, um Patient*innen kulturelle Lichtmomente ans Bett zu bringen», sagt Laura Gattlen von der Direktion Pflege/MTT – medizinisch-technische und medizinisch-therapeutische Berufsgruppe. «Das Angebot soll allen Patient*innen auf den drei Pilotstationen offenstehen – auch den schwerkranken unter ihnen. Denn Kultur kann stärken, unabhängig von Diagnose und Lebenssituation.»

«Kultur am Bettrand – Die Bühne kommt zu Dir», Kulturerlebnisse für gesundheitlich beeinträchtigte Menschen in einer Institution oder zuhause. kulturambettrand.ch

Aarau  /  Solothurn

Veranstaltungen

«Mehr Licht. Video in der Kunst», Ausstellung, Aargauer Kunsthaus, Aargauerplatz, Aarau (bis Mo, 25. Mai); Kunstmuseum Solothurn (Eintritt frei), Werkhofstrasse 30, Solothurn (bis So, 17. Mai). aargauerkunsthaus.ch, kunstmuseum-so.ch

Videokunst spielt mit Wahrnehmungen, erzählt Geschichten – mal poetisch, mal radikal. Das Kunstmuseum Solothurn und das Aargauer Kunsthaus zeigen mit der Ausstellung «Mehr Licht. Video in der Kunst», welche Möglichkeiten in diesem Medium stecken – und was in der Schweiz von den 1960er­Jahren bis heute alles ausprobiert wurde. In beiden Museen gibt es einen Teil der gleichen Ausstellung zu sehen, die aber nicht einfach ein retrospektiver Überblick der Schweizer Videokunst sein soll. Vielmehr setzt sie sich mit der Technik und der ästhetischen Entwicklung des bewegten Bildes grundsätzlich auseinander. Sie zeigt, wie sich die künstlerischen und konzeptuellen Ansätze über die Jahre hinweg verändert haben. Dabei geht es auch um Fragen der Bildproduktion, des digitalen und analogen Materials und um technische Prozesse. Deshalb kommt hinter den Kulissen das Know­how von Produktion und Technik der Videokunst mit der Arbeit der Kurator*innen zusammen: Die Videocompany in Zofingen war an der Konzeption der Ausstellung direkt beteiligt. Und in den Ausstellungsräumen sind klingende Künstler*innen­Namen vertreten: Yves Netzhammer, Pipilotti Rist, Dieter Roth, Zilla Leutenegger, !Mediengruppe Bitnik, Annelies Štrba, Lena Maria Thüring und viele mehr. DIF

Bern «Sonohr», Radio- und Podcast Festival, Fr, 27. Feb. bis So, 1. März, Kino Rex, Kinemathek Lichtspiel, Berner Generationenhaus. sonohr.ch

Audiobasiertes Erzählen umfasst viel mehr als Podcasts: etwa Hörstücke, Listening Sessions, Live Performances oder auch Audio Walks. Sonohr ist ein schweizweites Festival für all das. Da ist zum Beispiel die Live­Audioperformance des belgischen Kollektivs WOW!: Sechs Künstler*innen lassen ihr Stück «Où prends­tu tes larmes?» direkt im Kinosaal des Berner Kinosaals Rex entstehen.

In der Performance «Corne de Brume» wiederum, die als Audiowalk konzipiert ist, werden Geräusche geangelt – und zwar in der Welt der Fischerei. Es sind natür­

St. Gallen

«Hannah Villiger: Sculpting the Self», Ausstellung, bis Do, 30. Apr., Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr, Kunstmuseum St. Gallen, Museumstrasse 32. kunstmuseumsg.ch

Die Schweizer Künstlerin Hannah Villiger (1951–1997) bezeichnete sich als Bildhauerin, die als Hauptmedium die Fotografie verwendete. Nach dem Studium des Bildnerischen Gestaltens an der Kunstgewerbeschule Luzern arbeitete sie zunächst tatsächlich als Bildhauerin. Schon früh wandte sie sich aber der Fotografie zu und wurde bekannt für ihre grossformatigen, oft mehrteiligen Werke, die aus Polaroid­Aufnahmen entstanden. Die Kamera diente ihr als Mittel, die skulpturalen Eigenschaften eines fotografischen Subjekts zu erkun­

Lehrer musste 2024 auf Druck freikirchlicher Eltern seine Stelle an einer Primarschule im Zürcher Oberland räumen. Die Ressentiments der «Wertkonservativen» eskalierten angesichts des allgemein üblichen Sexualkundeunterrichts, die Schulleitung knickte ein und warf den Lehrer raus. Eltern und viele weitere protestierten dagegen, solidarisierten sich, und eine kleine Pride Parade zog durch Pfäffikon. Man fragt sich nun: Waren wir als Gesellschaft nicht schon längst weiter? Baumgartner und sein Team führten Gespräche mit dem betroffenen Lehrer und weiteren Pädagog*innen und hospitierten auch in Klassenzimmern beim Sexualkundeunterricht, um zu verstehen, was passiert ist. DIF

Pfäffikon SZ

«Die Langeweile –ganz schön vielfältig», Ausstellung, bis So, 4. Okt., Di bis So, 11 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr, Gwattstrasse 14. voegelekultur.ch

liche Geräusche und verborgene Klänge, die hier eingefangen werden (und wir nehmen an: mithilfe einer Tonangel). Im nationalen Wettbewerb sind elf Hörstücke

vertreten. In Caroline Cuénods «Recording a ‹Discussion›» zum Beispiel zeichnet ein Paar seine letzte Auseinandersetzung vor der Trennung auf Kassette auf, und in Christof Steinmanns «Der Ton» ist eines Tages ein mysteriöser Ton zu hören – was zum Ausgangspunkt für vielfältige Spekulationen wird. DIF

den und es aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtbar zu machen. Dabei ging es oft um die Darstellung des eigenen Körpers. Aber auch Hochhäuser, Bäume oder Stadtsilhouetten wurden zu einer Art Kör p er, deren Formen und Oberflächen Villiger mit der Kamera kartografierte. Mit diesem Zugang trug sie viel zur Erweiterun g der Foto g rafie zu einem künstlerischen Medium bei: Fragmentierun g und Pers p ektivenwechsel hinterfragten plötzlich die eigene Wahrnehmung. DIF

Zürich

«Schwuler Lehrer!», Theater, Mi, 25. Feb., 19 Uhr, Do, 26. Feb. 20 Uhr, Fr, 27. Feb. 20 Uhr, Di, 17. März, 19 Uhr, Do, 26. März, 20 Uhr, Fr, 27. März, 20 Uhr, Theater Neumarkt, Neumarkt 5. theaterneumarkt.ch

«Ein Lehrstück in Zeiten des Shitstorms», heisst der Untertitel des Stücks von Piet Baumgartner, dessen Film «Bagger Drama» soeben sieben Schweizer­Filmpreis­Nominationen bekommen hat. Baumgartners Theaterstück beruht auf wahren Tatsachen: Ein schwuler

Der Grat zwischen gelangweilt und langweilig scheint manchmal ziemlich schmal. Jedenfalls lässt sich Dawn Parsonages Fotoarbeit entsprechend interpretieren: «Boring People», langweilige Menschen, nennt sie ihre Fotoreihe. Entstanden sind 22 intime, humorvolle Porträts, die zu einem 7,60 Meter langen Panorama zusammengefügt wurden. Eine andere Arbeit, «Viva Konsum», zeigt die Angst vor Langeweile als Treiber

von Kaufimpulsen: Das Künstlerinnenpaar Monsignore Dies und Pat Noser geht der Frage nach, wie die innere Leere langsam in den Wunsch nach Produkten übergeht. Können Waren Bedürfnisse stillen oder nur kurz beruhigen? Und wie werden Selbstwert und Warenversprechen gekoppelt? Die Ausstellung bietet viel Selbsterkundung und beschäftigt sich auch mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen wie psychische Belastungen, steigender Leistungsdruck, Kommerzialisierung oder Jugendkriminalität. DIF

Randnotizen

Ankommen

«In einen Koffer passt kein Leben. In einen Koffer passt nicht meine Welt. In einen Koffer passt ein Pass, doch nicht die Haut, in der ich steck’.»

Apsilon – «Koffer»

Am frühen Morgen im August 1979, kurz vor Vollmond, kommen meine Eltern und ich im Nachtzug aus Bratislava an. Zürich liegt noch im Dämmerlicht. Im Koffer: ein abgenutztes Wörterbuch, ein halbes Leben, Zerrissenheit und Zuversicht, Träume in Zeitungspapier gewickelt. «Im Westen kannst du Mensch sein», hiess es. Mein Vater sagt bei der Ankunft, hier beginne die Freiheit. Meine Mutter sagt, wir müssten uns beeilen.

Die Schweiz erkennt politisch Verfolgte aus Osteuropa zügig an. Von der Caritas erhalten wir eine kleine Wohnung. Vom Status N wechseln wir zu Status B. Zuversicht breitet sich aus wie ein Lauffeuer; es werden Pläne gemacht, Entscheidungen getroffen, wieder Koffer gepackt. Ich lerne Deutsch auf dem Spielplatz, neben Giulio aus Napoli, dem anderen Fremden in unserer Strasse. Kinder landen schneller als Erwachsene.

Januar 2026. Weiterhin kommen Menschen an. An Bahnhöfen. In Übergangsheimen. Notschlafstellen. Beratungsstellen. In der Küche des Bundesasylzentrums teilt man Hoffnung und Status: F, N, S. Auf den Papieren steht nie: Ärztin. Musiker. Ingenieurin. Handwerker. Überlebende. Was jemand kann, bleibt vorerst unsichtbar. Verfahren löschen Qualifikationen, Abschlüsse gelten nicht. Gleichzeitig wächst eine andere Kompetenz: Improvisation. Sprachscherben aufsammeln, Gelegenheitsarbeiten finden, Alltagsökonomien navigieren. Reinigung, Gastro, Kurierarbeit. In Krisen wird aus Talent Beruf.

Status registriert keine Zugehörigkeit. Kein Formular vermerkt: Tochter, Freund, Geliebter, Mutter. Was bleibt also von den Menschen, denen versprochen wurde, da drüben gebe es Arbeit und Freiheit. Dort sei es heller, besser?

Vielleicht bleibt das, was nicht sichtbar ist. Prägungen, die sich im Laufe eines Lebens verdichten, Druckstellen von Herkunft und Geschichte, Spuren von Orten, an denen man gewesen ist.

Allem voran die Zuversicht. Sie verspricht nicht selbstverständlich einen guten Ausgang, aber sie hält warm, schafft Spielraum und macht handlungsfähig – trotz widriger Bedingungen. Zuversicht bedeutet schlicht: weitermachen. Weiter eine Woche planen, obwohl unklar ist, wo man heute Nacht schläft. Weiter Deutsch lernen – jedes Wort ein Stück Landgewinn. «Bald» sagen, damit Kinder schlafen können. Die Ärmel hochkrempeln, obwohl es nichts zu erledigen gibt ausser auszuhalten. Bryndzové Halušky kochen, auch wenn der richtige Schafskäse fehlt.

Ich erinnere mich an meine Zerrissenheit damals. Aufwachsen im Ankunftsland bedeutet auch, zwischen den Welten stehen. Zwischen der Sprache im Klassenzimmer und am Küchentisch. Ich lerne, zwischen Milieus zu wechseln wie eine Gestaltwandlerin, und verinnerliche neue Weltansichten. Integration sagen die einen, Assimilation die anderen. Ich nannte es: dazugehören. Bratislava passte nicht in die Schweiz. Zu weit im Osten. Zu politisch die Geschichte. Zu viel Herkunft. Also machte ich daraus Pressburg. Deutsch genug, um durchzukommen.

Heute weiss ich: Man kommt nicht nur in einem Land an, sondern auch in sich selbst. Meine Migrationsbiografie ist kein Makel, sondern mein Rückgrat. Sie gibt mir eine seelische Heimat, die nicht an Grenzen hängt. Und vielleicht braucht es gar nicht viel, damit andere ankommen können. Zugewandtheit und Solidarität nähren die Zuversicht jener, die sie dringend brauchen, um weiterzumachen — und endlich ankommen zu können.

ADRIANA RUŽEK arbeitet als Gassenarbeiterin in Basel. Ihre Randnotizen erzählen vom Schönen, vom Schwierigen – und dem, was sichtbar wird, wenn sich der Blick weitet.

Die 25 positiven Firmen

Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellscha . Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung.

Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist.

Beat Vogel - Fundraising-Datenbanken, Zürich

Praxis Carry Widmer, Wettingen

hoopsforyu, jewelry

Zibsec Sicherheitsdienst, Zürich

Wuillemin Beratung, wuillemin-beratung.ch

Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern unterwegs GmbH, Aarau

Blumen & Kohl GmbH, Zehendermätteli

Praxis Dietke Becker, Männedorf

Boner Elektrohaus AG, Basel

Büro Dudler, Raum- und Verkehrsplanung, Biel Infopower GmbG, Zürich

FF Finanzberatung Flückiger, Baar Fäh & Stalder GmbH, Muttenz

RTB GmbH, nobullshit-websites, rtp.ch

Deragisch Consulting GmbH

Kählin Bodenbeläge GmbH

Napura GmbH, Neuheim

Barth Real AG, Zürich die Mappe GmbH, Agentur in Basel ARISVERLAG

Automation Partner AG, Rheinau

Xmedia für Kommunikation, Laufenburg

Lebensraum Interlaken GmbH

TopPharm Apotheke Paradeplatz

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SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA

Wie wichtig ist

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Das Programm Einige unserer Verkäufer*innen leben fast ausschliesslich vom He verkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestärkt sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkäufer*innen zusätzliche Unterstützung. Sie erhalten ein Abonnement für den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei nanziellen Notlagen aber auch für Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere Unterstützungsbeiträge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.

Eine von vielen Geschichten Negasi Garahlassie gehört unterdessen schon fast zum Winterthurer Stadtbild. Seit rund 15 Jahren ist Negasi Garahlassie als Surprise-Verkäufer tätig. Entweder verkau der gebürtige Eritreer seine Magazine auf dem Wochenmarkt oder am Bahnhof Winterthur. Der Arbeitstag des 65-Jährigen beginnt frühmorgens und dauert meist so lange, bis der abendliche Pendelverkehr wieder abgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Söhnen ist er auf das Einkommen des Strassenmagazinverkaufs angewiesen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das SurPlus-Programm unterstützt ihn dabei: Mit Krankentaggelder, bezahlten Ferientagen und einem Abonnement für den ö entlichen Nahverkehr.

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Derzeit unterstützt Surprise 30 Verkäufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.

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Sara Winter Sayilir (win)

Diana Frei (dif), Klaus Petrus (kp), Lea Stuber (lea), Esther Banz (eb) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch

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Mitarbeitende dieser Ausgabe

Wahidullah Alikhan, Dominique Anne Bamert, Janna Erny, Michael Gasser, Jamila Rickenbach, Emilia Sulek, Danil Usmanov, Yordanos Weldemicael

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt.

Gestaltung und Bildredaktion

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#Strassenma g azin 615

«Dazumal überzeugt, Gutes zu tun»

Herzlichen Dank für das bunte Dezemberheft! Eindrücklich, wie Weihnachten jedes Jahr alle überstreift, für die einen kuschelig, für andere kalt und ausschliessend. Ein Detail hat mich gestört: In der Anmerkung der Redaktion im Beitrag von Uschi Waser ist von Pro Juventute die Rede «mit dem Ziel, die Lebensweise der Jenischen zu zerstören». Wahrlich ein tragisches Kapitel, unentschuldbar. Irgendwie waren die Verantwortlichen dazumal überzeugt, etwas Gutes zu tun. Schrecklich! Dennoch war Pro Juventute wohl nie ein Nest von Menschen mit erklärt bösen Absichten oder Sadisten. Wohl eher verblendet und ungebildet. Insofern ist diese scheinbar informelle Anmerkung eine Interpretation, was für mich die hohe Professionalität Ihrer Zeitschrift ein wenig – für einige Momente nur natürlich – abschwächt.

Anm. d. Red.

Sara Galle, Forschungsleiterin der UEK Administrative Versorgungen, schreibt in ihrer Dissertation «Kindswegnahmen – Das ‹Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse› der Stiftung Pro Juventute im Kontext der schweizerischen Jugendfürsorge»: «Ziel der Pro Juventute war es, sogenannte Vagantenfamilien systematisch aufzulösen.» Entsprechend haben wir auch in dem genannten Einleitungstext formuliert, das Wort «auflösen» ist unserer Ansicht nach in diesem Zusammenhang dasselbe wie «zerstören», da es PJ um eine Beendigung jenischer Lebensweise ging. Der Bundesrat hat 2025 anerkannt, dass die im Rahmen des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» erfolgte Verfolgung der Jenischen und Sinti nach Massgabe des heutigen Völkerrechts als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» zu bezeichnen ist. Das heisst nicht, dass alle Mitarbeitenden von Pro Juventute damals persönliche Motive gehabt hätten, wohl aber schon, dass sie eine Mitschuld tragen.

«Vertraut und sympathisch»

Diese Ausgabe habe ich im Eiltempo gelesen. Ihre Beiträge sind stets gut recherchiert, aber diesmal hat mich jede Reportage sehr interessiert. Kompliment an alle. Ich kaufe Surprise in der Regel in Aarau oder Lenzburg bei mir vertrauten und sympathischen Verkäufer*innen. Auf einem Tagesausflug habe ich die Ausgabe Nr. 615 beim Bahnhof Chur gekauft. Der Herr war äusserst zuvorkommend und sehr nett.

#614: Feiern Sie mit!

«Ein guter Jahresabschluss»

Ich schreibe Ihnen, weil ich Ihnen ein Kompliment zur gegenwärtigen Nummer von Surprise mit dem Thema «Feiern Sie mit!» machen will. Ich kaufe das Surprise immer von einem bestimmten Verkäufer in der Migros von Zumikon. Ich muss aber sagen, dass mir der Inhalt nicht sonderlich gefällt. Er ist mir oft zu negativ, zu anklägerisch, zu statisch, zu sehr nur auf das Elend der Strassenverkäufer*innen abgestimmt (das ich nicht verniedlichen möchte). Doch mit dieser Weihnachtsnummer ist Ihnen nun ein guter Jahresabschluss gelungen. Mit tollen Beiträgen, in einem anderen Format, mit Tipps und Tricks (z.B. eritreisches Kochrezept), Witz und Humor, und den zahlreichen Testimonials. Ich hoffe, Sie schreiben fortan mehr in diese Richtung. Denn eine gute Sache ist es schon, dieses Strassenmagazin.

ROLF TANNER, ohne Ort

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Das Abonnement ist für jene Personen gedacht, die keinen Zugang zum Heftverkauf auf der Strasse haben. Alle Preise inklusive Versandkosten.

25 Ausgaben zum Preis von CHF 250.– (Europa: CHF 305.–) Reduziert CHF 175.– (Europa: CHF 213.50)

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Der reduzierte Tarif gilt für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Es zählt die Selbsteinschätzung.

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«Grundsätzlich geht es mir gut»

«Ich verkaufe schon seit 2004 Surprise. Und ich verkaufe sehr gerne. Es ist für mich wie eine Therapie: all die Gespräche, der Austausch. Viele Leute geben mir Tipps und helfen mir. Wenn ich diese Arbeit nicht angefangen hätte, hätte ich all diese Menschen nie kennengelernt. Ich bin Mutter von sechs Kindern. Das hört sich nach viel an, aber in Somalia, meiner Heimat, ist das nicht so. Ich selber habe achtzehn Geschwister. Nur eines meiner Kinder ist in der Schweiz geboren. Mein jüngstes Kind ist inzwischen achtzehn Jahre alt. Ein anderes ist nach der Flucht über das Mittelmeer in Italien geboren.

Dort kamen wir eine Zeitlang in einer Kirche unter. Als uns gesagt wurde, dass wir in Italien kein Asyl bekommen würden, blieb uns keine andere Wahl als zu gehen. Und so kamen wir in die Schweiz. Ich hatte schon viel von diesem Land gehört. Auch, dass es hier ebenfalls kaum Chance auf Asyl geben würde. Als wir ankamen, wurde ich gefragt, wieso ich hier sei. Ich antwortete, die Vereinten Nationen hätten doch in Genf ihren Sitz, und ich wolle Anzeige gegen Italien erstatten. Ich wurde bloss ausgelacht. Einer meiner Söhne hat nach wie vor keine Aufenthaltsbewilligung, nur den F­Ausweis, er ist offiziell bloss ein vorläufig aufgenommener Flüchtling. Er ist traumatisiert von der Flucht, davon, was er erlebt hat. Er hat viele Leute sterben sehen. Deswegen ist es ihm lange schwergefallen zu sprechen. Meine Kinder sprechen alle Arabisch. Obwohl ich selber eigentlich Somali spreche. Auf der Flucht haben wir lange in Libyen gelebt. Da ich dort den ganzen Tag arbeiten musste, hatte ich kaum Gelegenheit, mit meinen Kindern Somali zu reden. Die meiste Zeit haben sie mit Leuten verbracht, die alle Arabisch sprachen.

Ich hatte in Somalia studiert und später dort als Journalistin gearbeitet. Als die USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Somalia bombardierte, entschloss ich mich, das Land zu verlassen. Für mich als Journalistin war es dort nicht mehr sicher. Es sind sehr viele gestorben. So wie auch heute an vielen Orten auf der Welt Journalist*innen getötet werden. Ich bin einfach gegangen – ohne einen Plan. Als ich bei Surprise zu arbeiten begann, war es zuerst schwierig wegen meines Kopftuches. Aber nachdem mich die Leute kennengelernt hatten, war alles gut. Trotzdem war es für mich am Anfang eher unangenehm, auf der Strasse zu stehen. Aber ich wollte unbedingt arbeiten. Ich wollte nicht zuhause bleiben, ständig an die schlimme Zeit in Libyen denken und an meinen Erinnerungen zugrunde gehen.

Seynab Ali Isse, 56, möchte eines Tages in die Politik und verkauft Surprise am Bahnhof Winterthur, im Zentrum Witikon und im Zentrum Effretikon.

Meine Tochter hat eine Behinderung. Ich pflege sie, das ist anstrengend. Grundsätzlich geht es mir aber hier in der Schweiz gut. Ich bekomme die Medikamente, die ich brauche, ich schlafe und esse gut. Und ich schreibe nach wie vor, ich führe Tagebuch. Auch für das Strassenmagazin schreibe ich. Meistens übersetze ich meine Texte mit KI ins Deutsche. Was allerdings nicht immer funktioniert. Ich sage immer, dass ich zuerst meine Kinder grossziehen möchte. Danach will ich mir ein anderes Leben aufbauen: als Schriftstellerin oder Journalistin zum Beispiel. Ich möchte über Krieg und Leid berichten, wie etwa darüber, was in Gaza geschieht, und ich möchte weiterhin für Surprise schreiben. Auch möchte ich Leuten helfen, zum Beispiel ein Heim für Waisenkinder oder für Kinder mit Behinderung gründen oder im Gesundheitsbereich tätig sein. Ich weiss, wie es ist, Schmerz und Trauer zu erleben.

Ich bin auf der Suche nach einer Person, die mir im Tandem Deutsch beibringt. Das wäre ein grosser Wunsch von mir. Sobald ich die Sprache genügend beherrsche, möchte ich mich in der Politik engagieren. Und vielleicht werde ich in Zukunft für Surprise Stadtführungen durchführen und dabei aus der Perspektive einer Migrant*in aus meinem Leben erzählen.

Aufgezeichnet von HANNA FRÖHLICH

FOTO: BODARA

Der Verkauf des Strassenmagazins Surprise ist eine sehr niederschwellige Möglichkeit, einer

Arbeit nachzugehen und den sozialen Anschluss wiederzufinden.

Alle

Ein

Strassenmagazin kostet 8 Franken.

Die Hälfte davon geht an den*die Verkäufer*in, die andere Hälfte an den Verein Surprise.

Das Heft erscheint alle 2 Wochen. Ältere Ausgaben werden nicht verkauft.

Verkäufer*innen tragen gut sichtbar einen Verkaufspass mit einer persönlichen Verkaufsnummer. Diese ist identisch mit der Nummer auf dem Magazin.

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