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Strassenmagazin Nr. 617 16. bis 29. Januar 2026

CHF 8.–

davon gehen CHF 4.– an die Verkäufer*innen

Bitte kaufen Sie nur bei Verkäufer*innen mit offiziellem Verkaufspass

Globalisierung

Teurer Kern Zu uns legen Cashews einen langen Weg zurück, auf dem viele wenig und wenige viel verdienen. Seite 14


«Für mich gibt es nur eine Richtung: Vorwärts»

Kathy Messerli wird auf ihrem Sozialen Stadtrundgang durch Bern von ihrem Therapiehund Miley begleitet. Sie spricht über psychische Erkrankungen, erlebte Traumata und macht den Weg in die Armut sichtbar. Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.


TITELBILD: KLAUS PETRUS

Editorial

Genau hinschauen Meist wissen wir, dass viele Waren, die wir konsumieren, von weit herkommen, aber nicht, was das im Detail bedeutet. Mein Kollege Klaus Petrus hat deshalb den Weg der beliebten Cashewkerne einmal vom Anbau über die Verarbeitung bis in unser Supermarktregal nachgezeichnet. Die Klimabilanz der Cashew ist allein aufgrund der Transportwege gigantisch, die Bäuerin am Ursprung bleibt Geringverdienerin, insgesamt bleibt nur wenig Geld im Anbaugebiet Ghana zurück, doch auch die Arbeiter*innen in den asiatischen Verarbeitungsfabriken werden nicht reich. Den Hauptteil des Geldes schöpfen die Händler*innen ab, bis zu den uns wohlbekannten Detailhandelskonzernen in der Schweiz. Und wir zahlen den Preis. Ab Seite 14. Der ehemalige Surprise-Stadtführer und heutige Strassenchor-Sänger Markus Christen kam eines Tages in die Redaktion mit einem Buch in der Hand: Seine Kindheitsgeschichte sei darin aufgearbeitet!

4 Aufgelesen 5 Na? Gut!

Jetzt bewerben

5 Vor Gericht

Endlich Gerechtigkeit?

6 Verkäufer*innenkolumne

Dr Aare na

7 Moumouni antwortet

Brauchen wir mehr Brüderlichkeit?

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8 Fürsorgerische Zwangsmassnahmen

Markus Christens Blick zurück

Davon hatte Christen bisher nur wenig erzählt, viele Erinnerungen hatte er «gut versorgt» in seinem Innern, zu schmerzhaft war dieses Kapitel. Nun aber spricht er über seine raue Kindheit als Fremdplatzierter in Nidwalden ab Seite 8. Auf Seite 27 finden Sie in den ungeraden Ausgabennummern ab sofort die Rand­ notizen von Adriana Ružek. Die Basler Gassenarbeiterin schildert darin kleine und grosse Begebenheiten aus ihrem Alltag auf der Strasse – illustriert von Maj Lisa Döring. Wir freuen uns sehr und wünschen viel Vergnügen beim Entdecken. Gleichzeitig bedanken wir uns herzlich bei unserer langjährigen Autorin Isabel Mosimann, die leider für diese Ausgabe das letzte Mal eines ihrer sensiblen Verkäufer*innen-Porträts geschrieben hat, auf Seite 30. SAR A WINTER SAYILIR

Redaktorin

14 Globalisierung

Cashewkerne reisen weit

22 Tanz

Im Körper ist der Widerstand zuhause

24 Kino

Erwachsenwerden

wider Willen

25 Buch Motten und Marotten

26 Veranstaltungen 27 Randnotizen

Darf ich mich setzen?

28 SurPlus Positive Firmen 29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren 30 Surprise-Porträt

«Ich bin ein grosser YB-Fan»

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Aufgelesen

News aus den 90 Strassenzeitungen und -magazinen in 35 Ländern, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

BILDER: NORMAN KONRAD; ZVG

«Beim obersten Prozent wird es interessant» Die Berliner Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas spricht sich in ihrem Buch «Unverdiente Ungleichheit. Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann» für eine Erbschaftssteuer für Reiche sowie eine Wiedereinführung der Vermögens­steuer in Deutschland aus. «Wir müssen das gesamte Steuertableau wieder geradeziehen, nach dem Prinzip, dass starke Schultern mehr stemmen sollten als schwache. Beim obersten Prozent wird es interessant: Während eine Mittelschichtsfamilie 43 Prozent Steuern und Abgaben auf ihr Einkommen zahlt, sind es bei Multimillionär*innen im Schnitt 29 Prozent und bei Milliardär*innen 26 Prozent.»

BODO, 12/25, BOCHUM/DORTMUND

Freie Enthaltsamkeit «Priester mit Familien sind nicht bessere oder schlechtere Priester», sagte der kürzlich ernannte Wiener Erzbischof Josef Grünwidl. Der Ka­tholik spricht sich dafür aus, dass das Zölibat eine freie Entscheidung sein sollte. Auch die Möglichkeit, Frauen künftig ins Weihamt auf­ zunehmen, schliesst Grünwidl nicht aus. 20ER, NOVEMBER 2025, NR. 269, TIROL

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Aus dem Kinderheim in die Obdachlosigkeit Eine Umfragereihe von Organisationen der Wohnungslosenhilfe liefert seit Ende der 1990er-Jahre umfangreiche Daten zu Obdach­lo­ sig­­keit in Ungarn. Diese Umfrage wird jährlich Anfang Februar unter den Klient*innen von Anlaufstellen, Notunterkünftenund Hostels im ganzen Land durchgeführt, die Teilnahme ist freiwillig und anonym. Landesweit werden damit etwa 6000 bis 9000 Menschen erreicht. Seit der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre wird auch nach den Erfahrungen mit staatlicher «Fürsorge» gefragt. 2020 gaben rund ein Fünftel der Befragten an, in ihrer Kindheit einige Zeit in staatlicher Fürsorge verbracht zu haben. Von den 30bis 49-Jährigen war es sogar jede*r dritte Befragte. Unter Wohnungslosen erwiesen sich Menschen mit einer Vorgeschichte in staatlicher Obhut als besonders benachteiligt: Sie lebten häufiger von geringwertigen, unsicheren Tätigkeiten (wie Gelegenheitsjobs, Betteln, Müllsammeln oder Sammeln); sie verdienten weniger; sie stammten häufiger aus Rom*nja-Familien, waren häufiger Dis­ kriminierungen aus­gesetzt und hatten in der Regel ein niedrigeres Bildungsniveau: 62 % hatten nur acht Schuljahre oder weniger absolviert. Die Befragung 2023 bestätigte diese Ergebnisse als weitgehend unverändert.

FEDÉL NÉLKÜL, BUDAPEST, UNGARN

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ILLUSTRATION: PRISKA WENGER

Na? Gut!

Jetzt bewerben Wer armutsbetroffen oder -ge­ fährdet ist, hat weniger Zugang zu politischen Prozessen. Betroffene können sich etwa weniger Arbeitsausfall leisten, sind häufiger von prekärer Gesundheit betrof­fen und hatten meist weniger Bildungschancen. Wie können diese Menschen dauerhaft in die Politik einbezogen werden und mitwirken? Seit 2022 hat die nationale Plattform gegen Armut in einem partizipativen Pro­zess mit gut 50 armutserfahrenen Menschen, Fachpersonen, Forschenden und Entscheidungsträger*innen das Konzept für einen Rat für Armutsfragen erarbeitet. Nun können sich armutsbe­troffene Menschen für einen Sitz in diesem Rat bewerben – noch bis zum 31. Januar. Gesucht werden acht bis zwölf Armutserfahrene sowie fünf Fachpersonen. Der Rat soll den Dialog zwischen Menschen mit Armutserfahrung und der Po­litik, Verwaltung und restlichen Gesellschaft fördern. Er setzt «innovative Impulse in der Armutsprävention und -bekämpfung», wie die nationale Plattform gegen Armut schreibt. Die erste Sitzung soll im Frühling 2026 stattfin­den, damit startet eine bis Ende 2028 laufende Pilotphase. Finanziert wird der Rat durch Stiftungen sowie Beiträge von Partnerorganisationen. Es braucht den Willen und Inves­ titionen der Gesamtgesellschaft, um Armutsbetroffenen einen gleich­ gestellten Zugang zu den politischen Institutionen unseres Landes zu verschaffen. Wünschenswert wäre, wenn dieser Rat sich in Zukunft zu einem Mitbestimmungsorgan auch jenseits von Armutsfragen ent­wickeln würde. LEA

Das Bewerbungsformular findet sich unter: gegenarmut.ch/rat An dieser Stelle berichten wir über positive Ereignisse und Entwicklungen. Surprise 617/26

Vor Gericht

Endlich Gerechtigkeit? Es geschah in einer anderen Welt: Soeben hatte Bundesrat Moritz Leuenberger am SP-Parteitag den EU-Beitritt gefordert. Der von der US-Justiz gesuchte Star-Regisseur Roman Polanski sass im Bezirksgefängnis Winterthur in Auslieferungshaft. Und in den frühen Morgenstunden des 19. Oktober 2009 fährt Wilson A. mit einem Freund im 9er-Tram vom Ausgang nach Hause. Zwei Polizisten der Stapo steigen bei der Haltestelle Werd in das Tram und fordern Wilson A. und seinen Begleiter auf, die Ausweise zu zeigen: Bei Wilson A., so der angebliche Verdacht, soll es sich um einen gesuchten Straftäter handeln. Die beiden Freunde fragen die Polizisten, warum nur sie kontrolliert würden. Ob es an ihrer Hautfarbe liege. An der Haltestelle Bahnhof Wiedikon werden sie von den Polizisten aufgefordert auszusteigen, ein dritter Polizist erwartet sie. Wilson A. sagt den Polizisten, sie sollen ihn nicht anfassen, er trage einen vor kurzem eingesetzten Herzschrittmacher. Es kommt zu einem Gerangel, die Kontrolle eskaliert: Die Beamten schlagen auf ihn ein, sprühen ihm Pfefferspray ins Gesicht, einer nimmt ihn in den Würgegriff. «Scheiss-Afrikaner, geh zurück nach Afrika», ruft einer der drei Polizisten. Wilson A.s Freund schreit verzweifelt: «They will kill you!» Wilson A. erleidet einen Bruch des Lendenwirbels, Quetschungen an Unterkiefer, Hals, Wirbelsäule, Knien und Handgelenken, eine Leistenzerrung, eine Hornhautentzündung, und Hämatome rund um den Herzschrittmacher.

Seit 16 Jahren kämpft Wilson A. darum, ein Stück Gerechtigkeit zu erlangen. Achteinhalb Jahre dauert es, bis der Fall am Bezirksgericht Zürich verhandelt wird. Die Staatsanwältin versucht in der Zeit zweimal, die Untersuchung einzustellen. An der Hauptverhandlung plädiert sie auf Freispruch: Die Beamten hätten sich nichts zuschulden kommen lassen. Weitere sechs Jahre vergehen bis zur Berufungsverhandlung gegen den Parouillen-Gruppenleiter am Obergericht. Auch da: Freispruch. Und im vergangenen Oktober entscheidet das Bundesgericht: Der Gruppenleiter hat sich nicht strafbar gemacht. Für Wilson A. hingegen besteht kein Zweifel: Die Polizisten nahmen ihn einzig wegen seiner Hautfarbe ins Visier. Nun zieht der mittlerweile 52-jährige Familienvater vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er wolle, so Wilson A. gegenüber der Nachrichtenagentur sda, künftige Fälle von Racial Profiling und rassistischer Polizeigewalt verhindern. In einem ähnlich gelagerten Fall hatten die Strassburger Richter*innen vor zwei Jahren die Schweiz wegen Racial Profiling verurteilt. Kläger war Mohamed Wa Baile, ein Zürcher Bibliothekar, ebenfalls ein Schwarzer Mann. Die Personenkontrolle an Wa Baile im HB Zürich im Jahr 2015 habe gegen das Diskriminierungsverbot nach Art. 14 der EMRK verstossen, so das Gericht in seinem Urteil von Februar 2024. Die «Allianz gegen Racial Profiling» schrieb damals: «Dieses Urteil ist ein Meilenstein für die Schweiz, aber auch für Betroffene von diskriminierenden Polizeikontrollen in ganz Europa.» Abzuwarten ist, ob der EGMR bei Wilson A. zu einem ähnlichen Urteil kommt. WILLIAM STERN ist Gerichtsreporter

in Zürich. 5


Verkäufer*innenkolumne

Dr Aare na

Die Aare entspringt in den Gletschern des Finsteraarhorns und des Lauteraarhorns – leider sind diese Gletscher zurückgegangen. Es folgt zuerst das Grimsel- Wasserkraftwerk mit 330 Megawatt Leistung. Nach wenigen Kilometern kommt die berühmte Aareschlucht, die viele Tourist*innen anzieht und ein Naturwunder ist. Gleich dahinter liegt der kobaltgrüne Brienzersee mit einem Steg in Iseltwald, der wegen einer koreanischen Netflix-Serie weltberühmt wurde. Der Zugang zum Steg kostet seither eine «Selfie-Gebühr» von fünf Schweizer Franken. Anschliessend kommt Interlaken, wo die Aare durch die Lütschine verstärkt wird. Dort befindet sich auch ein Wasserkraftwerk mit einem Aalrettungsgitter, damit kein Aal verschnetzelt wird.

Um die Hauptstadt Bern macht die Aare eine Schlaufe. Da kann man, wenn man ein*e gut*e Schwimmer*in ist, auch durch die Stadt schwimmen; die Bäder Marzili und Eichholz laden dazu ein, auch wenn das Wasser kälter ist als in anderen Flüssen. Ein paar Kilometer später folgt der Wohlen­stausee, die Saane liefert Wasser aus der Romandie hinein. Doch wurde der Fluss via Hag­neckkanal durch den Bielersee umgeleitet, aber etwas Wasser fliesst immer noch durch die alte Aare nach Solothurn. Kurz danach schluckt die Aare die Emme, und als nächste Stadt kommt Olten mit der Gäubahnbrücke, wo Mutproben stattfinden bei jungen Menschen: mit Abegumpe. Ebenfalls in Olten gibt es die alte Holzbrücke, die beliebt ist bei Tourist*innen.

In Aarau hat es eine Flussinsel, ein Lieblingsort vieler Menschen. Die Aare gibt auch dem Aargau den Namen, friedlich mit Spazierwegen plätschert die Aare durch Brugg, und bei Turgi ist das Wasserschloss, wo dann Reuss und Limmat in die Aare fliessen. Am Schluss kommt das «Atomtal», und die Aare mündet nach dem Klingnauer Stausee in den Rhein – mit mehr Wasser, als der Rhein bis dorthin führt. Die Aare trägt Wasser aus 20 Kantonen mit sich. Und ebenso viele Geschichten.

MICHAEL PHILIPP HOFER, 45, verkauft Surprise in Oerlikon. Sein Heimatort liegt im Kanton Bern, viele Verwandte wohnen im Aargau. Er ging in seinem Leben daher schon oft der Aare nach.

Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und dem Autor Ralf Schlatter erarbeitet. Die Illustration entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.

ILLUSTRATION: RAPHAEL GANZ

Der Aare nach finden sich alle grossen Themen der Gegenwart. Von der Stromversorgung und der Frage nach erneu­er­ baren Energien über Popkultur bis hin zum Tierschutz. Es geht noch weiter. Schon kommt der Thunersee mit der

Blüemlisalp und Spiez, dem Kraftort am Wasser. Ebenfalls im Thunersee fliesst die Kander zu, die von Menschenhand in den Thunersee umgeleitet wurde. Danach kommt der Teil, der besonders gut zum Böötle geeignet ist. Und wie heisst es im Lied von Stiller Haas: «Gang doch e chli dr Aare na, dere schöne grüene Aare na, dere Aare na!»

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ILLUSTRATION: CHRISTINA BAERISWYL

kumpan dagegen – wir waren übrigens auf ähnlichem Niveau – wurde bei Fehlern ermutigt, es nochmal zu ver­ suchen. Für den nächsten Tag heckten S. und ich einen Plan aus: Wir sollten einen Vorschlag für die Konstruktion des Möbels bringen. Wir machten ab, dass ich diesen Vorschlag präsentieren würde, damit schon am Morgen klar ist, dass ich bei meinem Möbel bestimme. Ich stellte also den Vorschlag vor, S. sagte sogar noch, dass es meine Idee war. Leider führte die homosoziale Obsession des Schweissers doch tatsächlich dazu, dass er explizit den Mann neben mir für den Vorschlag lobte und das weitere Vorgehen mit ihm besprechen wollte.

Moumouni antwortet

Brauchen wir mehr Brüderlichkeit? Ich habe letztes Jahr mitsamt Mann, der mir nahesteht, wir nennen ihn S., einem Schweisskurs beigewohnt. Wir fanden jemanden, der sich bereit erklärte, drei Tage lang mit uns ein Möbel für meinen Balkon zu entwickeln und uns dabei etwas Schweissen beizubringen. Es machte unglaublich Spass, all das TSSSSSSCHHHHHHH und PFFFFFFF und DRRRRRRRRRRRRRRR und DÄNG DÄNG DÄNG DÄNG. Ich muss auch sagen, das Möbel ist wunderschön und sehr beeindruckend geworden. Der Schweisser war ein sympathischer, zuvorkommender Typ. Ich hatte den Kontakt mit ihm hergestellt. Er machte mir ein sehr nettes Angebot, wirkte kompetent und passioniert. Er freute sich über die ungewöhnliche Idee, norma­ lerweise gab er Nicht-Schweisser*innen nur simplere Kurse, dementsprechend war er ebenso gespannt auf unser gemeinsames Projekt. Ich fand ihn herzlich und herzig und dachte sogar kurz daran, Surprise 617/26

ihn mit einer Kollegin von mir zu verkuppeln. Doch als wir schliesslich tatsächlich gemeinsam in der Werkstatt standen, trat ein komischer Wandel ein: Er sah mich nicht mehr. Ich schaute zu, wie Mann S. gelobt, korrigiert und instruiert wurde, während ich mit einer anderen Aufgabe vergessen wurde, obwohl es ja um mein Möbel ging und ich explizit und begeistert ebenfalls zu schweissen lernen wollte. Es ging sogar so weit, dass er Fragen, die ich stellte, an S. gerichtet beantwortete. Ausserhalb der Werkstatt, zum Beispiel beim Zmittag, war wieder alles normal und wir hatten angeregte Gespräche. Zurück in der Werkstatt dann wieder Genderwahn: Einmal rief ich ihn an meine Seite der Werkbank. Als er einen Fehler bemerkte, fing er an, in mitlei­ diger Babystimme mit mir zu reden: «Ist ganz schwer, gell?» und bot an, dass er einfach übernehmen könne. Babystimme! Wie unangebracht! S., mein Schweiss-

Der Schweisser war kein Arsch, er war auch im Gespräch sonst nicht sexistisch oder respektlos – er hat es einfach nicht hinbekommen, uns zwei Personen einigermassen gleich zu behandeln. Und weil ich glaube, dass es eigentlich seine Absicht war, uns beiden einen ange­nehmen und professionellen Kurs anzubieten, halte ich das für ein tragisches Defizit. So wurden die drei Tage quasi zu einer kleinen Feldforschung darüber, wie sehr Männer immer noch auf Männer aus­ gerichtet sind, ohne es zu merken. Männer wollen Männern gefallen, und das nicht nur, wenn sie schwul sind. Ich glau­be wirklich nicht, dass der Schweisser mir irgendetwas Böses wollte. Aber das ist doch das Ding: Er war offensichtlich nicht in der Lage dazu, mich als Frau (oder was er sonst noch in mir sah) miteinzubeziehen, und verscha­ffte dabei nicht nur mir einen Nachteil, sondern sich auch ein professionelles Manko. Ich hoffe, er übt das nochmal. Vielleicht sind wir aber auch verloren mit den Männers.

FATIMA MOUMOUNI

Ist fasziniert von männlichen Einschränkungen. Verkuppeln wollte sie den Schweisser dann doch nicht mehr. Wer will schon übersehen werden? DRRRRRRR DÄNG DÄNG. 7


Als Kind aus der Familie genommen und «anstaltsversorgt»: Markus Christen hat erst in der zweiten Lebenshälfte gelernt, dass es auch gute Beziehungen zu anderen Menschen gibt – und Liebe.

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Der lange Weg der Aussöhnung Fürsorgerische Zwangsmassnahmen Markus Christen wurde als Kind

ins Heim gesteckt. Dass er heute handlungsfähig ist und einigermassen zufrieden, verdankt der 71-Jährige drei Frauen und sich selbst. TEXT SARA WINTER SAYILIR

Markus Christen war das letzte Heimkind Nidwaldens. 1954 kam er in Chur zur Welt, seine Familie hingegen wohnte damals im Raum Baar. Mit drei Jahren wurde er im Waisenhaus Wolfenschiessen «anstaltsversorgt», das war der Heimatort seines Vaters. Unterernährt soll Christen gewesen sein und mindestens ein Jahr verzögert in der Entwicklung, so hat man es ihm dort erzählt. «Mein Vater behauptete wohl, die Mutter habe über den Hag gefressen. Das Ergebnis sei dann ich gewesen», wiederholt Christen, was man ihm als Gründe seiner Inobhutnahme genannt hatte. «Wie es wirklich war, kann ich nicht sagen.» Er weiss nur: Seine sechs Geschwister wuchsen im Familienverband auf, seine Familie war nicht arm. «Man konnte in diesem streng katholischen Umfeld, wozu die ganze Gegend damals gehörte, noch relativ schnell jemanden loswerden, der nicht ins Familienbild passte – hab ich gerüchteweise gehört. So hat es mich wohl ins Heim geschossen.» Einsicht in die Akten hat er nie verlangt. Das, was ihm bekannt ist, ist schon genug zum Aushalten. Vierzehn Jahre lebte Christen im Waisenhaus unter der Aufsicht von Ordensfrauen. Sie herrschten streng und mit Gewalt. «Man bekam dort als Kind keine Zuneigung im Sinne von Wärme und Berührungen. Alles orientierte sich streng am katholischen Glauben.» Christen beschreibt seine schlechte körperliche Verfassung damals als kleiner Junge Surprise 617/26

FOTOS KLAUS PETRUS

als «Glück im Unglück», dadurch seien ihm viele körperliche Züchtigungen erspart geblieben. Mit sechs oder sieben Jahren war Christen allerdings «aufgepäppelt». Ab da erging es ihm wie allen. Kinder, die wegen Ungehorsam oder schlechtem Betragen in die Arrestzelle mussten, bekamen weniger Essen. Zur Strafe wurden die Kinder auch von den Nonnen an Haaren und Ohren gezogen und mit Stöcken geschlagen. Wer die Schule schwänzte, bekam es mit dem Armenvogt zu tun, wer nicht zum Gottesdienst erschien, dem drohte der Pfarrer. «Entweder ein paar Stunden in die Kiste oder Züchtigung. Oder aber ein zusätzlicher Einsatz im Garten, da gab es immer Arbeit», erinnert sich Christen. Seine Eltern hat er nie wieder gesehen. An den Sonntagnachmittagen hätten sie ihn besuchen können. Von sich aus die Eltern aufzusuchen, «das wäre nicht möglich gewesen», sagt Christen. Das Leben im Waisenhaus war eng getaktet. Einmal aber hat Christen seine Geschwister getroffen, da war er noch nicht siebzehn. Eine seiner älteren Schwestern hatte ihn durch einen Zufall in einer Radiosendung gehört, zu der die Heimleiterin Christen angemeldet hatte – offenbar war den Nonnen bewusst, dass der kleine Markus nicht auf den Kopf gefallen war. Noch am Tag der Sendung auf Radio Beromünster rief eine Pia im Heim an. Sie sei die Schwester des Markus Christen. Ein paar Wochen später kam sie auf Besuch, mit 9


dem Zug. «Dann steigt da eine schöne junge Frau aus, hier am Bahnhof Wolfenschiessen. Natürlich bin ich stolz mit der durchs Dorf Richtung Kinderheim marschiert», erzählt Christen. Nach Familie habe es sich zwar nicht direkt angefühlt, aber immerhin «endlich mal Begleitung». Ein halbes Jahr nach dem Besuch trommelte dieselbe Pia einmal alle Geschwister zusammen, in einer Beiz in Baar. Manche der Älteren – es waren alles Frauen bis auf einen – waren schon verheiratet, kamen mit ihren Ehegatt*innen und teilweise mit Kindern. Christen erinnerte die Atmosphäre an eine «Art Generalversammlung», es wirkte gar nicht familiär. Und ihm fiel etwas auf: «Die Nachzüglerin, die als Letzte direkt nach mir geboren wurde, die habe ich dann schräg angeguckt: eine bildhübsche Frau, leicht dunkler Teint. Da habe ich mir gedacht: Wie war das jetzt?» Die anderen aber nach ihrer Version der Geschichte zu fragen, warum man gerade ihn weggegeben hatte, das sei ihm damals nicht in den Sinn gekommen. Es waren ja Fremde. Es gab kein offenes Gespräch, kein Vertrauen. «Und wir sind im Heim so erzogen worden, sich immer unterwürfig, brav und ohne Mucken zu verhalten. Ganz nach dem Motto: Mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land», sagt Christen. Lange blieb Christen Einzelgänger Christen wusste gut aus der Schule, wie das Stigma Heimkind an ihm haftete. «Man hat uns einfach angesehen, wer wir sind. Wenn die anderen miteinander gespielt haben, hat man uns nicht dazugelassen. Und immer gab es die, die uns nicht nur hänselten, sondern auch körperlich angriffen. Und die Lehrerinnen und Lehrer haben nicht interveniert. Wir gehörten nie dazu.» Trotzdem fasste Christen ein bisschen Vertrauen zu Pia, der Schwester, die ihn trotz allem besucht hatte. Sie hielten locker Kontakt. Pia übernahm sogar einmal seine Beistandschaft, als Christen später als junger Unteroffizier vors Militärgericht musste, weil er seine Waffe bei einem Umzug in seiner alten Wohnung absichtlich «vergessen» hatte. Damals wohnte Christen schon in Basel, wo er heute noch lebt, auch seinen Strafarrest sass er dort ab, im Lohnhof. Wenige Jahre später bekam Christen einen Brief, von Pia. Jemand aus der Familie war dahintergekommen, dass sie mit Markus Kontakt pflegte. Die Eltern hätten für diesen Fall die Enterbung vorgesehen, erklärte sie. Pia wählte das Erbe. Es war ein Abschiedsbrief. «Der Abgang auf diese Art ist dann doch ein bisschen heftig eingefahren. Das hat weh getan», sagt Christen. Nicht lang danach stand plötzlich die Polizei vor Christens Tür und teilte ihm mit, dass seine Eltern verstorben seien. Nun suche ihn die Familie, weil sie wegen der Erbschaft seine Unterschrift benötigten. «Das hat mir 3000 Stutz ins Kässeli gebracht. Meinen Erbanteil.» Das Thema Familie hatte Christen innerlich endgültig abgehakt: «Sicher war da viel mehr, und die haben mich über den Tisch gezogen.» Kein Wunder, bleibt Christen ein Einzelgänger, es fällt ihm schwer zu vertrauen. Sicher, da war mal dieser eine Lehrer, der sich in der Schule dafür eingesetzt hatte, dass er eine Berufslehre als Schriftsetzer machen konnte – nach der Vorstellung des Armenrates wäre nach sechs 10

Jahren Primarschule sonst Schluss gewesen. Hätte dieser Lehrer aber bereits früher reagiert, hätte Christen die Jahre ab der Schliessung des Waisenhauses 1971 bis zur Volljährigkeit bei ihm wohnen und womöglich eine höhere Bildung geniessen können! Davon erfuhr Christen erst später, bei einem Klassentreffen, wo der reumütige Lehrer ihm dies selbst gestand. Als Schriftsetzer fand er in Basel keinen Berufseinstieg. Stattdessen machte er den Führerschein und arbeitete als Chauffeur. Es fiel ihm schwer, einen guten Umgang mit Geld zu finden. «Immer wenn Ende Monat Zahltag war, hattest du viele Freunde, und wenn kein Geld mehr da war, dann verdünnisierten die sich schneller, als sie gekommen sind. Ich war immer mit Schulden unterwegs.» Erst waren es kleine Beträge, die kontinuierlich anwuchsen und die er nicht wieder losbrachte. «Einmal war ich übermütig. Ich dachte, ich müsste mein eigenes Transportunternehmen auf die Beine stellen. Das ging relativ gründlich und schnell in die Hose.» Doch dann lernte er 2002 beim Champions-League-Match FCB gegen Liverpool im Joggeli eine Frau kennen, die alles verändern sollte: Johanna Buri. «Von da an hat es aufgehört mit der Schuldenwirtschaft.» Buri brachte Ordnung in Christens Leben – und die Liebe. Nach 48 Jahren ohne jede tiefere Beziehung, wie er selbst es beschreibt, lernte Christen erstmals, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. «Das war für mich schon eine Umgewöhnung. Auch was die körperlichen Komponenten angeht. Aber das hat sich relativ schnell gelegt. Ich gehöre zwar nicht zu denen, die in der Öffentlichkeit schmusen und Händchen halten, und das ist auch nicht so ihrs. Aber im intimen Umfeld, ja. Learning by doing.» Ein Jahr später heiraten sie. Wie viel er durch seine Öffnung und die Beziehung noch gewonnen hat, ist ihm sehr bewusst. «Mit Johannas Freunden und Familie waren Surprise 617/26


Seit 2003 sind Markus Christen und Johanna Buri verheiratet. Sie bringt einen Sohn mit in die Beziehung, Freunde und Familie. In Basel fühlt Christen sich angenommen und traut sich auch sonst immer mehr zu.

«Plötzlich waren da Menschen um mich herum, die es schätzen, wenn sie mich sehen.» MARKUS CHRISTEN

einfach plötzlich Menschen um mich, die es schätzen, wenn sie mich sehen, die freundlich sind und angenehm mit mir umgehen.» Buri hat einen Sohn aus einer flüchtigen Begegnung von früher. Pascal ist heute 37 Jahre alt und lebt mit einer leichten Behinderung. Anfangs wohnte Pascal noch zuhause. «Da kam vielleicht ein altes Leiden von früher durch: Ich konnte zu ihm nicht in dem Sinne eine Bindung aufbauen, wo ich jetzt sagen würde, das hat etwas mit Familienbewusstsein zu tun», erinnert sich Markus Christen. Auch wenn natürlich klar sei, dass Pascal zum Leben seiner Mutter gehöre. Nur das Zusammenleben der beiden Männer funktionierte nicht gut. Schliesslich machte Pascal die Wohnschule und lebt heute in einem betreuten Wohnen, weitgehend selbständig. «Ist vielleicht auch gesünder für Mutter und Sohn», sagt Christen und fügt an: «Eigene Kinder habe ich keine gewollt. Das ist vielleicht auch geprägt von meiner eigenen Erfahrung. Ich hatte immer das Gefühl, nicht zu wissen, ob ich in der Lage wäre, Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen.» Buri arbeitet als Museumswärterin und ist finanziell unabhängig. Christens Chauffeurkarriere aber fand 2008 ein jähes Ende, als er auf einer Busfahrt in Sekundenschlaf fiel. Passiert ist damals niemandem was, doch er verlor die Lizenz. Es folgte eine mühsame Tour durch die Arbeitslosigkeit bis in die Sozialhilfe. Mühsam ist es nicht nur, weil er keine Arbeit findet, sondern auch, weil er sich selbst nichts mehr zutraut. Wieder sind es Frauen, die ihm eine Perspektive eröffnen. Seit einiger Zeit schon engagiert er sich in der SP. Dort lernte er Paola Gallo kennen, damals Geschäftsführerin des Vereins Surprise. Gallo und ihre Kollegin Sybille Roter entwickelten damals ein neues Projekt: die sozialen Stadtrundgänge. Armutsbetroffene sollten aus ihrer eigenen Perspektive und mit einer individuell zugeschnittenen Stadttour anderen Menschen von einem Leben in Armut berichten. Christen war ihr idealer Kandidat: politisch wach, mit einer sonoren Redestimme ausgestattet und ganz offensichtlich ohne Aussicht auf ein Leben ohne Schulden. Gemeinsam überredeten sie ihn, es mal als Stadtführer zu versuchen. «Ich habe mich natürlich zuerst mit Händen und Füssen gesträubt.» Doch Sybille Roter blieb hartnäckig. Die eigenen Erfahrungen reflektieren lernen Heute sind Christen und Roter befreundet. «Sybille hat an mich geglaubt und mich entsprechend gecoacht. Und so habe ich 2013 mit den Führungen angefangen.» Gemeinsam mit ihr entwickelte Christen über die sogenannte Biografiearbeit eine erzählbare Variante seiner Lebensgeschichte, eine, die auch allen noch so heimtückischen Fragen standhalten würde. «Diese Arbeit hat mich erst befähigt, das alles hier zu reflektieren. Sonst hätte ich es wahrscheinlich verdrängt.» 2013 entschuldigte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga öffentlich im Namen der Schweizer Regierung bei den Opfern der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen und forderte die Kantone auf, dieses Unrechtskapitel der Schweizer Sozialgeschichte in ihrem Zuständigkeitsbereich aufzuarbeiten. 2014 nahm

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auch das Parlament einen entsprechenden Beschluss an. Die Historikerinnen Sonja Matter und Tanja Rietmann haben eine solche Aufarbeitung für den Kanton Nidwalden übernommen, Markus Christen war einer ihrer Zeitzeugen. Das daraus entstandene Buch heisst «Gegen das Vergessen» und erschien 2024 im Auftrag des Historischen Vereins Nidwalden. Mut, sich aktiv einzubringen Inzwischen ist Markus Christen pensioniert und macht keine Stadttouren für Surprise mehr. Dafür ist er gern mit seiner Kamera unterwegs und fotografiert. Was er in seiner frühen Zeit in Basel bereits für Radio Raurach und lokale Zeitungen gemacht hat, führt er so privat fort. Zwei Mal hat er in seiner aktiven Zeit bei der SP für den Grossen Rat kandidiert, und auch wenn er die Wahlen nicht gewonnen hat, so haben die Kandidaturen etwas bewegt. Jedes Mal wurde er ein bisschen weniger der Fremdplatzierte mit dem niedrigen Selbstbewusstsein und bekam ein bisschen mehr Mut, sich laut und aktiv einzubringen. Die vom Bund vergebenen 25 000 Franken Entschädigung für die Opfer der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen seien nur «ein Zückerli», die Praxis, dass einzelne Kantone nun auch noch eigene Summen aufstockten, findet Christen eher ungerecht und eine neue Art Willkürfaktor in der Aufarbeitung. Aber darüber ärgert sich Christen nicht mehr allzu sehr, für ihn ist Geld sowieso kein Ziel. Gemeinsam mit seiner Frau singt er im Surprise-Chor und engagiert sich zudem in der ATD Vierte Welt. Als das Buch «Gegen das Vergessen» letztes Jahr erschien, sass Markus Christen bei der Vernissage in Nidwalden auf dem Podium. Jemand aus dem Publikum fragte, was die Aufarbeitung für ihn bedeute. Christen antwortete: «Ich bin sehr überrascht, dass dieser konservative Kanton das Geld in die Hand genommen und diese äusserst unangenehme Geschichte aufgeschafft hat. Das hat mich positiv überrascht.» Christen lächelt, als er sich an die Szene erinnert. Denn er fügte noch einen Satz hinzu: «Es hat mich so weit mit dem Kanton versöhnt, dass ich schon fast wieder bereit wäre, die Fahne aufzuhängen. Das hab ich denen auch gesagt.» Kurz vor Weihnachten 2024 dann hatte Christen tatsächlich ein Päckchen in der Post. «Eine Hochqualitätsfahne. Nicht gedruckt, sondern genäht!» Das Päckchen beinhaltete zudem ein Dankeschön für den Auftritt, Absender Staatskanzlei Nidwalden. «Nun muss ich nur noch eine Vorrichtung finden, wo ich das Ding aufhängen kann», sagt Christen.

Mehr dazu: Sonja Matter, Tanja Rietmann: Gegen das Vergessen – Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in Nidwalden. Historischer Verein Nidwalden, Stans, 2024. 12

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Administrative Versorgung Die Aufarbeitung der fürsor­ gerischen Zwangsmassnahmen ist ein wichtiger Schritt. «Wir stehen in der Verantwortung, das Geschehene nicht nur anzuerkennen, sondern auch dafür Sorge zu tragen, dass solches Unrecht nie wieder geschieht», schreiben Res Schmid, Landammann, und Peter Truttmann, Gesundheits- und Sozialdirektor Nidwalden, im Vorwort zur Publikation «Gegen das Vergessen – Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in Nidwalden». Ein Zeichen der Erinnerung solle das Buch sein, eine Anerkennung des Unrechts. Hunderttausende Menschen wurden im 20. Jahrhundert in der Schweiz administrativ versorgt. Sie wurden ohne Gerichtsurteil und ohne irgendeine Straftat in verschiedenen Anstaltstypen untergebracht: darunter kommunale Armenhäuser, Erziehungsheime für Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch Psychiatrien, Gefängnisse und Strafanstalten, Arbeiterkolonien und Anstalten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Auch wurden sie als Arbeitskräfte an landwirtschaftliche Betriebe «verdingt». Von den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen waren in erster Linie Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer der sozialen Unterschicht betroffen. Die Massnahmen wurden von Verwaltungsbehörden im Sozial- und Gesundheitsbereich angeordnet und bedeuteten für die Betroffenen häufig eine massive Verletzung ihrer Grundrechte. Es gab kaum Möglichkeiten, Rekurse einzulegen, genauso wenig gab es eine Aufsicht und Kontrolle über die Situation bspw. fremdplatzierter Kinder. Die gesetzliche Basis für die administrative Versorgung in Nidwalden bildeten das 1912 in Kraft getretene «Armengesetz für den Kanton Unterwalden nid dem Wald» und das Schweizer Zivilgesetzbuch. Die Anstaltseinweisungen erreichten in den 1930er-Jahren einen Höchststand. 1981 revidierte die Schweiz das geltende Recht unter internationalem Druck. An die Stelle der früheren Versorgungsgesetze trat die fürsorgerische Freiheitsentziehung. WIN Surprise 617/26

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Frische Cashews in einem Lagerhaus von Ecom in Ghana. Der Konzern verarbeitet die Kerne nicht vorort, sondern verschifft sie für diese Arbeit nach Indien oder Vietnam. Erst von da gelangen die beliebten Nüsse zu uns.

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Der lange Weg der Cashew Globalisierung Cashews machen glücklich, sagt man. Das mag für die Schweiz gelten.

In Afrika sorgt das Trendprodukt vor allem für viel Arbeit – und wenig Gewinn. TEXT UND BILDER KLAUS PETRUS

GHANA

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Hier beginnt sie, die Geschichte der Globalisierung eines Snacks, der weltweit boomt wie kein anderer und der gut sein soll für unser Gehirn, fürs Herz, für die Augen, Haare, Haut und die Fruchtbarkeit: im Innern von Ghana, westafrikanisches Land, im dichten Hinterland mit Trampelpfaden, tausenden Mücken und meterhohen Bäumen voll quittenförmiger Äpfel – grüne, gelbe, orange, rote –, alle mit Kapseln an der Unterseite wie herausgestülpte Nieren. Yaaba Addo, Mitte sechzig, Bäuerin, Mutter von einem Dutzend Kindern und seit zwanzig Jahren verwitwet, beisst in die Frucht, kaut hin und her, spuckt aus. Bitter-süsslich schmeckt sie. Es heisst, man sterbe qualvoll, wenn man von ihr koste und gleichentags die Milch von Schafen oder Ziegen trinke. Die Frau lacht darüber, sie trennt die braune Kapsel von der Frucht, hält sie hoch, als wäre sie ein kostbarer Stein, und sagt: «Das ist mein Leben.» Yaaba Addos Leben, unser Luxus. Die Rede ist von Cashewnüssen, die botanisch gesehen eigentlich keine Nüsse sind, sondern Kerne von Steinfrüchten – wie die von Mangos, Mirabellen oder Zwetschgen. Nur dass sie bei der Cashew nicht in der Frucht wachsen, sondern ausserhalb. Seit Jahren sind sie bei uns so beliebt – und so teuer – wie keine andere «Nuss». 40 Prozent der weltweiten Cashewkerne werden nach Europa exportiert, das sind umgerechnet 172 000 Tonnen; die Grösse des europäischen Cashew-Markts wird auf 1,5 Milliarden Euro geschätzt, Tendenz steigend. Der Trend ist auch in der Schweiz zu beobachten, wie die Grossverteiler bestätigen. Wenig Fett, dafür viele Proteine, Vitamine und Mineralien, mild im Geschmack und in der veganen Küche der perfekte Ersatz für Käse. Cashew, so verspricht es ein Anbieter, mache schlank, stark und glücklich. Von diesen Ernährungstrends hat Addo gehört. Und auch, dass Leute in Europa für ein Kilogramm Cashewkerne 16 Franken bezahlen – oder auch 38. Was sie wundert. Über einen Stundenlohn hat sie bisher nicht nachgedacht, Addo rechnet Säcke à 80 Kilogramm ab. Pro Sack Kerne mitsamt Schale bekommt sie vom Händler um die 800 Cedi, das sind umgerechnet knapp 50 Rappen pro Kilogramm, manchmal können es auch mehr sein. Seit einem halben Jahrhundert pflanzt Yaaba Addo Cashew an, ihr Mann war einer der ersten im westlich gelegenen Wenchi Distrikt. Erst lachten sie über ihn, doch in den letzten drei Jahrzehnten setzen immer mehr Bäuerinnen und Bauern neben Kakao auf Cashew. Auch, weil der Baum klimaresistent ist, kaum Wasser braucht und keinen Dünger. 52 Prozent der weltweiten Cashew-Ernte stammen aus Afrika. Zuoberst steht die Elfenbeinküste, den dritten Platz belegt Ghana mit 230 000 Tonnen Kerne im letzten Jahr – 2021 waren es noch 160 000 Tonnen. Über 100 000 Farmer*innen pflanzen in Ghana Cashew an. Acht von zehn sind Kleinbäuerinnen und -bauern

wie Addo, sie besitzen eine Anbaufläche von höchstens drei Hektaren, darauf haben knapp hundert Bäume Platz. Auf einen grünen Zweig kommen sie damit nicht. Addo bewirtschaftet das Feld zusammen mit ihrer Schwägerin Efua, einer schweigsamen Bäuerin um die siebzig, auch sie ist verwitwet. Während der Haupt­ erntezeit, die von Januar bis Juni dauert, stellt Addo tageweise Leute an, die meisten sind Frauen. «Die Männer ziehen in den Süden nach Accra und versuchen dort ihr Glück. Hier bei uns im Norden des Landes gibt es keine Perspektiven, wir leben von der Hand in den Mund», sagt Addo. Ausserhalb von Accra, der Hauptstadt Ghanas, wo inzwischen ein Fünftel der 34 Millionen Einwohner*innen lebt, befindet sich die Firma Agroking von Ed-Malvin Nii Ayibontey Smith. Sie ist eines von wenigen Unternehmen, die Cashew vor Ort verarbeiten. Das Gelände von Agroking, so gross wie vier Fussballfelder, ist in Hallen unterteilt, die den einzelnen Verarbeitungsschritten entsprechen: Erst werden die rohen Cashews erhitzt und gedämpft, damit die Schale weich wird, dann nach Grösse sortiert und einzeln mit einer von Hand bedienten Maschine geknackt. Anschliessend müssen die Kerne von der Schale entfernt sowie gereinigt werden, bevor man mit einem Messer eine Haut entfernt, die den Kern umgibt. Dann werden die ganzen Kerne nach Grösse und Form sortiert und von zersplitterten Kernen getrennt. Schliesslich müssen die Cashewkerne erneut getrocknet werden, bevor man sie vakuumiert und per Lastwagen nach Tema zum Hafen von Accra transportiert. Von dort werden sie in Containern nach Europa verschifft und stehen irgendwann womöglich auch in der Schweiz im Regal eines Supermarkts oder Bioladens. Wie auf den Feldern sind auch in Smiths Firma die meisten Angestellten Frauen. «Sie arbeiten genauer als Männer, beklagen sich weniger – und können länger stillsitzen», witzelt der Chef. Eine von ihnen ist die 23-jährige Esi Danso. Zusammen mit ihrer Schwester arbeitet sie während der Saison fünfmal die Woche in Smiths Fabrik – bis zu neun Stunden am Tag. Es ist heiss und stickig in diesen Hallen, die Arbeit eintönig. Danso verdient im Monat umgerechnet 50 Franken, das ist mehr als in der Küche eines Restaurants, wo sie sonst noch arbeitet. «Ich bin zufrieden, es ist nicht leicht für uns Frauen, Arbeit zu finden.» Während ihre Schwester die Cashewkerne häutet, holt Danso sie aus der Schale, «eine heikle Arbeit», wie sie sagt. «In der Schale befindet sich ein Öl, das den Kern nicht angreifen darf, denn es ist giftig. Zudem verletzt es unsere Haut.» Tatsächlich kann das toxische Cardol in der Cashew-Schale die Hände der Arbeiterinnen verätzen sowie Stoffwechselstörungen hervorrufen, wenn es über Nase oder Mund in den Körper dringt. «Deshalb tragen die Frauen Plastikhandschuhe. Hygiene heisst Sicherheit, das wird bei uns grossgeschrieben», betont Smith und lässt durchblicken, dass dies nicht überall zum Standard gehört. Obschon er plant, weiter in sein Unternehmen zu investieren, ist Smith skeptisch, was den Cashew-Markt angeht.

«Hier bei uns im Norden des Landes gibt es keine Perspektiven, wir leben von der Hand in den Mund.» YA ABA ADDO

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1 Cashewbaum, der 10 Meter hoch und bis zu 30 Jahre alt werden kann. 2 Rohe Cashewkerne mit Schale, von der Frucht abgetrennt. 3 Bäuerin Yaaba Oddo auf ihrer Farm in der Wenchi Region, Ghana. Surprise 617/26

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1 Esi Danso beim Schälen der Cashewkerne. 2 Arbeiter*innen in der Firma Agroking ausserhalb der ghanaischen Hauptstadt Accra. 3 Stichproben aus einer Cashewernte in einem Lagerhaus von Ecom in der Wenchi-Region.

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«Ich bin zufrieden, es ist nicht leicht für uns Frauen, Arbeit zu finden.» ESI DANSO

«Es wird zu wenig Geld in die lokale Verarbeitung gesteckt. Uns fehlen grosse Investoren, von einer Unterstützung seitens der Regierung nicht zu reden», klagt der frühere Präsident der Association of Cashew Processors. Zwar habe man mit Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit immer wieder Projekte zur Stärkung der einheimischen Cashew-Verarbeitung angestossen, wie die Competitive Cashew Initiative mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). «Letztlich haben wir es verpasst und das grosse Geschäft Asien überlassen.» Smith nennt als Beispiel Vietnam, wo inzwischen über 50 Prozent der weltweiten Cashew-Produktion verarbeitet und in alle Welt exportiert wird. «Sie haben die neuesten Maschinen, alles ist vollautomatisiert. Während wir an einem Tag pro Arbeiter*in zwischen 20 und 30 Kilogramm Kerne knacken, schafft dort eine Maschine in einer Stunde 100 Kilo.» Smith bringt ein grundsätzliches Problem auf den Tisch: «Hält man eine Cashew in der Hand, sind über 80 Prozent Abfall – jedenfalls aus europäischer Sicht, denn dort will man bloss die ganzgebliebenen, grossen, weissen Kerne.» Dabei könnte man aus allem etwas machen, erklärt Smith: Aus dem Apfel lässt sich vitaminreicher Fruchtsaft gewinnen, die Schale kann zu Brennmaterial verarbeitet werden, das Öl wird in der Automobilindus­ trie gebraucht und das tanninhaltige Häutchen in der Lederproduktion. «Für all das gibt es in Asien einen riesigen Markt, bei uns aber landet es auf dem Müll», sagt Smith. Besonders störend sei das bei den zerbrochenen Kernen und den Splittern. In der asiatischen Küche sind sie begehrt, in Europa kaum gefragt – und das, obschon sie sich in Geschmack und Wertigkeit nicht von den ganzen Kernen unterscheiden. «Wir müssten diese Ware nach Asien verschiffen. Doch das ist zu teuer, wir können mit den dortigen Marktpreisen nicht mithalten.» Dass es grundsätzlich möglich ist, auch zerbrochene Kerne oder Splitter in Europa abzusetzen, zeigt Gebana. Das Schweizer Fairtrade-Unternehmen betreibt in Burkina Faso, einem Nachbarland von Ghana, eine eigene Cashew-Fabrik mit dem Anspruch, die gesamte Wertschöpfungskette vor Ort zu belassen, also vom Anbau über die Verarbeitung bis zum Vertrieb. Damit soll nicht bloss die lokale Wirtschaft gestärkt, sondern auch der ökologische Fussabdruck verringert werden, indem der Umweg über Asien vermieden wird. Nebst ganzen Cashewkernen für einen Kilopreis von bis zu 46 Franken bietet Gebana hier in der Schweiz auch Cashewsplitter an – für 28 Franken pro Kilo. Für Smith von Agroking gehen Projekte wie Gebana in die richtige Richtung. Doch er zweifelt, ob sie ökonomisch gesehen wegweisend sind. «Wer kann sich schon Cashewkerne zu diesen Preisen leisten?», fragt Smith rhetorisch. Bisher zeige der Trend klar in die andere Richtung. Weswegen Smith sich mitunter in der, wie er sagt, «absurden» Situation befindet, dass er rohe Ca­shewkerne aus benachbarten westafrikanischen Ländern wie der Elfenbeinküste zukaufen muss. Doch wie kann das sein – ist Ghana doch Surprise 617/26

eines der grössten Cashew-Anbaugebiete Westafrikas? Die Antwort findet man in Accra, in einem unscheinbaren und spärlich eingerichteten Büro einer Firma namens Ecom. Der Konzern ist ein Familienunternehmen, das 1849 vom Spanier Jose Esteve gegründet wurde und inzwischen in vierzig Ländern tätig ist. Den Hauptsitz hat Ecom in Pully im Kanton Waadt. Das Unternehmen, das nach eigenen Angaben 6000 Angestellte beschäftigt, handelt mit Baumwolle, Kaffee, Kakao und nun auch mit Cashew. Anders als Agroking von Smith verarbeitet Ecom aber keine Cashews vor Ort in Ghana, im Gegenteil: Das Geschäftsmodell des Konzerns besteht darin, den Farmer*innen in Ghana ihre Ernte abzukaufen und sie nach Indien oder Vietnam zu verschiffen. Erst dort werden die Kerne von Partnerfirmen des Unternehmens verarbeitet und anschliessend nach Europa oder in die Staaten verkauft, wo sie von Abnehmern je nach Bedarf noch gesalzen und geröstet und über den Grosshandel vermarktet werden. «Wir kaufen keine Arbeit, wir kaufen Produkte» Dass es Ghana – obschon eines der grössten Anbaugebiete Westafrikas – inzwischen an Cashew fehlt, hat aus Sicht von Smith also auch mit Konzernen wie Ecom zu tun, welche die rohen Kerne aufkaufen und ins Ausland verschiffen. Tatsächlich werden inzwischen nur noch sieben Prozent der Gesamternte in Ghana selbst verarbeitet, der Rest wird exportiert. Immer wieder gerät Ecom negativ in die Presse, einmal ist es der Verdacht auf Korruption, ein andermal soll das Unternehmen beim Kakao in Kinderarbeit verstrickt gewesen sein. Sudhir Kumar, Geschäftsleiter von Ecom Ghana, weiss um die Kritik. Auf die Frage, was sein Unternehmen besser machen sollte, meint er: «Wir müssen offensiver nach aussen tragen, was wir für nachhaltigen Handel tun und wie sehr wir in Ausbildung und Trainings der Farmer investieren.» Tage später wird der Inder tief im Busch auf der Farm von Yaaba Addo auf einen Sack Cashewkerne zeigen und den trockenen Satz sagen: «Wir kaufen keine Arbeit, wir kaufen Produkte.» Tatsächlich schliesst Ecom mit den Arbeitern nur ausnahmsweise Verträge ab, um Arbeitsbedingungen und soziale Standards geht es dabei nicht. Die Farmer*innen werden, wie Addo, pro Sack bezahlt. Andere, welche die Ware auf Lastwagen oder in Schiffscontainer verladen, sind Tagelöhner*innen. Weil der Cashew-Markt, anders als beim Kakao, in Ghana noch weitgehend unreguliert ist, gibt es weder Handelslizenzen noch Abnahmegarantien, auch ist kein branchenüblicher Mindestlohn festgelegt – der gesetzliche Mindestlohn beträgt in Ghana 14,88 Cedi pro Tag, umgerechnet sind das 80 Rappen, was unter der Armutsgrenze liegt. Über die Gewinnmarge – vom Ankauf der Ernte in Ghana bis zu verarbeiteten Kernen in Asien – möchte sich Ecom nicht äussern. Die Rechnung sei kompliziert und hänge von vielen Faktoren ab, sagt Kumar. Buchstäblich ein Knackpunkt sei, dass Ecom die Cashewkerne mitsamt Schale beziehe und nicht 19


genau wisse, von welcher Qualität der Inhalt sei. «Wir kaufen die Katze im Sack», so Kumar. Um das Risiko zu mindern, lässt Ecom seine Spezialisten aus Indien nach Ghana einfliegen. In Lagerhäusern werden Stichproben nach Grösse, Form und Farbe genommen, um sie anschliessend zu knacken und auf ihren Wert zu prüfen. «So können wir in etwa hochrechnen, was eine Ernte einbringt.» Zahlen aus der Elfenbeinküste dürften als Richtlinie gelten: Der Preis für ein Kilogramm Cashew-Ernte – rohe Kerne mitsamt Schale – beträgt umgerechnet 55 Rappen. Dieselbe Menge verarbeiteter Kerne kostet 4,25 Franken. Und bis die Ca­shews bei uns im Laden sind, liegt der Preis pro Kilogramm zwischen 16 und 28 Franken. Sudhir Kumar schnippt mit den Fingern durch die Luft und sagt: «Wer mit Cashew so richtig Geld macht, ist der Grosshandel in Europa und in den Vereinigten Staaten.» Wie Ecom wollen auch die Grossverteiler keine Angaben über ihre Gewinnmargen machen – aus «wettbewerbstechnischen Gründen», wie es heisst. Während Coop und Denner verneinen, mit Ecom Geschäfte zu machen, möchten sich LIDL, ALDI Suisse und Migros dazu nicht äussern. Alle genannten Grossverteiler beziehen jedoch Cashew­ kerne aus Westafrika. Nicht in jedem Fall wird dies auf der Verpackung ausgewiesen. Bei Migros beziehe sich die Herkunftsangabe auf das Land, in dem die Kerne verarbeitet werden, so Mediensprecherin Melanie Ott. «Das entspricht nicht immer dem Land, in dem die Cashews angebaut wurden.» Mit anderen Worten: Steht «Vietnam» auf der Verpackung, könnten die Kerne in Ghana angebaut worden sein. Theoretisch könnte es sich gar um Ware handeln, die Ecom auf der Farm von Yaaba Addo eingekauft und nach Vietnam verschifft hat, um sie dort zu verarbeiten und dann in die Schweiz zu verkaufen. Aber davon wissen die Konsument*innen nichts. Anders bei Bio-­ Cashews, dort müssen laut den Zertifizierungsbedingungen Anbau- und Verarbeitungsland identisch sein, so Ott. Sie machen aber nur einen Drittel des Gesamtsortiments aus. Die Rückverfolgbarkeit von Cashew ist allen Anbieter*innen ein zentrales Anliegen, und das schon deswegen, weil damit sensible Themen wie Arbeitsbedingungen, Löhne oder Kinderarbeit verbunden sind. Auch Kumar von Ecom bestätigt, dass sich immer mehr Abnehmer*innen Transparenz in Bezug auf die gesamte Wertschöpfungskette wünschen. Er warnt allerdings vor allzu überzogenen Vorstellungen und nennt als Beispiel die Kinderarbeit. «Es ist wichtig und unerlässlich, dass es Richtlinien gibt, welche die Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten regulieren, sowie soziale Programme wie Krippen oder Schulen, damit die Eltern entlastet werden und die Kinder eine Ausbildung bekommen.» Eine vollständige Kontrolle aber sei unmöglich, die meisten Farmer*innen würden irgendwo auf dem Land auf ihrem Familienbetrieb arbeiten, so Kumar. «Kommt hinzu, dass sie die Ärmsten in der ganzen Kette sind. Wenn sich eine Farmerin von dem wenigen Geld, das sie verdient, überlegen muss, ob sie je-

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manden anstellt oder ihre Kinder losschickt, um Cashewkerne von den Früchten zu trennen und sie einzusammeln – wie wird sie sich da wohl entscheiden?» «Anspruch und Realität liegen oft weit auseinander» Am Ende sei alles eine Sache des Geldes, sagt Kumar lapidar. «Wer faire Arbeitsbedingungen will, muss dafür bezahlen.» Während vor zehn Jahren zertifiziertes Cashew noch Nische gewesen sei, könne man inzwischen einen Anstieg in der Nachfrage feststellen. Kumar kann sich vorstellen, dass sich der Cashew-Markt in den nächsten Jahrzehnten ähnlich entwickeln wird wie beim Kakao. Hier habe das Bewusstsein für Nachhaltigkeit stark zugenommen – auch wenn die Zahlen immer noch eine klare Sprache sprechen würden. «Anspruch und Realität liegen oft weit auseinander, wenn es um Geld geht», sagt Kumar. Tatsächlich liegt der weltweite Anteil an nachhaltig erzeugtem Kakao immer noch unter zehn Prozent. Dass in Ghana viele auch deswegen nicht ausreichend Geld mit Cashew verdienen können, weil der Grossteil der Wertschöpfung – nämlich die Verarbeitung der Kerne – nicht im Land verbleibt, sondern durch den Export an ausländische Unternehmen geht, erwähnt Kumar an dieser Stelle nicht. Ebenso, dass dies auch eine direkte Folge der Firmenpolitik von Grosskonzernen wie Ecom ist. Yaaba Addo, die Farmerin im Wenchi Distrikt von Ghana, dürfte sich um diese globalen Zusammenhänge wenig kümmern. Ihr geht es um Handfestes: die Ernte ist zusammentragen, die Säcke sind abgefüllt. Nun müssen sie abgeholt werden. Die nächste Hauptstrasse liegt gut zwei Stunden entfernt. Von dort muss das Cashew auf grosse Camions geladen und 500 Kilometer südlich nach Tema verfrachtet werden, in ein Lagerhaus unweit des Hafens, von wo man die Säcke in Containern nach Asien verschifft. Ein eigenes Fahrzeug hat Addo nicht, dafür fehlt das Geld. Würde sich nicht Ecom um den Transport kümmern, die Farmerin wüsste nicht, was tun. So wird es auch diesmal sein. Der Grosskonzern wird seine Pickups losschicken und die Säcke verladen. Ist das Geschäft getan, wird man sich die Hände reichen. Und Yaaba Addo wird zufrieden sein. Eine Wahl hat sie freilich nicht.

Die Recherche wurde vom Schweizer Medienfonds REAL21 sowie vom «JOURNAFONDS» unterstützt. Mit seiner Reportage, die ebenfalls im BEOBACHTER erschienen ist, hat Klaus Petrus den «real21»-Medienpreis 2025 gewonnen.

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1 Arbeiter in einem Lagerhaus von Ecom in Tema, dem Hafen von Accra, von wo die Cashewernte nach Asien verschifft wird. 2 Sudhir Kumar, Head of Business der Firma Ecom in Accra.

Wer verdient an den Cashews?

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93 Prozent der Cashewernte in Ghana werden exportiert. Erntepreis: 50 – 80 Rappen pro Kilogramm. Nach 17 000 Kilometern Schiffsreise werden sie in Vietnam erhitzt, entkernt, gewaschen, getrocknet, sortiert und vakuumiert. Vietnam ist weltweit der grösste Exporteur und einer der wichtigsten Verarbeitungsorte von Cashews. Verar­bei­ tungspreis (Vietnam/Indien): Fr. 8.90 pro Kilogramm. Nach weiteren 24 000 Kilometern per Schiff kommen die Cashews in Hamburg oder Bremerhaven, Deutschland, an. Hier werden sie geröstet, gesalzen und gewürzt. Deutschland importiert fast 60 Prozent der Cashews aus Vietnam, 90 Prozent des Gesamtimports gehen weiter in andere europäische Länder. Grossisten­ preis Deutschland: unbekannt. Bis die endverarbeiteten Cashews im Schweizer Detailhandel verkauft werden, legen sie nochmals rund 1000 Kilometer mit dem Lastwagen zurück. Ladenpreis Schweiz: 19 bis 46 Franken pro Kilogramm. KP

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Im Körper ist der Widerstand zuhause Tanz Das Cabaret Voltaire widmet sich der Dada-

Tänzerin Suzanne Perrottet. Und zeigt, dass Tanz wieder verstärkt ein Mittel des Protests und der Auseinandersetzung mit der Welt ist. TEXT DIANA FREI

Januar 2026, Zeit für Dada. Die Kunstbewegung entstand 1916 in Zürich als Reaktion von Exilkünstler*innen auf den Ersten Weltkrieg: ein Konglomerat von Ausdrucksformen, die radikal die bestehende Ordnung infrage stellten. Dada zertrümmerte bekanntlich die Sprache und setzte dem Wahnsinn in der Welt den Irrsinn in der Kunst entgegen, mit Lautgedichten, seltsamen Kostümen und Performances. Es war der Versuch, mitten im Krieg eine neue Sprache zu schaffen, die Gemeinschaft und Kreativität als Möglichkeit für eine neue Zukunft sah. Und wie wir wissen, ist die Weltlage auch 2026 von politischer Aggression geprägt. Kann die Kunst im Sinne des Dada dem auch heute etwas entgegenhalten? «Das Cabaret Voltaire war ein Raum für Kunst, aber auch für Austausch und Experimente. Hier wurde versucht, mit der Verzweiflung über die Welt umzugehen. Nein zu dem zu sagen, was ist, und zugleich Ja zu etwas Neuem. Das ist auch heute noch enorm produktiv», sagt Salome Hohl, die Leiterin des Cabaret Voltaire. Zusammen mit Monica Unser, der Co-Kuratorin der aktuellen Ausstellung, sitzt sie im engen, schummrigen Café an der Zürcher Spiegelgasse, das nach einem Umbau heute wieder der ursprünglichen Dada-Künstlerkneipe gleicht. Die Ausstellung, die hier (kurz vor Weihnachten) gerade aufgebaut wird, heisst «Suzanne Perrottet. After Dada, After Dance», und es geht nicht etwa um die berühmten Lautgedichte, sondern um Tanz, um den Körper mit all seinen Konnotationen und Aufladungen. «Für viele Künstler*innen ihrer Zeit – insbesondere Frauen – diente der Tanz als Mittel der Befreiung, als Ausdruck des Widerstands gegen gesellschaftliche Normen und als Rückeroberung des selbstbestimmten Körpers. Diese Ideen haben bis heute Gültigkeit: In einer Zeit globaler Konflikte und eines wachsenden Autoritarismus bleibt der Körper ein Ort des Widerstands und der Erneuerung – ein Weg, unsere gemeinsame Menschlichkeit zu bewahren», steht auch in der Pressemitteilung. Prägend für den modernen Tanz Perrottet (1889–1983) war eine wichtige Figur im Dada-­ Kreis. Sie war Tänzerin, Musikerin und Pädagogin und trat bei den legendären Soiréen im Cabaret Voltaire als Pianistin auf, blieb aber doch am Rand der Geschichtsschreibung. Im Gegensatz zu vielen namenlosen Tänze22

rinnen war sie in den Programmen immerhin erwähnt, auch findet man reichhaltiges Material über sie in den (bisher grösstenteils unerforschten) Archiven, Tanznotationen, Fotografien und Dokumenten – vieles davon wird im Cabaret Voltaire jetzt ausgestellt. «Perrottet prägte die Anfänge des modernen Tanzes mit», sagt Unser. «Man kannte all die Codes aus dem klassischen Ballett, und da war es eine ganz bewusste Entscheidung für eine Frau in dieser Zeit, sich davon zu befreien. Sie hätte auch Ballett tanzen können, folgte stattdessen aber anderen Körperbewegungen, in breiten Kostümen, in denen man sich frei bewegen konnte. Oder ganz nackt in den Zusammenkünften auf dem Monte Verità.» Hohl fügt an: «Der avantgardistische Körper wurde nicht mehr als gottgegeben gesehen, auch nicht als Arbeiter*innenkörper wie in der Industrialisierung oder als etwas, das verletzt und bedroht wird wie im Krieg. Die Avantgarde verstand ihn als Ort des Ausdrucks, als Ort der Befreiung.» Während des Gesprächs proben gerade Tarren Johnson und Joel Cocks ihre Eröffnungsperformance für die Ausstellung. Sie nehmen direkten Bezug auf Perrottets choreografische Arbeiten; die zeitgenössische Performance baut auf den historischen Tanznotationen auf. Von der Performance wird eine Installation übrigbleiben, sozusagen die Spur der flüchtigen Bewegungen. «Tarren Johnson und Joel Cocks setzen sich auf eine abstrakte Art auch mit Tschaikowskis ‹Schwanensee› auseinander», sagt Hohl, «und wir haben vor Kurzem darüber gesprochen, wie diese Bewegungen im heutigen Kontext kodiert sind. ‹Schwanensee› ist ein Ballett, das zum Beispiel in Russland oft in Zeiten politischer Umbrüche, beim Tod eines Politikers etwa, anstelle von News am Fernsehen gezeigt wurde. Es konnte entsprechend als Indiz gelesen werden, dass hinter den Kulissen etwas im Umbruch war.» Gerade Tanz ist auch heute stark mit gesellschaftlichen und politischen Themen verknüpft. Im Verlauf der Ausstellung werden weitere zeitgenössische Performer*innen auftreten: OOR Salon und Elaine Mitchener, New Surprise 617/26


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Kyd und Thibault Lac. New Kyd ist im modernen Tanz zuhause, im Klang an sich, in den visuellen Medien, und versteht den Körper dabei als Speicher der Erinnerung, als Instrument des Widerstands und Mittel zur Transformation. Der OOR Salon wiederum erarbeitet Produktionen, die sich zwischen experimenteller Soundkunst und selbstorganisiertem Wissensaustausch bewegen, zwischen «Performances und intersektionalen queer-feministischen Praxen und Community-Building», wie sie es selbst nennen. Sie werden mit der britisch-afro-karibischen Stimmund Bewegungskünstlerin Elaine Mitchener auftreten, die mit zeitgenössisch-experimenteller Musik arbeitet, mit Improvisation und visuellen Medien. Und Thibault Lac, klassisch ausgebildet, steht seit einigen Jahren in einem Prozess, in dem er sich immer stärker aus einem klassischen Rahmen herausentwickelt – in eine selbstbestimmtere Welt der Performance, eine offene Kunstpraxis. Meloni und die verbotenen Raves Es geht bei vielen zeitgenössischen Performer*innen um Themen der Sichtbarkeit, Zugehörigkeit, um marginalisierte Körper, gesellschaftliche Minderheiten, queerfeministische und antirassistische Anliegen, um Gemeinschaften in der Diaspora. Wieso ist gerade der Tanz, der ohne Sprache und also ohne rationale Argumente auskommt, ein Träger von politisch-gesellschaftlichen Themen? «Weil der Tanz aus dem Körper besteht», sagt Hohl. «Ich glaube, die Bedrohung von Menschen sowie die Befreiung von Zwängen ist so stark mit dem Körper verbunden, dass es auf der Hand liegt, sich genau durch ihn auch zu äussern.» Tarren Johnson und Joel Cocks leben zwischen Paris und Los Angeles. «Auch für sie als Künstler ist es gerade keine einfache Zeit zwischen Faschismus und Autoritarismus. Wir führen immer wieder Gespräche darüber. Es geht uns allen bei den Arbeiten auch darum, als Gesellschaft eine Menschlichkeit zu bewahren. Darum, sich auszutauschen und eine Sensibilität zu behalten.» Die Parallelen der Gründungsjahre von Dada und der Gegenwart: Sind sie wirklich stärker zu spüren als auch schon? «Ja, ich glaube schon, dass sie sichtbarer sind», sagt Monica Unser. «Allein mit der Frage: Wie macht man Kunst in solchen Zeiten? In Italien hat die Regierung Meloni ein Gesetz erlassen, das nicht bewilligte Raves strafbar macht. Es gibt eine Dringlichkeit für den Körper in freier Bewegung, für Kunst und Kultur. Gerade, weil sie je nach politischer Ausrichtung schnell eingeschränkt oder kontrolliert werden können.»

«Suzanne Perrottet. After Dada, After Dance», bis So, 17. Mai; OOR Saloon & Elaine Mitchener, So, 18. Jan., New Kyd, Fr, 13. und Do, 26. Feb., Thibault Lac, Do, 26. März, Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, Zürich. cabaretvoltaire.ch 23

BILDER: KUNSTHAUS ZÜRICH, ARCHIVES OF THE ZÜRCHER KUNSTGESELLSCHAFT AND KUNSTHAUS ZÜRICH ( 2); LUISE SCHWABE, ZÜRICH © PROLITTERIS

1 Suzanne Perrottet (ganz rechts) gehörte der MonteVerità-Bewegung an. Das Bild entstand 1914 am Lago Maggiore. 2 «Verliebt» nannte Suzanna Perrottet diesen von ihr um 1939 herum skizzierten Tanz. 3 Die damals 31-jährige Avantgardistin im Jahr 1920.


BILDER: CHRISTINE PLENUS ( 3)

Wie sich um einen bedürftigen Menschen kümmern, wenn man selber noch Kind ist? Dieser Frage gingen die beiden Filmemacher nach – und erkannten dabei, wie soziale Herkunft auch die Gegenwart bestimmt.

Erwachsenwerden wider Willen Kino Das neue Werk der Filmemacher Jean-Pierre und Luc Dardenne erzählt

einfühlsam und eindringlich die Geschichte fünf junger Mütter. TEXT ADELINA GASHI

Perla ist aufgelöst. Ihr Freund Robin wird sie verlassen, sie weiss es. Es sind Tränen einer Teenagerliebe, die so einnehmend und endgültig erscheint, wie sich eine erste Liebe nun mal anfühlt. Und wäre Perla ein gewöhnliches Teenagermädchen, würde sie sich wohl bei Freundinnen ausheulen, bis sie ihren Freund vergessen hätte. Doch Perla darf nicht bloss Teenager sein. Sie ist bereits Mutter. Während ihr also dicke Tränen über die Wangen rollen, hält ihr die Hebamme den kleinen Noé hin. «Er weint», sagt sie. «Ich weine auch», sagt Perla. «Er hat Hunger», sagt die Hebamme. «Ich habe auch Hunger.» Es ist ein Ringen um Platz für die eigenen Bedürfnisse einer jungen Frau, die ihrer unverhofften Mutterrolle noch nicht gewachsen ist. Diese plötzliche Gleichzeitigkeit ganz verschiedener Lebensphasen versucht der neue Film der belgischen Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne einzufangen. «Jeunes mères» erzählt die Geschichte von Perla, Naïma, Julie, Jessica und Ariane, die in der belgischen Stadt Lüttich/Liège in einem Heim für 24

alleinerziehende Mütter leben. Hier sollen sie lernen, für ihre Babys zu sorgen. Ihre eigenen Biografien sind geprägt von zerrütteten Familienverhältnissen, von Drogen, Geldnot und häuslicher Gewalt. Da ist die hochschwangere Jessica, die ihrem ungeborenen Kind verspricht, es besser machen zu wollen als ihre eigene leibliche Mutter, die sie einst weggegeben hat und zu der sie heute verzweifelt Kontakt herzustellen versucht. Oder die 15-jährige Ariane, deren Mutter alkoholkrank ist – sie selber möchte lieber das Gymnasium machen, um später studieren zu können, als für ein Baby zu sorgen. Julie, einst drogenabhängig und obdachlos, konnte eine Ausbildung zur Coiffeuse absolvieren und will für ihre kleine Mia sorgen. Und dann ist da eben auch Perla, die gehofft hatte, mit ihrem Freund Robin und Baby Noé die Familie zu bekommen, die ihr selbst zuhause fehlte. Die Brüder Dardenne wagen sich in «Jeunes mères» erstmals an eine Ensemblegeschichte. So setzt sich die Handlung aus den unterschiedlichen Perspektiven der Surprise 617/26


Motten und Marotten Buch Hans Traxlers apokalyptische Erzählung «Wie die Malerei verschwand» ist zugleich bissige Satire und Liebeserklärung an die Kunst.

FOTO: ZVG

fünf jungen Teenagermütter zusammen. Das verleiht dem Spielfilm fast schon dokumentarischen Charakter, was wiederum typisch ist für das Regie-Duo. Verstärkt wird dies durch die Art der Inszenierung: Der Film kommt ohne musikalische Untermalung aus, ist geprägt von vielen Nahaufnahmen, mit der Handkamera gefilmt. Und noch etwas macht «Jeunes mères» zu einem typischen Dardenne-Film: Die Filmemacher bleiben auch in ihrem neuesten Werk dem Sozialrealismus treu und schlagen gesellschaftskritische Töne an. Die jungen Frauen im Film sind struktureller Ungleichheit ausgeliefert, ihre soziale Herkunft bestimmt ihre Gegenwart. Als Ariane entscheidet, ihr Kind wegzugeben, fragt sie die Pflegeeltern: «Darf sie später lernen, ein Instrument zu spielen?» Ein Hobby, das ihre Mutter als Alleinerziehende ihr nicht ermöglichen konnte. Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die das beschleunigte, fast schon gewaltsame Erwachsenwerden thematisiert: dann nämlich, wenn Kinder Kinder bekommen. Wie sich um einen bedürftigen kleinen Menschen sorgen, wenn man selber noch am Herausfinden ist, wie das geht, nach sich selbst zu schauen? Diese unschuldige Hilflosigkeit und der gleichzeitige hoffnungsvolle Kampf der Protagonistinnen machen den Film so ergreifend. Die schauspielerische Leistung der Darstellerinnen ist beeindruckend. Für drei von ihnen ist es ihr Filmdebüt, nur Janaïna Halloy Fokan und Elsa Houben brachten bereits Kinoerfahrung mit. Alle fünf überzeugen jedoch gleichermassen und verkörpern ihre Figuren mit eindringlicher Verletzlichkeit. Als Zuschauer*in fühlt und hofft man mit: Es ist kein Film, der Elend zur Schau stellen will, sondern einer über das Ausbrechen. «Ich will nicht so enden wie du», sagt Ariane zu ihrer Mutter, als diese sie davon überzeugen will, ihr Baby zu behalten. Bei der Entscheidung geht es ums Wohlergehen des Kindes und um das der Mutter. Was ist richtig? Der Film masst sich keine Antwort an.

Hans Traxler ist vieles: Maler, Cartoonist, Illustrator, Kinderbuchautor und Mitbegründer des Satiremagazins «Titanic». Zudem ist er mit einer Liste von Büchern, die auf die 100 zusteuert, beeindruckend produktiv. Seine neueste Publikation ist eine Erzählung voller Fabulierlust und hintersinnigem Humor, die uns in eine fiktive Zukunft entführt, in der Riesenmotten und menschliche Marotten zentrale Rollen spielen. Wir schreiben das Jahr 2068. Pandemien, Klimaveränderungen und Überschwemmungen haben die Menschheit heimgesucht. Auf einem Kleidermarkt in Kampala wird zum ersten Mal eine bisher unbekannte Riesenmotte gesichtet – gross wie ein Mauersegler, mit spitzen Zähnen, schrillen Schreien und einer irrwitzigen Fortpflanzungsfähigkeit ausgestattet. Schon bald steuert eine gigantische Wolke von Milliarden dieser Insekten auf die Küste von St. Tropez zu, von wo aus sie sich über den ganzen Erdball ausbreitet. Und diese apokalyptische Heerschar hat einen unstillbaren Hunger auf Leinwände. Alle Gegenwehr, die von Heldenmut bis Idiotie reicht, ist vergeblich. Bis auf das letzte Meisterwerk geht alles, was Menschenhand in 5000 Jahren Malereigeschichte geschaffen hat, verloren. Kein Museum, keine Kunsthalle, keine Privatsammlung bleibt verschont. Doch als sich die Menschheit endlich aufrafft, um von Neuem zu beginnen, zeigt sich, dass niemand mehr das Handwerk der Malerei beherrscht. Was folgt, ist ein wilder Ritt und eine satirische Abrechnung querfeldein durch die Kunstgeschichte. Kenntnisreich und mit beissendem Spott führt uns Traxler durch die Entwicklung der Malerei, die im 20. Jahrhundert in eine hektische Abfolge von Schulen, Stilen und -ismen mündet, die schliesslich zu ihrer Auslöschung führt. In einer letzten «documenta» wird dieser Abgesang auf die Spitze getrieben beziehungsweise buchstäblich auf den Punkt gebracht. Das mag satirisch überspitzt sein, spiegelt aber auch zugleich so manche Auswüchse von Kunst und Kunstmarkt wider. Doch der Satiriker Traxler ist nicht nur Kunstkritiker, sondern auch einer, der für die Kunst lebt. Und so schlägt der 1929 Geborene am Schluss ein versöhnliches Kapitel auf. Eines, das nicht nur erklärt, wie der Autor zur Idee für diesen lustvoll-frivolen Albtraum gekommen ist, sondern auch in der Schilderung eines selbst erlebten und gerade noch verhinderten Gemäldeverlusts zur Liebeserklärung an die Malerei wird. All das zu lesen, macht vor allem eines: Viel Spass! CHRISTOPHER ZIMMER

Hans Traxler: Wie die Malerei verschwand Eine Kunstgeschichte. Edition Tiamat 2024. CHF 38.90

«Jeunes mères», Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, BEL 2025, 106 Min. Läuft zurzeit im Kino. Surprise 617/26

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Zürich «Valerie Reding, Genosidra, Bast Hippocrate, William Cardoso: wet dreams», Tanz, Do/Fr, 22./23. Jan., So, 25. Jan., Di/Mi, 27./28. Jan., jeweils 20 Uhr ausser So um 18 Uhr, Tanzhaus Zürich, Wasserwerkstrasse 127a. tanzhaus-zuerich.ch

Die Strassen sind leer, rissig und vom Regen durchtränkt. Die Luft ist schwer und dicht von Rauch und Dampf. Ein schwaches, flackerndes Licht spiegelt sich auf dem nassen Boden. Ein pulsierender metallischer Klang durchdringt den Raum. Das sind «wet dreams»: Vier Performer*innen, die sich über einen wässrigen Planeten kämpfen und durch eine seltsame, zerbrochene Welt kriechen, taumeln. Zu ihnen gehört Valerie Reding, Choreograf*in und interdisziplinäre*r Künstler*in, deren emotional und visuell eindringliche Arbeiten die Grenzen zwischen Bewegung, Poesie und Politik, zwischen Institution und Underground auflösen. Die Performances sind radikale Akte von Verletzlichkeit und Widerstand, in denen Identitäten fliessen und der Körper zu einem Ort des Protests und kollektiven Wandels wird. Carlos Quebrada aka Genosidra ist ein kolumbianischer Musikproduzent, Bassist, Performer. Unter dem Namen Genosidra taucht er in eine experimentelle elektronische Ästhetik ein und verbindet diese mit lateinamerikanischer Tanzmusik sowie transdisziplinärer Performance. Bast Hippocrate ist ein queerer afro-schweizerischer Künstler, dessen Arbeit sich zwischen Autofiktion, Körperlichkeit und Verletzlichkeit bewegt. Und der Choreograf und Performer William Cardoso fordert in seinen Arbeiten patriarchale und heteronormative Strukturen mit Dringlichkeit und Wut heraus. DIF

Basel «Cinema Querfeld», Festival, Fr, 30. Jan. bis So, 1. Feb., Gundeldinger Feld, Dornacherstrasse 192. cinema-querfeld.ch

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Das Cinema Querfeld ist ein kleines Filmfestival, das drei Tage lang Filme zeigt, die sich interkulturellen und Menschenrechts-Themen widmen. Und es ist ein Ort der Begegnung, mit Bar und Brunch (und Abendessen sowie Kaffee und Kuchen). Hinter dem Projekt stehen neben dem Verein Querfeld der italienische Migrantenverein Colonia Libera Italiana di Basilea und das Wohnheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (WUMA). Eröffnet wird denn auch mit einem Kurzfilm von Jugendlichen des WUMA – das Festivalthema heisst «Mut». Weiter geht es mit dem Schweizer Dokumentarfilm «Riverboom» (der als ­Afghanistan-Roadmovie daher-

kommt, darüber kann im Publikumsgespräch diskutiert werden), und danach mit «Rafiki» (Kenia 2018) über eine Freund- und Liebschaft zweier junger Frauen: Wanuri Kahius Spielfilm förderte in Kenia die öffentliche Diskussion über Homosexualität und war der erste kenianische Film, der in Cannes gezeigt wurde. Und Mohamed Kordofanis «Goodbye Julia» widmet sich den komplizierten Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen im Sudan. Der Film spielt in Khartum in den letzten Jahren kurz vor der Unabhängigkeit des Südsudan im Jahr 2011. (Auch dieser lief übrigens in Cannes.) Des Weiteren sind Filme aus Bolivien, Georgien und Frankreich zu sehen. DIF

Bern «Cloée Pascale: Farben­ welten», Kunstausstellung, Fr, 16. Jan. Vernissage 16 bis 18 Uhr, bis Do, 12. Feb., Mo bis Mi, 9 bis 17 Uhr, Do und Fr bis 22 Uhr, Dock 8, Holligerhof 8. dock8.ch Ein intuitives Farbenspiel ist Cloée Pascales Kunst, auf die Leinwand gebracht teils mit blossen Händen, teils mit dem Pinsel. Ihre Technik hat sie sich mit dem Kohlestift angeeignet, indem sie abgeschabtes Kohlepulver, dieses gräuliche Schwarz, mit beiden Händen auf dem Blatt verteilte. Bis das Gefühl entsteht: Jetzt ist es gut. Es ist auch heute jeweils das Schlüsselmo-

ment, wenn eine Bedeutung quasi von selber aus dem Bild heraustritt und erkennbar wird. Für sie selbst, für andere. Ein Gefühl vielleicht. Oder eine Landschaft. Schatten, die etwas darstellen. Gesichter, Personen. Cloée Pascales Malerei ist nie Abbildung, sondern ein Spiel, ein Beobachten dessen, was im Moment erst entsteht. Später

griff sie zu Leinwand und Ölfarbe. Das Malen von Hand blieb auch dann Bestandteil ihrer Praxis, weil es eine physische Nähe zur Leinwand schafft, im Gegensatz zum Pinsel, der Distanz mit sich bringt. Arbeiten mit der Materialität der Farben, als ob sie Erde wären, die geformt wird. Gerne grossformatig. Prozessorientiert. Cloée Pascale, die in Bern seit letztem Jahr auch Surprise verkauft, hat in ihrem Leben schon immer gezeichnet. Jetzt zeigt sie ihre Ölbilder zum ersten Mal mit einer Ausstellung der Öffentlichkeit. DIF

Bern «Das grosse bunte Treffen der Chöre», Konzert, So, 25. Jan., 18.30 Uhr, Dachstock, Neubrückstrasse 8. tourdelorraine.ch 2001 organisierten in Bern fünf alternative Restaurants und Bars eine gemeinsame Soli-Party zur Finanzierung einer Anti-WEF-

Demo. Nach dem Austragungsort im gleichnamigen Berner Quartier «Tour de Lorraine» getauft, etablierte sich der Anlass in den Folgejahren erfolgreich als mehrtägige Veranstaltungsreihe für eine vielfältige, gerechte und solidarische Gesellschaft . Die kritische Aus­ einandersetzung mit den Folgen der Globalisierung ist inhaltlicher Kern des Festivals. Dieses Jahr findet es vom 23. bis 31. Januar unter dem Motto «Bildet bunte Banden!» statt, und bereits zum dritten Mal ist das «Grosse bunte Treffen der Chöre» ein Teil des abwechslungsreichen Programms mit Workshops und verschiedenen Kulturveranstaltungen. Ein perfekter Rahmen also für unseren Strassenchor, der selbst für Vielfalt und gegen Ausgrenzung ansingt. Gemeinsam mit Lalalacoeur, dem feministischen Streikchor, und Esels Alptraum wird der Surprise Strassenchor an seinem ersten Auftritt in diesem neuen Jahr mit Lebensfreude die verbindende Kraft der Musik hautnah spürbar machen. Alle sind herzlich willkommen, und Mitsingen ist erwünscht! FUX

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BILD(1): ARON SMITH, BILD(2): TRIGON, BILD(3): CLOÉE PASCALE, BILD(4): KLAUS PETRUS

Veranstaltungen


Randnotizen

Darf ich mich setzen? Sonntagnachmittag, warme Küche, irgendwo im Basler Stadtteil Gundeli. Es ist Anfang Dezember. Über der Stadt liegt Nebel, die dunklen Nächte dehnen sich aus, tagsüber bewegt sich der Himmel in Grautönen. Als ich angefragt wurde, ob ich für das Strassenmagazin Surprise eine Kolumne schreiben möchte, erfasste mich eine leichte Panik. Was um Himmels willen soll ich Euch erzäh­len? Ich verlor mich in Gedanken, haderte mit meinen Ansprüchen – und prokrastinierte, wo es nur ging. Den grössten Kampf führt der Mensch gegen die Ablenkung, die ihn mit mächtigen Mitteln bedrängt. Bevor ich noch mehr Chuchiplättli poliere oder in skurrile digitale Kaninchenlöcher falle, wende ich einen altbewährten Trick an, der auch bei schwierigen Gesprächen Wunder wirkt: das Setting ändern. Das verschafft eine kurze Verschnaufpause – und oft einen neuen Einstieg ins Thema. Also wechsle ich ins Café Bar Royal an der Güterstrasse: sieben Tage die Woche geöffnet und einer der wenigen Orte, an denen man noch für einen Fünfliber einen Cappuccino bekommt.

ILLUSTRATION: MAJ LISA DÖRIG

Ich bin die, die sich einfach dazusetzt. Auf ein Trottoir. Auf eine Parkbank. Auf den Boden, wenn’s sein muss. Ich bringe keine schnellen Lösungen mit, selten grosse Versprechen – aber immer Offenheit und Akzeptanz. Ich bin Gassenarbeiterin in Basel. Das heisst: Ich gehe dort­hin, wo Menschen meist unsichtbar sind – ausser ihre Sichtbar­keit fällt auf, stört oder beunruhigt. Dorthin, wo sich Brennpunkte auftun und es laut wird. Ich höre zu, frage nach, bleibe stehen. Jetzt möchte ich mich auch hierhin setzen – auf die Seiten dieses Magazins. Nicht als Expertin, die alles weiss. Nicht als Stimme der Szene. Sondern als jemand, der unter Menschen unterwegs ist und etwas davon erzählen möchte. In diesen Surprise 617/26

Randnotizen möchte ich teilen, was mir auf der Strasse begegnet – in meiner Arbeit, aber auch in meinem persönlichen Blick auf eine Stadt, in der Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und öffentlicher Raum immer wieder neu verhandelt werden. Es geht um Ausgrenzung, Aneignung, Ankommen und Fremdsein, um dieses Dazwischen, das viele kennen – aber auch um Mut, Überleben, Zugewandtheit, die Glut, die uns zusammenhält, und manchmal sogar um Liebe. Und um all die kleinen Dinge, die unser Leben gross werden lassen. Es geht um die Winkel und Gassen von Basel, um die ein­ schlägigen Kneipen, um Orte, an denen kein Konsumzwang herr­scht, um Parkbänke, Mauern, um Unterführungen und Brückenpfeiler, um die stillen Ecken hinter den Bahnhöfen, um Nischen und öffentliche Toiletten, um Treffpunkte, die offiziell keine sind, um Kirchenportale bei Nacht, um Grünflächen, in denen niemand stört – solange niemand sichtbar ist. Aber ich möchte nicht nur Eindrücke und Gedanken teilen. Ich möchte, wenn möglich, ins Gespräch kommen – mit Euch, liebe Leser*innen. Vielleicht interessiert Euch ja, wie Sozial­ arbeit aussieht, wenn sie draussen stattfindet? Oder was Menschen erzählen und erleben, die – scheinbar am Rand – doch mitten in der Stadt leben. Was bewegt, berührt, verwundert oder irritiert Euch, wenn ihr durch Eure Stadt geht? O ­ der welche Fragen, die Euch persönlich oder gesellschaftlich beschäftigen, sollten hier Platz finden? Schreibt mir. Ganz ehrlich, ganz direkt. Postkarten sind willkommen (an: Redaktion Surprise, Münzgasse 16, 4051 Basel). Ich komme hier gerne darauf zurück.

ADRIANA RUŽEK arbeitet als Gassen­ arbeiterin in Basel. Ihre Randnotizen erzählen vom Schönen, vom Schwierigen – und von allem, was sichtbar wird, wenn sich der Blick weitet.

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IND 0.– S AB 50 ABEI! SIE D

Die 25 positiven Firmen Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung. Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.

SURPLUS – DAS NOTWENDIGE EXTRA Das Programm

Wie w ist Ihn ichtig Unabh en Ihre ängigk eit?

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist. 01

unterwegs GmbH, Aarau

02

Blumen & Kohl GmbH, Zehendermätteli

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Praxis Dietke Becker, Männedorf

04

Boner Elektrohaus AG, Basel

05

Büro Dudler, Raum- und Verkehrsplanung, Biel

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Infopower GmbG, Zürich

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FF Finanzberatung Flückiger, Baar

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Fäh & Stalder GmbH, Muttenz

09

RTB GmbH, nobullshit-websites, rtp.ch

10

Deragisch Consulting GmbH

11

Kählin Bodenbeläge GmbH

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Napura GmbH, Neuheim

13

Barth Real AG, Zürich

14

die Mappe GmbH, Agentur in Basel

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ARISVERLAG

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Automation Partner AG, Rheinau

17

Xmedia für Kommunikation, Laufenburg

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Lebensraum Interlaken GmbH

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TopPharm Apotheke Paradeplatz

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Stahel & Co. AG, Winterthur

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Gemeinnützige Frauen Aarau

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Spoon Thai Kitchen, Zürich

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movaplan GmbH, Baden

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InoSmart Consulting, Reinach

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Fonds Heidi Fröhlich

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende ab 500 Franken sind Sie dabei. Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma und Ihr gewünschter Namenseintrag (max. 40 Zeichen inkl. Leerzeichen). Sie erhalten von uns eine Bestätigung. Kontakt: Clara Fasse Team Marketing, Fundraising & Kommunikation T +41 61 564 90 53 I marketing@surprise.ngo

Einige unserer Verkäufer*innen leben fast ausschliesslich vom Heftverkauf und verzichten auf Sozialhilfe. Surprise bestärkt sie in ihrer Unabhängigkeit. Mit dem Begleitprogramm SurPlus bieten wir ausgewählten Verkäufer*innen zusätzliche Unterstützung. Sie erhalten ein Abonnement für den Nahverkehr, Ferienzuschlag und eine Grundausstattung an Verkaufskleidung. Zudem können bei finanziellen Notlagen aber auch für Gesundheits- oder Weiterbildungskosten weitere Unterstützungsbeiträge ausgerichtet werden. Die Programmteilnehmer*innen werden von den Sozialarbeiter*innen bei Surprise eng begleitet.

Eine von vielen Geschichten Ricardo Da Costa verliess 2003 GuineaBissau, wo seine Familie immer noch lebt. Der Mechaniker arbeitete zuerst als Bauarbeiter in Portugal und Italien. 2013 kam er in die Schweiz. Wenige Tage nach seiner Ankunft wurden ihm alle Wertsachen gestohlen und er stand er ohne Papiere da. Auf der Gasse lernte er einen Strassenmagazin-Verkäufer kennen und verkauft seither auch. «Ich bin froh, bei Surprise zu sein», erzählt Ricardo. «Manchmal komme ich traurig ins Büro und gehe mit einem Lächeln auf dem Gesicht wieder raus.» SurPlus ist für ihn eine grosse Unterstützung: Das ÖV-Abo ermöglicht Mobilität beim Heftverkauf und bei Schwierigkeiten stehen ihm die Mitarbeitenden mit Rat und Tat bei.

Weitere Informationen gibt es unter: surprise.ngo/surplus

Unterstützen Sie das SurPlus-Programm mit einer nachhaltigen Spende Derzeit unterstützt Surprise 30 Verkäufer*innen des Strassenmagazins mit dem SurPlus-Programm. Ihre Geschichten stellen wir Ihnen hier abwechselnd vor. Mit einer Spende von 6000 Franken ermöglichen Sie einer Person, ein Jahr lang am SurPlus-Programm teilzunehmen.

Unterstützungsmöglichkeiten: · 1 Jahr: 6000 Franken · ½ Jahr: 3000 Franken · ¼ Jahr: 1500 Franken · 1 Monat: 500 Franken · oder mit einem Beitrag Ihrer Wahl.

Spendenkonto: IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3 | Vermerk: SurPlus Oder Einzahlungsschein bestellen: T +41 61 564 90 90 info@surprise.ngo | surprise.ngo/spenden Herzlichen Dank!


Wir alle sind Surprise Impressum Herausgeber Surprise, Münzgasse 16 CH-4051 Basel Geschäftsstelle Basel T +41 61 564 90 90 Mo–Fr 9–12 Uhr info@surprise.ngo, surprise.ngo Regionalstelle Zürich Kanzleistrasse 107, 8004 Zürich T +41 44 242 72 11 Regionalstelle Bern Beundenfeldstrasse 57, 3013 Bern T +41 31 332 53 93 M+41 79 389 78 02 Soziale Stadtrundgänge Basel: T +41 61 564 90 40 rundgangbs@surprise.ngo Bern: T +41 31 558 53 91 rundgangbe@surprise.ngo Zürich: T +41 44 242 72 14 rundgangzh@surprise.ngo Anzeigenverkauf Stefan Hostettler, 1to1 Media T +41 43 321 28 78 M+41 79 797 94 10 anzeigen@surprise.ngo Redaktion Verantwortlich für diese Ausgabe: Sara Winter Sayilir (win) Diana Frei (dif), Klaus Petrus (kp), Lea Stuber (lea), Esther Banz (eb) T +41 61 564 90 70 redaktion@strassenmagazin.ch leserbriefe@strassenmagazin.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Simon Berginz, Monika Bettschen, Christina Baeriswyl, Maj Lisa Dörig, Hanna Fröhlich, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Isabel Mosimann, Fatima Moumouni, Adriana Ružek, Ralf Schlatter, William Stern, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Raphael Ganz, Adelina Gashi, Michael Hofer, Ruben Hollinger Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Geneh­migung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt. Gestaltung und Bildredaktion Bodara GmbH, Büro für Gebrauchsgrafik Druck AVD Goldach Papier Holmen TRND 2.0, 70 g/m2, FSC®, ISO 14001, PEFC, EU Ecolabel, Reach Auflage 26900 Abonnemente CHF 250.–, 25 Ex./Jahr Helfen macht Freude, spenden Sie jetzt. IBAN CH11 0900 0000 1255 1455 3

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#612: Von wegen Unglücksrabe

«Ein einfacher Grund» Danke für den Beitrag «Von wegen Unglücksrabe». Einige Argumente, weshalb Raben unbeliebt sind, überzeugen mich aber nicht: 1. «Schwarz» verursacht Vorurteile? Wieso bewundern wir dann schwarze Amseln, Blesshühner oder essen auch schwarze Hühner? 2. «Intelligenz» verunsichert? Wieso lieben wir dann die intelligenten Hunde oder die Delphine? 3. «Der Rabe sei dem Menschen zu ähnlich» – der Mensch müsse sich deshalb «abheben»? Wieso haben wir denn keine Mühe mit Menschenaffen? Ich glaube, die Unbeliebtheit basiert auf einem ganz einfachen Grund: Die Kräherei (besonders im Schwarm) nervt gewaltig. Morgens und abends. MARKUS GASSER, Thalwil

«Sehr viel Spannendes» Ich bin seit Jahren ein treuer Surprise-Leser, aber ihre letzte Ausgabe macht ihrem Namen nun wirklich alle Ehre: Welch schöne Überraschungen sich in diesem Heft finden! Der seltene Blick hinter die Kulissen des SEM, sehr viel Spannendes über Pilze und dann der Text über die schwarzen Vögel, toll geschrieben mit schönen Zeichnungen und einem völlig überraschenden Zusammenhang zwischen der Ethologie der Rabenvögel und der Soziologie des Fremden. Toll! MARTIN SEEL, Spiez

«Und mir fehlt ...» Mit Interesse habe ich den Artikel über die Raben und Krähen gelesen. Zwei Dinge möchte ich anfügen: Dass Noah den Raben verfluchte, steht so nicht in der Bibel (1. Buch Mose Kapitel 8). Und mir fehlt der Hinweis auf den Dokumentarfilm «Krähen – Die Natur beobachtet uns» von Martin Schilt (2023), den ich sehr empfehlen kann. EVA LÜSCHER, Kt. Aargau

Anm. d. Red.:

Dass Noah den Raben verfluchte, gibt Autor Klaus Petrus zu, war eine prosaische Über­höhung seinerseits, ein literarisches Stilmittel. Der Verweis auf den Film hingegen war ursprünglich Teil des Textes, ist aber dem Kürzungsstift im Abschluss zum Opfer gefallen. Wir danken fürs aufmerksame Lesen und bitten um Verständnis.

#616: «Ich wollte ihn immer wieder verlassen …»

Korrigendum In der letzten Ausgabe fanden Sie auf Seite 16 im Kasten «Gewalt und Schutz» Informa­tionen zu Konflikten zwischen Eltern und Kindern sowie zum Mädchenhaus Zürich. Im dazugehörigen Artikel ging es jedoch um sexualisierte Gewalt in einer Paarbeziehung. Der Hinweis im Kasten war unbeabsichtigt aus einem älteren Text stehengeblieben («Schutz und Freundschaft», #594, Februar 2025). Wir entschuldigen uns für die Verwirrung. DIE REDAK TION

Ich möchte Surprise abonnieren Das Abonnement ist für jene Personen gedacht, die keinen Zugang zum Heftverkauf auf der Strasse haben. Alle Preise inklusive Versandkosten.

25 Ausgaben zum Preis von CHF 250.– (Europa: CHF 305.–) Reduziert CHF 175.– (Europa: CHF 213.50) Gönner*innen-Abo für CHF 320.– Probe-Abo für CHF 40.– (Europa: CHF 50.–), 4 Ausgaben Reduziert CHF 28.– (Europa: CHF 35.–)

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Halbjahres-Abo CHF 120.–, 12 Ausgaben Reduziert CHF 84.– Der reduzierte Tarif gilt für Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Es zählt die Selbsteinschätzung.

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FOTO: RUBEN HOLLINGER

Surprise-Porträt

«Ich bin ein grosser YB-Fan» «Ich wurde in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, geboren. Als ich zwei Jahre alt war, starb meine Mutter. Während mein Vater als Lastwagenfahrer unterwegs war, schaute meine Grossmutter zu mir. Als er wieder heiratete, zogen wir zu seiner neuen Frau in den eritreischen Teil von Äthiopien. Eritrea war zu dieser Zeit nicht eigenständig, sondern eine Provinz von Äthiopien. Solche Dinge verstand ich damals nicht. Was ich als etwa Sechsjähriger hin­gegen mit Sicherheit wus­ste: Mit dieser Stiefmutter geht das nicht, ich muss hier weg! Also kletterte ich eines Tages in Vaters Lastwagen und versteckte mich hinter seinem Sitz. Dort blieb ich, bis mich Stunden später der Hunger plagte. Mein Vater war bei meinem Anblick sehr überrascht, aber nicht böse. Er verstand meine Not und suchte in den folgenden Wochen, während wir zusammen im Lastwagen unterwegs waren, nach einer Lösung. Diese fand er in der Person von Giovanni, einem Freund meines Vaters und Automechaniker mit eigener Gara­ge in Addis Abeba. Er und seine Frau wurden für mich wie Eltern, die beiden Söhne wie meine Brüder. Das Aufwachsen in dieser italienisch-äthiopischen Familie war ein grosses Glück – und wegweisend. Nach der Schule ging ich immer in die Werkstatt und half Giovanni bei der Arbeit. Kein Wunder, wurde ich Autoelektriker. Nach der Lehrzeit bei Giovanni, Mitte der 1980er-Jahre, zog es mich weiter zum Welternährungsprogramm der UNO. Während der grossen Hungersnot in Äthiopien waren viele Lastwagen mit Nahrungsmitteln unter­wegs. Nach ein paar Jahren begleitete auch ich solche Versorgungskonvois, unter anderem von Uganda nach Ruanda. Es war wichtig, dass die Lastwagen einwandfrei liefen. Die Lage in Ruanda war auch nach dem Genozid gefährlich, wir trugen stets kugelsichere Schutzwesten. Bei einem dieser Transporte verspürte ich grosse Schmerzen. Ich entschied mich, für eine Untersuchung nach Addis Abeba zurückzukehren. Dort zeigte sich: Ich habe Gallensteine, und eine Operation ist nötig. Diese wurde zum Desaster. Im staatlichen Spital hatten sie zu wenig Narkosemittel, und ich wachte mitten im Eingriff auf. Weil ich laut schrie, beeilte sich der Arzt so sehr, dass er eine Schere und Watte im Bauchraum vergass. Ich wäre fast gestorben. Gerettet hat mich eine zweite OP im Spital des Russischen Roten Kreuzes – das staatliche Spital hatte mich abgewiesen, als ich mit Komplikationen dorthin zurückkehren wollte. 30

Yemane Tsegaye, 64, verkauft Surprise seit Frühling 2012 an der Ecke Bärenplatz/Spitalgasse in Bern.

Meine gesundheitlichen Probleme waren in den fol­genden Jahren jedoch nicht die einzigen. Weil sich Eritrea mittlerweile die Unabhängigkeit erkämpft hatte, wollte die äthiopische Regierung Leute wie mich mit eri­treisch-stämmigen Eltern loswerden. Also beschloss ich, nach Eritrea zu ziehen. Doch kaum war ich dort, sollte ich Militärdienst leisten. Das bedeu­tete: Im Ernstfall hätte ich auf meine Leute schiessen müssen. Das ging gar nicht. Ich kehrte nach Addis Abeba zurück und betrieb meine eigene Garage. Als immer häufiger Beamte auftauchten und mich vor die Wahl stellten: das Land verlassen oder in ein Flüchtlingslager ziehen – in meinem Geburtsland –, ent­schied ich: Ich flüchte, nach Europa. Mittlerweile lebe ich seit 2011 in Bern. Seit 2012 verkaufe ich Surprise. Der Kontakt zu meiner Kundschaft bedeutet mir sehr viel – manche Leute kenne ich seit dem Anfang. Eine andere Arbeit habe ich leider aus gesundheitlichen Gründen nicht finden können. Wenn ich nicht arbeite, schaue ich gerne fern, um mein Deutsch zu verbessern. Kindersendungen eignen sich dazu am besten. Und um mein Italienisch nicht zu verlernen, schaue ich am Abend die Nachrichten im Tessiner Fernsehen. Danach am liebsten einen Fussballmatch. Ich bin grosser YB-Fan, inzwischen mehr vom Frauen- als vom Männerteam. Die Frauen sind fokussierter und geben alles, um als Team zu gewinnen.»

Aufgezeichnet von ISABEL MOSIMANN Surprise 617/26


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Der Verkauf des Strassenmagazins Surprise ist eine sehr niederschwellige Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen und den sozialen Anschluss wiederzufinden.

Ein Strassenmagazin kostet 8 Franken. Die Hälfte davon geht an den*die Verkäufer*in, die andere Hälfte an den Verein Surprise.

Das Heft erscheint alle 2 Wochen. Ältere Ausgaben werden nicht verkauft.

info@surprise.ngo

Alle Verkäufer*innen tragen gut sichtbar einen Verkaufspass mit einer persönlichen Verkaufsnummer. Diese ist identisch mit der Nummer auf dem Magazin.


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