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Strassenmagazin Nr. 629

3. bis 16. Juli 2026

CHF 8.–

davon gehen CHF 4.–an die Verkäufer*innen

Literatur

Demian Cornu

Azad Şîmmo

Melara Mvogdobo

Shukri Al Rayyan

Louisa Merten X Noëme

Bitte kaufen Sie nur bei Verkäufer*innen mit offiziellem Verkaufspass

«Für mich gibt es nur eine

Richtung: Vorwärts»

Kathy Messerli wird auf ihrem Sozialen Stadtrundgang durch Bern von ihrem Therapiehund Miley begleitet. Sie spricht über psychische Erkrankungen, erlebte Traumata und macht den Weg in die Armut sichtbar.

Buchen Sie einen Sozialen Stadtrundgang in Basel, Bern oder Zürich.

Editorial

Aussicht

Eine Aussicht kann vieles sein – ein Blick ins Weite oder in die Zukunft. Eine Erwartung, Hoffnung. Eine Projektion. In dieser Ausgabe spielen sieben Autor*innen das Thema durch. So schaut Migmar Dolma in ihrem Text auf und unter die glatte Oberfläche eines Schweizer Sees (S. 18), und Louisa Merten beschreibt einen Besuch in Kenia (S. 20). In X Noëmes Medley vermischen sich Print und Live-Performance (S. 22), und Demian Cornu spinnt ein filigranes Familiengeflecht (S. 5).

In manchen Texten steckt Bitterkeit, klarsichtig, intelligent und auch immer wieder unterhaltsam. Nicht weniger relevant als unsere journalistischen Ausgaben, denn in der Kultur spiegeln sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Deshalb hier auch eine Triggerwarnung: In Melara Mvogdobos Text geht es u. a. um Suizid. Allerdings mehr als Stilmittel, das die Aussicht aufs Weiterleben auf so düstere wie elegante Weise auf den Punkt bringt (S. 9).

Illustrationen

Martina Pauková lebt und arbeitet als Illustratorin in Berlin. Für diese Ausgabe entwickelte sie eine Serie ruhiger, poetischer Bilder über Perspektive, Erwartung und innere wie äussere Aussicht.

5 Demian Cornu Später ist jetzt

7 Azad Şîmmo Ankunft

9 Melara Mvogdobo Der Ziehbrunnen

13 Shukri Al Rayyan Korridor der Küsse

Zwei Beiträge stammen aus dem Projekt «Weiter Schreiben Schweiz», einer Plattform, die Literatur von geflüchteten Autor*innen fördert. Die Texte von Azad Şîmmo (S. 7) und Shukri Al Rayyan (S. 13) spielen beide in Schweizer Settings und beschreiben die Aussichten von geflüchteten Menschen in Gegenden, die doch auch anderen vertraut sein dürften.

Und überall lockt die Vieldeutigkeit. Wie auch auf unserem Cover. Spiegelt das Wasser oder lässt es tief blicken? Sie werden es herausfinden. Wir danken ganz herzlich allen Autor*innen und der Illustratorin Martina Paukova für die wunderbare Zusammenarbeit.

Ihnen wünschen wir eine gute Lektüre. Im nächsten Heft geht es weiter mit dem Thema «Einblick».

DIANA FREI Redaktorin

18 Migmar Dolma Sangmo

20 Louisa Merten Die Aussicht am Hippo Point

22 X Noëme Freies Geleit für fiktive T*rr*r*st*innen

27 Rätsel

28 SurPlus Positive Firmen

29 Wir alle sind Surprise Impressum Surprise abonnieren

30 Surprise-Porträt «Ist das Arbeit?»

Später ist jetzt

Ich bringe Dich in die Kita. Wir sind wie meistens spät dran. Es reicht gerade aufs Znüni. Danach habe ich Zeit zum Schreiben. Ein paar administrative Sachen noch. Putzen sollte ich auch mal wieder. Einkaufen. Mails beantworten. Den Rest ein anderes Mal. Sonst wird das heute nichts. Wir ziehen Deine Schuhe aus. Deine Freunde warten schon. Ich umarme Dich. Sage Dir, dass Dich heute Deine Mama abholt. Dass wir uns morgen sehen. Am Abend bin ich bei meiner Freundin. Ich muss am Nachmittag los, um zum Essen da zu sein. Ich freue mich auf sie und vermisse Dich bereits.

Wir sind in der Kita. Alle sind schon da. Papa sagt Tschüss. Am Abend holt mich meine Mama ab. Meine Freundin ruft. Ich gehe spielen. Tschüss Papa!

Ich schaue Dir hinterher. Du gehst spielen. Du lachst. Dann bist Du weg. Ich gehe zur Tür. Verstaue Dein Fahrrad im Keller. Draussen schicke ich Deiner Mama eine Sprachnachricht. Jacke nicht mitgenommen. Warm genug. Sonst alles wie immer. Morgen wann und wo Übergabe. Ich erledige ein paar Sachen am Handy. Nehme den Bus. Ich denke an Dich. Du wirst einen guten Tag haben. Ich überlege, womit ich beginne, wenn ich zu Hause bin.

2

Ich habe zu wenig geschlafen. Kopfschmerzen. Ich mache Dir Frühstück. Dann Dusche. Kaffee. Rauchen. Jetzt liege ich bei Dir auf dem Boden. Wir spielen Memory.

Wir haben lange geschlafen. Papa ist trotzdem müde. Er deckt die falschen Karten auf. Du gewinnst. Jetzt willst Du ein Buch anschauen. Eines, das ich nicht mag. Ich würde dabei einschlafen. Ich muss mich bewegen. Wach bleiben. Ich schlage Klettern vor. Ich bin der Baum. Du kletterst an mir hoch. Auf das Hochbett.

Papa hat eine gute Idee. Wir klettern. Hoch und runter. Noch einmal. Hoch und runter.

Ich sage Dir: Noch zweimal. Dann brauche ich eine Pause.

Ich sage Papa: Noch dreimal.

Du springst das letzte Mal. Landest auf meinem Bauch. Ich umarme Dich. Du bleibst liegen. Auf mir. Ich spüre Deine Wärme. Die Ruhe. Ich sage: Lass uns einfach kurz so hier sein.

Ich will nach draussen.

3

Ich sage Dir, dass ich kurz auf den Balkon gehe. Dass wir danach weiterspielen. Du weisst, dass ich dort rauche. Ich sage es anders. Für Dich ist nicht wichtig, was ich mache. Sondern wie lange. Ich rauche. Ich schaue aufs Handy. Ich trinke Kaffee. Ich mache alles gleichzeitig. Möglichst schnell. Ich atme schlecht dabei. Ich weiss, dass es nicht gesund ist.

Papa ist auf dem Balkon. Kurz, hat er gesagt. Danach spielen wir weiter. Ich spiele etwas für mich. Bis er zurück ist. Ich spiele gerne allein. Ich spiele auch gerne mit Papa.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich muss Dir erhalten bleiben. Du bist noch

jung. Das denke ich manchmal. Aber ich bleibe gesund. Weil ich es Dir schulde. Weil ich muss. Weil ich will.

Papa ist immer noch auf dem Balkon. Ich gehe nachschauen. Ich stelle mich ans Fenster. Ich warte, bis er mich sieht. Er schaut auf. Ich verstecke mich. Jetzt kommt er rein. Ich drücke die Zigarette aus. Ich gehe rein. Wasche meine Hände. Spüle meinen Mund. Dann spielen wir weiter.

4

Ich sage Dir, dass heute Deine Schwester zum Essen kommt. Deine Halbschwester. Sie ist schon eine junge Frau. Du weisst, dass ihr Geschwister seid. Du magst sie sehr. Wenn Papa nach dem Essen die Küche macht und dann auf den Balkon geht, spielt sie mit mir. Das ist gut.

Ich habe auch Geschwister. Eltern, die nicht zusammen waren. Aber sich gut verstanden. Ich hatte eine gute Kindheit. Wir essen. Sie reden. Ich verstehe nicht alles. Das ist nicht schlimm. Ich bin fertig. Jetzt will ich spielen.

Du kennst es nicht anders. Du hast Deine Eltern nie als Paar erlebt. Und doch scheinst Du Dich sicher zu fühlen. Und hast viele Menschen. Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, Grosseltern. Eine grosse Schwester, die Dich liebt.

Ich zeige ihr meine neuen Spielsachen. Sie lacht. Ich lache auch. Ich mag es, wenn sie da ist.

Ich frage mich, was eine Familie ist. Und wann sie genügt.

Ich sage Dir, dass ich Dich heute schon am späten Nachmittag zu Deiner Mama bringe. Ich muss mit dem Zug weg.

Papa muss wieder mit dem Zug weg. Ich frage, ob es ein Spielwagenzug ist.

Ich sage Dir, dass es einen Spielwagen gibt. Aber ich sitze nicht dort. Nur mit Dir würde ich dort sitzen. Vielleicht arbeite ich noch etwas am Computer.

Ich frage, wieso Papa mit dem Zug fährt. Ich sage Dir, dass ich aus dem Buch lesen werde. Dem mit dem Käfer.

Ich verstehe nicht ganz, wieso Papa den Zug nimmt, um aus seinem Buch zu lesen. Er sagt das öfter. Wenn wir zusammen Bücher anschauen, fahren wir nie Zug. Unsere Bücher haben viele Bilder. Sein Käferbuch nicht. Vorne sind Käfer drauf. Hinten ist ein Bild von Papa.

Ich sage Dir, dass Deine Mama Dich morgen in die Kita bringt. Dass ich Dich abhole. Dass Du dann zweimal bei mir schläfst. Dann zweimal bei Deiner Mama. Vielleicht essen wir einmal alle zusammen.

Ich will wissen, wie es dann weitergeht. Wo ich danach schlafe.

Ich sage Dir den Plan. Für die ganze Woche.

Mama, Papa, Papa, Mama, Mama, Papa, Mama.

Du wiederholst ihn. Dann fragst Du, ob übermorgen noch zweimal Schlafen bedeutet. Ich bin froh, dass Du Dich immer freust. Egal, was ich sage. Du schläfst gerne bei Deiner Mama. Du schläfst gerne bei mir. Du magst beides. Nur das Verabschieden nicht. Du bleibst im Moment. Du kannst das besser als ich.

6

Wir kommen von einem Ausflug zurück. Mit Übernachtung. Wir essen im Speisewagen. Wir haben nichts eingekauft. Die Zeit zum Umsteigen war knapp. Du bist zum ersten Mal im Speisewagen. Du findest es super. Sonst fahren wir im Spielwagen. Wenn es einen gibt. Du weisst, dass es auch Züge ohne Spielwagen gibt. Du unterscheidest sie danach.

Die Ferien mit Papa haben Spass gemacht. Mit Mama will ich die gleichen Ferien machen. Und wieder im Zugrestaurant essen.

Die Spiele. Die lustigen Dinge. Ich weiss nicht, ob es für Dich einen Unterschied macht, wenn ich viel Geld ausgebe. Oder ob es dasselbe ist wie der Spielplatz um die Ecke. Du freust Dich immer, wenn wir zusammen etwas machen.

Papa hat gesagt, wenn wir zu Hause sind, muss ich schlafen. Aber morgen machen wir wieder Puzzle. Ich mag Puzzle mit Papa. Er sagt, dass ich gut darin bin.

Du schläfst. Ich sitze mit einem Glas Wein auf dem Balkon. Ich bin müde. Ich dachte, ich arbeite noch an einem Text. Ich telefoniere kurz mit meiner Freundin. Schicke Deiner Mama eine Sprachnachricht. Fotos von unserem Tag. Von unseren Ferien, wie Du sagst. Danach mache ich nichts mehr. Und gehe trotzdem zu spät schlafen. Ich wache auf. Papa höre ich nicht. Vielleicht ist er auf dem Balkon. Oder schon in seinem Bett. Ich stehe auf. Gehe in sein Zimmer. Er legt sein Handy weg. Deckt mich zu. Ich strample die Decke zurück.

Du kommst immer, sobald ich im Bett bin. Ich sage Dir, dass ich Dich liebe. Wünsche Dir, dass Du gut weiterschläfst. Du sagst nichts. Du schläfst weiter. 7

Du hast nicht aufgegessen. Ich kratze die Reste zusammen. Spüle sie im Klo hinunter. Ich weiss, dass man das nicht machen sollte. Food Waste. Wahrscheinlich auch nicht gut für die Leitungen.

Papa hat gesagt, dass der Schinken früher ein Schwein war. Ich denke, jetzt ist er ja keines mehr. Er hat gesagt, dass man nicht zu viel Fleisch essen sollte. Ich mag Fleisch. Tiere mag ich auch. Wenn sie nicht stechen oder beissen. Schweine stechen nicht.

Ich erinnere mich an meine Grossmutter. Sie sagte, dass man jedes Reiskorn essen soll. Dass andere Kinder dafür weit laufen würden. Ich habe ihr geglaubt. Und trotzdem nicht immer aufgegessen. Ich frage mich, wann man beginnt, einem Kind solche Dinge zu erklären. Und in welcher Sprache.

Beim Spielen frage ich Papa, ob wir morgen wieder in ein Hotel gehen. Eines mit einer Wasserrutschbahn.

Andere Kinder kennen solche Hotels nicht. Wir haben Glück. Ich sage es nicht. Noch nicht.

8

Heute wache ich bei meiner Freundin auf. Später, als ich wollte. Ich habe den Schlaf gebraucht. Sie arbeitet schon vorne im Wohnzimmer. Ich dusche. Trinke Kaffee. Wir reden ein wenig. Dann verabschieden wir uns. In ein paar Tagen sehen wir uns wieder.

Ich bin bei Mama. Wir spielen Memory. Nach dem Mittagessen gehen wir auf den Spielplatz. Dann zu Papa.

Im Zug arbeite ich und frage mich, ob das Arbeit ist. Ich beantworte Mails. Denke über einen Text nach. Eine Absage kommt. Ein Fördergesuch für eine Veranstaltung. Vieles bringt kein Geld. Oder zu wenig. Ich habe momentan keinen festen Job. Eine Entscheidung. Ich ziehe sie durch, solange es geht. Ich brauche die Zeit. Für Dich. Und zum Schreiben.

Ich sage Mama, dass ich am Abend bei Papa Pizza essen will. Sie schickt ihm eine Sprachnachricht.

Ich steige aus. Gehe einkaufen. Pizzateig. Mozzarella. Ziegenkäse. Kapern für meine Hälfte. Broccoli. Wenn die Stücke klein genug sind, wirst Du ihn akzeptieren. Eine Flasche Rotwein. Für später, wenn Du schläfst.

Papa macht Pizza. Ich will noch weiterspielen. Dann fahren wir zu ihm. Ich fahre Fahrrad. Mama geht zu Fuss.

Ich frage mich, wie lange das so geht. Ob ich etwas ändern muss. Dir mehr Sicherheit bieten muss. Was ist wichtiger? Die gemeinsame Zeit oder das Sparkonto? Wirst Du mir etwas vorwerfen? Später. Ich könnte wieder arbeiten. Etwas Gewöhnliches. Das Schreiben bleiben lassen. Aber das würde mich unglücklich machen. Wir klingeln. Papa kommt runter. Öffnet die Tür. Er fragt, wie mein Tag war. Ich sage nichts. Ich will jetzt zusammen ein Puzzle machen.

Beim Essen denke ich noch einmal daran, was für Dich später wichtig sein wird. Ich sage, dass ich nach dem Essen noch ein Buch anschauen will. Dann Zähneputzen. Pyjama. Gutenachtgeschichte. Schlafen.

Später ist nicht in ein paar Jahren, denke ich. Später ist jetzt.

DEMIAN CORNU , ist Autor, Vater zweier Kinder zweier Generationen, Co­Präsident des DeutschSchweizer PEN Zentrums, Moderator der Diskussionsreihe h*story und Torwart der Schweizer LiteraturNati. Sein zweiter Roman «Einmachglas» ist 2026 erschienen.

Ankunft

TEXT AZAD ŞÎMMO

Wie viele Wege habe ich so zurückgelegt

Jetzt bin ich im Herzen Graubündens

Der Stadt, die sich vom Abhang des Engadin her erstreckt

Bin aus der Mitte der Römer gekommen

Habe von Schreibern überlieferte Erlasse mitgebracht

Vielleicht ist endlich die Zeit gekommen, deine Zufälle zu verwirklichen

Wer weiss, vielleicht ist jetzt der Herr meines Herzens hier

Oder meiner Tage voller Kummer

Diese Stadt nennt man also Chur Ringsum von Bergen umgeben

Und wenn mir diese Sicht nicht seltsam vorkäme

Erschiene sie mir wie ohnmächtig

Wie die meisten Gesichter, in die ich geschaut habe, wenn auch unabsichtlich

Wie eine Wiederholung der Geschichte

Ich fürchte, mit diesem Gefühl finde ich keine Zuflucht in dieser Stadt

Ach schaut, was ist denn das Man hört das Geräusch von Wassertropfen, wie von Tränen

Das kommt vom Lucrezia-Brunnen, bei dem ich angehalten habe

Sie war einst ein Ausbund an Tugend und Zierlichkeit

Vielleicht verliert sich durch diesen Zufall

Mein innerer Zweifel an der Liebe

Ich weiss ja, dass in vielen Erzählungen

Tränen beim Widerstand gegen Brutalität als Beweis gelten

So viele Menschen haben dieses Martyrium erlebt

Deine Neugier und dein Entdecken ergeben sich zwangsläufig

Oder man sieht sie als Grund an

Für deine Treue und dein Verlassen

Trotzdem stört den Menschen wie Lärm

Die Streiterei und das Geschwätz des Vorübergehenden

Ein Mann mit einem Stift in der Hand steht da

Ich sage zu mir: Was kräht diese Elster so laut

Damit jeder seine Männlichkeit erkennt

Streut er ständig Worte um sich aus

Ich nähere mich neugierig, ohne dass er es bemerkt

Wenn ich nicht falsch verstanden habe, heisst er Ishaan

Nun habe ich verstanden, ok

Du heisst also Ishaan, das bedeutet, du suchst dich selbst

Wenn das so ist, geh zum Bischof und lass dich lehren

Oder wenn dir diese Menschenmenge behagt

Geh auf den Friedhof, quasi das angehaltene Herz dieser Stadt

Damit du dein Ego in dir begräbst

Damit du die Einzigartigkeit verstehst, die als Ersatz im Menschen liegt

Sonst ist es unmöglich

Sonst kann ich deine unbegründete Heiterkeit nicht ertragen

Aus dem Türkischen übersetzt von Barbara Yurtdaş.

Seit 2023 arbeiten Azad Şîmmo und Gianna Olinda

Cadonau zusammen an einer zweisprachigen lyrischen Erzählung – einem modernen Epos. Dies hier ist ein

Auszug daraus.

AZAD ŞÎMMO stammt aus einer kurdisch­alevitischen Familie in der Türkei. Er hat Soziologie in Malatya studiert und arbeitete als Philosophielehrer an einem Gymnasium. Seit 2015 hat er drei Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht.

Der Ziehbrunnen

Du hattest es dir anders vorgestellt. Irgendwie würdevoller und beeindruckender.

Du hattest dir vorgestellt, dass deine Familie deine Abwesenheit gleich bemerken würde. Deine Geschwister, die Tante, die Mutter, die Cousinen, alle würden die Lücke, die du hinterlassen hattest, spüren und leiden. Sie würden deinen Wert erkennen und bereuen, dich so schlecht behandelt zu haben.

Voller Genugtuung hattest du dir ausgemalt, wie sie in Tränen ausbrechen würden in dem Moment, in dem sie begriffen, dass du tot warst. Für immer fort.

Vielleicht würde es Valentine sein, deine jüngere Cousine, die den Brief als Erste entdeckte. Sie würde die Zeilen lesen und schnell verstehen. Sie war immer aufgeweckt für ihr Alter. Panisch würde sie zu deiner Mutter laufen und schreien: Clarisse hat sich umgebracht! Sie ist im puits, im tiefen Ziehbrunnen hinter dem Haus, auf dessen tiefem Grund das schwarze Wasser dunkel funkelt.

Du hast es vor deinem inneren Auge gesehen. Deine Mutter, die schmerzerfüllt aufschreit, eine Pfanne, deren Inhalt sich über den grob zementierten Boden der Küche ergiesst. All die anderen, die in die Küche drängen und zu wissen verlangen, welches neue Unglück die Familie getroffen hat. Valentine, die den Zettel mit deinen letzten Worten vom Boden aufhebt. Nun vielleicht besprenkelt von der Sauce d’arachide, die niemand mehr essen würde.

Du warst dir sicher, dass deine Familie wehklagend zum puits stürzen würde. Sie würden deine eigenartig verkrümmten Konturen tief unten in seinem Schlund erahnen und sich an die sinnlose Hoffnung klammern, dass noch Leben in dir sei. Dass alles wieder in Ordnung käme, sobald man dich nur aus dem verdammten Brunnen hochgeholt hätte. Du konntest ihre Hilferufe förmlich hören. Au secours les voisins! Au secours! Ein Grinsen stahl sich in dein Gesicht. Zufrieden und hämisch. Denn du wusstest es besser. Da war nichts mehr zu machen. Du warst tot. Kein Schütteln, kein Schlagen auf deine Brust, kein noch so inbrünstiges Gebet und auch nicht die kräftigen Ohrfeigen mitten in dein Gesicht würden dich aus dem Reich der Toten zurückholen.

Jetzt erst würden sie merken, was sie an dir gehabt hatten. Vielleicht nicht gleich. Aber ganz bestimmt in den Tagen danach. Während der Vorbereitungen zu deiner Beerdigung würdest du empfindlich fehlen. Wer würde die unzähligen Botengänge verrichten, die so ein Todesfall mit sich bringt? Wen würde die Mutter bitten, den Boden zu wischen, die Fische im Becken zu entschuppen und die kondolierenden Gäste zu bewirten? Deine faulen Geschwister und Cousinen etwa?

Es würde ihnen leidtun, dich wegen deiner etwas dunkleren Hautfarbe verspottet zu haben und dich briquette de charbon, Kohlenstück genannt zu haben. Wie oft haben sie dich ausgelacht, wenn sich dein Gehirn während eines Streites in bröckliges Gestein verwandelte und deine Zunge nutzlos wie welkes Gemüse nach einem langen Markttag in deinem Mund lag. Sie haben dich nachgeäfft und als dumm beschimpft, wenn du, anstatt dich zu verteidigen, nicht mehr als ein Stottern zustande brachtest.

Du hattest dich an der Vorstellung ergötzt, wie das schlechte Gewissen das Herz deiner Mutter zermalmen würde. Beinahe besinnungslos vor Trauer würde sie schluchzen: Geliebte Tochter! Warum habe ich dich nicht besser behandelt!

Doch nichts davon war eingetroffen. Stattdessen standest du im kühlen, kniehohen Wasser am Grund des puits und wusstest nicht weiter. Vor ungefähr einer Stunde hattest du deinen ganzen Mut, die angestaute Wut, die Scham und all die Kränkungen der letzten Jahre auf einen Haufen geworfen und warst in den Brunnen gesprungen. Der Sturz war kurz und unangenehm. Viel kürzer als erwartet. Und nicht halb so heldinnenhaft wie erhofft. Du hast dir an den rauen Wänden des Schachts die Haut an Armen und Beinen aufgeschrammt. Du musst versucht haben, den Fall mit deinen Händen abzufedern. Denn ein Finger steht unnatürlich rechtwinklig von deiner Hand ab.

Niemand hatte sich oben an der Oberfläche nach deinem Verbleib erkundet. Die Geräusche, die gedämpft zu dir herunterdringen, verraten, dass alles seinem gewohnten Lauf folgte. Du wusstest nicht, dass deine Abschiedsworte auf dem Zettel vom Windstoss einer zuschlagenden Tür auf den Boden gepustet worden waren. Dann, nachdem mehrere Mitglieder deiner Familie, ohne weiter auf das Stück Papier zu achten, beim Durchqueren der Küche draufgetreten waren, landete dein Brief in der Hand deiner Mutter, die ihn zerknüllte und zum Entfachen des Feuers in der Aussenküche verwendete.

Du legst deinen Kopf in den Nacken und blickst nach oben. Deine Welt ist zu einem silbrig grauen Kreis geschrumpft. Wie durch ein Guckloch oder ein übergrosses Fernrohr siehst du nur dieses kleine Stück Yaoundés. Von einer Seite ragen die grossen Blätter eures Plantains-Baumes ins Bild. Manchmal bewegen sie sich sanft in der lauen Luft.

Wie friedlich, denkst du. Vielleicht ist das der Trick. Vielleicht sollte man die Welt immer nur durch ein Fernrohr betrachten. Sich immer nur auf ein klitzekleines Fragment konzentrieren. Alles andere einfach ausblenden. Vielleicht würde die Welt dann übersichtlicher und erträglicher.

Bevor du beschlossen hattest, Selbstmord zu begehen, hast du versucht, dich zu informieren.

Was hältst du von Selbstmord?, hattest du deine Mutter eines Nachmittags auf der Veranda gefragt.

Als deine Mutter missbilligend mit der Zunge schnalzte und sich gleichzeitig bekreuzigte, fügtest du eilig hinzu: Ich frage wegen diesem Video, das ein Freund mir gezeigt hat.

Was für ein Video soll das sein?, fragte deine Mutter. Ein Video von Selbstmördern? Ma fille, was soll das? Was ist das überhaupt für ein Freund, der dir solche Teufeleien zeigt?

Petite soeur, oh!, wandte sich deine Mutter an ihre Schwester, die gerade dabei war, den Hof zu fegen. Komm her und höre dir an, was unsere dumme Tochter fragt. Ein Freund habe ihr ein Video von Selbstmördern gezeigt und jetzt will sie wissen, was ich von Selbstmord halte!

Deine Tante hörte auf, den Hof zu wischen, und kam zu euch auf die Veranda. Sie schüttelte verständnislos den Kopf und

schnalzte wie schon deine Mutter mit der Zunge. Ma fille, oh, was sind das bloss für schlechte Gedanken!

Sag, ma fille, diese Selbstmörder in dem Video, waren die Schwarz oder weiss?

Deine Tante hatte dich erwartungsvoll angesehen. Weiss, hattest du unsicher, beinahe fragend, geantwortet.

Ehee!, hatten die beiden Schwestern im Chor triumphiert. Natürlich waren sie weiss! Selbstmord ist nichts für Afrikaner!

Deine Mutter war an jenem Tag richtig in Fahrt gekommen:

Ma fille, denk nach!, rief sie empört aus. Wir haben die Kolonisation ertragen und wurden in die Sklaverei verschleppt. Wir wurden jahrhundertelang unterdrückt, gequält und ausgebeutet. Hätten wir den Hang zum Selbstmord, gäbe es keine afrikanischen Menschen mehr auf der Welt. Gründe, um am Leben zu verzweifeln, hatten und haben wir bei Gott mehr als genug.

Aber wir bringen uns nicht um. Non, non, das tun wir nicht!, hatte ihr deine Tante zugestimmt.

Nein, wir sind hart im Nehmen. So wie die streunenden Hunde im Quartier. Ihnen mag ein Auge fehlen, der Schwanz in einem Kampf von einem Gegner abgebissen worden sein, der Körper übersät von schlecht verheilten Narben, aber sie kämpfen weiter. Tag für Tag. Sie hadern und lamentieren nicht. Stellen ihr Schicksal nicht in Frage.

Stattdessen verteidigen sie den kläglichen Rest des abgenagten Hühnerknochens zwischen ihren Pfoten mit Inbrunst und

aller ihnen zur Verfügung stehenden Kraft. Auch dann, wenn seine splitternden Stücke ihren Rachen verletzen und sie Gefahr laufen, daran zu ersticken. Der Hühnerknochen mag anderen bedauernswert und wenig verlockend erscheinen. Doch der Strassenköter wird ihn bis aufs Blut verteidigen.

Niemals denkt er daran, aufzugeben!

Ehee! Ma fille. So sind wir Afrikanerinnen und Afrikaner.

Selbstmord ist nichts für uns. Im Gegensatz zu den blancs sind wir es gewohnt, zu leiden. Das ist unsere Stärke. Wir geben nicht auf! Wir wissen, dass die Welt voller Probleme ist, die es zu lösen und auszuhalten gilt. Man kann den wärmenden Strahl der Sonne oder den Geruch eines guten Essens nicht mit den Händen einfangen. Man muss den Moment geniessen und das Morgen mit seinem nahenden Unheil vergessen. Näher können wir Menschen dem Glück nicht kommen.

Nach diesem Gespräch schämtest du dich eine ganze Weile. Du kamst dir weinerlich und schwach vor.

Gleichzeitig warst du nicht vollständig überzeugt. Gab es in Kamerun tatsächlich keine Selbstmörder und Selbstmörderinnen? Dir wurde bewusst, dass du noch nie einen Kongossa über einen Selbstmord gehört hattest.

Vielleicht hatten deine Mutter und ihre Schwester recht: Selbstmord gehört in afrikanischen Gesellschaften einfach nicht zum Repertoire.

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Und wäre es doch irgendwo zu einem Selbstmord gekommen, dann, da warst du dir nach diesem Gespräch ziemlich sicher, hätte die Familie des Toten es zu vertuschen gewusst. De la sorcellerie, hätte man sich hinter vorgehaltenen Händen zugeflüstert. Jemand habe ihn verhext. Er war nicht er selbst, als er die Tabletten schluckte. Ein böser Geist war in ihn gefahren, le pasteur l’a confirmé. Der Pfarrer hat es bestätigt.

Du dachtest weiter nach und kamst zu dem Schluss, dass du genau betrachtet nicht allzu sehr an deinem Tod interessiert warst, sondern vielmehr daran, deiner Familie eins auszuwischen. Dir wurde bewusst, dass dein Plan nicht gut durchdacht gewesen war. Denn wenn du tot wärst, würdest du ja nicht mitbekommen, wie deine Familie leidet.

Also hattest du deine Selbstmordpläne vorerst auf Eis gelegt.

Doch dann geschah die Sache mit Monsieur Obam.

Monsieur Obam war dein Mathematiklehrer. Und du warst grottenschlecht in Mathematik.

Du warst bereits zweimal durch das bac gefallen, wofür du dich sehr schämtest. Niemand in deiner Familie hatte mehr als zwei Anläufe gebraucht. Vielleicht warst du ja wirklich dumm.

Also hattest du beschlossen, dein Schicksal in beide Hände zu nehmen. Du dachtest an deine älteren Schwestern, wie sie mit ihren weiblichen Reizen spielten, wie sie mit diesem verführerischen Wimpernaufschlag und dem aufreizenden Gang, der ihre Pobacken zum Wackeln brachte, jeden Mann, der etwas auf sich und seine Manneskraft hielt, um den Finger wickelten.

Deine Schwestern hätten sich in einer Lage wie deiner zu helfen gewusst.

Du beobachtetest Monsieur Obam ein paar Tage lang. Ein Aussenseiter erkennt den anderen.

Monsieur Obam war unscheinbar. Beinahe schon bemitleidenswert. Von kleiner, magerer Statur, hatte es den Anschein, als sei er aus verschiedenen Ersatzteilen zusammengebaut worden. Die Arme zu lang, die Beine krumm und kurz. Und auf dem dürren Hals sass ein viel zu grosser Kopf, der zu allem Elend und

Monsieurs jungem Alter zum Trotz bereits eine stattliche Glatze aufwies.

Du hattest frohlockt: Das würde sogar für dich ein Kinderspiel werden! Monsieur Obam würde dir dankbar sein!

Also hast du ihn nach dem Unterricht an der Stelle abgepasst, an der er sein minutiös gepflegtes kleines Motorrad jeden Morgen parkte.

Monsieur Obam, bitte, auf ein Wort.

Er hatte dich etwas irritiert angesehen. Als sei er sich nicht sicher, woher er dich kannte.

Ich bin in Ihrem Kurs, hast du ihm auf die Sprünge geholfen. Und so wie es aussieht, schaffe ich es auch dieses Jahr nicht, in Mathematik zu bestehen. Egal, wie sehr ich mich anstrenge.

Monsieur Obam hatte nervös zu blinzeln begonnen. Wahrscheinlich ein Tick, dachtest du.

Haben Sie vielleicht eine Idee, was da zu machen ist? Ich wäre Ihnen sehr dankbar. Ich meine, sehr, sehr dankbar.

Monsieur Obam hatte einen Moment gezögert. Dann sagte er: Komm nächsten Freitag nach der letzten Stunde in mein Büro. On verra ce qu’on pourra faire.

Von da an gingst du jeden Freitag am späten Nachmittag in Monsieur Obams Arbeitszimmer. Ein kleiner, enger Raum voller Papier und Bücher. Er schloss jedes Mal hinter dir ab, während du dich daran machtest, dein Oberteil nach oben zu ziehen und deine Brüste zu entblössen.

Es dauerte nie länger als eine halbe Stunde. Deine anfängliche Aufregung und das Unbehagen wichen der Routine. Gelangweilt, doch dein Ziel fest vor Augen, liessest du deinen Lehrer schnaufend deine Brüste kneten. Er nahm sie schmatzend in den Mund und hinterliess seinen Speichel auf deiner Haut. Dies liess dich an die schleimigen Spuren der grossen, schmackhaften Schnecken frühmorgens an den Wänden eures Hauses denken.

Das ging über viele Wochen so. Doch dann, genau zwei Wochen vor dem Examen, passierte es.

Monsieur Obam hatte gerade so wie immer die Tür hinter dir verriegelt und sich zu dir umgedreht. Du standest so wie immer schon bereit und präsentiertest dem Mann deine nackten Brüste, als Monsieur Obam sagte: Lass uns heute in eine auberge gehen.

Du hast dir den Schreck und den Ekel nicht anmerken lassen und sagtest fast ohne Zittern in der Stimme: S’il vous plaît, Monsieur Obam, so war das nicht abgemacht. Das geht nicht.

Monsieur Obams Blick verharrte eine unangenehm angespannte Weile auf dir. Dann zuckte er mit den Schultern und sagte: Ok. Pas de problème. Wie du willst.

Du hättest nicht überrascht sein sollen. Doch du warst es trotzdem. Monsieur Obam liess dich durch das Mathematikexamen fallen. Du hattest zum dritten Mal dein bac nicht geschafft.

Das war gestern. Die Scham schnürte dir den Atem ab und trieb dir den Schweiss aus allen Poren.

Es war nicht so sehr die Sache mit deinen nackten Brüsten und den knetenden Händen Monsieur Obams. Vielmehr macht dir die Tatsache zu schaffen, dass du dich übertölpeln hast lassen. Bestimmt wäre deinen Schwestern sowas nie passiert. Sie hätten die Anzeichen rechtzeitig erkannt und Vorkehrungen getroffen. Einen kurzen Augenblick hattest du daran gedacht, deiner Tante oder deiner Mutter alles zu erzählen. In einer leicht abgewandelten Variante, in der Monsieur Obam sehr schlecht davongekommen wäre. Bestimmt hätte deine Tante wutentbrannt nach der alten Machete neben der Eingangstür gegriffen und wäre in ihrem

ausgebleichten Haus-Kaba zu deiner Schule gestürmt. Sie hätte mit der Machete vor Monsieur Obams Gesicht bedrohlich herumgefuchtelt und ihn aufs Wüsteste beschimpft. Sie hätte ihm so lange zugesetzt, bis sich Schweissperlen auf seiner Glatze gebildet hätten und er mit zitternden Knien versprochen hätte, seinen Fehler zu korrigieren.

Ja, ein Teil von dir wünschte sich nichts sehnlicher als das. Doch der andere Teil wusste, dass du nicht bereit warst, dich für immer und ewig dem Spott deiner Familie auszusetzen. Du konntest das hämische Gelächter deiner Geschwister, Cousins und Cousinen förmlich hören: Briquette de charbon hat versucht schlau zu sein! Sie hat dem Lehrer ihre Brüste gezeigt, und was hat sie dafür bekommen? Nichts! Unsere dumme, dumme Briquette!

Bei der Vorstellung brannten deine Wangen.

Also hast du dich hingesetzt und deine Wut auf einen Zettel geschrieben. Auf den Zettel, den deine Mutter, ohne dass ihn jemand gelesen hatte, gerade eben in Flammen aufgehen liess.

Du hast allen anderen die Schuld gegeben an deiner Misere. Wegen euch bin ich in den Brunnen gesprungen. Wegen euch und wegen Monsieur Obam.

Und jetzt stehst du da im knietiefen, kühlen Wasser eures Ziehbrunnens. In der Dunkelheit, die dir auf sonderbare Weise willkommen ist. Dein Finger scheint gebrochen zu sein, so schmerzhaft, wie es in ihm pocht.

Noch immer blickst du nach oben in Richtung des kleinen, silbrigen Runds. Dieses friedvolle Stück Yaoundé. Rechts die sich leicht bewegenden grossen Blätter des Plantains-Baumes. Du siehst die milchigen Sonnenstrahlen, die durch das Hellgrau des Himmels drücken. Du seufzt. Wieso kann die Welt nicht immer so sein? So klein und übersichtlich. Genug weit entfernt, um dich nicht mit ihren Ansprüchen zu belästigen.

Du zuckst mit den Schultern. Du weisst, dass du nicht ewig auf dem Grund des puits bleiben kannst, egal, wie reizvoll es wäre. Doch du beschliesst, dieses Rund, diesen beruhigenden Blick durch das Fernrohr in dir zu bewahren. Von jetzt an wirst du, wann immer dein Leben dir mehr abzuverlangen versucht, als du ertragen kannst, dieses Bild in dir heraufzubeschwören. Dieses kleine Stück deiner Stadt, deines Lebens, das dich nicht bedroht, sondern dir Frieden und Geborgenheit gibt.

Doch eins bleibt noch zu tun.

Halblaut murmelst du vor dich hin: Ich werde einfach in den nächsten zwei Wochen auswärts essen und trinken.

Dann hebst du deinen nassen Kaba bis über die Hüfte, ziehst deinen Slip mit zwei Fingern zur Seite und pinkelst lange und genüsslich in das kniehohe Wasser eures Brunnens.

Danach rufst du mit kräftiger Stimme: Hey! Ich bin hier unten! Holt mich endlich aus dem verdammten Brunnen!

MELARA MVOGDOBO, hat Pädagogik studiert, unterrichtete neben ihrer schriftstellerischen Arbeit traumatisierte Jugendliche und leitete Workshops. Ihr Debütroman «Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden» (Edition 8, Zürich) erschien 2023.

Korridor der Küsse

«Das muss der Korridor der Küsse sein», war Walids erster Gedanke, als er mit Nura, seiner Frau, den langen Flur betrat, der zur Mehrzweckhalle der Oberschule führte. Dort würde das Treffen stattfinden, zu dem die Geflüchtetenorganisationen der Schweiz eingeladen hatten.

Es war bereits mehrfach verschoben worden, denn es hatte sich herausgestellt, dass die Zahl der Teilnehmenden grösser sein würde als erwartet. Organisatorische und finanzielle Probleme waren hinzugekommen, und man musste einen geeigneten Ort finden. Dann machte Nura einen Vorschlag, der alle Probleme mit einem Schlag löste. Das Treffen konnte in einem Dorf stattfinden, in dem sich eine der grössten Geflüchtetenunterkünfte im Kanton Graubünden befand und das nur eine halbe Zugstunde von der Kantonshauptstadt Chur entfernt lag. Dort waren auch Walid und Nura untergebracht. Die Mehrzweckhalle eignete sich gut für ein solches Treffen. Unterkünfte könnte man in der Nähe des Dorfs in einem Urlaubsresort besorgen, in dem es um diese Zeit freie Kapazitäten gab. Man würde sicher stark reduzierte Preise bekommen, wenn man genügend Zimmer reservierte. Die Gegend

war bekannt für ihre schöne Natur, die Teilnehmenden würden gern dorthin kommen. Die Organisationen nahmen Nuras Vorschlag dankbar an und beauftragten sie, mit den ersten Vorbereitungen zu beginnen. Sie würden bald das Dorf besuchen und sie dann unterstützen.

Walid und Nura waren in die Schule gekommen, um sich die Mehrzweckhalle anzusehen. Der lange Korridor hatte grosse Fenster, an denen Vorhänge angebracht waren, um vor allem, wenn Theateraufführungen stattfanden, störende Geräusche zu dämpfen. Diese Vorhänge brachten den «Teufel» in Walid hervor, denn er dachte bei sich, dass Saina und Imad sich ganz ohne Zweifel hinter den dicken Vorhängen zum ersten Mal geküsst hatten. Er konnte sich für zwei junge Verliebte keinen besseren Ort in der Oberschule vorstellen, in der die beiden lernten. Er hatte sie nämlich zufällig einmal dabei beobachtet, wie sie sich in einem abgelegenen Flur in der Nähe des Waschkellers im Geflüchtetenheim flüchtig küssten, und das war in einer für sie so unsicheren Gegend sehr gewagt gewesen!

Genau genommen war das Leben im Heim für niemanden angenehm, ganz gleich, ob man liebte oder hasste. Die Men-

schen waren auf unmenschliche Weise zusammengepfercht, und sie übten gnadenlos soziale Kontrolle übereinander aus. Hinzu kam, dass nach all den Jahren im Heim keine Hoffnung bestand, es verlassen zu können – es sei denn, man fand eine feste Arbeitsstelle. Sie lebten in einem Alptraum. Die Schule gehörte zu einem anderen Teil des Lebens in der Schweiz, einem freundlicheren und sichereren Teil, in dem man wie ein normaler Mensch leben konnte. Und da auch die Liebe nur ausserhalb der Mauern des Geflüchtetenheims ein ganz normales Gefühl war, musste das Pärchen doch kein Risiko eingehen, wenn sich wenige Meter entfernt zahlreiche andere Möglichkeiten boten. Den kurzen Weg zur Schule hatten sie vor allem dann, wenn es geschneit hatte und die Wege glatt waren, oft Hand in Hand zurückgelegt. Imad hatte Saina an der Hand genommen, damit sie nicht ausrutschte. Die Leute, die sie auf dem Weg zur Schule sahen, hatten das lachend kommentiert. Aber das war vor mehr als fünf Jahren gewesen, als die beiden zwölf und gerade erst im Heim angekommen waren, nachdem sie mit ihren Familien so wie auch Walid und Nura vor der Hölle in Syrien in die Schweiz geflüchtet waren.

Als Walid Nura auf dem Rückweg ins Heim seine Gedanken mitteilte, spielte ein kleines Lächeln um ihren Mund. Er kannte verschiedene Arten von Lächeln an ihr, doch dieses war am schwersten zu deuten und er fürchtete es am meisten. Ihm würde nämlich entweder eine verletzende Erklärung, ein langes Schweigen oder eine Explosion folgen, die keinen Stein ihrer mehr als zwanzigjährigen Ehe auf dem anderen lassen würde. Gott allein wusste, wohin dieses gefährliche, vieldeutige Lächeln auf ihren Lippen führen würde, die ihn paradoxerweise am meisten an ihr gereizt hatten, als sie sich zum ersten Mal trafen. Damals wusste er nicht, dass sie ein Schlüssel waren, der je nach der Laune seiner Besitzerin entweder das Paradies oder die Hölle öffnen würde.

Doch zu Walids Überraschung folgte dieses Mal weder ein langes Schweigen noch eine Explosion. Aber das war eben Nura. Sie merkte lediglich an, dass er für Saina nicht die Rolle des weltoffenen Vaters spielen musste, der alles tolerierte und seinen Kindern ein guter Freund war, weil sie ja bereits einen Vater hatte.

Aber was war das für ein Vater?, fragte sich Walid immer wieder, wenn er das Mädchen beobachtete. Er hätte sich eine Tochter wie sie gewünscht, ein Mädchen, das Nura nicht nur im Aussehen ähnelte, sondern auch in ihrer rebellierenden Art und ihrem Selbstvertrauen. Im Stillen wiederholte er stets, dass Saina und ihr kleiner Bruder seine und Nuras Kinder hätten sein müssen. Ganz besonders beschäftigte ihn dies, als Saina sich dagegen wehrte, vor den Skype-Anrufen des Vaters ein Kopftuch aufzusetzen. Der Vater wartete in Syrien darauf, dass dem Antrag seiner Frau auf Familienzusammenführung stattgegeben wurde. Er hatte die Familie allein auf die Flucht geschickt, auf der unzählige Gefahren drohten und deren Ausgang ungewiss gewesen war. Der Tod lauerte überall – auf dem Meer, wo das völlig überladene Boot jederzeit von einer Welle zum Kentern gebracht werden konnte, und danach in den kalten, undurchdringlichen Wäldern auf komplizierten Routen in ein Land, in dem sie Asyl beantragen konnten. Der Vater hatte eine extreme Angst vor Gewässern. Das war seiner Frau nicht verborgen geblieben. Schon vor dem Gemetzel in Syrien hatte sie das herausgefunden. Im Heim hatte sie Nura davon erzählt, und die hatte es Walid weitergesagt. Dieser hatte schon Abneigung gegen den Mann emp-

funden, noch bevor er wusste, dass es allein seine Feigheit gewesen war, die ihn davon abgehalten hatte, seine Familie auf eine Flucht zu begleiten, auf der an jeder Ecke der Tod lauerte.

Es machte die Sache nicht besser, dass Sainas Vater es nie akzeptieren würde, wenn seine Tochter in einem fremden Land aufwüchse, ohne einen Hidschab zu tragen. Die Mutter, daran gewöhnt, für alles eine Lösung zu finden, war auch hier einfallsreich, und so musste Saina während der wöchentlichen Skype-Telefonate mit dem Vater eben einfach das Kopftuch aufsetzen. Wenn dieser sie damit sah, vergass er das Thema und wandte sich einem anderen zu. Damit war die Sache erledigt. Das gefiel der rebellischen Saina jedoch nicht, die bei diesen Anrufen noch nicht einmal im Zimmer der Familie sein wollte und sich zu Nura und ihrem Mann flüchtete, wo sie ihrem Ärger Luft machte und die Gründe dafür in einem Satz zusammenfasste: Alles nur Lüge. Diese Lüge beschränkte sich nicht nur darauf, dass sie mit dem Kopftuch vor dem Computerbildschirm sitzen musste, um mit seiner Hoheit, dem Sultan, ihrem Vater, zu sprechen. Sie setzte sich auch darin fort, dass die Mutter dem Vater erzählte, sie werde bald das Visum für ihn bekommen, während sie absolut nichts unternommen hatte, um überhaupt eine Familienzusammenführung zu erwirken. Der Vater war der Letzte auf dieser Welt, den die Mutter bei der Familie haben wollte, weder jetzt noch irgendwann später.

Walid hatte keine Lust, sich mit Nura zu streiten, als er von Saina und ihrem Bruder sprach und seinen Wunsch äusserte, für sie wie ein Vater zu sein. Das war ein sehr heikles Thema, denn die beiden hatten in den langen Jahren ihrer Ehe keine Kinder bekommen. Schon bald nach ihrer Heirat hatten die Leute in ihrer Umgebung erkannt, dass es ein Problem gab. Nura hatte die Diskussion kurz entschlossen damit beendet, dass sie keine Kinder bekommen könne. Damit hatte sich das Thema für ihre Familie erledigt. Walids Familie jedoch musste immer, wenn sie das Thema ansprachen, daran erinnert werden, dass er nicht einmal im Traum hätte daran denken können, eine Frau wie Nura zu heiraten. Nura entstammte einer sehr reichen und bekannten Familie und ihr Vater war einer der erfolgreichsten Rechtsanwälte im Land. Sie konnten nur zusammenleben, weil sie sich gegen ihre Familie gestellt und

durchgesetzt hatte, ihn zu heiraten und ihr Leben unabhängig vom Einfluss ihres Vaters und ausserhalb seiner Firma aufgebaut hatte. Sie wurde selbst eine sehr erfolgreiche Rechtsanwältin. Eine Frau wie sie war ein Glücksfall für jeden, der ein Teil ihres Lebens werden konnte.

Es gab noch einen weiteren Grund, warum Walid das Thema nicht weiterverfolgte. Er wusste genau, dass Saina so handeln würde, wie nicht nur Nura zu Beginn ihres gemeinsamen Lebens gehandelt hatte, sondern auch Abier, Imads Schwester, als diese achtzehn Jahre alt geworden war. Auch sie hatte sich verliebt, und zwar in Nathim, einen jungen Geflüchteten, der allein ins Heim gekommen war. Alle konnten sehen, wie sehr die beiden aneinander hingen. Sobald Abier an einen Ort kam, an dem sich auch Nathim befand, verwandelte dieser ihn in einen Königshof mit ihr als Prinzessin, die sich bewusst war, wie ihre einzigartige Ausstrahlung vor allem auf einen ihrer Untergebenen wirkte: Nathim. Doch eine solche Liebesgeschichte konnte sich in einem Geflüchtetenheim nicht wie an anderen Orten entfalten. Abiers Vater musste einen Weg finden, seine Autorität zu wahren, die er um keinen Preis aufgeben würde. Als Familienvater bestimmte er das Schicksal aller, und vor allem das der Frauen. Die einzige Lösung bestand darin, dafür zu sorgen, dass Nathim so schnell wie möglich das Heim verliess. Er inszenierte einige Zusammenstösse mit ihm, die manchmal fast in Schlägereien ausarteten, und schliesslich beschloss die Heimleitung, Nathim in ein anderes Heim zu versetzen. Der «Pascha» lief nun wie ein Pfau mit gespreizten Federn umher. Er hatte die Gefahr von «seinen» weiblichen Familienmitgliedern abgewehrt und den aufdringlichen Wolf in einen anderen, weitentfernten Wald vertrieben. Doch dieser Erfolg hielt nur zwei Wochen an. An ihrem achtzehnten Geburtstag ging Abier am Morgen wie immer zur Schule und kehrte am Nachmittag nicht nach Hause zurück. Als der Vater die Heimleitung vom Verschwinden seiner Tochter unterrichtete, informierte man ihn davon, dass Abier auf ihren Wunsch hin in ein anderes Heim umgezogen sei – sie war ja nun volljährig – und, ebenfalls auf ihren Wunsch hin, die neue Adresse nicht weitergegeben werden dürfe. Es sei in seinem eigenen Interesse, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Allen im Heim war klar, dass Abier dorthin gegangen war, wohin der Vater Nathim «vertrieben» hatte.

Die Geschichte von Saina und Imad bewegte sich nach Walids Einschätzung in die gleiche Richtung. Saina würde sich nicht erst die Mühe machen, ihre Mutter zu überzeugen, dass sie so wie ihre Gleichaltrigen leben und mit dem Jungen, in den sie verliebt war, eine ganz normale Beziehung haben wollte. Die Mutter würde sofort daran erinnern, welche Reaktion vom Vater zu erwarten wäre, und allein das war Grund genug, gar nicht erst mit ihr darüber zu reden. Saina würde wahrscheinlich eine Abkürzung nehmen und den gleichen Weg wählen wie Abier und Nathim. In sechs Monaten wären beide achtzehn Jahre alt.

Doch noch bevor diese Zeit um war, wurde Sainas Familie in ein Lager in einem weit entfernten Kanton verlegt. Imad blieb mit seiner Familie zurück. Walid wunderte sich darüber, wer Sainas Mutter nicht nur geholfen hatte, diesen Umzug zuwege zu bringen, sondern sogar darauf gedrängt hatte. Es war seine Frau Nura gewesen, die während der Konferenz mit den Schweizer Geflüchtetenorganisationen Beziehungen hatte spielen lassen. Anscheinend hatte sie von Anfang an einen Riegel vor diese Liebesbeziehung schieben wollen, die Walid so leidenschaftlich unterstützt hatte.

Als er Nura damit konfrontierte, antwortete sie ihm ungerührt, dass sie der Sache in der Tat ein Ende hatte setzen wollen. Der Hauptgrund sei gewesen, dass Abier das Lager nicht, wie alle dachten, verlassen hatte, um ihrem Freund Nathim zu folgen, sondern weil sie wegen dieser Beziehung von ihrem Vater und ihrem Bruder Imad bereits geschlagen worden war, noch bevor man Nathim überhaupt verlegt hatte. Aufgrund der Schläge konnte sie eine Woche lang das Zimmer nicht verlassen, während die Familie vorgab, sie habe eine starke Erkältung. Nura hatte sich dafür eingesetzt, dass sie sicher in ein anderes Heim verlegt wurde, ohne einer Menschenseele davon zu erzählen, auch Walid nicht.

Als sie geendet hatte, verliess Walid das Zimmer, nicht vor Wut, sondern um eine Konfrontation zu vermeiden, die nicht zu seinen Gunsten ausgehen würde. Nuras Blicke folgten ihm wie die Augen eines Falken, der sich auf seine Beute stürzen will. Er wusste, in welche Richtung das Gespräch gehen würde, vor allem, weil es hier um Schläge ging. Als er die Wahrheit über Abiers Weggang hörte, erstarrte er und hatte nur noch einen Gedanken – wegzulaufen. Aber wohin?

Nachdenklich stand er am Eingang des Heims und versuchte, einem Gedanken zu entkommen, der zu einem Alptraum geworden war, der ihn wohl sein ganzes Leben verfolgen würde. Er wusste, dass Nura sich hatte sterilisieren lassen, um keine Kinder zu bekommen. Viele Jahre nach der Operation hatte er das zufällig von ihrem Gynäkologen erfahren, doch er hatte nicht gewagt, mit ihr darüber zu reden. Er kannte ihre Antwort auch so: «Ich möchte keine Tochter in diese Welt setzen, nur damit sie das Gleiche durchmachen muss wie ich.» Damit meinte sie, was sie mit Walid erlebt hatte, nicht etwa mit ihrer Familie. «Ich bin bei dir geblieben und habe das, was passiert ist, nur deshalb geheim gehalten, damit meine Eltern sich nicht daran weiden», hatte sie ihm einmal gesagt.

Walid schluckte schwer, als er sich daran erinnerte, dass eine Frau wie Nura nie vergessen würde. Da stand plötzlich jemand von der Heimleitung vor ihm und sprach ihn an. Er hatte kaum Zeit, aus dem Dunkel aufzutauchen, in das er versunken war, da sagte der Mitarbeiter etwas, das ihn genau dorthin zurückbrachte. Die Firma in Basel, bei der er sich auf eine Stelle beworben hatte, die seinen Erfahrungen als Ingenieur entsprach, habe geantwortet, und er könne Anfang nächster Woche dort anfangen zu arbeiten. Aber es gab einen Haken an der Sache. Nura würde nicht mitgehen. Sie hatte die Heimleitung davon in Kenntnis gesetzt, dass sie im Heim bleiben und weiterhin mit den Geflüchteten arbeiten würde. Der Mitarbeiter fügte verlegen hinzu, dass Nura darum gebeten hatte, man solle ihm das offiziell mitteilen, während sie die Scheidung einreichte.

Auf dem Weg nach Basel am nächsten Tag hielt der Zug an einer Station in der Nähe von Sainas und Imads Schule. Er konnte den Schulhof sehen, der zu dieser Tageszeit noch leer war. Doch dann erspähte er ein Mädchen und einen Jungen, die auf eine Bank am Rand des Hofes zusteuerten, und auch wenn der Zug nicht sehr lange hielt, war Walid doch klar, warum diese beiden so früh am Morgen – der Unterricht begann erst in über einer Stunde – und trotz der Kälte hierhergekommen waren. Aus Liebe. Dieses Wort traf ihn wie ein Schwert. Er würde nicht aufgeben, sagte er tadelnd zu sich selbst. In Wahrheit suchte er nach Trost, selbst wenn etwas Tadel darin mitschwang. Er fühlte sich wie ein Liebender, besessen von der Idee der Liebe, der einfach nur Pech gehabt hatte!

Der Zug fuhr weiter und liess die Schule und ihren Korridor hinter sich, all die möglichen Küsse verliebter junger Leute, diesen Ort, den er schon bald vergessen würde, so wie das Geflüchtetenheim mit all den Menschen, die in ihm lebten, unter ihnen auch … Er hielt inne. Es fiel ihm schwer, ihren Namen zu denken. Er war so dumm gewesen, so überheblich und stur. Alles Mögliche hatte er versucht, nur nicht, was sie von ihm erwartet hatte – sich zu entschuldigen. Er hatte sich alle nur erdenklichen Ausreden und Begründungen für das einfallen lassen, was er getan hatte. Die zerstörerische patriarchalische Kultur, die verführerische Versuchung, Macht auszuüben, die Schwäche der Frauen in Gesellschaften, die sie nicht frei sein liessen. Darüber hatte er gesprochen, nur das, was jeder Mensch, Mann oder Frau, versteht, hatte er nicht getan. Er hatte sich nicht entschuldigt, von ganzem Herzen, voller Liebe, ohne grosse und trügerische Worte. Fast wäre er von seinem Platz aufgesprungen und zum Lokführer gelaufen, um ihn darum zu bitten anzuhalten. Er wollte zu Nura zurückkehren und sie um Verzeihung bitten. Vielleicht wäre sie ja dazu bereit. Doch der Zug fuhr weiter und er blieb sitzen und sah aus dem Fenster auf die vorbeifliegenden Szenen, die ihm nichts mehr bedeuteten.

Aus dem Arabischen übersetzt von Kerstin Wilsch.

SHUKRI AL RAYYAN , 1962 in Damaskus geboren, verbrachte den grössten Teil seines Lebens unter der Herrschaft der Assad-Dynastie. Er arbeitete als Drehbuchautor und Fernsehproduzent und lebt als Autor in der Schweiz.

Sangmo

Es ist ein heisser Sommertag in einer Zürcher Kleinstadt. Hier baden die Leute im See. Er ist smaragdgrün und schmal. So schmal, dass die andere Seite zum Greifen nahe wirkt. Man erkennt fast alles dort drüben: weisse Einfamilienhäuser, kleine Motorboote, wenn man genauer hinschaut kleine Leitern, wahrscheinlich aus Holz, die zu Wiesen und Garten führen. Daneben ein weisser Kirchturm mit goldenen Zeigern auf dunkelblauem Ziffernblatt. Durch die grünen Bäume schlängelt sich ein Zug. Die Bahngleise sind nun auch zu sehen. Dort, wo die Spitze des Kirchturms aufhört, liegen Hügel mit Waldflecken gefaltet übereinander. Dort, wo der See endet, ragen Berge in den blauen Himmel. Nur ihre Schneespitzen bezeugen die Distanz.

WENIGER IST BESSER

WENIGER

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Auf dem See fährt hin und wieder ein altes Dampfschiff vorbei. Er trägt einen schwarzen Zylinder und begrüsst die Schwimmenden mit weichen Wellen. Seit zweihundert Jahren bringen die Väter ihren Söhnen hier das Schwimmen bei. Die Kinder auf dem Floss springen rein, schwimmen den Wellen entgegen. Es ist ganz klar, wo die Schiffe durchfahren und wo die Menschen schwimmen. Der See ist sauber. So sauber, dass man daraus trinken könnte. Die Leute hier schätzen sich glücklich. Die Vorstellung von dreckigem Trinkwasser in anderen Ländern macht ihren See noch sauberer. Hier lernten die Schulkinder vor dem Alphabet das Schwimmen. Nur die Bauernmädchen mussten nach dem Unterricht zu den Höfen zurück, während die anderen Kinder in die Badi gingen. In diesen Kasten aus Holzbrettern, der auf dem See schwebte. Die Buben wurden von ihren Vätern unter dem Bauch über Wasser gehalten. Sie strampelten. Und sie bemerkten nicht, wie der Vater die Hände wegzog. Und dann schwebten auch sie. Seebuben nannten sie sich und bezeichneten damit nicht ihre Liebe zum See, sondern ihre Herkunft.

Die Seebuben sind alt geworden. Nun haben sie Angst. Befürchten, dass es dem See, ihrem See, nicht mehr gut geht. Wenn sie den Verkehr auf dem Wasser beobachten, werden sie ganz nervös. Es sind zu viele Motorboote, Segelschiffe und Menschen, die den See, ihren See, besiedeln. Die Seebuben fürchten sich davor, dass der See, ihr See, dreckig werden könnte wie damals, als es keine Kläranlagen gab und der See mehr Schlamm als Wasser war, so wie es ihnen von ihren Vätern erzählt wurde.

Die Seebuben lieben den See am meisten im Winter, wenn er leer ist und ruhig wie ein Spiegel. Sie hassen die invasiven Muscheln. Die Fischvielfalt stirbt, sagen die Fischer. Die Muscheln wurden von ausländischen Booten importiert. Die Väter der Seebuben sind Fischer, ihre Grossväter waren Segler. Seit vielen Jahrhunderten sind sie hier. Am See. Der See ist mein Leben, sagen sie. Die Töchter der Seebuben sind im Ruderclub und gehen dreimal die Woche ins Training.

Die schönste Kindheitserinnerung eines Seebuben ist die erste Seeüberquerung. Als er zum ersten Mal von der einen zur anderen Seite schwamm. Ganz alleine hat er es geschafft. Die Euphorie und zugleich die Ehrfurcht, als er am anderen Ende aus dem Wasser stieg mit der kleinen, pochenden Brust und geröteten Augen. Ich habe überlebt. Der See ist nicht zu meinem nassen Grab geworden. Wie er dann zum ersten Mal seine Heimatstadt aus der Ferne betrachtete. Die Hände auf die Hüften gestemmt wie ein kleiner Mann.

TEXT MIGMAR DOLMA

Und der Vater. Der Vater, der ihm seinen trockenen Arm um die Schultern legt. Der die ganze Überquerung im Motorboot begleitet hat. Jederzeit bereit, ihn aus dem Wasser zu holen. Der Vater sagt zum Seebuben: «Der See ist schön, aber er ist auch gefährlich. Er kann zu einem nassen Grab werden, wenn du nicht aufpasst.»

Das Ende des Sommers wird hier von der Chilbi eingeläutet. Die Kleinstadt ist kaum wieder zu erkennen, alle werden locker und heiter. Selbst der Nachbar, der schon fünfzehn Minuten nach 18 Uhr an der Tür klingelt, um mit einem Augenrollen darauf hinzuweisen, dass man die Wäsche vor fünfzehn Minuten hätte abhängen müssen, grüsst einen von Weitem mit zwei Fingern in der Höhe und einem Nicken. Seine Frau steht an einem viel zu hell beleuchteten Stand mit einem von Schokolade und Streuseln überzogenen Apfel zwischen den Fingern. Im Zelt des Ruderclubs betrinken sich die Menschen, als gäbe es kein Morgen. Hier dürfen die Menschen wieder so sein, wie sie wollen. Hier kann es mal vorkommen, dass der Trainer die 17-jährige Rudermeisterin seines Teams am Hintern streift und sich danach auf der Strasse übergibt, ohne dass gleich ein Aufstand losgeht. An der nächsten GV des Seeclubs wird er per Akklamation in den Vorstand wiedergewählt.

Seine Frau besucht jedes Jahr das Zelt des tibetischen Vereins und bestellt «einmal sha-momo» und schaut hinter die Kasse. Am Tisch befüllen und formen ein paar Frauen Momos. Sie begrüsst eine der Frauen mit einem breiten Grinsen. Es ist die Mutter eines Kindes, das mit ihrem Kind in dieselbe Klasse geht. Die Frau kommt nach vorne, wischt ihre Hände kurz an der Schürze ab und legt ihr ein paar zusätzliche Momos auf den Teller. Sie arbeitet das ganze Wochenende im Zelt und drückt ihren Töchtern je eine Fünfzigernote in die Hand. Die Kinder rennen das ganze Wochenende durch die Kleinstadt, euphorisiert von der dröhnenden Musik und den Lichtern. Wenn die Fünfzigernote sich in Münzen verwandelt und die letzte Münze für keine Fahrt mehr reicht, rennen sie zurück zum Zelt. Jedes Mal finden sie eine Tante oder einen Onkel, der ihnen eine Zehnernote zusteckt.

Das Riesenrad steht vor dem Betreibungsamt. In seinen unzähligen Fenstern spiegeln sich gelbe Lichter. Die Gondeln werfen ein Schattenspiel auf die weisse Fassade. Die Kinder kehren erst um zwei Uhr nachts zurück zum Momo-Zelt. Ihre Väter sind bierbetrunken. Ihre Mütter sitzen am anderen Ende des Zeltes, singen Bolly woodLieder und lachen laut. Zwischendurch schieben sie die

letzten warmen Momos in den Mund. Sie haben vergessen, die Schürzen auszuziehen. Ihre schwarzen Haare sind hochgesteckt. Sie glänzen von Frittieröl und Schweiss.

Nachdem die letzten Fahrten vorbei und die letzten Lichter gelöscht sind, wird der Seeplatz wieder freigeräumt. Dort, wo ein schwebender, rüttelnder Riesenteller stand, werden wieder die Gemeinde- und Kantonswappen gehisst. Sie flattern in einem ersten, leichten Wind, der die Vorahnung des Herbstes verkündet. Sommer ist vorbei. Deine Töchter rennen freitagabends um 22 Uhr in der Wohnung herum. Die Nachbarin mit dem farbigen Apfel schlägt mit dem Besen gegen die Heizungsleitungen. Du sagst deinen Kindern, dass es eine Hexe sei, um ihnen Angst einzujagen und sie endlich ins Bett zu kriegen.

Das Betreibungsamt öffnet pünktlich um acht Uhr seine Türen. In den Fenstern spiegeln sich die vorbeiziehenden Wolken. Du stehst schon um sieben Uhr fünfzig vor der Tür. Du drückst auf den Knopf neben «Anmelden». Erst zehn Minuten später, als der kleine Zeiger exakt auf zwölf steht, hörst du das Surren. Das grüne Licht neben «Eintreten» leuchtet auf. Du trittst ein.

Die Frau, die dich eben noch im Zelt angelächelt hat, hetzt am Geburtstag ihrer Tochter die anderen Mädchen gegen deines auf, weil es «zu dominant» sei, und schlägt vor, dass man den Herrn Hugentobler fragen solle, ob es in eine andere Klasse versetzt werden könne. Der Primarlehrer, der für sie nicht Herr Hugentobler, sondern Martin heisst, wechselt hastig vom einen zum nächsten Thema. Sporttag. Besuchstag. Wandertag. Du und dein Mann, ihr bleibt stehen, während die anderen über den Apéro herfallen.

An einem heissen Sommertag gehst du wie gewöhnlich nach der Arbeit in die Badi. Wenn du im See badest und auf die andere Seite blickst, scheint dir alles zum Greifen nahe.

MIGMAR DOLMA lebt, liest und schreibt in Zürich; unter anderem hat sie Kolumnen für die WOZ verfasst. Momentan arbeitet sie an ihrem Debütroman «Sangmo», der Geschichte einer migrantischen Frau, die sich befreit.

Die Aussicht am Hippo Point

Ich lernte Stephen kennen, als ich achtzehn war. Meine Eltern hatten mich gebeten, ihren Doktoranden vom Flughafen abzuholen. Nachdem er einige Male bei uns in der Schweiz gewesen war, lud Stephen mich ein, ihn in Kenia zu besuchen. Er war gerade zum dritten Mal Vater geworden und unterrichtete an der Universität in Nairobi, mehrere Stunden entfernt von seiner kleinen, dunklen, klimatisierten Dreizimmerwohnung im ersten Stock eines Gebäudes, das sich mit seiner modernen Fassade von den dichtgedrängten, niedrigen Backsteinhütten eines ärmlichen Viertels abhob. Seine Frau im Wochenbett bedachte mich mit argwöhnischen Blicken, als er mir seinen jüngsten Sohn in die Arme legte. Tagsüber war er an der Universität, während sich im Wohnzimmer Verwandte aneinander vorbeidrängten, um das Kind zu sehen. Eine Cousine von Stephens Frau, Grace, war für mehrere Wochen angereist, um mit dem Baby zu helfen. Wir teilten uns zusammen mit Stephens zwei älteren Söhnen das Kinderzimmer und deren Etagenbett. Grace schlief unten bei mir und klaute mir nachts die Decke. Ich ertappte mich dabei, wie ich nach vier Tagen an die Heimreise dachte, dabei hatte ich zwei Wochen bleiben wollen. Ich verliess das Haus für kleine Spaziergänge und später auf dem Motorradtaxi, was meinen Radius so weit vergrösserte, dass ich den «Hippo Point» entdeckte, einen Markt, auf dem einheimische Fischer ihre Ware verkauften.

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, bestaunte ich die Abendsonne, deren Glut sich lautlos ins kühle Wasser senkte, und versuchte in den dunklen Wellen Nilpferde zu erkennen. Da näherte sich eine junge Frau und bot mir gebratenen Fisch an.

Ich versprach, wiederzukommen. Der Fisch, den sie mir am nächsten Abend mit Ugali und einer Sosse aus Tomaten und Zwiebeln brachte, war saftig und aussen knusprig gebraten. Ich bestellte einen zweiten und fragte sie, wie man ihn nennt. «Ngege», sagte sie. Ich fragte, wie sie hiess. Rose – wegen der Morgenröte. Bei den Fischern trage man die Zeit seiner Geburt im Namen. Ich sei auch am Morgen zur Welt gekommen, sagte ich. «You want to be my cousin, huh?», sagte sie.

Die unscheinbare, aber friedliche Bucht zwischen den Hotelkomplexen, die in den See ragten, als buhlten sie alle um die beste Aussicht, lockte aus allen Winkeln Gäste an. Einmal entlud ein Bus eine Schulklasse von etwa sechzig Kindern. Sie verstreuten sich auf dem Areal und es dauerte nicht lange, bis sie mich entdeckt hatten. Sie fragten etwas, aber ich verstand sie nicht. Suchend sah ich mich nach Rose um, aber die war damit beschäftigt, den neuen Gästen Fisch und Süssgetränke zu bringen. «Do you understand?», fragte ich die Frau am Nebentisch. «You have to join them on the photo», sagte sie. Erst da sah ich, dass sich die Klasse vor dem See aufgestellt hatte. Ein Fotograf gab Anweisungen. Ich stellte mich neben die Gruppe, aber die Lehrer winkten mich heran. Ich sollte mitten ins Bild. «You should visit them», sagte die Frau am Nebentisch, als die Kinder weg waren. Sie hiess Caitlyn und wohnte neben der Schule. «Sure, why not?», sagte ich, und wir tauschten unsere Nummern.

Bereits als Grace am Abend den Fisch briet, den ich ihr mitgebracht hatte, schlug ich mir das Vorhaben aus dem Kopf. Was wusste ich schon von Caitlyn? Sie fragte mich jeden Tag mit einer Textnachricht, wann ich komme, und ich brachte es nicht über mich, ihr zu sagen, dass ich es mir anders überlegt hatte. In den nächsten Tagen wurde ich davon abgehalten, Rose zu besuchen. Diese Menschen seien no good, sagte Stephens Frau, warum ich nicht einmal Stephen an der Universität besuche. Ich solle sowieso nicht immer so lange draussen herumstreichen. Grace liess mich keine Pfanne und keinen Putzbesen anrühren. Ich durfte mir nicht einmal eine Tasse nehmen, ohne dass sie sie mir gleich wieder wegnahm, mit der unschuldigen Frage: «Do you mind if I use that cup?» – «Yes, I do», sagte ich einmal. Sie blickte erstaunt. «You mind?» – «Yes, I do mind», sagte ich. «You don’t want to give it to me?», fragte sie. «Why don’t you use another cup?», fragte ich. «I want to measure something», sagte sie. «Well, I’m sure there’s another way to measure it than using that cup», sagte ich. «I always use that cup», sagte sie. «What are you measuring anyway?», fragte ich. «I want to prepare dinner», sagte sie. «I like this cup», sagte ich. «Aren’t you hungry?», fragte sie. «I’d like to keep …», begann ich, da hatte sie die Tasse auch schon mitgenommen. Ich dachte an Rose und wäre am liebsten aufgesprungen und gegangen, aber das Wetter hatte umgeschlagen, und

wahrscheinlich hatte nicht einmal Rose das Haus verlassen. Caitlyn schrieb: «When are you coming?» Sorry Caitlyn, I’m not coming. I am going to watch myself stupid on that goddamn TV. Nein. «Tomorrow», schrieb ich. Meine Hände zitterten. Caitlyn schickte mir einen Smiley mit Sternchenaugen und erklärte mir, wo ich sie finden würde. Ich solle besser früh losfahren. «Can you bring maize for dinner?», fragte Grace am nächsten Morgen. «Yeah sure», sagte ich und verliess das Haus. Ein Motorrad brachte mich zum Busbahnhof. Der Busfahrer grinste, als ich ihm meine Destination nannte. «White people don’t go there», sagte er. «Well I do», sagte ich. Er setzte mich nach vier Stunden Fahrt in der Ödnis ab, es komme ein anderer Bus. Frauen, die am Strassenrand gebratenen Mais verkauften, wollten wissen, wer ich sei, woher ich kam und was ich hier machte. Ich nannte ihnen das Dorf, das Caitlyn mir genannt hatte. Das sei kein Ort für Weisse, sagten sie und fragten, ob ich schon am Mount Kenya gewesen sei. «Maybe another time», sagte ich. Nach zwei Stunden zeichnete sich am Horizont eine Staubwolke ab. Der Bus. Eine Marktfrau mit einer Tasche voller Fische setzte sich neben mich. Unterwegs kaufte sie bei einem Strassenhändler einen Bund Bananen und gab mir eine. «You need to eat», sagte sie. Nach einer Stunde musste ich wieder umsteigen. Der Fahrer winkte mich neben sich auf den Sitz. «You are my lucky charm», sagte er, «the best thing happening to me today. No: this week. It’s good luck to have a Musungu on board – a white person, you see? If people see there is a Musungu on the bus, they will know, it’s a good bus.» – «What do I know about your bus?», fragte ich. «Musungus only take good buses», sagte er. Noch bevor ich ausgestiegen war, hatte Caitlyn mich entdeckt. Sie fiel mir um den Hals. «It’s so good to see you.» Sie nahm mich mit auf den Markt. Fast jeder grüsste sie. «I told you, I’ve met a Musungu», rief sie, «I told you, the Musungu would come. And you didn’t believe me …» Es war spät geworden. «Come to my place», sagte Caitlyn. Sie kaufte Fleisch und winkte ein Motorrad heran. Zuhause rief sie einen Freund an und organisierte einen Rundgang in einer Teefabrik – ich könne das Land doch nicht verlassen, ohne den Schwarztee gesehen zu haben. Sie konnte nicht fassen, dass ich noch nie eine frische Teepflanze gesehen hatte. Eine kleine Teefabrik, aber wenigstens etwas, meinte sie, zwar nicht Lipton, Nestea oder Twinings, da komme man nicht rein, ausser man arbeite für sie, so wie so ziemlich jeder hier im Ort, ihre Cousine zum Beispiel, dort seien Dinge passiert … sie brach ab, um ein Nachthemd für mich auszusuchen. Ich ging nach draussen, um mich zu waschen. Als ich ins Schlafzimmer trat, rückte sie in ihrem Queensize-Bett an den Rand, hob die Decke und klopfte mit der flachen Hand auf das Laken. Ich legte mich hin und hatte schon die Augen geschlossen, da hörte ich, wie noch jemand das Zimmer betrat. «Move», sagte Caitlyn, «my

sister has no space.» Der nächste Tag war ausgefüllt. Caitlyn wollte mich ihrer Familie vorstellen. Ich dachte nicht daran, zu Stephen zurückzukehren. Warum war ich nicht viel früher zu Caitlyn gefahren? «Stay as long as you like», sagte sie und erinnerte mich daran, dass ich noch die Schule hatte besuchen wollen. «They will be so happy.»

Wir wurden zum Rektor ins Büro gebeten. Ein Assistent brachte Schwarztee, Butter und Toast. «I know who you are», sagte der Rektor und schmunzelte. Er drehte mir ein gerahmtes Foto zu. Es war das Klassenfoto vom Hippo Point.

«Why are you here?», fragte er. Ich sei gekommen, um die Schule zu besuchen, sagte ich. Sein Assistent kehrte mit einer Lehrerin zurück, die uns herumführte. Schülerinnen und Schüler folgten uns durch die Flure, die nach Putzmittel rochen. «Don’t go too close», sagte die Lehrerin, «they’ll hug you. It’s good luck to hug a white person.» – «Why?», fragte ich. «We believe so», sagte sie, «they are very successful.» Die muffige Luft in den Zimmern erinnerte mich an meine eigene Schulzeit. Ebenso die Bibliothek, die Kantine, das Chemie- und das Physiklabor. Waren das nicht unsere gebrauchten Bücher? «What did you bring us?», fragte sie mich. Wir hatten den Pausenhof überquert und standen vor einem staubigen Holzpodest. «We would like you to speak to them», sagte sie, «just five or ten minutes. We have 1600 children here.» – «Well, I don’t know …», begann ich. «Just tell them, if they study hard, they can go to Europe and become rich», sagte sie. «I will speak to them», sagte ich. Eine Glocke wurde geläutet, die Kinder strömten auf den Platz. Der Rektor stieg auf das Podium, sagte ein paar Worte und überliess mir dann das Podest. Langsam erklomm ich die Stufen und sah auf mein Publikum. Sie schauten erwartungsvoll zu mir hoch, kritische Blicke. Einige schirmten ihre Augen mit den Händen ab. What did you bring us? «I should tell you, if you study hard, you can go to Europe and become rich», sagte ich. Sie lachten. «What shall I say?», sagte ich, «be true to yourself. Don’t forget who you are. If you trust your intuition, life can take some unexpected turns. How? Let me tell you the story how I came to be here today …»

LOUISA MERTEN verbrachte ihre frühe Kindheit u. a. in Sambia. 2018 bis 2023 studierte sie literarisches Schreiben in Biel und Bern. Ihr Debütroman «Hundesöhne» wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Chrysalide – Binding Förderpreis für Literatur 2024.

Freies Geleit für fiktive

TEXT X NOËME

Prolog: Kompiliert nach «Dancing in the Pink» mit Galaxia Cocks im Tanzhaus Wasserwerk Zürich 2001 und «April in Paris» mit Belia Winnewisser im Lockdown-Stream aus dem Schlachthaustheater Bern für «Aprillen 2021» sowie aus ehemals alten Liedern. Sorry muss es schnell gehen, nun, 2026, im Jahr, wo uns die Realität virtuell überholt, die Matrix reloaded ist, die Überwachung total und die Literatur wieder nicht mehr sicher: nicht vor Zensur – sicher nicht vor Selbstzensur, wenn Antifa und LGBTQ+, Anti-Apartheid und Genozidanklage – wenn jeder Widerstand T*rr*r*smus sei.

Abgesänge in Medley

Das war ein ziemliches Performancetheater. Meine Tanzfamilie, unsere Theaterfamilie. Mein erstes und letztes Familienspielfeld, einmal minenfrei cruising les Champs-Elysées. Dasselbe in

Variationen, Variété, Paris imaginé, Raver-Räuber-und-Poli, Revue sur l’Avenue, Cabaret on the Road, Baby – Strassentheater, Festival-Schaustellerei, Demonstrations-Fahrgeschäft. Voll abgefahren halt. Familiengeschichten gibt es keine in unserer Familie, es sei denn, sie hiessen: Weggehen. Abhauen. Verduften.

Und in manchen Zeiten duftet ein blauer Regen dir nach, Brown.

Und ich erinnere mich, du sagst, du kannst und willst hier nicht für immer sein.

Das ist nicht unsere Welt. In der Ferne rufen Kriege. Die Seuche will keinen Halt.

An Tagen hier, uns so nah. Stand im Script twothousandandone.

In menschchen Zeiten duftet ein blauer Regen dir nach, Brown.

Hörst du überhaupt zu? Sagst du da.

Sie sagen es Tag für Tag eigentlich unüberhörbar langsam immer schneller immer lauter.

Zur Bubble gehört der Gumm – im Gehörgang Milkybo-oy, sagt sie, ho-oi, es ist twothousandtwenty-and-one.

In menschlichen Zeiten dufte ein blauer Regen mit dir, Brown.

Aber wir sind doch auch von hier, meinte ich, ich mein’ wo sollten wir hin, jetzt, wo alles zugemacht.

Bubble, Bubble – Bubble, ich hab’ keine andere Welt, schrieb ich ins Script twothousandandtwentyone.

Ich habe keine Menschen je so nah gesehen –und nicht gesehen, so nah in all der Zeit.

Wir lagen in den Abend, spielten in die Nacht, tanzten in den Morgen.

Mensch, waren das Zeiten, duftete der Morgenregen nach dir, Brown …

Wir träumten gross und endeten grossartig dreckig. Das Setting macht die Trips auch in twothousandandtwentysix.

Aus unserer Tanzfamilie wurde ein Theaterprojekt aus dem Variété ein Strassentheater und den Umständen entsprechend daraus Stadtguerilla.

Als wir die Rollen annahmen, die Rollen unseres Lebens – als Annahmen unseres Lebens.

Da wusste ich noch nicht, dass meine Rolle die der Chronist*in sei, die der Allerletzten.

Beizeiten duftet ein blauer Regen dir noch immer nach … Brown?

Wir haben gehaust, getanzt, gespielt und demonstriert, wo wir waren.

Wir clownten mit den Robocops tanzten mit den Krawallanten und wussten auch Pflastersteine zu werfen wenn jemensch von uns zu Boden geschossen wurde von Gummigeschossen zu Gummi gebodigt, klar. Eigentlich haben wir ja nix gemacht, es reichte, waren wir da.

Bei Zeiten ein Nichtstun genüge allein, je nach Ort und Tageszeit dufte.

Es ist uns schon aufgefallen, kaum da, da wäre dann schon das Gummigeschoss und die Gaspetarde, uiiiiuuuh peng, peng-peng. Die Tränen gingen uns ob all der Tränengasschwaden aus. Alle Seifenblasen geplatzt im Kugelhagel, falls wir je noch Illusionen gehabt hätten. Doch das sollten wir wider Erwarten überleben. Es kam das Ende der Immunität, jedweder. Nicht jeder Kugelhagel ist tödlich, aber jeder sagt, was nicht ist, könnte wieder werden. Ein Polizeirapport ist keine Veranstaltungskritik, während eine Veranstaltungskritik nun durchaus auch Polizeirapport sei – aber im Gegensatz dazu brauche es keine Beweise und Augenzeugen seien geschenkt.

Oh dufte Hoffnung Widerstand: Superpower Butterfly!

In Medley, oder: Die Ballade von Jackie Brown und Baby Miller April in Paris vs. Kriminaltango

Weisst du noch, unsere ersten Shows in dieser illegalen Bar, dort am Eck.

Jackie Brown und Baby Miller waren zwei unserer wiederholten Rollen.

Diese haben wir zunächst übersetzt auf die Seuche, jene damals also und also waren die, die tanzen, die verführen die, die lieben um der Liebe willen, alle Jackie Browns und Baby Millers, ja?

Auch da haben wir nicht buchstäblich daran gedacht dass es noch so kommen müsse wie in der Schweizer Interpretation eines italienischen Schlagers – und schon gar nicht wie in unserer Interpretation einer Interpretation, die Fiktion an Leichtigkeit verlor’n, in Medley.

Die Laterne am Eck lässt wieder an Galgen statt an Liebende denken.

Im Jahr, wo unser Stück wider Erwarten für alle nachvollziehbar wird wird Theater … äh?! … verboten, überall, so in Medley. Als ob wirklich alle Jackie Browns und Baby Millers wär’n,

allein beim Tanz.

Oder zumindest jede und jeder spielend kriminell würd’, nur durch Tanzen.

Ja, so läuft’s, halt eine Seuche, eine andere zwar, doch stets zahlen dieselben den Preis.

Sogar das wird offenbar, Gott IST ein DJ – schon immer unansprechbar, hä!? Zmitz’m Mix …?!

Hängt da eine Vogelscheuche an der Laterne am Eck im Wind.

Immer, wenn Jackie und ihr Baby tanzen, stirbt einer, stirbt eine, stirbt unser eins. Sie üben fleissig zu tanzen um es geflissentlich zu verlern’ sie schminken sich, nicht um geseh’n um nicht erblickt zu werden  so lange, wie sie vor dem Spiegel, beid’ tragen Lockenwickler, um sie nie zu entwickeln. Sie bereiten sich derart ausgedehnt auf den nächsten Ausgang vor, Kostüm um Kostüm, wochenlang für ein WE – um allein die Zeit und niemensch andern totzuschlagen, in Medley.

Sonst hängen sie beide bald an der Laterne, tanzen am Eck im Wind.

Sie wollen diesen Tanz verpassen.  Dieser Tanz könnte auch ihr/Ihr letzter sein. Sie/Sie, als Zuhausegebliebene. Denn wären sie/Sie schön also, zumindest gemacht wären sie/Sie angekleidet überhaupt wären sie/Sie frisiert und wären sie/Sie bereit würden sie/Sie doch auch tanzen gehen. Ebe?! Und dann wird gestorben, in Medley.

Sei’s gut abgehangen an der Laterne am Eck, mein Kind.

Abgeneigtes Publikum, danke, Grund genug zu spielen; oder. Theater ist Widerstand, geradequer vor leeren Rängen. Wir flohen mit dem ganzen Performancetheater ins Streaming und gingen auch darin ganz spielend unter. Allenthalben tapezierten wir unseren eigenen Pranger: selfie mug shots – wanted make-ups. Na los, allez: Maske? Kostüme? Venez: Vorhang ! Tusch ! Ton:

C’est un crime de porter du Chanel N°5 –si om n’est pas prêt·e·x·s à l’utiliser comme Cocktail Molotov-w-x-y-z – wouff !

Aber in der Métro sei doch einfach ein Ventilator ausser Takt? Wouff – wouff. Der belle die Luft mit schlagenden Bässen durch den Untergrund von eben diesem Paris da, dass der Trommelpelz schmerz’ und das Bauchfell vibrier’, hörst du, hörst du doch, wouff, wouff – wouff? Eine Grille singe derweil in den Röhren unserer Station wie die Musikant*innen in den Wagen, doch sie erhoffe sich nichts als prächtiges Echo, bestelle sie zentum, kein Mensch versteh’s.

Und wenn sie dann auf dem breiten Boulevard wie in einem nackten Garten spaziere, fühle sie sich auch endlich wie in

Paris, oder. Denn leichter Regen wie ein Schleier wehe da durch und durch les Champs Elysées und verwebe sich mit den Blütendünsten aus den Parks und blühenden Bäumen sonderzahl. Achtspurig aber hebe sich das Trassée und der Triumph verbeuge sich einzig vor den Queens, die die Kunstlicht-Dämmerung des Elysiums, die, die die Nacht durchschreiten würden, um die Prinzen ungezählt wieder zu finden und allein alle, aber alle König*innenreiche und allerlei weiteres seelenruhig –oups, oups – oups! – zu verlieren.

Lila Perlen würden da über ihre chronisch hoch getragenen Häupter gegossen, sie liessen Flieder verdampfen zwischen gerade noch brennendem Gummi und eben noch warmem Strassenpflaster, oh-là-là – La electric Bohemia. Auch pinke Flamingos und eloxierende Kraniche würden beeilt ziehen und warteten doch ohne anzulaufen auf ihren langen Beinen oder zumindest auf einem je, bis sich goldene Käfige ihnen öffneten und Drachen den Erdboden bereit stampften und gestohlene Sterne heulend um sich würfen und der ölige Regen zwischen knospenden Hüften verblühe. Das Parfum grüsse das Salz und das grüsse zurück, wie zwei widerstrebende, aber doch immer wieder miteinander in der Kabine, dem Keller, dem Bett landenden Lovers, oups, oups – oups ... du weisst, was ich mein’. Sie kommen einfach zusammen, wir und die Stadt. Completely wreckless, absolutely insane, Jaaackie Broooooooown aaaaaand Babyyyy Milleeeer!

Ein Laserstern vergiesse gar strasssteinerne Zeichen über die Gasse und wir folgen aber lichtvolleren mitten in den Haze hinein, in das Strobogewitter unseres Portals – die könnten Razzien machen, so oft sie wollen würden, wir, also Noir, blanc, Beurre, Couleur, queer, woke, Snowflake, aware tanzen hier, und zwar an bester Adresse an grösstem Boulevard schier. Sie wünschten sich noch, wir würden nur tanzen, die wochenendliche Demonstration der Verachteten, der Missachteten, der Verfemten, alle der *Sternchen-noch-mal! Denn ohne uns wäre die Stadt nichts, nichts als ein weisser Fleck auf der Landkarte, hohle Kapitale umgewerteter Werte. Ja, das wär’ eine schöne Terra incognita, na? Voilà! Wir *Sternchen am Nacht-

himmel haben eine City by Night erfunden, von der ihr noch träumen sollt. Das Sequel heisse «A Cabaret 2: Paris brennt überall». L’Île de wouff. Mais Alhamdullilah! – c’est la vie, en avril, c’est Paris – c’est Halleluja! Oder nicht, pouff. Joholi –Du, anyway bei der Gelegenheit als trojanische Stute die Geschichte neu schreiben: TANZEN, TANZEN – TANZEN, ouff:  Superpower Butterfly!

Diesen Text hatte sie also in ein Magazin eingelegt, als sei es dafür geschrieben, es war so ein kleines Spiel im Spiel, Fiction literally oder literary Fiction, wir sind uns darin uneinig, also Literatur, die es nicht gebe, ausser für uns, worin wir aber einig gehen – im Magazin, gelesen im Spiel von Jackie Brown und Baby Miller in ihrem Boudoir-Camping die Zeit totschlagend in Antiperformance, diesen Text in diesem Magazin hier lesend. Alles ist uns Performance. Die Zeitebenen vermischen sich. Beinahe wäre die gottvergessene Stadt dabei noch abgebrannt, und sie kann es immer noch, egal welche; sei es in ihrem Tanz, sei es in ihrem Blick, wie sie es anschaut, wie sie die Geschichte liest? Daraus vertrieben, als Persona non grata verbannt, Rayonverbot um Rayonverbot stetig geweisster Fleck. Brown ist raus-profiled, sie fiele zu fest auf, beschied sie mir, und ich mit ihr oder sie mit mir noch mehr oder nicht weniger; unter diesen Umständen ciao Bello, ciao, ciao, ciao. Es sei schon auch unsere Welt, ich hätte schon recht. Aber halt schon nicht unsere Zeit. Sagte sie kürzlich. Wie im Script von damals.

Heute sollte sie sagen, auf die Frage, wohin sie gehe: wohin du nicht mitkommst. Was aber mache ich noch hier? Im geschlossenen Theater?

Auf entleerter Tanzbühne, hä, so ohne DJ im Club?

Mit wem tanzte ich, in dieser gottverdammten Stadt,  nicht gottverdammter als andere, aber auch kaum weniger.  Nach allem ghostet die mich – war’s das wieder, oh Medley?

Wie würde Jackie Brown es seh’n wenn ich mir was wünschen dürfte würd’ ich so viel lieber einfach nur tanzen geh’n, mit dir. War es nicht gleich da, forever raving vor der Kaserne  fight for your REIT, ob nun richtig oder falsch geschrieben –sincerely YOURS!

Die Nacht ist unser in jeder Stadt – bei der Laterne ums Eck

dein altes Baby.

Literaturhaus Zürich Sept – Okt 2026

7.9. Mircea Cărtărescu

17.9. Sarah Elena Müller

23.9. Dimitré Dinev

28.9. Fann Attiki

12.10. Doris Dörrie

NICHTS HINAUS

28.10. Julia von Lucadou

Vollständiges Programm und Tickets unter literaturhaus.ch

Backstage Talk Aftershow: «Kürzlich wieder festgestellt, die Nase und die Ohren wachsen tatsächlich ein Leben lang, und langsam immer mehr Haare daraus. Auch die Welt könnte mensch langsam, aber sicher noch aus den Ohren herauswachsen.» Doch du sagst: «Und wäre die Welt en détail wie in den 1920er-Jahren, eines macht den Unterschied: Wir sind jetzt hier.»

X NOËME aka X Schneeberger, Autor*in, Aktivist*in und Dragqueen, erhielt 2021 einen Schweizer Literaturpreis. X co­kuratierte mit Mahalia Haberthür «Clubliteratur» im Kapitel/Intransformation/sosospace. Nach fünf Jahren inklusiver TINFA*­Literaturreihe wurden sie und weitere Kollektive der Apartheidfree­Zone diffamiert, die Unterstützung durch Kultur Stadt Bern wurde 2026 eingestellt.

GESUCHT: DER FAN-SCHAL FÜR DIE NATI 2026!

Surprise nimmt im Herbst 2026 mit zwei StrassenfussballNationalteams am Homeless World Cup in Mexiko teil: Mit Ihrem Schal im Gepäck? Wie in den Jahren zuvor überreichen unsere Spieler*innen zum Handshake handgemachte Fanschals an die gegnerischen Teams. Machen Sie mit!

Der Schal sollte zirka 16 cm breit und 140 cm lang sein, Fransen haben und in Rot und Weiss gehalten sein. Gestrickt, gehäkelt, genäht: Alles geht!

ACHTUNG, FERTIG, STRICKEN!

Bitte schicken Sie den Schal bis spätestens Montag, 17. August 2026 an: Surprise Strassenfussball, Münzgasse 16, CH-4051 Basel

Rätseln und gewinnen

Surprise verlost in Kooperation mit Changemaker tolle Preise im Gesamtwert von über CHF 480. Finden Sie das Lösungswort und tragen es unter surprise.ngo/literatur629 ein. Alternativ schicken Sie es zusammen mit Ihrer Post- und Email-Adresse an Surprise, Münzgasse 16, 4051 Basel (Betreff «Rätsel 629»). Tipp: Das gesuchte Wort kommt in einem der Texte dieser Ausgabe vor. Einsendeschluss ist der 15. August 2026. Wir wünschen viel Spass beim Rätseln und viel Glück!

Die Gewinner*innen werden schriftlich benachrichtigt. Ihre Adressdaten werden ausschliesslich von Surprise für Marketingzwecke verwendet.

Changemaker – die Shops mit stil- und sinnvollen Dingen fürs Leben, Wohnen und Wohlbefinden. Und für eine gerechtere, grüne Welt. www.changemaker.ch

Die 25 positiven Firmen

Unsere Vision ist eine solidarische und vielfältige Gesellschaft. Und wir suchen Mitstreiterinnen, um dies gemeinsam zu verwirklichen. Übernehmen Sie als Firma soziale Verantwortung.

Unsere positiven Firmen haben dies bereits getan, indem sie Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Mit diesem Betrag unterstützen Sie Menschen in prekären Lebenssituationen dabei auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.

Die Spielregeln: 25 Firmen oder Institutionen werden in jeder Ausgabe des Surprise Strassenmagazins sowie auf unserer Webseite aufgelistet. Kommt ein neuer Spender hinzu, fällt jenes Unternehmen heraus, das am längsten dabei ist.

Gemeinnützige Frauen Aarau

Scherrer & Partner GmbH, Basel

Gemeinnütziger Frauenverein Nidau

Allrounder-GMVL Tom Koch, Bern

Lebensschau, Männedorf

Bodyalarm – time for a massage Hausarztpraxis Tannenhof, Tann-Rüti

InhouseControl AG, Ettingen

Automation Partner AG, Rheinau

Zehnder Arbeitssicherheit, Zürich

Madlen Blösch, Geld & so, Basel movaplan GmbH, Baden

Kaiser Software GmbH, Bern

Jocher Projekte GmbH, Rheinfelden appius GmbH, Interims-Management Breite-Apotheke, Basel

Broki Sidewäg, Bern

Maya Recordings, Oberstammheim

AnyWeb AG, Zürich

Beat Vogel – Fundraising-Datenbanken, Zürich

Praxis Carry Widmer, Wettingen hoopsforyu, jewelry

Zibsec Sicherheitsdienst, Zürich

Wuillemin Beratung, wuillemin-beratung.ch unterwegs GmbH, Aarau

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Eine von vielen Geschichten Negasi Garahlassie gehört unterdessen schon fast zum Winterthurer Stadtbild. Seit rund 15 Jahren ist Negasi Garahlassie als Surprise-Verkäufer tätig. Entweder verkauft der gebürtige Eritreer seine Magazine auf dem Wochenmarkt oder am Bahnhof Winterthur. Der Arbeitstag des 65-Jährigen beginnt frühmorgens und dauert meist so lange, bis der abendliche Pendelverkehr wieder abgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Söhnen ist er auf das Einkommen des Strassenmagazinverkaufs angewiesen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das SurPlus-Programm unterstützt ihn dabei: Mit Krankentaggelder, bezahlten Ferientagen und einem Abonnement für den öffentlichen Nahverkehr.

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Demian Cornu, Migmar Dolma, Joris Fricker, Louisa Merten, Melara Mvogdobo, Martina Pauková, Shukri Al Rayyan, Azad Şîmmo, X Noëme

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird jede Haftung abgelehnt.

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#624: Nach der Flucht

«Berührend und warmherzig»

Was für ein tolles, berührendes und warmherziges Gespräch mit Wahidullah Alikhan! Ich wünsche dem jungen Mann weiterhin gutes Ankommen und bonne chance!

#625: Immer selbst schuld «Warum ist die Schweiz heute so wohlhabend?»

Ich bin Mitglied der FDP Schweiz und fühle mich, seit ich bewusst lebe, der Selbstverantwortung verpflichtet. Ich lebte diese, so gut es ging, auch als Unternehmer mit rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In meinem ganzen Berufsleben habe ich erfahren, dass der Sozialstaat ständig ausgebaut wurde. Armut in der Stadt erlebte ich als Kind nicht direkt, da ich im bäuerlichen Witikon aufwuchs. Armut in den Bergen hingegen schon auf vielen Wanderungen mit unserem Vater. Dass auch heute noch Armut zu finden ist in der Schweiz, das ist mir sehr gegenwärtig. Dass grosse Probleme im Asylwesen einer Lösung harren, auch das weiss ich. Ihre Aussage, die Reichen müssten einfach mehr an die Armen abgeben – und alle Probleme liessen sich lösen –da möchte ich Sie aber auf die Geschichte verweisen. Warum ist die Schweiz über weite Strecken heute so wohlhabend, nachdem sie noch im 19. Jh. zu den Auswanderungsländern zählte, die ihre Bevölkerung nicht ernähren konnte? Gescheite, eigenverantwortlich denkende Schweizer gründeten Firmen, bauten dank ihrem Unternehmertum, das zu 100% auf Eigenverantwortung basierte, Fabriken, ermöglichten der Bevölkerung, mit harter – aus heutiger Sicht viel zu harter –Arbeit ihren Lebensunterhalt in der Schweiz, statt im fernen Amerika verdienen zu können. Ein Teil dieser Unternehmer*innen wurde damit sehr reich. Und sie investierten einen Teil ihres Reichtums, um mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen. Sie allein trugen das Risiko. Und während sie reich wurden, konnten sich auch die Arbeiter*innen schrittweise mehr leisten, als sie sich als Kleinstbäuer*innen je träumen liessen. Sie müssen nicht ins 19. Jh. zurückschauen, um ganz sachlich feststellen zu dürfen: Der Lebensstandard der Durchschnittsschweizer*innen hat heute einen Stand erreicht, der seinesgleichen suchen dürfte. Gleichzeitig fühlen sich die gleichen Durchschnittsschweizer*innen von Jahr zu Jahr weniger an Selbstverantwortung gebunden. Diese haben dem Staat schon so viel an Verantwortung abgetreten, dass sie der Meinung sind, der Staat könne jetzt auch für alle Probleme der Migration sorgen. Ich gehe davon aus, dass Sie mit viel Idealismus Ihre wohl bescheiden honorierte Arbeit ausführen. Dafür gebührt Ihnen hohe Achtung. Für Ihre Analyse im Editorial, der im Quatsch gipfelt – da erliegen Sie einem Sozialismus kubanischen Formates.

HANS JÖRG SCHIBLI, ohne Ortsangabe

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Surp rise-Porträt

«Ist das Arbeit?»

«Ich stamme aus Nigeria. Meine Frau ist christlich. Ich betone das deshalb, weil mich 2013 Familienangehörige väterlicherseits als Geisel genommen haben, weil ich vom Islam zum Christentum konvertiert bin. Während zwei Wochen war ich eingesperrt. Und sie haben meine linke Hand ins Feuer gedrückt – seither ist sie eingeschränkt.

Nur Gott weiss, weshalb eines Nachts die Türe nicht abgeschlossen wurde. War es Absicht oder Glück? Jedenfalls konnte ich fliehen. Ohne Hab und Gut bin ich in einem Lastwagen über Niger bis nach Libyen geflohen. Dort arbeitete ich auf dem Bau. Das kannte ich: In Nigeria hatte ich eine eigene Baufirma mit dem Namen Ibru Metal Construction. Doch in Libyen hatte ich keine Papiere. So wurde ich eines Morgens zusammen mit anderen verhaftet. Einige meiner Mitinsassen konnten sich freikaufen – so läuft das –, mich wollten sie nach Nigeria zurückschicken. Es klingt surreal, doch nach über vier Monaten bin ich auch hier irgendwie davongekommen, konnte also abhauen. Das war 2015.

Danach war für mich klar: Ich muss weiter. Nach Europa. Also schloss ich mich wenig später einem Camp an, in dem Menschen auf Fluchtmöglichkeiten warten. Dort herrschten miserable Zustände, es gab viel Leid, alle warteten auf den richtigen Fluchtmoment. Beim sechsten Versuch schafften wir es endlich auf ein Boot, um das Mittelmeer zu überqueren. Doch das Glück im Unglück zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Der Motor unseres Bootes – alle nannten es ‹Lampa Lampa› – stieg plötzlich aus. 120 Menschen auf einem überfüllten Boot – wir beteten und harrten stundenlang aus. Vorbeiziehende Öltanker ignorierten unsere Schreie. Am Ende wurden wir wie durch ein Wunder von einem Rettungsschiff entdeckt, das uns nach Sizilien brachte. Doch nicht alle von uns haben es geschafft.

Die Leute in Sizilien empfingen uns freundlich. Wir bekamen Essen und ein wenig Geld. Später wurden wir in ein ehemaliges Hotel in Neapel verlegt, das zum Asylheim umfunktioniert wurde.

In Neapel blieb ich einige Jahre. Ich habe Nierenprobleme und musste regelmässig eine Dialyse machen. Doch es war kein Fortschritt zu erkennen. Also beschloss ich nach Deutschland weiterzureisen, in der Hoffnung auf ein besseres Gesundheitssystem. Zweimal probierte ich es über die Schweiz. Beim ersten Mal wurde ich in Chiasso, beim zweiten Mal in Zürich geschnappt und jeweils nach Italien zurückgeschickt. Beim dritten Versuch landete ich 2019 in Basel. Seither bin ich hier. Zuerst lebte ich in Asylheimen, dann zog ich 2020 in eine eigene Wohnung in Laufen.

seit fünf Monaten Surprise in Breitenbach (SO) und im Basler Quartier Gundeli. Er hofft, bald noch eine zusätzliche Beschäftigung zu finden.

In der Schweiz wurde mir sogar eine Niere gespendet, seither fällt die Dialyse weg und damit auch ein grosser gesundheitlicher Stress. Ich habe temporär in der Reinigung und auf dem Bau gearbeitet. Das bedeutete: Nachtarbeit und Kontakt mit Chemikalien. Was mir nicht gutgetan hat. Meine Gesundheit stellte mir erneut ein Bein, wortwörtlich: Meine Beine schwollen an, und so konnte ich nicht weiterarbeiten.

Seit Anfang dieses Jahres bin ich nun beim SurpriseMagazin. Als ich von einem Freund hörte, dass man diese hier verkaufen kann, war meine erste Reaktion: ‹Magazine verkaufen? Ist das denn Arbeit?› Inzwischen weiss ich: Ja, es ist Arbeit! Im Moment ist das gut für mich, ich habe Kontakt zu Menschen und verdiene etwas Geld. Und Surprise hat mir geholfen, eine neue Wohnung zu finden; die alte wird renditesaniert.

Meine weiteren Pläne? Ich möchte in der neuen Wohnung zur Ruhe kommen. Aber ich möchte auch wieder mehr arbeiten. Damit komme ich von der Sozialhilfe weg und fühle mich weniger einsam. Meine vier Kinder sind nach wie vor in Nigeria. Ich würde sie so gerne wiedersehen. Mein Leben stand oft an einem Scheideweg, doch ich habe überlebt. Jetzt bin ich 56 Jahre alt und hoffe, dass mich das Glück weiter findet, wenn ich es brauche. Und dass sich meine Gesundheit langfristig stabilisiert.»

Aufgezeichnet von JORIS FRICKER

Ibrahim Momodu, 56, verkauft

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Strassenmagazin kostet 8 Franken.

Die Hälfte davon geht an den*die Verkäufer*in, die andere Hälfte an den Verein Surprise.

Das Heft erscheint alle 2 Wochen. Ältere Ausgaben werden nicht verkauft.

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Ein aufmerksamer Blick kann viel bewirken. Mit Achtsamkeit und Mitgefühl können wir Menschen in Not neue Hoffnung schenken.

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