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Fair Play für Stahl

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FAIR PLAY FÜR STAHL www.stahl-online.de

FÜR WETTBEWERB – GEGEN EINSEITIGE BELASTUNGEN

09_STAHL-AKTIONSTAGE Beschäftigte demonstrieren für „Stahl ist Zukunft!“

14_INDUSTRIE 4.0 Stahlindustrie präsentiert innovative Lösungen

16_EU-EMISSIONSHANDEL Studie belegt dramatische Folgen für Deutschland


INHALT 02

12 | 13

FAIR PLAY FÜR STAHL KOKEREI

KRAFTWERK

WALZWERKE

SINTERANLAGE

KOKEREIGAS HOCHOFENGAS KONVERTERGAS

WINDERHITZER

HOCHOFEN

03

KONVERTER

EEG-UMLAGE Weshalb eine Belastung der Eigenstromerzeugung klima­ politisch fragwürdig ist

WÄRMÖFEN

14 | 15 EDITORIAL Hans Jürgen Kerkhoff über faire Spielregeln für die Stahlindustrie

INDUSTRIE 4.0 Die Stahlindustrie präsentiert innovative Ideen und kundenorientierte Lösungen

16 | 17

04 | 05

EU-EMISSIONSHANDEL Prognos-Studie belegt dramatische Folgen für die deutsche Wirtschaft

TRAGFÄHIGE ZUKUNFT Stahlbrücken sind langlebig, wartungsarm und nachhaltig

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18 | 19

UNTER DRUCK Die Stahlindustrie braucht faire Wettbewerbsbedingungen

GRUNDSTOFF STAHL Als Basiswerkstoff bildet Stahl die Grundlage für innovative Lösungen

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09 STAHL-AKTIONSTAGE 45.000 Beschäftigte gehen für „Stahl ist Zukunft!“ auf die Straße

6 VON 86.000 So vielfältig wie der Werkstoff sind die Menschen, die für und mit Stahl arbeiten

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10 | 11 IM GESPRÄCH Peter Hübner, Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie

STAHL IST ZUKUNFT Fünf Trends des 21. Jahrhunderts – und welche Bedeutung Stahl dabei hat

Weitere Informationen zur Stahlindustrie finden Sie online: www.stahl-online.de | www.stahl-blog.de | twitter.com/stahl_online Herausgeber Wirtschaftsvereinigung Stahl Sohnstraße 65 40237 Düsseldorf Kontakt Klaus Schmidtke, Leiter Öffentlichkeitsarbeit Tel.: +49 211 6707-115 E-Mail: klaus.schmidtke@­ stahl-zentrum.de

Gestaltung Ketchum Pleon GmbH, Düsseldorf

Stand Juni 2016

Redaktion Ketchum Pleon GmbH, Düsseldorf; Wirtschaftsvereinigung Stahl, Dr. Marzena Kloka-Kohnen, Marvin Bender

Titel: gettyimages, S. 2: Wilfried Dechau/HafenCity Hamburg GmbH (1), Wirtschaftsvereinigung Stahl/Patricia Günther (2), iStock (4), Marc Mimram Architecte/Julien Lanoo (5), iStock (6), S. 4/5: Wilfried Dechau/HafenCity Hamburg GmbH, S. 7: gettyimages, S. 9: AEGIS Europe (1), Wirtschaftsvereinigung Stahl/Patricia Günther (2), AEGIS Europe

Bildnachweise:

(3), Thomas Range (4), Wirtschafts­ vereinigung Stahl/Patricia Günther (5), S. 10: Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V./Stockberg, S. 14: thyssenkrupp Steel Europe/­ Gregor Schläger, S.15: gettyimages, S. 16: iStock, S.18/19: gettyimages, S. 18: Salzgitter AG (1), Marc Mimram Architecte/Julien Lanoo (2), thyssenkrupp Steel Europe (3), S.19: iStock (1), thyssenkrupp Packaging Steel (2), TU Delft University/MX3D (3), S. 22: Salzgitter AG (1), FH Zwickau, S. 23: gettyimages (1), (2), ArcelorMittal Duisburg


EDITORIAL 03

Unfairer Wettbewerb bedroht auch die leistungsstärksten Stahlstandorte

Sehr geehrte Damen und Herren, die Fußball-Europameisterschaft erinnert uns an den Fair-Play-Gedanken. Wenn ein Wettbewerber unerlaubte Unterstützung erhält, während der andere zusätzlich belastet wird, kann von gerechten Spielregeln keine Rede sein. Mit diesen ungleichen Bedingungen wird die Stahlindustrie in Deutschland aktuell konfrontiert. Die Branche muss einen doppelten Druck aushalten. Zum einen führt die Strukturkrise auf den globalen Stahlmärkten zum Anstieg der DumpingImporte, vor denen der offene europäische Stahlmarkt nicht effektiv geschützt ist. Zum anderen wird in Brüssel eine Verschärfung des EU-Emissionshandels geplant, die eine Verknappung und Verteuerung der CO2-Zertifikate zur Folge haben soll. In keiner anderen Region der Welt wird die Industrie mit ähnlichen Auflagen belastet. Der Blick auf den Außenhandel und auf die Entwicklung der europäischen Klimaschutzpolitik verdeutlicht: Die Stahlindustrie in Europa ist gegenüber ihren internationalen Konkurrenten benachteiligt. Ohne Fair Play kann sie auf Dauer nicht bestehen. Unfairer Wettbewerb bedroht auf lange Sicht auch die leistungsstärksten Standorte. Im vorliegenden Magazin lesen Sie über die Stärken der Stahlindustrie in Deutschland: innovative Produkte, nachhaltige Prozesse und vor allem das Engagement der Mitarbeiter. Die Politik muss sich für gleichwertige Wettbewerbs­bedingungen einsetzen. Fair Play für Stahl – damit er auch in Zukunft für Deutschland spielt.

Hans Jürgen Kerkhoff Präsident Wirtschaftsvereinigung Stahl Vorsitzender Stahlinstitut VDEh


TRAGFÄHIGE ZUKUNFT STAHLBRÜCKEN KÖNNEN MEHR 04

Brücken sind bautechnische Meisterleistungen, Wegweiser der Infrastruktur und Stützpfeiler der Mobilität. Die rasant wachsende Verkehrsbelastung hat Spuren hinterlassen und bringt viele Brücken an den Rand ihrer Tragfähigkeit. Unsere Volkswirtschaft benötigt funktionierende Verkehrswege. Stahl bietet hier wirtschaftliche und nachhaltige Lösungen. Moderne Stahl­ brücken sind langlebig, wartungsarm und zu 100 Prozent recycelbar. Damit ist Stahl der ideale Baustoff für eine zukunftsweisende Infrastruktur.


05

Baakenhafen­brücke Hamburg. Die Stahlbrücke erfüllt höchste Ansprüche an Funktion und ­Nachhaltigkeit.


FAIR PLAY FÜR STAHL 7 GLEICHE SPIELREGELN Unfaire Importe gefährden die WELTWEIT 06

europäische Stahlindustrie

Vor allem China überflutet den EU-Markt mit gedumpten und subventionierten Importen. Die Stahlindustrie in Deutschland trifft zunehmend auf Konkurrenten, denen Standards in Bereichen wie Wettbewerb, Umwelt, Soziales und Schutz geistigen Eigentums fremd sind. Sie sieht sich Drittlandanbietern gegenüber, die erhebliche Marktanteilsgewinne durch unfaire Marktpraktiken anstreben. Daher leiden die deutschen Produzenten seit geraumer Zeit unter einem aggressiven Verdrängungswettbewerb – insbesondere durch China. Die Flut vor allem von chinesischem Billigmaterial überfordert die Aufnahmefähigkeit des europäischen Stahlmarktes. Trotz wachsender Verluste der chinesischen Stahlunternehmen stiegen die Stahlexporte aus China in den letzten Jahren weiter an. 2015 legten die Einfuhren um 58 Prozent zu - nach einem Anstieg von 50 Prozent 2014.

2016 ist ein Schicksalsjahr für die europäische Stahlindustrie. Die weltweite Krise der Branche bedroht auch leistungsstarke Standorte wie Deutschland. Die Politik muss handeln und fairen Wettbewerb sicher7 stellen. Es geht um Schutz vor Dumping im internationalen Handel und um Augenmaß bei der Klimapolitik.

gefährden die EU28: Walzstahlimporte aus Drittländern ahlindustrie

EU28: Walzstahlimporte aus China

EU28: Walzstahlimporte aus China 8

| Mio. t 7,16

32,14

+58 %

6

4,54

4,19

4 3,16

2,73

3,02

2

Quelle: Amtl. Außenhandelsstatistik, WV Stahl

20 15

20 14

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20 09

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1,25

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20 15

20 14

20 13

20 12

20 11

20 10

Quelle: Amtl. Außenhandelsstatistik, WV Stahl

Märkte in der Krise 20 12

32,14

+23 %

30

29,25 Kein noch so gut aufgestellter Stahlerzeuger, der in einem 26,22 marktwirtschaftlichen Umfeld operiert, kann auf Dauer gegen 23,60 23,48 staatlich gestützte – und das heißt insbesondere direkt oder 21,42 20 indirekt subventionierte – Konkurrenz bestehen. Es gehört zu 18,26 den ureigensten Verpflichtungen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, ihrer Industrie Schutz vor unfairen Handelspraktiken 10 Drittländern zu gewähren. von

20 09

f Konwerb, md sind. bliche streraumer rb – insischem europähinesis China uhren um 2014.

20 11

| Mio. t

„Entzieht man dem Sport den Fair­ nessgedanken, so verliert man die 8 Grund­ | Mio. t lage der sportlichen Aus­­ 7,16 einandersetzung“, sagt Marco Bode, Ex-Fußballnationalspieler und heute +58 % 6 Aufsichtsratschef bei Werder B ­ remen. 4,54 und Echter Wettbewerb braucht klare 4,19 4 gleichwertige Regeln, das gilt auch für 3,16 3,02 die Industrie und natürlich in gleicher 2,73 2 Weise für Stahl, der als Basiswerkstoff 1,25 weltweit gehandelt wird. 20 10

40

EU28: Walzstahlimporte aus China

20 09

EU28: Walzstahlimporte aus Drittländern

t mit gedumpten und subventionierten Importen.

3%

Kein noch so gut aufgestellter Stahlerzeuger, der in einem marktwirtschaftlichen Umfeld operiert, kann auf Dauer gegen staatlich gestützte – und das heißt insbesondere direkt oder indirekt subventionierte – Konkurrenz bestehen. Es gehört zu den ureigensten Verpflichtungen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, ihrer Industrie Schutz vor unfairen Handelspraktiken von Drittländern zu gewähren.

Im vergangenen Jahr hat sich die globale Strukturkrise beim Stahl zugespitzt. Die Nachfrage ist gesunken, vor allem in China, dem größten Produzenten. Trotzdem wurde dort die Stahlkapazität nicht angepasst. Die Folge sind historisch einmalig hohe Überkapazitäten, die nun auf den internationalen Markt drängen. Allein in China geht es dabei um 400 Millionen Tonnen Überkapazitäten, von denen im vergangenen Jahr 111 Millionen exportiert wurden, ein Rekordlevel. Ein großer Teil davon gelangt zu Dumping-Preisen auf den Weltmarkt. Somit werden die Strukturprobleme einzelner Regionen in andere exportiert und verursachen dort erhebliche Anpassungskosten. Vor diesem Hintergrund schützen viele Länder ihre Märkte. Tarifäre und nicht tarifäre Handelshindernisse haben in den vergangenen Monaten drastisch zugenommen. Im Gegensatz

zu anderen Regionen der Welt steht die EU für einen offenen Stahlmarkt, frei von protektionistischen Maßnahmen. So wird seit dem Jahr 2004 in der Gemeinschaft kein Einfuhrzoll mehr auf Stahlimporte erhoben. Darüber hinaus hat sich die Europäische Union ein strikt einzuhaltendes Beihilferegime gegeben.

Schutz und Augenmaß Es gehört zu den ureigensten Verpflichtungen der EU, ihrer Industrie Schutz vor unfairen Handelspraktiken durch Drittstaaten zu gewähren. Gegenwärtig sind die Handelsschutzin­ strumente der EU im Vergleich zu anderen Ländern schwerfällig. Sowohl die Anzahl der laufenden Maßnahmen als auch die Höhe der durchschnittlichen Zölle sind in anderen Ländern – etwa den USA – höher. Die Schutzzölle der EU gleichen das Dumping oftmals nicht aus. Die Schwäche des EU-AntiDumping-Instrumentariums stellt eine akute Bedrohung für die europäische Stahlindustrie dar. Nahezu grotesk wäre es, in dieser Situation China einfach den Status einer Marktwirtschaft zu verleihen. Handelsklagen hätten in dem Fall weniger Aussicht auf Erfolg, handelspolitische Schutzinstrumente würden ihre Wirkung verlieren. Deshalb muss nach alternativen, WTO-konformen Lösungen gesucht werden, um faire Wettbewerbsbedingungen zu erreichen.


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Regelhüter. Nicht nur beim Sport, auch in der Wirtschaft müssen Regeln überwacht werden.


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Massive Zusatzbelastungen auch durch Emissionshandel Weitere zusätzliche Belastungen für die Stahlindustrie in Deutschland sind durch die im Juli 2015 von der EUKommission vorgestellte Verschärfung des Emissionsrechtehandels (ETS) zu erwarten. Werden die Pläne in die Realität umgesetzt, müssen die Stahl­ unternehmen bis zu 50 Prozent der notwendigen CO2-Zertifikate zukaufen. Gleichzeitig steigt durch künstliche Verknappung der Preis für die Emissionsrechte. In der Folge drohen der Stahlindustrie Zusatzbelastungen von durchschnittlich einer Milliarde Euro pro Jahr ab 2021. Das ist fast genauso viel, wie die Branche jährlich investiert. Somit verschließen die künftigen Kosten für den Emissionsrechtehandel den Stahlunternehmen genau den Innovationsspielraum, den sie dringend benötigen. Es sind die Sortenvielfalt und Spezialisierung sowie die Qualität und Leistung, die dem rohstoffarmen Stahlstandort Europa zu seiner globalen Position verhelfen. Faire Wettbewerbsbedingungen, auch beim globalen Klimaschutz, sind für die Stahlindustrie in Deutschland von großer Bedeutung. Dabei geht es nicht um einen Freifahrtschein bei den CO2Emissionen. Um das Klima weiter zu schützen, forscht die Stahlindustrie bereits an neuen technischen Lösungen, die beispielsweise das prozessbedingt anfallende CO2 als Grundstoff nutzen.

Vor diesem Hintergrund sollte Augenmaß die Devise beim Klimaschutz sein. Stahl aus Deutschland hat bereits heute eine um 40 Prozent bessere CO2-Bilanz als Stahl aus China. Ziel bei der EUReform des Emissionshandels muss es deswegen sein, dass die effizientesten Anlagen keine zusätzlichen CO2-Kosten tragen und weiterhin ausreichend freie Zertifikate erhalten. Für die anderen Werke entsteht so ein Anreiz, in sauberere Technologien zu investieren. Ein solches Emissionshandelssystem würde Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen und auch international ein Vorbild sein.

Blick nach vorne

Fair Play als politische Aufgabe

Veränderungsbereitschaft und nachhaltige Modernisierung sind bei der deutschen Stahlindustrie ein fester Bestandteil der Unternehmenspolitik. Dennoch bleibt die Frage zukunftsentscheidend, ob es gelingt, im aktuellen globalen Kontext gleichwertige Wettbewerbsbedingungen herzustellen. Denn nur dann kann Stahl ein Fundament der Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland bleiben und Zukunftsthemen wie Digitalisierung, demografischen Wandel oder Ressourceneffizienz, erfolgreich mitgestalten. Auch dafür ist mehr als die Hälfte der Beschäftigten bei den Stahl-Aktionstagen 2016 auf die Straße gegangen.

Die Flut von billigem Stahl überfordert die Aufnahmefähigkeit des europäischen Marktes. Kein noch so gut aufgestellter Stahlerzeuger, der in einem marktwirtschaftlichen Umfeld operiert, kann auf Dauer gegen staatlich gestützte Konkurrenz bestehen. Darüber hinaus trifft die Stahlindustrie in Deutschland zunehmend auf Wettbewerber, denen Standards in Bereichen wie Wettbewerb, Umwelt, Soziales oder Schutz des geistigen Eigentums fremd sind. Und auch die zusätzlichen Belastungen aus dem Klimaschutz, die die Stahlindustrie in Deutschland tragen muss, sind im internationalen Wettbewerb einmalig. Keine andere Stahlregion der Welt hat sich ein ähnlich ambitioniertes, mit dem EU-Emissionshandel vergleichbares Zertifikatshandelssystem gegeben.

Ohne einseitige Belastungen könnte die deutsche Stahlindustrie zuversichtlich in die Zukunft schauen. Das hat das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos in einer aktuellen Studie ermittelt (siehe S. 16). Stahl wird als leistungsfähiger, innovativer und nachhaltiger Werkstoff gebraucht. Er wird in Deutschland in enger Zusammenarbeit mit den Kunden weiterentwickelt, basierend auf dem Know-how der rund 86.000 Mitarbeiter. Die Produktion ist auch in puncto Umweltschutz international vorbildlich.


STAHL-AKTIONSTAGE GEMEINSAM SIND WIR STARK! 09

Brüssel, Berlin, Duisburg, Salzgitter, Saarland – mehr als 45.000 Beschäftigte demonstrieren bei den Stahl-Aktionstagen für fairen Wett­ bewerb bei Handel und Klima. Ihre einhellige Botschaft: „Stahl ist Zukunft!“

Stahl macht mobil. Mit eindrucksvollen Demonstrationen protestierten Tausende Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam gegen die Gefährdung der Stahlindustrie. Bei den Stahl-Aktionstagen forderten sie fairen Wettbewerb ohne einseitige Belastungen.


KLARTEXT „NACHHALTIGES BAUEN IST ENG MIT DEM LEBENSZYKLUSANSATZ VERBUNDEN.“ 10

Ob Verkehrswege oder Architektur – Stahl ist für modernes und nachhaltiges Bauen unverzichtbar. Innovation und Recyclingfähigkeit machen Stahl zum Konstruktionswerkstoff Nummer eins. Peter Hübner, Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, spricht im Interview über die Infrastruktur in Deutschland, nachhaltiges Bauen und die Bedeutung der Werkstoffbasis vor Ort.

DIPL.-ING. PETER HÜBNER | Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie


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Herr Hübner, wie beurteilen Sie den Zustand der Verkehrsinfrastruktur in Deutschland und was sind die Anforderungen für die Zukunft? Die Bauindustrie weist schon länger darauf hin, dass wir die Verkehrswege in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt auf Verschleiß betreiben. ­Gemäß den Berichten der Daehre- und Bodewig-Kommission müssen allein zum Abbau des Investitionsstaus und zur Erhaltung des Netzes jährlich 7,2 Milliarden Euro zusätzlich investiert werden. Akuten Handlungsbedarf sehen wir im Bereich Brücken, die sich mehr und mehr zu Engpässen in unserem Verkehrsnetz entwickeln. 5.000 Brücken haben allein im Fernstraßennetz des Bundes einen nicht mehr ausreichenden Bauwerkszustand. Die öffentliche Hand muss deshalb die Investitionswende schaffen. Denn ein starker Standort Deutschland braucht ein leistungs­ fähiges Infrastrukturangebot für unsere Bürger und Unternehmen. Die Bauindustrie fordert von der öffentlichen Hand mehr Investitionen. Wo sollen die Prioritäten liegen? Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat die Weichen richtig gestellt: Mit dem sogenannten Investiti­ onshochlauf auf rund 13,4 Milliarden Euro bis 2018, der Ausweitung der Nutzerfinanzierung und der geplanten Gründung einer Bundesautobahngesellschaft hat das Bundesverkehrsministerium die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass unsere Verkehrsinfrastruktur nachhaltig modernisiert und ausgebaut werden kann. Mit dem Fokus auf die Beseitigung von Engpässen auf Hauptachsen und Knoten

setzt der Minister die Akzente richtig, nämlich auf die Stärkung der Effizienz des Gesamtnetzes. Was bedeutet nachhaltiges Bauen für Sie? Nachhaltiges Bauen ist eng mit dem Lebenszyklusansatz verbunden. Hierbei hat Stahl im Vergleich zu anderen Baustoffen seine spezifischen Vorteile. Durch eine integrale Betrachtung von Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung können Kosten und Zeiten optimiert, vor allem aber auch die Substanzwerte der Infrastruktur gesichert werden. Leider wird dieses Konzept von öffentlicher Seite noch nicht ausreichend gelebt. Zum Einsatz kommt es bislang vor allem im Rahmen öffentlich-privater Partnerschaften. Hier zeigt sich: Der Lebenszyklusansatz trägt zu einer hohen Kosten- und Terminsicherheit bei hoher Qualität bei. Diese Erfahrungen gilt es jetzt auch für konventionelle Bauvor­ haben nutzbar zu machen. Welche Rolle spielt bei diesen Themen die Materialbasis? Die Materialbasis gehört ebenfalls zum nachhaltigen Bauen. Die Bauindustrie ist an einem ressourcenschonenden Materialeinsatz sowie an einer Reduzierung des Carbon Footprint, also des ökologischen Fußabdrucks, interessiert. In diesem Zusammenhang gewinnt die Wiederverwertung von Baumaterialien an Bedeutung. Neue Verfahren wie beispielsweise das Betonrecycling werden erforscht: Hier sind Prozesse interessant, bei denen es nicht zu einem Downcycling kommt. Es gibt Forschungsprojekte, bei denen davon ausgegangen wird, dass Gebäude ein Materiallager für die Zukunft darstellen. Wie sich dies mit Konzepten der

Kreislaufwirtschaft in Einklang bringen lässt, wird derzeit diskutiert. Und welche Bedeutung haben die Qualitäten vor Ort? Materialien sollten nach Möglichkeit immer ohne Einsatz von gesundheitsgefährdenden Stoffen verarbeitet werden. Mit Herstellern müssen Rezepturen auf die Gesundheitsverträglichkeit hin durchgegangen werden. „Cradle to Cradle“ bietet hier einen Ansatz, der die Optimierung der eingesetzten Materialien sicherstellt. Lokal verfügbare Materialien aus zertifizierten Quellen sind immer dem Einsatz von Materialien mit weiten Anfahrtswegen vorzuziehen. Ergänzen Sie abschließend bitte den Satz: Die deutsche Industrie bleibt global wettbewerbsfähig, wenn ... … sie sich auf ein intelligentes, bedarfsgerecht ausgebautes und leistungsfähiges Verkehrsnetz verlassen kann.


EEG-UMLAGE AUF EIGENSTROM EFFIZIENZ WIRD BELASTET 12

Mit der Stromerzeugung aus Kuppelgasen leistet die Stahlindustrie einen wichtigen Beitrag zur Energieeinsparung. Nun will die EU, dass diese ökologisch sinnvolle Praxis mit der EEG-Umlage belegt wird. Ein Vorhaben, das nicht nur in der Stahlbranche auf Unverständnis stößt. Denn die Nutzung von Nebenprodukten zur Stromerzeugung ist CO2-frei und somit ökologisch sinnvoll.

KOKEREI

SINTERANLAGE

KOKEREIGAS HOCHOFENGAS KONVERTERGAS

WINDERHITZER

Kuppelgase sorgen für Strom und Wärme. Sie entstehen bei der Koks-, Roheisen- und Stahlproduktion im integrierten Hüttenwerk und setzen sich aus Hochofen-, Kokerei- und Konvertergas zusammen. Die Stahlerzeuger nutzen Kuppelgase effizient im Rahmen der industriellen Eigenstromerzeugung. Etwa zwei Drittel fließen in den Produktionsprozess und werden zur Beheizung der Anlagen eingesetzt. Aus dem Rest erzeugen die Unternehmen Strom in Kraftwerken, die auf die speziellen Anforderungen der Kuppelgasnutzung ausgelegt sind. Die so gewonnenen rund elf Terawattstunden Strom decken den Strombedarf der Werke zu mehr als 50 Prozent.

Wie die ressourcenschonende Eigenstromerzeugung in der Stahlindustrie funktioniert, zeigt das neue Video der Wirtschaftsvereinigung Stahl. www.stahl-online.de/eigenstrom

Die Eigenstromerzeugung ist ein relevanter Beitrag zur Einsparung fossiler Energieträger. Der aus Kuppelgasen gewonnene Strom in der Stahlindustrie ersetzt 2,6 Millionen Tonnen Steinkohle oder 2 Milliarden Kubikmeter Erdgas in anderen Kraftwerken. Er entlastet das Klima um rund 6,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das ist die Menge, die mehr als drei Millionen Mittelklasse-Pkws freisetzen. Trotz der vielfältigen ökologischen und ökonomischen Vorzüge stehen die Kuppelgase derzeit im Brennpunkt. Grund


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KRAFTWERK

WALZWERKE

HOCHOFEN

KONVERTER

sind Pläne der EU-Kommission, ihre Nutzung künftig mit der EEG-Umlage zu belegen. Die Umlagebefreiung der Eigenstromerzeugung soll Ende des Jahres auslaufen, ab 2017 würden auch neue Anlagen mit der vollen Umlage belastet. Klimapolitisch ist der Beschluss zur EEG-Umlage mehr als fragwürdig. Denn anders als bei primären Brennstoffen sind Kuppelgase produktionsbegleitende Nebenprodukte. Sie bilden eine vollständige CO2-neutrale Form der Stromerzeugung, das heißt: Der Emissionsanteil bleibt gleich, unabhängig davon, ob Kuppelgase abgefackelt oder zur Energieerzeugung weiterverwendet werden.

Aus energiewirtschaftlicher Sicht haben Kuppelgase vergleichbare Eigenschaften wie die EEGbefreiten Deponie- und Klärgase oder Reststoffe aus der Forst- und Landwirtschaft. Für die Stahl­ industrie ist die Verstromung der Kuppelgase alternativlos. Zum einen ist ihre energetische Verwertung immissionsrechtlich geboten, zum anderen ist das Abfackeln der Gase rechtlich untersagt. Auch ökonomisch birgt die EEG-Umlage massive Gefahren. Bereits eine Erhebung von 20 Prozent der vollen Umlage auf industriell erzeugten Strom wäre eine spürbare Belastung in Höhe von 130 Millionen Euro im Jahr. Sie würde die Wettbewerbssituation der Stahlunter-

WÄRMÖFEN

nehmen im internationalen Vergleich weiter verschlechtern und letztlich heimische Standorte gefährden. Das aber kann nicht das klimapolitische Ziel sein. Die Nutzung der Kuppelgase in der Stahlindustrie hat sich als effiziente und umweltschützende Methode der Energiegewinnung bewährt. Sie bleibt aber nur dann wirtschaftlich tragbar, wenn keine zusätzlichen Kosten, wie die EEG-Umlage, anfallen.

Effizient und CO2-sparend. Durch Eigenstrom­ erzeugung leisten Stahlunternehmen einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.


INDUSTRIE 4.0 DIGITALE PIONIERE 14

Alle reden von Industrie 4.0. Was aber längst nicht alle wissen: Die Verzahnung von Produktion und Informationstechnik kann nur unter Einbindung der Grundstoffindustrie gelingen. Deshalb engagiert sich die Stahlindustrie mit innovativen Ideen und kundenorientierten Lösungen – und hat in einigen Bereichen bereits Vorbildcharakter.


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Sigmar Gabriel hat ein ehrgeiziges Ziel: Deutschland soll sich als „digitales Wachstumsland Nummer eins in Europa etablieren“, fordert der Bundeswirtschaftsminister. Sein Staatssekretär, Matthias Machnig, ergänzt: „Die Digitalisierung muss in die DNA der deutschen Wirtschaft eingeschrieben werden.“ Als Rückgrat der Volkswirtschaft und als Grundlage für die industrielle Wertschöpfung kommt hierbei der Stahlindustrie eine besondere Bedeutung zu. Sie hat die Herausforderung und Chancen dieses Prozesses erkannt und engagiert sich verstärkt im Bereich Industrie 4.0.

Stahlindustrie als Vorreiter Industrie 4.0 ist längst mehr als nur die digitale Transformation der Produktion. Sie „ist die Verfügbarkeit aller relevanten Daten in Echtzeit durch die Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen“, sagt Prof. Dr. Alexander Fay, Experte für Automatisierungstechnik an der Helmut-SchmidtUniversität Hamburg. Entwicklung, Produktion, Logistik und nicht zuletzt Kunden sind miteinander vernetzt – klassische Produktionshallen verwandeln sich in „Smart Factorys“. Die intelligenten Fabriken nutzen Cyber-Physische Systeme (CPS), die reale und virtuelle Welt miteinander verbinden. Im Internet der Dinge kommunizieren die Werkstücke online mit den Maschinen, die sie bearbeiten. Gerade in der Stahlproduktion, die durch viele unterschiedliche Parameter, Variablen

Stahl digital. Dank vernetzter Daten lässt sich künftig zum Beispiel die Stahlqualität im l­aufenden Prozess jederzeit anpassen.

und Schnittstellen in den einzelnen Produktionsstufen gekennzeichnet ist, kommen die Effekte von Industrie 4.0 voll zum Tragen: Durch die Korrelation der gesammelten Daten lassen sich unerwünschte Produktionsabweichungen frühzeitig erkennen und in Echtzeit beheben; bisher notwendige Prüf- und Korrekturmaßnahmen entfallen. Das spart Zeit, Ressourcen und Kosten. Weitgehend digitale Geschäftsprozesse gibt es bei Hoesch Hohenlimburg, dem Mittelbandhersteller von thyssenkrupp. Online vernetzt, können Kunden – vor allem aus dem Automobil- und Kaltwalzbetrieb – die Produktion ihrer Aufträge jederzeit verfolgen und kurzfristig Änderungen bei Materialeigenschaften oder Terminierung vornehmen. Zeitgleich steuert der Bandstahl-Hersteller die Belegung der Stranggießanlage beim VormaterialLieferanten in Duisburg. Mit diesem Konzept steht Hoesch Hohenlimburg beim renommierten „Innovationspreis der deutschen Wirtschaft“ im Finale. „Der Ansatz zeigt, wie mithilfe neuer Technologien Geschäftsprozesse über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus weiterentwickelt und optimiert werden können“, erklärt Norman Baltrusch, Mitglied der Geschäftsführung von Hoesch Hohenlimburg. Auch anderenorts setzen Stahlunternehmen in Deutschland auf Indus­ trie 4.0: Die Dillinger Hütte arbeitet beispielsweise an einem datenbasierten Steuerungsmodell des Konverters. Mit ihm lässt sich künftig exakt berechnen,

Smart Factory. Auch in der Stahl­ produktion sind digitale Endgeräte ­wichtige Werkzeuge.

wie viel Roheisen, Schrott, Kalk und Kühlmittel zur Stahlherstellung benötigt werden. Quality Tracking ist ein Entwicklungsprojekt von thyssenkrupp Steel Europe, Tata Steel und ArcelorMittal. Es ermöglicht die positionsgenaue Qualitätsverfolgung bei Stahlfeinblech. Die Vorteile von Quality Tracking: weniger Nacharbeit, ein geringerer Materialverlust und ein Rückgang der Reklamationen. Auf dem Weg hin zum „Smart Coil“ sollen künftig neben Defektpositionen auch weitere Qualitätsinforma­ tionen übermittelt werden können.

Digitale Basis für Erfolg Drei Beispiele, die eines zeigen: Die Verzahnung von Produktion und Informationstechnik wird für die Stahlindustrie immer bedeutsamer. Ihre Innovationen bilden am Beginn industrieller Wertschöpfungsketten die Basis für eine erfolgreiche Industrie 4.0. Denn die reibungslose Vernetzung schafft nachhaltige Werte für Zulieferer, Stahlhersteller und verarbeitende Industrie.


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Welche Folgen hat eine Verschärfung des EU-Emissionshandels für die Stahlindustrie in Deutschland? Wie stark sind andere Branchen betroffen? Und was bedeutet das für die Volkswirtschaft in Deutschland? Eine aktuelle Studie der Prognos AG zeigt die dramatischen Folgen.

Wirtschaftliche Stabilität oder Deindustrialisierung? Geht es um die Zukunft des Stahlstandorts Deutschland, sehen die Forscher von Prognos zwei sehr unterschiedliche Perspektiven. Sie haben für den Zeitraum 2021 bis 2030 untersucht, welche volkswirtschaftlichen Folgen eine Schwächung der Stahlindustrie in Deutschland nach sich ziehen würde. Vor dem Hintergrund des Reformvorschlags zum Emissionsrechtehandel analysierten die Experten die Auswirkungen für die Branche, für ihre Wertschöpfungsketten und für die Volkswirtschaft insgesamt. Die Studie unterscheidet zwei Ausgangslagen: Im Referenzszenario fallen keine zusätzlichen Energie- und Klimakosten an, während im Belastungsszenario die klimapolitischen Kosten voll zu Buche schlagen. Wird der Kommissionsvorschlag umgesetzt, drohen der deutschen Stahlindustrie ab 2021 Zusatzkosten in Höhe von durchschnittlich 1 Milliarde Euro pro Jahr. Diese steigen bis 2030 auf knapp 1,6 Milliarden Euro. Der Wettbewerbsdruck verhindert indes, dass Unternehmen die Belastungen an ihre Kunden weiterreichen können. Die Folgen sind dramatisch: Die Betriebe „fahren ihre Investitionen bereits im Vorfeld zurück. Eine schleichende Deindustrialisierung setzt ein“, heißt es in der Studie. Beim Stahl sinken Produktion und Beschäftigung bis 2030 um 60 Prozent. Hinzu kommen Auswirkungen in vor- und nachgelagerten Branchen. Insgesamt 380.000 Arbeitsplätze sieht Prognos akut bedroht, die meisten davon im Dienstleistungssektor, etwa bei Logistik oder Einzelhandel. Hinzu kommt die Schwächung der Materialkompetenz. Die Stahlindustrie ist Innovations- und Qualitätstreiber. Wird Stahl nicht mehr in Deutschland produziert, löst sich das Netzwerk zwischen Stahlherstellern und -anwendern auf.


PLÄNE ZUM EU-EMISSIONSHANDEL WISSENSCHAFTLER SCHLAGEN ALARM 17

380.000

– 60 %

1 ZU 30

So viele Arbeitsplätze gehen in Deutschland verloren, wenn die Stahlindustrie durch die Verschärfung des Emissionshandels geschwächt wird.

Aufgrund der Verschärfung des EU-Emissionshandels sinken in der Stahlindustrie bis 2030 Produktion und Beschäftigung. Dies hat negative Auswirkungen auf Wertschöpfung und Beschäftigung in der gesamten Volkswirtschaft.

Auf 1 Euro Mehrbelastung für die Stahlindustrie kommen 30 Euro Verlust in der Volkswirtschaft.

„In der deutschen Wirtschaft führen die gesamtwirtschaftlichen Rückkopplungseffekte zu einem Minus von 30 Milliarden Euro Wertschöpfung“, bilanziert Dr. Michael Böhmer, Chefvolkswirt von Prognos. Ein Euro Verlust beim Stahl führt zu 30 Euro Verlust in der Volkswirtschaft. Doch so weit muss es nicht kommen. Denn die Prognos-Studie zeigt auch, dass die Stahlindustrie in Deutschland eine starke Zukunft hat – vorausgesetzt, sie bleibt von „einer politisch induzierten Beeinträchtigung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit“ verschont. Bis 2030 prognostizieren die Experten in ihrem Referenzszenario eine stabile gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Hierbei verzeichnen vor allem die stahlintensiven industriellen Leitbranchen wie der Fahrzeug- und Maschinenbau oder die Elektroindustrie überdurchschnittliche Produktionszuwächse. Als zentraler Vorlieferant der Schlüsselbranchen des verarbeitenden Gewerbes sorgt die Stahlindustrie für wirtschaftliche Stabilität. Für sie hat Prognos eine stabile Seitwärtsbewegung errechnet.

Kurz-Interview mit Dr. Michael Böhmer, Chefvolkswirt Prognos AG

„Weitere Schwächung wäre existenzgefährdend“ Herr Dr. Böhmer, worum geht es in der Studie? Wir haben am Beispiel einer isolierten europäischen Verschärfung des Emissionsrechtehandels untersucht, welche Folgen eine Schwächung der Stahlindustrie nicht nur für sie selbst, sondern auch für die vor- und nachgelagerten Branchen sowie für die Volkswirtschaft in Deutschland insgesamt hätte. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Die deutsche Stahlindustrie ist heute in einer Position, in der eine weitere Schwächung rasch existenzgefährdend wäre. Die Folgen für die gesamte Volkswirtschaft wären erheblich, denn die Stahlindustrie ist ein zentraler Vorleistungslieferant für Schlüsselbranchen des Verarbeitenden Gewerbes, etwa für den Maschinen- und Fahrzeugbau oder die Elektroindustrie. Darüber hinaus ist die Stahlindustrie ein wichtiger Abnehmer für Zulieferbranchen wie zum Beispiel das Verkehrsgewerbe. Daher drohen bei einer Schwächung der Stahlbranche Ausstrahleffekte auf die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Was bedeutet das konkret? In der Stahlindustrie würden in dem Belastungsszenario künftige Investitionen unterbleiben, weil sie nicht mehr rentabel wären. In der Folge würden Produktion und Beschäftigung bis 2030 um 60 Prozent sinken. In der deutschen Wirtschaft führen die gesamtwirtschaftlichen Rückkopplungseffekte zeitgleich zu einem Minus von 30 Milliarden Euro Wertschöpfung und zum Verlust von 380.000 Arbeitsplätzen.


GRUNDSTOFF STAHL UNVERZICHTBAR FÜR WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT 18

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Ein Gemeinschaftsprojekt von

Gefördert durch die Bundesrepublik Deutschland und das Land Niedersachsen.

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Gefragter Baustoff

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Stahl-Hochleistungswasserrad Neue Energie Nennleistung: 500 kW

ImStromerzeugung: Landkreis Celle entsteht Ende 2.500.000 kWhbis / Jahr Versorgbare Haushalte: 1.000 2017 das leistungsfähigste Wasser-Einsparung: 2.500zwölf t / Jahr Meter COder 2 rad Welt. Das breite Stahlrad am Allerwehr – Durchmesser: 11 m ein Projekt Breite: 12 m der TU Braunschweig Schluckvermögen: 60AG m3 / s– soll 1.000 und der Salzgitter Haushalte mit Strom versorgen. Die Innovation ist besonders bei niedrigen Wasser-Fallhöhen ein­setzbar. Allein in Deutschland gibt es laut Experten rund 6.000 Standorte, die von der neuen Technik profitieren könnten.

Beim internationalen Architektur-Kongress „Neues Bauen mit Stahl“ präsentierten Fachleute in Essen, welche Synergien Stahl in Verbindung mit komplementären Baustoffen schafft. Die Beiträge renommierter Architekten und Ingenieure dokumentieren: Stahl ist die innovative Lösung für den Bau anspruchsvoller Bauwerke und kann vor allem im urbanen Raum durch geringes Gewicht und hohe Flexibilität überzeugen.

Sparsamer Leichtbau Kombinationen aus Stahl und Karbon machen Automobile leichter. Bei den Modellen der neuen 7er-Reihe von BMW verringert der Einsatz der Werkstoffhybride das Pkw-Gewicht um rund 40 Kilogramm. Nachhaltiger Nebeneffekt: Die Leichtbau-Automobile verbrauchen weniger Sprit und reduzieren die CO2-Emissionen.


Stahl ist Innovationstreiber: Als Ursprung zahlreicher industrieller Wertschöpfungsketten ist Stahl der Basiswerkstoff für zukunftsweisende Produkte. Sechs Beispiele zeigen die Bandbreite. 19

Selbstheilender Werkstoff Doppelerfolg für die Wissenschaftler am Düsseldorfer Max-PlanckInstitut für Eisenforschung: Sie entwickelten Kunststoffschichten, die Stahl vor Rost schützen, und schufen zusätzlich einen Selbstheilungs-Mechanismus. Dazu schleusen sie winzige Kapseln mit Korrosionsschutz in den Stahl, die auf eine Beschädigung des Werkstoffs reagieren. Rost am Auto könnte damit künftig ein Relikt aus alten Zeiten sein.

Innovative Dose Die Aerosoldose „SteeloCare“ ist Sieger beim Stahl-Innovationspreis 2015. Innovativ seien die Verwendung von Weißblech und der ungewöhnliche Ansatz der Herstellung, lobt die Jury. Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung waren für thyssenkrupp Packaging Steel wichtige Kriterien bei der Produktentwicklung. So konnte die Blechdicke der vor allem für Haaroder Deospray verwendeten Dose von 0,19 Millimetern um gut die Hälfte reduziert werden.

Fahrspaß aus dem Drucker Auf welch vielfältige Weise Stahl im Alltag verwendbar ist, zeigen Studierende von der TU Delft: Sie entwarfen ein Fahrrad, das aus Stahl mit einem 3-D-Schweißroboter gefertigt wird. Das robuste „Arc Bicycle“ wiegt aufgrund seiner filigranen Struktur gerade einmal zwölf Kilogramm.


6 VON 86.000 STAHL ARBEITER IM PORTR ÄT 20

So vielfältig wie der Werkstoff sind die Menschen, die für und mit Stahl arbeiten. 6 von 86.000 Beschäftigten der Stahlbranche in Deutschland bringen mit ihren Statements auf den Punkt, was die Faszination Stahl ausmacht.

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Stahl made in Germany ist innovativ. Ob Energiewende, Mobilität oder Infrastruktur: Mit Stahl werden Visionen Wirklichkeit.“ Sören Haberstroh Technischer Kundenbetreuer, ArcelorMittal, Hamburg

Kevin Bilsdorfer Verfahrensmechaniker, Dillinger Hütte, Dillingen

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Bereits seit vier Generationen schlägt in meiner Familie das Herz für Stahl. Und so soll es auch in Zukunft bleiben.“

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Was viele gar nicht wissen: Stahl bietet eine Vielzahl von attraktiven Berufs- und Karrieremöglichkeiten – auch für Frauen.“ Melanie Ressl Industriemechanikerin, ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi, Riesa


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Das höchste Lob kam von ganz oben: „Die Stahlindustrie ist der Ort zukünftiger Spitzentechnologie, und Stahlarbeiter sind keine Eisenträger, sondern hoch qualifizierte Fachkräfte“, erklärte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Mitte April vor dem Parlament in Straßburg. „Diese Fachkräfte verdienen unsere uneingeschränkte Unterstützung.“

Die rund 86.000 Beschäftigten der Stahlindustrie in Deutschland hören die Worte gern. Sie verfolgen die politische Debatte aufmerksam und haben zur Kenntnis genommen, dass die Herausforderungen ihrer Branche inzwischen vielerorts zur Chefsache erklärt wurden. Mit Blick auf subventionierte Stahl­importe und technisch nicht machbare Klimavorgaben fordern

sie gleiche Regeln für alle und ein Ende der einseitigen Belastungen, die den Stahlstandort Deutschland gefährden. Sie setzen auch beim Stahl auf Fair Play – und erwarten von den Verantwortlichen, dass ihren Worten jetzt Taten folgen.

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Stahl ist Jahrtausende alt, aber nicht von gestern. Er steckt noch immer voller neuer, unentdeckter ­Möglichkeiten. Das ist es, was mich und mein Team antreibt.“

Dr. Juliane Mentz Hauptabteilungsleiterin Werkstofftechnik, Salzgitter Mannesmann Forschung, Duisburg

Omer Kisi Maschinenführer Rohstoff Recycling Osnabrück (GMH Gruppe), Osnabrück

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Seit 30 Jahren arbeite ich nachhaltig. Denn Stahl ist immer wieder zu 100 Prozent recycelbar. Das macht ihn einzigartig.“

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Stahl gibt mir die Chance auf einen Arbeitsplatz und damit auf ein neues Leben.“ Amadou Bah EQ-Praktikant, thyssenkrupp, Kreuztal-Eichen


MIT STAHL IN DIE ZUKUNFT LÖSUNGEN FÜR MORGEN 22

Werkstoffe Rund um den Stahl hat sich in Deutschland eine weltweit einmalige Forschungslandschaft entwickelt. Und das mit Erfolg: Stahlunternehmen, Forschungseinrichtungen, Zulieferer und Kunden arbeiten intensiv zusammen. Die Kooperationen fruchten, so hat sich das Patentwachstum seit 2010 mehr als verdoppelt. Diese Dynamik gilt es zu halten. Außerdem auf der Aufgabenliste: Grundlagen- und Anwendungsforschung noch besser verknüpfen und die Wege vom Labor in die Großproduktion verkürzen.

Digitalisierung Produktionsdaten zu analysieren und zu vernetzen, schafft Mehrwert: Qualitäten werden weiter erhöht, Mängel schneller behoben und Ressourcen optimal genutzt. Der „smarte“ Kunde wird in Zukunft bei der Produktion virtuell dabei sein und das Timing der Fertigstellung sowie die Eigenschaften des gewünschten Stahls selbst mitgestalten können. Ein weiteres Beispiel: Dank einer in ihren Schutzhelm integrierten Datenbrille können Mitarbeiter Informationen jederzeit mobil abrufen.


Auch in der digitalen und globalisierten Welt gehört Stahl zum Fundament der Industrie in Deutschland und bildet in vielen Feldern die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs als Exportnation. Fünf Zukunftstrends zeigen, warum das so ist. 23

Ressourcenschonung Wer Material, Energie und Zeit spart, schont die Umwelt und ist wett­ bewerbsfähiger. Dies lebt die Stahlindustrie auf vielfache Weise. Beim Recycling und Ressourcenverbrauch erreicht sie global Spitzenwerte. Die Unternehmen beteiligen sich rege an Energieeffizienznetzwerken: Drei von 50 solcher Netzwerke in Deutschland kommen aus der Branche, weitere werden vorbereitet. Flexible Lieferzeiten, nach­haltige Logistik und optimierte Lagerauslastung sind weitere Themen auf der Effizienzagenda.

Klima- und Umweltschutz Stahl aus Deutschland hat eine um 40 Prozent geringere CO2-Belastung als Stahl zum Beispiel aus China. Da eine weitere CO2-Senkung technisch an ihre Grenzen stößt, wird an alternativen Verfah­ren geforscht. Dies braucht Zeit und gewaltige Investitionen. Außerdem will die Branche ihre Ansätze zu Kreislaufwirtschaft weiter ausbauen. Dazu gehören die Stromerzeugung aus Kuppel­ gasen, die Nutzung der Schlacke zum Beispiel als Roh- oder Baustoff sowie die Optimierung der Wasserwirtschaft.

Sozialer Wandel Vielfältiger, dynamischer und gesünder ist sie geworden – die Arbeitswelt Stahl. Über 30 technische Berufe werden hier ausgeübt, der Frauenanteil steigt, Know-how spielt eine immer größere Rolle. Gesundheitliche Prävention und Arbeitssicherheit haben höchsten Stellenwert. Dabei bleibt der soziale und demografische Wandel eine Herausforderung. Die Suche nach neuen Arbeitsmodellen ist im vollen Gange, nicht zuletzt auch, weil die Unternehmen sich an der Integration von Flüchtlingen beteiligen.


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Fair Play für Stahl by Wirtschaftsvereinigung Stahl - Issuu