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Spielzeitung Juni

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Theaterzeitung für Oldenburg und die Region in Zusammenarbeit mit der NWZ

Spielzeitung JUNI 2024

Liebes Publikum! Nun halten Sie die letzte Theaterzeitung unseres Teams in Ihren Händen; keinem von uns fällt es leicht zu gehen, doch wir alle wissen: Theaterleute sind seit jeher ein „fahrendes Volk“. Es ist also für einige von uns an der Zeit weiterzuziehen, in der festen Überzeugung, dass ein künstlerisch arbeitender Betrieb sich immer wieder aufs Neue erfinden muss, um durch neue Impulse lebendig zu bleiben. Wenn wir auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken, tun wir das mit Freude und sogar Stolz. Vieles ist uns gelungen, einiges auch nicht – aber auch das hat uns alle weitergebracht. Und vor allem erkennen wir mit Dankbarkeit, was für ein Privileg es ist, in dieser Stadt leben und arbeiten zu dürfen. Das Theater und die Welt verbindet nicht erst seit Shakespeare eine enge Beziehung. Und dass die Welt sich in den vergangenen zehn Jahren in vielen Bereichen verändert hat, hat auch massive Auswirkungen auf die Relevanz von Theater. Tyrannei und Krieg sind uns sehr nahe gerückt, eine weltweite Pandemie hinterlässt bis heute tiefe Spuren, nationalistisches Denken breitet sich aus.

Viele in guter Absicht entstandene Strömungen entwickeln eine bedenkliche Eigendynamik: Der Wunsch, die Welt gerechter zu machen, wird manches Mal fehlgeleitet zu geistiger Horizont-Verengung, Intoleranz und Schubladendenken; so fühlt man sich, auch im Theaterbereich, manchmal wieder an Zensur erinnert ... Dabei sollte doch gerade der offene Diskurs an oberster Stelle stehen! Selbstfürsorge, ein zweifellos wichtiges Anliegen, schlägt nicht selten in überzogene Selbstbefindlichkeit und Egozentrik um. Das „Ich“ steht für viele bedingungslos an erster Stelle – in einer Zeit, in der das „Wir“ wichtiger ist denn je, um sich all den Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam stellen zu können. Vor diesem Hintergrund erweist sich zunehmend auch der Bereich der Social Media als nicht unproblematisch: Ein Segen für PR-Abteilungen, aber auch eine gefährliche Plattform für unreflektierte Stimmungsmache, anonyme Hetze und die Verbreitung von Fake News. Mit diesen Schilderungen beziehe ich mich nicht auf das Oldenburgische Staatstheater, sondern auf eine

beängstigende allgemeine Strömung, die aber natürlich auch an uns nicht spurlos vorübergeht. Wir sind schließlich keine einsame Insel – sondern Teil eines großen Ganzen und wir nehmen wahr, dass all das Geschilderte die künstlerische Freiheit einengt und sogar das Theater selbst anzweifelt. Seine ureigenste Aufgabe ist es schließlich, die Welt zu hinterfragen, und zwar auch in der Auseinandersetzung mit der uns prägenden Vergangenheit. Dazu gehört es, Kostüme zu tragen, Masken anzulegen, menschliche Abgründe zu zeigen und Unbequemes auszusprechen. Wie das wohl weitergeht? Vielen bangt. Die Kostbarkeit, sich analog im geschützten Raum zu begegnen und auszutauschen, wird in Zeiten von KI immer schützenswerter. Wie sehr wir als soziale Wesen die analoge Nähe anderer Lebewesen brauchen, war besonders zu Corona-Zeiten deutlich zu spüren. Deswegen bleibt die Faszination von LiveEvents in unserer Gesellschaft zum Glück bestehen und ich bin sehr froh, dass es uns mit dem Technical Ballroom gelungen ist zu zeigen, dass analoges und digitales Theater einander nicht ausschließen.

Wenn ich auf die letzten zehn Jahre zurückblicke, dann war es – neben den vielen wunderbaren Bühnenerlebnissen — für mich ganz besonders beglückend, mit einer so motivierten und fachlich äußerst kompetenten Belegschaft zusammenzuarbeiten: Sie alle haben gemeinsam unseren Erfolg bewirkt. Und es war immer wieder großartig zu sehen, wie selbstverständlich im Theater Internationalität gelebt wird. Ich denke gerne an den Theaterhafen zurück, an die tolle Arbeit des JUST mit den unzähligen kleinen begeisterten Besucher:innen, an die beeindruckenden Jugend- und Erwachsenenclubs, an die vielen Auszeichnungen und inhaltlichen Diskussionen, die unseren Schauspielproduktionen folgten, an die symbiotische Öffnung in die Stadt durch die Sparte 7 und das Niederdeutsche Schauspiel. Und es ist fantastisch, welch große überregionale Fangemeinde sich unsere Ballettsparte in den zehn Jahren aufgebaut hat. Es freut mich sehr, dass Antoine Jully den Oldenburger:innen erhalten bleibt. Einen Opernball neu ins Leben zu rufen, trauen sich nicht viele Theater. In dieser Stadt war es kaum ein

Risiko und die Zahl der Partner:innen und Sponsor:innen ist im Laufe der Jahre stark angewachsen. Das ist beispielhaft für Oldenburg: Alle halten zusammen und unterstützen sich und ihre Stadt. Sogar das sehr aufwändige ‚Ring‘-Projekt wurde zum Stadtevent: Alle wollten dabei sein – und es gibt seitdem viele neue Wagnerianer:innen in der Welt. Ihr Zuspruch und Ihre Wertschätzung, liebes Publikum, hat uns immer wieder beflügelt und ermutigt, etwas zu wagen. Der Zusammenhalt in dieser Stadt und die Verankerung des Theaters in der Stadtgesellschaft sind keine Selbstverständlichkeit und ich wünsche Ihnen, ebenso wie allen kommenden Oldenburger Theaterschaffenden von Herzen, dass das immer so bleibt. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, das tun wir nun, aber wir werden mit vielen wunderbaren Erinnerungen davonziehen, Ihr

Christian Firmbach

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