Skip to main content

Paracontact 4 2020_d

Page 1

Das Magazin der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung I Winter 2020

Inklusion auf der Piste


Welcher SpeediCath® passt zu Ihnen? Seit 20 Jahren werden SpeediCath Katheter entwickelt, um die individuellen Bedürfnisse von AnwenderInnen zu erfüllen und ihnen den Alltag zu erleichtern.

Jetzt Ihren passenden Begleiter entdecken. 0800 777 070 www.coloplast.ch/entdecken

Coloplast AG, Blegistrasse 1, 6343 Risch-Rotkreuz, Schweiz www.coloplast.ch Das Coloplast Logo ist eine eingetragene Marke von Coloplast A/S. © 2020-10 Alle Rechte vorbehalten Coloplast A/S.


EDITORIAL

Geschätzte Leserinnen und Leser Offene Menschen, offene Türen und offene Herzen! Zusammen mit einem motivierten und kompetenten Team darf ich seit Anfang August bei der SPV mitgestalten. Schon in den ersten Wochen erhielt ich die Möglichkeit, Rollstuhlclubs zu besuchen und mich mit Mitgliedern der SPV zu treffen. Überall wurde ich mit offenen Armen empfangen – nicht nur in den Regionen, sondern auch bei der Schweizer Para­ plegiker-Gruppe, den Mitarbeitenden und im Zentralvorstand. Herzlichen Dank an alle, speziell auch an meinen Vorgänger Urs Styger!

«Gemeinsam in die Zukunft» Der Giro Suisse bot mir die Möglichkeit, aktiv zu erleben, was die SPV bewegt und wofür wir in Zukunft vermehrt ein­ stehen wollen: gemeinsam für und mit unseren Mitgliedern unterwegs zu sein. 16 Rollstuhlclubs haben bei der Fahrt durch 18 Kantone mitgewirkt und diesen herausragenden Event mitgestaltet zum 40-Jahr-Jubiläum der SPV. Der Giro Suisse hat mir aufgezeigt, dass wir alle trotz zum Teil widrigen Umständen und in einer für viele Menschen schwierigen Zeit Besonderes leisten und realisieren können! Das haben die Teilnehmenden,

Paracontact I Winter 2020

das OK, die vielen Helfenden und alle involvierten Personen eindrücklich aufgezeigt. Ist dieser Geist ein Sinnbild für die Zukunft der SPV? Ich glaube es. Neben der Weiterentwicklung unserer Leistungen werden wir künftig die Clubs weiter stärken und in ihren Tätigkeiten unterstützen. Wollen wir zusammen etwas bewegen, müssen wir offen und transparent kommunizieren und eine enge Kooperation suchen. Mit diesem Wunsch und einer mit den Clubs diskutierten neuen Strategie gehe ich in die Vorbereitung für 2021. Lassen Sie uns im kommenden Jahr die Herausforderungen zusammen und positiv angehen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen allen. Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen eine erholsame Adventszeit, besinnliche Festtage und natürlich ein erfolgreiches neues Jahr. Viel Spass bei der Lektüre.

Laurent Prince, Direktor

3


- Prof. Jocelyne Bloch Neurochirurgin «Die alternierende Bewegung des Go-Tryke ist eine ausgezeichnete kardiovaskuläre und koordinative Übung, welche mit schönen Radtouren ergänzt werden kann»

GO-TRYKE

®

Route de Bulle 41 WWW.GBY.SWISS CH-1696 Vuisternens-en-Ogoz Tel. +41 26 411 55 55 Entwickelt, um Ihr Handicap zu überwinden

041 360 25 44 info@orthomedica.ch

Wir erleichtern Ihnen das Leben. Mit Sicherheit. Kontinenzversorgung ist Vertrauenssache. Wir bieten Ihnen dazu seit über 19 Jahren Kompetenz, erstklassige Produkte und persönlichen Service. Damit Sie sicher und mit Leichtigkeit das Leben geniessen können. Wir sind für Sie da.

InseratOrthomedicaParacontact182.128D.indd 1

4

Ortho Medica AG Grabenhofstrasse 1 Postfach 2242 6010 Kriens 2 Tel Fax

041 360 25 44 041 360 25 54

www.orthomedica.ch

23.06.2015 08:24:58

Paracontact I Winter 2020


IMPRESSUM

INHALT

41

36

Herausgeberin Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil Telefon 041 939 54 00 E-Mail spv@spv.ch www.spv.ch Chefredaktorin Evelyn Schmid Redaktion Laurent Prince, Urs Styger, Gabi Bucher, Nadja Venetz, Felix Schärer, Roger Getzmann, Tanja Müller, Michael Bütikofer, Daniela Vozza, Tina Achermann Koordination, Grafik, Inserate Tina Achermann Fotos SPV, Adobe Stock, Tobias Lackner, Andi Gautschi, Luc Percival/WPA, Sebastian Tobler, Genossenschaft Kalkbreite, Volker Schopp, Ziesel Impuls-Event, Wisu Bucher, Pixabay, Reisetheater, Antje Kuwert Jodlerclub Nottwil, Peter Rauch, Markus Binda, SPS Druck Brunner Medien AG, www.bag.ch Redaktionsschluss Ausgabe Frühling 2021: abgeschlossen Ausgabe Sommer 2021: 15.2.2021 Auflage 8100  Exemplare deutsch 4 250 Exemplare französisch In dieser Publikation wird zur Ver­ einfachung die männliche Form stellvertretend für die weibliche und männliche Formulierung verwendet. Die in der Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Fremdbeiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder. Ein Abdruck von unverlangt eingesendeten Manuskripten ist nicht gewährleistet.

Paracontact I Winter 2020

WIR BEWEGEN AKTUELL  6 UNSERE PARTNER Herzlichen Dank 8 WEIHNACHTSREZEPT Luzerner Lebkuchen 9 STRATEGIEENT WICKLUNG Die Ideen unserer Clubs 10 NACHGEFRAGT Probezeit für Topathleten 13 LEBENSBERATUNG LEBENSWILLE Mit Humor und Technik 14 BERATUNGSKOMPETENZ Das lange Warten 17 RECHTSBERATUNG SOZIALVERSICHERUNGEN Leistungen beim Eintritt ins AHVRentenalter 18 MEDIZIN UND WISSENSCHAFT SCHMERZEN TEIL 1 Schmerzdiagnostik 20 INNOVATIONSKRAFT Bewegungshungriger Tüftler 22

KULTUR UND FREIZEIT FÜR SIE Neues Jahr, frisches Angebot 28 IN KÜRZE  30 DIE PERFEKTE AUSZEIT «Rüüdig schön» 33 KLIMAFREUNDLICHER REISEN Gemeinsam fürs Klima 35 ROLLSTUHLSPORT GIRO SUISSE Die Schweiz in 13 Tagen 36 IN KÜRZE  39 WINTERPROGRAMM Den Wintersport entdecken 41 VERBANDSLANDSCHAFT 4 Basketball nicht mehr paralympisch 42 ATHLETENWEG NACH FTEM Wie werde ich Paralympics-Sieger? 43 FOKUS VERMISCHTES  44 IM GESPRÄCH Joseph Hofstetter und Laurent Prince 46 UNSERE HELFER Freundschaft auf Rädern 49 FÜR SIE DA Sarah-Maria Kaisser 50

HINDERNISFREIES BAUEN HERAUSFORDERUNG Altersgerechtes Wohnen 24 AUSGEZEICHNET And the winner is  … 26

5


AKTUELL

ONLINE

ZENTRALFEST

Maskenball

Handwerkermarkt Der traditionelle Weihnachtsmarkt heisst neu Handwerkermarkt. Da die Austragung im SPZ Nottwil nicht möglich ist, findet der Markt online statt. Ab 9. November bis Weihnachten können Sie auf unserer Website in den Angeboten stöbern und die Produkte kaufen. Alle werden sie von Menschen im Rollstuhl gefertigt. Viele Artikel sind Einzelanfertigungen, mit viel Herzblut geschaffen. Einkaufen www.spv.ch

Aufgrund des Coronavirus musste das prämiert. Die Gewinner erhielten einen Gut­ Zentralfest 2020 leider abgesagt werden. schein für das Brunch-Buffet im Hotel Sem­ Gefeiert wurde trotzdem – am digitalen pachersee. Das nächste Zentralfest findet Maskenball. im Herbst 2021 statt. Das Datum wird noch bekannt gegeben. Alle Angemeldeten erhielten auf dem Post­ weg eine Hygienemaske mit dem Auftrag, diese zu verzieren. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Auf der Website der SPV präsentierten wir alle eingesandten Masken. Bis 23. September konnten alle für ihren persönlichen Favoriten abstimmen. Die drei Masken mit den meisten Stimmen wurden

NEUE MITARBEITENDE

LEBENSBERATUNG

SPV-Höck

Renata Tozzi

Judith Stocker

Renata Tozzi unterstützt seit 1. November unseren Direktor. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie eine Autogarage und führte den administrativen Bereich. Zuletzt war sie als Assistentin des Geschäftsführers beim Schweizer Schiesssportverband tätig. Nun freut sie sich auf die neue Herausforderung bei der SPV. Vielfältig interessiert Die Luzernerin liest gerne und interessiert sich für Sprachen und Geschichte. Auch Wandern, Skifahren und Handwerken zählen zu ihren Hobbies.

Seit dem 1. November berät Im August startete Jana Judith Stocker in einem Thommen ihre dreijährige 60%-Pensum unsere Mitglieder. kaufmännische Lehre bei der Die gelernte kaufmännische SPV. Die junge Luzernerin Angestellte liess sich zur wollte sich ganz gezielt für die Anliegen von Rollstuhlfahrern Sozialarbeiterin ausbilden stark machen und bewarb sich und arbeitete anschliessend in der Sozialberatung des SPZ. ursprünglich auf eine LehrSie ist daher bestens vertraut stelle im Schweizer Para­ mit den Bedürfnissen von plegiker-Zentrum. Querschnittgelähmten. Bewegungsmensch Familie und Fasnacht In ihrer Freizeit schmettert die Die Mutter von zwei Töchtern 15-Jährige bei «Volley Wyna» verbringt am liebsten Zeit mit Bälle übers Netz und kümmert der Familie und Freunden. Die sich um ihr Pflegepferd. Die Fasnacht lässt sie sich nicht Freunde dürfen aber auch entgehen. nicht zu kurz kommen.

Direktionsassistentin

6

Sozialarbeiterin

Jana Thommen

Kauffrau in Ausbildung

Die SPV bietet in der Uniklinik Balgrist regelmässig Infoveranstaltungen an. Offene Runde: Stammtisch Lebensberatung SPV Donnerstag, 28.1.2021 16.00  –18.00 Uhr Die Gesprächsgruppe «Mit Querschnittlähmung leben» trifft sich monatlich und diskutiert über verschiedene Themen. Interessierte treffen sich im Restaurant der Uniklinik Balgrist. Mobiliät – Fahrzeugumbau Lebensberatung SPV Montag, 1.3.2021 18.00 –20.00 Uhr Ein Mitarbeiter der Lebensberatung informiert über Autokauf und -umbau, Vergünstigungen im öffentlichen Verkehr sowie Mobilität ganz allgemein.

Paracontact I Winter 2020


SPENDE

Anonymer Umschlag

SPG

Jerusalema-Challenge Die Feierlichkeiten für das 30-jährige Be- KG. Chikha Benallal, Mitarbeiterin der SPVstehen des SPZ mussten aus bekannten Lebensberatung, zeigte sich für die Choreo­ Gründen auf nächstes Jahr verschoben graphie der Rollstuhlfahrer verantwortlich. werden. Das Video wurde zum Hit: Bereits über 1,5 Die SPG brachte mit einem Video das Ge­ Millionen Mal wurde es angeschaut, über burtstagsfest zu den Leuten nach Hause 10 000 Mal geteilt und über 1000 Mal kom­ und bedankte sich auf diese Weise für die mentiert. Solidarität mit Querschnittgelähmten. Über 200 Mitarbeitende der SPG tanzten zum Video hier ansehen youtube.com/paraplegikerstiftung Gute-Laune-Song «Jerusalema» von Master

Am 2. September machte der Giro Suisse in Bern halt. Auf dem Casinoplatz suchte ein Passant den OK-Verantwortlichen des Anlasses und übergab Roger Getzmann, Bereichsleiter Rollstuhlsport Schweiz, in der Folge einen Umschlag mit einer Spende von CHF 1000.–. Leider lagen keinerlei Kontaktangaben bei. Gerne möchten wir uns persönlich für diese grosszügige Spende bedanken. Melden Sie sich bei uns unter Tel. 041 939 54 00 oder per E-Mail an spv@spv.ch.

HANDBIKE-TRAIL

Creux du Van MOBILITÄT

Begleiterkarte SBB Mit der Ausweiskarte für Reisende mit einer Behinderung (Begleiterkarte) reist eine Begleitperson kostenlos auf den Strecken der am direkten Personenverkehr beteiligten schweizerischen Transportunternehmen.

hat die Digitalisierung. Die Bestellung soll vereinfacht und die Ausgabe der neuen Ausweiskarten vereinheitlicht werden. In der heutigen Papierversion soll es die Aus­ weiskarte nicht mehr geben.

Zum Zeitpunkt, wann dies umgesetzt wird, Reisende mit eingeschränkter Mobilität, die macht die SBB keine Angaben. Aus diesem Unterstützung benötigen, um den öffentli­ Grund wird die heutige Ausweiskarte mit chen Verkehr zu nutzen, können die Beglei­ Gültigkeit von 2017 bis 2020 um ein Jahr bis terkarte bei den kantonalen Stellen beantra­ zum 31. Dezember 2021 verlängert. gen. Aktuell ist die Ausweiskarte von 2017 bis 2020 gültig. Für die Kundinnen und Kunden entsteht durch die Verlängerung kein Zusatzaufwand. Das Ziel ist gemäss der SBB nun, dass die neue Ausweiskarte kundenfreundlicher Auskunft und auf Kundenwunsch in einem kleineren www.sbb.ch (unter Fahrplan/Reisehinweise) Format erscheinen wird. Ebenfalls Priorität Paracontact I Winter 2020

Ende August fuhren Handbiker unter der fachkundigen Leitung von Andreas Gautschi auf den Creux du Van. Die Fahrt war anspruchsvoll, doch entlohnte

der imposante Ausblick von den senkrecht abfallenden Felswänden. Das An­gebot von Kultur und Freizeit besteht seit einigen Jahren. Die nächste Ausfahrt ist für Juni 2021 geplant. Wir freuen uns über zahlreiche Teilnehmende. 7


WIR BEWEGEN

UNSERE PARTNER

Herzlichen Dank Starke Partnerschaften ermöglichen einzigartige Projekte! Wir danken unserem Main Partner, den Partnern, Sponsoren und Supportern für die grosse Unterstützung unserer Zielsetzungen und Anlässe sowie unserer Sportarten.

MAIN PARTNER

SPONSOREN

SUPPORTER

Schweizer Paraplegiker-Stiftung, Nottwil

Coloplast AG, Rotkreuz

– Bergbahnen Sörenberg, Sörenberg – Best Western Hotel Bellevue au Lac, Lugano – Brunner Medien AG, Kriens – Bundesamt für Sport, Magglingen

PARTNER

Meyra/Gelbart AG D-Kalletal/Kalldorf und Luzern

– Caffè Chicco d’Oro di Er. Rino Valsangiacomo SA, Balerna –C ertina SA, Biel –C HRIS sports AG, Münchwilen

Hollister, Dietikon

–C urling Club Arktis, Bern –E uropcar AMAG Services AG, Kloten – F uchs Jean-Michel, Biel/Bienne

Suva, Luzern

Orthotec AG, Nottwil

–G azzose Ticinesi SA, Personico –H otel Villa Sevasti, Griechenland –K noepfel Benjamin, Bern –M övenpick Hotel, Egerkingen –p erü timing, Lengnau –P hil Freeze, Sursee

PARTNER WERDEN

–S alomon – Amer Sports SA Switzerland, Hagendorn

Starke Stories mit Seele Andere müssen sie erst konstruieren, wir haben sie, Geschichten die bewegen, fesseln, erstaunen, Nähe und Vertrauen schaffen. Egal ob in der internen Kommunikation oder im Content Marketing, die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung bietet ihren Partnern ein breites Spektrum an Möglichkeiten, gemeinsame Kommunikationspotenziale zu nutzen.

8

–S catta AG, Hünenberg

Aus unserem spannenden Repertoire: – Eventpartnerschaften – langfristige Förderung – Storytelling – Content Marketing – CSR – Sensibilisierung – Spitzenleistungen Kontaktieren Sie uns sponsoring@spv.ch

–S chmid Alois & Danielle, Ausserberg –S chweizerische Vereinigung zugunsten von Personen mit Spina Bifida und Hydrocephalus, Tagelswangen –S portmedizin, Nottwil –S tiftung Denk an mich, Basel –S tiftung Folsäure Schweiz, Zug –S wiss International Air Lines Ltd., Zürich –S wiss Olympic, Ittigen –V aliant Bank AG, Luzern –V erein Luzerner Kerzenziehen, Luzern

Paracontact I Winter 2020


WIR BEWEGEN

WEIHNACHTSREZEPT

ZUTATEN

Luzerner Lebkuchen

Teig 2 dl Vollrahm 200 g Zucker 1 Naturejoghurt (180 g) 1 Prise Salz 4 EL Birnel (Birnendicksaft) 2 EL (gestrichen) Lebkuchengewürz 1  KL Natron 300 g Ruchmehl

Er duftet herrlich und schmeckt lecker: Der Luzerner Lebkuchen gehört zu einer besinnlichen Weihnachtszeit einfach dazu – unserer Originalrezept des Klassikers auch! Von Tina Achermann

Und noch etwas mehr Birnel zum Bestreichen des gebackenen Lebkuchens. Variante Cupcakeförmchen, Feines zum Verzieren (Goldglitter, Sternanis usw.)

Der Luzerner Lebkuchen mit seiner typisch rissigen Oberfläche ist eine kulinarische Spe­zialität, die im ganzen Innerschweizer Kanton sehr geschätzt wird.

Durch die spe­ziellen Zutaten nimmt er ei­­­ne Sonderstellung in der Schweizer Leb­ kuchen- und Biber-Herstellung ein, denn statt Bienenhonig wird Birnel verwen­det, das gibt ihm seinen unvergleichlichen Ge­ schmack. Und anstelle der allgemein üb­ lichen Milch wird Rahm beigegeben – das macht ihn einerseits nahrhafter, anderer­ seits aber auch zart und feucht. Wunder­ bar süss, luftig und fein, und zu einem Tee oder Kaffee mit einem Klacks geschlage­ nem Rahm einfach himmlisch! Zum Rezept Die Zubereitung ist sehr einfach: Den Voll­ rahm flaumig schlagen, danach alle Zuta­ ten beigeben. Gut mischen, in eine gefet­ tete Cakeform (oder original in eine runde Form) einfüllen und bei 180 Grad zirka 55 Minuten backen. Paracontact I Winter 2020

Nach dem Backen leicht auskühlen lassen, aus der Form nehmen und für den unver­ wechselbaren Glanz auf der Kruste mit Birnel bestreichen. Eine besonders fest­ liche Variante sind Cupcakes, die sich nach Belieben verzieren lassen.

FROHE WEIHNACHTEN Das Team der Schweizer ParaplegikerVereinigung wünscht Ihnen, Ihren Familien, Freunden und Bekann­ten schöne Weihnachtstage und alles Gute für das neue Jahr. 9


WIR BEWEGEN

STRATEGIEENT WICKLUNG

Die Ideen unserer Clubs

Es war mehr als nur ein Temperaturmessen. Wir wollten von den Rollstuhlclubs wissen, wo der Schuh drückt. Daher stellten wir den Clubvorständen die neue Strategie vor und diskutierten in vier Workshops über deren Umsetzung.

Von Urs Styger und Evelyn Schmid

Die Entwicklung einer Strategie ist ein ­an­spruchsvoller Prozess, die Umsetzung noch viel mehr. Anlässlich des Strategie­ workshops der Geschäftsleitung und des Zen­ tralvorstands im vergangenen Juni sag­te Laurent Prince, der neue Direktor der SPV: «Wir werden gemeinsam mit den Roll­stuhlclubs prüfen, ob wir auf dem rich­tigen Weg sind. Was fehlt? Wovon brau­ ­chen wir mehr? Haben wir gemeinsame Haltun­gen?» Der Auftrag war also klar: Die Rollstuhl­ clubs sollten in den Strategieprozess mit­ einbezogen werden. Mitte Oktober 2020 wurden deshalb Workshops in der Deutsch-­ und Westschweiz durchgeführt. Fast alle Sektionen nahmen teil. Es ging darum, die Hauptstossrichtungen der Strategie 2021 bis 2024 darzulegen und die Inputs der Rollstuhlclubs abzuholen, um danach ge­ meinsam deren Umsetzung in Angriff zu prozesse müssen digitalisiert werden, um nehmen. Abläufe zu verbessern oder zu vereinfa­ chen. Und querschnittgelähmte Nicht-Mit­ glieder sollen motiviert werden, sich einer Wohin des Weges? Es überrascht nicht, dass folgender Satz im unserer 27 Sektionen anzuschliessen. Vor­ Zentrum der SPV-Strategie steht: «Wir för­ gestellt wurde die Strategie durch Präsiden­ dern die ganzheitliche Inklusion und die tin Olga Manfredi beziehungsweise Vize­ Steigerung der Lebensqualität von Quer­ präsidentin Annick Meystre und Direktor schnittgelähmten in der Schweiz.» Dies ist Laurent Prince. ja mehr oder weniger auch der Wortlaut der Vision der SPV. Dieser Grundsatz schliesst Ursprünge bei der Statutenrevision die Zusammenarbeit mit der Schweizer Anlässlich der Überarbeitung unserer Sta­ Paraplegiker-Gruppe, aber auch mit allen tuten im Jahr 2018 befragten wir die Vor­ spezialisierten Kliniken und Institutionen stände der Rollstuhlclubs, welche Themen in der Schweiz ein. Wir wollen die Dienst­ ihnen unter den Nägeln brennen. Die In­ leistungen zugunsten unserer Mitglieder in puts von damals, die genannten Heraus­ den Regionen weiter ausbauen. Geschäfts­ forderungen und Schwierigkeiten, nahmen 10

Ideen für die Zukunft

wir als Anhaltspunkt zur Definition der vier Themenschwerpunkte für die Work­ shops: Einbezug der Rollstuhlclubs, Kom­ munikation, Mitgliedergewinnung, Ver­ bands­dienstleistungen. Die Workshops wurden in kleinen Grup­ pen durchgeführt, so dass ein angeregter Dialog unter den Teilnehmenden möglich war. Dabei mussten wir aber achtgeben, dass das Ganze nicht zu einem Wunschkon­ zert verkam. Bei der Umsetzung der neuen Strategie in den kommenden vier Jahren werden wir die geäusserten Ideen auf ih­ ren Mehrwert für viele, die Umsetzbarkeit und Finanzierbarkeit prüfen müssen. Das wird keine leichte Aufgabe sein, denn bei Paracontact I Winter 2020


der Umsetzung der Strategie müssen auch Prämissen wie die Vorgaben der Schweizer Paraplegiker-Stiftung und des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) berücksich­ tigt werden.

Jahr nach der Erst-Reha. Die Dienstleis­ tungen der SPV sollen zudem noch stärker auf die unterschiedlichen Altersgruppen an­gepasst werden.

Einbezug der Rollstuhlclubs (Leitung Olga Manfredi, Präsidentin SPV) Die Vertreter der Rollstuhlclubs wollen mehr in die Weiterentwicklung der SPV einbezogen werden, dies mittels Arbeits­ gruppen bzw. Gremien. Sie wünschen sich zentral erbrachte Angebote, die den Be­ dürf­­­nissen der Rollstuhlclubs entsprechen. Da­­zu gehören zum Beispiel Weiter­bil­ dungs­events zu Themen wie Vereins­füh­ rung, Soziale Medien oder Projektma­na­ ge­ment. Die SPV soll die Club-Verantwortlichen in ihren Funktionen fachlich unterstützen und begleiten, dies auch bei der Besetzung von Vorständen. Um einen guten Austausch zu gewährleisten, sollen wichtige Mitarbeitende der SPV bei den Rollstuhlclubs öfters präsent sein. Auch zu­ künftig engere Kooperationen zwischen den Clubs wurden erwähnt und man sprach sogar von eventuellen Zusammenschlüs­ sen.

Verbandsdienstleistungen (Leitung Ramona Wiss, Leiterin Verbandsdienstleistungen) Die Vertreter der Rollstuhlclubs wünschen mehr Kontakt zwischen den RC-Vorstän­ den und den SPV-Mitarbeitenden. Sie möch­ten mehr Details zu den Aufgaben der Ansprechpartner in Nottwil, so dass die zuständigen Personen ohne Umwege kon­ taktiert werden können. Sie benötigen ei­ nen einfachen Austausch von Informa­ tionen, zum Beispiel dank der besseren Nutzung der passwortgeschützten Platt­ form im Internet. Generell war die Tech­ nik ein grosses Thema, sei es bei der Leis­ tungserfassung oder der zukünftigen Nutzung der gemeinsamen Adressdatenbank. Eine grosse Herausforderung ist nach wie vor die aufwändige BSV-Abrechnung, bei der mehr Support und bessere Hilfsmittel gefordert werden. Aktualität hatte auch der Einfluss der Pandemie auf das Vereinsle­ ben. Hier hätte man sich klarere Vorgaben gewünscht, was machbar ist und welche Alternativen zum Beispiel für eine GV oder zu Vereinsanlässen seitens der SPV empfohlen werden.

Mitgliedergewinnung (Leitung Daniela Vozza, Bereichsleiterin Lebensberatung) Angeregt wurde eine Steigerung des Be­ kanntheitsgrades der SPV bei allen Quer­ schnittgelähmten, auch solchen, die nicht Mitglied in einem Club sind. Die Abläufe bei der Gewinnung von neuen Mitgliedern sollen verbessert werden. Die Teilnehmen­ den des Workshops schlagen beispiels­weise vor, dass allenfalls Vertreter der Clubs die Frischverletzten während der Reha als Peers begleiten könnten. So wäre es ihnen möglich, sehr früh auf die Vorteile des Vereinslebens aufmerksam zu machen. Die Clubvertreter äusserten den Wunsch, mög­ lichst viele Hintergrundinformationen zu einem potenziellen Mitglied zu erhalten. Dies würde in ihren Augen die Kontakt­ nahme und die Integration in den Club er­ leichtern. Wichtig sei auch die erneute Kontaktnahme mit Neu-Betroffenen ein

Kommunikation (Leitung Evelyn Schmid, Leiterin Kommunikation und Marketing) Clubvertreter und Evelyn Schmid sind sich einig: Die Website spv.ch soll der Zeit angepasst und anwenderfreundlicher wer­ den. Die umfassenden Inhalte müssen ein­ facher auffindbar sein. Für die Gestaltung der eigenen Webseiten wünschen sich die Clubs mehr Unterstützung. Viele Clubs würden es begrüssen, wenn die SPV Tech­ nologie, Seitenstruktur, Layout und Stan­ dards bereitstellen würde. Damit könnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schla­ gen: ein einheitlicheres Auftreten und die Entlastung der Webadministratoren. Wei­ ter möchten sich die Teilnehmenden mehr einbringen beim Paracontact und über An­ gebote schreiben, die sie nicht nur für die Mitglieder des eigenen Clubs anbieten. Ein weiteres Anliegen ist, dass in der Zeitschrift Paraplegie der SPS sowie in den Schwei­-

Nachfolgend eine Zusammenfassung der wichtigsten Anliegen aus den Workshops:

Paracontact I Winter 2020

Strategie gemeinsam umsetzen

zer Medien nicht nur gut integrierte und überdurchschnittlich aktive Querschnittgelähm­­te, wie etwa Spitzensportler, porträ­ tiert werden, sondern auch stark betroffene Menschen. Einigkeit unter den Clubvertre­ tern herrscht auch darin, dass es eine grosse Entlastung wäre, wenn die SPV sich der stei­­genden Anzahl an Anfragen von Schu­ len und Studierenden annehmen könnte. Insbesondere sei eine zentrale Koordina­ tionsstelle und ein Pool an Personen, die sich für Interviews zur Verfügung stellen, dringend nötig. Ausblick Diese Veranstaltungen wurden von den Teil­nehmenden sehr geschätzt, und wir bekamen durchwegs gute Feedbacks. Ein solcher Austausch, so der gemeinsame Tenor, sollte regelmässig stattfinden. Dies werden wir in unsere Planung aufnehmen. Wie geht es weiter? Die Inputs müssen selbstverständlich zuerst geprüft und ana­ lysiert werden. Der Zentralvorstand wird die Erkenntnisse aus den Workshops zu­ sammen mit der Strategie im November diskutieren und eine Priorisierung vor­ nehmen. Im Januar 2021 wird die Strategie dem Zentralvorstand zur Genehmigung vorgelegt. Anlässlich des Treffens der Präsi­ ­dentinnen ­und Präsidenten vom 31. Januar 2021 in Nottwil wird sie zusammen mit den konsolidierten Resultaten der Workshops nochmals detailliert vorgestellt.

Die Veranstaltung gilt als Sinnbild für die künftige enge Zusammenarbeit der SPV und der Rollstuhlclubs, ganz nach dem Mot­to: Zusammen sind und bleiben wir stark. 11


September/Dezember 2020 Leichtrollstühle · Senioren-Rollstühle Rollstuhl-Schiebehilfen · Elektrorollstühle · Gehhilfen/Rollatoren Bewegungstrainer · Elektroscooter Dusch- und Badehilfen · Pflegebett

Ihr Ostschweizer Partner für Aktivrollstühle, Elektrorollstühle, Zuggeräte und Sportrollstühle.

Professionelle Hilfsmittelberatungbei beiuns, uns, Professionelle Hilfsmittelberatung der Klinik oder IhnenzuzuHause. Hause. in derinKlinik oder beibei Ihnen

Naropa Reha AG Hauptstrasse 82a 9422 Staad T +41 (0)71 845 24 04 www.naropa-reha.ch

Zofingen · Tel 062 751 43 33 Baden-Dättwil · Tel 056 493 04 70 www.reha-hilfen.ch

ROLLSTUHL- AUFKLEBER

Wir bieten Wohn- und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung.

Das Logo von Rolland Bregy drückt anders als viele Rollstuhlpiktogramme Dynamik und Modernität aus. Es zeigt den Rollstuhlfahrer als aktiven Menschen in Bewegung.

Mit 70 Wohnplätzen und 140 Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung schaffen wir Perspektiven. Ihre Spende in guten Händen Spendenkonto 40-1222-0

Sie erhalten die schönen Aufkleber bei der Schweizer ParaplegikerVereinigung. Informieren Sie sich auf www.rolliwelt.ch über das gesamte Angebot und die Bestellmöglichkeiten.

Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte www.wbz.ch +41 61 755 77 77

Jeder Wohn- und Arbeitsplatz ist nach den individuellen Bedürfnissen eingerichtet und ermöglicht ein selbständiges Leben sowie ein sinnvolles qualifiziertes Arbeiten. Kontaktieren Sie uns!

Für eine bessere Lebensqualität

Wir sind gerne für Sie da. Rufen Sie uns an: 061 487 99 11

Ob leichte, mittlere oder schwere Inkontinenz, wir finden für Sie das passende Produkt. Ihre Vorteile • 24 Stunden Lieferung (Bestellung bis 15.30 Uhr Auslieferung am Folgetag, ausgenommen vor Feiertagen und am Wochenende) • Diskreter Versand • Versandfrei ab einem Warenwert von CHF 50.00 innerhalb der Schweiz • Kostenlose Muster • Abrechnung zum Teil über Krankenkasse möglich Rehatec AG ▪ Ringstrasse 15 ▪ 4123 Allschwil ▪ Tel. 061 487 99 11 ▪ Fax 061 487 99 10 office@rehatec.ch ▪ www.inko-reha.ch

12

Paracontact I Winter 2020


WIR BEWEGEN

NACHGEFRAGT

Probezeit für Topathleten Im Januar 2021 startet das neue Förderprojekt «Para Top Potentials» von Rollstuhlsport Schweiz. Roger Getzmann erklärt die Idee des Projekts. Von Gabi Bucher

Wie ist die Athletenförderung bei Rollstuhlsport Schweiz organisiert? Bis jetzt gab es im Nachwuchsbereich die Fördergefässe «Basic Rolli», «Future Rolli» und «Para Talent». Je nachdem, wo der Ath­let gerade steht, wird er unterschiedlich gefördert und kann zwölf Jahre in diesen Fördergefässen bleiben. Warum zwölf Jahre und was geschieht danach? Die Sportwissenschaft geht davon aus, dass ein Körper sieben bis acht Jahre braucht, bis er sich biologisch verändert und der jeweiligen Sportart angepasst hat. Wobei Trainierbarkeit und Talent auch eine gros­ ­se Rolle spielen. Aus einem eher feinglied­ rigen Jungen wird kein Kugelstösser! Wenn ein Athlet mit neun oder zehn Jahren zu trainieren beginnt, ist er rein biologisch ge­sehen mit 18 Jahren noch nicht bereit für die Weltspitze, darum die zwölf Jahre. Danach gehen wir aber davon aus, dass er in der Elite angekommen ist und zu den «Para Top Athletes» gehört. Also zu jenen Catherine Debrunner Para Top Athlete

10 bis 15 Top-Athleten, die gezeigt haben, dass sie Medaillen gewinnen können und auf professionellem Level unterwegs sind. In diesem Fördergefäss bleibt er dann, so lange er Top-Leistungen erbringt. Jetzt ist das neue Gefäss «Para Top Potentials» geplant. Wo situiert sich dieses? Wir haben festgestellt, dass es zwischen dem «Para Talent» und dem «Para Top Ath­ ­lete» eine Lücke gibt. Der Athlet muss sehr viel investieren, um diese Lücke selber zu schliessen, da möchten wir ihn künftig unterstützen. Wie funktioniert die Unterstützung? Die Förderung ist dieselbe wie bei den «Para Top Athletes», nur geben wir dem Sportler vier Jahre Zeit, um zu zeigen, dass er wirklich an die Spitze gehört. Diese Un­ terstützung ist für viele wichtig, vor allem in finanzieller Hinsicht. Ein «Para Talent» kann in seiner Sportart pro Jahr CHF 900.– aus­lösen für Trainings und Wettkämpfe

und bekommt einen Athleten-Saldo von CHF 3000.–, den er dort einsetzen kann, wo er es als sinnvoll erachtet. Damit ist er aber mit acht bis zehn Trainingsstunden pro Woche auf dem Juniorenstand. Ein «Para Top Athlete» hingegen bekommt je nach Sportart und Familienstand zwischen CHF 15 000.– und CHF 30 000.–. Das er­ möglicht ihm, acht bis neun Mal pro Wo­ che zwei Stunden zu trainieren. Das ist ein zeitlicher Aufwand eines Halbprofis. Als «Para Top Potential» profitiert der jun­ge Athlet also von derselben finanziellen Un­ terstützung während vier Jahren. Wie kommt ein Athlet in dieses Fördergefäss? Grundsätzlich erfolgt ein Antrag durch den Nationaltrainer oder den Sportarten­ mana­ger. Die Leistungsdaten des Athleten wer­den erhoben und eine Potentialein­ schätzung wird vorgenommen. Das Selek­ tionsgremium fällt den Entscheid, ob er teilnehmen kann oder nicht. Hat er das Potential, wird danach jährlich geprüft, wo er steht und wie seine Fortschritte sind. Es ist sozusagen eine vierjährige Testpha­se, wo er beweisen kann, dass er zu den «Para Top Athletes» gehört. Gibt es eine Limite, wie viele Athleten in diesem Programm mitmachen können? Im Moment gibt es keine Beschränkung. Wir hoffen, dass wir alle aufnehmen kön­ nen, von denen wir denken, sie könnten es schaffen. Sollten es zu viele Anwärter geben, müssten wir entweder ein höheres Budget beantragen oder härter selektio­ nieren. Falls dies der Fall sein wird, wäre dies erfreulich, denn dann hätte unsere Förderung funktioniert.

Paracontact I Winter 2020

13


LEBENSBERATUNG

LEBENSWILLE

Mit Humor und Technik

Trotz hoher Tetraplegie lebt Andrea Bastreghi sehr autonom. Dies ermöglichen ihm viele technische Hilfsmittel. Von Gabi Bucher

Das Studio von Andrea Bastreghi liegt in der vierten Etage der Résidence Gabrielle Sabet in Carouge GE, mitten in einem Wohn­viertel. Die Tür steht offen, Andrea Bastre­ghi unterhält sich mit Jeanne Rüsch, der Sozialarbeiterin der SPV. Sie hat ihn, wie viele andere, während der Rehabilitation auf seinem langen Weg zurück in den Alltag begleitet (siehe Artikel Seite 17). «Könnten Sie die Storen hochziehen, da­ mit man mich in meiner ganzen Pracht sieht», bittet er sie, «dort, der weisse vier­ eckige Knopf, links oben, neben der Tür.» Er ist sich gewohnt, genaue Anweisungen zu geben, denn seit seinem Skiunfall vor drei Jahren kann er nur noch seinen Kopf bewegen. Im Moment ist er wieder ver­

mehrt auf Hilfe angewiesen. Bei der Repa­ ratur seines Rollstuhls vor ein paar Tagen wurde ein fal­­sches Teil eingesetzt, jetzt funktioniert sein «Housemate» nicht mehr. Das Umweltkontrollgerät läuft über sein Handy und erlaubt ihm, per Wangenkon­ takt Türen zu öffnen, den Lift zu rufen, zu telefonieren. Bewusste Irritation Der charismatische Andrea Bastreghi lässt sich seinen Unmut darüber kaum anmer­ ken. Überhaupt wirkt er so souverän, dass man innert kürzester Zeit seine grossen Ein­schränkungen vergisst. Das mag teil­ wei­­se an seinem beeindruckenden Elek­ tro-Rollstuhl mit all der Technik liegen, aber vor allem liegt es an seiner Persön­ lichkeit, die sich auch in der Einrichtung seines Studios zeigt, welches er seit drei Jahren bewohnt. An den Wänden hängen grosse Bilder zeitgenössischer Künstler, auf der Kommode steht eine weisse Gips­ büste von Mao mit Schnuller. «Die habe ich so in Auftrag gegeben», erklärt er lachend. Unter dem roten Sofa lugt ein Arm hervor, «den habe ich extra so platziert. Meine Freunde finden das witzig, die Pflegenden reagieren eher schockiert.» Und, um das Bild eines eher unkonventionellen Zeitge­

Die Technik, unverzichtbare Helferin für Andrea 14

nossen zu bestätigen: Seine Füsse stecken in je einem schwarzen und einem weissen Turnschuh der Kultmarke «Converse». Entscheid fürs Leben Andrea ist ein Mann mit Witz und Charme, offen, unkompliziert, kommunikativ. Er war Ingenieur, weltweit unterwegs für eine Telekommunikationsfirma, lebte lange in Hongkong. Dann passierte der Unfall, zwei Monate vor seiner Pensionierung. Als er aus dem Koma erwachte, war ihm lange nicht bewusst, wie schlecht es ihm ging. Seine Familie wusste Bescheid, sprach aber nicht mit ihm darüber. «Als ich realisierte, wie es um mich steht, wollte ich mir nach meinem Austritt aus der Klinik mit Exit das Leben nehmen.» Die Psychologin des SPZ habe ihm ins Gewissen geredet. Er solle an seine beiden Söhne denken! «Der 15-Jährige ist jedes Wochenende per Zug von Genf hierher gereist, der ältere blieb während zwei Monaten bei mir in der Kli­ nik.» Eine Erinnerung, die Andrea auch heute noch bewegt. «Die Psychologin hat mich überzeugt, dass ich mich nicht aus dem Staub mache. Also beschloss ich, zu Paracontact I Winter 2020


ziemlich autonom bewegen kann, wenn er denn funktioniert. «Der Techniker von Active Communication kommt morgen vor­bei.» Er sei super, sehr sympathisch und spreche sogar Italienisch. «Ich bin sehr zu­ frieden mit Active Communication», sagt Andrea Bastreghi laut und deutlich mit einem Augenzwinkern Richtung Aufnah­ megerät, welches das Gespräch registriert.

leben, und das so positiv wie möglich. Es reicht, wenn meine Söhne einen Vater mit körperlichen Einschränkungen haben, sie brauchen nicht auch noch einen Gries­ gram.»

«Ich beschloss, zu leben, und das so positiv wie möglich.» Knapp am Alterslimit In seiner Situation positiv zu bleiben, ver­ langt viel Optimismus. Komplikationen gab es in Sachen Elektro-Rollstuhl, da der Unfall so kurz vor der Pensionierung ge­ schah. Wäre er zwei Monate später verun­ fallt, hätte die IV dieses kostspielige Ge­ fährt nicht finanzieren müssen (s. Arti­kel Seite 18 – 19). Die IV wartete zudem ab, ob eventuell ein Teil von seinen körperlichen Fertigkeiten zurückkehren würde. «Dann hätte ich mit einem Joystick arbeiten kön­ nen. Das wäre sehr viel günstiger gewe­ sen.» Leider kam aber nichts zurück. Da­ mit Andrea Bastreghi bei seinem Austritt Paracontact I Winter 2020

den nötigen Rollstuhl zur Verfügung hatte, welchen er mit dem Kopf steuern konnte, übernahm die Schweizer Paraplegiker-Stif­ tung die Vor­finanzierung. «Ich hätte mir diesen nie selber leisten können! Und ohne würde ich wohl mehrheitlich im Bett liegen und müss­te mich mit einem Handrollstuhl herumfahren lassen.» Andrea Bastreghi ist sehr dankbar, dass er diese finanzielle Be­ lastung nicht tragen muss. «Aber alle anfal­ lenden Reparaturen gehen auf meine Rech­ nung. Im Prinzip müsste die IV diese auch zurück­erstatten, aber wer weiss, wann sie sich endlich dazu bequemt.» Technik als Begleiterin Zum Glück stehen aber Andrea Ba­streghi all die technischen Hilfsmittel zur Verfü­ gung, die ihm ein fast normales Sozial­ leben gestatten, wie er es selber bezeich­net. Active Communication hat die «Inte­gra­­ Mouse», eine Mundmaus, eingerichtet, mit welcher er den Cursor aktivieren kann. «Wenn ich das Gesicht bewege, bewegt sich die Maus, zum Klicken muss ich ent­ weder einatmen oder blasen.» Dann ist da der «Housemate», dank welchem er sich

Ein kleiner Scherz in Ehren Die Stiftung hat dem Tetraplegiker auch ein Spracherkennungssystem finanziert, «in Französisch und Englisch, Italienisch habe ich selber hinzugefügt für meine vielen ita­lienischen Freunde.» So bleibt er in stän­ di­gem Kontakt mit ihnen. Der Google-­ Assistent «Ok Google» auf seinem Smartphone wählt ihm auf Verlangen jede Tele­ fonnummer, die gespeichert ist. Die nicht gespeicherten gibt er mit seiner Wange ein. Whatsapp-Nachrichten verfasst er mittler­ weile über den PC. «So kann ich ganz lan­ ge Posts schreiben». Auch «Google Home» erleichtert ihm das Leben, spielt die Musik, die er wünscht, startet die Netflix-Serie am Abend. «Ich kann fragen, was ich will, und es wird ausgeführt», erklärt er und fordert eine ja­panische Übersetzung von «Du kannst mich mal». Andrea Bastreghi lacht, es macht ihm diebischen Spass, das Gerät zum Narren zu halten. «Okay, das reicht», ruft er ihm zu, nachdem es seinem Wunsch nachgekommen ist. «Geh schlafen!»

Andrea Bastreghi freut sich sehr, dass die Kunstgalerien nach dem Lockdown wie­ der geöffnet sind. Vor seinem Unfall war er ein grosser Sammler. «Auch wenn ich kein potenzieller Käufer mehr bin, die Ga­ leristen laden mich noch immer hie und da zum Essen ein.» Und er liebt die Oper. Der Zutritt zum Grand Théâtre in Genf sei zwar nicht ganz einfach und erfolge von der Seite über einen kleinen Lift, den er je­ weils nur mit Hilfe eines Passanten bedie­ nen könne. Aber das hält ihn nicht davon ab, alleine hinzugehen. Und er habe viele Freunde, die immer wieder vorbeikommen. «Sie sind hartnäckig», meint er, «auch nach drei Jahren!» Verständlich, denn mit sei­ ner positiven Einstellung, seinem Humor und seiner Ausstrahlung macht es grossen Spass, sich mit ihm zu unterhalten.

15


#Bewegungsfreiheit

#Bewegungsfreiheit und Stories dazu unter: paraplegie.ch/stories

DAS ONLINE SANITÄTSHAUS • Grosse Auswahl ausgesuchter Produkte • Kompetente online Beratung • Geprüfte Qualität • Schnelle Lieferung

 WWW.ORTHO-TEAM.SHOP

16

Paracontact I Winter 2020


LEBENSBERATUNG

BERATUNGSKOMPETENZ

Das lange Warten Hilfsmittel und Eintritt ins AHV-Alter – der komplexe Parcours von Andrea Bastreghi. Von Jeanne Rüsch

Als ich Andrea Bastreghi zum ersten Mal begegnete, arbeitete ich seit elf Monaten bei der SPV als Sozialarbeiterin für die Ro­ mandie. Das war Ende 2017 im Pa­ra­ple­gi­ ker-Zentrum, einige Tage vor seinem Aus­ tritt. Die zuständige Sozialarbeiterin der Klinik hatte mich gebeten, mit ihm Kon­ takt aufzunehmen, da er in seiner kom­­ plexen Versicherungssituation auch nach Austritt auf Unterstützung angewiesen sein würde. «Das Problem liegt darin, dass Andrea seinen Unfall noch im IV-Alter hatte, jetzt aber im AHV-Alter ist», erklär­ ­te sie mir. «Man muss also darauf achten, dass er die ihm zustehenden Ansprüche geltend machen kann.» Die Herausforde­ rung war gross, braucht er doch zum Meis­ tern seines Alltags verschiedenste Hilfsmit­ tel wie Kommunikations- und Umweltkontrollgeräte, einen komplexen Elektro­ rollstuhl, einen Duschrollstuhl, ein Gelkis­ sen, ein Brett zum Transferieren, um nur das Wichtigste zu nennen. Damals hätte

ich mir nicht vorstellen können, dass die Finanzie­rung dieser Hilfsmittel drei Jahre später immer noch nicht geregelt sein wür­de. Für mich war klar, dass die IV die Kosten übernimmt. Die Notwendigkeit der Hilfs­mittel war mit der Diagnose der permanenten Querschnittlähmung bestä­ tigt wor­den, welche vor seinem Eintritt ins AHV-Alter erfolgte. Administrative Schwierigkeiten Nach seiner Rückkehr nach Genf blieben wir in regelmässigem Telefon- und Mail­ kontakt. Die administrativen Schritte wa­ ren anspruchsvoll, es war wichtig, zusam­ men mit den Sozialarbeiterinnen des «Foyer Handicap» und mit Andrea Bastreghi zu klären, wer sich worum kümmert und auf welche externe Unterstützung er noch an­ gewiesen sein würde. Wir kamen sehr rasch überein, dass die SPV sowohl für den Ver­ lauf der IV-Anfragen zuständig sein würde als auch für die Anfrage an die Paraplegi­

Sozialberatung – Ausdauer ist gefragt

ker-Stiftung zur Vorfinanzierung der Kos­ ten für die Anschaffung der dringend be­ nötigten Hilfsmittel. Im August 2019 kam der negative Ent­ scheid. Laut der IV-Stelle, welche Andrea Bastreghis Dossier bearbeitete, erlosch das Recht auf Eingliederungsmassnahmen und somit die Finanzierung der Hilfsmittel spä­ testens Ende jenes Monats, in dem der Ver­ sicherte das AHV-Alter erreicht. Die IVStelle ging davon aus, dass dem Versicherten die Hilfsmittel erst bei seinem Austritt aus der Klinik in Nottwil im Januar 2018 übergeben wurden, er aber bereits ab Mitte Mai 2017 die AHV-Rente bezog. Die Bedin­ gungen für die Gewährung der erwähnten Hilfsmittel waren laut der IV-Stelle also nicht mehr gegeben. Die Ergotherapeuten hatten aber von Anfang an aufgelistet, auf welche Hilfsmittel Andrea Bastreghi schon während und nach seinem Klinikaufent­ halt angewiesen sein würde. Interdisziplinäre Zusammenarbeit Beim Erhalt der Vorbescheide der IV war klar, dass wir Einsprache erheben müssen. Das Dossier wurde dem Institut für Rechts­ beratung der SPV übergeben, welche nun Andrea Bastreghi vor der IV vertritt. Nach einer erneuten Ablehnung blieb Andrea Bastreghi nichts anderes übrig, als beim Sozialversicherungsgericht Genf Rekurs einzulegen. Daraufhin hat die IV ihren Ent­ scheid annulliert, um die Situation neu zu prüfen. Das Verfahren wurde am 19. Dezem­­ber 2019 von der Prozessliste gestri­ chen.

Zum Zeitpunkt der Redaktion dieses Ar­ tikels ist der Fall noch immer nicht abge­ schlossen. In der Zwischenzeit übernimmt Andrea Bastreghi die Kosten für den Un­ terhalt seiner Hilfsmittel selber. Wir beglei­ ten ihn nach wie vor wo nötig, wie zum Beispiel bei der Frage der Finanzierung der Kosten für den Transport zur jährlichen Kontrolle in Nottwil, welche sich auf zirka CHF 1000.– belaufen und bisher von kei­ ner Versicherung übernommen werden.

Lebensberatung der SPV Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil lb@spv.ch oder Tel. 041 939 54 00 Paracontact I Winter 2020 17


RECHTSBERATUNG

SOZIALVERSICHERUNGEN

Leistungen beim Eintritt ins AHV-Rentenalter

Was geschieht mit Versicherungsleistungen beim Erreichen des AHV-Alters? Dieser Artikel behandelt sechs ausgewählte Fragen in Bezug auf verschiedene Versicherungsbranchen. Von Agnès von Beust, Anwältin

Auch wenn das Erreichen des AHV-Ren­ tenalters einige angenehme Vorteile mit sich bringt wie z. B. Preisreduktionen für Seniorinnen und Senioren, hat dieser Mo­ ment auch ein paar Überraschungen parat, die nicht alle erfreulich sind. Erworbene Rentenansprüche, Hilflosen­ entschädigung und Assistenzbeitrag der Invalidenversicherung (IV) Zu den guten Neuigkeiten gehört die Tat­ sache, dass die Invalidenrente, die Hilf­lo­ sen­entschädigung und der Assistenzbei­ trag der IV auch über das AHV-Renten­alter hinaus bestehen bleiben.

Die Invalidenrente wird in eine Altersren­ ­te umgewandelt. Der Betrag bleibt zumin­ dest derselbe wie derjenige der IV-Rente. Aus juristischer Sicht unterliegen diese Leis­ ­­tungen der «Besitzstandsgarantie» (Art. 43 bis Ziff. 4 AHVG).

g­ e der Hilflosenentschädigung (HE) der IV unterscheiden sich von jenen der AHV. Es ist zu beachten, dass die Besitzstands­ garantie nur dann gilt, wenn der Anspruch auf diese Leistungen schon vor dem Ren­ tenalter bestand und nur, wenn die Person weiterhin die Voraussetzungen für diese Leistung erfüllt. Empfehlung an die Mitglieder: Bitte über­ prüfen Sie Ihre Situation, bevor Sie das AHV-Rentenalter erreichen, und stellen Sie die erforderlichen Anträge auf Leistun­ gen frühzeitig. Was geschieht, wenn die Hilflosenentschädigung nach dem Eintritt ins Rentenalter revidiert wird? Wenn eine Person beim Eintritt ins Ren­ tenalter bereits eine Hilflosenentschädi­

gung bezieht, ihr Gesundheitszustand je­ doch eine Anpassung des Hilflosengrades erfordert, wird es etwas komplizierter. Betrachten wir das Beispiel einer Person, die beim Erreichen des Rentenalters eine Hilflosenentschädigung mittleren Grades von der IV bezieht (CHF 1185.–). Wenn sich ihr Gesundheitszustand später verschlech­ tert und ihr ein schwerer Grad zugespro­ chen wird, ändert der Betrag der Hilflosen­ entschädigung nicht. Weshalb? Die Besitzstandsgarantie erlaubt es nicht, Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung schwe­ren Grades (CHF 1896.–) von der IV zu er­ heben. Jedoch erlaubt sie es, den Betrag von CHF 1185.– beizubehalten, da dieser höher ist als der Betrag der Hilflosenent­ schädigung schweren Grades der AHV von CHF 948.–.

Gemäss dem Grundsatz der Rentenplafo­ nierung für verheiratete Paare wird die Rente jedoch neu berechnet, falls die Ehe­ partnerin bzw. der Ehepartner ebenfalls das AHV-Rentenalter erreicht. Die Besitz­ standsgarantie hat eine klare Aus­wirkung auf die Hilflosenentschädigung. Die Beträ­

18

IV

AHV

HE schwerer Grad HE mittlerer Grad HE geringer Grad

CHF 1896.– CHF 1185.– CHF 474.–

CHF 948.– CHF 593.– CHF 237.–

Paracontact I Winter 2020


Empfehlung an die Mitglieder: Bitte über­ prüfen Sie Ihre Situation, bevor Sie in den Ruhestand treten, und stellen Sie die er­ forderlichen Anträge auf Leistungen vor Eintritt in den Ruhestand. Lesen Sie dazu die Artikel von Jeanne Rüsch und Gabi Bucher in dieser Ausgabe von Paracontact (Seiten 14–15 und 17). Reduzierung der Invalidenrente der Unfallversicherung Seit dem 1.1.2017 sieht das Unfallversiche­ rungsgesetz eine Reduzierung der Invalidenrente bei Eintritt ins AHV-Rentenalter vor (Art. 20 UVG). Wir erinnern daran, dass die Invalidenrente der Unfallversiche­ rung lebenslänglich ausbezahlt wird. Die Reduzierung der Rente hängt vom Alter der Paracontact I Winter 2020

2 Prozentpunkte/Jahr

weniger als 40 % 1 Prozentpunkt/Jahr

für alle Jahre zwischen Rentenalter und Unfall, aber frühestens ab 45 Jahren

Maximale Kürzung:

Wenn jedoch ein Hilfsmittel der IV gewährt wurde, das der Ausübung der Erwerbs­­tä­tigkeit dient, muss diese Voraussetzung erfüllt sein, damit die versicherte Person wei­terhin von der Besitzstandsgarantie pro­fitieren kann.

Kürzung:

40 % und mehr

Dank der Besitzstandsgarantie profitieren Personen, die das AHV-Rentenalter errei­ chen, in gewissen Fällen von Hilfsmitteln der IV (Art. 4 HVA). Hilfsmittel, die Mo­ bilität oder eine persönliche Eigenständig­ keit ermöglichen (z. B. die Anpassung ei­ nes Autos oder ein Rollstuhl), werden auch im AHV-Rentenalter weiterhin übernom­ men. Sie können an den Gesundheitszu­ stand der betroffenen Person und an den technischen Fortschritt angepasst werden. Natürlich muss die begünstigte Person wei­ terhin die üblichen Voraussetzungen für solche Hilfsmittel erfüllen.

Invalidität:

Ansprüche auf Hilfsmittel Die Besitzstandsgarantie spielt in Bezug auf Hilfsmittel eine bedeutende Rolle. Die AHV enthält nur eine sehr kurze Liste an Hilfsmitteln, die bei Rückenmarkverlet­ zungen nicht ausreicht.

Reduzierung der Invalidenrente der Unfallversicherung

Hinweis: Ein vorübergehender Aufenthalt in einem Heim führt zu einer Senkung der Hilflosenentschädigung. Bei einer Rück­ kehr ins eigene Zuhause wird der ur­sprüng­ ­­liche Betrag der Hilflosenentschädigung nicht wieder aufgenommen, da die Besitz­ standsgarantie nicht mehr gilt.

max. 40 %

max. 20 %

versicherten Person zum Zeitpunkt des Un­ falls und vom entsprechenden Invaliditäts­ grad ab. Die Rente wird nur dann reduziert, wenn die betroffene Person zum Zeitpunkt des Unfalls älter als 45 Jahre war. Diese Kriterien wurden eingeführt, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die finanzielle Situation der Person (beruf­ liche Laufbahn, Lohn) weniger stark beein­ trächtigt wird, je später im Leben ein Un­ fall eintritt, da die Person ein Guthaben in der beruflichen Vorsorge aufbauen konnte. Die Reduzierung betrifft nur Personen, die das AHV-Rentenalter nach 2025 erreichen. Ende der medizinischen Behandlungen für Unfallversicherte mit Teilinvalidenrente Auch wenn dies kaum glaubhaft erscheint, behandelt das Gesetz diejenigen Versicher­ ten im Ruhestand, die einen Unfall erlitten haben und eine Teilinvalidenrente bezie­ hen, anscheinend anders als diejenigen Ver­ sicherten, die an einer Berufserkrankung leiden oder eine volle Invalidenrente be­ ziehen (Art. 21 UVG). Dieser Unterschied in der Behandlung führt dazu, dass die Unfallversicherer die Übernahme von me­ dizinischen Behandlungen von Personen im AHV-Rentenalter, die eine Teilinvaliden-­ rente aufgrund eines Unfalls beziehen, ver­ weigern. Ausgenommen von dieser Re­gel sind Personen im AHV-Rentenalter, die wei­ter einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

Wie die Rechtsliteratur feststellt, schafft die Tatsache, dass Teilinvalide im AHV-Ren­ tenalter keinen Anspruch auf Übernah­me

der Kosten für medizinische Behand­lun­ gen durch den Unfallversicherer haben, eine Ungleichbehandlung. Diese Unter­ scheidung ergibt keinen Sinn und lässt sich auf keine überzeugende Weise rechtferti­ gen. Der Eintritt ins Rentenalter sollte kei­ ne Auswirkung auf den Anspruch auf Übernahme der Kosten für medizinische Be­ handlungen gemäss Art. 21 UVG haben. Kapital oder Rente aus der beruflichen Vorsorge für Bezüger einer vollen Invalidenrente? Das Gesetz sieht vor, dass die Altersleis­ tungen grundsätzlich in Rentenform aus­ gerichtet werden (Art. 37 BVG). Im Bereich der beruflichen Vorsorge erlassen die Pen­ sionskassen eigene Vorsorgereglemente, die eine Auszahlung des Altersguthabens in Form einer Rente oder eines Kapitals er­ möglichen können.

Somit sollten sich die versicherten Perso­ nen bei ihrer Pensionkasse erkundigen und deren Reglement studieren, um fest­ zustellen, ob sie ein Recht auf eine Kapital­ auszahlung ihres Altersguthabens haben. Es kommt sehr oft vor, dass die Pensions­ kassenreglemente eine Kapitalauszahlung für Personen verwehren, die eine volle In­ validenrente beziehen. In diesen Fällen ist nur eine Rentenauszahlung möglich.

Institut für Rechtsberatung Telefon 032 322 12 33 19


MEDIZIN UND WISSENSCHAFT

SCHMERZEN BEI QUERSCHNITTLÄHMUNG TEIL 1

Schmerzdiagnostik

Ein Grossteil der Querschnittgelähmten leidet unter wiederkehrenden Schmerzen. Lesen Sie in diesem Heft mehr über die multimodale Schmerzdiagnostik, während im nächsten Heft die therapeutischen Massnahmen vorgestellt werden. Von Dr. med. Gunther Landmann

Nach einer aktuellen Untersuchung (Swi­ SCI-Studie) klagen 74% der Querschnitt­ gelähmten in der Schweiz über Schmerzen. Eine weitere Umfrage der SwiSCI-­Gruppe ergab sogar, dass die Betroffenen Schmer­ zen als häufigstes medizinisches Problem angeben. Schmerzen infolge Querschnitt­ lähmung können verschiedene Ursachen haben und sich als Nervenschmerzen, Mus­kel- oder Skelettschmerzen, aber auch Schmer­zen der inneren Organe manifes­ tieren. Zudem können psychologische und soziale Stressfaktoren das Schmerzempfin­ den negativ beeinflus­sen. Vor diesen Hin­ tergrund hat das Zentrum für Schmerzme­ dizin am Schweizer Paraplegiker-Zen­trum eine multimodale Schmerzsprechstunde für Querschnittgelähmte eingerichtet. Hier untersuchen und behandeln in Schmerz­ therapie erfahrene Neu­rologen, Physio­ therapeuten, Psy­cho­lo­gen und Psychiater, Anästhesisten und Orthopäden gemein­ sam die Schmerzsitua­tion eines Patienten. Schmerzarten Abbildung 1 zeigt typische Schmerzlokali­ sationen mit unterschiedlichen Schmerz­ ursachen, wie sie bei einem Para- oder Te­ tra­plegiker mit Lähmungsniveau auf zirka Brusthöhe angegeben werden können. Schmerzen infolge Querschnittlähmung werden seit 2012 nach einer Schmerzklassi­ fikation der Internationalen Rückenmark-­ Gesellschaft (ISCOS) eingeteilt. Unter­ schieden werden Nervenschmerzen, so­ge­nannte neuropathische Schmerzen, und nozizeptive Schmerzen, das heisst solchen, die nicht vom Nervengewebe ausgehen. Schmerzen infolge starker Spastik etwa zäh­­len zu den nozizeptiven Schmerzen. 20

Empfinden Neuropathische Schmerzen bestehen meist dauerhaft, sind von der Empfindung her oft brennend oder wie eine feste Bandage, treten unabhängig von Bewegungen im Bereich der gestörten Empfindung an der Haut auf und sind in Ruhe spürbar, vor ­al­lem abends und nachts. Nozizeptive Schmer­­zen sind durch Bewegung oder Än­ derung der Sitzposition beeinflussbar, wer­ ­den oft als drückend, ziehend, stechend, aber gelegentlich auch als brennend emp­ funden. Eine weitere Form der nozizepti­ ven Schmerzen betreffen die inneren Or­ gane (viszeraler Schmerz), wo Schmerzen z. B. bei Verstopfung oder Blasenfüllung auf­t reten können. Diese werden häufig als krampfartig, dumpf oder spannend emp­ funden.

Bei den neuropathischen Schmerzen wird zusätzlich unterschieden, ob sich diese auf Höhe der Rückenmarksverletzung befin­ den oder darunter. Besteht der Schmerz auf Höhe der Verletzung, sind auch Nerven­

Nervenschmerzen auf Höhe der Rückenmarkverletzung

schmerzen der abgehenden Nervenwur­ zeln involviert, die anders auf Schmerz­ therapien reagieren. Ob komplett oder inkomplett Gelähmte unterschiedlich von Schmer­zen betroffen sind, kann nicht nach­ gewiesen werden. Fehlerhafte Nervenleitungen Während nozizeptive Schmerzen eine Stö­ rung von Muskeln, Sehnen oder Knochen­ strukturen anzeigen, sind neuropathische Schmerzen immer Ausdruck einer Schä­ digung von Nervengewebe wie Rücken­ mark, Nervenwurzeln oder einzelner Ner­ ven. In einem solchen Fall versucht der Or­ganismus während der Heilung, die Ner­ venleitung wiederherzustellen. Geschieht dies fehlerhaft, indem z. B. zu viele Ionen­ kanäle eingebaut werden, welche zur Erre­ gungsleitung notwendig sind, kann dies zu unkontrollierten Nervenerregungen füh­­ ren. Diese werden als brennende Dauer­ schmerzen oder einschiessende Schmerz­ attacken wahrgenommen. Weiterhin kön­nen dadurch Berührungsempfindungen an

Muskelschmerzen der Schulter infolge eines Schulterproblems

Lähmungsniveau sub Th4 Muskulärer Rückenschmerz, auch unterhalb der Rückenmarkverletzung möglich

Abbildung 1 Typische Schmerzlokalisationen bei Lähmung auf Brusthöhe

Nervenschmerz unabhängig von der Querschnittlähmung, z.B. Karpaltunnelsyndrom

chmerzen innerer Organe, S sog. viszerale Schmerzen

Nervenschmerzen unterhalb der Rückenmarkverletzung

Paracontact I Winter 2020


der Haut verstärkt werden, sodass Berüh­ rungen als schmerzhaft empfunden wer­ den. Solche Mechanismen lassen sich mit Medikamenten unterdrücken. Neuere Konzepte beinhalten, dass Schmer­ zen ebenfalls entstehen können, wenn bei­ spielsweise bei Patienten mit kompletter Quer­schnittlähmung dem Gehirn infolge der unterbrochenen Nervenleitung Infor­ mationen fehlen, z. B. aus den gelähmten Beinen. Hirnareale, die normalerweise die­ se Informationen verarbeiten, sind weniger aktiv und die fehlende Information kann als Schmerz empfunden werden. Solche Mechanismen sprechen vermutlich weni­ ger auf Medikamente an und benötigen neue funktionelle Therapiewege. Untersuchung Gemäss dem Konzept, dass Schmerzen ei­ne biologische, eine psychologische und auch eine soziale Komponente beinhalten, soll­ ten die diagnostischen Informationen in­ terdisziplinär zusammengetragen und Ent­ scheidungen über die Therapieplanung ge­meinsam getroffen werden. Dieser An­ satz wird als multimodale Schmerzdiagnos­ tik und -therapie bezeichnet. Ein regelmäs­ siger Austausch im Team ist essenziell, um die Therapie im Verlauf kontinuierlich zu reflektieren und gegebenenfalls Anpassun­ gen vorzunehmen. Abbildung 2 zeigt eine

schematische Darstellung der interdiszi­ plinären multimodalen Schmerzdiagnos­ tik bei Querschnittlähmung. Für die Untersuchung nozizeptiver Schmer­ ­zen werden je nach zu vermutender Ursa­ che bildgebende Verfahren eingesetzt, um auf diesem Weg Veränderungen von Mus­ keln, Knochen, Sehnen oder Gelenken fest­ zustellen. Zusätzlich sollte bei Patienten mit Querschnittlähmung immer auch die Sitzposition im Rollstuhl überprüft und gegebenen­falls angepasst werden. Schmer­ zen, die die inneren Organe betreffen, be­ dürfen oft ei­ner neurourologischen oder internistischen Untersuchung. Bei neuropathischen Schmerzen können Messungen an den Nerven helfen, die Di­ agnose zu stellen. Hier stehen elektrische Messungen wie Neurographie und soge­ nannte elektrisch-evozierte Potenziale zur Verfügung, aber auch spezielle Verfahren zur Messung der schmerzleitenden Nerven­ fasern. Beispielsweise kann durch Wärmebzw. Hitzereize auf der Haut die Nerven­ leitung bis zum Gehirn gemessen werden. Wird über eine Verschlechterung vorbe­ kannter neuropathischer Schmerzen be­ richtet, kann die Kontrolle der Wirbelsäule bzw. des Rückenmarks mit Hilfe eines MRI von Bedeutung sein, um Veränderungen aufzudecken.

Abbildung 2 Interdisziplinäre Schmerzdiagnostik Akuter/chronischer Schmerz nozizeptiv Muskulo-skelettal

neuropathisch Viszeral

– Schmerzmedizin – Rehabilitationsmedizin – Orthopädie – Physiotherapie – Ergotherapie

– Schmerzmedizin – Rehabilitationsmedizin – Innere Medizin – Urologie

Inspektion, Palpation, Funktion des muskuloskelettalen Systems wie Muskeln, Gelenke, Bindegewebe

Untersuchung innere Organe wie Darm, Urogenitalsystem u.a.

Evaluation – Rollstuhl, Sitzposition – Ergonomie und Hilfsmittel

Bildgebung

Bildgebung

Paracontact I Winter 2020

auf oder unterhalb des Verletzungsniveaus

– Schmerzmedizin – Neurologie – Anästhesie

Neurologischer Be fund Neurologische Messungen wie: – Neurographie –E vozierte Potenziale – Quantitative se nsorische Testung Bildgebung

Teamanalyse des Schmerzes

Psychosoziale Begleitfaktoren

Die physiotherapeutische Untersuchung komplettiert das Untersuchungsbild der nozizeptiven Schmerzen und hilft, diese gegenüber neuropathischen Schmerzen ab­ zugrenzen. Dies, indem durch die Bewe­ gungsanalyse die beschriebenen Schmerz­ orte sowie auch die Spastik untersucht und in mögliche Schmerz- und Gewebe­ mechanismen eingeteilt wird. Hieraus las­ sen sich wiederum physiotherapeutische Therapieoptionen ableiten. Psyche Die psychologische Diagnostik ist ein un­ ver­zicht­barer Bestandteil der Untersuchung chronischer Schmerzpatienten. Auch wenn eine körperliche Entsprechung zu den Schmer­zen vorliegt, ist jedes Schmerz­­er­­le­ ­ben sehr eng mit psychosozialen Fak­to­ren verbunden. Bei Menschen mit Quer­schnitt­ ­­lähmung hängen zum Beispiel ängst­liche Bewertungen der Schmer­zen, ungünstige Überzeugungsmuster und Be­wäl­tigungsstrategien sowie mangelnde oder überbe­ hütende soziale Unterstützung mit mehr Schmerzen und mehr Beeinträchtigung zu­sammen. Bei chronischen Schmer­zen wer­den häufig Teufelskreise zwischen der Schmerzsymptomatik und verschiede­nen psychosozialen Faktoren beobachtet: So kommt es beispielsweise durch Schmerz oft zu Schonverhalten und Rückzug, was zu einer Abnahme sozialer Kontakte und positiver Erlebnisse führt. Entsprechende ne­gative Emotionen begünstigen wiederum Depressivität und verstärken die Schmerz­ wahrnehmung. Un­ter anderem helfen Fra­ gebögen, psychologische Begleit­faktoren aufzudecken.

Über die therapeutischen Möglichkeiten erfahren Sie mehr im nächsten Heft. – Psychologie – Psychiatrie – Sozialdienst

Psychometrische und schmerzbezogene Fragebogen Psychische Diagnosen, Stressfaktoren und lebensgeschichtliche Faktoren Psychosoziale Ressourcen

Kontakt gunther.landmann@paraplegie.ch Autoren: Dr. med. Gunther Landmann, MSc, Leitender Arzt Neurologie; Dr. med. Tim Reck, MSc, Leitender Arzt konservative und interventionelle Schmerzmedizin; Karina Ottiger-Böttger, MAS, Leiterin Schmerzphysiotherapie; Julia Kaufmann, Psychologin, Zentrum für Schmerzmedizin, Schweizer Paraplegiker-Zentrum, Nottwil

21


MEDIZIN UND WISSENSCHAFT

INNOVATIONSKRAFT

Bewegungshungrige  Tüftler

Sebastian Tobler, Tetraplegiker, ist der Erfinder des Go-Tryke, eines Dreirades, welches nicht nur die Arme, sondern auch die Beine des Fahrers bewegt.

Von Gabi Bucher

Charakter und Wesen eines Menschen än­ dern sich nicht durch eine Querschnitt­läh­ ­mung. Sebastian Tobler ist da keine Aus­­ nahme. Aktiv, leidenschaftlicher Sportler in verschiedensten Disziplinen, dazu neu­ gierig, analytisch, innovativ und mit viel Energie, das war Sebastian Tobler bereits vor seinem Unfall. Als Fahrzeugingenieur entwarf er hochkomplexe Fahrzeuge und gab dieses Wissen später als Dozent an der Berner Fachhochschule an seine Studen­ ten weiter. In einem Mountainbike-Trainingslager mit Jugendlichen verunfallte Sebastian Tobler. Offen und fast schonungslos erzählt er von seiner Rehabilitation, seinen Gefühlen. Er erinnert sich an alles; daran, wie er mit der Bahre ins SPZ gefahren wurde, an die Lich­ ter, die Gesichter über ihm, aber vor allem an seine erste Frage an die Ärzte: «Wie weit ist die Forschung, was wird noch möglich sein für mich?» Diese Frage treibt ihn auch heute noch an.

vorn. Er sehe nicht ein, warum er zuerst eine Stunde Bike fahren solle, um danach eine weitere Stunde seine Beine mobilisie­ ren zu lassen. «Das muss man kombinieren können!» Sein Forschergeist war geweckt und gemeinsam mit seinen Studenten der Fachhochschule Bern tüftelte er an seinem eigenen Bike. Neu geboren Aber auch Sebastian Toblers Sportsgeist und sein Bewegungsdrang kehrten zurück. Kaum zu Hause, nahm er sein Training wie­ der auf. Im Untergeschoss seines Hauses hat er verschiedenste Geräte aufgebaut. Bis

zu 37 Stunden die Woche verbrachte er dort. Er trainierte seine Hände, um mehr Kraft zu erlangen, übte, vom Boden aufzu­ stehen. Draussen installierte er eine Schie­ ­ne, an welcher er mit Hilfe seiner Frau auf­ recht stehen und gehen konnte. «Bei der ersten Kontrolle meinte mein Arzt, ich solle nicht so viel trainieren, lieber mit der Fa­ milie ausgehen, ins Restaurant, ins Kino. Ich würde trotz des Trainings nicht mehr laufen können.» Aber darum gehe es ihm gar nicht, erklärt er mit Nachdruck, er wol­le seinen Körper wieder kennenlernen. «Ich war neun Monate in der Rehabilita­ tion, das ist ein bisschen wie eine Geburt.»

Sebastian mit unermüdlichem Forschergeist

Geweckter Forschergeist Bereits kurz nach seinem Unfall meldete sich der Fahrzeugbauer in ihm. «Man sagt Fussgängern, es sei schlecht für ihre Ge­ sundheit, den ganzen Tag zu sitzen. Dann muss es auch für Rollstuhlfahrer schlecht sein.» Die Handbikes, welche es auf dem Markt gab, überzeugten ihn nicht. Er woll­ ­te sein eigenes Gerät entwickeln, das Arme und Beine bewegt. Die Bewegung sollte dem Gehen nachempfunden werden: Mit dem linken Arm geht das rechte Bein nach 22

Paracontact I Winter 2020


Früher habe er genau gewusst, was es brau­ che, um mehr Ausdauer zu erlangen, ein Rennen zu gewinnen, Kraft aufzubauen. «Jetzt war mir mein Körper total fremd, ich habe Probleme mit dem Blutdruck, kann nicht mehr schwitzen. Ich will herausfin­ den, was ich herausholen kann.» Also trai­ nierte er weiter. Erste Erfolge 2015 war Sebastians Bike, das Go-Tryke, bereit: ein hand- und fussangetriebenes Elek­trodreirad. «Als ich das erste Mal da­ mit gefahren bin, gab es mir ein Gefühl von fast grenzenloser Freiheit», erinnert er sich. 2016 gründete er sein Startup «GBY», kurz für «go by yourself», ab 2019 verkauften sie die ersten Modelle, faltbar für den einfa­ chen Transport, mit integriertem Rück­ wärtsgang für die nötige Beweglichkeit; ein Gerät, mit welchem man sich überall in der Natur bewegen kann.

«Es ist einfach, vom eigenen Gerät begeis­ tert zu sein», erklärt Sebastian Tobler, «an­ dere zu überzeugen, ist schwieriger. Wir ha­ben aber gemerkt, dass es etwas auslöst. Nur brauchen Ärzte und Therapeuten Fak­ ten und Messungen.» Sebastian Tobler ist hartnäckig, wenn er von etwas überzeugt ist. Er lud sechs Personen mit verschiede­ nen Handicaps ein, das Trike sechs Wochen gratis zu testen. Die Resultate waren ver­

blüffend. Der Hemiplegiker konnte danach viel besser gehen. Der inkomplette Pa­ra­ plegiker, welcher beim Verlassen der Kli­ nik auf der Beinpresse 25 kg und nach ei­ nem Jahr Training 35 kg drücken konnte, erreichte mit dem Go-Tryke nach sechs Wochen und 700 km 60 kg. «Das war sehr beeindruckend», erzählt der Ingenieur mit leuchtenden Augen. Zu Fuss unterwegs Parallel zu seiner Arbeit mit dem Trike nahm Sebastian Tobler an der Universität Lausanne am Forschungsprojekt «Stimo» des französischen Medizinforschers Pro­ fessor Grégoire Courtine und der Neuro­ chirurgin Jocelyne Block teil. Ziel von Courtines Forschung ist es, die Beinmus­ kulatur über eine im Rückenmark implan­ tierte Elek­trode zu stimulieren. Diese Sti­ mulation hilft, die Bewegung des Gehens zu erzeugen. Aufgehängt in einer Art Gurt­ geschirr und mit einer im Rücken implan­ tierten Elektrode durchquerte Sebastian Tobler zu Fuss das Labor, fünf Tage die Woche, je drei Stunden über sechs Monate hinweg. Synergien nutzen In dieser Zeit zeigte Sebastian Tobler den Forschern sein Go-Tryke. «Es wäre doch cool, wenn man meine Beine steuern könn­te», erklärte er ihnen. Die Idee über­

Unterwegs am Giro Suisse mit dem Go-Tryke

zeugte Professor Courtine und sein Team. Erste Versuche wurden im Jahre 2018 er­ folgreich durchgeführt. Gleichzeitig such­ ­te Sebastian Tobler nach einem Gerät, wel­ ches Bewegungen misst, damit er die Wir­kung seines Go-Tryke besser aufzeigen konnte. Bei einem Kollegen entdeckte er ein solches, das jedoch für seine Bedürf­ nisse angepasst werden musste. Also stellte er sich ebenfalls im Jahr 2018 ein Team zu­ sammen: Die Berner Fachhochschule baut das Gerät um, die Uni Lausanne macht Hirn- und Bewegungsanalysen, und die Ecole Polytéchnique Fédéral de Lausanne (EPFL) passt die Steuerung über die Elek­ trode im Rückenmark den Trikebewegun­ gen an. Auch die Schweizer ParaplegikerForschung hat er zu einem Studienprojekt rund um das Go-Tryke eingeladen. Sebastian Tobler ist voller Ideen. «Einige ster­­ben, andere werden weitergeführt», erzählt er. Seine Neugier und sein For­ schungs­trieb sind grenzenlos. «Ich habe mich gefragt, ob dieser Tatendrang etwas mit meiner Querschnittlähmung zu tun hat, aber meine Freunde bestätigten, dass ich schon immer so war.» Zurzeit arbeitet er an einem neuen Therapiegerät. Zwischen 2017 und 2018 trainierte er mehrheitlich drinnen. «Das braucht Räume, Personal, Geräte, das ist teuer.» Er erklärte Grégoire Courtine, er kreiere ihm ein Gerät, mit dem Querschnittgelähmte draussen gehen können. Allzu viel darüber verraten will er noch nicht. Aber auf einem Handybild sieht man ihn, aufrecht, im Wald, an ei­ nem Gerät, das von hinten an einen Rol­ lator erinnert. «Ich packe es in mein Auto, fahre in den Wald und kann mich dort al­ leine bewegen.» In einer Stunde schaffe er so mit implantierter Elektrode 1400 m. Sebastian Tobler bleibt in Bewegung. «Ich will herausfinden, wie weit ich gehen kann. Mir ist klar, dass dies nicht die Lösung für jedermann ist, aber wenn ich damit das Leben für einige Menschen mit Handicap verbessern kann, reicht mir das vollkom­ men!»

Mehr Informationen www.sebastiantobler.ch (in französicher Sprache) Paracontact I Winter 2020

23


HINDERNISFREIES BAUEN

HERAUSFORDERUNG

Altersgerechtes Wohnen

Querschnittgelähmte Senioren stossen im Alter oft auf neue Herausforderungen. Veränderte Bedürfnisse können auch die Wohnsituation betreffen.

Von Markus Widmer

Altern mit Querschnittlähmung Laut einer Studie der Schweizer Paraplegi­ ker-Forschung aus dem Jahr 2012 sind nur wenige Mitglieder der Schweizer Paraple­ giker-Vereinigung bereit, im Alter in eine für Querschnittgelähmte spezialisierte, je­ doch weit entfernte Institution umzuzie­ hen. Die Ansprüche querschnittgelähmter älterer Menschen unterscheiden sich haupt­­sächlich bezüglich der Pflege von den Bedürfnissen von Fussgängern. Der Um­ fang der spezifischen Pflegedienstleistun­ gen und deren Verfügbarkeit ist dabei zen­ tral. Mit Unterstützung der SPS hat Para­Help in den letzten Jahren ein Netzwerk mit 38 Partnerinstitutionen aufgebaut, wel­ ches dezentrale Pflegedienstleistungen spe­ ziell für Querschnittgelähmte anbietet. Die­ Dienstleistungen lassen sich – sofern sich das Wohnumfeld dazu eignet – individuell einsetzen. Das Netzwerk wird laufend er­ weitert. Wahrung der Selbständigkeit Die passende Wohnform und die Verfüg­ barkeit der notwendigen Infrastruktur sind für die Wahrung der Selbstständigkeit mit einer Querschnittlähmung im Alter ent­ scheidend. Es lohnt sich, bereits in frühe­ ren Jahren sein bestehendes Wohnumfeld auf seine Nachhaltigkeit zu überprüfen und sich auch Gedanken über die ideale Wohnform im Alter zu machen. Drängt sich ein Umzug auf, sollte die künftige Wohn­form dem Grad der Pflegeansprüche angepasst werden. Je nach finanziellen Möglichkeiten bietet sich dabei ein breites Feld an Lösungen. Der Fächer reicht vom selbständigen Wohnen in einer herkömm­ lichen Miet- oder Eigentumswohnung mit möglicher Anbindung an Spitex-Leistun­ gen bis hin zur Altersresidenz mit HotelCharakter und hausinterner Privatklinik.

Im Alter ergeben sich neue Ansprüche an die Wohnsituation

Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung hat mit dem Projekt «Ageing» die Thematik Alter und Querschnittlähmung im Jahr 2012 gezielt aufgenommen und in der Fol­ ge eine Koordinationsstelle «Wohnen im Alter» unter dem Dach der ParaHelp in Nottwil geschaffen. Diese Koordinations­ stelle bietet individuelle Bedürfnisab­klä­ 24

run­gen für Querschnittgelähmte an. Neben den Anliegen der Betroffenen werden da­ bei stets auch die Interessen der Angehö­ rigen mitberücksichtigt. Um glücklich zu altern, ist es für die meisten Menschen wichtig, möglichst lange im bzw. möglichst nahe am bisherigen Umfeld leben zu kön­ nen.

Anpassbarer Wohnungsbau Ein adaptives Wohnumfeld bietet Spiel­ raum für individuelle Anpassungen und ermöglicht auch bei unerwarteten gesund­ heitlichen Rückschlägen die Wahrung ei­ nes hohen Grades der Selbständigkeit. Dies kann schon in jungen Jahren von Vorteil sein. Wohnungen, welche nach dem Ge­ sichtspunkt des sogenannten anpassbaren Wohnungsbaus geplant und umgesetzt wurden, sind für Querschnittgelähmte be­ Paracontact I Winter 2020


sonders geeignet. Sie sind in ihrer Basis hindernisfrei geplant und gebaut und las­ sen sich im Bedarfsfall nachträglich ohne grossen Aufwand an die individuellen Be­ dürfnisse der entsprechenden Nutzer an­ passen. Für grosse Immobilien-Investoren sollte der anpassbare Wohnungsbau heute als Standard gelten. Nicht nur im Neubau, sondern auch bei grossen kommenden Er­ neuerungszyklen ist den Themen hinder­ nisfreies Bauen und Wohnen im Alter eine zentrale Bedeutung zu geben. Die öffent­ liche Hand unterstützt entsprechende Bau­ projekte mehr und mehr. Dank dem an­ passbaren Wohnungsbau kann der Bau von teuren Alters- und Pflegezentren mi­ nimiert werden. Die flexiblen Strukturen erlauben es den Menschen, länger in ihren Wohnungen und damit in ihrem gewohn­ ten Umfeld zu bleiben. Die Koordinations­ stelle «Wohnen im Alter» der ParaHelp pflegt die Kontakte zu den wichtigen Play­ ern auf dem Wohnungsmarkt und kann zusammen mit der Lebensberatung der SPV entsprechende Angebote vermitteln. Smarte Dienstleistungen Gute Seniorenwohnungen zeichnen sich durch die Ergänzung mit smarten Dienst­ leistungen aus, welche im optimalen Fall über einen Concierge-Service abrufbar sind. Konnte diese Dienstleistung bislang nur in exklusiven Altersresidenzen bean­ sprucht werden, so wird sie mittlerweile auch in erschwinglichen Wohnungen für alle Altersgenerationen zunehmend zum Standard.

Nach dem Konzept der bonacasa AG wur­ den bis heute Mehrfamilienhäuser in 28 Ge­meinden der Deutschschweiz umgesetzt. Die Eigentums- und Mietwohnungen ent­ sprechen dem Standard des anpassbaren Wohnungsbaus. Über eine eigens entwickel­ ­te App oder per Telefon lassen sich in die­ sen Wohnungen Dienstleistungen abrufen, die eine hohe Selbständigkeit im Alter ge­ währleisten. Neben einem Notrufservice rund um die Uhr werden Wohnungsrei­ nigung, Wäscheservice, Ferienservice und in­dividuelle Pflegedienstleistungen ange­ boten, welche sich insbesondere auch für Querschnittgelähmte individuell anpassen lassen. Der Umfang der Servicedienstleis­ tungen wird mehr und mehr ausgebaut

Kalkbreite Zürich: ein wegweisendes Projekt

und ist mittlerweile auch für Wohnungen, welche nicht von der bonacasa AG realisiert wurden, in sechs Kantonen der Schweiz verfügbar. Generationenübergreifend Die Age-Stiftung Schweiz fördert schweiz­ weit den Bau von altersgerechtem Wohn­ raum. Altersgerechte Wohnungen werden in modernen Siedlungen nicht mehr iso­ liert geplant, sondern sind in einem breit­ gefächerten Angebot integriert. Moderne Siedlungen mit einem bunten Mix von Woh­nungstypen für unterschiedliche Wohn­­formen und die Anbindung an al­ tersgerechte Pflegeinstitutionen sorgen für eine breite soziale Durchmischung und verhindern eine Ghettobildung.

Die Wohngenossenschaft «Zimmerfrei» in Basel wurde im Jahr 2017 fertiggestellt. Sie bildet einen Teil der grossen Neubau­ siedlung auf dem ehemaligen Güterum­ schlagareal Erlenmatt. Neben Wohnungen für Familien, Paare und Singles finden sich in der Überbauung auch eine Clusterwoh­ nung und eine Gross-WG. Spezielle Woh­ nungen fürs Alter gibt es zwar nicht, doch führt der breite Wohnungsmix mit vielen Kleinwohnungen automatisch zu einer Durchmischung der Genera­tionen. Bis zu einer Grösse von 3½ Zim­­­mern eignen sich alle Wohnungen für ältere Personen mit oder ohne Querschnittlähmung. Gästezim­ mer können von den Bewohnern bei Be­ such pro Nacht günstig dazugemietet wer­ den. In der eigenen Wohnung kann so ein zusätzliches Zimmer eingespart werden. Pionierprojekt Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich wurde 2007 gegründet. Zwischen 2012 und 2014 wurde auf dem Areal einer Tramab­ stellanlage ein Mix aus 97 Wohneinheiten mit Atelierwohnungen, Wohnungen für

Paracontact I Winter 2020 contact I Winter 2020

Paar­haushalte und Familien, Kleinwoh­ nungen in Wohnclustern für Singles und Grosswohnungen für Wohngemeinschaf­ ten realisiert. Das Projekt gilt als wegwei­ send. In den Grosswohnungen und in den Wohnclustern mit Kleinwohnungen wer­ den die Vorzüge einer Wohngemeinschaft mit dem notwendigen Bedürfnis nach Pri­ vatsphäre geschickt verbunden. Beflügelt vom Erfolg der ersten Siedlung wird von der Genossenschaft Kalkbreite an der Ecke Langstrasse/Zollstrasse zurzeit ein weiteres Wohnprojekt realisiert, welches einzigar­ tig ist. Die Siedlung Zollhaus besticht durch ein gelungenes Angebot an flexiblen Woh­ nungsgrundrissen. Neben Wohnungen mit 1 ½ bis 9½ Zimmern für Familien, Paare und Singles werden auch neue Wohn­for­ men wie Hallenwohnen und Wohn­raum für Wohngemeinschaften «ü60» angebo­ ten. Die Siedlung ist ab Frühjahr 2021 be­ zugsbereit. Dank der Planung nach dem Standard des anpassbaren Wohnungsbaus sind solche Strukturen auch für querschnitt­ gelähmte Senioren geeignet. Partner für nachhaltige Lösungen Mit dem Beizug der Bauberater vom Zen­ trum für hindernisfreies Bauen der SPV können die baulichen Gegebenheiten Ih­ rer Wohnung auf ihre Tauglichkeit fürs Wohnen im Alter überprüft werden. Um dem Wunsch, im vertrauten Umfeld alt zu werden, Folge zu leisten, legen wir gros­ sen Wert darauf, dass auch in bestehenden Strukturen oder in Ergänzung mit An­bau­ten individuelle Lösungen gefunden werden können.

Informationen Zentrum für hindernisfreies Bauen Tel. 062 737 40 00 Wohnen im Alter, ParaHelp Tel. 041 939 60 60 25


HINDERNISFREIES BAUEN

AUSGEZEICHNET

And the winner is …

Uster, die «Stadt für alle», gewinnt die erste Auszeichnung der Stiftung «MOVE», den «MOVE-Award».

Von Gabi Bucher

Die Stiftung «MOVE» fördert und unter­ stützt das rollstuhlgerechte Bauen von Plät­ zen, Stras­­sen, Trottoirs, öffentlichen Trans­ portanlagen, Gebäuden und Anlagen. Sie wurde im März 1999 durch Linda Mühle­ mann, Heinz Herzka und Maja Stutzer in Zürich gegründet und am 1. Juli 2016 ei­ nem neu zusammengesetzten Stiftungsrat aus der Region Basel übergeben. Dieser entschied, ab 2020 jährlich Gemeinden für beispielhafte Leistungen im Rahmen der Gleichstellung von Menschen mit Behin­ derungen mit einem Preis auszuzeichnen. Bei der Auswahl möglicher Kandidaten geht der Stiftungsrat auch auf Tipps von Betroffenen und Rückmeldungen von In­ stitutionen ein, welche er in diesem Zu­ sammenhang angeschrieben hat. Uster und St. Gallen kamen in die engere Auswahl für den ersten «MOVE-Award». «Eine Aus­ zeichnung kann aber nicht nur auf Hinwei­sen und Tipps basieren, das wäre nicht se­riös», erklärt Stiftungspräsident Eric Ber­ tels. Darum machte er sich auf, zusammen

mit der Stiftungsrätin Chikha Benallal, sel­ ber Rollstuhlfahrerin, die beiden «Kandi­ daten» persönlich auf Herz und Nieren zu prüfen. Briefkastenproblematik Treffpunkt war der Bahnhof Uster. Uster nennt sich seit geraumer Zeit «Inklusions­ stadt» bzw. «Stadt für alle» und beschäftigt mit Elisabeth Hildebrand seit Oktober 2018 eigens eine Inklusionsbeauftragte. Die Er­ wartungen waren dementsprechend hoch. Der Busbahnhof liess kleine Zweifel auf­ kommen; die Plattformen sind noch nicht erhöht, der Einstieg nur mit Rampe oder Hilfe des Chauffeurs möglich. Mit gemisch­ ten Gefühlen machten sich die beiden Be­ sucher auf den Weg. Eric Bertels hatte ver­ schiedene öffentlich genutzte Gebäude und Örtlichkeiten im Visier. Und nun über­ zeugte Uster mit breiten Trottoirs und per­ fekt abgeflachten Absenkungen zur Stras­ senüberquerung. Beim Stadthaus war zwar nicht sofort ersichtlich, wo sich die Rampe

Imposante Treppe – aber der Lift ist nicht weit 26

befindet. Sie hat aber ihren Anfang logi­ scherweise gleich neben dem Rollstuhl­ parkplatz. Was Chikha Benallal vor allem begeisterte, war der Briefkasten. «Meist be­ finden sich diese auf einer für uns unmög­ lichen Höhe» erklärte sie. Nicht so in Uster, hier kann sich keiner rausreden, er hätte den Stimmzettel nicht einwerfen können. Eindrückliche Treppe Auch der weitere Rundgang zeigte viel Po­ sitives: Rampe zum Kino, Rampe zur ka­ tholischen Kirche, Rampe zur Heilsarmee, alles soweit perfekt. Ein kurzer Schreck, auch für den begleitenden Fussgänger, die unglaublich imposante Treppe zur evan­ gelischen Kirche! Aber gleich daneben ver­ wies ein Pfeil auf den «Kirchenlift». Die­ ser sei nach harten Verhandlungen mit der Denkmalpflege realisiert worden, erklärte der anwesende Kantor und Organist. Der Lift führte auf die Plattform vor der Kir­ che, beim rechten Seiteneingang dann ei­­ne Rampe zur Tür, die normalerweise au­to­

Gut erreichbar: der Gemeindebriefkasten Paracontact I Winter 2020


matisch öffnet, sich aber in diesem wich­ tigen Moment etwas sperrig verhielt. Und im Innern der Kirche, welches der Treppe in Sachen Grösse in nichts nachsteht, war extra Platz für Rollstuhlfahrer neben den Bänken. Eine kurze Irritation kam bei der Dorf­ schule mit integrierter Musikschule auf, welche sich gerade im Umbau befindet. Auf den ersten, etwas zu schnellen Blick kein Anzeichen einer Rampe zum Überbrücken der Stufen am Eingang. Sollte sich da ein Manko abzeichnen? Ein Bauarbeiter klärte Eric Bertels auf. Hinter den grauen Plas­ tikplanen im Innern des Hauses verstecke sich der Liftschacht. Und draussen zeigte Chikha Benallal lachend auf den Lieferwa­ gen eines Treppenliftfabrikanten, welcher neben dem Gebäude stand. «Gschwellti» statt Hot Dog Auf dem Weg zum Stadtpark eine weitere positive Überraschung: Wegweiser ver­ spra­chen einen Rollstuhlwanderweg, den «Industrielehrpfad Niederuster». Im Stadt­

AUSZEICHNUNG

Die Stadt Uster erhält als Gewinnerin die Preissumme von CHF 5000.–, einen Blumenstrauss, eine Urkunde und einen Kleber des Aus­ zeichnungslogos, welches sie zum Beispiel bei der Eingangstüre der Stadtverwaltung anbringen kann.

park selber elegante Absenkungen, welche den Rollifahrern erlauben, nahe an den Wei­her zu gelangen. Mit Tischen und Son­ nenschirmen bot sich das «Parkbeizli» nach dem ausgiebigen Spaziergang gleich in der Nähe als Rastplatz an. Von weitem liess es auf Hot Dogs und Hamburger schliessen, stattdessen waren dann aber ein «Salattel­ ler mit Gschwellti und Sauerrahm» oder «Kicher­erbsen-Curry mit frischem Gemü­ ­se aus dem Garten» im Angebot. Betrie­ ben wird das «8610 im Stadtpark» übrigens vom Werkheim Uster, wo Mitarbeitende mit Beeinträchtigung sowie Fachangestellte Hand in Hand arbeiten. Schon fast logisch in diesem Zusammenhang, dass es auch eine rollstuhlgerechte Toilette gibt; gelebte Inklusion eben. Die letzte positive Überraschung war die grosse Bibliothek mit riesiger Rampe in den oberen Stock, einem tiefen Tisch mit Laptop zum digitalen Stöbern und einem tiefgelegten Schalter. Streifen so weit das Auge reicht Nicht nur für Rollstuhlfahrer scheint man in Uster sensibilisiert zu sein, auffallend sind auch die sehr gut und ausgiebig an­ gebrachten Leitlinien auf den Trottoirs für Menschen mit einer Sehbehinderung.

Und während auf dem Weg zum Bahnhof ein Fussgänger praktisch auf den Knien einen Bankomaten für Rollstuhlfahrer zu bedienen versuchte – einmal andershe­ rum – stiessen Chikha und Eric auch gleich noch auf einen Rollstuhlparkplatz in Bahn­ ­hofsnähe.

Barrierefrei bis ans Weiherufer im Stadtpark Paracontact I Winter 2020

Schwieriger Stand für St. Gallen Uster hinterliess einen positiven Eindruck. Wie verhält es sich mit St. Gallen? Im Jahr 2019 erhielt die Stadt den FLUX-Preis für die generelle Gliederung des Bahnhofbe­ reichs. Als erster Schweizer Verkehrskno­ ten ist die Umgebung des Bahnhofes zudem zu 100% auf die Bedürfnisse von mobili­ tätseingeschränkten Personen abgestimmt. Alle Bushaltekanten haben eine Höhe von 22 cm, Blindenleitsysteme weisen den Weg durch den gesamten Komplex. Die Unter­ führungen, die zu den Bahnsteigen füh­ ren, sind zusätzlich zur Treppe entweder mit einer Rampe oder einem Aufzug ver­ sehen. In den unterirdischen Räumen wur­ de die Beleuchtung sorgfältig gestaltet, um Einschränkungen für Menschen mit Seh­ behinderung gezielt abzubauen.

Beim Bahnhof war also alles soweit gut. Aber je weiter sich die beiden in die Alt­ stadt vorwagten, desto schwieriger wurde es für St. Gallen, mit Uster mitzuhalten. Allein die vielen Pflastersteine waren nicht wirklich geeignet für Rollstuhlfahrer. Beim Textil-Museum musste per Telefon um Hilfe angefragt werden. Der Treppenlift im Stadthaus fuhr erst mal etwas hoch, bevor er runterging, ein nicht ganz logischer Vor­ gang, der Verwirrung stiftete. Verliess man die Stiftskirche durch den seitlichen Aus­ gang, fand man sich vor zwei Stufen, und die St. Laurenzen-Kirche zeigte ein domi­ nantes «Achtung Stufe»-Schild, wo durch­ aus genug Platz vorhanden wäre für eine Rampe. Auch die Trottoirabsenkungen mit Pflastersteinen behagten Chikha Benallal nicht wirklich. Für den dann noch einsetzenden Regen konnte man die Stadt nicht verantwortlich machen, aber baulich gibts Verbesserungs­ potenzial. Eric Bertels und Chikha Benallal sind sich einig, lange debattiert wird nicht, Uster hat die Auszeichnung verdient. Da wurde auf sehr vieles geachtet, man ist sich der Thematik bewusst und bemüht sich, über die normalen Anforderungen hinaus Lösungen zu finden. Bei St. Gallen bleibt noch Luft nach oben.

Stiftung MOVE www.move-stiftung.ch 27


KULTUR UND FREIZEIT

FÜR SIE

Neues Jahr, frisches Angebot

Auf dem Ziesel zum Hoch-Ybrig, Picasso nacheifern oder beim Wein von Jean-Paul Forestier über den Lac Léman blicken. Das neue Kurs- und Veranstaltungsangebot hält Vielfalt für die Freizeit bereit. Von Tanja Müller

28

Paracontact I Winter 2020


Seit jeher bieten unsere Kurse und Veran­ staltungen Rollstuhlfahrern einerseits Hil­ fe zur Selbsthilfe und andererseits eine ­aktive Freizeitbetätigung mit der Möglich­ keit, soziale Kontakte zu knüpfen. Unsere Angebote werden in Zusammenarbeit mit Rollstuhlclubs, Betroffenen oder Personen mit einem persönlichen Bezug zur The­ matik Querschnittlähmung erarbeitet und durchgeführt.

Actionreiche Schneetour Wo stehen wir? Covid-19 hat uns im Kalenderjahr 2020 einen Stillstand aufgezwungen. Nach dem Wintertreff in Egerkingen im Januar muss­ ten fast alle Kurse und Veranstaltungen der Abteilung Kultur und Freizeit abgesagt oder verschoben werden. Fokussieren wir hingegen die positive Seite, so hat uns das Virus einen Moment des Innehaltens be­ schert, in dem viel überprüft, analysiert und hinterfragt werden konnte. Die Kombina­ tion aus neuen Mitarbeiterinnen und sin­ kendem Interesse für unser Angebot hat uns dazu bewogen, das Konzept unserer Kurse und Veranstaltungen unter die Lupe zu nehmen. Wen sprechen wir an? Es gibt ihn, den Kern treuer Mitglieder, die wir jedes Jahr wieder am Fototreff begrüs­ sen dürfen oder die mit auf den HandbikeTrail kommen. Leider mussten wir in den vergangenen Jahren auch rückläufige Teil­ nehmerzahlen und daraus resultierende Veranstaltungsabsagen in Kauf nehmen. Doch wir sind überzeugt, dass es noch viele gibt, die von unserem Angebot profi­ ­tieren können. So konnten wir unsere Ziel­­gruppen in Angehörige, Freiwillige, die Paracontact I Winter 2020

Öffentlichkeit, Schulklassen und Referie­ rende unterteilen. Doch die grösste und wichtigste Anspruchsgruppe sind Men­ schen im Rollstuhl, sprich die Aktivmitglie­ der der SPV. Betrachten wir die Zahlen de­ rer, die über den KF-Newsletter mit uns in Kontakt stehen, so sprechen wir von rund 4000 Personen. Davon mehr Männer als Frauen, nämlich ganze 63%. Der Grossteil spricht Deutsch, aber mit 20% Anteil ist auch die französischsprechende Schweiz ein wichtiges Wirkungsgebiet. Was setzen wir uns zum Ziel? Das Kurs- und Veranstaltungsangebot der Abteilung Kultur und Freizeit hat weiter­ hin als wichtigstes Ziel, Raum für span­ nende Begegnungen zu schaffen. Es soll An­stoss für Neues geben und Grund sein, die eigenen vier Wände zu verlassen. Die Analyse hat gezeigt, dass wir in der Nische wirken und somit keine Ideen ausarbeiten müssen, die bereits durch grosse Anbieter wie zum Beispiel eine Migros-Klubschule abgedeckt wer­den.

Zudem haben wir gemerkt, dass das beste­ hende Angebot stark auf die grösste Ziel­ gruppe, nämlich die Personen zwischen 45 und 65 Jahren fokussiert ist. Das Dia­ gramm zeigt aber, dass eine stärkere Aus­ weitung möglich ist. Verteilung nach Altersgruppen bis 25 Jahre 6%

65+ Jahre 27%

25 bis 45 Jahre 24%

45 bis 65 Jahre 43%

Wie gingen wir vor? Also tauchten wir völlig ab ins Brainstor­ ming, brachten Ideen über Ideen auf den Tisch. Wir haben diese gesichtet und aus­ sortiert unter der Berücksichtigung der Realität, die uns bei den ersten Schritten angeleitet hat.

SIE HABEN EINE IDEE? Haben Sie Fragen, Anregungen oder Ideen für weitere spannende Kurse oder Veranstaltungen? Haben Sie Lust, gemeinsam mit uns etwas zu erarbeiten? Melden Sie sich: kf@spv.ch, Tel. 041 939 54 15 Informationen und Details zum gesamten Angebot 2021 finden Sie auf den Seiten 30 bis 32 oder unter www.spv.ch/ Veranstaltungen.

Dann trafen wir den Entscheid, künftig mit Kategorien für die Bereiche Kurse und Ver­ anstaltungen zu arbeiten. Im Kursbereich haben wir uns für die Kategorien «Aktivi­ tät», «Kreativität», «Mobilität» und «Wohl­ befinden» entschieden. Die Veranstaltun­ gen teilten wir in «Aktivität», «Information», «Kulinarik», «Kultur» und «Unterhaltung» auf. Berücksichtigen mussten wir natürlich zudem, dass nur, weil die Köpfe voll sind, nicht auch der Ressourcenbedarf ins Un­ endliche steigt. So setzen wir darauf, dass wenig besser ist als nichts und starten nun zum Beispiel in der Kategorie «Wohlbefin­ den» mit einem einzigen Angebot. Was sagen die Experten dazu? Die Expertinnen und Experten sind un­ sere Kunden. Doch ein wichtiges Kontrollund Feedbackorgan stellen die Kultur- und Freizeit-Verantwortlichen der Rollstuhlclubs dar. Wir haben bereits bei einigen um Rückmeldung gebeten. Den Herbst nutzen wir dazu, noch stärker herauszuarbeiten, was künftig in das Angebot der SPV und was zum Jahresprogramm der Clubs ge­ hört. Ganz im Sinne davon, die Ressourcen zu bündeln, Doppelspurigkeiten zu ver­mei­ den und eine noch bessere Zusammenar­ beit zu finden. Auf jeden Fall sind wir überzeugt, auf nahr­haftem Boden zu wirt­ schaften und ge­meinsam mit motivierten Partnern noch viele tolle Momente erar­ beiten zu können. 29


KULTUR UND FREIZEIT

2.10.2021

Workshop Malen 24.3.2021

Workshop «Farben und Stil» «Passende Bekleidung ist eine Frage des Stils, nicht des Geldes», schreibt Fabienne Thali, Farb- und Stilberaterin auf ih­rer Webseite. In diesem Workshop verhilft sie Ihnen zum passenden, eigenen Look. Die Personal Shopperin erteilt Tipps, wie Sie Farben, Muster und Schnitte einsetzen, und er­klärt, welche Kleider und Accessoires sich gut kom­ binieren lassen. Erhalten Sie wertvolle Anregungen für Ihre Kleiderwahl.

Möchten Sie Ihre künstlerischen Fähigkei­ ten weiterentwickeln, neue Techniken und Stile in ihr Schaffen einfliessen lassen? Packen Sie die Chance und kommen Sie nach Biel zum Workshop der «Weltmalerinnen».

Der Verein «Weltmalerinnen», wo der Work­ shop stattfinden wird, unterstützt Menschen mit einer Behinderung in ihrem Anspruch auf geschützten Arbeits- und Lebensraum. Im grossen Atelierraum steht eine barriere­ freie Infrastruktur mit sechs Atelierplätzen Im Workshop werden Ihnen die Atelierleiter­ für Kunstschaffende zur Verfügung. Ein tol­ innen Inputs, Impulse und Anregungen ge­ les Gefühl, wenn man am Ende des Tages ben und so Ihre künstlerische Weiterent- als Resultat ein farbenfrohes Kunstwerk in den Händen hält. wicklung fördern.

Interessiert? www.fabiennethali.ch

25.4.2021 8./9.10.2021

Mobilitätskurs In einem Mix aus Theorie und Praxis verbessern Sie Ihre Mobilität und lernen neue Fahrtechniken kennen. Ebenso sind schulterschonende An­triebstechnik oder sicheres Kippen ein Thema. Der Kurs findet am Freitag auf dem Gelände des SPZ Nottwil statt. Am Samstag absolvieren Sie in Luzern den speziell für Rollstuhlfahrer konzipierten Foxtrail. Besuchen Sie diesen Kurs, um mit mehr Sicherheit im Alltag unterwegs zu sein. 30

Wintertreff – Lotto «Wie weiter mit Egerkingen?» Unsere Ant­ wort: Alternierend wird im einen Jahr ein Lotto-Nachmittag stattfinden, gefolgt von ei­nem Tanz-Abend im nächsten Jahr.

Im 2021 setzen wir auf Lotto. Ab 13.00 Uhr haben Sie die Möglichkeit, sich bei Kaffee und Kuchen mit Bekannten auszutauschen und sich einzustimmen. Das Lotto beginnt um 14.30 Uhr. Aufgrund der Pandemie findet das beliebte Lottospiel im April im Seminarhotel Sem­ pachersee in Nottwil statt, wo zahlreiche gedeckte Parkplätze, barrierefreier Zugang und ein bewährtes Schutzkonzept vorliegen.

Neuer Veranstaltungsort Hotel Sempachersee Nottwil Paracontact I Winter 2020


27.2.2021

Ziesel-Tour Ganz schön actionreich und doch romantisch – fahren Sie mit dem Raupengerät Ziesel durch die Winterlandschaft. Praktisch lautlos und umweltfreundlich steuern Sie hinauf ins Skigebiet Hoch-Ybrig. Ein einzigartiges Bergerlebnis und eine Tour, welche Abenteuer, Outdoorerlebnis, Natur und einmaligen Fahrspass verbindet. Weitere Infos: www.impuls-event.ch

29.5.2021

Swiss-Trac-Kurs Sie haben einen Swiss-Trac, Ihnen fehlt es aber an Fahrpraxis? Oder möchten Sie den SwissTrac kennenlernen und Probe fahren? Im Kurs erfahren Sie, wie Sie mit dem Swiss-Trac selbständiger und mobiler werden: An- und ab­ kuppeln, Hindernisse überwinden oder fahren im Gelände. Sie erhalten wertvolle Infos zum Transport, zum Laden der Batterie und zur Pfle­ ­ge. Zudem holen Sie sich Tipps und Tricks rund um Ihren Swiss-Trac ab sowie Hinweise über be­ hinderungsbedingte Adaptionen und Zubehör.

10./11.7.2021

Kundalini Yoga Erleben Sie ein Yoga, welches gleichzeitig heilend und belebend auf Körper und Geist wirkt. Kundalini bie­tet alternative Bewe­gungen, so dass alle Teilnehmenden die Übungen durchführen können.

Swiss-Trac AG www.swisstrac.ch Tel. 041 854 80 20

28.4.2021

Reisetheater «Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen», wissen Sie noch aus welchem Grimm-Märchen das stammt? Genau! Das Reisetheater kommt mit «Hänsel und Gretel» nach Nottwil.

Seit über 38 Jahren ist das Reisetheater in der ganzen Schweiz unterwegs und macht an Orten Halt, wo es wenige Angebote für Kindertheater gibt. Mit seinen kindergerechten und traditionellen Märchen sorgt es für Freude und Spass bei der ganzen Familie. Also, bringen Sie Ihre Kinder, Enkel oder Patenkinder mit! Paracontact I Winter 2020

25.9.2021

Herbstausflug

Gezielte Übungen der verschiedenen Körperhaltungen führen zur Verbesserung der Atmung. Dies ist ein Angebot des SPZ. Anmeldungen laufen über Kultur und Freizeit.

Die Farben des Herbstes leuchten am Lac Léman besonders intensiv. Ein Tag, den Sie mit Leib und Seele geniessen werden.

DIENSTAGS

Erste Station ist der Besuch im beliebten Charlie-­ Chaplin-Museum in Vevey, wo Sie sich auch mit einem leckeren Mittagessen stärken. Lernen Sie danach die Wein-Welt von Jean-Paul Forestier kennen. Bei einer Degustation der lokalen Weine geniessen Sie gleichzeitig den atemberaubenden Ausblick auf den Lac Léman. Das Abendessen findet im gemütlichen Restaurant L’Unique in La Roche am See statt.

Jeweils dienstags (Daten unter www.spv.ch) wirbeln Rollstuhl-Fussgänger-Paare beim Tanzen in der Sporthalle in Nottwil umher. Der RC Solothurn freut sich auf zahlreiche Teilnehmende (auch Fussgänger sind willkommen).

Rollstuhl-Tanz

Online-Anmeldung Unter www.spv.ch/ Veranstaltungen finden Sie detaillierte Informationen zum Angebot und die OnlineAnmeldeformulare. Für Auskünfte wenden Sie sich an Yvonne Rölli, yvonne.roelli@spv.ch. 31


KULTUR UND FREIZEIT

16.5.2021

Wandertour Napf Sie bewegen sich gerne in der freien Natur und lieben körperliche Herausforderungen? Dann ist unsere Wandertour genau das richtige für Sie.

und sportlich sein. Die Begleitperson zieht oder bremst den Rollstuhl mit Seil und Gum­ mischlauch, das Seil wird an einem gepolster­ ten Klettergurt befestigt.

Wandern und Rollstuhl schliessen sich nicht aus. Bergwandern ist unter gewissen Voraus­ setzungen auch für Menschen im Rollstuhl, insbesondere für Paraplegiker, möglich. So­ wohl die Person im Rollstuhl als auch die Begleitperson muss körperlich fit, gesund

Dieses Jahr wandern wir im wunderschönen Napfgebiet, in einer einzigartigen Kultur­ landschaft. Zwischen den Kantonen Luzern und Bern gelegen, ist das Napfgebiet be­ rühmt für seine atemberaubende Weitsicht, aber auch für seine Mythen und Sagen.

19.6. UND 28.8.2021

HandbikeTrail

Auf Singletrails und Wanderwegen erleben Sie die Schweiz hautnah! Der Handbike-Trail ermöglicht es Ihnen, Orte zu entdecken, von denen Sie kaum glaubten, sie als Rollstuhlfahrer je erreichen zu können. Tolle Touren führen über Wald-, Flur- und Bergstrassen, steile Aufstiege und rasante Abfahrten. Geniessen Sie die einzigartige Landschaft, spektakuläre Aussichten und das Zusammensein in der Gruppe. Weitere Infos Andi Gautschi www.handbike-andi.ch 32

20.6.2021

Jodelgottesdienst Der besinnliche und beliebte Gottesdienst findet jährlich im Schweizer ParaplegikerZentrum in Nottwil statt. Die Messe wird jeweils von einem Jodlerklub musikalisch umrahmt. Im Jahr 2021 ist der Jodlerklub Nottwil zu Gast.

28./29.8.2021

Bettmeralp Freuen Sie sich auf ein genussvolles Wochenende auf der Bettmeralp. Alois Schmid, selber Rollstuhlfahrer, organisiert diesen Ausflug mit viel Herzblut. Die Bettmeralp ist sehr authentisch und wie geschaffen für einen Ausflug in die Berge. Oberhalb der Bettmeralp liegt der Aletschgletscher – der grösste Gletscher der Alpen. Die Infra­struktur der Aletsch Arena ist durchgängig barrierefrei und ermöglicht auch Menschen mit Mobilitätseinschränkung, die Region in ihrer ganzen Schönheit zu erleben. Erleben Sie das UNESCO-Welterbe in voller Pracht.

7.11.2021

Fototreff Treffen Sie auf Ihre alten und neuen Reisebekanntschaften. Zudem blicken wir auf das Reisejahr 2021 zurück. Ihre Fotos lassen die Ferienmomente nochmals aufleben. Informieren Sie sich anschliessend über die Reisedestinationen 2022 und buchen Sie vor Ort Ihre Ferien für das nächste Jahr. Die Reise-Fachfrauen stehen Ihnen gerne zur Seite.

NOVEMBER 2021

Handwerkermarkt Mit viel Leidenschaft fertigen Menschen im Rollstuhl kunsthandwerkliche und kulinarische Artikel an, die sie am Handwer­ kermarkt zum Ver­kauf anbieten. Kommen Sie in Nottwil vorbei. Sie gehen bestimmt nicht mit leeren Taschen heim! Paracontact I Winter 2020


KULTUR UND FREIZEIT

DIE PERFEKTE AUSZEIT

«Rüüdig schön» Mit der Tagwache startet jeweils am frühen Morgen des Schmutzigen Donnerstag die berühmte Luzerner Fasnacht. Seit vielen Jahren mit viel Begeisterung dabei ist Harald «Harry» Suter, Paraplegiker und ehemaliger Sozialarbeiter der SPV. Von Gabi Bucher

Harry ist skeptisch. «Über die Fasnacht er­ zählen, jetzt? Die ist ziemlich weit weg im Moment». Aber bereits nach den ersten Wor­ten gerät er in Fahrt und seine Augen leuchten. Er ist voll in seinem Element und liebt die fünfte Jahreszeit, was nur verste­ hen kann, wer damit aufgewachsen ist. «Ich bin in der Stadt Luzern gross geworden, da war ich mittendrin», erklärt er. Sein grosser Bruder spielte in der Guggenmusik «Leuechotzeler», er selber wurde mit knapp 18 Jahren deren Fahnenträger. «Vor allem bei unseren Auftritten in der Westschweiz war ich als Fahnenträger eine Art Ehren­ person», erinnert er sich. «Während die an­ deren spielten, trank ich ein Gläschen mit den Welschen.» Aber alles im Mass, be­ ruhigt er, denn als Fahnenträger führte er die Formation an und musste wissen, wo es langgeht. Später spielte er Posaune, eine «rüüdig» schöne Zeit, schwärmt er. Fasnacht trotz allem Mit 27 Jahren verunfallte Harry. An seinem Geburtstag brachte ihm die Guggenmusik ein Ständchen in der Begegnungshalle des SPZ. Das sei ein sehr spezieller Moment gewesen. «Mir lief es kalt den Rücken run­ ter.» Die Kollegen versicherten ihm, dass immer ein Platz frei sei für ihn, falls er ­zurückkommen will. Aber für Harry war schnell klar, dass er nicht mehr spielen wird. «Gleichzeitig spielen und rollen, das geht nicht», meint er. Aber dass er weiter­ hin an die Fasnacht geht, war genauso klar. Im Dezember verliess er die Klinik, Anfang Jahr war er bereits in St. Erhard an einem Maskenball. Viel überlegt habe er nicht dabei, er sei einfach hingegangen. «Es war beissend kalt, im Festzelt hatte es diese un­

Viel Spass in den Strassen von Luzern mit alten und neuen Freunden

möglichen Holzschnitzel am Boden und Rollstuhl-WC gabs auch keins.» Aber man finde immer Lösungen, meint er mit einem Augenzwinkern. Enttarnung garantiert Harry geht am liebsten allein an die Fas­ nacht. «Ich treffe so viele Leute, da ist es einfacher, wenn ich allein unterwegs bin.» Und nein, das Getümmel mache ihm kei­ ne Angst. «Früher besuchte ich jeweils auch das Altstadtfest in Luzern, aber da passt kei­ner auf, das ist ziemlich mühsam. An der Fasnacht sind die Leute viel aufmerk­ samer, man kommt gut durch.» Einzig das mit der Verkleidung funktioniere nicht wirk­­lich. «Da kannst du noch so kreativ sein, du wirst ziemlich schnell enttarnt.»

Kann er nicht an die Fasnacht, fehlt ihm etwas. «Ich mag das Lockere, leicht Ver­ rückte, die ausgelassene Stimmung. Mal den Alltag vergessen, ein bisschen intrigie­

ren, Sprüche klopfen.» Meist sei er bereits am Donnerstagmorgen an der Tagwache da­­bei. Den Umzug lässt er aus. Das Fas­ nachtskomitee stelle zwar Podeste auf für die Rollstuhlfahrer, aber er tummelt sich lieber in den Gassen der Altstadt. «Da hats nicht so viele Menschen und man kann in aller Ruhe die Kleinformationen be­ wundern. Mich fasziniert die unglaubliche Viel­falt der Sujets.» Einziges kleines Pro­ blem seien die eher knapp vorhandenen Rollstuhl-­Toiletten, da müsse man sich eben organisieren. «Und oft hole ich mir auch einen platten Reifen von den Scher­­ ben», aber damit hat er leben gelernt, ein kleines Restrisiko, das er auf sich nimmt. «Erstaunlicherweise treffe ich aber wenig andere Rollstuhlfahrer an», meint er. «Es sind immer etwa dieselben». Unverständ­ lich für Harry, dass man so etwas «rüüdig» Schönes nicht in vollen Zügen geniesst! Er freut sich schon jetzt auf 2022, wenn es die Fasnacht hoffentlich wieder gibt.

Paracontact I Winter 2020 33


KULTUR UND FREIZEIT

KLIMAFREUNDLICHER REISEN

REISEN

Gemeinsam fürs Klima

Planen trotz Pandemie

Wir steigen öfter ins Flugzeug, als es die Umwelt verträgt. Ab 2021 haben Reisende der SPV die Möglichkeit, ihre Flugreisen über «myclimate» zu kompensieren.

Wie soll man un­ter den aktuellen Umständen vorausschauen, planen oder gar an Ferien denken? Wir sagen, machen Sie es trotzdem! Der Reisekatalog «ParaReisen 2021» ist erschienen und lädt zum Träumen ein. Und wenn die Pandemielage es uns nicht erlauben sollte, Ende Mai zum Beispiel ins Südtirol zu rei­sen, dann ist eine Option in Locarno vorgesehen.

Von Antonia Tanner

Sie profitieren von kulan­ten Buchungsbedingungen: - keine Voranzahlung - keine Kostenfolge, wenn die SPV die Reise annulliert - Alternativreisen in der Schweiz - hohe Kulanz bei Ihrer Annullation

910 Millionen Tonnen – eine unglaubliche Zahl: So viel CO₂ wird jährlich bei Flug­ reisen ausgestossen. Dies entspricht rund 2,5  % aller Treibhausgas-Emissionen welt­ weit. Eine riesige Belastung für unser Kli­ ma und höchste Zeit, etwas zu unterneh­ men – wenn auch nur im Kleinen. Kompensation fürs Klima Ein Ansatz, um mit besserem Gewissen flie­ gen zu können ist «myclimate». Die ge­ meinnützige Stiftung unterstützt Klima­ schutzprojekte in über 30 Ländern, mit Gel­dern, welche Kunden unter anderem als Kompensation für Flugreisen bezahlen. Da­bei wird die Menge an CO₂-Emissionen berechnet, die ein Flugzeug über eine Flugdistanz pro Passagier ausstösst. Neben Flugreisen können Klimabewusste auch ihre Auto- oder Schiffreise, ihren ökologi­ schen Fussabdruck oder ihren Strom- und Heizverbrauch kompensieren. Paracontact I Winter 2020

Spenden auf SPV-Flugreisen Im nächsten Reisejahr wird auf SPV-Flug­ reisen die Möglichkeit bestehen, direkt bei der Anmeldung den «myclimate»-Betrag zu spenden. Dazu kreuzen Sie den jewei­ ligen Betrag an, der Ihrem ArrangementPreis hinzugefügt wird. Die Flugreise in die Algarve würde so lediglich CHF 19.– mehr kosten.

Die Vielfalt der Projekte, die weltweit un­ terstützt werden, ist gross. Mit Ihrem Bei­ trag unterstützt «myclimate» Projekte wie die Renaturierung von Schweizer Mooren oder den Schutz des Regenwaldes in Fidschi durch die indigene Bevölkerung. Helfen auch Sie mit – gemeinsam können wir ei­ nen Unterschied machen.

Informationen www.myclimate.org/de

Für die persönliche Reiseberatung sind die Reisefachfrauen des SPV-Reisebüro für Sie da.

Informieren Sie sich zum Beispiel über die Aktivferien im Winter 2021: Skiwoche Arosa 14.–19. März 2021 ab CHF 1340.– Anmelden Tel. 041 939 54 61 (Mo–Do) carole.buchmann@spv.ch 35


ROLLSTUHLSPORT

GIRO SUISSE

Die Schweiz in 13 Tagen

Die Premiere ist geglückt: Die HandbikeTour quer durchs Land war ein riesiger Erfolg, sodass Rufe nach einer Wiederholung laut werden. Pläne sind bereits vorhanden. Von Nadja Venetz

36

Paracontact I Winter 2020


«Wer friert uns diesen Moment ein? Besser kann es nicht sein. Denkt an die Tage, die hinter uns liegen», dröhnt der Song «Auf uns» von Andreas Bourani aus den Boxen. Die Teilnehmenden des Giro Suisse, die Or­ ganisatoren und Helfer tanzen ausgelassen unter dem grossen Kuppelzelt der Sport Arena Nottwil. Augenblicke zuvor fuhren sie unter Polizeieskorte und begleitet vom Applaus der Zuschauer und Konfettikano­ nen durch den Zielbogen auf der 400-Meter-­ Bahn. 13 ereignisreiche Tage liegen hinter ihnen, als die Veranstaltung am Nachmit­ tag des 6. September ihr Ende findet. Es sind dies Momente voller Emotionen: Die Freude über das gemeinsam Erlebte, die Er­ leichterung, dass alles gut ging, und etwas Wehmut, dass der Anlass nun vorbei ist. Wie am Schnürchen Von den insgesamt 71 Teilnehmenden lies­ sen es sich rund 60 nicht entgehen, den Ab­schluss der Tour in Nottwil zu feiern. Sie alle fuhren eine oder mehrere Etappen mit. Fünf Handbiker, darunter auch eine Tetraplegikerin, stemmten gar die ganze Tour. Die Organisatoren blicken auf eine Mammutaufgabe zurück und sind erleich­ tert: Alles hat geklappt. Keine Verletzten. Keine nennenswerten Pannen. Um platte Reifen kümmerte sich der Tourservice von Orthotec. Zahlreiche Helfer packten tag­ täglich mit an, luden ein und aus, stellten den Transport sicher und sorgten für Ver­ pflegung und gute Laune. Selbst das Wet­ ter war den Rollstuhlfahrern wohlgesinnt. Le­diglich die Sonnenregionen Tessin und Wallis wurden ihrem Ruf nicht gerecht. Diese Etappen mussten abgesagt bezieh­ ungs­weise verkürzt werden. Grossartiger Moment «Es ist unglaublich, was hier gerade pas­ siert», schwärmt Direktor Laurent Prince zum Start in Kriens. «Der Anlass steht für alles, was wir bei der SPV machen. Die Clubs bringen sich ein und gemeinsam kre­ieren wir ein Angebot für unsere Mit­ glieder. Wir zeigen ihnen, dass wir sie und ihre Anliegen ernst nehmen. Zugleich tra­ gen wir die Solidarität, die wir in der SPG leben, in die Gesellschaft. Das hat eine gros­ ­se Symbolkraft für das 40-jährige Bestehen der SPV.» Auch Heidi Hanselmann, Präsi­ dentin der SPS, ist voll des Lobes, als sie Paracontact I Winter 2020

die Etappe in Chur besucht: «Eindrucks­ voll, was ihr da vonseiten der SPV auf die Beine gestellt habt und was die Teilnehmer leisten.» Maximale Zufriedenheit Klickt man sich durch die unzähligen Bil­ der, sieht man überall nur lachende Men­ schen. Ein Zufall? Das Glück des Fotogra­ fen? Nein, bestätigen OK-Chef Thomas Hurni und Teilnehmerverantwortliche Mar­­tina Meyer unabhängig voneinander.

«Ich erinnere mich an ganz viele glückliche Gesichter. Die gute Stimmung unter den Handbikern und dem Staff war einfach fan­ tastisch», so Martina Meyer. Diese positive Atmosphäre sei eines von vielen Highlights gewesen, erklärt Thomas Hurni. «Schon bei ihrer Ankunft strahlten die Teilnehmenden wie Marienkäfer, obwohl sie noch gar nichts erlebt hatten. Nie habe ich mitbekommen, dass jemand schlecht drauf war.»

«Ich erinnere mich an viele glückliche Gesichter.» Eindrücke und Begegnungen «Die 13 Tage haben meine Erwartungen übertroffen. Ich habe neue Regionen in un­ serem wunderschönen Land entdeckt. Es war eine tolle Zeit», fasst Hans-Jörg Arnold seine Erlebnisse zusammen. Der Oberwal­ liser ist einer der Teilnehmer, der den ge­ samten Giro Suisse absolvierte. «Ich fand die Idee super, den Geburtstag der SPV auf diese Weise zu feiern. Gleichzeitig suchte ich eine sportliche Herausforderung. Wie­ der mehr Sport zu treiben, kam mir gerade gelegen», begründet der ehemalige Para­ 37


lympicssieger seine Teilnahme. «Ich habe mich im Frühling gut vorbereitet. So war das gut machbar.» Martin Wenger, der die Etappe von Lausanne nach Yverdon-lesBains fuhr, hatte etwas mehr zu beissen. «Ich hätte das Höhenprofil der Etappe bes­ ser studieren sollen», gibt der Luzerner la­ chend zu. Die Begegnungen mit den ande­ ren Handbikern schätzte er besonders. «Du triffst Leute aus allen möglichen Regionen der Schweiz. Unterwegs hast du aus­rei­ chend Zeit, kommst ins Gespräch und lernst dich besser kennen. Die­ser Austausch gefiel mir sehr, nur konnte ich gegen Ende hin nicht mehr sprechen, weil mir die Puste ausging.» Beeindruckt hat auch der Zuspruch vom Strassenrand. «Die Zu­ schauer, die jeweils unsere Zieleinfahrt be­ klatschten, auch wenn es teilweise nur we­ nige waren, bejubelten die Handbiker wie Spitzenathleten. In Delémont etwa war beim Start die halbe Stadt vor Ort und hat

die Teilnehmenden gefeiert. Eine Polizei­ eskorte begleitete uns schliesslich bis an die Kantonsgrenze. Das war eine schö­ne Würdigung für die Rollstuhlfahrer, aber auch für uns vom OK», erinnert sich Tho­ mas Hurni.

«Die Tour hat meine Erwartungen übertroffen.» Krönender Abschluss Die Zieleinfahrt in Nottwil brachte den Anlass feierlich zu Ende. «Der gemeinsame Abschluss war sehr schön. Zusammen ha­ ben wir das geschafft», resümiert Martin Wenger, der sich wie viele andere auf den letzten Kilometern nochmals dem Tross an­­schloss. Das gemeinsame Nachtessen bot ausreichend Gelegenheit, in Erin­ne­run­ ­­­gen der vergangenen Tage zu schwelgen.

Wie weiter? Bereits unterwegs wurden Rufe laut, es brauche jedes Jahr einen Giro. Gleich mit­ geliefert wurden Ideen, wo es hingehen könn­te. Der 13-tägigen Tour quer durch die Schweiz gingen zwei Jahre Vorbereitung vor­aus. Personal musste eingeplant, das Budget bewilligt werden. Ein Anlass dieser Grössenordnung sei nicht jährlich durch­ führbar, erklärt Thomas Hurni. «Das Ver­ anstaltungsgefäss ‹Giro› wird jedoch wei­ ter bestehen.» Kürzere Handbike-Touren und polysportive Anlässe für Rollstuhlfahrer, die jeweils mehrere Tage dauern, sind in Diskussion. Ein dreitägiger Anlass in Tenero TI, bei dem Rollstuhlfahrer auf dem Gelände des Centro sportivo verschiedene Sportarten testen können, ist als Pilotpro­ jekt bereits in Planung. Im 2022 sollen ähn­ liche Events in Zusammenarbeit mit den Rollstuhlclubs an drei bis vier Standorten stattfinden und die klassischen Schnupper­ tage ersetzen. «Der Gedanke des Giro soll weiterleben und nach draussen strömen, auch unter den Rollstuhlfahrern. Man muss nicht mitbiken, aber man kann am Abend ans Fest kommen und dabei sein», so Tho­ mas Hurni. Ziel erreicht? Der Anlass beabsichtigte, die Solidarität unter und mit Rollstuhlfahrern zu stärken und sie zu mehr Bewegung zu motivieren. Über die Signalwirkung der Schweizum­ rundung lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur mutmassen. Der Giro Suisse markiert jedoch den Anfang einer intensiveren Zu­ sammenarbeit mit den Clubs für die An­ liegen der Mitglieder. Die Tour hat Teilneh­ mende beflügelt und Zuschauer berührt. Zahlreiche Medienberichte trugen den An­ lass an eine breite Öffentlichkeit. Auch Bun­ desrätin und Sportministerin Viola Am­ herd betonte die Strahlkraft des Events, als sie am 2. September die Teilnehmenden in Bern begrüsste. Der Giro Suisse habe nicht nur eine grosse Bedeutung für den Brei­ tensport, sondern für die Inklusion von Menschen mit einer Behinderung insge­ samt.

Impressionen Highlight-Videos und weitere Bilder finden sich auf girosuisse.ch 38

Paracontact I Winter 2020


ROLLSTUHLSPORT

TITELWETTKÄMPFE

SERIE – FAILSTORIES

Geplant, aber …

Kontrolle ist besser

Auch die zwei verbliebenen Titelwettkämpfe für 2020 wurden abgesagt. Ob die Durchführung von Meisterschaften im 2021 unter einem besseren Stern steht, ist ak­­ tuell schwer zu beantworten. Die ersten Wettkampfdaten sind dennoch festgelegt.

Fünf Rugbyspieler flogen nach Spanien, um nach der Saison etwas Sonne zu tanken. Alles lief prächtig, und die Teamkameraden warteten wie immer am Zielflughafen, bis die Maschine leer und ihre Zeit zum Aussteigen gekommen war. Am Ausgang des Flugzeugs standen jedoch nicht etwa ihre eigenen Aktivrollstühle, sondern fünf Stühle vom Modell «Altersheim» des Flughafenbetreibers. Der «Delivery at Aircraft Tag» ging beim Check-in vergessen. Was zu Beginn noch witzig schien, wechselte nach der erfolglosen Fahrt zum dritten Gepäckband und 1,5 Stunden Wartezeit in Ärger um. Seither wird das Check-in-Personal genötigt, den «Delivery at Aircraft Tag» gleich als Erstes auszustellen.

Vom 4.–10. Januar startet der Weltcurlingverband WCF mit der B-WM in Lohja (FIN). Vom 12.–17. Januar findet am selben Ort mit der WM im Mixed Doubles Curling eine Weltpremiere statt. In Lake Placid (USA) messen sich die Bobfahrer an der WM vom 1.–7. Februar. Auch die Skifahrer haben ihre WM vom 7.–20. Februar in Lillehammer (NOR) fixiert.

WIR ELTERN

«Sport ist Familiensache» Susanne Lüthi ist immer wieder erstaunt, wie viel es braucht, bis Tochter Linda Flury im Rennroll­ stuhl sitzt und sich ihrem geliebten Sport wid­ men kann. Denn dieser macht sie ausgegliche­ ner, fröhlicher und hat grossen Stellenwert in ihrem Leben. Daher investiert die Grossfamilie mit fünf Kindern auch gerne viel Zeit in den Sport von Linda. Der Vater hat sich das Knowhow eines Mechanikers angeeignet und die be­ reits volljährigen Schwestern halfen auch schon mal bei den ParAthletics als Volunteers mit. Die grosse Unterstützung, die sie vom Team erhalten, geben sie so gerne als Familie zurück.

FOKUS

Augenmerk TK Basketball WELTREKORD

Nicht zu stoppen Die Corona-Pause tat ihrer Form keinen Abbruch. Anfang August knackte die Leichtathletin Manuela Schär den Weltrekord über 1500 m. Mit 3:12.35 verbesserte die 35-Jährige die bisherige Bestmarke von Tatyana McFadden (2015) und Madison de Rozario (2018) um beinahe eine Sekunde. Herzliche Gratulation! Paracontact I Winter 2020

Rollstuhlbasketball ist ein faszinierendes Spiel, das viel technisches und taktisches Können der Athleten abverlangt. Trotz den hohen Anforderungen gehört Rollstuhlbasketball zu den grössten Sportarten von Rollstuhlsport Schweiz. Aktuell zählt Rollstuhlsport Schweiz 102 lizenzierte Bas­ ketballspieler. Einen wichtigen Beitrag in der Förderung des Rollstuhlbasketball spielt die TK Basket­ ball. Unter der Leitung von TK-Chef Caspar Schaudt treffen sich die TK-Mitglieder, um die Sportart zu fördern, die laufende Meis­ terschaft zu organisieren und die strategi­ sche Ausrichtung voranzutreiben. Für den

sportlichen Erfolg der National­mann­schaft sorgt Nicolas Hausammann. Seit sechs Jah­ ren coacht er das junge und erfolgsverspre­ chen­de Team. Die Stimme der Athleten bringt Claude Siegenthaler in die TK mit ein. Als langjähriges Mitglied bei CFR Pully darf die TK immer wieder auf seine Erfah­ rung zurückgreifen. Ganz neu dabei sind Eliane Keller und Basil Dias. Eliane über­ nimmt seit diesem Jahr die Funktion der Breitensportverantwortlichen und leitet das Damen-Förderprojekt. Basil steht der TK als zweiter Athletenvertreter zur Seite. Kom­p­let­tiert wird die TK durch die zwei Vertre­ ter der Schiedsrichterkommission, Massimo Galliano und Fabrizio Sani. 39


Discretion by Design Ein Katheter, dessen Design wirklich begeistert.

Prämiert vom Chicago Athenaeum: Museum of Architecture and Design

Der Infyna Chic Einmalkatheter wurde mit Hilfe von Fachexperten entwickelt, um ein hohes Mass an Diskretion für Frauen, die Einmalkatheter verwenden, zu gewährleisten. Der Einmalkatheter hat nicht nur ein ansprechendes Design, sondern ist auch einfach in der Handhabung. Infyna Chic kann einer Frau helfen, sich besser damit zu fühlen, einen Katheter zu verwenden. Benötigen Sie weitere Informationen oder möchten Sie ein Testprodukt anfordern? Dann besuchen Sie uns auf www.hollister.ch/InfynaChic. Lesen Sie vor der Verwendung die Gebrauchsanleitung mit Informationen zu Verwendungszweck, Kontraindikationen, Warnhinweisen, Vorsichtsmassnahmen und Anleitungen.

0050

Einmalkatheter

© 2020: Hollister Incorporated. Hollister und Logo sowie Infyna Chic und Kontinenzversorgung sind Warenzeichenvon Hollister Incorporated. GOOD DESIGN ist ein eingetragenes und geschütztes Warenzeichen des Chicago Athenaeum. Metropolitan Arts Press Copyright 2020.

Kontinenzversorgung


ROLLSTUHLSPORT

WINTERPROGRAMM

Den Wintersport entdecken Gleiten auf der Loipe, eine rasante Abfahrt in den Bergen, Schach auf dem Eis oder doch lieber Adrenalinkick pur? Bei unserem Winterprogramm haben Sie die Qual der Wahl. Von Martina Meyer

Wir sind bereit! Nach dem Opening der meisten Curlinghallen im Herbst startet nun die offizielle Wintersaison. Unsere Mo­no- und Dualskibob-Hochburg in Sö­ renberg öffnet am 19./20. Dezember ihre Tore. Mit unserem Partner Handiconcept aus der Romandie starten wir Mitte Januar mit dem ersten Kurs in Villars-sur-Ollon. Nebst zahlreichen Tageskursen bieten wir wiederum Wochenend- und 3-Tages-Kurse an. So unterrichten unsere sympathischen Skilehrer auch einige Tage in den Skigebie­ ten Airolo, Morgins, St. Moritz und Wild­ haus. Selbständig Skifahren Sie möchten selber mit Ihrem Kind Skifah­ ren gehen? Dann besuchen Sie unsere Aus­ bildung zum Guide für Eltern und Ange­

INTERESSIERT? Infos und Anmeldung www.spv.ch/breitensport Bei Fragen gibt Martina Meyer gerne Auskunft martina.meyer@spv.ch Tel. 041 939 54 30

hörige. In diesem dreitägigen Kurs lernen Sie das Begleiten mit dem Mono- oder Dual­skibob. Während allen drei Tagen sind Sie mit einem ausgebildeten Skilehrer «Dis­ abled Sport» und dem eigenen Kind un­ terwegs. Sämtliche Ausbildungstage kön­ nen an unseren regulären Kursangeboten absolviert werden und sind frei wählbar. Für alle, welche selbständig Skifahren oder den Kurs als Guide erfolgreich bestanden haben, besteht zudem die Möglichkeit, Mo­ no- und Dualskibob-Material bei uns zu mieten. In den Skirennsport einsteigen oder erste Rennerfahrungen sammeln? In Sörenberg finden regelmässig Stützpunkttrainings statt. In Zusammenarbeit mit PluSport wer­ den an weiteren Standorten in der Schweiz Stützpunkttrainings organisiert. Teilneh­ men können sowohl sitzende als auch ste­ hende Athleten. Voraussetzung für die Teil­nahme an den Stützpunkttrainings ist selbständiges Skifahren sowie die Bereit­ schaft, regelmässig zu trainieren.

Starke Nerven Diese brauchen Sie auf jeden Fall bei ei­ nem Besuch im Eiskanal St. Moritz. Der Bob-­Schnup­pertag auf der einzigen Natur­ eisbahn weltweit sorgt definitiv für Action und bringt den Puls zwischenzeitlich auf Hochtouren. Auch beim Curlen heisst es Nerven bewahren. Dieser strategische und gesellige Mannschaftssport wird schweiz­ weit in verschiedenen Rollstuhlclubs trai­ niert. Interessierte sind für Schnuppertrai­ nings jederzeit willkommen.

Der Langlaufsport fasziniert. Die Kombi­ nation von Ausdauer, Kraft und Technik in der freien Natur reizt viele. In Les Diable­ rets und im Goms kommen die Langlauf-­ liebhaber (oder solche, die es noch werden wollen) auf ihre Kosten. Dank der Mehr­ sprachigkeit unserer Kursleiter sind beide Kurse sowohl für deutsch- als auch franzö­ sischsprechende Gäste geeignet. Fürs selb­ ­ständige Langlaufen stellen wir ebenfalls Mietmaterial zur Verfügung. Flexibilität ist die neue Planung Spätestens seit Covid-19 haben wir alle ge­ lernt, dass Planung zwar gut, Flexibilität aber besser ist. Unsere Kurse werden unter Berücksichtigung der aktuellsten Schutz­ konzepte von Rollstuhlsport Schweiz so­ wie den Schutzkonzepten der jeweiligen Anlagebetreiber durchgeführt und wenn nötig laufend angepasst.

Und? Wissen Sie bereits, welchen Winter­ sport Sie dieses Jahr (neu) ausüben? Wir freuen uns auf Ihren Besuch. Paracontact I Winter 2020

41


ROLLSTUHLSPORT

SERIE 4/4: VERBANDSLANDSCHAFT INTERNATIONAL

Basketball nicht mehr paralympisch Ein Verbandsstreit eskaliert. Leidtragende sind die Spieler, die sich einem gemeinsamen Ziel verschreiben und ihr Leben diesem unterordnen. Ein Kommentar. Von Nicolas Hausammann

George Bates im Einsatz gegen die Schweiz

«Hätte ich mir doch das Bein damals ampu­ tieren lassen», sagt George Bates, englischer Nationalspieler und Matchwinner im Fi­ na­le der WM 2018 in Hamburg. Sein Leben besteht aus Rollstuhlbasketball. Er spielt bei Mideba Extremadura Badajoz in Spanien und fliegt mit drei seiner Teamkol­legen einmal im Monat zurück auf die In­sel, um gemeinsam mit der Nationalmannschaft eine Trainingswoche zu absolvieren. Im Rollstuhlbasketball gilt: ohne professionel­ les Engagement kein Erfolg an interna­ tionalen Turnieren. Doch nun ist George Bates plötzlich nicht mehr spielberechtigt. Insge­samt neun internationale Spieler tei­ len das Schick­sal des Briten. Grund dafür ist ein Streit zwischen dem IPC (International Paralympic Committee) und der IWBF (International Wheelchair Basketball Federation) um die Minimalbe­ hinderung, welche Spieler zur Teilnahme an den Paralympics berechtigt. Hier beste­ hen zwischen den beiden Verbänden unter­ schiedliche Ansichten. Der Basketballver­ 42

band habe es verpasst, bei der Ausarbeitung des neuen IPC Classification Code mitzu­ arbeiten und müsse diesen nun endlich umsetzen, heisst es aus Bonn vom Haupt­ sitz des IPC. Daher wurde Basketball vom IPC Anfang des Jahres kurzerhand von den Spielen ausgeschlossen. Wenn nicht im Schnellverfahren die «Eligibility» der Spie­ ler nach IPC-Standards nachgewiesen wer­ den könne und wenn der Rollstuhlbasket­ ball-Verband sein Klassifizierungssystem nicht Code-Konform überarbeite, gäbe es kein Basketball, weder in Tokyo 2020 noch in Paris 2024. Folgen für Athleten Diese Nachricht glich einem Super-GAU! Die populärste Sportart nicht an den Pa­ ra­lympics dabei? Fördergelder hängen in den meisten Ländern direkt mit paralym­ pischem Medaillen-Potenzial zusammen. Be­troffen sind folglich nicht nur Athleten, wel­che ihre Spielberechtigung verlieren könnten, sondern alle Athleten, deren Ver­ bandsunterstützung plötzlich in Gefahr ist.

Einerseits zeigt sich die IWBF also gerne als starker eigenständiger Verband, ande­ rerseits hat man bei der Entwicklung des Classification Codes geschlafen und nicht interveniert oder sein System rechtzeitig an­gepasst, zum Leidwesen der Athleten. Schlechte Kommunikation auch im Rugbyverband Kommunikationsversäumnisse sind leider auch beim Internationalen Rollstuhl Rugby Verband (IWRF) an der Tagesordnung. Die­ser ist wie die IWBF eigenständig or­ ganisiert und ebenfalls in verschiedenen Zo­nen für die Durchführung der zonalen Titelwettkämpfe als Qualifikationsgrund­ lage für die Paralympics zuständig. «Es fällt auf, dass Austragungsorte immer sehr spät bekannt gegeben werden», konstatiert Peter Roos, TK-Chef Rugby. Dies hängt wohl da­ mit zusammen, dass es extrem viele Auf­ lagen für die Wettkämpfe gibt, welche zu hohen finanziellen Belastungen der Orga­ nisatoren führen. Daher gestaltet es sich schwierig, solche zu finden.

Die Eigenständigkeit scheint also im Mo­ ment ein klarer Nachteil zu sein. Profitie­ ren Sportfachverbände, welche dem IPC angeschlossen sind von Ressourcen des IPC bei Vermarktung, Informationsaustausch und Kommunikationskanälen, schei­­nen ei­ ­genständige Verbände, welche auch nicht an grosse Fussgänger-Sportfachverbände angeschlossen sind, oft überfordert. Dies zeigt der oben beschriebene Klassifikations­ ­streit eindrücklich. Vielleicht liegt es aber auch an der Überheblichkeit des Basket­ ballverbandes, der dachte, er sei «too big to fail».

Paracontact I Winter 2020


ROLLSTUHLSPORT

ATHLETENWEG NACH FTEM

Wie werde ich Paralympics-Sieger? Damit Athleten heute an die Weltspitze gelangen, braucht es ein umfassendes Förderkonzept, welches alle Aspekte einer Sportlerkarriere abdeckt. Von Marco Bruni, Leiter Athletenentwicklung

Auch Rollstuhlsport Schweiz ist daran, den systematischen und klaren Rahmen­ plan von Swiss Olympic zu implementie­ ren. Um die Chancen auf zukünftige Me­ daillen zu optimieren, hat Swiss Olympic in Zu­sam­­menarbeit mit dem Bundesamt für Sport BASPO das «Rahmenkonzept zur Sport- und Athletenentwicklung FTEM Schweiz» entwickelt. So soll der Idealweg eines Athleten vom Einstieg in die Sport­ art bis zur Weltspitze abgebildet werden.

rum in insgesamt zehn unterschiedliche Phasen aufgeteilt, an denen sich die Ver­ antwortlichen orientieren können. Idealverlauf einer sportlichen Karriere Dank des Rahmenkonzepts FTEM Schweiz soll die sportliche Entwicklung von Athle­ ten im Breiten- sowie im Leistungssport nachvollziehbar, steuerbar und optimiert werden. Das Konzept hilft ausserdem, Po­ tenziale zu erkennen und Schwächen auf­ zuarbeiten. Dank FTEM Schweiz sollen folgende drei Hauptziele erreicht werden: 1. Koordination und Systematik der Sportförderung verbessern 2. Niveau im Leistungssport steigern 3. Menschen lebenslang im Sport halten

Die Abkürzung FTEM steht für die vier Schlüsselbereiche «F» wie «Foundation» (Fun­dament, Grundlagen, Basis), «T» wie «Talent», «E» wie «Elite» und «M» wie «Ma­s­­tery» (Weltklasse). Diese sind wiede­

BRE I TE NSPOR T

L EIST U NG S S P OR T MAS

EN TA L

T3

T

T2

T4

ITE

FO

F3

TION U N DA

T1

E2

EL

E1

Y TER

M

Mammutprojekt Athletenweg Die Erarbeitung des Athletenweges in ei­ ner Sportart ist die Aufgabe des Sportver­ bandes. Rollstuhlsport Schweiz hat sich 2020 dieser Aufgabe gestellt. Mit der finan­ ziellen Unterstützung von Swiss Olympic wurde in zwölf Sportarten zwölf Arbeits­ gruppen gegründet, bestehend aus Exper­ ten, Trainern und den Sportartmanagern von Rollstuhlsport Schweiz. In zwei halb­ tägigen Workshops und vielen Vor- und Nach­bearbeitungsstunden wurden die Ath­ le­tenwege erarbeitet. Bis Ende November sollen die Athletenwege der zwölf Sport­ arten illustriert und anschliessend veröf­ fentlicht werden. Im Zuge dieser Arbeit wurden Rahmentrainingspläne sowie tech­ nische und taktische Wegleitungen nach FTEM-Stufen erstellt. Es war ein Mammut-­ projekt mit über 40 internen und externen Beteiligten.

Wenn es um eine langfristige Karrierepla­ nung eines Athleten geht, ist der Athleten­ weg nun die Basis für Gespräche mit El­ tern, Schule, Lehrbetrieb und Arbeitgeber. Trainingsumfänge anhand der Entwick­ lungsstufe FTEM sowie die Förderung des Verbandes in dieser Stufe sind einfach les­ bar. Kaderzugehörigkeit, gewünschtes Um­ feld, Trainerausbildung, Arbeitgeber- und Schullösungen sowie sportmedizinische Unterstützung und vieles mehr sind aus dem illustrierten Athletenweg heraus er­ sichtlich. Der Athletenweg soll wegweisend für Rollstuhlclubs, Trainingsgruppen und persönliche Trainer sein. Neues Leistungsförderkonzept Die Sportarten haben wertvolle Erkennt­ nisse gewonnen, welche konkrete Verbes­ serungsvorschläge mit grossem Potenzial ausgelöst haben. Aus dem Projekt wird zu­ dem ein neues Leistungsförderkonzept ent­ stehen, in dem Ziele für die nächsten Jahre definiert werden. Jährlich zieht Rollstuhlsport Schweiz Bilanz und steuert entspre­ chend den Sport weiter Richtung Erfolg.

F2 F1

Paracontact I Winter 2020

Mehr Informationen www.swissolympic.ch Quelle: Swiss Olympic 43


VERMISCHTES

POLITIK

Zugänglicher ÖV Geschätzte 90 Prozent der Bushaltestellen sind für Menschen mit Behinderungen nur über ein Hindernis zugänglich – obwohl das Gesetz bis 2023 einen autonom zu nutzenden öffentlichen Verkehr verlangt. Der Bundesrat will nun eine Bestandsaufnahme vorlegen. Er empfiehlt ein entsprechendes Postulat von Nationalrat Mathias Reynard (SP/VS) zur Annahme. Das Parlament muss das Postulat noch überweisen; traktandiert ist es noch nicht. Der Vorstoss knüpft an ein Problem an, das schon lange kritisiert wird: Die Behörden und Transportunternehmen haben viel zu lange gewartet, denn seit 2003 ist das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) in Kraft. Ende 2023 läuft die Frist ab.

STUDIE

Internationale Umfrage Bislang war wenig bekannt darüber, wie es Menschen mit einer Rückenmarksverletzung in anderen Ländern geht. In den Jahren 2017/18 fand neben der schweizweiten SwiSCI-Umfrage eine internationale Befragung InSCI statt. 12 500 Querschnittgelähmte aus 21 Ländern gaben Auskunft.

Die durchschnittliche Arbeitsmarktbetei­ ligung liegt bei 38 %. Marokko zeigt mit 10 % die geringste Erwerbsquote, bei einer Quote von 44 % in der Gesamtbevölkerung. Die InSCI-Studie identifizierte die folgen­ Die Schweiz nimmt im Vergleich zu den den sechs Barrieren, von denen die Re­ anderen Ländern eine Spitzenposition ein, integration in die Gesellschaft abhängen: mit einer Erwerbsquote von 61  % bei Men­ Wohnen, öffentliche Infrastruktur und schen mit Rückenmarksverletzungen. Transport, die finanzielle Situation, das staatliche Versorgungssystem sowie kli­ Weitere Ergebnisse ma­tische Bedingungen. Am wenigsten be­ www.swisci.ch

LEICHTATHLETIK

Weltklasse Vermutlich wird diese Gesetzesvorgabe nicht eingehalten und Menschen mit Behinderungen können den ÖV nicht selbstständig benutzen. Das Postulat von Reynard verlangt nun eine umfassende Bestandsaufnahme, wie weit die Umsetzung des BehiG im Bereich ÖV ist. Der Bundesrat, der das Postulat zur Annahme empfiehlt, soll Lücken identifizieren und einen Zeitplan vorlegen, um Mängel so rasch als möglich zu beheben. 44

richten Betroffene in den Niederlanden und Norwegen von Umweltbarrieren. Am häufigsten werden sie in Marokko, Italien, Südkorea und Südafrika wahrgenommen.

Vom 21. bis 22. Mai 2021 finden die Schwei­ zer Meisterschaften und am 24. Mai 2021 das Daniela Jutzeler Memorial in Arbon statt. Die sehr harte Leichtathletikbahn gilt als die schnellste Bahn der Welt und ist noch bis Ende 2021 homologiert. Die Stadt sieht von einer Renovierung ab, wes­ halb es vermutlich das letzte RollstuhlLeichtathletik-Meeting sein wird. Da auf allen Distanzen mit Topzeiten zu rechnen ist, werden viele Athleten erwartet, die sich für die Paralympics 2021 empfehlen möchten. Mehr Informationen www.weltklasse-am-see.ch

FILM

Rising Phoenix Die Filmemacher Ian Bonhôte und Peter Ettedgui erzählen in «Phönix aus der Asche» (orig. Rising Phoenix) die Geschichte der Paralympischen Spiele. Hervorgegangen aus der Asche des Zweiten Weltkriegs entwickelten sie sich zum drittgrössten Sportereignis weltweit. Auch heute noch beeinflussen die Paralympischen Spiele positiv, wie Menschen rund um den Globus über Behinderung, Diversität und menschliches Leistungsvermögen denken. Zu sehen ist der Dokumentarfilm auf Netflix. Paracontact I Winter 2020


INCLUSION HANDICAP

REFORM

Ergänzungsleistungen Verschiedene Neuerungen bei den Ergän­ zungsleistungen (EL) treten per 1. Januar 2021 in Kraft. Nach über zehn Jahren werden die Beträge der Ergänzungsleistungen für das Wohnen erhöht. Dank dem Einsatz der Be­ hindertenorganisationen profitieren davon auch Personen, die in Wohngemeinschaften oder bei Angehörigen leben. Der Zuschlag für rollstuhlgängige Wohnungen wurde markant erhöht. Bei den Ergänzungsleistungen für die Kran­ kenkasse wurde bisher die kantonale oder regionale Durchschnittsprämie berücksich­

tigt. Neu wird die tatsächlich bezahlte Prä­ mie zurückerstattet, höchstens aber die Durchschnittsprämie. Wer über Vermögen verfügt, erhält in Zukunft weniger EL. Auch die Beiträge für Kinder unter elf Jahren wur­ den gesenkt. Die Auswirkungen der EL-Reform sind je nach persönlicher Situation unterschied­ lich. Einen detaillierten Überblick bietet ein Factsheet von Inclusion Handicap. Mehr Informationen www.inclusion-handicap.ch

BUCHTIPPS

Olga Manfredi im Vorstand An der Delegiertenversammlung von Inclusion Handicap wurde Olga Manfredi am 18. September in den Vorstand gewählt. Sie ersetzt den zurückgetretenen Urs Styger. Die Delegierten bestimmten auch ein neues Präsidium. Ständerätin Maya Graf (Grüne/BL) und die bis­ herige Präsidentin Verena Kuonen wurden einstimmig als Co-Präsidentinnen gewählt.

SPG

Frank Clasemann

«Am Limit … wirst Du Dich neu erfinden!»

Rollstuhlausflüge ab Thun

Christoph Keller

«Jeder Krüppel ein Superheld»

Frank Clasemann verunfallt im Sommer 2011 beim Surfen schwer. «Inkomplette Querschnittlähmung» lautet die Diagnose. Der praktizierende Physiotherapeut schildert in seinem Buch, wie diese Wende sein Leben bereicherte und lässt medizinische und therapeutische Weggefährten zu Wort kommen.

Der Erlebnisführer für die Region Thun ermöglicht gehDer mehrfach ausgezeichbehinderten Menschen nete Schweizer Autor schöne Erlebnisse ohne Frust schreibt in seinem neu­s­ und Ärger. Jeder der Ausflugsten Werk mit viel Selbsttipps wurde von Rollstuhlfahironie über seinen Alltag im Rollstuhl und die oftrern getestet und fotografisch dokumentiert. Der Führer entmals absurden Grenzen, an die er tagtäglich stösst. hält detaillierte Angaben zu rollstuhlgängigen Toiletten und Die als Collage angelegten Restaurants sowie zu den nöti- Texte sind ergreifend wie gen Vorbereitungen zur Benut- ernüchternd, jedoch immer zung des öffentlichen Verkehrs. voller Lust am Leben.

ISBN 978-3-75286-676-6

ISBN 978-3-85932-966-9

Paracontact I Winter 2020

ISBN 978-3-03926-003-4

Ombudsstelle Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung richtet per 1. November 2020 eine Ombudsstelle ein, an die sich Betroffene und An­gehörige wenden können, wenn sie mit Leistungen der Schweizer ParaplegikerGruppe nicht zufrieden sind. Welche Anliegen Sie hier platzieren können und was das Konzept der Anlaufstelle beinhaltet, stellen wir Ihnen gerne in der Frühlingsausgabe des Paracontact detaillierter vor. 45


FOKUS

IM GESPRÄCH

Am selben Strick ziehen

Seit 20 Jahren engagiert sich Joseph Hofstetter innerhalb der Schweizer ParaplegikerGruppe, die letzten acht davon als Direktor der Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Ein Austausch mit Laurent Prince, dem neuen Direktor der SPV, über gemeinsame und eigene Wege. Gespräch: Evelyn Schmid und Nadja Venetz, Text von Nadja Venetz

Sowohl von innen als auch von aussen wird die Schweizer Paraplegiker-Stiftung (SPS) oft als mächtiger Dampfer wahrgenommen, während die SPV als kleines Boot unterwegs ist. Wie seht ihr das? Joseph Hofstetter: Also ich habe eher den Eindruck, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Noch besser gefällt mir das Bild, dass wir als Flotte gemeinsam in dieselbe Richtung steuern, um die Vision von Guido A. Zäch umzusetzen. Ich hoffe nicht, dass wir ein grosses Schiff sind und die SPV nur ein kleines Boot ist.

Laurent Prince: Für mich stimmt dieses Bild nicht, übrigens auch ein anderes nicht, das ich immer wieder zu hören bekomme, nämlich, dass wir an der Kantonsstrasse ein kleines gallisches Dorf seien, umgeben vom Römischen Reich, sprich der übrigen SPG. Das erlebe ich gar nicht so. Klar, wir haben unterschiedliche Akteure in dieser Gruppe, aber das Fundament ist das Gemeinsame. Wir sind zusammen unterwegs mit dem gleichen Ziel und daraus entstehen ver­ schie­dene Ausprägungen und Ansichten. Das sehe ich aber als Stärke.

Ihr betont das Gemeinsame. Wie wichtig ist dennoch die Unabhängigkeit? Laurent Prince: Die gemeinsame Haltung lässt es meines Erachtens zu, eine gewisse Eigenständigkeit zu leben. Das ist kein Wi­derspruch. Ganz klar, dass die Ortho­ tec anders funktioniert als ein Hotel. Joseph Hofstetter: Ja, das sehe ich gleich. Nicht nur die SPV ist anders. Jede Grup­ pengesellschaft hat ihre Eigenheiten. Die kleinen Gesellschaften haben manchmal ein Problem mit der grossen Schwester SPZ, die am meisten Personal und Geld be­

Joseph Hofstetter Direktor der Schweizer Paraplegiker-Stiftung

46

Paracontact I Winter 2020


nötigt, oder mit der Mutter SPS, die das Dach bildet. Das ist wirklich wie in einer Familie. Die «Kleinen» haben vielleicht ge­ legentlich das Gefühl, sie kommen zu kurz, und dann muss die Mutter nach dem Rech­ ten sehen und dafür sorgen, dass alle auf ihre Kosten kommen. Laurent Prince: Ich bin überzeugt, dass wir unsere Ziele nicht erreichen, wenn wir uns innerhalb der SPG als Aussenseiter posi­ tionieren. Das ist für mich die falsche Ein­ stellung. Wir als SPV sind Teil des Gan­ zen. In dieser ersten Zeit lernte ich so viele Leute kennen und hatte nie den Eindruck, dass die Türen verschlossen sind oder dass man kein Verständnis aufbringt für das, was wir sind und was wir sein wollen. Wir sollten uns nicht selbst unnötig ins Abseits stellen. Welches sind die Aufgaben der Stiftung und welches diejenigen der SPV? Joseph Hofstetter: Guido A. Zäch hat 1975 zu­erst die Stiftung gegründet, 1978 kam die Gönnervereinigung als Schwestergesell­ schaft dazu und 1980 die SPV. Später folg­ ten verschiedene Tochtergesellschaften. Al­le zu­sam­men bilden ein dichtes Leis­ tungsnetz. Die Aufgabe der Stiftung besteht primär darin, die Strategie zu definieren und die finanzielle Seite sicherzustellen, damit die­ses Leistungsnetz betrieben wer­ den kann. Das heisst, wir suchen Mitglie­ der, Spender und Erblasser, um die Mittel zu gewinnen, damit wir zusammen mit den Gruppengesellschaften unsere Aufga­ ben wahrnehmen können. Laurent Prince: Dahingegen ist es unsere Aufgabe, unsere Mitglieder in der ganzen Schweiz ein Leben lang zu begleiten. Das ist eine wichtige Rolle, die wir hier inne­ haben und die uns die Stiftung zugesteht. Es würde keinen Sinn machen, wenn wir auf dem Spendenmarkt mitmischen. Die Rollenverteilung ist klar, aber mir ist wich­ tig, dass wir offen sind für neue Wege. Was gestern war und heute ist, muss nicht un­ bedingt für morgen das Richtige sein. In­ novationen und Pioniergeist sollen und müssen ihren Platz haben. Wir dürfen auf keinen Fall in die Rolle eines reinen Ver­ walters reinrutschen. Joseph Hofstetter: Genau. Wenn wir nur da­ rauf achten, dass alles so weiterläuft wie bisher, haben wir versagt.

Laurent Prince leitet seit August die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung

In welche Richtung müssen sich die SPS und die SPV weiterentwickeln? Joseph Hofstetter: Heute besteht ein erhöh­ ter Bedarf an dezentralen Strukturen. Wir haben bereits Ambulatorien in der West­ schweiz und im Tessin. Über eines in der Ostschweiz diskutieren wir aktuell. Wir müs­sen näher zu den Leuten. Ihr habt die­ se dezentralen Strukturen bei der SPV be­ reits und seid in allen Regionen präsent. Das ist eure Stärke. Laurent Prince: Ich glaube, da können wir euch Hand bieten. Aber auch wir müssen uns bewegen. Ich glaube im Jahr 2020 wei­ terhin an den Sinn der Vereinsstruktur. Al­ lerdings sind wir uns bewusst, dass ein grosser Teil der Bevölkerung ein individu­ alisiertes Leben führt und die Vereinskul­ tur an Bedeutung verloren hat. Das heisst, wir brauchen Ideen für die Zukunft. Zum einen wollen wir die Rollstuhlclubs stärken, weil ganz viele immer noch den Rückhalt und die Angebote eines Clubs suchen. Zum anderen möchten wir konkreter und per­ sönlicher auf das einzelne Mitglied zuge­ hen, damit alle am Prozess beteiligt sind. Da stellt sich die Frage, wie wir kommuni­ zieren müssen, damit wir alle erreichen. Joseph Hofstetter: Genau darüber haben wir schon oft gesprochen. Diejenigen, die bei euch Mitglied sind, sind gut versorgt. Was machen wir aber mit denen, die nicht Mit­ glied sind? Die Stiftung ist letztlich für alle Querschnittgelähmten in der Schweiz da. Wir müssen aufpassen, dass niemand ver­ gessen geht. Optimal wäre, wenn ihr mög­ lichst alle umfassend in eure Strukturen in­ tegriert.

«Wir sind für alle Querschnittgelähmten in der Schweiz da.» Laurent Prince: Wir haben in diesen Tagen Workshops mit den 27 Rollstuhlclubs. Dort wollen wir hören, wo der Schuh drückt. Ich habe die Erwartung, dass die Mitglieder einen starken Club und einen starken Ver­ band spüren. Zugleich dürfen wir dieje­ nigen nicht ausser Acht lassen, die heute nicht oder nicht mehr in einem Club aktiv sind. Gleichwohl gilt es zu akzeptieren, dass es viele gibt, die auf ihrem Weg un­ sere Strukturen gar nicht brauchen. Das er­ achte ich als Erfolg. Meines Erachtens gibt es diese drei Gruppen: die, die sich be­ wusst vom Vereinsleben entfernen; die, die zu Hause oder in einer Institution in einer Art Isolation leben, weshalb wir sie nicht er­reichen; und drittens die, die im Club aktiv sind. Joseph Hofstetter: Ihr seid für uns nicht nur wichtig in der Erbringung von Leistungen, sondern auch für die Rückmeldungen der Betroffenen. Ihr spürt am ehesten, wel­che Anliegen die Menschen mit einer Quer­ schnittlähmung haben. Und das ist für die Strategie enorm wichtig. Ihr habt in den letzten Jahren die Lebensberatung ausge­ baut, weil ihr erkannt habt, dass das ein Bedürfnis ist und man dort mehr Mittel investieren muss. Laurent Prince: Die Lebensberatung ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir mehr Res­ sour­cen brauchen, um der steigenden und sich ändernden Nachfrage unserer Mitglie­

Paracontact I Winter 2020 47


der gerecht zu werden. Das ist ein fliessen­ der Prozess. Wer in starren Mustern denkt, ist in 20 Jahren vermutlich nicht mehr da. Wie stellt ihr sicher, dass ihr die Bedürfnisse der Mitglieder kennt? Laurent Prince: Wichtig ist, dass wir in un­ serem Prozess stetiges Feedback aus den Clubs erhalten. Deshalb habe ich in den letzten Monaten viele Clubs besucht. So merkt man rasch, was die Leute beschäf­ tigt. Wir dürfen keine Einwegkommuni­ kation etablieren, sondern müssen durch den Dialog Rückmeldungen aktiv einho­ len. Joseph Hofstetter: Ich glaube, je näher ihr bei den Leuten seid, um so vollständiger ist das Bild der aktuellen Situation. In der Vergangenheit war es manchmal so, dass sich Unzufriedene direkt bei der Stiftung gemeldet haben. Das ist der falsche Weg. Rückmeldungen von möglichst vielen Be­ troffenen müssen zu euch gelangen, weil ihr letztlich deren Interessenvertretung und deren Sprachrohr seid. Wir haben vorhin von grossen Herausforderungen für die Zukunft gesprochen. Welche sind das? Laurent Prince (mit Blick zu Joseph Hofstet­ ter): Also die grösste Herausforderung wird sein, dass wir genügend Mittel erhalten, um auch in Zukunft unsere Ziele zu erreichen. Joseph Hofstetter: Das ist ja eine klare An­ sage (lacht). Nein, die Mittelbeschaffung ist tatsächlich eine grosse Herausforderung. Wir sind heute noch in einer günstigen Lage, aber andere wollen auch ein Stück vom Kuchen. Und die angespannte wirt­ schaftliche Situation wegen der Pandemie macht mir Sorgen. Ich hoffe, dass die Leute in diesem Herbst trotz Corona ihre Mit­ glied­schaften erneuern und uns mit Spen­ den unterstützen. Wir brauchen in der Tendenz eher mehr als weniger Mittel, wenn wir die Leistungen der Schweizer Paraplegiker-Gruppe ausbauen möchten. Laurent Prince: Das ist eine berechtigte Er­ wartung. Die SPV hat in den letzten Jah­ ren viel Grossartiges aufgebaut. Und die Er­wartungen sind da, dass wir die Leis­ tungen weiterhin erbringen, ausweiten und anpassen. Wir haben viele Ideen und viele Wünsche. Und letztlich gehts auch ums Geld. Das ist die Realität. 48

Wo seht ihr eure Organisationen in 20 Jahren? Joseph Hofstetter: Das ist eine gute Frage. Entscheidend könnte sein, was medizi­ nisch möglich ist. Macht man so gewaltige Fortschritte, dass sich die Bedürfnisse der Betroffenen fundamental ändern? Ich bin zudem gespannt, wie sich die Spitalland­ schaft entwickelt. Die Klinik ist gewach­ sen. Einerseits, weil der Bedarf da ist und andererseits, weil die Klinik eine gewisse Grösse und Fallzahl braucht, wenn sie in Zukunft bestehen will. Für uns ist das SPZ extrem wichtig, nicht nur für die medizi­ nische Versorgung und Rehabilitation un­ serer Patientinnen und Patienten, sondern auch als Aushängeschild für unsere Gön­ nerinnen und Gönner. Laurent Prince: Wenn der Inklusionsge­ danke in der Gesellschaft wirklich umge­ setzt ist, dann braucht es vermutlich we­ ni­ger Angebote, was ja schön wäre. Aber heu­te sind wir noch meilenweit davon ent­fernt. Ich glaube, in 20 Jahren sind die Querschnittgelähmten in der Schweiz wei­ terhin auf Hilfe und Unterstützung ange­ wiesen, sodass es die SPV nach wie vor braucht. Wir sind die Stimme der Betrof­ fenen. Aber wir müssen diese Stimme auch wirklich sein, sonst verlieren wir an Be­ rechtigung. Das ist ganz wichtig. Innerhalb der Paraplegiker-Gruppe sind wir eine Art Gewerkschaft, die die Anliegen und Be­ dürfnisse der Querschnittgelähmten ins ganze System zurückfliessen lässt. Wir sind als SPV nur so stark, wie wir auch die Stim­ ­me der Mitglieder wiedergeben können.

«Wir sind die Stimme der Betroffenen.» Joseph Hofstetter: Ich bin überzeugt, dass wir das Angebot immer wieder anpassen müssen. Das habt ihr ja auch schon ge­ macht. Früher hat die SPV eigene Busse be­ trieben. Nun habt ihr das Spezialisten übergeben. Und so wird es weitere Anpas­ sungen geben, in der ganzen Gruppe. Ein Beispiel: Heute ist die Hilfsmittelversor­ gung der älteren Querschnittgelähmten durch die IV schlecht. Die Stiftung finan­ ziert in diesem Bereich viel, sonst fallen diese Personen durch alle Maschen. So­

bald es hier eine Verbesserung der staatli­ chen Hilfe gibt, ziehen wir uns zurück. Es braucht eine permanente Entwicklung. Ob alle Organisationen, die wir heute in der Gruppe haben, in dieser Form zukünf­ tig notwendig sind, lässt sich schwer ab­ schätzen. Es sind in der Vergangenheit im­ mer wieder Organisationen dazugekom­men und andere sind verschwunden. Was wünscht ihr der jeweils anderen Organisation? Laurent Prince: Das ist jetzt eine Frage, bei der ich froh wäre, wenn sie Joseph zuerst beantwortet (lacht). Joseph Hofstetter: Mein Wunsch an euch ist, dass ihr die Querschnittgelähmten der Schweiz repräsentiert. Und für die Zusam­ menarbeit wünsche ich mir, dass wir ge­ nau in dieser Offenheit zusammenarbeiten können, mit der du Anfang August als Di­ rektor der SPV angefangen hast. Wichtig ist mir die Bereitschaft, die Organisation weiterzuentwickeln und zu verändern. Das ist mein Wunsch, nicht nur an die SPV, sondern an alle Gruppengesellschaften. Und jetzt kannst du deine Forderung nach zusätzlichen Mitteln platzieren (lacht). Laurent Prince: Nein, das mache ich jetzt nicht. Aber du hast alle Punkte erwähnt, die mir wichtig sind: Offenheit, Zusam­ menarbeit und das Aushandeln einer ge­ meinsamen Haltung. Für die Offenheit, mit der ich hier empfangen wurde, möchte ich mich herzlich bedanken. Gleichzeitig erwarte ich, dass ihr als unser Geldgeber anerkennt, wie wichtig wir sind, wie wich­ tig die Stimme unserer Mitglieder ist, da­ mit wir nicht als Bittsteller auftreten müs­ sen. Ich wünsche mir, dass uns die Kraft des grossen Dampfers mitzieht, um das Bild vom Beginn des Gesprächs wieder auf­ zunehmen, auch wenn mir das Bild nicht wirklich gefällt. Joseph Hofstetter: Und das geht, wie du rich­tig gesagt hast, nur gemeinsam. Es braucht alle in dieser Gruppe und deshalb ist die Stiftung nicht einfach die Chefin, sondern vielmehr der Motor. Wir müssen zusammen funktionieren und das tun wir meines Erachtens auch.

Paracontact I Winter 2020


FOKUS

UNSERE HELFER

Freundschaft auf Rädern Der gebürtige Tessiner Gianpaolo Cecchin, seit neun Jahren wohnhaft in Fräschels im Kanton Freiburg, begleitet den Tetraplegiker Rolf Landolt auf seinen Handbike-Touren. Von Gabi Bucher

Fräschels zählt knapp 500 Ein­wohner. Zwei davon sind Gianpaolo Cecchin und Rolf Landolt. Ab und zu begegneten sich die bei­ den, bis Gianpaolo beschliesst, den Mann im Rollstuhl an einem der alljährlichen Dorf­feste anzusprechen. Je besser er Rolf ken­nenlernt, desto beeindruckter ist er. «Er muss so viel organisieren, wenn er etwas un­­ternehmen will. Ein Ausflug im Roll­ stuhl ist eine riesige Herausforderung.» Gianpaolo beschliesst, Rolf mal zu beglei­ ten. «Lass uns doch zusammen etwas un­ ter­nehmen», schlägt er ihm vor. Und so fah­ren sie zusammen aufs Schilthorn. «Das war anstrengend, aber eine tolle und wert­ volle Erfahrung», erinnert sich Gianpaolo. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft Es folgt ein Besuch im Verkehrshaus Lu­ zern, dann die gemeinsame Teilnahme am slowUp in Murten. «Rolf ist sehr gerne mit dem Handbike unterwegs», erzählt Gian­ paolo. «Aber am slowUp tummeln sich vie­ le Leute, da muss er ständig aufpassen, was rund um ihn läuft». Und im Seeland gebe es zwar schöne Strecken, «aber oft queren Be­wässerungsschläuche die Strasse. Die kön­nen für Handbiker zur unüberwindba­ren Barriere werden.»

Herausforderung angenommen «Ich habe da was, würdest du mich beglei­ ten?», fragte Rolf und sprach vom Testevent für den Giro Suisse im Jahr 2019. «Zwei Etappen à 40 km?» Gianpaolo sagt zu. Trotz technischer Schwierigkeiten mit dem Bike am zweiten Tag war die zwei­ tägige Tour für beide eine tolle Erfahrung. Dann trifft die Ausschreibung des Giro Suisse ein. «Alle 13 Etappen», beschlies­sen sie irgendwo zwischen Spass und Ernst. Das Duo intensiviert das Training, die Runden werden länger, schneller, beide fühlen sich fit und bereit und melden sich an. Teamgeist Und dann folgt der fatale Samstag im Juli. Auf einer leicht abschüssigen Strasse will Rolf bremsen, die Hand-Rücktrittbremse reagiert nicht und er fällt hin. Gianpaolo erinnert sich: «Rolfs erster Satz war: ‹Oh nein, der Giro Suisse ist für uns vorbei.›»

Gianpaolo bleibt nur noch, die Ambulanz zu rufen, welche Rolf ins Spital bringt. Diagnose: Trümmerfraktur im Oberarm, mindestens drei Monate keine Belastung. Eine harte Prüfung für Rolf, die Teilnah­ ­me am Giro Suisse ist definitiv nicht mög­ lich. Die Enttäuschung ist gross. Allein der Gedanke, nicht am grossen Ereignis dabei zu sein, ist mehr als demoralisierend. Doch ein Team wie die beiden lässt sich nicht unterkriegen, sie wissen, was sie wollen. «Ein Erfolg kommt nicht von alleine, er muss verdient werden», meint Gianpaolo. Und sie lassen es sich nicht nehmen, bei der Zieleinfahrt des Giro Suisse in Nottwil mitzufeiern. Begleiter wie Gianpaolo helfen mit, Bar­rie­ ren abzubauen, körperliche und menta­­le. Das gegenseitige Vertrauen ermöglicht es, He­r­ausforderungen gemeinsam zu meis­ tern.

Rolf und Gianpaolo gemeinsam unterwegs

Gianpaolo beschliesst, Rolf auf seinen Tou­ren mit dem elektrischen Handbike zu begleiten. Sie drehen ihre ersten gemein­ samen Runden, und mit der Zeit wird aus den beiden ein perfektes Team. Rolf coacht Gianpaolo sportlich beim Velofah­ ren, Gian­­­paolo coacht Rolf mental. Aber vor allem hilft er Rolf, unerwartete Hürden zu überwinden oder das Fahrrad zu rich­ ten, welches manchmal nicht anspringt. Paracontact I Winter 2020

49


FOKUS

FÜR SIE DA

Kompetente Beratung Sarah-Maria Kaisser vertritt seit sieben Jahren am Institut für Rechtsberatung (IRB) die Rechte der Querschnittgelähmten. Von Gabi Bucher

Es ist kurz vor 8 Uhr, Sarah sitzt im Restau­ rant des SPZ am Laptop. An einem «Mons­ tertag» wie heute müsse sie die Zeit nut­ zen, meint sie lachend. Überhaupt lacht die sympathische Rechtsanwältin viel und her­z­lich, auch darüber, wie sie zur SPV ge­ kom­men ist. Sie hatte während ihres Ge­ richtspraktikums in Biel an einer Ge­richts­ ­verhandlung protokolliert. Dort war der damalige Bereichs­leiter des IRB, Mi­chael Weissberg, als Anwalt einer Partei aufge­ treten. «Nach der Verhandlung kam er zu mir und fragte mich, ob ich wisse, dass er eine Anwältin suche. Ich verneinte.» «Dann wissen Sie es jetzt», habe er gesagt und ihr erklärt, wo sie das Stelleninserat finde. Er hat sie sozusagen aus dem Gerichtssaal ab­ geworben, obwohl sie ihre An­walts­prü­ fungen noch gar nicht absolviert hatte. Voller Terminkalender Michael Weissberg muss gespürt haben, dass er mit Sarah eine engagierte, aufge­ 50

stellte Person gefunden hat, welche sich mit viel Herzblut für die Rechte der Klienten einsetzt. «Am liebsten sind mir Tage wie heute», meint sie. Als Erstes wird sie mit Cordula Ruf, Leiterin der Sozialberatung des SPZ, alle unfallbedingten Neueintritte besprechen. «Da bekomme ich ein erstes Ge­fühl dafür, wo es allenfalls rechtliche Probleme geben könnte.» Danach folgen Patientenberatungen im Halbstundentakt. Heute sind es zwölf, viel Spielraum bleibe da nicht. «Aber wenn der Arbeitstag zu En­de ist, weiss ich, dass ich einigen Quer­ schnittgelähmten geholfen habe, Druck weg­zunehmen und Stress abzubauen.» Ein zentrales Thema bei unfallbedingten neu eingetretenen Patienten ist jenes der Schuldfrage. «Wenn ich sehe, dass der Un­ fall wahrscheinlich selbstverschuldet war, nehme ich direkt mit der Staatsanwalt­ schaft Kontakt auf.» Dies, damit das Ver­ fahren eingestellt wird, denn laut Straf­­-

ge­setzbuch gibt es die Möglichkeit, von der Bestrafung eines Täters abzusehen, wenn dieser durch die Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist, dass eine Strafe un­ angemessen wäre. Eine Querschnittläh­ mung ist solch eine schwere Folge. «Wenn eine Dritt­person involviert ist, deponieren wir unsere Ansprüche gegen sie, zuerst im Strafverfahren, dann bei ihr und ihrer Ver­ sicherung.» Der persönliche Kontakt sei sehr wichtig. «Es ist auch das, was ich so liebe an meiner Arbeit. Ich treffe auf Men­ schen in allen Altersklassen und aus allen Gesellschaftsschichten. Sie sind dankbar für unsere Arbeit. Das ist ein schönes Ge­ fühl.» Breites Spektrum Kein Tag sei wie der andere. Neben den monatlichen Beratungen in Nottwil bietet das IRB auch Beratungen im REHAB in Basel, in der Suva-Klinik in Sion und im Balgrist in Zürich an. Auch Hausbesuche stehen an. Viel Zeit nimmt vor allem die Büroarbeit in Anspruch. «Allein das Lesen der Mails am Morgen braucht eine Stun­­de.» Einige kann sie sofort beantworten, ande­re benötigen oft juristische Recherchen. Die Bandbreite der Beratungen ist riesig: haftpflichtrechtliche Abklärungen, Sozial­ versicherungsverfahren, Strafverfah­ren und vieles mehr.

Sarah klappt den Laptop zusammen, die Zeit drängt, die Klienten warten. «Ich mag es, wenn es so brummt», meint sie lachend und macht sich auf den Weg. Paracontact I Winter 2020


Care at home

LIQUICK X-TREME X-TREME INNOVATION: BEREITS AKTIVIERT UND SOFORT EINSATZBEREIT

MCI-2017-0034 . 01 17

expirion neu?

LIQUICK X-TREME Für Ihre Unabhängigkeit - schnell, einfach und sicher anzuwenden Das neue außergewöhnlich clevere Kathetersystem ist nach der Entnahme aus der Verpackung sofort einsatzbereit. Ausgestattet mit unserem SafetyCat Sicherheitskatheter mit innen und außen weich gerundeten Soft Cat Eyes, der flexiblen Ergothan-Spitze und der neuen, bereits aktivierten Beschichtung, ermöglicht der Liquick X-treme eine behutsame und schonende Katheterisierung. Testen Sie jetzt die neue Katheterinnovation von Teleflex. Kostenlose Muster und weitere Produktinformationen erhalten Sie bei:

Grabenhofstrasse 1 · 6010 Kriens Tel. 041 3602764 · Fax 041 3602718 info@expirion.ch · www.expirion.ch


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Paracontact 4 2020_d by Schweizer Paraplegiker-Vereinigung - Issuu