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Paracontact Herbst 2021_d

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Das Magazin der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung I Herbst 2021

Fokus

auf die Paralympics in Tokio


Ganz ehrlich: Ich war besorgt, dass es mein Sozialleben beeinflussen würde. Eva, ISK-Anwenderin

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EDITORIAL

Geschätzte Leserinnen und Leser Inzwischen sind wir es uns wieder gewohnt, Grossanlässe am TV mitzu­ verfolgen, sogar mit gut gefüllten Zuschauerrängen. Selber aktiv mitten­ drin zu sein, braucht vielleicht noch etwas Angewöhnung. Wir sind mit der Schweizer Delegation unterwegs nach Japan, wo die Paralympics «Tokyo 2020» endlich stattfinden werden. Bald startet auch die zweite Austragung des Giro Suisse, dieses Jahr in der Region Ostschweiz.

«Möglichkeiten schaffen und nutzen» «Wir bewegen» ist das Motto der SPV. Wir sehen es als unsere Aufgabe, unseren Mitgliedern Aktivitäten zu ermöglichen und ihnen dabei ein sicheres Umfeld zu gewährleisten und die notwendigen Schutzvorkehrungen zu treffen. Gerade in diesen Zeiten erachten wir es als besonders wichtig, sich nicht bequem hinter Ausreden zu verstecken, sondern aktiv zu werden und etwas zu bewegen. Der Giro Suisse hat 2020 bei seiner ­Premiere die Corona-Tauglichkeit bereits bewiesen. Das Team der SPV wird alles Paracontact I Herbst 2021

dafür tun, dass die Teilnehmenden erneut eine wunderbare Woche erleben dürfen. Wir freuen uns, dass einige Rollstuhlclubs tatkräftig mit dabei sind und die Begegnung und den Austausch unterstützen. In Tokio ist nicht alles in gleichem Mass in unseren Händen, aber wir sind über­ zeugt, dass wir auch dort die Sicherheit unserer Delegationsmitglieder sicher­ stellen können. Dies gilt übrigens nicht nur für Bedrohungen durch das Virus. Eine lange Vorbereitungszeit geht nun zu Ende, sowohl für die Betreuerinnen und Betreuer als auch für die Athletinnen und Athleten. Wir hoffen, dass unsere Delegation mit Enthusiasmus und tollen Leistungen für Begeisterung bei den Fans in der Schweiz sorgen wird! Ich wünsche uns allen viel Freude und Spass und den Athletinnen und Athleten das notwendige Wettkampfglück! Herzlichst

Roger Getzmann, Bereichsleiter Rollstuhlsport Schweiz 3


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Paracontact I Herbst 2021


IMPRESSUM

INHALT

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Herausgeberin Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil Telefon 041 939 54 00 E-Mail spv@spv.ch www.spv.ch Chefredaktorin Evelyn Schmid Redaktion Laurent Prince, Gabi Bucher, Nadja Venetz, Felix Schärer, Roger Getzmann, Daniela Vozza, Michael Bütikofer, Tina Achermann Koordination, Grafik, Inserate Tina Achermann Fotos Titelbild Tobias Lackner, SPV, SPS, Adobe Stock, Familie Waldispühl, Kathleen Brosy, www.bger.ch, Stephan Bachmann, ARDE Architektur AG, Nicole Kunz, Marcus Hartmann, Swiss Paralympic, SRF/Oscar Alessio, Pascal Christen, alaiabay.ch, Eva Stutzki, Mirjam Gasser, Luca Pillonel &  Christian Glaus, Beweggrund, CBM Druck Brunner Medien AG, www.bag.ch Redaktionsschluss Ausgabe Winter 2021: abgeschlossen Ausgabe Frühling 2022: 10.11.2021 Auflage 8100  Exemplare deutsch 4 250 Exemplare französisch In dieser Publikation wird zur Ver­ einfachung die männliche Form stellvertretend für die weibliche und männliche Formulierung verwendet. Die in der Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Fremdbeiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder. Ein Abdruck von unverlangt eingesendeten Manuskripten ist nicht gewährleistet.

Paracontact I Herbst 2021

WIR BEWEGEN AKTUELL  6 IM GEDENKEN AN Werner Waldispühl 8 NACHGEFRAGT Orte der Hoffnung 11 LEBENSBERATUNG ERFAHRUNGSBERICHT Rückschläge und Neuanfänge INKOMPLETTE QUERSCHNITTLÄHMUNGG Zwischen Stuhl und Bank RECHTSBERATUNG KÜRZUNG RENTENLEISTUNGEN Auch Jahre später zulässig?

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MEDIZIN UND WISSENSCHAFT GANZHEITLICHE MEDIZIN Menschlichkeit statt Kommerzialisierung 18 HINDERNISFREIES BAUEN BEDÜRFNISGERECHTE PLANUNG Bauherrenberatung «hindernisfrei Bauen» 20

KULTUR UND FREIZEIT PARAREISEN Endlich wieder Koffer packen! 22 IN KÜRZE  24 DRITTE LEBENSPHASE Zu Hause angekommen 25 NEUES FREIZEITANGEBOT Vom Winde verweht 27 AKTIVITÄT Grosse Hunde, kleine Züge 28 PILOTPROJEKT Auf zu neuen Ufern 29 ROLLSTUHLSPORT SERIE 3/4: TOKYO 2020 Zielgerade nach Tokio 30 IN KÜRZE  34 SERIE 3/4: ARMEE Glaube an den grossen Traum 36 FRAUENPOWER IM SPORT Starke Frau unter starken Männern 37 ROLLSTUHL-TENNIS Ein Glücksfall für beide Seiten 39 AUS DEN CLUBS Gemeinsam, individuell und retour 40 BREITENSPORTCAMPS mini «move on» ganz gross 43 FOKUS VERMISCHTES  44 IM GESPRÄCH Mirjam Gasser 46 UNSERE HELFER Steiler Einstieg in die neue Aufgabe 49 FÜR SIE DA Sophie Gnaegi 50 5


RUBRIK AKTUELL

ZENTRALFEST

LEBENSBERATUNG

Schon angemeldet?

SPV-Höck

Am 9. Oktober 2021 feiern wir in Nottwil endlich wieder ein Zentralfest. Ein vielfältiges Programm erwartet Sie, welches Sie unserer Webseite entnehmen. Im Zentrum stehen wird allerdings der persönliche Austausch unter­ einander, auf den wir so lange verzichten mussten. Melden Sie sich noch heute an. Wir freuen uns, Sie in Nottwil zu begrüssen! www.spv.ch/zentralfest

Die SPV bietet in der Uni­ klinik Balgrist regel­mässig Infover­anstaltungen an.

NEUE MITARBEITERIN

Offene Runde: Stammtisch Lebensberatung SPV 26.8.2021: 16.00–18.00 Uhr 18.11.2021: 16.00–18.00 Uhr Interessierte treffen sich im Restaurant der Uniklinik Balgrist zum Austausch.

AUS DEN CLUBS

Fechten in der Romandie Am 12. Juni 2021 haben rund ein Dutzend Teilnehmer in der Vaudoise Arena in Prilly den Fechtsport kennengelernt. Der Lausanner Fechtclub «Cercle des armes» hat den Tag in Zusammenarbeit mit Swiss Fen­ cing und unter Teilnahme mehrerer Fechter von Lugano Scherma organisiert. Ab sofort ist es möglich, in Zusammenarbeit mit dem Rollstuhl­ club Lausanne, in Prilly an Trainings im Roll­ stuhlfechten teilzunehmen. Kontakt Sophie Gnaegi: sophie.gnaegi@spv.ch Tel. 076 310 36 58

Vorstellung ParaHelp ParaHelp, Lebensberatung SPV 22.9.2021: 15.00–17.00 Uhr Eine Mitarbeiterin von ParaHelp informiert über die Dienstleistungen und beantwortet Fragen. Mobiliät – Fahrzeugumbau Lebensberatung SPV 20.10.2021: 15.00–17.00 Uhr Ein Mitarbeiter der Lebens­ beratung informiert über Vergünstigungen im ÖV, Autokauf und -umbau sowie Mobilität ganz allgemein.

Rebecca Steiner Projektverantwortliche Marketing

Seit Mai kümmert sich Rebecca Steiner um den Onlineauftritt der SPV. Die studierte Betriebsökonomin mit konzeptionellem Flair weckt die Webseite der Ver­ einigung aus dem Dorn­ röschenschlaf. Zuvor war der Design-Badeinrichter talsee 13 Jahre lang ihr Arbeitgeber. Frauenpower Privat takten zwei kleine, weibliche Wirbelwinde das Leben und sorgen für reichlich Action. Bei klassischen Konzerten, in der Natur am See und in geselligen Runden tankt die Sempacherin neue Energie. 6

ANGEBOTE

Veranstaltungen der Clubs Neu sammeln wir alle Sportevents der Clubs auf unserer Webseite. Die Angebote stehen allen Interessierten offen. Sie wollten sich schon lange einmal im Fechten oder Bogenschiessen ausprobie­ ren? Viele Rollstuhlclubs organisieren Kurse und Anlässe, an denen auch Mitglie­ der anderer Clubs willkommen sind. Diese Angebote finden Sie neu auf unserer Web­ seite. Zugleich haben wir die regelmässig stattfin­ denden Sportangebote der 27 Roll­stuhl­clubs aktualisiert.

Ihr Club plant eine Veranstaltung, an denen auch externe Interessierte teilnehmen dür­ fen? Dann melden Sie uns die entsprechen­ den Details. Wir freuen uns, unseren Mitgliedern eine möglichst breite Palette an Events zu prä­ sentieren und den Austausch unter den Clubs zu fördern. Künftig werden wir an dieser Stelle jeweils ein spannendes Ange­ bot hervorheben. Kontakt sophie.gnaegi@spv.ch www.spv.ch/clubevents Paracontact I Herbst 2021


AUS DEN CLUBS

SPV

Delegiertenversammlung Die Delegiertenversammlung der SPV fand am 8. Mai 2021 statt.

RC Zürich

Tragweite nicht mehr nur von der Dele­ giertenversammlung, sondern vom Zen­ tralvorstand geprüft und genehmigt wer­ Gemäss Statuten muss der Zentralvor­ den. stand alle zwei Jahre durch die Delegier­ tenversammlung gewählt werden. Heuer Die weiteren Anpassungen betrafen die stand die Wiederwahl für die Periode 2021 elektronische Durchführung der DV, die bis 2023 an. Alle sich zur Wahl stellenden Wahl der Delegierten und die Zusammen­ Mitglieder wurden bestätigt. Die DV hiess setzung der Geschäftsleitung. darüber hinaus mehrere Statutenände­ rungen gut. Künftig dürfen Änderungs­ Die Delegierten genehmigten zudem die anträge von Sektionsstatuten von geringer Jahresrechnung und den Jahresbericht.

Jeannette Schühle steht dem Rollstuhlclub Zürich neu als alleinige Präsidentin vor. Davor leitete sie den Club während zehn Jahren im Co-Präsidium gemeinsam mit Beat Scheiwiller. Bereits seit Gründung ist sie Aktivmitglied des Clubs. Weitere Informationen www.rc-zuerich.ch

ESCIF

NEU IM CLUBPRÄSIDIUM

Kongress 2021

CFR Genève

RC St. Gallen

Corinne Bonnet

Thomas Köppel

Geburtsdatum: 15.8.1967 Beruf: Stadträtin der Stadt Genf Hobbys: Literatur, diverse Abklärungen zur Barrierefreiheit Im Club seit: 2016, seit 2018 im Vorstand Aktuelle Projekte: Vorantreiben der Barrierefreiheit, vor allem im Rahmen der Arbeitsgruppe für Barrierefreiheit der Stadt Genf; die Mitglieder des Clubs als Experten in kommunale, regionale und kantonale Projekte einbinden; Kooperationen mit anderen Institutionen Angebote des Clubs: Reisen und Ausflüge im In- und Ausland, zahlreiche Sportarten, Handwerk, Kunsttherapie und Musikatelier

Geburtsdatum: 12.9.1981 Beruf: Kaufm. Angestellter Hobbys: Rollstuhlbasketball, Handbike, Freunde treffen, Kochen Im Club seit: 2000, seit 2018 im Vorstand Aktuelle Projekte: Aufrechterhaltung der Clubaktivitäten während der Corona-Zeit, Etappenplanung für den Giro Suisse Angebote des Clubs: Rollstuhlbasketball, Rollstuhlcurling, Powerchair-Hockey, Juniors-Gruppe, Sport in der Halle, Leichtathletik, Tetra-Rugby, Kultur und Freizeit, Rechtsberatung, Clubausflüge

Paracontact I Herbst 2021 2021

Vom 25. bis 27. August 2021 findet in Nottwil der 15. ESCIF-Kongress statt. Die Teilnehmenden befassen sich mit der UNO-Behindertenrechtskonvention, de­ battieren, was Institutionen wie die ESCIF zur Um­ setzung beitragen können und lernen Beispiele aus den Bereichen Rehabilitation und ÖV kennen.

HILFSMITTELVERSORGUNG

SAHB Die SAHB plant die Umwandlung des Vereins SAHB in eine Stiftung. Der Antrag der SPV, die Umwand­ lung um ein Jahr auf 2022 zu verschieben, wurde von der Mitgliederversammlung 2021 angenommen. Es geht dabei nicht nur um eine formale Regelung, son­ dern vordringlich auch um das Finden einer neuen guten Organisationsform für eine wirkungsvolle Ver­ tretung der Interessen der Menschen mit Behinde­ rungen auf dem Hilfsmittelmarkt wie auch gegenüber den Finanzierungsbehörden. Diese direkte Interes­ senvertretung ist gemäss UNO-Behindertenrechts­ konvention zwingend erforderlich. 7


WIR BEWEGEN

IM GEDENKEN AN

Werner Waldispühl

Als erster und langjähriger Zentralsekretär der SPV prägte Werner Waldispühl den Dachverband und die Situation von Para- und Tetraplegikern in der Schweiz wie kein zweiter. Am 4. Juni 2021 ist er im Alter von 84 Jahren verstorben. Nachruf von Guido A. Zäch

Werner Waldispühl ist am 20. Oktober 1936 in Kriens geboren und wuchs dort mit vier Geschwistern auf. Nach der Schulzeit per­ fektionierte er in der Romandie seine Fran­ zösischkenntnisse. Er schloss mit Erfolg seine Ausbildung als Kaufmann ab. Es folg­ ten Aufenthalte in Chiasso und London zur beruflichen Weiterbildung. Der damals 26-jährige Oberleutnant erlitt wenige Tage vor Eintritt in die militärische Zentralschule zum Hauptmann einen schick­salshaften Arbeitsunfall. Die dabei

er­littene Stauchung der Wirbelsäule wur­ de in der Uniklinik Zürich abgeklärt. Wer­ ner Waldispühl erinnerte sich genau: Wäh­ rend einer Umlagerung im Bett schoss ein stechender Schmerz von der Verletzungs­ stelle an der Wirbelsäule ausgehend wie ein Blitz durch seine Beine – dann war Toten­ stille, er spürte überhaupt nichts mehr. In­ tuitiv und schlagartig wurde ihm bewusst: die bisher inkomplette Querschnittläh­ mung war jetzt komplett, definitiv, irrever­ sibel. Das war am 4. August 1965. Er be­ schrieb das selber so: «Der Bruchteil einer

Sekunde genügte, ein Leben grundlegend zu ändern, gesteckte Ziele aufzugeben, Plä­ne zerrinnen zu lassen.» Sein erster Ge­ danke galt seiner jungen Gattin Monika, seiner 13 Monate alten Tochter Andrea und dem Sohn Philipp, der vor vier Wochen zur Welt gekommen war. Seine Familie brauchte ihn. Er wollte für sie da sein. Die­ ses Ziel verfolgte er mit Zuversicht und Ausdauer. Nach mehrmonatigem Aufenthalt im Bal­ grist wurde er trotz Querschnittlähmung ohne Rollstuhl entlassen. Um zur Woh­ nung zu gelangen, musste er zwei Treppen überwinden, mit Schienen und Stöcken oder auf einem Badetuch rutschend sich fortbewegen. Das war damals üblich, weil die IV gemäss Gesetz erst Hilfsmittel finan­ zieren durfte, wenn jemand über ein Jahr als invalid galt. Die Konstruktion des not­ wendigen Rollstuhls musste bei einem Ve­lo­mechaniker auf private Kosten in Auf­ trag gegeben werden. Zur Überbrückung lieh ihm sein Freund Toni Lustenberger ei­ nen seiner Rollstühle. Ebenso erfolgte der Umbau des Autos auf Handbetrieb zur Überwindung des Arbeitsweges in einer Spezialwerkstatt. Weil er seine bisherige Tä­tigkeit als Speditionskaufmann nicht mehr ausüben konnte, setzte er seine be­ rufliche Laufbahn bei der Luzerner Kan­ tonalbank in Kriens fort. Gründerväter Zusammen mit seinen Freunden im Roll­ stuhl, Toni Lustenberger und Ernst Michel, bildete dieses Trio den Kern des 1966 ge­ gründeten Rollstuhlclubs Kriens (heute

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Paracontact I Herbst 2021


RC Zentralschweiz). Sein Schwager André Deville erlangte gleichzeitig in Magglingen das Invalidensportleiter-Brevet und be­ treute die kleine Gruppe von Rollstuhlfah­ rern in ihrer sportlichen Aktivität. Die Ge­ meinde Kriens stellte spontan eine geeignete Turnhalle zur Verfügung. Die flotte und herzliche Kameradschaft sowie das echte Streben nach anerkannter sportlicher Leistung brachten diese Pio­ niere auf die Idee, einen Wettkampf für Rollstuhlsportler auszuschreiben. Dem Krienser Beispiel folgend entstanden an mehreren Orten weitere Rollstuhlclubs. Im Sommer 1973 fand die erste Schweizer Rollstuhlmeisterschaft in Kriens statt. Da­­­zu eingeladen hat mich Werner Waldis­pühl als Präsident des Rollstuhlclubs, selber war ich wenige Wochen zuvor zum Chef­ arzt des Basler Paraplegiker-Zentrums ge­ wählt worden und förderte den Roll­stuhl­ sport aus Überzeugung: Ein Gesunder soll Sport treiben – ein Behinderter muss Sport treiben – hiess damals die Devise. Kurz nach dem Unfall trat Werner Waldis­ pühl den Bogenschützen Luzern bei. Er war unter den Rollstuhlsportlern einer der besten Bogenschützen und gewann zahl­ reiche Turniere und viele Medaillen an Schweizer Meisterschaften. Drei Mal qua­ lifizierte er sich für die Paralympics: 1968 für Tel Aviv, 1972 für Heidelberg und 1976 für Toronto. 1980 war Werner Waldispühl Delegationsleiter des Swiss Teams an den Paralympics in Arnhem. Trotz Zielstrebigkeit und sportlichem Ein­ satz hatte Kameradschaft in diesem Um­ feld einen hohen Stellenwert. Nach jedem Training traf man sich zu einem gemütli­ chen Zusammensein, wo in ungezwunge­ ner Runde oft neue Ideen geboren, Pläne geschmiedet, Sorgen und Erfahrungen aus­getauscht oder weitere Entwicklungs­ möglichkeiten diskutiert wurden. Werner Wal­dispühl hat stets versucht, Sport und Gemütlichkeit, Arbeit und Erholung, Ernst und Spass in harmonischer Weise in Ein­ klang zu bringen. Als ich am 27. April 1980 die damals beste­ henden Rollstuhlclubs zur Gründungs­ versammlung der Schweizer ParaplegikerParacontact I Herbst 2021

Werner Waldispühl bei der Grundsteinlegung für das SPZ (o. l.), mit seiner Frau Monika (u. l.), mit einem SPV-Reisebus und als erfolgreicher Sportler

Vereinigung nach Basel einlud, waren Werner Waldispühl und André Deville ak­ tive Befürworter und Förderer des gesamt­ schweizerischen Zusammenschlusses. In der Folge übernahm André Deville die Leitung des Ressorts «Rollstuhlsport» und führte unsere Sportler an die Weltspitze bei gleichzeitiger Intensivierung des Breiten­ sportes. Erster Geschäftsführer An der DV 1983 in St. Gallen wurde Werner Waldispühl zum Zentralsekretär der SPV gewählt und übernahm zugleich die Lei­ tung des Ressorts «Kultur und Gesell­ schaft». Mit Schaffenskraft, Können und nie erlahmender Energie und Freude hat er seinen Auftrag erfüllt. Er hat mit Herz und Esprit Menschen und Meinungen zu­ sammengeführt. Es war für ihn ein mutiger Entscheid, die verantwortungsvolle Stelle bei der Kantonalbank Luzern zu verlassen, wo er als Prokurist mit weiteren Beförde­ rungen rechnen konnte. Jedenfalls war ich als Zentralpräsident froh, ihn als Zentral­ sekretär und Freund während der folgen­ den 15 Jahre an meiner Seite zu wissen. Sein

segensreiches Wirken hat das Dasein vie­ ler Para- und Tetraplegiker wesentlich ver­ bessert. Sukzessive wurden weitere Rollstuhlclubs gegründet, bis es 27 verteilt auf alle Regio­ nen der Schweiz waren. Als Aktivitätsbe­ reiche kamen die Sozial- und Rechtsbera­ tung sowie Hindernisfreies Bauen dazu. Die ursprüngliche Geschäftsstelle in Kriens wur­de 1991 nach Nottwil verlegt, weil dort ein Jahr zuvor das Schweizer Paraplegi­ker-Zentrum eröffnet worden war. Werner Waldispühl ist bei allen entscheidenden Mo­­­menten aktiv dabeigewesen: als Mitglied der Nutzergruppe während der Planungsund Bauzeit, bei der Grundsteinle­gung, bei der Aufrichtefeier, bei der Er­öff­nung. Mit wachem Geist, engagiertem Mitdenken und loyalem Mittragen begleitete er die Werke der Stiftung und erkannte die Chan­ cen, die damit für Menschen im Roll­stuhl geschaffen wurden. Für seine ausserordent­ lichen Verdienste für die Quer­schnitt­­ge­­ lähmten wurde Werner Waldis­pühl im Jahr

Fortsetzung auf Seite 11

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Paracontact I Herbst 2021


WIR BEWEGEN

Fortsetzung von Seite 9

NACHGEFRAGT

1995 von der Schweizer Pa­raple­gi­ ker-Stiftung als «Paraple­gi­ker des Jahres» ausgezeichnet.

Orte der Hoffnung

Nach 15 Jahren unermüdlichen Schaffens bei der SPV ging Werner Waldispühl in Pension und ge­ noss fortan das Reisen mit seiner Frau Monika, seine zahlreichen Hobbys und die gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden. Wäh­ rend der vergangenen zwei Jahre, da schweres, zusätzliches Leiden an seinen Kräf­ten zehrte, fand er fachkompeten­ te Hilfe im SPZ Nottwil. Glücklicherweise durfte er schliesslich daheim im Kreise der Familie end­gültig Abschied nehmen von seiner lieben Frau Monika, seinen Kin­dern Andrea und Philipp, seinen Grosskindern und allen Angehörigen und sei­ nen Freunden.

Romina Miracco koordinierte das Ethik-Forum des SPZ. Hier entstand die Idee zu «Orte der Hoffnung». Die Leiterin Pflegeentwicklung stellt das Projekt vor.

Werner Waldispühl hat uns bei­ spielhaft vorgelebt, wie ein schwe­ rer Schicksalsschlag ungeahnte Ener­gien freisetzen kann für ein sinnerfülltes Leben. Er war ein ver­ antwortungsvoller Unternehmer im Beruf und ein einfühlsamer Vorkämpfer, Berater und Freund für viele Rollstuhlfahrer und Le­ bensgefährten. Er war ein treu­be­ sorgter Vater für seine Kinder und Grosskinder, ein fröhlicher Le­ bens­­­­partner für seine Frau Monika. Hinter jedem grossen Mann steht eine starke Frau. Für den nachhalti­ gen Erfolg in Familie und Beruf ist das, vor allem wenn schwere Kri­ sen bewältigt werden müssen, eine wichtige Voraussetzung. Monika Waldispühl-Deville hat diese Part­ nerschaft überzeugend gelebt. Ihr gilt unsere hohe Wertschätzung und herzliche Teil­nahme. optional Lieber Werni, du hast die SPV zu dem gemacht, was sie heute ist. Wir werden dir immer in tiefster Dankbarkeit und Freundschaft ver­bunden sein. Paracontact I Herbst 2021

Von Gabi Bucher

Das Ethik-Forum veröffentlichte ein Manifest über Hoffnung. Weshalb? Alle zwei Jahre laden wir Patienten und An­gehörige zum Anlass «Ein Jahr nach der Erstrehabilitation» ein. Da­bei kam es vor, dass Patienten, welche die Klinik als Roll­ stuhlfahrer verlassen haben, als Fussgänger zurückkom­ men. Das freut uns natür­ lich sehr. Aber es wirft für die Patienten auch Fragen auf. Nach der medizinischen Aufklä­ rung gingen sie davon aus, sie würden nie mehr gehen können. Wir haben diese Fragen im Ethik-Forum aufgenommen und erkannt, dass wir während der Reha­ bilitation Hoffnungen nicht ausreichend Raum lassen. Im Manifest erklären wir un­ seren Mitarbeitenden, wie wir mit geäus­ serten Hoffnungen und Wünschen unse­ rer Pa­tienten umgehen. Hoffnung können wir we­der geben noch nehmen, aber wir können sie unterstützen.

klarmachen, dass wir im Moment mit dem arbeiten, was ist und schauen, was wir he­ rausholen können. So kann die Hoffnung bestehen bleiben. Die «Orte der Hoffnung» sollen helfen, verschiedene Wege aufzuzeigen, herausfordernden Situationen mit neuer Kraft zu begegnen.

Daraus entstand «Orte der Hoffnung»? Ursprünglich ging es um das Manifest und die Sensibilisierung der Mitarbeitenden. Aber wir haben festgestellt, dass es schön wäre, Orte zu haben, wo man Hoffnung schöpfen kann. Hoffnung gibt Kraft. Es ist kontraproduktiv, wenn wir den Patienten sagen, dass das, was sie sich wünschen, nie passieren wird. Wir wollen ihre Wünsche und Hoffnungen ernst nehmen, aber auch

Wer soll die Orte der Hoffnung besuchen? Einerseits unsere Patienten und deren An­ gehöri­ge, andererseits die Mitarbeitenden. Oft sind diese mit schwierigen Situationen konfrontiert. Ich hatte ein eindrückliches Gespräch mit dem früheren Leiter der In­ tensivstation. Er meinte, seine Arbeit sei herausfordernd, da die Schicksale auch für ihn belastend seien. Ich lud ihn ein, auf den Stationen vorbeizugehen, um zu se­ hen, welche Fortschritte die Patienten ma­ chen. Dass nun auch Orte entstanden sind, wo Hoffnung geschöpft werden kann, ist sehr schön!

Informationen Orte der Hoffnung www.paraplegie.ch/hoffnung

Wie muss man sich diese Orte vorstellen? Verteilt auf dem ganzen Cam­ pus in Nottwil, vom Hotel Sem­ pachersee bis zum See­platz, stehen zehn Info-Stelen. Jede Stele behandelt ein ande­ res Thema; von Wahrnehmung über Poten­ zial, Lebenskraft, Mo­tivation bis hin zu Neuanfang. Auch die Hoffnungslosigkeit hat ih­ren Platz. Auf jeder Stele ist ein kur­ zer Grundlagentext in Deutsch, Franzö­ sisch, Italienisch und Englisch. Über einen QR-Code erhält man vertiefte Informa­ tionen und Videos von Betroffenen und Experten.

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LEBENSBERATUNG

ERFAHRUNGSBERICHT

Rückschläge und Neuanfänge

Die Tiefschläge in unserem Leben lehren uns Resilienz und zwingen uns, nach jeder Prüfung wieder nach vorne zu blicken. Auch eine Tetraplegie lotet regelmässig unsere Anpassungsfähigkeit aus.

Von Mickaël Luternauer, SPV-Mitglied

Ich heisse Mickaël, bin 47 Jahre alt und am Samstag, 11. Juli 1992 hat sich mein Leben komplett verändert. Während eines Wochenendes im Tessin verspüre ich den Drang nach Abkühlung und tauche in die Maggia. Der Wasser­ stand ist zu tief, mein Kopf schlägt auf dem Grund auf, ein Halswirbel wird ver­ letzt. Ich kann mich nicht mehr bewegen, kann nicht mehr atmen. Glücklicherweise gelingt es meinen Freunden, mich aus dem

Wasser zu holen. Schnell ist die Rega vor Ort und bringt mich nach Lugano, wo die Ärzte mich operieren. Die Diagnose ist ein­deutig und unanfechtbar: Fraktur des vierten Halswirbels. Ich bin 18 Jahre alt, ich bin Tetraplegiker, ich werde nie mehr ge­ hen können. Nach vier Tagen Intensivstation werde ich in eine andere Welt verlegt: ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Es be­ ginnt eine lange, schwierige, schmerzhafte

Rehabilitation. Jede neue Bewegung, wie winzig sie auch sein mag, ist ein Sieg. Die Therapeuten verschieben immer wieder die Grenzen, gehen immer weiter. Nach und nach erwachen die Muskeln wieder zum Leben. Zuerst die Arme, dann die Beine und nach fünf Monaten verlasse ich das SPZ, aufrecht, auf meinen zwei Beinen. Das ist unverhofft  … Einige Monate später habe ich das unglaub­ liche Glück, Crystel zu begegnen, die Frau, die seit 28 Jahren mein Leben teilt. Ohne sie wäre ich nicht der, der ich heute bin. Am 20. November 2004 heiraten wir unter Schneeflocken, im Kreise unserer Familie und unserer Freunde. Ein wundervoller Tag. Wir adoptieren 2011 unser erstes Kind aus Ruanda, 2017 heissen wir unseren zwei­ ten Sohn aus Haiti willkommen. Und 2019 schliesst unsere Tochter sich der fröhlichen Truppe an. Jeden Tag verspüre ich erneut tiefe Dankbarkeit dafür, eine so wunder­ bare Familie zu haben. Grenzen verschieben Trotz der Schwierigkeiten, die ich beim Ge­ hen oder bei der Ausführung gewisser Ak­ tivitäten habe, ist es für mich klar, dass ich 100% arbeiten werde, ohne Einschränkun­ gen. Daran halte ich auch dann noch fest, als mein Körper mir erste Alarmzeichen

Rückhalt in der Familie

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Paracontact I Herbst 2021


der Erschöpfung sendet. Mein Gleichge­ wicht ist unsicher, die Koordination schwie­ rig, die Kraft schwindet. Meine ganze lin­ ke Körperseite bereitet mir Probleme, dies neben den vielen Unannehmlichkeiten, die ich durch meine inkomplette Lähmung sonst noch habe. Mein Gang ist die sicht­ bare Spitze des Eisbergs. Ich träume davon, eines Tages ohne Schmerzen leben zu kön­ nen. Ich schiebe die Grenzen weiter hinaus, ich will der Realität nicht ins Auge sehen. Ich versuche, mein Leben voll auszuleben, ohne Rücksicht auf mein Handicap. Ein Seiltän­ zer mit steten Gleichgewichtsproblemen. Ich kann nicht sagen, wie oft mich meine Ehefrau verletzt in der Notfallstation auf­ findet. Ich scheitere ständig, weil ich mir Ziele setze, die für mich und meinen Kör­ per nicht zu erreichen sind. Ich muss aber gestehen, dass ich durch mei­nen Kämpfergeist sehr vieles erreiche. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs und samm­le tausende von Kilometern. Ich fah­ re ebenfalls mit dem Fahrrad vom Jura ins Burgund. Ich steige mit Tourenskis auf den Grossen Sankt Bernhard. Zwei unglaubli­ che Erlebnisse, auf die ich sehr stolz bin und glücklich, dass ich sie erleben konnte. Ein Körper nützt sich ab Nach einigen Warnsignalen reagiert mein Körper nicht mehr auf meine Anforderun­ gen. Im Jahr 2015 spüre ich starke Schmer­ zen in der Hüfte und muss wegen einer Nekrose einige Monate im Bett liegen. Ich hinke je länger je mehr, mein Gang wird im­mer unsicherer. Ich bin physisch und psychisch erschöpft. 2019 fällt alles wie ein Kartenhaus zusammen. Ich muss kapitu­ lieren: Ich habe mir zu viel abverlangt, das rächt sich jetzt.

Während meiner Genesung stellen die Ärz­ te fest, dass meine Wirbel bröckeln und sich verschieben. Dadurch kann das Rü­ cken­mark nicht mehr richtig zirkulieren. Eine Erklärung für den Verlust meiner Mo­bilität, der immer wiederkehrenden Schmer­zen und der Müdigkeit. Eine grös­ sere Operation ist nötig, um eine totale Lähmung zu verhindern. Ich brauche etli­ che Monate, um das Licht am Ende des Paracontact I Herbst 2021

Crystel und Mickaël, ein starkes Team

Tun­nels wieder zu sehen. Ohne Crystel und meine drei Kinder hätte ich es nicht geschafft. Ich fühle mich umsorgt, unter­ stützt und geliebt. Ich habe das Glück, eine unglaubliche und wunderbare Familie zu haben. Sie gibt mir immer wieder die Kraft, die ich brauche, um meinen Weg zu gehen trotz der Schwierigkeiten und der Schmer­ zen, die mir mein Körper Tag für Tag zu­ fügt. Ich kann auch auf die kompetente Begleitung von Alexander Post der Sozial­ beratung der SPV zählen. Dank der Unter­ stützung der SPS, für die ich tiefe Dank­ barkeit empfinde, konnten wir die nötigen Umbauten in unserem Haus durchführen. Jetzt kann ich mich ohne Probleme bewe­ gen und bin autonom in meinen täglichen Verrichtungen. Ich danke der Firma, wel­ che mich an der Arbeitswelt teilhaben lässt und eine Rampe installiert hat, damit ich mein Büro erreiche. Und ich danke Para­ Work, welche mich in diversen admini­s­ trativen Angelegenheiten unterstützt. Der Rollstuhl – ein Freund Jetzt bin ich auf dem Weg der Akzeptanz. Der Rollstuhl, früher mein Feind, ist nun mein Weggefährte. Dank ihm lebe ich wie­ der, aber anders. Er hilft mir und begleitet mich täglich. Er vereinfacht mir meinen Alltag unglaublich und lässt mich wunder­

schöne Dinge erleben. Ich kann Ausflüge mit meinen Kindern geniessen. Ich nehme an Trainings im Rollstuhlbasketball teil. Ich spaziere stolz an der Seite meiner Frau. Ich fühle mich stärker und geerdeter. Ich habe mein Lächeln und meine Lebens­ freude wiedergefunden und war noch sel­ ten so glücklich. Ich habe eine aussergewöhnliche Frau, wel­che zu mir schaut und mich bereichert. Ich habe wundervolle Kinder, die mein Le­ben spannend machen. Ich habe eine Familie, auf die ich zählen kann. Ich gehe einem sehr interessanten Beruf nach in einer für mich angepassten Umgebung. Ich lebe in einem Haus ohne Barrieren, ich habe ein umgebautes Auto. Ich übe einen Sport aus, der mir gefällt und ebenfalls meinen Möglichkeiten angepasst ist. Ich bin erfüllt, ich vertraue meinem kleinen Stern, ich habe Projekte und Träume. Ich heisse Mickaël, ich bin 47 Jahre alt, ich bin inkompletter Tetraplegiker und mein Leben ist schön. 13


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21.01.21 12:03

Paracontact I Herbst 2021


LEBENSBERATUNG

INKOMPLETTE QUERSCHNITTLÄHMUNG

Zwischen Stuhl und Bank Menschen mit einer inkompletten Querschnittlähmung, welche (auch) zu Fuss unterwegs sind, erleben gleich verschiedene Herausforderungen. Von Alexander Post, Sozialarbeiter

Personen mit einer inkompletten Quer­ schnittlähmung, sei dies eine inkomplette Para- oder Tetraplegie, welche zu Fuss un­ terwegs sind oder nur teilweise einen Roll­ ­stuhl benötigen, berichten den Sozialarbei­ tenden der Lebensberatung des öfteren, dass sie das Gefühl haben, sie würden we­ der zu den Fussgängern noch zu den Roll­ stuhlfahrern gehören. Dieses Ge­ fühl der Nichtzugehörigkeit zeigt sich im Alltag, wenn sie sich zum Beispiel im öffent­ lichen Ver­kehr setzen müs­ sen, um die Beine bzw. den Kör­per zu entlasten. Dassel­ ­be Erlebnis haben sie, wenn es um Leistungen von Sozialversi­ cherungen geht. Die Betroffenen stel­ len fest, dass ihre Einschränkung nicht rich­tig eingeschätzt wird. Menschen aus dieser Personengruppe wer­ den von ihrem Umfeld einerseits als «fit» und körperlich kaum eingeschränkt wahr­ genommen und andererseits doch als zu wenig mobil, um mit Personen ohne kör­ perliche Einschränkungen mithalten zu können. Wegen dieses Umstandes wird ih­re Leistungsfähigkeit oft überschätzt. Ent­sprechend gibt es wenig bis keine zu­ geschnittenen Angebote für Menschen mit einer inkompletten Querschnittlähmung. Ihre Repräsentation und ihre Bedürfnisse werden zudem in der Werbung eher selten aufgenommen und porträtiert. Oftmals erreichen uns die Anfragen um Unterstützung erst, wenn der Leidensdruck der Betroffenen sehr hoch ist und sie kei­ nen Ausweg mehr sehen. Im vorhergehen­ den Artikel erzählt Mickaël Luternauer Paracontact I Herbst 2021

von seinen Erfahrungen. Laut seiner Be­ schreibung klammerte er die Tatsache der körperlichen Einschränkung vielfach aus. So habe er hundert Prozent gearbeitet und Sport getrieben, als ob nichts geschehen wä­­re. Leider führt diese Überbeanspru­ chung nicht selten zu einer Erschöpfung des Körpers und kann auch die psychische Gesundheit beeinträchtigen, was wie­­derum Auswirkungen auf das Berufliche, das soziale Le­ ben sowie auf die Finanzen hat. Die Sozialarbeitenden der Lebensbe­ratung sind für In­ ter­ventionen in solchen Situatio­ nen geschult. Trotz allem berühren uns Schicksale wie jenes von Mickaël Luter­ nauer sehr. Er hat sich aus eigener Kraft Un­ terstützung geholt und sich unter ande­rem bei uns gemeldet. Nach dem inneren Pro­ zess der Akzeptanz und die nötige allei­ nige und gemeinsame Arbeit konnte er fast zwei Jahre später das Blatt wenden und steht nun an einem anderen Punkt. Es war für ihn bestimmt nicht einfach, sich zu­ aller­erst einzugestehen, dass die eigene Si­ tuation nicht mehr tragbar ist.

HINTERGRUND

Komplette und inkomplette Querschnittlähmung Komplette Querschnittlähmung Es sind keine motorischen und sensorischen Funktionen mehr vorhanden. Das Rückenmark ist komplett durchtrennt. Inkomplette Querschnittlähmung Es sind noch gewisse motorische und sensorische Funktionen unterhalb der Läsionshöhe vorhanden. Dennoch ist die Verletzung nicht weniger gravierend. Sie kann ebenso erhebliche Schädigungen zur Folge haben. (Quelle: paraplegie.ch)

Mehr Hintergrundwissen zur inkompletten Querschnittlähmung (www.spv.ch/inkomplett_d)

Mit Mickaël Luternauers Erfahrungsbe­ richt auf den Sei­ten 12 und 13 möchten wir einen Beitrag leisten, damit das Wissen für die spezifischen Problemfelder dieser Gruppe wächst und einladen, sich früh­ zeitig zu melden. Fühlen Sie sich durch diesen Artikel ange­ sprochen und sind Sie in einer ähnlichen Situation? Die Lebensberatung der SPV ist gerne für Sie da.

Wenden Sie sich an www.spv.ch Tel. 041 939 54 00 lb@spv.ch 15


RECHTSBERATUNG

KÜRZUNG VON RENTENLEISTUNGEN

Auch Jahre später zulässig? In der Herbstausgabe 2020 habe ich über den Fall von Jan W. berichtet, dessen Rente von der Unfallversicherung neun Jahre nach seinem schweren Töffunfall erstmals gekürzt worden ist. Mittlerweile liegt das Urteil des Kantonsgerichts vor. Zeit also, um auf den Fall von Jan W. zurückzukommen.

Von Michael Bütikofer, Rechtsanwalt und Notar

Zur Erinnerung: Auf dem Weg zur Arbeit erlitt Jan W. einen fatalen Töffunfall. Die zuständige Staatsanwaltschaft stellte das ge­gen Jan W. gerichtete Strafverfahren we­ gen starker Betroffenheit ein. Die Invaliden­ versicherung richtete Jan W. bei einem IVGrad von 41% eine Viertelsrente aus. Seine Unfallversicherung edierte die Akten der Staatsanwaltschaft und entschied sich, ge­ stützt auf Art. 37 Abs. 2 UVV die Taggelder­ nach dem Unfall um 20% zu kürzen. Weil sich der Gesundheitszustand von Jan W. verschlechterte, richtete ihm die Invali­ denversicherung ab dem Jahr 2016 bei ei­ nem IV-Grad von neu 100 % eine ganze Rente aus. Auch die Unfallversicherung ging über die Bücher: sie erhöhte die Un­

fallrente ab Februar 2018 von 41 % auf 55 %, kürzte diese aber gleichzeitig um 20 %. Diese Rentenkürzung verfügte die Unfall­ versicherung neun Jahre nach dem folgen­ schweren Motorradunfall zum allerersten Mal. Jan W. wollte diese überraschende 16

Kürzung nicht auf sich sitzen lassen, zu­ mal ihn diese finanziell hart traf. Er schal­ tete deshalb das Institut für Rechtsbera­ tung der SPV (IRB) ein. Beschwerde an das Kantonsgericht Ein Schriftenwechsel mit der Unfallversi­ cherung sowie ein anschliessendes Ein­ spracheverfahren verliefen für Jan W. er­ gebnislos: seine Unfallversicherung blieb standhaft und hielt an der erst Jahre spä­ ter verfügten Rentenkürzung fest. Damit blieb Jan W. nichts anderes übrig, als den negativen Einspracheentscheid mit Be­ schwerde an das zuständige Kantonsgericht anzufechten. Im Verfahren vor Kantonsgericht wurde dargelegt, weshalb die Unfallversicherung die Rente von Jan W. weder gestützt auf Art. 17 ATSG noch in Anwendung von Art. 53 Abs. 2 ATSG kürzen dürfe.

Nach Art. 17 ATSG werden Rentenleistun­ gen von Amtes wegen oder auf Gesuch hin erhöht, herabgesetzt oder aufgehoben, wenn sich der ihr zugrunde liegende Sach­ verhalt nachträglich erheblich verändert hat. Diese vorausgesetzte Veränderung des Sachverhalts wird «Revisionsgrund» ge­ nannt. Liegt ein Revi­sionsgrund vor, ist der Rentenanspruch in rechtlicher und tatsäch­ licher Hinsicht um­fassend («allseitig») zu prüfen, wobei kei­ne Bindung an frühere Beurteilungen besteht. Eine lediglich un­ ter­schiedliche Beurteilung eines im Wesent­ lichen gleich gebliebenen Sachverhalts ist indes unbeachtlich.

Art. 53 Abs. 2 ATSG schreibt vor, dass ein Versicherungsträger auf formell rechts­ kräf­­t ige Verfügungen oder Einspracheent­ ­schei­de zurückkommen kann, wenn diese zweifellos unrichtig sind und wenn ihre Berichtigung von erheblicher Bedeutung ist. Diese sogenannte «Wiedererwägung» dient der nachträglichen Korrektur einer ursprünglich unrichtigen Rechtsanwen­ dung oder Sachverhaltsfeststellung durch die Verwaltung. Nach der Rechtsprechung kann die Wiedererwägung rechtskräftiger Verfügungen bzw. Einspracheentscheide indes nur in Betracht kommen, wenn es sich um die Korrektur grober Fehler der Verwaltung handelt. Zweifellos ist die Un­ richtigkeit dann, wenn kein vernünftiger Zweifel daran möglich ist, dass die Verfü­ gung unrichtig war. Das Urteil des Kantonsgerichts Mit Urteil vom 25. Mai 2021 eröffnete das zuständige Kantonsgericht sein Urteil in Sachen Jan W. Das Kantonsgericht wies die Beschwerde von Jan W. ab.

In seinem 37 Seiten umfassenden Urteil stellte sich das Kantonsgericht auf den Stand­punkt, dass Jan W. den invalidisieren­ den Motorradunfall im Jahr 2009 gleich­ zeitig grobfahrlässig und bei Ausübung ei­nes Vergehens gegen das Strassenverkehrsgesetz (Überholen trotz Gegenver­ kehr, Überholen in einer unübersicht­ lichen Kurve und mangelnde Aufmerk­ samkeit) herbeigeführt habe. Aus diesem Grund, so das Kantonsgericht, hätte die Paracontact I Herbst 2021


Unfallversicherung von Jan W. dessen Geld­leistungen (d. h. namentlich sein Un­ falltaggeld und die -rente) zwingend in An­ wendung von Art. 37 Abs. 3 UVG kürzen müssen. Weil jedoch die Unfallversiche­ rung «bei der ursprünglichen Leistungs­ fest­setzung» das Taggeld von Jan W. ge­ stützt auf Art. 37 Abs. 2 UVG gekürzt habe, habe sie Art. 37 UVG «unrichtig angewen­ det» und es liege «bei der unrichtigen An­ wendung einer massgebenden Bestimmung eine zweifellose Unrichtigkeit vor». Nach Auffassung des Kantonsgerichts lägen da­ her die strengen Wiedererwägungsvoraus­ setzungen von Art. 53 Abs. 2 ATSG vor. Damit könne die Unfallversicherung von Jan W. auf ihre erste Rentenverfügung zu­ rückkommen und seine Rente auch neun Jahre nach dem verhängnisvollen Töffun­ fall noch um 20% kürzen. Das Kantons­ gericht vertrat zudem die Auffassung, dass sich bei diesem Ergebnis eine Prüfung, ob die Unfallversicherung allenfalls auch ge­ stützt auf Art. 17 ATSG auf ihre ursprüng­ liche Rentenverfügung hätte zurückkom­ men können, erübrige. Beschwerde an das Bundesgericht Nach der hier vertretenen Rechtsauffas­ sung liegt das Kantonsgericht mit seinem versichertenunfreundlichen Urteil falsch. Aus diesem Grund sind die Würfel im Fall Jan W. noch nicht gefallen: mit Eingabe vom 29. Juni 2021 liess Jan W. gegen das kantonale Urteil Beschwerde in öffentlichrechtlichen Angelegenheiten an das Bun­ desgericht erheben.

Im Verfahren vor dem höchsten Gericht der Schweiz ist folgende Frage entschei­ dend: Trifft es wie vom Kantonsgericht er­ wogen zu, dass der ursprüngliche Entscheid der Unfallversicherung, lediglich das Un­ falltaggeld während zweier Jahre zu kürzen, im Sinne von Art. 53 Abs. 2 ATSG zweifel­ los unrichtig war? Nur wenn diese Frage mit Ja beantwortet werden kann, sind die strengen Voraussetzungen für eine Wieder­ erwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG erfüllt. Nach der hier bzw. vor Bundesgericht ver­ tretenen Auffassung handelt es sich bei der ursprünglichen, zeitlich limitierten Leis­ tungskürzung nicht um einen groben Feh­ ler der Verwaltung, welcher mittels Wieder­ Paracontact I Herbst 2021

Sozialrechtliche Abteilungen des Bundesgerichts sind in Luzern

erwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG kor­rigiert werden müsste. Auch kann nicht ge­sagt werden, dass kein vernünftiger Zwei­ fel daran möglich ist, dass die ursprünglich auf zwei Jahre beschränk­te Kürzung der Taggelder unrichtig war. Denn zum einen gilt es vor Augen zu halten, dass die Un­ fallversicherung von Jan W. die Akten der Staatsanwaltschaft angefordert, diese ana­ lysiert und sich dann – in Kenntnis der ge­ nauen Unfallumstände – da­zu entschieden hatte, lediglich die Taggelder während der Dauer von zwei Jahren zu kürzen. Mit an­ deren Worten hat die Unfallversicherung Jan W. für dessen Verhalten am Unfalltag (Überholen trotz Gegenverkehr, Überho­ len in einer unübersichtlichen Kurve und mangelnde Auf­merksamkeit) sehr wohl sank­­­tioniert. Ihrer Pflicht, Leistungskür­ zun­­gen wo nötig vorzunehmen, ist die Un­ fallversicherung so­mit nachgekommen. Zum anderen gilt zu beachten, dass es auch im Rahmen von Art. 37 Abs. 3 UVG mög­ lich sein muss, lediglich eine vorübergehen­ ­de Leistungskürzung zu verfügen oder gar gänzlich von einer Leistungskürzung ab­ zu­sehen. Diesbezüglich kann auf Art. 21 Abs. 1 ATSG verwiesen werden, welcher im Vergleich zu Art 37 Abs. 3 UVG ein schwe­ reres Fehlverhalten sanktioniert (Herbei­ führung eines Versicherungsfalles in Aus­ übung eines vorsätzlichen Verbrechens oder Vergehens) und da­bei eine bloss vo­ rübergehende Leistungskürzung explizit vorsieht. Aus diesem muss eine vorüber­ gehende Leistungskürzung auch im Be­ reich von Art. 37 Abs. 3 UVG möglich sein.

Zusammenfassend stellt die bloss vorüber­ gehend verfügte Kürzung der Taggeldleis­ tungen während der ersten zwei Jahren nach dem Unfallereignis keinen groben Feh­­ler der Verwaltung dar, welcher in An­ wen­dung von Art. 53 Abs. 2 ATSG zwin­ gend korrigiert werden müsste. Sodann ist vor dem Hintergrund von Art. 21 Abs. 1 ATSG bezüglich der ursprünglichen Leis­ tungskürzung der Unfallversicherung nicht nur ein einziger Schluss – nämlich derjeni­ ­ge auf die Unrichtigkeit der Verfügung – denk­bar. Im Ergebnis erweist sich die un­ mittelbar nach dem Unfallereignis von Jan W. verfügte, zeitlich limitierte Taggeld­ kürzung nicht als «zweifellos unrichtig». Damit fehlt es an einer zwingenden Vor­ aussetzung, da­mit die Unfallversicherung auf ihre ursprüngliche Leistungskürzung zurückkom­men kann. Ausblick Erfahrungsgemäss dauert das Beschwerde­ verfahren vor Bundesgericht sechs bis acht Mona­te. Bis dahin muss sich Jan W. weiter gedulden und hoffen, dass die Jahre später von seiner Unfallversicherung verhängte Rentenkürzung vom Bundesgericht ge­ kippt wird. Wie das Bundesgericht ent­ scheiden wird, bleibt abzuwarten. Sicher jedoch ist schon heute ein dritter Para­ contact-Ar­tikel zum Fall von Jan W.

Institut für Rechtsberatung Tel. 032 322 12 33 17


MEDIZIN UND WISSENSCHAFT

GANZHEITLICHE MEDIZIN

Menschlichkeit statt Kommerzialisierung

Die Medizin soll weniger ökonomisiert werden, sondern verstärkt den Menschen und sein Leiden ins Zentrum stellen, fordert der Verein Akademie Menschenmedizin.

Von Nadja Venetz

Die Akademie Menschenmedizin ist ein politisch, finanziell und konfessionell voll­ ständig unabhängiger gemeinnütziger Ver­ ein, der sich für ein menschengerechtes und bezahlbares Gesundheitssystem in der Schweiz stark macht. Stephan Bachmann, Direktor des REHAB Basel und Mitglied des Zentralvorstands der SPV, engagiert sich seit der Vereinsgründung 2009 als Vizepräsident. Die Akademie Menschenmedizin fordert ein menschengerechtes und bezahlbares Gesundheitssystem. Was heisst das genau? Wir gehen in der Akademie stark davon aus, dass jemand, der Gesundheitsdienst­ leistungen benötigt, eine leidende Person ist und diese Person braucht die volle Auf­ merksamkeit. Der Fokus muss zwingend auf dem Menschen liegen. Was wir kritisie­ ren, ist die zunehmende Ökonomisierung, die mir selbst als Ökonom zuwider ist. Beim gegenwärtigen Modell des Fallpau­ schalensystems besteht die Gefahr, dass nicht mehr der Mensch im Zentrum steht, der einer Dienstleistung bedarf, sondern das Unternehmen, welches diese erbringt. Dadurch wird der Patient zum Kunden. In diesem Zusammenhang von Kunden zu sprechen, verurteilen wir scharf. Der Pa­ tient hat ein Leiden, gegen das er sich nicht wehren kann und das er in aller Regel 18

nicht selbst gewählt bzw. verursacht hat. Die Regulierung von Angebot und Nach­ frage ist im Gesundheitswesen nicht gege­ ben. Nimm das Beispiel einer Wachkoma­ patientin oder eines Krebspatienten. Das sind leidende Personen, die auf Versor­ gung angewiesen sind, bei der die markt­ geleiteten Mechanismen häufig auch Fehl­ anreize geben. Diese Fehlanreize sind viel­­schichtig: Mit dem Fallpauschalensystem werden gewisse medizinische Massnah­ men besser abgegolten als andere. Das führt dazu, dass Ärztinnen und Ärzte in ein kommerzielles Denk- und Handlungs­ muster gezwungen werden, für welche Massnahmen das Spital am besten ent­ schädigt wird, statt den Patienten mit sei­ nem Leiden in den Mittelpunkt zu stellen. Zudem werden in den meisten Kliniken variable Lohnbestandteile ausbezahlt, teils gekoppelt an Umsatzziele und Mengenvolumen. Das sind krasse Fehlanreize! Wir fordern deshalb Fixgehälter für Fachkräfte. Im REHAB Basel ist dies seit vielen Jahren der Fall. Bei uns werden ausnahmslos alle Mitarbeitenden mit Fixgehältern entschä­ digt. Wie ist der Verein entstanden? Die Akademie Menschenmedizin wurde 2009 vom Ehepaar Christian Hess und Annina Hess-Cabalzar gegründet, die bei­ de über viele Jahre das Spital Affoltern ge­

prägt haben. Er als ärztlicher Direktor, sie als leitende Psychotherapeutin. Ich war zu dieser Zeit Direktor des Spitals. Ziel der Akademie Menschenmedizin war und ist, ein menschengerechtes und bezahlbares Gesundheitswesen zu fördern. In Affoltern haben wir so Medizin betrieben, wie wir es für die ganze Schweiz für wünschens­ wert hielten: Der Mensch in seiner Indivi­ dualität stand im Zentrum, der Wille des Einzelnen über dem technisch Machbaren. Die Frage, worin das Leiden besteht, war die Leitplanke unseres Handelns. Deshalb wurden, salopp gesagt, nicht nur Medikamente verschrieben, sondern auch die kunstorientierte Psychotherapie aufgebaut. Die Schulmedizin bildete das solide Fun­ dament, ergänzt durch die Geisteswissen­ schaften, heisst durch Psychotherapie, Kunst­therapie, Philosophie und Ethik. Was für einen Medizinbegriff vertretet ihr? Die Grundlagen dazu hat das Ehepaar Hess im Buch «Menschenmedizin» formuliert. Wir stehen für einen breiten Medizinbe­ griff ein. Wenn man ein Spital als Repara­ turwerkstatt versteht, das für Menschen da ist, die an ihrem Körper etwas flicken müssen, ist das sehr eng gefasst. Da ist nicht nur ein verletztes Körperteil, sondern ein ganzer Mensch mit Ängsten, Sorgen und Hoffnungen. Der Mensch ist nicht nur Paracontact I Herbst 2021


Körper, sondern auch Geist und Seele. Es kann sich lohnen, bei einem Unfall etwa nach Ursachen zu fragen. Wie kam es so­ weit? In den Paraplegikerzentren sind Kunst­therapie und psychologische Betreu­ ung an der Tagesordnung. In Affoltern haben wir diese Methoden auch Patienten im Akutspital angeboten, die jeweils nur für wenige Tage bei uns waren. Die Mass­ nahmen waren freiwillig und stiessen auf gutes Echo. Sich beispielsweise beim Ma­ len auszudrücken oder sich auf ein Ge­ spräch einzulassen, kann sehr heilsam sein. Zudem ist eine solche Therapie günstig, weil kein teures Gerät nötig ist und oft das allgemeine Wohlbefinden gestärkt wird. Und ausserdem anerkennen wir, dass Krank­­heit wie Gesundheit zum Leben ge­ hört, genau so wie das Leben mit der Ge­ burt beginnt und dem Tod endet, zumin­ dest im irdischen Sinne. Das Sterben zu ent­tabuisieren ist ein weiterer Anspruch der Akademie. Das Spital Affoltern hat ei­ne Leuchtturm-Palliativstation. Einer schwer­kranken Person ein würdiges Ster­ ben in einem palliativen Setting zu ermög­ lichen, gehört zu einem menschengerech­ ten Gesundheitswesen. Hier sind allerdings in den letzten Jahren starke Fortschritte in der ganzen Schweiz erzielt worden. Wie sieht euer Engagement ganz konkret aus? Wir sind ja eine kleine, schlagkräftige Trup­ ­pe mit wenigen Mitteln; alles ehrenamtlich engagierte Fachleute. Bei diesen Ressour­ cen können wir nicht den Anspruch haben, das Schweizer Gesundheitswesen grund­ legend zu beeinflussen. Das «Café Med» ist in der Aussenwirkung sicherlich unser Flagschiff. Ärztinnen und Ärzte im Ruhe­ stand stehen in einem Café für eine kos­ tenlose Beratung zur Verfügung, im Sinne einer Zweitmeinung. Sie geben ihre Ein­ schätzung zum vorgesehenen Behandlungs­ weg und zeigen mögliche Alternativen auf. Wir merken, der Bedarf ist gross. Viele Laien sind mit der Komplexität des Gesund­ heitswesens überfordert. Die Einschät­zung einer Fachperson kann hier hilfreich sein. Es bleibt aber bei dieser einmaligen Bera­ tung. Jemand kann nicht drei- oder vier­ mal vorbeikommen. Das erste «Café Med» wurde in Zürich gegründet, initiiert durch Paracontact I Herbst 2021

Brida von Castelberg, der ehemaligen Chef­ärztin der Frauenklinik des Triemli­ spitals in Zürich. Sie ist auch Vorstands­ mitglied der Akademie. Mittlerweile gibt es das Angebot in mehreren Deutschschwei­ zer Städten. Zudem haben wir mehrere Tagungen mit unterschiedlichen Schwer­ punktthemen organisiert. Wir erhalten ge­ rade in der heutigen Zeit sehr viel Zuspruch für das, was wir tun, auch medial. Was sind deine persönlichen Beweggründe? In meinem beruflichen Alltag sind medi­ zinethischen Themen sehr präsent. Wach­ koma, Querschnittlähmung, schwere Hirn­ verletzung oder Doppeltrauma; das sind ja nicht die einfachsten Schicksale, die un­ sere Patientinnen und Patienten haben. Da bewegt man sich immer in diesem Span­ nungsfeld von Medizin und Ethik. Auch interessieren mich philosophische Fragen, so dass ich an der Universität Luzern das CAS «Medizin und Philosophie» absol­

Welche Entwicklung im Schweizer Gesundheitswesen hältst du für realistisch? Gemessen an der Maxime menschenge­ recht und bezahlbar, wünsche ich mir, dass wir mit den verfügbaren Geldern das Op­ timum für unsere Kerntätigkeit an der Pa­ tientin und am Patienten hinkriegen, und zugleich zufriedene Fachkräfte haben, die Bedingungen vorfinden, unter denen sie gute Arbeit leisten können. Ich bin über­ zeugt, dass wir eine bessere Qualität errei­ chen, wenn wir die jetzigen Mittel geziel­ ter einsetzen. Das klingt alles sehr abstrakt und ist in der Umsetzung extrem komplex. Es ist halt immer schwierig, wenn das Sys­ tem von den starken Playern wie den Kan­ tonen, Leistungserbringern (Kliniken und Spitäler) und Versicherern gesteuert wird. Die Interessen sind teils sehr unterschied­ lich. Dann brauchen die Veränderungen auch lange. Aber ich habe das Gefühl, der Grossteil der Leute, die in diesem Gesund­ heitswesen arbeiten, ist sehr engagiert und

Vizepräsident Stephan Bachmann setzt sich für eine ganzheitliche, bezahlbare Medizin ein.

viert habe. Letztlich sind es die grundlegen­ den Themen des Lebens, die mich antrei­ ben. Zudem ist mir der interprofessionelle Austausch sehr wichtig. Ich bin in mehre­ ren Gremien tätig, die unterschiedlichst zu­sammengesetzt sind, und ich profitiere sehr von diesen Begegnungen. Auch in un­ serem Vorstand sind Ärzte und Ärztinnen dabei, Leute aus der Pflege, der Therapie, der Administration. Unser Vorstand führt die Akademie so, wie wir uns die Führung eines Spitals auch vorstellen.

hat eine grossartige Haltung. Es ist ja nicht so, dass wir die Mehrheit in eine komplett andere Richtung bekehren wollen. Ich glau­ ­be, wir sind in der Schweiz im Grundsatz gut unterwegs. Du kannst dich ja selber fragen: Möchtest du an einem anderen Ort als in der Schweiz ins Spital? Ausführliche Informationen zur Akade­ mie Menschenmedizin sowie zu den Ter­ minen des «Café Med» finden sich auf der Webseite www.menschenmedizin.com. 19


HINDERNISFREIES BAUEN

BEDÜRFNISGERECHTE PLANUNG

Bauherrenberatung «hindernisfrei Bauen»

Der Bau oder Umbau von Wohnbauten oder Geschäftsimmobilien ist ein komplexes Unterfangen. Wir vom ZHB stehen den Bauherren bei Bedarf beratend zur Seite.

Von Felix Schärer

55-Jährige eine Wohnung für ihre Bedürf­ nisse gestalten lassen. Im Rahmen einer kostenlosen Erstberatung erteilte ihr das ZHB eine erste Expertise (individuelle Bau­ beratung). Diese Erstberatung reichte der arbeitstätigen Treuhänderin, die von zu Hause arbeitet, noch nicht und sie erteilte dem ZHB ein Bauherrenberatungsmandat. Dies beinhaltete die Projektbesprechung mit der Wohnbaugenossenschaft, die Fach­ beratung während der Ausführungspla­ nung sowie die Baubegleitung und die Schnittstelle zur IV.

Planbesprechung: Theres Rickenbacher lässt sich beraten

Die Bauherrschaft hat sich um vieles zu kümmern. Es sind nicht nur architektoni­ sche Sachfragen zu klären, sondern auch juristische oder wirtschaftliche. Bei der Hindernisfreiheit kommt ein architekto­ ni­scher Bereich hinzu, auf welchem der planende Architekt als Generalist in der Re­gel kein Experte ist. Um diese Lücke zu schliessen, bietet das ZHB eine Bauherren­ beratung «hindernisfrei Bauen» für private Bauherren (Wohnen) sowie auch für Fir­ men (Arbeiten) an. Die Bauherrenberatung um­fasst Dienstleistungen als Mittler zwi­ schen der Bauherrschaft und den Bau­p­la­nern. Unsere Aufgabe ist es, die Fach­ kompetenz beider Seiten miteinander zu 20

verbinden und gegenseitig nutzbar zu ma­ chen. Was das beinhaltet, erläutere ich an­ hand zweier Beispiele. Wohnen Theres Rickenbacher wohnt in der Inner­ schweiz. Sie betont, sie fühle sich nicht be­ hindert, sondern werde durch das bauliche Umfeld behindert gemacht. Bereits seit fünf Jahren sucht sie nach einer Lösung, um näher ins urbane Zentrum zu ziehen. Bei der Orthotec liess sie ihr Auto um­ bauen und hörte dort zum ersten Mal von den Dienstleistungen des ZHB. Im Som­ mer 2020 nahm sie mit uns Kontakt auf. Im geplanten Haus Abendruh möchte die

Dank guten Argumenten kann die Bau­ kom­mission überzeugt werden, bereits in einer frühen Projektphase die Fachbera­ tung des hindernisfreien Bauens beizu­ ziehen. Man entschliesst sich, zwei Miet­ wohnungen im MFH mit erhöhten An­forderungen hindernisfrei auszustatten. Die übrigen Wohnungen sind «hindernisfrei anpassbar» geplant. Sie entsprechen der gültigen Norm SIA 500 Hindernisfreie Bau­ten. Zusätzlich werden die individuel­ len Bedürfnisse von Theres Rickenbacher aufgenommen und in der späteren Pla­ nungsphase berücksichtigt. Dies alles wird an einer Baukommissionssitzung im No­ vember 2020 besprochen. Für die Innerschweizerin ist es nicht das erste Mal, dass sie kämpfen muss. Mehr­ mals habe sie früher erfahren, dass ihre in­ dividuellen Bedürfnisse immer vorschnell mit der Kostenfrage abgetan wurden. Zum ersten Mal hatte die E-Rollstuhlfahrerin Paracontact I Herbst 2021


das Gefühl, ernst genommen zu werden. Die Präsidentin der Wohnbaugenossen­ schaft, Monika Arnold, habe sich immens eingesetzt und mit Zuzug des ZHB konnte Theres Rickenbacher einen Beitrag leisten, um dem Ziel ihrer hindernisfreien Woh­ nung näher zu kommen. Ehrlich gesagt, sei sie sehr gespannt auf das End­ergebnis! Für Monika Arnold wäre es toll, wenn die Liegenschaft ein «Haus für alle» wird. Es hat sie begeistert, in der Neubauplanung Wohnungen für Menschen mit Beeinträch­ tigung zu integrieren. Dafür engagiert sie sich, deswegen ist sie an den Vorstand gelangt. Das Ziel ist es, Menschen in ver­ schiedenen Lebenssituationen ein attrak­ tives und möglichst selbständiges Wohnen in einer schönen Umgebung und Ge­ meinschaft zu ermöglichen. Wir vom ZHB

sind zusätzlich überzeugt, dass die Ver­ mietbarkeit eines hindernisfrei geplanten Objektes besser ist. Ein Mehrwert für alle also. Arbeiten Wir erhalten auch Anfragen von Firmen. So beraten wir zurzeit ein technologieund innovationsgetriebenes Unternehmen aus dem Aargau. Dieses beschäftigt ambi­ tionierte Mitarbeitende und hat das Ziel seine Attraktivität als Arbeitgeber zu stei­ gern, indem Chancengleichheit für alle gilt. Der 2018 fertig gestellte Neubau wurde zwar gemäss der relevanten Norm SIA 500 Hindernisfreie Bauten geplant – in der be­ trieblichen Umsetzung zeigte sich dann nach der Anstellung von Personen im Roll­ stuhl aber Verbesserungspotenzial bezüg­ lich Hindernisfreiheit. So erhielten wir

den Auftrag zur Prüfung des Hauptsitzes, der folgende Punkte beinhaltete: Über­ prüfung der Zugänglichkeit unter Einhal­ tung von betrieb­lichen Konzepten (Sicher­ heitsstandards), Aufzeigen der Anpass­barkeit der Arbeitsplätze; Aufzeigen von Verbes­serungs­potenzial. Nachhaltigkeit im Bauen Sowohl für Wohnbauten als auch für Ge­ werbe-, Industrie- und Bürobauten ist die Hindernisfreiheit ein Teil der Nachhaltig­ keit. Fortschrittliche Firmen haben dies erkannt und holen sich die nötige Fach­ unterstützung, um ihre Ziele zu erreichen. Damit werden Menschen mit Behinderun­ gen gegen Diskriminierung geschützt und ihre Inklusion und ihre Gleichstellung in der Gesellschaft gefördert.

Haus Abendruh, Ibach SZ, Wohnbaugenossenschaft St. Martin, Schwyz Nach dem öffentlichen Auftrag zur Umsetzung von günstigem Wohnraum konnte die Wohnbaugenossenschaft die Gemeinde Schwyz mit ihrem Wohnkonzept überzeugen. An zentraler Lage und umgeben von Alter­sheim, heilpädagogischer Schulanlage und Einkaufscenter bildet die Liegenschaft den Übergang zum anschliessenden Wohngebiet. Das Projekt bildet in diesem sozialen Umfeld ein Bindeglied zwischen betreuten, öffentlichen Einrichtungen zum Wohnungsbau. Die Bauherrschaft wollte neben attraktivem und günstigem Mietwohnraum eine weitere fehlende Kom­ ponente zur Wohnraumqualität einbinden: das selbstständige Wohnen für Menschen mit Beeinträchtigung. Diese Aufgabenstellung weckte bei allen Beteiligten die Frage nach dem Umfang respektive der Bedeutung von hindernisfreier Architektur. Welchen Beeinträchtigungen und welchem Behinderungsgrad muss und will man gerecht werden, damit selbständiges Wohnen möglich ist? Diese Paracontact I Herbst 2021

Fragen und das Verständnis konnten in einem ersten aufklärenden Beratungsgespräch mit Felix Schärer von der SPV und anhand des Fallbeispiels von Frau Rickenbacher angegangen werden und bilden eine fundierte Grundlage für weitere Bauentscheide. Dabei war die gegenseitige planerische Kompetenz der SPV und des Architekten zielführend für das Ergebnis. Wir als Architekten wurden für ein weiteres Thema der Nachhaltigkeit sensibilisiert und konnten feststellen, dass ohne Einschränkung der Architektur auf

Bedürfnisse von Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen eingegangen werden kann und diese auch für Menschen ohne Beeinträchtigung eine Bereicherung sind. Es wurde uns aber auch bewusst, dass es in der Vielfalt der Beeinträchtigungen nicht das einzige abschliessende Rezept gibt. Nachhaltig ist, wenn mit einer fundierten Basis und geringem Mehraufwand auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingegangen wird. ARDE Architektur AG, Brunnen/Renato Arnold

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KULTUR UND FREIZEIT

DESTINATIONEN 2022 Aktivferien für alle Mitglieder Skiwoche Arosa 27.3.–1.4.2022 Skiwoche Zinal 4.–8.4.2022 Rapperswil Sommerplausch 7.–14.8.2022 Regionenreisen für alle Mitglieder Holland 30.4.–7.5.2022 Steiermark 11.–18.6.2022 Rundreisen für alle Mitglieder Thailand 13.–26.11.2022 Costa Rica 2.–16.12.2022

PARAREISEN

Endlich wieder Koffer packen! Wer hätte gedacht, dass es noch so lange dauern würde, bis wir endlich wieder ins Ausland verreisen dürfen. Jetzt freuen wir uns aber umso mehr, Ihnen eine ganze Palette an Feriengefühlen zu ermöglichen. Von Gabi Bucher

Einige der Reisen, welche wir in den letzten 18 Monaten nicht durchführen konnten, übernehmen wir aus dem letzten Katalog – so zum Beispiel die Tetraferien in der Algarve. Ganz speziell freuen wir uns darauf, dass endlich wieder Badeferien für Tetra­plegiker in der Südtürkei möglich sind.

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Und eine beson­dere Attraktion ist sicher die Rundreise durch Costa Rica. Alle Reisen sind ab dem 8. November 2021 nach dem «Fototreff» online buchbar. Infos zu diesem Anlass finden Sie auf Seite 24 dieser Ausgabe. Anmeldung «Fototreff» spv.ch/veranstaltungen

Badeferien für Mitglieder mit Tetraplegie La Palma 27.3.–3.4.2022 Grado 3.–10.9.2022 Südtürkei 15.–22.10.2022 Regionenreisen für Mitglieder mit Tetraplegie Holland 23.–30.4.2022 Südtirol 11.–18.6.2022 Algarve 25.6.–2.7.2022 Tirol 20.–27.8.2022 Spezialwoche Schwarzwald* 7.–14.5.2022 Kreuzfahrt für Mitglieder mit Tetraplegie Mittelmeer MSC Splendida 21.–28.5.2022 Reisen für französischsprechende Mitglieder Madrid 17.–24.9.2022 Baskenland 10.–17.9.2022 Reisen für alle Mitglieder mit Warteliste Regionenreise Schottland 1 7.–14.8.2022 Schottland 2 14.–21.8.2022 * Anmeldung mit

fixer Betreuungsperson

Paracontact I Herbst 2021


Highlights 2022

RUNDREISE COSTA RICA Für alle Mitglieder

Costa Rica ist ein Naturparadies. Aktive Vul­kane, dichte Regenwälder, tosende Was­­­serfälle und karibische Sandstrände, das sind nicht nur traumhafte Landschaften, sondern vor allem Lebensraum für unzäh­ lige Tier- und Pflanzenarten. Der Nationalpark Manuel Antonio an der südpazifischen Küste ist bekannt für seine nicht-menschenscheuen Bewohner. Ein Fernglas ist hier ein hilfreiches Utensil, um Tiere an Land, in der Luft, aber auch im Wasser zu entdecken. Im Nationalpark Arenal Volcano erleben wir die Flora und Fauna von oben. An der Zipline gleiten wir durch die Baumkronen. Bei guter Sicht sehen wir den Kegel des Vulkans Arenal, dem jüngsten Vulkan des Landes und einer der aktivsten der Welt. Zahlreiche weitere Aktivitäten warten auf die Teil­nehmenden (Kochkurs, Kayaking, Surfen). Wer in Costa Rica typisch essen möchte, besucht eine der zahlreichen So­das, die kleinen familienbetriebenen Imbissbuden oder deckt sich auf dem Markt mit bekann­ ten oder weniger bekannten Früchten ein. Datum 2.–16.12.2022 Inklusive Direktflug ab Zürich, 14 Übernachtungen im DZ, (5 Nächte all-inclusive, 9 Nächte inkl. Frühstück, 5 zusätzliche Mahlzeiten), Ausflüge und Transfers Paracontact I Herbst 2021

REGIONENREISE HOLLAND

REGIONENREISE STEIERMARK

Für alle Mitglieder und für Mitglieder mit Tetraplegie

Für alle Mitglieder

Ein absolutes Highlight dieser beiden Rei­ sen ist der Besuch der Floriade Expo 2022. Sechzig Hektar Land, vierzig inspirieren­ ­de Länderpräsentationen, ein spektakulä­ rer Gewächshauskomplex und eine echte Seilbahn quer durch den Park. Nicht um­ sonst gilt die Floriade Expo als eine der wichtigsten Gartenbauausstellungen der Welt.

Selbstbewusst bezeichnet sich Graz, die Hauptstadt der Region Steiermark, als Kul­ tur- und Genusshauptstadt. Die historische Altstadt ist seit 2010 Teil des UNESCO­ Weltkulturerbes. Das Herzstück bildet der Schlossberg. Eine Standseilbahn, ein Lift und zahlreiche Wege verbinden das Plateau mit dem Stadtkern.

Natürlich ist Holland auch bekannt für Tulpen, Wind­mühlen und Holzschuhe. In einigen kleineren Dörfern finden sich nach wie vor holländische Häuschen und Be­woh­ner, die sich in der traditionellen Tracht zeigen. Echts hollands eben – typisch holländisch. Als Gegensatz die hippe Hauptstadt Am­ sterdam. Trendige Bars und Restaurants sowie innovative Läden begeistern Reisen­ ­de jeden Alters. Die zahlreichen Grachten und Brücken verleihen der Stadt einen ro­ mantischen Charme, den Sie am besten vom Wasser aus geniessen.

Daten 23.–30.4.2022 für Mitglieder mit Tetraplegie 30.4.–7.5.2022 für alle Mitglieder Inklusive An- und Rückreise mit SPV-Bus, 7 Übernachtungen im DZ mit Halbpension, Ausflüge und Transfers

Die zweitgrösste Stadt Österreichs bietet jedoch nicht nur spannende Geschichte(n) und fesselnde Kulturerlebnisse, sondern verwöhnt auch die Geniesser. In vielen Lo­ kalen werden Wein und Speisen aus der umliegenden Region kredenzt. Das viel­ fältige regionale Angebot, die herzliche Gast­freundschaft und das südliche Flair machen Ihren Aufenthalt zum unvergleich­ lichen Erlebnis – eine Stadt zum Wohlfüh­ len! Die ländliche Kultur lernen Sie im Frei­ lichtmuseum Stübing kennen. Gezeigt wird hier das bäuerliche Leben der österrei­chi­ schen Landbevölkerung der letzten sechs Jahrhunderte. Eine Zeitreise im Schnel­l­ durchlauf. Datum 11.–18.6.2022 Inklusive An- und Rückreise mit SPV-Bus, 7 Übernachtungen im DZ mit Frühstück, Ausflüge und Transfers Anmelden Ab dem 8. November 2021 nehmen wir Ihre Reservationen entgegen. 23


RUBRIK UND FREIZEIT KULTUR

WOHLBEFINDEN

Workshop «Farben und Stil»

AKTIVITÄT

Rückblick Swiss-Trac-Kurs Am 29. Mai 2021 fand der Swiss-Trac-Kurs in Küssnacht am Rigi statt. Der Kurs wurde so aufgebaut, dass die Teilnehmenden ver­schiedene Fahrtechniken mit dem Swiss-Trac üben konnten; sei dies während eines Parcours oder durch das Befahren von diversen Hindernissen. Nach einer Stärkung am Mittag ging es zum Bahnhof in Küssnacht. Dort wartete bereits ein Bus mit Chauffeur auf die Gruppe. Die Teilnehmenden lernten, wie sie am besten in einen Bus einsteigen und wie der Swiss-Trac im Bus befestigt werden soll. Der Bahnhof wurde anschliessend von den Teilnehmenden un­­ sicher gemacht: die Rampen wurden befahren, die Lifte getestet und sogar der Zug wurde von einigen Teilnehmenden befahren. Der Kurs war ein voller Erfolg und die Teilnehmenden konn­ ten viel Neues lernen. Der nächste Kurs ist für 2022 geplant. Infos finden Sie ab November auf www.spv.ch. Anmelden www.spv.ch/ veranstaltungen 24

Fabienne Thali, Farb- und Stilberaterin und Personal Shopperin, verhilft Ihnen mit ein­ fachen Tipps zum passenden eigenen Look. Fabienne Thali zeigt Ihnen mit Tipps und Tricks, wie Sie mit gezielt ausgewählten Outfits Ihre Persönlichkeit hervorheben und betonen können. Erfahren Sie in die­ sem Workshop, welche Kleidung und wel­

che Accessoires sich gut kombinieren und wie sich Farben, Muster und Schnitte ein­ setzen lassen, und erhalten Sie wertvolle Anregungen für Ihre Kleiderwahl. Datum 15.9.2021 Zeit 14.00 – 16.00 Uhr Ort Hotel Sempachersee, Nottwil

KURS FÜR MITGLIEDER

Mobilitätskurs

Sie möchten Ihre Mobilität im Rollstuhl verbessern oder noch etwas zum Thema schulterschonende Antriebstechnik lernen? Dann ist der Mo­bilitätskurs genau das Richtige für Sie. In einem Mix aus Theorie und Praxis verbessern Sie Ihre Mobilität im Rollstuhl und lernen neue Fahrtechniken kennen. Der Kurs findet am Frei­ tagnachmittag auf dem Gelände des SPZ Nottwil statt. Am Samstag gilt es, den speziell für Roll­ stuhlfahrer konzipierte Foxtrail «Zeus barriere­ frei Luzern» unter die Räder zu nehmen. Besu­ chen Sie diesen Kurs, um im Alltag noch besser unterwegs zu sein. Datum 1./2.10.2021 Zeit 13.00 – 17.00 / 9.00 – 16.00 Uhr Ort SPZ Nottwil und Luzern

KULTUR

Weihnachtsmarkt Der Weihnachtsmarkt erscheint in neuem Kleid. Auf dem neu gestalteten Begegnungsplatz vor dem SPZ laden Marktstände zum Schlendern und Stöbern ein. Für das leibliche Wohl ist gesorgt und ein stimmiges Rahmenprogramm trägt zur Unterhaltung bei. Der Markt findet am zweiten Advent, 5. Dezember 2021, statt. Verbinden Sie den Marktbummel mit dem Besuch des Adventskonzertes und lassen Sie weihnächtliche Stimmung aufkommen.

INFORMATION

Fototreff Der Fototreff findet am 7. November 2021 statt. Wir begrüssen Sie zum beliebten Anlass mit Ausblick aufs Reise­jahr 2022. Dieses Jahr mit Brunch im Restaurant Vivace in Nottwil. Wir freuen uns, Ihnen neue Bilder von unseren Reisen zu zeigen. Paracontact I Herbst 2021


KULTUR UND FREIZEIT

DRITTE LEBENSPHASE

Zu Hause angekommen Was macht ein Rollstuhlfahrer nach der Pensionierung? Einen Traum verwirklichen für eine selbstständige dritte Lebensphase. Von Gabi Bucher

Peter Gilomen blickt auf ein bewegtes Le­ben zurück. Als er vor 57 Jahren durch einen Arbeitsunfall in den Roll­ stuhl kam, gab es noch kein Paraplegiker-Zentrum. Er ge­ riet mit 17 Jahren bei der Arbeit unter ein Garagentor. «Ich war eine Weile ohn­mäch­tig, dann legten mich die Kolle­ gen auf eine Woll­decke und verabreichten mir einen Cognac», erzählt er. Zwei ganze Jahre verbrachte er im Spital Interlaken, dann noch ein paar Mona­te in der Reha­ klinik Tobelbad in Österreich. Peter Gilomen gehört zu den Pionieren im Rollstuhl. Er hat nicht nur viel erlebt, er hat auch viel bewegt. Er erinnert sich an die Rennrollstühle und die ersten Langlaufschlitten, die er damals gebaut hat. Viele gute Momente, viele unglaubliche Erinne­ rungen und ein schönes Leben an der Seite seiner Ehefrau Erika, welche er wäh­

rend der zweiten Lehre nach seiner Reha in einem zahn­ technischen Labor in Thun kennen- und liebenlernte. Schwerer Schlag Und dann, vor fünf Jahren, ver­ starb Erika. Ihr Tod warf Peter Gilomen aus der Bahn. Er verkaufte das Haus und mietete sich eine Wohnung. «Es ging nicht mehr. Das Haus war zu gross, zu viel Um­ schwung und über­haupt …», meint er mit einer abwehrenden Handbewegung. Jetzt war niemand mehr da, der ihn unter­ stützte, moralisch, aber auch ab und zu bei gewissen Handgriffen und Hilfestellun­ gen, die im Alter schwie­ri­ger werden. «Wir waren ein gutes Gespann», sagt er weh­ mütig.

Es dauerte eine Weile, bis Peter sich wie­ der fing und sich ein neues Ziel setzte. Er wollte noch einmal etwas bewegen, ein

neues Projekt anfangen. In Innertkirchen im Haslital, dem Dorf, wo er die ersten 17  Jahre seines Lebens verbracht hatte, fand er zentrumsnahe ein Stück Land. Mit sei­ nem Bauleiter aus Meiringen plante und verwirklichte er ein neues Haus nach sei­ nen Vorstellungen. «Er ging auf all meine Wünsche und Bedürfnisse ein, das ist nicht selbstverständlich», betont Peter. Absolut rollstuhlgängig sollte es werden, keine Bar­ rieren, welche ihm das Leben erschweren. Moderne Technologie Ein grosses, helles, geschmackvoll gestalte­ tes Wohnzimmer folgt auf ein breites En­ trée. «Ich brauche Platz zum Navigieren», sagt Peter lachend. Die adaptier­te Küche ist ausgestattet mit mondernsten Geräten. Als Hobbykoch bereitet er für sich allein auch schon mal einen Dreigänger zu. Der Übergang zur Terrasse ist schwellenfrei mit Schiebefenstern, die er problemlos be­ dienen kann. Rund ums Haus Steinplat­ ten, ein Steingarten, ein Hochbeet, ei­ne Blumenwiese, aber kein Rasen. «Ich will so lange wie möglich selbstständig und mit so wenig Aufwand wie möglich hier le­ ben», erklärt er. Das Haus hat zwar einen oberen Stock, «den habe ich aber nur auf Fotos gesehen. Ich brauche ihn nicht und wollte keinen Lift einbauen müssen. Wer auch immer nach mir hier wohnt, kann die­sen nach seinen Vorstellungen ausbau­ ­en.» Fotovoltaik und Wärmepumpe fehlen selbstverständlich auch nicht. Zeit für Gemütlichkeit Einleben musste der Luzerner sich nicht in der Gemeinde, er kennt noch den einen oder anderen und den Dialekt beherrscht er, als wäre er nie weg gewesen. «Ennet dem Brünig wechsle ich ins Haslitiitsch», erklärt er. Die Menschen hier seien offen, «und sie haben Zeit. Wenn ich mit dem Swiss-Trac unterwegs bin, kann es vor­ kommen, dass ein Bauer für einen Schwatz kurz innehält beim Arbeiten.» Alles sei ge­ mächlicher hier, das komme ihm entgegen. «Ich brauche auch mehr Zeit – jetzt, wo ich älter werde.»

Peter Gilomen hat wieder Fuss gefasst im Leben und freut sich darauf, sein neues Zuhause weiter einzurichten. Das Projekt hat ihm neuen Lebensmut gegeben. Paracontact I Herbst 2021 25


Zenit R

Zenit R CLT

Zenit

Zenit

Stabil, flexibel, effizient Zenit R Eine Vielzahl von Einstellmöglichkeiten machen den Zenit R extrem flexibel und ermöglichen eine individuelle Anpassung. Seine optimierten Starrahmeneigenschaften verleihen der Fortbewegung eine neue Qualität. Zenit R CLT Dank fest verschweisster Komponenten überzeugt die CLT-Version durch geringes Gewicht und hohe Stabilität, was die Effizienz der Kraftübertragung steigert und die Dynamik beim Fahren maximiert. Zenit Der Faltrahmenrollstuhl im optischen Gewand eines Starrahmens zeigt sich extrem flexibel, wenn es darum geht, sich dem aktiven Alltag anzupassen.

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Paracontact I Herbst 2021


KULTUR UND FREIZEIT

NEUES FREIZEITANGEBOT

Vom Winde verweht Anfang Mai lud der Tessiner Rollstuhlclub InSuperAbili zur Einweihung des neu erworbenen rollstuhlgängigen Heissluftballons ins Stadio di Cornaredo in Lugano. Von Gabi Bucher

Alles war bereit für den grossen Tag: Der Ballonkorb stand mitten auf dem Fussball­ feld, die Hülle ausgelegt, die Eingangskon­ trolle bereit mit Fiebermesser und Listen zum Erfassen der Daten der Gäste. Heute sollte der rollstuhlgängige Ballon einge­ weiht werden, welcher «InSuperAbili» neu zur Verfügung steht. Die Clubmitglieder im Rollstuhl würden die Möglichkeit ha­ ben, am Seil auf 30 Meter aufzusteigen, um ein erstes Gefühl fürs Ballonfahren zu bekommen.

Der Ballon blieb zwar am Boden ...

… nicht aber die Moral der Festbesucher Paracontact I Herbst 2021

«dann habe ich zugesagt.» Denn «InSuper­ Abili» sind gerne zu haben für neue, span­ nende Angebote für Rollstuhlfahrer. Mit finanzieller Unterstützung der Paraplegi­ ker-Stiftung und der Zusage einer Zusam­ menarbeit der Grup­po Aerostatico konn­te der Club den Ballon erwerben.

Apéro und rosarotes Risotto Geflogen wurde zwar nicht, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Fotos wur­ den gemacht, vor und im Korb, die Kin­ der belagerten die Hüpfburgen und rann­ ten den unglaublichen Schaumgebilden Aber pünktlich zum Zeitpunkt der offiziel­ nach, welche der Wind aus den Seifenbla­ len Eröffnung frischte der Wind auf. Die sengeräten riss. Dann begaben sich die rotweissen Absperrbänder spielten ver­ Gäste in den ersten Stock des Stadions. rückt, das Rednerzelt zitterte, das grosse Plakat von «InSuperAbili» hatte, entgegen seinem Namen (die Unbezwingbaren) den Windstössen nicht standgehalten und lag am Boden. Die Schaumstoffplatten der Hüpf­b urgen fegten übers Feld, Hunde jag­ ten sich gegenseitig wie angetrieben, ein winziger Zwergpudel, wohl aus statischen Gründen an seiner Leine befestigt, schaute ihnen sehnsüchtig zu.

Unschlagbares Angebot Die Organisatoren konsultierten ihre Han­ dys. Die Ballonfahrer machten sich an der Ballonhülle zu schaffen, diese hob ab, voll­ führte einen unglaublichen Wellentanz, wurde mit viel Kraft wieder auf den Boden zurückgeholt und eingerollt. Mit diesem Wind war an kein Aufsteigen zu denken, auch nicht am Seil. Mit Verspätung folgte die offizielle Begrüssung. Marco Borradori, Bürgermeister von Lugano, bedankte sich bei «InSuperAbili» und sprach ihnen seine Bewunderung aus für ihren grossen Ein­ satz für die Querschnittgelähmten. Walter Lisetto, Präsident des Rollstuhlclubs, dank­ ­te seinerseits für die Unterstützung der Stadt. Ein Fernsehteam interviewte Offi­ ziel­­le und Gäste und liess sich erklären, wie der Ballon ins Tessin gekommen ist. Dieser war jahrelang unbenutzt in Freiburg ein­ gelagert, bis sein Besitzer Pierre Galley ihn seinem Bekannten Andrea Defanti der Gruppo Aerostatico Ticino anbot mit der Auflage, dass er für Rollstuhlfahrer genutzt werde. Da kamen «InSuperAbili» ins Spiel. «Ich musste kurz überlegen», erinnerte sich Walter Lisetto an das damalige Telefonat,

Seifenblasenwunder für die Kinder

Beim Apéro und anschliessendem Risotto mit Heidelbeeren und Taleggio prostete man sich zu und freute sich sichtlich dar­ über, endlich wieder gemeinsam zu plau­ dern und die Geselligkeit zu geniessen. Der Wind hatte zwar den Ballon in die Knie gezwungen, nicht aber «InSuperAbili». Sie haben es geschafft, ihren Gästen ein paar gemütliche Stunden und einen unver­ gesslichen Tag zu schenken; wenn auch anders als geplant. Die Einweihung wurde am 13. Mai erfolgreich mit über 100 Perso­ nen nachgeholt, zusätzliche Anlässe sind vorgesehen. Anfragen Interessierte für Ballonfahrten im Tessin wenden sich an www.insuperabili.ch. Für die übrige Schweiz www.gruppoaerostatico.ch 27


KULTUR UND FREIZEIT

AKTIVITÄT

Grosse Hunde, kleine Züge Am letzten Mai-Wochenende fand nach einjähriger Pause der traditionelle Ausflug der Ressortleiter Kultur und Freizeit der Rollstuhlclubs statt. Ein toller Ausflug mit viel Sonnenschein und regem Austausch. Von Yvonne Rölli

Der Ausflug führte die Teilnehmenden bei prächtigem Wetter in die Westschweiz. Ei­ nige fuhren mit dem Bus von Nottwil ins Wallis nach Martigny. Viele reisten aber ei­ genständig an, sei es mit dem Privatfahr­ zeug oder mit dem ÖV. Nach einer kulina­ rischen Stärkung statteten wir dem Barry­ land einen Besuch ab. Wir erhielten viele interessante Informationen rund um die Bernhardiner. Ein Spaziergang mit eben ei­ nem solchen durfte da nicht fehlen. Der anschliessende Museumsbesuch bot einen spannenden Einblick in die Geschichte von Barry und all seinen Nachfahren. Die Teil­ nehmenden zeigten sich beeindruckt ob all der wissenswerten Informationen. Bis im Jahr 2025 soll ein neuer Themenpark rund um die Bernhardiner entstehen. Eine Übernachtung im «Kloster» Die Nacht verbrachten wir in St-Maurice, welches als kulturelles Juwel in der Region Portes du Soleil – Chablais gilt. Das Hotel «Hôtellerie Franciscaine» wird von einem 28

Kapuzinerorden geleitet und befindet sich direkt neben dem Kloster aus dem 17. Jahr­ hundert. Nach dem Abendessen unterhielt Nico Brina, Sänger und Pianist, mit einer Boogie-Woogie- und Rock’n’Roll-Show die Gruppe. Anschliessend zogen einige Nacht­ ­schwärmer weiter ins Städtchen. Miniatureisenbahn Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück in den am Genfersee gelegenen Swiss Vapeur Parc in Le Bouveret. Der Er­ lebnispark ist ein idealer Ort für Familien und lädt zum Verweilen und Spazieren ein. Wunderschöne alte Dampfloks und Loko­ motiven von nah und fern ziehen dort ihre Bahnen. An die Loks angekuppelt werden vier bis acht entsprechende Wagen, mit wel­ chen sich die Besucher mehr als zwei Ki­ lo­meter durch die Landschaft ziehen las­ sen können. Für Rollstuhlfahrer wird dies mit einer speziellen Plattform möglich ge­ macht. Alle Teilnehmenden liessen es sich nicht nehmen und probierten die Züge aus.

Neu vier Online-Sitzungen pro Jahr Dieses Wochenende war ganz dem gesel­ ligen Austausch gewidmet. Neu finden da­ rüber hinaus jährlich vier Online-Sitzun­ gen statt. In diesen Treffen informiert die SPV über Neuigkeiten aus der Abteilung und die KF-Ressortleiter können sich ein­ bringen.

Die Ausflüge sollen den Ressortleitern je­ weils auch als Anstoss für neue Ideen für eigene Ausflüge mit den Rollstuhlclubs die­ nen. Nachdem im Jahr 2019 das Tessin und nun die Westschweiz an der Reihe waren, werden wir im nächsten Jahr vor­ aussichtlich in der Deutschschweiz unter­ wegs sein. Dieses Ausflugswochenende war ein toller Anlass und wir freuen uns, noch viele sol­ che durchzuführen und den Austausch mit den Ressortleitern zu pflegen.

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KULTUR UND FREIZEIT

PILOTPROJEKT NACH CORONA -PAUSE

Auf zu neuen Ufern Nach 18 Monaten konnte die erste Reise der SPV wieder stattfinden. Eine Gruppe Tetraplegiker fuhr für eine Woche nach Locarno. Von Gabi Bucher

Da stand er endlich wieder, der SPV-Reise­ bus, zum ersten Mal nach über 18 Mona­­­­ten, bereit zur Abfahrt. Grosse Vorfreu­de herrsch­te, aber auch ein bisschen Nervosi­ tät. An­nullationen, Verschiebedaten, Um­ ­buchungen, Vertröstungen waren während der letzten 18 Monate tägliches Brot der Reisefachfrauen gewesen. Nun durf­te die Reisesaison 2021 endlich beginnen.

freute sich, endlich wieder unter Leute zu kommen, Marcello wollte einfach nur den Alltag hinter sich lassen und Martin fand, es habe doch auch etwas Gutes, so sei die Reise viel kürzer! «Und die Abwechslung einer solchen Reise ist für mich unbezahl­ bar.» Spätestens nach dem Bezug der Un­ terkunft im Tertianum in Locarno waren auch die letzten Vorbehalte verschwunden. So luxuriös habe sie noch nie gewohnt, meinte eine der Begleiterinnen, welche seit 20 Jahren mit dabei ist: Eine richtige Woh­ nung mit einem Zimmer für den Tetraplegiker und einem für die Begleitperson, «und endlich mal genügend Platz für all das Material, welches wir jeweils mitführen», schwärmte sie.

Die Voraussetzungen stimmten: Alle Reise­ teilnehmenden hatten ihren PCR-Test ab­ gegeben, waren vor der Abfahrt nochmals getestet worden und ihre gemessene Tem­ peratur war auf der Teilnehmerliste ver­ merkt. Kurz vor 13 Uhr ging es los, nicht Richtung Südtirol wie ursprünglich ge­ plant, sondern nach Locarno, denn fürs erste Halbjahr hatte die Reiseabteilung für Schulreiseatmosphäre jede Auslandreise eine Alternativ-Reise in Die Teilnehmenden waren alle erfahrene der Schweiz angeboten. Reisende, unkompliziert «und schnell für etwas zu begeistern», stellte Gruppenleiter Hauptsache, weg Bruno Ehrensperger fest. Die gut gelaunte Für Ines war das zwar eine Enttäuschung, Schar erinnerte ab und zu an eine Gruppe sie hatte sich aufs Südtirol gefreut, für Paul Jugendlicher auf Schulreise. Es wurde viel kein Problem, er liebt das Tessin, für Alex gelacht und gescherzt, vor allem im Extra­ wars eine Reise in seine alte Heimat, Sepp wagen für Rollstuhlfahrer der Monte-Ge­

neroso-Bahn. Paul traute zwar den Fixiergurten nicht ganz, Martin fragte sich, ob er den steilen Aufstieg heil überstehen würde, Marcello rief kurz mal «Mamma mia», was Ines zur Bemerkung verleitete, die könne jetzt auch nicht helfen. Sie ihrer­ seits hoffte, dass dies nun nicht der Mo­ ment ihres letzten Stündleins sei, und Alex brauchte ein Bier. Aber man merkte, dass die Bahnmitarbeitenden gewohnt sind, mit Rollstuhlfahrern unterwegs zu sein. «Gerade sechs aufs Mal brauche ich aber nicht alle Tage», meinte einer lachend, der beim Fixieren der Stühle ins Schwitzen ge­ raten war. So ratterten die sechs mit Blick auf die steilen Gleise und schroff runter ins Tal – «und das alles ohne Leitplanken», murmel­ ­te Marcello – Richtung Gipfel. «Geschüttelt, nicht gerührt», wie Alex fest­stellte, wurden sie oben ausgeladen. Im imposanten Res­ taurant «Fiore di pietra» von Mario Botta wartete die Belegschaft bereits, wies Tische an, half beim Registrieren. Nach der ruhi­ geren Talfahrt erwartete die allseits beliebte Chauffeuse Marianne Kenel die Truppe und führte sie sicher zurück nach Locarno. Neuanfang Die Reise verlaufe eigentlich wie üblich, meinte Frédéric Stutz, Pflegeleitung der ParaHelp. Einziger Unterschied seien die Masken, allenfalls noch die Tatsache, dass die fixe Sitzordnung und die VierertischRegel beim Essen im Hotel nicht viel Durchmischung in der Gruppe ermögliche. Aber fürs gesellige Zusammensein gab es genug Möglichkeiten während der Woche. Ein guter Start also in eine hoffentlich er­ folgreiche Reisesaison.

Schulreisestimmung: Mit vereinten Kräften und Spezialwagen auf den Monte Generoso

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ROLLSTUHLSPORT

SERIE 3/4: TOKYO 2020

Zielgerade nach Tokio

Mit einem Jahr Verspätung starten am 24. August die Paralympischen Spiele in Tokio. Catherine Debrunner und Tobias Fankhauser sind zwei von 14 Rollstuhlsportlern in der Schweizer Delegation und hoffen auf Covid-freie Spiele.

Von Nicolas Hausammann

Catherine Debrunner machte bereits mit starken Leistungen an den ParAthletics in Nottwil auf sich aufmerksam und siegte an den Europameisterschaften im polnischen Bydgoszcz über 100, 400 und 800 Meter. Tobias Fankhauser hatte starke Auftritte an den UCI Para-cycling Road World Cham­pionships in Estoril (POR). Aller­ dings reich­­te es dem 31-Jährigen nicht aufs Podest. Zwei undankbare vierte Plätze im Team Relay und im Strassenrennen nimmt der Baselbieter jedoch locker und weiss diese auf dem langen Weg nach Tokio ein­ zuordnen. Auf einer Skala von eins bis zehn, wie zufrieden bist du mit deinem Formstand und den Wettkämpfen? Catherine: «Eine glatte Acht. Ich konnte mich von den ParAthletics in Nottwil über Arbon bis hin zur EM in Polen stetig stei­

gern. Ich habe mein Ferntraining mit mei­ nem niederländischen Trainer Arno Mul gut organisiert, auch wenn es schade ist, dass ich nicht noch mehr mit ihm trainie­ ren kann. Er motiviert mich jedes Mal, über meine Grenzen hinauszugehen und gibt mir wertvolle technische Inputs. Zu­ sammen mit Fabian Ammann, meinem Athletiktrainer der Sportmedizin, harmo­ niert das super, was sich in meiner Form widerspiegelt.» Tobias: «Das bewegt sich zwischen sechs und sieben. Ich habe das Gefühl, dass nach meiner Blasenoperation noch Luft nach oben ist in meiner Formkurve. Ich spüre, wie ich nun die harten Trainings besser durchhalte und sich meine Leistung stei­ gert. Das ist auch nötig, da ich an der WM in Portugal gesehen habe, dass zu den ersten drei noch eine ziemliche Lücke be­ steht.»

Welche letzten Anpassungen wirst du noch vornehmen bis zu den Spielen? Tobias: «Die Hitze-Akklimatisation steht im Vordergrund. Diese wird etwa einen Monat in Anspruch nehmen. Dann werde ich mich natürlich im Training und men­ tal darauf einstellen, mich voll auskotzen zu können, um so das Startfurioso zu über­ stehen. Danach wird es bei den Rennen meist etwas ruhiger, wenn sich die Gruppen gebildet haben.» Catherine: «Es gilt den Feinschliff zu ma­ chen. Ich werde sicher noch an meinen Starts mit den relativ neuen Scheibenrädern arbeiten, da liegt noch was drin.» Was sind deine persönlichen Ziele für die Spiele? Catherine: «Gemeine Frage, da ich mir ja auch nicht zu viel Druck machen will. Träu­ men tue ich natürlich von einer Medaille.

Fokus total: Tobias Fankhauser und Catherine Debrunner sind bereit für die Spiele 30

Paracontact I Herbst 2021


Es muss alles passen, aber ich werde mein Bestes dafür geben und ich bin bereit, das spüre ich.» Tobias: «Ich will einfach meine beste Leis­ tung des Jahres in Tokio abrufen. Alles an­ dere kann ich nicht beeinflussen. Top fünf im Strassenrennen ist realistisch, weiter vorne wäre schön.» Was darf in deinem Koffer nach Japan nicht fehlen? Tobias: «Mein Bike (lacht), und ich freue mich auf die tolle Bekleidung. Biberli, Lä­ ckerli und Schoggi dürfen aber auch nicht fehlen. Eine Art Glücksbringer oder so ha­be ich aber nicht.»

Catherine: «Ein gutes Buch, das mir hilft vor den Rennen abzuschalten. Ausserdem meine Lieblingsmusik auf meinem iPod – ja so etwas gibt es noch und ich liebe mei­ nen. Das ideale «pre-race meal» darf auch nicht fehlen: Appenzeller Biberli (lacht). Da bleibe ich der Ostschweiz treu.» Was überwiegt: die Freude, dass die Spiele immerhin stattfinden können, oder der Ärger, dass es vielleicht nur unvollständige Zeremonien gibt, an denen nicht alle Athleten teilnehmen können? Catherine: «Klar ist das schade. Da man die­ sen Moment, in dem die ganze Anspan­

70-seitiges Playbook für Covid-freie Spiele Bereits vor ihrer Anreise werden die Rachenschleimhäute der Schweizer Delegation strapaziert. Zwei PCR-Tests innert vier Tagen werden vom japanischen Staat verlangt, um überhaupt anreisen zu können. Am Flughafen wird dann gleich ein weiteres Mal getestet. Anina Basler von Rollstuhlsport Schweiz übernimmt die neu kreierte Drehscheibenfunktion in der Schweizer Delegation. Sie ist dafür verantwortlich, dass alle Delegationsmitglieder täglich ihre Temperatur in eine App des Veranstalters eintragen und zu

Paracontact I Herbst 2021

den täglichen Spucktests erscheinen. «Die Spiele werden in einer riesigen Bubble ausgetragen, die aus einem Netz von Wettkampfstätten, Paralympic Village, Trainingsstätten, Hotels und offiziellen Transportmitteln bestehen. Mal kurz echtes local Sushi probieren in Tokio ist nicht erlaubt», erklärt Anina Basler die strikten Vorgaben des Veranstalters. Auch die ansonsten so prunkvolle Schlussfeier mit den paralympischen Athleten wird kleiner ausfallen als in vergangenen Jahren. Denn alle ausgeschiedenen Sportlerinnen und Sportler oder solche, die ihre Wettkämpfe bereits absolviert haben, müssen spätestens 48 Stunden nach ihrem letzten Einsatz die Rückreise antreten. Für die Schweizer Delegation heisst das beispielsweise, dass die Handbiker sicher nicht an der Schlussfeier teilnehmen können. Auch bei den Leichtathleten müssen Athletinnen und Athleten gewisser Sportklassen die Heimreise vor der Schlussfeier antreten. Es sei denn, es kann eine Ausnahmebewilligung – wie zum Beispiel für einen Fahnenträger an der Zeremonie – für die Teilnahme an der Schlussfeier gestellt werden. Diese muss jedoch vorgängig beantragt und gut begründet werden.

nung abfällt, bei der Schlussfeier nicht be­ wusst geniessen und im Idealfall den Erfolg feiern kann. Aber erst mal überwiegt die Freude darüber, dass die Spiele stattfinden können.» Tobias: «Ich habe mich noch nicht so ge­ nau informiert, wäre allerdings überrascht, wenn es neben der Eröffnungs- auch eine vollständige Schlussfeier gibt. Auch wenn es natürlich schade ist, dass dieses verbin­ dende Element der Paralympics verloren geht. Meine Einstellung ist voll auf die Ren­ nen ausgerichtet, wir sind ja auch etwas ausserhalb und werden schon alleine des­ halb nicht gross in Kontakt mit anderen Sportarten oder Athleten kommen. Ich bin

«Olympische Test-Spiele» Das Ziel der paralympischen Delegation sei es, den Athletinnen und Athleten optimale Bedingungen zu schaffen, damit diese dann ihre eigenen Medaillenziele erreichen könnten, kommentiert Roger Getzmann, Chef de Mission von Swiss Paralympic und Bereichsleiter von Roll­stuhlsport Schweiz, seine Arbeit. Bei dieser Mission gibt es allerdings ein grosses Problem, nämlich dass der Erfahrungsschatz aus vergangenen Spielen nichts wert ist. Die Covid-19Pandemie hat Abläufe, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, verändert und Flexibilität wird nötig sein, um sich auf diese neuen Rahmenbedingungen einzustellen und gleichzeitig das Optimum für die Schweiz herausholen zu können. «Zum Glück gibt es ja vor den Paralympics noch einen Test-Event in Japan», meint der Chef de Mission mit einem schmunzelnden Blick auf die Olympischen Spiele. «Wir werden viel von den Erfahrungen, die Swiss Olympic macht, profitieren können.» Dankbar ist Rollstuhlsport Schweiz den Städten Oita und Fukushima, die den Sportarten Leichtathletik und Badminton eine gute Akklimatisierungsphase vor den Spielen ermöglichen werden. Zum Schluss liess sich der Delegationsleiter dann noch eine Medaillenzahl entlocken: «Wir hoffen auf zirka sechs Medaillen.» 31


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GBY.SWISS

DAS MOBILITÄT 32 SCHWEIZER HANDBIKE MIT ARM-BEIN ANTRIEB, VON UND FÜR PERSONEN MIT EINGESCHRÄNKTER Paracontact I Herbst 2021


ROLLSTUHLSPORT

sehr gespannt, ob der extra Adrenalinkick Marke Paralympics bei mir dennoch ein­ treten wird vor den Rennen.» Nimm uns mit in dein persönliches Ritual zur Rennvorbereitung. Bist du da eher der minutiöse, abergläubische Kontrollfreak oder der easy, gechillte mit den Kopfhörern auf? Tobias: «Mit mir ist nicht gut Frühstücken vor einem Rennen. Ich bin eher der ner­ vö­se Typ. Danach bin ich froh, wenn meine Kollegin Sandra Graf das Brändi Dog aus­ packt, um die Zeit rumzukriegen bis zu den Wettkämpfen. Zudem hilft natürlich die Lek­türe der Buchhändlerin meines Ver­ trauens. Sie empfiehlt mir immer ein paar Titel, die ich während solcher Reisen lese. Eine Stunde vor dem Wettkampf läuft bei mir dann immer etwa gleich ab: Ich kon­ trolliere mein Bike, einfahren, ab an den Start.» Catherine: «Ich bin so eine Mischung zwi­ schen zurückziehen und mit Leuten noch ein Spiel machen und abschalten, damit auch die nötige Lockerheit da ist und man nicht verkrampft ist. Ich probiere aber schon viel zu ritualisieren, da der Körper so wenig Energie verliert und man so die nötige Sicherheit hat.»

14 Athletinnen und Athleten von Rollstuhlsport Schweiz selektioniert! Die Schweiz reist mit 20 Sportlerinnen und Sportler an die Paralympics. 14 davon sind sitzend aktiv. Allen voran natürlich die Leichtathletik-Aushängeschilder, Manuela Schär und Catherine Debrunner sowie Marcel Hug und Beat Bösch. Patricia Eachus

hat sich mit ihren Leistungen ebenfalls qualifiziert. Im Handbike wurden Sandra Graf, Sandra Stöckli, Tobias Fankhauser, Heinz Frei sowie Fabian Recher nominiert. Badminton wird bei der paralym­pischen Premiere mit Cynthia Mathez und Karin SuterErath vertreten sein. Als Einzelkämpfer im Sportschiessen und Tennis sind Nicole Häusler beziehungsweise Nalani Buob dabei.

@debrunnercatherine @tobicfankhauser

MIT DABEI SEIN Erstmals in der Geschichte berichtet SRF täglich von den Paralympics. Das Magazin mit Jahn Graf, dem Youtuber im Rollstuhl, läuft ab 24. August, jeweils um 19.00 Uhr auf SRF 2.

Mehr dazu Alle weiteren Infos zu den Athletinnen und Athleten der paralympischen Delegation und den Wettkämpfen finden Sie unter: SwissParalympic.ch/Tokyo

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ROLLSTUHLSPORT

PARA TOP POTENTIAL

Nalani Buob,  Tennis 20-jährig, wohnhaft in Baar. Sie gehört zum neuen Athletenfördergefäss «Para Top Potential» von Rollstuhlsport Schweiz. Dein Lieblingsessen? Indische Gerichte – egal was. Dein Soundtrack fürs Training? Keine Musik. Ich muss mich auf den Ball konzentrieren. Deine Hobbys neben dem Tennis? Ich spiele Geige, gehe Reiten oder entspanne bei einem guten Buch. Leider kann ich diesen Hobbys bei meiner vollen Agenda nur sporadisch nachgehen.

GIRO SUISSE

… und weiter rollts Vom Dienstag, 24. August bis am Sonntag, Sämt­liche Etappen sind zudem auf der 29. August ist der Giro Suisse zum zwei- Web­seite www.girosuisse.ch aufgeschaltet ten Mal unterwegs. und kön­nen jederzeit selber abgefahren werden. Der Giro Suisse 2021 wird von der Die inklusive Handbike-Tour führt 37 Teil­ gleichen Helfercrew wie 2020 begleitet. nehmende (davon 7 Begleitpersonen) von der Zentralschweiz (Nottwil) übers Aargau Auch dürfen wir erneut auf die Unterstüt­ (Aarau, Bellikon) nach Schaffhausen und zung ver­ schiedener Sponsoren zählen: an den Bodensee (Berlingen und Arbon), Orthotec (Tourservice), Hollister (Aus­rüs­ um das Ziel in Wil zu feiern. Für Daheim­ tung), Fizzy Gazzosa ticinese, Chicco d’Oro gebliebene gibts die Möglichkeit, die Tou­ (Getränke), Europcar (Transport) und ren im Live-Tracker mitzuverfolgen. Sportmedizin Nottwil (Medical Support).

NEUES ANGEBOT

Surfen in den Walliser Bergen

Das müssen unsere Leser unbedingt über dich wissen. Ich kann ziemlich «hangry» werden. Das macht mich zu 100 % aus. Netflix oder SRF? Netflix – aber während den Paralympics natürlich SRF. Insta oder Whatsapp? Klar Instagram! Handyfoto oder Spiegelreflexkamera? Handyfoto, denn mein Handy habe ich immer mit dabei. 34

Seit Mai 2021 können die Surfer in Sion wie z. B. den schwimmenden Rollstuhl für auf einer meeresähnlichen, künstlichen den Transfer vom Rollstuhl auf das Surf­ Welle das Reiten auf dem Wasser erleben. brett angeschafft. Speziell ausgebildete Surf­ lehrer bringen Erfahrungen aus den ver­ Bevor die Surfanlage «Alaïa Bay» ihre Tü­ schiedenen Adaptive Surfschulen aus aller ren für die Massen öffneten, durften vier Welt mit. Ihr Ziel ist es, Adaptive Surfing Rollstuhlfahrer das neue Angebot auspro­ ab September 2021 für Anfänger und Fort­ bieren, denn die Verantwortlichen von geschrittene zugänglich zu machen. «Alaïa Bay» möchten Adaptive Surfing an­ bieten. Sie haben dafür spezielles Material www.alaiabay.ch Paracontact I Herbst 2021


KIDS CAMP

Spiel, Spass und Emotionen

Kinderlachen und rasante Abfahrten auf der Rampe. Tanzen, Bälle durch die Luft jagen, hoch zu Ross durch die Gegend reiten. Lego-Challenge, ein OL rund ums SPZ und zum krönenden Abschluss die Paralympics Kids Lego Games. Das erleb­ ten 13 Familien aus der ganzen Schweiz Mitte Juni in Nottwil. «Mega!», antwortete Teilnehmer Adrian auf die Frage, ob ihm das Kids Camp gefallen hat.

Begeistert war auch Carmen Lopes Sway alias Tante Carmen, welche mit den Kids die Choreografie zum Kids-Camp-Song einstudierte. «Wir reden in der Musik und im Sport die gleiche Sprache – da werden Emotionen freigesetzt.» Lebendig war auch die Lego-Challenge. Die Eltern und Kids haben unter Anleitung der Lego-Männer von SwissLUG eifrig an ihren Zugwagen gebaut. Das Resultat liess sich sehen: Ein kreativer, bunter Kids-Camp-Zug der sich mit einer Fahrt durch die Sporthalle vom Kids Camp 2021 verabschiedete. Das Kids Camp in Nottwil ist seit jeher ein Highlight für die ganze Familie. Schon Manuela Schär und Marcel Hug besuchten dieses traditionelle Wochenende von Roll­ stuhlsport Schweiz. Das nächste Kids Camp findet am Wochenende vom 18. bis 19. Juni 2022 statt.

Wer nicht so lange warten möch­te, kann am Samstag, 2. Oktober 2021 den Kids Day im Tessin besuchen.

Das Highlight-Video vom Kids Camp 2021 sowie die Ausschreibung für den Kids Day im Tessin sind hier zu finden: www.spv.ch (unter Breitensport/Kids und Jugendliche)

FOKUS

Augenmerk TK Tischtennis ACTIVE MOTION DAYS Segeln auf dem Lac Léman, Wasserskifahren am Walensee und Mountainbiken in Conthey. Unsere Active Motion Days haben auch dieses Jahr zur Bewegung draussen motiviert. 27 Personen haben sich für diese Kurstage angemeldet, zu diesem beliebten gemeinsamen Erlebnis in der Natur. Paracontact I Herbst 2021

Tischtennis ist eine der schnellsten und spannendsten Sportarten bei den Paralympics und bereits seit 1960 dort vertreten. Sportler mit einer körperlichen Behinderung können Tischtennis stehend oder im Rollstuhl sitzend spielen.

Für den sportlichen Erfolg der Kaderath­ leten ist Nationaltrainer Philipp Zeugin zuständig. Er trainiert und coacht die Ath­ leten erfolgreich seit bereits 15 Jahren. Die Stimme der Athleten bringt Silvio Keller in die TK ein. Als aktiver Leistungssport­ ler ist Silvio bestens mit der Sprache der Einen wichtigen Beitrag zur Förderung Sportler vertraut und berät die TK in sport­ des Para-Tischtennis in der Schweiz leistet ­technischen Belangen. Seit einem Jahr neu die TK Tischtennis. Jährlich organisiert die dabei ist Fabrice Descloux. Er übernahm TK mehrere Kurse für Kaderathleten so­ im letzten Jahr die Funktion als Nachwuchs­ wie für neue Tischtennisbegeisterte. Feder­ ­verantwortlicher und trainiert die Kader­ führend in der TK ist seit bereits acht Jah­ ath­leten zurzeit regelmässig in Einzeltrai­ ren Markus Jutzi. Sein aktuell grösstes Ziel nings. Komplettiert wird die TK durch ist die Etablierung der gemeinsamen SM Dominik Furler, welcher verantwortlich mit der Elite von Swiss Table Tennis. ist für den Webauftritt der TK. 35


ROLLSTUHLSPORT

SERIE 3/4: SPITZENSPORTFÖRDERUNG SCHWEIZER ARMEE

Glaube an den grossen Traum Die Paralympics 2022 in Peking sind Pascal Christens grosser Traum. Dank der Spitzensportförderung der Schweizer Armee verfolgt er ihn professionell. Von Nicolas Hausammann

Der 28-Jährige Krienser startete seine Roll­ ­stuhlsport-Karriere im Sportcamp «move on» im SPZ Nottwil. Damals sass er im Handbike, Rennrollstuhl, probierte Bas­ ket­ball und diverse andere Sport­ arten aus. Im Camp-Interview meinte er, dass er sich erst be­ wusst gegen das viele Sport­ treiben entscheiden wollte. Seine Sportleiden­schaft je­ doch liess ihn nicht los. Drei Jahre nach seinen ersten Mo­ noskibob-Versuchen in Sörenberg ist Pascal Christen Teil des Swiss Para­ lympic Ski Teams. Die Weichen Richtung Peking sind gestellt und es gibt nur ein Tempo – Vollgas! Professionalisierungsschritt und finanzielle Erleichterung Die Selektion für die Spitzensportförde­ rung der Schweizer Armee beflügelt Pascals Träume von den Paralympics. Ein weiterer Professionalisierungsschritt sei nötig, um auf dieses Niveau vorzustossen. Mit den 100 WK-Tagen des Militärs wird dies nun möglich gemacht. Zudem sorgen diese be­ zahlten Trainingstage auch für finanzielle Erleichterung. Die Professionalisierung zeigt sich durch deutlich gesteigerte Trai­ ningspensen und mehr gezielt begleitetem Training. Betreut von Nationaltrainer Gré­ gory Chambaz wird der Sportsoldat in

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den Wochen zwischen den Gletschertrai­ nings im Sommer und Herbst jeweils von Montag bis Freitag in Magglingen trainie­ ren. Diese optimale Saisonvorbereitung lässt Pascals Träume zu realen Zie­ len werden. Auf Augenhöhe in Magglingen Hoch über dem Bielersee im Hauptquartier des Schwei­ zer Sports will der Monoski­ bob-Fahrer auch Werbung für den Roll­stuhlsport machen: «Es ist höchste Zeit, dass der Rollstuhlsport in die Spitzen­ sportförderung der Schweizer Armee in­ klu­diert wurde. Mich freut es extrem und ich bin sehr stolz darauf, dass ich einer der drei ersten Rollstuhlfahrer bin, der von die­ser Förderung profitieren kann. Es zeigt die Bereitschaft der Politik, unsere Bedürf­ nisse abzuholen und auch unseren Sport

zu fördern. Gerade im Rollstuhlsport ist die finanzielle Unterstützung von Stiftung, Ver­band und Institutionen noch essenziel­ ler, da es nicht einfach ist, eine professio­ nelle Sportkarriere über Sponsoring zu finan­zie­ren.» Wichtig für den Ski-Athleten ist aber auch die sportliche Inklusion: «Schlussendlich haben die Athleten in Magglingen alle ihre sportlichen Ziele. Ich habe dieselben An­ sprüche und das Denken eines Fussgänger-­Sportlers und sehe mich auch etwas als Vermittler.» Andere Sportlerinnen und Sportler kommen so direkt in Kontakt mit dem Rollstuhlsport, die Hemmschwellen fallen und schnell begegnet man sich auf Augenhöhe. Davon profitieren schlussend­ lich alle Beteiligten. Individuell gestaltete Trainingspläne Im Swiss Paralympic Ski Team ist man sich verschiedene Voraussetzungen gewohnt. Stehende, Sehbehinderte und Sitzende trai­ nieren im selben Team. Dennoch brauchen sie durch ihre Behinderungsform verschie­ dene Trainingsmethoden und -pläne. Dies birgt natürlich Vor- und Nachteile, da auf Topniveau im­mer individualisierter trai­ niert werden muss. Dennoch könne man häufig voneinander profitieren, erklärt Pascal Christen. Sein Ziel ist es, auch mit nichtbehinderten Sportlern diese Syner­ gien und die gegenseitige Motivation zu nutzen, um sich als Sportler und Mensch weiterzuentwickeln.

SOCIALS Youtube: Pascals Weg vom Anfänger zum Rennfahrer im Video. Instagram: @pascalchristen.ski Webseite: www.pascalchristen.ski

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ROLLSTUHLSPORT

FRAUENPOWER IM SPORT

Starke Frau unter starken Männern Jasmin Lustenberger, früher selber Spitzensportlerin, begrüsst die Kampagne «fastHER, smartHER, strongHER» von Swiss Olympic. Von Gabi Bucher

Gut gelaunt und in forschem Tempo kommt sie angerollt, Jasmin Lustenberger. Als Assistentin Bereich Spitzensport und Nachwuchsförderung bei Swissshooting (Schweizer Schiesssportverband) und TK Leichtathletik bei Rollstuhlsport Schweiz ist sie in einer typischen Männerdomäne unterwegs. Aber man merkt schnell, dass sie genau weiss, was sie will, und dass ihr so schnell keiner was vormachen kann. Blondinenwitze Natürlich müsse sie sich mehr beweisen, als dies Männer tun müssten, bei ihrer Ar­ beit und im Sport. «Ich bin jung, eine Frau, blond und im Rollstuhl», sagt sie lachend, «das vereint in etwa alles, was es für Vor­ urteile braucht.» Aber damit könne sie um­ gehen. «Ich wuchs auf einem Bauernhof im Entlebuch auf», erklärt sie, «ich habe früh gelernt, was arbeiten heisst, trotz Roll­ stuhl.» Mit 17 sei sie nach Nottwil gezogen, weil sie die Sportschule absolvieren wollte. Da lernte sie schnell, selbstständig zu wer­ den, das habe sie zu dem gemacht, was sie heute sei. «Ich weiss, was ich kann, was ich wert bin und wie ich auf Menschen zuge­ hen muss.» Und seit noch nicht allzu lan­ ger Zeit sei sie auch wieder blond, fügt sie augenzwinkernd an, «eigentlich meine Na­turfarbe. Da gibts schon den einen oder andern Blondinenwitz, aber den kontere ich auf meine eigene Art.» Sie sei selber sehr direkt, darum störe es sie nicht, wenn es andere auch seien, und solche Bemerkun­ gen nehme sie nicht persönlich. Mentale Fähigkeiten gefragt Von der Kampagne von Swiss Olympic habe sie gehört. Sie finde es sehr gut, dass man endlich Frauenthemen im Spitzen­ Paracontact I Herbst 2021

Jasmin Powerfrau in einer Männerdomäne

sport anspreche. «Ich möchte aber nicht, dass es zu einer Art Alibi-Übung ver­ kommt, wie zum Beispiel die Quotenfrauen in Firmen oder in der Politik.» Sie wolle für ihre Leistungen wahrgenommen werden und nicht dafür, was sie als Frau leiste. «Im Schiesssport versuchen wir, alle gleich zu behandeln.» Wobei hier die Vo­ raussetzungen auch etwas anders lägen. «Beim Schiessen kommt es weniger auf die anatomischen als vielmehr auf die mentalen Fähigkeiten an, darum fällt der Un­ terschied zwi­schen Männern und Frauen weniger auf als bei anderen Sportarten.» In­teressanterweise zeige sich gerade im Schiesssport, dass Mädchen im TeenagerAlter den Jungs mental oft noch überlegen seien, später gleiche sich das allerdings wieder aus. Eine Zyklus-App Der Schiesssportverband ist sehr fort­ schritt­lich aufgestellt. «Uns taxiert man oft als ‹hinterwäldlerisch›, aber wir haben letz­tes Jahr als einer der ersten Verbände

eine Zyklus-App entwickelt», erzählt sie stolz. «Die Athletinnen geben ein, wann sie ihre Menstruation haben, wie stark sie ist und ob sie Schmerzen haben.» Die Ver­ wendung der App sei selbstverständlich freiwillig, und nur der Verbandsarzt und ein bis zwei andere Personen hätten Zu­ gang zu den Daten. Man wolle heraus­ finden, wie weit der Zyklus der Frau die Leistungen beeinflusse, und das Wissen allenfalls nutzen für die Trainingseinheiten. «Ich finde es wirklich wichtig, dass die Menstruation endlich kein Tabuthema mehr ist und ernst genommen wird.» Ihr Chef Daniel Burger habe die App initiiert. «Als Vater von vier Töchtern weiss er, wo­ rum es geht», meint sie lachend. Jasmin Lustenberger liebt und schätzt ihre Arbeit und ihr Leben und fühlt sich sehr wohl, unabhängig davon, ob sie nun mit Männern oder Frauen arbeitet. «Man ist selber für sein Glück verantwortlich», ist sie überzeugt, «bist du positiv, kommt meis­ tens auch Positives zurück.» 37


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ROLLSTUHLSPORT

ROLLSTUHL-TENNIS

Ein Glücksfall für beide Seiten Einen grossen Erfahrungsschatz und Freude an der Sportart. Das bringt die neue Nationaltrainerin im Rollstuhl-Tennis mit. Von Barbara Zihlmann

Im September 2020 hat Eva Stutzki den Posten als Natio­ naltrainerin Rollstuhl-Ten­­ nis übernommen und damit René Bolliger abgelöst. Mit ihr gewinnt die Sportart Ten­nis eine ehemalige Profi­ spielerin, welche über eine äus­ serst breite Erfahrung als Spie­lerin sowie als Trainerin verfügt. Im nachfolgenden Interview erzählt Eva Stutzki von ihrer neuen Aufgabe. Eva, wie bist du vom Fussgänger-Tennis zum Rollstuhl-Tennis gekommen? Nach meiner Aufgabe bei Swiss Tennis als Nachwuchschefin hatte ich Zeit, mein Spek­trum zu erweitern. Ich wollte dem Sport mehr zurückgeben, als nur Profis aus­zubilden. Das Thema Behindertensport war mir immer ein Anliegen. Bei PluSport habe ich dann diverse Weiterbildungen

ab­solviert. In dieser Zeit bin ich zudem auch aktiv als Trainerin in verschiedenen Bereichen des Behinderten­ sports eingestiegen. Dass ich die Stelle als National­ trainerin im Rollstuhl-Tennis bekam, war für mich ein absolu­ ter Glücksfall. Diese Aufgabe macht mir riesig Spass und ich hoffe, es bringt auch allen Beteiligten einen Mehrwert. Wie gelingt dir der Transfer vom Fussgänger-Tennis zum Rollstuhl-Tennis? Natürlich kann ich auf die vielen Erfah­ rungen als Profispielerin und Tennis-Be­ rufstrainerin zurückgreifen, was insgesamt eine gute Grundlage für meine heutige Arbeit bietet. Darüber hinaus durfte ich besonders im Fahrbereich von den besten Rollstuhlspielerinnen der Welt an diver­ sen ITF-Lagern lernen. Eva und das Damenteam am World Team Cup in Israel.

Was sind deine Ziele als neue Nationaltrainerin Tennis? Wichtig ist es, die vorhandenen Talente zu fördern. Ich möchte dazu beitragen, dass wir insgesamt unsere Nachwuchsförde­ rung konzeptionell neu aufstellen. Bei all­ dem darf aber nicht vergessen werden, wie wichtig es ist, vielen Menschen die Begeis­ terung und den Spass für das RollstuhlTennis zu vermitteln. Was ist dein bisheriges Highlight mit unseren Rollstuhl-Tennis-Athleten? Sicherlich die Teilnahme an der TeamWelt­meisterschaft 2019 in Israel mit den Damen. Neben den sportlichen Erfolgen waren das Miteinander und der gemein­ same Spass eine echt tolle Erfahrung. Hast du dich bereits in der «RSS-Familie» eingelebt? Ja sehr! Unter den sportaffinen Leuten fühlt man sich gleich wohl. Man spürt deren Engagement für den Sport und die Sport­ ler. Bei sporttechnischen Fragen werde ich zudem super von der TK Tennis unter­ stützt. Was machst du, wenn du gerade nicht Tennis spielst? Meine Familie ist Hobby genug – und wenn sie versorgt ist, wartet mein Kater Pinsel auf mich. Eva, wir wünschen dir ganz viel Freude und Erfolg in deiner neuen Funktion.

Trainingsstandorte und weitere Informationen www.tennis.spv.ch Paracontact I Herbst 2021

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ROLLSTUHLSPORT

AUS DEN CLUBS

Gemeinsam, individuell und retour

Daniela Moor und Damiano Zemp geben einen kleinen Einblick ins Clubleben während des Lockdowns. Ein Dialog über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Von Davide Bogiani

Seit dem 19. April haben die Rollstuhlclubs ihre sportlichen Aktivitäten wieder auf­ge­ nommen. Nach langem Unterbruch konn­ ten wir einige der Clubs wieder besuchen und uns austauschen. Die beiden Sportchefs, Daniela Moor (RC Winterthur / Schaffhausen) und Damia­no Zemp (Gruppo Paraplegici Ticino GPT) haben uns Auskunft über ihr Trainings­ angebot ge­geben. Liebe Daniela und lieber Damiano, im vergangenen Jahr hat die Pandemiesitua­tion den Bundesrat gezwungen, Sportstätten zu schliessen und so Sportaktivitäten zu verunmöglichen. Wie habt ihr diese Zeit erlebt und wie habt ihr euch im Club organisiert? Daniela Moor: Nach einer unfreiwilligen Pause unserer Schwimmaktivitäten im 2019 wegen Umbauten im Schwimmbad freu­ ten wir uns alle auf den Start im Jahr 2020. Die Ankündigung des Lockdowns im März 2020 traf uns deshalb nicht nur unerwar­ tet, sondern auch mitten in den Vorberei­ tungen der GV. Wir hatten viele Fragen: 40

Wie weiter? Was jetzt? Wo durchführen? Warum nicht? Wie lange nicht? Welche Al­ ­ternativen gibts? Der ganze Sportbetrieb wur­de per so­ fort eingestellt, sowohl das Schwimm­bad wie auch die Bad­ mintonhalle wurden geschlossen. Damiano Zemp: Es war kei­ne einfache Zeit. Was uns am meisten Mühe bereite­te, war die Ungewissheit über die Dau­er die­ ses Unterbruchs der sportlichen Aktivitä­ ten. Un­sere Trainerinnen und Trainer wa­ ren aber stets mit den Sportlern in Kon­takt. Wir ha­ben die Zeit genutzt, um neue Projekte auf­zubauen. Ab 1. März 2021 durf­ ten Kinder und Jugendliche das Training wieder aufnehmen. Das hat unsere U21Basketballmannschaft sehr ge­­­freut. En­de März war dann die Begeisterung gross, als wir ein polysportives Trai­ning für Kinder anbieten konnten. Einmal im Monat traf sich eine Gruppe von acht Kindern sowie Trainerinnen und Trainern am Samstag­ morgen in Camignolo, um neue Sportar­ ten zu entdecken.

Welche Schwierigkeiten brachte die Pandemie für euren Club mit sich, und welches sind eure Stärken gewesen? Daniela Moor: Wir informier­ ten alle unse­re Mitglieder per E-Mail, Whats­app und Telefon. Die Re­ak­tionen waren verständnis­voll und po­ ­sitiv. Da wir seit Längerem mit Mangel an Lei­terinnen und Leitern zu kämp­fen ha­ ben, fokussierten wir uns nun auf dieses Problem und mobilisierten im privaten Umfeld sowie mit einem offenen Brief an unsere Mitglieder neue Trainerinnen und Trainer. Erfreulicherweise konnten wir so nicht nur eine neue Schwimmleiterin, son­ dern auch einen neuen Vizeprä­­si­denten sowie einen neuen Beisitzer gewinnen. Damiano Zemp: Ich habe das grosse Glück, ein Team aus erfahrenen, begeisterten und pflichtbewussten Trainerinnen und Trai­ nern zu haben, die die Situation souverän gemeistert haben. Wir selber haben kein al­ ­ternatives Online-Programm angeboten, ha­ben aber unsere Mitglieder auf das Pro­ Paracontact I Herbst 2021


gramm «stayactive@home» der SPV auf­ merk­­sam gemacht. Ich befürchtete, dass diese verordnete Pause für einige Mitglie­ der ein Mo­tivationskiller sein würde. Un­ sere Trainerinnen und Trainer konnten aber dank ihrer grossen Leidenschaft und des stetigen Kontakts zu den Sportlerinnen und Sportlern die Spannung hochhalten. Was habt ihr in dieser Zeit gelernt? Daniela Moor: Kommunikation ist das A und O, nicht nur im privaten Umfeld, son­ dern speziell im Verein, wo viele Mitglie­ der nur wenige Kontakte nach aussen pfle­ gen konnten. Per E-Mail, Whatsapp und Telefon machten wir auf unsere wenigen Aktivitäten aufmerksam, brachten per­sön­ ­lich Weihnachtsgebäck vorbei, stellten si­ cher, dass alle wohlauf waren und ausrei­ chend Unterstützung im Alltag hatten. Damiano Zemp: Der ganze Vorstand zu­ sammen mit dem Leiterteam hatte nur eines im Visier: am Tag der Wiederöffnung bereit sein für einen starken Neustart. Die Zeit hat un­ser junger Vorstand genutzt, um an neu­en Projekten (nicht nur sport­lichen) zu arbeiten. Der GPT besteht aus Menschen. Ziehen alle in die glei­che Rich­tung, werden die Erfol­ ­ge rasch sichtbar. Ich danke all meinen Kolleginnen und Kol­legen im Vorstand und un­ seren Trainerinnen und Trainern für die unglaubliche Arbeit, die sie im Hintergrund geleistet haben. Und das alles ohne Entschädigung und neben ihren be­ ruflichen Tätigkeiten. Chapeau! Am 19. April 2021 konnten die Clubs die sportlichen Aktivitäten wieder aufnehmen. Mit welchen Gefühlen habt ihr die Trainings wieder begonnen? Daniela Moor: Wir alle vom Vorstand und Leiter­team waren bereit und motiviert. Paracontact I Herbst 2021

Un­­sere Mitglieder jedoch zeigten noch ver­ ­hal­tene Begeisterung. Wir haben Anfang Juni beschlossen, den Sport­betrieb wieder zu starten und jedes Training durch­zu­füh­ ren, auch wenn nur eine Person teilnimmt. Derzeit schwimmen wir mit drei Teilneh­ menden und zwei Leitenden. Das Badmin­ tonteam mit zwei Spielenden ist noch ver­ halten unterwegs. Damiano Zemp: Es ist unglaublich, welche Moti­vation da war! Sobald der Bund es er­ laub­te, unsere Trainings wieder aufzuneh­ men, kontaktierte ich unser Trainerteam. Es hatte schon das nötige Schutzkonzept vorbereitet, den Besitzer der Anlage kon­ taktiert, alle Athleten informiert und am 19. April schien es, als ob es nie eine Pause gegeben hätte. Was sind die Zukunftspläne für eure Clubs? Daniela Moor: Als Sportchefin und Ein­ stei­gercoach bin ich nur ein kleines Rad im ganzen Vereinsgefüge. Unser Rollstuhl­ club besticht seit längerem durch sehr vie­ le gut besuchte kulturelle Anlässe. Der Sport ist jeweils als ein zu­ sätzliches Angebot gedacht, dem ich viel Zeit und Ener­ gie wid­me – sei es durch die Teilnah­me und Mithilfe am Giro Suisse, beim Zürcher Sport­fest in Winterthur oder an Tageskursen wie verschiede­ nen Handbiketouren. Unser wöchent­ liches Schwimm- und Badmintonangebot werden wir überdenken müssen, sobald die Unsicherheitsfaktoren aufgrund der Pan­demie vorüber sind. Motiviert werde ich durch die treuen Mitglieder, welche stets an allen Vereinsanlässen teilnehmen. Damiano Zemp: Wir wollen immer mehr ein Club für alle werden. Unser Angebot soll nicht nur für junge, fitte und selbst­

RC CHUR Ian Galliver, Sportchef Im letzten Jahr musste sich jede und jeder selber um seine Fitness kümmern. Erst im neuen Schuljahr nahm der Club das Sportangebot wieder auf – bis zum nächsten Lockdown Mitte Oktober. Aber in der Not wird man er­finderisch, heisst das Sprichwort. Da der übliche Trainingsbetrieb ausfiel, konnte jeder für sich passende Übungen finden. Ich ging viel im Rollstuhl spazieren. Seit dem 19. April dürfen wir uns wieder treffen und zusammen Sport treiben. Das freut mich sehr!

ständige Leute ausgelegt sein. Angebote für Kinder und Senioren (in Zusammenarbeit mit Pro Senectute) sind bereits geplant. Powerchair Hockey ist seit April neu in un­ ­serem Programm. Wir sind dabei, unser An­gebot noch stärker zu erweitern. Ab September bieten wir neu Yoga an, Fitness und Tischtennis sollten nach ein paar Jah­ ren Ausfall wieder angeboten werden. Für Fechten sind wir im Gespräch mit dem lo­ kalen Club. Zusammen mit Tennis, Basket­ ­ball, Schwimmen und Wellness möchten wir so viele Leute wie möglich an­­sprechen.

Sportangebote aller Clubs finden Sie auf www.spv.ch/ clubevents

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ROLLSTUHLSPORT

tägige Camp in Tenero und der sechstägige Event in Nottwil ein perfektes Sprungbrett, sich auf eine Entdeckungsreise in die Welt des Sportes zu begeben. … in der ganzen Schweiz Mit der Lancierung 2014 wurde ein erster wichtiger Meilenstein gesetzt, um Sport­ angebote innerhalb von kurzer Zeit einfa­ cher an Sportbegeisterte zu bringen. Mit der Erweiterung des Angebots im Kanton Tes­ sin wurde ein weiterer Meilenstein gesetzt. 2022 soll dann auch ein mini «move on» in einer noch nicht definierten Region der französischen Schweiz stattfinden.

BREITENSPORTCAMPS

mini «move on» ganz gross Aus Gross wird Klein. Das traditionelle sechstägige Sportcamp «move on» fand im kleineren Format erstmals im Tessin statt. Ein grosser Erfolg! Von Davide Bogiani

Mehr als zwanzig Neugierige aus der gan­ zen Schweiz trafen sich am 25. Juni 2021 im Nationalen Jugendsportzentrum Tenero, um am dreitägigen Sportcamp mini «move on» teilzunehmen. Mit dieser Erstaus­gabe verfolgt Rollstuhlsport Schweiz in Zusam­ menarbeit mit den beiden Roll­stuhl­clubs Grup­po InSuperAbili und Gruppo Para­ plegici Ticino (GPT) ein ge­mein­sa­mes Ziel: Sportbegeisterten die Mög­­lich­keit bieten, neue Sportarten zu entdecken. Auf dem Programm standen Tauchen, Fechten, Bas­ ketball, Sportschiessen, Handbike, Segeln, Pilates, Mountain­bike, Tennis und Boccia. Das «move on» hat seinen Ursprung in Nottwil. Seit 2014 findet jeden Oktober ein sechstägiges Sportcamp statt, welches in zwei Blöcke zu je drei Tagen aufgeteilt ist. Letztes Jahr entschied sich Rollstuhlsport Schweiz, das Angebot mit einer dreitägi­ gen Veranstaltung in Tenero zu erweitern. Auf Entdeckungsreise … Aber welche Ziele verfolgt Rollstuhlsport Schweiz mit diesen Sportcamps? Unser Paracontact I Herbst 2021

Hauptziel ist es, so viele Sportarten und Disziplinen wie möglich zu zeigen. Auf der einen Seite für diejenigen, welche schon seit Jahren im Rollstuhl sind und Sportar­

Bei den vergangenen Sportcamps haben sich zwei interessante Aspekte herauskris­ tallisiert: Ei­nerseits zeigt die territoriale Ab­deckung auf, dass Sportangebote bzw. Sport­arten je nach Region stärker verankert sind. An­der­erseits findet während den Camps ein überregionaler Austausch statt. Nicht nur sprachlich, sondern auch kultu­ rell kommen sich die Teilnehmenden aus den drei Sprachre­gionen näher, tauschen sich aus und es entstehen Freund­schaften. Die Reise geht weiter Und wie in allen Sportcamps geht die Rei­ se auch nach dem Wochenende in Tenero weiter. Es sind die Erinnerungen, welche bleiben; die gemeinsamen Witze; der Aus­

Gemütliches Zusammensein neben diversen Sportangeboten

ten neu oder wiederentdecken möchten. Auf der anderen Seite für alle, welche erst seit Kurzem im Rollstuhl sitzen. Diese Per­ sonen kommen bereits während ihres Spi­ talaufenthalts in Berührung mit Rollstuhlsport und sollen auch nach ihrer Reha zu Hause möglichst weiterhin Sport treiben. Dazu bieten die verschiedenen Rollstuhl­ clubs der SPV ein breites Sportangebot an. Neben den Clubangeboten bieten das drei­

tausch von Nachrichten und Fotos … In Tenero wurde ein Netzwerk zwischen den Teilnehmenden geschaffen, welches für den Austausch von Ideen, Meinungen und Rat­ schlägen untereinander enorm wichtig ist. Auch das gehört zum Sport. Save the date mini «move on» in Tenero 13.–15. Mai 2022 43


VERMISCHTES

WBZ REINACH

Wohnangebot Seit Juni 2021 bietet das WBZ in Reinach BL in einem Neubau zwölf moderne, behindertengerechte Servicewohnungen an. Die 2,5- und 3,5-ZimmerWohnungen befinden sich in den obersten Geschossen und sind alle mit einer Küche, einem Bad, einem Wohnzimmer, ein bis zwei Schlafzimmern und einem Balkon ausge­stattet – alles barrierefrei.

Die Servicewohnungen im WBZ haben den grossen Vorteil, dass die WBZ-Serviceleistungen je nach Bedarf genutzt werden können. Zum Angebot: www.wbz.ch

RAUMFAHRT

«Parastronaut» Erstmals suchte die europäische Weltraumorganisation nach einem Astronauten bzw. einer Astronautin mit Behinderung. Das Programm nennt sich «Parastronaut» und soll untersuchen, unter welchen Bedingungen ein Mensch mit Behinderung zur Raumstation ISS fliegen kann. Dieser erste Aufruf richtete sich (noch) nicht an Personen im Rollstuhl, den­­ noch ist das Projekt ein wertvolles Zeichen für Inklusion. 44

GBY

Innovationspreis Sebastian Tobler gewann mit seinem Start-up GBY den Freiburger Innova­ tionspreis für das innovativste Start-up. Herzliche Gratulation!

ist das einzige Dreirad, das diese Bewe­ gung erlaubt. Im Paracontact 4/2020 haben wir ausführlich über Sebastian Tobler und seine Erfindung berichtet.

GBY hat das Go-Tryke entwickelt, ein Dreirad mit zwei verbundenen Kurbeln: eine für die Hände und eine für die Füsse. Wenn die Handkurbel aktiviert wird, dreht sich auch die Fusskurbel und res­ pektiert dabei die natürliche physiologi­ sche Bewegung des Körpers. Das Go-Tryke

Der mit 30 000 Franken dotierte Start-upPreis wurde durch Staatsrat Olivier Curty überreicht, der die Jury des Innovations­ preises des Kantons Freiburg präsidiert.

HANDBIKE

Nationaler Handbikecup Erstmals in diesem Sommer wurde der nationale Handbikecup (NHC) durchgeführt. Die Rennserie mit Wettkämpfen in der Schweiz soll dazu dienen, den Sport zu stärken und sichtbarer zu machen und zu­ gleich Athletinnen und Athleten den Ein­ stieg in die Sportart zu erleichtern. Die Rennserie ist ein attraktives Angebot für Breitensportler und dient der Elite als Vorbereitung für internationale Wettkämpfe. Weitere Informationen www.handbike.spv.ch

Mehr über GBY de.gby.swiss

TAGUNG

Strukturen neu denken Das Netzwerkprojekt IntegrART lädt vom 21. bis 22.9.2021 zu einer Tagung. In Vorträgen und Workshops wird diskutiert, wie die Strukturen der Kunst- und Kulturszene neu gedacht werden können, damit Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung darin ihren Platz finden. Die Tagung findet einerseits in der Gessnerallee Zürich, andererseits digital statt und wird in den drei Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch abgehalten. Die Teilnahme ist kostenlos. Alle Informationen finden sich auf integrart.ch. Paracontact I Herbst 2021


RÖV

Bushaltestellen In Zusammenarbeit mit betroffenen Experten der Fachkommission Rollstuhlfahrende im öffentlichen Verkehr (RöV) hat Hindernisfreie Architektur ein Positionspapier zusammengetragen, das transpa­rent informiert, bei welchen Bauprojekten hohe Bushaltestellenkanten eingefordert werden, gegebenenfalls auch über den Rechtsweg.

AUSFLUGSZIEL

Arboretum

Zum Positionspapier: hindernisfreie-architektur.ch

UNO-BRK

Gleichstellung im Kanton Wallis Das Wallis hat umfassende Rechtsgrundlagen zur Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention geschaffen. Die vom Grossen Rat einstimmig angenommene Gesetzesänderung verpflichtet den Kanton, die Gemeinden, die Träger staatlicher Aufgaben sowie private Anbieter öffentlich zugänglicher Leistungen angemessene Vorkehrungen zu treffen, um Benachteiligungen zu verhindern oder zu beseitigen. Wer von einer Benachteiligung betroffen ist, kann vor Gericht beantragen, dass diese beseitigt wird. Vorgesehen ist auch ein Verbandsbeschwerderecht für schweizerische Behinderten­ organisationen. Neu wird auch eine Fachstelle für die Rechte von Menschen mit Behinderung geschaffen, welche die Umsetzung der Rechtsgrund­lagen vorantreiben und koordinieren soll. Paracontact I Herbst 2021

Der Landschaftspark im Waadtland lässt sich neu auch im geländegängigen Rollstuhl entdecken, welcher vor Ort gemietet werden kann. Das Arboretum in Aubonne (VD) beher­ bergt auf rund 200 Hektaren Land rund 4000 Baumarten aus den gemässigten Kli­ mazonen dieser Erde (Europa, Japan, USA uvm.). Die schweizweit einzigartige An­ lage dient der Wissenschaft, der Umwelt­ bildung und der Erholung gleichermas­ sen. Informationstafeln bieten lehrreiches

Hintergrundwissen und lauschige Pick­ nickplätze laden ein, die herrliche Natur zu geniessen. Personen mit eingeschränk­ ter Mobilität steht neu ein geländegängi­ ger Elektrorollstuhl zur Verfügung. Zwei der insgesamt vier Wanderwege durch den Park lassen sich mit dem Rollstuhl entde­ cken, der für CHF 40.– pro Tag gemietet werden kann. Eine Reservation im Vorfeld ist obligatorisch. Zum Angebot www.arboretum.ch/jst

PSYCHOTHERAPIE

Vereinfachter Zugang Der Bundesrat hat entschieden, dass Psychotherapeuten künftig ihre Leistungen auf ärztliche Anordnung selbstständig im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung erbringen können. Dieser Entscheid ermöglicht Menschen mit psychischen Problemen einen einfa­ cheren und schnelleren Zugang zur Psy­ chotherapie. Psychische Störungen zählen

zu den häufigsten und am meisten ein­ schränkenden Krankheiten. Mit der Um­ stellung auf das Anordnungsmodell kön­ nen Versorgungsengpässe in Krisen- und Notfallsituationen reduziert werden. Be­ dauerlich ist jedoch, dass pro ärztliche An­ ordnung nur 15 Sitzungen finanziert wer­ den und für weitere 15 Sitzungen eine neue ärztliche Anordnung einzuholen ist. Die Anpassung tritt auf den 1. Juli 2022 in Kraft. 45


FOKUS

IM GESPRÄCH

Lobbyistin für eine inklusive Welt Mirjam Gasser macht sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Armutsgebieten stark. Von Gabi Bucher

Mirjam Gasser absolvierte einen Bachelor als Übersetzerin und schloss anschliessend einen Master in Politikwissenschaft ab. Seit vier Jahren arbeitet sie als Leiterin Advo­ cacy bei der Non-Profit-Organisation CBM Christoffel Blindenmission. Die 34-Jäh­ ri­ge ist für die politische Arbeit im Bereich der internationalen Zusammenarbeit zu­ ständig. Du engagierst dich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Armutsgebieten. Was heisst das genau? Im April 2014 hat die Schweiz die UNOBehindertenrechtskonvention (BRK) rati­ fiziert, die auch die Entwicklungszusam­ menarbeit (Art. 32) und die humanitäre Hilfe (Art. 11) umfasst. Somit ist sie ver­ pflich­tet, die Rechte von Menschen mit Be­ ­hinderungen in der Entwicklungszusam­ menarbeit und humanitären Hilfe zu be­ rücksichtigen. Mit meiner Arbeit setze ich mich dafür ein, dass sie dies tut. Im Zen­ trum stehen das Lobbying gegenüber der ­Direktion für Entwicklung und Zusam­ menarbeit (DEZA) und dem Parlament als 46

Schwei­zer Entscheidungsträger wie auch die Zusammenarbeit mit schweizerischen NGO, die in diesem Bereich tätig sind. Im Unterschied zu anderen Lobbyisten ver­tre­ ten wir aber nicht unsere eigenen Interes­ sen, es sind gesamtgesellschaftliche Anlie­ gen, für die wir einstehen. Wie gehst du dabei vor? Ich stehe in direktem Kontakt mit Parla­ mentarierinnen und Parlamentariern, um sie im Namen der CBM auf die Situation der Menschen mit Behinderungen in Ar­ mutsgebieten aufmerksam zu machen. Wir zeigen auf, was die DEZA gut und was sie weniger gut macht, was noch passieren müsste. Wir führen Gespräche, knüpfen Kontakte, regen politische Vorstösse an und leisten Überzeugungsarbeit. Es geht also sehr oft um 1:1-Kontakte, um Kon­ zeptpapiere, Hintergrundrecherchen und Forderungen. Gleichzeitig arbeiten wir in verschiedenen thematischen Netzwerken und mit zahlreichen Partnern zusammen, um Synergien zu nutzen und unseren An­ liegen Nachdruck zu verleihen. Gerade die

Zusammenarbeit mit Organisationen von Menschen mit Behinderungen ist für uns ein zentrales Prinzip unserer Arbeit. Ich er­stelle ausserdem Vernehmlassungsant­ worten, in welchen wir als CBM Stellung beziehen und unsere Position darlegen zu gewissen Strategien, die der Bund im Be­ reich der internationalen Zusammenar­ beit oder der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung beschliesst. Du wirkst also vor allem auf die Schweizer Politik ein? Ja, aber darauf, was die Schweiz im Ausland macht, in ihrer internationalen Zusammen­ arbeit, damit sie inklusiver wird. Ich mache keine nationale Politik. Wir arbeiten aber eng mit Organisationen von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz und mit anderen Partnern zusammen, um unsere Ziele zu erreichen. In welchen Ländern ist die Schweiz aktiv? Die Schweiz konzentriert sich mit ihrer neuen Strategie in ihrer Entwicklungszu­ Paracontact I Herbst 2021


sammenarbeit auf vier Schwerpunktregio­ nen: Osteuropa, Nordafrika und Mittlerer Osten, Subsahara-Afrika und Asien. Nepal ist beispielsweise ein Schwerpunktland. Dort sind die Gleichstellung der Geschlech­ ter und die Rechte der Frauen wichtige Themen. Im ganzen Bereich der Frauen­ gleichstellung werden jedoch Frauen mit einer Behinderung zu wenig berücksich­ tigt, aber gerade das wäre relevant. Denn Frauen mit Behinderungen erleben oft ei­ne Mehrfachdiskriminierung. Eine Frau mit einer Behinderung und vielleicht noch mit Zugehörigkeit zu einer gewissen Kaste oder mit einem bestimmten ethnischen Hinter­ grund hat oft weniger Zugang zu Bildung, Arbeit, Gesundheit und weiteren Lebens­ bereichen. Das wird von der DEZA noch zu wenig berücksichtigt. Ist es nicht heikel, sich als Schweiz dort einzubringen? Nepal hat die UNO-BRK ebenfalls unter­ zeichnet. Art. 11 sieht vor, dass die notwen­ digen Massnahmen zum Schutz und zur Sicherheit von Menschen mit Behinderun­ gen in Gefahrensituationen gewährleistet sind. Art. 32 verpflichtet Länder wie die Schweiz, dass alle ergriffenen oder umge­ setzten Massnahmen in der Entwicklungs­ zusammenarbeit Men­schen mit Behinde­ rungen gleichberechtigt berücksichtigen. Wenn die Schweiz die Inklusion nicht för­ dert oder sogar gegen die UNO-BRK ar­ bei­tet, kommt sie ihren Verpflichtungen nicht nach und verhindert gleichzeitig, dass Nepal die UNO-BRK auch erfüllen kann. Einer der Grundsätze der interna­ tionalen Zusammenarbeitet lautet «do no

harm», also füge niemandem Schaden zu. Wenn wir Barrieren bauen, statt In­klusion zu fördern, richten wir Schaden an. Wie inklusiv ist die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit im Jahr 2021? Die Schweiz hat in den letzten vier Jahren Fortschritte gemacht. Mittlerweile gibt es bei der DEZA jemanden, der für das The­ ma Inklusion von Menschen mit einer Be­ hinderung in der internationalen Zusam­ menarbeit zuständig ist. Die Schweiz ist dem Global Action on Disability (GLAD) Netzwerk beigetreten und hat die Charta zur Inklusion von Menschen mit einer Be­ hinderung in der humanitären Hilfe unter­ zeichnet. Jetzt sollte diese aber auch um­ gesetzt werden. Ohne Umsetzung nützt sie nicht viel. Es hat also ein paar positive Ent­ wicklungen gegeben, aber wenn man das grosse Ganze betrachtet, sieht man, dass die Schweiz keine klare Strategie zur Inklu­ sion von Menschen mit Behinderungen hat, keine Vision. Zudem fehlt ein Budget, und ohne Budget gibt es keine Umsetzung. Dasselbe gilt für die Datenerhebung, ei­ne der Hauptforderungen der CBM. Ohne (flächendeckende) Daten bleiben die Men­ schen mit Behinderungen unsichtbar. Im­ merhin hat die Schweiz mit dem OECD DAC Marker zu Behinderung angefangen zu erfassen, wie viele Projekte Menschen mit Behinderungen einbeziehen, auch wenn dies noch nicht systematisch ge­ schieht. In der neuen Strategie für inter­

nationale Zusammenarbeit, welche die Schweiz alle vier Jahre verabschiedet und die die Leitlinien der schweizerischen in­ terna­tionalen Zusammenarbeit vorgibt, sind die Rechte von Menschen mit Behin­ derungen noch immer nicht so verankert, wie sie sein sollten. Es gibt also noch sehr viel Nachholbedarf. Kleine Schritte sind passiert, Menschen mit Behinderungen sind zu einem Thema geworden, aber auf die grossen Schritte warten wir noch. Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich? Andere Länder wie Australien, Grossbritan­ nien und Finnland sind deutlich weiter in der Inklusion von Menschen mit Behinde­ rungen in der internationalen Zusammen­ arbeit. Leider gibt es in der Schweiz derzeit keine Selbstvertretungsorganisation, die sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der interna­tio­nalen Zu­ sammenarbeit einsetzt. Es darf nicht sein, dass wir im Ausland Barrieren aufbauen und Diskriminierungen to­lerieren, die wir selber hier nicht möchten. Das Verständnis dafür muss geweckt und die UNO-BRK in ihrer Gesamtheit um­gesetzt werden. Was für eine Rolle spielt es bei deiner Arbeit, dass du im Rollstuhl bist? Es ist wichtig, dass wir Menschen mit ei­ ner Behinderung politische Arbeit machen und uns für unsere Rechte einsetzen. Die gelebte Erfahrung bringt Glaubwürdigkeit

Vielfältige Auftritte Mirjam Gasser spricht regelmässig an internationalen Konferenzen und mit Betroffenen vor Ort

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und wir sensibilisieren gleichzeitig für die Schwierigkeiten, die auftreten. Wenn ich als Mitglied einer Schweizer Delegation im Ausland nicht in ein Sitzungszimmer kom­ me, weil es Treppen hat, merken sie, was Inklusion konkret heisst. Im Bereich der in­ternationalen Zusammenarbeit ist es aber auch zentral, dass sich Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter aus dem Globalen Sü­ den mit ihrer Perspektive einbringen. Da­ rum arbeiten wir sehr eng zusammen. Du bist auf der ganzen Welt unterwegs. Weshalb? Für die politische Arbeit an der Front ist es wichtig, dass man die Lebensrealität der Menschen kennt, über die man spricht. Darum ist mir der Austausch sehr wichtig. Es ist sehr spannend, mit den Menschen über einen längeren Zeitraum zusam­men­ zuarbeiten und mitzuerleben, wie ihr Ver­ ständnis für die Rechte wächst, die ih­nen zustehen. Oft sind ihre persönlichen Ge­ schichten sehr eindrücklich und emotional und ich schätze andere Perspektiven. Na­ türlich gibt es beim Reisen für mich immer wieder unangeneh­me Situationen, wie z. B. letztes Jahr, wo es in Nepal im Feld sehr schwierig war, eine einigermassen zugäng­ liche Toilette zu finden. Wie gehst du mit den Schicksalen um, die dir begegnen? Natürlich ist es schwierig zu sehen, wie Men­schen ausgegrenzt werden und keinen

Leidenschaft Tanz

Zugang zu Bildung und Arbeit haben. Aber mit unserem Engagement tun wir etwas dagegen. Der Austausch im Team ist wich­ tig und hilft, das Erlebte einzuordnen. Was verschafft dir einen Ausgleich zu deinem Berufsleben? Meine grosse Leidenschaft ist das Tanzen. Ich habe schon immer getanzt und bin durch Andrea Emmenegger vom Rollstuhl­ club Zentralschweiz zu «BewegGrund» (Verein für inklusiven Tanz) gekommen. Nach einem Workshop erklärten mir die Verantwortlichen, sie würden gerne mit mir zusammenarbeiten. So kam ich zum professionellen Tanz und habe im Stück «on beauty» mitgetanzt, welches 2010 ur­ aufgeführt wurde und danach zwei Jahre international unterwegs war. Das liess sich damals gut vereinbaren mit meinem Stu­ dium und einem Praktikum. Als ich 2012 ins Berufsleben einstieg, war dies nicht mehr möglich. Ich habe noch eine Weile un­terrichtet, nehme nach wie vor an Work­

shops teil und bilde mich in Trainings wei­ ter. Vor zwei Jahren habe ich zudem das Präsidium von BewegGrund übernommen, so kann ich etwas zurückgeben von dem, was ich damals bekommen habe. Ist Tanz für dich ein politisches Statement? Viele Wege führen nach Rom (lacht), aber Tanz ist für mich eher ein Ausdruck von Freiheit. Es gibt natürlich auch politische Aspekte, und die Teilhabe am kulturellen Le­ben ist ein Menschenrecht. Zuschauerin­ nen und Zuschauer mit einer Behinderung haben mittlerweile recht gut Zugang zur Kultur, aber für eine Künstlerin oder einen Künstler mit einer Behinderung ist es oft noch sehr schwierig, in die Garderoben oder auf die Bühne zu gelangen, geschwei­ ­ge denn, ein Engagement zu bekommen. Bei mir steht aber wirklich der Tanz an sich im Vordergrund, er ist neben meiner doch sehr kopflastigen Arbeit eine willkomme­ ­ne andere Ausdrucksform. Wie sehr beschäftigt dich Inklusion in deinem Alltag? Ich bin ja tagtäglich mit Barrieren konfron­ tiert. Manchmal spreche ich sie an, manch­ mal fehlt die Energie dazu. Wir Menschen mit Behinderungen werden oft auf unsere Behinderung reduziert. Dass man zum Bei­ spiel auch eine Frau ist, geht vergessen. Die Behinderung ist nicht das einzige Merk­ mal, welches mich ausmacht. Wir sind nicht alle gleich, nur weil wir eine Behinderung haben!

Indien: Ein Übersetzer ermöglicht den Austausch 48

Was wünschst du dir? Meine Vision ist eine inklusive Welt, in der alle Menschen, mit welchen Merkmalen auch immer, mit oder ohne Behinderung, gleichberechtigt am Leben teilhaben und ihre Rechte wahrnehmen können. Paracontact I Herbst 2021


FOKUS

UNSERE HELFER

Steiler Einstieg in die neue Aufgabe Neu stellt der Kiwanis-Club Sempachersee das OK der ParAthletics mit Erwin Grossenbacher als Präsident, nachdem sich die «Huttwiler Bande» nach langjährigem Engagement zurückgezogen hat. Von Gabi Bucher

Schon seit etlichen Jahren stehen Mitglie­ der des Kiwanis-Clubs Sempachersee an den ParAthletics als Helfer im Einsatz. «Ich habe jeweils Speere zurück­ geholt, Stühle fixiert, Athleten zum Start gebracht, im Kiosk mitgeholfen», erinnert sich Erwin Grossen­bacher. Als Roger Getzmann, Bereichs­ leiter Rollstuhlsport Schweiz und selber Kiwaner, vorletztes Jahr die Mitglieder seines Clubs an­fragte, ob sie bereit wären, das neue OK für die ParAthletics zu stellen, brauchte es nicht viel Überzeugungsarbeit. «Der so­ ziale Gedanke passt gut zu unserem Club», erklärt Erwin Grossenbacher. «Wir einig­ ten uns schnell und verteilten die Ämter.» Aufgrund seiner Erfahrung als ehemaliger Zentralpräsident des Schweizerischen Turn­verbandes wurde er zum Präsidenten ernannt. Testen, kontrollieren, absperren Obwohl das OK durch die Absage des An­ lasses 2020 zwei Jahre Zeit für die Vorbe­ reitungen hatte, gestalteten sich diese auf­ wendiger als erwartet. Covid hat die Organisation um ein Vielfaches erschwert. Für die Durchführung des Events muss­ ten erst mal alle Involvierten rundherum ins Boot geholt werden. «Man muss sich das vorstellen: 300 Athleten, 500 Betreuer und 300 Helfer auf dem Gelände des SPZ in Covid-Zeiten!» Aber alle Organisationen der SPG (Schweizer Paraplegiker-Gruppe) seien einverstanden gewesen, den Anlass

trotz der Widrigkeiten durchzuführen. De­ finitiv entschieden hat das OK erst am 22. März, da blieb nicht mehr viel Zeit. Ein aufwendiges Schutzkonzept musste auf die Beine gestellt werden. «Glücklicherweise gab es bereits ein CoronaTestzentrum vor Ort, das ha­ben wir ausgebaut.» Alle Personen, die auf das Wett­ kampfgelände wollten (Athle­ ten, Betreuer, Helfer), mussten sich vor Ort testen lassen. Um die Besu­ cher fernzuhalten, wurde das ganze Ge­ lände abgesperrt. Alle Beteiligten mussten Badges vorweisen, damit man wusste, wer sich wann wo befand. «Die Personalpla­ nung war herausfordernd. Es gab immer wieder Absagen und Änderungen bei den Helfereinsätzen, eine aufwendige Koordi­

nation.» Zu all diesen Schwierigkeiten kam noch das schlechte Wetter vor allem am Sonntag dazu. «Dafür waren wir aber glück­ licher­weise nicht verantwortlich», lacht Erwin Grossenbacher. Virtuelles Anstossen Auch die Sponsorensuche sei schwieriger gewesen als üblich. «Sponsoren finden ist an sich nicht mehr einfach, sie wünschen einen Gegenwert, ohne Besucher haben sie diesen nicht.» Um sie trotzdem bei Laune zu halten, organisierte das OK einen vir­ tuellen Apéro. «Wir haben ihnen vorgängig ein Käseplättli und Wein gebracht und dann am Samstag virtuell mit ihnen ange­ stossen, das kam gut an.» Der professio­ nel­le Livestream mit den vielen Zugriffen sei ebenfalls sehr wertvoll gewesen. Wenn Negatives positiv ist Trotzdem, Erwin Grossenbacher findet, dass der Anlass von A bis Z ein Höhepunkt gewesen sei und sich der Aufwand mehr als gelohnt habe. «Rein nur die Tatsache, dass wir den Mut gehabt haben, die ParAthletics durchzuführen! Wir haben den Athleten die Möglichkeit gegeben, sich end­lich wieder mal mit anderen zu messen und zu schauen, wo sie international ste­ hen.» Das sei für alle wichtig, aber natür­ lich vor allem für unsere Schweizer Athle­ tinnen und Athleten, schmunzelt Erwin Grossenbacher. Und was ihn besonders freut: Alle Covid-Tests waren negativ, eine Feststellung, die auch nur in Pandemiezei­ ten positiv ausfällt.

Athletinnen trotz Regen glücklich

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FOKUS

FÜR SIE DA

Die universelle Sprache des Sports Seit 2019 bereichert Sophie Gnaegi das Team Rollstuhlsport (RSS) der SPV als Sportkoordinatorin für die Romandie. Von Gabi Bucher

Sophie liebt Sport, das ist selbstverständ­ lich für eine Sportkoordinatorin, aber sie mag auch die deutsche Sprache, das ist etwas weniger selbstverständlich für eine Westschweizerin. Sie schloss ihren Bache­ lor in Sport und Deutsch als Fremdsprache an der Uni Freiburg ab und absolvierte danach den Master «Activités physiques adap­tés» (Adapted Physical Activity) in Lausanne. Dort lernte sie Tamara Strasser kennen. Diese stellte als damalige Sport­ ko­ordinatorin der Romandie die SPV vor. Später trafen sich die beiden wieder bei einem Training der Power­chair-HockeyMannschaft Lausanne, die Sophie seit 2017 als Trainerin betreut. Deutsch sei Dank Anlässlich dieses Besuches erfuhr Sophie Gnaegi, dass Tamara ihre Stelle bei der SPV zugunsten eines Sozialeinsatzes in Süd­ 50

amerika gekündigt hatte. «Die Arbeit inte­ ressierte mich sehr», erklärt Sophie «und ich würde sogar mein Deutsch brauchen können, das wäre perfekt.» Aber ihr ganzes Leben umkrempeln, um in Nottwil zu ar­ beiten, schien ihr etwas viel verlangt. Als sich dann herausstellte, dass ihre Präsenz in Nottwil nur periodisch gefragt war, war ihre Entscheidung schnell getroffen. Als Sportkoordinatorin betreut Sophie die Clubs der Romandie. «Es geht darum, den Breitensport in der Romandie bekannter zu machen und die Clubs in ihren Sport­ angeboten zu unterstützen.» Ziel ist es un­ ter anderem, vermehrt auch Angebote aus der Romandie fürs Sommer- und Winter­ programm von Rollstuhlsport Schweiz zu haben. Gemeinsam mit den Clubs erarbei­ tet sie Ideen nach den jeweiligen Bedürf­ nissen und Wünschen.

Die Wichtigkeit eines guten Trainers «Will ein Club zum Beispiel eine Basket­ ballmannschaft aufstellen, sorge ich da­­für, dass der Trainer eine gute Ausbildung hat oder bekommt. Das ist wichtig für die Mannschaft und hat als Nebeneffekt auch Einfluss auf die Subventionen des BSV (Bundesamt für Sozialversicherungen)», erklärt sie. Sie selber ist ebenfalls in der Trainerausbildung von RSS tätig. Kom­ men Fragen nach Polysport auf, schaut sie mit möglichen Fussgängerclubs, was sich auf die Beine stellen lässt. Sie organisiert «Tage der offenen Tür», hilft bei Sportver­ anstaltungen, besucht Trainings. «Es ist wich­tig, dass ich ab und zu vorbeigehe, mitmache, schaue, wie es läuft. Im direk­ ten Kontakt kann sehr viel entstehen und da ich kann besser vermitteln.» Sie ist viel unterwegs, aber «Zugfahren ist Musse, kein Muss für mich». Glückliche Gesichter Ja, ihre Arbeit mache ihr grossen Spass, vor allem wegen der vielen Kontakte. «Da schreibst du wochenlang eine Mailadresse an, und plötzlich gibts ein Gesicht dazu», meint sie. Und an den Anlässen werden alle möglichen Sprachen gesprochen, man verständige sich, so gut es gehe. Beim ge­ meinsamen Sport jedoch spiele die Spra­ che keine grosse Rolle. «Wenn die Teilneh­ menden am Ende des Tages zufrieden sind («s’ils ont la banane», nennt sie es), dann ist das das grösste Geschenk. Und wenn sie wiederkommen eine Bestätigung, dass man alles richtig gemacht hat.» Paracontact I Herbst 2021


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