
Aufbruch in unerforschte Welten
Seite 14

Florian Fisch
Co-Redaktionsleiter von Horizonte
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Aufbruch in unerforschte Welten
Seite 14

Florian Fisch
Co-Redaktionsleiter von Horizonte
Die Mondlandung, Humboldts Reise nach Amerika und sogar das Scheitern von Shackletons Antarktisdurchquerung inspirieren viele bis heute. Kein Wunder, stiess der Vorschlag meiner Redaktionskollegin sofort auf Begeisterung: wissenschaftliche Expeditionen als Fokusthema. Wenn sich Menschen in unbekannte Gebiete vorwagen, um Neues zu lernen, entspricht dies dem Kern von Forschung. Gleichzeitig laden diese Unternehmungen ein auf traumhafte innere Reisen.
Die Redaktion landete aber rasch wieder auf dem harten Boden der Realität. Wir waren überfordert: Worauf sollen wir uns bei all den tollen Themen konzentrieren? Und vor allem: Welchen Platz sollen die negativen Folgen durch den Kolonialismus erhalten? Ich wollte die zum Träumen inspirierenden Geschichten nicht durch Selbstzerfleischung zerstören und diesen Aspekt auf einen einzigen Artikel konzentrieren. Andere bestanden aber darauf, dass Journalismus stets kritisch bleiben und die negativen Seiten der Expeditionen überall mitberücksichtigt werden müssten.
Unsere Lösung halten Sie nun in der Hand. Meine Bedenken haben sich in nichts aufgelöst. Gleichzeitig selbstkritisch und leidenschaftlich zu sein, ist durchaus möglich. Das beweist die Ethnologin SarahLan MathezStiefel auf Seite 18, die zusammen mit indigenen Gruppen in Peru den Einfluss von Landpolitik erforscht: «Man bleibt immer eine Fremde. Trotzdem kann eine solche Begegnung ein gutes Erlebnis für beide Seiten sein.»
Und selbst wenn wir die Aufmerksamkeit den Schattenseiten zuwenden, gibt es Lichtblicke. So widersetzten sich etwa die Brüder Schlagintweit im 19. Jahrhundert in ihren HimalajaReiseberichten den herrschenden Konventionen: Sie würdigten die Leistung ihrer Helfer und ernteten dafür den Spott der Presse, wie der Artikel auf Seite 24 zeigt. Sehr ambivalent wirkt heute auch die Schmetterlingsforscherin Maria Merian, die Sie auf Seite 20 kennenlernen. Sie stiess um 1700 einerseits emanzipiert und mutig in den Dschungel Surinams vor, hält dabei andererseits ganz selbstverständlich Sklaven. Aber nun urteilen Sie selbst: Erkunden Sie unseren Fokus und berichten Sie, wie gut uns die Balance gelungen ist.

4 Im Bild
Die Geschichte der Banda-Inseln auf Wände gesprayt
6 Aus der Wissenschaftspolitik Wenn Widersacher der Forschung zusammenspannen und warum es wissenschaftliche Filme braucht
10 Aus der Forschung
Zu viel MDMA fürs Gehirn, zu wenig Wasser in Spanien und gerade genug Inklusion in der Schule
13 So funktioniert’s
Gegen unbändige Lust auf Schoggi
28 Reportage
Den Fingerspuren auf der Spur
32 Handel mit Zitierungen
Paper Mills fluten die Wissenschaft und schwemmen Erkenntnisse weg
34 Mit Witzen und Pauschalisierungen Auch Studierende üben untereinander genderbasiert Gewalt aus
35 Sensoren für düstere Gegenden Damit Drohnen ihre Bahnen auch in Tunneln ziehen können
36 Wenn die Dame dem Mädchen Von erotischen Dialogen unter Frauen, die Männer anregen
38 Unsichtbar, aber tragend Fünf Personen, die hinter den Kulissen die Wissenschaft stabilisieren
42 Abfall wird zu Nahrung
Wie die Lebensmittelforschung Reste aus der Industrie aufwertet
44 Alles für die lieben Haustiere Katzen, Hunde, Pferde und Meerschweinchen werden beforscht
Fokus: Auf Expedition
16 Polareis, Dschungel, Schweizer Dorf Fünf aktuelle Forschungsreisen in noch heute unwegsame Zonen
20 Weltkarte der Abenteuerfahrten
Wie Darwin, Merian, Carter und Co. ferne Gegenden für viele öffneten
24 Aus früheren Fehlern lernen Von kolonialistischer Ausbeutung zu verantwortungsvollen Touren
Links: Seit über 20 Jahren ermöglicht die Forschungsstation der US-amerikanischen Marsgesellschaft in der Wüste Utahs das Trainieren von Marsmissionen. Titelseite: Jedem Anfang einer Expedition wohnen Mut und Träume inne. Fotos: Vera Hartmann
46 Porträt Stefan Leins betreibt Feldforschung unter Bankern
48 SNF und Akademien direkt
50 Rückmeldungen/ Impressum
51 Debatte
Ist die Vorsilbe Post- in der Wissenschaft gewinnbringend?
Drei gelbe Figuren gleiten in einem traditionellen Kanu scheinbar gleichgültig am Strassenkünstler vorbei, der mit Pinsel und Farbe ihre Geschichte erzählt. Unter dem Künstlernamen Nuki malt er ein sogenanntes Mural an die Fassade des Hauses seiner Grossmutter. Es sei eine «Hommage an seine Vorfahren», wie er der Anthropologin Patricia Spyer erzählt hat. Diese forscht unter anderem auf den Banda-Inseln im östlichen Indonesien zu Strassenkunst. Nuki setzt sich in seinen Wandmalereien mit seiner Familiengeschichte auseinander. Das Mural zeigt seinen Ururgrossvater und dessen Brüder. Sie handelten im 19. Jahrhundert mit Perlen, symbolisiert durch die gelben Kreise unter- und oberhalb des Kanus. So erlangten sie Wohlstand und Ansehen. Das Kamerateam, das Nuki begleitet, erstellt mit Spyer und der indonesischen Filmemacherin Ratih Prebatasari ein ethnografisches Stück über bandanesische Kunstschaffende. «Die tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimat und ihr ausgeprägtes Interesse an der von kolonialer Herrschaft geprägten Geschichte der Inseln werden in fast allen ihren Werken sichtbar», so Spyer.
Im 17. Jahrhundert war der heute abgeschiedene Archipel ein Zentrum europäischer Rivalitäten. Um die sogenannten Gewürzinseln zu behalten, traten die niederländischen Kolonialherrschenden ihre Siedlung Nieuw Amsterdam mit 2000 Einwohnenden auf der Halbinsel Manhattan definitiv an England ab. Für die englische Krone war das ein gutes Geschäft, das spätere New York wurde essenziell für das britische Imperium. Die Handelsmächte gingen brutal vor. Um Reichtümer wie Perlen und Muskatnussplantagen zu kontrollieren, töteten sie einen Grossteil der Bevölkerung und brachten versklavte Menschen aus anderen Teilen des Reiches auf die Inseln. Das prägt die Gesellschaft in der Bandasee bis heute. «Wie inklusiv und mit viel Leidenschaft und Engagement» die Kunstschaffenden in der diversen Gesellschaft agieren, will Spyer in ihrem Film zeigen. «Mit ihren Werken wollen sie nicht nur an ihre Geschichte erinnern, sondern sich auch eine bessere Zukunft ausmalen.»
Lea Künzli (Text), Patricia Spyer (Bild)


Aufgeschnappt

Der südafrikanische Minister für Wissenschaft, Technologie und Innovation, Blade Nzimande, ermutigte an der Eröffnung der Weltkonferenz für Wissenschaftsjournalismus im Dezember 2025 in Pretoria die Teilnehmenden. Sie sollten keine Lobeshymnen singen, sondern kritische Hüterinnen und Hüter im Dienst der Öffentlichkeit bleiben. Er mahnte zudem: «Man kann gute Wissenschaft betreiben, aber wenn sie nicht bekannt wird, könnte sie ebensogut tot sein.»
Studierende wollen unerwünschte Meinungen vom Campus verbannen, fand 2020 eine Studie des Soziologen Matthias Revers von der Universität Leeds und des Politologen Richard Traunmüller von der Universität Mannheim heraus. Gegenüber Horizonte sagte Revers damals in einem Interview: «Bis zu einem Drittel der Studierenden würden missliebige Bücher aus der Bibliothek entfernen. Das ist schon schockierend.» Claudia Diehl und Nils Weidmann von der Universität Konstanz kritisierten die Schlussfolgerung der Studie. Angenommen, eine Rednerin soll ausgeladen werden, weil sie argumentiert, dass es nur zwei biologisch geprägte Geschlechter gibt: Das könnte nicht nur als Diskriminierung ihrer Position interpretiert werden, sondern auch als Schutz für Transmenschen. Üblicherweise würden Forschende nun eine Gegenstudie durchführen. Stattdessen entschieden sich die beiden Parteien für eine gegnerische Zusammenarbeit oder auch adversarial collaboration. Die Idee: gemeinsam eine neue Studie entwerfen, die zwischen den unterschiedlichen
Hypothesen der Forschenden unterscheiden kann. Um die Haltung hinter ihren Antworten zu untersuchen, wurden über 3300 Studierenden an deutschen Universitäten fiktive Veranstaltungen vorgelegt: mit konservativen oder progressiven Positionen, die entweder nur eine Sichtweise präsentieren oder auch Massnahmen fordern. Die Befragten mussten entscheiden, ob die Hochschulleitungen etwa die Veranstaltung absagen sollten.
«Welcher Schaden entstünde, wenn eine Stimme gehört würde?»
Diehl und Traunmüller kommentierten im November 2025 in «Die Zeit» gemeinsam, was die Studierenden geantwortet hatten: «Das Ergebnis war eindeutig: Wird eine Position in ihrer konservativen Variante präsentiert, steigt die Bereitschaft zur Einschränkung akademischer Freiheit deutlich.» Der politische Inhalt eckte bei den Studierenden mehr an als die konkreten Folgen für eine marginalisierte Gruppe. Die beiden Forschenden forderten daher, die Universitäten müssten auch moralische Reflexe beurteilen und sich fragen: «Welcher Schaden entstünde, wenn eine Stimme gehört würde?» ff


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Standpunkt
Damit Gesundheitsdaten für die Forschung zugänglicher werden, wurde 2017 das Swiss Personalized Health Network (SPHN) lanciert. Aktuell läuft die dritte Finanzierungsphase.
Julia Maurer leitet das Team für Datengovernance, das sich um rechtliche, ethische und soziale Fragen kümmert.
Julia Maurer, das SPHN baut eine nationale Dateninfrastruktur auf. Hätten Sie eine solche als klinische Forscherin gerne selbst benutzt?
Unbedingt. In klinischen Studien werden meist extra Daten mit ausgesuchten Patienten erhoben. Beim SPHN geht es darum, routinemässig erhobene Gesundheitsdaten analysieren zu können. Diese sind in klinischen Informationssystemen der Spitäler gespeichert und ein Schatz, den die Forschung zugunsten von Patientinnen und Patienten besser ausschöpfen sollte.
Was braucht es dafür?
Die Qualität der vorhandenen Daten variiert stark, und sie sind vor allem nicht miteinander vergleichbar. Deswegen haben wir an Standards gearbeitet, wie Informationen benannt und festgehalten werden. Stets müssen wir auch ethische und rechtliche Fragen klären. Also unter welchen Bedingungen die Daten genutzt werden dürfen: etwa mit dem bereits eingeführten Generalkonsent – dem Formular im Spital, mit dem Daten der Forschung zur Verfügung gestellt werden können. Mit der

technischen Infrastruktur Biomed-IT bieten wir auch eine sichere Umgebung zur Analyse der Daten.
Spielen die Spitäler bei der Standardisierung mit?
Ein effizienter Datenaustausch kommt auch den Spitälern zugute, beispielsweise zur Berechnung der Auslastung oder zur Qualitäts-

sicherung. Die Forschung profitiert davon sekundär. In der Schweiz gehen Forschung und Gesundheitssystem leider noch nicht Hand in Hand.
Wie werden Forschende konkret mit Ihrer Infrastruktur arbeiten können?
Das Ziel des SPHN ist, eine Art Menü, einen Metadatenkatalog, zu erstellen, damit die Forschenden sehen, welche Daten es überhaupt gibt. Sie bestellen, was sie brauchen. Geliefert wir dann nur, was wirklich nötig ist.
Welche Rolle spielt das SPHN dabei genau?
Das SPHN bietet sich als Vermittler an, um grosse nationale Projekte umzusetzen. Mit national harmonisierten Rahmenbedingungen haben wir eine Forschungsinfrastruktur und Arbeitsumgebung, die von Universitätsspitälern, Ethikkommissionen und Datenschutzbeauftragten akzeptiert ist. Das SPHN selbst erhält dabei keine Daten. Sie werden auch nur unter bestimmten Bedingungen geteilt.
Ist die neue Infrastruktur sicher?
Ja. Manche finden die Hürden für den Zugang sogar zu hoch. Das SPHN musste eine Balance finden. Die Forschenden können sich jedoch weiterhin individuell direkt bei den Verantwortlichen der Spitäler melden. Aber das ist für Projekte mit mehreren Spitälern extrem aufwendig. Die Daten aus dem Ausland einzukaufen, ist letztlich auch nicht attraktiv. ff
Estland feiert Platz
Die Datenbank Essential Science Indicators (ESI) zählt Publikationen und Zitierungen seit 2014. Laut Analyse der Akademie der Wissenschaften Estlands «liegt die durchschnittliche Zitierhäufigkeit von Artikeln estnischer Forschender aktuell um mehr als 80 Prozent über dem globalen ESI-Durchschnitt.» Damit liege das Land an dritter Stelle hinter Island und Singapur und vor seinen Nachbarn und Vorbildern Finnland und Schweden. Mögliche Gründe dafür haben die Autorinnen auch skizziert. Das Newsportal Estonian World spricht von «mutigen Schritten» nach der Unabhängigkeit von 1991 und nennt etwa die obligatorische Publikation von Doktorarbeiten oder die Englischpflicht in Finanzierungsgesuchen. Die Autoren der Studie räumen aber ein, dass keiner der analysierten Faktoren allein das Ganze erkläre. jho
Vor dem Brain-Drain – also wörtlich übersetzt dem «Abfluss von Gehirn» – wird gewarnt: Er droht den USA. Der Brain-Drain wird auch beklagt: etwa in der Ukraine. Die Idee hinter dem Begriff: Forschende, die im Ausland arbeiten, sind für ihre Heimatländer verloren und können dort nicht mehr zu Innovation und Fortschritt beitragen. Die These wird in vielfältigen Kontexten angewandt, häufig auf Länder mit niedrigem Einkommen wie etwa Kolumbien, Indonesien, Kenia, Nigeria und Sierra Leone. Forschende aus ebendiesen Staaten haben nun im Fachjournal Epidemics einen Artikel publiziert, in dem sie sich für ein Umdenken aussprechen. Man solle stattdessen vom BrainGain sprechen, also vom «Gewinn an Gehirn». Die Autorinnen und Autoren wurden alle zwischen 2015 and 2024 in Ländern des globalen Nordens ausgebildet. Sie sind überzeugt, dass «Forschende aus dem globalen Süden als wichtige Brücken zwischen akademischen
Welten dienen, indem sie unersetzliches Kontextwissen einbringen und gleichzeitig Kooperationsnetzwerke aufbauen, die die Forschung zur Epidemiologie von Infektionskrankheiten unabhängig vom geografischen Standort vorantreiben».
Auf dem News-Portal Research Professional werden im Paper diskutierte Beispiele zusammengefasst: Die Kolumbianerin Zulma M. Cucunubá ist Co-Leiterin eines Projekts, das Tools zur Epidemieanalyse entwickelt. Epiverse Trace-LAC hat zudem über 2000 Fachkräfte im Bereich der öffentlichen Gesundheit in Lateinamerika und der Karibik geschult. Bimandra Djaafara ist Mitgründer einer Forschungsgemeinschaft namens Indemic, die die Entwicklung von Infektionskrankheiten in Indonesien modelliert. Diese hatte als Whatsapp-Gruppe begonnen und führt mittlerweile regelmässig Seminare und Kooperationen in ganz Südostasien durch. jho
«Eine kleine Revolution erreicht Horizon Europe», schreibt das Onlinemagazin Science Business Ende 2025. «Das Flaggschiff des Forschungs- und Innovationsprogramms der EU wird nicht länger auf zivile Projekte limitiert sein.» In Zusammenarbeit mit Start-ups und KMU soll die Entwicklung von Technologien gefördert werden, die auch militärisch genutzt werden können, DualUse-Forschung genannt. Auch die europäische Raumfahrtorganisation (Esa) definiert ihre Rolle neu. Sie will die Dual-Use-Fähigkeit von zukünftigen erdbeobachtenden Satelliten ausbauen. Die Daten sollen neben zivilen Anliegen wie Umweltschutz auch der militärischen Überwachung dienen. Unter anderem dafür haben die Mitgliedsstaaten das Dreijahresbudget von 17 auf historische 22 Milliarden Euro erhöht. Die Schweiz ist Mitglied der Esa und seit 2025 wieder an Horizon Europe assoziiert. ff
Ernstfall

Junge Meinung

«Filme
Celestin Mutuyimana
Ich hätte nie gedacht, dass es eine der schwierigsten und lehrreichsten Erfahrungen meiner akademischen Laufbahn werden würde, einen Film zu drehen. In meiner Forschung zu Traumaüberlebenden habe ich die Teilnehmenden mit einbezogen. Sie schilderten nicht nur ihre Erfahrungen, sondern trugen auch zu Lösungen bei. Ich habe sie als Expertinnen und Experten für ihr eigenes Leben anerkannt. Viele waren sofort bereit, mitzuwirken, um sich selbst und anderen Betroffenen eine Stimme zu geben. Mit ihrer für alle zugänglichen Sprache vermitteln Filme die Forschungsergebnisse einem breiten Publikum. Technische Berichte und Statistiken können für die Sinne sichtbar, hörbar und spürbar gemacht werden. Aus Zahlen werden wieder Menschen, und Daten verwandeln sich in Geschichten, die Empathie auslösen, Bewusstsein schaffen und den Dialog fördern. Mit klassischen akademischen Veröffentlichungen ist das schwierig.
Die Antwort auf meine wissenschaftlichen Förderanträge ist jeweils höflich, aber ernüchternd: «Wir denken, dass Ihr Projekt besser für Kunst- oder Filmförderprogramme geeignet ist.» Wende ich mich dorthin, heisst es ebenso frustrierend: «Ihr Thema passt besser in die Forschungsförderung.» An einer Konferenz reichte ich einen 20-minütigen wissenschaftlichen Film ein. Ich erhielt jedoch nur zwei bis drei Minuten. Alle Power-Point-Präsentationen – das einzige Kommunikationsmittel, für das wir ausgebildet werden – erhielten die vollen 20 Minuten. Filme werden als reine Öffentlichkeitsarbeit betrachtet, nicht als legitimes wissenschaftliches Ergebnis. Wissenschaftliche Filme sind in der akademischen Welt weder zitierfähig noch anerkannt. Sie entstehen abends oder am Wochenende, auf eigene Kosten. Dabei können sie komplexe Erkenntnisse in verständliche Erzählungen übersetzen, politische Verantwortliche erreichen, Debatten versachlichen und den gesellschaftlichen Impact vergrössern, wie es die hiesige Wissenschaft schätzt. Dafür braucht es neue Reglemente. Dies würde den Forschenden die notwendigen Instrumente zugänglich machen und die führende Position der Schweiz in der innovativen, gesellschaftlich engagierten Forschung festigen. Manchmal kann nur eine Kamera die Welt wirklich erreichen.
Celestin Mutuyimana forscht an der Universität Zürich zum Thema Trauma, ist Mitglied des Präsidiums der Jungen Akademie Schweiz und hat den Film «Hear My Voice» gedreht.
Die Zahl 40%
weniger Paper publizieren Leute, deren Muttersprache nicht Englisch ist. Dies bei englischen Papern und im Vergleich zu englischsprachigen Forschenden. Den Graben zeigt eine Analyse im Fachjournal Plos Biology. Die Autorinnen und Autoren raten davon ab, den Output an englischen Artikeln als Gradmesser für die Produktivität von Forschenden zu nehmen. Denn: Werden nicht-englische Paper mitgezählt, verschwinden die Unterschiede im Output fast vollständig. jho
Der Begriff
Was einst das Goethe-Zitat für den Bildungsbürger war, sei heute die Nachhaltigkeit für Umweltbewusste: «ein wohlklingender Referenzpunkt ohne tiefere Bedeutung». Historiker Frank Uekötter stimmte in der Zeitschrift «Aus Politik und Zeitgeschichte» 2014 den Abgesang auf das inflationär gebrauchte Wort an. Auch die Uni Hildesheim mahnte 2020, es drohe Verlust der Aussagekraft durch populäre Nutzung. Stichwort: ausgelutschte Begriffshülse.
Der Begriff sei von Anfang an unscharf gewesen, erklärt Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski in einem Essay: Hans Carl von Carlowitz habe ihn im Deutschen zum ersten Mal verwendet, als er 1713 in seinem forstwirtschaftlichen Werk fragte, wie der Umgang mit Holz so gehe, «dass es eine beständige und nachhaltende Nutzung gebe». Sein Plan, Holz und Torf für die Metallverarbeitung im Erzgebirge auf lange Sicht sicherzustellen, gelte zwar zu Recht als wegweisend, findet Bojanowksi. Doch stehe dem das «Schwinden eines nicht erneuerbaren Rohstoffes gegenüber: der Erze». Der Begriff sei zu vieldeutig und verführe zu Etikettenschwindel. Journalistisch verwende er ihn nicht mehr. jho
Die häufige Einnahme von Ecstasy (hauptsächlich MDMA) lässt möglicherweise eine bestimmte Hirnregion schrumpfen, wie eine Studie der Universität Zürich aufzeigte. Dabei handelt es sich um den Hippocampus, der Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis überführt. Studienteilnehmende, die regelmässig Ecstasy konsumierten, schnitten in einem Gedächtnistest schlechter ab: Nach zwei Stunden erinnerte sich die mittlere Konsumentin an 12 von 15 Wörtern – in der Vergleichsgruppe an 14. Durch die Einnahme von MDMA werden im Gehirn Botenstoffe wie Serotonin ausgeschüttet. Dies führt zu intensiven emotionalen Zuständen. «Die Studie zeigt, dass der Hippocampus dort schrumpft, wo es viele Serotoninrezeptoren gibt», erklärt der Pharmakopsychologe Boris Quednow. Er geht davon aus, dass der MDMA-bedingte Serotoninüberschuss das Gehirn verändert. Je mehr Ecstasy konsumiert wurde, desto

grösser waren die Veränderungen. Im Mittel nahmen die 61 Studienteilnehmenden seit acht Jahren rund zwei Pillen pro Monat ein. «Das ist etwa die Menge, die üblicherweise auf Partys konsumiert wird», sagt Quednow. MDMA macht selten körperlich oder psychisch abhängig, doch andere langfristige Risiken wie Gedächtnisstörungen im Alter sind noch kaum erforscht. Auch wenn der Zusammenhang zwischen Serotonin, Hirnstruktur und Gedächtnisdefiziten klar ist: Der Einfluss weiterer verzerrender Faktoren ist nicht ganz ausgeschlossen. «Auch Lebensstil oder Schlafverhalten können die Gedächtnisleistung beeinflussen». Moana Mika
R. C. Coray

Der Avocado-Boom in Südspanien trug in den letzten Jahren zu einer extremen Wasserkrise bei. Auslöser war ein Regenmangel, der von 2019 bis 2024 besonders lang und intensiv war. Dass die Krise aber nicht allein auf das Wetter zurückzuführen ist, zeigt eine Studie unter Leitung von Victoria Junquera von der Universität Bern. Entscheidend war auch ein langfristiges Ungleichgewicht zwischen Bedarf und Ressourcen. Diese strukturelle Wasserknappheit wiederum ist das Ergebnis einer mangelhaften Verwaltung.
Seit fast 25 Jahren müssen alle Regionen in Spanien einen Wassermanagement-Plan haben. Doch vielerorts fehlen die dafür nötigen Daten: Grundwasserstände werden nicht systematisch erhoben, und die Entnahmelizenzen richten sich kaum nach dem tatsächlich verfügbaren Wasser. «Zudem ist die Messung der
Grundwassernutzung nicht obligatorisch», sagt Junquera. Die Behörden sind deshalb auf Schätzwerte angewiesen. «Wir haben viele Stunden lang Excel-Tabellen und Pläne durchforstet und dabei festgestellt, wie gross die Unsicherheiten bei den Daten sind.»
Neben mehr Wasser und effizienterer Nutzung fehlt vor allem eines: bessere Übersicht. Wer braucht wo und wie viel Grundwasser? Und wie gross sind die verfügbaren Reserven tatsächlich? Diese Wissenslücken machen ein nachhaltiges Management unmöglich. Klare Obergrenzen für bewässerte Flächen, weniger Entnahmelizenzen und wirksamere Kontrollen könnten das Risiko künftiger Dürrekrisen deutlich senken. Sofia van Moorsel
V. Junquera et al.: Severe water crisis in southern Spain under expanding irrigated agriculture: A multidimensional drought analysis. PNAS (2025)
Mit sogenannten RFID-Tags lässt sich zum Beispiel der Weg eines Pakets verfolgen. Ein EPFL-Team will die Tags nun auf wenige Mikrometer schrumpfen – kleiner als Zellen – für biomedizinische Untersuchungen. Der Sprung auf wenige Millimeter ist schon geschafft: Der Tag besteht aus einer winzigen Antenne, die in Gigahertz sendet. Diese Frequenzen, die angesichts des Signalverlusts in biologischem Gewebe optimal sind, wurden durch Einbau eines Kondensators erreicht. yv
Lebererkrankungen könnten
Demenz fördern
«Es ist bekannt, dass eine beeinträchtigte Leberfunktion Auswirkungen auf das Gehirn und kognitive Fähigkeiten hat», sagt die Neurophysikerin Katarzyna Pierzchala von der EPFL. Die Ursache dafür ist noch unklar.
Ihr Team hat die Gehirne von Ratten mit chronischer Lebererkrankung auf frühe Anzeichen von Demenz untersucht. In den Zellen des zentralen Nervensystems fanden sich Ansammlungen von Beta-Amyloid und Tau-Proteinen, was charakteristisch für eine frühe Alzheimer-Erkrankung ist. Auch im Blut wurden Biomarker für Demenz identifiziert.
Dies lässt vermuten, dass Störungen der Leberfunktion auch beim Menschen zum Ausbruch oder Fortschreiten einer Demenz beitragen. Die Leber baut toxische Substanzen ab und könnte eine Rolle bei der Beseitigung von Beta-Amyloid spielen. «Die Berücksichtigung der Lebergesundheit bei Demenz könnte unsere Herangehensweise an neurodegenerative Erkrankungen verändern», sagt Pierzchala. yv
O. Braissant et al.: Liver dysfunction triggers early Alzheimer’s pathology in an adult rat model of chronic liver disease. Scientific reports (2025)
Blickfang

Ein Murgang transportiert Wasser, Steine und Holz talabwärts – im Walliser Illgraben passiert das mehrmals pro Jahr. Dort hat die ETH Zürich nun 3D-Lidar-Scanner installiert, welche die Geschwindigkeiten (Pfeile) messen. Bei einem Ereignis im Jahr 2022 bewegten sich wellenartige Schübe (rosa) bis dreimal schneller als die Front (gelb), manche Steinbrocken (orange) waren doppelt so schnell unterwegs. Die Daten können beim Design von Schutzbauten helfen. yv
R. Spielmann et al.: Sorting and Surging: 3D LiDAR and Pulse-Doppler Radar Analysis of a Natural Debris Flow. JGR Earth Surface (2025)
Ob es um Rempeleien, laute Gespräche oder Schwarzfahren geht: Wer sich im öffentlichen Verkehr über seine Mitreisenden nervt, greift heutzutage offenbar gerne zum Handy. Statt Störenfriede direkt anzusprechen und einen handfesten Streit zu riskieren, verschafft man seinem Ärger auf Social Media Luft. Wie genau, haben nun Forschende der Universitäten Lausanne und Buenos Aires anhand von Nachrichten auf Twitter (heute X) untersucht, die zwischen 2017 und 2022 in der U-Bahn von Argentiniens Hauptstadt entstanden sind.
Für ihre sozialpsychologische Studie sammelten die Forschenden über 12 000 Kurznachrichten und analysierten sie inhaltlich in sechs Themengruppen. Was die Reisenden in der viel genutzten U-Bahn von Buenos Aires besonders ärgerte: überfüllte Wagen, Drängeln sowie starrende Blicke. Beklagt wurde egois -
«Könntet ihr auch die U-BahnFahrenden anschreien, die es einfach nicht checken? Zuerst aussteigen lassen, dann einsteigen!»
«Wie konnte es nur normal werden, die Leute in der U-Bahn rumzuschubsen?
Ich könnte diesen Arschlöchern den Ellenbogen reinhauen.»
Tweets, abgesetzt in der Metro von Buenos Aires zwischen 2017 und 2022.
tisches Verhalten und allgemein, dass die sozialen Regeln im Nahverkehr nicht einheitlich durchgesetzt würden, so die Studie.
Kurznachrichten würden als Ventil genutzt, um mühsame Alltagserlebnisse in der U-Bahn in Echtzeit auszudrücken. Mehr noch: «Die Frustrationen sammelten sich bei den Fahrgästen an und kehrten in aggressiverer Form online wieder», sagt Maite Regina Beramendi, Erstautorin der Studie. Dies könne die Normen aufweichen und damit das Klima im öffentlichen Raum vergiften. Übrigens: Ein ebenfalls wiederkehrendes Thema der verärgerten Tweets waren ausgerechnet Mitreisende, die sich in der U-Bahn mit ihren Handys beschäftigten. Christoph Dieffenbacher
M. R. Beramendi et al.: From silent discontent to digital outrage: negotiating social norms in the Buenos Aires subway. Travel Behaviour and Society (2026)
Gewisse Pilze gehen mit den Wurzeln von Pflanzen eine Symbiose ein und bilden eine Mykorrhiza, was die Aufnahme von Nährstoffen verbessert. Das Einbringen der Pilze in den Acker könnte die Erträge auf natürliche Weise steigern. Die Uni Zürich und Agroscope beschäftigen sich deswegen mit dieser vielversprechenden Methode. «Wir wollten abklären, was es überhaupt schon gibt», sagt Raphaël Boussageon. Er testete sechzehn für Landwirtschaft und Garten verkaufte Produkte, die Sporen oder sporenhaltige Wurzelstücke enthalten sollen. Ernüchterndes Resultat: Einige enthielten gar keine Mykorrhiza. Nur drei besiedelten die Wurzeln und förderten das Wachstum. Er bemängelt fehlende Qualitätskontrollen. Die Forschenden haben nun ein eigenes Produkt entwickelt. yv
R. Boussageon et al.: Poor Quality of Commercial Arbuscular Mycorrhizal Inoculants Used for Agriculture and Home Gardening. Journal of Sustainable Agriculture and Environment (2025)

Eins mit allen: Fans jubeln nach dem Bieler 1:1 gegen den FC Basel beim Cupfinal 2025.
Eins sein mit dem Universum – mystische Erfahrungen finden eher im religiösen Kontext statt. Doch fast-mystische Momente gibt es auch im täglichen Leben. Forschende der Universität Genf befragten über 400 Menschen, wann sie sich als Teil von etwas Grösserem empfinden. Häufig genannt: Gruppenaktivitäten wie Teamsport oder Konzertbesuche. Philosoph Florian Cova: «Solche Erlebnisse sind Vorläufer und lösen wohl Glücksgefühle über ähnliche psychologische Mechanismen aus.» yv
From self-transcendent emotions to transcendent experiences: an exploratory study in the continuity between everyday and mystical experiences
Funde wie dieser Unterkiefer belegen, dass Flusspferde vor etwa 40 000 Jahren am Oberrhein zu Hause waren. Die Tiere waren eng mit den heutigen afrikanischen Flusspferden verwandt, wie Genanalysen der Knochen nun ergaben – beteiligt daran war auch die Universität Freiburg. Datierungen zeigten zudem, dass sich die Tiere noch bis weit in die Weichsel-Kaltzeit in der Region behaupten konnten.

Bisher glaubten Forschende, dass die Flusspferde dort schon viel früher ausgestorben waren. yv
In Schweizer Schulstuben wird die Inklusion gelebt: Kinder mit Lernschwierigkeiten, mit Sinnesbeeinträchtigungen oder Verhaltensauffälligkeiten werden in Regelklassen integriert und erhalten sonderpädagogische Unterstützung. Dieses Modell gerät allerdings zunehmend unter Druck: Lehrpersonen klagen über Überforderung, in einzelnen Kantonen wird wieder vermehrt über die Einführung von Sonderschulklassen diskutiert. In einer Literaturrecherche kommen Forschende der Universität Zürich nun zum Schluss, dass inklusiver Unterricht die Leistungen von Jugendlichen mit einem besonderen Förderbedarf in der siebten bis neunten Klasse (erste Sekundarstufe) verbessert. Inklusion auf der ersten Oberstufe ist nur lückenhaft erforscht. Es gibt insbesondere wenige Erkenntnisse zur Frage, welche Auswirkungen sie hat. «Auf dieser Stufe ist inklusiver Unterricht sehr anspruchsvoll», sagt Erstautorin Eva-Maria Holzer. «Der Unterricht ist leistungsbezogener, die Schere wird grösser.» Zusammen mit Elisabeth Moser Opitz hat sie 21 internationale Studien zu dieser Frage aus-
«Der Unterricht ist leistungsbezogener, die Schere wird grösser.»
gewertet. Sie kommt zum Schluss, dass Jugendliche mit besonderem Förderbedarf in inklusiven Settings der ersten Sekundarstufe vergleichbare oder bessere Leistungen erzielen als in separativem Unterricht. Gleichzeitig werden die andern Schülerinnen und Schüler diesbezüglich nicht benachteiligt. «Bezogen auf die Leistung scheint es für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf also von Vorteil zu sein, wenn sie in der Regelklasse unterrichtet werden», erklärt Holzer.
Weitere Aspekte wie etwa die soziale Integration oder das Wohlbefinden wurden in der Literaturrecherche nicht berücksichtigt. Diese erhebt das Team nun in einer Studie in der Schweiz. Dazu analysieren die Forschenden in 85 Klassen Daten zu sozialen und leistungsbezogenen Aspekten des inklusiven Unterrichts. Sie interessieren sich dabei insbesondere auch für die Perspektive der Lehrpersonen. Peter Bader
So funktioniert’s
Heisshungerattacken führen zu Übergewicht und damit verbundenen Gesundheitsproblemen. Ein Spin-off der Universität Freiburg hat eine App entwickelt, die das Gehirn umprogrammiert.
Text Florian Fisch Illustration Ikonaut

1 — Belohnungssystem für Süsses Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, energiereiche Nahrung zu suchen: Der Anblick einer Schokolade regt das Belohnungssystem (B) an, was Heisshungerattacken auslöst. Nun wird das motorische Zentrum (M) aktiviert, also bewegen wir uns und greifen nach der Süssigkeit. Ist nun mehr als genug zu essen da, konsumieren wir deswegen zu viel und kriegen Gesundheitsprobleme.
2— Stopp bei Schokolade Forschende der Universität Freiburg haben eine Spiele-App entwickelt, die das unbändige Verlangen nach Essen vermindern kann. Wie beim Computerspielklassiker Breakout sollen die Nutzenden Objekte auf eine Backsteinmauer schleudern, um diese aufzubrechen. Erscheint auf dem Bildschirm zum Beispiel ein gesunder Apfel, muss dieser möglichst reaktionsschnell geworfen werden. Taucht eine Schokolade auf, dürfen die Spielenden nicht reagieren.
3 — Spielen baut Gehirn um Das Vermeidungssystem (V) erzeugt die Zurückhaltung, indem es das motorische Zentrum (M) hemmt. Dadurch entsteht jedoch ein Konflikt (Blitz) mit dem Belohnungssystem (B). Dieser muss in der dafür zuständigen Konfliktlöseregion (K) aufgehoben werden. In der Folge wird das Gehirn umgebaut. Kurz: Die Nutzenden werden durch so beeinflusst, dass sie sich bei Schokolade auch in der Realität zurückhalten.
4 — Für Krankenkasse und Klinik Die Forschenden konnten die Wirkung der App in zwei klinischen Studien bestätigen und haben das Spin-off Bewe gegründet. Softwareentwickler verbessern nun das Spielerlebnis. Eine Krankenkasse, die erste Kundin, hofft auf einen Präventionseffekt. Auch Abnehmkliniken sind auf dem Radar des Spin-offs.
5 — Auch bei anderen Problemen In Zukunft könnte die App auch bei Suchtkrankheiten und gegen Bewegungsmangel eingesetzt werden. Andere Forschungsgruppen dürfen sie zum Selbstkostenpreis für Verhaltensstudien benutzen.
Ein grosser Abdruck für die Menschheit Schon immer wagten sich neugierige Männer und Frauen in noch nie betretene Gegenden vor. Aktueller Sehnsuchtsort der Abenteurerinnen und Träumer ist der Mars. Die Schweizer Fotografin Vera Hartmann hat Anfang des neuen Millenniums Übungsexpeditionen der USamerikanischen Marsgesellschaft in der Wüste Utahs begleitet. Bis heute proben Forschende dort, wie es sich auf dem Roten Planeten leben und arbeiten liesse. Foto: Vera Hartmann

Ob aufs Schweizer Land, in den peruanischen Dschungel oder zu den grönländischen Gletschern – hiesige Forschende erkunden weltweit abgelegene Gebiete. Fünf aktuelle Projekte.
Interviews Samuel Schlaefli
Die Meeres- und Umweltbiologin Annina Zollinger Fischer (47) leitet seit 2008 Forschungsexpeditionen mit Freiwilligen, seit 2019 für die Schweizer Meeresschutzorganisation «Kyma sea conservation & research».
Annina Zollinger Fischer, Kyma organisiert vor der Küste Siracusas auf Sizilien jährlich zehn Expeditionen mit Freiwilligen. Eine davon leiten jeweils Sie. Mit welchem Ziel?
Unser Forschungsteam fährt das Meer entlang bestimmter Beobachtungspunkte im Zickzack ab. Zwei bis drei der insgesamt sieben Freiwilligen an Bord halten mit dem Feldstecher Ausschau nach Walen, Delfinen, Meeresschildkröten, Thunfischen, Schwertfischen und Haien. Zusätzlich horchen wir mit dem Hydrofon nach akustischen Signalen. Wir dokumentieren, wann die Tiere wo unterwegs sind, um zu erkennen, wo ihre wichtigsten Lebensräume liegen.

Warum braucht es da Laien?
Über das Vorkommen von Meeressäugetieren in dieser Gegend gibt es noch sehr wenig Wissen. Wir haben innert neun Jahren über 80 Wochen Daten erfasst. Manche Tiere sehen wir nur ein- oder zweimal pro Jahr, seltene Arten noch viel weniger. Ein solches Projekt wäre an einer Universität nur schwer zu finanzieren.
Wer bezahlt die 1600 Franken, um in den Ferien für ein Citizen-Science-Projekt zu arbeiten?
Kantischüler, Pensionierte, IT-Fachleute, Geschäftsleiterinnen, Pflegefach- und Lehrkräfte. Die Teilnehmenden bezahlen für Kost, Logis und die Lerninhalte zur Meeresbiologie. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie das Team innerhalb weniger Tage zusammenwächst. Rund die Hälfte kommt wieder.
Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Vor einigen Jahren haben wir erstmals einen Cuvier-Schnabelwal entdeckt. Er bleibt lange unter Wasser, da er über
drei Stunden ohne Luft auskommt. Entsprechend selten ist er zu sehen. Mittlerweile beobachten wir die Tiere regelmässig und haben 15 dokumentiert. Wir hoffen, dass unsere Beobachtungen dazu beitragen, dass dieses Gebiet bald als schützenswerte Zone ausgewiesen wird. Wir können dafür Daten und Argumente liefern.
Der Experte für Strahlungsexposition am Swiss Tropical and Public Health Institute in Allschwil, Nicolas Loizeau (30), hat für seine Doktorarbeit zwischen 2021 und 2025 wandernd mit Rucksack Strahlungen in der ganzen Schweiz gemessen.
Nicolas Loizeau, warum haben Sie für Ihre Dissertation mehr als 1000 Kilometer zu Fuss zurückgelegt?
Seit 2021 wurden in der Schweiz über 20 000 5G-Antennen in Betrieb genommen. Im Auftrag des Bafu haben wir an insgesamt 300 Orten die Strahlungsexposition gemessen. Wir waren in den Bergen, auf öffentlichen Plätzen, in Wohnungen und im öffentlichen Verkehr.
Warum sind Sie dafür gewandert?
Die Messwerte variieren je nach Position selbst auf kleinem Raum stark. Deshalb ist es sinnvoll, an verschiedenen Positionen viele Erhebungen durchzuführen und dann die Mittelwerte zu berechnen. Ich hatte dafür einen Rucksack mit drei mobilen Exposimetern dabei. Mein eigenes Smartphone musste stets offline sein, da das Signal sonst die Messungen gestört hätte. Insofern war das auch eine Art Digital Detox (lacht).
Was haben Sie herausgefunden?

Obwohl es stets mehr Antennen gibt, ist die Exposition nur geringfügig höher als früher. Das liegt an den technologischen Fortschritten gegenüber 3G. Die 5G-Antennen
senden gezielt Strahlung dorthin, wo ein starker Datenaustausch stattfindet. Die höchste Exposition messen wir in Zügen und Bahnhöfen, also dort, wo sich viele Menschen aufhalten. Diese Strahlung kommt jedoch von den Geräten, nicht von den Antennen – und sie überschritt nirgends die gesetzlichen Grenzwerte.
Wie war der Austausch mit den Menschen, denen Sie während der Wanderungen begegnet sind?
Meist sehr angenehm, nur selten spürte ich Misstrauen. Zum Beispiel, wenn einzelne vermuteten, ich sei für ein Mobilfunkunternehmen unterwegs und suche nach neuen Standorten für 5G-Antennen.
Manche wehren sich aktiv gegen den Ausbau von 5G-Antennen. Haben auch solche Leute auf Ihre Expedition reagiert?
Ja, in einschlägigen Medien gab es Artikel, die uns vorwarfen, dass wir zur falschen Zeit am falschen Ort und mit den falschen Geräten messen. In einem dieser Artikel wurde ich als 5G-Backpacker bezeichnet. Das gefiel mir so gut, dass ich mich entschied, diesen Titel fortan offiziell zu verwenden. Es gab aber auch skeptische Menschen, die froh waren, dass wir solche Messungen durchführen.
Der Postdoktorand für Glaziologie an der ETH Zürich und der Universität Washington in Seattle, Dominik Gräff (35), war zwischen 2022 und 2024 dreimal in Grönland unterwegs, um die Dynamik des Gletschers Eqalorutsit Kangilliit Sermiat zu studieren.
Dominik Gräff, wie haben Sie Grönland bei Ihrer ersten Reise erlebt?
Ich kann mich noch gut an die erste Nacht im Zelt erinnern. Ich wachte wegen Donnergeräusch auf. Zunächst dachte ich an ein Gewitter. Was ich hörte, war aber der Gletscher neben uns. Wenn grosse Mengen Eis ins Wasser fallen, klingt das wie Donner. Hinzu kommen Entladungen der Spannung im Eis, die wie kleine Explosionen tönen. Der Gletscher war in ständiger Bewegung. Wenn ich Zeit hatte, sass ich oft einfach da, schaute auf die vier Kilometer breite Kalbungsfront und staunte. Dabei lernte ich extrem viel über seine Dynamik.
Wie haben Sie die Kälte ertragen?
Im Südwesten Grönlands ist es im Sommer nicht besonders arktisch. Nachts sanken die Temperaturen auf 0 Grad Celsius, tagsüber arbeiteten wir manchmal im T-Shirt. Die grössere Herausforderung waren die Mücken. Aber sie waren nicht das einzige Problem.
Erzählen Sie.
Als ich 2023 mit dem Schiff zu unserer Basis fuhr, sah ich vom Fjord aus eine Eisbärenmutter mit ihrem Jungen. Sie
waren etwa drei Kilometer von unserem Lager entfernt, wo bereits einige Kollegen arbeiteten. Ich habe sie sofort per Funk gewarnt. Danach liessen wir Gewehre einfliegen und gingen nachts auf Bärenwache. Alle zwei Stunden mussten wir einander ablösen.
Und was war an der Forschung herausfordernd?
Ich wollte ein zehn Kilometer langes Glasfaserkabel entlang der Gletscherfront am Meeresboden verlegen. Das war ein extremer logistischer Aufwand. Ich hatte drei Jahre lang auf diesen Moment hingearbeitet. Schliesslich rollten wir das Kabel im Sommer 2023 vom Schiff aus am Meeresgrund aus. Dabei stand ich mit Kollegen an Land in Kontakt. Sie sagten, dass sie kein Signal empfangen und das Kabel vermutlich beschädigt sei. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits mein gesamtes Projekt zusammenfallen.
Konnten Sie es noch retten?
Ich entschied mich, das Kabel trotzdem wie geplant zu verlegen. Zum Glück! Später zeigte sich, dass zwei der vier Fasern noch funktionsfähig waren. Damit konnte ich Störungen messen, die durch Rissbildung im Eis, herabstürzendes Eis, Ozeanwellen oder Temperaturschwankungen ausgelöst wurden. Solche Daten helfen, den Verlust von Eisschilden besser zu verstehen.

Die simulierte Mondmission Asclepios wurde vor fünf Jahren von EPFL-Studierenden gegründet und findet jährlich in der Festung Sasso San Gottardo statt. Ella Ganzer (23), die an der TU München Aerospace studiert, machte 2025 als Astronautin mit.
Ella Ganzer, wie bereitet man sich auf eine analoge Mondmission vor?
Unsere Crew bestand aus neun Personen aus aller Welt. Gemeinsam durchliefen wir ein neunmonatiges Training. Zunächst trafen wir uns online zu Schulungen. Anschliessend absolvierten wir ein Survivaltraining in den französischen Alpen. Wir lernten etwa, wie es sich anfühlt, von einer Lawine verschüttet zu sein. Auch nächtliche Wanderungen waren Teil des Programms. In Lausanne folgten Trainings zu den wissenschaftlichen Experimenten. Der krönende Abschluss war ein Parabelflug in Italien, um kurz Schwerelosigkeit zu erleben. Das war ein unglaublich tolles Gefühl!
Wie verlief die Mission in der Gotthardfestung?
Ich verbrachte insgesamt elf Tage ohne Tageslicht in den kilometerlangen Tunneln des Sasso San Gottardo. Wir simulierten während dreier Tage den Hin- und Rückflug zum Mond. Dazwischen lebten wir acht Tage auf der fiktiven Mondbasis im Inneren des Bergs. Der Tag begann mit einem Briefing, eine Stunde war für Sport eingeplant, und danach arbeiteten wir an unseren Experimenten. Ich untersuchte das Wachstum von Mikroalgen. Diese eignen sich zur Wiederaufbereitung der Atemluft und als Proteinquelle für Astronautinnen. Nachts führten wir in Raumanzügen auch Aufgaben ausserhalb der Station durch. Es war dunkel und die Berge lagen im Nebel – ein ausserirdisches Erlebnis!

Wie haben Sie die Tage im Stollen erlebt?
Man ist müde, es ist dunkel, das Essen ist gefriergetrocknet und wird mit Wasser angerührt und schmeckt nicht immer gut. Ich merkte, dass meine Toleranzgrenze gegenüber den anderen sank, und reagierte manchmal harscher als sonst. Wir hatten jedoch zuvor gelernt, mit psychischem Stress umzugehen. Die Crew hatte einen sehr guten Zusammenhalt, weshalb ich die Mission trotzdem als positiv und erfüllend erlebte.
Was lernt man in einer simulierten Mondmission fürs Leben?
Asclepios kann ein erster Schritt für einen echten Flug ins All sein. Man lernt sich selbst besser kennen und erfährt, wie man in einem Team unter Extrembedingungen funktioniert. Das ist auch auf der Erde sehr nützlich.
Die Ethnobiologin und Humangeografin an der Universität Bern, Sarah-Lan Mathez-Stiefel (50), forscht seit 2018 im peruanischen Gebiet Madre de Dios dazu, wie unterschiedliche Regierungsmodelle auf Mensch und Natur wirken.
der grössten Stadt in der Region Madre de Dios, wo 37 indigene Gruppen leben. Wir reisen dann meist auf dem Wasserweg mit motorisierten Kanus weiter. Von den Anlegestellen gehen wir zu Fuss tiefer in den Wald. Das ist in der Regenzeit anstrengend, wenn die Wege matschig sind.
Die Menschen vor Ort sind oft Co-Autoren
Ihrer Publikationen …
Bis heute fallen Forschende in indigenes Territorium ein, extrahieren lokales Wissen und Artenvielfalt, um anschliessend ihre Erkenntnisse zu publizieren oder zu kommerzialisieren. Wir wollen weg von dieser kolonialen Art der Forschung und co-designen unsere Projekte zusammen mit Vertreterinnen von indigenen Gruppen. Wir entscheiden gemeinsam, wo und wie wir forschen, was wir mit den Resultaten machen und welchen Nutzen sie aus der Kooperation ziehen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Unsere indigenen Partner hatten die Idee, dass wir Junge vor Ort zu Forschenden ausbilden könnten. Das tun wir nun im Rahmen unseres Projekts zum zweiten Mal mit vier indigenen Jugendlichen. Wir motivieren sie, eigenes traditionelles Wissen mit den wissenschaftlichen Methoden zu verbinden, die wir vermitteln.
Kommt es auch zu Missverständnissen?
Ja. Vergangenen Oktober besuchten wir eine Gemeindeversammlung. Ein indigener Forscher fiel krankheitsbedingt aus, sodass uns ein Übersetzer fehlte. Die Gemeinde verstand zuerst, dass wir Vorschläge machen wollen, wie ihr Land verwaltet werden könnte. Dabei wollten wir herausfinden, was Wohlbefinden für die indigenen Gemeinden bedeutet und wie dieses durch Landpolitiken beeinflusst wird. Die Skepsis war berechtigt, schliesslich wurden sie über Jahrhunderte hinweg fremdbestimmt.

Fühlen Sie sich in solchen Momenten manchmal fremd – oder sogar wie ein Eindringling?
Immer! Man bleibt eine Fremde. Trotzdem kann eine solche Begegnung ein gutes Erlebnis für beide Seiten sein. Dafür braucht es gegenseitigen Respekt, geteilte Erwartungen und die Anerkennung von Unterschieden.
Sarah-Lan Mathez-Stiefel, Sie reisen regelmässig für Feldforschung in den peruanischen Amazonas. Was ist Ihre Arbeit? Sie beginnt oft lange vor der Abreise. Man taucht nicht einfach in einem indigenen Dorf auf, sondern muss sich im Voraus mit den zuständigen Organisationen und den Ältesten der Dörfer abstimmen. Wir müssen vorab auch klären, wo wir übernachten können, und Proviant organisieren. Ich treffe mein Team jeweils in Puerto Maldonado, Samuel Schlaefli ist freier Journalist in Basel.

Nahe Hanksville im Südwesten der USA fahren die Geologen, Astrobiologinnen, Ingenieure, Mechanikerinnen und Physiker durch die unwirtliche Umgebung des Habitats der Mars-Gesellschaft. Die Fahrzeuge tragen Namen wie die echten Marsrover: Spirit, Opportunity, Curiosity und Sojourner.
Foto: Vera Hartmann
Sie wagten sich schon vor Jahrhunderten in noch unbekannte Terrains und dokumentierten sorgfältig, was sie vorfanden. Forschende Europas auf globalen Höhen und Tiefen.
Text Florian Fisch
Maria Merian
1699 – 1701, Dschungel von Surinam
Grund: Unterstützt von der Stadt Amsterdam, reist die aus einer Basler Familie stammende, geschiedene deutsche Malerin und Insektenforscherin mit ihrer Tochter nach Surinam. Dort lebt sie in einer Pietistengemeinde, hält Sklaven und erkundet den Urwald.
Erkenntnisse: Einteilung in Tag und Nachtfalter, Darstellung verschiedener Metamorphosenstadien auf einem Bild.


Alexander von Humboldt
1799 – 1804, Orinokobecken, Anden, Mexiko
Grund: Der Naturforscher plante seine Abenteuerreise nach Amerika jahrelang. Dank dem Erbe seiner Mutter wurde sie Realität.
Erkenntnisse: Zusammen mit Begleiter Aimé Bonpland testet, misst und skizziert er alles mit neuesten Instrumenten. Er publiziert das fünfbändige Werk «Kosmos» und wird zum Mitbegründer der empirischen Geografie.
Charles Darwin 1831 – 1836, Weltumsegelung
Grund: Marine und Handel Grossbritanniens brauchen genaue Karten des argentinischen Feuerland. Der Kapitän der Expedition sucht einen Gentleman, der ihm Gesellschaft leistet. Darwin darf auf eigene Rechnung mitreisen und jeweils als Naturforscher an Land.
Erkenntnisse: Er schickt Berichte und Proben an seinen ehemaligen Botanikprofessor, die ihn berühmt machen. Die Evolutionstheorie, inspiriert von der Artenvielfalt auf den Galapagosinseln, entsteht erst in den Jahren danach.




Charles Thomson 1872 — 1876, Tiefsee
Grund: Der schottische Botaniker und wissenschaftliche Leiter der ChallengerMission soll das Leben am Grund der Ozeane erkunden. Die Vermessungen sind auch wichtig für die Kenntnisse von Strömungen und die Verlegung von Tiefseekabeln.
Erkenntnisse: Rund 4700 neue Arten werden am Meeresgrund gefunden, dies mit fast 500 Tiefenmessungen in bis fast 8200 Meter Tiefe beim Marianengraben. Dabei wird auch der Mittelatlantische Rücken entdeckt.



Horace de Saussure
1787, Gipfel des Mont Blanc
Grund: Zunächst Philosophieprofessor, tritt er zugunsten der Alpenforschung wieder zurück. Er schreibt für die Erstbesteigung des Mont Blanc eine Belohnung aus. Nachdem diese einem Duo aus Chamonix gelungen ist, folgt er mit einem Team aus 19 Leuten.
Erkenntnisse: Beim Aufstieg beobachtet De Saussure die menschliche Leistungsfähigkeit, misst Luftdruck, Feuchtigkeit, Temperatur, Himmelsfarbe und vieles mehr – zum Teil mit selbst gebauten Instrumenten. Auf dem Gipfel bestimmt er auch die Siedetemperatur.

Ernest Shackleton
1914 – 1917, Antarktis
Grund: Den Wettlauf zum Südpol hat der Norweger Roald Amundsen gerade gewonnen. Dem britischen Forscher bleibt die Durchquerung des eisigen Kontinents – grandios betiteltet als «Imperial TransAntarctic Expedition». Erkenntnisse: Die Expedition wird durch ihr Scheitern berühmt. Das Schiff wird im Packeis zerdrückt und sinkt. Die Mannschaft marschiert wochenlang übers Eis und rettet sich per Rettungsboot auf eine Insel. Die Beschreibung von Meer, Eis, Wetter und Gesteinen wird sekundär.
Auguste Piccard
1932, Stratosphäre
Grund: Der Physikprofessor und Abenteurer will die Grenzen des Machbaren mit dem Ballon auf 16 000 Meter sprengen. Sohn Jacques und Enkel Bertrand ziehen später nach.
Erkenntnisse: Der Schweizer will auch einen Nachweis für die Relativitätstheorie seines Freundes Albert Einstein liefern. In der Stratosphäre misst er zudem die kosmische Strahlung. Die neu entwickelte Druckkapsel ermöglichte später auch Tiefseetauchgänge und Weltraumforschung.
Jane Goodall
1960, Gombe National Park
Grund: Bereits als Kind möchte sie mit Tieren in Afrika arbeiten, wird aber zunächst Sekretärin. Der Anthropologe Louis Leakey will mithilfe von Schimpansen die Urmenschen verstehen und engagiert Goodall als Sekretärin.
Erkenntnisse: Sie kann belegen, dass auch Schimpansen eine Persönlichkeit haben, einfache Werkzeuge herstellen und auf Jagd gehen.
Howard Carter
1922, Tutanchamuns Grab

Clifford Geertz
1957 — 1958, Dörfer auf Bali
Grund: Als die Unabhängigkeitsbewegungen die Anthropologie kritisieren, studiert der Kulturforscher mit Ehefrau Hildred genau die sozialen Umwälzungen auf Java und Bali, finanziert von Ford Foundation, MIT und Harvard. Erkenntnisse: Beobachtung der verbotenen balinesischen Hahnenkämpfe mittels dichter Beschreibung, die Kontext und Motivationen von Individuen – auch des Beobachters – miteinbezieht. Sie ist heute eine weit verbreitete Methodik der qualitativen Sozialforschung.

Grund: Als der 17jährige Engländer als Zeichner nach Ägypten kommt, sind die Ausgrabungen bereits behördlich geregelt. Er steigt zum Archäologen auf.
Erkenntnisse: Sein Fund des Grabes von Pharao Tutanchamun – als einziges fast intakt – führt zu einem bis heute anhaltenden Interesse für Ägyptologie.

Seit über 20 Jahren markiert die Forschungsstation der Mars-Gesellschaft etwas verloren in den kargen Weiten der Wüste Utahs eine visionäre Zukunft. Das Habitat soll ein Prototyp für Marsmissionen sein. Foto: Vera Hartmann

Einst galten Expeditionen als heroische Unternehmungen, heute ringen sie mit kolonialen Altlasten und ihrem eigenen ökologischen Fussabdruck. Eine Tour vom Himalaja bis in die Arktis.
Text Johannes Giesler
Am Morgen des 28. Mai 1952 beginnen der Schweizer Raymond Lambert und der nepalesische Sherpa Tenzing Norgay ihren letzten Aufstieg. Später wird Lambert schreiben, die Nacht zuvor sei «furchtbar» gewesen und Schlaf ausgeschlossen. In ihrem notdürftig aufgeschlagenen Zelt auf 8400 Metern flackerte nur eine kleine Kerze, über der sie etwas Schnee zu Trinkwasser schmolzen. Zu essen hatten sie fast nichts mehr. Lambert und Tenzing wollen an diesem Tag schaffen, was keinem Menschen zuvor gelungen war: den Mount Everest erklimmen. Doch sie kommen nur schleichend voran. «Als der Hang steiler wird, bewegen wir uns vorwärts wie ein Hund, der einer Spur folgt, auf allen vieren», schreibt Lambert. In über fünf Stunden schaffen sie noch rund 200 Höhenmeter, dann sind sie am Ende ihrer Kräfte. 300 Höhenmeter unterhalb des Gipfels geben sie auf und kehren um. Expeditionen wie diese waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert oft lebensgefährlich. Natur galt als feindlicher Raum. Hunderte starben an Erfrierungen, Hunger, Krankheiten oder Stürzen. Risiken wurden nicht nur in Kauf genommen – sie wurden gesucht. «Die extreme Umwelt gehörte zu einem heroischen Narrativ, das Expeditionen damals attraktiv machte», sagt Patricia Purtschert, Philosophin und Geschlechterforscherin an der Universität Bern. In einer Welt, die zunehmend modernisiert und technisch beherrschbar wurde, habe das Ausgreifen in lebensfeindliche Räume etwas Archaisches gehabt, erklärt Purtschert. Expeditionen seien als «Kampf mit den Elementen» inszeniert worden – vor allem als männlicher Kampf. Diese heroische Männlichkeit war kulturell wie politisch anschlussfähig.
In der Schweiz identifizierte sich die Öffentlichkeit stark mit den Bergsteigern, die in den 1950er-Jahren im Himalaja unterwegs waren. Sie verkörperten, so Purtschert, «althergebrachte koloniale Bilder weisser Männlichkeit, die mit Eroberung, Abenteuer, Mut, Führungs- und Besitzanspruch verbunden waren». Damit war auch eine nationale Dimension verbunden. «Die Schweiz wollte das mit kolonialer Symbolik aufgeladene Wett-
rennen um den Mount Everest gewinnen», sagt Purtschert. «Erste Nation am Gipfel – das war prestigeträchtig.»
Der Schweizer Versuch der Everest-Erstbesteigung war auch eine Forschungsreise. Neben der achtköpfigen Bergsteigergruppe um Lambert nahmen damals Forschende der Universität Genf teil: ein Geologe, ein Botaniker und die Ethnologin Marguerite LobsigerDellenbach. Sie vermass nepalesische Männer und Frauen, notierte Grösse, Kopfumfang, Breite der Nase und mehr.
Komplizenschaft mit Kolonialmächten Dass noch 1952 eine Schweizer Wissenschaftlerin Rassenforschung betrieb, gehört für Purtschert zur «kolonialen Komplizenschaft» der Schweiz. Das anthropologische Institut der Universität Zürich sei, ebenso wie das in Genf, zeitweise sogar ein «Zentrum der internationalen Rassenforschung» gewesen. Damit lieferte die hiesige Wissenschaft Legitimation für Herrschaft, Ausbeutung und Ungleichheit. Die Schweiz war auch ohne Kolonien in koloniale Projekte eingebunden: Forschende führ-
ten Expeditionen mit Unterstützung europäischer Kolonialmächte durch. Der Historiker Bernhard C. Schär zeigte etwa am Beispiel von Niederländisch Indien, dem heutigen Indonesien, wie sie mit ihrem Wissen die Expansion der Herrschaft mit ermöglichten. Expeditionen vereinten damals zahlreiche Motive: Wunsch nach Wissensgewinn, Abenteuerlust, wissenschaftliches Prestige ebenso wie nationale Konkurrenz und politische Interessen. Indem sie unbekannte Räume betraten und vermassen, machten Forschende diese verfügbar – wissenschaftlich, wirtschaftlich, strategisch. «Militärisch gesprochen waren Expeditionen die Vorhut», sagt Christian Kehrt, Professor für Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Braunschweig. «Forschende öffneten Pfade, auf denen Händler und Siedler folgten, die Städte und Infrastrukturen bauten.» Vor allem die Briten gingen so vor: Mit ihren Expeditionen tilgten sie weisse Flecken von der Landkarte. Das waren oft Hunderte bewaffnete Personen, die mit Schusswaffen und Peitschen indigene Helfer und Helferinnen kontrollierten, angeleitet von einigen wenigen
Die zweite Besteigung des Mount Everest 1956 durch ein Team von Schweizern und Sherpas aus Darjeeling, nachdem die prestigeträchtige Erstbesteigung 1952 knapp gescheitert war.

Forschenden und Militärs. Die aus europäischer Sicht neu entdeckten Regionen modernisierten die Briten dann mit ihren Tools of Empire. Darunter versteht man Technologien wie Eisenbahn und Telegrafenlinien.
Die so entstandene globale koloniale Infrastruktur schuf erstmals die Voraussetzungen für weltweite Messprogramme zu Erdmagnetik, Wetter oder Meeresströmungen. Zugleich müsse man, so Kehrt, festhalten: «Die globale Erschliessung der Welt und die Vormachtstellung Europas sind das Ergebnis militärischer Unterwerfung, die durch Forschungsexpeditionen vorbereitet und begleitet wurde.»
Wissenschaft diente dabei nicht nur als Feigenblatt imperialer Ambitionen, – oft nutzten Forschende imperiale Interessen, um ihre Expeditionen zu finanzieren. In vielen Forschungsvorhaben und -praktiken seien koloniale Logiken eingeschrieben gewesen, erklärt Moritz von Brescius. Der Professor am EuropaInstitut der Universität Basel forscht seit Jahren zu verschiedenen Facetten des Imperialismus. «Neben der Aussicht auf territoriale Expansion interessierten sich Herrscher, wissenschaftliche Gesellschaften und OstindienKompanien immer auch für Rohstoffe und Handelswaren, die entdeckt und gesichert werden konnten», sagt er. «Häufig versuchten Forschende deshalb, ihre Finanziers mit der Aussicht auf Ausbeutung für ihre kostspieligen und logistisch aufwendigen Expeditionen zu gewinnen.» Im 19. und 20. Jahrhundert habe die Suche nach kolonialen Rohstoffen und ihr Raubbau eine neue Intensität bekommen.
Nichts mit einsamer Held Ihr koloniales Denken zeigte sich auch darin, dass Expeditionsleitende dazu bereit waren, möglichst viele Daten und Objekte zu sammeln und nach Europa zu bringen. Aus der schieren Masse würde sich später schon ein System ergeben. Von Brescius nennt das «Sammelwut», die sich so zeigte: Pflanzen, Gesteine, Artefakte, Zeichnungen, Tierpräparate, selbst menschliche Skelette. Alles wurde eingetauscht, gekauft oder geraubt, nach Europa transportiert und katalogisiert.

Die Sammlungen vieler Museen des globalen Westens wurden massgeblich im Zuge kolonialer Unternehmungen aufgebaut und umfassen ungeheure Mengen an Objekten – darunter wertvolle Kulturgüter.
Im Landesmuseum Zürich fand 2024 die Sonderausstellung «Kolonial – Globale Verflechtungen der Schweiz» statt. In einer begleitenden Publikation steht, dass sich noch heute «Zehntausende Tier- und Pflanzenpräparate sowie Gesteine aus den europäischen Überseekolonien» im Besitz der ETH Zürich befinden. Das ist keine Ausnahme: Die meisten sogenannten Typusbelege aus ehemaligen Kolonien befinden sich heute in Westeuropa und den USA. Das sind einzigartige Pflanzenund Tierpräparate, aber auch Fossilien. Anhand dieser Belege wurden Arten erstmals beschrieben – oft von Forschenden des globalen Westens. Heute müssen neu gesammelte Typusbelege in ihren Herkunftsländern bleiben. So schreibt es seit 2014 das Nagoya-Protokoll vor, das den Zugang zu genetischen Ressourcen und den gerechten Vorteilsausgleich regelt.
Auch in ihren Reiseberichten, die Forschende oft gewinnbringend vermarkteten, spiegelten sich koloniale Denkmuster wider. Häufig beschrieben sie sich darin als heroische Einzelreisende, die allein den Gefahren widerstanden und die Welt vermassen. «Dabei waren Expeditionen enorme logistische Unterfangen mit Hunderten von Trägern, Übersetzern und lokalen Führern», sagt von Brescius. Indigene aus Reisebüchern herauszuschreiben, entsprach damaligen literarischen Konventionen. Wer abwich, riskierte Kritik. So pas-
sierte es den deutschen Brüdern Hermann, Adolf und Robert Schlagintweit. In ihren Berichten würdigten sie nach einer dreijährigen Expedition nach Indien und in den Himalaja die Leistung ihrer Helfer. In der britischen Presse ernteten sie dafür Spott, da sie den Eingeborenen Individualität und damit Autorenschaft zusprachen.
Die Verfälschung ging sogar noch weiter: Heute ist bekannt, dass viele Reiseberichte fiktionale Elemente enthielten. Ganze Routen waren erfunden. Der Ethnologe Johannes Fabian beschreibt in seinem Buch «Out of Our Minds», dass einige europäische Reisende während ihrer Expedition schwer erkrankten, im Fieber halluzinierten und von ihren indigenen Begleitern getragen werden mussten, weil sie selbst nicht mehr gehen konnten. Kaum etwas davon wird schriftlich erwähnt.
Gleichzeitig zeigen viele historische Expeditionen, welche Folgen es haben konnte, indigenes Wissen zu ignorieren. Die Kulturwissenschaftlerin Lea Pfäffli beschreibt dies in ihrem Buch «Arktisches Wissen» am Beispiel des Schweizer Meteorologen Alfred de Quervain. 1909 scheiterte er daran, das grönländische Inlandeis zu überqueren, weil er Schlitten mit Ausrüstung und Proviant selbst ziehen wollte, anstatt sie hinter die in Grönland seit Jahrhunderten etablierten Hundeschlitten zu spannen. Pfäffli zitiert De Quervain: «Dieser Teufel in Schlittengestalt! Wo er sich überschlagen kann, tut er’s; wo er’s nicht kann, tut er’s trotzdem.» Erst drei Jahre später gelang ihm die Durchquerung – mit Hundeschlitten. Trotzdem erkannte De Quervain das Wissen
der Inuit nicht als gleichwertig an. Pfäffli zeigt, wie De Quervain ihr Wissen implizit abwertet –und die Inuit in seinen wissenschaftlichen Publikationen nicht als Wissensproduzenten oder Referenzen auftauchen.
Lokale Teilhabe bleibt komplex
Die kolonialen Muster, die Expeditionen seit dem 19. Jahrhundert prägten, hinterliessen eine Infrastruktur, von der Forschung im globalen Westen bis heute profitiert. «Daraus ergibt sich Verantwortung für moderne Expeditionsforschung», ist Danièle Rod, Direktorin des 2016 gegründeten Schweizer Polarinstituts (SPI) überzeugt. Es finanziert und organisiert Expeditionen ins Eis und berät Schweizer Forschende bei ethischen Fragen und zu rechtlichen Rahmenbedingungen.
Solche sind erst in den vergangenen beiden Jahrzehnten entwickelt worden und befinden sich weiterhin im Wandel. Heute stehen dekoloniale Prinzipien im Zentrum: Forschung soll lokale Gemeinschaften einbinden, Wissen teilen und transparent arbeiten. Internationale und nationale Vorgaben sowie Forderungen indigener Organisationen setzen dafür hohe Standards. «Viele Forschende können sich damit überfordert fühlen», sagt Rod. Zugleich belohnt das westliche akademische System Geschwindigkeit, Publikationen und internationale Kooperationen – nicht aber den Aufbau langfristiger Beziehungen. «Echtes kollaboratives Forschen zusammen mit indigenen Gruppen, das die wissenschaftliche Qualität spürbar erhöht, braucht Zeit und Vertrauen»,
sagt Rod. In der Praxis werde jedoch häufig zuerst geplant und finanziert – und erst danach über lokale Beteiligung gesprochen. Die Entscheidungshoheit bleibe somit im globalen Westen, und Strukturen änderten sich langsam. Zudem beobachtet Rod Ermüdungserscheinungen in manchen indigenen Communities: Wenn Jahr für Jahr Dutzende Teams auf tauchen, Fragen stellen, Kooperationen anstossen und Zustimmung einholen, kippt das Verhältnis von Aufwand und Nutzen leicht. Neben der Frage der Teilhabe stehen bei modernen Expeditionen schon lange weitere Aspekte im Fokus: insbesondere den ökologischen Fussabdruck im Auge zu behalten und dafür etwa Material für die Expeditionen effizienter zu transportieren. «Wer Fracht statt per Flugzeug per Schiff organisiert, reduziert den Fussabdruck massiv, muss dafür jedoch Monate mehr einplanen», so Rod. Gleichzeitig fördert das SPI Modelle, die Reisen generell reduzieren: Lokale Partner können eingebunden werden, um Messgeräte zu warten oder Proben zu sammeln. Das senkt Emissionen und stärkt die lokale Forschungskomponente.
Tourismus der letzten Chancen Und doch, sagt Rod, lasse sich Feldforschung nicht vollständig ersetzen. Die Polarregionen veränderten sich rasant, Kipppunkte hätten globale Auswirkungen. «Deshalb muss Wissenschaft ins Feld», ist Rod überzeugt. «Wir wissen genug, um zu handeln. Aber wir wissen nicht, wann die Systeme kippen.» Dass heute von Kipppunkten die Rede ist, zeigt einen ver-
Erst nachdem der Schweizer Meteorologe Alfred de Quervain auf die bei den Inuit seit Jahrhunderten etablierten Hundeschlitten zurückgriff, gelang ihm 1912 die Durchquerung Grönlands.

änderten Blick auf die Umwelt. Dania Achermann, Wissenschafts- und Technikhistorikerin, sagt: «In der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich unsere Beziehung zur Natur verändert, weg von Eroberung und Beherrschung, hin zur Einsicht, dass wir sie schützen und bewahren müssen.» Mit dem ökologischen Bewusstsein der 1960er- und 1970er-Jahre wurde deutlich, dass die Umwelt ein empfindliches System sei.
Parallel dazu veränderte sich auch die Expeditionsforschung: Sie wurde technischer und internationaler. Heutige Grossprojekte wie die antarktische Eiskernbohrung Beyond Epica oder die Arktisexpedition Mosaic erweiterten das Wissen erheblich, erfordern aber auch aufwendige Logistik und gehen mit enormem Ressourcenverbrauch einher.
Diese Entwicklung habe Folgen über die Wissenschaft hinaus, sagt Achermann. Forschungsexpeditionen hätten historisch wie gegenwärtig nicht nur Wissen erzeugt, sondern auch Wege eröffnet zu entlegenen Regionen, die heute auch touristisch genutzt werden. Zugleich machten wissenschaftliche Daten, Bilder und Klimadiagnosen den rasanten Wandel dieser Orte sichtbar und rückten sie stärker ins öffentliche Bewusstsein. In diesem Zusammenhang spricht Achermann von einem «Last-Chance-Tourismus»: Das Wissen um die Bedrohung polarer Regionen steigert das Interesse, sie «noch einmal» zu besuchen, bevor sie verschwinden.
In den Polarregionen wird diese Dynamik besonders sichtbar. Kreuzfahrtschiffe, Polarflüge und Forschungsexpeditionen nutzen oft dieselben Routen und Anlandestellen. «Wissenschaftliche Expeditionen haben diesen Tourismus nicht ausgelöst», sagt Achermann, «sie tragen aber dazu bei, entlegene Regionen als erreichbar und bereisbar zu zeigen.»
Gleichzeitig schafft die Erwärmung neue Zugänge. Mit dem Rückgang des Eises werden Gebiete erreichbar, die lang unzugänglich waren – und damit auch deren Rohstoffe. Die wachsende Erreichbarkeit macht diese Räume politisch relevant. Das erhöht die Dringlichkeit für Forschung, weckt aber auch geopolitische Begehrlichkeiten. Besonders in der Arktis, wo territoriale Ansprüche umstritten sind, müssen Expeditionen deshalb verantwortungsvoll geplant werden – nicht zuletzt, um zu verhindern, dass Forschung erneut als Vorwand für andere Interessen missbraucht wird.
Johannes Giesler ist freier Wissenschaftsjournalist in Leipzig.

Wochen bis Monate verbringen Forschende in der relativen Isolation der marsähnlichen Umgebung im südlichen Utah. Foto: Vera Hartmann
Mit Metallpulver, Sekundenkleber und Laserlicht werden im Labor der Kriminalwissenschaften Fingerspuren sichtbar. Warum sie in der Forensik bis heute eine Schlüsselrolle spielen. Und wo alte Methoden an ihre Grenzen stossen.







Es fühlt sich an wie eine Folge von CSI: Ein Forensiker in blauen Handschuhen und weissem Laborkittel streicht mit einem Pinsel vorsichtig über eine Glasscheibe. Wie aus dem Nichts taucht eine grau schimmernde Schliere eines Fingers auf. «Ist ganz einfach, probieren Sie mal», sagt Andy Bécue, Chemiker im Labor der Kriminalwissenschaften an der Universität Lausanne, und reicht den Pinsel weiter. Das Vorgehen erweist sich für eine Ungeübte dann schnell als heikel. Der vermeintliche Pinsel entpuppt sich als magnetischer Stab, an dem feinste Teilchen aus Metall haften. Einmal zu stark aufgedrückt, und ein glitzernder Schwall ergiesst sich über die Glasoberfläche. «Kein Problem», lacht Bécue. «Die Späne kann man einfach wieder auftunken.» Er führt es vor und taucht den Stab zurück in ein Gefäss voll glänzender Krümel.
Die alten Techniken bleiben gut Das sogenannte Einstaubverfahren wurde um 1900 entwickelt. Es wird bis heute routinemässig eingesetzt, um Spuren von Fingern auf glatten Oberflächen sichtbar zu machen. «Eingestaubt wird vor allem direkt am Tatort», erklärt Bécue, «auf Objekten, die man nicht ins Labor mitnehmen kann – Fenster, Möbel, grosse Flächen.» Der Professor forscht und lehrt seit 2004 in Lausanne zu Nachweistechniken
1 In der Dunkelkammer des Labors der Kriminalwissenschaften an der Universität Lausanne leuchten auf dem zuvor in das chemische Nachweismittel Indandion getauchten Blatt Papier Dutzende knallorange Fingerspuren auf.
2 Doktorandin Bérénice Bonnaz, Laborleiter Andy Bécue und Doktorandin Talita Haddad machen mit ihrer Forschung forensische Nachweistechniken vergleichbar und ökologischer.
3 Verdampfter Sekundenkleber enthüllt Fingerspuren auf PETFlaschen.
4 Hunderte Leuchtsternesticker zieren die schwarzen Wände der Dunkelkammer. Sie haben keinen Zweck für die Forschung, aber erhellen lange Arbeitstage im Düsteren.
5 Ein magnetischer Stab mit Metallspänen macht Fingerspuren auf Oberflächen sichtbar. Das sogenannte Einstaubverfahren gibt es seit 1900.
für forensisch interessante Spuren. Diejenigen von Fingern sind trotz DNA nach wie vor zentral in der Kriminalistik. Während er mit dem magnetischen Stab die letzten Metallspäne vom Tisch einsammelt, erklärt er, warum: «Eine Fingerspur stellt die direkte Verbindung zu einer Person her und zeigt an, dass diese den Gegenstand berührt hat. Auch DNA kann eine Verbindung herstellen – aber sie kann zufällig an einem Ort landen. Es ist wichtig, beide Arten von Spuren zu kombinieren.» Übrigens: In der Forensik spricht man nur dann von einem Fingerabdruck, wenn es sich um einen gefärbten Abdruck einer bekannten Person handelt, als Referenz zur Identifikation. Was überrascht: Viele Techniken und chemische Stoffe zum Sichtbarmachen von dem, was Finger auf Oberflächen hinterlassen, sind seit langer Zeit praktisch unverändert im Einsatz. Bécue erklärt: «Nicht, weil uns nichts Besseres einfällt, sondern weil die alten Techniken nach wie vor gut sind.» Der blinde Fleck liege anderswo. «Wir wissen zum Teil nicht genau, wie bestimmte Methoden funktionieren, wo ihre Grenzen liegen und was tun, wenn ihre Leistung plötzlich nachlässt.» Genau dort setzt die Forschung im von ihm geführten Labor an: Nachweistechniken messbar, ökologischer und überprüfbar zu machen.
Das Foto ist die Spur der Spur Neben dem Arbeitsplatz mit der Glasscheibe hängt ein Smartphone über einer flachen Metallschatulle mit Rosenmotiv, die übersät ist mit silbern schimmernden Fingerspuren. «Jede einzelne wird dokumentiert, also fotografiert», sagt Doktorandin Bérénice Bonnaz. «Die Bildqualität ist genauso wichtig wie die Detektion selbst.» Fotos bilden die Grundlage für alle weiteren Schritte: Vergleich, Identifizierung, Rekonstruktion eines Tathergangs. «Die Spur der Spur», nennt Bonnaz das. Die Einrichtung gehört zum Doktoratsprojekt von Arthur Baert, der untersucht, ob Smartphones für ebendiese Fotos die nötigen Qualitätskriterien erfüllen. Die Idee: Polizistinnen könnten Spuren direkt am Tatort mit ihrem Natel statt der üblichen Spiegelreflexkamera ablichten. Bonnaz, die in Abwesenheit ihres Kollegen das Projekt erklärt, dreht das Telefon millimeterweise, bis dessen Objektiv exakt parallel über der Oberfläche steht. Sie erläutert die Schwierigkeit: «Handykameras können stark verzerren. Schon eine minimale Schieflage kann das Bild verändern – und damit die Aussagekraft.» Bonnaz selbst arbeitet an der Bewertung der Qualität der Überbleibsel von Fingerspuren. «Traditionell beurteilen
Wissenschaftler sie analog», erklärt die Forscherin. Anhand von Kriterien wie Kontrast und Schärfe der sogenannten Papillarlinien begutachten sie Tausende Bilder, am Ende wird ein Punktestand vergeben. Trotz klarer Vorgaben bleibt dabei viel Subjektivität. In ihrer Dissertation testete Bonnaz deshalb zwei Algorithmen, die die Evaluierung automatisch vornehmen. «Die Resultate sind objektiver –und vor allem besser reproduzierbar.» Standardisierte Qualitätsmessung ist für die Methodenforschung entscheidend. «Wir müssen festlegen, was wir messen – und wie», betont Bécue. «Nur so lässt sich feststellen, ob ein Verfahren besser funktioniert als ein anderes.»
Im Sekundenklebernebel Bécue platziert jetzt drei leere PETFlaschen, die er zu Beginn des Treffens aus einem Recyclingcontainer in der Cafeteria gekramt hat, in einen quadratischen Glaskasten. «Da sind bestimmt viele Spuren drauf», meint er. Der Kasten ist eine Dampfkammer, von Forensikern Cyanschrank genannt.
Verdampft wird Cyanoacrylat, allgemein bekannt als Sekundenkleber. Bei hoher Luftfeuchtigkeit reagiert er mit Substanzen aus Hautschweiss und Talg, die auf dem Plastik haften. Nach wenigen Minuten zeichnen sich auf den Flaschen weisse Strukturen ab, die allmählich Gestalt annehmen. Der Klebstoff kommt wie das Einstauben bei nicht porösen Materialien zum Einsatz – oft für Gegenstände, die ins Labor transportiert werden können.
Bonnaz betrachtet die Flaschen, die von einem chaotischen Meer aus Streifen und Schlieren bedeckt sind. «Das ist ein typisches Bild», sagt sie. Deutliche Abdrücke stammen oft von fettigen Hautrückständen, schlecht erkennbare von trockenen Fingern oder Bewegungen. Wie gut eine Spur erhalten bleibt, hängt zudem davon ab, was sie durchmacht, nachdem sie hinterlassen wurde – Zeit, Feuchtigkeit, Umgebung. Tausende solcher Spuren für Forschungsprojekte, bei denen Nachweismethoden evaluiert werden sollen, von Auge zu beurteilen, ist entsprechend anspruchsvoll.
Lösungsmittel zu umweltschädlich
Unter einem Luftabzug daneben steht ein flaches Gefäss mit Flüssigkeit. Mit einer Pinzette zieht Bécue ein gebrauchtes Blatt Papier hindurch. Ninhydrin, präzisiert er, Ninhy im Forscherjargon. Die Substanz reagiert mit Amino säuren aus Hautschweiss und färbt Überbleibsel von Fingerspuren violett. Diese Methode wird seit den 1950erJahren unverändert eingesetzt. Hier ist das Bewährte aber
ins Wanken geraten. NinhydrinRezepturen enthalten sogenannte Ewigkeitschemikalien, PFAS. Die Lösungsmittel sind seit Ende 2025 verboten. «Alle dachten: Das kommt irgendwann», sagt Bécue, «jetzt ist das Verbot da –und wir haben noch keinen gleichwertigen Ersatz.» Daher forscht er an Alternativen. Zwar zeigen manche Ansätze Potenzial, aber die traditionelle Mischung lasse sich bisher nicht schlagen.
Der aktuelle Goldstandard zum Nachweis von Fingerspuren auf Papier heisst Indandion. Auch hier reagiert die Chemikalie mit Aminosäuren – allerdings zu einer fluoreszierenden Substanz, die erst unter Laserlicht sichtbar wird. Im Labor breitet sich ein zunehmend scharfer Essiggeruch von der Lösung aus, in die Bécue gerade ein weiteres Blatt Papier getaucht hat. Nun geht es in die Dunkelkammer nebenan. Hunderte Leuchtsternesticker zieren die schwarzen Wände. «Das war ich», lacht Bonnaz, «an einem langen Tag im Labor.»
Bevor das Licht ausgeht, setzen alle orange Schutzbrillen auf. Als Bécue den Laser einschaltet, leuchten auf dem eben noch weissen Blatt Dutzende knallorange Fingerspuren auf, gestochen scharf, detailreich. «Das ist heute die beste Technik, die wir für poröse Oberflächen wie Papier haben», erklärt Bécue. «Aber auch hier stellt sich die Frage nach nachhaltigeren LösungsmittelAlternativen.»
Jede Fingerspur ist anders
Zum Schluss zeigt das Team eine weitere Facette seiner Arbeit: künstliche Spuren. Sie dienen als kontrolliertes Ausgangsmaterial für Methodentests, Vergleiche zwischen Labors und zu Ausbildungszwecken. Mit Stempeln lassen sich zum Beispiel reproduzierbare blutige Fingerspuren herstellen. «Mit echten Fingern ist das kaum möglich», sagt Bécue. «Selbst wenn er immer denselben Finger verwendet, ist es für einen Spender schwierig, eine Reihe von Spuren zu hinterlassen, die alle die gleiche Qualität oder Zusammensetzung aufweisen.»
Bécue sammelt die Stempel vom Tisch ein und verstaut sie in einem Plastikbeutel. Als alle zum Schluss des Besuchs die blauen Handschuhe wieder ausziehen, lacht er: «Jetzt sollten wir an ihnen noch einen Test machen, um zu sehen, wer sich heute ins Gesicht gegriffen hat.»

Klara Soukup ist Wissenschaftsjournalistin in Lausanne.

«Eine Fingerspur stellt die direkte Verbindung zu einer Person her und zeigt an, dass diese den Gegenstand berührt hat.»
Andy Bécue




6 Mit echten Fingern ist es kaum möglich, eine Reihe von Spuren zu hinterlassen, die alle die gleiche Qualität oder Zusammensetzung aufweisen.
7 Chemiker Andy Bécue ist stets auf der Jagd nach Spuren von Fingerkuppen.
8 Einmal ins Reagenziengemisch getaucht …
9 … lassen sich Fingerspuren später im Laserlicht erkennen.
10 Ein Smartphone wird über einer mit Fingerspuren übersäten Schatulle gehalten. So wird getestet, ob Polizistinnen künftig per Handy Fotos davon machen können, die gut genug sind für die Forensik.
11 Im Labor für Kriminalwissenschaften werden reproduzierbare blutige Fingerspuren per Stempel hergestellt.
Betrügerische Firmen überschwemmen die wissenschaftliche Literatur mit gefälschten Artikeln, Co-Autorenschaften und Zitierungen: Wie die Paper Mills gestoppt werden können.
Text Daniel Saraga
Irgendetwas stimmt mit der Infografik nicht: Sie enthält dadaistisches Vokabular wie «medical frymbial», die Beine einer Frau sind in einer Platte eingewachsen, und ein merkwürdiges Velo ist mit «Score 0.93» beschriftet. Schnell wird klar: Sie stammt von einer generativen KI. Dennoch schaffte es die Grafik im November 2025 in die Zeitschrift Scientific Reports als Teil eines Artikels über Autismus. Dieser Nonsens-Beitrag wurde zwar schnell gemeldet, stellt aber nur die Spitze des Eisbergs dar. Viele gefälschte Texte sind schwieriger zu erkennen und bleiben unbemerkt. Die meisten stammen aus betrügerischen Unternehmen, sogenannten Paper Mills. Sie verkaufen frei erfundene, von Hand oder mit generativer KI erstellte Manuskripte – oder auch die Möglichkeit, als Co-Autorin zu firmieren. Ihre Kundschaft bläht damit die persönliche Publikationsliste und die Zahl der Zitierungen auf, zwei Schlüssel für eine akademische Karriere.
«Die ersten grossen Betrugsfälle gab es vor rund zehn Jahren», erklärt Anna Abalkina, die an der Freien Universität Berlin über Korruption in der Wissenschaft forscht. «Paper Mills befinden sich häufig in Indien, Pakistan oder China, aber auch in Russland oder Lettland. Kundschaft finden sie auf der ganzen Welt, auch im Westen.»
Wettrüsten der künstlichen Intelligenzen
Die Aktivitäten der Paper Mills erstrecken sich über mehrere Glieder der Publikationskette, etwa wenn eine Zeitschrift eine Sonderausgabe zu einem bestimmten Thema plant und Forschende einlädt, bei dieser Gelegenheit als Herausgebende zu fungieren. Manchmal fordern dann solche Forschenden ihre Bekannten auf, Artikel einzureichen. Bei der Qualität drücken sie ein Auge zu, und für ein positives Peer-Review leiten sie die Artikel an andere Kontakte weiter. Die Involvierten zitieren sich gegenseitig und bilden so ein Zitierkartell.
Thomas Stoeger, der an der Universität Zürich seine Dissertation in Biologie verfasste und danach an der Northwestern University in der Nähe von Chicago forschte, hat solche Netzwerke untersucht. Er stiess auf Dutzende verdächtige Verlage. Diese hatten innert kurzer Zeit ungewöhnlich viele Artikel entgegengenommen oder viele Manuskripte akzeptiert, die entweder von Mitgliedern desselben Netzwerks stammten oder später zurückgezogen wurden. In seiner in der Zeitschrift PNAS veröffentlichten

Manuskripte über Manuskripte mit Zitierungen über Zitierungen –Paper Mills verkaufen frei erfundene, von Hand oder mit generativer KI erstellte Manuskripte.

Studie führte er 32 000 Artikel auf, die auf Paper Mills zurückgehen dürften. Das sind lediglich 0,01 Prozent der 270 Millionen Fachartikel, die im Katalog «Open Alex» erfasst sind. Sorgen bereitet Stoeger, dass der Trend steil nach oben zeigt. Die Zahl dieser Artikel verdopple sich alle 18 Monate und sei massiv höher als die Zahl der Artikel, die zurückgezogen oder auf Webseiten wie Pubpeer oder Retraction Watch gemeldet würden. «Wenn sich der Trend fortsetzt, könnten jedes Jahr Hunderttausende gefälschter Artikel erscheinen, von denen drei Viertel möglicherweise nie zurückgezogen werden. Nicht zuletzt, weil es mit KI viel einfacher geworden ist, Manuskripte zu verfassen.»
Viele problematische Artikel werden durch Forschende identifiziert, sobald sie veröffentlicht oder als Preprints vorhanden sind. Diese Qualitätssicherung ist Freiwilligenarbeit. Weniger bekannt ist, dass die Verlagshäuser aktiv Massnahmen ergreifen. «Bei Springer Nature durchläuft jedes eingehende Manuskript zuerst mehrere automatische Filter, bevor es zur Begutachtung kommt», erklärt Chris Graf, Direktor für Forschungsintegrität beim Verlag. Diese Tools erkennen von Sprachmodellen generierte Plagiate mit ihren gewundenen Formulierungen wie «unraffinierte Informationen» für «Rohdaten». Sie identifizieren zudem manipulierte Bilder oder themenfremde Referenzen sowie versteckte Prompts, um eine eventuell mit der Bewertung beauftragte KI zu beeinflussen. Zwischen den Tools, die Fake-Artikel erstellen, und den Tools, die solche aufdecken, läuft somit ein technologisches Wettrüsten. Die Details dazu bleiben vertraulich, «damit die Informationen nicht für Betrügereien missbraucht werden».
Scopus und Web of Science entfernen laut der Studie von Stoeger jedes Jahr etwa 100 Zeitschriften aus ihrem Korpus, die nicht den Qualitätsstandards entsprechen, insbesondere in Bezug auf Peer-Review und die Anzahl gefälschter Artikel. Für Forschende ist es dann weniger interessant, dort Artikel einzureichen, da diese für Bewertungen ihres Leistungsausweises allenfalls nicht mehr berücksichtigt werden. Nachdem 2023 und 2024 mehrere Zeitschriften des in Basel domizilierten Verlagsriesen MDPI deindexiert wurden, publizierte dieser deutlich weniger Artikel, sagt Abalkina.
Autor wider Willen
Betrugsgeschichten können seltsame Wendungen nehmen, wie Federico Germani von der Universität Zürich erfahren hat. Im November 2025 entdeckte der auf Desinformation spezialisierte Forscher auf der offenen Plattform Research Gate, dass er als Mitautor auf einem Manuskript erwähnt wurde, das er noch nie gesehen hatte. «Ich wollte die Autoren kontaktieren, fand aber keine Spur von ihnen. Die Identitäten waren offensichtlich gefälscht. Doch wozu wurden sie geschaffen? Eine Möglichkeit ist, dass Paper Mills damit künftige Kundinnen anlocken wollen: Wenn sie eine Forscherin einer bekannten Universität aufführen, wirkt der Artikel glaubwürdig.»
«Ich wollte die Autoren kontaktieren, fand aber keine Spur von ihnen.»
Der Lausanner Open-Access-Verlag Frontiers beschäftigt in seiner Abteilung für Forschungsintegrität 66 Mitarbeitende. Er weist jedes Jahr etwa 40 000 Manuskripte sofort zurück – mehr als ein Viertel der eingereichten Artikel oder die Hälfte der nicht veröffentlichten Artikel. «Bis vor kurzem agierte jeder Verlag isoliert», erklärt Elena Vicario, Leiterin der Abteilung. «Doch Paper Mills sind ein globales Problem, bei dem die Verlage zusammenarbeiten müssen.»
Federico Germani
Sie teilen auf dem STM Integrity Hub Hinweise zu Manuskripten, die gefälscht sein könnten – etwa durch viele parallele Einreichungen oder eine verdächtige Häufung von Zitierungen.
Deindexierung als schwerste Sanktion
Die Verlage haben auch die Verfahren zum Rückzug fehlerhafter Artikel beschleunigt: Eklatante Fälle von KI-Inhalten wurden bereits nach wenigen Wochen oder sogar Tagen entfernt. Abalkina sieht diese Bemühungen kritisch. «Solche schnellen Reaktionen betreffen medienwirksame Fälle und sind in weniger auffälligen Artikeln viel seltener. Kommerzielle Verlage haben wohl nur wenig Anreize, wirklich gegen Paper Mills vorzugehen.» Für besonders unglaubwürdige Zeitschriften ist eine schwere Sanktion möglich: die Deindexierung. Die grossen Literaturkataloge wie
«Mit einer virtuellen Identität können sie ohne grosses Risiko als Herausgeber auftreten oder Peer-Reviews übernehmen», fügt Abalkina hinzu. So wird es einfacher, gefälschte Artikel zu veröffentlichen oder Forschende zu zitieren, die dafür bezahlen. Im Internet kann man Zitierungen im Multipack kaufen, etwa hundert Zitierungen zum Preis von tausend Dollar – das Pendant zu den Klickfarmen, um Follower in sozialen Netzwerken zu gewinnen und Kundenbewertungen von Online-Shops zu manipulieren. Diese zunehmende Flut von gefälschter Forschung hat vielfältige Konsequenzen. Solche Artikel belasten die ohnehin schon strapazierten Publikationsprozesse und erschweren eine aussagekräftige Bewertung akademischer Karrieren. Sie korrumpieren die wissenschaftliche Literatur, insbesondere zusammenfassende Studien wie Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten. Weiter besteht die Gefahr, dass sie in den Ergebnissen von Suchmaschinen auftauchen und KIModelle mit falschen Informationen füttern.
«Problematisch ist die Diskrepanz zwischen guter Forschungspraxis und gesetzlichen Vorschriften», bedauert Abalkina: «Wer bereits geschriebene Artikel, Zitierungen oder Autorenschaften kauft, verstösst massiv gegen die wissenschaftliche Ethik und Integrität. In vielen Ländern sind solche Praktiken aber nicht illegal.»
Daniel Saraga ist freier Wissenschaftsjournalist in Basel.

Doktorandin Giorgia Magni forscht an der Universität Genf zu geschlechtsspezifischer Gewalt im Bildungsbereich und zu kritischer Pädagogik.
Foto: Olivia de Villaine / 13 Photo
Wer übt diese Gewalt aus?
79 Prozent sind Männer, 21 Prozent Frauen, weniger als 1 Prozent nicht binäre Personen.
Sexualisierte Witze sind mit 77 Prozent die am häufigsten erlebte Form dieser Gewalt. Worum geht es?
Zum Beispiel geben Männer damit an, wie viele Frauen sie in einer Nacht bekommen werden. Das normalisiert eine Kultur, die zu Verhaltensweisen wie unerwünschten Berührungen oder Drängen zu Sex führen kann. Oder ein Student wurde ständig gefragt: «Du zeigst uns nie deine Freundin. Bist du schwul?» Er war tatsächlich schwul, wollte das aber verbergen.
Giorgia Magni, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Genf, stellte in ihrer Dissertation über genderbasierte Gewalt unter Studierenden fest, dass fast 60 Prozent schon einmal davon betroffen waren.
Interview Judith Hochstrasser
Giorgia Magni, in Ihrer Dissertation haben Sie sich mit genderbasierter Gewalt unter Studierenden beschäftigt. Was ist das denn für Gewalt?
Jede Art von Gewalt, die Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern festigt oder Verstösse gegen Gendernormen bestraft, etwa bei LGBTQ-Menschen. Es gibt physische, psychische, sexuelle und sogar wirtschaftliche Formen von Gewalt.
Der Begriff Gewalt scheint irreführend, wenn es nicht um physische Gewalt geht. Genderbasierte Gewalt beschränkt sich nicht auf isolierte physische Handlungen. Sie ist Teil eines Musters, das die patriarchalische Macht verteidigt. Auch scheinbar harmlose sexistische Witze dienen dazu, andere zu dominieren.
Welche typischen Beispiele haben die Studierenden erzählt?
Einige erlebten sexuelle Gewalt im Klassenzimmer: unerwünschte Berührungen, sexuelle Annäherungen oder sexuelle Bemerkungen über ihren Körper.
Wie reagierten sie darauf?
Sie entwickelten Strategien: Sie besuchten den Unterricht nicht mehr vor Ort, kamen später und gingen früher oder mieden gemeinsame Aktivitäten und isolierten sich so von ihren Mitstudierenden. Das wirkte sich auf ihre Motivation und ihre Leistung aus.
59 Prozent der Studierenden an der Universität Genf haben genderbasierte Gewalt erlebt. Hat Sie das überrascht? Ich hatte eine hohe Zahl erwartet, aber nicht fast 60 Prozent. 53 Prozent der Betroffenen definieren sich als heterosexuelle Frauen, 14 Prozent als heterosexuelle Männer. 33 Prozent gehörten einer Minderheit wie LGBTQ an.
Laut Ihren Ergebnissen ist solche Gewalt in allen Fakultäten verbreitet. Fachbereiche wie Jura werden zwar zunehmend weiblicher, aber die sexistische Kultur hat sich nicht wirklich verändert. Eine Studie von 2019 zeigte, dass Studentinnen während ihrer Praktika in Anwaltskanzleien belästigt wurden. Ein Jurastudent erzählte mir, dass die Fakultät nie auf diese Ergebnisse eingegangen sei und die Studentinnen nicht auf solche Situationen vorbereitet wurden.
Auch die Naturwissenschaften waren lange Zeit männlich …
Ja, in der Biologie ist es ähnlich. Es gibt heute mehr Forscherinnen, aber die Kultur ist immer noch sehr männlich geprägt. Studentinnen werden belästigt und sehen sich gezwungen, die Fakultät zu verlassen. Andere verheimlichen ihre Homosexualität oder Bisexualität.
Und in den Geisteswissenschaften?
Es wird mit Stereotypen gespielt. Eine studierende Person schrieb etwa sexualisierte Gedichte an eine andere. Problematisch können auch philosophische Debatten über sensible Themen wie gleichgeschlechtliche Ehe sein. Der Professor mag argumentieren, dass Debattieren gelernt werden muss. Aber wenn es keine Regeln gibt, können alle sagen, was sie wollen, auch wenn es noch so diskriminierend ist.
Was können die Verantwortlichen an den Hochschulen tun?
Die Studierenden sollen kritisch debattieren, doch die Dozierenden müssen eine Grenze zwischen Meinung und Hassrede ziehen. Debatten über die gleichgeschlechtliche Ehe führen häufig zur Behauptung, sexuelle Minderheiten seien nicht normal. Wer das stehen lässt, normalisiert die Diskriminierung.
Autonome Flugobjekte sind optimal für Missionen in gefährlichen und unzugänglichen Umgebungen. Um bei Drohnen die Orientierung zu verbessern, entwickeln Forschende intelligente Sensorsysteme.
Text Hubert Filser
Gitter, glänzende Oberflächen oder ein gewöhnlicher Maschendrahtzaun: Für autonome Drohnen sind das heikle Strukturen. Sie sind im Flug schwer zu erkennen, sagt Teddy Loeliger. Die Sensoren müssen ständig den Abstand zur Umgebung messen, um zuverlässig Hindernissen ausweichen zu können – auch dann, wenn Konturen verschwimmen oder Objekte im Nebel oder in Dunkelheit völlig verschwinden. «Klassische optische Systeme kommen da rasch an ihre Grenzen», so Loeliger, Leiter der Sensor-Elektronik-Gruppe an der ZHAW.
In einer kleinen Halle in Zürich testet er deshalb neuartige Sensoren. Sie senden Infrarotlicht aus, dessen Helligkeit nach einer bestimmten Frequenz (Modulationsfrequenz) verändert wird. Die Sensoren werten das reflektierte Signal aus, bestimmen daraus den Abstand zu Objekten. 3D-Time-of-Flight (3D-TOF) wird die Technologie genannt. Um Gitter, Zäune oder Glasflächen zu erkennen, arbeiten sie mit mehreren Frequenzen. Ein Algorithmus trennt störende Interferenzen. So entstehen präzise 3D-Bilder. «Die Sensoren sind Kameras, die die exakte räumliche Information gleich mitliefern», erklärt Loeliger. Kombiniert mit herkömmlichen Farbsensoren, die in Verbindung mit KI ein Verständnis der Umgebung liefern, oder Radar ist die Technologie besonders nützlich in dunklen oder strukturlosen Umgebungen.
Doch die Technologie 3D-TOF hat einen Nachteil: den Energieverbrauch. Die Sensoren müssen ständig Licht aussenden – das leert die Batterie. Deshalb versucht Loeligers Team, nur Teile der Wellen zu nutzen, um die Datenrate und damit den Energiebedarf zu reduzieren. Auf wenige Meter funktioniert das gut, doch jenseits von zehn Metern braucht die Beleuchtung zu viel Leistung.
Davide Scaramuzza, Drohnenforscher von der Universität Zürich, setzt daher auf sogenannte Event-Kameras. Ihre Sensoren orientieren sich am menschlichen Auge. «Unser Auge schickt nicht ständig vollständige Bilder ans Gehirn. Es registriert vor allem Veränderungen», so Scaramuzza. Entsprechend überwacht im Sensor ein Pixel nur die Helligkeit in seinem Sichtfeld und meldet bei starker Änderung ein sogenanntes Event – mit Informationen über Position und Zeitpunkt im Mikrosekundenbereich. Die Auswertung basiert auf neuronalen Netzen. Trainiert wird in einer simulierten Umgebung. «Jedes einzelne Pixel ist sozusagen intelligent», erklärt Scaramuzza. Event-Kameras funktionieren sowohl bei grellem Sonnenlicht als auch in fast völliger Dunkelheit und benötigen wenig Daten. Die Drohnen reagieren schneller als ein Mensch, mit weniger als einer Millisekunde Verzögerung.
Scaramuzza hat mit seinem Team Rekorde aufgestellt und mit der autonomen Drohne in Rennen gegen Profipiloten gewonnen. Er erkennt die Stärken der 3D-TOF-Technik, sieht Event-Kameras aber bei grossen Distanzen und hohen Geschwindigkeiten im Vorteil. Probleme bekommen sie, wenn Drohnen sehr schnell und nah an Hindernissen vorbeifliegen: Dann entsteht eine Flut von Helligkeitsänderungen – die Datenrate explodiert. Am Ende geht es darum, für jede Anwendung das passende Orientierungssystem zu wählen. Event-Kameras sind ideal für grosse Übersichtsflüge, 3D-TOF hat in dunklen, engen Räumen Vorteile. «3D-TOF eignet sich gut für GPS-freie, eng strukturierte Umgebungen wie Tunnel, Kavernen oder Industrieanlagen, gerade wenn man es mit anderen Sensoren kombiniert», findet Roboter-Experte Christian Bermes von der Fachhochschule Graubünden. Dazu gehören optische Kameras, Radar oder Laserlicht zur Abstandsmessung (Lidar). Fällt ein System aus, übernehmen die anderen. Einsatzgebiete gibt es viele: Such- und Rettungsmissionen, Inspektion von Brücken, Tunneln und Stromleitungen, Überwachung von Wäldern und Wildtiermonitoring. Loeliger hat seine Drohnen auch im Verbund mit Menschen getestet. Seine 3D-TOF-Sensoren lassen sich mit Handzeichen steuern. Eine ideale Kombination: Der Mensch koordiniert den Einsatz, die Drohne fliegt in gefährliche, schwer zugängliche Bereiche – nahe an Stromleitungen, durch enge Passagen von Chemieanlagen und entlang von Absperrzäunen.
Hubert Filser ist Wissenschaftsjournalist in München.
In Höhlen und Kavernen sind die Ansprüche an Sensoren sehr hoch.

Die meisten erotischen Texte stammen von Männern und tradieren damit vorwiegend ihre Werte und Wünsche. Für Frauen bleibt es eine Herausforderung, ihren Körper und ihre Lust zurückzuschreiben. Stimulierende Lektüre durch die Jahrhunderte.
Text Patricia Michaud
Jahrhundertelang gehörte der Körper der Frau nicht wirklich ihr selber. Im kollektiven Bewusstsein wie auch in der Literatur «definierte der männliche Blick den Körper der Frau und damit auch ihre Sexualität», sagt Valérie Cossy, ausserordentliche Professorin für Gender Studies und Mitarbeiterin am Centre interdisciplinaire d’étude des littératures der Universität Lausanne. Erst mit der zweiten Welle weiblicher Befreiung in den 1980er-Jahren hätten die Frauen realisiert, «dass sie die Selbstbestimmung über ihren Körper nur dann zurückgewinnen, wenn sie lernen, selbst über ihn zu sprechen und zu schreiben».
Erotische Literatur gab es schon immer. Die sexuellen Elemente sollten erregen, dienten aber auch anderen Zielen. Die entsprechenden Werke wurden lange im Geheimen produziert, waren aber dennoch weit verbreitet, wie Cossy erklärt. Sie waren überwiegend «von Männern für Männer» verfasst, manchmal anonym oder sogar unter weiblichen Pseudonymen. Abgesehen von dieser Konstante präsentiert sich erotische Literatur äusserst vielfältig. Sie existierte in allen Epochen, Ländern, Gesellschaften, in allen Formen und Stilrichtungen. Anouk Delpedro, Doktorandin am Departement für Französisch der Universität Freiburg, nennt als Beispiel die erotischen Frauendialoge, die im 16. Jahrhundert in Italien erschienen und den Boden für weitere Werke in anderen Ländern bereiteten.
«Diese Gespräche sollten durch die inszenierte weibliche Intimität das Begehren oder die Neugier einer männlichen Leserschaft wecken. Die dargestellte Sexualität war gegenüber den Frauen nicht unbedingt wertschätzend», so die Forscherin. «Die Protagonistinnen waren häufig Prostituierte, die nicht zum Vergnügen mit Männern schliefen, sondern für eine materielle Gegenleistung.»
Ein freier Geist in einem freien Körper
Das rund hundert Jahre später 1655 in Frankreich veröffentlichte Werk «L’école des filles ou la philosophie des dames» (deutsch: Die Mädchenschule oder Die Philosophie der Damen) basiert ebenfalls auf einem Dialog zwischen zwei Frauen. Dennoch hebt es sich von den früheren italienischen Texten ab. Die Gespräche finden im Alltag der beiden Protagonistinnen statt, und ihre Beweggründe sind nicht finanziell, sondern hedonistisch. Eine erfahrene Frau will eine naive Cousine überreden, sich einen Liebhaber zu nehmen. Dazu erteilt sie ihr eine regelrechte Aufklärungslektion, in der sie ihre eigenen Sexualpraktiken detailliert schildert. Sie versichert ihr, dass die Erfahrung für beide «das grösste Vergnügen der Welt» sein wird. Oder, wie es im Original heisst: «Pour ne te plus tenir en suspens, tu dois savoir qu’un garçon et une fille prennent ensemble le plus grand plaisir du monde.»
«Der Roman stellt die weibliche Sexualität neu dar», erklärt Delpedro. Er beschreibe die Lust der Frauen nicht nur pornografisch, sondern ermuntere auch dazu, diese zu leben. Das Werk geht sogar noch
einen Schritt weiter: «Nachdem die junge Frau zur Tat schreitet und das grösste Vergnügen der Welt erfahren hat, versteht sie, dass moralische Vorurteile in allen Lebensbereichen hinterfragt werden müssen. Ihre sexuelle Initiation verändert sie also auch intellektuell.»
Das Stück gab Anstoss zu Nachfolgewerken. «Das Zusammenspiel von freien Sitten und freiem Geist zog sich durch das gesamte 18. Jahrhundert», erklärt die Doktorandin. Dies bis hin zu den Werken des Marquis de Sade, die wohl bekannteste Figur des mit den Konventionen brechenden, pornografischen Schreibens. Parallel dazu entwickelte sich die traditionellere, androzentrische Erotikliteratur. Lucie Nizard ist Assistenzprofessorin am Departement für moderne französische
In ihrem Werk «Das blaue Zimmer» zitiert Suzanne Valadon 1923 die einer reifen Frau mit müdem, schwerem Körper.

Sprache und Literatur der Universität Genf. Ihre Dissertation widmete sie der weiblichen Lust in den französischen Romanen des 19. Jahrhunderts. «Diese Epoche war in sexueller Hinsicht sehr konservativ, und erotische Bücher waren immer noch verboten», erklärt sie. «Trotzdem war diese Lektüre für junge Männer ein fester Bestandteil beim Erlernen – und bei der Stärkung – ihrer Virilität.» Sie sprachen untereinander darüber «und gingen als Gruppe ins Bordell».
Der Begriff des «male gaze» (deutsch: männlicher Blick), den die britische Regisseurin und Filmkritikerin Laura Mulvey in den 1970erJahren einführte, entfaltete hier laut Nizard seine volle Bedeutung. Frauen wurden – zumindest in der ersten Hälfte des Jahrhunderts –als Figuren dargestellt, «die sich zunächst widersetzten, bevor sie sich der Willkür und der Lust der Männer hingaben». Am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Erotikliteratur weiter. «Die Zustimmung der Frau wurde wichtiger», sagt die Expertin. Dazu trug vermutlich auch die Zunahme der Leserinnen bei. «Dank der neuen Bildungsgesetze erhielten Frauen Zugang zu Literatur aller Genres.» Zudem «wandelten sich mit dem Aufkommen von Flirten und Liebesheiraten die Sexualpraktiken». Frauen werden nun «aktiver dargestellt, wenn auch immer noch als Objekte männlicher Begierde». Erotische Literatur wird weiter in erster Linie «von Männern für Männer» geschrieben. In der jüngsten Gegenwartsliteratur kehrt der Trend: Immer mehr junge Autorinnen kreieren erotische Inhalte. Was nicht zwingend bedeutet, dass sie Sexualität egalitärer oder feministischer darstellen.
erotisch daliegende Venus des 16. Jahrhunderts ironisch mit

«Haben
Frauen heute wirklich die Mittel, um den erotischen Diskurs neu zu erfinden und nicht in die Falle zu tappen, gleich wie die Männer über Sex zu
schreiben?»
Valérie
Cossy
«Dass sie so lange von ihrem Körper abgeschnitten waren, ist ein sehr schweres Erbe für die Frauen», findet Cossy. «Haben sie unter diesen Umständen wirklich die Mittel, um den erotischen Diskurs neu zu erfinden und nicht in die Falle zu tappen, gleich wie die Männer über Sex zu schreiben?» Auch heute noch ist erotische Literatur aus Sicht der Gender Studies «eine echte Herausforderung».
Zustimmung bleibt dekorativ
«Im 21. Jahrhundert wird die ursprüngliche feministische Frage nochmals komplexer, weil sich der Bruch mit Konventionen und expliziter Sex hervorragend verkaufen», fährt die Genderwissenschaftlerin der Universität Lausanne fort. Ein Beispiel dafür sei «Fifty Shades of Grey» der Autorin E. L. James. Der 2011 erschienene und später verfilmte Roman «zeichnet ein problematisches Bild weiblicher Heterosexualität, die sehr weit vom feministischen Horizont der weiblichen Selbstbestimmung entfernt ist, wie ihn Hélène Cixous entwirft». Die französische Schriftstellerin forderte die Frauen auf, sich ihren Körper und ihre Lust wieder anzueignen. In «Fifty Shades of Grey» erscheint weibliches Begehren hingegen «als gleichbedeutend mit Unterwerfung und Zwang, wenn nicht gar mit Belästigung, Einschüchterung und ertragener Gewalt. Das Konzept der Zustimmung bleibt zumindest sehr theoretisch, wenn nicht rein dekorativ», präzisiert Cossy.
Emma Becker schildert in ihrem 2019 erschienenen Werk «La Maison» ihre Erfahrungen als Sexarbeiterin in Berlin. Die erfolgreiche französische Autorin ist der Ansicht, dass jede erotische Literatur Möglichkeiten der weiblichen Emanzipation in sich trägt. «Ich las die ersten solchen Bücher, als ich noch sehr jung war», erzählt sie. «Auch wenn die meisten Bücher von Männern stammten – oder vielleicht gerade deswegen: Ich habe beim Lesen sehr viel Wahres und Falsches über die weibliche Sexualität und somit über mich selbst entdeckt.» Die Schriftstellerin ist eine der Leitfiguren einer zeitgenössischen Literatur, die Sexualität als Raum voller Nuancen darstellt, ohne starre Geschlechterrollen. Für sie ist erotische Literatur «ein für alle Menschen zugänglicher Ort, gleichzeitig unpolitisch und hochpolitisch». Sie erklärt dazu: «In der Sexualität besteht eine latente Feindseligkeit zwischen Männern und Frauen, was leider ein Einfallstor für körperliche Gewalt sein kann.» Für Becker «beruht diese Abneigung auf einem grundlegenden Missverständnis: Man geht davon aus, dass Frauen sich in den Dienst des männlichen Vergnügens stellen müssen, um Lust zu erfahren.» Dieses Kräfteringen könne nur aufbrechen, «wenn sich die Frauen von der Vorstellung lösen, dass sie ein Objekt der Begierde sein müssen». Cossy bestätigt: «Das ist eine Tatsache, und die Männer werden ihnen das nicht abnehmen.»
Patricia Michaud ist freie Journalistin in Bern.
«Es entsteht etwas, das weder die Wissenschaft noch die Industrie hervorgebracht hätten.»

Auch von der Arbeit hinter den Kulissen kommt Wirkung: Fünf Fachpersonen erzählen, wie sie damit zu glaubwürdiger Forschung beitragen können.
Text Katharina Rilling, Réane Ahmad Fotos Flavio Leone
Cornelia Fürstenberger, TechnologietransferManagerin, Universität Basel Ausbildung: Doktorat in Pharmaziewissenschaften und Toxikologie
«Wie werden aus Forschungsergebnissen marktfähige Produkte? Dafür baue ich Brücken zwischen zwei sehr unterschiedlichen Systemen: der Universität und der Wirtschaft. Die Uni hat den Auftrag, Wissen zu generieren und zu veröffentlichen. Das geschieht üblicherweise in einem sehr frühen Entwicklungsstadium einer Erfindung. Die Industrie hingegen ist stark ressourcen- und marktorientiert und interessiert sich für reifere Technologien. Deshalb ist oft ein früher Schutz der Erfindung eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Was ich darum den Forschenden sage: Kommt früh genug zu uns! Wenn ihr eure Resultate schon publiziert habt, lassen sie sich nicht mehr patentieren. Für viele Forschende ist es ungewohnt, sich aus ihrer Denkwelt zu lösen und wirtschaftliche Perspektiven einzunehmen. Als Technologietransfer-Managerin bewege ich mich in beiden Welten, habe akademische Wurzeln – und Erfahrung in der Industrie. Das hilft.
Meine Aufgabe ist es, das Potenzial der Arbeit der Forschenden zu erkennen, spannende Ergebnisse zu schützen und sie in der Umsetzung bis zum Proof of Concept zu begleiten. Im Mittelpunkt stehen Vertragswesen und der Schutz geistigen Eigentums. Forschende reichen uns eine Erfindungsmeldung ein, wir prüfen sie zusammen: Nur Erfindungen mit kreativem Neuheitswert sind schützbar – also neue technologische Lösungen. Wer etwa einen bislang unbekannten Naturstoff entdeckt, kann ihn nicht patentieren. Entwickelt man daraus ein neues Verfahren oder Produkt, hingegen schon. Für die Weiterentwicklung unterstützen wir bei der Suche nach einem Industriepartner oder die Gründung eines Spin-offs. Ich betreue Projekte aus den Lifesciences – von Malariaforschung bis Zelltherapie. Das bringt spannende Gespräche mit sich. Jedes Jahr schliessen wir Hunderte Kooperationsverträge ab und stellen der Industrie Technologien über Lizenzvereinbarungen zur Verfügung. Es begeistert mich, wenn etwas entsteht, das weder die Wissenschaft noch die Industrie allein hervorgebracht hätten.» kr

«Ein negatives Wort kann einen ganzen Lebenslauf zerstören.»
ETH Zürich
Ausbildung: Master in vergleichenden und internationalen Studien
«Ich sehe vor allem Konflikte zwischen Professoren und Doktorierenden – eine der verletzlichsten Beziehungen im akademischen System. Das Machtgefälle ist gross, und viele Doktorierende ertragen belastende Situationen aus Sorge um ihre Karriere lange. Diese Angst ist oft begründet, denn ein negatives Wort einer einflussreichen Person kann einen Lebenslauf zerstören. Als externer Ombudsmann bin ich eine vertrauliche Anlaufstelle für Menschen an Hochschulen, die in Auseinandersetzungen stecken oder sich mit unangemessenem Verhalten konfrontiert sehen. Wichtig: Alles, was ich höre, bleibt bei mir. Nicht einmal unter den Ombudspersonen tauschen wir Fälle aus. Mein Ziel ist, dass Ratsuchende sicherer in schwierigen Situationen navigieren können. Ich begleite auch Konfliktgespräche. Dazu braucht es primär schnelle Auffassung und ein empathisches Herz.
Leider erlebe ich es häufig, dass Menschen erst dann zu mir kommen, wenn die Dynamiken schon so eskaliert sind, dass wir kaum noch etwas reparieren und nur noch an einer guten Trennung arbeiten können. Dabei wäre eine frühe Beratung eine Chance zur Deeskalation. Ich möchte auch strukturelle Probleme sichtbar machen. Dazu stehe ich im Austausch mit Leitungen, Doktoratsstellen und Gremien und weise darauf hin, wo systemische Ursachen zu Konflikten führen. Über Jahrzehnte spielte etwa Leadership bei der Auswahl von Professorinnen kaum eine Rolle. Das ändert sich, aber es braucht mehr – klare Guidelines, Unterstützung der Führungspersonen und eine Kultur des offenen Dialogs. Wir haben an der ETH Zürich rund 130 Fälle pro Jahr. Am meisten frustriert mich, wenn mir die Hände gebunden sind, weil Betroffene kein Einverständnis zum Handeln geben. Manchmal sind die Risiken für sie zu gross. Trotzdem erlebe ich immer wieder, dass Konflikte gelöst werden. Diese Momente geben mir Energie.» kr
Manuel Fischer, Leiter Nachhaltige Entwicklung Berner Fachhochschule Ausbildung: Master in Globalisierung, Umwelt und gesellschaftlicher Wandel
«Nachhaltigkeitsthemen lösen vermehrt harsche Reaktionen aus, gerade in sozialen Medien. Einige Forschende überlegen zweimal, ob sie sich öffentlich dazu äussern. Die Radikalisierung hat aber auch eine Gegenbewegung ausgelöst. Viele Menschen sehen deutlicher denn je, wie dringlich die gesellschaftlichen Krisen geworden sind – und engagieren sich stärker. Jetzt entscheidet sich, in welche Richtung wir gehen wollen. Mein Auftrag ist es, Nachhaltigkeit in der Berner Fachhochschule fest zu verankern: in Forschung, Lehre, Betrieb und Zusammenarbeit mit der Gesellschaft. Neben Klimaschutz betrifft dies auch soziale und wirtschaftliche Aspekte wie Inklusion, Chancengerechtigkeit und Verantwortung.
Ein grosser Teil meiner Arbeit besteht darin, Menschen zusammenzubringen. Nachhaltigkeit verlangt eine systemische Perspektive. Ingenieurinnen, Sozialwissenschaftler, Ökonominnen, Forstexperten, Planerinnen müssen miteinander arbeiten, um praxistaugliche Lösungen zu entwickeln. Ich und mein Team organisieren unter anderem Workshops und Vernetzungstage, an denen Forschende über Disziplingrenzen hinweg ins Gespräch kommen. Wir unterstützen auch interund transdisziplinäre Projekte zur Vermeidung von Foodwaste an Tagesschulen. Da sind Ernährungs-, Verhaltens- und Lebensmittelwissenschaften sowie Pädagogik beteiligt. Oder inklusives Wohnen, wo Architektur und soziale Arbeit zusammenkommen. Am meisten Wirkung sehe ich, wenn Menschen anfangen, miteinander zu arbeiten. Besonders freue ich mich über den Hub für studentisches Nachhaltigkeitsengagement, den wir hochschulübergreifend aufgebaut haben. Studierende bringen viel Energie und kreative Ideen ein: etwa eine Plattform für einen Kinderveloverleih, um Familien zu entlasten.» kr

«Am meisten Wirkung sehe ich, wenn Menschen anfangen, miteinander zu arbeiten.»

Oksana Riba Grognuz, Leiterin für Zusammenarbeit bei Open Research Data am Swiss Data Science Center (SDSC)
Ausbildung: Doktorat in Bioinformatik
«Wir hören häufig, dass ein grosser Druck besteht, Ergebnisse zu publizieren. Und dass dabei zu wenig Zeit bleibt, um Daten zu sammeln, zu verwalten und zu strukturieren, obwohl das extrem wichtig ist. Viele Forschende zögern damit, den während ihrer Forschung erstellten Programmcode zu teilen, weil sie befürchten, er sei nicht konform, oder weil sie denken, er sei nicht vorzeigbar. Mein Team führt ein Pilotprojekt durch, um Wege zu finden, wie man den Impact des Codes besser messen und hervorheben kann. Dessen höhere Sichtbarkeit hilft dabei, seine wissenschaftliche Qualität und sein Innovationspotenzial zu bewerten, insbesondere für Förderentscheide. Beim SDSC unterstützen wir Unternehmen, NGO, Hochschulen oder Spitäler. Ein Grossteil unserer Tätigkeit betrifft die Biomedizin, wo wir uns aufgrund der sensiblen Daten am Grundsatz «so offen wie möglich und so geschlossen wie nötig» orientieren. Wenn zum Beispiel der Code einer Software, die das Herz
«Viele zögern damit, ihren Programmcode zu teilen, weil sie befürchten, er sei nicht vorzeigbar.»

scannt, offengelegt wird, kann dies dessen wissenschaftlichen Wert steigern und seine Reichweite vergrössern, weil er wiederverwendet werden kann. Eine solche Software kann jedoch nur entwickelt werden, wenn qualitativ hochwertige Daten zugänglich sind, die natürlich sensibel sind. Deshalb schaffen wir intuitive, schnelle Plattformen, welche die notwendigen Verfahren umfassen, um auf sensible Daten verantwortungsvoll und gesetzeskonform zugreifen zu können.
Im Sinne eines partizipativen Ansatzes organisieren wir auch Veranstaltungen, bei denen sich Leute aus Wissenschaft und Praxis austauschen können. Am glücklichsten bin ich, wenn ich das Leuchten in den Augen von Forschenden sehe, die entdecken, dass ihre Arbeiten auch ausserhalb des Labors anerkannt und weiterverwendet werden. Wir ermutigen sie stets, ihre Daten oder Analyseinstrumente zu teilen. Dadurch wird ihre Arbeit aufgewertet und ein Dialog mit den Nutzniessenden geschaffen. Das Zentrum fördert die Weiterverwendung von bestehenden Werkzeugen und Plattformen, aber auch die Entwicklung derjenigen, die fehlen. All dies dient der kontrollierten Verbreitung von Daten.» ra
Viviane Premand, Leiterin des Kompetenzzentrums für wissenschaftliche Integrität Schweiz (KWIS)
Ausbildung: Doktorat der Rechtswissenschaften und Rechtsanwältin
«Seit dem 1. Dezember 2025 leite ich das neue Kompetenzzentrum für wissenschaftliche Integrität. Das Thema liegt mir als promovierter Rechtswissenschaftlerin und Rechtsanwältin grundsätzlich sehr am Herzen. Mit dem neuen Zentrum können Forschende in der Schweiz nun bei diesen immer wichtiger werdenden Fragen begleitet werden – mit dem Ziel, das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft zu festigen.
Es ist die Ambition des KWIS, diesen Herausforderungen gerecht zu werden, stets in Zusammenarbeit mit den Hochschulen und anderen Forschungsinstitutionen. Die Aufgaben des Zentrums ergeben sich aus der Verordnung des Hochschulrats. Es stützt sich auf den Kodex zur wissenschaftlichen Integrität, der zum Beispiel Entwicklungen wie die Digitalisierung berücksichtigt. Sie beruht auf vier Grundprinzipien: Verlässlichkeit, Redlichkeit, Respekt und Verantwortung. Wissenschaftliches Fehlverhalten kann in vielfältigen Formen auftreten, von der Vorspiegelung angeblicher Ergebnisse über die Fälschung von Daten bis zum Plagiat oder der Nichterwähnung einer Autorin oder eines Autors.
Das Zentrum dient einerseits als Meldeplattform für Hochschulen. Diese sind verpflichtet, Verstösse zu melden. Daraus ergibt sich eine Gesamtbeurteilung, die ich mit meinem Team jährlich für die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Öffentlichkeit publiziere. Wir begleiten andererseits Institutionen, etwa mit Schulungen, um gute Praktiken auf nationaler Ebene zu harmonisieren. Hingegen ist es nicht unsere Aufgabe, Einzelpersonen zu beraten oder als Beschwerdestelle oder Gericht zu fungieren.» ra

«Integrität festigt das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft.»
Molke, Sojafasern, Bohnenschalen, Gemüsereste: In der Lebensmittelproduktion gibt es enorme Mengen an Nebenprodukten, die meist als Tierfutter oder in Biogasanlagen enden. Start-ups werten sie zu Nahrungsmitteln für Menschen auf und treten damit gegen Foodwaste an.
Text Simon Koechlin
In der Schweiz ist die Lebensmittelverschwendung hoch. Etwa ein Drittel aller Nahrungsmittel geht auf dem Weg vom Feld zum Teller verloren oder landet im Abfall – das sind 310 Kilogramm pro Person und Jahr. Die Haushalte verursachen etwas mehr als ein Viertel davon. Noch grösser ist aber der Ausschuss im Verlauf der Verarbeitung: Über ein Drittel der Verluste fallen hier an – etwa als Molke, Weizenkleie, Biertreber oder Ölpresskuchen. Ein Grossteil dieser in der Forschung Nebenströme genannten Produkte wird heute an Tiere verfüttert, ein kleinerer Teil in Biogasanlagen verwertet oder kompostiert.
Fermentation ist die Schlüsseltechnik «Manche dieser Nebenströme sind mindestens genauso hochwertig wie die Hauptströme, die wir für Nahrungsmittel nutzen», sagt Nadina Müller. Sie leitet die Forschungsgruppe für Lebensmitteltechnologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und ist Mitautorin des Zwischenstandberichts Lebensmittelverluste 2025 im Auftrag des Bundesamts für Umwelt. Weizenkleie etwa ist die äussere, ballaststoffreiche Schicht von Weizen und entsteht bei der Herstellung von Weissmehl. Die Möglichkeiten seien breit, solche essbaren Nebenprodukte sinnvoller zu verwerten, so Müller. Ihr Team hat etwa gemahlene Kakaobohnenschalen benutzt, um Bohnen in Schokolade oder Schokoladeglace teilweise zu ersetzen. «Das funktioniert sehr gut», so die Forscherin. Ein Anteil von bis zu 25 Prozent Bohnenschalen in der Schokolade stösst auf gute Akzeptanz. Ein weiteres Beispiel für die Veredelung solcher Überreste bietet das Spin-off Luya Foods der Berner Fachhochschule. Es produziert pflanzliche Lebensmittel und verwendet als Zutaten verschiedene Nebenströme, zum Beispiel Okara. Dabei handelt es sich um nährstoffreiche Faserreste der Sojabohne, die bei der Herstellung von Sojamilch und Tofu anfallen. «Grob gesagt entsteht bei der Pro -
duktion von einem Kilogramm Tofu etwa ein Kilogramm Okara», sagt Nina Schaller, Mitgründerin des Unternehmens.
Das Start-up hat eine Technologie entwickelt, mit der es Okara auf industrieller Skala fermentieren kann. «In seiner herkömmlichen Form ist es kulinarisch nicht so spannend», erklärt Schaller. «Aber fermentiert hat es ein enormes Potenzial.» Um den Geschmack zu verfeinern, mischt Luya Foods der Masse Kichererbsen bei und würzt oder paniert die entstehenden Produkte. Verkauft werden sie dann als pflanzliche Nuggets oder pflanzliches Geschnetzeltes in Kantinen, Restaurants oder bei Detailhändlern wie Coop.
«Anwendungen für Menschen im Lebensmittelbereich müssen die erste Wahl sein.»
Nadina Müller
Das Unternehmen verwendet Okara von Schweizer Tofuproduzenten aus Schweizer Soja. Auch, damit die Wege in der Produktion kurz bleiben, denn es handelt sich um ein äusserst verderbliches Produkt. Eine Herausforderung war laut Schaller die Standardisierung. Tofu oder Sojamilch müssen immer von gleicher Qualität sein. Das bedeutet: Die Produzenten versuchen, saisonale Schwankungen des Proteingehalts oder anderer Inhaltsstoffe in das Nebenprodukt auszulagern. «Wir hatten es deshalb anfangs mit unterschiedlichem Okara zu tun – mittlerweile haben wir den Prozess mit den Lieferanten standardisiert.» Auch andere Schweizer Start-ups verkaufen bereits Nahrungsmittel aus Nebenströmen.
Yeastup etwa, das 2020 in Brugg (AG) gegründet wurde, extrahiert aus überschüssiger Bierhefe Proteine und Ballaststoffe, die sich Sportriegeln oder Nahrungsergänzungsmitteln beimischen lassen. Und das Unternehmen Eggfield aus Illnau (ZH), das seit 2022 besteht, verwendet Wasser, das beim Kochen der Kichererbsen für Hummus übrig bleibt, um vegane Ei-Ersatzprodukte herzustellen.
Eine offizielle Zahl von Schweizer Start-ups, die mit Nebenströmen aus der Lebensmittelproduktion arbeiten, gibt es nicht. Laut der Swiss Startup Association zählen Branchenreports aber rund 150 solcher Unternehmen. Der Bereich sei seit 2021 um 60 Prozent gewachsen. «Und innerhalb dieses Ökosystems beobachten wir einen klaren qualitativen Trend hin zu Nachhaltigkeit, Circular Economy und Food Upcycling», schreibt der Verband auf Anfrage.
Die Aufwertung von Reststoffen der Lebensmittelherstellung sei ein grosses Thema in der Branche, sagt auch Wolfram Brück, Mikrobiologe an der Fachhochschule Westschweiz Wallis und Präsident des Vereins Swiss Food Research, in dem sich über 260 Start-ups, Unternehmen und Forschungsinstitutionen zusammengeschlossen haben. Die Fermentation sei dabei eine der Schlüsseltechniken – und Europa könne diesbezüglich von Ländern in Afrika oder Asien viel lernen. In diesen Regionen existiere eine Vielfalt fermentierter Produkte, von Fladenbrot aus Teffmehl über Getreidegetränke bis zu fermentierten Samen des Johannisbrotbaums. «Bei uns hingegen ist viel traditionelles Wissen verloren gegangen», sagt Brück.
Verpackungsfolie aus Rüebli
Er selbst erforscht vor allem, wie sich aus Nebenströmen hochwertige Stoffe gewinnen lassen, die nicht nur als Nahrungsmittel dienen, sondern sogar einen Gesundheitseffekt haben. Beispiele sind Präbiotika oder antioxidantisch wirksame Substanzen, die seine For-

Bei der Tofuproduktion fällt sogenanntes Okara an. Aus diesem können zum Beispiel vegetarische Nuggets hergestellt werden. Foto: Manuel Lopez
schungsgruppe unter anderem aus Okara, Granatapfelschalen oder Cranberry-Trester extrahiert. Eine weitere Idee zur Verwertung überschüssiger Produkte aus der Lebensmittelindustrie verfolgt Gustav Nyström von der Empa: Er stellt daraus umweltfreundliche Verpackungen her.
In einer Zusammenarbeit mit Lidl Schweiz hat sein Team aus Frucht- und Gemüseresten –etwa von Rüebli – Cellulosefasern gewonnen und daraus einen Schutzfilm entwickelt, der auf Gurken, Tomaten, Äpfel, Bananen oder andere Lebensmittel gesprüht werden kann. «Diese Hülle verlängert etwa die Haltbarkeit
von Gurken um mehr als zwei Wochen», sagt Nyström. Sie sei damit besser als die üblichen Plastikfolien – wohl, weil die Cellulosefasern eine gewisse Durchlässigkeit aufweisen und sich deshalb kaum Kondenswasser auf der Gurke bilden kann. Die Folie besteht ausschliesslich aus natürlichen Materialien und wird vor dem Verzehr einfach abgewaschen –oder kann sogar mitgegessen werden. Allerdings braucht es noch Arbeit, bis die Reststoffverpackung im Handel erhältlich ist. «Weil das Produkt direkt auf Lebensmittel aufgetragen wird, muss es zugelassen werden – und dieser Prozess dauert noch an.»
In einem anderen Projekt hat sein Team kühlende Schutzhüllen aus Biertreber entwickelt. Auch aus ihm extrahierten die Forschenden Cellulosefasern. «In diesem Fall stellten wir daraus aber ein schaumartiges Material her, das wärmeisolierende Eigenschaften hat», erklärt Nyström. «Zudem kombinierten wir es mit einem sogenannten Latentwärmespeicher, Polyethylenglykol.» Wenn dieses Material schmilzt, absorbiert es Wärme und verstärkt so den kühlenden Effekt. Eine kürzlich von Nyströms Gruppe publizierte Studie zeigt, dass solche neuen Kühlverpackungen Fleischwaren rund viermal länger unter dem Gefrierpunkt halten können als herkömmliche.
Lieber für Menschen als für Tiere
Sind Ideen zur Nutzung von Nebenströmen ökologisch überhaupt sinnvoll? Auf jeden Fall, findet Nadina Müller von der ZHAW. Sie hat kürzlich in einem Projekt das Potenzial von 15 Nebenströmen untersucht, von Weizenkleie und Buttermilch über Apfeltrester bis zu Aprikosenkernen. Die durch die Verarbeitung entstehende Umweltbelastung im Auge zu behalten, sei bei jeder Idee ein entscheidender Punkt. Verwende man einen Nebenstrom für Menschen statt als Tierfutter, sei dies praktisch immer besser für die Umwelt, so Müller. «Anwendungen im Lebensmittelbereich müssen deshalb die erste Wahl sein.»
Doch auch Schutzverpackungen aus Überschuss könnten laut Müller ökologisch sinnvoller sein, als diesen Tieren zu verfüttern. Zumal die Restproduktmengen gewaltig sind. In der Schweiz fallen zum Beispiel über 17 000 Tonnen Biertreber pro Jahr an – und sogar über 130 000 Tonnen Kaffeesatz. Müllers Gruppe hat diesen unter anderem benutzt, um in Knuspermüesli einen Teil der Haferflocken zu ersetzen. «Selbst wenn man wollte», so Müller, «man könnte gar nicht alle anfallenden Nebenströme in Lebensmittel stecken.»
Simon Koechlin ist freier Journalist in Basel.

Haustiere schenken uns viel Freude, bringen aber auch viel Verantwortung. Die Wissenschaft untersucht, wie wir mit ihnen interagieren und sie gesund halten können. Sechs Beispiele.
Text Yvonne Vahlensieck Illustration Laura Junger
Uni Neuenburg: Wie Hunde kommunizieren
In einem Wolfsrudel müssen die Tiere miteinander kooperieren – bei der Aufzucht der Jungen, der Jagd und der Verteidigung des Reviers. Die Grundlage dafür ist eine gute Verständigung durch Laute und Körpersprache. Die Situation bei Haushunden ist anders: Sie leben mit Menschen zusammen und sind nicht auf Kooperation mit Artgenossen angewiesen. «Es liegt deshalb nahe, dass Hunde im Laufe der Domestizierung diese Fähigkeit etwas verloren haben», sagt die Verhaltensforscherin Gwendolyn Wirobski von der Univer-
sität Neuenburg. Sie untersucht derzeit, ob Hunde im Vergleich zu Wölfen weniger effektiv miteinander kommunizieren und kooperieren. Hierfür arbeitet sie mit dem Wolfforschungszentrum der Veterinärmedizinischen Universität Wien zusammen. Die Forschenden vergleichen dort Wolfsrudel mit Gruppen von Haushunden, die unter gleichen Bedingungen aufgewachsen sind. Beobachtet wird etwa, wie die Tiere auf fremde Geruchsmarkierungen reagieren oder ob sie bei der Beschaffung von Nahrung zusammenspannen.
Bisherige Ergebnisse weisen darauf hin, dass Hunde sich tatsächlich weniger gut untereinander verständigen als Wölfe. Allerdings
haben sie durch die Domestizierung andere kommunikative Fähigkeiten dazugewonnen –so können sie Worte und Gesten von Menschen besser deuten als ihre wilden Vorfahren.
Katzendarm in Petrischale Uni Zürich: Toxoplasmose bekämpfen
Etwa ein Drittel aller Menschen ist chronisch mit Toxoplasmose infiziert. Der parasitäre Einzeller kann während der Schwangerschaft Komplikationen verursachen. In die Umwelt gelangen die Erreger über den Darm von Katzen, wo sich sogenannte Oozysten bilden, die
dann mit dem Kot ausgeschieden werden. «Dieser Schritt wäre einer der besten Zeitpunkte, um die Ausbreitung zu stoppen», sagt die Zellbiologin Chandra Ramakrishnan von der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich. Um die Vorgänge besser zu verstehen, müsste man Katzen infizieren. Das sei ethisch nicht zu verantworten, so Ramakrishnan. Die Forschenden wollen deshalb die Schleimhautzellen des Dünndarms im Labor züchten und mit Toxoplasmose infizieren. Dann könnten sie die molekularen Abläufe aufklären, die zur Oozysten-Bildung führen – und Methoden entwickeln, dies zu verhindern. An der Etablierung eines solchen Modells sind schon viele gescheitert. Das Zürcher Team hofft nun auf den Durchbruch.
Uni Bern: Übergewicht und Zank verhindern
«Die Offenstallhaltung bei Pferden ist sehr zu empfehlen», sagt Verhaltensforscherin Marie Roig-Pons von der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern. Dabei stehen die Tiere nicht einzeln in Boxen, sondern teilen sich Weide und Unterstand. «Dies entspricht ihren natürlichen sozialen Bedürfnissen.» In der Schweiz ist etwa die Hälfte der Pferde so unterbracht, für Jungtiere ist es vorgeschrieben. Doch ein Problem ist das Futter: Steht es frei zur Verfügung, so fressen sich einige Tiere Übergewicht an. Gibt es jedoch wie traditionell üblich tagsüber drei Mahlzeiten während zweier Stunden, so kann es zu Streit und Verletzungen kommen. Zudem befürchten manche, dass die lange nächtliche Phase ohne Futter Magenprobleme verursacht.
Roig-Pons hat deshalb am Schweizer Nationalgestüt von Agroscope in Avenches eine neue Strategie getestet: sechs Mahlzeiten während einer Stunde, verteilt über 24 Stunden. In einem Offenstall mit 17 Stuten beobachtete sie, wie sich die verschiedenen Fütterungsmethoden auf die Gruppendynamik und das Wohlbefinden auswirkten. Überraschenderweise hatten die kleinen Portionen keinen positiven Effekt im Vergleich zur traditionellen Fütterung. «Möglicherweise interferieren die nächtlichen Mahlzeiten und das nur einstündige Zeitfenster mit dem Liegeverhalten und der Gruppen-Interaktion», überlegt RoigPons. Am besten schnitt das sogenannte Slow Feeding ab. Hier ist das Futter zwar frei verfügbar, aber beispielsweise so in Netze verpackt, dass die Pferde es nur sehr langsam konsumieren können.
Uni Basel: Analyse antiker Knochen
Bei Ausgrabungen der römischen Siedlungen Augusta Raurica und Vindonissa kamen in Brunnen auch Hundeknochen zutage. Deren Analyse ermöglichte einen einzigartigen Einblick in die Lebensumstände dieser Tiere vor fast 2000 Jahren. «Es schien ihnen erstaunlich gut zu ergehen», sagt Ben Krause-Kyora von der Christian-Albrechts-Universität Kiel, der an diesem Projekt der Universität Basel beteiligt war. In den Knochen der 31 untersuchten Tiere fanden sich keine Spuren von Krankheitserregern. Chemische Analysen zeigten eine ausgewogene Ernährung mit viel tierischem Protein – möglicherweise bekamen sie die Reste der Mahlzeiten ihrer Frauchen und Herrchen.
Unterschiedliche genetische Linien sprechen dafür, dass schon damals eine Vielfalt an Hunderassen existierte. Neben Wach- und Hütehunden gab es wohl auch Tiere, die wie bei uns zur Familie gehörten. Drei der Hunde waren sehr kurzbeinig, einer hatte einen extrem kurzen Kopf − was an moderne Zwerghunde erinnert. Rätselhaft bleibt, warum die toten Hunde in Brunnen geworfen wurden.
Uni Bern: Genanalysen gegen Erbkrankheiten
Jede Woche treffen Anfragen aus aller Welt bei Tosso Leeb ein. Es geht um die Abklärung von rätselhaften Hauterkrankungen bei Katzen und Hunden. An der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern sucht er nach genetischen Ursachen dafür. Sein Team hat bei diesen Tieren schon über fünfzig erbliche Fälle geklärt. Zum Beispiel bei zwei kalifornischen Strassenkatzen, die unter einer gestörten Funktion der Talgdrüsen, Haarausfall und Augenproblemen litten. Die Analyse fand einen Gendefekt, der den Fettstoffwechsel beeinflusst. Da sich dadurch die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit ändert, sind neben der Haut auch die Augen betroffen.
Die meist seltenen Erkrankungen kommen in der Rassezucht öfter zum Vorschein. Denn die dafür notwendige Inzucht macht es wahrscheinlicher, dass ein Kätzchen von Mutter und Vater das gleiche defekte Gen erbt. Aber: «Ist der Gendefekt einmal identifiziert, können die Paarungen so gesteuert werden, dass es keine kranken Nachkommen mehr gibt», so Leeb. «Seriöse Zuchtstätten arbeiten deswegen gerne mit uns zusammen.» Die Forschung
liefere auch neue Erkenntnisse zu Hautkrankheiten beim Menschen, denn die biologischen Mechanismen seien sich sehr ähnlich.
Royal Veterinary College (GB):
Gesundheitsmonitoring für die ganz Kleinen In der Schweiz leben etwa genauso viele Meerschweinchen, Hamster und andere Kleinnager wie Hunde – nämlich über eine halbe Million. Trotzdem gibt es hierzulande sowie anderswo kaum wissenschaftliche Forschung zu deren Gesundheit. «Es ist sehr herausfordernd, dafür die Finanzierung, qualifizierte und motivierte Forschende sowie genügend Daten von hoher Qualität zu finden», sagt Dan O’Neill, ein auf Haustiere spezialisierter Epidemiologe am Royal Veterinary College im britischen Hatfield. Dass sich der Aufwand lohnt, zeigt eine unter seiner Leitung durchgeführte Studie. Sie wertete Akten von über 50 000 Meerschweinchen in tierärztlicher Behandlung in Grossbritannien aus. Über ein Viertel der Tiere hatte zu langen Krallen, was auf zu wenig Bewegungsmöglichkeiten hinweist und Schmerzen und Entzündungen verursachen kann. Je etwa fünf Prozent litten unter der Hautkrankheit Ringwurm oder einem Hornhautgeschwür am Auge. «Unsere Resultate können zu einer besseren Versorgung beitragen», so O’Neill. «Das grösste Gesundheitsrisiko für Meerschweinchen sind eigentlich wir Menschen, denn wir bestimmen ihre Umgebung und Ernährung.»
Er glaubt, dass die Ergebnisse auch auf andere europäische Länder übertragbar sind, da die Meerschweinchenhaltung überall recht ähnlich ist. Sein Institut führt auch Studien zu anderen Kleintieren wie Kaninchen durch, die auf Daten aus tierärztlichen Praxen beruhen.

Yvonne Vahlensieck ist freie Wissenschaftsjournalistin in Ettingen (BL).
Sein Forschungsgebiet liegt praktisch vor der Haustür: Stefan Leins beschäftigt sich mit Finanzmärkten und Rohstoffhandel und entkräftet damit das Klischee des Sozialanthropologen, der in fernen Ländern exotische Stammesriten beobachtet.
Text Astrid Tomczak-Plewka Foto Ulrike Meutzner
Manche Rechnungen sind ziemlich einfach –zumal für einen jungen Mann, der sein Studium finanzieren muss: Es waren die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts, der Finanzplatz Zürich bot viele Jobs für Ungelernte – Computerarbeiten, Archivieren. Der Stundenlohn war höher als in einer Bar. Der Anthropologiestudent Stefan Leins wählte den besseren Verdienst. Dass dieser Entscheid dereinst sein Berufsleben massgeblich prägen sollte, ahnte er damals nicht. «Ich habe im BackOffice einer amerikanischen Investmentbank ein paar administrative Sachen gemacht, interessierte mich aber nicht besonders dafür, was die Leute tun. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass das in irgendeinem Zusammenhang zu meinem Studium stehen könnte.»
Dann kam die Finanzkrise 2007. «Das war ein Gamechanger», sagt Leins. Plötzlich zeigte sich: «Da passiert etwas, das eine enorme gesellschaftliche Relevanz hat.» Staaten am Rand des Bankrotts, zunehmende Ungleichheit, steigende Arbeitslosigkeit – mit Auswirkungen auf den Alltag vieler Menschen. Für ihn wurde klar: Was sich da gerade in abstürzenden Aktienkursen manifestiert, lässt sich eben doch mit seinen Studieninteressen verbinden. «Ich bin ein Kind der Finanzkrise. Meine gesamten Forschungsinteressen haben sich dadurch entwickelt.»
Besser nicht im Wollpullover Anthropologen, so das Klischee, untersuchen in fernen Weltgegenden Stammesriten, Glaubensvorstellungen, ethnische Besonderheiten. Es gibt aber auch die, die Feldforschung an der Wall Street, am Zürcher Paradeplatz oder im Londoner Finanzdistrikt betreiben. Unter dem Eindruck des wirtschaftlichen Zusammenbruchs wollte Leins nun einer von letzteren werden. Doch der Weg dorthin war kein Spaziergang. «Ich habe sehr viele Banken mit meiner Forschungsidee kontaktiert und nur Absagen erhalten.» Der mögliche Kontrollverlust über das, was aus dem Inneren einer

Bank publik wird, scheint vielen zu heikel gewesen zu sein. Die Forschungsfreiheit war schliesslich zentral: «Ich konnte ja nicht riskieren, zwei Jahre zu investieren und am Schluss nichts publizieren zu dürfen, weil die Bank ihr Veto einlegt», erklärt er. Schliesslich klappte es: Für seine Dissertation arbeitete Leins zwei Jahre lang in einer Schweizer Grossbank – nicht als externer Beobachter, sondern als Teil des Analystenteams, weil man von seinem Wissen zu islamkonformen Finanzprodukten profitieren wollte. Drei Tage pro Woche erstellte er Berichte, nahm an Sitzungen teil und verfasste Marktanalysen; an den übrigen Tagen schrieb er an seiner Doktorarbeit. Gleichzeitig beobachtete er den Alltag der Finanzanalysten ethnografisch: wie sie Prognosen entwickelten, miteinander diskutierten, zweifelten, spekulierten. Sein Vorteil: «Ich kannte die kulturellen Codes.» Er wusste, dass ein ausgeleierter Wollpullover und verwaschene Jeans eher nicht goutiert werden, kannte die Sprache seiner Arbeitskollegen, ihre Umgangsformen. Trotzdem blieb Leins ein Exot. Er kam aus einer anderen Welt, war politisch eher links geprägt. Vor dem 1. Mai musste er sich deshalb auch mal Sprüche anhören: «Wir wollen dann in der Zeitung kein Bild von dir sehen, wie du im schwarzen Block mitmarschierst.»
Sogar Astrologie wird herangezogen
Aus dieser zweijährigen Feldforschung entstand seine Dissertation und später das Buch «Stories of Capitalism». Darin richtet er den Fokus auf die Bedingungen, unter denen Finanzakteurinnen und akteure handeln. Seine Beobachtung: Die Menschen in Banken sind entgegen gängiger Vorurteile keine amoralischen Figuren, viele ringen durchaus mit dem, was sie tun – zugleich bewegen sie sich in einem System, das bestimmte Entscheidungen nahelegt und andere kaum zulässt. «Der Kapitalismus formt Menschen dazu, nach einer ökonomischen Ordnung zu funktionieren»,
sagt er. Und diese Logik stünde manchmal im Widerspruch zur eigenen ethischen Intuition. Heute ist Leins Professor und CoDirektor des Departements für Sozialanthropologie und Kulturwissenschaftliche Studien der Universität Bern. Sein Forschungsfeld sei nicht so abwegig, wie es für Aussenstehende wirken mag. Entscheidend für die anthropologische Perspektive sei nicht der Ort, sondern die Frage, wie Menschen handeln, wie sie Entscheidungen begründen und welche Geschichten sie sich selbst darüber erzählen.
In seiner Dissertation lautete die Frage etwa: Warum sitzen hochbezahlte Analystinnen täglich vor Bildschirmen, obwohl sie den Markt letztlich nicht besser vorhersagen können, als wenn jemand eine Zufallsprognose erstellt? Leins’ Antwort klingt paradox: «Diese Analysten gibt es nicht, weil der Markt voraussehbar ist, sondern genau, weil er es nicht ist.» Es gehe weniger um Vorhersage als um Deutung. Um Geschichten, die Ordnung schaffen –das, was oft als Narrativ bezeichnet wird. Das ist nicht unbedingt das Bild, das Banken von sich selbst vermitteln wollen. Wenn Finanzfachleute ihre Prognosen erklären, sprechen sie von Modellen und Berechnungen. Wer sie so nahe begleitet, wie es Leins getan hat, sieht weitere Dimensionen: «Manchmal wird sogar mit Astrologie argumentiert», erzählt er – Dinge, die in Experteninterviews nie auftauchen würden.
Stellt sich die Frage: Wie können bei dieser Art Feldforschung überhaupt Aussagen gemacht werden, die über eine subjektive Einschätzung hinausgehen? Ein berechtigter Einwand, wie Leins einräumt. «Ich bin mein eigenes Forschungsinstrument. Die eigene Position verschwindet nicht.» Ob er als Mann, als Schweizer, als Akademiker im Feld sitzt, beeinflusst, was er sieht und was ihm gesagt wird. Der Fachbegriff dazu lautet: Positionalität. «Meine Beobachtungen sind kulturell geprägt. Und unsere Resultate sind unsere Interpretationen.» Seine Strategie: Anstatt die
In Jamaika Interesse an sozialen Ordnungen gefunden
Stefan Leins, geboren 1980 in der Region Zürich, reiste nach der Matur für mehrere Monate nach Jamaika, wo er in einem ländlichen Gebiet lebte – eine Erfahrung, die sein Interesse an Kultur, Alltag und sozialen Ordnungen prägte. Danach studierte er Ethnologie, Geschichte und Arabistik an der Universität Zürich. Er war Gastforscher in London, lehrte an den Universitäten Liechtenstein, Luzern, Trondheim und Zürich und war von 2019 bis 2024 Professor für Ethnologie an der Universität Konstanz. Heute ist er Professor für Sozialanthropologie und CoDirektor des Departements für Sozialanthropologie und Kulturwissenschaftliche Studien an der Universität Bern.
eigene Perspektive zu verstecken, legt er sie offen. Transparenz ersetzt so den Anspruch auf Objektivität. Qualititative Feldforschung mit teilnehmender Beobachtung liefert keine schnellen Antworten und Lösungen. Aber sie macht sichtbar, was sonst leicht übersehen wird: wie ökonomische Logiken in den Alltag einsickern, wie Menschen sich an Systeme anpassen, die sie selbst nicht gemacht haben.
Unsicherheiten sichtbar machen
Es bleibt aber nicht nur beim Beobachten. Leins erstellt auch Berichte und Gutachten, etwa zu Rohstoffhandel oder Lieferketten, die in politische Prozesse einfliessen. Es gehe ihm dabei weniger um fertige Rezepte als um neue Blickwinkel. «Wir können zeigen, dass vieles, was als naturgegeben erscheint, menschengemacht ist», sagt er. «Vieles, was wir als selbstverständlich empfinden, könnte auch anders sein.» Diese Haltung spiegelt sich auch in einem aktuellen Forschungsprojekt: Mit seinem Team untersucht er derzeit die Kulturen in Bereichen, wo spekuliert wird, etwa im Rohstoffhandel oder bei Kryptowährungen. Die Arbeitsverhältnisse sind dort oft prekär. Er interessiert sich zum Beispiel dafür, wie die Leute mit einer unsicheren Zukunft umgehen. Angesichts der Weltlage dürfte das ein Thema sein, das viele umtreibt. Einfache Antworten werden Leins und seine Kolleginnen und Kollegen zwar wohl auch dieses Mal nicht liefern, für Leins liegt die Motivation für seine Arbeit jedoch genau darin, solche Unsicherheiten sichtbar und verständlich zu machen. «Ich brenne für das, was ich mache. Ich finde es sinnvoll und relevant.» Dazu gehört für ihn auch das Miteinander im Departement. «Ich bin verantwortlich für die Leute, die mit mir arbeiten», sagt er. Darunter versteht er vor allem Präsenz und Ernsthaftigkeit im Umgang miteinander: «Beides wird im akademischen Betrieb extrem unterschätzt.» Er kenne die Probleme aus seinen eigenen Erfahrungen im Mittelbau und versuche bewusst, Fehler nicht zu wiederholen. Für ihn heisst das nicht zuletzt, die Leistungen seiner Mitarbeitenden zu würdigen und auch nach aussen zu tragen: «Ich will nicht der alte Mann werden, dessen Name überall stehen muss», sagt er. «Ich habe Doktorierende und Postdocs, die viel cleverer sind als ich.»
Astrid TomczakPlewka ist Redaktorin von Horizonte.

Inmitten der aktuellen geopolitischen Unsicherheiten, der wirtschaftlichen Spannungen und des technologischen Wettbewerbs kann es sich die Schweiz nicht leisten, abseits zu stehen. Die Unterzeichnung der bilateralen Abkommen III ist nicht nur eine technische Anpassung, sondern ein strategischer Entscheid für die Zukunft unseres Landes, unserer Forschung und unserer Wirtschaft.
In den letzten zwei Jahrzehnten konnte sich die Schweiz dank stabiler, strukturierter Beziehungen zur Europäischen Union als führende Wissensnation etablieren. Die bilateralen Abkommen III zielen darauf ab, diese Dynamik zu modernisieren und langfristig auszurichten. Die Abkommen über die Teilnahme der Schweiz an EUProgrammen garantieren, dass sie sich langfristig an den Forschungs und Bildungsprogrammen der EU beteiligen kann. Das Programm Erasmus+ etwa fördert die Mobilität der Studierenden und Lernenden und bietet unseren Hochschulen die Chance, sich voll in die europäischen Universitätsallianzen zu integrieren.

Yves Flückiger ist Präsident des Verbunds der Akademien der Wissenschaften Schweiz a+.
Verliert die Schweiz damit an Souveränität? Eine sorgfältige Analyse der Abkommen beweist das Gegenteil: Sie konnte Vorteile aushandeln, die nur wenige Drittstaaten haben, einschliesslich Grossbritannien. Durch diplomatische Initiativen wurden wichtige Zugeständnisse erzielt: Die Schweiz muss Entscheide des Schiedsgerichts nicht übernehmen, und wenn die EU Gegenmassnahmen ergreift, müssen diese strikt verhältnismässig sein – eine seltene Garantie, die Brüssel bewusst zurückhaltend kommuniziert. Jede Seite bleibt zudem für die Umsetzung der Abkommen auf ihrem Gebiet verantwortlich, ohne gemeinsames Kontrollorgan, was die nationale Regulierungssouveränität sicherstellt.
Die Bestimmungen zur Personenfreizügigkeit bestätigen diese Souveränität: Eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz erhalten in den ersten fünf Jahren nur Erwerbstätige. Die Niederlassungsbewilligung kann zudem entzogen werden, wenn Integrationskriterien wie das Beherrschen der Sprache oder die Unabhängigkeit von Sozialhilfe nicht erfüllt sind. Schliesslich kann die Schweiz die Schutzklausel für die Zuwanderung ohne vorherige Zustimmung der Europäischen Kommission aktivieren.
Eine Ablehnung des bilateralen Wegs würde die internationale Position der Schweiz schwächen und Innovation behindern. Zusammenarbeit hingegen bedeutet, eine offene Souveränität zu bekräftigen, basierend auf Verantwortung, Partnerschaft und Wissen. Ein Abseitsstehen würde die Schweiz isolieren. Die Zusammenarbeit mit Europa macht uns weniger abhängig

Die Biologin Anna Fellner wird vom SNF mit dem Marie HeimVögtlinPreis ausgezeichnet. Sie untersuchte, warum sich die zahlreichen nah verwandten Arten der PhloxPflanzen nicht miteinander fortpflanzen und ihre Vielfalt so erhalten bleibt. Die innovative Kombination von Kreuzungsexperimenten im Gewächshaus mit der Genanalyse von wild wachsenden Pflanzen leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis, wie Biodiversität entsteht und erhalten bleibt. Der mit 25 000 Franken dotierte Preis geht jedes Jahr an eine herausragende Nachwuchsforscherin.
Votum für Bilaterale III zwischen Schweiz und EU
Der SNF befürwortet die vom Bundesrat mit der EU ausgehandelten bilateralen Abkommen III. Diese umfassen insbesondere das EUProgrammabkommen (EUPA), das die Teilnahme an den EUForschungsprogrammen langfristig sichert und der Schweizer Wissenschaftsgemeinschaft Stabilität bringt. Der SNF ist überzeugt, dass diese Abkommen die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz stärken –ein wesentlicher Faktor für Fortschritte in der Forschung, aber auch in der Wirtschaft und Gesellschaft, gerade angesichts der aktuellen geopolitischen Herausforderungen. Das letzte Wort hat die Schweizer Stimmbevölkerung.
Seit 2018 finanziert der SNF wissenschaftliche Artikel und Bücher, die für alle kostenlos verfügbar sind. Inzwischen sind rund 80 Prozent der neuen Publikationen aus SNFgeförderter Forschung frei zugänglich. Nach den erfolgreichen Aufbaujahren wird der SNF die Finanzierung von Open Access an die heutige Publikationspraxis anpassen. Zudem muss er sich auf Sparmassnahmen einstellen. Deshalb begrenzt er ab 2027 seine Förderbeiträge für Open Access. Parallel dazu beteiligt er sich an der Publikationsplattform Open Research Europe, wo Artikel kostenlos veröffentlicht werden können.
Zusammenarbeit mit Ländern des globalen Südens geht weiter
Der SNF und die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) werden das Programm «Solutionoriented Research for Development» (SOR4D) weiterführen. Die zweite Phase des Programms läuft von 2026 bis 2031 mit einem Budget von rund 22 Millionen Franken. Forschende sowie Akteurinnen und Akteure aus der Praxis in der Schweiz und im globalen Süden sind eingeladen, gemeinsam innovative und wirksame Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung und weniger Armut zu entwickeln. Das transdisziplinäre Programm konzentriert sich auf die Themen Frieden, menschliche Entwicklung, Klima und Umwelt sowie nachhaltige Wirtschaftsentwicklung.

Die Akademien der Wissenschaften Schweiz haben zum dritten Mal den Nationalen Preis für offene Forschungsdaten (ORDPreis) verliehen. Ausgezeichnet wurden das Projektteam «Choice of Law Dataverse» von Agatha Brandão de Oliveira von der Universität Luzern und «Alplakes, Monitoring and forecasting European alpine lakes» von James Runnalls vom Eawag. Die Preise sind mit je 10 000 Franken dotiert. Beim Projekt Law Dataverse liefert eine digitale Plattform Informationen zur Rechtswahl, indem internationales Privatrecht mit modernster Technologie verknüpft wird. Das zweite prämierte Projekt bündelt offene Messdaten zu alpinen Seen und stellt sie über eine frei zugängliche Plattform für Forschung, Verwaltung und Öffentlichkeit bereit. Die Preisverleihung fand am 27. November 2025 in Bern statt. go.akademien-schweiz.ch/ORDPreis25
Der SNF hat Daten zu den Ausschreibungen analysiert, die den Ausschluss der Schweizer Forschenden aus dem Programm Horizon Europe zwischen 2021 und 2024 abfedern sollten. Ergebnis: Die Schweizer Forschenden reichten beim SNF mehr Gesuche ein als zuvor bei den europäischen Ausschreibungen. Mit 45,5 Prozent erhielten fast gleich viele Forscherinnen wie Forscher Beiträge an ihr Projekt. Die Verteilung der bewilligten Projekte auf die verschiedenen Bereiche war beim SNF ausgewogener als bei den EUAusschreibungen. Dank der Massnahmen des SNF konnten die Forschenden ihre Projekte zwar weiterführen, es fehlten aber der europäische Wettbewerb und die Reputation, die eine Beteiligung an Projekten von Horizon Europe bringt.
Der SNF hat vor einigen Jahren einen neuen Lebenslauf eingeführt. In diesem CV können Forschende angeben, ob sie ihre Karriere zeitweise unterbrochen haben und wie viel Zeit sie tatsächlich für Forschung aufwenden konnten, Stichwort: akademisches Nettoalter. Bei der Analyse der Daten von mehr als 16 000 Lebensläufen stellte der SNF fest, dass es bei Frauen zu mehr Unterbrechungen kommt als bei ihren männlichen Kollegen. Die Hauptgründe sind Mutterschaft, Betreuungsaufgaben und Teilzeitarbeit. Diese Ergebnisse bestätigen, wie wichtig es ist, dass im neuen Format des CV das akademische Nettoalter und Karriereunterbrüche berücksichtigt werden.
Neue Plattform für Ausbildung in Wissenschaftskommunikation
Von Social Media über Videoschnitt bis hin zu Grundlagen der Wissenschaftskommunikation für Forschende: Die Weiterbildungsplattform «ScienceComm Courses» versammelt zahlreiche Trainings, Kurse und Programme. Egal, ob für Einsteigende oder Profis: Hier finden alle das passende Angebot, um die eigenen Fähigkeiten aufs nächste Level zu bringen. Organisationen wiederum können ihre Angebote hier sichtbar machen. Für die Verwaltung der Plattform ist Science et Cité verantwortlich. Das Projekt wird von den Akademien der Wissenschaften Schweiz finanziert. www.sciencecomm-courses.ch
Grundlagenforschung im Rampenlicht
Bild: SNF

Woher kommen die Ideen, die unser Leben verändern? Sie entstehen aus der Neugier von Forschenden, Zusammenhänge zu erkennen –lange bevor ein Produkt oder eine Anwendung sichtbar wird. Diese wissenschaftliche Basisarbeit in den Fokus zu rücken, ist das Ziel einer SNFKampagne zur Grundlagenforschung. Sie zeigt, wie Wissen den Boden für Innovation und Wertschöpfung bereitet. Drei Formate vermitteln die Botschaft: Texte über Unternehmen, die dank Forschung Neues schaffen, Kurzvideos, die den Weg von der Erkenntnis zu innovativen Resultaten nachzeichnen, und noch kürzere Clips, die zugespitzt klarmachen: Ohne Forschung kein Fortschritt. www.snf.ch/grundlagenforschung
Forschungsfragen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, erhöht Qualität und Wirkung. Dafür müssen Forschende gleichberechtigt über geografische und disziplinäre Grenzen zusammenarbeiten. Der überarbeitete «Guide for Global Research Partnerships» zeigt anhand von sechs Prinzipien, wie dies möglich ist. Ein gemeinsames AgendaSetting, Überlegungen zu Machtverhältnissen und eine transparente Aufteilung der Ressourcen stärken die Zusammenarbeit, ermöglichen gegenseitiges Lernen und den Aufbau wirkungsvoller Partnerschaften. Der Leitfaden lässt sich flexibel in verschiedenen Kontexten anwenden. Er wurde zusammen mit über 200 Forschenden und Praktikerinnen aus verschiedenen Teilen der Welt entwickelt. www.grp-guide.ch
Horizonte 147, S. 46–47
«Feuer und Flamme für Radioaktivität»
Nuklearer Zynismus
Für eine Zeitschrift, die sich als wissenschaftlich versteht, finde ich Ihr Porträt der Physikerin und Atomkraftbefürworterin Annalisa Manera sehr gefällig. Sie erklärt sich zum Dialog bereit, solange man sich an die Fakten hält. Hat man somit als Nichtwissenschaftler nichts zu sagen? Mit Aussagen wie «Es gibt keine Energiequelle ohne Abfälle – und keine, deren Risiko absolut null beträgt» oder es gehe ihr «natürlich nicht darum, die Risiken zu leugnen, sondern darum, zu lernen, mit ihnen umzugehen», zeigt sie sich vollkommen zynisch. Ich habe noch keine Lösung für den Umgang mit Atommüll gesehen. Und was ist mit den spezifischen Risiken, die keine andere Energiequelle mit sich bringt? Mit solchen Artikeln scheinen Sie nach der Pfeife eines gewissen Albert Rösti zu tanzen.
Dominique Poget, Umweltaktivist, Prilly
Horizonte 147, S. 14–27 «Fokus: Lange leben» Altern im Klimawandel Ich bin immer wieder überrascht, wie das Thema Altern unter Ausblendung der voranschreitenden planetaren Erhitzung behandelt wird. Ich bin 67 Jahre alt und Mut-
Horizonte
Das Schweizer Forschungsmagazin erscheint viermal jährlich auf Deutsch und Französisch. Die Online-Ausgabe erscheint auch auf Englisch. 39. Jahrgang, Nr. 148, März 2026.
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ter dreier erwachsener Kinder, die ich dank Kontrazeption aus freiem Entscheid bekommen habe. Nun stellt sich meiner Generation eine ganz andere Aufgabe: den Jungen die knapper werdenden Ressourcen zu überlassen. Laut dem amerikanischen Evolutionsbiologen Jared Diamond praktizierten Jäger- und Sammlergesellschaften, die in Notstände kamen, verschiedene Formen der Tötung ihrer Alten, um das Überleben der Gruppe zu ermöglichen. Keiner will, dass wir es so weit treiben. Aber eine Diskussion über das Altern muss heute den Zusatz tragen «in den Zeiten des Klimawandels».
Sigrid Eckardstein, Medizinerin, Kappeln (D)
Horizonte 147, S. 42: «Warum geteilte Obhut nicht die Norm ist» Empirische Grundlage fehlt Der Beitrag greift ein relevantes Thema auf, bleibt jedoch hinter den Anforderungen an ein Forschungsmagazin zurück. Der Titel impliziert eine sachliche Feststellung, obwohl der Artikel selbst festhält, dass valide und systematisch erhobene Daten zur tatsächlichen Betreuungspraxis fehlen. Ohne eine solche empirische Grundlage kann die nahegelegte Aussage wissenschaftlich nicht getragen werden. Der Text ist
Redaktion
Judith Hochstrasser (jho), Co-Leitung
Florian Fisch (ff), Co-Leitung
Astrid Tomczak-Plewka (ato)
Sophie Rivara (sr) Yvonne Vahlensieck (yv)
Gestaltung und Bildredaktion
Bodara GmbH, Büro für Gebrauchsgrafik 13 Photo AG
Übersetzung Weber Übersetzungen
Korrektorat
Birgit Althaler Anita Pfenninger
journalistisch gehalten und verzichtet auf zentrale wissenschaftliche Elemente wie methodische Transparenz, klare Definitionen und Einordnung der zitierten Zahlen. Die festgestellte Datenlücke wird beschrieben, jedoch nicht kritisch reflektiert. Weshalb werden solche Daten bis heute nicht systematisch erhoben oder eingefordert? Zudem bleibt die Argumentation selektiv. Internationale Vergleichsstudien und kinderrechtsbasierte Perspektiven bleiben weitgehend unberücksichtigt.
Urs Kurth, Arbeitsgruppe Stopp Kindsentfremdung in der Schweiz, Seewen
Korrigendum
Der Artikel «Im Trainingslager für robuste Weinreben» (Horizonte 147, S. 28) sagt fälschlicherweise, dass Schweizer Weine etwa die Hälfte des landesweiten Konsums ausmachen. Laut Bundesamt für Landwirtschaft waren es 2024 jedoch nur 36 Prozent.
Schreiben Sie uns Ihre Meinung Sie möchten auf einen Artikel reagieren? Wir freuen uns über Ihre Mail an redaktion@horizonte -magazin.ch – Leserbriefe bis spätestens am 30. März 2026.
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«Viele meinen, mit der Erfindung eines Postismus sei schon eine intellektuelle Leistung vollbracht.»
Dieter Thomä ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und veröffentlichte zuletzt 2025 das Buch «Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe».
Die Vorsilbe Post ist zwar die populärste Erfindung der Geistes und Sozialwissenschaften nach 1945, aber sie hat viel Schaden angerichtet. Wer sich bei der Beschreibung der Lage damit begnügt, ein altes Grosswort mit «Post» zu dekorieren, bleibt unweigerlich auf die Vergangenheit fixiert und läuft Gefahr, den Reiz des Neuen zu verkennen. Wäre der Schlachtruf der Revolutionäre in Paris 1789 «Es lebe der Postfeudalismus!» statt «Es lebe die Republik!» gewesen, hätte dies wohl niemanden von den Sitzen gerissen. Und doch ist der neuere Erfolg der Postismen ungebrochen. Der Bogen reicht von Posthistoire über Post moderne zu Postkolonialismus, dazu gesellen sich Postdemokratie, Postliberalismus und Postfeminismus. Das Hauptproblem aller Postismen: Sie bleiben stecken in der Ambivalenz zwischen Anhänglichkeit und Abgrenzung gegenüber dem, was vorher war. Diese Unschlüssigkeit lässt sich beispielhaft am Postkolonialismus illustrieren. Einerseits wird damit, wie etwa der palästinensischamerikanische Literaturtheoretiker Edward Said sagte, die Botschaft verbunden, dass die heutige Lage im globalen Süden durch den Kolonialismus determiniert sei, anderseits heisst es beim Historiker Robert Young, der Postkolonialismus habe das Zeug zum «Triumph» über den Kolonialismus.
So oder so erschwert die Vergangenheitslastigkeit des Präfixes Post die eigenständige Analyse aktueller Handlungsmöglichkeiten, also das, was der französische Philosoph Michel Foucault in einem seiner einflussreichsten Werke «Ontologie der Gegenwart» genannt hat. Das ist wohl der Grund, warum Foucault vom Ausdruck Postmoderne überhaupt nichts hielt und weshalb der kamerunische Historiker Achille Mbembe betont, «der postkolonialen Schule nicht anzugehören». Viele meinen wohl, dass allein mit der Erfindung eines Postismus schon eine intellektuelle Leistung vollbracht sei. Dabei fungiert dieser eher als Denkersatz, als Label, hinter dem sich oft ein Durcheinander verbirgt. Übrigens: Die Kritik an den Postismen kommt aus allen politischen Lagern, nicht nur von rechts. Stark ist die Kritik von links, die zum Beispiel der Schweizer Regisseur Milo Rau vorgebracht hat.
JAAbsolut. Die Vorsilbe ist keineswegs nur rückwärtsgewandt, sondern ein Instrument, um die Gegenwart neu zu verstehen. Die Kritik an den Posttheorien lautet, dass sie mit dem verstrickt bleiben, was sie zu überwinden versuchen – doch genau diese Spannung ist ihre Stärke. Nehmen wir den Postkolonialismus: Er sagt nicht, dass der Kolonialismus vorbei ist, sondern untersucht, inwiefern seine Strukturen fortbestehen. Der kolumbianische Anthropologe Arturo Escobar argumentiert etwa, dass der globale Norden den globalen Süden mit angeblichen Entwicklungsprojekten weiter verwaltet. Ein Beispiel dafür ist die ursprünglich von der Weltbank finanzierte Umsiedlungspolitik beim Staudammprojekt im westindischen Narmadatal, die später von der indischen Regierung übernommen wurde. Dabei wurden indigene Gemeinschaften ohne an gemessene Zustimmung oder Entschädigung vertrieben. Analog negiert der Poststrukturalismus nicht Strukturen, sondern fragt, wer sie aufgebaut hat und wen sie ausschliessen. Der französische Philosoph Michel Foucault analysierte, wie Schulen, Spitäler und Gefängnisse Subjektivitäten formen, indem sie bestimmte Verhaltensweisen normalisieren und Abweichungen bestrafen. Meine eigene Forschung zu Indiens Massnahmen gegen sexuelle Belästigung entlarvt, wie diese scheinbar progressive Reform bestimmte Kasten und Queers ausschliesst und damit das Kastensystem und die Heteronormativität aufs Neue festschreibt.

«Posttheorien bleiben nicht in früheren Systemen verhaftet, sondern hinterfragen, erschüttern und reformulieren.»
Anukriti Dixit arbeitet als Postdoc an der Universität Bern. Die Sozialwissenschaftlerin ist spezialisiert auf poststrukturalistische, Anti-Kasten- und dekoloniale Forschung.
Die Vorsilbe Post bedeutet also nicht einfach danach. Forschende fragen damit, wie die Gesellschaft sich von den vorherrschenden Strukturen lösen kann. Und Posttheorien bleiben nicht in früheren Systemen verhaftet, sondern hinterfragen, erschüttern und reformulieren diese. Das macht wirksame, pluralistische und verantwortungsvolle Forschung möglich. In einer durch Ungleichheit, Klimakollaps und koloniale Rückstände zerrissenen Welt ist Post kein Rückzugsort – sondern die Weigerung, zu vereinfachen. Anstatt die Vorsilbe abzuschaffen, sollten wir fragen: Was will sie erschüttern, und weshalb ist das immer noch wichtig? Post ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.
«Expeditionen
Christian Kehrt, Wissenschafts- und Technikhistoriker an der TU Braunschweig
Seite 24