KathWerk_Aktuell-01-06

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k a t h a r i n a werk ökumenische Gemeinschaft mit interreligiöser Ausrichtung

k a t h a r i n a aktuell april 2006

Um Gottes willen – politisch werden

Liebe Leserinnen und Leser, für Katharina von Siena waren nicht nur «Gottes- und Nächstenliebe ein- und dieselbe», auch Mystik und Politik gehörten in ihrem Leben eng zusammen. Katharina ermutigt uns – und unsere nachfolgenden Berichte vielleicht auch Sie!

Sibylle Ratsch, Mitglied der Gemeinschaftsleitung

Was bedeutet es konkret für unser Beten und Handeln, wenn Glaube und Welt zusammengehören, wenn der «Sinn für Gott» und der «Sinn für die Erde» eins sind? Was heisst es, als Säkularinstitut «Versuchslaboratorium zu sein für das Verhältnis von Kirche und Welt»? (Papst Paul VI.) Herausgefordert durch diese Fragen hat sich unsere Gemeinschaft Ende der 70er-Jahre für die Erneuerung der Spiritualität und die Öffnung für Menschen verschiedener Lebensformen, Konfessionen und für die Weltökumene entschieden. Inspiriert durch P. Teilhard de Chardin hat Pia Gyger die ursprüngliche Herz-Jesu-Verehrung in eine neue Ausweitung geführt. Im Universalen Christus bekennen und verehren wir Christus als das Herz einer sich in Entwicklung befindlichen Welt: Der Aufbau dieses geheimnisvollen, im Werden begriffenen Leibes Gottes ruft nach unserem Einsatz für Versöhnung, Einheit und Frieden in der Welt.

Dem Ruf der Erde folgen Sehr schnell sollten äussere Ereignisse und Begegnungen uns dahin führen zu entdecken, dass der Dienst an der Welt, der Dienst der Versöhnung immer politisch ist. Denn Armut, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit und Krieg sind keine «privaten Phänomene» sondern erwachsen aus sozialen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen. Am 1. November 1986 ereignete sich «vor unserer Haustür» der grosse Basler Chemieunfall. Die Luft wurde vergiftet, der Rhein verseucht. Zur gleichen Zeit trafen sich junge Mitglieder der Gemeinschaft (darunter auch ich) zur spirituellen Ausbildung zum Thema: «Versöhnung mit der Schöpfung». Auf unsere Frage «Was sollen wir jetzt tun?» wurde uns bald klar: wir beteiligen uns an der anstehenden Demonstration in Basel und dies nicht nur als Einzelne, sondern ausdrücklich als Gemeinschaft mit allen Altersgruppen. Die Erfahrung löste intensive und auch kontroverse Diskussionen aus: Auf welche Weise und wie weit sollen und dürfen wir als religiöse Gemeinschaft an der Veränderung politischer, gesellschaftlicher Strukturen mitwirken? Was ist darin unser Spezifikum? Wie kann sich politisches Handeln aus unserer spirituellen Mitte speisen und sich auch an diese zurückbinden? Von den Armen lernen Ende der 80er-Jahre begegnete Pia Gyger im Rahmen ihrer Zen-Ausbildung Mila Golez aus den Philippinen, die sich in einem Slum von Manila engagierte. Diese Begegnung bestärkte Pia Gyger in ihrem Impuls: «Ich habe von den Armen zu lernen. Ich muss dort

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