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Geschichten aus den 70ern. Kurzgeschichten für Senioren

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KURZGESCHICHTEN FÜR SENIOREN

Grossdruck

Geschichten aus den 70ern

Autofreier Sonntag

Fernsehwerbung

Fußballweltmeisterschaft

Anschnallpflicht

TRIMM-DICH-PFAD

• „Trimm Dich fit“ war eine Kampagne des Deutschen Sportbundes, die 1970 ins Leben gerufen wurde, um das Bewusstsein der Menschen für Gesundheit und Fitness zu fördern.

• Ein Trimm-dich-Pfad ist eine Laufstrecke, die etwa alle 200 Meter mit einfachen und stabilen Fitnessstationen ausgestattet ist. Meist ist es ein Rundweg, der in Parks oder Wälder gebaut ist.

• Die Geräte an den Stationen neben der Laufstrecke sind Balancierstangen, Recks oder Bocksprungstationen aus Holz. Die Gestaltung ist möglichst naturnah.

WER RASTET, DER ROSTET

„Los, los, los, du Faulpelz!“, treibt Anni Schneider ihren Mann an. Es ist Sonntagnachmittag.

„Muss das sein?“, murmelt Karl-Heinz. Weil er die Antwort schon kennt, faltet er die Tageszeitung zusammen, legt sie auf den Tisch und steht ächzend aus seinem durchgesessenen Lese- und Fernsehsessel auf. Anni steht im blauen Jogginganzug und in Sportschuhen vor ihm. „Wer rastet, der rostet.

Wenigstens einmal in der Woche musst du dich auslüften und bewegen. Und nein, Karl-Heinz, der Weg von der Haustür zum Auto ist nicht ausreichend an Bewegung. Und auch nicht der Weg vom Sessel zum Kühlschrank oder zum Fernseher.“

„Ist ja gut“, murmelt Karl-Heinz und zieht im Flur seine Schuhe an. Anni steht vor dem Spiegel und drapiert ein ockergelbes Stirnband auf ihrem Kopf. „Jetzt übertreibst du aber, Anni. Du hast heute Kla-

rastet, der rostet

motten an wie Jane Fonda. Wir machen doch einfach nur einen Sonntagsspaziergang.“

„Das denkst du!“, antwortet Anni schnippisch. „Wir testen heute den Trimm-dich-Pfad, der letzte Woche im Wald direkt neben dem großen Spielplatz eingeweiht wurde.

Karl-Heinz stöhnt auf. „Anni, bitte verschone mich. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, dann mach das mit den Frauen vom Turnverein, aber hab Erbarmen mit einem rechtschaffenen Bürger, der einfach nur seinen freien Sonntag genießen will.“

„Nee, nee!“ Anni schüttelt unerbittlich ihren roten Lockenkopf. „Hopp, hopp, ich tue dir nur einen Gefallen damit und bewahre dich vor Übergewicht, Diabetes, Herzbeschwerden und anderen neumodischen Zivilisationserkrankungen.“

Karl-Heinz weiß, dass Bitten und Betteln nicht helfen werden. Er tauscht seine braune Cordhose gegen die Sporthose, deren Gummiband etwas zu sehr in den Bauch schneidet. Er zieht die Sportschuhe an, die Anni ihm zu Weihnachten geschenkt hat und die nun schon mehr als drei Monate unbenutzt herumstehen.

Stolz schaut Anni ihn an: „Mein Karli! So gefällst du mir!“ Sie wirft ihm den Autoschlüssel zu, und sie gehen aus dem Haus.

16 Wer rastet, der rostet

Karl-Heinz und Anni parken ihren Volkswagen auf dem Parkplatz am Wald. Anni holt tief Luft: „Herrliches Frühlingswetter! Das wird uns guttun!“

„Mhh“, brummt ihr Mann.

Sie folgen dem Schild zum Trimm-dich-Pfad. An diesem Sonntagnachmittag scheinen sie die einzigen Sportler zu sein. Nur Kindergeschrei ist vom großen Waldspielplatz zu hören. Sie kommen zur ersten Station. Ein langer Balken ist waagerecht in Kniehöhe fest auf Holzstützen angebracht. „Balancieren“, liest Anni das Hinweisschild vor.

„Das gefällt mir: erste Station Sitzbank“, sagt KarlHeinz und setzt sich auf den Balken.

Anni zieht ihn hoch. „Du Spielverderber!“ Sie balanciert gekonnt über den Balken.

Auf zur nächsten Station. „Hüftkreisen“, liest Anni vor und schwingt in großen Kreisen ihre Hüften.

„Mach mit, Karl-Heinz!“, schimpft sie.

„Das mache ich nicht, Anni. Ich bin doch nicht Elvis Presley oder Peter Kraus. Wenn mich jemand sieht!

Herr Palmers etwa aus der Personalabteilung.“ Allein bei dem Gedanken errötet er.

Anni winkt ab und trabt 200 Meter weiter zur nächsten sportlichen Herausforderung: einem Reck. „Klimmzüge“, liest sie und stellt sich unter das Reck. Mit zusammengepressten Lippen und hochrotem

rastet, der rostet

Kopf hängt sie an der Stange und versucht, die Arme zu beugen, um sich nach oben zu ziehen.

Plötzlich steht eine Frau in bunter, für das Wetter etwas zu knapper Sportkleidung und feschem Stirnband neben ihnen. „Guten Tag, Herr Schneider. Ich wusste gar nicht, dass Sie so sportlich sind.“ Sie zwinkert Karl-Heinz zu.

„Frau Palmers! Och ja, man tut, was man kann.“ Er klatscht in die Hände, hebt die Arme und greift nach der Reckstange. „Wer rastet, der rostet, sage ich immer.“ Karl-Heinz lacht künstlich.

„Das wünsche ich mir von meinem Mann auch. Der sitzt zu Hause im Sessel und liest den ganzen Sonntag Zeitung. Dabei hockt er schon den ganzen Tag bei der Arbeit nur herum. Das wissen Sie ja.“

Karl-Heinz wippt auf die Zehenspitzen und wieder zurück, als machte er sich nun bereit für den besten Klimmzug aller Zeiten. Er lächelt und sagt: „Ja, ja, und dann wundert er sich, wenn er Übergewicht, Diabetes oder sonstige neumodische Zivilisationskrankheiten bekommt.“

Anni schnaubt und wirft ihm einen verächtlichen Seitenblick zu. Dann wendet sie sich an Frau Palmers. „Wir kennen uns ja von der Jubiläumsfeier Ihres Mannes. Haben Sie schon alle Stationen getestet?“ Sie schaut auf Karl-Heinz, der einen halben

18 Wer rastet, der rostet

“ AM LAUFENDEN BAND“

• „Am laufenden Band“ war eine der populärsten Unterhaltungssendungen im deutschen Fernsehen der Siebzigerjahre.

• Die Show wurde von Rudi Carrell moderiert.

• In dem Spiel traten vier Paare gegeneinander an. Jedes Paar setzte sich aus Verwandten verschiedener Generationen zusammen.

• Das Format bestand aus drei unterhaltsamen Spielrunden.

• Der Gewinner oder die Gewinnerin nahm zum Schluss in einem großen asiatischen Korbstuhl Platz und betrachtete Gegenstände, die auf einem Förderband vorbeitransportiert wurden. Danach hatte die Person 30 Sekunden Zeit, um möglichst viele dieser Gegenstände aus dem Gedächtnis aufzuzählen. Diese Gegenstände durfte die Kandidatin oder der Kandidat mit nach Hause nehmen.

BAND AB!

„Sag Papa mal Bescheid. Es geht gleich los!“

Aufgeregt rennt Sascha zur Kellertreppe und brüllt hinunter: „Papaaaa! Fernsehen geht gleich los. Komm!“

Sascha rennt zurück in die Küche. Dort bereitet seine Mutter gerade einen Schnittchenteller vor: Graubrot mit Butter, Käse und Salami sowie saure Gurken – alles in mundgerechte Häppchen geschnitten. Drei Gläser mit Salzstangen stehen auch auf einem Tablett. Dazu ein Bier für den Vater, eins für sie selbst und jeweils eins für die Nachbarn, Renate und Thomas. Für Sascha und Ute gibt es Apfelsaft.

Die Mutter trägt das schwere Tablett ins Wohnzimmer. Ute hat die zwei Sessel umgedreht, sodass es sechs hervorragende Sitzplätze mit freiem Blick auf den Fernseher gibt.

Es klingelt. Sascha hüpft zur Tür. „Renate und Thomas sind da!“, ruft er. Seine Mutter kommt und begrüßt eilig die Gäste.

„Hallo, Carola“, sagt Renate. „Danke, dass wir bei euch die Show schauen dürfen. Thomas hat es noch immer nicht geschafft, den Fernseher zu reparieren. Und auf dem alten Schwarz-Weiß-Ding will ich ,Am laufenden Band‘ nicht schauen. Da sieht man ja gar nicht die schönen glitzernden Kleider der Kandidatinnen.“

„Zusammen macht es sowieso mehr Spaß“, sagt Carola. „Kommt, sucht euch die besten Plätze aus.“

Sascha springt auf das Sofa, setzt sich gemütlich in eine Sofaecke und tut so, als rauchte er eine Salzstange. Thomas nimmt neben ihm Platz und lacht.

„Na, Sascha, gibst du mir auch mal Feuer?“ Thomas holt seine HB-Zigaretten heraus. Carola stellt ihm einen Aschenbecher hin. Ute geht zum Fernseher und drückt auf den An-Knopf.

„Geh doch mal in den Keller, Thomas“, sagt Carola. „Werner kommt und kommt einfach nicht. Es ist schon 20:10 Uhr.“

Mit der Zigarette im Mundwinkel geht Thomas Richtung Kellertreppe. Ute macht es sich auf einem Sessel gemütlich, und Renate und Carola stoßen mit

den Biergläsern an. „Schön, dass ihr da seid“, sagt Carola.

Thomas kommt wieder. „Werner ist gleich so weit.

Er sagt, wenn er den Schrott der letzten 20 Jahre jetzt nicht zu Ende sortiert, dann macht er es nie. Er meint, euer Keller ist zu klein und du hebst viel zu viel Zeug auf, Carola.“

Carola verdreht genervt die Augen. Kurze Zeit später geht die Tür auf und ihr Mann kommt herein, keuchend und verschwitzt. „Ich bin immer noch nicht fertig. Morgen mach ich weiter. Ich halte das Chaos im Keller nicht mehr aus. Der ganze Plunder da unten nimmt wichtigen Platz für meine Modelleisenbahn weg.“

Aus dem Fernseher ertönt Musik. „Am laufenden Band!“, jubelt Sascha. „Jetzt geht es los!“

Ein Vorhang öffnet sich, und Rudi Carrell erscheint.

Er hat einen schicken Anzug an. Die Zuschauer applaudieren.

„Diese Locken! Wenn der mal nicht eine Perücke trägt“, mutmaßt Renate.

„Nee“, sagt Carola und greift sich ein Schnittchen, „dann hätte er doch nicht Grau gewählt.“

„Psssst!“, macht Ute.

„Wie lange lebt Carrell schon in Deutschland? Sein holländischer Akzent ist hartnäckig“, flüstert Renate.

Die Show beginnt. Die acht Kandidaten werden vorgestellt. „Also, ich bin für den Jungen und seinen Opa“, beschließt Ute.

„Da kannst du dich auch mal mit deinem Opa anmelden, Sascha!“, sagt Thomas und lacht.

In der ersten Runde spielen jeweils zwei Paare gegeneinander. Das Opa-Enkel-Paar gewinnt, weil der Opa seinen Enkel am Händeschütteln erkennt.

Auch beim Spiel „Buchstabensalat“ ist der Großvater herausragend gut.

Ute jubelt vor Freude. Der kleine Sascha klappt immer wieder mühsam die Augen auf, die ihm vor Müdigkeit zufallen wollen. Thomas vergisst manchmal vor Spannung, die eine Zigarette auszumachen, bevor er sich die nächste ansteckt. Werner sitzt vorgebeugt auf dem Sofa und schaut gebannt auf die Mattscheibe. Carola und Renate haben mittlerweile glühende Wangen, so sehr fiebern sie mit den Kandidaten mit.

In der letzten Spielrunde gewinnt nochmals der Großvater, als es darum geht, einen Restaurant-Gast zu spielen, der die Rechnung nicht bezahlen will. Nun steht es fest: Er ist der Sieger des Abends!

Ute stößt Sascha an: „Jetzt kommt das laufende Band! Wach auf!“ Sascha reißt die Augen auf und setzt sich aufrecht hin. Der alte Herr im Fernsehen

Die 70er-Jahre – zwischen Dauerwelle, Schlaghose und Diskokugel.

Wer erinnert sich noch an den Trimm-dich-Pfad, auf dem man mehr schwitzte als trainierte? An autofreie Sonntage, an denen plötzlich alle spazieren gingen, freiwillig oder auch nicht? Oder an die Fußballweltmeisterschaft, bei der das Wohnzimmer zum Stadion wurde?

Die Geschichten in diesem Buch nehmen die kleinen und großen Abenteuer des Alltags mit einem Augenzwinkern unter die Lupe. Mal lustig, mal herzlich, aber immer ganz dicht am Leben.

Eine humorvolle Reise zurück in die 70er-Jahre – zum Erinnern und Schmunzeln.

Über die Reihe „Kurzgeschichten für Senioren“

• Die heiteren Geschichten erzählen von den alltäglichen und den besonderen Momenten im Leben.

• Die Geschichten sind kurz gehalten, leicht verständlich und mit viel Herz geschrieben.

• Sie erfreuen als kleiner Zeitvertreib und können als Erinnerungen an vergangene Tage noch lange nachklingen.

• Die angenehm große Schrift eignet sich besonders gut zum Lesen und Vorlesen.

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