Silke Hubrig
KURZGESCHICHTEN
FÜR SENIOREN

Grossdruck
Geschichten aus den 50ern
Krönung von Elisabeth II.
Kälte-Februar
LIEBE LESERINNEN UND LESER!
Dieses Buch lädt Sie auf eine gedankliche Reise zurück in die Fünfzigerjahre ein – eine Zeit, die viele von Ihnen aus eigener Erfahrung kennen und sicherlich schätzen. Ich selbst wurde erst in den Siebzigern geboren, erhielt aber durch zahlreiche Gespräche an Kaffeetischen mit meinen Großmüttern, Tanten, Onkeln und Eltern facettenreiche Einblicke in dieses besondere Jahrzehnt. Die lebensfrohen Erinnerungen und Anekdoten haben mich dazu inspiriert, die Geschichten für dieses Buch schreiben.
Die Fünfzigerjahre waren geprägt von Wiederaufbau, gesellschaftlichen Veränderungen und vom Aufbruch nach sehr schweren Zeiten. Es gab traurige und beängstigende Ereignisse durch die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs, die beginnende Teilung Deutschlands mit all ihren politischen Spannungen und den Kalten Krieg.
KINO
• In den Fünfzigerjahren erlebte das westdeutsche Kino einen beispiellosen Boom – 1959 gab es mit über 7000 ortsfesten Filmtheatern mehr Kinos als je zuvor.
• Da es kaum andere Freizeitangebote gab und die meisten Familien nur begrenzt mobil waren, wurde der Besuch im „Kino um die Ecke“ zum festen Wochenritual: Kindervorstellungen, Jugendvorstellungen, Hauptfilm und Spätvorstellung gehörten zum Programm.
• Bis 1950 dominierten US-amerikanische Produktionen die westdeutschen Leinwände. Im selben Jahr gelang der einheimischen Filmproduktion mit Schwarzwaldmädel ein entscheidender Durchbruch – und löste eine ganze Welle von Heimatfilmen aus. Die Hauptrollen spielten Sonja Ziemann, Rudolf Prack und Paul Hörbiger.
• Ende der Fünfzigerjahre zeichnete sich jedoch ein langsamer Niedergang dieser lebendigen Kinokultur ab. Hauptgründe waren das Fernsehen, die wachsende Mobilität, vor allem der Jugendlichen, und ein vielfältigeres Freizeitangebot.
DIE KINOBEKANNTSCHAFT
„Wir werden zu spät kommen, wenn du so bummelst“, drängt Anneliese ihre Freundin. Anneliese und Heidrun freuen sich schon seit Tagen auf ihren Kinobesuch.
„Ja doch. Ich muss nur noch etwas Haarspray auftragen.“ Heidrun drückt auf den Sprühknopf einer cremefarbenen Metallflasche und ihr Haar verschwindet für eine kurze Zeit im Nebel. Ein süßlicher Geruch macht sich breit. „Wie sehe ich aus?“ Heidrun präsentiert sich ihrer Freundin und blickt sie erwartungsvoll an.
„Deine Frisur wird dem Herbstwind draußen sicher standhalten“, meint Anneliese. Sie mustert Heidrun kritisch: „Aber kannst du überhaupt noch atmen?
Solltest du den Taillengürtel nicht lieber lockern?“
Heidrun überhört den bissigen Kommentar ihrer Freundin, wirft sich den Mantel über und die beiden
treten auf die Straße. „Auf zum Schwarzwaldmädel!“, ruft Heidrun vergnügt und hakt sich bei Anneliese ein.
Das Kino hat einen überdachten Eingangsbereich, sodass Anneliese und Heidrun trotz der langen Schlange vor der Kinokasse vor Wind und Regen geschützt sind. In der Schlange steht eine Frau mit einem großen Hut vor ihnen. Anneliese kichert und sagt zu Heidrun: „Wir müssen aufpassen, dass die nicht vor uns sitzt, sonst können wir uns die Geschichte vom Schwarzwaldmädel ja gleich als Hörspiel im Radio anhören.“
Ein Mann dreht sich zu den Freundinnen um. „Nun hören Sie doch auf, so albern zu gackern“, schimpft er.
Heidrun und Anneliese schauen sich teils erschrocken, teils verwundert an. „Vor dem will ich aber auch nicht sitzen“, flüstert Anneliese der Freundin zu.
Schließlich sind sie an der Reihe. „Zwei Eintrittskarten, bitte!“, sagt Heidrun und legt zweimal 1 Mark und 50 Pfennig auf die Ablage des Kassenhäuschens.
Die Kassiererin nimmt das Geld entgegen und schiebt zwei Billetts herüber.
Die Kinobekanntschaft
„Danke sehr!“, sagen die Freundinnen wie aus einem Mund.
Sie betreten das Foyer. Die Luft ist warm und es riecht nach gebrannten Mandeln und Zigarettenrauch. „Ich brauche unbedingt noch etwas Süßes“, sagt Heidrun zu ihrer Freundin und zieht sie in Richtung Süßigkeitenstand. Anneliese lässt sich gerne mitziehen. „Einmal gebrannte Mandeln, bitte“, sagt Heidrun.
„Und Karamellbonbons!“, ruft Anneliese hinter ihr.
„Die muss ich erst aus dem Lager holen, junge Dame. Dauert fünf Minütchen.“ Noch bevor Anneliese ihre Bestellung zurückziehen kann, ist der Mann verschwunden. Wie auf heißen Kohlen stehen die beiden nun da und warten auf seine Rückkehr. Sie haben kaum Zeit, denn der Vorfilm wird gleich beginnen.
Endlich! Mit ihren Süßigkeiten gehen sie am Kartenabreißer vorbei in den Kinosaal. Anneliese liebt den leicht muffigen und süßlichen Geruch, die gepolsterten roten Samtstühle und den tanzenden Staub, der im Lichtkegel des Projektors zu sehen ist. Heidrun und Anneliese wählen zwei Plätze in der Mitte aus und machen es sich bequem. Kurz darauf geht das Saallicht aus und der Vorfilm beginnt.
„Den Vorfilm kenne ich schon“, flüstert Anneliese und greift in die Tüte ihrer Freundin, um sich eine gebrannte Mantel herauszuangeln. „Die Wochenschau würde ich am liebsten überspringen. Schließlich freue ich mich auf das Schwarzwaldmädel. Ich will Bärbele sehen!“
„Ich doch auch“, sagt Heidrun. „Die Wochenschau ist so langweilig. Weißt du was, ich hole uns noch eine Tüte gebrannte Mandeln, damit wir es genauso süß haben, wie die Bärbele aussieht.“
Anneliese lacht. Ihre lebensfrohe Freundin schlägt gerne einmal über die Stränge. Heidrun steht aber nicht auf, sondern beginnt, ihren Taillengürtel zu lösen. „Und die Wespentaille kann ich gerade gar nicht gebrauchen. Erst einmal passen so keine Mandeln mehr in meinen Bauch, und zweitens kriege ich spätestens dann Atemnot, wenn Hans Hauser auf der Leinwand erscheint.“ Heidrun steht auf und geht hinaus.
Vorfilm und Wochenschau flimmern über die Leinwand, und schon beginnt der Hauptfilm. Man sieht eine Kuckucksuhr, aus der ein kleiner hölzerner Kuckuck hervorspringt, und in gelben Buchstaben steht groß Schwarzwaldmädel auf der Leinwand. Lebhafte Musik erklingt.
DER COCKTAILSESSEL
• Ein Cocktailsessel ist ein typisches Möbelstück der Fünfzigerjahre. Es handelt sich um einen kleinen gepolsterten Sessel für das Wohnzimmer mit einer halbhohen Rückenlehne. Die dünnen, schräg ausgestellten Beine tragen zu einem leichten Erscheinungsbild bei.
• Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges suchte man nach einem neuen Design, das sich von den bisherigen Einrichtungstrends abhob. Der Cocktailsessel vereinte damals auf ideale Weise Komfort, Stil und Funktionalität und unterschied sich deutlich von den Designs der Dreißiger- und Vierzigerjahre.
DIE ÜBERRASCHUNG
Die Klingel ertönt und Margret erschrickt. Sie ist gerade dabei, die Kartoffeln abzugießen. Schnell stellt sie den großen, schweren Kochtopf ab, wirft das Tuch, mit dem sie eben die Henkel gegriffen hatte, über den Küchenstuhl und streicht sich die Kittelschürze glatt. „Dann wollen wir mal, Margret“, sagt sie laut zu sich selbst und geht zur Tür.
Wie erwartet, ist es der Mitarbeiter der MöbelSpedition. „Unke?“, fragt der junge Mann. Margret versteht nicht.
„Unke?“, wiederholt der Mann. „Frau Unke?“
„Ach ja, ja, ja, das bin ich.“ Margret lacht nervös. Sie kann sich noch nicht an den neuen Nachnamen gewöhnen. Erst vor zwei Wochen hat sie Hans Unke geheiratet.
Überraschung
„Wären Sie so freundlich …? Ganz hinten ist das Wohnzimmer.“ Margret lächelt ihr schönstes Lächeln und weist dem Speditionsmitarbeiter den Weg.
„Selbstverständlich!“ Halb schiebend, halb tragend bugsiert er den Gegenstand durch den Flur ins Wohnzimmer.
„Vielen Dank!“, sagt Margret und gibt dem Mann ein wenig Trinkgeld.
Als er weg ist, zieht sie vorsichtig die schonende Verpackung ab. „Er ist perfekt!“, denkt sie glücklich. Sie stellt den neuen Sessel neben den Nierentisch. Margret seufzt vor Aufregung. Genauso hat sie es sich im Möbelladen vor ein paar Tagen vorgestellt. Der moderne Cocktailsessel mit weichem, tiefrotem Samtbezug. Die geschwungene Form mit der halbhohen Rückenlehne. Und dieses elegante Möbelstück neben dem Nierentisch. Schnell legt sie eine Zeitschrift auf den Tisch. So sieht es gleich noch wohnlicher aus. Sie zieht ihre Kittelschürze aus und setzt sich vorsichtig in den Sessel.
„Wie eine Umarmung“, denkt sie und schmiegt ihren Rücken in die gebogene Rückenlehne. Für einen Moment schließt sie die Augen. Sie stellt sich vor, wie Hans in diesem Sessel sitzt und über Politik doziert, während Rudolf zu Besuch ist. Sie stellt sich vor, wie sie selbst in ihrem neuen, kniekurzen Kleid
Die Überraschung
Margret, die normalerweise nicht über eine solche Summe Geld verfügt, konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Hochzeitsgeld, das Hans und ihr geschenkt wurde, dafür auszugeben. Ohne Absprache mit ihrem Ehemann nahm sie das Geld und bezahlte davon den Sessel.
Erst jetzt, da der Sessel schon in ihrem Wohnzimmer steht, begreift sie, dass die ganze Aktion auch anders enden könnte als in ihrem Tagtraum. Erschrocken steht sie wieder auf. Denn plötzlich kommt ihr der Gedanke, dass Hans vielleicht böse sein könnte und gehässig über seine verschwenderische Frau reden würde, wenn Rudolf das nächste Mal zu Besuch käme. Dann die Vorstellung, dass sie auf dem Sessel sitzt und Hans kommt rein und …
Margret hört den Schlüssel in der Tür. Schnell verlässt sie das Wohnzimmer, schließt die Tür hinter sich und begrüßt ihren Mann im Flur. „Hallo, Hans. Du
Überraschung auf dem Sessel sitzt mit einem Cocktail in der Hand, und wie Hans dann ins Zimmer kommt. – Oje, Hans. Hoffentlich wird ihm der Sessel gefallen. Er weiß noch nichts vom neuen Möbelstück. Margret bummelte letzte Woche die Einkaufsstraße entlang und sah den Sessel im Schaufenster des Möbelladens. Er stand dort in Samtrot und in einem flaschengrünen Farbton. „200 Mark“, stand auf dem Preisschild.
hast heute aber früh Feierabend gemacht. Das Essen ist noch nicht ganz fertig.“
Hans gibt Margret einen Kuss auf die Wange. „Das macht nichts. Ich habe heute etwas früher Schluss gemacht, weil ich noch eine Verabredung habe.“
Margret bekommt einen Schrecken. „Eine Verabredung? Mit wem denn?“
Hans legt lachend seine Aktentasche im Flur ab und hängt seinen Hut an die Garderobe. Er sagt: „Eine Frau ist es nicht, denn hier steht schon die allerbeste Frau der Welt. Es wird jedoch gleich klingeln.“
Margret ist erleichtert: „Hast du Besuch eingeladen?“
„Nein, nein, mein Schätzchen. Es ist eine Überraschung. Hättest du etwas dagegen, wenn du im Wohnzimmer bleibst? Ich erledige das dann hier und rufe dich.“
Verdutzt geht Margret ins Wohnzimmer und schließt die Tür hinter sich. Ratlos steht sie da. Ihr fällt ein, dass sie die Zeit nutzen sollte, um das Wohnzimmer so zu gestalten, dass ihr neu erstandener Sessel am allerbesten zur Geltung kommt. Hans soll begeistert sein. Sie rückt das schwere Sofa etwas nach links, den niedrigen Couchtisch auch, und den neuen Cocktailsessel schiebt sie an die Stirnseite.
Die Überraschung
ÜBER DIE AUTORIN
Silke Hubrig ist Lehrerin für Sozialwissenschaft und Sport und unterrichtet an einer Berufsschule in Bremen. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher.
Beim SingLiesel Verlag hat sie unter anderem folgende Kurzgeschichten für Senioren veröffentlicht:
• Geschichten aus den 50ern
• Geschichten vom Plauderclub
• Neue Geschichten vom Plauderclub
Wop bop a loo bop a lop bom bom!
Plötzlich ist Rock ’n’ Roll in der Welt. Die Jungs tragen Tolle, die Petticoats rascheln, und in der BRAVO steht, was Jugendliche wirklich interessiert. Man sammelt Sanella-Bilder, träumt von Italien und staunt über Sputnik am Himmel.
Die Menschen in diesen Geschichten haben alle Hände voll zu tun: mit neuen Ideen, alten Gewohnheiten und den kleinen Tücken des Alltags. Nicht immer läuft alles rund, aber am Ende gibt es immer etwas zu lachen.
Mit Schwung, Witz und viel Zeitgefühl erzählen diese Geschichten von den 50er-Jahren.
Über die Reihe „Kurzgeschichten für Senioren“
• Die heiteren Geschichten erzählen von den alltäglichen und den besonderen Momenten im Leben.
• Die Geschichten sind kurz gehalten, leicht verständlich und mit viel Herz geschrieben.
• Sie erfreuen als kleiner Zeitvertreib und können als Erinnerungen an vergangene Tage noch lange nachklingen.
• Die angenehm große Schrift eignet sich besonders gut zum Lesen und Vorlesen.
