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Nr. 6 Saison 21/22 – Eötvös

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EÖTVÖS 16. FEB. 2022 19.30 UHR

STADTCASINO BASEL

PROGRA MM-MAGAZIN NR. 6 SAISON 21/22

Sinfonieorchester Basel Marcus Weiss, Saxofon Péter Eötvös, Leitung


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SINFONIEKONZERT

INH A LT

EÖT VÖS Liebes Konzertpublikum Péter Eötvös gehört als Komponist, Diri­ gent und Lehrer zu den prägenden Gestal­ ten der Neuen Musik. Mit der Musikstadt Basel ist er auf verschiedene Weise ver­bun­ ­den. 2005/06 lehrte er als Gastdozent an der Musik-Akademie Basel. Die Paul Sacher Stiftung sammelt und betreut seine Werke, zu denen neben Notenmanu­skrip­ten und Skizzen auch Fotos und Textmanuskripte gehören. Wir sind sehr glück­l ich, dass wir Péter Eötvös als ‹Composer in Residence› und auch als Dirigenten für diese Spielzeit gewinnen konnten. Im kommenden Abon­ nementskonzert können Sie gleich zwei Schweizer Erstaufführungen mit ihm erle­ ben: Sirens’ Song und das Saxofonkonzert FOCUS mit dem Basler Solisten Marcus Weiss. Aus seiner Heimat hat Péter Eötvös ausserdem die Háry János Suite mitge­ bracht, die von den wundersamen Geschich­ ­ten des gleichnamigen ungarischen Volks­ helden berichtet. Wenn Sie noch mehr über diesen aus­sergewöhnlichen Komponisten und Dirigenten erfahren möchten, sind Sie herzlich eingeladen zu unserem Entdecker­ programm ab 17.30 Uhr vor dem Konzert. Genaueres erfahren Sie in unserem neuen Programm-Magazin. Viel Vergnügen bei der Lektüre wün­ schen Ihnen

Hans-Georg Hofmann Künstlerischer Direktor

Ivor Bolton Chefdirigent

PROGR A MM

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IN TERV IE W Péter Eötvös, Leitung

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PÉTER EÖT VÖS Sirens’ Song für Orchester

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IN TERV IE W Marcus Weiss, Saxofon

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PÉTER EÖT VÖS FOCUS, Konzert für Saxofon und Orchester

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ZOLTÁ N KODÁ LY Háry János Suite

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ORTSGESCHICHTEN von Sigfried Schibli

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VORGESTELLT Philippe Schnepp, Kontrabass

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FR AGEN DE ZEICHEN von EGLEA

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IN ENGLISH by Bart de Vries

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V ER EIN ‹FR EU N DESK R EIS SIN FON IEORCHESTER BASEL› 33 IM FOK US

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DEMNÄCHST

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VORV ER K AUF

© Daniel Dittus

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Péter Eötvös, ‹Composer in Residence› in der Saison 2021/22 und Dirigent beim Sinfoniekonzert ‹Eötvös›

VORV ER K AUF, PR EISE U ND INFOS VORV ER K AU F

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PROGR A MM

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EÖT VÖS Mi, 16. Feb. 2022, 19.30 Uhr Stadtcasino Basel, Musiksaal

Péter Eötvös (*1944):

Entdeckerprogramm ab 17.30 Uhr in Zusammenarbeit mit dem Theater Basel und der Paul Sacher Stiftung Das Konzert wird von Radio SRF2 Kultur aufgezeichnet und am Donnerstag, 17. März 2022 um 20 Uhr in der Sendung ‹Im Konzertsaal› ausgestrahlt.

Sirens’ Song für Orchester (2020, Schwei­ zer Erstaufführung), Auftragswerk des Sinfonieorchesters Basel, des Pannon Philharmonic Orchestra, des G ­ ürzenich Orchesters Köln und des Orchestre ­Philharmonique de Strasbourg

ca. 12’

FOCUS, Konzert für Saxofon und Orches­ ter (2021, Schweizer Erstauffüh­r ung), Auftragswerk des Sinfonie­orchesters Basel, des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und des Orchestre National de Lille

ca. 20’

PAUSE

Zoltán Kodály (1882−1967): Háry János Suite (1926)

ca. 25’

1. Vorspiel – Das Märchen beginnt 2. Wiener Glockenspiel 3. Lied 4. Schlacht und Niederlage Napoleons 5. Intermezzo 6. Einzug des kaiserlichen Hofes

Sinfonieorchester Basel Marcus Weiss, Saxofon Péter Eötvös, Leitung

Konzertende: ca. 21.30 Uhr


© Stadtcasino Basel / Roman Weyeneth


ENTDECK ER PROGR A MM

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SIRENS’’ CYCLE SIRENS

Mi, 16. Feb. 2022, 17.30–19 Uhr Stadtcasino Basel, Musiksaal PROGR A M M Péter Eötvös (*1944): The Sirens’ Cycle für Sopran und Streichquartett (2016) 1.–7. Joyce Piia Komsi, Sopran Novus String Quartet L ESU NG James Joyce (1882–1941): Ulysses (1922), Auszug aus dem Sirenen-Kapitel Nairi Hadodo, Sprecherin PODI U MSGESPR ÄCH Péter Eötvös, Dirigent, Komponist Marcus Weiss, Saxofon Simon Obert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Paul Sacher Stiftung

In Zusammenarbeit mit dem Theater Basel und der Paul Sacher Stiftung

Gleich zwei Schweizer Erstaufführungen des ‹Composer in Residence› Péter Eötvös stehen auf dem Programm des sechsten Abonnementskonzerts, das er auch selbst dirigieren wird. Eine willkommene Gele­ genheit, Ihnen unseren ‹Composer in Re­ sidence› im Rahmen unseres Entdecker­ konzerts näher vorzustellen. Wie im Kon­ zertprogramm, in dem Sirens’ Song zum ersten Mal in der Schweiz aufgeführt wird, dreht es sich auch im Entdeckerprogramm um den Gesang der Sirenen. Das junge und preisgekrönte Novus String Quartet wird zusammen mit der finnischen Sopranistin Piia Komsi The Sirens’ Cycle aufführen, in dem Eötvös Sirenen-Texte von Kafka, Joyce und Homer vertont hat. Eingerahmt wird das Stück von einer Lesung in Koopera­ tion mit dem Theater Basel und einem Podiumsgespräch unter der Leitung von Simon Obert von der Paul Sacher Stiftung mit Péter Eötvös und dem Saxofonis­ten Marcus Weiss.


INTERV IE W

PÉTER EÖT VÖS im Gespräch

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«ICH KOMPONIERE FA RBENREICH, NICHT A BSTR A K T»

VON COR I NA KOL BE

Péter Eötvös, in dieser Saison ‹Composer in Residence› beim Sinfonie­ orchester Basel, tritt im Februar 2022 auch ans Dirigentenpult. Sirens’ Song und FOCUS, zwei Auf­ tragswerke des Sinfonie­­ orchesters Basel, sind im Stadtcasino Basel als Schweizer Erstauffüh ­r un­ gen zu ­erleben. CK

CK

pelrolle als Komponist und Dirigent? Die Erfahrungen, die ich als Dirigent meiner Stücke mache, kann ich für die nächsten Kompositionen gut verwerten. Ich denke, man hört meinen Werken an, dass ich seit den 70er-Jahren regelmässig dirigiere. Was ich schreibe, ist sehr farben­ reich und nicht bloss abstrakt entworfen. PE

«In Sirens’ Song spielt das Orchester zum Schluss unisono und ganz leise. Das ist ­meine musikalische Darstellung des Schweigens.»

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn

Sie mit einem Orchester eigene Wer­ ke aus der Taufe heben? PE Die erste Begegnung mit meiner Mu­ sik im Konzertsaal ist immer eine Über­ raschung. Bei der ersten Probe vergleiche ich das, was ich höre, mit dem, was ich mir vorgestellt habe. Klingt es so wie erwartet, oder fehlt irgendetwas? Gleichzeitig muss ich auch das Orchester dirigieren. Diese Situation ist also eine besondere Heraus­ forderung.

Welche Vorteile bietet Ihnen die Dop­

CK

M it dem Sinfonieorchester Basel prä­

sentieren Sie Ihre Kompositionen Sirens’ Song und FOCUS erstmals in der Schweiz. Was hat Sie zu diesen Stücken inspiriert? PE Mit den Sirenen, die zuerst in Homers Odyssee auftauchen, beschäftige ich mich schon eine Weile. In The Sirens’ Cycle für Sopran und Streichquartett beginne ich mit James Joyce, der den Mythos in sei­nem Roman Ulysses verarbeitet hat. Dann kom­ me ich zu Homer und schliesslich zu Franz


PÉT ER EÖT VÖS

9

© Szilvia Csibi

I N T ERV I E W


I N T ERV I E W

PÉT ER EÖT VÖS

Kafka, bei dem die Sirenen nicht singen. Daraus ist ein weiteres Quartett mit Klari­ nette entstanden, dem nur Joyce zugrun­ de liegt. In meinem Orchesterwerk Sirens’ Song, das ich jetzt in Basel dirigiere, keh­ re ich zu Homer und zu Kafkas Prosastück Das Schweigen der Sirenen zurück. Es ist eigenartig, die Negation von Gesang zu vertonen. Das Schweigen besteht in der Musik aber nicht aus Pausen. In dem Stück 4’33” von John Cage wird zwar kein einzi­ ger Ton gespielt. Trotzdem herrscht keine Stille. Im Gegenteil, man hört noch intensi­ ver auf all das, was gerade um einen herum passiert. In Sirens’ Song spielt das Orches­ ter zum Schluss unisono und ganz leise. Das ist meine musikalische Darstellung des Schweigens.

CK

Welches

CK

Was

CK

I n

FOCUS, einem Auftragswerk des Sinfonieorchesters Basel, des West­ deutschen Rundfunks (WDR) und des Orchestre National de Lille, steht das Saxofon im Vordergrund. Wie kam es zu dieser Komposition? PE Das Konzert habe ich auf Wunsch des Saxofonisten Marcus Weiss geschrieben, der nach der Uraufführung in Köln jetzt auch die Schweizer Erstaufführung spielt. Er ist Professor an der Hochschule für Mu­ sik der Musik-Akademie Basel, an der auch ich unterrichtet habe. Sein Buch über Spiel­ techniken des Saxofons ist inzwi­schen ein Standardwerk. Marcus Weiss und ich ken­ nen uns schon länger, aber wir hatten vor­ her noch nie zusammengearbeitet.

«Beim Komponieren von FOCUS habe ich lange nach dem passen­ den Material gesucht. Es sollte keine Jazz­ musik werden, und die Solopassagen sollten sich ausserdem vom Repertoire klassischer Saxofonisten unter­ scheiden.»

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Verhältnis haben Sie zu die­ sem Instrument? PE In meiner Jugend war das Saxofon für mich ein reines Jazz-Instrument. Als Komponist interessiert es mich nun, weil es im Orchester die Holzbläser klanglich mit den Blechbläsern verbindet. Beim Kom­ ponieren von FOCUS habe ich lange nach dem passenden Material gesucht. Es sollte keine Jazzmusik werden, und die Solopas­ sagen sollten sich ausserdem vom Reper­ toire klassischer Saxofonisten unterschei­ den. Ihr Klang ist mir oft zu süss. Marcus hat mir viele Anregungen gegeben, daraus ist ein ‹maskuliner› Klang von einer gewis­ sen Härte entstanden. Der Solist wechselt in jedem Satz einmal das Instru­ment. Er beginnt immer mit dem tieferen Tenor­ saxofon und spielt dann das Sopransaxo­ fon, mit dem die Sätze auch enden. bedeutet hier der Titel FOCUS ? Ich dachte an den Moment, in dem sich Orchester und Solist einander annä­ hern. Denn sie spielen eine Zeit lang völlig unterschiedliches Material. Ich habe mir vorgestellt, wie sich eine Kamera plötzlich auf etwas fokussiert. Diesen Gedanken ­ha­be ich in Klänge umgesetzt. Wenn sich Or­chester und Solist treffen, entsteht ein ganz scharfes Bild. PE

«Ich wünsche mir, dass Musik, die heute entsteht, endlich als etwas ganz Normales betrachtet wird.» CK

Zeitgenössische Musik wird oft als ‹zu verkopft› kritisiert. Was kann man solchen Vorurteilen entgegensetzen? PE Man sollte die Bezeichnung ‹zeitge­ nössische Musik› generell abschaffen. Die­ se Etikettierung empfinde ich als ziemlich abwertend. Im Grunde heisst das doch nur, dass es sich um Werke handelt, die in der Gegenwart geschrieben werden. Das hat es aber auch in früheren Epochen gegeben. Ich wünsche mir, dass Musik, die heute entsteht, endlich als etwas ganz Normales betrachtet wird. Die Orchester haben da­ mit schon lange kein Problem mehr.


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ZUM W ER K

PÉTER EÖT VÖS Gedanken zu Sirens’ Song

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SIRENS’ SONG

VON PÉTER EÖT VÖS

Seit Jahrtausenden sind die Sirenen – Killervögel mit Frauenköpfen – die berühmtesten Sängerinnen der Mythologie. Meine Komposition Sirens’ Song (Gesang der Sirenen) wurde von drei Autoren in­spiriert. Gemäss Homer verführten die Sirenen mit ihrem bezaubernden Gesang Seeleute und töteten sie dann. Odysseus steckte vorsichtshalber Wachs in seine Ohren, damit er sie zwar zu sehen bekommen, aber nicht hören konnte. Kafka behauptet, dass die Sire­nen Odysseus auf raffinierte Weise täuschten, weil sie sich sowieso weigerten, für ihn zu singen. Die Sirenen sind die Musen der Unterwelt. Sie verführ­

ten nicht nur Joyce, sondern alle Komponisten und Komponistinnen, die versuchten, hörbar zu machen, was Odysseus niemals zu Gehör bekom­ men hat: die Stille.

Sirens’ Song BESETZUNG

3 Flöten, 3 Oboen, 3 Klarinetten, 3 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, 2 Posaunen, Schlagzeug, Streicher ENTSTEHUNG

2020

UR AUFFÜHRUNG

25. März 2021 in Pécs (Ungarn) mit dem Pannon Philharmonic Orchestra unter der Leitung des Komponisten DAUER

ca. 12 Minuten


PÉT ER EÖT VÖS 13

© akg-images

Z U M W ER K

Arnold Böcklin (1827–1901): Sirenen (1875)


INTERV IE W

M A RCUS W EISS im Gespräch

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«DAS INSTRUMENT H AT SICH FÜR MICH ENTSCHIEDEN»

VON GEORG RU DIGER

Vor über dreissig Jahren stand Marcus Weiss für sein Solistendiplom ge­meinsam mit dem ­d amaligen Basler Sinfonie­ orchester auf der Bühne. Jetzt kehrt der 60-jährige Saxofonist für die Schwei­ zer Erstaufführung von Péter Eötvös’ Saxo­fon ­kon­ zert FOCUS zum Orchester zurück. Im Gespräch ­erzählt der Schweizer von seinen künstlerischen ­A nfängen in Basel, vom Reiz des ­I nstruments und von der sprechenden Musik des neuen Werks. GR

Sie

sind als Saxofonist spezialisiert auf Neue Musik. Jetzt stehen Sie wie­ der vor einer Uraufführung – der des Saxofonkonzerts FOCUS von Péter Eötvös. Ist die Beschäftigung mit dem Neuen für Sie mittlerweile Routine?

M W Auf jeden Fall – Routine im positiven Sinn. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden zwar Kompositionen für das neu erfundene Instrument, aber ins Sinfo­ nieorchester hat es das Saxofon nie so richtig geschafft. Das, was für klassisches Saxofon komponiert wurde, stammt zu­ meist aus dem 20. oder 21. Jahrhundert. Deshalb hat man als Saxofonist ganz auto­ matisch mit Neuer Musik zu tun. Mit mei­ nem ‹Trio Accanto› beschäftige ich mich ständig mit neuester Musik – gerade ha­ ben wir Werke von Rebecca Saunders und Georg-Friedrich Haas uraufgeführt. Auch mit meinem Saxofonquartett, dem ‹Qua­ tuor Xasax› in Paris, habe ich viel Neue Musik gemacht. In letzter Zeit spielen wir aber mehr Transkriptionen wie Fugen von Johann Sebastian Bach.

«Für mich ist es sehr besonders, nach rund dreissig Jahren als ­Solist zum Sinfonie­ orchester Basel zurückzukehren.»


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M A RCUS W EISS

GR

schreiben möchte. Seit damals stehen wir in Kontakt. Mit dem WDR Sinfonieorches­ ter in Köln, wo das Konzert uraufgeführt wird, und dem Orchestre National de Lille haben wir Kooperationspartner zur Finan­ zierung des Projekts gefunden. Während der Corona-Pandemie tauschten wir uns ab und zu bei einem Videocall über das entstehende viersätzige Werk aus.

© Heike Liss

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Sie schon einmal mit dem Sinfonieorchester Basel zu tun? M W Ich habe in Basel studiert und meine ersten Orchestererfahrungen im Basler Sinfonieorchester gemacht, vor allem aber im Radio-Sinfonieorchester Basel, das auch mal von Pierre Boulez oder Paul Sacher dirigiert wurde. Da habe ich im Orchester Blut geschwitzt, als ich mit 22 Jahren das Saxofon-Solo von Maurice Ravels Boléro spielen durfte. Auch als Solist konnte ich in dieser Zeit mit dem Orchester auftreten, unter anderem mit der Rhapsodie von Claude Debussy. Das Henri-Tomasi-Konzert habe ich mit dem Basler Sinfonie­or­chester zu meinem Solistendiplom gespielt. Für mich ist es sehr besonders, nach rund dreissig Jahren als Solist zum Sinfonie­or­chester Basel zurückzukehren. GR

Hatten

Stand Péter Eötvös während des Kom­

positionsprozesses mit Ihnen in Kon­ takt? M W Ich habe ihn vor rund fünf Jahren in Wien nach einem gemeinsamen Konzert gefragt, ob er ein Saxofonkonzert für mich

«Jeder Satz hat ein eigenes Profil, das man genau herausarbeiten muss. Die Musik ist sehr sprechend.» Haben Sie sich auch persönlich ge­ troffen? M W Vor zwei Monaten war ich bei ihm in Budapest. Und nach einem sehr schönen Mittagessen ging es in die Detailarbeit. Wir haben jede Phrasierung besprochen, die Tempi ausprobiert und Korrekturen GR


I N T ERV I E W

M A RCUS W EISS

vorgenommen. Jeder Satz hat ein eigenes Profil, das man genau herausarbeiten muss. Die Musik ist sehr sprechend. Der Wechsel zwischen Tenor- und Sopransaxofon sorgt für klangfarbliche Abwechslung und bringt verschiedene Charaktere ins Solo.

«Ich mag den klang­ lichen Reichtum [ des Saxofons ], die Nähe ­ zur menschlichen Stimme. Seine Farbig­ keit, die Direktheit und auch Sinnlichkeit, auch die Weichheit des Klangs, die Möglichkeit zu explodieren.» Was mögen Sie am Saxofon? Das ist eine schwierige Frage, wenn man es 45 Jahre spielt. (lacht) Ich kenne es zu gut. Ich mag den klanglichen Reich­ tum, die Nähe zur menschlichen Stimme. Seine Farbigkeit, die Direktheit und auch Sin­n lichkeit, auch die Weichheit des Klangs, die Möglichkeit zu explodieren. Ich habe eher das Gefühl, das Instrument hat sich für mich entschieden als umgekehrt. GR

MW

Auf welche Stelle freuen Sie sich bei dem neuen Konzert FOCUS? M W Auf den Beginn. Ich fange alleine mit Läufen an und gebe schon einmal ordent­ lich Druck in den Saal, der dann vom Orches­ter aufgenommen wird. Und ich freue mich auf Kantilenen, die ich ausspie­ len kann. GR

Und vor welcher haben Sie Angst? Angst nicht, aber Respekt. Ein Lauf ist grifftechnisch sehr schwierig. Und in einer anderen Passage sprechen Töne in der tiefen Lage manchmal schwer auf dem Instrument an. Aber ich verrate nicht, wo das ist. (lacht) GR

MW

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«Péter Eötvös ist ein ganz wunderbarer, sehr erfahrener Dirigent. Als Saxofonist ist es ein besonderes Geschenk und eine grosse Ehre, von jemandem wie ihm ein neues Konzert zu bekommen.» Péter Eötvös wird sein Saxofonkon­ zert selbst leiten. Hilft es, wenn ein Komponist sein eigenes Stück auch dirigiert? M W Wenn er dirigieren kann, schon. Wenn nicht, dann kann das richtig heikel wer­ den. Aber Péter Eötvös ist ein ganz wun­ derbarer, sehr erfahrener Dirigent. Als Saxofonist ist es ein besonderes Geschenk und eine grosse Ehre, von jemandem wie ihm ein neues Konzert zu bekommen. GR


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ZUM W ER K

PÉTER EÖT VÖS Gedanken zu FOCUS

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FOCUS

VON PÉTER EÖT VÖS

Seit meiner Kindheit steht mir das Saxofon sehr nahe, weil es so klingt, als würde ich singen. Ich habe viel Paul Desmond, Gerry Mulligan, Stan Getz und Sonny Rollins gehört. Aber das ist alles Jazz und Improvisation – ich komponiere in einem anderen Stil, ich schreibe jeden Ton nieder. Wäh­rend des Komponierens habe ich immer darauf g ­ eachtet, die individuelle Stim­me zu finden, die für dieses Werk charakte­r istisch ist. In meinen Orchesterwer­ ken kommt das Saxofon oft vor, ich habe auch ein Saxo­ fonquartett geschrieben. In FOCUS behandle ich das Saxofon aber zum ers­ ten Mal als Soloinstru­ ment. Die Idee zu FOCUS stammt aus der Welt der

Filmkameras. So wie es in Filmen gang und gäbe ist, dass sich die Kamera auf jemanden oder auf etwas ‹konzentriert›, so hat mein Stück auch einen ‹Hinter­ grund› – das Orchester – und einen ‹premier plan› – den Solisten. In FOCUS hören wir, wie sich die ‹Ton­kamera› in Zeitlupe lang­ sam auf das eine oder ande­ re fokussiert. FOCUS BESETZUNG

Saxofon solo, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, Bassklarinette, 2 Fagotte, 2 Trompeten, Posaune, Schlagzeug, Klavier, Streicher ENTSTEHUNG

2021

UR AUFFÜHRUNG

15. Januar 2022 in Köln mit dem WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Elena Schwarz und mit Marcus Weiss als Solist DAUER

ca. 20 Minuten


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ZUM W ER K

ZOLTÁ N KODÁ LY Háry János Suite

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AUF DER SUCHE NACH DER U NG A RISCHEN VOLKSMUSIK

VON OR R I N HOWA R D

Von den historischen ‹Zwil­l ingskomponisten› wie Bach und Händel, Haydn und Mozart oder Bruckner und Mahler sind Kodály und Bartók die einzigen, die man be­rech­ tigterweise als Zwillings­ paar bezeichnen kann; die anderen wurden aus reiner Zweckmässigkeit zu Paaren erklärt. Die Un­ garn Béla Bartók und der um ein Jahr jüngere Kodály studierten in ihren prä­gen­den Jahren beide bei Hans Koessler in Budapest, auch wenn sich die bei­den Studenten zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannten. Erst durch ein ge­mein­sames Interesse fanden die jungen Musiker

zueinander: Unabhängig voneinander begannen Kodály und B ­ artók den Reichtum der Volks­musik ihres Landes zu erforschen, der in den ab­ gelegenen Regionen ­Ungarns verborgen war. 1905 machte sich der damals 23-jährige Kodály auf, das zu tun, was der berühm­ teste ungarische Musiker des 19. Jahrhun­ derts, Franz Liszt, 1838 vorgehabt hatte, nämlich «allein, zu Fuß, mit einem Ruck­ sack auf dem Rücken, in die rückständigs­ ten Gegenden Ungarns zu gehen, um die Volksmusik zu suchen». Liszt schaffte es nie bis ins Hinterland; er überwältigte stattdessen das europäische Publikum mit seinem lodernden pianistischen Können – und die Frauen als attraktives ‹matinee idol›. Kodály verwirklichte Liszts Pläne und brachte schon bald rund 150 volksmu­ sikalische Stücke und Lieder heraus, die 1906 Grundlage seiner Doktorarbeit waren. Auch Bartók begab sich in die ungarischen Dörfer, um Volksmusik zu sammeln. Die Begeisterung für das gleiche Interesse ver­ band ihn mit Kodály.


ZOLTÁ N KODÁ LY

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© akg-images

Z U M W ER K

Beide Komponisten beschränkten ihr Wir­ ken nicht nur auf Ungarn. Im Jahr 1907 ging Kodály nach Paris und entdeckte dort eine völlig neue und andere Musikwelt als die, in die er eingetaucht war. Der ausge­ feilte Impressionismus Debussys bot dem magyarischen Komponisten genau die An­ regung, die er brauchte. Die Klangbilder des französischen Komponisten hatten grossen Einfluss auf Kodály und – als der Missionar mit einigen Partituren Debussys nach Budapest zurückkehrte – auch auf Bartók. Es ist genau diese Assimilation ver­ schiedener Traditionen, die in Kodálys Mu­ sik verblüfft. Die Suite, die der Komponist aus seiner komischen Oper Háry János von 1926 ableitete, zeigt die Leichtigkeit, mit der er die komödiantische Geschichte des ungarischen Don Quijote in impressionis­ tischen Orchesterfarben malte. Hárys Heldentaten sind wundersam fantastisch: Die Kaiserin Marie-Louise, die Gemahlin Napoleons, verliebt sich in Háry und nimmt ihn mit nach Wien. Napoleons Minister, der Ritter Ebelastin, der selbst in Marie-Louise verliebt ist, erklärt Öster­ reich den Krieg. Háry besiegt im Allein­ gang die Armeen Napoleons; Marie-Louise bleibt seine Liebessklavin. Als er jedoch erkennt, dass er nur mit seiner Dorfliebe Örzse, die zu ihm nach Wien reist, glück­ lich werden kann, trennt sich Háry von der Kaiserin. Kodály schätzt den unverbesserlichen Träumer so ein: «Hárys Geschichten sind nicht wahr, aber das ist unwichtig. Sie sind Ausdruck der Schönheit seiner Fantasie, die für sich und für andere eine kunstvolle und fesselnde Welt der Vorstellungskraft schafft. Wir alle träumen von unmöglichen Taten von Ruhm und Grösse, nur fehlt uns der naive Mut von Háry, und wir wagen nicht, diese Träume umzusetzen. Eine tie­ fere Bedeutung erhält die Geschichte, wenn man Háry als Symbol für die ungarische Nation betrachtet, deren Streben und Am­ bitionen sich nur im Traum erfüllen kön­ nen.» Wie schade, dass Kodály nicht mehr erleben konnte, wie sein Land nach so vielen Jahren der Unterdrückung die Frei­ heit erlangte.

Zoltán Kodály (1882–1967)

1. Vorspiel – Das Märchen beginnt. Am Anfang des Stücks steht ein grosses or­ ches­t rales ‹Niesen›, das darauf anspielt, dass im ungarischen Volksglauben mit ei­ nem Niesen des Erzählers angedeutet wird, dass die folgende Erzählung der absoluten Wahrheit entspricht. Der Rest des Prälu­ diums bereitet schliesslich die Bühne für die wunderbar unerhörte Geschichte. 2. Wiener Glockenspiel. Háry erblickt die berühmte Uhr des Wiener Palasts. Die Glo­ cken läuten, bevor eine helle, kriegerische Melodie eine Prozession von Holzsoldaten ankündigt. 3. Lied. Háry und Örzse haben Heimweh, was durch den Klang der Zymbal (ein für die ungarische Musik charakteristisches In­strument mit Metallsaiten) noch ver­ stärkt wird. Eine Solo-Bratsche beginnt das Lied in einer melancholischen Sehn­ suchtsstimmung; Klarinette, Oboe und Flö­te kommen als beschwörende Stimmen dazu. 4. Schlacht und Niederlage Napoleons. Die Posaunen rufen zu den Waffen; das Stück wird zu einer orchestralen Satire. Der eröffnende Siegesmarsch der Franzosen geht über in ein Klagelied des Saxofons.


Z U M W ER K

5. Intermezzo. Der wirbelnde Csárdás, ein temperamentvoller, synkopierter un­ garischer Tanz, belebt das Geschehen. 6. Einzug des kaiserlichen Hofes. Háry steht vor dem Kaiser. Übertriebene Opu­ lenz und prunkvolle Brillanz fassen die fantastischen Abenteuer der Geschichte zusammen. Aus dem Englischen übersetzt von Lea Vaterlaus. Verwendung in Absprache mit der Los Angeles Philharmonic Association.

Háry János Suite BESETZUNG

3 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, Saxofon, 2 Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Kornetts, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagzeug, Klavier, Celesta, Zymbal, Streicher ENTSTEHUNG

1926

UR AUFFÜHRUNG

24. März 1927 in Barcelona DAUER

ca. 25 Minuten

ZOLTÁ N KODÁ LY 22


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ORTSGESCHICHTEN

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BUDA PEST

VON SIGF R IED SCHIBL I

Die Lebensläufe der beiden Komponisten unseres Programms kreuzen sich in einem Punkt: Buda­pest. Oder genauer: an der Budapester Musik­aka­de­ mie. Dort hatte Zoltán Kodály studiert, dort un­ terrichtete er als Professor für Musiktheorie und Komposition. Und dort wurde Péter Eötvös 1958 als 14-jähriger Jung­student aufgenommen, auf Wunsch von Kodály selbst. Doch wie kam das? Kodály war doch damals bereits emeritiert. Péter Eötvös beantwortet die Frage so: «Zoltán Kodály blieb bis zu seinem Tod 1967 unbestritten die Nummer eins im ungarischen

Musik­leben. Im Jahr, als ich an die Akademie kam, war Kodály Mitglied im Direktionsrat der Akademie, Vorsitzender der Volks­ musik-Forschungsabteilung und Vorsitzender des Prüfungskomitees für die Aufnahme von begabten Jungstudenten.» Die Anfänge der Budapester Musikakade­ mie sind eng mit Franz Liszt verbunden. Der grosse Pianist, Komponist und Diri­ gent war europaweit herumgekommen, er lebte in Paris, Wien, Weimar und Rom, aber mit Ungarn verband er besonders innige heimatliche Gefühle. Nach seinen Reise­ jahren als Klaviervirtuose zog es ihn im­ mer wieder in die ungarische Hauptstadt. Herausragende Gedenktage wie den 100. Geburtstag von Beethoven (1870) und sein 50. Künstlerjubiläum (1873) feierte Liszt in Budapest. Die Grossstadt Budapest entstand 1873 durch die Fusion der Städte Ofen (Buda), Alt-Ofen (Óbuda) und Pest. Im sel­ ben Jahr reiften die Pläne für eine neue Musikakademie in Pest heran. Liszt sollte


der erste Präsident dieser Institution wer­ den, und er wollte dieses Amt keineswegs nur symbolisch ausüben. Ein Honorar ver­ langte er dafür nicht, er hatte nur eine Bit­te an den zuständigen Minister, seinen Duzfreund Baron August: «Wenn es der Herr Minister für passend erachtet, mir eine kleine Wohnung […] in der Behausung der Musikakademie anzuweisen, wird es nur angenehm sein – weil zweckdienlich.» Liszt hatte grossen Respekt vor der Aufgabe, eine nationale Ausbildungsstätte konzipieren und präsidieren zu müssen. Doch sein Patriotismus überwog die Zwei­ fel. Seiner Freundin Carolyne von SaynWittgenstein schrieb er: «In Ungarn gebo­ ren, ist es angemessen, dass ich dort durch mein musikalisches Talent zu etwas diene, sei es noch so wenig. Ohne meinen Patrio­ tismus durch Phrasen zu demonstrieren, suche ich ihn durch praktische Aufgaben auszuüben – ich hoffe also, dass die neue Musikakademie in Pest in zwei Jahren auf festem Fusse steht.» 1875 wurde die Budapester Musikaka­ demie eröffnet. Liszt beabsichtigte, den Kirchenmusiker Franz Witt und den Pia­ nisten Hans von Bülow, der mit Liszts Toch­ter Cosima verheiratet war, in die Lei­ tung dieser Ausbildungsstätte für Berufs­ musiker zu berufen. Diese Vorschläge konn­ ten aus unterschiedlichen Gründen nicht realisiert werden. Der damals 64-­jährige Liszt bezog im Oktober 1875 eine Woh­ nung im Gebäude der Musikakademie am Fischplatz 4. Zur Einweihung weilte Liszt bereits wieder in der Villa d'Este in Rom; die Feier­l ichkeiten zur Eröffnung wurden von seinem Schüler Ferenc Erkel geleitet, der den Direktorenposten übernahm. Liszt wirkte weiter im Hintergrund. Er blieb mehrere Monate in Budapest und leite­te eine Meisterklasse für Klavier an der Akademie. Von da an teilte Liszt seinen Aufent­ halt auf drei Städte auf: Im Sommer weilte er am Weimarer Hof, bis zum Spätherbst lebte er mit seiner Partnerin Fürstin Witt­ genstein in Rom, und im Winter und Früh­l ing kam er seinen Verpflichtungen in Buda­pest nach. Nach wenigen Jahren zog die Musikakademie Budapest in ein grösseres Haus an der Radialstrasse 57 um, wieder mit Franz Liszt als Untermieter. Heute verfügt die ‹Musikuniversität Fe­ renc Liszt› über mehrere Standorte, zu

BU DA PEST

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© Wikimedia Commons

ORTSGESCH ICH T EN

Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest

denen auch das Gebäude an der Radial­ strasse gehört. Nicht alle Vorhaben des Präsidenten Franz Liszt konnten zu seinen Lebzeiten realisiert werden. So blieb die Gründung eines Schwerpunkts für Kirchenmusik ein Wunschtraum des Abbé Liszt. Auch sein Plan, in Budapest einen Lehrstuhl für un­ garische Volksmusik zu etablieren, konn­ te mangels finanzieller Mittel nicht reali­ siert werden. Es dauerte noch drei Jahr­ zehnte, bis diese Idee Früchte trug. Im Jahr 1900 trat ein junger Geiger in die Musikakademie ein, der sich als Volkslied­ forscher und Komponist einen Namen mach­en sollte: Zoltán Kodály. Gemeinsam mit Béla Bartók begründete er die Erfor­ schung und Verbreitung der ungarischen Volksmusik. Weitere 58 Jahre später wur­ de ein hochbegabter Jugendlicher mit Na­ men Péter Eötvös als Jungstudent an die Budapester Musikakademie aufgenommen.


VORGESTELLT

PHILIPPE SCHNEPP im Gespräch

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«DEN BASS G A B ES IM ORCHESTER SCHON VOR DEM DIRIGENTEN»

VON L E A VATER L AUS

Philippe Schnepp studierte Kontrabass an der Hoch­ schule für Musik Basel, wo er 1993 das Konzert- und Lehrdiplom mit Auszeich­ nung erwarb. 1994 kam er zum Sinfonieorchester Basel, wo er nun als stell­ vertretender Solist tätig ist. Ein Gespräch über die Verantwortlichkeit im Orches­ter, musikalische Anekdoten und die irische Volksmusik. Philippe Schnepp, kennst Du Patrick Süskinds Einakter Der Kontrabass? PS Ja klar! Da stecken einige Wahrhei­ ten drin. Beispielsweise, dass die Mühe, die man sich macht, manchmal nicht von allen wahrgenommen wird. Oder wie bean­ sprucht unsere Finger aussehen, weil wir so viel Kraft brauchen! Auch was Süskind über den Komponisten Carl Ditters von Dittersdorf schreibt, ist wahr. Sein Kon­ zert für Kontrabass und Orchester kann

man stundenlang üben und es tönt immer noch nicht grossartig! (lacht) Lusti­ger­weise war ich vor nicht allzu langer Zeit in den Ferien, als ich plötzlich vor dem Wegwei­ ser nach Dittersdorf stand. Ich wusste nicht, dass dieses Dorf existiert! Ditters­ dorf verfolgt einen tatsächlich das ganze Kontrabassisten-Leben lang …

«Bei manchen Solo­ stellen spüre ich nach wie vor einen Adre­ nalinschub. In diesen Momenten muss es einem gelingen, alles auszublenden, was ­einen sonst noch be­ schäftigt, und dann funktioniert es.»

LV

Du bist seit 27 Jahren beim Sinfonie­ orchester Basel engagiert. Hast Du als stellvertretender Solist eine be­ sondere Verantwortung? PS Im Prinzip spielt das ganze Register nach dem ersten Pult, ich habe also eine relativ aktive Rolle. Eine gewisse Anspan­ nung gehört dazu, weil man in einer Kon­ zertsituation das Bestmögliche abrufen LV


PH I L I PPE SCH N EPP

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© Pia Clodi / Peaches & Mint

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Stiftungsrat ist es vor allem wichtig, dass die Orchesterorganisation gut funktioniert und dass man eine langfristige künstleri­ sche Strategie verfolgt. Süskind schreibt, dass ein Orchester «überhaupt erst da anfängt, wo ein Bass dabei ist». Wie siehst Du die Rol­ le des Kontrabasses im Orchester? PS Den Bass gab es im Orchester schon vor dem Dirigenten, weil er gross ist und man die Bewegungen des Spielenden gut sieht. Auch heute ist es noch so, dass sich der Konzertmeister oder die Konzertmeis­ terin mit dem ersten Bass abstimmt, wenn die Streicher am Schluss eines Werks ‹pizzicato› spielen. Alle anderen Spielen­ den folgen dann den Solisten. Unser Cre­ do ist dabei, lieber etwas zu früh einzu­ setzen als zu spät, denn es stört, wenn die obere Stim­me vor der unteren erklingt.

© Foto Forstmeyer

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möchte. Bei manchen Solostellen spüre ich nach wie vor einen Adrenalinschub. In diesen Momenten muss es einem gelingen, alles auszublenden, was einen sonst noch beschäftigt, und dann funktioniert es. Das braucht etwas Vorlaufzeit – man darf nicht zu knapp vor dem Konzert im Saal oder im Orchestergraben erscheinen. Mei­ne Stärke ist, dass ich mich in solchen Si­ tuationen gut fokussieren kann. Ich ma­ che ausserdem viel Organisatorisches für das Kontrabassregister. So betreue ich den Verkauf und die Anschaffung von Instru­ menten oder kümmere mich um Probleme wie die Luftfeuchtigkeit im Theater. D u warst viele Jahre im Orchester­ vorstand und bist ausserdem Per­ sonalvertreter im Stiftungsrat des Sinfonieorchesters Basel. Was sind dort Deine Aufgaben? PS Meine Position im Orchestervorstand war ziemlich belastend. Alle Probleme, von schlechten Lichtverhältnissen über Schwierigkeiten mit der Lüftung bis hin zur fehlenden Seife, landeten bei mir. Aber so funktioniert unser Orchester – es kön­ nen ja nicht alle zur Geschäftsleitung ­gehen und jede Kleinigkeit reklamieren. Als Personalvertreter im Stiftungsrat ist meine Rolle eher bescheiden. Ich vermitt­ le alltägliche Anliegen aus dem Orchester an den Stiftungsrat, wie beispielsweise die Organisation von Übungsräumen. Dem LV

D u hast lange Zeit unterrichtet und sogar eine eigene Kinder-Kontrabass­ methode entwickelt. Gibt es bei der Kontrabassliteratur für Kinder Nach­ ­holbedarf? PS Das übliche Denken war oft, dass ein Siebenjähriger oder eine Siebenjährige noch nicht auf dem Kontrabass anfangen kann. Ich wollte dem entgegenwirken, in­ dem ich eine Methode für Kinder ab die­ sem Alter schrieb und das Programm auf ­jeden Schüler individuell zuschnitt. Zeit­ weise leitete ich die grösste Kinderkontra­ bassklasse der Schweiz. Einer meiner ers­ ten Schüler, Nikola Major, spielt jetzt ­sogar im Luzerner Sinfonieorchester! LV

W ie bist Du zum Kontrabass gekom­ men? PS Ich habe zuerst auf der Geige ange­ fangen. Bis heute ist der Violinschlüssel bei mir total zu Hause und gleichwertig mit dem Bassschlüssel. Stehen die Noten im Tenorschlüssel geschrieben, rechne ich immer vom Violinschlüssel aus um – so denkt wahrscheinlich kein einziger Bassist! (lacht) Als ich zum Kontrabass wechselte, hatte ich den Vorteil, bereits ein Streich­ instrument gespielt zu haben. Bevor ich die Ausbildung zum Musiker machte, hat­ te ich in Basel erst den Bachelor in Ma­ schinenbau absolviert, mit Vertiefung in Betriebsingenieurwesen. Auch während meines Musikstudiums hat mich der Be­ LV


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ruf weiterhin begleitet – ich arbeitete nebenbei als Assistenz in der Betriebslei­ tung eines Ingenieurunternehmens.

Haltung kann man mehr Druck erzeugen, braucht dafür aber auch deutlich mehr Be­ wegung beim Saitenwechsel.

G ab es in Deiner Zeit beim Sinfonie­ orchester Basel spezielle Ereignisse, die Dir in Erinnerung geblieben sind? PS Unvergesslich, aber auch tragisch war für mich, als eine Sängerin im Theater in den Orchestergraben stürzte. Sie hatte einen Schritt zu weit gemacht – und fiel direkt auf meinen Kontrabass, der mich daraufhin voll erwischte. Wir mussten da­ nach beide behandelt werden. Jedes Mal, wenn ich an diesem Platz spiele, schaue ich auch heute noch kurz hoch, was oben auf der Bühne geschieht. Im Theater gibt es natürlich auch immer wieder lustige Momente, in denen beispielsweise verlo­ rene Schuhe aus dem Orchestergraben zurück auf die Bühne fliegen. Oder Schreck­ momente beim Reisen, beispielsweise als ich einmal aus dem Flugzeug heraus be­ obachtete, wie ein Gabelstapler die Trans­ portkiste mit meinem wertvollen Kontra­ bass mit grossem Krach auf die Ladefläche hievte!

«Ob Oper, klassisches Konzert oder eben ­i rische Volksmusik: Schlussendlich geht es in der Musik darum, dass Emotionen geschaf­fen werden.»

LV

Welchen Kontrabass spielst Du? Im Orchester spiele ich meistens meinen fünfsaitigen ‹Charles Maucotel› aus dem 19. Jahrhundert. Bei ganz wichti­ gen Soli brauche ich einen viersaitigen Bass, meinen ‹Bernardo Calcagni› aus dem Jahr 1767. Das viersaitige Instrument ist etwas einfacher zu spielen, spricht bes­ ser an, und die Saiten liegen nicht so eng beieinander wie beim Fünfsaiter. Es gibt beim viersaitigen Bass zudem auch die Möglichkeit der Saitenverlängerung, mit der man einen grösseren Tonumfang er­ reichen kann. LV

PS

Es gibt zwei Bogenhaltungen beim Kontrabass: deutsch und franzö­sisch. Welche Technik verwendest Du? PS Ich komme von der Geige, weshalb es naheliegend war, dass ich französisch spiele, also den Bogen von oben greife. In Basel ist man ganz offen – es gibt hier bei­ de Bogentechniken. In Frankreich, Hol­ land, England und Amerika ist die fran­ zösische Bogenhaltung grundsätzlich gän­ giger, östlich von Deutschland eher die deutsche. Beide Techniken haben ihre Vor- und Nachteile. Mit der deutschen LV

D u machst viel Kammermusik und spielst ausserdem die irische Trom­ mel in einem Ensemble, das sich der Musik Irlands und Schottlands wid­ met. Was fasziniert Dich an der Volks­ musik? PS In der irischen Volksmusik ist alles luftig und heiter, die Musik hat einen be­ sonderen ‹Drive› drauf. Das hat mich kom­ plett reingezogen. Es war dann schliess­ lich Zufall, dass im Ensemble ‹Caorán› gerade ein Spieler der irischen Trommel, der ‹Bodhrán›, gebraucht wurde. Ich habe schnell gemerkt, dass die Spieltechnik der Trommel viele Ähnlichkeiten mit der des Kontrabasses hat. So entsprechen die Rhythmen und Bewegungen eigentlich dem Auf- und Abstrich. Auch bei Konzerten des Sinfonieorchesters Basel ist die Trommel bereits zwei Mal zum Einsatz gekommen, und nach einem Gastspiel in Dublin spielte ich mit einem Kollegen aus dem Orchester spontan eine Session in einem Pub – im Gegenzug mussten wir nichts bezahlen! Ich liebe kleine Besetzungen, das ist Klang­ training für mich. Im grossen Orchester hört man sich selbst nicht wahnsinnig gut, da ist Kammermusik eine gute Weiterbil­ dung. Ob Oper, klassisches Konzert oder eben irische Volksmusik: Schlussendlich geht es in der Musik darum, dass Emotio­ nen geschaffen werden. Das können Glücks­ momente sein, aber auch Erschütterungen – eine ganze Palette an Empfindungen. Das erlebe ich als wahnsinniges Geschenk. LV

LV

Philippe Schnepp, herzlichen Dank für das Gespräch!


KOLUMNE

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FR AGENDE ZEICHEN VON EGL E A

Es war mein erster Besuch bei einem Par­ fümeur, in Grasse gehörte das dazu. Ich war Mitte zwanzig, im Kopf und in der Nase hatte ich beim Gedanken an das, was ich riechen würde, nichts als Jasmin, Oran­ genblüten und Rosen. Der Parfümeur, ein hagerer Mann im weissen Kittel, liess mich wählen, welche Düfte ich besonders ver­ führerisch fand. «Wissen Sie», fragte er mich dann, «was die alle gemeinsam ha­ ben? Eine koprophile Note, einen Hauch von Dung, Kot, Mist, Verwesung.» Wie bitte? Mir war der Gedanke neu, dass in dem, was mich anlockte, etwas Ab­ stossendes steckte, dabei hätte ich es bes­ ser wissen können. Seit meiner Kindheit kannte ich die Geschichten dieses Weltreisenden, der mit allen Wassern gewaschen war. Keine Frau, die ihn verführen wollte, hatte vermocht, ihn zu halten. Ihr aber wäre er beinahe erlegen, der Zauberin Circe. Alle seine Ge­ fährten hatte sie in Schweine verwandelt, ihn liess sie nicht aus den Fängen. Odys­ seus hätte gewarnt sein müssen: Die Insel Aiaia, auf der er bezirzt wurde, war ein Begräbnis-Heiligtum, die Zauberin selbst nichts anderes als ein ‹circos›, ein Toten­ vogel in anderer Gestalt. Der Weltreisende war lernfähig, das bewies er, als er danach auf seinem Schiff an den Klippen vorbei­ fuhr, hinter denen die Sirenen hausten. Ihr Gesang war unwiderstehlich, dessen Wirkung mörderisch, er brachte die See­ fahrer vom rechten Weg ab. Zu sehen wa­ ren nur die nackten Oberkörper der Sire­ nen, doch ihre Unterleiber waren die mons­ tröser Vögel. Dass Odysseus sich an den Mast binden liess, um ihren Gesang zu hören, den Männern seiner Mannschaft aber die Ohren mit Wachs verstöpseln liess, bevor er ihnen das Steuer anver­ traute, zeigte, wie einsichtig er war: Ver­ führung gab es nicht ohne Gefährdung,

und wer auf Nummer sicher ging, musste auf das Erlebnis verzichten. Die Silbe Ver- vor dem Führen sagt uns, wohin es geht, ins Unsichere, auf Ab­ wege, genau dorthin, wo uns die Vernunft nicht führt, wohin es uns aber doch drängt. Was uns verführt, ist das Böse im Schönen, das Gefährliche im Bezaubern­ den, das Stinkende im Wohlgeruch, das Bedrohliche im Verheissungsvollen. Ohne Risiko ist das Leben aufregend wie eine Autobahn, das weiss, wer verfüh­ ren möchte und wer sich verführen lässt. Nur deshalb haben sie gute Karten, Luzi­ fer und Lilith, Mephisto, Don Juan und die zahllosen Femmes fatales. Schreiben­ de wie bildende Künstler haben das be­ schworen, aber es ist folgerichtig, dass­ die Beschwörung den Komponisten am besten gelingt; die Sirenen reden nicht, sie singen. Es wirkt daher verdächtig, dass Mozart wie Chopin ihren Klavierschülern eintrich­terten, sie müssten mit den Fin­ gern singen, und dass jeder grosse Pianist, jede grosse Pianistin das erstrebt. Kann der Wunsch, einen Menschen zu verführen, nicht neben den bedenk­ lichen Beweggründen auch aus der Sehn­ sucht erwachsen, den anderen alles ver­ gessen zu lassen, seine Vorsätze und seine Ziele, seine Sorgen und seine Pflichten, die Zeit und sich selbst? Verführung ist selten ganz einseitig, oft ist der Verführende der Verführte, das gilt sogar für eine berüchtigte Frau in die­ sem Metier, Prinzessin Salome. Sie ver­ führte Herodes durch ihre äusseren Reize dazu, ihr eine Carte blanche fürs Wün­ schen zu geben, doch zu ihrem mörderi­ schen Wunsch war sie durch eine Stimme verführt worden: Sie hatte Jochanaan nicht gesehen, ihn nur aus der Zisterne heraus gehört, und es war wohl weniger, was er sagte, als wie er es sagte, Grund dafür, dass sie ihm verfiel. Die moderne


EGL E A

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© Jacques Schumacher

KOLU M N E

Forschung bestätigt uns, dass es so funk­ tioniert; der Klang der Stimme macht na­ hezu vierzig Prozent aus, wenn wir jeman­ den, der mit uns spricht, erotisch finden, der Inhalt nur sieben. Und das Aussehen? Montserrat Caballé war vierundzwan­ zig, als sie in Basel die grosse Verführerin spielte, die Hüften kreisen liess und wie besessen tanzte, 1957, als sie zum ersten Mal überhaupt die Salome des Richard Strauss sang. Wer sie erlebte, erlag ihr. Dreissig Jahre später wog sie um die vier­ zig Kilo zu viel, jedenfalls für einen Schlei­ ertanz, doch die gesamte Mailänder Scala verfiel dieser statuarischen Salome, und die Kritik fand sie unwiderstehlich. Es war ihre Stimme, die verführte. Vielleicht tut sich Instrumentalmu­ sik leichter, uns dorthin zu verführen, wo wir bewusst nicht hinwollen, unbewusst durchaus. Péter Eötvös, der den Verfüh­ rern Luzifer und Lilith bereits eine Oper gewidmet hat, lässt in Sirens’ Song das Orchester jenes Lied der Sirene singen, mit einer von ihm selbst geschaffenen Stimme, die verführerisch wandelbar ist und so die Sicherheiten sabotiert. Verun­ sicherung ist der Anfang der Verführung, sie macht uns bereitwillig, ein Risiko ein­ zugehen. Odysseus war ein erfahrener Mann, auch sexuell. Er hatte erlebt, dass Lust mit Verlust zusammenhing, mit dem Verlust der Kontrolle. Für einen Militär wie ihn keine leichte Übung, und doch riskierte er es und wurde dadurch weise. Er wollte die Sirenen hören und spüren, wie es sich anfühlt, einem Zauber anheimzufallen, ­ der nicht greifbaren Suggestionskraft des Klangs. Wir haben verlernt, von ihm zu ler­ nen. Die Nahsicht des Fernsehens, der Vi­ deos, YouTubes, Streamings hat uns nah­ süchtig gemacht, und längst ist es die Regel, dass einer Salome, die nicht ver­ führerisch aussieht, die Fähigkeit zu ver­ führen abgesprochen wird, und damit die Glaubwürdigkeit. Aber hat sich nicht die Wirkungsmacht der Oper immer darin ge­ zeigt, dass sie uns das Unmögliche glau­ ben macht? Wir stossen uns auch nicht an ihren idiotischen Handlungen, schwach­ sinnigen Texten, unstimmigen Charakte­ ren. Das Lineare ist nicht verführerisch, das Offensichtliche, das Absichtliche eben­

Lea Singer = Eva Gesine Baur

so wenig. Macht uns nicht auch der feste Vorsatz, auf den wir so stolz sind, oft un­ beweglich? Eine meiner schönsten Freundinnen ging auf jede Party mit dem Wunsch, dort den Mann ihres Lebens oder wenigstens der kommenden Nächte zu finden. Es gab immer wieder Männer, die ihr gefielen und denen sie offenbar gefiel, aber es wurde nichts daraus. Dann wurde sie eingeladen auf ein Fest, von dem sie sich nichts erwar­ tete. «Da kommt bestimmt niemand hin, der mich interessiert, unattraktive Typen, die sich nicht einmal richtig anziehen kön­ nen, aber ein dankbarer Single wie ich spaziert eben trotzdem hin», lachte sie, als sie mir das erzählte. An diesem Abend, ja, was war da? Wurde sie verführt oder er? «Seine Stimme», sagte sie, «diese Stimme – ».


IN ENGLISH

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FOCUS ON EÖT VÖS

BY BA RT DE V R IES

Born in Transsylvania (now part of Roma­ nia) in 1944, the Hungarian Péter Eötvös ranks among the most prominent compo­ sers, conductors and teachers of our time. On the recommendation of his country­ man and fellow composer Zoltán Kodály (1882–1967), Eötvös was admitted to the conservatory of music in Budapest. Under the baton of Eötvös himself, one of Kodály’s best-known scores, the suite from his Hun­ garian folk opera Háry János, will be per­ formed in this month’s concert, while two of the composer’s own recent works will see their Swiss premiere. Háry János, both the suite and the original opera, famously starts with a big ‘orchestral sneeze’. In many cultures, sneez­ ing has a metaphysical meaning. Typical for the fickle climate in the Netherlands, for instance, sneezing three times in a row holds a promise (or is it a wish?) for good weather the next day. In Hungary, a prop­ er achoo at the beginning of a story, em­ phasises that the story to be told is true. In Háry János, a beautiful and immediate­ ly appealing piece of music, the epony­ mous protagonist, a soldier in the Austri­ an army in Napoleonic times, tells wishful, boastful and unlikely tales while deep down long­i ng to be back in his hometown; the open­i ng sneeze clearly has to be taken with a pinch of salt. After the prelude, the second move­ ment depicts the Viennese imperial pal­ ace’s musical clock, in which the Glocken­ spiel introduces the march of the wooden soldiers. The melancholy third movement, a song without words, expresses Háry János and Orsze’s (his childhood darling) long­ ing for home. The movement is character­ ised by a haunting viola solo and a home­ sickness-inducing cimbalom. In the fourth movement the trombones lead the way evoking the battle of Napoleon, while the

lamenting saxophone symbolises his de­ feat. The intermezzo (fifth movement), a whirling Hungarian csárdás, gives the cim­ balom once again a chance to shine. In the exuberant last movement, the music por­ trays our hero Háry in front of the Em­pe­ ror reeling off his extraordinary tales. While Eötvös too has been influ­ enced by folk music, and more generally by the specific rhythm of the Hungarian language, his Sirens’ Song is indebted ­ to Homer’s Odyssey. For a composer it is, understandably, a fascinating challenge to capture the seductive, yet calamitous voices of the mythical creatures, but Franz Kafka, who asserted the sirens misled Odysseus by not singing, and James Joyce (through his novel Ulysses, the Roman name for Odysseus) also served as Eötvös’ liter­ ary sources. Rather than words, Eötvös’s brand new saxophone concerto FOCUS, co-com­ missioned by the Sinfonieorchester Basel, is inspired by the visual. Having played and written a lot of music for theatre and cinema early on in his career, Eötvös thus returns to his roots. The focus points of the composition are those where soloist and orchestra, just like a film camera, con­ verge or focus, or in musical terms, land on the same tone. As Eötvös explains, in those moments the sound transforms from blurred or diffuse to sharp, focused and unisono. In the fourth and last movement, soloist and orchestra slowly progress to­ wards the final focus point (and the last note of the concerto) E-flat, in German called Es – for saxophone. To dwell on these interesting moments in the musical flow is exactly the idea of the concerto. Guided by the composer himself, this will be an extraordinary experience.


V ER EIN ‹FR EU NDESK R EIS SINFONIEORCHESTER BASEL›

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MUSIK V ERBINDET – FREU NDSCH A FT AUCH

Der Freundeskreis ist eine engagierte Gemein­ schaft, die Freude an klassischer Musik sowie eine hohe Wertschätzung gegenüber dem Sinfonie­ orchester Basel verbindet.

Wir unterstützen die Arbeit der Musike­ rinnen und Musiker des Sinfonieorches­ ters Basel mit konkreten Projekten und finanziellen Beiträgen. Darüber hinaus tragen wir dazu bei, in der Stadt und der Region Basel eine positive Atmosphäre und Grundgestimmtheit für das Sinfonie­ orchester Basel und das kulturelle Leben zu schaffen. Unser Verein bietet seinen Mitgliedern ein reichhaltiges Programm an exklusiven Anlässen mit dem Sinfonie­ orchester Basel sowie über ausgewählte Veranstaltungsformate exklusive Möglich­ keiten des direkten Kontakts zu Musike­ rinnen und Musikern. Wir fördern das gemeinschaftliche musikalische Erleben sowie den Austausch unter unseren Mit­ gliedern.

© Benno Hunziker

Nehmen Sie direkt Kontakt mit uns auf: freundeskreis@sinfonieorchesterbasel.ch oder besuchen Sie unsere Website www.sinfonieorchesterbasel.ch/freundes-­ kreis


IM FOK US

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ZUM MITSINGEN

‹VO BÄ RG U ND TA L› Donnerstag, 31. März 2022, 15 & 18 Uhr Stadtcasino Basel, Musiksaal

grossem Orchester und mit Sängerinnen und Sängern im Publikum und auf der Bühne wird das Stadtcasino Basel Schau­ platz eines Volksmusik-Fests der Sonder­ klasse.

Florian Walser (*1965):

Mit freundlicher Unterstützung der Cantilena-­ Stiftung, der Basler Stiftung Bau & Kultur, der Stiftung MBF, der L. + Th. La Roche Stiftung ­s owie der Isaac Dreyfus-Bernheim Stiftung.

Vo Bärg und Tal, Volkslieder für Chor und grosses Orchester (Kompositions­ auftrag des Sinfonieorchesters Basel)

© Paula Troxler

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Ob in der Familie, in der Schule oder bei der Pfadi, ob Kindheitserinnerung oder Alltag – das Singen von Volksliedern ver­ bindet Menschen über Generationen hin­ weg. Und dabei ist es ganz egal, woher wir kommen: Gemeinsam mit musikbegeister­ ten Menschen, die in und um Basel leben, möchte das Sinfonieorchester Basel in die Tradition der Schweizer Volksmusik ein­ tauchen. Für das generationenübergrei­ fende Mitsing-Projekt ‹Vo Bärg und Tal› haben rund zweihundert Teilnehmerin­ nen und Teilnehmer unserer Umfrage die beliebtesten Schweizer Volkslieder aus allen vier Sprachregionen gewählt. Mit

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Sinfonieorchester Basel Primarschülerinnen und -schüler Mädchenkantorei Basel Knabenkantorei Basel Kammerchor Notabene Marco Amherd, Leitung


DEMNÄCHST

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K A MMER MUSIK Sa, 26. Februar 2022, 16 Uhr Probezentrum Picassoplatz

ATR IU MKONZERT II Mitglieder des Sinfonieorchesters Basel

A RC-EN-CIEL So, 20. März 2022, 11.15 Uhr Birsfelder Museum

IN BIRSFELDEN Mitglieder des Sinfonieorchesters Basel

OPER M AT TH ÄUS-PASSION Fr, 25. März 2022, 19 Uhr Solistinnen und Solisten sowie Chor des Theater Basel Theater Basel, Mädchenkantorei und Knabenkantorei Basel, Sinfonieorchester Basel, Benedikt von Peter, Alessandro De Marchi MIN I.MUSIK Sa, 26. März 2022, 16 Uhr Scala Basel

BEIM KOST Ü MFEST Mitglieder des Sinfonieorchesters Basel

Z U M MITSINGEN Do, 31. März 2022, 15 & 18 Uhr Stadtcasino Basel

VO BÄ RG U N D TA L Mädchenkantorei und Knabenkantorei Basel, Kammerchor Notabene, Sinfonie-­ orchester Basel, Marco Amherd

V ER A NSTA LTU NGSHIN W EIS SCH AUSPIEL U LYSSES So, 6. Februar 2022, 18.30 Uhr John Collins, Carina Braunschmidt, Fr, 4. März 2022, 19.30 Uhr Andrea Bettini, Fabian Dämmich, Sa, 5. März 2022, 19.30 Uhr Nairi Hadodo, Fabian Krüger Theater Basel, Schauspielhaus

Weitere Informationen und Vorverkauf: www.theater-basel.ch

VORV ER K AU F (falls nicht anders angegeben): Bider & Tanner – Ihr Kulturhaus in Basel Aeschenvorstadt 2, 4010 Basel +41 (0)61 206 99 96 ticket@biderundtanner.ch www.biderundtanner.ch

Billettkasse Stadtcasino Basel Steinenberg 14 / Tourist Info 4051 Basel +41 (0)61 226 36 30 info@stadtcasino-basel.ch Detaillierte Informationen und Online-Verkauf: www.sinfonieorchesterbasel.ch

I M PR ESSU M Sinfonieorchester Basel Picassoplatz 2 4052 Basel +41 (0)61 205 00 95 info@sinfonieorchesterbasel.ch www.sinfonieorchesterbasel.ch

Orchesterdirektor: Franziskus Theurillat Künstlerischer Direktor: Hans-Georg Hofmann Redaktion Programm-Magazin: Lea Vaterlaus Korrektorat: Ulrich Hechtfischer Gestaltung: Atelier Nord, Basel Druck: Steudler Press AG Auflage: 5000 Exemplare


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Nr. 6 Saison 21/22 – Eötvös by Sinfonieorchester Basel - Issuu