CHF 5 PROGRAMM-MAGAZIN NR. 3 SAISON 22/23 Sinfonieorchester Basel Pekka Kuusisto, Violine Aziz Shokhakimov, Leitung LA MER 19. OKT. 2022 19.30 UHR STADTCASINO BASEL
ĂBERSICHT DER SYMBOLE
Diese Institution verfĂŒgt ĂŒber eine Höranlage
Nummerierte RollstuhlplÀtze im Vorverkauf erhÀltlich Concert Lounge
ANDERS HILLBORG Sound Atlas 6
PORTRĂT Pekka Kuusisto, Violine 10
PJOTR ILJITSCH TSCHAIKOWSKI Konzert fĂŒr Violine und Orchester D-Dur, op. 35 14
PORTRĂT Aziz Shokhakimov, Leitung 16
CLAUDE DEBUSSY La Mer, trois esquisses symphoniques pour orchestre 18
RĂCKBLICK 21
ORTSGESCHICHTEN von Sigfried Schibli 22
VORGESTELLT Dorothee Kappus, Violine 24
LEXIKON DES ORCHESTERS von Benjamin Herzog 28
IN ENGLISH by Bart de Vries 30
VEREIN âčFREUNDESKREIS SINFONIEORCHESTER BASELâș 31
IM FOKUS 33 DEMNĂCHST 34
PROGRAMM 5
INHALT
LA MER
Liebes Konzertpublikum
La Mer von Claude Debussy ist vielleicht die brillanteste und zugleich konzentrier teste Komposition unter den sinfonischen OrchesterstĂŒcken. Es ist ein Meisterwerk voller Fantasie, das wie selbstverstĂ€ndlich die traditionelle Form verlĂ€sst und die Tore zur Moderne öffnet. Man spĂŒrt die befrei ende Sprengkraft dieser Musik noch heute. Einzigartig, wie subtil Debussy die Verwand lung von Wellen und reflektierendem Licht in Musik gesetzt hat.
Auch unser âčComposer in Residenceâș Anders Hillborg hat sich in seinen Werken mit der VerĂ€nderung von Materie beschĂ€f tigt. In Sound Atlas macht er musikalisch erlebbar, wie Glas vom festen in den flĂŒssi gen und in den gasförmigen Aggregatzu stand ĂŒbergeht. Als Ausgangspunkt dient ihm dafĂŒr eine Glasharmonika, die mit ihrem Ă€therischen Klang im Zentrum des Werks steht. Aus ihrem Wechselspiel mit dem Orchester heraus entwickeln sich fas zinierende, sich permanent verĂ€ndernde Klanglandschaften. Wir sind gespannt, wel che musikalische Wellen und Wolken der usbekische Dirigent Aziz Shokhakimov mit unserem Orchester an diesem Abend entstehen lassen wird.
Es sei nur nebenbei bemerkt, dass der Musikkritiker Eduard Hanslick Tschaikows kis Violinkon zert zynisch mit einer duf tenden ParfĂŒmwolke verglich. Umso mehr
freuen wir uns auf die AuffĂŒhrung dieses Konzerts mit unserem âčArtist in Residenceâș Pekka Kuusisto.
Mehr ĂŒber unser Programm erfahren Sie in der neuesten Ausgabe unseres Pro gramm-Magazins.
Wir wĂŒnschen Ihnen bei der LektĂŒre viel VergnĂŒgen und grĂŒssen Sie herzlich.
Hans-Georg Hofmann Ivor Bolton KĂŒnstlerischer Direktor Chefdirigent
SINFONIEKONZERT
Pekka Kuusisto, âčArtist in Residenceâș in der Saison
VORVERKAUF, PREISE UND INFOS
VORVERKAUF
Bider & Tanner âIhr Kulturhaus in Basel Aeschenvorstadt 2, 4051 Basel +41 (0)61 206 99 96
ticket@biderundtanner.ch
Billettkasse Stadtcasino Basel Steinenberg 14 / Tourist Info 4051 Basel +41 (0)61 226 36 60
Sinfonieorchester Basel +41 (0)61 272 25 25
ticket@sinfonieorchesterbasel.ch www.sinfonieorchesterbasel.ch
ZUGĂNGLICHKEIT
Das Stadtcasino Basel ist rollstuhlgÀngig und mit einer Induktionsschleife versehen. Das Mitnehmen von Assistenzhunden ist erlaubt.
PREISE CHF 105/85/70/55/35
Junge Menschen in Ausbildung: 50 %
AHV/IV: CHF 5
KulturLegi: 50 %
Mit der Kundenkarte Bider & Tanner: CHF 5
âą Bei Menschen, die fĂŒr den Konzert besuch eine Begleitung beanspru chen, ist der Eintritt fĂŒr die Begleit person frei. Die Anmeldung erfolgt ĂŒber das OrchesterbĂŒro.
© Ronald Kapp
im Sinfoniekonzert
4VORVERKAUF
ERMĂSSIGUNGEN âą
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2022/23 und Solist
âčLa Merâș
LA MER
18.30 Uhr: KonzerteinfĂŒhrung mit Benjamin HerzogMi, 19. Oktober 2022, 19.30 Uhr
Stadtcasino Basel, Musiksaal
Anders Hillborg (*1954): Sound Atlas (2018, Schweizer ErstauffĂŒhrung)
1. Crystalline
2. River of Glass
3. Vaporised Toy Pianos
4. Vortex
5. Hymn
Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840â1893):
Konzert fĂŒr Violine und Orchester D-Dur, op. 35 (1878)
1. Allegro moderato
2. Canzonetta. Andante
3. Finale. Allegro vivacissimo
PAUSE
Claude Debussy (1862â1918):
La Mer, trois esquisses symphoniques pour orchestre (1905)
1. De lâaube Ă midi sur la mer â trĂšs lent
2. Jeux de vagues â allegro
3. Dialogue du vent et de la mer âanimĂ© et tumultueux
ca. 20â ca. 35â ca. 25â
Sinfonieorchester Basel Pekka Kuusisto, Violine Aziz Shokhakimov, Leitung
Konzertende: ca. 21.15 Uhr
5PROGRAMM
HĂRâ REIN
Sound Atlas
KRISTALLINE KLĂNGE
VON CORINA KOLBE
Glasinstrumente faszinieren
Anders Hillborg seit Langem, er setzt sie in vielen seiner StĂŒcke ein. «Ihr Klang fĂŒllt den Saal, aber niemand kann genau sagen, woher er kommt», sagt der schwedi sche Komponist, der in dieser Saison âčComposer in Resi denceâș beim Sinfonie orchester Basel ist. In ferne, ĂŒberirdisch anmutende SphĂ€ren entfĂŒhrt uns die Glasharmonika, die in Sound Atlas eine zentrale Rolle spielt. 2019 mit grossem Erfolg im Londoner South bank Centre uraufgefĂŒhrt, feiert das Orchesterwerk jetzt seine Schweiz-Premiere. «Das StĂŒck ist um die Glasharmonika herum auf gebaut», erklĂ€rt Hillborg.
Die UrsprĂŒnge des Ă€therisch tönenden Ins truments reichen Jahrhunderte zurĂŒck. Benjamin Franklin, bekannt als einer der GrĂŒndervĂ€ter der Vereinigten Staaten, konstruierte 1761 ein Reibe-Idiofon, das aus unterschiedlich grossen, ineinandergescho benen Glasglocken bestand, die durch ein Pedal in Rotation gebracht wurden. Die Musiker*innen erzeugten Töne, indem sie mit angefeuchteten Fingern ĂŒber die Glas rĂ€nder fuhren. Wolfgang AmadĂ© Mozart schrieb fĂŒr das neuartige Instrument ein Quintett und ein Solo-Adagio. Auch Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe, Fried rich Schiller und Jean Paul zeigten sich beeindruckt. Gaetano Donizetti verwendete die Glasharmonika in der berĂŒhmten Wahn sinnsszene seiner Oper Lucia di Lammer moor. Im 20. Jahrhundert setzte sie Richard Strauss in Die Frau ohne Schatten ein.
Ein moderner Nachfahr ist das Verro fon, das 1983 von dem Glasmusiker Sascha Reckert erfunden wurde. Es besteht aus senkrecht in einem Holzkorpus stehenden Röhren, die oben offen sind und dort an den RÀndern mit den Fingern gerieben oder mit einem Hammer angeschlagen werden. Die Tonhöhe ist abhÀngig von der LÀnge
«Dadurch entsteht eine ganz spezielle Klangland schaft.»
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ZUM WERK ANDERS HILLBORG
Mats Lundqvist
7ANDERS HILLBORGZUM WERK ©
der GefÀsse, die meist in einer chromati schen Tonleiter angeordnet sind. Je nach Lage sind sogar sechs- bis achtstimmige Akkorde greifbar. Mit seinem weichen Klang erinnert das Verrofon an die historische Glasharmonika, unterscheidet sich von ihr aber durch eine grössere LautstÀrke.
In Sound Atlas erlebt man, wie das feste Glas in andere AggregatzustĂ€nde ĂŒber geht. Hillborg unterteilt das StĂŒck in die fĂŒnf Abschnitte Crystalline, River of Glass, Vaporised Toy Pianos, Vortex und Hymn. Glasharmonika und Mikrotöne der Strei cher formen zunĂ€chst das kristalline Zen trum dieser Klangwelt. Wenn die Spiel zeug klaviere verdampfen, verflĂŒchtigt sich die ser Kern. Es entstehen heftig wirbelnde Klangmassen, aus denen die Musik plötz lich kristallklar emporsteigt, um rasch wie der in den Abgrund gezogen zu werden. Am Ende löst sich der wilde Strudel in einer feierlichen, von den Streichern ge spielten Hymne auf.
Die UrauffĂŒhrung von Sound Atlas mit dem London Philharmonic Orchestra unter Leitung von Marin Alsop wurde von der britischen Presse enthusiastisch auf genommen. «Musik aus den Weiten des Universums, in denen der jenseitige Klang der Glasharmonika herumgeistert», schrieb Richard Fairman in der Financial Times. «Wenn Stanley Kubrick fĂŒr ein Remake von 2001 zurĂŒckkehren wĂŒrde und einen Soundtrack brĂ€uchte? Hillborg wĂ€re sein Mann.» In der Times sprach Rebecca Franks von einem Â«ĂŒberirdischen Lichtkranz», den die Glasharmonika der Palette orchestraler Klangfarben verleihe. Etwas, das so hell, weichkantig und ungewöhnlich sei wie die Sonnenkorona. Auch das Publikum im Stadtcasino ist nun eingeladen, sich durch diese Musik in ungeahnte neue Dimensio nen katapultieren zu lassen.
Sound Atlas
BESETZUNG
Glasharmonika, 3 Flöten, 3 Oboen, 3 Klarinetten, 3 Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauke, Perkussion, Klavier, Streicher
ENTSTEHUNG
2018
URAUFFĂHRUNG
16. Januar 2019 in der Londoner Royal Festival Hall, Southbank Centre, mit dem London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Marin Alsop
DAUER
ca. 20 Minuten
8ANDERS HILLBORGZUM WERK
Zuhause in Basel.
D Daheim in der Welt.
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PEKKA KUUSISTO
Violine
EIN BEGNADETER
GESCHICHTENERZĂHLER
VON CHRISTA SIGG
Der Finne Pekka Kuusisto ist in der Saison 2022/23 âčArtist in Residenceâș. Das ist ein GlĂŒcksfall fĂŒrs Sinfonieorchester Basel âund ohnehin fĂŒrs Publikum, das sich auf einen leiden schaft lichen wie experimen tierfreudigen Geiger voller Humor freuen darf.
Es gibt Musiker*innen, die spielen Zugaben, weil es eben dazugehört. Manche nutzen die Gelegenheit, um noch einmal ein vir tuoses Feuerwerk zu zĂŒnden. Andere ĂŒber raschen lieber mit kompositorischen RaritĂ€ ten. Und dann sind da noch die Spassvögel, die nach einem hoch konzentrierten Abend humorvoll Dampf ablassen. Bei Pekka Kuusisto kommt all das zusammen und wird zum spontanen Show-Event. Um tro ckene Kommentare ist der Finne sowieso nie verlegen. Und wenn er voller Ironie von karelischen Dorfschönheiten und geklauten Schuhen erzĂ€hlt, um sein Publikum zum Singen schrĂ€ger Volkslieder zu bringen, möchte man in einer Tour auf die RepeatTaste drĂŒcken.
Zum einen ist da natĂŒrlich eine so melo diöse wie seltsame Sprache, die es erlaubt, die eigentĂŒmlichsten Vokale zu zerdehnen. Da ist aber auch eine grosse Freiheit, die sich nur einstellt, wenn einer keine techni schen Grenzen kennt und aus dem Augen blick heraus etwas Neues entwickeln oder einen Gedanken kunstvoll weiter spinnen kann. Man spricht dann vom âčImprovisie renâș, dem Schreckgespenst des Klassik be triebs, in dem selbst die Kadenzen minutiös einstudiert sind.
Kuusisto feilt freilich am perfekten Klang, als Streicher und erst recht als Solo geiger seiner Klasse kann er gar nicht an ders. Doch das hatte bei ihm nie mit dem Drill eines Wunderkinds zu tun. Das Ăben war fĂŒr ihn immer etwas SelbstverstĂ€nd liches, ja AlltĂ€gliches, schon weil Pekka den Ă€lteren Bruder Jaakko mit der Violine sah und unbedingt auch so ein «toll klin gendes Ding» haben wollte. Mit gerade drei Jahren war dieses erste Ziel erreicht â der Popsong Rasputin von Boney M. war in dieser Zeit sein Favorit. Und ein, zwei Jahre spĂ€ter begann Pekka auch schon zu improvisieren. Damit kam mehr und mehr das MusikverstĂ€ndnis des Vaters ins Spiel. Der Komponist und Gelegenheitssee mann Ilkka Taneli Kuusisto, der nĂ€chstes Jahr 90 Jahre alt wird, hatte in den New Yorker Jazzclubs der âčSwinging Sixtiesâș sofort Feuer gefangen. Ausschliesslich Bach, Beethoven und Sibelius gab es bei den
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PORTRĂT
11PEKKA KUUSISTOPORTRĂT © Maija Tammi
Kuusistos sowieso nie und schon gar keine Genregrenzen. Dabei wimmelt es in dieser Familie von âčklassischenâș Geiger*innen, Komponist*innen â auch Grossvater Taneli und Bruder Jaakko komponierten mit eini gem Erfolg â, MusikpĂ€dagog*innen, In tendant*innen und Dirigent*innen. Zwei Halbschwes tern Pekkas sind ausserdem TĂ€nzerinnen.
«Es wĂ€re extrem schwierig geworden, nicht Musiker zu werden», sagt er feixend. Den Beruf des Architekten hĂ€tte sich Pekka noch vorstellen können, als kleiner Junge gefiel ihm eher Rasantes wie Rennfahren. Doch bei diesen kurz aufblitzenden Ideen blieb es, und darĂŒber sei er heute aus gesprochen froh, betont der 45-JĂ€hrige: «Mein Beruf ist mein schönstes Hobby, und von jedem einzelnen Konzert geht eine ganz besondere Energie aus.»
Diese Energie war förmlich zu greifen, als Kuusisto vor gut fĂŒnf Jahren mit dem Sinfonieorchester Basel ein viel gespieltes musikalisches Kunstwerk zur AuffĂŒhrung brachte: Jean Sibeliusâ Violinkonzert, und damit einen Brocken der romantischen Literatur, der leicht zu schwĂŒls tig gerĂ€t. Man muss das bei Kuusisto kaum befĂŒrch ten, dafĂŒr ist er zu sehr daran interessiert, die Musik in die Gegenwart zu holen und zugleich die traditionellen finnischen Be zĂŒge hörbar zu machen. Dass er 1995 mit 19 Jahren fĂŒr die beste Interpretation just des Sibelius-Konzerts ausgezeichnet wurde, ist nicht wirklich ĂŒberraschend. Ăbrigens im Rahmen des gleichnamigen Violinwett bewerbs in Helsinki, den er damals als erster Finne ĂŒberhaupt gewonnen hat. Pekka Kuusistos Karriere verlĂ€uft seit her in erfreulichen Bahnen, er ist ein gerne gesehener Gast bei den grossen Or chestern und in gleichem Masse als Part ner in kammermusikalischen Formationen. Mit ihm könne man so ziemlich alles an stellen, sagen die Musiker*innen, er gehe voller Elan an Neues und genauso an die alten Schlachtrösser des Repertoires. Und er sorgt fĂŒr ein lustvoll amĂŒsiertes Mit ei nander, also ein âčConcertareâș im allerbes ten Sinne. Insofern ist es ein GlĂŒcksfall, dass dieser leidenschaftliche Kommunika tor und GeschichtenerzĂ€hler in der Saison 2022/23 als âčArtist in Residenceâș nach Basel kommt.
Das regelmĂ€ssige Zusammenspiel, die in tensiven Proben mit den Musiker*innen des Sinfonieorchesters bieten dann auch die Möglichkeit, ihm auf den Leib geschnei derte Programme zu erarbeiten. Das kann selbst zu theaterhaft performativen Auf tritten fĂŒhren, so etwa, als sich der experi mentierfreudige Solist vor ein paar Jahren in das saalfĂŒllende rote Kleid der sĂŒdkore anischen KĂŒnstlerin Aamu Song hĂŒllen liess. So entwickelte sich damals in Berlin ein ungewöhnlich direkter Kontakt zum Publikum, das quasi in die RocksĂ€ume schlĂŒpfen durfte.
SelbstverstĂ€ndlich sind mit dem Sin fonieorchester Basel auch Geigenklassiker wie Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Violinkon zert geplant, doch wohl kaum in der Zu ckergussvariante. Vielmehr sollte man sich auf TĂ€nzerisches und rhythmische Poin ten gefasst machen, die aufregender sein können als der silberne Höhenrausch, der diesem Konzert betrĂ€chtlichen Reiz gibt. Und selbst in diesen Gipfelregionen bringt Pekka Kuusisto seine Guadagnini-Geige sinnlich-verfĂŒhrerisch zum Singen. Des halb ist er auch fĂŒr Ralph Vaughan Williams anrĂŒhrende Lerchenflug-Hymne The Lark Ascen ding im Musiksaal des Stadtcasinos Basel mit seiner famosen Akustik genau der Richtige.
Aber was passt schon besser oder schlechter? Wenn man Pekka Kuusisto nach seinen Lieblingskomponist*innen und Her zens-Partituren fragt, fĂ€llt niemals ein Name. Immer das, was er gerade spiele, sei das Wichtigste und das Schönste â und die jenigen, die das mit ihm tun, seien die ide alen Partner*innen. Vielleicht ist das ja neben der Freiheit das eigentliche Geheim nis seines Erfolgs.
Dieser Text entstand ursprĂŒnglich fĂŒr das Saison programmheft 2022/23 des Sinfonieorchesters Basel.
12PEKKA KUUSISTOPORTRĂT
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PJOTR ILJITSCH
TSCHAIKOWSKI
Konzert fĂŒr Violine und Orchester D-Dur, op. 35
KONZERTANTER
WOHLKLANG
VON RAINER LEPUSCHITZ
Pjotr Iljitsch Tschaikowski komponierte in dem idyllischen Weindorf Clarens am Genfer See im FrĂŒh jahr 1878 innerhalb weniger Wochen das Violinkonzert D-Dur op. 35. Im Schweizer âčExilâș, in das er nach einem psychischen Zusam menbruch als Folge der ĂŒberstĂŒrzten Verehelichung mit Antonia Miljukowa geflĂŒchtet war, fand er zu grosser schöpferischer Kraft zurĂŒck.
Grosse Teile der Oper Eugen Onegin wur den dort fertiggestellt, danach regte ihn der Besuch des jungen Geigers Iossif Kotek, eines SchĂŒlers des Brahms-Freundes Joseph Joachim, zur Komposition des Violinkon zerts an. Koteks RatschlĂ€ge zur Spieltech nik wirkten sich auf den höchst anspruchs vollen Solopart aus.
Der berĂŒhmte Geiger Leopold Auer, dem Tschaikowski das Werk widmen wollte,
lehnte es gar als unspielbar ab. Erst im Dezember 1881 fand in Wien die UrauffĂŒh rung statt â mit dem jungen Geiger Adolph Dawidowitsch Brodsky, der in Wien studiert hatte und die Wiener Philharmoniker sowie den Dirigenten Hans Richter fĂŒr das Werk gewinnen konnte. Die Kritiken fielen aller dings nicht rosig aus, so liess sich etwa der gefĂŒrchtete Eduard Hanslick zu folgendem Urteil hinreissen: «Tschaikowskis Violin konzert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht MusikstĂŒcke geben könnte, die man stinken hört.»
Doch der vermeintliche âčGestankâș verbreitete sich bald als beliebter konzer tanter Wohlklang in der ganzen Musikwelt. Hanslicks Kritik erscheint auch insofern unverstĂ€ndlich, als Tschaikowski gerade im Violinkonzert Ă€usserst subtil die thema tischen EinfĂ€lle umsetzte. Die slawischromantische Ausdruckssprache ist von Innigkeit und Tiefe erfĂŒllt, wird nie ober flĂ€chlich und verbreitet nicht den Geruch des ungustiös Plakativen. In Form und Ge staltung behĂ€lt Tschaikowski klassisches Ebenmass. So wie bei den Tonarten-Genos sen, den Violinkonzerten von Beethoven und Brahms, verschmelzen in Tschaikows kis D-Dur-Konzert lyrisch-gesangliche Eigenschaften, wie sie zum Charakter des Soloinstruments gehören, mit sinfonischen Konturen.
Der Kopfsatz (Allegro moderato) ent wickelt sich aus verhaltener Bewegung all
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ZUM WERK
mĂ€hlich zu epischer Grösse, bis am Ende der Exposition erstmals das edle Haupt thema im ganzen Orchester auftrumpft. Tschaikowski verdichtet dann Schicht fĂŒr Schicht das Geschehen. So verteilt er etwa das Hauptthema auf virtuoses Figurenwerk der Solovioline, die die zunĂ€chst kantabel geschwungene Thematik zunehmend dra matisch verdichtet, darin unterstĂŒtzt vom Orchester. Auch in der Kadenz, die im Rahmen des thematischen Prozesses be reits am Ende der DurchfĂŒhrung platziert ist, setzt die Violine die motivische Entwick lung fort und gefĂ€llt sich nicht bloss in virtuoser Selbstdarstellung. In der Reprise verstĂ€rkt Tschaikowski durch wonnevolle Ausbreitungen die Bedeutung des Seiten themas. In der Coda zieht er das Tempo an und erzeugt die Wirkung einer Stretta . In der Canzonetta (Andante) folgt einem HolzblĂ€servorspiel eine innige Hauptme lodie in der Violine, mit der Tschaikowski noch einmal in die Welt des melancholi schen Lenski in der Oper Eugen Onegin eintauchte. Das zweite Thema bringt freu dige Bewegung ins Spiel, bis die Kantilene, nun von typischen âčTschaikowskiâschenâș Tontupfern in den HolzblĂ€sern begleitet, wiederkehrt.
Wie ein Peitschenschlag saust ein Akkord dazwischen, mit dem das Orchester das Finale (Allegro vivacissimo) eröffnet und ein Thema in Gang setzt, das â in der Can zonetta schon in einer Vorgestalt leise an gekĂŒndigt â nun zur Triebfeder eines mit reissenden Rondos wird. Die Gestalt des Hauptmotivs hat durch und durch russische Wurzeln, die zu einem anderen Werk aus schlagen: Das Motiv Ă€hnelt stark dem zwei ten Thema aus Michail Glinkas Fantasie Kamarinskaya, das wiederum auf ein russi sches Volkslied zurĂŒckgeht. Das Seiten thema des Tschaikowski-Finales lĂ€sst sich hingegen in seinen UrsprĂŒngen der russi schen Musik der Roma zurechnen (wir ken nen eine solche volksmusikalische Note von Brahms, der gerne magyarische AnklĂ€nge ins Spiel brachte). Auch in dieses furiose Finale schiebt Tschaikowski noch lyrische Perioden mit einem sehnsuchtsvoll von der Oboe angestimmten und von Klarinette, Fagott und Solovioline aufgegriffenen drit ten Themengebilde ein und spannt damit einen Stimmungsbogen mit einem brillan ten Ausklang.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Ton kĂŒnstler-Orchesters Niederösterreich
Konzert fĂŒr Violine und Orchester D-Dur, op. 35
BESETZUNG
Violine solo, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 2 Trompeten, Pauke, Streicher
ENTSTEHUNG
FrĂŒhjahr 1878 in Clarens am Genfer See
URAUFFĂHRUNG 4. Dezember 1881 in Wien mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter und mit Adolph Brodsky als Solist
DAUER ca. 35 Minuten
Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840â1893), GemĂ€lde von Nikolai Dmitrijewitsch Kusnezow (1850â1929), 1893
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PJOTR ILJITSCH TSCHAIKOWSKIZUM WERK © Wikimedia Commons
Leitung
EIN INTERESSE FĂR
FARBENREICHE, PRĂZIS AUSGEARBEITETE
PARTITUREN
VON CHRISTOPH GAISER
Musik hat Aziz Shokhakimov von Anfang an begleitet âdie Eltern des 1988 gebore nen Usbeken waren beide musikalisch aktiv.
Shokhakimov begann seine Ausbildung am Uspenskij-Musikgymnasium in seiner Hei matstadt Taschkent , an derselben Schule, die der Pianist Yefim Bronfman in den 1960er-Jahren besucht hatte. Shokhakimov spielte Geige und Bratsche, er sang aber auch leidenschaftlich gerne, vor allem nea politanische Lieder wie O sole mio oder San ta Lucia . In einem Interview mit dem Bay erischen Rundfunk verriet Shokhakimov, dass seine Mutter den Dirigenten Vladimir Neymov ermunterte, sich Tonbandaufnah men vom Gesang ihres Sohnes anzuhören. Neymov war beeindruckt und lud den jun gen Aziz ein, mehrere Konzerte mit seinem Orchester zu singen. Als sich der Stimm bruch bemerkbar machte, schlug Neymov dem ElfjĂ€hrigen vor, sich wĂ€hrend der sĂ€n gerischen Zwangspause mit Ensemblelei tung zu beschĂ€ftigen. Offenbar stellte sich der junge Mann alles andere als ungeschickt an â bereits mit 13 Jahren durfte er ein Konzert des Usbekischen Nationalorches ters dirigieren. Im selben Jahr erfolgte die
Ernennung zum Assistenzdirigenten des Orchesters, und 2006 â Shokhakimov war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt â wurde er Chefdirigent des Klangkörpers. Im Jahr da rauf erfolgte sein OperndebĂŒt an der Usbe kischen Nationaloper mit Bizets Carmen.
Nun ist es so, dass viele grossartige Musiker*innen im Verborgenen wirken, wenn sie in einem Land tĂ€tig sind, das west liche Musikliebhabende, aber auch Agent* innen nicht âčauf dem Schirmâș haben. Hier kann in aller Regel ein Erfolg bei einem internationalen Wettbewerb Wunder be wirken â und so bescherte der Gewinn des Mahler-Dirigentenwettbewerbs in Bamberg im Jahre 2010 Shokhakimov einen gerade zu explosiven Anstieg der Aufmerksam keit. Die Semperoper (und damit die Staats kapelle Dresden), die Deutsche Kammer philharmonie Bremen, die DĂŒsseldorfer Symphoniker sowie das Verdi-Orchester aus Mailand luden den Wettbewerbsgewin ner fĂŒr Vorstellungen und Konzerte ein, und der Grundstein fĂŒr eine bemerkens werte Karriere war gelegt. 2015 nahm Shok hakimov die Position des Ersten Kapell meisters an der Deutschen Oper am Rhein DĂŒsseldorf Duisburg an, neben einer Neu produk tion von Pique Dame dirigierte er dort Vor stellungen von Madama Butterfly, Salome und Tosca . Viel beachtet wurde auch sein Erfolg beim Young Conductors Award der Salzburger Festspiele im August 2016. FĂŒr das PreistrĂ€ger*innenkonzert
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AZIZ SHOKHAKIMOV
PORTRĂT
mit dem RSO Wien kehrte er im Folgejahr an die Gestade der Salzach zurĂŒck und stand 2019 schliesslich bei der Festspiel eröffnung in der Felsen reitschule am Pult des Mozart eumorchesters, mit Patricia Kopatchinskaja als Solistin. Inzwischen hat Shokhakimov bei vielen wichtigen Orches tern in Europa sein DebĂŒt gegeben. Im Juni 2021 sprang er kurz fristig fĂŒr Sir John Eliot Gardiner beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein. In Nord amerika hat er bereits die Orchester in Houston, Toronto und Salt Lake City diri giert. Eine weitere Sprosse auf der Karrie releiter wird er im Februar 2023 erklimmen, wenn er an der OpĂ©ra National de Paris die musikalische Leitung einer Neuproduktion von Lucia di Lammer moor ĂŒbernimmt. Seit 2017 ist Shokhakimov Chefdiri gent des Tekfen Filarmoni Orkestrası. Der in der TĂŒrkei beheimatete und privat finan zierte Klangkörper bemĂŒht sich um den musikalischen Dialog von Orient und Okzi dent und bringt Musiker*innen aus den Anrainerstaaten des Schwarzen Meers und Zentralasiens zusammen. 2021 endete Sho
khakimovs Kapellmeisterzeit in DĂŒsseldorf/ Duisburg, seit Beginn der Saison 2021/22 ist er nun Chefdirigent des Orches tre Phil harmonique de Strasbourg. Neben etlichen Konzerten ĂŒbernimmt Shokha kimov je des Jahr die musikalische Leitung einer Neuproduktion an der dortigen OpĂ©ra Na tional du Rhin. In der ersten Spielzeit war dies Walter Braunfelsâ Oper Die Vögel, in der aktuellen Saison wird es Rimski-Kor sakows Le coq dâor sein. Beide Werke zei gen, dass Shokhakimov ein besonderes Interesse fĂŒr farbenreiche, prĂ€zis ausge arbeitete Partituren hegt. Und so ist es folgerichtig, dass bei seinem Basler DebĂŒt neben Tschaikowskis Violinkonzert sowohl Debussys La Mer als auch Anders Hillborgs schillernder Sound Atlas auf dem Pult lie gen werden.
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AZIZ SHOKHAKIMOVPORTRĂT © Mischa Blank
CLAUDE
La Mer, trois esquisses symphoniques pour orchestre
EINE TĂNENDE REPRĂSENTATION DES MEERES
VON WALTER WEIDRINGER
Claude Debussy hatte zu Anfang des 20. Jahrhunderts aus finanzieller Notwen digkeit heraus begonnen, sich als Musikkritiker zu ver dingen, und zu diesem Zweck einen scharfzĂŒngigen, Zigarre rauchenden GesprĂ€chs partner namens Monsieur Croche erfunden. Doch auch spĂ€ter noch, als lĂ€ngst etablierter Komponist, war Debussy fĂŒr seine spitze Feder bekannt, fĂŒr seinen betonten französischen Nationalismus und fĂŒr so manches gehĂ€ssige Bonmot auf Kosten berĂŒhmter Kolleg*innen und VorgĂ€n ger*innen.
«Kein Mensch ist verpflichtet, nur Meister werke zu schreiben, und wenn man die Pastoral-Symphonie als solches behandelte, wĂŒrde diese Bezeichnung an Kraft einbĂŒs sen», Ă€tzte er einmal in Richtung Ludwig van Beethoven. â Eine derart rigorose Ab lehnung also ausgerechnet jenes sin foni schen Werks, in dem Beethoven das Leben auf dem Lande in Töne ĂŒbersetzte, wo doch Debussy selbst die musikalische Schilde rung der Natur keinesfalls verschmĂ€ht hat, gerade etwa in La Mer ? Um den offensicht lichen Widerspruch aufzulösen, muss man bedenken, dass Debussy, obwohl anfangs auch er der in Frankreich grassierenden Begeisterung fĂŒr Richard Wagner erlegen war, sich spĂ€ter mit Vehemenz von dieser gelöst und seine Vorbilder anderswo gefun den hat: weit abseits der sich selbst allzu wichtig nehmenden deutsch-österreichi schen Musikgeschichte, beim urwĂŒchsigungezĂŒgelten Russen Modest Mussorgski, bei der javanischen Gamelan-Musik und ihrer Pentatonik, in der Klarheit der fran zösischen Clavecinisten des Barock, in den Synkopen des aufkommenden Ragtime. Das jeweilige VerhĂ€ltnis sowohl zu Beethoven als auch zu Wagner war zwar fĂŒr die nach folgenden Komponistengenerationen in Deutschland und Ăsterreich die zentrale Frage, an der sich alle messen lassen muss ten â fĂŒr Frankreich hingegen leugnete Debussy deren Bedeutung, weil dies fĂŒr ihn die Fixierung auf einen ĂŒberholten Ă€sthe
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DEBUSSY
ZUM WERK
tischen Standpunkt darstellte: «Es schien mir bewiesen, dass die Symphonie seit Beethoven ĂŒberflĂŒssig geworden war. Bei Schumann und Mendelssohn ist sie ohne hin nur eine respektvolle Wiederholung der gleichen Formen, mit bereits geringerer schöpferischer Kraft. Die Neunte war aller dings ein genialer Fingerzeig, ein gross artiges Verlangen nach Erweiterung der Formen», schrieb Claude Debussy in einem Aufsatz zur Sinfonie, um sodann den Schluss zu ziehen: «Beethovens wirkliche Lehre bedeutete also nicht die Bewahrung der alten Form, noch weniger die Verpflich tung, in die Fussstapfen seiner ersten Ver suche zu treten.»
Debussy wollte jedoch sowohl das Erbe Beethovens als auch jenes Wagners ĂŒberwinden: Hatte er in seiner Oper Pel lĂ©as et MĂ©lisande (1893â1898) noch unwei gerlich Wagner bis zu einem gewissen Grad seine Reverenz erweisen mĂŒssen, so liess er das frĂŒhere Vorbild nun ebenso hinter sich wie die Gebote der konservativen In s trumentalmusik: Schliesslich mochte er sich seine musikalische Erfindung genau so wenig von der in der Wiener Klassik entwickelten und von Brahms noch weiter getriebenen DurchfĂŒhrungstechnik mit ihrer motivisch-thematischen Arbeit ein schrĂ€nken lassen. Mit Bedacht nannte der Komponist La Mer im Untertitel «trois esquisses symphoniques», also «drei sinfo nische Skizzen»: Skizzen, weil in dieser Musik die formalen Kriterien ebenso wie die inhaltlichen Prinzipien althergebrach ter Orchestersprache suspendiert sind; sinfonisch, weil sich die Themen dieses gross angelegten Werks doch entwickeln, in den EcksĂ€tzen am Ende gar zu hymni scher Apotheose vereinigen. Aber ebenso wenig, wie man La Mer im technischen Sinn eine fĂŒr Debussy ĂŒberkommene traditio nelle DurchfĂŒhrungstechnik ablauschen kann, erschöpft sich das Werk klanglich in konkret deskriptiver, sozusagen natura listischer Tonmalerei: Höchst selten, am ehesten noch im scherzoartigen Mittel satz, in dem man etwa sich krĂ€uselnde Gischt vernehmen mag, liessen sich kon krete programmmusikalische Ausdeutun gen dingfest machen.
Das reale Meer platterdings abzubil den, war jedoch gar nicht Debussys Absicht,
Claude Debussy (1862â1918) um 1905
selbst wenn dieses ihn zeitlebens gefesselt hatte. Seinem Freund AndrĂ© Messager, der 1902 die UrauffĂŒhrung des PellĂ©as dirigiert hatte, vertraute er im September des da rauffolgenden Jah res brieflich an: «Sie wis sen vielleicht nicht, dass ich fĂŒr die schöne Laufbahn eines Seemanns bestimmt war und nur die ZufĂ€lle des Lebens mich davon abgebracht haben. Trotzdem habe ich [dem Meer] eine wahre Leidenschaft bewahrt.» Eine Leidenschaft freilich, die keine ört liche NĂ€he brauchte, um inspirierend zu wirken: Ausgerechnet auf dem Land be gann er die Komposition, «in der dörfli chen Abgeschieden heit Burgunds im Som mer 1903, den er mit seiner Frau in Bichain (DĂ©partement Yonne), dem Sommersitz sei ner Schwiegereltern, verbrachte» (Peter Jost). Und im erwĂ€hnten Brief an Messager gibt Debussy nicht nur die erste Fassung der Satztitel preis, sondern betont auch gewissermassen die Autonomie seiner in neren Vorstellungen und ihre Dominanz ĂŒber jede blosse Deskription: «Ich arbeite an drei symphonischen Skizzen mit den
© akg-images
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CLAUDE DEBUSSYZUM WERK
Ăberschriften:
1. Mer belle aux Ăźles san guinaires [Ruhige See vor den Ăles Sangui naires].
2. Jeu de vagues [Spiel der Wellen].
3. Le vent fait danser la mer [Der Wind lĂ€sst das Meer tanzen] unter dem Gesamt titel La Mer. [âŠ] Nun werden Sie sagen, dass die Weinberge Burgunds nicht gerade vom Ozean umspĂŒlt werden! Und dass das Ganze wohl den im Atelier gemalten Landschaf ten gleichen könnte! Aber ich habe unzĂ€h lige Erinnerungen; das ist meiner Meinung nach besser als eine RealitĂ€t, deren Charme im Allgemeinen die Gedanken zu sehr be lastet.»
Stattdessen gelang ihm in diesem Werk mit den musikalischen Ăquivalenten von Farbwert und Pinselstrich eine tönende ReprĂ€sentation des Meeres â in «geheim nisvoller Ăbereinstimmung von Natur und Imagination», wie der Komponist den Sach verhalt selbst beschrieben hat. Diesen Un terschied zu begreifen und La Mer eben nicht daran zu messen, wie deutlich es seinen Titel als vermeintliche Programm musik einlösen könne, war freilich viel verlangt vom Publikum der nicht sonder lich erfolgreichen UrauffĂŒhrung, die am 15. Oktober 1905 in Paris mit dem Orchestre Lamoureux unter Camille Chevillard statt fand. (Neben einer ungĂŒnstigen Proben situation war auch noch die öffentliche Meinung gegen Debussy eingestellt, weil er sich kurz zuvor wegen der Bankiersgattin und SĂ€ngerin Emma Bardac von seiner Frau getrennt hatte; wĂ€hrend eines Ur laubs des neuen Paars Ende Juli 1905 in Eastbourne an der englischen KanalkĂŒste, bald nach Emmas Scheidung, war La Mer vollendet worden.)
Es bedurfte eines feinfĂŒhligen Kolle gen wie Paul Dukas, ein zentrales Charak te ris tikum des Werks zu benennen, das lĂ€ngst zu den beliebtesten Kompositionen Debussys und des 20. Jahrhunderts ĂŒber haupt zĂ€hlt: Hier wird nicht etwa eine Geschichte erzĂ€hlt, sondern eine sozusa gen nĂŒchtern-naturwissenschaftliche, âčano nymeâș Bestandsaufnahme der Elemente vollzogen, die «alles Anthropomorphe, alle Beziehung zu einem Sujet ausschliesst». Anders als in unzĂ€hligen See- und Sturm musiken vor und nach La Mer bleibt also der Mensch hier als bedrohtes oder die Gefah ren doch meisterndes Subjekt konsequent
ausgespart: Nicht die Auswirkungen des Meers auf uns stehen im Zentrum, sondern dessen gleichsam objektive Charakteristik.
Der 1. Satz von La Mer, «Von der Mor gendĂ€mmerung bis zum Mittag auf dem Meer», beginnt «sozusagen als die Geburt der Mu sik aus dem Geiste des Klangs, ge nauer: ihrer einzelnen, nacheinander ein tretenden Elemente und Dimensionen (Ein zelton, Klangfarbe, Taktart, Motiv, Tona litĂ€t, Thema, Entwicklung, Form), und das alles ohne âčsymphonischeâș Kompositions technik. Die Apotheose, die als âčspringen der Punktâș in der Coda eintritt, ist eine der Musik selber.» (Dietmar Holland) Nach den leicht und locker gefĂŒgten giocosen Elementen des Mittelsatzes, «Spiel der Wel len», schlĂ€gt der letzte, «ZwiegesprĂ€ch von Wind und Meer», dramatisch-ernste Töne an: Der Dialog zwischen chromatischen Wind-The men und aus dem 1. Satz ĂŒber nommenen diatonischen Meeres-Themen gipfelt in einer grandiosen, geradezu mys tisch wirkenden Vereinigung der beiden SphĂ€ren.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des TonkĂŒnstler-Orchesters Niederösterreich
La Mer, trois esquisses symphoniques pour orchestre
Flöten,
Fagotte,
Oboen, 2 Klarinetten,
Hörner,
Trompeten,
Posaunen, Tuba, Pauke, Perkussion,
Harfen, Streicher
in Bichain (Burgund)
Oktober 1905 in Paris mit dem Orchestre Lamoureux unter der Leitung von Camille Chevillard
ca. 25 Minuten
20CLAUDE DEBUSSYZUM WERK
BESETZUNG 3
3
4
4
5
3
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ENTSTEHUNG 1903â1905
URAUFFĂHRUNG 15.
DAUER
RĂCKBLICK
Daniel Nussbaumer
© Benno Hunziker
160 SchĂŒler*innen der Gymnasien Muttenz und Liestal stellten sich mit dem Sinfonieorchester Basel am 26. August 2022 der Herausforderung, Giuseppe Verdis Requiem im Stadtcasino Basel aufzufĂŒhren.
AuffĂŒhrung einer Basler RaritĂ€t: Hans Hubers Oratorium Weissagung und ErfĂŒllung im Stadtcasino Basel am 20. August 2022.
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MUSIKLAND FINNLAND
VON SIGFRIED SCHIBLI
In einem Mitschnitt aus der Londoner Royal Albert Hall von 2016 erlebt man den Solisten des heutigen Konzertabends mit einer bizarren Zugabe. Der finni sche Geiger Pekka Kuusisto kĂŒndigt ein karelisches Volkslied an. Schon das ist ungewöhnlich fĂŒr einen Musiker, der im internatio nalen Konzertleben als Interpret der Meisterwerke von Beethoven, Brahms, Tschaikowski und Sibelius bekannt ist.
Kuusisto verpackt seine Zugabe in eine lau nig-lustige Moderation, in welcher er unter dem GelĂ€chter des Publikums behauptet, Russland sei einst ein Teil Finnlands gewe sen (umgekehrt wĂŒrde ein Schuh draus). Dann fasst er den Inhalt des Volksliedtextes zusammen, und der ist alles andere als po litisch korrekt, grenzt hart an Machismo
und Frauenfeindlichkeit. Dies alles aus dem Mund des BĂŒrgers eines Staates, der den Frauenrechten und der Emanzipation schon viel frĂŒher zugeneigt war als andere LĂ€nder! Dann spielt Kuusisto endlich die Zu gabe, besser gesagt: Er singt sie, sich selbst auf der Geige begleitend, und fordert am Ende das Publikum zum Mitsingen auf. Der Saal tobt vor Begeisterung. Vielleicht ist dieser satirische, kabarettistische Zug eine persön liche Eigenart des Meistergeigers Kuusisto. Ich habe mir eine andere ErklĂ€ rung zurechtgelegt. Viele Finnen haben zur Musik aus ihrem Heimatland ein geradezu sentimentales VerhĂ€ltnis â Musikliebe mit einem krĂ€ftigen Schuss Patriotismus. Und dieses Pathos könnte bei einem wachen Geist wie Pekka Kuusisto leicht zu einer demonstrativen Gegenreaktion fĂŒhren. Da ich mit einer finnischen Frau verheiratet bin und schon öfter in diesem schönen Land war, habe ich die finnische Musikbegeiste rung mit eigenen Augen und Ohren erlebt. Im Sommer gibt es in vielen Kirchen und GemeindesĂ€len Konzerte und Musikfesti vals. Das Opernfestival in Savonlinna ist nur das berĂŒhmteste, daneben wĂ€ren noch viele andere StĂ€dte und Dörfer zu nennen, die zur Sommerzeit hoch- und höchst ka rĂ€tige Musiker als GĂ€ste haben. Dirigenten wie Vladimir Ashkenazy und Valery Ger giev hatten oder haben hier ihre eigenen Festivals, und neben der betrĂ€chtlichen Zahl heimischer Talente treten hier zahl
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ORTSGESCHICHTEN
reiche Musikstars aus Russland, aus Kon tinentaleuropa und aus Amerika auf. Es gibt BĂŒcher ĂŒber finnische Dirigenten und ĂŒber das «finnische Opernwunder» (Olem me oopperamaa, Finnland â Land der Oper). Darin schreibt unter vielen anderen Ilkka Kuusisto, der Vater des Geigers, ĂŒber seine âčMumin-Operâș und seine Oper ĂŒber die le gendĂ€re finnische Sopranistin Aino AcktĂ©.
Chauvinismus ist nicht gerade ein schönes Wort fĂŒr das, was ich dem finni schen Volk in brutaler Vereinfachung gerne zuschreiben möchte. Nennen wir es besser Enthusiasmus. Vielen Finnen ist es nicht egal, was sich in ihren Konzerten abspielt. Ganz im Gegenteil, viele nehmen regen Anteil an den Festivals mit ihrem hohen Anteil an zeitgenössischer finnischer Musik. Wenn in Savonlinna oder Helsinki eine neue finnische Oper uraufgefĂŒhrt wird, ist das ein nationales Ereignis. Dann kann es gut sein, dass man von Taxifahrern oder BeerenverkĂ€uferinnen gefragt wird, wie man die Oper fand, denn ein Teil des fin
nischen Nationalstolzes hÀngt an der so genannten Hochkultur.
Ich erinnere mich an meine erste Be gegnung mit meiner Schwiegermutter, einer gebildeten, aber nicht unbedingt musika lisch geschulten Frau. Kaum hatten wir uns begrĂŒsst, ĂŒberfiel sie mich mit der Frage: «Magst Du die Musik von Jean Sibelius?» Ich kam ein wenig in Verlegenheit, denn ich war damals stark von Theodor W. Adorno geprĂ€gt, und dieser hatte in einem bitter bösen Aufsatz die Musik des finnischen Nationalkomponisten Sibelius wirkungsvoll in der Luft zerrissen. Ich stotterte deshalb ein wenig herum, denn ich wollte meine Schwiegermutter in spe nicht krĂ€nken. Aber es war schon typisch, dass ich mit dieser Frage konfrontiert wurde. Können Sie sich vorstellen, dass eine Schweizer Schwieger mutter ihrem finnischen Schwiegersohn als erstes die Frage stellt, ob er Schoeck, Sutermeister oder Kelterborn mag?!
Opernfestspiele in Savonlinna, Finnland
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MUSIKLAND FINNLANDORTSGESCHICHTEN © Wikimedia Commons
DOROTHEE
im GesprÀch
«DIE MUSIK IST
DAS GROSSE GANZE»
VON LEA VATERLAUS
Die bezaubernde kleine Viertelvioline ihrer Schwester bewog sie zur Ausbildung als Geigerin, und die klare Sprache der klassischen Epoche begeistert sie: Seit 1998 ist Dorothee Kappus Register-Mitglied bei den ersten Geigen im Sinfonie orchester Basel. Ein GesprĂ€ch ĂŒber die Empfindlichkeit ihrer alten italienischen Geige, das Besondere am Musiker*innen-Beruf und ihre akribische Auseinan dersetzung mit Notentexten.
LV Dorothee Kappus, Du bist seit 24 Jah ren beim Sinfonieorchester Basel. Worauf kommt es im Orchester an, damit gute Musik entsteht?
DK Die Voraussetzung ist natĂŒrlich, dass alle ihr Instrument beherrschen. WĂ€hrend des Studiums werden Musiker*innen dazu erzogen, sich solistisch und persönlich
individuell zu entwickeln. Im Orchester kommt man plötzlich in eine neue Situa tion: Man muss sich einerseits einfĂŒgen und zurĂŒcknehmen, andererseits aber auch emotional einbringen. Die Aufgabe der Diri gent*innen ist es dann schliesslich, diese Energien so zu bĂŒndeln, dass letztlich wie aus einem Körper Musik zum Klin gen ge bracht wird. Die Musik ist das grosse Ganze und wir stehen in ihrem Dienst.
LV Weshalb bist Du Geigerin geworden? DK Ich wuchs in einem musikalischen Haushalt auf, mein Vater ist ein Ă€usserst begabter Amateur-Bratschist, meine Mut ter unterrichtete Flöte, Geige und Klavier. Meine drei Ă€lteren Schwestern sind alle auch Berufsmusikerinnen geworden. Bei uns war den ganzen Tag lang ein unheim licher Krach zu Hause. (lacht) Irgendwann sah ich die kleine, entzĂŒckende Viertelgeige meiner Ă€lteren Schwester, und da blieb mir fast nichts anderes ĂŒbrig, als auch Geige zu lernen. Ich studierte erst in Basel, und machte dann mein Konzertexamen in Frei burg im Breisgau. Nach ein paar Jahren als freischaffende Musikerin bekam ich in
«Bei uns war den ganzen Tag lang ein un heimlicher Krach zu Hause.»
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KAPPUS
VORGESTELLT
© Pia Clodi
Peaches & Mint
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/
einem Nachstudium in Bern den âčletzten Schliffâș, bevor ich zum Sinfonieorchester Basel kam. Im nĂ€chsten Leben wĂŒrde ich mich sehr wahrscheinlich fĂŒr die Panto mime entscheiden â vielleicht, weil ich immer von (zu) viel LĂ€rm umgeben war und je Ă€lter ich werde den Ausdruck in der Stille suche.
LV Was zeichnet Deinen Beruf aus?
DK Ich finde, wir Musiker haben einen sehr speziellen Beruf. Ein Notentext ist eigentlich tote Materie. Nur der Musiker kann diese zum Leben erwecken, indem er den Text in seiner momentanen Verfas sung interpretiert. Dieses Einmalige und FlĂŒchtige fasziniert mich immer aufs Neue. Ich fĂŒhle mich manchmal durchaus âčaus serirdischâș, auch in GesprĂ€chen mit mei nem Freund, der in einem ganz anderen Arbeitsfeld, der Sicherheitspolitik, tĂ€tig ist: Knall harte RealitĂ€t und meist schwer fĂ€llige Prozesse. Wir haben aber auch schon herausgefunden, dass ein Orchester und eine Armee durchaus Gemeinsamkeiten aufweisen. (lacht)
LV Deine Schwester Annemarie spielt auch beim Sinfonieorchester Basel. Gibt es da manchmal Schwierigkei ten?
DK Bei Geschwistern, die im selben Or chester im gleichen Register dasselbe Ins trument spielen, bleibt es nicht ganz kon fliktfrei und man wĂŒnscht sich die andere manchmal weit weg. Es gibt aber auch die tollen Aspekte: Bei der Beurteilung von Solist*innen oder Dirigent*innen fĂŒhlen wir beispielsweise meistens genau dasselbe. Und wenn wir Kammermusik machen, mĂŒs sen wir ĂŒber viele Dinge gar nicht disku tieren, wir verstehen uns blind. Wir sind sehr unterschiedlich und uns trotzdem nahe. Wir kommen aus demselben âčStallâș.
LV Gibt es ein Werk, das Dich besonders berĂŒhrt?
DK Beim Saisonabschlusskonzert âčAuf bruchâș im vergangenen Juni stand Gustav Mahlers 1. Sinfonie auf dem Programm. Das Werk ist eine meiner absoluten Lieb lingssinfonien, und ich sagte unserem Dis ponenten bereits Anfang Saison, dass ich dieses Konzert spielen möchte, auch um sonst. Die Sinfonie liegt sowohl technisch als auch musikalisch einfach gut, und man hat die Möglichkeit, sich im Orchester um zuhören und sich auf andere Stimmen ein zulassen. Diese Sinfonie beschreibt das Leben in allen Facetten â vom Triumph zum totalen Absturz. Man muss kein Mu sik-Experte sein, um dieses unmittelbare und riesige GefĂŒhlsspektrum zu verstehen. Nach dem Konzert traf ich Leute, die TrĂ€ nen in den Augen hatten. Das war ein wun derschönes ganzheitliches Ereignis.
LV In welcher Musikepoche fĂŒhlst Du Dich zu Hause?
DK Ich liebe Mahler, Brahms, Puccini und Verdi, wĂŒrde mich aber gar nicht als Roman tikerin bezeichnen. Im Studium habe ich mich stark mit den Klassikern wie Mozart und Beethoven beschĂ€ftigt und so gemerkt, dass diese klare Sprache meinem Wesen am meisten entspricht. Obwohl Beethoven durchaus romantische AnsĂ€tze hatte und ihr Wegbereiter war.
© Pia Clodi / Peaches & Mint
26DOROTHEE KAPPUSVORGESTELLT
LV Wie bereitest Du Dich auf Proben und Konzerte vor?
DK Ich bin sehr streng mit mir, wenn ich einen Notentext lerne. Ich möchte wirklich verstehen, was der Komponist oder die Komponistin will. Nebst den Noten gibt es ja auch immer viele Anmerkungen. Diese genaustmöglich umzusetzen, ist mir wich tig. Man möchte dem Werk ja so gut es geht gerecht werden. Daneben ĂŒbe ich fast tĂ€g lich. Ich bereite mich zu Hause gut vor, so dass es in den Proben nur noch um den Feinschliff geht.
LV Was fĂŒr ein Instrument besitzt Du?
DK Ich besitze eine alte italienische Vio line, die zwischen 1790 und 1800 gebaut wurde und aus der neapolitanischen Geigen bauerfamilie Vinacci stammt. Diese Instru mente sind sehr sensibel und reagieren stark auf KlimaverĂ€nderungen, vor allem was die Luftfeuchtigkeit anbelangt. Ich habe fĂŒr den Stimmstock meines Instru ments â ein HolzstĂŒck, das die Schwingun gen von der Decke auf den Boden der Geige ĂŒbertrĂ€gt â eine Winter- und eine Som mereinstellung. Wenn die Heizperiode be ginnt, verschiebt meine Geigenbauerin den Stimmstock um einen halben Millimeter. Wenn das Instrument nicht gut klingt, sollte man sich aber auch hinterfragen, ob man es nicht selbst ist, der unzufrieden mit sich und seinem Spiel ist.
Links und rechts auf der Seite gab es ver schiedene Notensysteme, Zeichen fĂŒr Fla geoletts und die Verwendung von DĂ€mp fern und alle möglichen weiteren Angaben. FĂŒr mich war es damals eine riesige organi satorische Herausforderung, diese Partitur zu erfassen und zu wissen, wann ich zu blĂ€t tern hatte und wo ich spielen musste. Da realisierte ich: Das ist mein Einstieg in die Orchestermusik. (lacht)
Ich finde es notwendig und gut, dass zeitgenössische Musik in den KonzertsĂ€len dieser Welt einen festen Platz hat. Herr Hillborg ist ja diese Saison âčComposer in Residenceâș beim Sinfonieorchester Basel.
Somit hat man die Möglichkeit, mehrere seiner Werke zu spielen oder zu hören. Dies finde ich spannend und begrĂŒssenswert.
LV Dorothee Kappus, vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch!
LV In diesem Konzert werden neben Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Romantik Ti tan, seinem Violinkonzert, auch Wer ke von Claude Debussy und Anders Hillborg gespielt. Ein Programm, das Dir gefÀllt?
DK Debussys La Mer spielte ich im Alter von 17 Jahren zum ersten Mal mit der Basler Sinfonietta. Ich weiss noch, dass ich diese Partitur so unfassbar kompliziert fand:
«Ich finde es notwendig und gut, dass zeitge nössische Musik in den KonzertsÀlen dieser Welt einen festen Platz hat.»
27DOROTHEE KAPPUSVORGESTELLT
CWIE CHORAL
VON BENJAMIN HERZOG
FĂŒr gewöhnlich vermag der Mensch zu un terscheiden zwischen Wichtigem und Un wichtigem. Es wĂ€re ja auch unpraktisch, wenn uns alles, was uns in unserer Umwelt begegnet, völlig gleich bedeutend vorkĂ€me. Wir sĂ€hen bloss, dass die Dinge einander glichen wie ein Ei dem anderen. In der Zei tung mĂŒssten wir jeden Artikel lesen. Auch die Anzeigen, die Lösung vom Kreuzwort rĂ€tsel der Vorwoche und den Sport.
Auch aus musikalischer Perspektive ist das mit dem Wichtigen und Unwichti gen von Bedeutung. Melodie und Begleit stimme, Solo und Tutti, Thematisches und Ăberleitungen. Das sind (wichtige) Katego rien. Eine Lehrerin am Konservatorium be hauptete einmal, Mozarts Musik sei wie ein perfektes Mobile. Alle Teile schwebten da rin in völliger Ausgeglichenheit. WĂŒrde man hier nur eine Note wegnehmen, so die se Mozart-Verehrerin, kĂ€me das Ganze in musikalische SchrĂ€glage. Vielleicht hatte sie recht. Aber gilt das fĂŒr jede Musik? Wie viel Graue Energie steckt zum Beispiel in einem spĂ€tromantischen Sinfoniebrocken? Ist da jedes Teilchen tatsĂ€chlich gleich wich tig? Hören Sie nur mal die FĂŒnfte von Bruck ner. Das hundertköpfige Orchester spielt. Wir biegen in die Schlusskurve des letzten Satzes ein. Hinten bringen sich die Blech blĂ€ser in Stellung, Hörner, Posaunen, Trom peten, und setzen zum alles ĂŒberstrahlen den Choral an. Da ist dann klar, wo Gott
hockt. Mögen die Streicher, Flöten, Klari netten noch so sehr figurale FĂŒlle dazu geben, sie und viele andere sind kaum mehr als auratischer Glanz. Ein Hintergrundflim mern in Sechzehntel noten.
Und genau darauf liess es Bruckner, auch in anderen Sinfonien, ankommen. Auf diesen Fokus, dieses Scheinwerferlicht auf ein paar wenige Noten, die mit vollem Ge wicht einer Sinfonie den Stempel aufdrĂŒ cken. Der Musikwissenschaftler Dietmar Holland hörte in Bruckners FĂŒnften eine «Steigerung der Gesamtentwicklung bis zum absoluten Höhepunkt am Schluss des Finales, wo sich gleichsam der Himmel öffnet». Wo man ja bekanntlich die letzten Dinge sieht.
Allerdings: Einen Choral im ursprĂŒng lichen Sinne zeigt uns Bruckner hier gar nicht. Choral leitet sich ab von Lateinisch âčchoralisâș, also chorisch, zum Chordienst gehörend. So weiss es das Lexikon und ver weist auf die seit dem Mittelalter gelĂ€ufige Praxis, in der Kirche ein- oder mehrstim mig im Chor zu singen. War diese ehren volle Aufgabe anfĂ€nglich nur ausgebildeten SĂ€ngern vorbehalten, so durften nach der Reformation auch Krethi und Plethi aus der Kirchbank mitsingen. Die Melodien des reformierten Gottesdienstes waren eingĂ€n gig und allbekannt durch Sammlungen wie Martin Luthers Wittenberger Gemeinde gesangbuch. «Die Musik vertreibt den Teufel und macht die Leute fröhlich», sagte Luther.
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LEXIKON DES ORCHESTERS
© Janine Wiget
Er meinte damit jedoch nicht die Instrumen talmusik, sondern den Gesang.
In Bachs Passionen hat sich fĂŒr uns, das Konzertpublikum, diese Choralpraxis erhalten. Meine Tante zerknĂŒllte regelmĂ€s sig TaschentĂŒcher, wenn sie in der Mat thĂ€us-Passion «Wenn ich einmal soll schei den» sangen. Ăber Bachs Passionen ist dieser âčChoral-Effektâș in die Sinfonik gewan dert. Felix Mendelssohn Bartholdy machte â in seiner 2. Sinfonie etwa â Gebrauch davon. Sie ist eine âčChoral-Sinfonieâș gleich im doppelten Sinne. Erst intonieren die Posaunen zu Beginn mottoartig die Psalm melodie «Alles, was Odem hat, lobet den Herrn». Am Schluss singt dann ein Chor denselben Psalm. Der Bogen zum Sinfo niebeginn ist geschlagen, die Aussage fest genagelt. Den Typus Sinfonie mit Chor hat Mendelssohn natĂŒrlich bei Beethoven ab gekupfert. Und er ist damit nicht alleine. Erhalten hat er sich ĂŒber Mahler hinaus bis zu Komponisten wie Ralph Vaughan Williams (A Sea Symphony) oder Dmitri Schostakowitsch (13. Sinfonie, Babi Jar ).
Das Deutsche verwendet fĂŒr solche Sinfonien mit Chor den Begriff Chorsin fonie . Die EnglĂ€nder sprechen von einer âčchoral symphonyâș, was aber nicht bedeutet, dass ein Choral, ob erfunden oder zitiert, darin vorkommen muss. Oft finden wir Misch formen. In Gustav Mahlers Auferste hungssinfonie steht auch der Chor zum Schluss wieder auf, das Blech legt choral
artig nach, und die Glocken bimmeln ĂŒber dies dazu. Das ist eine Predigt, sapperlot, und dem lauschenden Volk schallert die Melodie noch lange nach. Auch Brahms und natĂŒrlich Beethoven griffen auf das Modell âčGemeindegesangâș zurĂŒck, um ihren Sinfonien den erwĂŒnschten Nachdruck zu verleihen.
Böse Zungen behaupten, solche Cho ralschlĂŒsse dienten einzig dazu, dem Publi kum nach einer Stunde sinfonischer Kraft anstrengung die Gewissheit zu geben, dass nun endlich alles gut sei. Und das im Wort sinne: alles. So schreibt ein Bernhard Scheyrer in seiner Nutzlichen Underwei sung 1663: «Dahero wird das Choralgesang genennet ein stetes Gesang, weil in dem Choral ain Noten soviel giltet als die an der». Alles ist also gleich wichtig, so ein fach ist das.
â Das nĂ€chste Mal: D wie Dienst
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C WIE CHORALLEXIKON DES ORCHESTERS
BROKEN MARRIAGES
BY BART DE VRIES
The two main compositions on our musi ciansâ stands this month both belong to the canon of western classical music, but stem from different cultural backgrounds. What they have in common is that they were conceived while the marriages of their composers, Tchaikovsky and Debussy, were under a great deal of pressure. Does this shine through in the music?
When he started composing his violin concerto in 1878, Pyotr Ilyich Tchaikovsky (1840â1893) was staying in Clarens, Switzer land, on the shores of Lake Geneva, to re cover from a depression. His nervous break down was caused by the sheer hopelessness of his marriage to Antonina Miliukova, one of his students, whom he had wedded only a year before as a barely disguised coverup for his homosexuality. While in Clarens, Tchaikovsky developed a relationship with the violinist Iosif Kotek, a student of the famous Joseph Joachim and of Tchai kovsky himself. The question is whether the tur bulence in his life, leaving behind his wife (never to return to her) and spending time with his beau, found its way into his violin concerto. There is no written source that either confirms or rejects the idea unequi vocally, but it is tempting to hear all the associated emotions in the concerto, from the profound depths of depression to the elated joy of love, to the calm resignation to oneâs fate. The more straightforward the ory is that the concerto was inspired by Laloâs Symphonie Espagnole (most audible in the first movement), a version for violin and piano of which the lovers had appar ently been playing during Kotekâs visit. Either way, after a difficult reception it went on to become one of the icons of the violin repertoire.
Claude Debussy (1862â1918) had de camped to his family-in-law in Burgundy
in 1903, when he started work on La Mer, three symphonic sketches for orchestra . Less than a year later, in 1904, while still working on the piece, his marriage to Marie-Rose Texier started to unravel. In the sum mer of that year he left her for good, immedi ately after which he travelled with his new â amanteâ, Emma Bardac, to the island of Jer sey and the Normandian seaside resort of Pourville. On 30 October 1905, fif teen days after La Merâs premiere in Paris, their daughter Claude-Emma was born out of wedlock.
Just like Tchaikovskyâs violin concerto, La Mer was conceived against an emotional backdrop as choppy and tempestuous as the sea itself. Although one might expect this to be reflected in the composition, re ceived opinion is that the composition is more indebted to the visual arts, in par ticular works by the sea painters William Turner and James Whistler and the Japa nese painter and illustrator Hokusai. Whilst the form and harmonic lan guage of Tchaikovskyâs composition are still rather conventional, Debussyâs La Mer is ahead of its time. âChanges of meter and tempo, the elliptical way in which motives are presented, the constant ambiguity, the unexpected dynamic explosions and the new ways of using the orchestra,â as a French musicologist described the piece, left the audience disoriented. But over time, pro fessionals and amateurs alike came to ap preciate the work for what it is: a master piece full of colour, elasticity and energy.
As diverse as the two works are, pair ing La Mer with Tchaikovskyâs violin con certo makes for a happy marriage, at least for one evening.
IN ENGLISH 30
MUSIK VERBINDET âFREUNDSCHAFT AUCH
Der Freundeskreis ist eine engagierte Gemein schaft, die Freude an klassischer Musik sowie eine hohe WertschĂ€tzung gegenĂŒber dem Sinfonie orchester Basel verbindet.
Wir unterstĂŒtzen die Arbeit der Musiker* innen des Sinfonieorchesters Basel mit konkreten Projekten und finanziellen Bei trĂ€gen. DarĂŒber hinaus tragen wir dazu bei, in der Stadt und der Region Basel eine positive AtmosphĂ€re und Grundgestimmt heit fĂŒr das Sinfonieorchester Basel und das kulturelle Leben zu schaffen. Unser Verein bietet seinen Mitgliedern ein reich haltiges Programm an exklusiven AnlĂ€ssen mit dem Sinfonieorchester Basel sowie ĂŒber ausgewĂ€hlte Veranstaltungsformate exklusive Möglich keiten des direkten Kon takts zu Musiker*innen. Wir fördern das gemeinschaftliche musikalische Erleben sowie den Austausch unter unseren Mit gliedern.
Nehmen Sie direkt Kontakt mit uns auf: freundeskreis@sinfonieorchesterbasel.ch oder besuchen Sie unsere Website www.sinfonieorchesterbasel.ch/freundeskreis
31 © Benno Hunziker
VEREIN âč FREUNDESKREIS SINFONIEORCHESTER BASEL âș
31 © Benno Hunziker
KLASSIK MEETS POP & ROCK
CONCERT LOUNGE
Freitag, 21. Oktober 2022, 20 Uhr Stadtcasino Basel, Musiksaal
Werke von Anders Hillborg, Claude Debussy, Pjotr Iljitsch Tschaikowski, JoaquĂn Rodrigo, Sam Himself, Michael KĂŒnstle und Hauschka
Im âčConcert Loungeâș-Konzert dieser Saison trifft das Sinfonieorchester Basel auf den Schweizer Musiker Sam Koechlin. Der Bas ler, der unter dem Namen Sam Himself seit ĂŒber zehn Jahren in seiner Wahlheimat New York lebt, beschreibt seinen Musikstil schmunzelnd als «Fondue-Western», da er einerseits seine Liebe zur amerikanischen Musik wie der von Bruce Springsteen und andererseits seine schweizerische Seite, von der sein Sound ebenfalls geprĂ€gt ist, vereint. Ebenfalls zu Gast ist der deutsche Komponist und Pianist Volker Bertelmann, der unter seinem KĂŒnstlernamen Hausch ka bereits Kompositionen fĂŒr Solist*innen wie den Mandolinisten Avi Avital und den Cellisten Nicolas Altstaedt sowie fĂŒr En sembles und Orchester geschrieben hat. Seine Filmmusik zu Garth Davisâ Oscarnominierten Film Lion, die er gemeinsam mit Dustin Oâ Halloran komponiert hatte, wurde mit einem AACTA Award ausgezeich net und 2017 fĂŒr einen Academy Award, Golden Globe und BAFTA nominiert.
Ausserdem in der âčConcert Loungeâș dabei: der finnische Geiger Pekka Kuusisto, âčArtist in Residenceâș beim Sinfonieor chester Basel, und der Gitarrist Stephan Schmidt, Direktor der Hochschule fĂŒr Mu sik FHNW. Die Leitung haben Michael KĂŒnstle (fĂŒr Sam Himself) und Aziz Shok ha kimov, der bereits in der letzten Saison beim Sinfonieorchester Basel zu erleben war und in dieser Saison das Sinfoniekon zert âčLa Merâș dirigieren wird.
Sinfonieorchester Basel Sam Himself, Gesang & Band Hauschka, PrĂ€pariertes Klavier Pekka Kuusisto, Violine Stephan Schmidt, Gitarre Michael KĂŒnstle, Leitung Sam Himself Aziz Shokhakimov, Leitung
33IM FOKUS
INFORMATIONEN UND TICKETS www.sinfonieorchesterbasel.ch
CONCERT LOUNGE
KLASSIK MEETS POP & ROCK
Sinfonieorchester Basel, Sam Himself, Stadtcasino Basel, Musiksaal Hauschka, Pekka Kuusisto, Stephan Schmidt, Michael KĂŒnstle, Aziz Shokhakimov
Fr, 21. Oktober 2022, 20 Uhr
GASTSPIEL IN LĂRRACH
So, 23. Oktober 2022, 18 Uhr
Sinfonieorchester Basel, Burghof Lörrach Stephan Schmidt, Aziz Shokhakimov
OPERNPREMIERE
LADY IN THE DARK
Sinfonieorchester Basel, Martin G. Berger, Theater Basel SĂ€nger*innen und Chor des Theater Basel, Thomas Wise
Sa, 29. Oktober 2022, 19.30 Uhr
BALLETTPREMIERE
GISELLE
Sinfonieorchester Basel, Pontus Lindberg, Theater Basel TĂ€nzer*innen des Theater Basel, Benjamin Pope / Thomas Herzog
Fr, 4. November 2022, 19.30 Uhr
KAMMERMUSIK
ATRIUMKONZERT
Mitglieder des Sinfonieorchesters Basel Probezentrum Picassoplatz
Sa, 5. November 2022, 16 Uhr
VORVERKAUF (falls nicht anders angegeben): Bider & Tanner â Ihr Kulturhaus in Basel Aeschenvorstadt 2, 4051 Basel
+41 (0)61 206 99 96
ticket@biderundtanner.ch www.biderundtanner.ch
IMPRESSUM
Sinfonieorchester Basel
Picassoplatz 2 4052 Basel
+41 (0)61 205 00 95
info@sinfonieorchesterbasel.ch www.sinfonieorchesterbasel.ch
Billettkasse Stadtcasino Basel Steinenberg 14 / Tourist Info 4051 Basel +41 (0)61 226 36 60
info@stadtcasino-basel.ch
Detaillierte Informationen und Online-Verkauf: www.sinfonieorchesterbasel.ch
Orchesterdirektor: Franziskus Theurillat KĂŒnstlerischer Direktor: Hans-Georg Hofmann Redaktion Programm-Magazin: Lea Vaterlaus & Elisa Bonomi
Korrektorat: Ulrich Hechtfischer Gestaltung: Atelier Nord, Basel Druck: Steudler Press AG Auflage: 4900 Exemplare
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auch.
Beispiel ins Kleinbasel.
SPALENBERG 26 ST.JOHANNS-VORSTADT 47 BASLERLECKERLY.CH Wir exportieren
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