Schlagt sie tot! Von Eva Sommestad Holten Aus dem Schwedischen von Jana Hallberg
1. AKT SZENE 1 Das Jahr 1518. SCHLOSSKIRCHE ZU WITTENBERG. Reliquien, Messen und Gebete mit den entsprechenden Requisiten zur sinnlichen Wahrnehmung – Weihrauch, flackerndes Licht, gefühlvolle Bilder. Eine sehr innige und intime Atmosphäre. Priester singen an verschiedenen Altären ihre Messen. Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, der mächtigste Fürst Deutschlands und Freund des Kaisers, hat als eine Art Mentor den jungen Landgrafen Philipp von Hessen, 14 Jahre alt, unter seine Fittiche genommen. Er hat seinen Sekretär Spalatin gebeten, Philipp die große Reliquiensammlung, sein ganzer Stolz, zu präsentieren. SPALATIN: Euer Exzellenz, Landgraf Philipp, hier, vom Großen Kurfürsten Friedrich, einige seiner berühmten Reliquien … PHILIPP VON HESSEN: Er hat tausende davon, nicht wahr? SPALATIN: Bislang haben wir 17 443 heilige Gegenstände gezählt. … Hier ein Span vom Kreuze Christi. Die Sammlung wurde im 14. Jahrhundert angefangen. … Ein Daumen der Heiligen Anna, … und etwas Heu aus der heiligen Krippe. PHILIPP VON HESSEN: Das bringt wohl ordentlich Geld in die Kasse? SPALATIN: Ja, in der Tat, davon kann unsere neue Universität bezahlt werden. … Milch von der heiligen Jungfrau … KURFÜRST FRIEDRICH: Unterbricht: Der kleine Philipp – in guten Händen! Mein Sekretär Spalatin ist auch ein brillanter Humanist. Als Fürst sollte man sich stets mit den klügsten Köpfen umgeben! 1
Meine neue Universität in Wittenberg überstrahlt schon jetzt Leipzig und Erfurt. Kennt Ihr Philipp Schwartzerdt, Melanchthon genannt? PHILIPP VON HESSEN: Nein, noch nicht … KURFÜRST FRIEDRICH: Mein neuer Professor für Griechisch. Ein Jüngling wie Ihr, doch mit überragendem Intellekt. SPALATIN: Er ist soeben angekommen. Mit einer Empfehlung von Erasmus höchstpersönlich – unser aller Humanisten großer Meister und Vorbild … KURFÜRST FRIEDRICH: Nicht zu vergessen, unseren Doktor der Theologie, berühmt und berüchtigt wegen seiner brillanten Thesen gegen den Ablasshandel des Papstes. Die neue Peterskirche erfordert wohl solch schmutzige Methoden! PHILIPP VON HESSEN: Wir kennen alle Martin Luther! Referiert demonstrativ: These Nr. 82! „Wenn der Papst nun aus dem Fegefeuer befreien kann, wen er will, warum rettet er dann nur jene, die bezahlen?!“ KURFÜRST FRIEDRICH: Ja – ein gnadenloser Kritiker und eine große Persönlichkeit. Man nennt ihn schon einen Ketzer. PHILIPP VON HESSEN: Beschützt Ihr ihn? KURFÜRST FRIEDRICH: Magister Spalatin, Ihr kennt ihn. Hat er begriffen, was er getan hat? SPALATIN: Große Dinge werden selten aus Klugheit oder Vorsicht geboren … Aber vielleicht ist er ein Heiliger. Vielleicht ist die Zeit reif für den großen Streit zwischen Gott und Satan? 2
KURFÜRST FRIEDRICH: Ja, wer weiß. Für manche ist der Papst ein Antichrist, für andere Luther ein Prophet. Die Zeit ist voller Leid, Wirrnis und Bosheit. Ja - als stünde der Weltuntergang kurz bevor. Oder auch nicht. Spalatin öffnet die Kirchentür mit diversen angeschlagenen Thesen. Sie betreten den Platz, der in gleißendem Sonnenlicht erstrahlt und treffen dort auf eine große Ansammlung von Studenten. Kurfürst Friedrich und Landgraf Philipp betrachten das weitere Geschehen aus gebührendem Abstand, während Spalatin seinen nächsten Auftrag, die Begrüßung Melanchthons, in Angriff nimmt.
SZENE 2 MELANCHTHON BEGEGNET LUTHER. Jubelnde, fröhliche Studenten, die den jungen, blondgelockten Melanchthon in Gesellschaft von Andreas Karlstadt in ihrer Mitte mit sich ziehen. STUDENTEN: Magister Melanchthon, Ihr müsst doch Doktor Luther treffen! Doktor Martinus! Wo ist er? In Wittenberg gibt es einen Mann, der es wagt, die Wahrheit zu sagen, der es wagt, dem Papst die Stirn zu bieten! Doktor Martinus! Wo ist er? SPALATIN: Hebt die Hand, um die Studenten zu beruhigen. Zu Melanchthon: Magister Philipp, im Namen des Kurfürsten heiße ich Euch willkommen. Doktor Karlstadt – Ihr seht so froh aus! KARLSTADT Das Gerücht ist also wahr. Wir haben einen exzellenten jungen Mann hierher bekommen Schaut hin, dort steht Doktor Martinus! Die Studenten begrüßen begeistert Luther und bilden einen Kreis - die Bühne für das erste Treffen zwischen Luther und Melanchthon. STUDENTEN: Doktor Luther! LUTHER: (zu Melanchthon, sofort angetan) Philipp Melanchthon! Unser „Graeculus“, unser Griechlein! Wie ein kleiner Engel Gottes! 3
MELANCHTHON Doktor Martinus, es ist mir eine Ehre, Euch zu treffen. Für Eure Studenten seid Ihr ein Held. LUTHER: Ja – die haben das scholastische Dividieren satt! Sie wollen das wahre Evangelium. Der Glaube steht über der Gelehrsamkeit! MELANCHTHON: Ohne aber diese zu negieren … LUTHER: Unterbricht: Ich schätze mich glücklich, Euch kennenzulernen! Wer Griechisch so beherrscht wie Ihr, der findet in der Schrift bestimmt die Wahrheit! MELANCHTHON: Ich kann Euch Griechisch lehren … LUTHER: Ergreift seinen Arm und blickt ihm direkt in die Augen: Ich lehre Euch Theologie! Von Herzen und ergriffen: Lies Paulus! Es geht um Liebe! Um Gnade! Nicht um Gesetze, nicht um gute Werke! Wir brauchen weder Tand noch Zeremonien, um zu Gott zu finden. Wir sind alle Priester! Ich möchte dich Theologie lehren, Philipp Melanchthon! Lässt seinen Arm los und schaut auf die jubelnden Studenten. Luther geht weiter und bedeutet seinen Bewunderern, ihm zu folgen. MELANCHTHON: Verwirrt: Ein Mann von großer Ausstrahlung … SPALATIN: Wir Humanisten sind es gewohnt, zu prüfen und zu zweifeln. Doktor Martinus jedoch kennt nur eine Wahrheit und weist jegliche Zweifel von sich. Dennoch bin ich zutiefst gerührt. Sein Glaube und seine Überzeugung sind magisch. KARLSTADT: Wir alle glauben an eine Reform der Kirche. Die Zeit ist reif dafür.
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SZENE 3 CRANACH I: WIRD LUTHER VORGESTELLT Spalatin geht, in Erfüllung seines dritten Auftrages, zum Hofmaler Lucas Cranach und dessen geräumiger Werkstatt, die sich in der Nähe des Platzes befindet. Ein Labyrinth dunkler Ecken mit Leinwänden, Farben und Büchsen wechselt sich ab mit hellen Arbeitsflächen. Es gibt auch mehrere Druckerpressen für Holzschnitte und Pamphlete. Lehrlinge und Gesellen werkeln. Man sieht halbfertige Gemälde mit Motiven, die vom blutenden Jesus am Kreuz bis hin zu Variationen des Themas „Nackte Venus in voller Größe“ reichen sowie prachtvolle, beinahe aufreizende Porträts derselben Größenordnung. Es gibt dort jedoch auch Hinweise darauf, welche Aufgaben ein Hofmaler noch hat – wie die Ausschmückung von Festen sowie die Dekorierung von Waffen und Wagen. SPALATIN: Bester Meister Cranach; sieht sich um Eure Werkstatt ist zwar ein fabelhafter Ort, doch ich habe ein dringliches Anliegen: Der Kurfürst wünscht, dass Ihr Euch Luther annehmt. LUCAS CRANACH: Als Hofmaler stehe ich immer zu Diensten. Auch spüre ich, dass die Reformation der Kirche meine Mitwirkung verdient. Obwohl einige Bilderstürmer ihr Unwesen treiben! SPALATIN: Zuerst wünschen wir ein offizielles Porträt, um es zu verschicken. Jetzt! Ich habe Doktor Martinus hierher gebeten. „Das Problem Luther“ steht bei allen ganz oben auf der Liste! LUCAS CRANACH: Das schaffen wir, Magister Spalatin. SPALATIN: Wir hätten auch Verwendung für Eure neue Druckerei für seine und Karlstadts Schriften. Alles soll von Wittenberg ausgehen. (Setzt sich sein Barett auf, um zu gehen.) BARBARA CRANACH: Herein: Doktor Luther ist hier! Beim Weggehen verbeugt sich Spalatin zum Abschied vor Barbara und legt seine Hand zustimmend auf Luthers Schulter, als sie sich in der Tür begegnen. Der Mönch Luther lässt seinen Blick über die Werkstatt schweifen, stutzt einen Moment beim Anblick des „leidenden Christus“ neben der „nackten Venus“, wird jedoch schnell von der Wärme des Ehepaares Cranach in den Bann gezogen. 5
LUCAS CRANACH: Zu Luther: Willkommen, mein Freund. Es ist mir eine Ehre, Euch endlich zu treffen. Ihr sollt porträtiert werden – setzt Euch doch! BARBARA CRANACH: Etwas zum Trinken, Doktor? LUTHER: Danke, Frau Cranach – da sage ich nie nein! Meister Lucas, steht Ihr dem Kurfürsten nahe? LUCAS CRANACH: Ja, sehr. Ich war dereinst sogar sein Gesandter beim Kaiser in Mechelen. BARBARA CRANACH: Lucas hat den kleinen Prinzen Karl gemalt, allem Anschein nach der künftige Kaiser. Sitzt Ihr bequem? LUTHER: Wie beschaulich ist es in Eurer Werkstatt. LUCAS CRANACH: Ja, ein schöner Ort. Meine Burg. Mitten im Leben ward mir plötzlich alles eine Last. Dann habe ich die Werkstatt hierher verlegt, weit weg vom Lärm des Hofes, und kam zu Frau und Kindern. Auch Eure Predigten halfen mir sehr. Im Lichte der Gnade Gottes wurden die Probleme plötzlich ganz klein. Ein seltsamer Friede kehrte ein, der mich von Unruhe befreite. Der Glaube – Die Schrift – die Gnade LUTHER: Sola fide – Sola scriptura – Sola gratia … Ihr habt das Wesentliche verstanden, Meister Cranach. Nun reden alle bloß davon, ob dem Papst zu gehorchen sei oder nicht. LUCAS CRANACH: Ja, es läuft wohl auf einen Bann wider Euch und Euren Kollegen Karlstadt hinaus. 6
LUTHER: Mit angsterfülltem Blick: Ich seh‘ mich schon lebendig auf dem Scheiterhaufen braten! All die Versuche zur Versöhnung sind misslungen. Keiner hört zu! Ich halt das nicht mehr aus! Das Maß ist voll ich muss zum Angriff übergehen! BARBARA CRANACH: Dann tut es doch! Wie man mit Predigten ganz Deutschland erreicht, wisst Ihr ja schon - dank der Druckerpressen! LUCAS CRANACH: Der Kurfürst sieht es gern, wenn ich das, was Ihr schreibt drucke und vertreibe. Und hier ist auch schon das Porträt, ein starker und trotziger Mönch! Überreicht Luther die Skizze, der sich über sein Aussehen freut und davon inspirieren lässt. LUTHER: (während er aufsteht und sich den Mantel anzieht, bereit zum Aufbruch) Vielleicht auch Satiren? Der Papst als Antichrist? Wir wollen die einfachen Leute erreichen. LUCAS CRANACH: Gute Idee! Dann wird meine Werkstatt hierfür die Bilder beisteuern. BARBARA CRANACH: Und eins ist sicher, Doktor Martinus, Ihr habt das Wort in Eurer Gewalt und das Volk in Eurer Hand.
SZENE 4 TREFFEN MIT ERASMUS IN KÖLN / LUTHERS BRIEF AN PAPST LEO X. Simultane Nachtszenen: - In Köln, wo sich alle nach der Kaiserkrönung in Aachen versammelt haben, führt Spalatin mit der Fackel in der Hand Erasmus durch die dunklen Gassen zu seinem Kurfürsten, der sich vom „lumen mundi“ gute Ratschläge erhofft. (5. Nov. 1520) - Simultan in Wittenberg, bei Kerzenschein, schreibt Luther einen Brief an Papst Leo X. (Brief 6. Sept. 1520)
- Eventuell sehen wir auch Papst Leo X. in Rom mit seinem ganzen Pomp und seiner Autorität. 7
SPALATIN: Mein bester Erasmus! Mein Herr ist sehr dankbar, dass Ihr ihm etwas von Eurer kostbaren Zeit schenken wollt, wenn sich nun schon mal unsere Wege hier in Köln kreuzen. ERASMUS: Ich stehe natürlich zu Diensten. Der Kurfürst Friedrich ist ein kluger und mächtiger Mann. SPALATIN: Aber wir haben schwierige Zeiten. Kaiser Karl ist erst neunzehn. Die Lage unsicher. ERASMUS: Ja, die Türken rücken vor. Und in Sachsen habt Ihr das Problem Luther. SPALATIN: Genau. Wir sehen Luther aufgeregt schreiben. Spalatin und Erasmus kommen nach vorn, wo der Kurfürst schon wartet. ERASMUS: Es ist mir eine Ehre. Verbeugt sich. KURFÜRST FRIEDRICH: Mein lieber Erasmus, ich brauche von Euch, unserem „lumen mundi“, einen Rat! ERASMUS: Zu Diensten, Euer Exzellenz. KURFÜRST FRIEDRICH: Ihr habt selbst – mit vortrefflicher Eleganz! – den Verfall der Kirche kritisiert. Doch die Kritik greift um sich! Die Bannbulle ist schon unterwegs zu zwei Theologen von mir, Andreas Karlstadt und Martin Luther. Es eskaliert auf beiden Seiten. Was soll ich tun? Simultan in der Nacht in seinem Kloster in Wittenberg schreibt Luther in seiner Verzweiflung einen Brief an Papst Leo X. LUTHER: Allerheiligster Vater in Gott! Papst Leo! Als dein treuer Diener bitte ich dich, mir Gehör zu schenken! Drei Jahre lang habe ich Krieg geführt wider das Böse der Zeit, doch niemand erträgt mehr die Wahrheit! 8
ERASMUS: Das Problem ist die Front-Figur, Luther. Seine ganze Art! LUTHER: Niemand erträgt die Wahrheit! Doch höre auf Christus und die Propheten: Sie schmeicheln nicht! ERASMUS: In vielen Dingen hat er recht, doch ist er ein zu großer Hitzkopf! LUTHER: Heiliger Vater Leo! Was kann korrupter sein als dein Hof in Rom? Diese Mordgrube, dieses Bubenhaus! Das ist deiner nicht mehr würdig, Heiliger Vater Leo … Das stinkt! ERASMUS: Wenn so viel im Zorn und im Affekt geschrieben wird, muss man nicht gleich nach dem Scheiterhaufen rufen. Bloß nicht ihn noch mehr reizen! LUTHER: Einst war Rom die Pforte des Himmels, nun ist es der Rachen der Hölle … Eine Gottlosigkeit, schlimmer als die Türken …! SPALATIN: Er meint, es höre ihm niemand zu. Er meint, man kränke ihn, ja trete ihn mit Füßen! LUTHER: Rechthaberisch alle Details aufzählend: Heiliger Vater Leo! Zu allem hab ich ja gesagt! Und auch versprochen, still zu schweigen … Doch dieser teuflische Lakai in Leipzig, der hat den Friedensplan vereitelt …! Soll ich wirklich auf dem Scheiterhaufen brennen? Sackt verzweifelt in sich zusammen. ERASMUS: So lautet denn mein Rat: Ersucht den Kaiser, ihm Gehör zu schenken, auf dem nächsten Reichstag zu Worms. 9
Es ist stets das Klügste, behutsam vorzugehen, sonst artet es noch aus - in Hader und Aufruhr, in „Tumultus“! Nach einer kurzen Denkpause: Mag sein, dass all die Guten Luthers Freimut lieben. Doch scheint es mir, als könnte Demut mehr bewirken als diese Dreistigkeit. So hat Christus die Welt erobert! KURFÜRST FRIEDRICH: Kommt Ihr auch nach Worms, Erasmus? ERASMUS: Nach einer Pause: Schon möglich … Doch wie gesagt, ich bin kein streitbarer Mann … Verbeugt sich. SPALATIN begleitet ihn mit der Fackel zurück zu seinem Haus. Simultan weiterhin frei aus Luthers Brief an den Papst Leo X. LUTHER: Fährt fort an LEO X. zu schreiben: Heiliger Vater Leo! Gott möge die Mächtigen von ihrem Thron stoßen! Höre nicht auf die Schmeichler, höre auf die, die dich demütigen! Deine Heiligkeit … Ich schicke dir mein neustes Büchlein „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Eine kleine Einführung in das christliche Leben, wenn du erlaubst … Eins ist gewiss – ich habe stets ehrfürchtig und gut über dich gesprochen, Heiliger Vater …!
SZENE 5 A. DIE VERBRENNUNG DER BANNBULLE
10. Dezember 1520
Morgendämmerung. Melanchthon und Karlstadt heften einen Aufruf zur Bücherverbrennung an allen Kirchentüren an. Sie werden dabei von einer Gruppe aufgeregter Studenten unterstützt, die Flugblätter mit demselben Aufruf verteilen. Melanchthon ist nervös aber entschlossen. STUDENTEN: Höhnisch singend: Der Papst in Rom, der stinkt! Den Antichristen muss man stürzen! Das Bordell Rom muss man schließen! Die Bannbulle muss man verbrennen! 10
Lesen vom Flugblatt ab: STUDENT 1: „Jeder, den die evangelische Wahrheit mit Freude erfüllt, möge sich um neun Uhr vor dem Elstertor einfinden. STUDENT 2: wo nach altem apostolischem Brauch, Bücher des kanonischen Rechts und der gottlosen scholastischen Theologie verbrannt werden. STUDENT 1: Dies geschieht, weil es die Feinde des Evangeliums in Löwen, Köln und Mainz gewagt haben, Luthers fromme Bücher zu verbrennen!“ Die Kameraden jubeln. Weitere Studenten und Neugierige strömen zum Stadttor, wo bereits das Feuer lodert. Einfache Leute schließen sich den Studenten an und skandieren mit ihnen gemeinsam Schlagwörter und Parolen. Die Atmosphäre ist feierlich, aber aggressiv. Melanchthon und Karlstadt reichen mit Hilfe einiger Studenten das kanonische Rechtsbuch, Ecks Schriften etc. weiter und werfen sie ins Feuer, angestachelt von begeisterten Zurufen. STUDENTEN: Rom ist fürwahr Mordgrube und Bubenhaus, das Reich der Sünde, des Todes und der Verdammnis! Verbrennt die Bücher! Verbrennt das Kirchenrecht! Verbrennt alles! LUTHER: Tritt zum Feuer hin: Der Papst hat eine Warnung gesandt: „Exsurge Domine“! (hebt die Bulle hoch) „Weil du den heiligen Gott verderbt hast, verderbe dich das ewige Feuer.“ Mit einer demonstrativen Geste wirft er die päpstliche Bulle ins Feuer. Taktfester Jubel. LUTHER: Sorgt mit einer Geste für Ruhe und fährt fort: Ein Spielchen. Wir sollten den päpstlichen Stuhl verbrennen! Wer sich dem törichten Regime des Papstes nicht widersetzt, kann niemals selig werden! Dreht sich um und verlässt den Platz. Die Gruppe löst sich unter anhaltendem, taktfestem Jubel auf. Man spürt die ungezähmte Kraft der Masse. 11
B. UMZUG. LEBENDE SATIREN / LEBENDE FLUGBLÄTTER Während sich die Älteren zurückziehen, rüsten sich die Studenten für einen hasserfüllten, karnevalsähnlichen Umzug. Sie verkleiden sich und ziehen Wagen. STUDENTEN: Der Papst in Rom, der stinkt! Den Antichristen muss man stürzen! Das Bordell Rom muss man schließen! Die Bannbulle ist null und nichtig! Der Umzug bewegt sich durch die Straßen von Wittenberg. Studenten auf den Wagen stellen den Teufel, den Papst als Antichrist und Esel, Kardinäle als Schweine und Wölfe, Untiere der Apokalypse, Babylons Dirnen, die Prasserei in Rom mit Essens-Orgien, Luxus und Sex dar – alles inszeniert als lebende Flugblätter. Andere Studenten folgen ihnen jubelnd und singend. Vorherrschende Grundstimmung ist das Gefühl, betrogen worden zu sein und Rachsucht. Die Straßen sind gesäumt von enthusiastischen, aber auch entsetzten Zuschauern, Melanchthon inbegriffen. Die Studenten im Gefolge beginnen, ein Spottlied zu singen, das auf den Wagen mit wilden Tableaus illustriert wird. Weitere Zuschauer stimmen in den Refrain ein und der Hass wird größer. (Text: Hans Sachs) Erste Strophe: Wir sehen, wie der Papst Rat vom Teufel bekommt, der aus dem Gebüsch heraus zu ihm spricht, so wie Gott zu Moses gesprochen hat. Der Papst hat Gottes Gesetz verworfen und bekommt deshalb vom Teufel ein neues. STUDENTEN: Der Papst macht viel Gesetz und Gebot, zu folgen bei dem ewigen Tod. Was Gott nicht geheissen hat, das kommt aus des TEUFELS Rat. Der Esel Papst, im Teufelspakt! Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst, Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst ... das Esel-Schwein! Zweite Strophe: Es wird die Gier des Papstes verspottet: Wir sehen Ablasshandel, gierige Mönche und Türken in gigantischen Turbanen, Geld fliegt durch die Luft, die Armen werden bestohlen und der Reichtum des Papstes wächst. STUDENTEN: Der Papst rafft Schätze dieser Welt mit Ablass und auch Türkengeld, mit manchem Fund und Simonie. An Geldtricks mangelt es ihm nie. 12
Der Esel-Papst in Sündenpracht! Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst, Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst … das Esel-Schwein! Melanchthon, der an der Seite steht, fühlt sich unbehaglich. Zum ersten Mal ist die Situation außer Kontrolle geraten. Die Proteste haben sich verselbständigt.
SZENE 6 ERASMUS DISTANZIERT SICH. SPALATIN: Doktor Martin hat Erasmus ergebenst um Unterstützung, um ein wenig Anerkennung gebeten. Nun ist die Antwort da. Melanchthon streckt die Hand nach dem Brief aus und liest. SPALATIN: Das Gebaren und die Methoden machen ihm Angst. Er will beschwichtigen und warnen! MELANCHTHON: Liest weiter im Brief und sieht zu Spalatin hoch: Als Humanisten sind wir uns doch im Grunde einig ...? Wir müssen Luther begreiflich machen, was er meint! SPALATIN: Falls er es begreifen KANN. LUTHER: Herein, spürt die angespannte Stimmung und wird misstrauisch: Worum geht es? SPALATIN: Um die Antwort von Erasmus ... LUTHER: Strahlt: Endlich! SPALATIN: Auch er ist für Reformen, mahnt jedoch zur Vorsicht. LUTHER: Inwiefern? MELANCHTHON: Er schreibt, dass es einen Unterschied macht, ob man kritisiert oder, wie du, ATTACKIERT. 13
SPALATIN: Es geht nur um die Art und Weise. Dass du dich mäßigen solltest. MELANCHTHON: Deine ungestüme Art, dich auszudrücken, wiegelt noch die Leute auf und führt zu: Hader und Aufruhr – zu „Tumultus“ … LUTHER: Ich mich mäßigen? Was soll die Schneid‘ am Schwert, wenn sie nicht scharf ist? Gottes Worte SIND Krieg und Verdruss. Ein Gift! Man sagt, mein letztes Buch sei eine Kriegsfanfare. Es ist auch freimütig und voller Kampfgeist. Doch den Leuten gefällt’s. Verkauft in tausend Exemplaren, da gibt es kein Zurück! MELANCHTHON: Immer beklommener: Willst du nicht auf Erasmus hören, den ganz Europa um Rat fragt? LUTHER: ARIE: Packt Melanchthon und schaut ihm tief in die Augen: Was meinst du, mein geliebter Philippus, mein Griechlein! Ich sage die Wahrheit! Zu glauben heißt, sich seiner Sache gewiss zu sein. Mit seinem Zögern, seinen Zweifeln ist Erasmus Gottes Feind! Inbrünstig: Gott offenbart sich nicht den Klugen und Gelehrten, sondern im Wahn und im Bösen … im Leid und in der Schwäche … „Sub contraria specie“ – Tod ist Leben! Prophetisch glühend, wobei er Spalatin und Melanchthon mit seinen Blicken fixiert: Und denkt daran: der Satan schläft nie! Gott hat mir befohlen, zu lehren und zu urteilen wie einer von den Aposteln im deutschen Lande. Wenn‘s sein muss - mit Feuer, Schwert und Blut! Erfüllt von Ruhe, Gottesglauben und Selbstvertrauen dreht er sich auf dem Absatz um und lässt seine engsten Vertrauten stehen. SPALATIN: Zu Melanchthon: Manchmal ist er geradezu furchterregend. Sie begeben sich nach draußen, ins Volksgewimmel auf dem Platz. 14
SZENE 7 „CRANACH II“: HEILIGENBILDER ALS MÜLL & EIN SANFTER MÖNCH Volksgewimmel auf dem Platz. Barbara und Lucas Cranach beladen Wagen mit Pamphleten und polemischen Schriften und schicken sie los. Aus der anderen Richtung kommt Karlstadt; er überwacht einen Transport mit heruntergerissenen Altären, Heiligenbildern und Orgeln. Der Mann, der den Wagen zieht, summt das Spottlied aus der Szene 5. Jemand weint, bekreuzigt sich und reißt das Fragment einer Heiligenstatue an sich. BARBARA CRANACH: Bekommt mehrere große Tüten mit Geld und schickt den Transport los: Hier geht es ziemlich rabiat zu! KARLSTADT: Götzenbilder auf den Altären sind eine Erfindung des Teufels. BARBARA CRANACH: Ruft ihm nach: Nimmt man Bilder weg, erkennt man ihre Macht an! Ist Euch das nie in den Sinn gekommen, Andreas Karlstadt?! Sieht in der Ferne, wie Luther näherkommt und ruft: Doktor Martin, könnt Ihr den Mann nicht zügeln? Wovon sollen wir leben, wenn die Bilderstürmer an die Macht kommen? LUTHER: Kommt näher: Die gottlosen Objekte müssen weg, Frau Cranach, wollen wir die falschen Zeremonien ausrotten! LUCAS CRANACH: Kommt heraus, um einen weiteren Wagen zu beladen. Lehrlinge tragen Stapel mit Pamphleten, auf denen die Zielorte vermerkt sind: Straßburg, Zürich, Nürnberg, etc. Zu Luther: Sie könnten doch zu Eurem Vorteil sein. Nimmt einen großen Packen mit graphischen Blättern vom Wagen herunter und knotet die Schnur auf, zeigt: So wie dieses hier. Ein neues Porträt des sanften Augustinermönches Martin! BARBARA CRANACH: Der Kurfürst fand das alte Bild zu trotzig. Sah in ihm das Angesicht eines Rebells. LUCAS CRANACH: Doch nun seid Ihr ein harmloser und frommer Mönch! Legt den Packen zurück: Wir haben tausende davon gedruckt. 15
Sie werden auch in Worms auf der Straße verkauft, wenn man Euch vor dem Reichstag verhört. LUTHER: Von Angst gepackt: Man versprach mir freies Geleit, bis in den Rachen der Bestie! Doch ob ich lebend wiederkehre, ich glaub es nicht … BARBARA CRANACH: Legt ihren Arm um ihn: Gewiss, Doktor Luther. Ihr schafft das. Überdies brauche ich einen Patenonkel! Deutet auf ihren Bauch. Intermezzo – Triumphzug nach Worms. Luther zieht mit seiner Laute wie ein betrunkener „Orpheus mit der Lyra“ durch die Wirtshäuser. Jubel des Volkes.
SZENE 8 DER REICHSTAG ZU WORMS 17.- April 1521 A. GEBET In einer Mischung aus Wut und Angst betet Luther nachts im Mondschein in seiner Klosterzelle zu seinem Gott Vater, bevor er am nächsten Tag in Worms vor dem Kaiser verhört wird. LUTHER: Gott steh mir bei wider weltliche Vernunft und Weisheit! Hörst du mich, Gott? Bist du tot? Nein, du kannst nicht sterben … du versteckst dich bloß. Ich aber soll vor den großen Herren der Welt stehen … bereit mein Leben zu opfern … wie ein Lamm … B. VERHÖR Das Treffen findet statt. Die Delegierten – Fürsten, Kardinäle, Diplomaten und Repräsentanten für die Reichsstädte – versammeln sich, füllen den Saal. Ein Spalt öffnet sich und wir sehen Luther vor seinem Kontrahenten, Dr. von der Ecken aus Trier, und dem Kaiser stehen. Auf einem großen Tisch sind Luthers Bücher und Pamphlete aufgestapelt. Wir sehen förmlich seine gewaltige publizistische Produktivität. DR. VON DER ECKEN: Nun habt Ihr uns genug gelangweilt, mit Euren endlosen Tiraden, endlosen Abschweifungen. So kommet nunmehro zur Sache! Habt Ihr, Martin Luther, diese Bücher verfasst? 16
LUTHER: Geht zum Tisch: Ja, das sind meine. DR. VON DER ECKEN: Widerruft Ihr, was Ihr geschrieben habt? „Revoco“ …! LUTHER: Schwach, aber entschlossen Eure kaiserliche Hoheit, hochverehrte Fürsten: Nein. Wenn ich über den Glauben schreibe, bin ich an die Schrift gebunden. In meiner Kritik der Kirche sage ich nur, was auch einfache Leute spüren und meinen. Die Tyrannei des Papstes hat die Deutschen gequält und geschröpft. Zu widerrufen hieße, dieser monströsen Gottlosigkeit Tür und Tor zu öffnen! Ich kann und will nicht wider mein Gewissen handeln. DR. VON DER ECKEN: Da gibt es nichts zu diskutieren. Eure Ketzereien sind dieselben wie die des Jan Hus, und jene wurden vom Konzil in Konstanz bereits verdammt! Der Kaiser flüstert Dr. von der Ecken etwas zu, dieser nickt und fährt fort. Ihr meint, das Konzil kann irren? LUTHER: Kraftvoll: Ja! Und ich kann es beweisen! KAISER KARL V.: Steht auf: Danke! Das genügt! LUTHER: Während er unsanft weggeführt wird: Allein Gottes Wort ist ohne Fehl und Tadel! C. EMPFANG Das Treffen löst sich auf, die Leute vermischen sich untereinander, ein luxuriöses AbendGelage beginnt. Speisen und Getränke werden hereingetragen. Die Frauen kommen hinzu. Gespräche in Gruppen mit verschiedenen Stimmungen und Energien. Voller Angst und in einem fast komatösen Zustand wartet Luther in seiner Mönchszelle auf das, von dem er glaubt, dass es der Scheiterhaufen wird. GEORG VON ALBERTINE SACHSEN: Ein Wildschwein im Weinberg! Welches erlaubt, dass jeder die Bibel deutet, wie er will! PHILIPP VON HESSEN: Nun 16 Jahre alt: Aber war das nicht beeindruckend? Er hört auf sein Gewissen! 17
FRAU 1: Nimmt eins von Cranachs Drucken mit dem sanften Mönch: Ihr habt wohl gesehen, dass man Luthers Bild auf den Straßen in Worms wie das eines Heiligen küsst? GEORG VON ALBERTINE SACHSEN: Das ist widerlich! Ich werde nicht eher ruhig schlafen, als bis dieser Bruder Martin auf dem Scheiterhaufen brennt! Und warum ist Erasmus nicht hier? In einer anderen Gruppe. DIPLOMAT: Genau wie Jan Hus in Konstanz soll er spüren, wie das Feuer brennt … FRAU 2: Die Hinrichtung von Jan Hus hat die Ketzerei doch nur beflügelt! FRAU 3: Was geschieht, wenn Luther getötet wird? DIPLOMAT: Kurfürst Friedrich wird niemals erlauben, dass sich der kleine Kaiser in Sachsens Geschäfte einmischt. Dritte Gruppe: KARDINAL 1: Sieht sich um, ob ihn auch niemand hört: Wir sind alle dafür, dass man die Kirche reformiert. KARDINAL 2 Ja, aber doch nicht so, dass man sie vernichtet! Diesen Mann muss man aufhalten! KARDINAL 1: Wie man sich bettet, so liegt man. Wann hatten wir je einen solchen Papst? Nicht nur korrupt, sondern auch geistlos! KARDINAL 2: Die ganze Zeit über hat er die Gefährlichkeit dieses Mönches unterschätzt! Vierte Gruppe: Abseits, inklusive Spalatin: PHILIPP VON HESSEN: Macht der Kaiser ihn friedlos? 18
KURFÜRST FRIEDRICH: Gut möglich. Doch seine Beliebtheit in Deutschland gleicht einem Fieber ... Er kann und wird nicht hingerichtet werden. Spalatin! Stöbert ihn auf. Jetzt. Wird von Fanfaren unterbrochen: Der Kaiser ab, zur Prozession, die von Bläsern angeführt wird. Die Runde wird aufgelöst. D. ZUSAMMENBRUCH Spalatin kümmert sich um Luther, der vor lauter Angst und Anspannung zusammengebrochen ist. Er schlägt um sich und zittert. Einige Wächter halten ihn fest. LUTHER: … Die Teufel werden mich holen … dieser Satan … schläft nie! SPALATIN: Ich bin hier!! Spalatin! Du hast es geschafft! LUTHER: Keiner hat mir zugehört … man wird mich wie eine Gans braten! … Dieser Antichrist… dieser Satan… SPALATIN: Bleib ruhig … Ich bin ja hier … Du wirst nicht gebraten … Du hast freies Geleit! Wir bringen dich in ein Versteck … Bleib ruhig! Gibt den Wächtern ein Zeichen, ihn fortzuschleppen und folgt ihnen dann.
SZENE 9 „DIE DEUTSCHEN SIND JETZT WIE BESESSEN“. A: FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN Menschen strömen nach vorn: Die Masse ist in Bewegung geraten und die Welt steht Kopf im Glauben an eine Veränderung. Angst – Destabilisierung – Freiheit! Die Büchse der Pandora ist aufgegangen. Chor, Dialoge, Chaos. Viele Leute haben Bibeln, Pamphlete, Flugblätter und Hammer. Allmählich treten die verschiedenen Gruppen und Personen ins Zentrum. ALLE: Freiheit eines Christenmenschen! Wir gehorchen nur Gott! Befreit in Christus stürzen wir den Antichristen! Doch wo ist Luther? 19
EINSAME STIMME: (Sopr.) Der große Erasmus flieht! Die Studenten werfen sein Katheder um …! ERASMUS: Ist auf der Flucht, den Mantel halb angezogen, in der Hand ein Bündel Papiere und mit einem Diener, der mit seinen Koffern zu einem der Wagen hetzt: Die Deutschen sind jetzt wie besessen! Diesem Wahnwitz kann niemand entrinnen! Oh, diese Luther-Tragödie, ach, dass sie nie geschehen wäre! Wir sehen eine Kerngruppe von radikalen Studenten, wie im Umzug (Szene 5B) mit Tiermasken: Sie parodieren die Messe, die albernen Zeremonien, die fetten Mönche. STUDENTEN: Reingelegt von fetten Klerikern, Satans willigen Lakaien! STUDENT MIT MASKE: Ohhhh! Der heilige Sankt Benno! Öffnet den Deckel eines großen Fuß-Reliquiars: Was ist das?! Pferdeknochen? Kuhknochen? Lacht und legt sich die Gebeine über die Schulter und wirft das Reliquiar auf den Wagen. ALLE: Zurück zur Schrift! Zurück zu Christus! Allein durch Glauben – „Sola fide!“ Doch wo ist Luther? FRANZISKANER-MÖNCHE: Attackieren eine Statue ihres Franziskus: Reißen die Schnur ab und zerren die Kleider herunter bis nur noch ein Holzgerippe mit Händen und Kopf übrig bleibt. Reißen den Kopf ab: Wir waren Sklaven unter dir, Franziskus! Sklaven! Zurück zu Christus und zum Kreuz! BAUERN: Tragen eine gigantische Madonna in schwarzer Seide und Gold als Parodie auf die Osterprozession: Werft sie in den Fluss! Mal sehen, ob sie schwimmt! Mal sehen, ob sie eine Hexe ist! EINSAME STIMME: (Altistin) Ein Sünder reicht schon, um Pest und Hunger auszulösen und den Untergang der Welt! Doch wo ist Luther? 20
ERASMUS: Verbirgt sein Gesicht, während er sich mit seinem Diener durch das Handgemenge nach vorn schleicht: Das Feuer des Fanatismus lodert …! Schaffe ich es außer Landes, bevor man mich in Stücke reißt? BÜRGERFRAU: Packt Erasmus: Du bist es, Erasmus! Warum fliehst du? Warum verbirgst du dich? Warum unternimmst du nichts? Erasmus reißt sich los und verschwindet in der Menge. ALLE: Befreit in Christus, stürzen wir den Antichristen! Einige „Schwärmer“, ähnlich den Wiedertäufern, treten ins Zentrum, wie in eine Arena des Wahnsinns. Sie taufen sich gegenseitig. Eine Frau bekommt Krämpfe. Manche reißen sich die Kleider vom Leib. MANN: Zerschlägt seine Werkzeuge: Wir brauchen nichts! Gott wird uns alles geben … FRAU: Mit abgeschnittenen Haaren: Der Heilige Geist spricht aus mir. Ich bin der Messias! ALLE: Wir gehorchen nur GOTT! Sie werden von Ordnungskräften fortgeschleppt. Die Zurückgebliebenen rufen ihnen nach. ALLE: Freiheit! Wir können alle die Bibel lesen. Wir sind alle Priester! Freiheit eines Christenmenschen! Wir gehorchen nur Gott! B. IM AUGE DES STURMS; WITTENBERG. In der Schlosskirche in Wittenberg reißen Karlstadt und seine Helfer in aller Ruhe Bilder, Heiligenstatuen und Altäre herunter. Leitern und Werkzeug. Nicht wenige Dinge werden zerstört. Melanchthon ist von den Zwickauer Propheten fasziniert. Die Zwickauer Propheten: drei einfach gekleidete Männer in einer Ecke, ergriffen vom Heiligen Geist und wie in Trance. 21
ZWICKAUER PROPHETEN: Terzett: Halleluja! Offenbare mir deine Wahrheit! … Ich höre dich, Gott, Halleluja … … Die Trauben am Weinstock der Erde müssen geerntet und in die Weinpresse von Gottes Zorn geworfen werden … Und als eine Erscheinung sehe ich sieben Engel mit sieben Plagen. MELANCHTHON: Sieht zu den Zwickauer Propheten hin: Diese Zwickauer Weber. Es scheint, als hätten sie wahrhaftig Kontakt zu Gott ... ZWICKAUER PROPHETEN: Murmelnd wie ein Klangteppich: Oh, sprich zu mir, Heiliger Geist! Die Stunde naht … Mein Gott, im letzten Streit zwischen Gott und Satan … SPALATIN: Stößt triumphierend die Kirchentür auf: All Ihr Lieben! Ich bringe Euch Doktor Luther mit! MELANCHTHON: Du bist zurück! Geht schnell zu Luther hin, umarmt ihn. Luther betrachtet die heruntergerissenen Bilder. Er begegnet dem Blick eines Zwickauer Propheten. ZWICKAUER PROPHET: Hält in seinem inspirierenden Redeschwall inne. Blickt mit klaren Augen auf Luther: Doktor Luther! Durch mich spricht der heilige Gott. Er sagt, dass … LUTHER: Verwirrt und wütend: Ihr müsst mir nicht erzählen, was Gott sagt!! Verschwindet, Ihr Schwärmer! Packt denjenigen, der gesprochen hat und schleudert ihn gegen die Tür. Die ganze Gruppe zieht sich erschrocken zurück. Zu Karlstadt: Und du machst wohl auch, was dir gefällt? Chaos und Bildersturm! Karlstadt! Für wen hältst du dich? KARLSTADT: In den Händen noch immer ein abgehängtes Bild: Verzeihung, aber du bist ja nicht der einzige Reformator in der Stadt. LUTHER: Ist drauf und dran, Karlstadt physisch anzugreifen: Was zur Hölle …! SPALATIN: Packt Luther am Arm und widerspricht plötzlich: Doktor Martin! Hier tragen viele ihr Scherflein bei. 22
Was wäre geschehen, hätten wir dich nicht auf der Wartburg versteckt? LUTHER: Ist einen Moment sprachlos: … Lieber Spalatin, ich weiß, was ich dem Kurfürsten zu verdanken habe. Und dir. Und meinem Philippus! Legt den Arm um Melanchthon. Aber Karlstadt?! Nur über meine Leiche! Deutet mit der Hand auf die abgehängten Bilder und zerschlagenen Skulpturen. KARLSTADT: Reicht es: Martin Luther; Du siehst dich wohl als König der Reformation! Als Papst des neuen Glaubens! Doch ohne mich! Wirft das, was er gerade in den Händen hat, weg und schickt sich an zu gehen, wendet sich jedoch zum Abschied um: Auch du irrst gewaltig, Herr Doktor mit deiner Glorifizierung von Paulus und seines Römerbriefes. Er ist kein Apostel Jesu, kein Prophet. Schnaubt, verächtlich: Und du auch nicht, du aufgeblasener Kleriker! SPALATIN: Läuft Karlstadt nach kurzem Zögern hinterher: Wartet, Doktor Karlstadt! Luther und Melanchthon allein zurückgeblieben. LUTHER: Greift etwas erschüttert nach Melanchthon: Den sind wir los. Jetzt sind es nur noch wir beide, mein Philippus! Nun muss die Verwirrung aufhören und Ordnung einkehren.
10. SZENE KAMPF UM GLAUBEN UND SEELEN A. „CRANACH III“ & NONNEN AUF DER FLUCHT In der Werkstatt stapeln sich die Pamphlete und man ist mit der Bibel in Luthers neuer Übersetzung zugange. Bibeln und Katechismen werden auf die Wagen verladen. Es wird in Goldmünzen abgerechnet und im Kassenbuch an einem Tisch notiert.
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Wir sehen auch die riesigen Porträts von den Kurfürstenbrüdern, von Luther und Melanchthon, die die heruntergerissenen Altäre, Heiligenstatuen und Heiligenbilder ersetzen sollen. GESELLE: Schiebt einen Wagen mit großen Paketen: Zweihundert Bibeln nach Nürnberg, Meister Lucas. LUCAS CRANACH: Sehr gut! Erblickt Luther, der in einer Bibel blättert, wobei er gestresst und zerstreut einige Seiten inspiziert. Martinus! Hast du in der Stadt für Ordnung gesorgt? LUTHER: Als einzelne Strategiepunkte aufzählend: Man muss vor allem predigen! Glühend! Das Unwichtige vom Wichtigen trennen. Die Fanatiker und Schwärmer vertreiben. Ein kleiner Katechismus, (Zeigt:) damit man die wahre Lehre pauken kann. LUCAS CRANACH: Auch mit Bildern, nicht wahr? LUTHER: Ja, so wie in unserer Bibel! Karlstadt habe ich doch rausgeworfen. Man sollte ihm das Predigen verbieten! LUCAS CRANACH: Ach ja? LUTHER: Genau wie der Schwärmer Müntzer wiegelt er die Bauern auf. LUCAS CRANACH: Ist Karlstadt nicht in Straßburg? LUTHER: Assoziiert ohne zuzuhören. Straßburg. Und Zürich! Dort imitiert man uns. Dieser Zwingli … Er hasst Musik! BARBARA CRANACH: Plötzlich herein, unterbricht: Vergesst Zwingli! Die Frauen sind da! LUTHER: Was, Frau Cranach? 24
BARBARA CRANACH: Habt Ihr nicht zwölf Nonnen geholfen, ihrem Kloster zu entfliehen? Nun stehen neun von ihnen müde und schmutzig vor der Tür. LUTHER: Seine Nervosität und sein Stress sind wie weggeblasen: Ja, die Nonnen aus Nimbschen. Was für ein Sieg für den neuen Glauben! LUCAS CRANACH: Barbara, lass sie doch Doktor Luther begrüßen. LUTHER: Holt eine Liste hervor und gibt sie Cranach: Ich suche nach guten Männern, um sie zu verheiraten. Drei könnten doch hier wohnen – nicht wahr? Neun schmutzige, müde - völlig erschöpfte - Nonnen betreten schüchtern und vorsichtig die Werkstatt. LUTHER: In ihrer Mitte: Willkommen Ihr mutigen Frauen! Hinaus in die Welt und hinein in den Alltag! Wer von euch hat mir geschrieben? KATHARINA VON BORA: Ich – Katharina von Bora. Gott segne Euch, Doktor Luther. KATHARINA + NONNEN: Meister Koppe aus Torgau kam mit den Heringen zum Kloster, und auf der Rückfahrt versteckten wir uns zwischen den Fässern. Jetzt stinken wir alle nach Fisch! LUTHER: Heldinnen der Reformation! MELANCHTHON: Herein mit einer Korrektur, blickt überrascht auf die schmutzigen Nonnen: Was geht hier vor? BARBARA CRANACH: Zu Melanchthon: Das sind die Nonnen, die aus Nimbschen geflohen sind. Zu den Nonnen: Ihr braucht ein Bad, neue Kleidung und Essen! Lucas Cranach schaut auf den Zettel, den er von Luther bekommen hat. Barbara und er teilen die Frauen unter sich auf und gehen gemeinsam ab. Luther und Melanchthon bleiben allein in der großen Werkstatt zurück.
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B. DER FREIE WILLE. LUTHER: Meine Bibel auf Deutsch und Nonnen, die das Kloster verlassen, - was für Siege für den neuen Glauben! MELANCHTHON: Aber alles läuft nicht rund, Doktor Martin. Die Bauern verweisen auf dich, wenn sie revoltieren. Und nun stößt du auch die Gelehrten von dir, mit einem gewaltigen Angriff auf Erasmus! (Wedelt mit der Korrektur zu „De Servo Arbitrio“. LUTHER: Ist verärgert, behält aber nach außen hin seine Ruhe: Mit den Büchern der anderen habe ich mir den Arsch gewischt! Doch Erasmus habe ich zu Ende gelesen. Und er attackiert das Herz meiner Theologie! Behauptet, wir hätten einen freien Willen! MELANCHTHON: Ich glaube an die Gnade als Geschenk Gottes. Nimmt seinen Mut zusammen: Aber ich glaube auch – wie Erasmus! an die Vernunft als ein Geschenk Gottes … LUTHER: Ehrlich aufgebracht und innerlich bestrebt, seinen Philippus zu erreichen: Gottes Torheit ist weiser als jeder Mensch! Erasmus verbreitet seine schlüpfrige Rede in der ganzen Welt! Ich will diesen Satan mit der Feder vernichten, ich will seine ganze Sekte auslöschen …! MELANCHTHON: Entsprechend verzweifelt: Willst du auch mich auslöschen?! Leise: Du stößt sie alle von dir. Karlstadt, Erasmus – und nun mich. LUTHER: Greift wie vorhin nach Melanchthon: Nein! Du darfst mich nicht verlassen … mein Griechlein! Alles, was du schreibst, ist besser als meins! MELANCHTHON: Kann nicht widerstehen, besitzt jedoch genug Geistesgegenwart, um die Situation auszunutzen: Doktor Martin: Nun hör doch mal zu! Die Bauern und Müntzer verweisen auf dich, wenn sie revoltieren. 26
Mahne die Bauern zum Frieden! Mahne die Fürsten zur Milde! Der Krieg hat bereits Thüringen erreicht und dein Eisleben.
SZENE 11 LUTHER IN DEN RUINEN IN HELFTA. Luther, zum ersten Mal ohne Mönchskutte, steht in den Ruinen des berühmten Zisterzienserinnen-Klosters Helfta bei Eisleben, das von den vorwärts stürmenden Bauern in Brand gesteckt und verwüstet worden ist. Hier lebten im 13. Jahrhundert drei berühmte Mystikerinnen – Gertrud von Helfta, Mechthild von Hakeborn und Mechthild von Magdeburg. Rauch schwelt. Weinende und zerlumpte Nonnen zwischen den Ruinen. Verbrannte Mariaund Sankt Anna-Skulpturen starren uns an, mit leerem Blick. Weinend heben die Nonnen diese ramponierten, heiligen Gegenstände auf und beten zu ihnen. Wehmut, Tragödie. Eine aggressive, gemischte Truppe von Bauernkriegern streicht noch herum, bewaffnet mit Sensen, Dreschflegeln und Messern. Planlos suchen sie in den Ruinen nach Wertsachen. VERWIRRTE GESTALT: Mit irrem Blick –erkennt Luther: Soooo … du bist also heimgekehrt, in dein Eisleben! Du, Martin Luder! Siehe! Unser heiliges Helfta, die Krone der Mystik, in Ruinen … ! Zischt: Du hast den Hass geschürt! Du hast das Feuer gezündet! DIE NONNEN: (Begreifen, dass es Luther ist und strömen von allen Seiten zu ihm, umringen ihn und pressen sich an ihn. Er weicht verwirrt zurück und stolpert über einen Mauerrest.) Ihr habt es uns genommen! Das Leben der Frauen in Frömmigkeit und Gelehrsamkeit! Unsere Bücher zu Asche, unser Leben zu Asche. Kein Mann ist gelehrter als Gertrud von Helfta! Mechthild von Magdeburg! Hier fanden wir das fließende Licht der Gottheit. Begreift Ihr, was Ihr getan habt? Begreift Ihr, was Ihr nie begriffen habt? Luther reißt sich los und geht weg, steht aber plötzlich einigen bewaffneten Bauernkriegern Auge in Auge gegenüber. 27
BAUER 1: Wir gehorchen nur Gott, nicht den Menschen! BAUER 2: „Sola Scriptura“! Wir folgen Euch, Martin Luther! Und Müntzer! Einer der Bauernkrieger fasst eine Nonne an, hat es jedoch plötzlich eilig, wegzukommen, weil sich aus der einen Richtung einige bewaffnete Mönche und aus der anderen schwer bewaffnete Landsknechte nähern, inklusive des Heerführers der Fürsten, Philipp von Hessen, der die Zerstörung inspiziert. LUTHER: Aber … aber … kleiner Philipp … von Hessen? Seid Ihr das? Führt Ihr den Befehl gegen die Bauern? PHILIPP VON HESSEN: Ja, Doktor Luther – das bin ich. LUTHER: Ihr seid doch erst, erst … PHILIPP VON HESSEN: … erst zwanzig Jahre alt … ja. Und danke, ich habe schon genug gesehen. LUTHER: Herr Landgraf Philipp; Das hab ich nicht gewollt! PHILIPP VON HESSEN: (antwortet in Eile und geht weiter) Dennoch habt Ihr die Lunte gezündet! Die Hölle ist voll mit guten Vorsätzen! VERWIRRTE GESTALT: (steckt den Kopf vor, direkt an Luthers Gesicht, und packt ihn am Arm) … sagte der heilige Bernhard! Eine Hölle voll mit guten Vorsätzen! LUTHER: Schlägt sich frei. Wird erst von Wut, dann von Verzweiflung und schließlich von Angst gepackt. Wut: Ich habe zum Frieden gemahnt! Ich habe zur Milde gemahnt! Was hat es gebracht? Ich verurteile diese räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern, die sich der göttlichen Ordnung widersetzen! 28
Verzweiflung: Gott selbst hat die weltliche Macht eingesetzt: Die Fürsten! Die Obrigkeit soll Gottes Schwert des Zorns tragen. Nicht die Bauern! Stecht sie nieder, schlagt alle tot, so ihr könnt, wie einen tollwütigen Hund, den Bauern muss Einhalt geboten werden! Angst: Dieser Aufstand ist Satans Werk. Der Weltuntergang steht bevor. Ich, Martin Luther, sage: Schlagt sie tot!
Pause
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