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Holten SCHLAGT SIE TOT! German libretto

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SCHLAGT SIE TOT! Musik: Bo Holten Text: Eva Sommestad Holten Aus dem Schwedischen von Jana Hallberg

LIBRETTO Tyska / Deutsch

Edition Wilhelm Hansen Premiere Malmö Oper 11. Mai 2019


Personen MARTIN LUTHER Bassbariton PHILIPP MELANCHTHON Tenor GEORG SPALATIN Bariton LUCAS CRANACH Bass BARBARA CRANACH Lyrischer Sopran KURFÜRST FRIEDRICH DER WEISE VON SACHSEN Bass LANDGRAF PHILIPP VON HESSEN Junger Tenor ERASMUS VON ROTTERDAM Charaktertenor ANDREAS KARLSTADT Hitzköpfiger Tenor KATHARINA VON BORA Mezzosopran HULDRYCH ZWINGLI Tenor MARTIN BUCER Bariton JOHANNES OECOLAMPADIUS Bass

CHOR (möglich auch mit KINDERCHOR): POLYPHONISCHER CHOR, DOPPEL-­‐CHOR usw. Funktioniert auch als STUDENTEN, NONNEN (2 verschiedene Gruppen), MÖNCHE, BÜRGER, BAUERN, THEOLOGEN, SOLDATEN usw. KLEINERE ROLLEN: (1-­‐2 Repliken) Sz. 5A. Die Verbrennung der Bannbulle: STUDENT 1 (liest) (auch in Szene 9 A) STUDENT 2 (liest) Sz. 8. Der Reichstag zu Worms: KEISER KARL V. Junger Tenor DR. VON DER ECKEN Tenor GEORG VON ALBERTINE SACHSEN Bass DIPLOMAT Tenor FRAU 1 Mezzosopran FRAU 2 Alt FRAU 3 Sopran KARDINAL 1 Bassbariton KARDINAL 2 Tenor Sz. 9 A. Freiheit eines Christenmenschen: EINSAME STIMME 1 Sopran STUDENT MIT MASKE Tenor (kann derselbe sein wie in Szene 5) EINSAME STIMME 2 Alt BÜRGERFRAU Mezzo-­‐sopran MANN /WIEDERTÄUFER Bariton FRAU / WIEDERTÄUFER Sopran Sz. 9 B. Im Auge des Sturms: Wittenberg: DREI ZWICKAUER PROPHETEN (terzett) Sz. 10. Kampf um Glauben und Seelen: GESELLE Tenor Sz.. 11. Luther in den Ruinen in Helfta: VERWIRRTE GESTALT Tenor BAUERNKRIEGER 1 Tenor BAUERNKRIEGER 2 Bass Sz. 15. Frauen und Heirat: ZWEI NONNEN Sopran + Alt (terzett mit Katharina von Bora) Sz. 16. Intermezzo / Piae Cantiones: MÄDCHEN 1 Sopran MÄDCHEN 2 Sopran MÄDCHEN 3 Alt STUDENT 1 Tenor (nicht derselbe wie in Szene 5, 9) STUDENT 2 Bass (nicht derselbe wie in Szene 5, 9) (Sz. 18. Das Treffen in Marburg) (ANDREAS OSIANDER , STEFAN AGRICOLA werden vorgestellt) (Sz. 21. Tischreden) (SCHREIBER/Student ist anwesend. Nicht derselbe wie zuvor)


Schlagt sie tot! Eva Sommestad Holten

2015 ©

eva.holten@icloud.com · Edition Wilhelm Hansen Aus dem Schwedischen von Jana Hallberg

I. Akt

Szene 1

(28. August 1518)

Das Jahr 1518. SCHLOSSKIRCHE ZU WITTENBERG Reliquien, Messen und Gebete mit den entsprechenden Requisiten zur sinnlichen Wahrnehmung – Weihrauch, flackerndes Licht, gefühlvolle Bilder. Eine sehr innige und intime Atmosphäre. Priester singen an verschiedenen Altären ihre Messen. Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, der mächtigste Fürst Deutschlands und Freund des Kaisers, hat als eine Art Mentor den jungen Landgrafen Philipp von Hessen, 14 Jahre alt, unter seine Fittiche genommen. Er hat seinen Sekretär Spalatin gebeten, Philipp die große Reliquiensammlung, sein ganzer Stolz, zu präsentieren. CHOR „Esurientes implevit bonis dimisit inanes.” („ Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer.”) SPALATIN Euer Exzellenz, Landgraf Philipp, hier, vom Großen Kurfürsten Friedrich, einige seiner berühmten Reliquien … PHILIPP VON HESSEN Er hat tausende davon, nicht wahr? SPALATIN Bislang haben wir 17 443 heilige Gegenstände gezählt. … Hier ein Span vom Kreuze Christi. Die Sammlung wurde im 14. Jahrhundert angefangen. … Ein Daumen der Heiligen Anna, … und etwas Heu aus der heiligen Krippe. PHILIPP VON HESSEN Das bringt wohl ordentlich Geld in die Kasse? 1


SPALATIN Ja, in der Tat, davon kann unsere neue Universität bezahlt werden. … Milch von der heiligen Jungfrau … KURFÜRST FRIEDRICH (unterbricht) Der kleine Philipp – in guten Händen! Mein Sekretär Spalatin ist auch ein brillanter Humanist. Als Fürst sollte man sich stets mit den klügsten Köpfen umgeben! Meine neue Universität in Wittenberg überstrahlt schon jetzt Leipzig und Erfurt. Kennt Ihr Philipp Schwartzerdt, Melanchthon genannt? PHILIPP VON HESSEN Nein, noch nicht … KURFÜRST FRIEDRICH Mein neuer Professor für Griechisch. Ein Jüngling wie Ihr, doch mit überragendem Intellekt. SPALATIN Er ist soeben angekommen. Mit einer Empfehlung von Erasmus höchstpersönlich – unser aller Humanisten großer Meister und Vorbild … KURFÜRST FRIEDRICH Nicht zu vergessen, unseren Doktor der Theologie, berühmt und berüchtigt wegen seiner brillanten Thesen gegen den Ablasshandel des Papstes. Die neue Peterskirche erfordert wohl solch schmutzige Methoden! PHILIPP VON HESSEN Wir kennen alle Martin Luther! (referiert demonstrativ) These Nr. 82! „Wenn der Papst nun aus dem Fegefeuer befreien kann, wen er will, warum rettet er dann nur jene, die bezahlen?!“ KURFÜRST FRIEDRICH Ja – ein gnadenloser Kritiker und eine große Persönlichkeit. Man nennt ihn schon einen Ketzer. PHILIPP VON HESSEN Beschützt Ihr ihn? KURFÜRST FRIEDRICH Magister Spalatin, Ihr kennt ihn. Hat er begriffen, was er getan hat? 2


SPALATIN: Große Dinge werden selten aus Klugheit oder Vorsicht geboren … Aber vielleicht ist er ein Heiliger. Vielleicht ist die Zeit reif für den großen Streit zwischen Gott und Satan? KURFÜRST FRIEDRICH Ja, wer weiß. Für manche ist der Papst ein Antichrist, für andere Luther ein Prophet. Die Zeit ist voller Leid, Wirrnis und Bosheit. Ja - als stünde der Weltuntergang kurz bevor. Oder auch nicht. Spalatin öffnet die Kirchentür mit diversen angeschlagenen Thesen. Sie betreten den Platz, der in gleißendem Sonnenlicht erstrahlt und treffen dort auf eine große Ansammlung von Studenten. Kurfürst Friedrich und Landgraf Philipp betrachten das weitere Geschehen aus gebührendem Abstand, während Spalatin seinen nächsten Auftrag, die Begrüßung Melanchthons, in Angriff nimmt.

Szene 2 MELANCHTHON BEGEGNET LUTHER Jubelnde, fröhliche Studenten, die den jungen, blondgelockten Melanchthon in Gesellschaft von Andreas Karlstadt in ihrer Mitte mit sich ziehen. STUDENTEN Magister Melanchthon, Ihr müsst doch Doktor Luther treffen! Doktor Martinus! Wo ist er? In Wittenberg gibt es einen Mann, der es wagt, die Wahrheit zu sagen, der es wagt, dem Papst die Stirn zu bieten! Doktor Martinus! Wo ist er? SPALATIN (hebt die Hand, um die Studenten zu beruhigen. Zu Melanchthon) Magister Philipp, im Namen des Kurfürsten heiße ich Euch willkommen. Doktor Karlstadt – Ihr seht so froh aus! KARLSTADT Das Gerücht ist also wahr. Wir haben einen exzellenten jungen Mann hierher bekommen. Schaut hin, da kommt Doktor Martinus! Die Studenten begrüßen begeistert Luther und bilden einen Kreis - die Bühne für das erste Treffen zwischen Luther und Melanchthon. 3


STUDENTEN Doktor Luther! LUTHER (zu Melanchthon, sofort angetan) Philipp Melanchthon! Unser „Graeculus“, unser Griechlein! Wie ein kleiner Engel Gottes! MELANCHTHON Doktor Martinus, es ist mir eine Ehre, Euch zu treffen. Für Eure Studenten seid Ihr ein Held. LUTHER Ja – die haben das scholastische Dividieren satt! Sie wollen das wahre Evangelium. Der Glaube steht über der Gelehrsamkeit! MELANCHTHON Ohne aber diese zu negieren … LUTHER (unterbricht) Ich schätze mich glücklich, Euch kennenzulernen! Wer Griechisch so beherrscht wie Ihr, der findet in der Schrift bestimmt die Wahrheit! MELANCHTHON Ich kann Euch Griechisch lehren … LUTHER (ergreift seinen Arm und blickt ihm direkt in die Augen) Ich lehre Euch Theologie! (von Herzen und ergriffen) Lest Paulus! Es geht um Liebe! Um Gnade! Nicht um Gesetze, nicht um gute Werke! Wir brauchen weder Tand noch Zeremonien, um zu Gott zu finden. Wir sind alle Priester! Ich möchte Euch Theologie lehren, Philipp Melanchthon! Lässt seinen Arm los und schaut auf die jubelnden Studenten. Luther geht weiter und bedeutet seinen Bewunderern, ihm zu folgen. MELANCHTHON (verwirrt) Ein Mann von starker Ausstrahlung … SPALATIN Wir Humanisten sind es gewohnt, zu prüfen und zu zweifeln. Doktor Martinus jedoch kennt nur eine Wahrheit und weist jegliche Zweifel von sich. Dennoch bin ich zutiefst gerührt. Sein Glaube und seine Überzeugung sind magisch. 4


KARLSTADT Wir alle glauben an eine Reform der Kirche. Die Zeit ist reif dafür.

Szene 3 „CRANACH I“: WIRD LUTHER VORGESTELLT Spalatin geht, in Erfüllung seines dritten Auftrages, zum Hofmaler Lucas Cranach und dessen geräumiger Werkstatt, die sich in der Nähe des Platzes befindet. Ein Labyrinth dunkler Ecken mit Leinwänden, Farben und Büchsen wechselt sich ab mit hellen Arbeitsflächen. Es gibt auch mehrere Druckerpressen für Holzschnitte und Pamphlete. Lehrlinge und Gesellen werkeln. Man sieht halbfertige Gemälde mit Motiven, die vom blutenden Jesus am Kreuz bis hin zu Variationen des Themas „Nackte Venus in voller Größe“ reichen sowie prachtvolle, beinahe aufreizende Porträts derselben Größenordnung. Es gibt dort jedoch auch Hinweise darauf, welche Aufgaben ein Hofmaler noch hat – wie die Ausschmückung von Festen sowie die Dekorierung von Waffen und Wagen. SPALATIN (sieht sich um) Bester Meister Cranach; Eure Werkstatt ist zwar ein fabelhafter Ort, doch ich habe ein dringliches Anliegen: Der Kurfürst wünscht, dass Ihr Euch Luther annehmt. LUCAS CRANACH Als Hofmaler stehe ich immer zu Diensten. Auch spüre ich, dass die Reformation der Kirche meine Mitwirkung verdient. Obwohl einige Bilderstürmer ihr Unwesen treiben! SPALATIN Zuerst wünschen wir ein offizielles Porträt, um es zu verschicken. Jetzt! Ich habe Doktor Martinus hierher gebeten. „Das Problem Luther“ steht bei allen ganz oben auf der Liste! LUCAS CRANACH Das schaffen wir, Magister Spalatin. SPALATIN Wir sehen auch gern, dass Ihr Eure neue Druckerei für Luthers und Karlstadts Schriften verwendet. Alles soll von Wittenberg ausgehen! (setzt sich sein Barett auf, um zu gehen) BARBARA CRANACH (herein) Doktor Luther ist hier!

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Beim Weggehen verbeugt sich Spalatin zum Abschied vor Barbara und legt seine Hand zustimmend auf Luthers Schulter, als sie sich in der Tür begegnen. Der Mönch Luther lässt seinen Blick über die Werkstatt schweifen, stutzt einen Moment beim Anblick des „leidenden Christus“ neben der „nackten Venus“, wird jedoch schnell von der Wärme des Ehepaares Cranach in den Bann gezogen. LUCAS CRANACH (zu Luther) Willkommen, mein Freund. Es ist mir eine Ehre, Euch endlich zu treffen. Ihr sollt porträtiert werden – setzt Euch doch! BARBARA CRANACH Etwas zum Trinken, Doktor? LUTHER Danke, Frau Cranach – da sage ich nie nein! Meister Lucas, steht Ihr dem Kurfürsten nahe? LUCAS CRANACH Ja, sehr. Ich war dereinst sogar sein Gesandter beim Kaiser in Mechelen. BARBARA CRANACH Lucas hat den kleinen Prinzen Karl gemalt, allem Anschein nach der künftige Kaiser. Sitzt Ihr bequem? LUTHER Ja - wie beschaulich ist es in Eurer Werkstatt. LUCAS CRANACH Ein schöner Ort. Meine Burg. Mitten im Leben ward mir plötzlich alles eine Last. Dann habe ich die Werkstatt hierher verlegt, weit weg vom Lärm des Hofes, und kam zu Frau und Kindern. Auch Eure Predigten halfen mir sehr. Im Lichte der Gnade Gottes wurden die Probleme plötzlich ganz klein. Ein seltsamer Friede kehrte ein, der mich von Unruhe befreite. Der Glaube – Die Schrift – die Gnade … LUTHER Sola fide – Sola scriptura – Sola gratia … Ihr habt das Wesentliche verstanden, Meister Cranach. Nun reden alle bloß davon, ob dem Papst zu gehorchen sei oder nicht. 6


LUCAS CRANACH Ja, es läuft wohl auf einen Bann wider Euch und Euren Kollegen Karlstadt hinaus. LUTHER (mit angsterfülltem Blick) Ich seh‘ mich schon lebendig auf dem Scheiterhaufen braten! All die Versuche zur Versöhnung sind misslungen. Keiner hört zu! Ich halt das nicht mehr aus! Das Maß ist voll ich muss zum Angriff übergehen! BARBARA CRANACH Dann tut es doch! Wie man mit Predigten ganz Deutschland erreicht, wisst Ihr ja schon - dank der Druckerpressen! LUCAS CRANACH Der Kurfürst sieht es gern, wenn ich das, was Ihr schreibt drucke und vertreibe. Und hier ist auch schon das Porträt, ein starker und trotziger Mönch! (überreicht Luther die Skizze, der sich über sein Aussehen freut und davon inspirieren lässt) LUTHER (während er aufsteht bereit zum Aufbruch) Vielleicht auch Satiren? Der Papst als Antichrist? Wir wollen die einfachen Leute erreichen! LUCAS CRANACH Gute Idee! Dann wird meine Werkstatt hierfür die Bilder beisteuern. BARBARA CRANACH Und eins ist sicher, Doktor Martin, Ihr habt das Wort in Eurer Gewalt und das Volk in Eurer Hand.

Szene 4 TREFFEN MIT ERASMUS IN KÖLN / LUTHERS BRIEF AN PAPST LEO X. Simultane Nachtszenen: - In Köln, wo sich alle nach der Kaiserkrönung in Aachen versammelt haben, führt Spalatin mit der Fackel in der Hand Erasmus durch die dunklen Gassen zu seinem Kurfürsten, der sich vom „lumen mundi“ gute Ratschläge erhofft. (5. Nov. 1520) - In Wittenberg, bei Kerzenschein, schreibt Luther einen Brief an Papst Leo X. (Brief nach dem 12. Oktober 1520, rückdatiert auf den 6. September)

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- Eventuell sehen wir auch Papst Leo X. in Rom mit seinem ganzen Pomp und seiner Autorität. SPALATIN Mein bester Erasmus! Mein Herr ist sehr dankbar, dass Ihr ihm etwas von Eurer kostbaren Zeit schenken wollt, wenn sich nun schon mal unsere Wege hier in Köln kreuzen. ERASMUS Ich stehe natürlich zu Diensten. Der Kurfürst Friedrich ist ein kluger und mächtiger Mann. SPALATIN Aber wir haben schwierige Zeiten. Kaiser Karl ist erst neunzehn. Die Lage unsicher. ERASMUS Ja, die Türken rücken vor. Und in Sachsen habt Ihr das Problem Luther. SPALATIN Genau. Wir sehen Luther aufgeregt schreiben. Spalatin und Erasmus kommen nach vorn, wo der Kurfürst schon wartet. ERASMUS Es ist mir eine Ehre. (Verbeugt sich) KURFÜRST FRIEDRICH Mein lieber Erasmus, ich brauche von Euch, unserem „lumen mundi“, einen Rat! ERASMUS Zu Diensten, Euer Exzellenz. KURFÜRST FRIEDRICH: Ihr habt selbst – mit vortrefflicher Eleganz! – den Verfall der Kirche kritisiert. Doch die Kritik greift um sich! Die Bannbulle ist schon unterwegs zu zwei Theologen von mir, Andreas Karlstadt und Martin Luther. Es eskaliert auf beiden Seiten. Was soll ich tun? Simultan in der Nacht in seinem Kloster in Wittenberg schreibt Luther in seiner Verzweiflung einen Brief an Papst Leo X. LUTHER Allerheiligster Vater in Gott! Papst Leo! Als dein treuer Diener bitte ich dich, mir Gehör zu schenken! Drei Jahre lang habe ich Krieg geführt wider das Böse der Zeit, doch niemand erträgt mehr die Wahrheit! 8


ERASMUS Das Problem ist die Front-Figur, Luther. Seine ganze Art! LUTHER Niemand erträgt die Wahrheit! Doch höre auf Christus und die Propheten: Sie schmeicheln nicht! ERASMUS In vielen Dingen hat er recht, doch ist er ein zu großer Hitzkopf! LUTHER Heiliger Vater Leo! Was kann korrupter sein als dein Hof in Rom? Diese Mordgrube, dieses Bubenhaus! Das ist deiner nicht mehr würdig... Das stinkt! ERASMUS Wenn so viel im Zorn und im Affekt geschrieben wird, muss man nicht gleich nach dem Scheiterhaufen rufen. Bloß nicht ihn noch mehr reizen! LUTHER Einst war Rom die Pforte des Himmels, nun ist es der Rachen der Hölle … Eine Gottlosigkeit, schlimmer als die Türken …!

KURFÜRST FRIEDRICH Er meint, es höre ihm niemand zu. Er meint, man kränke ihn, ja trete ihn mit Füßen!

LUTHER (rechthaberisch alle Details aufzählend) Heiliger Vater! Zu allem hab ich ja gesagt! Und auch versprochen, still zu schweigen … Doch der Lakai der Satan in Leipzig, der hat den Friedensplan zerstört …! Soll ich wirklich auf dem Scheiterhaufen brennen? (sackt verzweifelt in sich zusammen)

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ERASMUS So lautet denn mein Rat: Ersucht den Kaiser, ihm Gehör zu schenken, auf dem nächsten Reichstag zu Worms. Es ist stets das Klügste, behutsam vorzugehen, sonst artet es noch aus - in Hader und Aufruhr, in „Tumultus“! Mag sein, dass all die Guten Luthers Freimut lieben. Doch scheint es mir, als könnte Demut mehr bewirken als diese Dreistigkeit. So hat Christus die Welt erobert! KURFÜRST FRIEDRICH Kommt Ihr auch nach Worms, Erasmus? ERASMUS Schon möglich … Doch wie gesagt, ich bin kein streitbarer Mann … (Verbeugt sich) Spalatin begleitet ihn mit der Fackel zurück zu seinem Haus. LUTHER (fährt fort an Leo X. zu schreiben) Heiliger Vater Leo! Gott möge die Mächtigen von ihrem Thron stoßen! Höre nicht auf die Schmeichler, höre auf die, die dich demütigen! Deine Heiligkeit … Ich schicke dir mein neustes Büchlein „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Eine kleine Einführung in das christliche Leben, wenn du erlaubst … Eins ist gewiss – ich habe stets ehrfürchtig und gut über dich gesprochen, Heiliger Vater …!

Szene 5 A. DIE VERBRENNUNG DER BANNBULLE (10. Dezember 1520) Morgendämmerung. Melanchthon und Karlstadt heften einen Aufruf zur Bücherverbrennung an allen Kirchentüren an. Sie werden dabei von einer Gruppe aufgeregter Studenten unterstützt, die Flugblätter mit demselben Aufruf verteilen. Melanchthon ist nervös aber entschlossen. STUDENTEN (höhnisch singend) Der Papst in Rom, der stinkt! Den Antichristen muss man stürzen! Das Bordell Rom muss man schließen! Die Bannbulle muss man verbrennen! 10


Lesen vom Flugblatt ab: STUDENT 1 „Jeder, den die evangelische Wahrheit mit Freude erfüllt, möge sich um neun Uhr vor dem Elstertor einfinden, STUDENT 2 ...wo nach altem apostolischem Brauch, Bücher des kanonischen Rechts und der gottlosen scholastischen Theologie verbrannt werden. STUDENT 1 Dies geschieht, weil es die Feinde des Evangeliums in Löwen, Köln und Mainz gewagt haben, STUDENT 1+2 ... Luthers fromme Bücher zu verbrennen!“ Die Kameraden jubeln. Weitere Studenten und Neugierige strömen zum Stadttor, wo bereits das Feuer lodert. Einfache Leute schließen sich den Studenten an und skandieren mit ihnen gemeinsam Schlagwörter und Parolen. Die Atmosphäre ist feierlich, aber aggressiv. Melanchthon und Karlstadt reichen mit Hilfe einiger Studenten das kanonische Rechtsbuch, Ecks Schriften etc. weiter und werfen sie ins Feuer, angestachelt von begeisterten Zurufen. STUDENTEN Rom ist fürwahr Mordgrube und Bubenhaus, das Reich der Sünde, des Todes und der Verdammnis! Verbrennt die Bücher! Verbrennt das Kirchenrecht! Verbrennt alles! LUTHER (tritt zum Feuer hin) Der Papst hat eine Warnung gesandt: „Exsurge Domine“! (hebt die Bulle hoch) „Weil du den Heiligen des Herrn verderbt hast, verderbe dich das ewige Feuer.“ Mit einer demonstrativen Geste wirft er die päpstliche Bulle ins Feuer. Taktfester Jubel. LUTHER (sorgt mit einer Geste für Ruhe und fährt fort) Ein Spielchen. Wir sollten den päpstlichen Stuhl verbrennen! Wer sich dem törichten Regime des Papstes nicht widersetzt, kann niemals selig werden! (dreht sich um und verlässt den Platz)

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Die Gruppe löst sich unter anhaltendem, taktfestem Jubel auf. Man spürt die ungezähmte Kraft der Masse.

B. UMZUG: LEBENDE SATIREN / LEBENDE FLUGBLÄTTER Während sich die Älteren zurückziehen, rüsten sich die Studenten für einen hasserfüllten, karnevalsähnlichen Umzug. Sie verkleiden sich und ziehen Wagen. STUDENTEN Der Papst in Rom, der stinkt! Den Antichristen muss man stürzen! Das Bordell Rom muss man schließen! Die Bannbulle ist null und nichtig! Der Umzug bewegt sich durch die Straßen von Wittenberg. Studenten auf den Wagen stellen den Teufel, den Papst als Antichrist und Esel, Kardinäle als Schweine und Wölfe, Untiere der Apokalypse, Babylons Dirnen, die Prasserei in Rom mit Essens-Orgien, Luxus und Sex dar – alles inszeniert als lebende Flugblätter. Andere Studenten folgen ihnen jubelnd und singend. Vorherrschende Grundstimmung ist das Gefühl, betrogen worden zu sein und Rachsucht. Die Straßen sind gesäumt von enthusiastischen, aber auch entsetzten Zuschauern, Melanchthon inbegriffen. Die Studenten im Gefolge beginnen, ein Spottlied zu singen, das auf den Wagen mit wilden Tableaus illustriert wird. Weitere Zuschauer stimmen in den Refrain ein und der Hass wird größer. Erste Strophe: Der Papst hat Gottes Gesetz verworfen und bekommt deshalb vom Teufel ein neues. Wir sehen, wie der Papst Rat vom Teufel bekommt, der aus dem Gebüsch heraus zu ihm spricht, so wie Gott zu Moses gesprochen hat. STUDENTEN „Der Papst macht viel Gesetz und Gebot, zu folgen bei dem ewigen Tod. Was Gott nicht geheissen hat, das kommt aus des Teufels Rat!“ (Text: Hans Sachs) Der Esel Papst, im Teufelspakt! Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst, Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst ... das Esel-Schwein! Zweite Strophe: Es wird die Gier des Papstes verspottet: Wir sehen Ablasshandel, gierige Mönche und Türken in gigantischen Turbanen, Geld fliegt durch die Luft, die Armen werden bestohlen und der Reichtum des Papstes wächst. STUDENTEN „Der Papst rafft Schätze dieser Welt, mit Ablass und auch Türkengeld, mit manchem Fund und Simonie. An Geldtricks mangelt es ihm nie!“ (Text: Hans Sachs) Der Esel-Papst in Sündenpracht! 12


Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst, Papa Papa stinkt, Papa Papa Papst … das Esel-Schwein! Melanchthon, der an der Seite steht, fühlt sich unbehaglich. Zum ersten Mal ist die Situation außer Kontrolle geraten. Die Proteste haben sich verselbständigt.

Szene 6 ERASMUS DISTANZIERT SICH SPALATIN Doktor Martin hat Erasmus ergebenst um Unterstützung, um ein wenig Anerkennung gebeten. Nun ist die Antwort da. Melanchthon streckt die Hand nach dem Brief aus und liest. Das Gebaren und die Methoden machen ihm Angst. Er will beschwichtigen und warnen! MELANCHTHON (liest weiter im Brief und sieht zu Spalatin hoch) Als Humanisten sind wir uns doch im Grunde einig ...? Wir müssen Luther begreiflich machen, was er meint! SPALATIN Falls er es begreifen KANN. LUTHER (herein, spürt die angespannte Stimmung und wird misstrauisch) Worum geht es? SPALATIN Um die Antwort von Erasmus ... LUTHER (strahlt) Endlich! SPALATIN Auch er ist für Reformen, mahnt jedoch zur Vorsicht. LUTHER Inwiefern? MELANCHTHON Er schreibt, dass es einen Unterschied macht, ob man kritisiert oder, wie du, ATTACKIERT. 13


SPALATIN Es geht nur um die Art und Weise. Dass du dich mäßigen solltest. MELANCHTHON Deine ungestüme Art, dich auszudrücken, wiegelt noch die Leute auf und führt zu: Hader und Aufruhr – zu „Tumultus“ … LUTHER Ich mich mäßigen? Was soll die Schneid‘ am Schwert, wenn sie nicht scharf ist? Gottes Worte SIND Krieg und Verdruss. Ein Gift! Man sagt, mein letztes Buch sei eine Kriegsfanfare. Es ist auch freimütig und voller Kampfgeist. Doch den Leuten gefällt’s. Verkauft in tausend Exemplaren, da gibt es kein Zurück! MELANCHTHON (immer beklommener) Willst du nicht auf Erasmus hören, den ganz Europa um Rat fragt? LUTHER (Arie) (packt Melanchthon und schaut ihm tief in die Augen) Was meinst du, mein geliebter Philippus, mein Griechlein? Ich sage die Wahrheit! Zu glauben heißt, sich seiner Sache gewiss zu sein. Mit seinem Zögern, seinen Zweifeln ist Erasmus Gottes Feind! (inbrünstig) Gott offenbart sich nicht den Klugen und Gelehrten, sondern im Wahn und im Bösen … im Leid und in der Schwäche … „Sub contraria specie“ – Tod ist Leben! (prophetisch glühend, wobei er Spalatin und Melanchthon mit seinen Blicken fixiert) Und denkt daran: der Satan schläft nie! Gott hat mir befohlen, zu lehren und zu urteilen wie einer von den Aposteln im deutschen Lande. Wenn‘s sein muss - mit Feuer, Schwert und Blut! Erfüllt von Ruhe, Gottesglauben und Selbstvertrauen dreht er sich auf dem Absatz um und lässt seine engsten Vertrauten stehen. SPALATIN (zu Melanchthon) Manchmal ist er... furchterregend. Sie begeben sich nach draußen, ins Volksgewimmel auf dem Platz. 14


Szene 7 „CRANACH II“. HEILIGENBILDER ALS MÜLL & EIN SANFTER MÖNCH Volksgewimmel auf dem Platz. Barbara und Lucas Cranach beladen Wagen mit Pamphleten und polemischen Schriften und schicken sie los. Aus der anderen Richtung kommt Karlstadt; er überwacht einen Transport mit heruntergerissenen Altären, Heiligenbildern und Orgeln. Jemand weint, bekreuzigt sich und reißt das Fragment einer Heiligenstatue an sich. BARBARA CRANACH (bekommt mehrere große Tüten mit Geld und schickt den Transport los. Zu Karlstadt, der gerade mit seinem Wagen vorbeigeht) Hier geht es ziemlich rabiat zu! KARLSTADT Götzenbilder auf den Altären sind eine Erfindung des Teufels. BARBARA CRANACH (ruft ihm nach) Nimmt man Bilder weg, erkennt man ihre Macht an! Ist Euch das nie in den Sinn gekommen, Andreas Karlstadt?! (sieht in der Ferne, wie Luther näherkommt und ruft) Doktor Martin, könnt Ihr den Mann nicht zügeln? Wovon sollen wir leben, wenn die Bilderstürmer an die Macht kommen? LUTHER (kommt näher) Die gottlosen Objekte müssen weg, Frau Cranach, wollen wir die falschen Zeremonien ausrotten! LUCAS CRANACH: Kommt heraus, um einen weiteren Wagen zu beladen. Lehrlinge tragen Stapel mit Pamphleten, auf denen die Zielorte vermerkt sind: Straßburg, Zürich, Nürnberg, etc. (zu Luther) Sie könnten doch zu Eurem Vorteil sein. (nimmt einen großen Packen mit graphischen Blättern vom Wagen herunter und knotet die Schnur auf, zeigt) So wie dieses hier. Ein neues Porträt des sanften Augustinermönches Martin! BARBARA CRANACH Der Kurfürst fand das alte Bild zu trotzig. Sah in ihm das Angesicht eines Rebells. LUCAS CRANACH Doch nun seid Ihr ein harmloser und frommer Mönch! (legt den Packen zurück) Wir haben tausende davon gedruckt. Sie werden auch in Worms auf der Straße verkauft, wenn man Euch vor dem Reichstag verhört. 15


LUTHER (von Angst gepackt) Man versprach mir freies Geleit, bis in den Rachen der Bestie! Doch ob ich lebend wiederkehre, ich weiß es nicht … BARBARA CRANACH (legt ihren Arm um ihn) Gewiss, Doktor Luther. Ihr schafft das. Überdies brauche ich einen Patenonkel! (deutet auf ihren Bauch) INTERMEZZO – Triumphzug nach Worms. Auf dem Weg dorthin predigt Luther und spielt in den Wirtshäusern Laute wie ein trunkener „Orpheus mit der Lyra“. Jubel des Volkes.

Szene 8 DER REICHSTAG ZU WORMS

(17.-18. April 1521)

A. GEBET In einer Mischung aus Wut und Angst betet Luther nachts im Mondschein in seiner Klosterzelle zu seinem Gott Vater, bevor er am nächsten Tag in Worms vor dem Kaiser verhört wird. LUTHER Gott steh mir bei wider weltliche Vernunft und Weisheit! Hörst du mich, Gott? Bist du tot? Nein, du kannst nicht sterben … du versteckst dich bloß. Ich aber soll vor den großen Herren der Welt stehen … bereit mein Leben zu opfern … wie ein Lamm … B. VERHÖR Die Delegierten – Fürsten, Kardinäle, Diplomaten und Repräsentanten für die Reichsstädte – versammeln sich, füllen den Saal. Ein Spalt öffnet sich und wir sehen Luther vor seinem Kontrahenten, Dr. von der Ecken aus Trier, und dem Kaiser stehen. Auf einem großen Tisch sind Luthers Bücher und Pamphlete aufgestapelt. Wir sehen förmlich seine gewaltige publizistische Produktivität. DR. VON DER ECKEN Nun habt Ihr uns genug gelangweilt, mit Euren endlosen Tiraden, endlosen Abschweifungen. So kommet nunmehro zur Sache! Habt Ihr, Martin Luther, diese Bücher verfasst? 16


LUTHER (geht zum Tisch) Ja, das sind meine. DR. VON DER ECKEN Widerruft Ihr, was Ihr geschrieben habt? „Revoco“ …! LUTHER (schwach, aber entschlossen) Eure kaiserliche Hoheit, hochverehrte Fürsten: Nein. Wenn ich über den Glauben schreibe, bin ich an die Schrift gebunden. In meiner Kritik der Kirche sage ich nur, was auch einfache Leute spüren und meinen. Die Tyrannei des Papstes hat die Deutschen gequält und geschröpft. Zu widerrufen hieße, dieser monströsen Gottlosigkeit Tür und Tor zu öffnen! Ich kann und will nicht wider mein Gewissen handeln. DR. VON DER ECKEN Da gibt es nichts zu diskutieren. Eure Ketzereien sind dieselben wie die des Jan Hus, und jene wurden vom Konzil in Konstanz bereits verdammt! Der Kaiser flüstert Dr. von der Ecken etwas zu, dieser nickt und fährt fort. Ihr meint, das Konzil kann irren? LUTHER (kraftvoll) Ja! Und ich kann es beweisen! KAISER KARL V. (steht auf) Danke! Das genügt! LUTHER (während er unsanft weggeführt wird) Allein Gottes Wort ist ohne Fehl und Tadel! C. EMPFANG Das Treffen löst sich auf, die Leute vermischen sich untereinander, ein luxuriöses AbendGelage beginnt. Speisen und Getränke werden hereingetragen. Die Frauen kommen hinzu. Gespräche in Gruppen mit verschiedenen Stimmungen und Energien. Voller Angst und in einem fast komatösen Zustand wartet Luther in seiner Mönchszelle auf das, von dem er glaubt, dass es der Scheiterhaufen wird. GEORG VON ALBERTINE SACHSEN Ein Wildschwein im Weinberg! Welches erlaubt, dass jeder die Bibel deutet, wie er will! PHILIPP VON HESSEN (nun 16 Jahre alt) Aber war das nicht beeindruckend? Er hört auf sein Gewissen! 17


FRAU 1 (nimmt eins von Cranachs Drucken mit dem sanften Mönch) Ihr habt wohl gesehen, dass man Luthers Bild auf den Straßen in Worms wie das eines Heiligen küsst? GEORG VON ALBERTINE SACHSEN Das ist widerlich! Ich werde nicht eher ruhig schlafen, als bis dieser Bruder Martin auf dem Scheiterhaufen brennt! Und warum ist Erasmus nicht hier? In einer anderen Gruppe: DIPLOMAT Genau wie Jan Hus in Konstanz soll er spüren, wie das Feuer brennt … FRAU 2 Die Hinrichtung von Jan Hus hat die Ketzerei doch nur beflügelt! FRAU 3 Was geschieht, wenn Luther getötet wird? DIPLOMAT Kurfürst Friedrich wird niemals erlauben, dass sich der kleine Kaiser in Sachsens Geschäfte einmischt. Dritte Gruppe: KARDINAL 1 (sieht sich um, ob ihn auch niemand hört) Wir sind alle dafür, dass man die Kirche reformiert. KARDINAL 2 Ja, aber doch nicht so, dass man sie vernichtet! Diesen Mann muss man aufhalten! KARDINAL 1 Wie man sich bettet, so liegt man. Wann hatten wir je einen solchen Papst? Nicht nur korrupt, sondern auch geistlos! KARDINAL 2 Die ganze Zeit über hat er die Gefährlichkeit dieses Mönches unterschätzt! Vierte Gruppe: Abseits, inklusive Spalatin PHILIPP VON HESSEN Macht der Kaiser ihn friedlos? 18


KURFÜRST FRIEDRICH Gut möglich. Doch seine Beliebtheit in Deutschland gleicht einem Fieber ... Er kann und wird nicht hingerichtet werden. Spalatin! Stöbert ihn auf. Jetzt. Wird von Fanfaren unterbrochen: Der Kaiser ab, zur Prozession, die von Bläsern angeführt wird. Die Runde wird aufgelöst. D. ZUSAMMENBRUCH Spalatin kümmert sich um Luther, der vor lauter Angst und Anspannung zusammengebrochen ist. Er schlägt um sich und zittert. Einige Wächter halten ihn fest. LUTHER … Die Teufel werden mich holen … dieser Satan … schläft nie! SPALATIN Ich bin hier!! Spalatin! Du hast es geschafft! LUTHER Keiner hat mir zugehört … man wird mich wie eine Gans braten! Dieser Antichrist… dieser Satan… SPALATIN Bleib ruhig … Ich bin ja hier … Du wirst nicht gebraten … Du hast freies Geleit! Wir bringen dich in ein Versteck … Bleib ruhig! (gibt den Wächtern ein Zeichen, ihn fortzuschleppen und folgt ihnen dann)

Szene 9 „DIE DEUTSCHEN SIND JETZT WIE BESESSEN“ A. FREIHEIT EINES CHRISTENMENSCHEN Menschen strömen nach vorn: Die Masse ist in Bewegung geraten und die Welt steht Kopf im Glauben an eine Veränderung. Angst – Destabilisierung – Freiheit! Die Büchse der Pandora ist aufgegangen. Chor, Dialoge, Chaos. Viele Leute haben Bibeln, Pamphlete, Flugblätter und Hammer. Allmählich treten die verschiedenen Gruppen und Personen ins Zentrum. ALLE Freiheit eines Christenmenschen! Wir gehorchen nur Gott! Befreit in Christus stürzen wir den Antichristen! Doch wo ist Luther? 19


EINSAME STIMME Der große Erasmus flieht! Die Studenten werfen sein Katheder um …! ERASMUS (ist auf der Flucht, den Mantel halb angezogen, in der Hand ein Bündel Papiere und mit einem Diener, der mit seinen Koffern zu einem der Wagen hetzt) Die Deutschen sind jetzt wie besessen! Diesem Wahnwitz kann niemand entrinnen! Oh, diese Luther-Tragödie, ach, dass sie nie geschehen wäre! Wir sehen eine Kerngruppe von radikalen Studenten, wie im Umzug (Szene 5B) mit Tiermasken: Sie parodieren die Messe, die albernen Zeremonien, die fetten Mönche. ALLE: Reingelegt von fetten Klerikern, Satans willigen Lakaien! Zurück zur Schrift! Zurück zu Christus! Allein durch Glauben – „Sola fide!“ STUDENT MIT MASKE Ohhhh! Der heilige Sankt Benno! (öffnet den Deckel eines großen Fuß-Reliquiars) Was ist das?! Pferdeknochen? Kuhknochen? (lacht und legt sich die Gebeine über die Schulter und wirft das Reliquiar auf den Wagen) ALLE: Doch wo ist Luther? Mønche attackieren eine Statue ihres Franziskus: Reißen die Schnur ab und zerren die Kleider herunter bis nur noch ein Holzgerippe mit Händen und Kopf übrig bleibt. Reißen den Kopf ab: FRANZISKANER-MÖNCHE: Wir waren Sklaven unter dir, Franziskus! Sklaven! Zurück zu Christus und zum Kreuz! Bauern tragen eine gigantische Madonna in schwarzer Seide und Gold als Parodie auf die Osterprozession: BAUERN Werft sie in den Fluss! Mal sehen, ob sie schwimmt! Mal sehen, ob sie eine Hexe ist! EINSAME STIMME Ein Sünder reicht schon, um Pest und Hunger auszulösen und den Untergang der Welt! Doch wo ist Luther? 20


ERASMUS (verbirgt sein Gesicht, während er sich mit seinem Diener durch das Handgemenge nach vorn schleicht) Das Feuer des Fanatismus lodert …! Schaffe ich es außer Landes, bevor man mich in Stücke reißt? BÜRGERFRAU (packt Erasmus) Du bist es, Erasmus! Warum fliehst du? Warum verbirgst du dich? Warum unternimmst du nichts? Erasmus reißt sich los und verschwindet in der Menge. ALLE Befreit in Christus, stürzen wir den Antichristen! Einige „Schwärmer“, ähnlich den Wiedertäufern, treten ins Zentrum, wie in eine Arena des Wahnsinns. Sie taufen sich gegenseitig. Eine Frau bekommt Krämpfe. Manche reißen sich die Kleider vom Leib. MANN (zerschlägt seine Werkzeuge) Wir brauchen nichts! Gott wird uns alles geben … FRAU (mit abgeschnittenen Haaren) Der Heilige Geist spricht aus mir … Ich bin der Messias! Sie werden von Ordnungskräften fortgeschleppt. ALLE Freiheit! Wir können alle die Bibel lesen. Wir sind alle Priester! Freiheit eines Christenmenschen! Wir gehorchen nur Gott! B. IM AUGE DES STURMS; WITTENBERG In der Schlosskirche in Wittenberg reißen Karlstadt und seine Helfer in aller Ruhe Bilder, Heiligenstatuen und Altäre herunter. Leitern und Werkzeug. Nicht wenige Dinge werden zerstört. Melanchthon ist von den Zwickauer Propheten fasziniert: drei einfach gekleidete Männer in einer Ecke, ergriffen vom Heiligen Geist und wie in Trance. ZWICKAUER PROPHETEN Halleluja! Offenbare mir deine Wahrheit! … Ich höre dich, Gott, Halleluja … … Die Trauben am Weinstock der Erde müssen geerntet und in die Weinpresse von Gottes Zorn geworfen werden … Und als eine Erscheinung sehe ich sieben Engel mit sieben Plagen. 21


MELANCHTHON (sieht zu den Zwickauer Propheten hin) Diese Zwickauer Weber. Es scheint, als hätten sie wahrhaftig Kontakt zu Gott ... ZWICKAUER PROPHETEN Oh, sprich zu mir, Heiliger Geist! Die Stunde naht … Mein Gott, im letzten Streit zwischen Gott und Satan … SPALATIN (stößt triumphierend die Kirchentür auf) All Ihr Lieben! Ich bringe Euch Doktor Luther mit! MELANCHTHON: Du bist zurück! Geht schnell zu Luther hin, umarmt ihn. Luther betrachtet die heruntergerissenen Bilder. Er begegnet dem Blick eines Zwickauer Propheten. ZWICKAUER PROPHET (blickt mit klaren Augen auf Luther) Doktor Luther! Durch mich spricht der heilige Gott. Er sagt, dass … LUTHER (verwirrt und wütend) Ihr müsst mir nicht erzählen, was Gott sagt!! Verschwindet, Ihr Schwärmer! Packt denjenigen, der gesprochen hat und schleudert ihn gegen die Tür. Die ganze Gruppe zieht sich erschrocken zurück. (zu Karlstadt) Und du machst wohl auch, was dir gefällt? Chaos und Bildersturm! Karlstadt! Für wen hältst du dich? KARLSTADT (in den Händen noch immer ein abgehängtes Bild) Verzeihung, aber du bist ja nicht der einzige Reformator in der Stadt. LUTHER (ist drauf und dran, Karlstadt physisch anzugreifen) Was zur Hölle …! SPALATIN (packt Luther am Arm und widerspricht plötzlich) Doktor Martin! Hier tragen viele ihr Scherflein bei. 22


Was wäre geschehen, hätten wir dich nicht auf der Wartburg versteckt? LUTHER (ist einen Moment sprachlos) … Lieber Spalatin, ich weiß, was ich dem Kurfürsten zu verdanken habe. Und dir. Und meinem Philippus! (legt den Arm um Melanchthon) Aber Karlstadt?! Nur über meine Leiche! (deutet mit der Hand auf die abgehängten Bilder und zerschlagenen Skulpturen) KARLSTADT (reicht es) Martin Luther; Du siehst dich wohl als König der Reformation! Als Papst des neuen Glaubens! Doch ohne mich! (wirft das, was er gerade in den Händen hat, weg und schickt sich an zu gehen, wendet sich jedoch zum Abschied um) Auch du irrst gewaltig, Herr Doktor mit deiner Glorifizierung von Paulus und seinem Römerbrief! Er ist kein Apostel Jesu, kein Prophet. (schnaubt, verächtlich) Und du auch nicht, du aufgeblasener Kleriker! SPALATIN (läuft Karlstadt nach kurzem Zögern hinterher) Wartet, Doktor Karlstadt! Luther und Melanchthon allein zurückgeblieben. LUTHER (greift etwas erschüttert nach Melanchthon) Den sind wir los. Jetzt sind es nur noch wir beide, mein Philippus! Nun muss die Verwirrung aufhören und Ordnung einkehren...

Szene 10

(Die Septemberbibel 1522. Nonnen auf der Flucht 4-5 april 1523)

KAMPF UM GLAUBEN UND SEELEN A. „CRANACH III“ & NONNEN AUF DER FLUCHT In der Werkstatt stapeln sich die Pamphlete und man ist mit der Bibel in Luthers neuer Übersetzung zugange. Bibeln und Katechismen werden auf die Wagen verladen. Es wird in Goldmünzen abgerechnet und im Kassenbuch an einem Tisch notiert.

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Wir sehen auch die riesigen Porträts von den Kurfürstenbrüdern, von Luther und Melanchthon, die die heruntergerissenen Altäre, Heiligenstatuen und Heiligenbilder ersetzen sollen. GESELLE (schiebt einen Wagen mit großen Paketen) Zweihundert Bibeln nach Nürnberg, Meister Lucas. LUCAS CRANACH Sehr gut! (erblickt Luther, der in einer Bibel blättert, wobei er gestresst und zerstreut einige Seiten inspiziert) Martinus! Hast du in der Stadt für Ordnung gesorgt? LUTHER Man muss vor allem predigen! Glühend! (als einzelne Strategiepunkte aufzählend) Das Unwichtige vom Wichtigen trennen. Die Fanatiker und Schwärmer vertreiben. Ein kleiner Katechismus, (zeigt) damit man die wahre Lehre pauken kann. LUCAS CRANACH Auch mit Bildern, nicht wahr? LUTHER Ja, so wie in unserer Bibel! Karlstadt habe ich doch rausgeworfen. Man sollte ihm das Predigen verbieten! LUCAS CRANACH Ach ja? LUTHER Genau wie der Schwärmer Müntzer wiegelt er die Bauern auf. LUCAS CRANACH Ist Karlstadt nicht in Straßburg? LUTHER (assoziiert ohne zuzuhören) Straßburg. Und Zürich! Dort imitiert man uns. Dieser Zwingli … Er hasst Musik! BARBARA CRANACH (plötzlich herein, unterbricht) Vergesst Zwingli! Die Frauen sind da! LUTHER: Was, Frau Cranach? 24


BARBARA CRANACH Habt Ihr nicht zwölf Nonnen geholfen, ihrem Kloster zu entfliehen? Nun stehen neun von ihnen müde und schmutzig vor der Tür. LUTHER (seine Nervosität und sein Stress sind wie weggeblasen) Ja, die Nonnen aus Nimbschen! Was für ein Sieg für den neuen Glauben! LUCAS CRANACH: Barbara, lass sie doch Doktor Luther begrüßen. LUTHER (holt eine Liste hervor und gibt sie Cranach) Ich suche nach guten Männern, um sie zu verheiraten. Drei könnten doch hier wohnen – nicht wahr? Neun schmutzige, müde - völlig erschöpfte - Nonnen betreten schüchtern und vorsichtig die Werkstatt. LUTHER (in ihrer Mitte) Willkommen Ihr mutigen Frauen! Hinaus in die Welt und hinein in den Alltag! Wer von euch hat mir geschrieben? KATHARINA VON BORA Ich – Katharina von Bora. Gott segne Euch, Doktor Luther. KATHARINA + NONNEN Meister Koppe aus Torgau kam mit den Heringen zum Kloster, und auf der Rückfahrt versteckten wir uns zwischen den Fässern. Jetzt stinken wir alle nach Fisch! LUTHER Heldinnen der Reformation! MELANCHTHON (herein mit einer Korrektur, blickt überrascht auf die schmutzigen Nonnen) Was geht hier vor? BARBARA CRANACH (zu Melanchthon) Das sind die Nonnen, die aus Nimbschen geflohen sind. Zu den Nonnen: Ihr braucht ein Bad, neue Kleidung und Essen! Lucas Cranach schaut auf den Zettel, den er von Luther bekommen hat. Barbara und er teilen die Frauen unter sich auf und gehen gemeinsam ab. Luther und Melanchthon bleiben allein in der großen Werkstatt zurück.

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B. DER FREIE WILLE LUTHER Meine Bibel auf Deutsch und Nonnen, die das Kloster verlassen, - was für Siege für den neuen Glauben! MELANCHTHON Aber alles läuft nicht rund, Doktor Martin. Die Bauern verweisen auf dich, wenn sie revoltieren. Und nun stößt du auch die Gelehrten von dir, mit einem gewaltigen Angriff auf Erasmus! (wedelt mit der Korrektur zu „De Servo Arbitrio“) LUTHER (ist verärgert, behält aber nach außen hin seine Ruhe) Mit den Büchern der anderen habe ich mir den Arsch gewischt! Doch Erasmus habe ich zu Ende gelesen. Und er attackiert das Herz meiner Theologie! Behauptet, wir hätten einen freien Willen! MELANCHTHON Ich glaube an die Gnade als Geschenk Gottes. (nimmt seinen Mut zusammen) Aber ich glaube auch – wie Erasmus! an die Vernunft als ein Geschenk Gottes … LUTHER (ehrlich aufgebracht und innerlich bestrebt, seinen Philippus zu erreichen) Gottes Torheit ist weiser als jeder Mensch! Erasmus verbreitet seine schlüpfrige Rede in der ganzen Welt! Ich will diesen Satan mit der Feder vernichten, ich will seine ganze Sekte auslöschen …! MELANCHTHON (entsprechend verzweifelt) Willst du auch mich auslöschen?! (leise) Du stößt sie alle von dir. Karlstadt, Erasmus – und nun mich. LUTHER (greift wie vorhin nach Melanchthon) Nein! Du darfst mich nicht verlassen … mein Griechlein! Alles, was du schreibst, ist besser als meins! MELANCHTHON (kann nicht widerstehen, besitzt jedoch genug Geistesgegenwart, um die Situation auszunutzen) Doktor Martin: 26


Nun hör doch mal zu! Die Bauern und Müntzer verweisen auf dich, wenn sie revoltieren. Mahne die Bauern zum Frieden! Mahne die Fürsten zur Milde! Der Krieg hat bereits Thüringen erreicht und dein Eisleben...

Szene 11 LUTHER IN DEN RUINEN IN HELFTA (≈ April 1525) Luther, zum ersten Mal ohne Mönchskutte, steht in den Ruinen des berühmten Zisterzienserinnen-Klosters Helfta bei Eisleben, das von den vorwärts stürmenden Bauern in Brand gesteckt und verwüstet worden ist. Hier lebten im 13. Jahrhundert drei berühmte Mystikerinnen – Gertrud von Helfta, Mechthild von Hakeborn und Mechthild von Magdeburg. Rauch schwelt. Weinende und zerlumpte Nonnen zwischen den Ruinen. Verbrannte Mariaund Sankt Anna-Skulpturen starren uns an, mit leerem Blick. Weinend heben die Nonnen diese ramponierten, heiligen Gegenstände auf und beten zu ihnen. Wehmut, Tragödie. Eine aggressive, gemischte Truppe von Bauernkriegern streicht noch herum, bewaffnet mit Sensen, Dreschflegeln und Messern. Planlos suchen sie in den Ruinen nach Wertsachen. VERWIRRTE GESTALT (mit irrem Blick – erkennt Luther) Soooo … du bist also heimgekehrt, in dein Eisleben! DU, Martin Luder! Siehe! Unser heiliges Helfta, die Krone der Mystik, in Ruinen … ! (zischt) Du hast den Hass geschürt! Du hast das Feuer gezündet! DIE NONNEN (begreifen, dass es Luther ist und strömen von allen Seiten zu ihm, umringen ihn und pressen sich an ihn. Er weicht verwirrt zurück und stolpert über einen Mauerrest.) Du hast es uns genommen! Das Leben der Frauen in Frömmigkeit und Gelehrsamkeit! Unsere Bücher zu Asche, unser Leben zu Asche. Kein Mann ist gelehrter als Gertrud von Helfta! Mechthild von Magdeburg! Hier fanden wir das fließende Licht der Gottheit. Begreifst du, was du getan hast? Begreifst du, was du nie begriffen hast? Luther reißt sich los und geht weg, steht aber plötzlich einigen bewaffneten Bauernkriegern Auge in Auge gegenüber. 27


BAUER 1 Wir gehorchen nur Gott, nicht den Menschen! BAUER 2 „Sola Scriptura“. Wir folgen Euch, Martin Luther! Und Müntzer! Einer der Bauernkrieger fasst eine Nonne an, hat es jedoch plötzlich eilig, wegzukommen, weil sich aus der einen Richtung einige bewaffnete Mönche und aus der anderen schwer bewaffnete Landsknechte nähern, inklusive des Heerführers der Fürsten, Philipp von Hessen, der die Zerstörung inspiziert. LUTHER Aber … aber … kleiner Philipp … von Hessen? Seid Ihr das? Führt Ihr den Befehl gegen die Bauern? PHILIPP VON HESSEN Ja, Doktor Luther – das bin ich. LUTHER Ihr seid doch erst, erst … PHILIPP VON HESSEN … erst zwanzig Jahre alt … ja. Und danke, ich habe schon genug gesehen. LUTHER Herr Landgraf Philipp; Das hab ich nicht gewollt! PHILIPP VON HESSEN (antwortet in Eile und geht weiter) Dennoch habt Ihr die Lunte gezündet! Die Hölle ist voll mit guten Vorsätzen... VERWIRRTE GESTALT (steckt den Kopf vor, direkt an Luthers Gesicht, und packt ihn am Arm) … sagte der heilige Bernhard! Eine Hölle der guten Vorsätzen! LUTHER (schlägt sich frei. Wird erst von Wut, dann von Verzweiflung und schließlich von Angst gepackt.) (Wut) Ich habe zum Frieden gemahnt! Ich habe zur Milde gemahnt! Was hat es gebracht? Ich verurteile diese räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern, die sich der göttlichen Ordnung widersetzen! (Die Verzweiflung gewinnt die Oberhand) Gott selbst hat die weltliche Macht eingesetzt: Die Fürsten! Die Obrigkeit soll Gottes Zorn-Schwert tragen. Nicht die Bauern! 28


Stecht sie nieder, schlagt alle tot, so ihr könnt, wie einen tollwütigen Hund! (Angst) Dieser Aufstand ist Satans Werk. Der Weltuntergang steht bevor. Ich, Martin Luther, sage: Schlagt sie tot!

II. Akt

Szene 12

(Der Kurfürst, am 5 Mai 1525 gestorben. Schlacht bei Frankenhausen 15. Mai. Münzter hingerichtet am 27. Mai.) NACHT IN WITTENBERG – DIE BAUERN SIND GESCHLAGEN Der alte weise Kurfürst ist tot, mitten in der großen Tragödie des Bauernkrieges. Der Sarg steht in der Kirche, in der auch Luther voller Angst zusammen mit Melanchthon Zuflucht gesucht hat. Auf dem Altar nur ein Kruzifix. An den Wänden große Bilder von Luther, Melanchthon sowie vom alten und neuen Kurfürsten. MELANCHTHON (die Hand auf dem Sarg) Nun ist er also gestorben, unser Friedrich – der Weise … geplagt von dem Gedanken, ob dieser Aufstand eine gerechte Strafe für die herrschende Klasse war. (blickt zu Luther hin, der beim Gebet zu Boden sieht) Die Rebellen berufen sich auf dich, Worte und Pamphlete wurden zu Blut und Tod. Was sollen wir erwidern? LUTHER (sich schwach verteidigend) Das ist dieser Schwärmer, dieser Verrückte – Müntzer! Er ist der leibhaftige Satan. MELANCHTHON Nicht nur Müntzer. Ganz Deutschland ist in Aufruhr. Die Leute lesen die Bibel und sehen eine neue, andere Gerechtigkeit! 29


LUTHER (plötzlich kraftvoll und aufgewühlt) Ja, und das wahre Problem ist, dass die Leute das Evangelium nicht begreifen. Sie sind zu dumm! MELANCHTHON Was ist mit: „Gottes Weisheit zeigt sich in der Torheit“? Und „Ein Esel kann Recht haben wider Gott“? Was sollen wir erwidern? Und dein blutiges Pamphlet gegen die Bauern hat alles nur schlimmer gemacht. LUTHER (den Blick erneut zu Boden gerichtet) Das hab ich nicht gewollt … Allein das Wort, keine Gewalt! Verlass mich nicht, mein Philippus! SPALATIN (kommt herein und unterbricht) Hier seid ihr! Hört her! Philipp von Hessens Armeen haben bei Frankenhausen gesiegt. Tausende Bauern - erstochen und erschlagen! Ein Massaker! MELANCHTHON Und Müntzer …? SPALATIN … ist verhaftet, gemartert und gerichtet. Doktor Martin, vielleicht seid Ihr ein Prophet … wer weiß. Die Bauern … hingemetzelt. Mein Fürst … tot. Ich will nicht mehr … Plötzlich erwacht der erstarrte Luther zu neuem Leben: LUTHER (still, beinahe flüsternd) Ich, Martin Luther, habe das getan … ich habe das getan …! Er steht auf und geht in der halbdunklen Kirche langsam auf Melanchthon und Spalatin zu: Sie wollten nicht zuhören! Wer aber Gottes Worte nicht hören will, wenn sie freundlich klingen, der muss auf den Henker hören … (still triumphierend und mit glänzenden Augen) Ich sage Euch: Ich, Martin Luther, hab all die Bauern niedergestreckt, denn ich hab gesagt: Schlagt sie tot! 30


Die anderen weichen erschrocken vor ihm zurück. Es wird ganz still. Dann macht Spalatin auf dem Absatz kehrt, geht fort und schlägt mit lautem Knall die Kirchentür zu. SPALATIN (murmelnd, während er das Feld räumt) Mir reicht‘s. Ich will nicht mehr … ich will nicht … Luthers und Melanchthons Blicke treffen sich. Luther sinkt erneut zu Boden, das Gesicht in den Händen vergraben. MELANCHTHON Ich verlasse dich nicht, Doktor Martin. Ich bleibe hier bei dir.

MUSIKALISCHES INTERMEZZO: Der Nullpunkt. Luther betet die ganze Nacht.

Szene 13 MORGENDLICHE VERZWEIFLUNG Luther ist noch in der Kirche. Der Morgen graut, er betet und führt in seiner Verzweiflung Selbstgespräche. Er kann nicht allein sein. Melanchthon sitzt noch immer auf einer Bank und arbeitet. Ein paar armselige Sänger sind zum Proben gekommen, und eine Frau kehrt und wischt den Fußboden. LUTHER Philippus, bist du da? MELANCHTHON (mit einigen Papieren und einem Kerzenstummel auf einer Bank) Ja, ich bin hier. LUTHER (betet, bekreuzigt sich versehentlich, sieht sich um, ob es auch niemand gesehen hat) Lieber Gott, gib mir Kraft, Chaos und Zweifel, Kummer und Verderb zu ertragen. Nunmehr macht schon der Hass auf Luther jemanden zum Heiligen, ja bald zu Gottes Ebenbild! Wahnsinnige Bauern. Papisten und Kleriker. All diese gackernden Hühner! Philipp, bist du da? 31


MELANCHTHON Ja, ich bin hier. LUTHER Bete für mich! MELANCHTHON Vielleicht ziehst du das Pamphlet gegen die Bauern lieber zurück? LUTHER (erwacht) Schweig! Die Teufel ziehen und zerren an mir … (verzweifelt zu den armseligen Sängern, die in ihren Notenbüchern blättern) Singt!! Ich sage SINGT! Die Musik verjagt das Böse!

Szene 14 DIE REGUNG DER MUSIK / Intermezzo Das Göttliche verscheucht den Alltag: Die Wirklichkeit wird von der Musik und dem himmlischen Licht des Morgengrauens transformiert. Alles wird zu einem Kaleidoskop aus Regung – Regung der Musik und der Welt: Musica mundana, musica humana, musica coelestis. LUTHER Musik ist Trost für den Verzweifelten. Darum spielte David für Saul! VOKALENSEMBLE + CHOR AUS GEWÖHNLICHEN LEUTEN Tröstet die Traurigen, gibt den Mutlosen Kraft, demütigt die Stolzen, zügelt die Leidenschaften. LUTHER Durch die Musik wirkt Gottes Geist auf Erden; Er lenkt unsere Gefühle, unseren Willen, den Lauf der Planeten und die Sphärenklänge. VOKALENSEMBLE, CHOR Tröstet die Traurigen, gibt den Mutlosen Kraft; Musica mundana, musica humana, musica coelestis, Oh, diese göttliche Regung. LUTHER Meister Josquin – ein Lichtstrahl Gottes! Eine himmlische Harmonie von Stimmen, ein Bild des Göttlichen! 32


VOKALENSEMBLE, CHOR Musica mundana, musica humana, musica coelestis. Oh, diese göttliche Regung; Musik des Menschen, Musik der Sphären, Musik des Windes und der Vögel. Alles ist Gottes Geist, Gottes Gabe, Gottes Gnade. Zurück in die reale Welt. LUTHER (teilweise gesprochene Replik, für sich) Wer die Größe der Musik nicht begreift, kann gleichwohl einem Esel lauschen!

Szene 15 „CRANACH IV“ – FRAUEN UND HEIRAT In Cranachs Werkstatt sitzen Lucas Cranach und Luther zwischen Stapeln von Bibeln und Pamphleten. Identische Porträts von Luther stehen aufgereiht. LUCAS CRANACH Das Leben ist kein Spiel. Auf die ersten Triumphe folgt der Ernst. LUTHER (zuerst verhalten) Im Geiste sah ich: Sieg oder Scheiterhaufen. Nicht diesen endlosen Sumpf! LUCAS CRANACH Das Leben geht weiter, Martinus. Schreib Psalmen! Dichte! Poesie und Musik führen weiter als Hass und Polemik. (Luther schweigt) Schüttel die Teufel ab nach deinem eigenen Rat: Musik und gute Gesellschaft! (gibt ihm ein Seidel Bier) LUTHER Oder Weiber. Ob Gott dies wohl von mir verlangt? Er schuf unsere Leiber, dass wir uns mehren. 33


LUCAS CRANACH Als überall Leere war, gab Gott mir Barbara. LUTHER Doch heiratete ich, hassten mich alle noch mehr. (voller Schmerz aus eigener Erfahrung) Wenigstens sage ich die Wahrheit! Das Zölibat ist Trug und Heuchelei! Die Dirnen standen allezeit am Klostertor. Wozu sich schämen, wie man erschaffen ist? LUCAS CRANACH Aber der Mönch Martin hat sich geschämt, oder …? LUTHER (hört nicht zu) Sogar die Bäume neigen sich begehrlich zueinander. Ohne Lust gibt’s kein Leben, wird der Samen nicht zur Frucht! Zwingt man die Lust zurück, vergiftet sie unser Fleisch und Blut! LUCAS CRANACH Aber wagst du’s, das Weib? BARBARA CRANACH (unterbricht) Stören wir? LUTHER (mit einem Hauch von Wärme und Ruhe) Ihr stört nie, Frau Cranach. BARBARA CRANACH Ich weiß ja, Doktor Martin, dass Ihr Musik zum Troste braucht. (gibt ihm eine Laute) LUTHER (klimpert ein bisschen auf der Laute herum). Ihr seid ein guter Mensch, Frau Barbara. BARBARA CRANACH Nun sind ja diese Nonnen hier aus Nimbschen. Sie zu vermählen ist nicht so leicht. (winkt die drei Nonnen herein.) DREI NONNEN (unter ihnen Katharina von Bora) Sie kommen von hinten und überraschen, indem sie einen seiner ganz neuen Psalmen mehrstimmig singen, ev. aus kleinen Heften, während Luther auf der Laute improvisiert. 34


„Amen, das ist, es werde wahr! Stärk unsern Glauben immerdar, Auf dass wir ja nicht zweifeln dran, Was wir hiermit gebeten hab‘n Auf dein Wort in dem Namen dein; So sprechen wir das Amen fein.” LUTHER Musik … mein Psalm, mein kleines Lied als Ebenbild des Himmels! Das rührt mich fast zu Tränen. Und Frauenstimmen, endlich Frauen … Nun sollt ihr als Eheweiber an Gottes Schöpfung teilhaben! KATHARINAVON BORA (geht einen Schritt näher heran) Doktor Luther: Wir sind dankbar, dass Ihr gute Männer für uns finden wollt. Dennoch frag ich mich: Hab ich geirrt? Sollt’ ich zurück ins Kloster gehen? LUTHER Nein! Mutterschaft ist die göttliche Aufgabe der Frau! KATHARINA VON BORA Die einzige? LUTHER Gibt es denn Größeres, als Kinder zu gebären, zu erzieh‘n? KATHARINA VON BORA In Demut, Doktor Luther: Ich möchte Pastor Glatz nicht heiraten. Ich war im Kloster eingesperrt, doch dieser Kerker wird noch kleiner. Sie knickst und zieht sich zusammen mit den beiden anderen und Barbara zurück. LUTHER (zu Lucas Cranach) Geht sie zurück als Nonne, dann haben die Papisten einen furchtbaren Trumpf auf der Hand! LUCAS CRANACH Heirate sie. LUTHER Nein, sie ist stolz und hoffärtig. 35


LUCAS CRANACH Ja, und frech, noch obendrein! Ein Weib, das wagt zu sagen: „Nicht Pastor Glatz, dann lieber Doktor Luther!“ Sie könnt‘ wohl deine Teufel und dein Leben meistern. Nimm sie! LUTHER Ein Mönch und eine Nonne. Welchen Hass würde das wohl schüren! LUCAS CRANACH Ich werde das ganze Land mit Porträts von Euch überfluten! Mönche und Nonnen können heiraten! Männer und Weiber sollen zusammenleben!

Szene 16 PIAE CANTIONES - Intermezzo Studenten, viele aus Skandinavien, strömen singend nach Wittenberg mit Koffern auf dem Rücken. Die Mädchen in Wittenberg nehmen sie in Empfang und singen mit. Neugierige Kinder säumen den Weg. Ein Bild der Freude, Liebe und Fruchtbarkeit, das in boshaften Klatsch übergeht. KINDER, STUDENTEN UND MÄDCHEN IN WITTENBERG In vernali tempore, vers 2 (Piae Cantiones) „Terra viret floribus, Et nemus virore, Aves mulcent cantibus Et vocis dulcore, Aqua tempestatibus Caret, aer imbribus, Dulci plenus rore, Sol consumptis nubibus Radiis patentibus Lucet cum dulcore.” STUDENT 1:

Endlich wieder in Wittenberg! (umarmt sein Mädchen)

MÄDCHEN 1: Habt Ihr schon gehört? Luther hat eine Nonne geheiratet! MÄDCHEN 2: Wenn ein Mönch eine Nonne ehelicht, so gebärt sie einen Antichristen. Ein Ungeheuer! MÄDCHEN 3: Die ganze Reformation war nur dazu da, dass Luther seinem Laster frönen konnte! MÄDCHEN 1: Sagt man! 36


Alle reden gleichzeitig, während sie weiterziehen, manche paarweise. ALLE : Wer hat das gesagt? … Die ganze Welt lacht über den lasterhaften Mönch … …lacht über Wittenberg … Was er errungen hat, ist bald zunichte … Ist das wahr? STUDENT 2: Was sagt Magister Melanchthon? MÄDCHEN 2: Er ist wütend! Er wusste von nichts! STUDENT 2: Alles geschah hinter seinem Rücken! ALLE: Wer hat das gesagt? Ist das wahr? … man nennt sie schon Studenten-Dirne … Die ganze Reformation kann kippen … sagt man … Ist das wahr? ALLE (Unisono). In vernali tempore, vers 3 (Piae Cantiones) „O quam mira gloria, quantus decor Dei! Quanta resplendentia suae faciei, a quo ducunt omnia, ima, summa, media, formam speciei. Maior est distantia, quam sit differentia noctis et diei.” Parallel zu den jungen Leuten umarmt Luther nun seine Käthe.

Szene 17 LUTHER UND SEINE KÄTHE LUTHER Unsere Ehe freut meinen Vater und ärgert den Papst, bringt die Engel zum Singen und die Teufel zum Heulen! KATHARINA Mich aber nennt man eine Dirne! LUTHER Vergiss das! Man soll dich ehren und bewundern als ein Vorbild des neuen Glaubens! (holt mehrere Porträts Käthes von Cranach hervor) Wie keck und stark du aussiehst! Wie schön! Durch dich soll Gott Kinder erschaffen, Leben und Freude … 37


KATHARINA (scherzhaft) Da gibt es viel zu tun! LUTHER Ja, in der Ehe wird sündhafte Lust zu göttlichem Werk... KATHARINA Der Samen wird Frucht … Bäume und Blumen neigen sich in Sehnsucht und Lust … (neigt sich wie eine Blume) LUTHER Ja, in Sehnsucht und Begehr … (neigt sich ebenfalls zurück) Ein Zeugnis von Gottes Sehnsucht nach Leben. Zu Lust und Freude sind wir erschaffen! KATHARINA Nicht mehr einsam in einer Zelle. Zusammen leben, zärtlich sein. LUTHER (löst ihr Haar) Denk nur, man wacht auf mit zwei Zöpfen auf dem Kissen. Käthe, du hast einen frommen Mann, der dich liebt. Du bist eine Kaiserin! (wie eine plötzlich auftauchende dunkle Wolke) Aber alle hassen und verfolgen mich, ja uns! So wie man jene auch verfolgte, die vor mir waren. KATHARINA Meinst du, du bist ein richtiger Prophet? LUTHER Jedenfalls eher als dieser Schweizer Käse ‚Zwingel‘-Zwingli! Ein Narr, der behauptet, das Abendmahl sei nur symbolisch! KATHARINA Man wünscht, dass Ihr euch einigt, nicht wahr? LUTHER Ja, Landgraf Philipp drängt dazu. Aber ich gebe niemals nach! Der Schreck bei meiner ersten Messe. Jesus WAR dort, lebendig in der Hostie!

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Szene 18 DAS TREFFEN IN MARBURG 1529. (1. - 4. Oktober 1529) PHILIPP VON HESSEN Doktor Luther! (winkt ihn mit der Hand zu sich heran) Pastor Zwingli in Zürich zollt Euch seinen Respekt. Aber Ihr nennt ihn Schwärmer, Teufel und Heiden. Ich hab genug von Eurem Hohn, Hass und Radau! Einst habt Ihr geweint, als niemand auf Euch hören wollte. Nun wollt Ihr nicht auf andere hören! Das ist doch dumm, Herr Doktor. Nun eine ich die Protestanten, militärisch und politisch. Der Kaiser will uns auch was zugesteh‘n. Jetzt fehlt nur noch: dass Ihr im Glauben Euch vereint: Ihr, Martin Luther, und Huldrych Zwingli! LUTHER Zwingli? Niemals! Er hasst Musik. Konspiriert mit Karlstadt. Und sagt, dass Abendmahl sei symbolisch. Aber Jesus hat gesagt „Das IST mein Leib“! So sagt das Evangelium! PHILIPP VON HESSEN (sarkastisch) Gewiss: An einem Tag „Sola scriptura“. Am nächsten übersetzt Ihr die Bibel wie es euch gefällt! Aber „nun sind wir alle Priester“, und müssen Kompromisse schließen! Ich berufe ein Treffen auf meinem Schloss in Marburg ein: Wir begeben uns in einem reibungslosen Übergang nach Marburg. Die Theologen (Chor + Solisten) strömen in großen schwarzen Roben aus allen Richtungen hinein, und Philip von Hessen stellt die Repräsentanten der wichtigsten Städte vor: -Pastor Huldrych Zwingli, Zürich, -Doktor Johannes Oecolampadius, Basel. -Pastor Andreas Osiander, Nürnberg -Doktor Stefan Agricola, Augsburg Aus Wittenberg: -Magister Philipp Melanchthon, -und Ihr, Doktor Martin Luther! (Luther betritt den Kreis) 39


-Und als Vermittler: Doktor Martin Bucer, Strassburg Alle begrüßen sich erwartungsvoll, insbesondere Melanchthon und Bucer. Luther und Zwingli markieren ihr Revier wie zwei Hunde: LUTHER Herr Zwingli! Sola scriptura! Jesus hat gesagt, das IST mein Leib! ZWINGLI Doktor Luther, nach formidablem Beginn seid Ihr nun auf Abwegen. Aber ich glaube fest, dass ich Euch überzeugen kann! PHILIPP VON HESSEN (zieht schnell die Aufmerksamkeit auf sich) Nun, DISPUTIERT, aber einigt euch! Ich möchte, dass die Front geeint ist, wenn wir in Augsburg vor dem Kaiser stehen! BUCER Wenn uns das gelingt, ist uns der Menschheit Dank gewiss! Die Disputation beginnt in einem klassischen Halbkreis. Philipp von Hessen lässt servieren und verwöhnt seine Gäste. Martin Bucer führt die Verhandlungen. Luther ist wütend und verachtet Zwingli. Zwingli fühlt sich überlegen, begegnet ihm mit brüderlicher Herablassung. BUCER In vierzehn Punkten sind wir uns einig, aber nicht über das Abendmahl, über Christi Gegenwart in Brot und Wein: ALLE (Oecolampadius, Zwingli, Luther, Melanchthon + Chor) Hoc est corpus meum! Das ist mein Leib! Die verschiedenen Personen halten die Schriften der Polemik und lesen die Titel vor: OECOLAMPADIUS Andreas Bodenstein von Karlstadt war der Erste: (hebt das Buch hoch) „Von den Empfahern, Zeichen und Zusag des heiligen Sakraments Fleisch und Bluts Christi. Auch von Anbetung und Ehrerbietung der Zeichen des Neuen Testaments“ (1521) ZWINGLI Und Karlstadt fährt fort: (hebt das Buch hoch) „Ob man mit heiliger Schrift erweisen möge, daß Christus mit Leib, Blut und Seele im Sakrament sei.“ (1524) LUTHER Dieser Narr, dieser Schwärmer Karlstadt! Aber er hat es zurückgenommen! 40


MELANCHTHON Doktor Martin Luther antwortet: (hebt das Buch hoch) „Dass diese Worte Christi ‘Das ist mein Leib’ noch fest stehen wider die Schwarmgeister”! (1527) ZWINGLI (hebt sein Buch hoch) Meine Wahrheit: „De Eucharistia”! ("Subsidium sive coronis de Eucharistia" 1525) ALLE Hoc est corpus meum! Die Disputation wird auf Lateinisch fortgeführt: OECOLAMPADIUS Meine These: Sacramentum est signum corporis Christi! LUTHER Nein, Nein! Corpus Christi est in pane! ZWINGLI Corpus non potest esse sine loco, ergo Christi corpus non est in pane! MELANCHTHON De ubiquitate sive omnipraesentia corporis Christi! OECOLAMPADIUS (Titel seiner Schrift von 1525) „De genuina verborum Domini: Hoc est corpus meum, iuxta vetustissimos auctores expositione liber” ALLE Hoc est corpus meum! BUCER: Ruhe! Schweiget still! Silentium! Finale Zwingli kontra Luther auf Deutsch: ZWINGLI (etwas väterlich) Zu meinem Bedauern muss ich Euch korrigieren, Doktor Luther. Jesu Leib kann nicht, wie seine Göttlichkeit, überall gleichzeitig sein. LUTHER Ich selbst hab vor Schreck gezittert vor dem lebenden Christus im Brot! „Mysterium tremendum”. Also ist er dort! Wir beißen ihn, wir kauen ihn! ZWINGLI (mit Abscheu, beinahe gesprochen) Was sagt Ihr? 41


LUTHER (springt in der Logik) Dass Ihr Euch irrt. Und dass ich mich nicht vom Teufel persönlich belehren lasse. ZWINGLI (erschüttert, während er Luther die Hand entgegenstreckt) Doktor Luther, ich werde für Euch beten, wie für einen Bruder. Luther ergreift die Hand nicht. BUCER (geht dazwischen) Halt! Nehmt seine Hand! (sieht Luther direkt in die Augen) Muss man jemanden gleich Teufel nennen, nur weil er anders denkt? LUTHER (wechselt von Aggression zu Gelassenheit) Ich möchte mit den Schweizern auf gutem Fuße stehn! Doch dieser Mann ist für mich kein Mitchrist. Er verlässt das Treffen, lässt sich Erfrischungen des Prinzen reichen und beginnt, seine Korrespondenz durchzusehen. Die Übrigen sind schockiert und verwirrt. MARTIN BUCER Ist das derselbe Luther, der mich einst verzaubert hat? ZWINGLI (verwirrt und benommen) Bar jeder Logik. Und wie er mich behandelt! Ich möchte weinen! MARTIN BUCER Magister Philipp, warum seid Ihr loyal zu diesem Mann? Philipp von Hessen unterbricht. PHILIPP VON HESSEN Gebt acht! Das Treffen ist misslungen. Das Abendmahl, das alle Christen einen sollte, wird sie nun spalten! (mit nach innen gekehrter Wut) Die Türken belagern Wien! Die ganze Christenheit ist bedroht. Aber eher soll alles zugrunde gehen, als dass man vom kleinsten Paragraphen auch nur einen Zoll abweicht! Zu allen: Die Protestanten gehen gespalten nach Augsburg. Philipp Melanchthon – Ihr sprecht für Wittenberg! 42


Szene 19

(1530)

LUTHER AUF COBURG / Brief-Arie Schreibt zuerst an Käthe, die sich mit Kindern, Haus, Anpflanzungen und Kostgängern abmüht. „Meine liebe Käthe! Unser Landgraf hat wirklich alles getan, um uns als Brüder in Christus zu einen. Das haben wir ihm versagt. Und doch gab es danach ein schönes Essen! Nun weilt Magister Philipp in Augsburg, um allein den wahren Glauben zu verteidigen. Doch er martert mich mit seinem Schweigen! Vom Reichstag freilich hört man nur Geschwätz. Aber ich will nicht klagen, liebe Käthe. Auf Coburg lebe ich wie ein Prinz auf Wolken, und begnüge mich mit dem Reichstag aller Vögel vor dem Fenster. Eine Schar aus Raben, Krähen und Dohlen, die zetern und zanken, kreischen und krächzen! Noch immer keine Nachtigall, nur der Kuckuck. Küss die Kinder von mir! Aus dem Reich der Vögel und dein gehorsamer Diener, Martin Luther.“ Schreibt nun an Melanchthon, der ständigen Angriffen ausgesetzt und manchmal den Tränen nahe, unglaublich schwierige Verhandlungen in Augsburg führt. „Mein Philipp, ich vermisse dich so. Aber warum machst du dich zum Märtyrer? Wo ist dein Glaube, deine Zuversicht? Gott hat gesagt, wir sollen uns nicht sorgen. Und wozu die Frage, wie viel du den Papisten zugesteh‘n kannst. Das Maß ist längst voll! Aber ich habe mit Vergnügen dein Bekenntnis gelesen. Und die Apologie. Nie hätte ich so sanft und versöhnlich formulieren können wie du! Du übertriffst mich auch in der Theologie! Möge Christus dich stärken und trösten! Aus der Wildnis und einem Schloss voller Teufel, Martin Luther.“

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Szene 20 „CRANACH V“ – NEUE PORTRÄTS (Zeitsprung: ca. 15 Jahre. ≈ 1545) Wittenberg. Cranach ist mit einer Fuhre neuer Porträts „Luther als Autorität“ zu Luther gekommen. Parallel wird im Schwarzen Kloster der Tisch für das Essen gedeckt, während einige Studenten eine Motette proben. Cranach packt mit Hilfe der Gesellen die Porträts aus. LUTHER Die Jahre vergehen, Lucas! Und was haben sie gebracht? Kompromisse! Militärallianzen! Nierensteine und Ohrensausen, und all die Teufel, die mich plagen. Die Jahre vergehen, nichts wird besser. CRANACH (etwas scherzhaft) Mein guter Freund, so schlimm ist es nun auch wieder nicht? LUTHER Du magst Recht haben … Doch Gott zeigt, wer seine wahren Diener sind! Erst fiel sein Urteil über Müntzer, dann über Zwingli. Ihr schändlicher Tod zeigt doch, dass ich recht habe! Bald kümmert er sich auch um Karlstadt, die Papisten und die Türken. CRANACH (hebt eines der Luther-Porträts hoch) Das hängen wir hierhin. Du musst wahre Autorität ausstrahlen! Hier sind noch mehr. (lehnt fünf bis sechs weitere Luther-Porträts in verschiedenen Größen an die Wand) LUTHER Was? Ja … Das ist wunderbar, Lucas … wirklich wunderbar! Nach draußen, zu allen Gästen, die sich nun versammelt haben: Musik! Meine Motette! Sermo et vox! STUDENTEN / CHOR: „Non moriar sed vivam et narrabo opera domini.“

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Szene 21 TISCHREDEN Studenten, Gäste, Kinder und Bedienstete strömen herein. Das neue Porträt an der Wand wird bewundert. Luther genießt seine Rolle als Bastion, als Patron, der über allem thront. Ein Student notiert, was gesagt wird – „die Tischreden“. LUTHER Genießt das Leben, Freunde. Das ist Gottes Wille! Alltag ist Gottesdienst! Viel besser als all die Mönche, die sich zu Tode fasten und unablässig niederknien zum Beten. Ja, während die Papisten Menschen töten, wirken wir für‘s LEBEN und nehmen uns mehr Eheweiber, ha ha! KATHARINA Mehr Eheweiber? Das glaubt der Teufel! LUTHER Ein Weib kann im Jahr nur ein Kind gebären, derweil ein Mann ganz viele zeugen kann, ha ha! KATHARINA Lieber ginge ich zurück ins Kloster, als solchem Geschwätz zu lauschen. LUTHER Aber du hast nicht mehr die Wahl, Käthe! Diese gottlose Institution habe ich abgeschafft. (deutet auf seine Frau) Seht meine phantastische Käthe! Regiert im Haus wie eine Königin, doch bei Tisch versteht sie nicht, den Mund zu halten! Zu dem Schreiber: Hast du das notiert? Fährt fort: Nun, Ihr Burschen! Wollt Ihr mich was fragen? STUDENT (gerade als Melanchthon eintritt) Ja, was haltet Ihr vom Herrn Calvin in Genf, Doktor Luther? LUTHER (in seinem Element) Calvin, das Kalb‘, ha, ha!! Und dann, Zwingel’-Zwinglis Lakai Bullinger, ‚der Bulle‘ und an der Spitze Bucer, ‚das Klappermaul‘, haha! 45


Blickt zu Melanchthon hoch, der ihm entgegenkommt. Mit beißender Ironie: Aber Magister Philipp liebt es ja, mit diesen Banditen zu verkehren. MELANCHTON Bitte entschuldigt, dass ich störe … (zieht Luther zur Seite) …aber Landgraf Philipp ist hier, mit der englischen Delegation. Käthe gibt Zeichen und die Gäste ziehen sich widerwillig zurück, während sie Luther und Melanchthon neugierig beobachten. Sie selbst beginnt, ab- und aufzuräumen. LUTHER Da kümmerst du dich drum, Philipp. Ich werd noch krank, denk ich an all die Disputationen, die ins Leere laufen. Besser, man vertraut auf Gott! Er schuf das Meer, die Natur und alle Tiere. Was haben wir erschaffen? MELANCHTHON Ich vertrau auf Gott. Aber wir sind auch abhängig von den Fürsten. Wir müssen verhandeln, Kompromisse schließen. LUTHER (grelles Leuchten in den Augen) Kompromisse schließen? Ich weiß, Philipp, du gestehst auch Dinge zu, die ich nicht gebilligt habe! Änderst Texte, die wir verhandelt haben. Und schreibst den größten Schweinen die schönsten Widmungen! Das ist zu viel der sophistischen Korrespondenz! Viel zu viel! Er reißt sein Manuskript „Wider das Papsttum“ an sich, droht damit und verlässt den Raum.

Szene 22 MELANCHTHONS VERZWEIFLUNG Käthe ist noch dageblieben, räumt auf und macht Ordnung. MELANCHTHON Man lernt zu schweigen. Wir müssen einander helfen, Käthe! KATHARINA Einst warst du auf mich eifersüchtig. 46


MELANCHTON (Arie) Ich habe ihn vergöttert und wollte lieber sterben als Luther verlassen. Doch nun! Schändliche Sklaverei unter seinen Launen, seiner Wut! Der Mann ist ein Genie und eine Geißel! Was ist aus der Vernunft geworden? Alle bitten mich, einzugreifen, aber ich kann nichts tun. Wie ein Segel wird Europa zerrissen! Die Katholiken treffen sich in Trient, doch ohne uns. Die Türken sind vom Kaiser Karl geschlagen, nun sind wir dran. Doch viele der Unsrigen kämpfen weiter, verzweifelt, für den Willen auf Verständnis, von dem Erasmus träumte. Der alte Erasmus. KATHARINA Aber muss nicht einer den Weg bahnen, mit Gebrüll und Kraft. Der Doktor war der Prophet, auf den alle Hoffnungen ruhten! Er war magisch. MELANCHTHON Ja, aber selbst ein Prophet muss wissen, wann’s ein Ende hat. Und wer nicht zuhört, der wird besonders einsam sein. KATHARINA (mit einer gewissen Härte) Wohl wahr … und da hilft es nicht, König am Mittagstisch zu sein. (reißt das Letzte heftig an sich und geht ab)

Szene 23 „CRANACH VI“ – EIN LETZTER ANGRIFF AUF DEN PAPST LUTHER Der feiste, alternde Luther reicht Lucas Cranach triumphierend sein neues Pamphlet. „Pestis eram vivus, moriens ero mors tua, Papa.” Lebend war ich deine Pest, sterbend werde ich dein Tod sein, Papst! CRANACH (liest den Titel) „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“? 47


Erst neue Pamphlete gegen die Schweizer, gegen die Juden. Und nun gegen den Papst. Was hat das für einen Sinn? Sieh dich um! Wir malen Feldzeichen. Wir warten auf den Krieg! LUTHER (nimmt das, was Cranach gesagt hat, nicht auf) Ja, der Satan schläft nie! Wir müssen den Hass wider das Papsttum befestigen. (gibt ihm ein engbeschriebenes Blatt Papier) CRANACH (wirft einen Blick auf das Papier) Ich bin Hofmaler. Ich mache das, was man bei mir bestellt. Male dich und die Familie auf Altarbilder, als wäret Ihr Apostel und Propheten. Für die Bischöfe male ich Madonnen, und für die Fürsten nackte Weiber. Und jetzt mache ich – für Doktor Martin Luther – einen Soldaten, der in die Tiara des Papstes scheißt. Doch als dein Freund, da sag ich dir: Halt ein! Dir hört ja niemand mehr zu. LUTHER (mit steigender Wut) Du jämmerlicher Farbenkleckser! Wer den Papst nicht schmäht, ist selbst ein Lästermaul! CRANACH (unangenehm berührt und beklommen) Martin, wieso dieser wirre Zorn? LUTHER (mit dem Glanz des Wahnsinns in den Augen) Weil dann alles besser geht! Der Zorn ist meine Waffe, er erfrischt mein Blut, schärft den Gedanken und verjagt die Teufel! Immer noch wütend verlässt er das Atelier und knallt die Tür hinter sich zu.

Szene 24 DIE GLUCKE KATHARINA (fasst ihn am Arm) Barbara sagt, du hast Meister Cranach brüskiert? 48


LUTHER (sieht hoch, und Käthe erkennt, dass er neben sich steht) Er giftet gegen mein neues Buch. Aber der Hass wider das Papsttum muss befestigt werden! Auch mein Philippus schwankt und macht mit dem Feind gemeinsame Sache. Denk nur, Käthe, dass die beiden treulos, ja Schwindler sind! Doch bald ist es vorbei ... Die Welt ist ja nur froh, wenn sie mich los ist. Der Teufel hat geschworen, mich zu töten, und … KATHARINA (unterbricht) Nein, Christus hat ihn doch besiegt! Vertraust du nicht auf Gottes Gnade? LUTHER (plötzlich jämmerlich) Käthe, nun sag die tröstenden Worte! KATHARINA „Wer Gott liebt, dem gehört das Reich Gottes.“ LUTHER Aber er liebt mich nicht! KATHARINA „Simul iustus et peccator“ LUTHER (wie benommen aufzählend) Ja, zugleich gerecht und Sünder ... … und wir können nichts tun ... …was wir denn auch versuchen, es wird böse. … alles ist Gottes Verantwortung, nicht meine …! Es muss mir wahr erscheinen, dass ich sicher bin … … sicher … geborgen … vergeben … KATHARINA Dir ist ja bange! Furcht hat dein Leben bestimmt. Aber es gibt auch Herzen voller Liebe! LUTHER (verzweifelt) Nein! Wir sind alle böse, mit Herzen voller Hass!

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Am Rande des Zusammenbruchs mit allen Teufeln, die buchstäblich an ihm ziehen und zerren: Oh, all diese Teufel, wie Fliegen, wie Kakerlaken! Käthe versucht immer verzweifelter, ihn zu beruhigen: KATHARINA Nimm die Laute… verjag sie … mit Musik! Versucht, ihm die Laute zu geben, doch er stößt sie weg. LUTHER (Arie) Nein! Hier gilt nur Verachtung, Frohsinn, Fleischeslust und ein Furz ins Gesicht! Begreifst du nicht? Da krallen sich die Teufel an mir fest, sie rufen: ‚du hast dich geirrt‘! die Leute ins Verderben gestürzt … Allmählicher Stimmungswechsel: Aber plötzlich spricht Gott, er sagt, ich habe Recht! Und die anderen seien falsche Propheten, Lügenbolde! Gott hasst die Sünder nicht … Er hasst mich nicht. (greift nach Käthe, die er eben weggestoßen hatte) Käthe! Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen. Lass Christus, Gottes Sohn, dich retten, wie er auch mich rettet! (wie ein kleines Kind) Nur bei ihm sind meine Sünden keine Sünden mehr. Im Schutze seines warmen Flügels, ist meine Schande vergeben. Er ist meine kleine Glucke, bei der ich Zuflucht suche, um Gottes großem Zorn dann zu entrinnen … . (beginnt in Käthes ausgestreckten Händen zu weinen)

INTERMEZZO

– Chor Gebrochen, wie Schatten, Echos und Facetten aus einer anderen Zeit: „Fecit potentiam i brachio suo Dispersit superbos mente cordis sui.“ Aus tiefer Not schrei ich zu dir ... … Vater unser im Himmelreich … … Ein feste Burg ist unser Gott … Herr Gott, erhör mein Rufen …

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Szene 25

(Schlacht bei Mühlberg 24. April 1547)

FINALE – „TUMULTUS“ Der Kaiser und seine Verbündeten haben Wittenberg belagert und eingenommen. Die Jahre des Triumphs (1517-47) sind vorüber. Der Kurfürst wird gefangen genommen und seines Titels enthoben. Dunkelheit, Regen und Nebel. Alle sind auf den Straßen. Soldaten, Unruhe. Studenten mit ihren Ranzen fliehen. Manche der Feldzeichen, die in Cranachs Werkstatt standen, liegen zerstört und zerbrochen auf dem Boden. Barbara Cranach schiebt einen schwer beladenen Wagen mit Kunstwerken, die sie retten wollen. KATHARINA (trägt ein Bündel mit Luthers Totenmaske, atemlos) Oh, Barbara … Wittenberg geschlagen und erniedrigt … denk nur, der Kaiser … BARBARA … der kleine Karl, den Lucas einst malte! KATHARINA Weißt du, dass der Kurfürst ein Gefangener ist …? BARBARA Ja … auch der Landgraf! Ich bin froh, dass der gute Doktor das nicht mehr erleben musste. KATHARINA (hebt das Bündel hoch) Hier ist seine Totenmaske – was soll ich damit tun?! BARBARA Vielleicht Magister Philipp? Wir anderen müssen fort von hier! KATHARINA Was soll nur aus mir werden, Barbara?! BARBARA Käthe, glaub an dich und sei stolz. Wir haben die Welt verändert! Den Alltag! Dass alles nun so gewaltsam, so chaotisch und beschwerlich ward, daran sind jene schuld, die sich nicht reformieren wollten. All die Gierigen, Bequemen und Machthungrigen…! Wie anders hätte nicht alles aussehen können?! Dort ist Lucas! Gott sei mit dir, Käthe … Sie zieht den Wagen fort. KATHARINA (entdeckt Melanchthon in der Menge und fasst ihn an) Magister Philipp! Gib acht auf … die Totenmaske …! (steckt sie ihm zu)

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Erneutes Donnern und Krachen sowie Soldaten bringen Käthe dazu, erschrocken weiterzueilen. MELANCHTHON (wickelt das Stück Stoff auseinander und betrachtet das Gesicht des toten Luthers) Doktor Martin … so seltsam still! … Wie ein Schatten … Wir wollten den Glauben, das Leben erneuern. Und was ist davon geblieben? Eine Totenmaske, Krieg … Erschöpfung … Auflösung. Jemand legt ihm die Hand auf die Schulter. Der gefangengenommene Philipp von Hessen, umgeben von den Wachen des Kaisers: PHILIPP VON HESSEN (mit der ihm eigenen Distanz und Ironie) Ja, was ist davon geblieben? „Tumultus“! Magister Philipp, ich wollte nur Lebwohl sagen. MELANCHTHON Wir sind gescheitert, Herr Landgraf! Wir haben die Protestanten nicht vereint. Wir haben uns mit Rom nicht versöhnt. Wir haben den Krieg nicht verhindert. Europa wird zerrissen wie ein Segel! PHILIPP VON HESSEN (nimmt die Totenmaske) Aber unser Doktor hat es geschafft! Er endet als Prophet. Schon brechen die Pilger Splitter aus seinem Bett. Plötzliche Nähe zwischen zwei Männern aus zwei verschiedenen Welten – und Wehmut. Während Melanchthon die Maske wieder in das Stück Stoff wickelt eine Rückschau: wie alles begann. MELANCHTHON Er ward unser Leben, unser Schicksal. PHILIPP VON HESSEN Wir waren so jung … so voller Hoffnung. MELANCHTHON Ihr wart vierzehn, ich einundzwanzig. PHILIPP VON HESSEN Du hast ihn geliebt, nicht wahr …? MELANCHTHON. (Pause) Wurden wir nicht alle verführt? Die Wachen zerren den Kriegsgefangenen Philipp von Hessen mit sich fort, in den Nebel und den Regen. FINE 52


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