Skip to main content

[…] zum Wozu des Ethnologischen Museums Berlin im künftigen Humboldt-Forum

Page 1

Urs Andreas Wickli

[…] zum Wozu des Ethnologischen Museums Berlin im künftigen Humboldt-Forum Annotationen, Versatzstücke und Stellungnahmen

Schwabe Verlag


Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich im Herbstsemester 2018 auf Antrag der Promotionskommission Prof. Mareile Flitsch (hauptverantwortliche Betreuungsperson) und Prof. Johannes Quack als Dissertation angenommen.

®

MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen

www.fsc.org

FSC® C083411

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: martin zech design Layout, Satz und Schlusskorrektorat: Urs Andreas Wickli Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN 978-3-7965-4179-7 rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Von Beeren nährt man sich Mit dem Schuh verehrt man sich Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich.1

Meret Oppenheim (1913-1985)

1

Oppenheim 2002: 23.


Per il mio sweetheart!


Inhaltsübersicht

A. IntroB. Annäherungen C. Ansatz der Forschung und deren theoretischer Hauptertrag D. Vertiefungen E. Diskursintervention und Gedankenfeld im Sommer 2009: das Buch HumboldtForum Berlin: das Projekt/the Project F. Erweiterungen G. Schlussbetrachtungen und Fragen H. *** I. Apparat K. Danksagungen und Widmung L. Detailliertes Inhaltsverzeichnis

IX


A.

IntroAnd no generation is born educated. Manush kara [to bring up; literally, to make human] is the Bengali phrase. A human child has to be made human. And it seems to me that unless at the same time a long-term education which is a kind of non-coercive rearrangement of desires is undertaken, no political change will last. […] law is not justice […] that training for the ethical, what I was talking about, the uncoercive rearrangement of desires […]1 Gayatri Chakravorty Spivak (1942*), sich so äussernd in einem Gespräch mit Swapan Chakravorty, erschienen in Conversations with Gayatri Chakravorty Spivak (2006)

Kapitel von Teil A 1. Zum Einstieg, ein Panorama 2. Sechs Anfangsvariationen 3. Problemaufriss und Gestalt der Dissertation, ergänzt um ein Glossar

1

Spivak et alt. 2006: 24.

1


1.

Zum Einstieg, ein Panorama

Die vorliegende Untersuchung, die in ihrer verwirklichten Gestalt in einem anspruchsvolleren Sinne ein Experiment sein mag, als dies jede wissenschaftliche Arbeit ohnehin wäre, welche etwas in Erfahrung bringt, was zuvor so nicht gewusst wurde, durchbricht das Gebot der Einheit der Materie. Denn, um kenntlich zu machen, was mit dem Wozu des Ethnologischen Museums Berlin im künftigen Humboldt-Forum zur Debatte und auf dem Spiel steht, schliesst das gewählte und praktizierte Vorgehen Vielerlei, d.h. vielerlei Heterogenes und gar, dem Anschein nach, Beliebiges mit ein: beispielsweise sprachphilosophische Ausführungen und terminologische Klärungen (beides mehrfach) ebenso wie etwa die einmalige Erwähnung deutscher Autobahnen (Kapitel: „Elemente einer Berliner Konstellation“) oder die Stimme der argentinischen Literaturwissenschaftlerin Josefina Ludmer (hier und dann später nochmals in diesem „Intro-“): Weder zu Ethnologie noch zu Humboldt-Forum sich äussernd, konstatiert Ludmer in ihrem Buch Aquí América latina: una especulación1 (2010) bei zeitgenössischen Schreibenden des hispanophonen Amerikas2 eine Tendenz zur „realidadficción“3 (Ludmer 2010: 153): Realidadficción, eine Darstellungsform zwischen Fiktion und Dokumentation oder jenseits davon oder beides zugleich, mag, so könnte frau folgern, eine der möglichen stilistisch-epistemologischen Antworten auf den von Jean Baudrillard bereits in den 1970er Jahren diagnostizierten „hyperréalisme“ (Baudrillard 2009 [1976]: 110-117), den Hyperrealismus, darstellen. Unter Absehung nun aber, an dieser Stelle, weiterer poetologischer und soziologischer Reminiszenzen sei zunächst festgestellt, sei berichtet, dass, wenn Berlin nicht in Lateinamerika liegt und klar nicht Buenos Aires ist, Berlin gleichsam Buenos Aires doch ist – und umgekehrt4. Denn akephal und dispers und globalisiert und von bis vor kurzem unerreichter faktischer Interdependenz, so 1 2

3 4

Eine Übersetzung des Buchtitels wäre: Hier Lateinamerika: eine Spekulation (Übersetzung: U.A. Wickli). Je nachdem, wie man die Situation verstehen und beschreiben möchte, wäre auch die Formulierung im Plural angezeigt, also: „der hispanophonen Amerikas“. Der Plural würde nicht nur auf die beiden geographischen Räumee Süd- und Mittelamerika hinweisen, sondern auch auf die USA und Kanada, insoweit dort ebenfalls Spanisch gesprochen wird und es dort auch auf Spanisch Schreibende gibt. Die Autorin Ludmer verwendet den im Spanischen gebräuchlichen Ausdruck América Latina. Auf Deutsch: „Realitätsfiktion“ (Übersetzung U.A. Wickli). Es gibt gleich zwei rezente Publikationen, die Buenos Aires und Berlin miteinander in Bezug setzen und vergleichen. Beide Publikationen befassen sich mit Erinnerungskultur, stellen den Vergleich zwischen den beiden Metropolen hinsichtlich dieser Thematik her. Nachfolgend die bibliographischen Angaben:

2


stellen sich die Verhältnisse dar. Als da wären... : sieben Milliarden Menschen auf der Erde, über die Hälfte davon in Städten lebend.../ Hochgeschwindigkeit, am Rande des Kollapses.../ @!@@, also 21.0 […] Geschichte der Gegenwart (Rödder 2015) .../ Klimaveränderung.../ grosse Mélange“, steht im Feuilleton.../ etc.../. Darin u.a. wirkend die Synkope von Deterritorialisierung/Reterritorialisierung. Und also kreisen, orbital deterritorialisiert, um die Erde circa 1‘500 aktive Satelliten5. Fakt. Deren kommerziellen, militärischen, wissenschaftlichen, kommunikativen, überwachungstechnologischen, allgemein technischen und aber auch kosmologischen Implikationen seien hier unerörtert belassen. Zur weiteren Gegenwartsindexierung jedoch sei vermeldet der Patentierungsantrag für Synthia 3.0, ein zwar nicht rein künstlich synthetisiertes, aber auf eine Minimalanzahl bestimmter Chromosomen verkürztes, in der bisherigen Natur nicht vorkommendes, aber sich nun selbständig replizierendes, entschieden neuartiges (d.h. nicht bloss punktuell gentechnisch verändertes) Bakterium, welches gewissermassen als Ausgangsbasis, als Vehikel für künftige biotechnologische Forschungen und Applikationen konzipiert und hergestellt worden ist und auch so im Frühling 2016 in der wohl renommiertesten naturwissenschaftlichen Zeitschrift, Science, der Weltöffentlichkeit vorgestellt worden war6. Synthia 3.0 hat 473 Gene, was 531 Kilobytes entspreche (beide Angaben aus dem Abstract zum Artikel7). 473 Gene, das seien so wenige Gene, wie sie kein in der Natur, im Verlaufe der Evolution entstandener Organismus aufweise, der sich selbständig vermehre8. Synthia 3.0: designtes und damit designbares Leben, bios9 noch immer,

5

6

7 8

9

Birle, Peter (Hrsg.). 2009. Urbane Erinnerungskulturen im Dialog: Berlin und Buenos Aires. Berlin: Metropol. Sion, Brigitte. 2015. Memorials in Berlin and Buenos Aires: Balancing Memory, Architecture, and Tourism. Lanham: Lexington Books. Die Website <https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36582/umfrage/anzahl-der-satellitenim-all-verteilt-nach-laendern/>, aufgerufen am 22.8.2017, gibt die Anzahl der im All per 31.12.2016 kreisenden aktiven Satelliten mit 1‘459 an. Wenn die ausgedienten Satelliten plus die sonstigen Trümmerteile aus früherer Raumfahrt hinzugezählt werden, ergibt sich ein Mehrfaches an von Menschen in der Erdumlaufbahn hinterlassenen Objekten (siehe dazu den Eintrag Satellit im deutschen wikipedia: <https://de.wikipedia.org/wiki/Satellit_(Raumfahrt)>, 22.8.2017). Der Originalartikel war: Hutchison, Clyde A. et alt.. 2016. „Design and Synthesis of a Minimal Bacterial Genome.“ Science Vol. 351, Issue 6280, aad6253. Veröffentlicht in Science am 25. März 2016. Das Abstract ist unentgeltlich abrufbar über: <science.sciencemag.org/content/351/6280/aad6253>, abgerufen am 2.11.2017. „Its genome is smaller than that of any autonomously replicating cell found in nature“ (aus dem Structured Abstract zum Artikel, abrufbar über: <science.sciencemag.org/content/351/6280/aad6253>, abgerufen am 2.11.2017). Aus dem Altgriechischen, Standardübersetzung auf Deutsch: „Leben“.

3


zur Patentierung angemeldet, Algorithmus10 in Materieform, ebenfalls Fakt. Nicht science fiction, sondern geschaffener Fakt, dessen Implikationen für die Zukunft – ob Revolutionen zeitigend oder ob dereinst als Relikt eines Wissenschaftszweiges geltend, der sich als Sackgasse erwiesen haben wird, oder ob etwas dazwischen – zwar vielleicht vorausschaubar, jedoch nicht mit Sicherheit vorhersagbar sind. Und zur Komplettierung des Bildes des technisch-zivilisatorischen Standes, bislang skizziert mittels Referenzierung auf Satellitenbestand und Synthia 3.0, sei hinzugefügt, dass am 13. September 2017 die Zeitschrift Nature, ebenfalls eine der weltweit angesehensten Fachzeitschriften im naturwissenschaftlichen Bereich, folgenden Artikel online publizierte: „Brain Damage and Behavioural Disorders in Fish Induced by Plastic Nanoparticle Delivered through the Food Chain“ (Mattsson et alt. 2017)11. Darin wird in einem Experiment – es sind keine Daten aus einem in vivo Ökosystem in der Welt – nachgewiesen, dass sich Nanopartikel aus Plastik, worin dieses schliesslich zerfalle, in Hirnen von Fischen einlagern würden, nachdem diese Partikel über die Nahrungskette (via Algen) dorthin gelangt seien, d.h. die Blut-Hirn-Schranke überwunden hätten, und dass die davon betroffenen Fische ein verändertes Verhalten, ja „behavioural

10

11

Zur Thematik des Algorithmus zwei Hinweise, einer aus der Ethnologie, der andere die Sphäre der Kunst betreffend: 1) Aus der Ethnologie des deutschen Sprachraums dürfte als erste Katrin Amelang, deren in Arbeit befindliches Habilitationsprojekt dem „Zusammenspiel von Algorithmen und Alltag“ (<www.kultur.uni-bremen.de/de/personen/alphabetische-liste/detail/amelang.html>, 4.6.2018) gilt, einen substantiellen Beitrag zu Algorithmen publiziert haben: Amelang, Katrin. 2017. „Zur Sinnlichkeit von Algorithmen und ihrer Erforschbarkeit.“ In: Karl Braun et alt. (Hrsg.). 2017. 358-369. Amelangs Artikel geht auf eine Tagung in Zürich vom Sommer 2015 zurück, wo sie über die unter dem Artikeltitel angekündigte Thematik im Sinne eines Werkstattberichts aus ihrer laufenden Forschung berichtete. Der exakte Arbeitstitel von Amelangs Habilitationsprojekt lautet: „Datafizierung von Alltag und Gesellschaft“ (<www.kultur.uni-bremen.de/de/personen/ alphabetische-liste/detail/amelang.html>, 4.6.2018). 2) Ferner sei zum Widerhall der Algorithmus-Thematik in beispielsweise der Kunst auf folgende Publikation hingewiesen: Feldbauer, Martin. 2017. Allmächtiger Algorithmus: Allmighty Algorithm. Herausgegeben von Nicole Giese. Wien: Verlag für moderne Kunst GmbH. Dieses Buch war die Begleitpublikation zu Martin Feldbauers Ausstellung Ein Koffer der innen grösser ist als aussen, welche vom 30. April 2017 bis zum 9. Juli 2017 im Syker Vorwerk in der Stadt Syke zu sehen war. In dieser Begleitpublikation mit verschiedenen Beiträgen verschiedener AutorInnen nimmt insbesondere Aristotelis Agridopoulos (2017) stark Bezug auf sozialwissenschaftliche und philosophische Literatur, als da wären, an Namen festgemacht: Theodor W. Adorno, Jacques Derrida, Michel Foucault, Max Horkheimer. Artikel als PDF abrufbar über: <https://www.nature.com/articles/s41598-017-10830-0.pdf>, 2.11.2017.

4


disorders“ (Mattsson 2017; aus dem Abstract), zeigen12 würden. Das dürfte nicht unerheblich sein, denn ungefähr 10% aller weltweiten Plastikabfälle enden schliesslich realiter in den Meeren (Mattsson 2017: 1), und wenn Fische ein verändertes Verhalten zeigen, wird dies nicht ohne Folgen für die Ökosysteme bleiben, in denen Fische vorkommen, leben. Mit diesen drei nahezu zufälligen Beispielen nun, aus Raumfahrt und Synthetischer Biologie und Forschung zur Nahrungsmittelkette, sei, fürs Erste, evoziert und gewissermassen zitiert die Makro-Empirie bzw. der zivilisatorische Stand von heute, der manchmal, mit einem nach Erdgeschichte klingenden Begriff, auch mit Anthropozän apostrophiert wird. Jedenfalls sei also mit diesen drei Beispielen aufgerufen der Insgesamt-Kontext zum Humboldt-Forum. Dieses Forum nun ist ein Ding, welches aus Sprache, d.h. also: aus Wörtern, Worten, Argumenten und Beschlüssen, entstanden sein wird und diskursiv weitergestaltet und begleitet werden dürfte: Im Sommer 2017 erreichten die Auseinandersetzungen darum in der deutschen Presse – und damit: in einer breiteren Öffentlichkeit – ein erstes Mal Vehemenz, nämlich im Moment (20.7.2017), als die in Paris lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy anlässlich ihres Austritts aus dem Beirat des Humboldt-Forums der Süddeutschen Zeitung ein Interview gab, das unter dem Titel „Ein unlösbarer Widerspruch“ erschien und dessen Lead mit einem Zitat von Savoy, „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl“13, eingeleitet wurde. Weil also Debatte, ist das spezifische Material, worauf sich eine Untersuchung zu einem Wozu von etwas wird gründen können, demnach vor allem sprachlicher Art, aber in seiner Sprachlichkeit wird es – gleichsam als einer der Fokalisationspunkte innerhalb einer historischen und sozialen Gesamtwirklichkeit, welche um die ganze Erde und, wie gesehen, bis ins Weltall und in den materiellen Nanobereich (Plastik gäbe es ohne die Menschen nicht) reicht – ausgewählter, teils weitläufiger Kontextualisierungen sowie zahlreicher Assoziativbezüge und einiger Perspektivierungen bedürfen, soll es aufgeschlüsselt und doch verortet werden. Die Lancierung, ums Jahr 2001, der Idee, überhaupt, zu dem, woraus sich das Gebilde entwickelte, das heute Das Schloss/Humboldt-Forum heisst, ist versteh- und erklärbar vor dem Hintergrund einer spezifischen Berliner Kon-

12 13

„Here we demonstrate that plastic nanoparticles […] cause behavioural disorders“ (Mattsson et alt. 2017; aus dem Abstract). Im Online-Archiv der Süddeutschen Zeitung lautet der Titel zum Interview direkt: „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl“. Siehe: <www.sueddeutsche.de/kultur/benedicte-savoy-ueber-das-humboldtforum-das-humboldt-forum-ist-wie-tschernobyl-1.3596423?reduced=true>, 2.5.2018.

5


stellation (¡Adios Buenos Aires!14): Das Ethnologische Museum Berlin, zwischen 1964 und bis zum 9. Januar 2017 in Dahlem befindlich, wo es zu Zeiten des geteilten Berlins einen relativ zentralen Ort innerhalb Westberlins innehatte, hätte aus baulichen Gründen teuer renoviert werden müssen, und gleichzeitig stand damals der von der DDR (für: Deutsche Demokratische Republik) geerbte Palast der deutschen Republik – dessen Abriss zugunsten eines Wiederaufbaus des ehemals an selber Stelle stehenden Schlosses der Preussen unmittelbar ab der im Jahr 1989 erfolgten sogenannten Wiedervereinigung von BRD (für: Bundesrepublik Deutschland) und DDR von Teilen der politischen Kräfte eingefordert worden war – noch. Die bezüglich der Frage des Abrisses des Palastes der Republik zunächst neutrale Idee war nun, statt das Ethnologische Museum Berlin an einem Standort teuer zu renovieren, wo die Publikumsresonanz wohl infolge der im wiedervereinigten Berlin peripheren Lage für immer gering geblieben wäre, dieses Museum in die sogenannte Stadtmitte, also dorthin, wo der Palast der Republik zum Zeitpunkt der Lancierung der Idee noch stand, zu transferieren und dem Museum zu neuer Strahlkraft zu verhelfen, zum einen durch die zentrale Stelle innerhalb Berlins und der dortigen Konzentration anderer wichtiger Museen (sogenannte Berliner Museumsinsel), zum anderen durch eine kluge konzeptuelle Neuaufstellung als eines Museums, das auf innovative Weise hinsichtlich gesellschaftlicher Gegenwarts- und Zukunftsfragen relevant sein sollte. Bald war von einer grösseren Gesamtinstitution die Rede, in welche das Ethnologische Museum Berlin eingelassen sein sollte. Mit Humboldt-Forum wurde dann etwas später der Name dafür gefunden. Eine politische Allianz zwischen BefürworterInnen eines Abrisses des Palastes des Republiks bzw. eines Wiederaufbaus des ehemaligen Schlosses der Preussen an selber Stelle einerseits und BefürworterInnen einer solchen grösseren Gesamtinstitution anderseits setzte sich schliesslich durch: Das deutsche Parlament, der Deutsche Bundestag, beschloss – einzig die VertreterInnen der Partei Die Linke stimmten dagegen – am 4. Juli 2002 den Bau des Humboldt-Forums in einem teilweise wieder zu errichtenden Preussenschloss (und bestätigte diesen Grundsatzentscheid mit verschiedenen nachfolgenden Beschlüssen in den Jahren danach: 2003, 2007, 2010, 2011). Den in der Folge ausgerichteten Architekturwettbewerb gewann 2008 das Projekt von Franco Stella, einem Architekten und Architekturprofessor mit einem bis dato kleinen Büro in Vicenza, Italien: Abgesehen von der Rückseite des rechteckigen Baus, wo nackte, flache Mauern und grosse Fenster zu sehen sein werden, wird die Aussenfassade von Schloss/Humboldt-Forum, inklusive Dachpartie, aus 14

Zu Deutsch: Tschüss Buenos Aires!

6


der detailgetreuen Rekonstruktion der Fassade des ehemaligen Preussenschlosses bestehen; das Innere des Baus, worin das Ethnologische Museum Berlin etwa die Hälfte des Volumens beanspruchen wird, wird in zeitgenössischer Architektur gestaltet sein und dem Humboldt-Forum als Heimstatt dienen. Die Eröffnung des Humboldt-Forums, veranschlagt auf November 2019, ist nun für September 2020 vorgesehen. Soweit die Geschichte in einer Kurzvariante, der Lokalbezug. Die interessante Koinzidenz, welche nun nicht zeitlich zufällig, sondern dem Projekt des Humboldt-Forums in der Substanz eingeschrieben ist, betrifft den Punkt, dass viele ethnographische Museen15 – nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern nahezu weltweit – seit etwa zwanzig Jahren im Umbruch sind, d.h. einen akzentuierten Veränderungsprozess durchlaufen haben oder noch durchlaufen, während ein anderer Teil dieser Museumshäuser, mitunter nolens volens in Abgrenzung dazu, auf Kontinuität setzt. Diese Situation der ethnographischen Museen wird unterschiedlich beschrieben und gewichtet, mal beispielsweise als „positive Krise der Völkerkundemuseen“ (Veh 2013; so der Titel seines online-Artikels) oder als deren „Neuerfindung“ (Förster 2013: 204). Neubenennungen konkreter Museumshäuser da und dort (im deutschen Sprachraum etwa: Frankfurt, Basel, Wien, Köln; andere mögen folgen) und die mit diesen Neubenennungen verbundenen konzeptuellen Neu-Ausrichtungen zeugen vom Veränderungsprozess. Und auch auf verschiedenen, mal grösseren, mal kleineren wissenschaftlichen Konferenzen wurde, auf internationaler Bühne ebenso wie im deutschen Sprachraum, über die Zukunft der ethnographischen Museen in den letzten Jahren eingehend debattiert. Ebenso liegen Publikationen dazu vor (z.B.: Kraus et alt. 2015; Thomas 2016). Zugleich steht im politischen Raum sogar die Forderung nach der Abschaffung der ethnographischen Museen (Hauptargument: keine Legitimation mehr, da zu kontaminiert durch den Kolonialismus); oder es ist vorstellbar, dass viele der heute noch als ethnographische Museen bestehenden Institutionen sich allmählich – sozusagen in einem Selbstauflösungsprozess – transformieren in irgendwie unbestimmtere, nicht mehr eindeutig dieser Museumsunterart zuordnungsbare Ausstellungshäuser und Archive. Dabei lassen sich die in dieser Gemengelage geführten Diskussionen mittels der Frage „wozu?“ auf den Punkt bringen: „Wozu ethnographische Museen heute?“ bzw. „Wozu noch ethnographische Museen?“ bzw. „Wozu dieses konkrete (ethnographische) Museum?“.

15

Zum Gebrauch des Begriffs ethnographische Museen im Lauftext siehe den entsprechenden Glossareintrag in Unterkapitel 3.3 dieses „Intro-“.

7


Nun öffnet das Fragewörtchen „wozu?“, wenn mit einer gewissen Insistenz gestellt, die in ihm wie angelegt ist, auf Abgründe der verschiedensten Art, auf Penibelstes, hin. Hiervon wird in der vorliegenden Untersuchung da und dort die Rede sein, die Rede sein müssen. In jenem Fragewörtchen immer schon vorausgesetzt – das Schöne daran gewissermassen – ist jedoch Freiheit: Allein durch den Ansatz, dass die Frage nach dem Wozu des Ethnologischen Museums Berlin im künftigen Humboldt-Forum in ihr Zentrum gestellt wird, erinnert diese Untersuchung an die prinzipielle Gestaltbarkeit sozialer Verhältnisse und Prozesse durch uns Menschen. Ob der Gestus dieser Erinnerungsarbeit idealistisch sei oder ob deren Ton melancholisch oder ob darin gar Wut vorherrsche, bleibe dahingestellt. (Wohl wenig Ironie und viele Dissonanzen, inshallah!) Wie also diese Arbeit an die Gestaltbarkeit des Sozialen und sogar an die Möglichkeit kollektiver16 agency erinnert, ist sie, als Hochschulschrift vorgelegt, vom Ansatz her als ein Gegenstück zur Traditionslinie der dark anthropology (Ortner 2016) entworfen, die charakteristischerweise Themen wie Macht, Ungleichheit, Unrecht, Grausamkeit, Ausbeutung, Korruption, Kriege, Zerstörung, Verzweiflung, Elend etc. in den Fokus rückt17. Eine Untersuchung wie die hier vorgestellte, mit dem substantivierten Wozu im Titel, schreibt sich darüber hinaus nahezu direkt in die Programmatik ein, mit der das Humboldt-Forum lanciert wurde, ja 16

17

Zur Verwendung des Gegensatzpaares von kollektiv/individuell, das an dieser Stelle durch Verwendung des Begriffes kollektiv im Lauftext ein erstes Mal erscheint, seien nachfolgend in dieser Fussnote einige Erläuterungen gegeben, die notabene auch für später wiederkehrende Verwendungen dieser zwei Begriffe im Lauftext gelten. Auf die Kulturbedingtheit des Individuumbegriffs, gebunden an die sogenannte Moderne, dürfte, innerhalb des Wissensstrangs der Ethnologie, als erster Marcel Mauss, wenn auch nicht expressis verbis, mit seinem Aufsatz „Une catégorie de l’esprit: la notion de personne celle de <moi>“ (1938) aufmerksam gemacht haben. Denn das Selbstverständnis der Menschen, d.h. die Art, wie und als was sie sich selber begreifen, ist, wie es Mauss in seinem Aufsatz generell erkannt hat und zu verbalisieren vermochte, kulturell bzw. historisch bedingt. Die reife Ausarbeit der Thematik erfolgt im Fach Ethnologie dann bei Dame Marylin Strathern (1988), inklusive der Begriffskreation des Dividuums. Viel mehr als die Signalisation der Kulturbedingtheit des Individuumbegriffs und von dessen Ableitungen ist hier in dieser Fussnote aber nicht zu leisten. Es sei immerhin indiziert, dass eine universalierende Verwendung von Individuum, etwa die Verwendung des Begriffs im Kontext der griechischen Antike, schlicht falsch ist, epistemologisch falsch. Die obige Verwendung des Gegenbegriffs kollektiv im Lauftext mag im Kontext des heutigen Deutschlands allerdings durchgehen, auch wenn eine in dieser Untersuchung sozusagen mitschwingende und anklingende, sogar eigens thematisierte Frage lautet: Befinden wir Menschen – nicht nur in Europa – uns noch in der Moderne oder aber global, etwa durch Mobiltelefonie etc. weltweit, bereits im Übergang zu etwas epochal Neuem, so dass der Begriff des Individuums selbst für Kontexte, für die er bislang zu passen schien, fragwürdig wird? Sozusagen in Ermangelung eines Besseren figuriert der Ausdruck kollektiv obenhin im Lauftext. Definition von Ortner: „I call this the rise of <dark anthropology>: that is, anthropology that emphasizes the harsh and brutal dimensions of human experience, and the structural and historical conditions that produce them“ (Ortner 2016: 49).

8


schreibt diese gewissermassen fort. Wie das? Die Antwort lautet: Bei den Herausgebern des Buches Humboldt-Forum Berlin: das Projekt/the Project (Flierl & Parzinger 2009a), bei Hermann Parzinger und Thomas Flierl, findet sich in deren Einleitung mit dem Untertitel „Ortsbestimmung“ folgender Satz zum HumboldtForum (im imaginierten Indikativ): „Es antizipiert damit einen demokratischen Ort einer zukünftigen Weltgesellschaft und bietet so den Deutschen wie den Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt ein Forum ihrer eigenen Selbstverständigung“ (Flierl & Parzinger 2009b: 8). Demokratie, Selbstverständigung: gestaltete Wirklichkeit. Nach diesem Einstieg nun fast in medias res, welcher eine Konzession an die Konvention war, dass es sich gehöre, auf den ersten Seiten eines Buches zu statuieren, wovon es handle, folgen nun sechs unterschiedlich lange Anfangsvariationen, wie es auch hätte beginnen können. Dabei ist es insgesamt so aufgegleist und angelegt, dass jedes seiner Kapitel so verfasst wurde, dass diese möglichst je für sich selber lesbar sein sollen. Deshalb wird sozusagen immer wieder von Neuem angefangen. Das heisst auch: mehrere Bücher in einem oder gar, mit einem Ausdruck des deutschen Dichters und Philosophen Novalis, „ein Ideen Paradies“ (Novalis 1968b [1798/99]: 446; Eintrag-Nummer 929; Kursivsetzungen im Zitat durch Novalis). Widerstreitender Ideen mitunter, inklusive da und dort verstreut Alogischem und inklusive NichtUnterdrückung von Evokationen eines nicht mehr argumentativen, nicht mehr diskursiven Darüberhinaus‘. Sprache, Denken, Zumutungen, Widerstand, Auflösung. Denn wie die Tilgung empirisch vorliegender Widersprüche aus der Beschreibung, zugunsten einer monolithischen Darstellung sozialer Wirklichkeit, eine Form von Gewalt ist und überdies schlechte Wissenschaft generiert – das war eine der Lehren der writing culture Debatte18 aus den 1980er Jahren, philosophisch in nuce angelegt ist das Belassen von Differenzen (≠ hegelianisierende Aufhebungen) im von Jacques Derrida geprägten Neologismus der différance, der Differänz –, so ist das Gebot, in einem Text nur mit einer einzigen, womöglichst eineindeutigen Stimme und damit scheinbar widerspruchsfrei zu sprechen, zum einen ein Ursprung von Unredlichkeit und zum anderen ein Akt normativer Gewalt, dem hier nicht Folge geleistet werden wird. Es sei angebracht, eingestreut, an dieser Stelle, eine Digression an die Adresse jener, die es etwas deutlicher, etwas heftiger, etwas fetter 18

Clifford, James & George E. Marcus (Hrsg.). 2010 (1986). Writing Culture: the Poetics and Politics of Ethnography. 25th anniversary edition, with a foreword by Kim Fortun. Berkeley: University of California Press.

9


und ausgedeutscht haben möchten: Die Einforderung von Eindeutigkeit hat verkürzende und amputierende Wirkung, ist eine Form von Zensur, denn das Nicht-Eindeutige – also Zweifel, Ambivalenzen, Widersprüche, Gegenstimmen – wird ausgeschlossen, soll sowohl aus Text als auch Subtext verbannt werden. Das Widerspenstige, Widerständige, Widerborstige, das gegen den Strich Laufende, das so-nicht-Einkalkulierte, das Konträre, das Anstössige, das Unangehme, das Nicht-Genehme, das Fleckige und Befleckende muss entfernt, muss getilgt werden. Und es dürfen das vieldeutig Schillernde, das Uneindeutige und das Widerstreitende nicht sein, dürfen nicht gesagt werden. Das Gebot der Eineindeutigkeit ist in gewisser Weise ein Verbot des Paradoxen, des Paradoxen im engeren Sinne als des Widersprüchlichen wie auch des Paradoxen im weiteren Sinne als desjenigen, was über die Lehrmeinung hinausgeht. (Die Lehrmeinung, die doxa wäre: Eindeutigkeit, Widerspruchsfreiheit und methodisches Vorgehen sind notwendige Bedingungen für Wissenschaft.) Hinzu kommt: Mit der angeprangerten Unredlichkeit, welche dem Zwang zur Eindeutigkeit entspringt, ist weit mehr gemeint, als dass – wie beim Philosophen Immanuel Kant weiland geschehen, der in weiten Teilen seiner hochtrabenden, mitunter der reinen Vernunft gewidmeten und vermeintlich so abstrakten Schriften vom eigenen Körper, von Körpererfahrungen berichtete (Böhme & Böhme 1983) – eine Autorin, ob sie nun Wissenschaftlerin oder Gelehrte sei, sozusagen unter der Hand Dinge auch noch sagt, von der sie selber nichts weiss oder wissen will. Die Unredlichkeit, sie wäre: Die Vereindeutlichung bzw. der Zwang zu Eineindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit, der manchmal wie ein Pistolenschuss kommt, gaukeln Gewissheit um den Preis der Zerstümmelung vor. Das ist die prinzipielle Unredlichkeit, auch schon der Akt der Gewalt. Die Zerstümmelung erfolgt durch Festschreibung, durch Festlegung, durch Fixierung, durch Zurichtung, manchmal sogar Abrichtung, durch Disziplinierung zumal: Wirklichkeit wird im Namen von Gewissheit zugerichtet, formatiert, theoretisiert, systematisiert, kanalisiert, verkürzt. Prätention, Anmassung, Irrfahrt. Oder, wenn man es etwas milder, d.h. weniger prinzipiell, sondern als bloss zufällige, also nicht zwingende Fehlentwicklung, die mithin korrigierbar wäre, ausdrücken möchte: die Verwechslung des Modells von der Wirklichkeit mit dieser selber. Ein Fehlschluss, der eigentlich leicht einzusehen wäre, der aber ein weitverbreiteter Irrtum ist. Dieser Fehlschluss hat auf sprachphilosophischer Ebene seine Entsprechung im Glauben, dass die Aussage „Dies ist ein Tisch“ schon die Wahrheit, die ganze Wahrheit sei, wenn der fragliche, in jenem Satz bezeichnete Gegenstand tatsächlich ein Tisch ist. Gegen diese Wahrheitsverkürzung lässt sich gleichsam aphoristisch, aber mit Jargon, einwenden: „Keine Denotation ohne 10


Konnotation. Detonation. Nix. – Die Unterscheidung von Denotation/Konnotation ist nur eine Oberflächenunterscheidung und als solche durchaus von Nutzen. Mehr jedoch nicht.“ Ein Effekt bzw. eine Instantiierung jenes Irrglaubens der verkürzten Wahrheit liegt vor, wenn Wissenschaften und WissenschaftlerInnen, was heute oftmals geschieht, so als Wissenschaften und WissenschaftlerInnen auftreten, als hätten sie das sokratische Einmal-Eins des „ich weiss, dass ich nichts weiss“19 nie zur Kenntnis genommen. Holzköpfe, Hohlköpfe. Ende der Digression, Ende der Suada. (Wiederaufnahme der Problematik in der ersten Anfangsvariation dieses Intro-Teils. Dortselbst eine etwas andere Behandlung, Darstellung der Problematik und nochmals eine andere Antwort darauf.) Die Eineindeutigkeits-Verweigerung, welche eine Verweigerung des forschen Zugriffs ist, des Gestus des terminalen So-ist-es-und-nicht-anders, und welche sich im Akt der Verweigerung sowohl der Naivität dieses Zugriffs als auch der Gewalt, die mit ihm einhergeht, verweigert, kann auch wie folgt hergeleitet, reformuliert und begründet werden: Statt die unvermeidbare Heteroglossie20 19

Genau genommen handelt es sich bei diesem Satz, womit, neben anderem, Sokrates in die Geschichte einging, um eine zuspitzende und übertreibende Verkürzung einer längeren Formulierung aus Des Sokrates Apologie (Platon 1973b) und zwar dort aus jenem Passus, wo Sokrates erläutert, weshalb er weiser als andere sei: Er sei dies nämlich deshalb, weil er, anders als andere, zugebe, wenn er nicht wisse, bzw. nicht zu wissen behaupte, wenn er nicht wisse. Am nächsten der Kurzformel des „ich weiss, dass ich nichts weiss“, die als solche nirgends in den Werken von Platon, des Berichterstatters der sokratischen Gesprächsinterventionen, belegbar wäre, kommt folgender Satz aus dem bereits angezeigten Passus von Des Sokrates Apologie: Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiss, auch nicht glaube zu wissen. Des Sokrates Apologie, 21 d (Platon 1973b: 15)

20

Der Begriff Heteroglossie stammt vom Literaturwissenschaftler Michael Bakhtin. Er verwendete ihn in einem auf Russisch geschriebenen Aufsatz von 1934, dessen Titel hier in lateinischer Umschrift mit „Slovo v romane“ wiedergegeben sei und der erstmals auf Englisch 1941 unter dem Titel „Discourse in the Novel“ erschien. Von da gelangte der Heteroglossie-Begriff ins Vokabular der Gelehrten. Was die Ethnologie angeht, wurde er 1988 von James Clifford im ersten Kapitel von The Predicament of Culture 200210 (1988), also in „On Ethnographic Authority“ (Clifford 200210 [1988]: 21-54), für die Theorie vom ethnographischen Schreiben fruchtbar gemacht (Clifford 200210 [1988]: 22-23). Danach ging der Begriff der Heteroglossie bei der Ethnologin Stacy Leigh Pigg (1996) sogar ins analytische, also etische Vokabular zur Erfassung empirischer, also emischer Sprachdisparitäten über. Weitere Verwendungen in der Ethnologie sind zu vermuten. Bakhtin hatte den Begriff geprägt, um darauf hinzuweisen und benennen zu können, dass in einem Roman die verschiedensten Diskurse (in aller Kürze: jene der ProtagonistInnen; jener des Erzählers; jener der Autorin) jeweils versammelt sind, manchmal ineinander verwoben sind, manchmal sich durchkreuzen und manchmal bis oft in einem konfliktiven Verhältnis zueinander stehen. Der Roman als sozusagen prädestiniert, um die verschiedensten Stimmen in sich zu versammeln. Der Roman gleichsam immer als von Heterglossie gekennzeichnet, von Heteroglossie durchsetzt.

11


zu bekämpfen, statt die immerwährende Heimsuchung des Eigenen durch das Fremde heraustilgen zu wollen, heisse die Losung: die Heteroglossie erkenntnisproduktiv akkommodieren. Demnach: statt Reinheitskult, nunmehr Vielfalt und Bastardentum. Oder gar: statt Illusion, Wahrheit. Statt gewaltsam Reinheit herzustellen, wobei die Tilgung des Anderen aus dem Eigenen wohl immer als Spur noch vorhanden bliebe, so dass das Getilgte gewisssermassen trotzdem appräsentiert bliebe (jenes Körperliche im Falle der Vernunftphilosophie Kants), würde also die Losung heissen: Pluralität zulassen, Pluralität willkommen heissen. Polyphonie. Mehrdeutigkeit, Vielstimmigkeit. Kaleidoskopie. Paraconsistent logics. Entropie. Entropie und Fluidität. Nochmals anders hergeleitet, unter Verwendung einer Begriffsfügung von Hannah Arendt, wäre diese Losung folgendermassen reformulierbar: „Signatur der Pluralität“ (Arendt 2016: 60)21. Dieser Arendt’sche Ausdruck bezieht sich weniger auf Sprachliches denn auf Denken. Die Unmöglichkeit einer Reinheit eigenen Denkens, die Immer-Schon-Vorausgesetztheit anderer im eigenen Denken und – daraus abgeleitet, vielleicht in einer sehr freien Interpretation von Arendts Theorem der Signatur der Pluralität, vielleicht also weit über die Auffassung und Intentionen von Arendt hinausreichend, welche sich notabene als Philosophin nicht zu schade war, Bericht von der Banalität des Bösen22 zu geben – die Anerkennung jener Unmöglichkeit und jener Immer-Schon-Vorausgesetztheit in Form eines Zulassens von Pluralität: Pluralität gleichsam als Erkenntnis- und Darstellungsprinzip, wie es in der vorliegenden Dissertation zu verwirklichen versucht worden ist. Für die praktische Orientierung in diesem also absichtlich heterogenen und in die verschiedensten Richtungen zielenden Text sei verwiesen auf das

21

22

Das im Begriff Heteroglossie angelegte Denkpotential fand sodann in der allgemeinen Sprachtheorie Resonanz, nämlich, dass es so etwas wie eine einheitliche und in sich homogene Sprache gar nicht gebe (ausser in den künstlichen Sprachen, wie frau hinzufügen könnte). Ceteris paribus für Kulturbegriff bzw. Kulturtheorie, nämlich insofern, als eine Kultur nie einheitlich sei, dass es immer verschiedenste Stimmen in dem, was unter dem Begriff einer bestimmten Kultur zusammengefasst würde, gebe. Der vollständige Satz lautet: „Die Menschen existieren nicht nur wie alle irdischen Wesen im Plural, sie tragen die Signatur dieser Pluralität in sich“ (Arendt 2016: 60). Der Text, aus dem zitiert wird, erschien erstmals in dieser Fassung auf Deutsch im Jahr 2016, nämlich als: Arendt, Hannah. 2016. Sokrates: Apologie der Pluralität. Aus dem Englischen von Joachim Kalka. Berlin: Matthes & Seitz. Zuvor war der Text, in leicht anderer Fassung und übersetzt von Wolfgang Heuer, erschienen als: Arendt, Hannah. 1993. „Philosophie und Politik.“ Deutsche Zeitschrift für Philosophie 41, 1993 (2), 381-400. Arendt, Hannah. 1964. Eichmann in Jerusalem: ein Bericht von der Banalität des Bösen. München: Piper.

12


detaillierte Inhaltsverzeichnis an dessen Ende. Eine andere Reihenfolge der Lektüre, als durch den Dissertationsaufbau nahegelegt, ist möglich, ebenso die blosse Lektüre einzelner Kapitel. Formal von erzählerischen Berichten bis zur theoretischen Argumentation reichend, sind die Kapitel als Fährten ausgelegt. Einiges blieb Bruchstück, unausgeführt, Skizze. Was das Zitieren und Bibliographieren anbelangt, orientiert sich die spezifische Art, wie auf die Quellen (Fachliteratur, graue Literatur, Presse, Tondokumente, Filme, www, etc.) verwiesen wird, d.h. die Zitier- und Bibliographier-Technik, am Manual for Writers of Papers in English Linguistics der Universität Zürich (Tottie 1999), verfasst von Gunnel Tottie, daselbst emerita für Englische Linguistik. Konsequent kursiv gesetzt sind überdies Begriffe, Namen und Benennungen sowie jene Wörter, die, aus fremden Sprachen stammend, nicht eingedeutscht worden, sondern fremdsprachlich geblieben sind. Die im Lauftext dieser Dissertation (d.h.: nicht aber in den Fremdzitaten) zusätzlich praktizierte Eigenheit der konsequenten Kursivsetzung der Substantiv- und Adjektivformen geographischer Bezeichnungen – und in Erweiterung: auch der Bezeichnungen für verschiedene Sprachen – dient einem leichten Verfremdungseffekt, indem dieses graphische Vorgehen indizieren soll, dass die Bundesrepublik Deutschland, die Schweiz und die Namen aller übriger Länder immer für von Menschen erfundene Einheiten stehen, die gewissermassen nicht in der Natur vorkommen, nicht natürlich sind. Ceteris paribus für Regionen, Städte, Ortschaften. Und eben sogar für die Bezeichnungen von Sprachen. Denn was eine einzelne Sprache sei, im Unterschied zu einem Dialekt etwa oder im konkreten Fall wie von einer Nachbarsprache sich abgrenzend, ist eine offene Diskussion, worin Normatives, wenn nicht gar Politisches – frei nach dem ins Zynische tendierenden Bonmot, dass eine Sprache ein Dialekt mit einem Heer sei – den jeweils letzten Ausschlag gibt: Sprachen also als keine natürlichen Entitäten. Zwick.

2. Sechs Anfangsvariationen 2.1 Skopus Zu Beginn einer im Fach Ethnologie vorgelegten Dissertation zu signalisieren, dass diese ein Experiment sei, wie es in der vorliegenden Arbeit geschah, kommt – auch wenn sie dann in der Folge, wie nun also eintretend, im Programm Philosophie eines wissenschaftlichen Verlags erscheint – einem Zitat gleich. Denn: „Tuhami is an experiment“ (Crapanzano 1980: IX; Kursivsetzung 13


Crapanzano) bzw. „Ordinary Affects is an experiment, not a judgment“ (Stewart 2007: 1; Kursivsetzungen Stewart) – so lauten die jeweiligen Anfangssätze von Vincent Crapanzanos Tuhami: Portrait of a Moroccan (1980) bzw. von Kathleen Stewarts Ordinary Affects (2007). Jedes Experiment birgt das Wagnis des Neuanfangs in sich. Deshalb unterscheidet sich Stewarts spätere Arbeit beträchtlich von jener von Crapanzano. Und auch die Arbeit hier wird nochmals anders angelegt sein. Dennoch gibt es Bezüge. Gemeinsam und charakteristischerweise gemeinsam ist Tuhami und Ordinary Affects, dass einerseits in ihnen ausdrücklich auf Literatur (im Sinne von sogenannter Belletristik) verwiesen wird und dass anderseits sie selber in ihrer Machart, in ihrer schriftstellerischen Gewirktheit, reizvoll sind. Dass sie, wenn man die Entgegensetzung von Form und Inhalt zunächst einmal zulässt, auch eine inhaltliche Verwandtschaft aufweisen, insofern sie Emotionales thematisieren, sei hier eingeräumt: Im Falle von Ordinary Affects geben gesellschaftlich konturierte Gefühlsereignisse das Sujet des Buches ab; im Falle von Tuhami wird ein Portrait nicht vor allem auf Grund von Fakten erstellt, sondern vielmehr wird eine Beziehung zwischen dem Ethnographen und dessem Gesprächspartner geschildert, einschliesslich der Gefühle. Dennoch wäre es ein Fehler, Tuhami und Ordinary Affects in einer sentimentalistischen Schublade versorgen zu wollen, sie als blosse „Gefühlsethnographien“ (im Gegensatz zu sogenannt faktenorientierter sprich seriöser Ethnographie) abzuqualifizieren. Denn Stewarts Buch ist nichts weniger als der Versuch „to create a contact zone for analysis“ (Stewart 2007: 5) und zwar „in the effort to approach a weighted and reeling present“ (Stewart 2007: 1). (Die Gegenwart, auf die sich dabei Stewart bezieht, ist eine US-amerikanische, und sie „began some time ago“ [Stewart 2007: 1]). Mit anderen Worten: Stewarts Buch ist der Versuch einer hochgradig evokativen Neubeschreibung von Wirklichkeit und bestätigt „a wellknown picture of the world“ (Stewart 2007: 1) gerade nicht, sondern kratzt an dessen Oberfläche („scratching the surface“ [Stewart 2007: 129]), ja untergräbt, unterläuft dieses „well-known picture“. Es ist dies – sofern und insofern überhaupt zugestanden werden könne, dass die Rede von common sense noch sinnvoll sei in einer allgemeinen Diskurssituation, die dadurch gekennzeichnet werden möge, dass in ihr unzählige, hochgradig heterogene und nahezu inkommensurable Sprachspiele vorliegen würden – der Bruch mit dem sogenannten common sense, also der Bruch mit den Schablonen des gesunden Menschenverstandes und auch mit der akademischen opinio communis. Dies nicht als Akt der blossen Revolte oder zum Selbstzweck, sondern weil „a flat and finished truth“ (Stewart 2007: 14


5) über die Wirklichkeit ungenügend sei: Stewart schwebt nicht einfach etwas Anderes vor, sondern vor allem etwas Besseres. Ihr Versuch, „to approach the intensities of the ordinary through a close ethnographic attention to pressure points and forms of attention and attachment“ (Stewart 2007: 5), soll etwa dazu führen, dass sich „the quick jump to representational thinking and evaluative critique“ (Stewart 2007: 4) verlangsame. Desgleichen geht es ihr weniger darum, die Dinge zu wissen („<know> them“ [Szewart 2007: 4]) und so gewissermassen mit ihnen fertig zu werden. Stattdessen erprobt sie ein Schreiben, das sich auf konkrete Situationen einlässt. Ihre Absicht ist es, „to become attuned to what a particular scene might offer“ (2007: 5). Auf diese Weise schickt sie sich an und nimmt sich die Mühe, sprachlich überhaupt erst zugänglich zu machen, was sich tatsächlich ereignet. Ihr Verfahren ist weniger argumentativ denn poetisch, und die einzelnen Einträge von Ordinary Affects, fast durchgehend Szenenbeschreibungen, lesen sich fast schon wie Prosagedichte (im Sinne der auf den Dichter Charles Baudelaire [1984 {1869}] zurückgehenden, also im 19. Jahrhundert inaugurierten Tradition). Stewart selber situiert ihr Schreiben – das im „building an idosyncratic map of connections between a series of singularities“ (Stewart 2007: 5) bestehe, wobei sie sich dafür erkenntnistheoretisch auf John Rajchmans The Deleuze Connections (2000) bezieht und (Stewart 2007: 5; dort in der Fussnote Nummer 7) und damit gleichzeitig den Einfluss von Gilles Deleuze markiert, welch letzterer, zusammen mit Félix Guattari, eine neue Spur in der Denklandschaft gesetzt hat, mit insbesondere dem Begriff des Rhizoms und aber auch mit so simplen Hinweisen, dass Menschen nicht nur denken würden, sondern auch Wesen seien, die sich die Nase schneuzen und furzen würden23 – in einer fiktokritischen24

23

Die von Deleuze und Guattari zu Beginn von L’anti-Oedipe (1973) verwendeten Verben für körperliche Vorgänge, mit denen sie die Menschen als begehrende Maschinen (Bernd Schwibs, der Übersetzer von L’anti-Oedipe ins Deutsche, gibt „machines désirantes“ mit „Wunschmaschinen“ [Deleuze & Guattari 1974: 7; 7-59] und nicht mit „begehrenden Maschinen“ wieder) in den Text einführen, sind noch etwas drastischer als die obenhin im Lauftext figurierenden, denn in der zweiten Zeile jenes ersten Buchteils „Les machines désirantes“ (Deleuze & Guattari 1973: 7-79) von L’anti-Oedipe heisst es: Ça respire, ça chauffe, ça mange. Ça chie, ça baise. Deleuze & Guattari 1973: 7 In der deutschen Übersetzung von Bernd Schwibs lauten die zwei Sätze: Es atmet, wärmt, isst. Es scheisst, es fickt. Deleuze & Guattari 1974: 7

24

Siehe Eintrag zu fiktokritisch im Glossar (Unterkapitel „3.3 Glossar“ von Teil „A. Intro-“).

15


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
[…] zum Wozu des Ethnologischen Museums Berlin im künftigen Humboldt-Forum by Schwabe Verlag - Issuu