Johann Jakob Bachofens Gesammelte Werke
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Archäologische Schriften
Auf der Grundlage von Vorarbeiten von Thomas Gelzer, Kurt Heilinger, Karl Meuli und Karl Schefold herausgegeben von Andrea Bollinger, Urs Breitenstein und Annemarie Kaufmann-Heinimann
S C H WA B E V E R L AG BASEL
JOHANN JAKOB BACHOFENS GESAMMELTE WERKE
Mit Benützung des Nachlasses unter Mitwirkung von Andrea Bollinger, Ur s Breitenstein, Max Burckhardt, Herbert A. Cahn, Andreas Cesana, José Dörig, Johannes Dör mann, Harald Fuchs, Matthias Gelzer, T homas Gelzer, Olof Gigon, Fritz Graf, Kurt Heilinger, Er nst Howald, Fritz Husner, Annemarie K aufmann-Heinimann, Emanuel Kienzle, Her man Lommel, Gustav Meyer, K arl Schefold, August Simonius, Walter Strasser, Peter Von der Mühll herausgegeben von K arl Meuli und nach seinem Plan vollendet
Schwabe Verlag
JOHANN JAKOB BACHOFENS GESAMMELTE WERKE Fünfter Band
DAS LYKISCHE VOLK UND SEINE BEDEUTUNG FÜR DIE ENTWICKLUNG DES ALTERTUMS DER BÄR IN DEN RELIGIONEN DES ALTERTUMS ÜBER DIE BEDEUTUNG DER WÜRFEL UND DER HÄNDE IN DEN GRÄBERN DER ALTEN DIE RÖMISCHE WÖLFIN AUF DEN GRAB DENKMÄLERN DER KAISERZEIT DREI BRIEFE AN EDUARD GERHARD VERZEICHNIS DER ERSTDRUCKE VON J. J BACHOFEN ARCHIV J. J. BACHOFEN
Auf der Grundlage von Vorarbeiten von Herbert A. Cahn, Johannes Dör mann, Harald Fuchs, Thomas Gelzer, Kurt Heilinger, Fritz Husner, Emanuel Kienzle, Karl Meuli und Karl Schefold und mit einem Beitrag von Fritz Graf herausgegeben von Andrea Bollinger, Urs Breitenstein und Annemarie Kaufmann-Heinimann
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DAS LYKISCHE VOLK UND SEINE BEDEUTUNG FÜR DIE ENTWICKLUNG DES ALTERTUMS VO N J. J. BAC H O F E N, P RO F E S S O R Z U BA S E L .
1862
Meinem Freunde Herrn Leonida Sgouta in Athen zugeeignet.
VO RWO RT Durch zwei eigentümliche Erscheinungen erregt Lykien die Aufmerksamkeit des Altertumsforschers, durch sein gynaikokratisches Familiensystem und durch den Reichtum eines Gräberbaus, dem kein zweites Land einen ähnlichen an die Seite zu stellen vermag. Das eine wie das andere dieser Probleme hat seit längerer Zeit mein Nachdenken beschäftigt. Der «Versuch über die Gräbersymbolik»1 führte auf die Betrachtung der lykischen Nekropolen, das «Mutterrecht»2 auf die Untersuchung des lykischen Familienprinzips. Beide Fragen erschienen mir zuerst als getrennte, völlig selbständige Gegenstände der Forschung. Später erwachte das Bedürfnis, ihre innere Verbindung zu erkennen und die einheitliche Grundidee der scheinbar von einander unabhängigen Eigentümlichkeiten aufzudecken. Zuletzt reifte der Entschluß, alle Äußerungen des lykischen Volksgeistes mit in den Kreis meiner Betrachtung zu ziehen und so das Gemälde einer Gesittung zu entwerfen, deren größtes Interesse in dem Gegensatz zu den bewegenden Ideen des ausgebildeten Hellenismus zu suchen ist. Diesem letzten Gedanken verdankt die vorliegende Schrift ihre Entstehung. Ausführlicher und einläßlicher, als es in dem Werke über das Mutterrecht geschehen konnte,3 sammelt sie alles, was durch Schriftsteller und Denkmäler über die Mythen, die Geschichte, die politischen und bürgerlichen Einrichtungen, die Sitten und Gedanken des Volkes überliefert ist, stellt es nach einer Mehrzahl umfassender Gesichtspunkte zusammen, erörtert die Wechselbeziehung der einzelnen Ergebnisse untereinander und sucht zuletzt durch die Entwicklung der lykischen Religionsideen in den Mittelpunkt jener Geistes|welt, der so viel Eigentümliches entsprungen ist, vorzudringen. So zerfällt die ganze Untersuchung in zwei Unterabteilungen. Die erste (Seite 4 bis 55) [= S. 13–75] ordnet die merkwürdigsten Tatsachen und stellt sie als ebensoviele Probleme hin, die zweite gibt 1 2 3
Basel, Bahnmeiers Buchhandlung 1859. Stuttgart, Krais und Hoffmann 1861. [Ges. Werke 2, 85ff.; 3, 928ff.]
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ihre Lösung. Aus der Mannigfaltigkeit des Details wird der Leser durch eine Stufenfolge fortschreitender Vereinfachungen zu der Ruhe einer einheitlichen Idee hindurchgeführt. Leicht entsage ich der Genugtuung, in der Sammlung des weit zerstreuten Stoffs keiner Unvollständigkeit überführt zu werden.4 Manchen mag mehr zu Gebote stehen, manchen auch weniger. Was ich für mich in Anspruch nehme, ist die Erkenntnis des innern Zusammenhangs einer Mehrzahl in ihrer Isoliertheit unverständlicher Erscheinungen, die Wiederbelebung einer der Vergessenheit anheimgefallenen Volksindividualität, das Verständnis des bewegenden Prinzips einer rätselhaften Kultur. Bei dem Reichtum literarischer Hülfsmittel, welche der heutige Stand der Altertumswissenschaften an die Hand gibt, ist es nicht allzu schwierig, ohne tieferes eigenes Nachdenken jeden beliebigen historischen Stoff, nach traditionellen Gesichtspunkten geordnet, als selbständiges Geisteserzeugnis dem Publikum vorzulegen. Ganz andere Bedingungen sind zu erfüllen, soll ein Volk in der Bewegung und Wahrheit des Lebens, eine Gesittung in der Wechselbeziehung ihrer einzelnen Momente dargestellt und die Bedeutung der äußern Erscheinungen nach ihrem innern Gehalte bestimmt werden. Gewiß aber müssen wir zugeben, daß diese Forderung nicht nur an die Schilderung neuerer Völker, sondern ebenso an die der alten und ältesten Welt zu stellen ist. Für Lykien tritt sie mit besonderer Schärfe an uns heran. Klein an Umfang und Seelenzahl, überdies für die politische Entwicklung des Altertums von sehr untergeordneter Bedeutung, ragt das Volk durch die Originalität seiner Geistesart über andere hervor. Seine Auszeichnungen gehören dem Gebiete des innern Lebens; sie fordern eben deshalb, daß wir ihnen dahin nachfolgen. Gerne enthalte ich mich des Versuches, diesen Standpunkt hier weiter auszumalen oder anzupreisen. Wichtiger wird es sein, durch den | Inhalt der folgenden Abhandlung seine Berechtigung darzutun. Der Mangel an Vorarbeiten läßt mir in allem die freieste Hand. Ich habe auch durch die Form der Darstellung sie zu wahren gesucht. Dem Gegenstande und mei4 Seit der Vollendung des Druckes sind mir noch drei Nachrichten über Lykien begegnet. Tacit. ann. 2, 60, welche Stelle zu S. 17 Note 3 [= Anm. 82] hinzuzufügen ist. L. unica Codicis, de capitatione civium censibus eximenda ([Cod. Iust.] 11, 49) zu S. 39 Note 1 und 4 [= Anm. 150. 153]. Über die Bedeutung dieses Gesetzes verbreitet sich meine Abhandlung «Die Grundlagen der Steuerverfassung des röm. Reichs», in dem Neuen schweizerischen Museum [2] 1862, März [S. 105ff.]. Endlich Apollin. Sidonii carm. 5, 262 zu S. 58 Note [= Anm. 255].
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ner Auffassung desselben entspricht die Fiktion eines Vortrags am besten. Sie gestattet mehr Lebendigkeit der Einzelausführung, fordert größere Gedrängtheit, bewahrt leichter vor ermüdender Monotonie und erzeugt überdies zwischen Leser und Schriftsteller das Gefühl einer Wechselbeziehung, in welchem das Bewußtsein des gemeinsamen wissenschaftlichen Berufs sich fortwährend erneuert und stärkt.
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DAS LYKIS CHE VO L K An der Südseite Kleinasiens, die Normallinie des Küstenzuges unterbrechend, tritt ein mächtiges Vorland weit in das Mittelländische Meer hinaus. Im Ost und West durch tief einschneidende Buchten und fast weglose Bergrücken von den pamphylischen und karischen Grenzgebieten geschieden, nähert es sich der Halbinselbildung und erhält durch diese eine um so entschiedenere geographische Individualität, als kein größeres Inselland seiner Hauptmasse vorgelagert, noch durch eine Mehrzahl kleinerer Eilande die weite Meeresfläche hinüber zu den syrischen und afrikanischen Küsten überbrückt worden ist. Mit dieser eigentümlichen äußern Umgrenzung des Landes verbindet sich eine nicht geringere Auszeichnung seiner innern Anlage und Naturausstattung. Ein gewaltiges, namenloses, bis zu der Höhe von 10 000 Fuß ansteigendes Hochgebirge, das von Nordwest nach Südost in diagonaler Richtung fortzieht, bestimmt alle landschaftlichen Verhältnisse. Durch dieses wird ganz Lykien in zwei große Naturabteilungen geschieden, in das nordwestliche, mehr einförmige hohe Plateaugebiet und in die südöstliche Gebirgslandschaft, die durch ihren großartigen, alpinen Charakter alle Nachbargebiete an Erhabenheit der Erscheinung weit überragt. Denn das kolossale lykische Zentralgebirge, das sich mit seinen nördlichen Höhenbildungen in das große mittlere Hochland Kleinasiens verliert, gliedert sich südwärts zu einer Reihe von ihm auslaufender Riesenketten, die in hohen Vorgebirgen das Meer erreichen und durch ihre tiefen Talspalten den zahlreichen Strömen des Alpenlandes, dem Indus, Xanthus, Arycandus, Limyrus, Andriacus, den Weg nach dem Meere eröffnen. In diesen fruchtbaren, klimatisch hochbegünstigten Flußgebieten folgen sich schnell die Reize der nördlichen und südlichen Natur, alpiner Frische und subtropischer Üppigkeit. Aus dem Klima des mittlern Deutschlands tritt der Wanderer in die Herrlichkeit Siziliens und Griechenlands ein. Bald ruht sein Blick auf den gewaltigen Schneefeldern der Hochgebirge oder auf dunkelbewaldeten Abhängen, bald auf dem tiefblauen Spiegel des Meeres, und durch die Täuschung einer unvergleichlich reinen Atmosphäre werden die Umrisse 9
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bei|der öfter einander so nahe gerückt, daß sie zu Einer Linie sich zu verbinden scheinen und jenen Verein erhabener Majestät mit dem Reize der Lieblichkeit und Milde hervorbringen, der als ein allgemeiner Charakterzug der lykischen Landschaften gepriesen wird. Zu der höchsten Mannigfaltigkeit steigert sich diese Naturromantik in dem Stromgebiete des Xanthus, der, einer Eishöhe von 8 bis 10 000 Fuß sich entreißend, durch reizende Gebirgs- und Tallandschaften in wirbelnder Strömung seinen Weg nach dem Meere sucht. Alle Hindernisse kühn überwindend, durch Zuflüsse aus einer Welt günstig gestalteter Seitentäler fortwährend gestärkt, schmückt er seine Ufer mit einem solchen Wechsel der Szenerie, daß kein anderer Küstenstrom bei gleich kurzem Laufe sich mit ihm vergleichen läßt. Wenn so die lykische Halbinsel durch ihre Naturverhältnisse als ein besonders begünstigtes Glied des kleinasiatischen Kontinents sich darstellt, so ist doch der Ruhm, der ihren Namen umgibt, vorzugsweise auf die Pracht und Eigentümlichkeit zahlloser Denkmäler gegründet, welche, von dem Meeressaume, seinen Klippen, Buchten und Dünen bis in die innersten Talwinkel über Niederungen und Anhöhen zerstreut, für die einstige hohe, ganz allgemein verbreitete und ungewöhnlich lange erhaltene Kultur dieser paradiesischen Landschaften und ihrer mehr als siebzig blühenden Städte, ebenso für die ungewöhnliche Energie und Lebensfrische einer sehr zahlreichen Volksmenge lautes Zeugnis ablegen. Den ersten Rang behauptet auch hier wieder das Xanthusgebiet mit seinen drei Ansiedelungen, der gleichnamigen Stadt in dem untersten Stromtale, der kühnen Felsfeste Tlos in der mittlern Zone, der lieblichsten Örtlichkeit ganz Lykiens [Taf. 1–2], endlich jenseits des Flußdurchbruches in einer Höhe von 4000 Fuß über dem Meeresspiegel auf rings steil abfallendem Bergkegel Oenoanda, deren Entfernung von der Flußmündung ungefähr zwei Tagereisen beträgt. Aber auch keiner der übrigen Landesteile entbehrt ungewöhnlicher monumentaler Ausstattung. Insbesondere treten die Grabdenkmäler allerwärts, selbst in fast unzugänglichen Wildnissen, in einer Massenhaftigkeit, Größe und Originalität auf, der kein anderes Kulturland der alten Welt auf gleich beschränktem Raume Ähnliches an die Seite zu stellen hat. Immer neue Reize leiht ihrer Betrachtung der vielfältige Wechsel in Anlage, Form und Verzierung. Hier zeigen sich hochragende Felswände bis zu den äußersten, scheinbar unersteigbaren Spitzen mit Gräberfassaden der verschiedensten Architekturstile über und über 10
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Natur und Kunst in Lykien
bedeckt. Dort treten kolossale Sarkophage auf hohem Säulenunterbau oder auf der äußersten Bergkante als mächtige Monolithe frei aus dem Fels heraus. Zahlreiche Gräberstraßen mit zweifacher Denkmälerreihe wechseln mit weiten Trümmerfeldern, deren unzählige, wild durcheinander geworfene, oft kolossale Sarkophage die Verwüstungen früherer Jahrhunderte und die Gewalt vulkanischer Erschütterungen vergegenwärtigen. Halb zerstört und ihres Inhalts beraubt, liegen manche der Steinsärge neben ihren treppenartig erhöhten | Basen und den schweren Deckeln, welche ruhende Löwen oder liegende menschliche Gestalten zieren. Viele sind durch die Kraft mächtiger Wurzeln von dem Felsen gelöst und in die Tiefe hinabgestürzt worden; noch andere überragen jetzt klippenähnlich die blaue Meeresflut, die in allmählicher Erhebung das einst breitere Uferland ihrer Herrschaft unterworfen hat; und von dem Tiefgestade bis in die Hochtäler werden die jetzt öden und verlassenen Gegenden belebt durch die Schrift- und Bildwerke, welche den Denkmälern ihren hauptsächlichsten Reiz verleihen. Inschriften einer noch unentzifferten Sprache, Kunststile früher unbekannter Grundformen, Reliefdarstellungen einer rätselhaften Symbolik begegnen ohne Unterbrechung und dienen durch ihre örtliche Verbreitung zur sichern Umgrenzung des ältesten ächt lykischen Kulturgebiets. Zauberartig fesselt dieses Land durch den doppelten Reiz, den ihm die Natur und die Kunst verliehen. Noch kein Europäer hat es ohne Schmerz verlassen, mancher seine Sehnsucht durch einen zweiten Besuch zu stillen gesucht. Alle Reiseberichte atmen denselben Geist des Staunens und der innern Erregung. So verschieden im übrigen unter dem unabweislichen Einfluß der Nationalität, der Bildungsstufe, des nächsten Gegenstandes der Forschung die Darstellung sich gestalten mag, ungewöhnliche Ergriffenheit verschönert sie alle. Der große deutsche Geograph, der in Zukunft, wie bei den Alten Strabo, diesen Namen vorzugsweise tragen wird, verweilt mit Vorliebe bei Lykien, dessen Bild seinen Geist in den letzten Lebensjahren ganz erfüllt zu haben scheint. Nirgends sonst fand er so viel Erhabenes in Natur und Geschichte, nirgends so tiefen Zusammenhang von Landesplastik und Volksgeist. Was die Engländer Leake, Hoskyns, Clarke, Spratt, Forbes und Fellows, die Franzosen Beaufort, Texier und Pourtalès, die Deutschen Meier, von Hammer, Köhler, Schönborn und Roß seit dem Beginne dieses Jahrhunderts in dem früher so gänzlich unbekannten Lande erforscht und aufgezeichnet haben, ist in dem Ritter11
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schen Werke über Kleinasien5 zu einem unübertrefflichen, mit liebevoller Sorgfalt ausgeführten Bilde vereinigt. Bis ins einzelste kennen wir jetzt die Naturverhältnisse; auch die geschichtlichen Fragen sind durch geschickte Verbindung der einzelnen weit zerstreuten Nachrichten, der Inschriften und Münzen ihrer Lösung näher geführt, die Denkmäler infolge vielfältiger Benützung handschriftlicher Mitteilungen jetzt erst in ihrem ganzen Reichtum erkennbar. Nur Eines fehlt: die eingehende Erforschung des lykischen Volksgeistes selbst. Erfreut uns das herrliche Naturgemälde, überrascht die Schönheit und Fülle der Kunstdenkmäler, wie sollten wir uns nicht nach einer genauern Bekanntschaft mit jener Geistesart sehnen, die unter dem Einfluß der paradiesischen Landschaften sich entwickelt und in so eigentümlichen Schöpfungen ausgesprochen hat? Das Höchste ist immer der Mensch, nicht die Natur, von welcher ihn, trotz des engsten Zusammenhangs, dennoch eine unendliche Kluft ewig scheidet. Auch | nur des Menschen Geister vermögen wir einigermaßen zu verstehen, weil jedes Verständnis Verwandtschaft voraussetzt. Den lykischen Stammescharakter wähle ich also zum Gegenstand meiner Untersuchung. Sie wird uns ein Volk vor Augen führen, das seiner Wohnsitze würdig war und unsere Aufmerksamkeit in hohem Grade verdient. Nicht als meine Hauptaufgabe betrachte ich es, Abstammung und Volksverwandtschaft zu erörtern oder die Geschichte nach der Zeitfolge darzustellen und die großen Lücken, welche die alten Berichte lassen, durch Vermutungen auszufüllen. Die historische Untersuchung beschäftigt mich nur, insoweit sie auf den Volkscharakter Licht zu werfen geeignet ist. Sprachliche Forschungen bleiben ganz ausgeschlossen. Sharpes, Grotefends und Lassens6 Bemühungen zeigen, wie wenig das bis jetzt zu Gebote stehende Material, trotz einiger doppelsprachiger Inschriften, irgend erhebliche Ergebnisse zu liefern geeignet ist. Aber das Gesamtbild des lykischenVolkes und seine Bedeutung für die Entwicklung des Altertums überhaupt läßt sich mit Sicherheit erkennen. Ich versuche also zuerst, das Zerstreute zu sammeln, das Zusammengehörige zu Gruppen zu vereinigen und für diese selbst die innere 5 [Carl Ritter, Vergleichende Erdkunde des Halbinsellandes Kleinasien = Die Erdkunde von Asien 9,] 2 [= Die Erdkunde 19, Berlin 1859] 716‒1200. 6 [D.] Sharpe im Appendix B zu Fellows’ Account [of discoveries in Lycia, London 1841] p. 427‒443. [G. F.] Grotefend in der Zeitschrift für [die] Kunde des Morgenlandes 4 [1842] 281 ff. [Ch.] Lassen, [Über] die lykischen Inschriften und die alten Sprachen Kleinasiens, in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 10 [1856] 329 ff.
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Die lykischen Nekropolen
Verbindung zu ermitteln. Alsdann wird es an der Zeit sein, auch der Quelle nachzugehen, aus welcher das eigentümliche Gepräge der lykischen Kultur seinen Ursprung herleitet.
I Unstreitig sind es nun die Nekropolen, welche zuerst auf eine ungewöhnliche Geistesrichtung hinweisen. Den Verstorbenen und ihren Gräbern wird die größte Sorgfalt gewidmet. Den Totenstädten zu gleicher Zeit den höchsten Grad von Unzerstörbarkeit und von Schönheit zu verleihen ist der Grundgedanke, welcher den Lykier zur Anlage jener Felsbauten auf schwer zugänglichen Höhen und zu der verschwenderischen Prachtentfaltung in ihrer architektonischen und bildlichen Ausstattung bewog, der endlich auch in jenen vielfältigen sichernden Bestimmungen, welche einen Hauptinhalt der Grabinschriften bilden, Strafsatzungen, Verwünschungen, Androhung der Klage auf Tymborychie und Asebie, sich ausspricht. Vor den Toten und ihren ewigen Wohnungen treten die Lebenden in den Hintergrund. An Umfang sowohl als an Pracht der Ausstattung werden die noch erhaltenen Städtereste von den Nekropolen weit übertroffen. Diese sind es, welche dem Lande schon in der Zeit seiner höchsten Blüte das ihm eigentümliche Gepräge liehen. Das Überwiegen der Gräberwelt ist nicht nur allen neuern Besuchern als auszeichnende Eigenschaft Lykiens lebendig vor die Seele getreten: es wird schon von den Alten in seiner | religiösen Bedeutung gewürdigt. Was Diodor7 als den Grundgedanken des ägyptischen Gräberbaues hervorhebt, enthält auch das Geheimnis des lykischen. Hier und dort dieselbe Anschauung von dem Verhältnis des diesseitigen und des zukünftigen Daseins, hier und dort die gleiche Bevorzugung der Nekropolen. «Größere Sorgfalt», erzählt Diodor, «wird auf die Wohnungen der Toten als auf die der Lebenden verwendet; diese betrachten sie als Herberge für einen kurzen, vorübergehenden Aufenthalt, die Gräber allein als die wahren und dauernden Wohnsitze für ewige Zeiten.» Eine Mehrzahl einzelner Nachrichten findet in diesem Gedanken ihren gemeinsamen Mittelpunkt. Aus Lykien stammt jene Anschauung von den Eigenschaften des Sarkophagos, die wir auch 7
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auf einem römischen Grabdenkmale inschriftlich ausgesprochen finden.8 In Lykien vernahm sie Licinius Mucianus, der nach dreimaligem Konsulat als römischer Legat das Land regierte.9 Aus den lykischen Denkwürdigkeiten seines Zeitgenossen übertrug sie der ältere Plinius in sein großes Sammelwerk. «Der Sarkophagos», berichtete Licinius, «besitzt die Kraft, Leichname, ja selbst lebende Körper, binnen vierzig Tagen, mit alleiniger Ausnahme der Zähne, gänzlich zu verzehren. Auch was den Toten mit ins Grab gelegt wird, die Spiegel, Strigiln, Kleider und Sandalen, verwandelt er in Stein.» Von neuem sehen wir hier Lykiens Namen mit Sitten und Vorstellungen eines eigentümlichen Gepräges in Verbindung gesetzt, und wiederum stehen dieselben mit Bestattung, mit der Gräberwelt und der Bevorzugung des Felsen- und Steinbaues in enger Beziehung. Ja in der Betonung der schnellen und vollständigen Vernichtung des menschlichen Leibes zeigt sich derselbe Grundgedanke, welchen wir in dem herrschenden Hervortreten der Nekropolen überhaupt erkannt haben, nämlich das tiefe Gefühl der Vergänglichkeit alles irdischen Lebens. Eben diese Hingabe an die düstere Seite des Daseins tritt in lykischen Mythen bedeutsam hervor. Trauer über den unabwendbaren Untergang auch des edelsten, blühendsten Lebens bereitet dem Vorbilde aller lykischen Heroen, dem untadeligen Bellerophontes-Lao|phontes, jene Schwermut, in welcher er, die Pfade der Sterblichen meidend, einsam die Aleische Flur durchirrt, bis auch ihn, der nach Unsterblichkeit gestrebt, das Gesetz der Natur erreicht.10 In dieser Täuschung wurzelt des Helden Gefühl, den Himmlischen verhaßt zu sein, wie es Homer11 uns darstellt, 8 Im Frühjahr 1861 schrieb ich zu Arles einen längern in den Aliscamps (Campi Elysii) im Jahr 1844 gefundenen Grabtitel ab, der also beginnt: Aeliae Aelia[nae] litera qui nosti, lege casum et d[ole puellae.] multi sarcophagum dicunt, quod con[sumpsis-] set conclusa decem diebus domus ist[oc corpus.] o nefas indignum etc. Estrangin, Description de la ville d’Arles ([Aix] 1845) p. 158 gibt die Inschrift höchst ungenau [CIL 12, 743: multi sarcophagum dicunt, quod consumit artus / set conclusa decens apibus domus ista vocanda.]. 9 Plin. H. N. 36, 131. Über Licinius Plin. 13, 88; 12, 9 und 10 [vgl. Mutterrecht, Ges. Werke 3, 936 Anm. 7; 943 Anm. 2]. Sueton. in Vespas. 6, 13. Dio Cass. 65, 8, 4 und die von Reimarus zu dieser Stelle Angeführten. 10 [Vgl. Mutterrecht, Ges. Werke 2, 91f.] 11 Il. 6, 200‒205.
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Der Todesgedanke im lykischen Mythus
und gleiche Auffassung bekundet Pindar,12 der nach dem Lobe seiner Siege hinzufügt: «Seines Todesloses mag ich nicht gedenken, doch das Roß ward aufgenommen an Zeus’ uralter Himmelskrippe.» Im Hinblick auf die hier hervortretende Geistesrichtung kann ich es nicht als zufällig erachten, daß das ergreifende Gleichnis, welches den schnellen und ewigen Untergang der Menschen dem der Blätter der Bäume an die Seite stellt, einem Lykier in den Mund gelegt wird. In der Ilias steht es unmittelbar vor der Erzählung des Bellerophonmythus.13 Ja es ist Glaukos, Hippolochos’ Sohn, Bellerophons Enkel, der es dem ihm im Schlachtgetümmel begegnenden Diomedes zuruft: «Tydeus’ mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte? Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechter der Menschen. Blätter verweht zur Erde der Wind nun, andere treibt dann Wieder der knospende Wald, wenn neu auflebet der Frühling. So der Menschen Geschlecht; dies wächst und jenes verschwindet.» Ein Hauch tiefer, dem Altertum sonst fremder Wehmut liegt auf diesem Naturbilde, dem schönsten der vielen schönen, durch die Homeros entzückt. Erfüllt von dem Stolze der Jugendkraft, hat der glänzende lykische Held dennoch vorzugsweise den Todesgedanken gegenwärtig. Die düstere Seite des irdischen Lebens hebt er hervor, in dem Schicksal der unbeweinten Schöpfung erkennt er das Los der höhern. Und der solches spricht, Glaukos, erscheint zugleich in vollem Glanze unerschrockener Ritterlichkeit. Er ist es, der den gefürchtetsten der Feinde sich zum Gegner ausersieht, er, dem der Tydide es bezeugt: «Anjetzt erhebst du dich weit vor den andern Kühnes Muts, da du meiner gewaltigen Lanze dich darstellst»;14 er auch, den der Vater Hippolochos beim Aufbruch ermahnte, «Immer der Erste zu sein und vorzustreben den andern».15
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Ol. 13, 91 f. 6, 145‒149 [vgl. Mutterrecht 95ff.]. [Il. 6, 125f., wie die folgenden Iliaszitate nach J. H. Voss.] [Il. 6, 208.]
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Also doppelte Auszeichnung leiht Homer dem lykischen Helden. Mit dem Ruhme furchtloser Ritterlichkeit paart sich jener milde, aller Überhebung fremde Sinn, der von Pindar16 und Horatius17 unter Hinweisung auf Bellerophons Fall als die höchste Zierde des menschlichen Geistes gepriesen und in dem 11. nemeischen Siegesgesange in voller Übereinstimmung mit Glaukos’ Worten jedem ruhmgekrönten Jüngling anempfohlen wird. Spricht Diomed das prahlende Wort «Meiner Kraft ja begegnen nur Söhn’ unglücklicher Eltern»,18 | so ruft ihm der Lykier in wohltuendem Gegensatze die Nichtigkeit alles Lebens in Erinnerung. Und wieder tritt dieselbe Geistesrichtung hervor in den lykischen Mythen von der Frösche ewiger Klage in dem Ledasumpfe,19 von Dädalus’ Tod durch den Schlangenbiß, diesen im Altertum so häufigen Ausdruck des großen Naturgesetzes,20 ebenso von Philomeles nie endendem Trauergesang.21 Denn auch Philomeles Mythus wird wie nach Thrakien so nach Lykien verlegt. Die Verwechslung von Pandaros und Pandareos mag zugestanden werden,22 aber ohne eine innere Beziehung des in dem Mythus ausgesprochenen Gedankens zu der lykischen Geistesrichtung hätte einer solchen Übertragung jede Veranlassung gefehlt. Also in mehrfacher Ausdrucksweise derselbe Grundzug: völlige innige Hingabe an die Erscheinungen des Naturlebens, Beurteilung des menschlichen Daseins nach den Gesetzen desselben, folgeweise ein für die Todesseite alles Lebens vorzugsweise entwickeltes Gefühl und darum die höchste Sorge für die Verstorbenen und ihre Gräber.
Isthm. 7, 43‒48. C. 4, 11, 26[ff.]. 18 [Il. 6, 127.] 19 Ovid. Met. 6, 317–382. Virgil. Georg. 1, 378 mit Servius. Myth. Vatic. [= Scriptores rerum mythicarum Latini tres 1–2, ed. G. H. Bode, Celle 1834] 1, 10; 2, 95. Anton. Liberal. c. 35. [Vgl. Mutterrecht, Ges. Werke 2, 90; Gräbersymbolik, Ges. Werke 4, 46. 389.] 20 Alexander Polyhistor in den Fr. h. gr. 3, 235 [fr. 78 = FgrHist 273 fr. 61; vgl. Mutterrecht 94]. 21 Strabo 14 p. 665 [Pandaros im lykischen Pinara verehrt], verbunden mit Od. 19, 518. [Vgl.] Eustath. [zu Il. 4, 88] p. 448, 19 [ed. Rom.]. Proclus zu Hesiod. Erga 570 p. 198 ed. Vollbehr [= 566 p. 333f. Th. Gaisford, Poet. min. Graec. 2, Leipzig 1823]. 22 [Der Lykier Pandaros:] Il. 2, 824 ff.; 4, 88 ff.; 5, 246. 283. Serv. [zu] Virgil. Aen. 5, 496. Arrian. Nicomed. [bei Eustath.] ad Il. 2, 824 in den Fr. h. gr. 3, 599 [fr. 68 = FgrHist 156 fr. 96]. Eustath. ad Hom. [Il. 5, 173; 6, 172] p. 535 [20]; 634 [15 ed. Rom.]. 16 17
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Glaukos und Sarpedon
Dem Bilde des einen der lykischen Heerführer schließt das des größten, an Glaukos schließt Laodamiens Sohn von Zeus, Sarpedon, sich an.23 In der Entwicklung der Ereignisse vor Ilium nimmt Patroklos’ Kampf mit dem tapfersten der lykischen Helden eine hervorragende Stelle ein. Umsonst sucht Zeus das Todeslos von seinem Geliebten abzuwenden, ohne Erfolg kämpfen Glaukos und seine geschildeten Scharen um den Leichnam ihres Heerfürsten, der in der Kürze des Lebens den mächtigsten Sporn zur Vollbringung großer Taten findet.24 Entkleidet der ehernen Wehr liegt Lykias erschlagener König. «Kein auch achtsamer Mann wär’ jetzt, der den edlen Sarpedon Kennete; so mit Geschossen und Blut ringsher und mit Staube War er vom Haupte bedeckt bis hinab zu den äußersten Sohlen».25 Doch den Toten verläßt Apollo nimmer. Vermag er nicht das Gesetz der Natur zu wenden, so wacht er nur um so liebreicher über dem Erschlagenen. «Eilend fuhr er vom Idagebirg in die schreckliche Feldschlacht, Außer dem Kriegesgeschoß den Sarpedon hob er und trug ihn Fern hinweg an den Strom und spült’ ihn rein im Gewässer. Auch mit Ambrosia salbt’ er und hüllt’ ihm ambrosisch Gewand um. | Dann ihn wegzutragen vertraut’ er den schnellen Geleitern, Beiden, dem Schlaf und dem Tode, den Zwillingen, welche sofort ihn Stellten ins weite Gebiet des fruchtbaren Lykierlandes.»26 Dieser Zug des Mythus ist es, der mir besonders bedeutsam scheint, wie er auch von Philostrat in den Heroengeschichten27 nicht übergangen wird. Wiederum begegnen wir hier einer Auszeichnung des lykischen Stammes, und von neuem bezieht sie sich auf eigentümliche Volksanschauungen von Tod, Bestattung, Zukunft. Neben diesem sichtbaren Zusammenhang mit den früher hervorgehobenen Erscheinungen tritt aber zugleich ein bestimmter Gegensatz beider hervor. Spricht sich in dem Blättergleichnis des Glaukos wehmütiger Schmerz über die Hinfälligkeit alles Lebens aus, so 23 24 25 26 27
[Vgl. Mutterrecht, Ges. Werke 3, 936f.] Il. 12, 310‒328. Il. 16, 638‒640. Il. 16, 666‒683. C. 14 [p. 316, 12ff. bes. 22 K.].
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