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Wahlen ohne Kampf?

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ZOÉ KERGOMARD

WAHLEN OHNE KAMPF ? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947 – 1983


Zoé Kergomard

Wahlen ohne Kampf? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947–1983

Schwabe Verlag


Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, der Alumni et Amis UniFR sowie der Schweizerischen Parlamentsbibliothek. Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde an der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg in der Schweiz. Genehmigt von der Philosophischen Fakultät auf Antrag von Prof. Dr. Damir Skenderovic (Erstgutachten) und Prof. Dr. Brigitte Studer (Zweitgutachten). Freiburg, den 28. März 2018, Prof. Bernadette Charlier, Dekanin. Am Ende dieses eBooks befinden sich ergänzende Graphiken und Tabellen.

Erschienen 2020 im Schwabe Verlag Basel Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Abbildung Umschlag: Eidgenössische Wahlen 1971, Fotograf nicht angegeben, KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/ FW, 254918627 (RM) Lektorat: Fabienne Amlinger, Bern Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: Schwabe Verlag, Berlin Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4002-8 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4027-1 DOI 10.24894/978-3-7965-4027-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechtsinhaber ausfindig zu machen. Sollte es uns in Einzelfällen nicht gelungen sein, werden berechtigte Ansprüche selbstverständlich im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.


Inhalt

Infokästen, Abbildungen, Graphiken und Tabellen . . . . . . . . . . . . . . . .

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Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 I

Einleitung: Weshalb und wie eine Geschichte des Wahlkampfs schreiben? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

Wahlkämpfe als Nichtereignisse der schweizerischen politischen Geschichte? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine akteurszentrierte Perspektive auf Wahlkämpfe . . . . . . . . . . . . . Wahlkämpfe als leere Bestätigungsrituale? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Demokratische Legitimierung und Repräsentation im Wahlkampf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodische Annäherungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . II

38 41

Historische Einbettung: Schweizer Parteien im Dornröschenschlaf? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45

1. Baustellen der Parteiengeschichte in der Nachkriegszeit . . . . . . . 2. Schwache Parteien, starke soziale Verankerung (1940er Jahre) 3. Von der politischen Integration zur «Krise der Parteien» (1950–60er Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Konflikte und Reformen (1970er Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Verändertes Umfeld (1980er Jahre) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III

23 32 35

46 49 60 67 76

Vorbereiten: Ziele setzen, planen, Ressourcen sammeln . . . . . 83

1. Zielsetzungen der Parteien: Bestätigung oder Wettbewerb? . . . .

84


6

Inhalt

2. Expertenwissen als Entscheidungshilfe: Versteckt und allgegenwärtig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 3. Kampagnenplanung: Professionalisierung und Zentralisierung? 111 4. Kampagnenausgaben: Geheim und umstritten . . . . . . . . . . . . . . . 130 5. Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 IV

Definieren: Auf der Suche nach der Wählerschaft . . . . . . . . . . . 141

1. Strategien: Stammwählerschaft mobilisieren oder auf «Jagd» gehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Sozioökonomische Identitäten: «Klassen-», «Standes-» oder doch «Volkspartei»? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Religion: Der Glaube als Konfliktlinie oder verbindendes Erbe? 4. Raum: Zwischen Kantonen, Städten und Landschaften . . . . . . . . 5. Alter: Zwischen «Bunkerjugend» und Senioren . . . . . . . . . . . . . . 6. Geschlecht: «Die Bürger», aber auch «die Damen» ansprechen 7. Politisches Verhalten: Stamm-, Wechsel- oder Nichtwählende mobilisieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . V

144 160 166 172 177 183 191

Darstellen: Von sich und der Welt erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . 193

1. Veränderte Herangehensweisen an die politische Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Kommunikationsformen im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Eine glanzvolle Zukunft für die Schweiz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Das Epos des politischen Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VI

142

194 199 218 246 254

Verkörpern: Von der Partei zu den Kandidierenden . . . . . . . . . . 257

1. Die Kandidaturen basteln: Politisierung der Nominierungsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Jeden und alle repräsentieren: Die Kriterien der Nominierung 3. Alleingang oder Bündnis: Die Kunst der Wahlallianzen . . . . . . . 4. Listen- oder Personenwerbung? Die Dilemmata der Parteien . . 5. Für Kandidierende werben: Ehrenvolle Wiederwahl oder frischer Wind? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6. Personalisierte Wahlkämpfe? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7. Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

259 265 282 291 304 313 320


Inhalt

VII

Mobilisieren: Den BürgerInnen begegnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323

1. Parteifeste: MitläuferInnen vereinen und aktivieren . . . . . . . . . . . 2. Nationale Wahlkongresse: Die Parteien auf der Bühne . . . . . . . . 3. Wahlversammlungen: Zwischen Aufklärung, Machtdemonstration und Debatte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Stimmenwerbung an der Haustür und auf der Strasse: Der Wahlkampf im Alltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VIII

324 330 343 359 366

Schlussreflexionen: Parteien und Wahlkämpfe im Wandel . . . 369

Vom Stellungskrieg zum kompetitiven Wählermarkt? Veränderungen des Wahlkampfs als Wettbewerbsfeld . . . . . . . . . . . . Professionalisierung wider Willen? Kampagnenpraktiken im Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sonderfälle im Sonderfall? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Parteien vor ihren Wählenden: Veränderungen der Repräsentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Offene Fragen zur Geschichte der politischen Kommunikation in der Schweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

369 377 381 382 384

Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387

1. Unpublizierte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 2. Publizierte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 398 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409

1. Nachschlagewerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 2. Bücher und Zeitschriftenartikel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 Anhang eBook (nur Online)

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Infokästen, Abbildungen, Graphiken und Tabellen

Hinweis: Das Präfix «E» kennzeichnet eine Abbildung, Graphik oder Tabelle, welche im eBook vorhanden ist, im gedruckten Buch jedoch nicht. Das eBook kann über folgenden Link aufgerufen werden: www.doi.org/10.24894/978-37965-4027-1.

Infokästen Infokasten 1. Die «Erfindung» der Zauberformel (Dezember 1959) Infokasten 2. Modelle des Wahlkampfwandels in der internationalen Forschung: Amerikanisierung und Modernisierung? Infokasten 3. Archivlage: Parteiarchive, Kampagnenmaterialien und Medien Infokasten 4. Entstehung neuer linken wie rechten oppositionellen Kräfte Infokasten 5. «Was eint ist recht. Was trennt ist schlecht». Der Gotthard-Bund im Wahlkampf (1943–47) Infokasten 6. Bürgerliche Massenkommunikation und Werbeberater in den 1950er Jahren Infokasten 7. Komplexes Zusammenspiel zwischen Abstimmungen und Wahlen im Jahr 1947 Infokasten 8. Abstimmungen als Wahlkampfvehikel der oppositionellen Kräfte Infokasten 9. Professionalisierung der schweizerischen Parteien in den 1960–70er Jahren Infokasten 10. Amerikanisierung als Trend und Stigma in schweizerischen Wahlkämpfen Infokasten 11. Weder «armer Kerl» noch «Rote». Die peripheren Wähler der SP in der NOWLAND-Studie Infokasten 12. Der «neue Strukturwandel der Öffentlichkeit» in der Schweiz (1960–70er Jahre) Infokasten 13. Die Feuilletonisierung des Wahlkampfs in der neuen Öffentlichkeit

Abbildungen Abb. 1. Monticelli, Walter: Bauern- Gewerbe- und Bürgerpartei BGB Mittelstandsliste, 1959, Bibliothèque de Genève, 1.22. Abb. 2. Küng, Edgar: Ja – Die Freisinnigen haben die Frauen gern, Freisinnig-Demokratische Partei der Schweiz, 1971, Museum für Gestaltung Zürich, 11-0712.


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Infokästen, Abbildungen, Graphiken und Tabellen

Abb. 3. Gilsi, René: Sozialdemokraten und Gewerkschafter, 1947, Schweizerisches Sozialarchiv, FPe-0503. Abb. 4. Cattani, Oscar: Pour la famille le progrès social la démocratie chrétienne votez la liste n° 4, Parti indépendant-chrétien-social, 1947, Bibliothèque de Genève, 7.24. Abb. 5. Bieber, Armin: Wählt Bauern- Gewerbe und Bürgerpartei!, 1947, Museum für Gestaltung Zürich, 26-0057. Abb. 6. Gfeller, Hans: Lass nicht den Staat befehlen entscheide selbst! Bewahre deine Freiheit wähle freisinnig!, 1947, Bibliothèque de Genève, 7.16. Abb. 7. Fontanet, Noël: Centralisation Dirigisme Pour sauvegarder nos libertés! Votez radical, 1947, Bibliothèque de Genève, 8.29. Abb. 8. Mathis, Joe: Wählt Sozialdemokraten – Der Mensch im Mittelpunkt, 1959, Schweizerisches Sozialarchiv, FP2-0271. Abb. 9. Altorfer, Albert: My Vatter wählt freisinnig, Liste 1, Zukunft gestalten, Freiheit erhalten, 1959, Bibliothèque nationale, SNL_POL_292. Abb. 10. o.A.: Warten löst keine Probleme!, Wir packen die Probleme an, CVP, die Partei der dynamischen Mitte, 1971, Schweizerisches Sozialarchiv, F Pe-0228. Abb. 11. Inserat «Plus de liberté et de responsabilité – moins d’Etat», in: Tribune de Lausanne – Le Matin, 9.10.1983. Abb. 12. o.A.: SP, Es ist an der Zeit die Gewichte zu verlagern! Ziel: Jeder Mensch soll sich nach ..., Sozialdemokratische Partei des Kantons Bern, 1971, Graphische Sammlung der Nationalbibliothek, SNL_1971_426. Abb. 13. «Wenn schon Vertreter, dann Volksvertreter! Am 20. Oktober – 23. Oktober 1983 in den National- und Ständerat. Sozialdemokraten und Gewerkschafter», 1983, Schweizerisches Sozialarchiv, F Ka-0001-155. Abb. 14. Inserate zu den Nationalratswahlen in der Neuen Zürcher Zeitung, 25.10.1947. Abb. 15. Inserat «Echt SVP: Taten statt Praktiken», in: Der Zürcher Bote, 7.10.1983. Abb. 16. «Haben Sie zwei Minuten Zeit für die nächsten vier Jahre?», [1983], Schweizerisches Sozialarchiv, QS 37.5.

Graphiken Graphik 1. Parteistärken in Prozent bei den Nationalratswahlen, 1919–2015. Graphik 2. Stimm- und Wahlenthaltung in Prozent, 1919–2015. Graphik E1. Parteistärken in Prozent bei den Nationalratswahlen im Kanton Waadt, 1919–2015. Graphik E2. Parteistärken in Prozent bei den Nationalratswahlen im Kanton Tessin, 1919–2015. Graphik E3. Parteistärken in Prozent bei den Nationalratswahlen im Kanton Zürich, 1919–2015. Graphik E4. Nationalratsmandate nach Parteien, 1919–2015.


Tabellen

Graphik E5. Ständeratsmandate nach Parteien, 1919–2015. Graphik E6. Wahlenthaltung, Stimmenanteile der Bundesparteien und Nicht-Bundesratsparteien im Verhältnis zur gesamten stimmberechtigten Bevölkerung, 1919–2015. Graphik E7. Anteil an veränderten und freien Listen in Prozent aller gültigen Wahlzettel, 1947–2015. Graphik E8. Anzahl der eingereichten Listen und Kandidaturen für die Nationalratswahlen in der Schweiz, 1943–2015. Graphik E9. Schweizweite Anzahl der Teillisten aller Parteien, 1943–2015. Graphik E10. Vollständige Nationalratslisten der betrachteten Parteien in Prozent aller von ihnen eingereichten Listen, 1943–1983. Graphik E11. Anteil der Frauen an den Kandidaturen bei den Nationalratswahlen und an den Gewählten bei National- und Ständeratswahlen in Prozent, 1971–2015. Graphik E12. Weibliche Nationalratskandidaturen der CVP, FDP und SP im Kanton Tessin in Prozent aller Kandidaturen, 1971–2015. Graphik E13. Weibliche Kandidaturen der vier Bundesratsparteien im Kanton Waadt in Prozent aller Kandidaturen, 1971–2015. Graphik E14. Weibliche Nationalratskandidaturen der vier Bundesratsparteien im Kanton Zürich in Prozent aller Kandidaturen, 1971–2015. Graphik E15. Verteilung der Nationalratskandidierenden der vier Bundesratsparteien in Altersgruppen im Kanton Tessin, 1943–1983. Graphik E16. Verteilung der Nationalratskandidierenden der vier Bundesratsparteien in Altersgruppen im Kanton Waadt, 1943–1983. Graphik E17. Verteilung der Nationalratskandidierenden der vier Bundesratsparteien in Altersgruppen im Kanton Zürich, 1943–1983.

Tabellen Tabelle E1. Nationalratslisten und Listenverbindungen im Kanton Tessin, 1947–1983. Tabelle E2. Ständeratskandidaturen im Kanton Tessin, 1947–1983. Tabelle E3. Nationalratslisten, Listenverbindungen und Unterverbindungen im Kanton Waadt, 1947–1983. Tabelle E4. Ständeratskandidaturen im Kanton Waadt, 1947–1983. Tabelle E5. Nationalratslisten, Listenverbindungen und Unterverbindungen im Kanton Zürich, 1947–1983. Tabelle E6. Ständeratskandidaturen im Kanton Zürich, 1947–1983.

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Danksagung

Dieses Buch ist das Ergebnis einer siebenjährigen Reise in der politischen Geschichte der Schweiz. Meine Forschung an der Universität Freiburg (Schweiz) im Rahmen des Forschungsprojekts Political Parties and Election Campaigns in Post-War Switzerland (2012–2016) und die Veröffentlichung dieses Buches wurden ermöglicht durch die Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF). Für die Fertigstellung dieses Buches am Deutschen Historischen Institut Paris im Jahr 2019 bedanke ich mich zudem sehr bei den Alumni und Freunden der Universität Freiburg und bei der Bibliothek des eidgenössischen Parlamentes für ihre wertvolle finanzielle Unterstützung. Im Rahmen der Forschungsarbeit bin ich zu vielen Archiven und Bibliotheken der Schweiz gereist, und möchte mich für die Hilfsbereitschaft der vielen ausgezeichneten ArchivstInnen und BibliothekarInnen des Landes bedanken, besonders im Bundesarchiv, im Schweizerischen Sozialarchiv, in den Basler, Tessiner, Waadtländer und Zürcher Staatsarchiven sowie bei den Graphischen Abteilungen der schweizerischen Nationalbibliothek und der Genfer Kantonalbibliothek. Zudem wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen, hätten uns Parteien den Zugang zu ihren ein Einsichtsgesuch erfordernden Beständen bei den obengenannten Institutionen sowie zu ihren Privatarchiven nicht ermöglicht. Dank geht in diesem Sinne an die CVP der Schweiz und der Kantone Zürich und Tessin, die FDP-Die Liberalen der Schweiz, des Kantons Zürich und des Kantons Tessin, die SP der Schweiz und des Kantons Waadt, die SVP der Kantone Bern, Waadt und Zürich und die Fondazione PellegriniCanevascini (für die Archive der Tessiner SP). Die Reise brachte mir einerseits unzählige überraschende Erkenntnisse und viele schöne Entdeckungserlebnisse im Archiv sowie beim intensiven, manchmal einsamen aber immer lehrreichen Schreibprozess. Sie war andererseits eine sehr bereichernde menschliche Erfahrung. Ich möchte mich hier


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Danksagung

zunächst bei den Mitgliedern des obengenannten SNF-Forschungsprojekts bedanken: bei meinem Doktorvater und Co-Leiter des Projekts Damir Skenderovic für seine Unterstützung und seine anspruchsvollen Kommentare zu meiner Arbeit, beim Co-Leiter des Projekts Oscar Mazzoleni für sein anregendes Feedback und bei Carolina Rossini für die konstruktiven Diskussionen und die freundschaftliche Unterstützung seit Beginn des Projekts. Ein grosser Dank geht auch an Brigitte Studer für ihre pointierten Fragen zu meiner Arbeit und ihr sorgfältiges Gutachten und an Christina Späti für ihre wertvolle Unterstützung und den fruchtbaren Austausch. Ein grosser Dank geht auch an die KollegInnen, mit denen ich mich regelmässig über die vielen Fragezeichen der Schweizer Politik und die Herausforderung der Forschung als «hermeneutischer Zirkel» in der Schweiz und in letzter Zeit am Deutschen Historischen Institut Paris unterhalten konnte. Un grand merci en ce sens à Fabienne Amlinger, Juri Auderset, Nina Caprez, Alain Clavien, Pierre Eichenberger, Alexandre Elsig, Francesca Falk, Jürgen Finger, Robert Friedrich, Claude Hauser, Mareike König, Olivier Lamon, Matthieu Leimgruber, Thomas Maissen, Thomas Metzger, Pauline Milani, Philipp Müller, Andrea Pilotti, Anne-Françoise Praz, Hervé Rayner, Niels Rebetez, Tiphaine Robert, Mari-Carmen Rodriguez, Stéphanie Roulin, Pascal Sciarini, Christina Späti, François Vallotton, Carole Villiger et Bernard Voutat. Für die sprachliche Verbesserung dieses Textes möchte ich mich bei den verständnisvollen, wenn auch anspruchsvollen LeserInnen und KorrektorInnen in der Schweiz und am Deutschen Historischen Institut Paris bedanken, ohne die es mir nicht möglich gewesen wäre, meine Forschung auf Deutsch zu verfassen: Sarah Baumann, Paul Förder, Anja Früh, Irma Gadient, Cornelius Goop, Elisabeth Haas, Kathrin Haegler, Marc Hämmerling, Eva Locher, Florian Rüd, Annina Schlatter, Lily Schreiter, Barbara Schumacher, Lukas Winiker, Willi Winiker und Darja Wolfmeier. Einen riesigen Dank richte ich an Stephanie Weiss, Stephan Winiker und wieder Fabienne Amlinger, die insgesamt bestimmt 3000 Seiten meiner (leicht) französisch gefärbten, oft phantasievollen, hoffentlich ab und zu unterhaltsamen Prosa gegengelesen haben. Beim SchwabeVerlag habe ich die grossartige und sympathische Unterstützung von Annina Clavadetscher und Thomas Hirt sehr genossen. Am Deutschen Historischen Institut Paris haben mir Dagmar Aßmann und Veronika Vollmer sehr wertvolle Empfehlungen gegeben.


Danksagung

Schliesslich möchte ich mich bei meinen Freunden und meiner Familie in Frankreich und in der Schweiz für ihre liebvolle Unterstützung bedanken. Un énorme merci à Stephan pour son aide technique et linguistique, mais surtout pour son soutien constant, quoique jamais complaisant, et ses opinions toujours acérées sur ce pays passionnant qu’il m’a fait découvrir.

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Abkürzungsverzeichnis

Zwecks Vereinfachung sind die Kantonalparteien unter der deutschen Bezeichnung ihrer nationalen Mutterpartei (wenn vorhanden) aufgeführt, ausser wenn der Name die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Parteiflügel kennzeichnet. ACV AGoF AHV (AVS) Anm. AR ASTi AWG BAR Bd. BDP BE BGB BGE BL BRD CDU CH CNG CSP CVP (PDC)

Archives cantonales vaudoises Archiv der Gosteli-Stiftung zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung, Worblaufen Alters- und Hinterlassenenversicherung (Assurance vieillesse et survivants) Anmerkung Appenzell-Ausserrhoden Archivio di Stato del Cantone Ticino, Bellinzona Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Gesellschaft Schweizerisches Bundesarchiv, Bern Band Bürgerlich-Demokratische Partei Bern Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, bis 1971 Bibliothèque de Genève Baselland Bundesrepublik Deutschland Christlich Demokratische Union Schweiz Christlichnationaler Gewerkschaftsbund der Schweiz Christlichsoziale Partei (u.a. Zürich), bis 1971 Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (Parti démocrate-chrétien), ab 1971


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Abkürzungsverzeichnis

Ebd. EDU et al. etc. EVP FDP (auch: FDPS) f. FGA FN Fn. FPC FPS GE GfS GLP GPS Hg. i.O. ISOP JU KCVP KPS KVP LdU MCR MfGZ NA NB NE

Ebenda Eidgenössisch-Demokratische Union et alii et cetera Evangelische Volkspartei Freisinnig-Demokratische Partei (der Schweiz) folgend Feministische und grün-alternative Gruppierungen (Sammelbezeichnung) Schweizerische Nationalphonotek (Fonoteca Nazionale Svizzera) Fussnote Fondazione Pellegrini-Canevascini Freiheits-Partei der Schweiz (1985–1994 und seit 2009: Auto-Partei) Genf Schweizerische Gesellschaft für praktische Sozialforschung Grünliberale Partei der Schweiz Grüne Partei der Schweiz HerausgeberIn, HerausgeberInnen im Original Institut suisse de l’opinion publique Jura Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei, 1957–1971 Kommunistische Partei der Schweiz Konservative Volkspartei, bis 1957 Landesring der Unabhängigen Mouvement Citoyens Romands (in Genf: Mouvement Citoyens Genevois) Museum für Gestaltung Zürich Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat (seit 1990: Schweizer Demokraten, SD) Nationalbibliothek, Bern Neuenburg


Abkürzungsverzeichnis

Nr. NZZ o.A. o.D. o.O. PA PdA POCH PR PSA PSOE PTT RML SABZ SBgAA SEV SGB SH SKF SKVV SP (auch: SPS) SPK SRG SSA StABS StaZ SVP (UDC) TI TSR u.a. UNO VD

Nummer Neue Zürcher Zeitung ohne AutorIn ohne Datum ohne Ortsangabe Privatarchiv Partei der Arbeit Progressive Organisationen der Schweiz Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit) Partito socialista autonomo Partido Socialista Obrero Español Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe und Telefonie/ Schweizerische PTT-Vereinigung Revolutionäre Marxistische Liga Schweizerische Arbeiterbildungszentrale Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung Schweizerischer Eisenbahn- und Verkehrspersonalverband Schweizerischer Gewerkschaftsbund Schaffhausen Schweizerischer Katholischer Frauenbund Schweizerischer Katholischer Volksverein Sozialdemokratische Partei (der Schweiz) Schweizerische Politische Korrespondenz Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt Staatsarchiv des Kantons Zürich Schweizerische Volkspartei (Union démocratique du centre), ab 1971 Tessin Télévision suisse romande unter anderem, unter anderen, und andere United Nations Organisations Waadt

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20

Abkürzungsverzeichnis

vgl. VPOD VS z.B./bspw. ZH

vergleiche Schweizerischer Verband des Personals öffentlicher Dienste Wallis zum Beispiel/beispielsweise Zürich


I Einleitung: Weshalb und wie eine Geschichte des Wahlkampfs schreiben?

«Sind Wahlkämpfe in der Schweiz tatsächlich so uninteressant, dass es sich erübrigt, ihnen Monographien zu widmen?»1

Die provokative Frage des Berner Historikers Erich Gruner Anfang der 1980er Jahre ist heute noch aktuell. Besonders Wahlen und Wahlkämpfe zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Fall der Berliner Mauer spielen in der schweizerischen Geschichtsschreibung keine grosse Rolle.2 Während sich HistorikerInnen in anderen europäischen Demokratien seit längerer Zeit für die Veränderungen der Wahlkämpfe und der politischen Kommunikation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessieren, gelten eidgenössische Wahlkämpfe der Nachkriegszeit weitgehend als Nichtereignisse – oder zumindest als ruhige, bescheidene, ja höfliche Angelegenheiten einer politisch höchst stabilen Schweiz, welche die polarisierenden Schäfchenplakate der Schweizerischen Volkspartei (SVP) noch nicht erlebt hatte. So qualifiziert sie der Kommunikationsberater Mark Balsiger in seinem Handbuch für Kandidierende: «Bis Anfang der Neunzigerjahre setzte der Wahlkampf jeweils ein paar Monate vor einem Wahltermin ein, und dann herrschte Eintracht – alle politischen Akteure waren bestrebt, einen Konsens zu finden.»3* Dieses Bild entspricht sicherlich einem schweizerischen Narrativ, welches seit dem 19. Jahrhundert die Kontinuität einer speziell schweizerischen Konsenskultur betont und als ahistorische, allgemeingültige Erklärung für die festgestellte Ruhe und Stabilität der helvetischen Politik dient. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die «Konkordanz» als Gründungsmythos und als norGruner: Wahlen, 1984, S. 237. Dazu Gruner: Die direkte Demokratie, 1987. Z.B.: Tanner: Geschichte der Schweiz, 2015; Walter: Histoire de la Suisse, 2009. 3 Balsiger: Wahlkampf statt Blindflug?, 2014, S. 10. * Im Folgenden stammen alle Hervorhebungen und alle Übersetzungen auf Deutsch von der Autorin, wenn nicht explizit anders vermerkt. 1 2


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I Einleitung

matives Demokratiemodell so stark nach innen und aussen zelebriert, dass sie als Verhaltensgebot oder sogar als selbsterfüllende Prophezeiung für die Nachkriegszeit fungierte.4 Balsigers Aussage mag wohl für Wahlen gelten, oft Exekutivwahlen auf kantonaler oder kommunaler Ebene, bei welchen Parteien im Sinne des sogenannten freiwilligen Proporzes die Anzahl an Kandidierenden einschränken.5 Wie lässt sich aber die von ihm postulierte Konsenssuche mit dem Wettbewerb um Stimmen und Mandate für den National- und Ständerat in Einklang bringen? Wie konnte das Gleichgewicht im Parlament und Bundesrat langfristig beibehalten werden, wenn die Schweizer Gesellschaft doch zwischen den 1940er und 1980er Jahren einem rasanten Wandel unterlag? Wie gingen politische Parteien überhaupt an ihre Wählerschaften heran? Wie versuchten sie, die Aufmerksamkeit der im Wahlkampf von 1971 fotographierten PassantInnen auf ihre Plakate, ihre lächelnden Kandidierenden, ihre sympathischen Logos und hoffnungsvollen Slogans zu lenken? Denn wie ein Leitfaden der Zürcher Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) in Erinnerung rief: «Die CVP ist immer noch nicht in der glücklichen Lage, Wählerstimmen zu gewinnen, indem sie nichts tut. Es ist nicht selbstverständlich, dass man sie wählt.»6 Hier setzt das vorliegende Buch an: Es fragt nach dem Schweizer Wahlkampf der Nachkriegszeit als zelebrierten Wahl-Kampf ohne Kampf und zeigt, wie Schweizer Regierungsparteien beim «Stimmenfang» ihr Verhältnis zur Gesellschaft und zur Wählerschaft immer wieder neu verhandelten. Im Rahmen des vom schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojekts Political Parties and Election Campaigns in Post-War Switzerland werden die Handlungen der vier grössten Landesparteien – CVP, Freisinnig-Demokratische Partei (FDP), Sozialdemokratische Partei (SP) und Bauern-, Gewerbe und Bürgerpartei (BGB, ab 1971 SVP) – anhand von vier Wahlkämpfen zwischen den 1940er und den 1980er Jahren auf eidgenössischer und kantonaler Ebene (Tessin, Waadt und Zürich) in den Blick genommen.7 Anstatt sie als Burgos; Mazzoleni; Rayner: La formule magique, 2011, S. 112; Guex; Schnyder; Burghartz: La Suisse: pays du consensus?, 2001; Jost: Critique historique du consensus helvétique, 2001, S. 58; Herrmann: Les cicatrices du passé, 2006, S. 305. 5 Linder: Schweizerische Demokratie, 2012, S. 104–114. 6 PA CVP ZH, Wahlkampfstab der Zürcher CVP: Der orange Faden. Eine praktische Anleitung für die Nationalratswahlen, August 1983. 7 Unter der Leitung von Damir Skenderovic/Oscar Mazzoleni, http://p3.snf.ch/Project137811, Stand: 29.01.2020. Das vorliegende Buch ist eine gekürzte Fassung der im Rahmen 4


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Nichtereignisse wahrzunehmen, wird vorgeschlagen, ihr zugleich machtlegitimierendes, aber auch transformatives Potenzial für die Politik und besonders für die politische Repräsentation zu erkunden (Kapitel 1). Für ein solches Vorgehen sprechen bereits die wenig bekannten Veränderungen der schweizerischen Parteien in der Nachkriegszeit (Kapitel 2). Das Buch folgt fünf exemplarischen Handlungsphasen eines Wahlkampfs, die als Annäherung an die verschiedenen Facetten des parteipolitischen Handelns im Wahlkampf zu verstehen sind. Bei der Vorbereitung eines Wahlkampfs vereinbarten nationale und kantonale Parteikader Ziele, Strategien und Mittel und konstruierten somit den Wahlkampf als Wettbewerbsfeld (Kapitel 3). Die Art und Weise, wie Parteien ihre Zielwählerschaften definieren, zeigt, wie sich ihre Bindungen mit den Wählenden über die Zeit veränderten (Kapitel 4). Mit den Kampagnenmaterialien und der Medienarbeit der Parteien lässt sich ihre (Selbst-)Darstellung im Laufe der Zeit verfolgen (Kapitel 5). Die Veränderungen bei der Nominierung und Lancierung der Kandidierenden verdeutlichen, wie sich Parteien unterschiedlich verkörpern liessen (Kapitel 6). Die veränderten Bedingungen des Mobilisierens lassen sich mit der Analyse der Kontaktnahme mit den Wählenden aufzeigen (Kapitel 7). Weit davon entfernt, ein Nichtereignis zu sein, verweisen die schweizerischen Wahlkämpfe der Nachkriegszeit auf eine Spannung zwischen Stillstand und Bewegung sowie zwischen der Abbildung bestehender Kräfteverhältnissen und der Schaffung neuer Handlungsmöglichkeiten – eine Spannung, die bis heute nachwirkt (Kapitel 8).

Wahlkämpfe als Nichtereignisse der schweizerischen politischen Geschichte? Während die Schweizer Wahlen und Wahlkämpfe des 19. Jahrhunderts, sowie zum Teil auch der Zwischenkriegszeit, Gegenstand von erhellenden Studien wurden,8 besteht für die Wahlkämpfe zwischen den 1940er und 1990er Jahren dieses Projekts verfassten Dissertation, Kergomard: «Es ist nicht selbstverständlich, dass man uns wählt.», 2018. 8 Insb. Ruffieux: Les élections au Grand conseil Vaudois, 1974; Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat, 1978; Meylan; Saudan: Aspects de la vie politique à Lausanne, 1984; Wandeler: Vom Freischärler bis zum erzkonservativen Junker, 1999; Kunz: Polarisierung und Desintegration, 2000.

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eine erstaunliche Forschungslücke. Nur einige zeitgenössische Studien, oft am 1965 gegründeten Forschungszentrum für schweizerische Politik in Bern entstanden, setzten sich mit den Wahlkämpfen der 1960–70er Jahre auseinander.9 Auch die junge internationale Politikwissenschaft interessierte sich lange Zeit wenig für Wahlkämpfe, da die frühe Wahlforschung die Faktoren der Wahlentscheidung nicht beim Wahlkampf, sondern bei «soziostrukturellen Merkmalen» (Columbia School) oder bei bestehenden «parteipolitischen Bindungen» (Michigan School) der Wählenden sah.10 Erst als Letztere ab den 1970er Jahren abgeschwächt schienen, interessierte sich die internationale Forschung vermehrt für die Wirkung des Wahlkampfs auf die Wahlentscheidung und für die Veränderungen des Wahlkampfs im Zeitverlauf.11 Richtet sich der Blick allein auf die Wahlergebnisse, so kommt man tatsächlich schwerlich am Urteil vorbei, dass Wahlkämpfe in der Schweiz der Nachkriegszeit Nichtereignisse darstellten: Die ausserordentliche Stabilität im Kräfteverhältnis der Parteien zwischen den 1940er und 1980er Jahren – sowohl die Stimmenanteile als auch die Mandate im National- und Ständerat betreffend – vermittelt den Eindruck einer erstarrten Schweizer Politik, welche erst in den 1990er Jahren in Bewegung kommt (Graphik 1). Nicht zuletzt das 1919 im Nationalrat eingeführte Proporzwahlsystem (Verhältniswahl) wirkte so stark dämpfend auf potenzielle konjunkturelle Kräfteverschiebungen, dass sich die Mandatsverteilung im Nationalrat nur minimal verändern konnte. Der unspektakuläre Charakter schweizerischer Wahlen prägte auch die Berichterstattung über den Wahlkampf, besonders im internationalen Vergleich, wie etwa in der freisinnigen Nouvelle Revue de Lausanne 1959 nachzulesen war: «Der Wahlkampf verläuft ruhig: Die Parteien wissen sehr wohl, dass das Verhältniswahlsystem jede Umwälzung, jede wesentliche Änderung ausschliesst. Wie weit wir von den britischen Parlamentswahlen entfernt sind! […] Wie vor vier Jahren werden unsere eidgenössischen Wahlen ein weiterer Beweis für politische Stabilität sein. Das 9 Gruner; Siegenthaler: Die Wahlen in die eidgenössischen Räte, 1964; Gruner; Daetwyler; Zosso: Aufstellung und Auswahl der Kandidaten, 1975. 10 Lazarsfeld; Berelson; Gaudet: The People’s Choice, 1944; Campbell; Converse; Miller et al.: The American Voter, 1980. Dazu Gerstlé: Sociologie de la campagne électorale, 2001. 11 Nie; Verba; Petrocik: The Changing American Voter, 1979; Farrell; Schmitt-Beck: Do Political Campaigns Matter?, 2002.


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Ergebnis steht quasi im Vorhinein fest und viele Kantone werden in der Verteilung der Mandate keine Änderungen erfahren: Höchstens in einigen Kantonen ringt man noch um einen umkämpften Sitz.»12

)'3 63 /LEHUDOH 0LWWH 3DUWHLHQ 1HXH OLQNH XQG JU QH 3DUWHLHQ Graphik 1.

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Parteistärken in Prozent bei den Nationalratswahlen, 1919–2015.

Mitte-Parteien: BDP, CSP, Demokraten, EVP, GLP Neue linke und grüne Parteien: FGA (ab 1979); GPS (ab 1975); POCH (1971–1991); PSA (ab 1971–1991); Solidarität (ab 1995) Rechtspopulistische und rechtsradikale Parteien: EDU (ab 1975); FPS (1987–2007); Lega (ab 1991); MCR (ab 2007); Republikaner (1967–1987); NA/SD (ab 1967) 1939 fanden in neun Kantonen (Appenzell Ausserrhoden, Luzern, Neuenburg, Schwyz, Solothurn, Tessin, Waadt, Wallis und Zug) stille Wahlen statt. Quelle: Bundesamt für Statistik: Nationalratswahlen.

Selbst auf die Proklamation der Wahlergebnisse folgten uninspirierte Kommentare in der Presse – erstaunt könne man nicht wirklich sein.13 Es war dabei nicht immer auf Anhieb klar, welche der drei grössten Parteien SP, FDP oder CVP die Wahlen überhaupt gewonnen hatte und welcher Indikator als Mass-

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Avant les élections fédérales, in: Nouvelle Revue de Lausanne, 21.10.1959. Les jeux des élections sont faits, in: Feuille d’Avis de Lausanne, 27.10.1959.

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Das Signet des Schwabe Verlags ist die Druckermarke der 1488 in Basel gegründeten Offizin Petri, des Ursprungs des heutigen Verlagshauses. Das Signet verweist auf die Anfänge des Buchdrucks und stammt aus dem Umkreis von Hans Holbein. Es illustriert die Bibelstelle Jeremia 23,29: «Ist mein Wort nicht wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeisst?»


WAHLEN OHNE KAMPF? Schweizer Parteien auf Stimmenfang, 1947–1983 Schweizer Wahlkämpfe der Nachkriegszeit galten lange als Nichtereignisse mit minimalen Konsequenzen für die Zusammenarbeit der Parteien im Parlament und im Bundesrat. In ihrem Buch hinterfragt Zoé Kergomard diese Sichtweise. Sie zeigt, wie Schweizer Regierungsparteien mit ihren Wahlkampagnen ihr Verhältnis zur Gesellschaft und zur Wählerschaft immer wieder neu verhandelten. Die gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit – wie die Einführung des Wahlrechts für Frauen – und die Professionalisierung der politischen Kommunikation waren nur einige der Herausforderungen, denen sich die Parteien stellen mussten. Somit erscheinen die Wahlkämpfe keineswegs als leere Rituale : In ihnen manifestierte sich vielmehr eine besondere Spannung zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen der Abbildung bestehender Kräfteverhältnisse und der Schaffung neuer politischer Handlungsmöglichkeiten, die bis heute nachwirken. Zoé Kergomard studierte Rechts- sowie Politikwissenschaften

und promovierte in Zeitgeschichte an der Universität Fribourg. Seit 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut Paris.

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