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Archäologie der Moderne. Antike und Antike-Rezeption als Paradigma und Impuls

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COLLOQUIA RAURICA 16

Hubert Cancik, Stefan Rebenich, Alfred Schmid ( Hg.)

ARCHÄOLOGIE DER MODERNE ANTIKE UND ANTIKE-REZEPTION ALS PARADIGMA UND IMPULS


Colloquia Raurica

Herausgegeben vom Collegium Rauricum Jürgen von Ungern-Sternberg ‧ Peter Blome ‧ Lucas Burkart ‧ Hansjörg Reinau Band 16

Die Colloquia Raurica werden alle zwei Jahre vom Collegium Rauricum veranstaltet. Sie finden auf Castelen, dem Landgut der Römer-Stiftung Dr. René Clavel in Augst (Augusta Raurica) bei Basel, statt. Jedes Colloquium behandelt eine aktuelle geisteswissenschaftliche Frage von allgemeinem Interesse aus der Perspektive verschiedener Disziplinen. Einen Schwerpunkt bilden dabei Beiträge aus dem Bereich der Altertumswissenschaft. Um möglichst vielseitig abgestützte Erkenntnisse zu gewinnen, erörtern die eingeladenen Fachvertreter das Tagungsthema im gemeinsamen Gespräch. Die Ergebnisse werden in der Schriftenreihe Colloquia Raurcia publiziert.


Hubert Cancik, Stefan Rebenich, Alfred Schmid (Hg.)

Archäologie der Moderne Antike und Antike-Rezeption als Paradigma und Impuls

Schwabe Verlag


Publiziert mit Unterstützung von der Römer-Stiftung Dr. René Clavel

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MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Lektorat: Ricarda Berthold, Freiburg i. B. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: Kathrin Strohschnieder, Oldenburg Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany Print: 978-3-7965-4160-5 eBook: 978-3-7965-4165-0 DOI: 10.24894/978-3-7965-4165-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Hubert Cancik, Stefan Rebenich, Alfred Schmid  Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Hubert Cancik Umfang und Grade der Selbst-Historisierung der griechischen und römischen Kultur. Zu Kriterien für «Modernität» am Beispiel von Geschichte, Geschichtsbewusstsein, Geschichtlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Kurt A. Raaflaub Worin liegt die Bedeutung antiker Freiheit – und welcher Freiheit, welcher Antike?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Heiner Roetz Zu den Antizipationen modernen Denkens in der chinesischen Philosophie der Achsenzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Alfred Schmid Der Einspruch gegen die eigene Modernität: Prolegomena zur Dialektik der Moderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Hildegard Cancik-Lindemaier Selbst: Selbstwahrnehmung, Selbsterhaltung, Selbstliebe. Zur Permanenz stoischer Anthropologie in der Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Enno Rudolph Von der antiken Ontologie zur modernen Anthropologie des Individuums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133


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Inhalt

Thomas Schirren Jeder Mensch ein Künstler?! Der moderne Künstler als Erbe der Sophisten. Eine Spurensuche .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Arbogast Schmitt Mit Stoa, Skepsis und Epikur gegen Aristoteles. Über einige Grundimpulse für die Ausbildung des Bewusstseins der Modernität in Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Nadja J. Koch Autopsie der Antike als Avantgarde. Zur archäologischen Zeichnung seit Cyriacus von Ancona .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Klaus Garber Dichtung als «verborgene Theologie». Antike-Rezeption in christlichem Umfeld, exemplifiziert an zwei Opitz-Texten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Ernst A. Schmidt Statische Einheit der griechischen Antike als Gegenbild der Moderne . . . . . . 265 Stefan Rebenich Altertum und Moderne. Das Bild der Antike in den Geschichtlichen Grundbegriffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339


Vorwort Der vorliegende Band enthält die eingereichten und überarbeiteten Vorträge, die beim 16. Colloquium Rauricum gehalten wurden, das vom 30. August bis 2. September 2017 auf Castelen, dem Landgut der Römerstiftung Dr. René Clavel in Augst bei Basel stattgefunden hat. Die Idee zur Thematik dieser Tagung kam von Hubert Cancik anlässlich eines Abendgesprächs beim Wein auf Castelen im August 2013 am Rande des 14. Colloquium Rauricum. Dabei kreiste das Gespräch um das Klischeebild einer antimodernen, klassizistischen «Statik» der Antike; ein Bild, für dessen Genese die Basler Professoren Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche nicht ohne Bedeutung gewesen sein dürften. In mehrfacher Hinsicht war daher Castelen bei Basel der geeignete Ort, um diese Debatte über die fragwürdige Modernität der Antike zu führen. Unser Dank gilt den Mitgliedern des Collegium Rauricum – zu denen in der Inkubationsphase des Projekts auch noch Joachim Latacz gehörte –, die unserem Vorhaben von Anfang an mit Wohlwollen begegnet sind. Für die umsichtige Planung und Betreuung vor und während des Anlasses danken wir Frau Monika Sutermeister. Frau Ricarda Berthold war für die redaktionelle Überarbeitung der Manuskripte mit ihrer Sachkenntnis eine unschätzbare Hilfe. In Frau Dr. Arlette Neumann hatten wir eine stets präsente Ansprechpartnerin im Schwabe Verlag. Besonders dankbar sind wir der von Dr. Jakob und Antoinette Frey-Clavel gegründeten Römerstiftung für die grosszügig gewährte Finanzierung, den Referentinnen und Referenten der Tagung, sowie all denen, die sich in vielen Gesprächen vor, während und nach der Tagung an unseren Fragwürdigkeiten beteiligt haben. Berlin, Bern und Basel im September 2019 Hubert Cancik, Stefan Rebenich und Alfred Schmid


Einleitung

Hubert Cancik, Stefan Rebenich und Alfred Schmid

Wir sind vielleicht zu antik gewesen, Nun wollen wir es moderner lesen. Goethe, Zahme Xenien 2

1 «Antike» und «Moderne» Das dichte, vielschichtige und vieldeutige Verhältnis der Antike zur Moderne ist schwer zu durchdringen. Schon die Begriffe «Antike» und «Moderne» sind unklar und ihre Beziehungen zueinander häufig durch Klischees verstellt. Namentlich die Überzeugung von der Geschlossenheit und Einzigartigkeit der Moderne lässt es kaum mehr zu, Kontinuitäten wahrzunehmen, wie es für die humanistische Bewegung von Renaissance (14.–16. Jahrhundert) und Aufklärung (17.–18. Jahrhundert) noch selbstverständlich gewesen ist.  Als Kriterien für die «Moderne» als System und Epoche werden häufig Phänomene wie Naturbeherrschung, Rationalisierung, Psychologisierung, die vielberufene «Säkularisierung» und «Entzauberung», Individualismus, Verdichtung und Beschleunigung benutzt. An einer detaillierten Überprüfung freilich, ob sie als Kriterien tauglich, d. h. ob und in welchem Grade sie spezifisch oder gar einzigartig sind, mangelt es häufig. Daher bleibt meist verborgen, welche Bedeutung dieselben oder ähnliche oder analoge antike Konzepte von Natur, Mensch, Gesellschaft für die Konstruktion der modernen hatten. Die heuristische Frage lautet: Lassen sich die genannten Phänomene in der griechischen und römischen Antike beobachten? Welchen geographischen und gesellschaftlichen Ort haben sie, welche Verbreitung und Intensität? Allgemein gefragt: Gibt es grundlegende und spezifisch moderne Konzepte, für die man mit zureichender Sicherheit jede Abhängigkeit von antiken «Vorläufern» oder «Wurzeln» ausschliessen kann? Es sind tief verwurzelte Klischees, welche die Beantwortung dieser Fragen lenken, zum Beispiel: – Die Antike sei ein von Mythen umstellter Raum, ein in sich geschlossener, begrenzter, statischer, bergender Kosmos.


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Hubert Cancik, Stefan Rebenich, Alfred Schmid

– Erst das neuzeitliche Europa habe ein anthropologisches Universalisierungsmodell ausgebildet. – Erst die dritte Aufklärung (17./18. Jahrhundert) habe ein wirkliches historisches Bewusstsein entwickelt; die Antike bleibe im Bann des Mythos, im Gefängnis eines bergenden Kosmos, in einer geschichtslosen, zyklischen Wiederkehr ohne Fortschrittsbewusstsein gefangen. – Die Antike kenne noch keine entsakralisierte Natur; diese werde erst durch die jüdisch-christliche Schöpfungslehre depotenziert; das Verhältnis von Kultur und Natur sei in der Antike nicht als Gegensatz gefasst (vgl. den Ausdruck «zweite Natur» bei Cicero).

2 «Archäologie» Die Suche nach dem Urheber, nach dem, der zuerst einen Konf likt begonnen hat, nach dem verborgenen, tiefsten Grund ist die ref lektierte Aufgabe der antiken Geschichtsschreiber. Der «wahrste Grund» ist der «unsichtbarste», schreibt Thukydides in der sog. Archäologie des Peloponnesischen Krieges1. Wer die Wurzeln oder nach Wasser sucht, muss tiefer graben, Schichten abtragen, Suchgräben und Schächte anlegen, um den Schatz zu finden. Die «Archäologie der Moderne» treibt ein mehrfaches Interesse: zunächst die Suche nach dem wahrsten und unsichtbarsten Ursprung, nach den ersten Anfängen der Welt, in der wir heute leben, also Genealogie, Kontinuitäten und Brüche, Erbe und Legitimation; sodann die Suche nach dem, was sich gewandelt hat, dem «gerade jetzt» (modo) Neuen und Anderen, nach dem, was unsere Jetztzeit und ihr Eigenes (proprium) ausmacht. Offensichtlich gibt es bei dieser Suche starke Interessen, feste Vorurteile, Wertungen; es beteiligen sich Gewinner und Verlierer der vielschichtigen Modernisierungsprozesse. Wer das «Ende der Neuzeit» herbeisehnt oder bereits hinter sich sieht, sucht anders und anderes als die, denen Entwicklung, Fortschritt, Beschleunigung, höherer Gewinn, weniger Hunger und grössere Sicherheit ein längeres und gesünderes Leben beschert haben. Die früheste Datierung und die konkreteste Vorstellung davon, wie und wann der «moderne Mensch» beginne, bieten, gestützt auf naturwissenschaftliche Messverfahren, die Frühgeschichtler. Demnach lebt, was die Anthropologen als «moderne Menschen» bestimmen, seit 45/40'000 Jahren in Europa. Kriterium für diese Bestimmung ist Kunst, die in den Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden wurde: kleine Plastiken – Tiere, Menschen, Mischwesen – und Musikinstrumente (Flöten/ Pfeifen). Für spätere Zeiten jedoch kann dieses Merkmal, ubiquitär geworden, als solches nicht mehr zur Differenzierung von «modern» und «vormodern» dienen. Der Durchbruch zu einer «Moderne» muss nunmehr, auf der Ebene der «Hoch»- oder «Schriftkulturen», mit anderen Mitteln bestimmt werden. Demographische, ökonomische, technische Entwicklungen, naturwissen1

Thukydides 1,23,6: ἀληθεστάτη πρόφασις – ἀφανεστάτη.


Einleitung

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schaftliche Entdeckungen und symbolische Konstrukte werden benutzt, um die Modernität einer gesellschaftlichen Formation festzustellen, zum Beispiel: die Bevölkerungsverdichtung in urbanen Zentren; das Ende der Agrarkultur und der Beginn mechanischer und industrieller Nahrungsproduktion; Elektrizität, Atomkraft, digitale Informationstechniken; die Entdeckungen von Kopernikus, Darwin, Freud und schliesslich die symbolischen Konstrukte: eine «Saecularisierung» und «Rationalisierung», ein besonderes Zeit-, Person- und Geschichtsverständnis, die Antithese zur griechisch-römischen Antike, ihre «Überwindung», die, so wird seit der Querelle vermutet, als solche Modernität begründet. Diese Kriterien, zumal die geistesgeschichtlichen, theologischen, kulturkritischen sind keine eindeutigen und leicht zu handhabenden Indikatoren. Sie sind schwer zu quantifizieren, gegeneinander zu gewichten und für unterschiedliche Kulturen, Produktionsformen, gesellschaftliche Organisationen zu operationalisieren. Sind die befestigten Strassen des römischen Imperiums und die gefürchtete Schnelligkeit eines Iulius Caesar ausreichende Indizien für Beschleunigung, die Grossstädte an Nil und Tiber für Verdichtung? Wie viele der genannten Kriterien müssen ganz oder annähernd zutreffen, damit ein kulturelles (Teil-)System als «modern» begriffen werden kann? Die genannten Kriterien – weitere liessen sich anfügen – beschreiben eine besondere wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle Form, einen Typus, eine historische «Gestalt». Ein solcher Typus kann durchaus in kleinen sozialen Schichten und Räumen realisiert sein, ohne dass eine grössere Epoche, der sie zugehören, «modern» geprägt wäre. So können auch in der mediterranen Antike Städte wie Milet, Rom, Athen, Alexandria als urbane Zentren moderner Prägung gelten, ohne dass dies für die Gesamtkultur und einen bestimmten Zeitraum als ganzen gälte. Es gibt, zusammengefasst, moderne Formen, Typen, Gestalten in nicht-modernen Epochen. Diese Differenzierung wird übergriffen, aber nicht aufgehoben, von universalgeschichtlichen Entwürfen, in denen die hellenische und römische Antike als ostmediterrane Renaissance verstanden oder den altorientalischen Hochkulturen an Euphrat und Nil als ihre «Moderne» zugeordnet wird.

3 Risiken, Konkurrenzen, Fundamentalismen Die Archäologie der Moderne wird von spezifischen Risiken, Konkurrenzen und Fundamentalismen bedroht. Zu den Risiken gehört die Versuchung, vorhandene Unterschiede zu wesentlichen Gegensätzen zu verschärfen, die Gewichtung von Fakten interessegeleitet zu verändern, etwa im Hinblick auf Volumen und Formen antiker Geldwirtschaft oder auf den Umfang personaler Herrschaft gegenüber sozialen Beziehungen, die formal, sozusagen unpersönlich und bürokratisch, durch Markt und Recht geschaffen werden. Zu den Risiken der Differenzverschärfung gehört auch die Versuchung, durch Archaisieren der Antike ein suggestives Gegenbild zu neuzeitlichen Perioden zu bilden. Ein «ganz Anderes» wird dazu auf-


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gebaut, ein «archaischer Mensch» in einer imaginären Urgeschichte, gern mit Matriarchat, dionysischem Taumel und Menschenopfer, mit sei’s positiver Wertung des Irrationalismus, sei’s negativer Wertung – jedenfalls «vormodern». Die Versuche, die Funktionen und das Gewicht der verschiedenen Faktoren, die «Modernität» ausmachen, festzustellen, führen – jenseits der «reinen» wissenschaftlichen Bemühungen – zu Vaterschafts- und Erbstreitigkeiten. Sogar eine «Geburt der Moderne aus dem Geiste der Religion» wird postuliert, abgesichert freilich mit einem verlegenen oder koketten Fragezeichen und mit der aporetischen Frage, ob Religion ein «Motor der Moderne» war, oder vielmehr Moderne entstand, «weil die Bedeutung der Religion abnahm». 2 Die menschheitliche, universale Perspektive, die jede Archäologie der Moderne vertritt, wird konkreter und umstrittener durch die Kritik von Eurozentrismus und Orientalismus, durch neue Perspektiven aus den colonial studies, durch die Annahme von multiplen Modernitäten in der Konsequenz der verschiedenen «Hochkulturen» dieses Planeten. Die Frage, why the West rules, die sogenannte Krise von white identity und white supremacy komplizieren und aktualisieren die historische Analyse. Jede «Archäologie der Moderne» ist belastet durch die gegensätzlichen Bewertungen von «Modernität». Die schwerste Belastung erfolgte dadurch, dass Modernität und Auf klärung mit Shoa verbunden und Auschwitz und Gulag Symbolorte dafür wurden, wie zentrale Ziele und Erwartungen der Auf klärer verfehlt werden können. Shmuel Almog hat diese Verknüpfungen knapp und nüchtern entwirrt. 3 Diese Andeutungen verweisen auf die allgemeinen und grundsätzlichen Herausforderungen und Hindernisse für eine «Archäologie der Moderne», sie verweisen auch auf die Lücken, die der hier vorgelegte Band aufweist. Die Verheissungen des schönen Titels werden nur teilweise erfüllt, zumal da wichtige Disziplinen, wie sie gerade zur Lösung der zuletzt skizzierten Probleme benötigt werden, nicht einbezogen werden konnten.

4 Die Aufgabe Die Aufgabe dieses Bandes ist es, die in den skizzierten Debatten der Antike zugeschriebene Funktion zu erfassen und zu prüfen. Vermieden sind ausufernde Er2

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a) Tagung «Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion? Eine Bestandsaufnahme – The birth of modernity from the spirit of religion? A survey of the current situation». 10.–12.05.2018, Katholische Akademie Berlin/Exzellenzcluster «Religion & Politik» der Universität Münster. – Formulierungen aus dem Tagungsprogramm. b) Konservative Strömungen in der gegenwärtigen russischen Orthodoxie, bei den amerikanischen Evangelikalen, im Islam der Türkei leugnen die Evolution, propagieren Kreationismus und befördern damit einen allgemeinen Antimodernismus. Shmuel Almog, «Theorizing about Antisemitism, the Holocaust and Modernism», in: Annual Report. Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism, October 2001 (The Hebrew University of Jerusalem), 12–15 (zu Frankfurt school, George Steiner, Zygmunt Bauman).


Einleitung

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örterungen darüber, welche Antike denn gemeint sei – die reale, rekonstruierte, imaginierte; welche Moderne – die europäische, die achsenzeitliche, die globale; welches Europa – das mediterrane, das kontinentale, «der Westen». Das Modernisierungspotential der Antike selbst wird erkundet. Es wird gefragt, ob seine Wirkung und Rezeption Kontinuitäten geschaffen hat, die über die bekannten Brüche und Transformationen hinweg in Weltanschauung und Menschenbild, Grundannahmen und Denkformen, in Normen und Ökonomie immer wieder «Modernität» stimuliert und dadurch an einem so vielschichtigen sozialen, politischen, symbolischen Projekt wie der «europäischen Moderne» mitgewirkt haben. Planung und Zufall haben eine Auswahl von Gebieten geschaffen, in denen eine grosse, ungefüge und schier grenzenlose Aufgabenstellung jeweils begrenzt, konzentriert, paradigmatisch bearbeitet werden konnte. So sind Themen aus Anthropologie und Kosmologie, Ethik und Ästhetik, der Erkenntnistheorie und Physik, aus den Vorstellungen von Zeit, Natur, und Geschichte sowie der Wissenschaftsgeschichte vertreten. Aber der Umfang dessen, was ausgespart werden musste, ist, wie bereits angemerkt, bedenklich gross: Recht und Politikwissenschaft, Kunst und Technologie, Religion und Medizin, die Mathematik und die Naturwissenschaften. Und ein einziger Beitrag nur muss für eine alte und gewaltige «Hochkultur» (China) die Notwendigkeit komparatistischer ModernitätsForschung repräsentieren.

5 Basel Die besondere Konstellation Basler Geistigkeit, seine modernen Antimodernisten, inspiriert die Archäologen der Moderne noch im Jahr 2016. Nur Franz Overbeck (1837–1905) sei hier, abschliessend, erinnert. Um das Jahr 1903 hat er einige Notizen zu den Stichworten «Modernismus, Modernität, Modernus» in sein «Kirchenlexikon» eingetragen.4 Der freisinnige und seiner eigenen Modernität sehr bewusste Gelehrte zitiert Cassiodor und Gelasius für die frühesten Belege des Wortes modernus, beschreibt den zeitgenössischen Wortgebrauch und beklagt die Ungenauigkeit und massenhafte Beliebtheit des Ausdrucks: Gegenwärtig ist aber Modernität unter uns eine Seuche geworden, Dank der Einbildung, die sich bei so Vielen an die Eigenschaft knüpft. […] Eine der widrigsten Erscheinungsformen des Modernismus oder der heute grassierenden Modernitis ist die Maasslosigkeit im Gebrauch der dem Individuum zu seiner Geltendmachung verliehenen 4

Franz Overbeck. Werke und Nachlass, Bd. 5: Kirchenlexicon, Texte. Ausgewählte Artikel J–Z, hrsg. von Barbara von Reibnitz, in Zusammenarbeit mit Marianne Stauffacher-Schaub, Stuttgart 1995, 150–167. Die zitierten Notizen fanden grössere Verbreitung durch ihre Aufnahme in die von C. A. Bernoulli unter dem Titel «Christentum und Kultur» redigierte Sammlung (1919) = Franz Overbeck, Werke und Nachlass, Bd. 6/1: Kirchenlexicon. Materialien. «Christentum und Kultur», Stuttgart 1996, 283–287. – Overbeck verweist für seine eigene Modernität – «An Modernität meine ich hinter keinem der Zeitgenossen zurückzustehen» (Bd. 5, 159) – auf seine Abhandlung «Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie».


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Einleitung Mittel, das fieberisch auf äusseren Effect gerichtete Streben unserer Gelehrten und Künstler, der Gelehrten insbesondere im Gebrauch der Mittel der Rhetorik. Sie ruhen nicht, bis sie daran sind vom ‹Sinn des Lebens›, von ‹Welträthseln›, ‹Menschheit›, ‹Bannen, die auf der Menschheit ruhen› zu reden […]. Modernität ist gegenwärtig der auf der Strasse zu öffentlichem Gebrauch liegende Freibrief für jedermann von den höchsten Dingen zu schwatzen.5

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Kirchenlexicon, Bd. 5, 152–153. Vgl. ebd. 158: «Die Modernen kennen und anerkennen heute nur sich, die Vergangenheit meinen sie ganz streichen und vergessen zu dürfen […].»


Umfang und Grade der Selbst-Historisierung der griechischen und römischen Kultur. Zu Kriterien für «Modernität» am Beispiel von Geschichte, Geschichtsbewusstsein, Geschichtlichkeit Hubert Cancik

1 «Geschichte» als Kriterium für «Modernität» 1.1 Die Begrenzung des Themas Das Referat über die Selbst-Historisierung der griechischen und römischen Kultur, über ihre «Geschichtskultur» soll zunächst darstellen, welche Gebiete der eigenen Kultur die Antike verzeitlicht, historisiert hat, und bis zu welchem Grade dies geschah, etwa im Hinblick auf die Geschichtlichkeit der eigenen Gesellschaft oder der eigenen Person. Geschichte nämlich, meint Cicero, sagt uns, wer wir sind;1 sie ist für ihn eine Form der individuellen und kollektiven Selbstref lexion. Zum anderen aber werden die Indikatoren geprüft, die anzeigen sollen, ob eine Kultur überhaupt zu «Geschichte» befähigt ist, und ob das Geschichtsbewusstsein in einer bestimmten Phase einer Kultur «modern» sei, ob also etwa die Ungleichzeitigkeit, die Prozessform, die Verschränkung von Fortschritt und Verfall in der Geschichte erfasst worden ist. 1.2 Indikatoren für «Modern/Vormodern» Die Kriterien, die «Modernität» definieren und «Vor-Moderne» von der Neuzeit oder der «Moderne» scheiden sollen, sind zahlreich und verschiedenartig. «Modern» meint (a) einen historischen Typus, eine besondere wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche, kulturelle, mentale Formation und (b) eine Phase oder Epoche, in der dieser Typus in einer bestimmten Region vorherrscht. Die Kriterien für diesen Typus können geschichtsphilosophische Argumente sein oder Angaben zu (a) Produktivität, (b) Bevölkerungsverdichtung, (c) Urbanisierung, Zunahme der lokalen und sozialen Mobilität, zu Differenziertheit von Arbeit, von sozialen 1

Cic. Acad. 1,3; vgl. hier 2.1.


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Hubert Cancik

Rollen und Funktionen, zur Steigerung von Individualisierung, Rationalisierung, gesellschaftlicher Komplexität. Modernitäten bilden sich partiell, segmentär, in Handelszentren oder in höfischen Milieus mit einer Anhäufung von Schreibern, Lehrern, Baumeistern, Ingenieuren. Deshalb können moderne, vor- und anti-moderne Schichten in einer Kultur gleichzeitig bestehen. Eine historische Theorie der Moderne setzt die industrielle und die Französische Revolution als Markierung der modernen Phase der Neuzeit. Diese Phase ist, so Wolf Lepenies, durch eine neue «Temporalitätsstruktur» gekennzeichnet, und zwar durch die «Beschleunigung» der Zeit, die «De-Naturalisierung überlieferter Zeitvorstellungen», durch die «Prozessualisierung» und die «Herausarbeitung des Fortschrittsbegriffs». 2 Diese denaturalisierte, beschleunigte, in Prozess und Fortschritt wirksame Temporalitätsstruktur trenne modernes von vormodernem Zeitbewusstsein, dementsprechend auch modernes von antikem Geschichtsbewusstsein. In den mehr geisteswissenschaftlichen Versuchen, «Modernität» begriff lich und geschichtlich zu erfassen, gehört die Suche nach «Geschichtsbewusstsein» oder «Geschichtslosigkeit» zum festen Programm. Denn «Geschichtsschreibung, Geschichtsdenken, Geschichtskultur» können bereits zur Voraussetzung für die Teilhabe an Kultur überhaupt oder einer bestimmten Hochform von Kultur deklariert werden. Der genannte Komplex «Geschichte» ist beispielsweise Kriterium für die «Achsenzeit» und für ein «Achsenvolk». 3 1.3 Das Begriffsfeld «Geschichte» als Indikator für «Kultur» und «Moderne» 1.3.1 So nennt Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen Berliner Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte Völker im Naturzustand «geschichtslos» oder «ungeschichtlich»:4 Sie leben ohne Bewegung und Entwicklung. Afrika ist «kein geschichtlicher Weltteil»:5 «Was wir eigentlich unter Afrika verstehen, das ist das Geschichtslose und Unaufgeschlossene, das noch ganz im natürlichen Geiste befangen ist […].» Auch die nördliche Zone von Asien liegt «ausserhalb der Geschichte», und die «Geschichte» des Orients, sagt Hegel, «ist selbst noch überwiegend geschichtslos».6

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Lepenies (1978), 9–10. Lepenies formuliert in engem Anschluss an die Arbeiten von Reinhart Koselleck, die bei Lepenies, S. 245 bibliographiert sind. – Die «Schwierigkeiten», die sich aus der referierten Charakteristik ergeben, hat Lepenies auf S. 10 angedeutet: «das Fehlen einer präzisen Bestimmung der Moderne». – Vgl. Schmid (2016), bes. 18 f., 369; 451–453 (mit weiteren Beispielen zur Soziologie der Modernisierung). Jaspers (1955), 17–18, 58–59. Hegel (1970). Hegel (1970), 129. – Ägypten und die Kolonien der Phönizier in Nord-Afrika und am Atlantik gehören bei Hegel nicht zu Afrika. Hegel (1970), 130 und 137. – Die paradoxe Aussage über den Orient fällt in eine Zeit, in der die Entzifferung der Keilschriften (G. F. Grotefend 1802) und die Ausgrabungen in Ninive und Babylon (seit 1811) bereits grosse Fortschritte gemacht hatten.


Umfang und Grade der Selbst-Historisierung

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Dasselbe gelte für China und Indien:7 Sie «liegen gleichsam noch ausserhalb der Weltgeschichte»; bei ihnen ersetzt «das Statarische, das ewig wieder erscheint […] das Geschichtliche». Diese Begriff lichkeit ist einfach: statarisch/dynamisch, bewegt; natürlich/geschichtlich, Natur/Geist; Natur/Geschichte. Sie konnte bequem auf andere Völker übertragen werden, sogar auf Hellenen und Römer.8 Der Zielbereich seiner einlinigen Geschichtsschau nämlich ist für Hegel keineswegs antikisch-klassizistisch, sondern germano-christlich. Dementsprechend schafft die Antike nur «ursprüngliche» Geschichte, nämlich solche, an der die Autoren selbst beteiligt waren, aber kein «philosophisches» Geschichtsdenken.9 1.3.2 Hegels Kategorien und Wertungen wurden zwar kritisiert, dienten jedoch den Gelehrten noch hundert Jahre später dazu, in universalgeschichtlichen Entwürfen die Gründe für die europäische Katastrophe im 20. Jahrhundert zu finden. Zu den zahlreichen Texten, die bald nach 1945 dazu geschrieben wurden, gehört ein Traktat von Romano Guardini (1885–1968) mit dem Titel: Das Ende der Neuzeit. Der Text ist jetzt weit verbreitet in einer erweiterten englischen Fassung unter dem Titel The End of the Modern World; auf dem Umschlag erscheint das Weltgericht des Michelangelo.10 Guardini stellt fest: «Die Neuzeit geht zu Ende» und mit ihr die drei Ideen, die sie begründen; er nennt:11 (a) «die in sich ruhende Natur»; (b) «das autonome Persönlichkeits-Subjekt»; (c) «die aus eigenen Normen schaffende Kultur». Die antiken Traditionen, die in diesen Ideen enthalten sind, werden dabei ebenfalls verabschiedet, insbesondere ein Begriff von Natur, der diese nicht als «Schöpfung» versteht. Denn dem antiken Menschen, sagt Guardini, «fehlt die uns vertraute Vorstellung eines endlosen räumlich-zeitlichen Zusammenhangs»; ihm fehlt «der feste Punkt ausserhalb der Welt», deshalb kommt er «nicht über die Welt 7

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Hegel (1970), 147. – Analoge Behauptungen hat Hegel in der Ethik aufgestellt: Die chinesische Ethik sei eine Ethik der Anpassung, das «Moment der Subjektivität» sei noch nicht hervorgetreten, die «Idee der Freiheit» nicht entwickelt, die «Stufe der Einheit des Geistes mit der Natur» sei nicht überschritten. Diese Annahmen sind untersucht und aufgelöst durch Roetz (1992), 20–27. Hegel (1970), 543–556 zur antiken Geschichtsschreibung (Erster Entwurf der Einleitung. Die Behandlungsarten der Geschichte; 1822/1828): Er nennt Herodot, Thukydides, Xenophon, Polybios und Caesars commentarii («ein Meisterwerk»). Hegel (1970), 543–556. Die griechische Geschichtsschreibung ist für Hegel nicht «reflektierte Geschichte», geschweige denn «philosophische». Hegel schreibt Herodot und Thukydides «bewundernswürdige Naivität» zu (547). Guardini (1954). Der Traktat basiert auf Vorlesungen, die 1947/48 an der Universität Tübingen, 1949 an der Universität München gehalten wurden. – Englische Fassung: The End of the Modern World, 1998 (o. O., Intercollegiate Institute). – Die folgenden Zitate nach der deutschen Fassung: 64; vgl. 50, 54, 56. Die drei Ideen werden mit drei Goethe-Zitaten bewiesen: Fragment über die Natur; die «Persönlichkeit» als höchstes Glück (West-östlicher Divan) und aus den Zahmen Xenien IX: «Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, / hat auch Religion; / wer jene beiden nicht besitzt, / der habe Religion.» – Zu «Natur» vgl. 49–52; zu «Persönlichkeit» vgl. 53–55; zu «Kultur» vgl. 55–56. Guardini ist gegen das moderne Versicherungswesen, weil es «jeden religiösen Hintergrund beseitigt» (110). Es fällt auf, dass «Geschichte, Geschichtsdenken» auch unter den Ideen fehlt, die nach Guardini die Neuzeit begründen.


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Hubert Cancik

hinaus»; die Welt ist ihm «das Ganze einfachhin». Das Ergebnis dieser Kulturbetrachtung: «Holismus» ohne «Transzendenz» beherrscht die Antike und die Ideen, welche die Modern World begründen sollten. Guardinis Antike ist «im natürlichen Geiste» befangen – damit hatte Hegel die angebliche Geschichtslosigkeit Afrikas erklärt. Um den Eindruck der Naturbindung der antiken Kultur nicht zu schwächen, hat Guardini die antike Geschichtsschreibung, die Spekulationen über Zeit, Fortschritt und über endlose räumlich-zeitliche Zusammenhänge aus seiner Betrachtung ausgeschlossen. Guardinis Antike ist geschichtslos. In seinem forcierten Anti-Modernismus gibt es für den Komplex «Geschichte» keinen Platz neben «Heilsökonomie» und dem Weltgericht, weder in der Antike noch in irgendeiner Periode der Nachantike. 1.3.3 Guardini entzeitlicht («detemporalisiert») die Antike, er stellt sie still und bewundert ihre Harmonie, schöne Gestalt, eine Ordnung im Kreise sich bewegend und insofern unveränderlich, ohne «Überschritt» und Fortschritt.12 Während Guardini in Tübingen und München das Ende der Neuzeit verkündet, schreibt Jacob Taubes (1923–1987) in Zürich seine ambitionierte Dissertation: Abendländische Eschatologie, veröffentlicht in Bern 1947.13 Nicht weniger als «das Wesen der Geschichte» und «das Wesen der Zeit» sollen erkundet werden, also wie überhaupt «Geschichte möglich» sei, was das «Gesetz der Neuzeit» sei, und wie weit die «abendländische Existenz» sich ausspannen könne.14 Die Antike als Exempel oder Quelle wird aus dieser Untersuchung radikal ausgeschlossen. Denn antike Ontologie sei «statisch»,15 ihr Zeitempfinden zirkulär, ihre Anthropologie naturalistisch.16 Ihre Historiographie erzähle Geschichte als eine Folge von exempla der ewigen Tugenden und Laster der Menschen. Geschichte in Form von exemplarischen Geschichten zu erzählen, setze jedoch die Vorstellung von einer permanenten, feststehenden Natur des Menschen voraus. Welche Autoren von «exemplarischen Geschichten» Taubes meinte, ist nicht ausgewiesen. Deutlich aber ist der Versuch, die Antike als einen Ort von «Geschichtsdenken» und als einen Stimulus für Modernität auszuscheiden. Für Taubes sind Judentum und «apokalyptische christliche Geschichtstheologie» die einzigen Quellen für das Geschichtsbewusstsein der Neuzeit. Ähnliche Vorstellungen über die antike Geschichtskultur finden sich bei Karl Jaspers (1883–1969), Karl Löwith (1897–1973) und Hannah Arendt (1906–1975).17 Nur drei Beispiele seien knapp skizziert. Karl Jaspers schreibt (1955, 91): «Der Grieche bleibt stehen in geschlossenen Weltbildern.» Karl Löwith behauptet (1953, 26): «Die 12 13 14 15 16 17

Dass der Antike eine Dimension «Transzendenz» fehle, betont Guardini, S. 17, Ende, auch für Platon, Parmenides, Aristoteles, Plotin. Taubes (1947). Die Arbeit erschien in der von René König im Francke Verlag herausgegebenen Reihe Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie. Taubes (1947), 3, 85–122, 191. Taubes (1947), 39. – Zur Analyse vgl. Cancik (2001), 43–59. Taubes (1947), 11–13; vgl. Taubes (1993), 69. Jaspers (1955), Löwith (1953); Arendt (1957), Zitat S. 7.


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Archäologie der Moderne. Antike und Antike-Rezeption als Paradigma und Impuls by Schwabe Verlag - Issuu