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Religiöses Wissen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schauspiel

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RIDDER VON LÜPKE NEUMAIER

Religiöses Wissen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schauspiel

KLAUS RIDDER BEATRICE VON LÜPKE MICHAEL NEUMAIER (  H G.)

KLAUS RIDDER ist Professor für deutsche Literatur des Mittelalters an der Universität Tübingen. BEATRICE VON LÜPKE ist Postdoc im SFB 923 « Bedrohte Ordnungen » ( Tübingen ). MICHAEL NEUMAIER ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt « Narrative Vermittlung religiösen Wissens. Edition und Kommentierung geistlicher Vers- und Prosatexte des 13. bis 16. Jahrhunderts » ( Köln, Tübingen ).

SCHWABE VERLAG www.schwabeverlag.de

Religiöses Wissen

In Mittelalter und Früher Neuzeit spielt das Schauspiel eine wichtige Rolle bei der Verbreitung und Aktualisierung von religiösen Wissensbeständen. Die Beiträge des Bandes gehen den Transformationen religiösen Wissens in szenisches Geschehen nach, analysieren den produktiven Umgang der Autoren/Kompilatoren mit Heiligen Texten und theologischen Konzepten und reflektieren Fragilität und Neuausrichtung des religiösen Wissens in den reformatorischen Auseinandersetzungen.

Religiöses Wissen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schauspiel


Klaus Ridder, Beatrice von Lüpke, Michael Neumaier (Hg.)

Religiöses Wissen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schauspiel

Schwabe Verlag


Diese Publikation wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

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MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag Berlin GmbH Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Jacopo Tintoretto, Disputa; Veneranda Fabbrica del Duomo di Milano, Museo del Duomo, Inv. 234 Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7574-0022-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7574-0059-0 DOI 10.31267/978-3-7574-0059-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabeverlag.de www.schwabeverlag.de


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Klaus Ridder, Beatrice von Lüpke, Michael Neumaier: Religiöses Wissen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schauspiel . . . . . . . .

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I.

Instrumentalisierungen

Paola Ventrone: Theatre, Religion and Propaganda: The Performances for the 1439 Ecumenical Council in Florence . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Klaus Wolf: Überlegungen zum hochgelopten Machmet auf der spätmittelalterlichen Bühne. Das Bild des Islam im Augsburger Georgsspiel, im Frankfurter Passionsspiel und im Türkenfastnachtspiel .

97

Cora Dietl: Vom Fastnachtschwank zum Bibeldrama. Hans von Rütes Berner Spiele wider den «abgöttischen» Heiligenkult . . . . . . . . . . . . . . . 113 Klaus Ridder, Darwin Smith: Déconstruire l’inquisiteur : deux farces de Marguerite de Navarre et de Hans Sachs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Hans Rudolf Velten: Tyrannei und gutes Regiment. Zur Aktualisierung alttestamentlicher Herrschaft in ausgewählten Tragödien von Hans Sachs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Heidy Greco-Kaufmann: Weltliche Freuden im Bannkreis der letzten vier Dinge. Renward Cysats Tragicocomedi Convivii Process (1593) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 II.

Spannungen

Ulrich Barton: Cur deus homo? Dramatisierungen der christlichen Erlösungslehre im geistlichen Spiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219


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Inhalt

Glenn Ehrstine: Das geistliche Spiel als Ablassmedium: Überlegungen am Beispiel des Alsfelder Passionsspiels . . . . . . . . . . . . . . . 259 Beatrice von Lüpke: Biblische Erzählung und weltliches Spiel. Das Salomonische Urteil in zwei Nürnberger Fastnachtspielen des 15. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Bruno Quast: Entscheidung im Paradies. Über Adam und Eva in der Tragedia von schöpfung, fal und außtreibung Ade auß dem paradeyß (1548) des Hans Sachs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 III. Wiederaufführungen

Jutta Eming: Figura und Typologie. Am Beispiel des Luzerner und des Heidelberger Passionsspiels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 Carla Dauven-van Knippenberg: Subjektivierung religiöser Wissensvermittlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369 Jan Mohr, Julia Stenzel: Arbeit am Verräter. Zur Judasfigur in den Textfassungen und der Ikonographie des Oberammergauer Passionsspiels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 395 Abkürzungsverzeichnis der Reihen und Zeitschriften . . . . . . . . . . . . . . . 427 Personen- und Werkregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 Register der Bibelstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 437


Vorwort

Der vorliegende Band geht auf die Tagung «Transformationen religiösen Wissens im mittelalterlichen Schauspiel – Transformations of Religious Knowledge on the Medieval Stage» zurück, die im April 2019 in der Alten Burse der Universität Tübingen stattgefunden hat. Kolloquium und Tagungsband wurden finanziert vom DFG-Graduiertenkolleg 1662 «Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800–1800)». Wir danken Annette GerokReiter und Volker Leppin, Sprecherin und Sprecher des Kollegs, sehr herzlich für die großzügige Unterstützung. Dank schulden wir weiterhin Sonja Peschutter, Sebastian Schmitt, Katja Brockmann und Harald Liehr vom Schwabe Verlag für die gute Betreuung sowie Fabian Wenke und Marlene Schilling, die als studentische Hilfskräfte bei der Einrichtung der Beiträge geholfen haben. Tübingen im Juli 2020 Klaus Ridder, Beatrice von Lüpke, Michael Neumaier


Religiöses Wissen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schauspiel Klaus Ridder, Beatrice von Lüpke, Michael Neumaier

1. Dynamisierungseffekte in Bildern Tintorettos Als aufregende Neuentdeckung ist vor einiger Zeit Die Fußwaschung (ca. 1539) aus dem Musée de Grenoble als ein Frühwerk des Venezianers, der sich Jacopo Tintoretto nannte, gefeiert worden.1 Der Maler präsentiert sich selbst im Zentrum des Geschehens als bärtiger Apostel Jakobus auf einem Löwenstuhl. Doch nicht auf diese selbstreferentielle Aktualisierung biblischen Geschehens möchten wir die Aufmerksamkeit lenken, ebenso wenig auf den an eine Bühnenszene erinnernden Aufbau des Bildes – Tintoretto unterhielt enge Kontakte zur venezianischen Theaterwelt. Es geht vielmehr um folgendes Detail: Während der in ein hellrotes Gewand gehüllte Christus Petrus die Füße wäscht, huscht Judas in geduckter Haltung durch eine halb offene Tür im Hintergrund davon. Dass er sich aus der Gruppe der Apostel davonstiehlt, wäre nicht weiter beachtenswert, wenn nicht mit dieser Szene das Letzte Abendmahl eingeleitet würde. Der Künstler lässt Judas also viel zu früh verschwinden. Judas macht sich auf, seinen Herrn zu verraten, noch bevor Jesus ihm sein Wissen um diesen Verrat beim Letzten Abendmahl offenbart hat. Tintoretto hat, so könnte man denken, das Johannes-Evangelium (Joh 13,1–30) nicht sorgfältig gelesen. Die Erklärung für diese ungewöhnliche Darstellung ist jedoch eine andere: Tintoretto orientiert sich am Text eines Zeitgenossen, an der Passione di Gesú des Pietro Aretino, die 1535 in Venedig gedruckt wurde. In dieser ist die Reihenfolge von Fußwaschung und Abendmahl gegenüber dem biblischen Text vertauscht. Judas ist demnach

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Vgl. Krischel 2017, 86.


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Klaus Ridder, Beatrice von Lüpke, Michael Neumaier

Abb. 1:

Jacopo Tintoretto, Die Fußwaschung; Grenoble, Musée de Grenoble, Inv. MG 406.

schon vor der Fußwaschung von Christus als Verräter erkannt worden und kann sich so davonschleichen, noch während diese im Gange ist.2 Das Bild verweist also auf die Bekanntheit einer, wenn man so will, alternativen Passionserzählung, die wiederum kommentierende Auseinandersetzung mit dem biblischen Text ist. Das Bild rezipiert diese Erzählung aber nicht nur, sondern übersetzt sie zugleich in ein anderes Medium. Über derartige ‹Übersetzungsprozesse› lässt sich auch ausgehend von einem anderen seiner Werke reflektieren, das sich auf dem Cover des vorliegenden Bandes befindet: Jesus unter den Schriftgelehrten (Disputa).3 Es zeigt, wie der zwölfjährige Jesus im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutiert (Lk 2,41–50). Sein göttliches Wissen erweist sich gegenüber dem Wissen der Exegeten als überlegen. Tintoretto stellt nun aber nicht allein die Überlegenheit des jugendlichen Erlösers – er doziert von einem Thron –

Vgl. Aretino, ed. Boillet 2017, 515–587, hier 526–530. Mailand, Veneranda Fabbrica del Duomo di Milano, Museo del Duomo, Inv. 234, um 1539. 2 3


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heraus. Er vergegenwärtigt uns die Erzählung als eine «Bücherschlacht»4. Das, was in den Texten fixiert und Gegenstand der Exegese ist, wird mindestens ergänzt, wenn nicht in der Perspektive des Bildes übertroffen von dem, was mündlich in der Gestalt des Gottessohns offenbart wird. Tintoretto, so die kunsthistorische Forschung, messe sich in diesem Bild mit seinen künstlerischen Vorbildern. Das Bild spiele auf Raffaels Schule von Athen an.5 Man könnte nun weiter fragen, ob damit auch schriftliches und mündliches Wissen aneinander gemessen werden. Das Augenmerk wird in jedem Fall auf die Vorläufigkeit exegetischen, menschlichen Wissens gelenkt. Es zeigt seine situative Ergänzungsbedürftigkeit. Einander gegenübergestellt sind damit auch Buch und Bild. Die Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel wird übersetzt in ein Medium, in dem ihre Linearität aufgehoben ist. Ihre Abfolge verdichtet sich auf das Moment überlegener Verkündigung, während die Erzählung den Verlust des Kindes und seine selbstbewusste Erklärung, im Haus des Vaters gewesen zu sein, herausstellt. Diese beiden Bilder Tintorettos sind Beispiele sowohl für den freien, den gestalterischen Umgang mit der Bibel im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als auch für die Transformationen, die die Bearbeitung eines textgebundenen Stoffes in einem anderen Medium nach sich zieht. Sie führen damit mitten hinein in das Thema des vorliegenden Bandes, der die Beiträge eines im April 2019 in Tübingen durchgeführten Kolloquiums zum Thema «Transformationen religiösen Wissens im mittelalterlichen Schauspiel – Transformations of Religious Knowledge on the Medieval Stage» versammelt.

«Typisch für Jacopos Humor ist die Verwandlung der Szene in eine Bücherschlacht. […] Ein wichtiges literarisches Modell für sein Gemälde ist denn auch Pietro Aretinos Humanità di Christo (1535), wo das biblische Ereignis romanhaft ausgeschmückt wird»; Krischel 2017, 85. 5 Vgl. ebd. 4

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2. Das Konzept religiöses Wissen Diese Tagung wurde vom interdisziplinären DFG-Graduiertenkolleg 1662 Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800–1800) an der Universität Tübingen veranstaltet. Seinem Konzept6 liegt die Beobachtung zugrunde, dass zahlreiche vormoderne Zeugnisse – wie eben die beiden Bilder Tintorettos und die Passionserzählung Aretinos – zwar unverkennbar auf eine biblische Erzählung referieren, diese aber nicht unwesentlich abwandeln. Dass die Bibel als Grundlage des Christentums ein schriftlich fixierter, zunehmend kanonisierter autoritativer Text war, hat also nicht davon abgehalten, mit diesem schöpferisch zu verfahren. Dieser Umgang rechtfertigt und erklärt sich, so die Überlegung des Graduiertenkollegs, aus seinem besonderen Charakter: Die in einer bestimmten Zeit verschriftlichte Offenbarung – und das gilt für alle schriftgegründeten Religionen – geht mit dem Anspruch einher, zeitlose Orientierung zu geben und zu moralischem Handeln anzuleiten. Dies provoziert eine Anverwandlung des geoffenbarten Wissens an die sich stetig ändernden Kontexte seiner Rezeption. Indem die heiligen Texte in Abhängigkeit von sich verändernden Lebenswelten kommentiert, zur Grundlage literarischer oder bildlicher Darstellungen gemacht, in Bezug zu empirischen Erkenntnissen gesetzt oder über rituelles Handeln kommuniziert und erfahrbar werden,7 entsteht ein großer Bereich religiösen Wissens, der eben nicht identisch ist mit dem, was in den Offenbarungstexten steht. Diesem Wissen, seinen Transformationen und Transfers in unterschiedlichen zeitlichen, räumlichen und medialen Zusammenhängen, galt das Forschungsin-

Dazu Holzem 2013. Der Band Dürr u. a. 2019 legt den Akzent auf interdisziplinäre und epochenübergreifende Auseinandersetzungen mit der Kategorie des religiösen Wissens. Unter den Schlagwörtern ‹Affirmation› und ‹Konkurrenz› nehmen die Beiträge in Gerok-Reiter/Mariss/Thome 2020 Reibungsflächen in den Blick, die sich in der Konfrontation von religiösem Wissen mit den Wissensgrundlagen ergeben, auf die sich ästhetische und empirisch-naturbezogene Verfahren stützen. Die konfliktträchtige Vorstellung einer ‹Handhabung Gottes› und deren pragmatische Implikationen finden sich im Fokus der Beiträge in dem Band Patzold/Bock 2016. 7 Das Konzept des Graduiertenkollegs unterscheidet zwischen kommentierenden, empirischen, ästhetischen und rituellen Verfahren in der Adaptation des Offenbarungswissens. Siehe dazu ausführlich die Einleitung in Dürr u. a. 2019, 5–9. 6


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teresse des Kollegs (2011–2020). Es ist insbesondere deswegen gerechtfertigt und weiterführend, weil sich über die Transfers und Transformationen8 die Konzepte, Methoden und Verfahren ausformten, die «zur Dynamisierung und Ausdifferenzierung von Wissensfeldern allgemein» beitrugen: «[D]amit bahnte sich ein wesentlicher Weg zur modernen Wissensgesellschaft an».9 Die Methoden und Verfahrensweisen, die für Transformationen des religiösen Wissens entwickelt wurden, sind nämlich auch dann weiter produktiv, wenn dessen Verbindlichkeit in Frage steht.

3. Transformationen religiösen Wissens im Schauspiel Um eine derartige, besonders wirkmächtige Übersetzung religiösen Wissens von einem Medium in ein anderes handelt es sich beim mittelalterlichen Schauspiel. Wenn die konkreten Aufführungen auch unwiederbringlich verloren sind, können wir die Schauspieltexte doch auf performative Signale und ihre Wirkung befragen, auf die hin religiöse Inhalte ausgewählt, kombiniert und strukturiert wurden. Das in der Bibel festgehaltene Wissen musste in szenische Darstellung, lebende Bilder, in akustische und gestische Zeichen und auch in Musik umgesetzt werden. Dabei griffen die mittelalterlichen Autoren und Kompilatoren von Spieltexten nicht nur auf die kanonisierten Schriften, sondern auch auf apokryphe und legendenhafte Werke zurück, um Heilsgeschichte zu vergegenwärtigen. Darüber hinaus führen die Schauspiele mitunter das in den kanonischen Texten nur Angedeutete, in wenigen Worten Erwähnte oder Nicht-Berichtete aus. Sie evozieren teils eine Aura des Heiligen, teils eine Atmosphäre des Derb-Obszönen oder des Alltäglich-Profanen.

Der Begriff ‹Transformationen› wird in zahlreichen Disziplinen verwendet und diskutiert. Zur sozialwissenschaftlichen Transformationsforschung vgl. Kollmorgen/Merkel/ Wagener 2015; eine kulturwissenschaftliche Perspektive verfolgen die Beiträge in Böhme u. a. 2011; den Fokus auf wissensgeschichtliche Ausdifferenzierung legen die Aufsätze in Burkard u. a. 2013. Siehe auch demnächst aus kirchengeschichtlicher Perspektive: Leppin/ Michels [im Druck]. 9 Holzem 2013, 254. 8

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Die Perspektive des religiösen Wissens lenkt damit den Blick nicht nur auf den Inhalt der Spiele und die szenische Gestaltung, sondern auch auf die Institutionen und sozialen Gruppen, in denen sich diese Produktion und Vermittlung von religiösem Wissen vollzog. Mit der Ausdehnung und Zunahme der geistlichen und weltlichen Schauspiele im Spätmittelalter ging eine wachsende Professionalisierung der für die Aufführungen Verantwortlichen, aber auch ein Prozess der Ausweitung der an den Aufführungen beteiligten Nicht-Experten einher. Geistliche und zum Teil auch weltliche Schauspiele waren sowohl eine Vergegenwärtigung des Heilsgeschehens als auch ein Medium städtischer Repräsentationskultur. In den Aufführungen wurden stände- und berufsspezifische Vergehen geächtet und idealtypisch-christliche Verhaltensweisen demonstriert. Sie waren fiktive Darstellung, eröffneten aber zugleich die Möglichkeit zur Teilhabe an einer ritualisierten religiösen Praxis. In dieser Hinsicht ergänzt das Schauspiel andere performative Medien der Glaubensvermittlung, zugleich konkurriert es jedoch mit diesen religiösen Formen. Das Schauspiel nimmt Medien religiösen Wissens, wie Predigt, liturgische Vollzüge, Bilder oder Musik, auf und transformiert diese zugleich dadurch. Damit geraten auch Fragen nach den Interdependenzen von religiösem Wissen und anderen Wissensfeldern in den Blick. Die geistlichen Schauspiele wollen Heilsgeschichte wirkungsvoll vor Augen stellen. Dazu wird religiöses Wissen mit Detailrealismen durchsetzt, vor allem aber um Bezüge zur jeweils aktuellen sozialen, rechtlichen und politischen Sphäre der städtischen Gemeinschaft verdichtet. Das weltliche Schauspiel referiert auf religiöse Ordnungskonzeptionen, exemplarische Handlungsentwürfe und religiöse Leitideen, setzt aber auch konkurrierende Ordnungsvorstellungen, emotionsgeladenes Konflikthandeln und kontroverse Ideen wirkungsvoll in Szene. Anliegen der Tagung war es, diesen Transformationen in unterschiedlichen religiösen Problemfeldern, theatralen Traditionen und historischen Kontexten nachzugehen. Damit konnte sie an eine intensive Diskussion der Problematik in vorausgehender Forschungsliteratur anknüpfen10 und diese mit dem Konzept religiöses Wissen in zweierlei Hinsicht ergänzen und wei-

Vgl. beispielsweise die einschlägigen Aufsätze in den Bänden: Ziegeler 2004; Kasten/ Fischer-Lichte 2007; Ridder 2009; Bockmann/Toepfer 2018.

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terführen: Zum einen eröffnet die Frage nach religiösem Wissen einmal mehr die Möglichkeit, umstrittene Oppositionen in den Blick zu nehmen, die die Schauspielforschung geprägt haben. So ist es beispielsweise wenig sinnvoll, sich nur auf das geistliche oder nur auf das weltliche, nur auf das vorreformatorische oder auf das nachreformatorische Schauspiel zu beschränken. Zum anderen gibt es zwar zahlreiche vergleichende Arbeiten zu einzelnen Aspekten französischer, italienischer oder deutscher mittelalterlicher Schauspiele, komparatistische Ansätze, europäische Schauspieltraditionen miteinander in Bezug zu setzen, sind aber äußerst selten. Dies hängt damit zusammen, dass die Korrespondenzen, die etwa zwischen deutschen und französischen Passionsspielen bestehen, nicht auf textgenetischen Beziehungen, also auf Übersetzungen, beruhen. Zwar hat es Formen des Austausches gegeben, diese lassen sich aber auf der Ebene der Textbeziehungen nicht nachweisen. Auf diese Situation kann man nun reagieren, indem man an den gemeinsamen Grundlagen – Evangelien, Apokryphen, legendarische, exegetische Werke – der Spieltexte unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Traditionen im europäischen Raum ansetzt.11 Sich auf die Bestände religiösen Wissens und zugleich auf die Praktiken seiner Transformation zu konzentrieren, ist wichtige Voraussetzung, um textgenetisch Getrenntes im Zusammenhang zu analysieren und dabei dennoch die Besonderheiten der einzelnen Traditionen nicht außer Acht zu lassen.

4. Instrumentalisierungen – Spannungen – Wiederaufführungen Die Tagung verstand sich als ein Forum, in dem das Konzept des religiösen Wissens als Verständnis- und Erschließungsperspektive von vormodernen, tendenziell europäischen Formen des Theatralen erprobt werden sollte. Eine Strukturierung der dreizehn Aufsätze des Bandes12 an Sprachgrenzen, an der

11 Zu französischen und deutschen Passionsspielen vgl. Ridder/Smith 2019; einen semiotischen Ansatz im Blick auf französische und deutsche Schauspiele verfolgt Posth 2019. 12 Zwei auf der Tagung gehaltene Vorträge von Bart Ramakers (The plays by Cornelis Everaert and the Transfer of Religious Knowledge in Early Sixteenth Century Bruges) und

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Differenzierung von geistlichem und weltlichem Schauspiel oder an der konkreten Zeit und dem konkreten Raum der Entstehung, Aufführung oder Verschriftlichung der analysierten Schauspiele schien daher von vornherein wenig sinnvoll. Die Beiträge weisen vielmehr über die Zeit hinweg Parallelen auf, die funktionale Instrumentalisierungen religiösen Wissens in Auseinandersetzung mit anderen Religionen oder als deviant markierten Bekenntnissen, Akzentsetzungen in Spannungsbereichen des innerchristlichen Diskurses sowie neue Vergegenwärtigungen unter den Bedingungen eines reenactments betreffen. Instrumentalisierungen: Das Konzept religiöses Wissen bezieht sich auf schriftgebundene Religionen. Im europäischen mittelalterlichen Schauspiel wird ganz überwiegend das christliche religiöse Wissen zum Thema. Die Spiele nehmen aber insofern auf andere Religionen Bezug, als sie sich von ihnen abgrenzen; selten wird der Blick auf die eigene Religion aus der Perspektive des Fremden, von außen Kommenden imaginiert, um Verwerfungen im Inneren anzuprangern. Religiöses Wissen wird aktualisiert, um politische Konflikte auszutragen. Dazu inszenieren geistliche und weltliche Schauspiele Bedrohungsszenarien (‹Jüdische Verschwörung›; ‹Islamische Expansion›; ‹Konfessionelle Verketzerung›), die sich auf weit verbreitete antijüdische, islamfeindliche oder konfessionspolemische Topoi stützen.13 In Reformation und Gegenreformation haben Schauspiele – vor allem Fastnachtspiele und Bibeldramen – großen Anteil an der konfessionellen Polemik im Glaubenskampf.14 Religiöses Wissen wird dabei zur Abwertung des Gegners, zum Entwurf eines Feindbildes oder eines Negativbeispiels, umgekehrt aber auch zur Idealisierung der eigenen Position oder zur Stilisierung

Christian Schmidt (Luthers Theorie der Passionsbetrachtung und das Passionsspiel im 16. Jahrhundert) finden sich nicht im vorliegenden Band. 13 Vgl. Ridder 2020a; ders. 2020b; ders. 2021; zu Bedrohungsszenarien im deutschen und französischen Schauspiel (14.–16. Jh.) auch Posth 2019. Die vorreformatorischen Nürnberger Fastnachtspiele sind in vergleichbarer Perspektive Gegenstand in: von Lüpke 2017. 14 Zu den konfessionspolemischen Auseinandersetzungen in Bern und ihrer Austragung über das Schauspiel siehe Ehrstine 2002, zu den Fastnachtspielen Niklaus Manuels als ‹Bedrohungstheater› Ridder 2018, zum protestantischen Drama insgesamt Metz 2013.


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eines positiven Ideals von Herrschaft benützt.15 Derartige religionspolitische Instrumentalisierungen religiösen Wissens bilden einen ersten Schwerpunkt des Bandes. Im Beitrag von Paola Ventrone stehen mit den Inszenierungen von Annunciatio und Ascensio, die der Architekt Filippo Brunelleschi in Florenz anlässlich des 1439 in Florenz stattfindenden Konzils organisierte, zwei sowohl theater- als auch religionsgeschichtlich denkwürdige Aufführungen im Zentrum: Historisch-politisch bemerkenswert ist der Zusammenhang zwischen den Inszenierungen und den auf dem Konzil verhandelten Dogmen des Filioque und der Plenitudo potestatis, die unmittelbar das Schisma und die Vorherrschaft des Papstes betreffen. Von großer theatergeschichtlicher Bedeutung ist die Art der Inszenierung, bei der mit ausgefeilten technischen Apparaturen ‹Spezialeffekte› erzielt wurden. Paola Ventrone beleuchtet nicht nur die Besonderheit des Bühnenarrangements und der Dramaturgie, die darauf abzielen, die Position der westlichen Kirche zu stützen; sie ediert darüber hinaus – und übersetzt ins Englische – den Augenzeugenbericht des russischen Bischofs Abraham of Suzdal, auf dem unser gesamtes Wissen über diese Aufführungen basiert. Mit der Eroberung Konstantinopels durch das osmanische Heer im Jahr 1453 geht auch der Beitrag von Klaus Wolf von einem zeitgeschichtlich bedeutsamen Ereignis aus. Er analysiert das Bild des Islam im Augsburger Georgsspiel, im Frankfurter Passionsspiel und im Türkenfastnachtspiel, die alle in zeitlicher Nähe zu diesem Ereignis verfasst wurden, und beleuchtet dessen Brisanz in den jeweiligen städtischen Kontexten. Produzenten und Rezipienten der Schauspiele war kaum an einer vertieften Auseinandersetzung mit dieser Religion gelegen: Entweder zeigt man in polemischer Weise Parallelen zum Judentum auf oder hebt die von den ‹Türkenkriegen› ausgehende vornehmlich finanzielle Bedrohung hervor. Die Untersuchung der drei Schauspiele verdeutlicht, wie sich ein innerchristlicher Diskurs ausformt, in dem sich antiislamische, antijüdische und innenpolitisch motivierte Bedrohungsrhetorik verschränken.

Pfeiffer 2016 zeigt, wie die Bibeldramen Sixt Bircks religiöse Erzählungen zur Propagierung einer res publica christiana instrumentalisieren.

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Klaus Ridder, Beatrice von Lüpke, Michael Neumaier

Den Akzent auf konfessionelle Auseinandersetzungen legt der Beitrag von Cora Dietl. Sie nimmt zwei um 1540 entstandene Spiele des Hans von Rüte in den Blick, nämlich das Faßnachtspil den vrsprung / haltung / vnd das End beyder / Heydnischer / vnd Bäpstlicher Abgöttereyen allenklich verglychende und das Bibeldrama Gedeon. In beiden Spielen geht es um das konfliktträchtige Verbot des Heiligenkultes, für dessen Durchsetzung die Spiele unter Rekurs auf medizinisches, humanistisches und biblisches Wissen werben. Die Verfasserin analysiert die Indienstnahme dieser Wissensbestände, die darauf abzielte, die Polemik gegen die Verehrung der Heiligen zu fundieren und damit der Politik des Rates in der Berner Bürgerschaft Anerkennung zu verschaffen. Eine komparatistische Perspektive verfolgt der Beitrag von Klaus Ridder und Darwin Smith. Der Inquisiteur (1535/38) der Marguerite de Navarre und das Fastnachtspiel Der Ketzermeister (1553) von Hans Sachs gehören differenten sprachlichen und theatralen Traditionen an, entstehen jedoch in – wenn auch sehr unterschiedlichen – von protestantischen Ideen geprägten Kontexten. Die Stücke formen einen vergleichbaren Problemkern aus: Das Geständnis der dubiosen Praktiken des Inquisitors (Geldgier, Heuchelei, religiöse Inkompetenz, Skrupellosigkeit) fungiert als moralische Diskreditierung der Institution. Die Aktualisierung biblischen Wissens ist in beiden Schauspielen auslösendes Moment einer Transformation: Der inquisitorische Verfolger konvertiert zum Anhänger protestantischer Auffassungen (Marguerite de Navarre); der von der Inquisition Beschuldigte überwindet jede Furcht und kritisiert offen die Praktiken der alten Kirche (Hans Sachs). Der Inquisiteur ist vermutlich als Reaktion auf eine verschärfte Verfolgung der französischen Protestanten nach der Affaire des Placards (1534) zu verstehen, der Ketzermeister des Hans Sachs als Warnung vor einer Rekatholisierung des protestantischen Nürnbergs im Zweiten Markgrafenkrieg (1552–1555). Einen anderen Zugriff auf die Dramen des Hans Sachs wählt Hans Rudolf Velten. Er zeigt die politische Aktualität dreier Tragödien des Hans Sachs auf, die über die dramatische Umsetzung alttestamentlicher Erzählungen Orientierung für die weltliche Obrigkeit geben wollen. In Rehabeam und Jerobeam (1551) wird eine am Eigennutz orientierte Herrschaft explizit mit der Gefahr in Verbindung gebracht, dass sich die derart unmoralisch Beherrschten auflehnen. Im Spiel Der gotloß könig Ahab mit dem Nabot (1557) verschränken sich in der Darstellung eines Unrechts gegen eine Einzelper-


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son, eines Justizskandals und eines Feldzuges außen- und innenpolitische Konflikte. Indem der Potentat auf allen Ebenen versagt, ist die Kritik an der Herrschaft besonders augenfällig. Während diese Spiele die allgemeine Mahnung an die Obrigkeit, gerecht zu herrschen, vor allem mittelbar aussprechen, bezieht der Autor in Der prophet Jeremias sambt der gefengknus Juda (1551) seine Darstellung unmittelbar auf die konfessionellen Auseinandersetzungen im Schmalkaldischen Krieg (1546–1547). Wiederum eine komparatistische Perspektive nimmt Heidy GrecoKaufmann in ihrem Beitrag ein. Sie vergleicht Renward Cysats Convivii Process, der um 1593 in Luzern aufgeführt wurde, mit seiner Vorlage, der französischen Allegorie La condamnation de Banquet, in der es um die Verurteilung der Völlerei geht. Die Schweizer Bearbeitung betont im Gegensatz zum französischen Prätext nicht allein die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Todsünde, sondern darüber hinaus deren soziale und eschatologische Konsequenzen. Der Autor instrumentalisiert damit religiöses Wissen für die Propaganda der Jesuiten, denen er allein die Fähigkeit einer spirituellen Lenkung zugesteht. Spannungen: Ein zweiter Schwerpunkt der Beiträge liegt auf der performativen Vergegenwärtigung von in christlich-theologischer Lehre und Diskurs angelegten Spannungen. Da in mittelalterlichen Gesellschaften nicht von einem homogenen christlich-religiösen System auszugehen ist, hat man von «Spannungsfeldern des Religiösen»16 gesprochen. Solche Spannungsbereiche

Damit lässt sich anschließen an die Beiträge in Kellner/Klinger/Wolf 2007, die unter diesem Begriff «religiös geprägte[ ] Sinnbezirke[ ]» fassen, «die sich auf der Grundlage divergenter Deutungen und literarisch-ästhetischer Aneignungen herstellen» (Einleitung, 126) und die deren Aushandlung in Bibelepik, Mystik und Lyrik betreffen. Das Anliegen des Bandes Bockmann/Toepfer 2018 ist es, Ambivalenz als ein Paradigma der Forschung zum geistlichen Spiel, das sich in verschiedenen Spannungen (Sakralität – Profanität, Kult – Kunst, Ritualität – Theatralität, Präsenz – Repräsentation, Textualität – Performativität) konkretisiere, kritisch zu diskutieren und es insbesondere an die Erscheinungsformen des geistlichen Spiels zurückzubinden. Unter «Produktive Spannungen» fassen die Herausgeber des Bandes Gerok-Reiter/Mariss/Thome 2020 nicht in erster Linie solche, die bereits in christlichen Prätexten angelegt sind und durch etwa literarische Transformationen zur Anschauung kommen, sondern solche, die sich aus der Konfrontation des offen16

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