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Ethik der Existenz

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Wie kann eine Theorie der Ethik beschaffen sein, wenn sie aus dem gedanklichen Repertoire der Existenzphilosophie entworfen wird ? Sie bedarf vor allem einer speziellen Sprachfindung, die einen Diskurs mit zeitgenössischen Ethik-Konzeptionen im ersten Moment zu erschweren scheint. Susanne Möbuß zeigt auf, dass dieses nicht zwangsläufig gilt, wenn der strukturelle Rahmen, in dem die Ethik der Existenz sich artikulieren kann, in die Untersuchung einbezogen wird. Hier kommt das Konzept des Neuen Denkens zum Tragen, das 1925 von Franz Rosenzweig vorgestellt wurde. Zum ersten Mal ist es möglich, die Bedeutung des Rosenzweig‘schen Denkens für die Entwicklung von Existenzphilosophie und Dekonstruktion darzustellen.

Susanne Möbuß studierte Philosophie und Geschichte und lehrt an den Universitäten Oldenburg und Hannover. In ihren Veröffentlichungen beschäftigt sie sich mit Existenzphilosophie und Jüdischer Philosophie.

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Ethik der Existenz Ethik der Existenz

Ethik der Existenz

Susanne Möbuß

Susanne Möbuß

Das Neue Denken bei Rosenzweig, Heidegger, Lévinas und Nancy


Susanne Möbuß

Ethik der Existenz Das Neue Denken bei Rosenzweig, Heidegger, Lévinas und Nancy

Schwabe Verlag


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Korrektorat: Simone Buckreus, Regensburg Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4594-8 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4595-5 DOI 10.24894/978-3-7965-4595-5 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Für Sarah, Lasse und Leon

Die Leidenschaft des Gespräches ist der schönste Beleg für die Kraft des existentiellen Denkens – hier und miteinander –


Inhalt

Vorangestellt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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I. Die Diskurs-Fähigkeit der Existenzphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . .

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Versuch und Verweigerung – Franz Rosenzweig

......................

14

Am Rande des Seins – Martin Heidegger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

30

Tradition und Erneuerung – Heinrich Barth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

49

II. Wege sprachlicher Vermittlung

..............................

73

Vom Sinn der Grammatik – Franz Rosenzweig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

75

Annäherungen an die Sprache – Martin Heidegger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

93

Der Form vertrauen – Heinrich Barth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 III. Gebotenes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Die unbedingte Weisung – Franz Rosenzweig

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121

Sprache denkend werden – Martin Heidegger

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

Das Sollen wählen – Heinrich Barth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 IV. Vereinzelungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Dieser wie er – Franz Rosenzweig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Ohne Eigenschaften – Emmanuel Lévinas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 V. Zur Form . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Dekonstruktion und Ausdruck – Jean-Luc Nancy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 Mit-Sein

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233

VI. Ringen um das Sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 Werden-Können . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253


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Inhalt

Expression

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262

Entscheidung für das Gute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 Kontrastierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 Die dritte Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292 Außer sich

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320

Sich-angehen-Lassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324 VII. Ethik der Existenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335 Verwiesenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346 Existentialität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 Absichtsloses Sprechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 Handeln

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363

Dieser Eine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 Optimierungen

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370

Der Wert des Prä-skribierens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376 Gegen das Argument . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382 Im Sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 Das Wort an jemanden richten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413 Heinrich Barth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413 Jacques Derrida

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413

Martin Heidegger

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413

Emmanuel Lévinas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 Jean-Luc Nancy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416 Franz Rosenzweig

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416

Weitere Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416 Existenzphilosophie

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418


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Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land Ingeborg Bachmann Die Form eines philosophischen Textes ist seine erste Mitteilung. Noch bevor der Verstand seine Arbeit des Dechiffrierens beginnt, die auch die Frage nach dem Stil berücksichtigen kann, gibt es einen Ausdruck, der unmittelbar wirkt. Auf diese Überzeugung berufen sich die Vertreter des «Neuen Denkens», denen die folgenden Überlegungen gelten. Die Bezeichnung prägte Franz Rosenzweig in der Gewissheit, dass es nicht ausreiche, einzelne Elemente des philosophischen Diskurses zu korrigieren. Stattdessen fordert er «des Denkens vollkommene Erneuerung», da es nicht zu leisten vermöge, was es seiner Ansicht nach zu leisten hätte, nämlich Denken für den Einzelnen zu sein. Indem er diese Ansicht noch vor Martin Heidegger oder Karl Jaspers ausspricht, formuliert er das Grund-Anliegen der Existenzphilosophie, in deren Kontext seine Schriften daher zu rezipieren sind. Zugleich fällt aber auf, dass sich sein Verständnis von Philosophie, die für ihn Wissen im Glauben ist, nicht exakt mit jenen Artikulationen deckt, die etwas später dann als existenzphilosophisch bezeichnet werden. Obwohl das existentielle und das Neue Denken gemeinsamen Wurzeln entspringen, greift sein Konzept an entscheidenden Punkten über jenes hinaus und zwar so wirksam, dass es sich bis in die Philosophie unserer Tage nachweisen lässt. Im Jahr 2021 erfolgte die letzte Veröffentlichung von Jean-Luc Nancy, dessen Werk in so vielen Momenten als dessen Nachklang und Fortführung erscheint. Die hier rekonstruierte Entwicklungslinie durchzieht mithin einen Zeitraum von genau einhundert Jahren, beginnend 1921 mit dem Erscheinen von Franz Rosenzweigs Systemdarstellung Der Stern der Erlösung. Die darin zum Ausdruck gebrachte Sicht der Erneuerungsbedürftigkeit des Denkens kann auch als ein Quellgrund der Philosophie der différance bezeichnet werden, nicht jedoch, ohne nach den Schritten zu fragen ist, die diese Entwicklung in der Zwischenzeit durchlaufen hat. Hier fällt der Blick auf die späten Texte von Martin Heidegger und die Publikationen von Emmanuel Lévinas. Die auf diesen Seiten zu Wort


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kommenden Autoren versuchen in ihrer je eigenen Weise, dem Sagen andere Konturen zu verleihen, weil sich eines ihrer Auffassung nach in der bisher gebrauchten Sprache der Philosophie nicht artikulieren lässt: die Ethik der Existenz. Über Ethik, davon sind sie in erstaunlicher Einmütigkeit überzeugt, könne nicht theoretisch gesprochen werden, weil sie keine Theorie sei, sondern sich entwerfendes Geschehen der Setzung von Alterität. So muss denn in ihrem Sinne und größtenteils mit ihren Begründungen der Argumentationskontext des Ethischen aufgerollt werden, an dessen Re-Formulierung sich das ganze Potential dieses Erneuerungsstrebens zu erkennen gibt. Das Konzept, das sich im Zuge dieser Dekonstruktion des Bestehenden abzuzeichnen beginnt, wird als appellative Ethik bezeichnet. Ihm zu folgen, führt mitunter bis an die Grenze des Sagbaren – und darüber hinaus. Daher mussten Rosenzweig und Heidegger, Lévinas und Nancy eine Form finden, die es ermöglicht, Widersprüchliches, das sich nach traditioneller Vorstellung ausschließen würde, in Bezug zu setzen und zugleich in seiner Gegensätzlichkeit zu bewahren. Dieses ist die Form des komplementären Denkens. Sie erlaubt, jenes Charakteristikum der appellativen Ethik, das sie im ersten Moment geradezu als paradox ausweisen könnte, zu erschließen. Es besteht darin, dass der Appell, die Anrufung des Anderen, nicht Folge willentlicher Entscheidung ist. Was bei unvorbereiteter Betrachtung wie die Absage an die Geltungsansprüche des Moralischen wirken mag, erweist sich bei längerer Reflexion als die Grundlage dafür, Ethik der Gleichwertigkeit zu formulieren, die dem Menschen und allem Anderen gilt. Um diese thematisieren zu können, muss in der Tat das gesamte zur Verfügung stehende Instrumentarium der Artikulation in Anspruch genommen werden, was vor allem die Frage einschließt, wie denn ein Text beschaffen sein könnte, der der Vermittlung einer solchen Ansicht dient. An diesem Punkt wird sich die vielleicht tiefgreifendste Neuerung zeigen. Denn es geht nun nicht mehr darum, dass ein Text eine Aussage vermittelt, sondern darum, dass er selbst Aussage ist. Deshalb mögen die hier betrachteten Schriften überraschen, vielleicht auch verunsichern. Ihre Verfasser versuchen es zum Teil nicht einmal, sich in den philosophischen Diskurs ihrer Zeit einzugliedern, sondern halten sich ihm eher fern, um verbalisieren zu können, was ihrer Auffassung nach endlich der Wortwerdung bedarf. Um die Radikalität dieses Vorgehens in ihrem ganzen Umfang sichtbar werden zu lassen, werden einige Bezüge zum Werk Heinrich Barths hergestellt, der angetreten war, ein System von Existenzphilosophie – die eben nicht mit dem Neuen Denken deckungsgleich ist – in tradierter Form zu entwerfen. Er positioniert sich exakt an jenem Ort, den es im Zuge dieses Denkens zu meiden galt. Erstaunlicherweise hat sich an dessen so eingenommener Randstellung bis heute wenig verändert. Mitunter wirkt es noch immer wie ein eigener Diskussionskontext, der einmal mit Bedacht gewählt wurde, es aber zugleich verhindert, dass ein Austausch über seine bemerkenswerten Inhalte stattfinden kann. Es


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wäre zu fragen, ob es derzeit eine überzeugende Begründung einer Ethik der Gleichwertigkeit gibt. Sollte die Antwort negativ ausfallen, wäre es an der Zeit, das Neue Denken bezüglich seiner Überzeugungskraft und Belastbarkeit in diesem Zusammenhang zu befragen. Um seine Diskursfähigkeit zu erweisen, ist eine mit größter Behutsamkeit durchzuführende Konzeptualisierung erforderlich, also genau das, was seine Vertreter von Anfang an zurückgewiesen haben. Denn ihnen galt die performative Variabilität des Denkens als wichtigstes Ziel. Das Verstehen sollte in der Erfahrung ihrer Texte entstehen, nicht durch deren Argumentationen bestimmt werden. Ist es dann aber überhaupt zu verantworten, über existentielle Ethik zu sprechen und sie sogar in eine gezielte Konfrontation mit bestehenden Entwürfen, die den unausgesprochenen Horizont dieses Versuches bilden, zu führen? Wird dadurch nicht ihre spontane Unmittelbarkeit beschädigt, für deren Wahrung die Vertreter des Neuen Denkens mit solcher Leidenschaft eintraten? Nichts könnte fataler sein, als diese Besonderheit in dem Versuch, einen Dialog zu fördern, zu nivellieren, indem Definitionen und Festschreibungen fixieren sollen, was im Grunde nur zu erfahren ist. Der Beitrag, den das Neue Denken zur gegenwärtigen Ethik-Debatte leisten kann, ist jedoch zu wertvoll, um eine Annäherung nicht zu versuchen. So wird es darum gehen, seine Struktur unter größtmöglicher Wahrung seines Selbstverständnisses aufzudecken. Speziell die Gestaltung des letzten Kapitels wird der bestehenden Problematik Rechnung tragen. Motive werden skizziert, verbleiben aber auch in einer Form, die ihren Geschehnis-Charakter sichtbar erhält. So entsteht ein Tableau von thematischen Fraktalen, deren Gesamtheit mehr auszusagen vermag als ihr vermeintlicher Ausdruck. Die sich nun anschließenden Überlegungen verstehen sich als Reflexion existentieller Ethik, die mit den Stimmen dieser vier Denker geführt wird, sich oftmals auf sie verlässt, bisweilen die Differenzierung sucht, sich jedoch niemals vollständig von ihnen distanziert. Ohne Frage können die folgenden Betrachtungen kaum dem hohen Ideal des Neuen Denkens gerecht werden, wonach ein Text Situation der Ethik stiften soll. Doch sie können die Spur zeichnen, in der dieses vorstellbar wird. Neben allen formalen Aspekten, auf die es hinzuweisen galt, scheint der thematische Schwerpunkt fast ein wenig in den Hintergrund gerückt zu sein. Von einer Ethik ohne Moralität wird zu sprechen sein, was möglicherweise den Eindruck erwecken könnte, dass es dort gar nicht mehr um die Frage des menschlichen Miteinanders geht. Das Gegenteil ist der Fall, denn appellative Ethik ist ein einziger Aufruf dazu, sich von allem Anderen «angehen zu lassen», wie immer wieder zu lesen ist. Willenlose Bereitschaft ist hierfür erforderlich, eine Vorstellung, die so offensichtlich den Grundlagen ethischen Bewusstseins widerspricht. Ihre Erläuterung wird an die Stelle der Thematisierung etwa des Guten, des Handels oder der Absicht treten, ohne dass diese Begriffe damit überflüssig würden. Ihre Reflexion erfordert einen Blick, der die Bedingun-

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gen, unter denen diese entstanden, einer kritischen Prüfung unterzieht. Ziel der appellativen Ethik ist nicht die Entwertung bestehender Konzepte, sondern die Formulierung einer anderen Ethik, die Ethik des Anderen ist. Ihre Aufgabe wird nicht in Maßnahmen der Korrektur oder Modifizierung gültiger Theoreme gesehen, sondern darin, in größtmöglicher Eigenständigkeit das Fundament ethischen Denkens offenzulegen. Für Franz Rosenzweig, Martin Heidegger, Emmanuel Lévinas und Jean-Luc Nancy drückt es sich in einer äußerst schlicht klingenden Frage aus, deren Beantwortung jedoch die Einführung einer neuen Sprache des Ethischen erfordert: Wie also gehen wir einander an?


I. Die Diskurs-Fähigkeit der Existenzphilosophie

So viel auch darüber diskutiert werden mag, ob es verbindende und damit verbindliche Elemente gibt, die Existenzphilosophie kennzeichnen, ist zweifellos die Absicht, die von Anfang an in ihr verfolgt wurde, stets dieselbe: Sie sollte als Korrektiv einer in ihren Strukturen und in ihrem Selbstverständnis unzeitgemäß erscheinenden Philosophie fungieren. Damit liegt zwar ein Merkmal vor, das verschiedene Konzepte des existentiellen Denkens charakterisiert, dieses jedoch keineswegs von anderen Konzeptionen eindeutig unterscheidet. Denn kann nicht ein Großteil philosophischer Theorien als Reaktion auf die Erfordernisse der jeweiligen Zeit verstanden werden, indem etwa das jeweils gültige Menschenbild Ausdruck einer Beobachtung der bestehenden politischen oder sozialen Lage ist? So sollte es zumindest sein, würde die Antwort aus existenzphilosophischer Sicht lauten. Wunsch und Wirklichkeit stimmen allerdings selten überein. So entsteht aus dieser Beobachtung der Ruf nach einem «Neuen Denken», das Philosophie zu einem Indikator menschlicher Seins-Verfassung erklärt. Nicht, was das Wissen erfordert, soll fortan im Mittelpunkt der Diskussionen stehen, sondern was der Mensch verlangt. Um diese Forderung nachvollziehen zu können, ist der Blick auf jene Situation notwendig, der sie entstammt. Existenzphilosophie ist Denken in der Situation nach dem Ersten Weltkrieg.1 Ihre ersten programmatischen Schriften entstehen in den 1920er Jahren – 1921 Der Stern der Erlösung von Franz Rosenzweig und 1927 Martin Heideggers Sein und Zeit. Obwohl allein diese beiden Texte auf den ersten Blick kaum vergleichbar wirken, verbindet sie doch dieselbe Intention. Sie wollen dem Denken neue Wege aufzeigen, damit es sich nicht in reiner Selbstbezüglichkeit erschöpft. Denn genau das geschehe seit der Antike, wie beide Denker einhellig konstatieren. Franz Rosenzweig findet zur Begründung seiner Auffassung, die es an Radikalität wahrlich nicht mangeln lässt, deutliche Worte. Zu all dem Leid, das die Menschen in der unmittelbaren Vergangenheit erfuhren und dessen lähmende Wirkung sie reflektierend bezwingen wollen, lächelt die Philosophie «ihr leeres Lächeln».2 Bereits in dieser noch unkommentierten Feststellung, die mit der ganzen Kraft enttäuschter Erwartung artikuliert wird, wird das trotz allem ungebrochene Vertrauen in Philosophie Entsprechend kann Existentialismus als Denken in der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet werden. 2 Der Stern der Erlösung, I, Einleitung, S. 3. 1


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I. Die Diskurs-Fähigkeit der Existenzphilosophie

sichtbar. Sie sollte Mittel sein, durch das ein Mensch seine Daseins-Situation erkennen und deren Beschaffenheit verändern kann. Doch woher nimmt Rosenzweig diese Gewissheit, demonstriert ihm doch die Philosophie «von Jonien bis Jena», also von den Vorsokratikern bis zu Hegel, das genaue Gegenteil? Die Geschichte westlicher Rationalität ist eben nicht nur Beleg einseitiger Ausrichtung der Theoriebildung. Sie enthält auch wenige, aber entscheidende Beispiele jener einzigartigen Fähigkeit zur Selbstkorrektur, die Rosenzweig mit den Namen von Søren Kierkegaard und Arthur Schopenhauer verbindet. Besonders Letzterer verkörpert jene Haltung, die dieser vom Repräsentanten des Neuen Denkens fordert: Der Mensch, das ‹Leben›, war das Problem geworden, und weil er [Schopenhauer] es in Form einer Philosophie zu lösen ‹sich vorgesetzt› hatte, so mußte nun der Wert der Welt für den Menschen in Frage gestellt werden – eine, wie schon zugegeben, höchst unwissenschaftliche Fragestellung, aber eine umso menschlichere. Um das wißbare All hatte sich bisher alles philosophische Interesse bewegt; […] Nun trat dieser wißbaren Welt selbständig ein andres gegenüber, der lebendiger Mensch […].3

Die Schlichtheit dieser Formulierung könnte vielleicht darüber hinwegtäuschen, dass hier eine philosophisch höchst brisante Veränderung angesprochen wird. Das «All» und der «lebendige Mensch» werden in durchaus plakativer Form kontrastiert. Beide Begriffe stehen stellvertretend für zwei alternative Weisen, den Gegenstand und die Methode von Philosophie zu bestimmen. Auf der einen Seite die Idee des Ganzen, die mittels der Vernunft gebildet werden kann, auf der anderen Seite der einzelne Mensch, von dem wir nicht wissen, sondern den wir nur erleben können. Werden die Konturen der Gegenüberstellungen in diesem Ausmaß vergrößert und damit letztlich auch vergröbert, droht unweigerlich eine Gefahr, die der beabsichtigten Wirkung zuwiderlaufen könnte. Die Grundsätzlichkeit derartiger Aussagen, die deren Wahrheit erweisen soll, scheint Zustimmung zu erschweren, solange diese das Produkt argumentativer Überzeugung ist. Rosenzweig spricht selbst den unwissenschaftlichen Eindruck an, den die neue Frage nach dem «Wert der Welt für den Menschen» erzeugen wird. Doch unwissenschaftlich kann auch die Form wirken, in der diese Frage gestellt wird.

Versuch und Verweigerung – Franz Rosenzweig Zur Entstehungszeit des Sterns der Erlösung ist Franz Rosenzweig zwar noch von jener Entschlossenheit entfernt, die ihn einige Jahre später zur grundsätzlichen Abkehr von theoretischen Betrachtungen veranlassen wird. Doch stellt dieser Schritt, dessen konsequente Durchführung größten Respekt verdient, letztlich 3

Der Stern der Erlösung, I, Einleitung, S. 9.


Versuch und Verweigerung – Franz Rosenzweig

nur die Folgerung jenes Bekenntnisses zu einem Philosophieren jenseits der wissenschaftlichen Form dar, das er mit Blick auf Arthur Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung zum Ausdruck bringt. Es mag verwundern, dass die Überlegungen zur Ethik der Existenz mit Gedanken zum Werk Franz Rosenzweigs eingeleitet werden. Noch ist es nicht üblich, sein Denken im Kontext der Existenzphilosophie zu betrachten, obwohl es ohne Frage angebracht ist, und zwar nicht im Sinne partieller Verwandtschaft, sondern als dessen Gründungsbeleg. Noch bevor Karl Jaspers und Martin Heidegger ihre Konzepte der Existenz mit differenzierender Akzentuierung formulieren, präsentiert Rosenzweig in seinem Stern der Erlösung ein Programm des Neuen Denkens, das antizipiert, was Spätere in ihrer je eigenen philosophischen Intonation zum Ausdruck bringen werden. Dabei muss es nicht überraschen, dass er sich niemals zum Projekt «Existenzphilosophie» bekannte. Denn dieser Begriff wurde erst acht Jahre nach dem Erscheinen des Sterns der Erlösung eingeführt, um fortan zum Teil sehr unterschiedliche Konzeptionen unter einer gemeinsamen Titulierung zusammenfassen zu können. Nur am Rande sei hier daran erinnert, dass mit diesem Zusammenschluss im Geiste einer gemeinsamen Idee beileibe nicht alle vermeintlichen Repräsentanten einverstanden waren. Mitunter kann es fast so wirken, als wäre eine verbindende Kennzeichnung dem Wunsch nach intellektueller Originalität abträglich gewesen. Zudem sollte Gemeinschaft im Denken, so legen es zumindest Heideggers Bemerkungen nahe, das Ergebnis eigener Entscheidung und nicht einer verallgemeinernden Etikettierung sein. Nichts von alledem kümmert Franz Rosenzweig, als er im Jahr 1921 jene kompakte Schrift vorlegt, die aufgrund seines frühen Todes sein einziges umfangreiches philosophisches Werk bleiben sollte. Obwohl ihm eine Dozentur an der Berliner Universität angetragen wurde, entschied er sich für einen anderen Weg des Denkens, der sich nicht durch Gelehrsamkeit, sondern durch eine ganz andere Absicht auszeichnet. Denken solle, so heißt es, «Dienst am Menschen» sein.4 Eine ungewohnt grundsätzliche Bedeutung des Begriffes der Ethik leuchtet hier für einen kurzen Moment auf. Philosophie begnügt sich nicht damit, System der Darlegungen über das gute Verhalten des Menschen zu sein, sondern ist selbst Tat, die sich der Bewertung aussetzt. Deren Maßstab ist kein Gerüst verifizierbarer Aussagewerte, die Aufschluss über den ethischen Gehalt einer Handlung gewähren, sondern die Wirkung des Getanen und sogar noch offensichtlicher, des Unterlassenen. Der gute Wille mag im Glanz seiner allgemeingültigen Rechtfertigung erscheinen – solange er sich nicht bewährt, vermag er nach Rosenzweigs Auffassung nicht zu überzeugen. 1925 folgt er der Anregung, rückblickend die wichtigsten Gedanken seines Sterns der Erlösung zu kommentieren. Darin bestätigt sich das gerade entstehende Bild jener außergewöhnlichen Ver4 Glatzer in seinem Vorwort zu Franz Rosenzweigs Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand, S. 11.

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I. Die Diskurs-Fähigkeit der Existenzphilosophie

antwortung, die er dem Philosophen zuweist und der er selbst gerecht zu werden suchte. Denn sein Aufruf zum «Dienst am Menschen» bedeutet keine Absage an Philosophie, sondern deren Umsetzung vom Wort in die Tat: Philosophiert werden soll auch weiterhin, […]. Aber diese Schau ist nicht Selbstzweck. Das Buch ist kein erreichtes Ziel, auch kein vorläufiges. Es muß selber verantwortet werden, statt daß es sich selber trüge oder von andern seiner Art getragen würde. Diese Verantwortung geschieht im Alltag des Lebens.5

In philosophischer Redlichkeit, die Rosenzweigs Denken ein kaum sonst zu findendes Maß an intellektueller Selbstlosigkeit verleiht, wird der Geltungsrahmen theoretischer Aussagen radikal begrenzt. Diese dienen letztlich ihrer eigenen Überwindung, da es nicht um die Reflexion an sich geht, sondern um deren Wert für den Menschen. So liege der Sinn des «Buches» darin, «Nichtmehrbuch» zu werden,6 eine Sichtweise, die an Ludwig Wittgensteins Notiz am Ende seines Tractatus logico philosophicus, im selben Jahr wie der Stern der Erlösung erschienen, erinnert: «Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. […] Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.»7 Auch hier fällt auf, dass Wittgenstein an denjenigen denkt, der ihn versteht, womit sich für einen kurzen Moment das Einfinden in die Position des Denkenden vor das Nachvollziehen seiner Sätze schiebt. Dabei mag es sich um eine zufällige Parallelität handeln oder auch um das bemerkenswerte Faktum, dass zwei Theoretiker zu Beginn der 1920er Jahre die Überzeugungskraft ihrer Gedanken nicht gänzlich von der Person des Denkenden abstrahieren wollen. Ist es die Befürchtung, einem solch hohen Anspruch nicht gerecht werden zu können, die Rosenzweigs Haltung als zwar kostbarstes, doch für eine philosophische Ethik nicht geeignetes Vorbild erscheinen lässt? Der unbedingte Forderungscharakter, der seiner Sichtweise inhäriert, hebt sie wahrscheinlich über die Versuche, eine existenzphilosophische Ethik zu diskutieren, hinaus und präformiert sie doch zugleich. Nicht als Ideal, das es zu verfolgen gilt, aber doch als Präambel existentieller Aussagen zur Ethik. Diese wirkt sich in Rosenzweigs Denken wohl nirgends nachvollziehbarer aus als in seiner Charakterisierung der Persönlichkeit des Denkenden, der für ihn nicht vom Lehrenden unterschieden werden kann. Den «neuen Begriff und Typ des Philosophen», den er heraufbeschwört, zeichne jene «persönliche, erlebte und verphilosophierte Standpunkteinheit» aus, die nur mittels Erfahrung, nicht im Wissen zu erreichen sei.8 Denn dient «das Buch» wirklich seiner Bewährung im Alltag, muss der Philosoph jene 5 6 7 8

Das Neue Denken, in: Zweistromland, S. 160. Das Neue Denken, in: Zweistromland, S. 160. Tractatus logico philosophicus, 6.54, S. 115. Der Stern der Erlösung, I,II, S. 57.


Versuch und Verweigerung – Franz Rosenzweig

Vielfalt von Perspektiven, Erfahrungen und Erlebnissen aus eigener Anschauung kennen, die hier im Begriff der «Standpunkteinheit» zusammengefasst werden. Zugleich ist sich Rosenzweig der Problematik, die aus dieser Auffassung folgen kann, bewusst. Denn kann dasjenige, was ein solch erfahrener Denker niederschreibt, überhaupt noch als Wissenschaft bezeichnet werden? Rosenzweig, der bei Friedrich Meineke Geschichte studierte und über Hegel und den Staat promovierte, gebraucht diesen Begriff gewiss nicht leichtfertig. Er ist mit den Anforderungen vertraut, die den philosophischen Diskurs seiner Zeit prägen. Umso größeres Gewicht kommt seinem Plädoyer für ein Neues Denken zu. Denn hier phantasiert nicht ein Ahnungsloser von verheißungsvollen Möglichkeiten, sondern ein Denker artikuliert seine von Sorge und Empathie getragene Beobachtung menschlichen Seins. Seine Sorge gilt dem Selbstverlust des Einzelnen, dem in der Philosophie keine Beachtung geschenkt wird. Mit-Gefühl verbindet ihn mit den Menschen seiner Zeit, die vielfach in den Jahren des Krieges mehr erlebten, als sie zu ertragen vermochten. Kann nun aber das Medium Philosophie überhaupt solch hohen Anforderungen gerecht werden, die Rosenzweig mit ihm verbindet? Sperrt sich nicht die Regelhaftigkeit eines auf Logik basierenden Diskurses von Anfang an dem Anspruch, individuelles Erleben zu reflektieren? Wenn hier von dem über Jahrhunderte überlieferten Verständnis von Philosophie ausgegangen würde, bliebe Rosenzweigs Hoffnung illusorisch. Was liegt also näher, als bestimmte Parameter des Denkens «neu» zu justieren? Schon in dieser Formulierung klingt das Vorhaben mehr als ambitioniert. Denn der nähere Blick wird zeigen, um welche Korrekturen es sich hier genau handelt. Rosenzweig verzichtet jedoch auf mögliche Vorsicht, um seine Leser nicht zu verschrecken, die eine ganze konkrete Vorstellung von Philosophie vor Augen haben, und spricht von der «vollkommenen Erneuerung» des Denkens.9 Das erste Element philosophischen Denkens, auf das sich sein Blick richtet, hat sich bereits abgezeichnet, ohne vielleicht als solches erkennbar geworden zu sein. Es ist die Bedeutung, die dem Einzelnen zugesprochen wird, und zwar sowohl als Thema wie auch als Urheber des Denkens. Beide Aspekte verbindet Rosenzweigs Überzeugung, dass das individuelle Erleben Grundlage philosophischer Reflexion sein sollte. Es zu bedenken, erfordert nicht nur geeignete sprachliche Mittel, sondern auch einen erfahrenen Vermittler, der aus dem Fundus des persönlich Erlebten – aus der «Standpunkteinheit» – spricht. Mit diesem letzten Gedanken, der vielleicht eher Spiegel eigenen intellektuellen Selbstverständnisses ist, steht Rosenzweig fast allein im Feld philosophischer Kompetenzbestimmungen. An das Bild des Denkenden mögen seine Zeitgenossen offenbar nicht rühren – bis heute nicht, wie ergänzt werden müsste. In seiner Forderung nach Übereinstimmung von Lehre und Verhalten im Miteinander findet Rosenzweig letztlich kaum Mitstreiter. Mit der Forderung, das Erleben des 9

Das Neue Denken, in: Zweistromland, S. 140.

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I. Die Diskurs-Fähigkeit der Existenzphilosophie

Einzelnen zum Gegenstand der Philosophie zu erklären, bereitet er hingegen das existentielle Denken in den 1920er Jahren vor. Diese zeitliche Eingrenzung ist erforderlich, um den Eindruck zu vermeiden, dieses Denken sei zur Gänze Produkt des 20. Jahrhunderts. Der Hinweis erübrigt sich fast, dass bereits Søren Kierkegaard das Motiv des Einzelnen in seinen diversen Abhandlungen reflektierte. Eine Spurensuche, die Ansätze existenzphilosophischen Denkens aufdecken soll, könnte bis zu den Schriften von Aurelius Augustinus führen, der in seinen Confessiones – Bekenntnissen die Frage «Was bin ich also?» mit dem Hinweis auf die Bedeutung des Erinnerns beantwortet.10 Eine solche Akzentuierung ist weit von Aussagen entfernt, die den Begriff des «Ich» nutzen, um eine Grundlage evidenter Erkenntnis definieren zu können. Konzeptionen des Subjekts als Ursprung kognitiver Akte gehören seit frühester Zeit zum Bestand philosophischer Theoriebildung. Allerdings erfüllt der Begriff des Subjekts in keiner Weise die Voraussetzungen, um in Rosenzweigs Verständnis Bestandteil des Neuen Denkens bleiben zu können. Denn das Subjekt ist gerade nicht im vielfältigen Geflecht seines Erlebens vereinzelt, sondern es fungiert im Gegenteil als zentraler Ausgangspunkt des Erkennens, das stets ein und dasselbe Erkennen ist, solange es durch seine formale Struktur gekennzeichnet wird. Rosenzweig folgert, dass auch der Gegenstand einer in diesem Sinne ent-individualisierten Erkenntnis stets nur ein und derselbe sein könne, nämlich «das All» in der abstrahierten Form seiner Denkbarkeit. «Es ist die Einheit des Denkens, die hier gegen die Vielheit des Wissens ihr Recht durchsetzt in der Behauptung der Allheit der Welt.»11 Diese Vorstellung einer Einheit zerbricht mit dem Aufkommen des Neuen Denkens. «Der Mensch in der schlechthinnigen Einzelheit seines Eigenwesens, in seinem durch Vor- und Zunamen festgelegten Sein, trat aus der Welt, die sich als die denkbare wußte, dem All der Philosophie heraus.»12 Rosenzweig lässt keinen Zweifel an den immensen Konsequenzen dieser Fokussierung des Einzelnen: Die Philosophie hatte den Menschen, auch den Menschen als ‹Persönlichkeit›, in der Ethik zu fassen gemeint. Aber das war ein unmögliches Bestreben. Denn indem sie ihn faßte, mußte er ihr zerrinnen. Die Ethik, mochte sie noch so sehr grundsätzlich der Tat eine Sonderstellung allem Sein gegenüber geben wollen, riß in der Ausführung gleichwohl mit Notwendigkeit die Tat wieder hinein in den Kreis des wißbaren All; jede Ethik mündete schließlich wieder in eine Lehre von der Gemeinschaft als einem Stück Sein.13

Auf diese Diagnose wird im weiteren Verlauf der Überlegungen zurückzukommen sein. Denn sie benennt exakt jenes Problem, vor dem Existenzphilosophie 10 11 12 13

Confessiones, X, S. 527. Der Stern der Erlösung, I, Einleitung, S. 12. Der Stern der Erlösung, I, Einleitung, S. 10. Der Stern der Erlösung, I, Einleitung, S. 11.


Versuch und Verweigerung – Franz Rosenzweig

steht, wenn sie eine Ethik des Einzelnen formulieren will. Mit seiner konsequenten Akzentuierung des Begriffes vom Einzelnen steht Franz Rosenzweig in nichts den Entwürfen nach, die Martin Heidegger, Karl Jaspers und einige Jahre später Heinrich Barth präsentieren werden. Es kann sogar davon ausgegangen werden, dass er sie als Erster in dieser Reihe vornimmt und die Herausforderung benennt, zugleich eine Vorstellung von Ethik zu entwickeln. Als Erster in dieser Reihe, doch nicht als Erster überhaupt. Denn bereits sein Lehrer und Mentor Hermann Cohen thematisiert diese Problematik in seiner 1918 postum erschienenen Abhandlung Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. Rosenzweig betont immer wieder, dass wir vom Einzelnen nichts wissen können, weil die Kategorisierungstendenz des Wissens als abstrakte Erkenntnis über alles Individuelle hinweg urteilt – nicht aus Unachtsamkeit, sondern mit Bedacht. Denn Kategorien dienen gerade dazu, Aussagen über etwas treffen zu können, ohne dieses noch in seiner je eigenen Beschaffenheit berücksichtigen zu müssen. Für die Fixierung eines allgemeingültigen Begriffes von Wahrheit ist dieser Schritt der Abstraktion unverzichtbar, der ohne Frage durch den Gewinn kontextunabhängiger Erkenntnis besticht. Rosenzweig bewertet diese Kontextunabhängigkeit hingegen als größtes Manko der Philosophie. Fällt in seiner Konzeption die auktoriale Souveränität des Subjekts, insofern er es nicht mehr als autonomen Initiator des Erkenntnisstrebens begreift, wird auch der Begriff des Wissens, der auf dessen kognitiver Kompetenz allein basiert, obsolet. Rückblickend kommentiert er diesen Gedanken, den er in seinem Stern der Erlösung entwirft, wie folgt: «Jedenfalls ist das die Pointe meines ersten Bandes. Er will weiter nichts lehren, als daß keiner dieser drei großen Grundbegriffe des philosophischen Denkens auf den andern zurückgeführt werden kann.»14 Mit den drei Grundbegriffen meint er Gott, Welt und Mensch. Sein Verdikt einer Zurückführung betrifft vor allem die bereits kritisierte Annahme, aus der Denkbarkeit «Wißbarkeit» ableiten zu können. In frontaler Weise richtet er sich damit gegen die überkommene Sicht des Subjekts, das meint, alles, was es nicht ist, aus der Gewissheit seiner Selbst-Kenntnis erkennen zu können. Damit verliert nicht nur der Einzelne seine Möglichkeit, sich selbst situativ variierend immer wieder neu zu konstituieren. Das Andere, das nicht mit ihm identisch ist, kann nicht unabhängig von subjektiver Erkenntnis erschlossen werden. Denn nichts anderes heißt seiner Auffassung nach die Zurückführung des Anderen auf das Eine: Es wird nach einem ihm nicht notwendig entsprechenden Maßstab erfasst, der durch die subjektive Erkenntniserwartung diktiert wird. Hieraus ergibt sich die für Rosenzweigs Werk charakteristische Gleichsetzung der Vorstellungen von Gott, Welt und Mensch, die für einen religiösen Denker so ungewohnt wirkt wie für einen Philosophen. Denn sie eröffnet eine Möglichkeit, jede der drei so wie sie ist zu erfassen und nicht in jenem perspektivischen Zuschnitt, der subjektivem 14

Das Neue Denken, in: Zweistromland, S. 144.

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I. Die Diskurs-Fähigkeit der Existenzphilosophie

Erkenntnisstreben vorangeht. «Gott ist nur göttlich, der Mensch nur menschlich, die Welt nur weltlich; man kann so tiefe Schächte in sie vortreiben, wie man will, man findet immer nur wieder sie selbst.»15 Nach herkömmlichem philosophischen Verständnis, das im Wunsch nach Wissbarkeit mündet, muss dieser Einschränkung der Erschließungsfähigkeit des Subjekts das Eingeständnis folgen, dass wir von Gott, Welt und Mensch im eigentlichen Sinne «nichts» wissen können. Droht damit das vermeintlich garantierte Gefüge der Wirklichkeit, die menschliche Daseinsorientierung zu gewährleisten schien, in einem verbindungslosen Nebeneinander dreier Vorstellungen zu zerfasern, setzt Rosenzweig jenen Begriff ein, der nicht nur sein Denken, sondern auch dasjenige Martin Heideggers kennzeichnet: den Begriff der Erfahrung. Denn er muss ja eine Möglichkeit aufzeigen, wie jene Elemente, die seiner Auffassung nach das menschliche Erleben prägen, diesem zugänglich werden. Nicht auf dem Wege des Wissens, so lautet seine Antwort, sondern der Erfahrung. Damit liegt das zweite Merkmal, das sein Denken als existenzphilosophisch ausweist, vor. Natürlich zählt dieser Terminus schon seit jeher zum Vokabular der Philosophie. Denn er benennt die Weise sinnlicher Wahrnehmung, die uns Einzelnes erfassen lässt. Zum tragenden Begriff eines ganzen philosophischen Systems – und nicht weniger als das will Rosenzweig entwickeln – konnte er hingegen bisher aufgrund seiner Bindung an den spezifischen Gehalt des Angeschauten nicht werden. Genau dieser Gehalt soll nun in den Mittelpunkt reflektierender Aufmerksamkeit gerückt werden und zwar in einer höchst bemerkenswerten Form. Nicht nur der einzelne Mensch wird jetzt fokussiert, sondern das einzelne Ding. Die Doppelung dieser Folgerung ist konsequent. Denn soll sich das Einzelne im personalen Kontext erschließen, muss Einzelnes auch in materialer Hinsicht thematisiert werden können. Nur so kann Rosenzweig auf der Seite menschlicher Daseins-Erfahrung von jener situativ bedingten Besonderheit ausgehen, die er einem Wissen um das All in seiner grundsätzlichen Erkennbarkeit absprechen will. Für die hier folgenden Überlegungen wird dieser Gedanke nicht von zentraler Bedeutung sein, obwohl seine generelle Wichtigkeit gar nicht genug hervorgehoben werden kann. Denn mit seinem Stern der Erlösung legt Rosenzweig eine frühe Philosophie des Dinglichen vor, die es wagt, dieses in seiner je eigenen Gestalt zu denken, die allzu oft zugunsten eines verallgemeinerbaren Erkenntniswertes ausgeblendet werden musste. Wenngleich es nicht in erster Linie um diesen außerordentlichen Schritt gehen wird, das materielle Einzelne zu thematisieren, soll doch die entscheidende Passage zitiert werden. Denn in der Weise, in der wir uns zu dessen Vielfalt verhalten, drückt sich unsere Relationsfähigkeit im Welt-Bezug aus. Letztlich ist auch sie von ethischer Relevanz:

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Das Neue Denken, in: Zweistromland, S. 145.


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