19. Jahrhundert stehen im Mittelpunkt dieses Buches : Es geht etwa um Voraussetzungen, Anlass und Motivationen zum Bau, Organisation, Kosten, Finanzierung, Trägerschichten, Stiftungen, Fronarbeit. Es ist ein Beitrag zu einer Kirchengeschichte « von unten », das heisst aus der Sicht des gewöhnlichen Volkes. Die Studie erfasst die katholische Schweiz, die partienweise eine enorm reiche barocke Sakrallandschaft samt einer sehr guten Quellenlage aufweist. Gerade weil heute das jahrhundertelang bestehende Pfarrkirchensystem in Frage gestellt ist, ist es angebracht, sich historisch mit dem Thema zu befassen. Auch Probleme der verschiedenen Konfessionskulturen, der Max-Weber-These und von Individualismus versus Gemeinsinn werden diskutiert.
PETER HERSCHE war als Dozent für Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Bern tätig. Seine Themengebiete sind u. a. Agrargeschichte, die Sozialgeschichte der Religion, der Kunst und der Musik, die Kultur des Barocks und religiöse Volkskunde.
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KIRCHEN ALS GEMEINSCHAFTSWERK
Praktische Fragen des «gewöhnlichen» Kirchenbaus vom 17. bis zum frühen
PETE R HERSCHE
KIRCHEN ALS GEMEINSCHAFTSWERK
PETE R H E RSC H E
KIRCHEN
ALS GEMEINSCHAFTSWERK Zu den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen frühneuzeitlichen Sakralbaus
Peter Hersche
Kirchen als Gemeinschaftswerk Zu den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen frühneuzeitlichen Sakralbaus
Schwabe Verlag
Die Publikation wurde gefördert durch die Römisch-katholische Zentralkonferenz der Schweiz, die Römisch-katholische Landeskirche des Kantons Luzern, das Bistum Basel (Generalvikariat), den Katholischen Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, das Domkapitel Chur, die Katholische Kirchenverwaltung St. Mauritius Appenzell sowie durch die Kantone Schwyz und Uri.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung vorderer Umschlag: Kirche Ruswil, um 1800. Der kolorierte Stich zeigt die beherrschende Stellung der Pfarrkirche im Dorf. Der zweite aussergewöhnlich hohe Bau links der Kirche, ist das Pfarrhaus. Beide Gebäude sind aus Stein, im Gegensatz zu den Wohnhäusern aus Holz. Quelle: Zentralbibliothek Luzern, ZHB Sondersammlung. Abbildung hinterer Umschlag: Bauplatz der spätbarocken Kirche in Malters. Zentralbibliothek Luzern, ZHB Sondersammlung (Eigentum Korporation). Cover: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4506-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4507-8 DOI 10.24894/978-3-7965-4507-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
1.1
Der Gang der Barockforschung: Kunst- und Sozialgeschichte . . .
11
1.2
Die Architektur des Barock in der Schweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
19
1.3
Die Quellen: Guidenliteratur und Topografien . . . . . . . . . . . . . . . .
31
1.4
Schwerpunkte des «gewöhnlichen» barocken Sakralbaus in Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
46
Verteilung und Dichte der barocken Kirchen in der Schweiz . . . .
53
2. Voraussetzungen des Bauens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
2.1
Mittelalterliches Vorspiel und «leere» Epochen . . . . . . . . . . . . . . .
73
2.2
Religions- und kulturgeschichtliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . .
83
2.3
Naturräumliche Gegebenheiten, politisch-gesellschaftliche Verhältnisse, wirtschaftliche Situation und rechtliche Normen . . .
93
1.5
2.4
Anlässe und Motivationen zum Bau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
3. Die Durchführung eines Neubaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
3.1
Die Organisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
3.2
Die Kosten des Kirchenbaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
3.3
Die Finanzierung durch Zwangsbeiträge und bestehende Fonds . 146
3.4
Freiwillige Leistungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
6
Inhalt
3.5
Die Bedeutung der Stiftungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
3.6
Die Trägerschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
3.7
Das Problem der Fronarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
4. Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
4.1
Die Stagnation und das Ende des barocken Baubooms in der Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
4.2
Ein Nachspiel im 19. und 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
4.3
Katholischer und protestantischer Barockkirchenbau und seine ökonomischen Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
4.4
Gemeinsinn kontra Individualismus beim Bauen . . . . . . . . . . . . . . 238
Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
Vorwort
«… adjuvantibus populi laboribus et oblatis …» (aus einer Bauinschrift in der barocken Kirche von Siviano, Monte Isola, Prov. Brescia) «Pecunia est nervus rerum» (Cicero) Die beiden lateinischen Mottos «[gebaut] mit der Arbeit und den Gaben des Volkes» und «Das Geld ist der Nerv der Dinge» enthalten in nuce das Ziel dieses Buches. Die Inschrift weist direkt an Ort und Stelle darauf hin, dass die «gewöhnlichen» Sakralbauten, insbesondere die Pfarrkirchen, nicht oder nur teilweise auf Weisungen der geistlichen und weltlichen Obrigkeiten entstanden sind, sondern eben ihre Entstehung vor allem auch dem gewöhnlichen Pfarrvolk verdanken und dass ohne Geld nichts möglich ist. Weitere Beispiele solcher Worte finden sich gelegentlich weniger explizit in schriftlichen Quellen. Darzustellen, was die Sätze konkret bedeuten, wird hier zum ersten Mal zusammenfassend versucht. Die Studie möchte einen Beitrag zur nach wie vor vernachlässigten Geschichte der mittleren und unteren Schichten im Bereich der Religiosität leisten. Sie bewegt sich rittlings zwischen Sozial- und Kunstgeschichte. Die reine Sozialgeschichte macht in unserer mehr und mehr entchristlichten Welt gerne einen Bogen um alles, was nach Religion riecht, obschon man sich so mindestens für das vorrevolutionäre Europa jede solide historische Erkenntnis verbaut. Kunsthistoriker hingegen finden es meist unter ihrer Würde, sich ausführlich mit solch schnöden Fragen wie der Organisation, der Geldaufbringung, der Fronarbeit und anderen niederen Dingen des Baus abzugeben. In aller Regel beschränken sie sich ausserdem auf die heutzutage zu Touristenmagneten gewordenen Spitzenwerke der Architektur.
8
Vorwort
So muss man sich die Quellen zur folgenden Darstellung oft recht mühsam zusammensuchen. Am günstigsten sind die Voraussetzungen dazu in der Schweiz (vgl. im einzelnen Unterkapitel 1.3), weshalb sich die Untersuchung auf diesen Raum beschränkt, genauer auf den katholischen, denn protestantische Beispiele sind vergleichsweise sehr selten. Weitere Länder extensiv zu behandeln hätte ferner ins Uferlose geführt, einzig in Unterkapitel 1.4 wurde eine Übersicht der Dichte des barocken Sakralbaus in den Ländern rund um die Schweiz versucht. Für die gemachte Einschränkung spricht auch, dass die obrigkeitlichen Eingriffe, sei es von weltlicher oder geistlicher Seite, ins Kirchenbauwesen vergleichsweise schwach waren, was eine Sicht der Dinge «von unten» begünstigt. Zeitlich umfasst die Studie, nachdem im 16. Jahrhundert allgemein wenig gebaut wurde, im Wesentlichen das Barockzeitalter, das in der Schweiz baulich lange dauerte und vom Ende des 16. Jahrhundert bis ins beginnende 19. hineinreicht. Zu danken habe ich in erster Linie Karl Vocelka in Wien. Er erteilte die Erlaubnis, einen schon vor 25 Jahren erschienenen zwanzigseitigen Aufsatz in dem von ihm begründeten und herausgegebenen «Frühneuzeit-Info» (Jg. 6, 1995, S. 151–171) weitgehend hier wiederzuverwerten, selbstverständlich mit wesentlichen Ergänzungen, Erweiterungen und Aktualisierungen. Dieser Aufsatz fiel nämlich seinerzeit etwas zwischen Tisch und Bank, weil er mit schweizerischem Material erarbeitet, jedoch in Österreich publiziert worden war. Jedenfalls wurde die Thematik in der Folge nie generell weiter aufgegriffen. Unter den Kunsthistorikern schulde ich namentlich Brigitte und Peter Kurmann-Schwarz Dank für verschiedene Hilfestellungen. Das Team der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), insbesondere Frau Stephanie Ehrsam, stellte viel Material online zur Verfügung. Für Ratschläge zum Unterkapitel über das Mittelalter als Vorspann danke ich Beat Kümin und Christian Hesse. Weitere Auskünfte und Hinweise gaben dankenswerterweise Rolf De Kegel, Cornel Dora, Urban Fink, Albert Fischer, Silvan Freddi, Norbert Furrer, Jörg Garms, André Holenstein, Johannes Huber, Roland Inauen, Herbert Karner, Benjamin Leven, Markus Ries, Martin Scheutz, Kathrin Utz Tremp. Dem «non-digital-native» half Ursin Beeli geduldig bei ungewohnten Computerproblemen. Wendelin Brühwiler, Harald Liehr, Sonja Peschutter und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlags Schwabe danke ich für die angenehme Zusammenarbeit.
Vorwort
Die Arbeit am vorliegenden Werk wurde gegen Ende 2020 unter der Fuchtel der zweiten Corona-Welle begonnen. Das brachte ungewohnte Erschwerungen mit sich, besonders wegen der stark eingeschränkten Bibliotheksbenutzung. Die online zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zum Thema waren ziemlich beschränkt; von der hier benutzten Literatur war kaum etwas online greifbar. Immerhin ist nun die wichtige Quelle der «Kunstdenkmäler der Schweiz» vollständig digitalisiert. In dieser Situation habe ich darauf verzichtet, entlegene Literatur, besonders über die Schweiz hinaus, mit Mühe und Kosten herbeizuschaffen. Doch bot – wenig erwartet – die Pandemie auch Vorteile. Wenn man neben den gewöhnlichen Obliegenheiten nicht den ganzen Tag rezeptiv, sei es mit den eigenen Bibliotheksbeständen oder im Internet, verbringen will, so bietet das Schreiben eine angenehme Abwechslung, zumal es auch von den aktuellen gesundheitlichen Problemen etwas ablenkt. Auch wird man sich dabei bewusst, auf welch hohem Niveau wir leiden: Beim Durchackern des sakralen Baubestands stösst man wiederholt auf Kapellen, die als Bitte oder Dank um Verschonung von der Pest entstanden sind. Unseren Vorfahren blieb tatsächlich in solch schlimmen Zeiten allein der Appell an die höheren Mächte übrig. Dankbar müssen wir daher die Leistungen der medizinischen Forschung von heute anerkennen. Gleichzeitig muss dieser Fortschritt auch wieder relativiert werden. Die Leute lebten im Barockzeitalter weit abgeschlossener und Ansteckungen konnten sich daher längst nicht so rasend schnell und allgemein verbreiten wie im heutigen Zeitalter der uneingeschränkten Mobilität und totalen Globalisierung. Auch die Ursachenforschung der gegenwärtig grassierenden Virenerkrankungen legt es nahe, sich wieder einmal darauf zu besinnen, dass frühere Zeiten nicht durchwegs schlechter waren.
9
1. Einleitung
1.1 Der Gang der Barockforschung: Kunst- und Sozialgeschichte Die frühe wissenschaftliche Erfassung des Phänomens «Barock», bis nach dem Ersten Weltkrieg, hat sich gelegentlich zu Höhenflügen hinreissen lassen, die nicht von ungefähr an die zu analysierende Sache selbst erinnern: Losgelöst von der Erdenschwere banaler materieller, sprich: finanzieller Grundlagen oder schwierig zu rekonstruierender sozialer Voraussetzungen wölbte sich über dem neu errichteten Wissenschaftsgebäude eine prachtvolle Scheinarchitektur allgemeiner Vermutungen, unbewiesener Behauptungen, luftiger Spekulationen und rissiger Hypothesen. Repräsentativ dafür mag vielleicht Wilhelm Hausensteins in einer fast expressionistischen Sprache geschriebenes Buch «Vom Geist des Barock» sein.1 Etwas abgemildert findet sich diese Sichtweise auch noch in den mehr oder weniger geglückten Syntheseversuchen, die nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erschienen.2 Seitdem, nach diesem letzten Höhepunkt, ist es allerdings um den Barock als einer allgemeinen Kulturerscheinung recht still geworden und geblieben. Allgemeinhistoriker, wie Walther Hubatsch, lehnten es schon damals ab, Barock als Epochenbegriff zu verwenden.3 Entsprechend verschwand er in der Folge aus den Überschriften in Handbüchern München 1921. Carl J. Friedrich, Das Zeitalter des Barock, Stuttgart 1954; Rudolf Stamm (Hg.), Die Kunstformen des Barockzeitalters, Bern 1956; Victor-Lucien Tapié, Le Baroque, Paris 1961; Benno Hubensteiner, Vom Geist des Barock, München 1967. 3 Walther Hubatsch, Barock als Epochenbezeichnung? In: Archiv für Kulturgeschichte 40 (1958), S. 122–137. Ebenfalls zurückhaltend: Louis Menashe, Historians define the Baroque: Notes on a problem of art and social history. In: Comparative Studies in Society and History 7 (1964–65), S. 333–342.
1 2
12
1. Einleitung
und Gesamtdarstellungen. Die Literaturhistoriker, für die Barock ebenfalls ein, wenn auch nicht unproblematischer, Leitbegriff war, gingen ihre eigenen Wege, der Synthesewille, welcher die Germanistengeneration zwischen Fritz Strich und Richard Alewyn noch geprägt hatte, verlor sich mehr und mehr.4 In den von Kunsthistorikern verfassten z. T. grossformatigen Übersichten kontrastiert die Opulenz des Bildmaterials merkwürdig mit der Dürftigkeit der Argumentation, mit der versucht wurde, die künstlerische Produktion in allgemeine Zusammenhänge einzuordnen: Über tradierte Vorstellungen des Barock als Kunst der Gegenreformation oder des Absolutismus kam man selten hinaus.5 Auch die Kataloge grosser Barockausstellungen, wie sie bis in unsere Gegenwart veranstaltet werden, zeigen die Verlegenheit, mit einem allgemeinen Barockbegriff umzugehen: Fachwissenschaftler zogen es hier vor, zu schweigen, und gelegentlich schien man froh zu sein, wenn ein versierter Journalist sich bereit erklärte, einen Überblick zu verfassen.6 Ob man aber die Zur literarischen Barockforschung: Wilfried Bamer (Hg.), Der literarische Barockbegriff, Darmstadt 1975; Klaus Garber (Hg.), Europäische Barock-Rezeption, 2 Bde., Wiesbaden 1991. Zu Richard Alewyns Barockauffassung vgl. in erster Linie die Sammlung seiner Aufsätze: Probleme und Gestalten, Frankfurt/Main 1974. 5 Werner Hager, Barockarchitektur, Baden-Baden 1968; Erich Hubala (Hg.), Die Kunst des 17. Jahrhunderts, Berlin 1970; Anthony Blunt (Hg.), Kunst und Kultur des Barock und Rokoko, Freiburg 1979; Yves Bottineau, Die Kunst des Barock, Freiburg 1986; Martin Warnke, Geschichte der deutschen Kunst, Bd. 2: Spätmittelalter und frühe Neuzeit 1400–1750, München 1999; Frank Büttner u. a. (Hg.), Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland, Bd. 5: Barock und Rokoko, München 2008. Die Zusammenfassung von Hermann Bauer, Barock – Kunst einer Epoche, Berlin 1992, bemüht sich um eine breite Berücksichtigung allgemeingeschichtlicher Zusammenhänge, kommt gleichwohl nicht über traditionelle Kategorien hinaus. Dasselbe gilt für Dieter J. Weiss (Hg.), Barock in Franken, Dettelbach 2004, eine im Übrigen lesenswerte Regionalstudie. Der umfangreiche Sammelband von Karl Möseneder u. a. (Hg.), Barocke Kunst und Kultur im Donauraum, 2 Bde., Petersberg 2014, enthält kaum grundsätzliche Überlegungen, weitet aber den Blick auf das bisher in diesem Zusammenhang meist unberücksichtigt gebliebene Osteuropa. 6 Gertrude von Knorre (Hg.), Barock in Baden-Württemberg vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Französischen Revolution, 2 Bde., Karlsruhe 1981 (Ausstellung Bruchsal). Vgl. darin die gelungene Einführung von Otto B. Roegele, Bd. 2, S 9–20. Dazu der im Kontext dieser Ausstellung entstandene Sammelband: Volker Press u. a. (Hg.), Barock am Oberrhein, Karlsruhe 1985. Rupert Feuchtmüller/Elisabeth Kovacs (Hg.), Welt 4
1.1 Der Gang der Barockforschung: Kunst- und Sozialgeschichte
Schwierigkeiten, die heute selbst Kunsthistoriker mit dem etablierten Begriff haben, so lösen kann, dass man kurzerhand erklärt «Der Barock fand nicht statt», muss doch dahingestellt werden.7 Es kann hingegen nicht geleugnet werden, dass in der wissenschaftlichen Diskussion «Barock» im Sinne eines umfassenden kulturellen Phänomens völlig «out» ist, und zwar nicht nur in Deutschland.8 Diesem Absturz einer ehemals als zentral angesehenen Kategorie der Kulturgeschichte in die Bedeutungslosigkeit entsprach auf der andern Seite der Aufstieg zweier früher eher randständiger Gebiete, nämlich der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, zu in Theorie und Praxis beherrschenden Themen der historischen Wissenschaften. Am deutlichsten wird der in den späten Sechzigerjahren einsetzende Paradigmenwechsel in der «Historischen Sozialwissenschaft» Bielefelder Provenienz sichtbar.9 Deren Verfestigung zum allein selig machenden Anspruch einer Erklärung der Vergangenheit traten allerdings seit den Neunzigerjahren die unter dem Stichwort «Alltagsgeschichte» des Barock, 2 Bde., Wien 1986 (Ausstellung Stift St. Florian); Ulli Arnold/Werner Schmidt (Hg.), Barock in Dresden, Leipzig 1986 (Ausstellung Villa Hügel, Essen); Ileane Schwarzkogler (Red.), Lust und Leid im Barock, Graz 1992 (Ausstellung Schloss Trautenfels). Natürlich sind solche Ausstellungen von der Sache her regional begrenzt. Trotzdem überrascht das weitgehende Fehlen übergeordneter Aspekte: Es handelt sich in allen Fällen um sogenannte Buchbindersynthesen. Nach der Ballung dieser Ausstellungen in den Achtzigerjahren gab es eine längere Pause. Für die vorläufig letzte in Mannheim: Alfried Wieczorek u. a. (Hg.), Barock – Nur schöner Schein?, Regensburg 2016, schrieb ich selber einen allgemein einleitenden Beitrag, S. 29–33. Vgl. ebd. die weiteren Beiträge im Abschnitt «Was ist Barock?», S. 35 ff. Das Besondere an dieser Ausstellung war, dass sie nicht explizit auf künstlerische Exponate fixiert war, sondern auch und gerade bisher ganz periphere Aspekte des Zeitalters beleuchtete. 7 So der Titel eines Aufsatzes von Claus Grimm, in: Ferdinand Seibt (Hg.), Gesellschaftsgeschichte. Festschrift für Karl Bosl, Bd. 1, München 1988, S. 71–77. 8 Bis in die frühen Achtzigerjahre veranstaltete das «Centre international de synthèse du baroque» in Montauban Kongresse und gab Publikationen, u. a. ein Jahrbuch «Baroque», heraus. Die thematisch weitgespannte, wenn auch ziemlich auf Frankreich beschränkte Initiative scheint sich totgelaufen zu haben: Von neueren Publikationen ist nichts bekannt, Anfragen blieben unbeantwortet. 9 Dazu, statt einer langen Titelliste, die Aufsatzbände zweier führender Vertreter der «Schule»: Hans-Ulrich Wehler, Historische Sozialwissenschaft und Geschichtsschreibung, Göttingen 1980; Jürgen Kocka, Sozialgeschichte. Begriff – Entwicklung – Probleme, 2. erw. Aufl., Göttingen 1986.
13
14
1. Einleitung
figurierenden Neuansätze jüngerer Historiker entgegen.10 Sie sind für unsere Fragestellung interessant, weil hier – als Antwort auf eine offensichtliche Schwäche der «Bielefelder Schule» – auch eine neue Kulturgeschichte proklamiert wird, die jedoch mit der älteren kaum mehr als den Namen gemeinsam hat.11 Diese spielt, wie die politikorientierte Betrachtungsweise, lediglich noch eine Randrolle. Das muss berücksichtigt werden, wenn man sich fragt, weshalb Barock heute kein Thema mehr ist. Wer über den Barock arbeitet, wird bald feststellen, dass zu ihm keine etablierten Forschungsinstitutionen und spezialisierten Fachzeitschriften bestehen, wie dies etwa für die Renaissance, die Reformation oder die Aufklärung der Fall ist. Gerade diese Situation aber würde eigentlich nahelegen, sich mit den seit mehr als einer Generation neu gewonnenen Erkenntnissen in Wirtschafts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte dem Barock wiederum zu nähern, um die Erklärung des barocken Baubooms – ein Faktum, das nun sicher nicht wegzudiskutieren ist – auf eine solidere Basis zu stellen. Dies umso mehr, als in diesem Bereich zweifellos ein massives und kaum kaschiertes Defizit der gesamten Barockforschung, sei sie nun allgemeiner oder spezifisch kunsthistorischer Natur, besteht. Darüber, wie weit die Renaissance von Krisen und Konjunkturen abhing, gibt es seit Langem eine engagierte Diskussion.12 Ebenso ist für die nordniederländische Malerei des 17. Jahrhunderts – die man höchstens mit etlichen Verrenkungen unter die Kategorie «Barock» platzieren kann – die Verbindung von «Kunst und Kommerz» ein altes Thema.13
10 Zum Einstieg Winfried Schulze (Hg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, MikroHistorie, Göttingen 1994; Dirk van Laak, Alltagsgeschichte, in: Michael Maurer (Hg.), Aufriss der Historischen Wissenschaften, Bd. 7, Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2003, S. 14–80. 11 Zusammenfassend Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte, Frankfurt/Main 2001; Achim Landwehr/Stefanie Stockhorst, Einführung in die europäische Kulturgeschichte, Paderborn 2004; Stefan Jordan, Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, Paderborn 2009. 12 Einen Überblick bietet Arnold Esch, Über den Zusammenhang von Kunst und Wirtschaft in der italienischen Renaissance. Ein Forschungsbericht, in: Zeitschrift für Historische Forschung 8 (1981), S. 179–222. 13 Michael North, Kunst und Kommerz im Goldenen Zeitalter. Zur Sozialgeschichte der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Köln/Weimar 1992.
1.1 Der Gang der Barockforschung: Kunst- und Sozialgeschichte
Beim Barock bestehen da noch erhebliche Erkenntnislücken. Nach mehr als einem Jahrhundert der Verkennung und Geringschätzung hatte zwar schon der alte Jacob Burckhardt ihn vorsichtig positiv zu würdigen versucht. Aber die Wirtschaft als historischer Faktor war dem bedeutenden Kulturhistoriker zeitlebens fremd geblieben. Als erster wies Karl Lamprecht auf die materiellen Dimensionen des barocken Baubooms und seine Massenhaftigkeit hin; er erkannte auch das konfessionelle Moment, wenn er gleichzeitig betonte, dass die Übernahme dieses Stils ein «Eigentum der katholischen Länder gewesen sei.»14 Damit war die Frage nach den sozialen und materiellen Grundlagen der Kunst aufgeworfen. Lamprechts Versuch einer historischen Synthese auf kulturgeschichtlicher Grundlage war aber offenbar verfrüht; er fand keine Nachfolge, wurde vielmehr erbittert bekämpft: Die negativen Folgen des Ausgangs des sogenannten Methodenstreits gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigen sich bis heute.15 Zwar nahm der bereits eingangs erwähnte Hausenstein diese Argumente ebenfalls auf; er wies auf die ungeheuren damals verbauten Summen hin: «Es geht um Millionen von Gulden» und bezeichnete das Problem recht klar, nämlich, dass es «keine geschriebene Wirtschaftsgeschichte der Kunst» gäbe.16 Es gibt sie auch hundert Jahre danach noch nicht, zumindest nicht für den Barock, wenn man darunter nicht einfach Wirtschaftsgeschichte des Zeitraums von etwa 1600 bis 1750 verstehen will. In der Zwischenkriegszeit nahm Heinrich Lützeler den Faden wieder auf, nunmehr ins Soziologische gewendet, blieb indes einigermassen im Unbestimmten und wurde jedenfalls damals und auch später ebenfalls nicht rezipiert.17 Dies gilt auch für den letzten Versuch einer Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, Bd. 7, Berlin 1905, S. 189 f. Jonas Flöter/Gerald Diesener (Hg.), Karl Lamprecht (1856–1915). Durchbruch in der Geschichtswissenschaft, Leipzig 2015; Bernd Roeck, Das historische Auge, Göttingen 2004, S. 31 ff. Auch Max Weber, der sich ebenfalls als Kulturhistoriker sah, lehnte Lamprecht zunächst vehement ab. Peter Hersche, Max Weber, die Ökologie und der Katholizismus, Basel 2021, S. 107 ff. 16 Hausenstein, S. 53 f. Die eingangs gemachte Feststellung über Hausenstein bezieht sich auf die Form und ist keineswegs negativ gemeint: Gerade wegen seines Ideenreichtums ist das Werk heute noch anregend, es skizziert im Grunde genommen ein uneingelöstes Forschungsprogramm. 17 Heinrich Lützeler, Zur Religionssoziologie deutscher Barockarchitektur, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 66 (1931), S. 557–584. Aus dieser Zeit stammt 14
15
15
16
1. Einleitung
allgemeinhistorischen Deutung des Barock von José Antonio Maravall.18 Er ist nach ihm eine gelenkte, massenhafte, städtische und bewahrende Kultur. Seine Deutung, die naturgemäss auf viele Fragen der Wirtschafts-, Sozialund Mentalitätsgeschichte eingehen muss, scheint zwar in manchem anfechtbar: Dem zweiten und vierten dieser Epitheta wird man sicher ohne Einschränkung zustimmen und sie generalisieren können, das erste und dritte treffen ausserhalb Spaniens, vornehmlich im deutschsprachigen Raum, nicht ganz oder überhaupt nicht zu. Der Inhalt der Studie selbst ist auf weite Strecken herkömmliche Geschichtsschreibung und jedenfalls keine systematische sozialhistorische Analyse. Trotzdem ist es schade, dass sein Werk, auch mangels einer deutschen Übersetzung, hierzulande sozusagen nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Was nun die konkret mit Zahlen und Fakten hantierenden Arbeiten anbelangt, so erscheint die 1936 bei Jakob Strieder in München abgeschlossene Dissertation von Matthäus Pest, «Die Finanzierung des süddeutschen Kirchen- und Klosterbaues in der Barockzeit», noch heute wie ein erratischer Block in einer leeren Landschaft.19 Diese ungemein fleissige und inhaltsreiche Arbeit wirft eine Menge grundlegender Fragen auf und ist daher auch heute, mehr als achtzig Jahre später, noch unentbehrlich. Denn die Forschung der Nachkriegszeit ging ebenfalls an diesen Fragen weitgehend vorbei. Kunsthistoriker hielten es vermutlich für unter ihrer Würde, in die Niederungen des schnöden Mammons, der eigensüchtigen Interessen, der eifersüchtigen Konkurrenz und des mit allen Mitteln verteidigten Prestiges hinabzusteigen. Allgemeinhistoriker wiederum, die eigentlich an solchen Forschungsdesiderata interessiert sein müssten, befanden vermutlich, Barock sei eine Angelegenheit der Kunsthistoriker, die sie selber nicht betreffe. In den dickleibigen Katalogen der Barockausstellungen findet sich, wenn überhaupt, ein einziger Artikel, der sich konkret mit der Finanzierung etwa eines Schloss- oder Klos-
auch eine allerdings stark völkisch gefärbte erste Gesamtdarstellung zu Bayern: Hugo Karl Maria Schnell, Der baierische Barock, München 1936. 18 José Antonio Maravall, La Cultura del Barroco, 2. Aufl., Barcelona 1980. 19 Mit dem Untertitel: Bauwirtschaftliche und finanzielle Probleme des kirchlichen Barocks im deutschen Süden von ca. 1650 bis ca. 1780, München 1937.
1.1 Der Gang der Barockforschung: Kunst- und Sozialgeschichte
terbaus befasst.20 Auch in der überreichen Produktion und Sammelbänden zu einzelnen Klöstern, wie sie häufig zu Jubiläen erscheinen, sind selten Angaben über die Finanzierung, die mehr als über einige allgemeine Bemerkungen hinausgehen.21 Monografien zur Barockarchitektur beschränken sich in aller Regel auf die grössten Meister und ihre Spitzenwerke. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das die Schweiz am Rande streifende Standardwerk von Norbert Lieb zu den süddeutschen Barockkirchen weist unter seinen Beispielen keine einzige Pfarrkirche auf, hingegen 15 Klosterkirchen, dazu drei Wallfahrtskirchen. Die zwei restlichen sind eine Hof- (St. Michael in München) und eine «Privatkirche» (die St. Johann Nepomuk geweihte der Gebrüder Asam neben ihrem Wohnhaus in München).22 Der Autor ist sich immerhin des Defizits bewusst, sich nicht mit den gewöhnlichen Kirchen zu beschäftigen, dem «Kranz von Bauten guter, noch immer zu wenig bekannter Kräfte».23 Überflüssig am Schluss zu sagen, dass in allen diesen Werken von materiellen Dingen und sozialgeschichtlichen Gegebenheiten höchstens nebenbei die Rede ist. Erst angezeigt ist, als Resultat einer Tagung über Pfarrkirchen, ein entsprechender Sammelband, der indes im Wesentlichen auch kunsthistorisch orientiert ist, jedoch mindestens ein Interesse für diese lange vernachlässigte Gattung anzeigt.24 Vgl. etwa Knorre (Beitrag Gerhard Taddey, S. 145–155, zu Schloss Hohenlohe-Langenburg); Schwarzkogler (Beitrag Barbara Kaiser/Jörg Kraper, S. 357–362, zu Schloss Eggenberg bei Graz). 21 Dazu die kritische Literaturbesprechung bei Peter Hersche, Musse und Verschwendung, 2 Bde., Freiburg, 2006, S. 325. Als Ausnahmen können angeführt werden: Georg Stadtmüller, Geschichte der Abtei Niederaltaich, Ottobeuren 1971; Willy Birkmaier (Hg.), Rott am Inn, Weissenhorn 1983 (namentlich den Beitrag des Hg. über den «heiligen Verschwender» Abt Benedikt II. Lutz, S. 66–85); Karl Brunner (Hg.), Seitenstetten. Kunst und Mönchtum an der Wiege Österreichs, Wien 1988 (Beiträge von Friedrich B. Polleroß, S. 34–39, und Leopold Kammerhofer, S. 59–66). Wichtig zum Thema Baufinanzierung von Klöstern sind zwei Werke, bei denen dieser Aspekt nicht direkt im Titel aufscheint: Gerda Maier-Kren, Die bayerischen Barockprälaten und ihre Kirchen, Regensburg 1969; Dietmar Stutzer, Klöster als Arbeitgeber um 1800, Göttingen 1986. 22 Norbert Lieb, Barockkirchen zwischen Donau und Alpen, 4. überarb. Aufl., München 1976. 23 Ebd., S. 7. 24 Herbert Karner/Martin Mádl (Hg.), Pfarrkirchen. Katholische und lutherische Sakralräume und ihre barocke Ausstattung, Prag 2021 (im Druck).
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1. Einleitung
Die erste und bislang einzige allgemeine Sozialgeschichte der Kunst schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg der in manchen Fächern bewanderte ungarisch-englische Wissenschaftler Arnold Hauser.25 Das über tausendseitige, von der Antike bis ins 20. Jahrhundert reichende Werk erfuhr begeisterte Zustimmung wie scharfe Kritik.26 Es erlebte mehrere Auflagen und wurde in viele Sprachen übersetzt. Der Barock wird vergleichsweise kurz auf gut 50 Seiten abgehandelt. Die Ausführungen dazu gehen aber von falschen Voraussetzungen aus und müssen heute als weitgehend überholt gelten. Der Autor beschränkt sich auf den vorzugsweise am französischen Beispiel exemplifizierten höfischen Barock einerseits, den niederländischen bürgerlichen Barock andererseits, was beides gleich problematisch ist, denn auf beide Länder lässt sich ein auf dem Katholizismus rekurrierender Barockbegriff, wie ihn Lamprecht und Hausenstein formulierten und wie er für viele Detailforschungen fruchtbar gemacht wurde, nicht anwenden.27 Die gerne gemachte Verbindung des Barock mit dem Absolutismus ist prinzipiell fragwürdig.28 Sozialgeschichtlich aber war der Barock keinesfalls eine vom Bürgertum getragene, sondern in erster Linie eine klerikal-adlig-bäuerliche Kultur, worauf schon Victor-Louis Tapié andeutungsweise hingewiesen hatte.29 Sieht man die nach Hauser erschienenen, eine Sozialgeschichte der Kunst erstrebenden grösseren Werke durch, so fallen zwei Sachverhalte auf. Erstens stellt man wie bei Hauser eine Konzentration der Studien auf die Epoche der Renaissance fest. Zweitens wird eindeutig die Malerei bevorzugt und die Architektur benachteiligt. Auf die Malerei bezieht sich auch das einzige hier nennenswerte Werk für das Barockzeitalter, nämlich die Untersuchung über Mäzene und Künstler von Francis Haskell.30 Das Buch wirkte epochemachend, dennoch sind einige kritische Punkte anzubringen: Der Autor konzentriert sich auf zwei Städte, nämlich Rom und Venedig, er sieht zu wenig den gerade im Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, München 1953. 26 Zu Hauser und der Entwicklung der Sozialgeschichte der Kunst (oder Kunstsoziologie – die Begriffe sind weitgehend austauschbar) Roeck, Auge, bes. S. 61 ff.; Dagmar Danko, Kunstsoziologie, Bielefeld 2012. 27 Zur Sonderstellung des französischen Katholizismus Hersche, Musse, S. 124 ff. 28 Ebd., S. 933 ff. 29 Tapié, S. 48 ff. 30 Francis Haskell, Maler und Auftraggeber, Köln 1996 (das engl. Original «Patrons and painters» 1963). 25
1.2 Die Architektur des Barock in der Schweiz
Barock wichtigen Zusammenhang der Malerei mit der Architektur (Fresken!) und berücksichtigt das wichtige Mäzenat der Bruderschaften und frommen Stiftungen, gerade für die Sakralkunst, nicht. Für die Sozialgeschichte der barocken Architektur, insbesondere der sakralen ist also aus der bisherigen Fachliteratur nichts zu holen, so das ernüchternde Fazit. Eine Kulturgeschichte ohne weitestgehende Berücksichtigung der materiellen und sozialen Grundlagen aber ist heute nicht mehr tragbar, sie liefe Gefahr, sich in den Wolken zu verlieren.
1.2 Die Architektur des Barock in der Schweiz Die Erkundung des Barocks in der Schweiz folgte, wenig verzögert, der im späten 19. Jahrhundert beginnenden deutschen Barockforschung, zu welcher neben dem Architekten Cornelius Gurlitt die Schweizer Jacob Burckhardt und dessen Schüler und Nachfolger Heinrich Wölfflin entscheidende Anstösse gegeben hatten. Die in der Einleitung gemachte Feststellung, dass Barock heute kein Thema mehr sei, trifft aber ebenfalls auf die Eidgenossenschaft zu. Hans Martin Gubler stellte am Anfang einer 1987 erschienenen Forschungsübersicht einen entsprechenden Mangel fest: «Zusammenfassende Arbeiten und solche mit neuen Fragestellungen sind in allen untersuchten Bereichen … eher die Ausnahme. Gründe für diese unkoordinierte, punktuelle (‹hobbymässige›) Forschung liegen im Fehlen eines Forschungsschwerpunktes ‹Barock› an einer der schweizerischen Universitäten wie auch in der Auffassung, Barockforschung stosse gegenwärtig auf kein Interesse, da ihr ein Gegenwartsbezug fehle.»31 Gubler untermauert seine Feststellungen mit Zahlen zu den bibliografierten Forschungsarbeiten: Der Sektor «Barock» sei mit weniger als einem Prozent absolut marginal, ausserdem sei ein relativer Rückgang zu beklagen.32 Einzig Inventarisation und Denkmalpflege seien noch mit der barocken Architektur befasst, weil dies zu ihrem primären Auf-
Hans Martin Gubler, Zum Stand der Barockforschung in der Schweiz, in: UK 38 (1987), S. 475–487. Das ganze Heft (Nr. 4) ist dem Barock gewidmet, die übrigen Beiträge behandeln jedoch Einzelfragen und -objekte. 32 Ebd., S. 480 und Anm. 30. Die dort angegebenen Zahlen möchte ich doch mit einigen Vorbehalten betrachten. Aber mehr als einige wenige Prozent treffen sicher zu. 31
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