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Wiborada von St. Gallen

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WIBORADA VON ST. GALLEN Neuentdeckung einer Heiligen

theos 2

Ann-Katrin Gässlein / Gregor Emmenegger (Hg.)


Theologisch bedeutsame Orte der Schweiz

Herausgegeben von Katharina Heyden und Maria Lissek in Verbindung mit Gregor Emmenegger, Ann-Katrin Gässlein, Karin Mykytjuk-Hitz, Franziska Metzger, Martin Sallmann und Ueli Zahnd

Band 2


Ann-Katrin Gässlein, Gregor Emmenegger (Hg.)

Wiborada von St. Gallen Neuentdeckung einer Heiligen

Schwabe Verlag


Publiziert mit Unterstützung durch: Kulturförderung Kanton St. Gallen Katholischer Konfessionsteil des Kantons St. Gallen Katholische Kirche im Kanton Zürich Hochschulrat der Universität Fribourg Publikationskommission der Theologischen Fakultät der Universität Luzern Georg Fischer AG

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 602, 324. Korrektorat: Kerstin Köpping, Berlin Gestaltungskonzept: icona basel gmbH, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4500-9 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4501-6 DOI 10.24894/978-3-7965-4501-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Im Andenken an Eva Irblich


Inhalt

Ann-Katrin Gässlein und Gregor Emmenegger: Die erste Schweizer Heilige – eine Neuentdeckung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Gregor Emmenegger: Warum hat sich Wiborada einmauern lassen? Motive und Leitbilder aus der christlichen Tradition . . . . . . . . . . . . . . . .

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Cornel Dora: Was wir über Wiborada wissen. Ein Blick in die historischen Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Cornel Dora: Die Wiborada-Objekte im Kloster Glattburg . . . . . . . . . . 105 Esther Vorburger-Bossart: Erforscht und vergessen. Wiborada in der Stadt und im Bistum St. Gallen im 20. und 21. Jahrhundert . . . . . . . . . . 113 Eva Dietrich: Die Wüste, die Klause und der (un)sichtbare Körper. Askese im religionswissenschaftlichen Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Ann-Katrin Gässlein: Wiborada in der Einsamkeit. Interreligiöse Annäherungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Roland Gröbli: «Scio mulier sancta es.». Wiborada von St. Gallen als idealtypisches Vorbild für Niklaus von Flüe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Birgit Jeggle-Merz: «Veni sponsa Christi, accipe coronam». Das Gedenken der Hl. Wiborada in der Liturgie der Kirche . . . . . . . . . . 269 Ann-Katrin Gässlein: Täglich Psalmen beten. Wiborada als Inspiration für neue liturgische Ausdrucksformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 Judith Thoma: Eine weibliche Stimme und das Frauenstimmrecht . . . . 341 Register

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Verzeichnis der Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363


Die erste Schweizer Heilige – eine Neuentdeckung Ann-Katrin Gässlein und Gregor Emmenegger

«Ich wurde auf den Namen Wiborada getauft. Dies geschah nicht ohne Probleme, damals im Jahr 1963. Mein Vater ging mit dem Familienbüchlein in Gossau auf das Amt, um meine Geburt eintragen zu lassen. Auf den Namen Wiborada? Nein, das gehe nicht, dieser Name sei nicht auf der Liste, wurde ihm gesagt. Meine Eltern, beide in St. Gallen aufgewachsen, waren bestürzt. Sie hatten den Namen Wiborada ausgewählt, weil meine Mutter nahe verwandt war mit Ferdinand Gehr, welcher die Fresken in der Wiborada-Kapelle gemalt hatte. Zudem war mein Vater in St. Georgen aufgewachsen und mochte diese Kapelle als Kraftort. Mein Vater nahm Kontakt auf mit Dr. Paul Staerkle, der damals Stiftsarchivar war. Natürlich müsse der Name Wiborada auf die Vornamenliste, beorderte er per Telefon dem Amt in Gossau. So wurde ich dann als Wiborada Maria eingetragen.»1

Im April 2021 wurde an der nordöstlichen Aussenwand der Kirche St. Mangen eine kleine Holzzelle erbaut. Diese Konstruktion machte vor allem auch deshalb Schlagzeilen2, weil die Wand der denkmalgeschützten ältesten Kirche St. Gallens dafür durchbrochen wurde. Errichtet wurde eine an das historische Vorbild der St. Galler Inklusin Wiborada angelehnte Zelle mit zwei Fenstern, von denen eines in den Innenraum der Kirche führte (Abb. 1). In dieser Zelle lebten ab Ende April 2021 zehn Frauen und Männer während einer Woche, eingeschlossen, von Menschen aus St. Gallen und Umgebung mit Lebensmitteln versorgt und von einer temporären Gebets- und Gesangsgemeinschaft spirituell begleitet. Auch Wiborada Beck-Brülisauer, von der die Erzählung über ihre Namensgeschichte stammt, wirkte an einem Freitagabend in einer musikalischen Gebetszeit als Lektorin mit. 1 Auskunft von Wiborada Beck-Brülisauer, 03. 11. 2021, übermittelt an Esther Vorburger-Bossart. 2 Hagmann-Bula, Fenster zum heiligen Fenster, 32, vgl. https://www.tagblatt.ch/ost schweiz/stgallen/experiment-das-fenster-zum-heiligen-fenster-ld.2116483 (abgerufen am 16. 11. 2021).


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Abb. 1:

Die neue Wiboradazelle an der Aussenwand der Kirche St. Mangen (2021).

Wiborada 2021 hiess das ökumenische Projekt, das fast 1’100 Jahre nach ihrem Tod diese erste heiliggesprochene Frau der Kirchengeschichte ins Bewusstsein rücken will. Denn so wie den Eltern von Wiborada Beck-Brülisauer in den 1960er-Jahren ergeht es vielen Menschen: Wiborada ist in St. Gallen weitgehend unbekannt, trotz des bekannten Wandfreskos von Ferdinand Gehr in der Kapelle St. Georgen und der Statue am Brunnen vor der Kirche St. Mangen, die Josef Büsser anlässlich des 1’000-Jahre-Jubiläums 1926 geschaffen hatte. Zwischen den einflussreichen Stadtvätern Gallus, Otmar und Vadian verblasst sie. Das erstaunt zunächst, denn Wiborada von St. Gallen ist in den historischen Quellen ausserordentlich gut belegt: Die junge Frau aus einer wohlhabenden alemannischen Familie im heutigen Thurgau fühlt sich gemäss den Überlieferungen schon früh für ein Leben in Gebet und tätiger Nächstenliebe bestimmt. Nach dem Tod ihrer Eltern soll sie mit ihrem Bruder Hitto eine Pilgerreise nach Rom unternommen haben, bevor ihr Bruder die Priesterweihe erhält und schliesslich auf ihren Rat dem


Die erste Schweizer Heilige – eine Neuentdeckung

Kloster St. Gallen beitritt. Wiborada folgt ihm einige Jahre später, um als Inklusin zu leben. Eine erste Probezeit, beraten und begleitet von Abtbischof Salomo III., verbringt sie in einer Zelle an der Kirche in der Ortschaft St. Georgen. Am Pfingstsonntag im Jahr 916 wird sie von Abt und Mönchen in einer rituellen Zeremonie zur Kirche St. Mangen auf dem Irahügel in der Stadt St. Gallen begleitet und in eine Zelle an der Nordostwand der Kirche eingemauert. In den folgenden zehn Jahren wirkt sie als Ratgeberin für weltliche und geistliche Herrschaften und als Seelsorgerin für die Stadtbevölkerung. Dank einer Vision sieht sie den Überfall einer Gruppe von Ungarn voraus, was ihr erlaubt, den Abt zu warnen, der wiederum Massnahmen zur Evakuierung ergreift; sie selbst bleibt in ihrer Zelle und erleidet 926 das Martyrium. Als Retterin der Bücher der Stiftsbibliothek und Schutzpatronin der Bücherfreunde und -freundinnen kommt Wiborada eine kulturelle Bedeutung zu; in der Hierarchie katholischer Heiliger steht sie nicht nur aufgrund ihres Martyriums weit oben; gemäss der Historikerin Jane Schulenburg wurde sie schon zu Lebzeiten «no less than a priest» angesehen.3 Während fast 700 Jahren – während des gesamten Mittelalters – lebten vor allem Frauen in der Schweiz als Inklusinnen, mehr oder weniger stark angeschlossen an ein Kloster, aber prinzipiell unabhängig von einer Regel, in städtischen Zentren, eingeschlossen und in Askese, aber mit prinzipiellem Kontakt zur Aussenwelt. Für das 13. Jahrhundert vermutet die Historikerin Anneke Mulder-Bakker für jede europäische mittelalterliche Stadt eine oder mehrere Inklusinnen.4 An der Schwelle zur Neuzeit jedoch schwindet der religiöse Spielraum für Frauen. Die Reformation mit dem Argwohn gegenüber der Askese und die Gegenreformation mit ihrem Fokus auf klare hierarchische Strukturen lassen weibliche Lebensentwürfe jenseits von Ehe (reformiert) bzw. Ehe oder Kloster (katholisch) nicht mehr zu. In St. Gallen, wo im Jahr 1366 sieben Frauen zeitgleich in Zellen an fünf Kirchen der Stadt leben5, stirbt mit Barbara Hornbogin 15096 die letzte «St. Mangener Inklusin». Und mit Wiborada, der ersten Schweizer Heiligen, sollte es die Religionsgeschichte 3 4 5 6

Schulenburg, Forgetful, 292, 294. Mulder-Bakker, Anchoresses, 6. Vgl. Schlumpf, Geschichte der Inklusen, 13. Vgl. Irblich, Vitae Sanctae Wiboradae, 169.

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nicht gut meinen: Am 27. Februar 1528 bereitet der Bildersturm, angeordnet vom Stadtrat, der Verehrung Wiboradas und der Erinnerung an sie in St. Mangen ein Ende: Ihr Grab und das ihrer Schülerin und Nachfolgerin Rachilda werden mitsamt allen Reliquien zerstört. Die an der Aussenwand St. Mangens angebaute Wiboradakapelle wird zur Bibliothek umfunktioniert und 1774 schliesslich ersatzlos abgebrochen. Auf katholischer Seite führt die Aufhebung des Benediktinerinnenklosters St. Wiborada in St. Georgen – das seinerzeit aus einer Sammlung von Beginenzellen hervorgegangen ist – zur Reduzierung der Wiborada-Erinnerung, die erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Neubelebung erfährt. Der Umgang mit dem Namen, den Wiborada Beck-Brülisauer erwähnt, dauert bis heute an: Gemäss Auskunft des Bundesamts für Statistik (18. 11. 2021) wird ein Vorname erst dann ins Register eingetragen, wenn er mindestens dreimal in den Datenquellen (Statistik der Bevölkerung und der Haushalte) vorkommt. Die Namensstatistik zählt über 60’000 Vornamen, aber Wiborada ist nicht darunter, auch für 2021 nicht. Das überrascht zunächst: Im Bistumsjubiläumsjahr 2011 wurden schweizweit Frauen mit Namen Wiborada angeschrieben, eingeladen und erhielten eine Führung im Kloster St. Gallenberg (Glattburg) durch die Äbtissin Bernarda Meile7, was damals auch medial festgehalten wurde (Abb. 2). Heute verzeichnet das Online-Telefonbuch telsearch.ch schweizweit vier Einträge zu Wiborada; nur einer davon bezieht sich auf das Alters- und Pflegeheim in Bernhardzell, die anderen auf noch lebende Frauen. Das Todesanzeigenportal.ch vermeldet sechs Frauen, die Wiborada im Namen trugen, fünf davon als Zweit- oder Drittname, fast alle stammten aus St. Gallen und Umgebung und sind zwischen 2013 und 2020 verstorben. Der Ordensname Wiborada, den mindestens zwei Ingenbohler Schwestern wählten, ist nicht mitgezählt. Es scheint, dass Wiborada aufgrund dieser Parameter seit den 1960er-Jahren den Eintrag in das Register immer knapp verpasst.

Vgl. Rüthemann, Adresse: «Wiborada, Schweiz», 37, verfügbar unter https://www.tag blatt.ch/ostschweiz/wil/adresse-wiborada-schweiz-ld.472427 (abgerufen am 27. 11. 2021). 7


Die erste Schweizer Heilige – eine Neuentdeckung

Äbtissin Bernarda Meile zeigt Wiborada Beck, Wiborada Meile-Gantner, Sr. Wiborada Elsener und Wiborada Wolfinger-Stillhart das kleine Wiboradamuseum im Kloster Glattburg (2011). Abb. 2:

1. Neuentdeckung «Ich habe meinen Namen stets gemocht. Er war besonders und gab immer wieder zu Gesprächen Anlass […] Besonders in Erinnerung ist mir ein Erlebnis mit etwa 18 Jahren. Ich hatte eine Entzündung und ging zu einem Hals-Nasen-Ohrenarzt mit dem Namen Tibor Missura. Ich wusste nicht, dass er Ungare war. Ich sass schon auf dem Behandlungsstuhl, als er stutzte, in meine Akte schaute und sagte: «Sie heissen Wiborada? Kennen Sie die Geschichte der Heiligen Wiborada?» «Natürlich», erwiderte ich, an diese Frage gewohnt. Er forderte mich auf, ihm die Geschichte zu erzählen, was ich tat. Als ich an die Stelle gelangte, wo die Ungarn den Klosterschatz suchten, die angebaute Zelle fanden, diese vom Dach her abdeckten und die Frau erschlugen, gebot der Arzt entschieden Einhalt. Auch in der ungarischen Geschichtsschreibung figuriere die Wiborada, erklärte er mir. Es sei auch in kriegerischen Zeiten wie jener undenkbar gewesen, dass die Ungaren eine wehrlose Frau einfach erschlagen hätten, führte er weiter aus. Vielmehr sei nach ungarischer Überlieferung das Dach beim Abdecken eingestürzt und hätte die Inklusin erschlagen […] Ich habe dieses Gespräch nie vergessen, zeigt es doch auf eindrückliche Weise,

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dass selbst die erste Quelle jeder Geschichtsschreibung von der eigenen Perspektive gefärbt ist. Jahre später schrieb Tibor Missura mit Johannes Duft zusammen ein Buch über den Ungarneinfall in St. Gallen.»

Fast 1’100 Jahre nach ihrem Tod formierte sich in St. Gallen ein ökumenisches Team, das nicht nur den Neubau der Zelle forcierte, sondern auch ein Bildungsprogramm zu Wiborada ins Leben rief – ein wichtiges Signal, dass auch die Religionsgeschichte eine versöhnliche Wendung nehmen kann und in Sachen Umgang mit religiösen Persönlichkeiten nicht das letzte Wort gesprochen ist (Abb. 3 und 4). Zum Begleitprogramm von Wiborada2021 zählte eine digitale Vorlesungsreihe an der Hochschule St. Gallen (HSG) mit insgesamt vier Vorträgen, von denen drei als Beiträge in das vorliegende Buch geflossen sind. Die zehn Beiträge im vorliegenden Band stammen aus Geschichts-, Religions- und Liturgiewissenschaft und Theologie, und der Band erscheint als zweite Ausgabe der ökumenischen Reihe theos – Theologisch bedeutsame Orte der Schweiz, die Orte in der Schweiz wahrnimmt, «an denen sich der kulturelle und religiöse Austausch innerhalb eines Gebiets wie auch mit Nachbarregionen manifestiert».8 Der Untertitel «Neuentdeckung einer Heiligen» steht Pate für die Titelseite des vorliegenden Buches. Unter den verfügbaren Motiven über Wiborada, von denen es viele gibt, fiel die Wahl nicht leicht. So zeigen die meisten bildlichen oder figürlichen Darstellungen die Heilige eher stereotyp mit ihren Attributen, die zumindest im Fall der Hellebarde umstritten sind, und vor allem ohne Bezug zu St. Gallen. Anders die Bilder aus dem St. Galler Legendar, einer bildreichen Handschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts mit der Bezeichnung Cod. Sang. 602. Die Bilder illustrieren den Text der späteren Vita II Wiborada nach Herimann und zeigen anschaulich, welche Vorstellungen sich die Menschen im hohen Mittelalter von Wiborada machten. Die ausgewählte Szene zeigt Wiborada, die man auf den ersten Blick fast übersieht und tatsächlich erst suchen bzw. «entdecken» muss, am Ort ihrer selbst gewählten und rituell bekräftigten Inklusion, in der Zelle an der Kirche St. Mangen. Der Bettler vor ihrem Fenster9 ist auch Teil der Vita I Wibora-

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Vgl. https://schwabe.ch/neue-reihe-theos (abgerufen am 16. 11. 2021). Vita II Wiborada, 25.


Die erste Schweizer Heilige – eine Neuentdeckung

Von Det Blumberg stammt die 2020 geschaffene Statue «Wiborada» aus Holz, die statt der traditionellen Hellebarde die Attribute Buch und Brot hält. Am 2. Mai 2021, dem Festtag der Heiligen, wurde die Statue von der Kathedrale in eine Ausstellung in der Kirche St. Mangen gebracht.

Abb. 3 und 4:

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da10 und steht repräsentativ für die Zugewandtheit Wiboradas zum Stadtleben und für ihr diakonisches Wirken.

2. Multiperspektivität im Blick auf die Vita Da von Wiborada selbst nichts Schriftliches hinterlassen ist, kommen ihren beiden Biografien grosse Bedeutung zu. Die hier im Sammelband als Vita I Wiborada und Vita II Wiborada bezeichneten Erzählungen der Mönche Ekkehart I.11 und Herimann12 aus dem Kloster St. Gallen bildeten gleichsam die Ausgangslage. Sie werden hier in der Übersetzung nach Walter Berschin mit interner Kapiteleinteilung zitiert. Zitate aus der Bibel stammen, wenn nicht anders beschrieben, der Einheitsübersetzung (EÜ) von 2016. Die multiperspektivische Arbeit brachte mit sich, dass gerade die zentrale Vita I Wiborada unterschiedlich beurteilt wurde: Heutige säkularisierte Leserinnen und Leser sind an Stil und Tonalität einer Heiligenvita kaum mehr gewohnt. Aber auch die je eigene Profession, das Vorwissen und das eigene Interesse prägen den Blick; und so ist es nicht verwunderlich, dass die Vita im Sinne der Rezeptionsästhetik gedanklich und emotional unterschiedlich wahrgenommen wird. Die literaturhistorische Sicht betont auf der einen Seite die Abhängigkeiten der Vita I Wiborada von den Viten des Hl. Ulrich, von Motiven der Geschichtsschreiber Gregor von Tours, iroschottischer Mönche und anderer Quellen, sodass Wiborada als Archetyp einer «heiligen Frau» erscheint und als individuelle Person fast hinter einem hagiografischen Schema verschwindet.13 Auf der anderen Seite gestehen historische Einschätzungen der Vita I Wiborada mehr historische Singularität zu und halten z. B. die vom Autor Ekkehart I. vorgegebenen Gespräche mit Augenzeugen wie Wiboradas Bruder Hitto und ihre langjährige Helferin Kebeni für glaubwür-

Vita I Wiborada, 24. Die Vita I Wiborada nach Ekkehart I. schliesst mit einem hymnenartigen Text, dem Epitaphium beatae Wiboradae, ab, vgl. in diesem Band Birgit Jeggle-Merz, Veni sponsa Christi, S. 269. 12 Die Vita II Wiborada nach Herimann beinhaltet auch eine Vorrede sowie ein zweites Buch (liber secundus), welches die Wunder nach dem Tod Wiboradas beinhaltet. 13 Vgl. dazu den Beitrag von Gregor Emmenegger in diesem Band, S. 27. 10

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dig.14 Die Vita I Wiborada verfügt nicht nur über historische Qualität, sondern ist auch literarisch ansprechend, wenngleich die bildhaften Elemente sehr stark vertreten sind, und die christliche Heilsgeschichte weitergeschrieben wird. Neben den Fragen nach Historizität oder Originalität gibt es weitere Methoden zur Erschliessung von Wiboradas Leben für heute, die ein je eigenes Licht auf sie und ihre Rezeption werfen. Die praktische Liturgiewissenschaft befragt den semantischen Gehalt der Vita I Wiborada und untersucht, wie sich die Thematik Gebet, Gottesdienst und Psalmen in der Biografie zeigen.15 Die religionsvergleichende Theologie interessiert sich dafür, wie das Phänomen der Einsamkeit, der Zurückgezogenheit und Allein-Heit dargestellt ist16, so wie die vergleichende Religionswissenschaft die Aspekte der Askese und des Körpers in der Abgeschlossenheit betrachtet.17

3. Das Wiboradabild als Spiegel der Zeit Bis Ende des 20. Jahrhunderts dominierten in der Rezeption, aber auch in der Forschung die Untersuchungen christlicher Historikerinnen, Philologen und Theologen, darunter bedeutende Arbeiten von Stiftsbibliothekar und Kunsthistoriker Adolf Fäh (1858–1932), Sekundarlehrer Emil Schlumpf (1881–1953), Stiftsbibliothekar Johannes Duft (1915–2003) und der Historikerin Eva Irblich (1943–2012), der dieser Band gewidmet ist. Eva Irblich promovierte 1968 in Innsbruck mit einer Studie zur Vita der Hl. Wiborada von St. Gallen und war von 1971 bis 2008 Mitarbeiterin an der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Sehr wichtig waren auch die Arbeiten von Walter Berschin, dessen Übersetzung und Edition der beiden Wiboradaviten Grundlage des vorliegenden Sammelbands sind. Auch im vorliegenden Band kann die Perspektive auf Wiborada als eine Frau in

Vgl. Berschin, Biographie und Epochenstil IV/1, 118–128. Vgl. dazu den Beitrag von Ann-Katrin Gässlein über das tägliche Gebet der Psalmen in diesem Band, S. 297. 16 Vgl. dazu den Beitrag von Ann-Katrin Gässlein zum Thema Wiborada in der Einsamkeit in diesem Band, S. 203. 17 Vgl. dazu den Beitrag von Eva Dietrich in diesem Band, S. 169.

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einer noch nicht lange christianisierten Gesellschaft18, die möglicherweise noch Spuren alemannisch-germanischer Religiosität aufweist, nur angeschnitten, aber nicht vertieft werden: Der Grund dafür ist die Quellenlage. Insgesamt gibt es nur sehr wenige Hinweise auf Inklusinnen.19 Der Philologe und Religionswissenschaftler Jan de Vries weist darauf hin, dass sich im Alpenraum vor der Christianisierung kein eindeutiger Einfluss einer dominanten Kultur nachweisen lässt.20 Das Gebiet hatte die Einwanderung von Germanenstämmen während der römischen Periode erlebt, die sich auf altem keltischen Gebiet niederliessen.21 So vermischten sich unterschiedlichste Einflüsse; und Schlussfolgerungen z. B. auf weibliche Götterkulte aufgrund von Befunden, die möglicherweise aus einer späteren römischen Epoche stammen, müssten mit grosser Vorsicht gezogen werden.22 So gibt es Hinweise auf eine lokale Verehrung weiblicher Personen in den Rheingegenden, aber auch ansatzweise in Gallien, und zwar vor allem des Matronenkults, der allerdings das Auftreten von drei weiblichen Figuren voraussetzt.23 Als Erklärung für das Leben Wiboradas und deren Verehrung taugt dies erst einmal wenig. Etwas weiter geht der Kulturanthropologe Kurt Derungs in seinen landschaftsmythologischen Untersuchungen. Die Christianisierung des Alpenraums sieht er als eine von der Obrigkeit verordnete und der alemannischen Bevölkerung aufgesetzte Massnahme, der nichts anderes übrigblieb, als vor Ort vorfindliche südgermanische Traditionsspuren umzukodieren, während die ansässige Bevölkerung noch lange an ihrem Ahnenglauben und ihren anDie Vita des Hl. Gallus nennt noch häufig die «Heiligtümer der Heiden», die der Missionar in Tuggen verbrennt und deren Opfergaben er in den heute versandeten Tuggener See wirft, vgl. Lebensgeschichten, 20. In Bregenz hat er mit einem Wassergeist und Dämonen zu tun, vgl. Lebensgeschichten, 23 f. 19 Hinweise zur Rolle der germanischen Kultur gibt Schulenburg, Forgetful, 102–104. 20 Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, 233. 21 Vgl. Derungs, Magischer Bodensee, 19 f. 22 Vgl. Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, 233 und 235. 23 Vgl. Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, 188–190. Die Matronen tauchten häufig zusammen mit anderen Göttinnen auf, als Schützerinnen der Lagerplätze, als topische Gottheiten mit Funktionen für häuslichen Wohlstand und familiäre Belange, aber auch als Schützerinnen eines ganzen Stammes, vgl. Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, 194 f.

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Die erste Schweizer Heilige – eine Neuentdeckung

gestammten Gottheiten festhielt.24 Dies macht er fest an den lange anhaltenden und teilweise bis heute nachweisbaren Erzählungen der Region25, die in die christliche Tradition eingeflochten wurden, z. B. zur Herkunft neugeborener Kinder aus Quellen oder Brunnengewässern.26 Eine besondere Bedeutung misst Derungs der Mülenenschlucht in St. Gallen zwischen dem Kloster im Tal und St. Georgen oberhalb der Stadt zu: «Diese von Felsen umgebene Schlucht mit den Wasserfällen, Kaskaden und dunklen Felsnischen» stelle «eine Art Gegenwelt […] aus mythologischer Sicht eine Jenseitswelt»27 dar. In dieser Schlucht sollen Gallus und Hiltibold zwei Dämoninnen erschienen sein; nach erfolgreicher Bannung flüchteten die «geisterhaften Frauen» den Fluss entlang bis zum «Himmelsberg», wo sie ihre Vertreibung beklagten.28 Derungs’ Lesart zufolge ist es kein Zufall, dass Gallus die «erste christliche Zelle» an einem «altheiligen Ort», der «heidnischen Frauen»29 gegründet hatte. Mit Wiboradas erster Zelle in St. Georgen, wo noch die Vita I Wiborada von «benachbarten Frauen»30 erzählt, die dort in «Zellen» gelebt haben, sollte demnach ein christlicher Gegenentwurf geschaffen sein, der den mythischen Platz umkodierte und die lokale Verehrung in neue Bahnen lenkte.31 Noch zu Lebzeiten des Hl. Gallus sei die Auseinandersetzung mit der Ahnenverehrung und der animistischen Lebenswelt auf der einen und dem religiösen Programm der christlichen Missionare auf der anderen Seite sehr lebendig, vgl. Derungs, Magischer Bodensee, 22–24. Die Umwandlung altheidnischer Bräuche vor allem bei Geburt, Namensgebung und Hochzeit ins Christliche konstatiert auch Vries, allerdings ohne politische Implikationen, vgl. Vries, Altgermanische Religionsgeschichte, 307. 25 Derungs, Magischer Bodensee, 25. 26 Zum Beispiel die Verehrung der Hl. Notburga von Bühl im Klettgau bei Waldshut, vgl. Derungs, Magischer Bodensee, 30–32. Andere Anekdoten aus dem Sagenschatz des Thurgaus und Vorarlbergs greifen die Themen «Höhle» und «alleinlebende Frau» auf, vgl. Derungs, Magischer Bodensee, 182 und 186. 27 Derungs/Schlatter, Quellen, Kulte, Zauberberge, 150. 28 Lebensgeschichten, 28 f. 29 Derungs/Schlatter, Quellen, Kulte, Zauberberge, 153. 30 Vita I Wiborada, 16. 31 Dass Wiborada trotz ihrer Heiligsprechung keinen grösseren Kult bewirkte, führt Derungs nicht auf die Aufhebung des Grabes und der Reliquien im Bildersturm zurück, sondern auf den sich etwa zeitgleich etablierenden Kult um die Hl. Verena entlang von Untersee und Rhein, der er eine stärkere kirchlich-klösterliche Lobby bescheinigt, vgl. Derungs/Schlatter, Quellen, Kulte, Zauberberge, 208. Die historischen Untersuchungen zur 24

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Jede Zeit zeichnet ihr eigenes Bild einer historischen Persönlichkeit: Die Wiborada im Bestsellerroman Ekkehart von dem liberalen deutschen Intellektuellen Joseph Victor von Scheffel im Zeitenalter des Biedermeier ist eine keifende Furie (oder Hexe). Das katholische Milieu des frühen 20. Jahrhunderts zeichnete sie als brave romtreue Heilige mit asketischen Meisterleistungen. Heutige Darstellungen sehen in ihr eine Schamanin oder eine unangepasste, selbstbewusste Aussenseiterin. In der Rezeption Wiboradas spiegelt sich nicht zuletzt auch die Geschichte des 19., 20. und 21. Jahrhunderts.

4. Ziel und Absicht des Sammelbands Die Beiträge im vorliegenden Sammelband nehmen ihre Interpretation Wiboradas vor dem Hintergrund der spätantiken und frühchristlichen Geschichte der Einsiedler, Inklusinnen und «lebendigen Heiligen» zunächst des Mittelmeer- und dann des Alpenraums vor; sie vergleichen Wiborada als Vertreterin der christlichen Spiritualitätsgeschichte mit anderen religiösen Persönlichkeiten32, betrachten das liturgische Programm der römisch-katholischen Kirche zu Ehren Wiboradas33, die späteren Epochen u. a. der Kirchengeschichte der Schweiz bis ins 21. Jahrhundert34 und sie situieren Wiborada im Kontext zeitgenössischer Debatten rund um frauenspezifische Anliegen wie das Jubiläum zu 50 Jahren Frauenstimmrecht.35 Damit will der Sammelband Perspektiven aus unterschiedlichen Disziplinen auf Wiborada von St. Gallen sichtbar machen, und dabei auch kontroverse Ansichten stehen lassen. Die Arbeit an den Texten war getragen von dem Ziel, herauszuarbeiten, welche Faktoren für das Erinnern an bzw. das Vergessen von Wiborada verantwortlich waren, wie Wiborada damals gefeiert wurde und heute gefeiert wird, welche Parallelen und Unterschiede zu ähnlichen Phänomenen anderer Religionen auffallen und wie die Heilige und ihre Spiritualität für das Verehrung Wiboradas in St. Gallen bis zur Reformationszeit und anschliessend in katholischen Kreisen und wissenschaftlichen Zirkeln können diese These allerdings nicht untermauern. 32 Vgl. dazu den Beitrag von Roland Gröbli in diesem Band, S. 237. 33 Vgl. dazu den Beitrag von Birgit Jeggle-Merz in diesem Band, S. 269. 34 Vgl. dazu den Beitrag von Esther Vorburger-Bossart in diesem Band, S. 113. 35 Vgl. dazu den Beitrag von Judith Thoma in diesem Band, S. 341.


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