Wie bedeutend ist die höfische Dichtung des hohen Mittelalters ? Welcher Wert ist dieser in Volkssprache verfassten Literatur beizumessen, die ab dem 12. Jahrhundert zunehmend von der weltlichen Elite gefördert wird ? Die Dichter begründen die Förderung – und damit den Wert – mit der Schönheit ihrer Dichtung, weshalb die Studie konsequent von solchen Selbstaussagen ausgeht. Auf der Grundlage soziolo-
EINE FRAGE DES GESCHMACKS
EINE FRAGE DES GESCHMACKS
gischer Geschmackstheorien lassen sich die scheinbar absoluten Schönheitsvorstellungen allerdings zur herrschaftlichen Machtdemonstration in Beziehung setzen. Die historische Verbindung von Schönheit und Metaphysik wirkt nämlich konkret auf die Moralvorstellungen zurück und entfaltet eine spezifische Praxiswirkung. Die Studie kann somit zeigen, wie die Förderung höfischer Dichtung in soziale Prozesse eingebunden und dort als
ROBERT GISSELBAEK hat Ältere deutsche Literatur und Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Zurzeit ist er als Post-doc in Forschung und Lehre am deutschen Département der Université de Genève tätig.
www.schwabe.ch
ROBERT GISSELBAEK
Ordnungsleistung wirksam ist.
ROBERT GISSELBAEK
EINE FRAGE DES GESCHMACKS Höfische Dichtung im Mittelalter zwischen Macht, Moral und Mäzenatentum
Robert Gisselbaek
Eine Frage des Geschmacks Höfische Dichtung im Mittelalter zwischen Macht, Moral und Mäzenatentum
Schwabe Verlag
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.
Erschienen 2021 im Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) Abbildung Umschlag: Ashridge College Historia scholastica des Petrus Comestor. British Library MS. Roy. 3 D.iv, fol. 116r (Detail). Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Korrektorat: Anna Ertel, Göttingen Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4425-5 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4426-2 DOI 10.24894/978-3-7965-4426-2 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Für Sara
Kleider machen Leute. Sprichwort Die Kutte macht den Mönch nicht aus. Sprichwort
Danksagung
Diese Arbeit ist 2016 an der Universität Genf als thèse de doctorat angenommen und verteidigt, anschließend für den Druck überarbeitet worden. Zuerst danke ich meinem Doktorvater René Wetzel, der mir absolute Freiheit nicht nur gewährte, sondern mit unerschütterlichem Vertrauen eigentlich erst ermöglichte. Darüber hinaus danke ich Eckart Conrad Lutz, der die Arbeit bereits seit ihren Anfängen und in bester Weise kritisch begleitet hat. Für die Aufgabe als Juror sei Prof. Dr. Christian Kiening (Zürich) sowie Prof. Dr. Laurenz Lütteken (Zürich) gedankt und als Vorsitzendem der Jury Prof. Dr. Lukas Erne (Genf). Besonderer Dank gilt zudem den Freunden und Kollegen an den Universitäten Genf und Freiburg i. Ü., die das Projekt immer wieder – auch zwischen Tür und Angel – zu diskutieren bereit waren, allen voran Dr. Anna Sziráky und Dr. Barbara Fleith. Ferner danke ich Prof. em. Burkhard Hasebrink und Prof. Dr. Thomas Tomasek für anregende Gespräche. Gedankt sei überdies Prof. em. Christian Kaden †, der nicht nur mich und meinen studentischen Weg entscheidend geprägt, sondern auch die Arbeit mit begeisternder Neugier aufgenommen und durch sein eigenes Schaffen wesentlich beeinflusst hat. Den Abschluss konnte er leider nicht mehr erleben. Mehrfach ist mir darüber hinaus ganz konkret Hilfe zuteilgeworden. Von daher danke ich der Zeno Karl Schindler Stiftung für einen Doctoral exchange grant, mit dem ich das akademische Jahr 2010/11 als assoziiertes Mitglied im Doktoratsprogramm des NCCR Mediality an der Universität Zürich verbringen konnte. Ganz persönlich danke ich dafür Frau Jacqueline C. Schindler †. Auch hätte die Arbeit ohne die Unterstützung der Société académique de Genève schlicht nicht geschrieben werden können. Dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) schließlich sei an dieser Stelle für die Finanzierung der Publikation gedankt. Für die Aufnahme in das Verlagsprogramm und die hervorragende Betreuung der Drucklegung bedanke ich mich bei dem Team des Schwabe-Verlags. Nicht zuletzt gilt mein Dank all jenen, die mich während der langen Entstehungszeit dieser Arbeit unterstützt haben, allen voran meiner Frau Sara Gisselbaek sowie meinen Familien in Potsdam und in Genf, darüber hinaus Frau Dr. Barbara Gollmer (HU Berlin) und Herrn Daniel Wieser (Genf) für wegweisende Entscheidungen sowie Julia Lyß, Liana Hömberg und last, not least Dr. Fabrice Flückiger. Lausanne, im Herbst 2021
Robert Gisselbaek
Inhalt
Facetten literarischen Mäzenatentums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
Erster Teil: Macht I. Edler Gesang. Herrschaft und Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
59
A.
Herrschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Herrschaft als soziales Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Herrschaft und Legitimation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Legitimität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
62 64 70 81
B.
Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
92
II. Guter Gesang. Symbole der Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
A.
Präsentation von Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 1. Symbole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 2. Klassifikate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
B.
Anerkennung von Macht
C.
Achtsamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
D.
Anerkennung als Ehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
III. Sirenengesang. Macht der Symbole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 A.
Anerkannte Präsentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
B.
Wertendes Erkennen – erkennendes Werten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
C.
Geschmack . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 1. Kant: Kritik der Urteilskraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 2. Bourdieu: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft . . . . . . . . . . 167
D.
Wirkung der Präsentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
12
Inhalt
Zweiter Teil: Moral IV. schoene. Die wahre Schönheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
A.
Schönheit und Ästhetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
B.
Schönheit und Metaphysik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210 1. Differenzierung der Schönheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 2. Begründung der Schönheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
C.
Schönheit und Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
D.
Schönheit und Moral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
V. kunst. Das richtige Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 A.
Die kosmische Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
B.
Die Ordnung und das Ordnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 1. Das geordnete Ordnen als opus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 2. Die ordnende Ordnung als ars . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Exkurs: Inspiration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 C.
Die geordnete Ordnung oder: scientia bene modulandi . . . . . . . . . . . . 299
VI. erkennen. Der ethische Geschmack . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 A.
Die rationale Begründbarkeit des Schönen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
B.
Die Beurteilung des Schönen durch den musicus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 1. Ars musica: die Lehre vom richtigen Urteil . . . . . . . . . . . . . . . . 319 2. Iudicium: die richtige Urteilsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.
Die Urteilsfähigkeit des musicus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
Dritter Teil: Mäzenatentum VII. Nachtigall und musicus. Theorie der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 A.
Die Tugendhaftigkeit der Mäzene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346
B.
Nachtigall und musicus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 1. Augustinus: De musica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 2. Konrad von Würzburg: Trojanerkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
C.
Zum Wert der Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
Inhalt
VIII. Künstler und Mäzen. Eine Frage des Geschmacks . . . . . . . . . . . . 381 A.
Der inszenierte Wert höfischer Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
B.
Die Kunst der Mäzene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 1. Bewertung der Kunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392 2. Unterweisung der Mäzene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
IX. Sänger und Fürst. Diesseits der Symbole
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 433
A.
Die praktische Ordnung der Welt: Macht und Ehre . . . . . . . . . . . . . . 434
B.
Die theoretische Ordnung der Welt: Tugend und Ehre . . . . . . . . . . . . 441
C.
Moral bestimmt die Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 1. Der legitime Geschmack . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450 2. Das schöne Gedicht: got unde der werlde gevallen . . . . . . . . . . 470
D.
Macht bestimmt die Moral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476
Zur Bedeutung des Geschmacks in der höfischen Kultur . . . . . . . . . . 495 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 513 Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 513 Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 516 Lexika
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 538
13
Facetten literarischen Mäzenatentums
Im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen steht die Frage nach dem Wert höfischer Dichtung, das heißt nach der historischen Bedeutung jener in Volkssprache verfassten Literatur, die ab dem 12. Jahrhundert zunehmend von der weltlichen Elite gefördert wird.1 Hinweise auf die Bedeutung ließen sich zuerst historischen Rezeptionszeugnissen entnehmen; für die hier infrage stehende Epoche lassen sich jedoch kaum Belege für den Umgang mit Dichtung finden, die nicht der Dichtung selbst entnommen sind.2 Einzelne Anekdoten zur Rezeption, wie die des Abtes Gevard, der die seine Predigt verschlafenden Zuhörer weckt, indem er unvermittelt von König Artus spricht, belegen – im Rahmen einer didaktischen Schelte – immerhin das verbreitete Interesse an gewissen Stoffen.3 Weshalb aber ein Fürst enorme finanzielle und logistische Anstrengungen unternahm, um etwa jene keltischen Erzählungen in schriftlicher Form aufbewahren zu können, die sich (das Beispiel von Gevard mag exemplarisch dafür einstehen) auch mündlich extemporieren ließen, kann dadurch nicht geklärt werden.4 Für das Verständnis der Bedeutung höfischer Dichtung erhält somit die Frage nach dem konkreten Interesse der Mäzene besonderes Gewicht: Einzig darüber ließe sich die Bedeutung der Dichtung, ihr «Sitz im Leben», näher bestimmen.5 Das liegt daran, dass die Entstehung von Dichtung ausnahmslos an der Förderung hing. Einen sich selbst tragenden Literaturbetrieb hat es noch nicht
Zum Mäzenatentum zuletzt Bastert et al., Mäzenaten, oder Strobel/Wolf, Maecenas; aber noch immer Bumke, Mäzene. 2 Cf. Bumke, Mäzene, S. 21 ff. Anders als in Urkunden und Chroniken finden sich in der Dichtung durchaus Darstellungen zur Rezeption von Dichtung; diese Aussagen betreffen aber in erster Linie innerliterarische Idealvorstellungen und sind von daher nur mit Bedacht auf die tatsächliche Situation übertragbar. 3 Überliefert ist die Anekdote im Dialogus miraculorum des Cesarius von Heisterbach (erste Hälfte 13. Jahrhundert), wonach die Rittergeschichten auch «auf die Mönche im Kloster elektrisierend gewirkt» hätten. Cf. Bumke, Kultur, S. 710. 4 Ein mögliches Interesse am Inhalt der Dichtung lässt sich vor dem Hintergrund der Mündlichkeit somit nicht als hinreichende Begründung stark machen. 5 Zum «Sitz im Leben» (nach Hermann Gunkel) cf. Lutz, Einleitung (1997), S. 9 mit Anm. 5; dazu Heinzle, Interessenbildung. 1
16
Facetten literarischen Mäzenatentums
gegeben.6 Den Ausgangspunkt der Untersuchung soll demnach das Mäzenatentum bilden, denn die höfische Dichtung des Mittelalters ist eindeutig und unweigerlich Auftragskunst und muss so verstanden werden.7 Jeder Versuch einer Bewertung höfischer Dichtung, der vom Auftraggeber absieht, führt zwangsläufig zu falschen Einschätzungen.8 Da die Entstehung der Dichtung also unmittelbar an die je spezifischen Umstände gebunden zu sein scheint, müsste sich – umgekehrt – ihre Bedeutung aus den Bedingungen der Entstehung ableiten lassen. Die Quellenlage für das 12. und 13. Jahrhundert scheint für einen solchen Zugang allerdings denkbar ungeeignet, da eben keine Zeugnisse bezüglich der Förderung bzw. der Bedeutung von höfischer (oder sonstiger) Dichtung erhalten sind.9 Auch für eine Rekonstruktion der historischen Kontexte fehlen oft – bei nicht selten anonym überlieferten Werken – die notwendigen Informationen.10 Wirklich sicher scheint nur, dass die mäzenatische Förderung höfischer Dichtung eine zwingende Voraussetzung ihrer Existenz ist. Ohne den materiellen Aufwand mächtiger Gönner ist ihre Entstehung undenkbar.11 Von daher muss die Frage nach der historischen Bedeutung von Dichtung mit jener nach dem Grund der Förderung verbunden werden. Dass Untersuchungen zu konkreten Gönnern, die nur in besonders günstigen Fällen möglich sind, keinen Aufschluss über die je individuellen Motivationen geben, liegt vor allem daran, dass die Mäzene als Persönlichkeiten wissenschaftlich nur in sehr fragmentarischer Weise fassbar sind.12 Die Förderung einer Dichtung aus ungefähren Lebensdaten und rekonstruierten sozialpolitischen Ereignissen der Zeit abzuleiten mag in Einzelfällen berechtigt sein; ein solcher Ansatz, der vielleicht Aufschluss gibt über Anlass und Zweck des Werkes, kann die Entstehung aber nicht begründen. Viele ähnliche Anlässe sind ohne literarischen Reflex abgelaufen, und viele Werke ent6 Bumke, Mäzene, S. 9, und Jaeger, Entstehung, S. 313 f., der – auf gerade zwei Seiten – die Überlegungen Bumkes insofern relativiert, als er (zumindest für die Anfangsphase der höfischen Dichtung) von grundsätzlich anderen Entstehungsbedingungen ausgeht. Cf. dazu ausführlich hier unten, Kap. IX.C.1. 7 Bumke, Mäzene, S. 9. Zur Diskussion des Begriffs «Mäzenatentum» im Spannungsfeld von Gönner, Auftraggeber oder Sponsor Oevermann, Modell, S. 13 f. 8 So bei Jaeger, Entstehung, S. 313 f., und Jaeger, Patrons, bes. S. 53 f. Das gilt auch dann noch, wenn es sich lediglich um Abschriften handelt, wenn also das Verhältnis von einem Auftraggeber zu einem Dichter entfällt. Selbst die Abschriften nämlich bedeuten einen überaus enormen Aufwand an Ressourcen, so dass die Frage nach dem Interesse relevant bleibt. Zu den Kosten Wolf, Buch, S. 118 f. 9 Bumke, Mäzene, S. 21 f. 10 Wenn nicht nur die Gönner, sondern zugleich auch die Autoren unbekannt sind, lassen sich keine (oder nur schwer) Bezüge zur historischen Situation eines Werkes und damit zu seinen Entstehungsbedingungen herstellen. Cf. Bumke, Mäzene, S. 31. 11 Mit Bumke, Mäzene, sowie Wolf, Mäzenatentum, und Fried, Mäzenatentum. 12 Aus diesem Grund schlägt Lutz, Literatur (1999), S. 46–51, bes. 49 f., vor, von einzelnen Akteuren abzusehen und den Blick auf Gruppen und gruppendynamische Prozesse zu richten.
Facetten literarischen Mäzenatentums
stehen scheinbar ohne äußeren Anlass.13 Die Untersuchung ist damit ausnahmslos auf jene Zeugnisse zurückgeworfen, die der Dichtung selbst inseriert sind. In den erhaltenen Aussagen der Dichter aber wird die Förderung – wenn überhaupt – in sehr unterschiedlichen, mitunter stark topisch erscheinenden Wendungen reflektiert: Einer unmittelbaren Ableitung mäzenatischer Prozesse aus den überlieferten Zeugnissen steht jedoch die Vielfalt der Inszenierungen entgegen.14 Zudem erlauben diese Aussagen kaum Rückschlüsse auf den Wert der Dichtung für die Mäzene. Historische Quellen zur Kunstförderung sind jedoch überaus selten, und sie sind in der Regel wenig aussagekräftig. Allein aus der Tatsache, dass jemand Geld für einen Dichter ausgegeben hat, erhellt sich nicht die Motivation dafür. So sind es vor allem die Dichtungen selbst, die Auskunft geben über mäzenatische Zusammenhänge.15 Obgleich die Hinweise in den Texten zwar zu den häufigsten und zugleich ausführlichsten Indizien in Bezug auf die Förderung höfischer Dichtung zählen, lässt sich ihr Aussagewert zwischen Wunsch, Realität und geschickter Inszenierung nicht immer ganz zweifelsfrei bestimmen. Im Hinblick auf die Bewertung der Förderung höfischer Dichtung sind bisher vor allem jene Aussagen mit größter Aufmerksamkeit betrachtet worden, die sich direkt auf historisch nachweisbare Personen beziehen. Dadurch haben (Literatur‐)Historiker bereits zahlreiche, oft nur angedeutete oder verschlüsselte Gönnerverhältnisse aufdecken und dank philologischen Scharfsinns sogar rekonstruieren können; sobald jedoch der Name des Mäzens, des Künstlers oder gar beider fehlt bzw. (bewusst) verschwiegen wird, «bleibt meist nur Resignation».16 Den Ausgangspunkt für die Frage nach der Bedeutung höfischer Dichtung muss dennoch die Förderung bilden, da das Ausblenden dieser Frage kaum zu historisch haltbaren Ergebnissen führen kann. Dabei geht es weniger um die Rekonstruktion historischer Persönlichkeiten und ihrer Motivationen. Die wissenschaftliche Frage nach der Bedeutung höfischer Dichtung zielt nicht darauf ab, anonym überlieferte Werke aufgrund bestimmter Merkmale einem Autor oder einem bestimmten Personenkreis zuordnen zu können. Eher geht es darum, die Cf. dazu den Band von Bastert et al., Mäzenaten, in dem der Fokus nach wie vor auf den historischen Verhältnissen liegt und die Inszenierungen vor dem Hintergrund profilierter «Geltungsansprüche der Kunst» (S. 13) gelesen werden, ohne in Rechnung zu stellen, dass diesen – im geförderten Kunstwerk ausgedrückt – immer schon eine Förderung zugrunde liegt, die Motivation also nicht ursprünglich in diesen Formulierungen gelegen haben kann. Leipold, Auftraggeber, versucht, historische Anlässe als Auslöser mäzenatischer Bemühungen exemplarisch bei Konrad von Würzburg nachzuweisen und mit den Inhalten der geförderten Werke zu verbinden. Die Aussagekraft einzelner Ereignisse für das Verständnis des hochmittelalterlichen Mäzenats bleibt indes sehr begrenzt. Zu Konrad zuletzt Plotke, Konzeptualisierungen. 14 Zu den verschiedenen Autorinszenierungen im Mittelalter cf. Unzeitig-Herzog, Autorname, sowie Andersen, Autor, und hier Kap. VIII. 15 Bumke, Mäzene, S. 22. 16 Bumke, Mäzene, S. 31.
13
17
18
Facetten literarischen Mäzenatentums
Dichtung als Dichtung funktional in der höfischen Kultur zu verorten. Allerdings gibt es zunächst nur verhältnismäßig wenige Werke, an denen sich mäzenatische Förderung umfassend untersuchen lässt. Auf der einen Seite nämlich nimmt längst nicht jeder Dichter Bezug auf seinen Auftraggeber. Viele Werke entstehen, ohne dass die Entstehungsbedingungen explizit thematisiert würden. Auf der anderen Seite – und da mag es durchaus einen Zusammenhang zum ersten Punkt geben – ist gerade jener literarische Ort der Würdigung, an dem der Dichter in der Regel auf die Gönner zu sprechen kommt, in der Überlieferung besonders gefährdet: In den Prologen höfischer Dichtungen (wie auch in den Epilogen) finden sich häufiger Verweise auf die Umstände der Entstehung oder – mitunter in rätselhafter Form – die Nennung der Mäzene. Diese Partien aber werden aufgrund ihrer spezifischen Bedeutung innerhalb eines historisch zumeist sehr stark begrenzten Rahmens bereits in zeitnahen Abschriften ausgespart oder modifiziert – wenn sie nicht einfach durch ihre exponierte Stellung im Manuskript beschädigt werden oder verloren gehen.17 Im Folgenden soll deshalb versucht werden, der Förderung von höfischer Dichtung und dem Interesse an ihrer Entstehung nicht in (literar‐)historischer oder (kunst‐)theoretischer Perspektive nachzugehen,18 sondern mittels einer Rückbindung an eine soziologisch fundierte Rekonstruktion mäzenatischer Prozesse. Dieser Weg scheint insofern vielversprechend, als sich in gesellschaftlicher Perspektive Fragen zu den handelnden Personen und ihren Interessen zwanglos mit solchen nach der Funktion von Kunst und der konkreten Form des Geförderten verbinden lassen. Die Schwierigkeit liegt indes – geht es doch um Dichtung – darin, den Wert der Inszenierungen unabhängig vom Inszenierten zu beurteilen, obwohl die Überlegungen zwangsläufig bei den Inszenierungen ihren Ausgangspunkt nehmen müssen. Exemplarisch lässt sich das anhand eines Dichters entfalten, dessen geradezu paradoxe Inszenierungen in einer scheinbar unvermittelten Spannung zwischen überschwänglichem Gönnerlob und einem regelrecht absoluten Kunstideal die historische Literaturwissenschaft und die Gönnerforschung in gleichem Maße herausfordern: Konrad von Würzburg.
Bumke, Mäzene, S. 23. Historische Annäherungen an mäzenatische Prozesse, die vor allem Personen oder Institutionen rekonstruieren, finden sich in der Mediävistik etwa bei Bumke, Mäzene, sowie Leipold, Auftraggeber, oder Kaiser, Literatur. Gegen den rein historischen Zugriff plädieren etwa Fried, Mäzenatentum, oder Heinzle, Interessenbildung, indem sie versuchen, die Förderung von Literatur aus den allgemeinen Geltungsansprüchen von Kunst herzuleiten, wobei hier natürlich das Problem eines hermeneutischen Zirkelschlusses besteht, denn was Kunst, Literatur oder Dichtung ist, wird in erster Linie durch den Bezug zum Sitz im Leben und folglich zum Mäzenat definiert. 17
18
Facetten literarischen Mäzenatentums
Die Gönner Als einer der erfolgreichsten Berufsdichter in mittelhochdeutscher Sprache ist Konrad von Würzburg (um 1230 bis 31. August 1287) von etwa 1281 bis zu seinem Tod mit der Arbeit an einem Werk beschäftigt, das den Raub der schönen Helena und die sich anschließenden Ereignisse im antiken Griechenland in epischer Breite schildert.19 Dieser sogenannte Trojanerkrieg ist selbst noch in seinem fragmentarischen Charakter mit den gut 40.000 erhaltenen (von wohl 120.000 geplanten) Versen eines der umfangreichsten Projekte höfisch-weltlicher Literatur.20 Im Prolog tritt der Autor dem Leser auch ungewohnt stolz entgegen: Der Wert seiner Fähigkeit liege – und zwar zuerst (obgleich nicht ausschließlich) für den Künstler – in der Ausübung und dem eigenen Genuss begründet. Nicht einmal auf ein Publikum sei er angewiesen: ich wil und muoz mich nieten getihtes al die wîle ich lebe: ze lône und z’einer hôhen gebe mir selben üebe ich mîne kunst. […] ob nieman lepte mêr, denn ich, doch seite ich unde sünge,
dur daz mir selben clünge mîn rede und mîner stimme schal. ich taete alsam diu nahtegal, diu mit ir sanges dône ir selben dicke schône die langen stunde kürzet.
(Troj. 182–5 und 188–95) (Ich muss mich mein Lebtag mit Dichtung befassen: Lohn und hohe Gabe ist mir dabei meine eigene Fähigkeit. […] Wenn auch niemand außer mir lebte, ich würde reden und singen, damit ich selbst meine Dichtung und den Klang meiner Stimme vernähme. Ich würde es wie die Nachtigall machen, die sich mit ihrem Gesang selbst so schön die Zeit vertreibt.)
Dieser Rückzug auf den individuellen Umgang mit Kunst ist überraschend: Auf den ersten Blick nimmt sich der hochmittelalterliche Dichter die Freiheit, seinem künstlerischen Drang unmittelbar Ausdruck zu verleihen. Er klingt somit ungemein modern; und seine Kunstauffassung ist mehrfach schon in die Nähe autonomer Kunstkonzeptionen gerückt worden,21 zumal er (wie zur Bestätigung einer absoluten Kunstvorstellung) hinzufügt, dass er allein Zentrum und Maß 19 Cf. zum Trojanerkrieg Lienert, Geschichte. Konrad von Würzburg ist zunächst vagus, also fahrender Dichter, lebt dann nachweislich in Straßburg und Basel, wo er zunehmend umfangreiche Aufträge der gebildeten Führungsgruppen erhält. Art. «Konrad von Würzburg», in: VL, Sp. 273 ff. 20 Cf. Cormeau, Trojanerkrieg, S. 307. 21 Zuerst Boesch, Kunstanschauung, S. 151 f., dann Kokott, Autor, S. 77, und Haug, Literaturtheorie, S. 362 f.
19