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Von Todsünden und Hauptlastern

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STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK 159

ALEXANDER MERKL

VON TODSÜNDEN UND HAUPTLASTERN

SCHWABE VERLAG | ECHTER VERLAG

Rekonstruktionen und Neureflexionen


STUDIEN ZUR THEOLOGISCHEN ETHIK 159 Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann


A L E X A NDE R ME R K L

Von Todsünden und Hauptlastern Rekonstruktionen und Neureflexionen

Schwabe Verlag, Basel Echter Verlag, Würzburg


Die Druckvorlagen der Textseiten wurden vom Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i. Ue. zur Verfügung gestellt.

Die vorliegende Arbeit wurde von der Theologischen Fakultät der Katholisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn als Habilitationsschrift angenommen. Gutachter: Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister, Dekan; Prof. Dr. Bert Roebben (Bonn); Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl (Augsburg). Tag des Habilitationskolloquiums: 16.12.2020

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Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. © 2022 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Gestaltungskonzept Inhalt: Stellwerkost Satz: Kathrin Staniul-Stucky, Université de Fribourg, Departement für Moraltheologie und Ethik, Av. de l’Europe 20, CH-1700 Fribourg Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4378-4 (Schwabe) ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4379-1 (Schwabe) DOI: 10.24894/978-3-7965-4379-1 (Schwabe) ISBN Printausgabe 978-3-429-05676-6 (Echter) ISBN 0379-2366 (Studien zur theologischen Ethik) Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


INH A LT Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil 1: Annäherungen und Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A) Cave, cave, deus videt – über das Böse, die ‹Todsünden› und die Hauptlaster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . B) Methodisches Vorgehen und Aufbau der Studie . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil 2: Motivsuche und Problemaufweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A) Die Sieben Hauptlaster als Thema … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. … theologisch-ethischer Bezugsdisziplinen . . . . . . . . . . . . . . . . 2. … theologischer Grundlagenwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. … der Theologischen Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. … der angelsächsischen Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Zwischenfazit: Beobachtungen und Erkenntnisse . . . . . . . . . . . . B) Eine sensibilisierende Sichtung zeitgenössischer Bearbeitungen . . . . . 1. Wie entstehen Hauptlaster und wie ist mit ihnen umzugehen? . . . . 2. Was sind ‹Hauptlaster›? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Lässt der formale Hauptlasterbegriff die positive Deutung konkreter Einzellaster zu? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Sind die ‹vitia capitalia› «Begriffe einer vergessenen Moral der Missbilligung des Menschlichen» (G. Schulze)? . . . . . . . . . . . . . . 5. Wie lässt sich die Hauptlasterreihe als eine kohärente und differenzierte Gesamteinheit mehrerer Einzellaster begründen? . . . C) Problemaufweis und Bedarfsanzeigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil 3: ‹Ad fontes› – moralhistorische Analysen zu den ‹vitia capitalia› von den Ursprüngen des Lehrstücks bis zu Thomas von Aquin . . . . . . . . A) Biblische und antike Quellgründe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Neutestamentliche Lasterkataloge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Nichtchristliche und außerbiblische Quellen . . . . . . . . . . . . . . B) Monastisch-asketische Ursprünge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Grundlegung: Evagrius Ponticus – zwischen Tradition und Originalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Vermittlung: Johannes Cassian – ‹Vater› des Hauptlasterschemas im Westen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . C) Allegorisierung: Der Kampf von Lastern und Tugenden in der ‹Psychomachia› und der ‹Hamartigenia› des Aurelius Prudentius Clemens . . .

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D) ‹Kanonisierung›: Gregor der Große – von der Oktade zur Heptade . . . . 1. Grundlegung der Heptade: «septem nimirum principalia vitia» (Moral. XXXI,45,87) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Genealogie der Hauptlaster: «unum de altero proferatur» (Moral. XXXI,45,89) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. Gregorianische Heeresmetaphorik: «duces exercitus» (Moral. XXXI,45,87) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. Fazit: Eine wegweisende Zäsur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . E) ‹Entwicklung› und Tradierung: Das Lehrstück von der Zeit Gregors bis an die Schwelle der Scholastik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Iberische Halbinsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. ‹Libri poenitentiales› – Einblicke in zwei frühkirchliche Bußbücher 3. Das ‹opus geminatum› ‹De virginitate› des Aldhelm v. Malmesbury . 4. Alkuin von York . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Fazit: Eine unfruchtbare, aber nicht unbedeutende Zeit . . . . . . . . F) Fixierung: Die Hauptlaster in der Theologie des 12. Jahrhunderts . . . . . 1. Hugo von St. Viktor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Petrus Lombardus – ‹Sententiarum libri quatuor› . . . . . . . . . . . . 3. Radulfus Ardens – ‹Speculum universale› . . . . . . . . . . . . . . . . . G) Systematisierung: Die Hauptlaster in der Theologie des 13. Jahrhunderts 1. Wilhelm Peraldus – ‹Summa vitiorum› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Johannes de Rupella – ‹Summa de vitiis› . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil 4: Eine systematische Analyse der ‹vitia capitalia› bei Thomas von Aquin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A) Allgemeine Einordnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Die ‹vitia capitalia› innerhalb des thomanischen Gesamtwerkes . . . 2. Die Bedeutung des traditionellen Lehrstücks für Thomas von Aquin 3. Die ‹auctoritas Gregorii› und weitere Quellgründe der thomanischen Hauptlasterlehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . B) Systematischer Horizont: Anthropologische und handlungstheoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. ‹Imago› und ‹beatitudo›: Der Mensch als Freiheits-, Vernunft- und Sinnenwesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. ‹Anima› und ‹potentiae›: Das anthropologische Strukturgefüge menschlichen Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. ‹Actus humanus bonus› und ‹actus humanus malus›: Das menschliche Handeln vor dem Horizont der thomanischen Privationstheorie . . C) Die thomanische Lehre von den ‹vitia capitalia› . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Das ‹vitium› im Rahmen der thomanischen Habituslehre . . . . . . .

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2. Erweiterung des Begriffsverständnisses: ‹capitale› . . . . . . . . . . . . 245 3. «De numero vitiorum capitalium, quot et que sint» (QDM q. 8,1) – zur argumentativen Begründung der Heptade im Anschluss an Gregor . 252 4. ‹Superbia› und ‹avaritia› als Anfang und Wurzel aller Laster . . . . . . 259 5. Die ‹vitia capitalia› und der ‹inordinatus appetitus› . . . . . . . . . . . 264 6. Die ‹vitia capitalia› und ihre Beziehung zu den ‹passiones animae› . . 274 7. Die ‹vitia capitalia› als Teilaspekt der Sündendynamik . . . . . . . . . 289 D) Die Hauptlaster in der Zeit nach Thomas von Aquin – Ausblicke . . . . 312 E) Auswertungen zu Verständnis und Integration der ‹vitia capitalia› innerhalb der handlungstheoretischen Gesamtsystematik des Thomas von Aquin . 318 Teil 5: Moralhistorische Rekonstruktionen … . . . . . . . . . . . . . . . . . . A) … zur Hauptlastertradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . B) … zur Hauptlasterreihe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . C) … zum Hauptlasterbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. ‹Vitium capitale› – eine formale Begriffsbestimmung ausgehend von Thomas von Aquin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. Die problematische Gleichsetzung von ‹vitium capitale› und ‹peccatum mortale› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. ‹Vitium capitale› und ‹passio animae› – «habitus sunt secundum quos ad passiones nos habemus bene vel male» (STh I-II q. 49,2) . . . . . . . 4. Die semantische Ambivalenz und moralische Indifferenz einzelner Hauptlasterbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. Die ‹Wurzeln der Wurzelsünden› – Bedarfsanzeigen . . . . . . . . . . Teil 6: ‹Das Ganze der menschlichen Handlungswirklichkeit› – humanwissenschaftlicher Ergänzungsbedarf des moralhistorischen Zugangs A) Die Hauptlaster als ein Thema der Moralpsychologie . . . . . . . . . . . B) Hauptlaster und Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1. Die Hauptlaster im Kontext individueller Identitätsarbeit . . . . . . 2. Konkretion: Neid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . C) Die Hauptlaster als aktionale und intentionale Selbstentwicklungsaufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . D) Überlegungen zum praktischen Umgang mit den Hauptlastern . . . .

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Epilog: Grundlagen eines theologisch-ethisch zeitgemäßen Verständnisses von den ‹vitia capitalia› . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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VORWORT Die vorliegende Habilitationsschrift wurde am 25. November 2020 von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn unter dem Titel «Vitia capitalia. Moralhistorische Rekonstruktionen, humanwissenschaftliche Erweiterungen und theologisch-ethische Grundlegungen zu den Sieben Hauptlastern» einstimmig als habilitationswürdige Leistung angenommen. Das Habilitationskolloquium erfolgte am 16. Dezember 2020, die Antrittsvorlesung am 15. Juni 2021. Am Ende eines langen und entbehrungsreichen Weges zählt es zu den großen Freuden, einige Worte des Dankes an jene Menschen zu verschriftlichen, ohne die dieses Unterfangen nicht erfolgreich hätte verlaufen können. So möchte ich an erster Stelle Herrn Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister für sein Erstgutachten und die sehr wohlwollende Betreuung meiner Habilitation danken. Unsere gemeinsamen Gespräche und seine vielen Rückmeldungen waren stets inspirierend, herausfordernd und weiterführend. Sie haben nicht nur die vorliegende Arbeit, sondern auch mein persönliches Denken nachhaltig bereichert und weiter geformt. Herrn Prof. Dr. Hubertus Roebben möchte ich für die unkomplizierte Bereitschaft danken, das Zweitgutachten zu übernehmen. Frau Prof.in Dr. Kerstin Schlögl-Flierl gilt mein herzlicher Dank für das externe Gutachten. Ein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater und väterlichen Freund, Herrn Prof. em. Dr. Herbert Schlögel OP. Leider war es nach seiner Emeritierung im Jahr 2015 nicht mehr möglich, den Weg der Habilitation in Regensburg gemeinsam zu gehen. Seither aber und bis heute ist er mir mit seinem fundierten Rat und in vielen Gesprächen ein unverzichtbarer Wegbereiter und -begleiter. Danken möchte ich überdies Herrn Prof. em. Dr. Dr. Ulrich G. Leinsle OPraem und Herrn Prof. Dr. Alois Stimpfle für ihre wertvollen Hinweise sowie Herrn PD Dr. Bernhard Koch und Kai Schinke für die Unterstützung bei der Bearbeitung und Korrektur des ursprünglichen Manuskripts. Herrn Prof. Dr. Daniel Bogner und Herrn Tit.-Prof. Dr. Markus Zimmermann danke ich als Herausgeber der Reihe Studien zur theologischen Ethik für die unkomplizierte Aufnahme in die so renommierte und altehrwürdige «Gelbe Reihe». Frau Kathrin Staniul-Stucky danke ich für die Hilfe bei der redaktionellen Arbeit am Text. Mein letzter und besonderer Dank gilt meiner Frau Patricia. Du hast mich auf meinen akademischen Wegen, die so nie geplant waren, immer unterstützt, zogst gemeinsam mit mir nach Regensburg, Hamburg und Hildesheim. Schon zuvor, aber noch mehr nach der Geburt unseres Sohnes Felix im Juni 2018 hast du mich dort, wo es dir möglich war und nicht selten darüber hinaus, heldenhaft entlastet. Du hast meine Launen ertragen und hast einen großen Teil zum Gelingen dieses


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VORWORT

Projekts und vieler anderer beigetragen. Im Laufe äußerst mühsamer, kräftezehrender und bisweilen schlichtweg zermürbender Monate und Jahre, die von der Arbeit an einer Habilitationsschrift, von ständigem Evaluations- und Profilierungsdruck auf meiner Juniorprofessur, von der Betreuung und Erziehung eines Kindes ohne jede familiäre Anbindung im norddeutschen ‹Exil› und zuletzt von einer globalen Pandemie und mehrfachen ‹Lockdowns› geprägt waren, war und bist du mir eine unersetzbare Stütze. Dafür danke ich dir aus tiefstem Herzen.

Hildesheim, im Juni 2021

Alexander Merkl


TEIL 1 A NN Ä HERUNGEN UND VORGEHEN


A ) CAV E , CAV E , DEUS V IDE T – ÜBER DA S BÖSE , DIE ‹TODSÜNDEN› UND DIE H AUP TL A S TER Cave, cave, deus videt: Hüte dich, hüte dich, Gott sieht (zu). Dieser lateinische Textzug prangt gleich einer eindringlichen Warnung in der Mitte des ‹Auges Gottes›, in dessen Pupille Jesus Christus im Typus des ‹Schmerzensmannes› abgebildet ist und dem Betrachter seine Wundmale vor Augen führt. Diese Komposition bildet die Mitte einer größeren, eschatologisch perspektivierten Holztafel, in deren äußeren Ecken sich wiederum vier kreisförmige Darstellungen der vier letzten Dinge finden – der Tod, das Jüngste Gericht, die Hölle, der Himmel. Unmittelbar ist sie von einer ebenfalls kreisrunden Abfolge von sieben Einzelbildern umfasst. Die jeweiligen Bildsegmente sind klar voneinander abgegrenzt, von unterschiedlicher Größe und mit den lateinischen Begriffen der so genannten ‹Sieben Todsünden› betitelt. Blickt man auf das Radbild, unten beginnend und dem durch die Blicke der Figuren insinuierten kompositorischen Schwerpunkt gegen den Uhrzeigersinn folgend, sind dies: die ira (Zorn), die superbia (Stolz/Hochmut), die luxuria (Wollust), die acedia (Trägheit), die gula (Völlerei), die avaritia (Habgier) und die invidia (Neid). 1 Eine traditionell geprägte Hierarchie lässt die hier beschriebene Tafel, die als Gewissensspiegel fungiert haben mag und die Vielgestaltigkeit der einzelnen ‹Todsünden› bildlich höchst anschaulich einfängt, nicht erkennen. Für die Illustration der ‹Todsünden› wählt der Künstler verschiedene Genreszenen und beschränkt sich dabei nicht auf Figuren eines bestimmten gesellschaftlichen Milieus. Vielmehr will er zeigen: Alle Menschen sind von den ‹Todsünden› betroffen und bedroht. Sie müssen sich davor hüten, ihnen zu verfallen. Tun sie dies nicht, können sie dem Blick Gottes nicht entrinnen: Cave, cave, deus videt. Wie auch die einzelnen Szenen der Höllendarstellung in der linken unteren Ecke zeigen, kann ein solch sündhaftes Leben nur eine letzte Konsequenz haben – abscheuliche und ewige Höllenqualen: Im Vordergrund liest man ‹Superbia› unterhalb eines sitzenden Paares, dem ein Teufel einen Spiegel vorhält. Links dahinter liegt ein zweites von Teufeln und Höllenmonstren bedrängtes Paar in einem Bett mit der Aufschrift ‹Luxuria›. Rechts davon sitzt in einem mit ‹Gula› beschrifteten Zelt ein feister Mann an einem Tisch, der mit ekelerregendem Getier gedeckt ist. Weiter hinten sind von Hunden angefallene Verdammte der ‹Invidia› zugeordnet. Rechts des Gula-Zeltes befindet sich eine Höllenschmiede, in der ein Teufel in Frauenkleidern auf einen bäuchlings über den Ambos gelegten Sünder einhämmert. Über der Feuerstelle steht auf dem Rauchfang das Wort ‹Acedia› zu lesen. Rechts vorne folgt eine Küche, auf deren Dach ein Sünder liegt, den ein Teufel mit dem Schwert foltert bzw. der Beschriftung ‹Ira› zufolge

1 Vgl. hierzu und im Folgenden E . POKORNY, Die sogenannte Tischplatte mit den Sieben Todsünden und den vier letzten Dingen, in: Frühneuzeit-Info 21 (2010), 35–43.


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für seinen Zorn bestraft. In der Küche steht ein großer Kessel, auf dem ‹Avaritia› geschrieben steht und in dem die Habgierigen gesotten bzw. zusammen mit Silbermünzen, die ein Teufel zu ihnen schüttet, geschmolzen werden. Vor dieser Szene brät ein anderer Teufel einen Verdammten am Spieß und gießt aus seinem langen Schöpflöffel rotglühend flüssiges Metall über ihn. Im Hintergrund brennen zwei Höllenfeuer in einem turmartigen Ofen und einem Berg. Links davon wird ein Sünder als Gefangener in ein hell erleuchtetes Tor geführt, rechts steht ein Galgen mit angelehnter Leiter, auf der ein Teufel das erste Opfer nach oben zerrt. 2

Ein erster Eindruck davon, wie die jeweiligen ‹Todsünden› den Menschen lebensgeschichtlich gefährden, lässt sich im Blick auf die einzelnen Genreszenen gewinnen. Innerhalb des zentral positionierten Radbildes ist die Inszenierung der ira am prominentesten platziert. Dies kann überraschen, da im Zuge der Entwicklungsgeschichte der ‹Todsünden› für gewöhnlich die superbia, die avaritia oder gar die gula als schlimmste ‹Todsünde› galten. Dargestellt werden zwei Männer, die sich vor einem Wirtshaus eine wilde Prügelei leisten, über deren Ausgang nur zu mutmaßen ist. Der Opponent rechterhand schwingt aufgeregt mit einem Messer und ist zusätzlich mit einer silbernen Trinkkaraffe bewaffnet. Nur mühsam kann er von einer Frau mit weißem Schleier zurückgehalten werden. Zuvor hatte er seinem Widersacher bereits einen dreibeinigen Stuhl auf den Kopf geschlagen. Umhang, Kopfbedeckungen, eine Messerscheide, Trippen und gar ein ganzer Tisch säumen das Schlachtfeld der beiden zorntrunkenen und nach wie vor kampfeswilligen Männer. Die unzähmbare Gewalt, die völlige Zügellosigkeit und die unbändige Zerstörungskraft des blinden Zorns werden greifbar. Daneben findet sich, deutlich schmaler eingepasst, die superbia. Personifiziert wird sie durch eine vom Bildbetrachter abgewandte Frau, die ihren Blick in privater Stube nicht von ihrem eigenen Spiegelbild lösen kann. Im Nebenraum steht ein Mann, der es ihr gleichtut. Ein Schrank ist mit prunkvollen Gefäßen bestellt. Um diesen schlängelt sich ein teuflisches Tierwesen, das der Frau den Spiegel vorhält. Zur linken Seite quellen aus einer geöffneten Truhe zahlreiche Schmuckstücke hervor. Recht unscheinbar ist am linken Fenster ein Apfel in die Szene aufgenommen, der auf die Genesis-Erzählung von Adam und Eva sowie deren ‹Sündenfall› aus Hochmut hinweisen dürfte. Die Aussage der Szene ist klar: Wo sich der Mensch nur auf sich selbst konzentriert und materiellen Gütern verfällt, dort lauert die Sünde. Der narzisstische Stolz erweist sich als Einfallstor des Bösen im alltäglichen Leben der Menschen. Die Genreszene der luxuria präsentiert die Bildtradition eines Liebesgartens, in dem sich um ein perspektivisch verzerrtes Zelt mehrere Figurenpaare gruppieren. Eine als Jungfrau stilisierte Frau wird von einem gut gekleideten Verführer bedrängt. Im Vordergrund reicht eine zweite Frau, durch ihre weiße Kopfbedeckung als verheiratet gekennzeichnet, dem ihr zu Füßen liegenden Geliebten eine 2 E . POKORNY, Tischplatte, 37.


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Schüssel. Rechts daneben spielt sich eine skurrile Szene zwischen einem Narren mit nacktem Gesäß und einem hinter ihm stehenden Mann ab, der zum Schlag mit einem Holzlöffel ausholt. Die Versuchungen der unkeuschen Liebe und des wollüstigen Treibens haben viele Gesichter. Die Gestalt eines Mannes verkörpert die ‹Todsünde› der acedia. Er sitzt schlafend vor einem Kamin, den Kopf auf einem Kissen. Ein schwarz eingebundenes Buch, eine Bibel oder ein Gebetbuch, liegt geschlossen auf einer Holzbank. Sein Blick ist von ihm abgewandt, genau wie von dem am Boden liegenden Hund, der auf die nicht wahrgenommenen Anfechtungen des Bösen hinweisen mag, für die dem Mann die Aufmerksamkeit genauso fehlt wie für Gott und den Glauben. Wie schon innerhalb der ira-Darstellung tritt eine Frau auf, die einer Nonne gleicht, wahrscheinlich als Sinnbild der Vernunft und der Mäßigung. Mit Brevier und Rosenkranz tritt sie an den Schlafenden heran, wird jedoch von diesem nicht beachtet. Die acedia verstellt den Blick für das Wesentliche, für die Anfechtungen des Bösen, für Gott und den Glauben. Aufgaben und Pflichten werden vernachlässigt, Potentiale bleiben ungenutzt und liegen brach. Wenig überrascht die Darstellung der gula im nächsten Segment des Radbildes. Ein fettleibiger Mann mit entblößten Knien nagt in unanschaulicher Manier an einem Knochen. In seiner Hand hält er einen großen Krug. Ein Kind, ebenfalls in verlotterten Kleidern, versucht vergeblich nach dem Krug zu greifen. Die nackten Zehen ragen aus ihren zerrissenen Schuhen hervor, was beide als falsche Bettler kennzeichnen mag. Eine ausgezehrte Erscheinung säuft hochkant aus einem übergroßen Krug, so dass es ihr an den Wangen hinunterrinnt. Links im Raum steht eine Frau. Sie bringt auf einem Tablett neue Speisen. Allenthalben weist die Szenerie auf die Lasterhaftigkeit und Maßlosigkeit der Protagonisten hin. Hässlich ist die Fratze ungezügelter Trink- und Esssucht, die kein Ende, keinen Anstand und kein Maß kennt. Die Darstellung der avaritia ist von einer großen Holzbank geprägt, auf der verschiedene Figuren sitzen. Ein Richter verkörpert die Habgier. Er spricht mit einem blau gekleideten, seinen Geldbeutel fest umklammernden und damit offensichtlich geizigen Mann. Hinterrücks steckt ihm ein zweiter, äußerst blasser Mann ein Geldstück zu. Es scheint, als sollte der Kauf des im Hintergrund dargestellten Hauses durch Bestechung verhindert werden. Vor der Gier nach Besitztümern, vor Geiz, Betrug und Täuschung ist niemand gefeit. Habgier korrumpiert die Menschen aller Schichten und Stände. Die letzte Szene ist der invidia gewidmet. Kennzeichnend sind die neidischen Blicke der Figuren. Ein Mann und eine Frau lehnen an einer Haustür. Mit neidischem Blick sehen sie auf einen Falkner und dessen Tier. Hunde beneiden sich um ihre Beute, Männer um Frauen. Am rechten Bildrand stiehlt sich eine mit einem


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großen Sack beladene Gestalt fort. Neid scheint alltäglich, mannigfach sind seine Objekte, nahezu verborgen aber die scheelen Blicke der Neidenden. Alle Menschen also sind in allen Lebenslagen und -bereichen durch die Anfechtungen der ‹Todsünden› herausgefordert und gefährdet. Dies scheint die Kernaussage des hier sprachlich nachgezeichneten und mit dem Namen des niederländischen Malers Hieronymus Bosch verbundenen Gemäldes ‹Die Sieben Todsünden› und ‹Die vier letzten Dinge› zu sein. Es ist heute im Museo del Prado in Madrid zu bewundern und entstand um das Jahr 1500, stammt aber sehr wahrscheinlich gar nicht von Bosch selbst. 3 Der großen Bekanntheit des Werks tut dies keinen Abbruch. Wie kaum eine andere Darstellung der ‹Todsünden› prägte seine Vielzahl an Assoziationen und Symbolen deren Wahrnehmung über Jahrhunderte hinweg bis heute. In einzigartiger Weise fängt die Holztafel jene besondere Anziehungs- und Bannkraft des Bösen, Sündhaften und Destruktiven ein und verbindet sie gleichzeitig mit dem allzu Menschlichen, Natürlichen und Alltäglichen, was seit jeher eine breite Vielfalt kreativer Ausdrucksformen in Musik, Film, Literatur 4 und insbesondere in der Kunst 5 gefunden hat. In Gesamt- oder Einzeldarstellungen, allegorisch – wie in der Folge von sieben Holzschnitten des Augsburger Künstlers Hans Burgkmair aus dem Jahr 1510 oder in einem Kupferstich des Manieristen Georg Pencz (1541) – sowie eingebettet in biblische, historische oder mythologische Hintergrund- und milieutypische Alltagsszenen, wurden die Hauptlaster als ‹Todsünden› mit ihren je spezifischen Attributen und Symboltieren in verschiedenster Weise ins Bild gesetzt. 6 Als Leitmotive fungieren dabei oftmals der prudentianische Kampf der Tugenden gegen die Laster und deren glückende Unterwerfung oder die im Mittelalter einsetzenden Verbindungen mit Höllen- und 3 Nach dem Catalogue raisonné von 2016 (vgl. M. ILSINK U. A., Hieronymus Bosch. Maler und Zeichner. Catalogue raisonné, Stuttgart 2016, 470–475) wird das Werk nicht mehr Hieronymus Bosch zugeschrieben; vgl. auch E . POKORNY, Tischplatte, 41 f. 4 Vgl. z. B. das gesungene Ballett ‹Die sieben Todsünden der Kleinbürger› von K. Weill (Musik) und B. Brecht (Text) aus dem Jahr 1933, den Spielfilm ‹Seven› von D. Fincher (1995) sowie die literarischen Umsetzungen ‹Neid› von E. Jelinek (2008) oder ‹Lässliche Todsünden› von E. Menasse (2009). 5 Vgl. H. JACOB-FRIESEN, Von der Psychomachie zum Psychothriller. Die Sieben Todsünden in der Kunst, in: A. BELLEBAUM U. A. (Hg.), Die sieben Todsünden. Über Laster und Tugenden in der modernen Gesellschaft, Münster 2007, 29–85 und die Beiträge in I. BREUER/D. HERBERS (Hg.), Die Sieben Todsünden, Paderborn 2015; sowie die Übersicht bei G. R AVASI, Sünde. Versuche vom verfehlten Leben, St. Ottilien 2013, 54–71. 6 Für Zusammenstellungen des entsprechenden Bildmaterials siehe die folgenden Ausstellungspublikationen: KUNSTMUSEUM BERN/ZENTRUM PAUL KLEE (Hg.), Lust und Laster. Die 7 Todsünden von Dürer bis Nauman, Ostfildern 2010; M. THIERBACH (HG.), Die sieben Todsünden. Sonderausstellung im Diözesanmuseum St. Afra in Augsburg vom 11. Februar bis 8. Mai 2016, Petersberg 2016.


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Verdammnismotiven wie in Dantes ‹Göttlicher Komödie› und dessen Purgatorium. 7 Seine Darstellungen wurden stilbildend für die künstlerische Gestaltung der ‹Todsünden›, aber auch für deren moralische Bewertung und für entsprechende Pauschalisierungen. Mit der Moderne aber ging der christliche Sinngehalt den künstlerischen Umsetzungen zunehmend verloren. Entsprechende moderne Darstellungen bieten zum Beispiel der österreichische Künstler Alfred Kubin mit seinem Mappenwerk ‹Die Sieben Todsünden› (1915), der französische Maler Marc Chagall mit einer Folge von 16 Blättern (1925), der deutsche Maler Otto Dix 8 mit seinem Gemälde ‹Die Sieben Todsünden› (1933) oder auch der spanische Surrealist Salvador Dalí (1966-67) mit acht Radierungen. Noch 2018 stellte der deutsche Maler Erwin Hilbert einen Themenzyklus zu den ‹Sieben Todsünden› vor. Das Thema hält sich also bis heute, obgleich sich sein Auftrag und seine künstlerische Darstellung über die Zeit erheblich wandelten. 9 So erfuhr das Böse, repräsentiert in Gestalt der ‹Sieben Todsünden› und dadurch der Abstraktion durch Verbildlichung und Personifizierung enthoben, über die Jahrhunderte hinweg künstlerische Konkretionen, die bis heute nachwirken und unsere Vorstellungen vielfach (einseitig) prägen. Auch die Moraltheologie 10 ordnet die ‹Todsünden› diesem durch die Freiheit 11 des Menschen ermöglichten Bösen zu.

7 Vgl. J. C. BARNES/D. O'CONNELL (Ed.), Dante and the Seven Deadly Sins. Twelve Literary and Historical Essays, Dublin 2017. 8 Vgl. J. DRESCH, ‹Die sieben Todsünden› von Otto Dix im Kontext der Lasterdarstellungen, in: Die sieben Todsünden der Menschheit. Anstöße zu einer ökologischen Ethik, Karlsruhe 1992, 61–77. 9 Vgl. M. PRUMMER, Die sieben Todsünden in der Kunst: Genese bis in die Moderne. Ein ikonografischer Überblick zu den sieben Todsünden, in: M. THIERBACH (Hg.), Todsünden, 2016, 36–60, 58. 10 Die Begriffe ‹Moraltheologie› und ‹Theologische Ethik› werden im Wissen um die disziplinäre Differenzierung zwischen Moraltheologie und christlicher Gesellschaftslehre/Sozialethik unter dem Brückenbegriff ‹Theologische Ethik› im Folgenden weitgehend gleichbedeutend verwendet. 11 Vgl. J. SAUTERMEISTER, Die Autonomie des Subjekts. Errungenschaft, Forderung und Anspruch, in: A. AUTIERO U. A. (Hg.), Autorität in der Moral. Historische und systematische Perspektiven, Freiburg i. Br. 2019, 165–190, 176, der auf das Risiko und die Ambivalenz ebendieser Freiheit hinweist und auf Seite 167 schreibt: «Die Kehrseite personaler Freiheit bedeutet dagegen die grundsätzliche Möglichkeit des Menschen zum Bösen und in weniger radikaler Hinsicht die Möglichkeit, die eigenen Freiheitspotenziale nicht auszuschöpfen. […] Das menschliche Freiheitsvermögen ist nicht gegen dessen Fremd- und Selbstgefährdungen gesichert.»


ANNÄHERUNGEN UND VORGEHEN

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Sie benutzt dazu den Negativbegriff malum als Gegensatz zum bonum, dem Guten. 12 Bis heute stellt dieses malum als gleichermaßen anthropologischer wie handlungstheoretischer Grundbegriff einen unverzichtbaren, in sich jedoch vielfach ausdifferenzierten Topos des theologisch-ethischen Nachdenkens dar. Traditionell nicht selten auf die Handlungsebene verkürzt und mit dem Begriff der ‹Sünde› 13 gleichgesetzt, ist dessen Bestimmung kaum abschließend zu leisten. 14 Zu unterschiedlich wird vom Bösen gesprochen, als anthropologische Naturnotwendigkeit, als unausweichliche Folge der menschlichen und mit Sünde behafteten Geschöpflichkeit, als kontradiktorischer Gegensatz zum Guten, als «Nicht-Vorhandensein des Guten» 15 oder näherhin – in augustinischer sowie dann auch in thomanischer Tradition – als Mangel des Guten (privatio boni). 16 Selbstredend beschäftigen sich auch andere wissenschaftliche Disziplinen mit der Frage nach dem Bösen. So behandelt die Psychologie das Böse vornehmlich in

12 Eine Diskussion, auf die an dieser Stelle zumindest hinzuweisen ist, entbrannte an dem Vorwurf einer Marginalisierung des Bösen in der Moraltheologie, so W. FAULSTICH, Einführende Vorbemerkungen, in: DERS. (Hg.), Das Böse heute. Formen und Funktionen, München 2008, 9–21, gegen den sich K. ARNTZ, Die Entdramatisierung des Bösen aus moraltheologischer Sicht, in: ebd. 25–41, 26–30 wandte; vgl. zudem F.-J. BORMANN, Das Böse aus moraltheologischer Sicht, in: K. BERGER U. A. (Hg.), Das Böse und die Sprachlosigkeit der Theologie, Regensburg 2007, 85–102. 13 Vgl. hierzu K. HILPERT, Zentrale Fragen christlicher Ethik. Für Schule und Erwachsenenbildung, Regensburg 2009, 119. 14 Vgl. K. LEHMANN, Die Frage nach dem Ursprung des Bösen, in: I. U. DALFERTH U. A., Das Böse. Drei Annäherungen, Freiburg i. Br. 2011, 53–87, 79: «Die große Philosophie und Theologie wusste, dass sich der letzte Ursprung des Bösen nicht mehr auflichten lässt; in seiner Negativität herrschen, wie z. B. Thomas von Aquin mit einem Augustinus-Zitat sagt, Dunkel und Schweigen.» Für die Unterscheidung von Negativität und Bösem vgl. K.-W. MERKS, Böse, IV. Theologischethisch, in: LThK3 2 (2009), 608 f., 608: «Negativität entspringt der Kontingenz der Welt u. des Menschen, das B[öse, A. M.] dagegen ist Billigung u. (Re-)produktion v. Negativität.» 15 E . FROMM, Den Menschen verstehen. Psychoanalyse und Ethik, München 102014, 169. 16 Vgl. W. SCHMIDT-BIGGEMANN, Böse, I. Philosophisch, in: LThK3 2 (2009), 604 ff., 604 f.: «So entsteht die Situation, daß das Nicht-Ursprüngliche, Unwesentliche als die Privation des guten und erfüllten Seins gilt, das B[öse, A. M.] also privativ bestimmt ist […].»; vgl. K. LEHMANN, Ursprung des Bösen, 67, der in der Folge auch auf die Schwierigkeiten dieser Konzeption hinweist: «Die grundsätzliche Antwort der philosophischen und theologischen Tradition ist bekannt: Das Böse ist eine Verneinung, ein Mangel und eine Verderbnis des Guten. Es hat keinen eigenen ontologischen Status im Sinne eines substantiellen Seins. Das Böse ist wie ein Parasit am Guten.» Auf Seite 71 fügt Lehmann hinzu: «Es wird unterschätzt, wie wichtig das Privatio-Denken […] für die denkende Erfassung des Bösen ist und bleibt.»


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Analogie zur Krankheit 17 und hebt die Bedeutung interner und externer Faktoren 18 – das sind erzieherische und neuronale Gründe oder gesellschaftliche und strukturelle Systemdeterminanten – mit besonderem Nachdruck hervor. Die ‹Todsünden› kommen sowohl hier als auch im Kontext anderer Disziplinen vornehmlich als Emotionen in den Blick, was aus theologisch-ethischer Sicht zu reflektieren sein wird und zugleich das weite Spektrum der Emotions-, Moral- und Entwicklungspsychologie eröffnet. Ein prominentes Beispiel hierfür bietet Anton Bucher mit seiner empirisch fundierten ‹Psychologie der 7 Todsünden›. 19 Die Biologie sucht nach den molekular- und zellbiologischen Grundlagen bösen menschlichen Verhaltens, ganz konkret auch am Beispiel der ‹Sieben Todsünden› wie bei John Medina. 20 Dementgegen nimmt die Soziologie «eine erneuerte Verlagerung vor, die das Böse nun auch vom individuellen Menschen löst und seinen Ursprungsort in der Gesellschaft sucht» 21. Mit konkreten Analysen zur sozialen Genese und Rolle der ‹Todsünden› beschäftigen sich Gerhard Schulze 22, Stanford M. Lyman 23 oder auch Roy Baumeister 24. Dazu kommen weitere soziologische Studien zu einzelnen ‹Todsünden›, so zum Beispiel für den Neid von Helmut Schoeck 25 oder auch von Nicole Schippers 26.

17 Vgl. W. FAULSTICH, Vorbemerkungen, 12: «Die Psychologie verankert das Böse immer noch im Menschen, fasst es aber nicht mehr abstrakt im Verhältnis zum Guten, sondern als Krankheit der individuellen Seele, als Leiden, als Angst und Schmerz, als Fehlfunktion des Einzelnen, die es zu heilen bzw. zu beheben gilt […].» 18 Vgl. J.-C. WOLF, Das Böse – ethisch und symbolisch, in: P.-CH. CHITTIL APPILLY (Hg.), Horizonte gegenwärtiger Ethik, Freiburg i. Br. 2016, 143–151, 146: «Externe Faktoren existieren und sind eminent wichtig für eine Theorie des Bösen. Es wäre völlig verfehlt, das Böse nur aus inneren Faktoren ableiten zu wollen.» 19 Vgl. A. BUCHER, Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Psychologie der 7 Todsünden, Berlin/Heidelberg 2012. Neben einer Vielzahl an exemplarischen Studien berücksichtigt Bucher in Bezug auf die Psychogenese der ‹Todsünden› sowie auf der Basis einer von ihm eigens erhobenen Studie verschiedenste allgemein-, differential-, entwicklungs-, evolutionspsychologische und klinisch-therapeutische Aspekte. 20 Vgl. J. MEDINA, Am Tor zur Hölle. Die Biologie der sieben Todsünden, Heidelberg/Berlin 2002. 21 W. FAULSTICH, Vorbemerkungen, 12; vgl. K. HILPERT, Zentrale Fragen, 117 f. 22 Vgl. G. SCHULZE, Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde, Frankfurt a. M. 2008. 23 Vgl. S. M. LYMAN, The Seven Deadly Sins. Society and Evil, Dix Hills 1989. 24 Vgl. R. BAUMEISTER, Vom Bösen. Warum es menschliche Grausamkeit gibt, Bern 2013, bietet keine fokussierte Auseinandersetzung mit den Lastern, aber doch einen sozialwissenschaftlichen Beitrag, der sich mit der Frage des Bösen – auch unter Berücksichtigung von einigen wenigen klassischen Hauptlastern wie Habgier und Wollust – beschäftigt. 25 Vgl. H. SCHOECK, Der Neid und die Gesellschaft, Freiburg i. Br. 41974. 26 Vgl. N. SCHIPPERS, Die Funktionen des Neides. Eine soziologische Studie, Marburg 2012.


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