| KOHLHAMMER
STUDIEN ZUR CHRISTLICHEN RELIGIONS- UND KULTURGESCHICHTE
APOLOGIE, POLEMIK, DIALOG
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MARIANO DELGADO GREGOR EMMENEGGER VOLKER LEPPIN (HG.)
Religionsgespräche in der Christentumsgeschichte und in der Religionsgeschichte
Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte Herausgegeben von Mariano Delgado und Volker Leppin Band 29
Apologie, Polemik, Dialog Religionsgespräche in der Christentumsgeschichte und in der Religionsgeschichte Herausgegeben von Mariano Delgado, Gregor Emmenegger und Volker Leppin
Schwabe Verlag Kohlhammer
Dieses Buch ist mit Unterstützung des Hochschulrats der Universität Freiburg Schweiz und der Stiftung Dialog zwischen Kirchen, Religionen und Kulturen (Basel) veröffentlicht worden. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz / W. Kohlhammer Verlag GmbH, Stuttgart, Deutschland Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Petrus Alfonsi († nach 1130) im fiktiven Gespräch mit seinem früheren jüdischen Selbst Moyses: https://www.wikiwand.com/de/Petrus_Alfonsi Lektorat: Andreas Burri Kolektorat: Melissa Brooks-Yarba Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg Layout | Satz: GraphicDesign Sievernich & Rose Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany
ISBN Printausgabe 978-3-7965-4362-3 (Schwabe) ISBN Printausgabe 978-3-17-040992-7 (Kohlhammer) ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4412-5 (Schwabe) DOI 10.24894/978-3-7965-4412-5
Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights @ schwabe.ch www.schwabe.ch
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MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen
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Inhaltsverzeichnis 9 Vorwort 10 Einleitung
I Antike und Mittelalter Jan Assmann 21 Die Mosaische Unterscheidung und die Götzendienstproblematik im Alten Testament Michael Tilly 41 ›Wir sind anders‹. Juden, Griechen, Ägypter, Christen und ihre gegenseitige Wahrnehmung im Spiegel der antiken literarischen Quellen Franz Mali 59 Justins Dialog mit Tryphon: Ein Beispiel für interreligiösen Dialog? Katharina Heyden 95 Irenische Fiktion in polemischer Absicht. Der spätantike Disputationsroman De gestis in Perside als Widerspruch gegen die Religionspolitik in Byzanz Gregor Emmenegger 113 Das Religionsgespräch bei der Synode von Whitby 664 Amir Dziri 125 Auszüge mutazilitischer Polemik gegen das Christentum. Die koranische Entstellungsthese (taḥrīf) in der Kodifikationskritik des ʿAbd al-Ǧabbār
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Inhaltsverzeichnis
Carmen Cardelle de Hartmann 143 Dialoge und Dialog. Literarische Dialoge über Christentum und Judentum im lateinischen Mittelalter Maria Lissek 165 Die Kraft der Fiktion für die Realität. Die mittelalterlichen Kontroversdialoge Gilbert Crispins und Petrus Alfonsis Alexander Fidora 191 Die christlich-jüdische Disputation von Barcelona aus dem Jahr 1263: Wende- oder Höhepunkt? Volker Leppin 207 Fiktive Religionsgespräche im Mittelalter. Petrus Abaelard – Raimundus Lullus – Nikolaus von Kues Hans-Joachim Schmidt 231 Verbotene Kontakte und Gespräche zwischen Christen und Juden. Der Traktakt De conversatione Christianorum et Judeorum vermutlich von Johannes Capestrano (um 1450)
Inhaltsverzeichnis
II Frühe Neuzeit:
Die große Zeit der Religionsgespräche
Susanne Schuster 253 Dialog als didaktisches Medium der Reformationszeit Barbara Hallensleben 267 Unionsgespräche zwischen West- und Ostkirchen in der frühen Neuzeit Peter Opitz 289 »Die sach bedarf nit menschlicher richter«. Zwinglis Disputationen von 1523 und die Anfänge einer ›nach Gottes Wort reformierten‹ Kirche Judith Engeler 307 Zwischen Polemik und Dialog. Heinrich Bullinger und die Frage der Abendmahlskonkordie Irene Dingel 323 Konfessionelle Differenz in der Diskussion. Ziele und Wirkung innerprotestantischer Religionsgespräche Athina Lexutt 343 Das Gespräch als letzter Versuch. Die Reichsreligionsgespräche Mariano Delgado 369 Außereuropäische Religionsgespräche katholischer Missionare im 16. Jahrhundert Andreas Nehring 387 Religionsgespräche in Sri Lanka. Kontroversen zwischen Buddhisten und (protestantischen) Christen
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Inhaltsverzeichnis
III Interkonfessioneller und
interreligiöser Dialog in der Moderne
Dorothea Sattler 401 Einander das Wort geben. Ein Plädoyer (auch) für Gespräche im Geschehen der Ökumene in Tat und Leben Johann Figl 423 Buddhistisch-christliche Religionsgespräche. Zentrale Motive der Jesus-Deutung Werner Höbsch 441 Christlich-buddhistische Begegnungen in Meschede. Praxis und Reflexion eines außergewöhnlichen Weges Hansjörg Schmid 461 Interreligiöser Expertendialog als neue Form der Religionsgespräche? Fallbeispiele, Interaktionen, Governance Gregor Maria Hoff 481 50 Jahre nach Nostra aetate. Jüdische Stellungnahmen im 21. Jahrhundert Anhang 498 Personenregister 506 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Vorwort ie Symposien zu Themen der Kirchen- und Religionsgeschichte, die in Kooperation zwischen dem Institut für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog der Universität Freiburg / Schweiz und dem Institut für Spätmittelalter und Reformation der Universität Tübingen alljährlich in Freiburg stattfinden, haben sich nun schon als Ort des Austauschs über gewohnte Fächergrenzen hinweg und als Grundlage für gute handbuchartige Sammelbände etabliert. In dieser Reihe fand unter der Leitung der Herausgeber vom 2.-4. Mai 2019 das Symposium »Apologie, Polemik, Dialog. Religionsgespräche in der Christentumsgeschichte und in der Religionsgeschichte« statt, dessen Akten nun in diesem Band der Öffentlichkeit vorgelegt werden. Seine Durchführung wurde vom Schweizerischen Nationalfonds für die Wissenschaftliche Forschung, vom Forschungsfonds der Universität Freiburg und vom Dekanat ihrer Theologischen Fakultät finanziell unterstützt. Die interdisziplinäre Vielfalt von kirchen-, kultur-, und religions historischen Annäherungen eröffnet neue Perspektiven auf diese wichtige Thematik der Religionsgeschichte. Die Beiträge geben Impulse für die weitere Forschung zu Religionsgesprächen in der Christentumsgeschichte, aber auch in Judentum, Islam und Buddhismus. Für die Aufnahme in das Publikationsprogramm danken wir den Verlagen Schwabe in Basel und W. Kohlhammer in Stuttgart. Ferner gilt unser Dank der Publikationskommission des Hochschulrates Freiburg / Schweiz und der Stiftung Dialog zwischen Kirchen, Religionen und Kulturen (Basel) für die Gewährung eines großzügigen Druckkostenzuschusses. Für die redaktionelle Aufarbeitung der Manuskripte danken wir Herrn cand. Dr. phil. Andreas Burri, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Freiburg / Schweiz, und Frau Melissa Brooks-Yarba, studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Kirchengeschichte I der EvangelischTheologischen Fakultät der Universität Tübingen. Genauso wie das Manuskript zum Band dieser Reihe 2020 wird dieses in einer Zeit abgeschlossen, zu der das Coronavirus die Welt im Griff hat und so angenehme Treffen wie im Mai 2019 in weite Ferne gerückt scheinen. Für eine Universität sind die lebendigen Kontakte zwischen Forschenden, Lehrenden und Studierenden, die zu einer »gemeinsamen Produktivität« führen können, unverzichtbar. So wollen wir hoffen, dass A dergleichen in absehbarer Zeit wieder möglich sein wird! Freiburg / Schweiz und Tübingen | Frühjahr 2021 Mariano Delgado | Gregor Emmenegger | Volker Leppin
Einleitung
von Mariano Delgado | Gregor Emmenegger | Volker Leppin
uch wenn Religionen weder zu dem Zweck gestiftet worden sind, »miteinander ins Gespräch zu treten«, noch diese Fähigkeit besonders kultiviert haben,1 bieten uns die Christentumsgeschichte und die Religionsgeschichte eine erstaunliche Zahl und Vielfalt von Religionsgesprächen. Davon zeugt eine ansehnliche Forschungsliteratur, die sich besonders in den letzten Jahren mit dem Thema befasst hat, aber auch die Tatsache, dass das Stichwort ›Religionsgespräche‹ Eingang in die großen Fachlexika für Theologie und Religionswissenschaft gefunden hat.2 Der Begriff ›Religionsgespräche‹ wird hier nicht im engen Sinne der binnenchristlichen Konfessionsgespräche der Frühen Neuzeit verwendet, sondern im weiten Sinne des Wortes, der die Diskussionen und Dialoge zwischen Vertretern verschiedener Religionen oder verschiedener Zweige einer Religion umfasst. Es geht also sowohl um Religionsgespräche als Begegnung zwischen abgeschlossenen, vollständig organisierten Religionssystemen als auch um Auseinandersetzungen um den Kern religiöser Wahrheit im Zusammenhang von Herauslösungsprozessen einer Religion aus der anderen oder der Abgrenzung unterschiedlicher konfessioneller Auslegungen einer Religion gegen die jeweils andere Auslegungstradition. Eine besondere Bedeutung und Dichte haben Religionsgespräche in der Christentumsgeschichte gewonnen: von den Streitgesprächen Jesu mit den jüdischen Schriftgelehrten und Pharisäern über die Schriften gegen die ›Anderen‹ (Heiden oder ›Gentiles‹, Ketzer, Juden) in Antike und Mittelalter und die Konfessionsgespräche in der Frühen Neuzeit bis zu den vielfältigen interkonfessionellen und interreligiösen Dialogen der Gegenwart. Sie wurden in einem apologetischen, polemischen oder irenisch-dialogischen Geist geführt und stehen im Fokus dieses Bandes, der sich aber auch exemplarisch mit dem dialogischen Element in Judentum, Christentum und Buddhismus beschäftigt. 1 Jacques Waardenburg, Religionsgespräche I. (Allgemein), in: TRE 28 (1997) 631-640, hier 631. 2 Vgl. u. a. das Stichwort ›Religionsgespräche‹ (I.-IV.) in; TRE 28 (1992) 631-681; auch in: RGG 4 7 (2004) 328-333; vgl. auch das Stichwort ›Dialog‹ bzw. ›Dialog der Religionen‹ in: RGG 4 2(1999) 815-826; auch in: LT hK3 3 (1995) 191-198.
Einleitung
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1 Bibel und Koran, Antike und Mittelalter Das Apologetisch-Polemische ist in unserer Kulturgeschichte nach der einflussreichen Deutung von Jan Assmann besonders durch die ›Mosaische Unterscheidung‹ zwischen dem einen wahren und starken Gott Israels und den vielen falschen und nichtigen Göttern der Völkerwelt geprägt worden. Assmann deutet diese heuristische Kategorie im ersten Beitrag dieses Bandes anhand der Tora, der Propheten und der Weisheitsliteratur. Er unterscheidet auch zwischen ›Monotheismus der Treue‹ und ›Monotheismus der Wahrheit‹. Zwei Gegenmittel entwickelt der biblische Monotheismus in der Spätantike, um die Situation zu entschärfen und ein friedliches Zusammenleben mit anderen Religionen zu ermöglichen. Das eine ist das Prinzip torah im derech eretz, d. h. die Tora und die Gesetze des (Gast-)Landes schließen sich nicht aus, das andere ist die Ringparabel, deren älteste Varianten auf das frühe Mittelalter zurückgehen und in denen es um eine behutsame Relativierung der offenbarten Wahrheit geht. Michael Tilly geht der Frage nach, wie sowohl antike griechische und römische Autoren als auch zeitgenössische jüdische und frühchristliche Schriftsteller das Instrumentarium der Polemik verwendeten, um die eigene kulturelle und religiöse Überlegenheit zu behaupten, um missliebige Personen und Gemeinschaften als Konkurrenten, Gegner, Abweichler oder Irrlehrer zu diskreditieren oder um dem eigenen Bedürfnis nach Abgrenzung und Identitätssicherung Ausdruck zu verleihen. Am Ende stellt er die Frage nach den Funktionen frühchristlicher Judenpolemik im Streit um die ›wahre‹ Religion. Mit dem Beitrag von Franz Mali wird der weite Bogen von der Antike bis zur Renaissance gespannt. Obwohl der Dialog Justins mit dem Juden Tryphon aus der Mitte des 2. Jahrhunderts als fiktiv anzusehen ist, fasst Justin darin seine Erfahrung und seine Kenntnis jüdischer Lehren zusammen, die er vermutlich in mehreren echten Gesprächen gesammelt hat. So fällt dieser Dialog wohl in die Kategorie von ›missionarischen‹ Religionsgesprächen, die in der Christentumsgeschichte eine wichtige Rolle spielen: Justin versucht, dem jüdischen Gesprächspartner die Richtigkeit seiner Überzeugung und seiner Auslegung bestimmter Bibelstellen darzulegen. Er wünscht sich am Schluss, dass auch sein Gegenüber den Glauben an Jesus als den Messias Gottes teile. Als literarisch aufgearbeitete Mischung von Fiktion und Fakten betrachtet Katharina Heyden den spätantiken, im Mittelalter breit rezipierten Disputationsroman De gestis in Perside, der von einer Religions-
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konferenz am persischen Königshof erzählt. Die Auseinandersetzung zwischen Christen, Hellenen, Zoroastriern und Juden geht zugunsten des Christentums aus, aber friedlich und mit einem Plädoyer des Schiedsrichters Aphroditian für friedliche Koexistenz. Bei ihrer Auslotung von Fiktion und Fakten kommt die Autorin zum Ergebnis, dass der anonyme, wahrscheinlich christliche Autor Persien als Kulisse für eine ideale, friedliche Auseinandersetzung wählt, um seine Kritik an der Religionspolitik Justinians und an der Zerstrittenheit der Christen seiner Zeit auszudrücken. Die Disputation bei der Synode von Whitby 664 wurde von Beda als Wendepunkt in der Heilsgeschichte Britanniens geschildert. Gregor Emmenegger zeigt auf, dass die Kirchengeschichte Bedas im Widerspruch zu anderen Quellen aus der Zeit steht, die illustrieren, dass beim Entscheid des Königs politische und dynastische Fragen eine wesentliche Rolle spielten und Bedas theologisch begründeter Antagonismus zwischen ›Römern‹ und ›Iren‹ der vielschichtigen Wirklichkeit nicht gerecht wird. Inmitten dieser christlichen Auseinandersetzungen macht Amir Dziri auf die mutazilitische Polemik gegen das Christentum aufmerksam. Die Widerlegung des Christentums in einer Mischung aus Polemik und Dialog bei der Verteidigung des Islam ist ihm zufolge bereits im Koran angelegt. Innerhalb der daraus erwachsenden Literatur zur Widerlegung des Christentums sticht das Werk des mutazilitischen Religionsgelehrten ʿAbd al-Ǧabbār (g. 415 / 1025) heraus. In einem bis dahin einmaligen Ansatz verknüpft er die koranische Entstellungsthese (taḥrīf) mit einer Kodifikationskritik der christlichen Bibel und schreibt damit letztlich muslimisch-koranische Deutungen in seine Darstellung christlicher Frühgeschichte hinein. Carmen Cardelle de Hartmann geht den literarischen Dialogen über Christentum und Judentum im lateinischen Mittelalter nach. Sie fragt nach deren realer Erfahrungsgrundlage. Für das Hochmittelalter stellt sie fest, dass die Dialoge vor allem im Umkreis der Schulen verfasst und in Klöstern rezipiert wurden. Sie adressierten ein christliches Publikum und bezogen sich auf aktuelle theologische Themen, nicht jedoch auf Bereiche wie die Exegese, in denen tatsächlich ein Austausch mit dem Judentum stattfand. Die Dialoge des Spätmittelalters entstanden fernab der Universitäten, haben in der Regel nur geringe formale und inhaltliche Ansprüche und führen eher polemische Angriffe als Gespräche vor. Maria Lissek stellt die Dialoge Gilbert Crispins und Petrus Alfonsis in ihrer Eigenheit dar und zeigt, wie die Termini Apologie, Polemik und Dialog sich anhand des durch die Dialoge präsentierten christlichen Selbst-
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verständnisses füllen lassen. Die Kontroversdialoge des frühen Mittelalters sind für sie das fiktiv verarbeitete Produkt der Wirklichkeitswahrnehmung interreligiöser Begegnungen. Mit der berühmten christlich-jüdischen Disputation von Barcelona aus dem Jahr 1263, bei der der Dominikaner Pau Cristià mit dem berühmten Rabbiner von Girona Moses Nachmanides über das Kommen des Messias stritt, setzt sich Alexander Fidora auseinander: War sie Wende- oder Höhepunkt dieser Religionsgespräche? Bisher wurde angenommen, das Neue an dieser Disputation gegenüber der Pariser Disputation aus dem Jahr 1240 liege nicht in der Benutzung des Talmud, sondern in der affirmativen Verwendung rabbinischer Quellen, um aus ihnen heraus die christliche Wahrheit zu erweisen. Fidora revidiert diese Sicht und zeigt dagegen, wie die Barceloniner Disputation auch in der zuletzt genannten Hinsicht durchaus im Zusammenhang mit den Pariser Ereignissen und insbesondere mit den Extractiones de Talmud interpretiert werden muss. Die berühmten fiktiven Religionsdialoge im Mittelalter von Petrus Abaelard, Raimundus Lullus und Nikolaus von Kues sind das Thema von Volker Leppin. Auch wenn sie aus unterschiedlichen Jahrhunderten und unterschiedlichen Kontexten stammen, verbindet sie der Versuch, im fiktiven Dialog mit Vertretern anderer Religionen als des Christentums eine Lösung der Wahrheitsfrage zu finden. Der Maßstab hierzu ist die Vernunft, in der jeweils spezifischen Weise, wie die Autoren mit ihr umgehen. Obwohl Raimundus Lullus selbst in Gesprächen mit dem Islam engagiert war und sich auch bei Petrus Abaelard wie Nikolaus von Kues reale Auseinandersetzungen mit anderen Religionen im Hintergrund erkennen lassen, sind die Dialoge insgesamt eher Entfaltungen des jeweiligen theologischphilosophischen Konzepts als Ausdruck eines echten Interesses an der je anderen Religion. Am Ende des oben genannten Bogens steht der missionarische Traktat De conversatione Christianorum et Judeorum, vermutlich von Johannes Capestrano (um 1450). Für Hans-Joachim Schmidt ist das Neue dieses Textes, verglichen mit der theologischen und rechtlichen Tradition, dass die Bestimmungen des Kirchenrechts und die Kompetenz von kirchlichen Gerichten auf Juden ausgedehnt werden sollen. Ist auch die Existenz von Juden und ihren Gemeinden garantiert, so werden sie sozial und rechtlich segregiert und werden ihnen Kontaktsperren auferlegt. Eine Kommunikation soll ausgeschlossen werden. Lediglich unilaterale Missionsbemühungen gegenüber Juden sind erlaubt. Ein interreligiöser Dialog soll nicht stattfinden.
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2 Frühe Neuzeit: Die große Zeit der Religionsgespräche Der Teil über die Frühe Neuzeit wird durch den Beitrag von Susanne Schuster über den Dialog als didaktisches Medium in der Reformationszeit eröffnet. Die Dialogflugschriften der frühen reformatorischen Bewegung werden gattungsgeschichtlich mit der sich transformierenden Disputation in Verbindung gebracht. Die Dialogflugschriften in Gesprächsform und Alltagsnähe übernehmen die Funktion, den Laien die reformatorische Grundidee zu vermitteln, dass das Heil allein durch das Wort Gottes zu erlangen ist und nicht durch die Beachtung von Menschensatzungen. Die Leser werden als potentielle Multiplikatoren der reformatorischen Ideen betrachtet. Das erklärt auch das positive Laienbild, das die Dialogflugschriften entwerfen und an die Rezipienten vermitteln. Der Gesprächscharakter der Dialogflugschriften wird durch die entstehenden Katechismen aufgegriffen und umgeformt. Nun dient das Gespräch nicht mehr dazu, reformatorische Ideen zu propagieren, sondern reformatorische Glaubensinhalte zu vermitteln. Barbara Hallensleben bietet einen Überblick über die Unionsgespräche zwischen West- und Ostkirchen in der frühen Neuzeit. Sie sind als ›innerkirchliche‹ Dialoge zu betrachten. Die Partner verstanden sich trotz Spannungen als zugehörig zur einen Kirche und knüpften an die Union des Konzils von Ferrara-Florenz 1438 / 39 an. Allerdings trug das Scheitern der Unionen erheblich zur Konfessionsbildung bei, die im 18. Jahrhundert ›Lateiner und Griechen‹ zu ›Katholiken und Orthodoxen‹ werden ließ. Behandelt werden in ihren ökumenischen Konsequenzen das Konzil von Florenz als Bezugspunkt der Unionsgespräche; die strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen exemplarischen Unionsbestrebungen; die Union von Brest (1595 / 96) als bekannteste und bis heute umstrittene Union. Auch in der kleinen Schweiz fanden viele Religionsgespräche statt. Peter Opitz setzt sich mit Zwinglis Disputationen von 1523 und den Anfängen einer ›nach Gottes Wort reformierten‹ Kirche auseinander. Sie können als Beginn einer ›reformierten‹ Disputationskultur verstanden werden. Ein im Vergleich zum spätmittelalterlichen Christentum bahnbrechend neues Verständnis vom Wesen der christlichen Kirche und ihrem Verhältnis zur göttlichen Wahrheit verlangte nach einer neuen Form von Glaubensgesprächen und Prozessen christlicher Wahrheitsfindung. Während das Resultat der Ersten Disputation vom Januar in der Legitimierung einer solchen Disputationskultur bestand, ging es in der Zweiten Disputation vom Oktober um eine erste Bewährung angesichts konkreter, zur Entscheidung stehender Fragen.
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Mit Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger in der Funktion als Antistes in Zürich, und der Frage der Abendmahlskonkordie beschäftigt sich Judith Engeler. In den Auseinandersetzungen zwischen der wittenbergischen und der oberdeutschen / schweizerischen Reformation über das Abendmahl ging es seit 1525 vornehmlich um die Frage, inwiefern Jesus Christus im Abendmahl leiblich gegenwärtig sei. Im Ringen um eine Einigung fanden viele verschiedene, formelle und informelle, Gespräche statt. Dabei zeigte sich insbesondere das Jahr 1536 als fruchtbar: Im Schatten der Verhandlungen über das Erste Helvetische Bekenntnis entspannte sich das Verhältnis von Bullinger und dem Straßburger Reformator Martin Bucer und sogar eine Einigung mit Luther schien plötzlich in Reichweite. Aber eine ›richtige‹ Einigung in der Konkordienfrage wurde nicht erzielt. Bullinger zeigte sich da so lange am Dialog interessiert, bis die Polemik 1539 mit der Verketzerung Zwinglis durch Luther wieder überhandnahm. Ziele und Wirkung innerprotestantischer Religionsgespräche ist das Thema des Überblicksbeitrags von Irene Dingel. An ausgewählten Beispielen zeigt sie, wie man mit konfessioneller Differenzierung bzw. bereits ein getretener Differenz ›gesprächsweise‹ umzugehen versuchte. Beleuchtet werden die Konstellationen im lutherischen Raum, in der Konfrontation von Luthertum und Calvinismus und in der Auseinandersetzung mit dem Täufertum. Ihr eigentliches Ziel, nämlich die Überwindung der Differenzen, erreichten die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stattfindenden innerprotestantischen Religionsgespräche ebenso wenig wie seinerzeit die großen Reichsreligionsgespräche. Ihre langfristige Wirkung bestand in binnenkonfessioneller Klärung, in konfessioneller Grenzziehung und in theologischer Marginalisierung. Damit trugen sie erheblich zur Festigung christlicher Konfessionalität bei. Mit den Reichsreligionsgesprächen von 1540 / 41 in Hagenau, Worms und Regensburg beschäftigt sich Athina Lexutt. Sie dürfen als der letzte Versuch angesehen werden, die drohende Religionsspaltung abzuwenden, ohne dazu ein Konzil zu bemühen, dessen Beschickung die Protestanten ablehnten, da es vom Papst einberufen wurde und daher als unfrei galt, oder gar zu kriegerischen Mitteln zu greifen. Auf einer Art Nationalkonzil sollten vor allem die theologischen Fragen dialogisch geklärt und über sie abgestimmt werden. Komplexe Verfahrensfragen, die besonders den Abstimmungsmodus und die Verhandlungsgrundlage der theologischen Debatte betrafen, und vor allem das starke Selbstbewusstsein der Protestanten, das angesichts eines vergleichsweise instabilen Lagers der Altgläubigen sogar noch wuchs, verhinderten indes den vom Kaiser gewünschten raschen Vergleich. Nichtsdestotrotz ist der irenische Wille zumindest einiger Ge-
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sprächsteilnehmer bemerkenswert. Die Reichsreligionsgespräche sind in dieser Hinsicht insgesamt ein Spiegel der vielfältigen Phänomene ihrer Zeit und der Verschränkung mannigfacher Ebenen der Geschichte. Der Teil über die frühe Neuzeit wird mit zwei Beiträgen über »mis sionarische« Religionsgespräche von Katholiken und Protestanten mit Menschen und Religionen außerhalb Europas abgeschlossen. Bei Mariano Delgado geht es um vier Religionsgespräche katholischer Missionare in unterschiedlichen Kontexten: die Wechselreden zwischen den Franziskanern und aztekischen Vornehmen in Mexiko 1524; den ethnographischen Fragebogen des Merzedariers Francisco de Bobadilla für das Gespräch mit den Nicaraos 1528 im heutigen Nicaragua; das Religionsgespräch zwischen Jesuiten und buddhistischen Bonzen in Yamaguchi 1551; und schließlich das quasi Religionsgespräch zwischen einem spanischen Jesuiten und einem Moslem in Yemen Ende des 16. Jahrhunderts. Bei diesen Religionsgesprächen ging es nicht um interreligiösen Dialog im heutigen Sinne, sondern um Gespräche zwischen Apologie und Polemik, geprägt vom damaligen kirchlichen Exklusivismus sowie von der mosaischen und der augustinischen Unterscheidung. Letztere bedeutete, dass in manchen Gebieten die Kirche mit Hilfe des christlichen Staates gegen Polytheismus und Götzendienst vorgehen konnte, und in anderen nicht. Andreas Nehring beschäftigt sich mit der Religionsdebatte von Pānadura (Sri Lanka) im Jahr 1873 zwischen protestantischen Missionaren und Buddhisten. Sie ist das wichtigste und einflussreichste Gespräch unter den Dialogen zwischen christlichen Missionaren und Vertretern des Buddhistischen Sangha in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Beitrag ordnet die Bedeutung der Pānadura-Debatte als religionspolitisches Ereignis ein und skizziert ihren Kontext, ihren Hintergrund und ihre Auswirkungen. 3 Interkonfessioneller und interreligiöser Dialog in der Moderne Der letzte Teil des Bandes widmet sich dem heutigen interkonfessionellen und interreligiösen Dialog anhand von vier ausgewählten Beispielen. Vor dem Hintergrund der aktuellen stagnierenden Situation im ökumenischen Gespräch zwischen evangelischen und katholischen Christen und Christinnen plädiert Dorothea Sattler für Gespräche im Geschehen der Ökumene in Tat und Leben. Der Beitrag wirbt mit folgenden Argumenten für die Fortsetzung der ökumenischen Dialoge: In ihnen wird eingeübt, einander
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das Wort zu geben; in Gesprächen begegnen sich Menschen auf Augenhöhe; Wahrnehmungen der Wirklichkeit können ausgetauscht werden; Erkenntnisgewinne sind zu erreichen; persönliche Begegnungen verwandeln. Im Beitrag wird zudem eine kurze Zusammenfassung der thematischen Ergebnisse der ökumenischen Gespräche (mit Schwerpunkt auf dem Verständnis von Abendmahl und Eucharistie) geboten. Die Dialog-Ökumene wird als ein Beitrag auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen betrachtet. Mit zentralen Motiven der Jesus-Deutung in den buddhistisch-christ lichen Religionsgesprächen ab den 1990er Jahren beschäftigt sich Johann Figl. Er geht zunächst von wichtigen Dialogveranstaltungen mahayanabuddhistischer Ausrichtung aus: von einem Kyoto Zen Symposion, das in Verbindung mit der sogenannten Kyoto-Schule (bes. Nishida, Nishitani und Ueda) in Japan stattfand; die Grundlagen für die Begegnung mit dem Christentum waren dabei Mystik (bes. Meister Eckhart) und Religionsphilosophie (vor allem Heidegger und Nietzsche). Zweitens stellt er das leitende Anliegen eines interreligiösen Dialog-Seminars am Zentral-Institut für Höhere Tibetische Studien in Sarnath (Indien) heraus, das unter Beteiligung des Dalai Lama stattfand und an dem buddhistische, hinduistische und christliche Gelehrte teilnahmen. Diese Begegnung orientierte sich an vergleichbaren Basisbegriffen der drei genannten Traditionen (buddh.: Shunya / Leere; hinduist.: Purna / Fülle; und christlich: Pleroma / Fülle), und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch in Verbindung mit Meditationspraxis. Exemplarisch weist der Autor schließlich auf theravada-buddhistische Gesprächsperspektiven hin. Werner Höbsch setzt sich mit der Erfahrung des christlichbuddhistischen Dialogs seit 2008 im Haus der Stille/Benediktinerabtei Meschede auseinander. Die jährlichen Treffen sind nicht durch eine Debattenkultur geprägt, sondern durch einen persönlichen Austausch, der vom Interesse an der Person des Anderen geleitet ist. Inhaltliche Impulse, Austausch und gemeinsames Schweigen sind konstitutiv für diese Begegnungen. Die Offenheit im Hören und Antworten lassen den Dialog zu einem Resonanzraum werden. Anhand von vier ausgewählten christlich-islamischen Dialoginitiativen in unterschiedlichen (westlichen) Länderkontexten analysiert Hansjörg Schmid, in welcher Sprecherrolle sich die Beteiligten befinden, wie sie interagieren, welche Themen behandelt werden und wie die Dialoge von politischen oder anderen institutionellen Interessen gelenkt werden. Dabei vertritt er die Grundthese, dass sich interreligiöse Dialoge mit theologischen Schwerpunkten zu Expertendialogen in relativer Unabhängigkeit von den Religionsgemeinschaften entwickelt haben, was weitreichende Folgen für die Repräsentativität und Wirksamkeit der Dialoge nach sich zieht.
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Der Band wird mit dem Beitrag von Gregor M. Hoff über Stellungnahmen zumeist aus der jüdischen Orthodoxie im 21. Jahrhundert zu den katholischen Erklärungen zum Dialog mit dem Judentum abgeschlossen. Sie weisen in eine neue Richtung – hin zu einem dezidiert theologischen Austausch, der von Seiten des orthodoxen Judentums lange Zeit kritisch betrachtet wurde. Nun scheint die Zeit – über Konfessionsgrenzen hinweg – langsam reif zu sein für Diskussionen über eine ›Christologie zwischen Judentum und Christentum‹. 4 Ausblick Die Beiträge dieses Bandes durchschreiten die Geschichte der Religionsgespräche und lassen eine Entwicklung erkennen: von der Apologie und Polemik zum heutigen interkonfessionellen und interreligiösen Dialog auf Augenhöhe. Dieser setzt nicht nur Religionsfreiheit und Irenik als Bedingung voraus, sondern auch eine gute Kenntnis der eigenen und der fremden Religion bzw. Konfession, d. h. eine gut reflektierte Theologie der Religionen bzw. der Ökumene, manchmal auch, etwa für den Dialog im Bereich der Mystik, eine tiefe spirituelle Erfahrung, sowie die Bereitschaft, sich auf einen gemeinsamen Austausch und Lernprozess einzulassen. Diese Einleitung zeichnet die Idee nach, die die Herausgeber bei der Konzeption von Tagung und Veröffentlichung leitete. Die Texte müssen aber nicht unbedingt in der Reihenfolge des Inhaltsverzeichnisses gelesen werden. Sie können auch als einzelne Artikel betrachtet werden, die je für sich wertvolle Anregungen zum Nachdenken enthalten. A