Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft Uwe Plath
Castellios Selbstverständnis in seiner Auseinandersetzung mit Calvin
Schriften der Internationalen Castellio Gesellschaft Herausgegeben vom Vorstand der Internationalen Castellio Gesellschaft Konzeption und Redaktion: Prof. Dr. Brigitte Hilmer Wissenschaftlicher Beirat: Dr. Christine Christ-von Wedel Prof. Dr. Mariano Delgado Prof. Dr. Henriette Harich Dr. Peter Litwan Prof. Dr. Mahlmann-Bauer Dr. Uwe Plath Prof. Dr. Seraina Plottke † Dr. Stefania Salvadori Prof Dr. Ueli Zahnd
Band 2
Uwe Plath
Castellios Selbst verständnis in seiner Auseinandersetzung mit Calvin
Schwabe Verlag
Überarbeiteter Vortrag, gehalten am 25. 10. 2019 vor den Mitgliedern der Internationalen Castellio Gesellschaft in Basel (Alte Universität). Die Publikation des Bandes wurde unterstützt von einer Stiftung aus Riehen. Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, B asel.
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Inhalt
I
Thema und Quellenlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
II
Einige Belege für Castellios Selbstverständnis .
9
1
Ein bescheidener Mann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
2
Ehrlicher, frommer, rechtschaffener A nhänger des neuen Glaubens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
10
3
„Maßloses Selbstvertrauen“ gegenüber Calvin. Der von seinen philologischen und theologischen Kompetenzen überzeugte Pädagoge . . . . . . . . . . . .
14
4
Armer „Schneider“ für die Bibel . . . . . . . . . . . . . . . .
18
5
Kritiker seiner Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
23
III
Castellios Selbstverständnis in der Toleranz kontroverse gegen Calvin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
29
1
Historiker und Kritiker des „Falls Servet“ in der Historia de morte Serveti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
29
2
„einer von vielen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
37
3
Kämpfer für die Wahrheit (veritas) . . . . . . . . . . . . .
44
4
David gegen Goliath . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
48
5
Vatícanus, der von Gott berufene Prophet . . . . . . .
52 5
IV
Letzte Aussagen zum Selbstverständnis: Kein Häretiker, kein „Patron aller Häretiker und Verbrecher“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
57
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
61
1
Aussagen Calvins über Castellio in Genf . . . . . . . . .
61
2
[Sebastian Castellio]: Bericht über den Tod S ervets (Historia de morte Serveti) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
70
3
Sebastian Castellio: [Die Waffen der Christen]. Anmerkungen zu 2. Korinther 10,4 . . . . . . . . . . . . .
77
4
Sebastian Castellio an Nikolaus Blesdijk, Basel, 23. November 1562: Warnung vor der Verfolgung der Täufer in der Pfalz und Bericht über das Geschehen in Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
80
Sebastian Castellio: Verteidigungsschrift vor dem Basler Rat gegen die Vorwürfe des Adam von Bodenstein, 24. November 1563 . . . . . . . . . . . . .
83
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
91
1
Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
91
2
Darstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
5
6
I Thema und Quellenlage
Den Anstoß zu diesem Thema gab eine These Thomas Maissens, Heidelberg / Paris, die er vor den Mitgliedern der Internationalen Castellio Gesellschaft in Basel äußerte;1 nämlich dass die Bedeutung Castellios nicht darin bestehe, „dass er unser Vorläufer ist als toleranter Mensch, sondern dass er ein Querdenker war in seiner Zeit“. Sie führte zur Überlegung, ob sich Castellio wohl selbst als „Querdenker in seiner Zeit“ verstanden hat, und schließlich zur Frage nach seinem Selbstverständnis: Wie hat sich Castellio selbst gesehen in seiner Auseinandersetzung mit Calvin, die den größten Teil seines Lebens geprägt hat? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Denn es gibt nur wenige Zeugnisse Castellios, in denen er über sich selbst, seinen Lebensweg, seine Lebensverhältnisse oder über sein Selbstverständnis berichtet. Sie bestehen oft nur aus wenigen Worten oder aus kurzen Sätzen. Sie finden sich in einigen seiner theologischen Abhandlungen, in den entsprechenden Vorworten oder Widmungen, teilweise in seinen Streit- und Verteidigungsschriften gegen Johannes Calvin und dessen Vertrauten Theodor Beza. Auch die Aussagen der Zeitgenossen über ihn sind spärlich und oft verzerrt durch Sympathie oder Antipathie; denn Castellio war und ist bis heute „ein Mensch der Paradoxe“2 1
Thomas Maissen: Weshalb wir keine religiösen Ketzer verfolgen. Sebastian
Castellio in seiner Zeit und heute, Universität Basel, 5. 10. 2018 (PDF in www. Castellio.ch/aktivitäten, 12).
2
Veen, Die Freiheit, 226.
7
und eine „höchst umstrittene Persönlichkeit“.3 Auch eine Auto biographie hat Castellio nicht geschrieben. Ja, es gibt nicht einmal ein zeitgenössisches Bild von ihm. Das erste, das wir besitzen und das die Grundlage für alle späteren Abbildungen geworden ist, stammt aus dem Jahre 1697, d. h. 134 Jahre bzw. fast viereinhalb Generationen nach Castellios Tod. Es wurde gedruckt in Castellios Biblia Sacra, der lateinischen Bibel, die der bekannte Leipziger Verleger Thomas Fritsch in Frankfurt am Main herausgegeben hat, und es ist sehr wahrscheinlich eine Fiktion!4
3 4
Guggisberg, Sebastian Castellio, 6 f. Biblia Sacra ex Sebastiani Castellionis interpretatione eiusque postrema re
cognitione […], Frankfurt a. M. 1697; Basel, Universitätsbibliothek, Abt. Handschriften und alte Drucke, FG IV 59: vgl. Guggisberg, Sebastian Castellio, Abb. 3.
8
II Einige Belege für Castellios Selbstverständnis
1 Ein bescheidener Mann Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Wirren seines Lebens Castellio wenig Zeit zur Selbstreflexion gelassen haben, darf man aus den genannten Fakten schließen, dass Castellio ein bescheidener Mann gewesen ist, der von seiner Person wenig Aufhebens gemacht, der sich selbst nicht so wichtig genommen hat. Bescheidenheit war Teil seines Selbstverständnisses. Das zeigt sich in seiner Verteidigung gegen Calvins Vorwurf, hochmütig und überheblich zu sein, wenn er schreibt: Ich weiß doch, wie weit diese Krankheit [Hochmut, Eitelkeit, Selbst überschätzung] vor allem unter den Gelehrten verbreitet ist und wie wenige sich ihrer bewusst sind. Hoffentlich nehmen sie sich das zu Herzen und lernen daraus, allein Gott die Ehre zu geben. Was mich betrifft, so danke ich Gott, der alle Laster derer, die ihn lieben, zurechtrückt zu ihrem Heil und den übermütigen Geist bescheiden macht, indem er sie mit der geistlichen Erkenntnis Christi beschenkt hat, der uns lehrt, den alten [sündigen] Menschen abzulegen.5
Christus ist für Castellio Vorbild für bescheidenes Handeln.
5
Zitiert nach Castellio, Verteidigung 1558, 259.
9
2 Ehrlicher, frommer, rechtschaffener Anhänger des neuen Glaubens Die erste umfangreiche autobiographische Schrift, die Aussagen über Castellios Lebensweg und sein Selbstverständnis enthält, stammt aus dem Jahre 1558. Sie besteht bezeichnenderweise aus einer Verteidigungsschrift Castellios gegen Calvin und Beza und trägt den Titel Defensio ad authorem libri, cui ti tulus est calumniae nebulonis (Verteidigung gegen den Autor des Buches „Verleumdungen eines Wirrkopfes“).6 Dies ist, wie der Titel sagt, Castellios Antwort auf Calvins Schrift Calumniae ne bulonis cuiusdam (Verleumdungen eines Wirrkopfes),7 und der Wirrkopf heißt Castellio! In dieser Schrift wird Castellio des Betruges, der Gottlosigkeit und der Gotteslästerung bezichtigt und auf üble Weise als Verrückter, als Lügner und Verräter, als Häretiker, als Dieb, der Holz in Basel gestohlen habe, beleidigt und beschimpft. Die Schrift endet mit dem an Castellio gerichteten Fluch: Compescat te Deus, Satan. Amen. (Gott zähme Dich, Du Satan. Amen). Es kennzeichnet Castellio, dass er erst langem Zögern und, wie er selbst betont, „besonnen“ und „maßvoll“, teilweise auch versöhnungsbereit auf diese Beleidigungen und Anschuldigungen reagiert: Lange hatte ich gezögert, ob ich Dir auf die vielen Vorwürfe antworten soll, die Du in Deinen Schriften öffentlich gegen mich erhoben hast. […]. Da Du mich aber unentwegt weiter herausforderst und ich das viele Jahre lang ertragen habe, glaube ich nunmehr, darauf antworten zu müssen, um die vielen Menschen, die bisher Dir wegen Deines Ansehens mehr Glauben schenkten als der Wahrheit, 6 7
Verteidigung 1558, gedruckt in van Veen, Die Freiheit, 235–289. Calumniae nebulonis cuiusdam, quibus odio et invidia gravare conatus est
doctrinam Ioh. Calvini de occulta Dei providentia. Iohannis Calvini ad easdem responsio, Genf 1558 (5. Januar). Gedruckt in: C0 9, 269–318.
10
zumindest in dieser Sache, wenn möglich, von ihrem Irrtum zu befreien. Um Dich jedoch nicht allzu sehr zu erzürnen, will ich mich mäßigen, soweit ich kann und Deine Schriften es zulassen (vielleicht auch noch etwas mehr), um in dieser Angelegenheit nichts verkehrt zu machen, zumindest nicht durch meine Schuld. Ich befasse mich nur ungern mit dieser Art von Schriften und würde es lieber sehen, wenn wir in der Liebe und in den christlichen Pflichten miteinander wetteiferten, als uns wie die Heiden zum Schaden der Kirche gegenseitig zu verletzen. Doch nachdem Ihr mir nicht erlaubt, in Frieden zu leben, so sehr ich mir das wünschte, glaube ich nicht, gegen meine christlichen Pflichten zu verstoßen, wenn ich auf Deine
Anschuldigungen besonnen antworte.8
Die Kernaussage der gesamten Verteidigung heißt: Ich, Castellio, bin ein ehrlicher, frommer, rechtschaffener Mensch. Du, Calvin, hast mich doch selbst als einen solchen in Straßburg und in Genf kennengelernt, und Du hast das sogar mündlich und schriftlich bezeugt! So weist er den Vorwurf des Holzdiebstahls zurück: Er habe zuweilen mit seinen Nachbarn und einigen Fischern (mit dem Enterhaken / Harpago) Schwemmholz vom Rhein eingeholt, um seine Wohnung in der St. Alban-Vorstadt zu erwärmen. Das sei erlaubt gewesen; denn Holz sei öffentliches Gut, und er habe dafür vom Basler Rat sogar eine Belohnung erhalten.9 Er erwähnt die Erziehung durch seinen Vater, der zwar ein einfacher Mann gewesen sei, ihn und seine Geschwister jedoch zu ehrlichen Menschen erzogen habe; vor allem dazu, nicht zu stehlen und zu lügen. „So kam es, dass ich seit meinen frühesten Jahren vor diesen Lastern stets zurückgeschreckt bin. Dafür rufe ich alle diejenigen als Zeugen an, die mich jemals dort [in St.-Martin-du-Fresne] oder anderswo gekannt haben.“10
8 Verteidigung 1558, 239.
9 Ebd., 247 ff.
10 Ebd., 251.
11
Er erinnert an die Wertschätzung, die Calvin ihm während der gemeinsamen Zeit in Straßburg entgegengebracht hatte.11 Damals hatte Castellio einige Tage im Hause Calvins gelebt; er hatte später dessen pestkranke Verwandten und Schüler gepflegt und Calvin offenbar so beeindruckt, dass dieser ihm die Leitung der bekannten Genfer Schule (Collège de Rive) anvertraut hatte, eine der vier Säulen des neu zu errichtenden Genfer Kirchenbaus. Er erinnert an das gemeinsame Wirken in Genf und zitiert aus dem insgesamt positiven Zeugnis, das Calvin ihm bei seinem Fortgang ausgestellt hatte. Darin werden zwar theologische Meinungsverschiedenheiten als Grund für die Trennung genannt; doch Castellio wird bescheinigt, dass er tadellos gelebt habe, für das „heilige Pastorenamt“ würdig gewesen und „freiwillig“ aus seinem Schulamt geschieden sei: Dieses Zeugnis habe ich nämlich zufällig jetzt bei mir zu Hause gefunden. Vorher hatte ich mich nicht darum gekümmert, da mir meine Unschuld genügte. […]. In diesem Zeugnis versicherst Du, dass es für meine Trennung von euch nur einen Grund gegeben hat: den Streit über das Hohelied und über Deine Auslegung des Glaubens artikels von der Höllenfahrt Christi. Wörtlich hast Du geschrieben: „In aller Kürze bezeugen wir, dass wir ihn für jemanden gehalten haben, der nach unserem einhelligen Urteil sogar für das Pastorenamt bestimmt war.“ Und zum Schluss heißt es: „Damit aber niemand auf den Verdacht kommt, dass Sebastianus uns aus irgendeinem anderen Grund verlässt, so wollen wir, dass dies, wohin er auch kommen mag, bezeugt sei: Er ist aus freien Stücken aus seinem Schulamt geschieden. In diesem hatte er sich so verhalten, dass wir ihn dieses heiligen Pastorenamtes für würdig erachteten. Seiner Aufnahme stand nicht irgendein Makel seiner Lebensführung, nicht, dass er irgendetwas Gottloses in unseren Glaubensartikeln gelehrt habe, sondern ausschließlich der eine Grund entgegen, den wir dargelegt haben.12
11 Ebd., 261 f. 12 Ebd., 255 f.; zur Verteidigungsschrift vgl. Anm. 21 und Anhang 1, 1.2.
12
Diese Verteidigungsschrift versah Castellio einige Monate später mit einem Nachtrag, um sich gegen einen weiteren Angriff Theodor Bezas zu wehren, den dieser mit dem Titel Ad syco phantarum quorundam calumnias […] responsio (Antwort auf die Verleumdungen einiger Denunzianten) im August 1558 gegen Castellio in Genf veröffentlicht hatte.13 In diesem Nachtrag spürt man deutlich Castellios Empörung über den neuen Angriff. Er endet mit einem Appell an die Genfer Gegner, sich in christlicher Liebe gegenseitig zu achten und zu tolerieren: Legt Eure Selbstliebe ab und den Hass auf andere [so heißt es da], vor allem auf mich, und wetteifert lieber mit mir in der Liebe, und ihr werdet sehen, dass ich nicht der Frevler bin, eure Werke zu verleumden. Nehmt es hin, wenn ich in gewissen Lehrmeinungen, die unter Theologen strittig sind, von euch abweiche, wie viele andere gottesfürchtige Männer auch in diesem Streit. Möge dennoch Eintracht zwischen uns herrschen und der Heilige Geist seine Früchte hervorbringen in uns! […] Zerreißen wir nicht die Kirche durch unseren Streit und Hass, lassen wir es nicht zu, dass die Lehre der Wahrheit bei denen, die draußen sind, in Verruf kommt. Nehmen wir uns vielmehr in Acht, dass wir einander nicht durch gegenseitige Herabsetzung vernichten!14
Und er betont, dass er trotz einiger Unterschiede in theologischen Fragen der evangelischen und der Basler Kirche angehöre: Was das Ganze des Glaubens betrifft, so unterscheiden wir uns darin nicht. Gemeinsam mit euch suche ich den Glauben an Christus nach Kräften zu fördern. Nur in bestimmten Interpretationen stimme ich, wie viele Fromme, nicht mit euch überein. Ob aber nun die einen irren oder die anderen, lasst uns darüber nicht streiten, sondern
lasst uns dennoch einander lieben!15
13 Verteidigung 1558, 268–285 (Nachtrag), September 1558; vgl. dazu Guggisberg, Sebastian Castellio, 164 f.; Plath, Castellio, 58 f.
14 Ebd., 283 f. 15 Ebd., 284.
13
Dass sich Castellio als Mitglied der neuen evangelischen Kirche verstand, hebt er auch an anderem Orte hervor.16 Für seine Zugehörigkeit zur Basler Kirche gibt es mehrere Belege; unter anderem die guten Beziehungen zu Simon Sulzer, dem Antistes der Basler Kirche,17 der ihn nicht nur gegen Vorwürfe Calvins verteidigte, sondern mehrfach seine Hand schützend über ihn hielt. Nicht ohne Grund wird Castellio ihn als Pate für eines seiner Kinder ausgewählt und ihm ein Exemplar seiner Verteidigungsschrift Defensio suarum translationum Bibliorum mit persönlicher Widmung geschenkt haben.18
3 „Maßloses Selbstvertrauen“ gegenüber Calvin. Der von seinen philologischen und theologischen Kompetenzen überzeugte Pädagoge Die Auseinandersetzung Castellios mit Calvin begann in Genf.19 Es ist daher sinnvoll, kurz auf Castellios dortige Tätigkeit und auf die Gründe einzugehen, die zu dem Bruch mit Calvin und zu Castellios Fortgang aus Genf geführt haben, zumal sie Licht auf Castellios Selbstverständnis werfen. Das Interessante dabei ist, dass wir uns bei diesem Versuch nicht auf Aussagen Castellios stützen können, sondern nur auf Aussagen Calvins; auf private Aussagen, die wir vor allem in seinem Briefwechsel mit Pierre Viret, dem Reformator von Lausanne, finden.20 Castellios 16 De haereticis non puniendis, 27: Nos quoque sumus ab orthodoxa ecclesia, in quam si grassaremur, in nos ipsos grassaremur.
17 Über ihn: Plath, „Simon Sulzer“, 43–48. 18 Sulzer schützt Castellio z. B. im Zusammenhang mit der Vandel-Affäre oder bei den Angriffen von Borrhaus (Plath, Der Fall Servet, 199; Calvin und Basel, 171) oder im Zusammenhang mit der Defensio suarum translationum Biblio rum, s. Guggisberg, Sebastian Castellio, 156 f.; Abb. 9; Veen, Die Freiheit, 196 f.
19 Vgl. dazu Guggisberg, Sebastian Castellio, 29–37; Veen, Die Freiheit, 44 ff. 20 Vgl. den Castellio betreffenden Briefwechsel in Anhang 1.
14
einzige die Genfer Zeit betreffende Notiz besteht aus dem bereits erwähnten Zitat aus dem Zeugnis Calvins über ihn.21 Als Castellio im Juni 1541 Rektor der Genfer Schule (Collège de Rive) wurde, war er gerade 26 Jahre alt. Diese Aufgabe, zu der auch das Predigtamt in Vandœuvres vor den Toren Genfs gehörte, stellt in der Tat einen außergewöhnlichen Vertrauensbeweis Calvins für Castellio dar, den dieser mit großem pädagogischen Eifer rechtfertigte. Es scheint, dass Castellio in Genf seine pädagogische Begabung entdeckte und zum Pädagogen wurde. Scire est scire facere. Wenn man etwas weiß, muss man sein Wissen auch weitergeben,22 so hat er es einmal formuliert und damit die Aufgabe des Pädagogen treffend definiert. Dass er selbst ein begeisternder, angesehener Lehrer war, haben später einige seiner Studenten in Basel bezeugt. Sie lobten nicht nur seinen Fleiß und seine große Gelehrsamkeit, sondern auch seine Güte, Frömmigkeit und Menschlichkeit.23 Als Castellio 1563 starb, wurde sein Leichnam „auf den Schultern seiner Schüler, unter einem sehr zahlreichen Geleite“ im Kreuzgang des Basler Münsters beigesetzt. Polnische Studenten stifteten das Epitaph, auf welchem sie „die vielseitige Bildung und den unbescholtenen Lebenswandel […] des besten und tüchtigsten Lehrers“ priesen.24 In Genf war es Castellios besonderes Anliegen, seine Schüler nicht nur für die lateinische Sprache zu begeistern, sondern sie auch mit den Gestalten der Bibel vertraut zu machen und ihnen 21 Verteidigung 1558, 255 f. Das ganze Zeugnis ist gedruckt in CO 11, 674–676; Deutsch: Schwarz 1, 264–266; Anhang 1, 1.2.
22 Castellio, De haereticis an sint persequendi, 25: Nam scire est scire facere, et qui clementer agere nescit, de clementia nescit, […].
23 Vgl. Guggisberg, Sebastian Castellio, 172 ff.; beachtenswert für die 50er Jahre sind die Zeugnisse der beiden niederländischen Studenten Hessel Aysma und Jan Utenhove.
24 Mähly, Sebastian Castellio, 79 f., Litwan, „Eine ‚Damnatio memoriae‛ im Kreuzgang des Basler Münsters“, 231–248, bes. 242 f.
15
damit Vorbilder für das eigene christliche Leben zu geben. So verfasste er die Dialogi sacri (Heilige Dialoge), lateinische biblische Erzählungen in Dialogform mit moralisierender Tendenz. Sie wurden 1543 zuerst in Genf gedruckt und später in Basel in erweiterter Gestalt nachgedruckt. Bereits zu Castellios Lebzeiten erschienen über zwanzig Neuausgaben. Nach seinem Tod gab es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts weitere Nachdrucke in ganz Europa, kein anderes seiner Werke fand eine solche Verbreitung.25 Außerdem wollte Castellio im Jahre 1542 eine französische Übersetzung des Neuen Testamentes herausgeben. Doch Calvin verweigerte die Druckerlaubnis, weil er Korrekturen für erforderlich hielt. Viret gegenüber sprach er von einigen „dummen Fehlern“. Er war jedoch dazu bereit, die Übersetzung durchzusehen und zu korrigieren. Aber das lehnte Castellio ab; er schlug stattdessen vor, er wolle zu Calvin kommen und ihm die Übersetzung vorlesen. Doch dazu war Calvin nicht bereit; denn er befürchtete, er müsse dann „zwei Stunden lang mit ihm über ein Wörtlein streiten.“26 Dies ist ein bemerkenswertes Dokument, denn es zeigt Castellio als einen selbstbewussten, von sich und seinen sprachlichen und theologischen Kompetenzen überzeugten jungen Mann: Nicht Calvin sollte, nein er selbst wollte bei der Übersetzung die Prioritäten setzen, zumindest aktiv an der Korrektur beteiligt sein, auf Augenhöhe mit dem Genfer Reformator verkehren. Das schien auch Calvin erkannt zu haben, da er Viret gegenüber äußerte: „Ich weiß, er ist davon überzeugt, dass ich
25 Dialogi Sacri, latino-gallico, ad linguas moresque puerorum formandos […],
Genf 1543; Dialogues sacrés. Dialogi sacri, 18 ff.; Guggisberg, Sebastian Castellio, 33 ff., 264 f.; van Veen, Die Freiheit, 44 ff.
26 CO 11, 439 (Calvin – Viret, 11. 9. 1542); Plath, Castellio, 14 f.; vgl. Anhang 1, 1.1.
16
das Sagen haben will. Ob er das zu Recht oder zu Unrecht über mich denkt, darüber soll Gott urteilen.“27 Die dadurch eingetretene Entfremdung vertiefte sich noch, als Castellio, um sein Gehalt zu verbessern, ein Predigtamt anstrebte und das Schulamt aufgeben wollte. Bei der üblichen Befragung vor den Genfer Pastoren (Vénérable compagnie des Pasteurs) sprach er sich gegen Calvins Auslegung der Höllen fahrt Christi als einer Gewissensprüfung aus und leugnete auch den kanonischen Charakter des Hohelieds Salomos, das er nicht (wie Calvin) als Beispiel der Liebe Christi für seine Kirche, sondern als „schlüpfriges und obszönes Gedicht“ ansah, in welchem Salomo „seine schamlosen Liebesgeschichten“ beschrieben habe. Auf den Hinweis der Genfer Geistlichen, er könne doch die dauernde Übereinstimmung der Kirche über das Hohelied (also die Kanonizität und Schriftautorität) nicht einfach ablehnen, antwortete er, „er wolle keiner Sache zustimmen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.“28 Wir sehen: Während sich Calvin und die Genfer Geistlichen um die Einheit und die gemeinsame Lehrauffassung der im Aufbau befindlichen Genfer Kirche sorgten, beharrte Castellio auf seinem Recht, Aussagen der Bibel zu hinterfragen, zu bezweifeln und – nur seinem Gewissen folgend – darüber zu entscheiden. Der endgültigen Bruch erfolgte, als Castellio auf einer Pfarrversammlung (Ende Mai 1544) Calvins Schriftauslegung über 2. Korinther 6,4 unterbrach und die Amtsführung und den Lebenswandel der Genfer Geistlichen heftig kritisierte, die in jeder Hinsicht das Gegenteil des Apostels Paulus darstellten. 27 CO 11, 691 (Calvin – Viret, 26. 3. 1544): Scio hoc illi esse persuasum me cupere eminere. Iure ne an iniuria hoc de me sentiat, Domini esto iudicium; Anhang 1, 1.5.
28 CO 11, 675 f. (Zeugnis für Castellio); s. Anhang 1, 1.2; vgl. Engammare, „Der ‚sensus litteralis‘ des Hohen Liedes“, 5–30; bes. 22 ff.
17
Diese Kritik war gewiss nicht unbegründet und unterstreicht Castellios Moralismus und seinen hohen Anspruch an das Predigtamt. Für Calvin war das „eine ganz blutrünstige Rede“, typisch für alle Häretiker.29 Trotzdem äußerte er sich damals noch – mit gewissen Einschränkungen – positiv über Castellios Begabung und Gelehrsamkeit und seinen „im Übrigen nicht schlechten Charakter“: Ich schätze seine Begabung und Gelehrsamkeit. Nur wünschte ich, seine Begabung wäre mit einer besseren Urteilsfähigkeit verbunden, seine Gelehrsamkeit durch Einsicht geleitet und das maßlose Selbstvertrauen, das sich in der Überschätzung seiner doch nur mittel mäßigen Gelehrsamkeit zeigt, gäbe es nicht bei ihm.30
4 Armer „Schneider“ für die Bibel Seit 1545 lebte Castellio in Basel, als Korrektor des Druckers Johannes Oporin, in bitterer Armut und Not. Castellio bestätigt selbst seine Armut, und er machte dafür die Calvinisten verantwortlich: Ich befand mich in den letzten Jahren, in denen ich, wie du sagst, ein Holzdieb gewesen bin, [so schrieb er 1558 an Calvin], in jener Armut, in die mich, wie alle wissen, das Gift eures Geredes versetzt hatte.31
Castellio bezieht sich hier auf die Genfer Angriffe, die nach der Toleranzkontroverse, seit 1556 (wegen der Prädestinationslehre und Castellios Bibelübersetzungen), gegen ihn geführt
29 CO 11, 720 f. (Calvin – Farel, 31. 5. 1544); Anhang 1, 1.6. 30 CO 11, 688, 690 f. (Calvin – Viret, Anfang März und 26. 3. 1544); Anhang 1, 1.4 und 1.5.
31 Verteidigung 1558, 249 f.
18
wurden,32 und er verdeutlicht seine Armut durch eine Anekdote:33 Einige junge Franzosen, die in Straßburg lebten, hätten von den dortigen Calvinisten so viel Negatives über Castellio gehört, dass sie ihn für einen reichen, mächtigen Mann gehalten hätten; „reich an Gütern und Einfluss und gewissermaßen von einer Schar Leibwächtern umgeben, deren Nachstellungen niemand so leicht entgehen könne.“ Doch als sie dann nach Basel gekommen seien, hätten sie den realen Castellio erblickt: „ein Menschlein, ärmlich, verachtet, verzagt, still und tatenlos, ganz ohne Glanz und Ansehen“, und sie seien Castellios Freunde geworden. Mögen diese Attribute teilweise auch als humanistische Übertreibung zu verstehen sein (trotz des ernsten Hintergrundes, in welchem sie geschrieben wurden), so gibt es an Castellios Armut in Basel – nicht nur in den ersten Jahren bis zur Übernahme der Griechischprofessur, sondern auch darüber hinaus – wohl keinen Zweifel. Man muss sich nicht auf Karl Marx’ These berufen, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, wenn man annimmt, dass für Castellio das Bewusstsein seiner Armut, ebenso wie das seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen, die er mehrfach betonte,34 Teil seines Selbstverständnisses gewesen ist. Es ist wohl kein Zufall, dass sich der Ruf von Castellios Armut noch Jahrzehnte nach seinem Tod gehalten und Michel de Montaigne dazu veranlasst hat, Castellios Lebensverhältnisse in Basel als die „große Schande unsres Jahrhunderts“ zu bezeichnen.35
32 Vgl. Guggisberg, Sebastian Castellio, 153–158; 162 ff., Plath, Castellio, 52–62. 33 Verteidigung 1558, 272 f. 34 Vorwort an Eduard VI., 297: „der ich aus einfachsten Verhältnissen stamme“;
Verteidigungsschrift 1563, 219: „Ich aber bin ein geringer, einfacher Mensch, aber auch die geringen nimmt Gott auf […].“
35 Kaegi, „Castellio und die Anfänge der Toleranz“, (Teuteberg), 166; (Litwan), 15.
19