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Vereint und verschworen

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UND VERSCHWOREN Jeannine Luczak-Wild

Die ‹ Alliance Française des Alsaciens et Lorrains à Bâle › im Zweiten Weltkrieg


Vereint und verschworen


Jeannine Luczak-Wild

Vereint und Verschworen

Die ‹Alliance Française des Alsaciens et Lorrains à Bâle› im Zweiten Weltkrieg

Schwabe Verlag


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Delegation der ‹Alliance› bei der Feier des zweiten Jahrestages der Befreiung Colmars am 25. Januar 1947, Foto Rudolf Meyer, Basel, Fotosammlung A. Jeltsch Korrektorat: Ricarda Berthold, Freiburg Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: Thomas Hofmeier, secretBasel.ch Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4352-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4353-1 DOI 10.24894/978-3-7965-4353-1 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt i.

Tous pour un, un pour tous! Die Alliance im Ersten Weltkrieg

Die Gründung La Grande Guerre Zwei Kriegsschicksale Alliance: Nothilfe in Kriegszeiten Von Verdun bis Versailles Nachkriegsjahre Dreissigerjahre i: Abwarten, bis es uns besser geht Nachwuchsprobleme Dreissigerjahre ii: Abwarten, bis es zu spät ist

ii.

Tout pour la France et tout pour l’Alsace! Die Alliance im Zweiten Weltkrieg

Von der ‹drôle de guerre› zum Zusammenbruch Zwei Programme für Frankreich … … und ein Résistance-Netzwerk für das Elsass Feind hört mit! Die Alliance als Nothilfe- und Kontaktzentrum Das Dilemma Die erste Repatriierung der Internierten 1941 Die Germanisierung des Elsasses Ihr Name ist Legion Zusammenhalten! Rester unis! Aber wo bleibt die Jugend?

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6 Terror in Frankreich, Krise in der Alliance Terror und Widerstand im Elsass Flüchtlinge, Fluchthelfer und Denunzianten 3 sur la Batterie, Bâle Kontakte: Gäste Kontakte: Vichy-London Kontakte: Ein Gauleiter? Ganz Frankreich besetzt, Flotte versenkt Kontakte: Pétains Privatkabinett Kontakte: Die Brüder Dungler Exkurs: Die Mission Paul Dungler Pétain als Stein des Anstosses 1943: Aus Internierten werden Bataillone 1944: Jahr der Erlösung D-Day und Débarquement de Provence Das Ende der Vichy-Regierung Die Rückkehr der mobilisierten elsässischen Internierten Der Elsassfeldzug Journées mémorables Letzte Kämpfe Merci, Général de Lattre de Tassigny! Waffenstillstand Doch eine Légion für die Alliance! Nachwort der Autorin

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Verzeichnisse

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Archivalien Literatur Index der Namen Bildnachweis

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Vos Alsaciens commencent à devenir gênants … Ils sont toujours là à récriminer, à rouspéter … Pierre Laval, Ministre d’État et Président du Conseil, 19401

Nous n’avons peut-être pas très bon caractère. Mais c’est justement pour cela que nous ne sommes pas devenus allemands … Général Pierre Hering, 19402

… mais vous, avec votre sale caractère d’Alsacien, je sais que vous allez transmettre mon message! Président Philippe Pétain, 19433

… et ce sera peut-être par l’Alsace que la France sera sauvée. Général Charles Catroux, Commandant de place, Mulhouse, 19364

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Zeugenaussage von General Pierre Hering (vgl. S. 28 f., Anm. 27) im Prozess Pétain. Pottecher, Le Procès Pétain, 1980, 261. Pottecher, Le Procès Pétain, 1980, 261. Pétain, als er Paul Dungler am 31.7.1943 mit einem Versöhnungsangebot an de Gaulle in Algier beauftragt. Eschbach, Au cœur de la Résistance alsacienne, 2010, 197. Zitiert von Camille Schreiner im Brief an Colonel Fleury, Februar 1942, Kopie als Beilage zum Protokoll Vorstandssitzung der Alliance VS 18.3.1942. General Charles Catroux war 1940 Generalgouverneur in Indochina, 1944 Minister in de Gaulles Regierung in Algier, nach dem Krieg 1945– 1948 Botschafter in Moskau.


i.

Tous pour un, un pour tous! Die Alliance im Ersten Weltkrieg

Die Gründung Die Alliance Française des Alsaciens et Lorrains à Bâle war ein Kind des Krieges. Gegründet wurde sie am 16. Januar 1916 – sozusagen am Wendepunkt des Ersten Weltkriegs – unter dem Namen ‹Alliance des Alsaciens-Lorrains de Secours mutuels›. Der Name hatte politisch korrekt zu sein: Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurden Elsass und Lothringen von der Siegermacht annektiert und am 26. Februar 1871 (Vorfriede von Versailles) als ‹Reichsland Elsass-Lothringen› Teil des ebenfalls in Versailles gegründeten Deutschen Reichs. Als ‹française› durfte sich die Alliance mithin nicht bezeichnen. Immerhin liess der Name selbst keine Zweifel hinsichtlich ihrer nationalen Selbstdefinition aufkommen: Obwohl ihre Statuten als französisch-deutscher Paralleltext verfasst wurden, fehlt eine deutsche Übersetzung des Vereinsnamens. ‹L’Alliance› wurde immer, elsässisch so gut wie baslerisch, ‹d Alliance› genannt, allenfalls auch kurz und für Aussenstehende verständlich ‹dr Elsässerverein› – was ja auch der faktischen Überzahl von Basels unmittelbaren Nachbarn innerhalb der Alliance entsprach. Dass die Alliance als Verein der Elsässer und Lothringer ‹à Bâle› und nicht ‹de Bâle› bezeichnet wurde, ist ein subtiler Hinweis darauf, dass gerade in Kriegs- und Besetzungszeiten für viele ihrer Mitglieder Basel ein zeitweiliger Zufluchtsort, aber nicht dauernder Wohnsitz war. ‹Bâle› ist dabei nicht restriktiv zu verstehen: Gemeint ist hier nicht die Stadt Basel, sondern auch Ortschaften in ihrem Einzugsgebiet. In Friedenszeiten traten viele, oft prominente, Bewohner der elsässischen Nachbargemeinden der Alliance bei und nahmen aktiv am Vereinsleben teil. Der neugegründete Verein definierte sich als ‹société de secours mutuels› und gab damit dem Zusammenhalt und der gegenseitigen Hilfe und Fürsorge die Priorität. Diese Aufgabe stand in der Kriegszeit zweifellos im Vordergrund. Mit ihrem späteren Namen reihte sie sich dann in die Tradition der 1883 in Frankreich gegründeten


10 ‹Alliance Française› ein, deren Zweck die Verstärkung des französischen Einflusses im Ausland und in den damaligen französischen Kolonien durch die Förderung der französischen Sprache und Kultur war. In den (1938 revidierten) Statuten5 der Basler Alliance steht aber weiterhin das Ziel des freundschaftlichen Zusammenhalts unter Landsleuten und der gegenseitigen Unterstützung noch vor der Förderung der nationalen Kultur. Paragraph 3 über politische und religiöse Neutralität verpflichtet zu parteipolitischer und konfessioneller Toleranz, stellt also das als selbstverständlich vorausgesetzte Bekenntnis zu Frankreich nicht in Frage. Ausdrücklich halten die Statuten fest, dass der französische Konsul jeweils Ehrenpräsident der Alliance ist. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch der Vizekonsul.6 Mit dieser Nähe zum französischen Konsulat ergibt sich auch eine weitere Bedeutungserweiterung des Begriffs ‹Bâle› im Namen der Alliance: Durch das Konsulat war diese mit dem ganzen Konsularbezirk verbunden, der neben Baselstadt und Baselland auch die Kantone Aargau, Luzern, Solothurn und Teile des Kantons Bern (heute auch Jura) entlang von Aare und Bielersee umfasst. In diesen Kantonen wohnten manche Mitglieder der Alliance, meistens ehemalige Internierte. Zur Zeit ihrer Gründung war die Verbindung der Alliance mit dem französischen Konsulat besonders eng. Ihr erster Präsident war der damals im Konsulat an der Leonhardsstrasse 24 beschäftigte, wohl auch für den Sprachendienst zuständige Alfred Marchal.7 Ihm verdankt die Alliance vermutlich den perfekt zweisprachigen Wortlaut der Statuten. Er blieb der Alliance («Notre chère Alliance»8), deren Präsident er in den Zwanzigerjahren war, stets verbunden und hielt in den Dreissigerjahren Vorträge über staatsrechtliche Aspekte der französisch-schweizerischen Beziehungen.9 Er überlieferte uns auch den Wahlspruch der ersten Stunde: «Tous pour Un, Un pour Tous». Alle für Einen, Einer für Alle. Die Alliance ist ein Hort der Brüderlichkeit und der Fürsorge, aber zugleich etwas wie eine verschworene Kumpanei, wie Alexandre Dumas’ ‹Drei Musketiere›, die bekanntlich nach dieser Devise lebten! Der Wahlspruch der Alliance war eine indirekte Huldigung an die Schweiz, die ja das gleiche Motto – in umgekehrter Reihenfolge – als inoffizielle Devise10 hat, 5

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Statuts de l’Alliance Française des Alsaciens et Lorrains à Bâle / Statuten der Alliance Française des Alsaciens et Lorrains à Bâle, 1938 (revidierte Fassung der Statuten von 1916). Die Revision betraf die Mitgliedschaftsbedingungen: zusätzliche Zulassung von französischen Staatsangehörigen, Schweizern oder Personen anderer Nationalität, die nachweisbar in einer engen Beziehung zu Elsass und Lothringen stehen. Vizekonsul Raymond Deflin. Adressenliste im Kassabuch der Alliance 1919–1923. Im Adressbuch der Stadt Basel (1925) figuriert er als Sprachlehrer. 1943 wurde er Vizekonsul, nach dem Krieg leitete er im Rang eines Konsuls das Bureau für französische Belange in der französischen Besatzungszone Deutschlands. (F v 21, Bildlegende: «notre ancien Président»). F v 21. So über den schweizerisch-französischen Freundschaftsvertrag von 1882 (am 25.7.1935) und über niederlassungs- und arbeitsrechtliche Aspekte der schweizerisch-französischen Beziehungen (am 18.9.1937). «La devise traditionnelle Un pour tous, tous pour un ne repose sur aucun fondement constitutionnel ou légal.» Bericht der schweizerischen Delegation, 3ème Congrès de l’Association des cours constitutionnelles ayant en partage l’usage du français, Ottawa, 17.–23. Juni 2003. Diesen Wahlspruch stellte der Bundesrat am 15. März 2020 auch seiner Ausrufung der Notstandsmassnahmen


11 die auch die Decke des Sitzungssaales im Bundeshaus ziert: Unus pro omnibus, omnes pro uno. Die Parteinahme der Alliance für Frankreich entsprach der zur Zeit ihrer Gründung zum Schweigen verurteilten, aber allgemeinen Meinung in Elsass und Lothringen selbst. Diese ergab sich aus einer zum Westfälischen Frieden und bis ins Mittelalter zurückreichenden Vorgeschichte, besonders aber aus der politischen Entwicklung nach der französischen Revolution. Die grosse Mehrheit der elsässischen und lothringischen Bevölkerung hatte in den letzten Generationen von der Zugehörigkeit zu Frankreich, vom republikanischen Denken und vom damit verbundenen Aufstieg der unteren und der (in der Folge besonders frankophilen und frankophonen) mittleren Bevölkerungsschichten profitiert, von der Teilhabe an Frankreichs kultureller, politischer und kolonialer ‹grandeur›, aber auch von der technischen und industriellen Entwicklung – in Basel denkt man hier vor allem an die Eisenbahn: Der Anschluss an das französische Schienennetz vom 16. Juni 1844 war zugleich der Anfang der schweizerischen Eisenbahngeschichte. Der einzige Stein des Anstosses war für die sehr katholische Bevölkerung der beiden Departemente – die französische Nationalheilige Jeanne d’Arc war ja Lothringerin! – die laizistische Tendenz des nachrevolutionären, zumal des linksgerichteten, Frankreich. Auch die recht zahlreiche jüdische Bevölkerung von Elsass und Lothringen fühlte sich Frankreich verbunden, hatte es ihr doch als erster europäischer Staat die staatsbürgerliche Gleichstellung verliehen, was ihr die freie wirtschaftliche Tätigkeit, aber auch die Niederlassung in anderen Staaten erleichterte11 und so auch zur Blüte der eng mit dem Elsass verbundenen israelitischen Gemeinde in Basel beitrug. Die Alliance verdankte dieser Eintracht über die Religionsgrenzen hinweg Vieles und blieb ihr gerade in Zeiten höchster Gefährdung immer treu. Die Hoffnung auf eine Rückkehr von Elsass und Lothringen ins französische Mutterland hatte Auftrieb erhalten, als sich in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Anzeichen eines drohenden Krieges mehrten. In Frankreich wurde denn auch am 13. Januar 1913 ein Lothringer, der Jurist Raymond Poincaré, zum Staatspräsidenten gewählt. Dieser hatte seine Wahl zweifellos dem Verlangen nach einem festen aussenpolitischen Kurs in den drohenden Kriegszeiten zuzuschreiben. Nach dem Kriegsausbruch gab seine Präsenz dem Land die Gewissheit einer kompromisslosen und doch vorsichtigen Führung (Poincaré betrat 1914 als erster französischer Staatspräsident die deutsche Botschaft in Paris!), und den Elsässern und Lothringern im Deutschen Reich und in der Emigration die Gewissheit, dass das Anliegen der Heimholung ihrer Provinzen in die ‹Mère-Patrie› prioritär blieb. Poincaré blieb bis 1920 im Amt.

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der «Ausserordentlichen Lage» wegen der Corona-Virus-Pandemie voran – in der modernisierten genderneutralen Form «Eine*r für alle – alle für eine*n». Auf Grund des französisch-schweizerischen Handelsvertrags von 1864 erhielten die französischen Juden das Recht auf freie Niederlassung in der Schweiz – während ihren schon in der Schweiz ansässigen Mitbrüdern die Niederlassungsfreiheit erst 1866 in einer Partialrevision der Bundesverfassung zugestanden wurde.


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Fig. 1. Mädchen in Elsässer Tracht am Grab eines gefallenen französischen Soldaten des 1. Weltkriegs, Hansi 1915. Postkarte geschickt von Auguste Jeltsch an Marie-Thérèse Jeltsch-Moser, 14. Juli 1944.

Auch im deutschen Reichsland Elsass-Lothringen zeichnete sich ein Umbruch ab. Zwar hatte der Reichstag am 25. Mai 1911 Elsass-Lothringen den Status eines Bundeslandes mit Sitz im Bundesrat zuerkannt; sein Parlament (der Landtag) blieb aber dem deutschen Statthalter untergeordnet und damit dem Kaiser, der sich das Vetorecht vorbehielt. Daraufhin veröffentlichte am 29. Juni die ‹Colmarer Gruppe› unter der Führung des Landtags-Abgeordneten Abbé Émile Wetterlé von der katholischen Zentrums-Partei ein Manifest, das die Absetzung des Statthalters und die Unabhängigkeit Elsass-Lothringens forderte. Zugleich gründete diese Gruppe eine separatistische Partei, die ‹Union nationale d’Alsace-Lorraine› (ElsassLothringischer Nationalbund) mit eigener Zeitung Le nouvelliste. Der Union gehörte auch der Illustrator und Karikaturist Jean Jacques Waltz an, der unter dem Namen ‹Hansi› den Geist des Elsässer Widerstands nicht nur in die Kreise der Zeitungs- und Bücherleser, sondern auch in die Kinderstuben trug (Fig. 1).12 Am 10. Februar 1915 gründete Abbé Émile Wetterlé in Paris die ‹Conférence d’AlsaceLorraine›, nunmehr mit dem erklärten Ziel der Durchsetzung der Wiederangliederung Elsass-Lothringens an Frankreich. Standesbezeichnung und Namen des katholischen Strassburger Priesters, mit den provokanten drei französischen ‹accents aigus›, wurden

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So in ‹Histoire de l’Alsace racontée aux Petits par l’Oncle Hansi›, Paris 1916.


13 zum Symbol des passiven Widerstands.13 Das schon erwähnte religiöse Moment spielte auch hier eine wichtige Rolle, gerade in dieser Zeit des deutschen Kulturkampfes. Doch auch die Linke und die Liberalen konnten ihre französischen Sympathien nicht verhehlen: War nicht zur Zeit der Revolution die spätere Nationalhymne, die ‹Marseillaise› (deren Absingen im reichsdeutschen Elsass-Lothringen mit Gefängnis bestraft wurde!), von ihrem Dichter und vielleicht Komponisten Leutnant Claude Rouget de Lisle 1792 zum ersten Mal in Strasbourg vorgetragen worden und müsste daher, als ‹Chant de guerre de l’Armée du Rhin› für die französische Rheinarmee bestimmt, eigentlich ‹La Strasbourgeoise› heissen? Staatspräsident Poincaré versprach am 10. Februar 1915 den Gründungsmitgliedern der ‹Conférence d’Alsace-Lorraine› die Verteidigung der bisher dem Deutschen Reich abgerungenen Freiheiten, ja er begab sich selbst am nächsten Tag nach dem französischen Militärstützpunkt Saint-Amarin am Fuss des Grand-Ballon (der seit mehr als vierzig Jahren nur noch Grosser Belchen hiess), um der Bevölkerung die Rückkehr von Elsass und Lothringen in die französische Heimat zuzusichern und damit ein vom Oberbefehlshaber der Nord- und Nordwestarmeen (und späteren Marschall) Joseph Joffre gegebenes Versprechen zu bekräftigen. Die Gründung der Basler Alliance vom 23. Januar 1916 war also keineswegs ein Neuanfang: Die politischen Weichen waren schon gestellt, die Freundschaftsbande längst geknüpft. Die in Basel wohnenden Elsässer und die weniger zahlreichen Lothringer kannten einander zum Teil seit Generationen. Manche von ihnen gehörten auch schon bestehenden französischen oder elsässischen Gruppierungen an wie der 1897 gegründeten ‹Société des Tambours, Clairons et Fanfare›, dem Kriegsveteranenverein der ‹Union des anciens Combattants français›14, dem Wohlfahrtsverein ‹Société française de Bienfaisance› (1866), der für Franzosen und Schweizer offenen ‹Société amicale française de Bâle› (1906), oder religiösen – katholischen oder jüdischen – Organisationen. Kinder und Jugendliche besuchten die ursprünglich für die Kinder der Bahnangestellten und Zollbeamten des neuen Elsässer Bahnhofs gegründete, an der Austrasse 5 domizilierte Primarschule der École Française und lernten in den französischen Pfadfindergruppen (Éclaireurs und Éclaireuses) auch Kinder anderer Altersstufen kennen. Ganze Familien trafen sich zum Nationalfeiertag, dem Quatorze Juillet, und anderen durch das französische Konsulat und die französischen Vereine organisierten Anlässen, und an Sonntagen auch bei der französischen Sonntagsmesse, die damals, noch vor dem Bau der Église du Sacré Cœur an der Feierabendstrasse, in dem von einer französischen Ordensgemeinschaft unter der Superiorin Sr. Maria Zélia betreuten Theresianum an der Austrasse zelebriert wurde. Diese Liegenschaft gehörte zur Marienkirche an der Holbeinstrasse, wo feierliche Gottesdienste wie Totenmessen oder alljährlich im Mai die Feier des Gedenktags der französischen Nationalheiligen Jeanne d’Arc stattfanden. 13 14

Beck, Au fil du temps, 2014, 10 février 1915. Diese Bindung war in der Frühzeit der Alliance besonders eng, wie das Buchführungsheft 1921– 1923 zeigt. Vgl. unten, S. 25, Anm. 23.


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Fig. 2. Zwei Briefköpfe der Alliance; oben mit den Wappen von Elsass und Lothringen.

Dank ihrer Einbettung in ein Netzwerk von schon bestehenden Organisationen hatte die Alliance gleich von Anfang an eine ausgeklügelte Struktur. Da gab es das Führungsgremium, den Vorstand bzw. das Comité, das dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten zur Seite stand, und daneben den Sekretär, den Buchhalter, die beiden Rechnungsprüfer, den Archivar, den Einzüger der Mitgliederbeiträge, der einen Lohn von 15 Prozent der Beiträge erhielt und zugleich der Zusteller des monatlich erscheinenden ‹Bulletin mensuel› war, und natürlich einen Fähnrich für patriotische Zeremonien und Begräbnisse. Die Mitglieder erhielten einen nummerierten Mitgliederausweis und nach Wunsch und gegen Bezahlung auch ein silbernes Alliance-Abzeichen, das auch wie ein Orden an besonders verdienstvolle Aussenstehende verliehen werden konnte. So wurde die Alliance für die Elsässer und Lothringer von Basel und Umgebung zum Ort des Austauschs und der Erholung, zum Ersatz für die verlorene Heimat. Zur Zeit des deutschen Reichslands Elsass-Lothringen war ja den zahlreichen Elsässern und Lothringern im wehrpflichtigen Alter, die nach dem Vorfrieden von Versailles und dem Frieden von Frankfurt von 1871 ins Mutterland Frankreich15 oder ins Ausland ausgewandert waren, um nicht für Deutschland Kriegsdienste leisten zu müssen, die Rückkehr verwehrt. Aber auch die anderen damaligen Emigranten benötigten für einen Besuch in der alten Heimat eine Sonderbewilligung. Umso wichtiger waren die Kontakte und der Austausch von Nachrichten unter Landsleuten (Fig. 2).

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Dort wurden sie freilich nicht in die Armee aufgenommen, sondern interniert. Als einziger Ausweg stand ihnen die Fremdenlegion offen.


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La Grande Guerre Mit dem Kriegsausbruch vom 1. August 1914 verschlimmerte sich die materielle Lage der ausgewanderten Elsässer und Lothringer in Basel dramatisch, ganz besonders die der unlängst oder kurz nach Kriegsausbruch Geflüchteten. Der Krieg begann ja vor den Toren Basels mit dem französischen Versuch der Rückeroberung von Elsass und Lothringen. Im Sundgau waren schon am 7. August die ersten Toten dieses Krieges zu beklagen, während gleichzeitig die deutsche Hauptmacht relativ reibungslos über Luxemburg zum Einmarsch in Belgien ansetzte. In Basels Nachbarschaft konnten die von Saint-Amarin her angerückten französischen Truppen am nächsten Tag kampflos Mulhouse einnehmen, doch dieser Gewinn erwies sich als Falle: Die Stadt wurde schon am 10. August von einem übermächtigen Aufgebot des Gegners zurückerobert. Einem von Belfort herbeieilenden französischen Regiment gelang es zwar am 19. August, die Stadt zum zweiten Mal zu besetzen, doch musste es diese schon am 23. August wieder räumen, da inzwischen das deutsche Hauptheer von Norden her in Frankreich eingefallen war und nach der französischen Niederlage bei Saarbourg und Morhange Paris bedrohte. Oberbefehlshaber Joffre verlegte nun den Grossteil der im Sundgau eingesetzten Truppen nach Norden, und so wurde Mulhouse am 28./29. wieder von deutschen Truppen besetzt. Die Hoffnungen auf eine baldige Vereinigung von Elsass und Lothringen mit dem französischen Mutterland waren zunichte. Der Krieg im Elsass und in Lothringen aber wütete weiter entlang dem Vogesenkamm, mit immer grösseren Verlusten auf beiden Seiten. In Basel konnte man den Kanonendonner hören, Blitze der Mündungsfeuer sehen, Flugangriffe und Erkundungsflüge von Ballonen und Zeppelinen beobachten. Wenn schon die Basler angesichts der auch sie bedrohenden Gefahr in Schrecken versetzt wurden, wie erlebten erst die hier wohnhaften Elsässer diese Tage – den Wechsel von anfänglicher Hoffnung auf Befreiung ihrer Heimatgebiete zu einer immer mehr überhandnehmenden Angst um ihre Angehörigen jenseits der unpassierbar gewordenen Grenze oder irgendwo weit weg im Feld? Es begann die bange Zeit des Wartens auf Feldpost oder Gefangenenpost. Ein Warten, das vier lange Jahre dauern sollte – oder eines Tages in einer noch schlimmeren Gewissheit endete …


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Zwei Kriegsschicksale Zwei Beispiele mögen solche Soldatenschicksale illustrieren: die Erlebnisse zweier Elsässer, die beide, der eine auf der französischen, der andere auf der deutschen Seite kämpfend, die Gründung der Alliance versäumten, einander aber später als deren Mitglieder begegneten und zu Freunden wurden. Unter den enttäuschten zweiten französischen Eroberern von Mulhouse war ein Elsässer der zweiten Generation,16 der seinen alten Vater (der wie viele Flüchtlinge von dazumal 1871 mit der Bourbaki-Armee in die Schweiz gekommen war), seine beiden Schwestern und seine Frau mit zwei Kleinkindern am Barfüsserplatz in Basel zurückliess, um freiwillig – seine Regimentskameraden erklärten ihn für verrückt, als er in Belfort einrückte – dem Ruf unter die Fahne zu folgen. Am Abend der Einnahme seiner Herkunftsstadt Mulhouse (er stammte aus dem angrenzenden Didenheim) fragte er seinen Leutnant, ob er wohl jetzt seine Tante an der Obstgasse besuchen dürfe. «Jetzt ist keine Zeit für Verwandtenbesuche», war die Antwort. Dieses Wort sollte für vier endlose Jahre gelten. Und dies nicht nur für Auguste Jeltsch – so hiess der junge Freiwillige, der später einmal, als schon ein neuer Weltkrieg drohte, Präsident der Alliance wurde. Jetzt, im Herbst 1914, kämpfte er mit seinem 42ème Régiment an der Somme und der Marne, wurde verwundet, gefangen genommen und verbrachte fast die ganze Kriegszeit (abgesehen von einigen vergeblichen Fluchtversuchen) in vielen deutschen Gefangenenlagern, und schliesslich bei Zwangsarbeit in den Augustow-Sümpfen an der Ostfront (Fig. 3). Sein Notizbuch aus der Gefangenschaft enthält ausser den Daten der Stationen seines Leidenswegs auch Adressenlisten und Todesdaten von Schicksalsgenossen und überdies Wörterlisten für Russisch und Polnisch – die Sprachen der Mitgefangenen und der Landesbewohner – und genaue Angaben über die vor allem beim ersten Aufenthalt in Quedlinburg erstaunlich zahlreich aus der Schweiz erhaltenen Briefund Paketsendungen. Die Korrespondenzliste vermerkt sehr viele Todesnachrichten. So am 4. Januar 1916 «reçu ma photo. cousin de Knoeringen tué (20 ans)». Aber auch eine hoffnungsvolle Nachricht: «1.7. [1915]: Tram à la Batterie!» (Fig. 4). ‹La Batterie› war im Sprachgebrauch der Familie Jeltsch die ihnen gehörende Wiese mit Kirschbäumen neben der Schanze aus Napoleons Zeit auf dem Bruderholz – mit Aussicht ins Elsass! Das Heft enthält auch das vierstrophige Lagerlied mit dem Titel ‹Marzinkanzy›, dem Namen des Aufenthaltsort von Auguste Jeltsch im Sommer und Herbst 1916, «Là-bas dans la grande Russie, Tout-à fait perdu dans la brousse…». Der Refrain zur dritten Strophe schildert die Zwangsarbeit: 16

Als Quellen für die Schilderung der Kriegserlebnisse von Auguste Jeltsch-Moser dienen seine Korrespondenz aus der Gefangenschaft und sein Notizbuch aus jener Zeit sowie eine spätere Darstellung der Familiengeschichte seiner Tochter Lucie Wild-Jeltsch.


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Fig. 3. A. Jeltsch (mittlere Reihe, Zweiter von links) in einer Gruppe Kriegsgefangener.

Fig. 4. Postkarte mit der neuen Endstation des 15er-Trams auf dem Bruderholz, gesendet an A. Jeltsch in der Gefangenschaft.


18 Des wagonets De terre chargés Vous passent quelqu’fois sur les bottes. Sous l’œil des boches On creuse, on pioche, On travaille les pieds dans la flotte. Puis v’là qu’il pleut, C’est sauve qui peut, Sous la toile des tentes on grelotte. Eh bien, les gars, pour qui toutes ces souffrances? C’est y pour vous? C’est y pour moi? C’est y pour toi? C’est pour la France!17 Zweimal rettete Auguste Jeltsch die Tatsache, dass er Elsässer und zugleich Basler war, das Leben: Schon 1914, als er einem Deutschen, der schon vor ihm in einem Granattrichter Deckung gesucht hatte und ihn mit dem Bajonett verwundete, zurief «Was machsch, hör uff !» und dieser verblüfft innehielt: «Der Kerl spricht ja Deutsch!» und von ihm abliess – und das zweite Mal, als er in einem der vielen Lager von einem Basler Arzt der Schweizerischen Rotkreuzmission erkannt und in die Schweiz überwiesen wurde. Im Internierungslager in Wilderswil bei Interlaken (Fig. 5) konnte der glückliche Heimkehrer zwar den Besuch seines Vaters und seiner Gattin empfangen, doch es blieb bei diesem einen Besuch, denn damals wütete die Spanische Grippe. Er selbst wurde zwar am 29. November 1918 aus der Internierung in der Schweiz nach Frankreich entlassen, doch es bedurfte noch eines langen Papierkriegs, bis er am 23. März 1919 von seinem Regiment in Belfort demobilisiert und mit einem Bahnfahrschein nach Basel entlassen wurde. So kam er endlich zurück nach Hause. Seine beiden Töchterchen, inzwischen sechsund siebenjährig, erblickten eines Tages im grossväterlichen Laden ‹Zum Kaffeebaum› am Barfüsserplatz einen Soldaten in französischer Uniform, und als sich dieser als «Papa» zu erkennen gab, öffnete ihm die Ältere, Lucie, die Tür zum Haus und sagte höflich: «Passez, Monsieur le Papa!» Bald hatten sich die Kinder wieder an ihren Papa gewöhnt und konnten nicht genug von seinen Erlebnissen im Krieg hören. Wie er einmal einem Mitgefangenen das Leben gerettet hatte, weil er ihm riet, in seine Baracke auf die Pritsche neben der seinen hinüberzuwechseln, die durch einen Todesfall frei geworden war, und wie dieser 17

[Mit Erde beladene Waggons fahren dir manchmal über die Stiefel. Unter dem Auge der Deutschen gräbt man, hackt man. Man arbeitet, die Füsse im Morast. Und jetzt noch Regen! Rette sich, wer kann! Unter den Zeltblachen schlottert man. – Also, Kameraden, wozu diese Plackerei? Ist es für uns? Ist es für mich? Ist es für dich? Es ist für Frankreich!] François Pidoux


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Fig. 5. «Souvenir Interlaken 3 Août 1918»; Foto-Postkarte von A. Jeltsch.

dadurch einem Luftangriff entkam, der seine frühere Baracke traf. Oder wie bei der Rückkehr aus der ostpolnischen Wildnis im Gefolge des deutschen Rückzugs von der Ostfront die Gefangenen ihre ihnen von der Lagerleitung bisher vorenthaltenen Liebesgabenpakete an Tannenstämmchen durch Berlin trugen und den Inhalt an die hungernde Bevölkerung verteilten – unter der Bedingung, dass die Bittsteller «Vive la France» riefen! Seine in deutscher Gefangenschaft verbliebenen Leidensgenossen mussten noch länger auf ihre Heimkehr warten. In einem verzweifelten Brief vom 13. Dezember 1918 bat ihn sein bretonischer Freund François Le Moigne, er möge seine Familie über seinen Verbleib benachrichtigen, denn er selbst durfte ja nur deutsch schreiben: «Ich schreibe auf deutsch wegen der Prüfungsstelle. (…) Ich kann dich nicht vergessen. Alle Kameraden aus Orchies, hier anwesend, sprechen von dem Jeltsch, die sind nicht gewohnt zu sehen den Lemoigne ohne Jeltsch. Ich habe deine Packete bekommen aber kein Brief seit du bis nach Haus gegangen. Habe noch an dir geträumt am letze Woche. Dein am beste Freund F. le Moigne.» Das Postscriptum enthält die Namen von vier Mitgefangenen, die in der Zwischenzeit gestorben sind …


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