Freiheit und Fremdheit Das Buch beschreibt in textnahen Lektüren das Problem der Freiheit in Kafkas drei Romanfragmenten Der Verschollene, Der Proceß und Das Schloß als ästhetisch-epistemologischen Gesamtzusammenhang. Die Leitidee der Freiheit ist dabei stets an die Frage nach der individuellen Lebensführung der Protagonisten gebunden, während Postulate wie politische Freiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit oder Kunstfreiheit keine Rolle spielen. Denn die existenzielle Bedeutung der Freiheit des Einzelnen liegt für Kafka erst jenseits dieser gesellschaftlichen Errungenschaften der Moderne. Und erst dort stellt sich auch die konstitutive Beziehung zu dem für die Argumentation entscheidenden Gegenbegriff der Fremdheit her, indem die Freiheit selbst als etwas kategorial Fremdes erfahren wird.
Dirk Oschmann hat Germanistik, Anglistik und Amerikanistik studiert. Er war mehrfach Gastprofessor in den USA; seit 2011 ist er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen Bücher über Friedrich Schiller, Siegfried Kracauer und Dichtung als bewegliche Rede.
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S I G N AT U R E N DER MODERNE
SdM 3
Freiheit und Fremdheit
Herausgegeben von Andrea Bartl, Christof Hamann und Alexander Honold
DIRK OSCHMANN
S I G N AT U R E N DER MODERNE 03
Freiheit und Fremdheit Kafkas Romane DIRK OSCHMANN
03
Signaturen der Moderne
Herausgegeben von Andrea Bartl, Christof Hamann und Alexander Honold
Bd. 3
Dirk Oschmann
Freiheit und Fremdheit Kafkas Romane
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Für Caroline und Thies
Die Arbeit an der Freiheit ist unendlich. Foucault
Dieses Fieber, das mir den Kopf Tag und Nacht heizt, stammt von Unfreiheit. Kafka
Inhalt
1. Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2. Einleitung: Freiheit, Fremdheit und Deplatzierung . . . . . . . . . . . .
15
Fremdsein als Deplatziertsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
29
Das Bett als Inbegriff des eigenen Platzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
38
3. Freiheit als Strafe: Der Verschollene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
45
Amerika als Topos und Schauplatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
52
Die Waffen der Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65
Kriegswelten der Moderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
Rennbahn statt Laufbahn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
84
4. Freiheit und Schuld: Der Proceß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
Josef K.: Ein Mann von 30 Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 Entdeckung des Privaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Die Ordnung der Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Freiheit als «Freispruch»? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 5. Sinnlose Freiheit: Das Schloß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
Schuld und Fremdheit als Ausdrucksformen der Freiheit . . . . . . . . . . . . 166 Revision in Permanenz: Die ästhetische Faktur des Romans . . . . . . . . . . 185 Raum und Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
10
Inhalt
Die Freiheit des Willens und ihre Grenze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 6. Die Freiheit der Tiere? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
Freiheit als Entzug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 7. Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 8. Bibliographie der zitierten Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
Siglenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
1. Vorwort
Das Hauptinteresse dieses Buches gilt dem Problem der Freiheit in Kafkas drei Romanfragmenten Der Verschollene, Der Proceß und Das Schloß. Wie sich rasch zeigt, wechselt zwar von Text zu Text die Perspektive auf diese Leitidee der westlichen Moderne, doch ist sie stets an die Frage nach der individuellen Lebensführung der Protagonisten gebunden. Dagegen spielen die in den demokratietheoretischen Diskursen der Gegenwart dominierenden Postulate wie politische Freiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, Religionsfreiheit oder Marktfreiheit hier keine Rolle. Denn die existentielle Bedeutung der Freiheit liegt für Kafka erst jenseits dieser gesellschaftlichen Errungenschaften der Moderne. Erst dort nämlich erweist sich, welchen Wert sie für den Einzelnen wirklich haben kann. Und erst dort stellt sich dann auch die konstitutive Beziehung zu dem für die Argumentation entscheidenden Gegenbegriff der Fremdheit her, indem die Freiheit selbst als etwas Fremdes erfahren wird. Während die herkömmlichen Aufladungen des Freiheitsbegriffs, namentlich als Selbstbestimmung, im westlichen Verständnis durchweg positiv konnotiert sind, akzentuiert Kafka durch die kontinuierliche Relationierung von Freiheit und Fremdheit auch deren negative Aspekte. Folglich gehört er mit seinem Œuvre zu jenen Intellektuellen, welche um und nach 1900 die Freiheit skeptischer wahrzunehmen beginnen. Natürlich hat die hochgradig ausdifferenzierte Kafka-Forschung das Problem der Freiheit im Werk des Autors wiederholt erörtert, insbesondere im Blick auf dessen späte Texte. Dabei lassen sich zwei Phasen verstärkter Reflexion beobachten: zum einen im Horizont existentialistischer Deutungsansätze in den 1950er- und 1960er-Jahren, zum anderen seit der Wende ins 21. Jahrhundert, was zweifellos auch am gesamtgesellschaftlichen Druck liegt, dem Freiheitsentwürfe seither wieder ausgesetzt sind, weil sie, nicht zuletzt im Zuge der kritischen Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus, kei-
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1. Vorwort
neswegs mehr selbstverständlich erscheinen. An diese Forschungen wird hier angeknüpft, darüber hinaus aber erstmals versucht, die Freiheitsthematik als einen ästhetisch-epistemologischen Gesamtzusammenhang von Kafkas unvollendet gebliebenem Romanwerk vor Augen zu stellen. Ein Wort noch zur Zitierweise: Kafkas Texte liegen in unterschiedlichen Ausgaben vor. Die wirkungsmächtigste stammt bekanntlich von Max Brod und hat den Weltruhm des Autors begründet. Auf dem neuesten editionswissenschaftlichen Stand ist freilich die Historisch-Kritische Ausgabe von Roland Reuß und Peter Staengle, die seit den 1990er-Jahren als FaksimileEdition erscheint. Zitiert wird jedoch im Folgenden, soweit nicht anders ausgewiesen, die von Malcolm Pasley et al. herausgegebene Kritische Ausgabe (mit Siglenverzeichnis im Anhang). Das hat vor allem praktische Gründe. Im Unterschied zur Historisch-Kritischen Ausgabe ist sie leichter zugänglich und liegt vollständig vor. Auch arbeiten die neueren Kafka-Handbücher von Jagow/Jahraus (2008) und Engel/Auerochs (2010) mit den hier konstituierten Textbeständen. Die problematische Seite dieser Ausgabe besteht Gerhard Neumann und Roland Reuß zufolge in der Präferenz eines geschlossenen «Werk»Begriffs auf Kosten der Offenheit von Kafkas «Schreibstrom» (Neumann). Während sich Pasley speziell bei den Romanen mit der Herstellung einer auf Linearität und Ganzheit setzenden Druckversion den traditionellen Erwartungen der potentiellen Leserschaft unterworfen und damit den Texten «Gewalt» angetan habe, gelte es die Ursprünglichkeit, Räumlichkeit, Unvollendetheit und Polyvalenz der «Schrift» zur Geltung zu bringen und Autornähe zu erreichen statt Lesernähe.1 Im Horizont editionswissenschaftlicher Standards bleiben diese Argumente unbestritten. Dass ich trotzdem auf die Kritische Ausgabe zurückgreife, hat über das praktische Moment hinaus zwei weitere Gründe. Zum einen spielen die editionsphilologischen Streitfälle für meine Frage nach der Relation von Freiheit und Fremdheit eine eher untergeordnete Rolle. Zum anderen setze ich mich in meinen Textanalysen notwendigerweise auch mit einer Rezeptionsgeschichte auseinander,
Vgl. Neumann: Der verschleppte Prozeß. Literarisches Schaffen zwischen Schreibstrom und Werkidol. In: ders.: Kafka-Lektüren, S. 76–98, hier S. 83–96; außerdem Reuß: Zur kritischen Edition von «Der Process», S. 15–23, sowie nochmals Reuß: Das Schloss. Zur Einführung, S. 12–18, hier S. 12. 1
1. Vorwort
welche die Ausgaben von Brod und Pasley zur Voraussetzung hat. Demnach soll hier der Blick auf Kafka as we know him nicht vordringlich über divergierende Editionsprinzipien geschärft werden, sondern über ein spezifisches Erkenntnisinteresse. Aus der kompromisslosen Perspektive avancierter Editionswissenschaft würde man schließlich auch sagen müssen, dass Kafka mit Texten berühmt geworden ist, die es so, das heißt in der von Brod und Pasley hergerichteten Form, nie gegeben hat. Solch eine unverhoffte Wendung ins Ironische wäre zweifellos ganz in Kafkas Sinne.
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2. Einleitung: Freiheit, Fremdheit und Deplatzierung
Zwischen Freiheit und Sklaverei kreuzen sich die wirklichen schrecklichen Wege ohne Führung für die kommende Strecke und unter sofortigem Verlöschen der schon zurückgelegten. Solcher Wege gibt es unzählige oder nur einen man kann das nicht feststellen, denn es gibt keine Übersicht. Kafka, Tagebucheintrag vom 17. 12. 1913 Beim Thema Freiheit denkt man im deutschsprachigen Raum zuerst an Kant, Schiller, Fichte und natürlich an Hegel, der in seiner Philosophie der Geschichte behauptet, die «Weltgeschichte» sei nichts anderes als «der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit».2 An Kafka denkt man in diesem Zusammenhang aber gewiss nicht. Das überrascht kaum, weil das zentrale Paradigma der Wahrnehmung seiner Person gleichermaßen wie seines Werkes das der Fremdheit ist: Fremd scheint er in seiner Zeit gestanden zu haben,3 fremd sind die von ihm entworfenen Welten, fremd, ja befremdlich sind die Verhaltensweisen vieler seiner Protagonisten, deren größte eigene Probleme wiederum in Entfremdung, Selbstentfremdung und Unfreiheit bestehen und die damit zugleich exemplarisch die Verfasstheit des Subjekts in der Moderne repräsentieren.4 Unter diesen Voraussetzungen scheint es für
Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, S. 32. Diese Vorstellung ist mit Recht kritisiert worden. Vgl. v. a. Kurz: Einleitung. Der junge Kafka im Kontext. In: Kurz (Hg.): Der junge Kafka, S. 7–39. 4 Aus der Fülle an Studien zu diesem Problemzusammenhang seien stellvertretend lediglich zwei neuere Arbeiten genannt von Nägele: Kafkaesk, S. 21–39, und Gray: Fremden-Verkehr, S. 167–191. Gleich zu Beginn seines sehr lesenswerten Textes formuliert 2
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2. Einleitung: Freiheit, Fremdheit und Deplatzierung
Thematisierungen der Freiheit, selbst eine der Kernideen der Moderne, wenig Raum zu geben. Mit Rousseau lässt sich die Herausbildung der Moderne als Geschichte der Entfremdung des Menschen erzählen, mit Schiller, Fichte und Hegel dagegen als Geschichte zunehmender Autonomie und Emanzipation. Bei Kafka aber gehen Freiheit und Fremdheit Hand in Hand, mehr noch, sie stehen in einem gegenseitigen Bedingungsverhältnis.5 Wer in die Fremde geht, mithin seinen lokalen, vielleicht sogar seinen sozialen Platz wechselt, geht in einem bestimmten Sinn immer auch in die Freiheit – und umgekehrt: In die Freiheit gehen heißt zugleich in die Fremde gehen. Freiheit und Fremdheit scheinen unablässig ineinanderzukippen. Die Fremdheit vermag ebenso Freiheitserfahrungen bereitzuhalten, wie man sich in der Freiheit plötzlich selbst fremd werden kann.6 Allerdings kann sich der Fremde auch unfrei fühlen, unsicher und eingeschüchtert, weil er die Regeln und Sitten nicht kennt; im Gegenzug empfindet sich womöglich jemand gerade dort als frei, wo ihm alles geläufig ist. Während man in der Fremde frei von den Normsuggestionen der Tradition sein kann, macht vielleicht die heimische Bindung aufgrund des Vertrautseins mit der Welt frei und stark. Anders gesagt: Das Eigene und das Fremde können je verschiedene Freiheitspotentiale haben. Kafkas drei Roman-Fragmente Der Verschollene, Der Proceß und Das Schloß bringen diese dialektischen Relationen zur Anschauung. Sofern sie «das verführte Kind (Der Verschollene), den verhafteten Junggesellen (Der Proceß) und den exilierten Ehemann (Das Schloß)» zeigen, sind sie zugleich
Gray den allgemeinen Konsens: «Kaum ein Thema prägt das Werk Kafkas mit gleicher Vehemenz wie das der Fremdheit. Ohne größere Schwierigkeiten läßt sich die Behauptung vertreten, das Gesamtwerk sei eine einzige, immer wieder anders konzipierte Auseinandersetzung mit der Fremdheitsproblematik.» Ebd., S. 167. 5 Frühe prinzipielle Überlegungen dazu finden sich bei Georg Simmel: Soziologie (1908) und Arnold Gehlen: Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung (1952), neuerdings vor allem bei Rahel Jaeggi: Freiheit als Nicht-Entfremdung (2013). 6 Vgl. hierzu Jaeggi: Entfremdung, S. 60: «Entfremdung läßt sich als eine besondere Form des Freiheitsverlusts verstehen, als Behinderung dessen nämlich, was man […] ‹positive Freiheit› nennen kann.» An gleicher Stelle spricht die Autorin außerdem von Entfremdung als «Obstruktion des Wollens».
2. Einleitung: Freiheit, Fremdheit und Deplatzierung
«Probeläufe menschlicher Selbstbildung».7 Auf den ersten Blick scheinen sie allesamt ausschließlich von Fremdheit, Entfremdung und Einsamkeit zu handeln. Im letzten Roman Das Schloß wird außerdem die Anfangskonstellation des Verschollenen, das heißt, den Einzug in eine fremde Welt zu zeigen, erneut aufgegriffen.8 Im ersten Roman bildet Amerika die fremde Welt, im letzten ist es das Dorf unterhalb des Schlosses. Folglich nimmt der Autor im Schloß gleichsam ein zweites Mal Anlauf, um im Grunde, bei allen Differenzen, eine ähnliche Geschichte noch einmal zu erzählen: wie nämlich die jeweilige Hauptfigur in der Fremde eintrifft und wie sie unter großen Orientierungsschwierigkeiten versucht, sich dort zu etablieren. Karl Roßmann kommt von Europa nach Amerika, und K. kommt aus seiner Heimat, um im Dorf als Landvermesser zu arbeiten. Zieht man im Vorübergehen noch den mittleren Roman Der Proceß heran, dann lässt sich das Verhältnis der drei Romane auf die Formel bringen, dass Der Verschollene und Das Schloß das Fremdsein und Fremdwerden der Welt darstellen, während Der Proceß vom Fremdwerden des Selbst berichtet; Karl Roßmann und K. treiben hinaus in eine fremde Welt, Josef K. treibt hinaus in die eigene Fremde. Dabei steht diesen modernen Entfremdungserfahrungen kein positiver Freiheitsbegriff gegenüber, denn stets bildet die Freiheit entweder eine Bedrohung oder zumindest eine Überforderung, und was mit ihr überhaupt zu gewinnen wäre, bleibt unklar. Das gilt selbst für K. im Schloß, der doch «immer frei sein» will (S 14). Freiheit kann als Gegenteil von Fremdheit aufgefasst werden, weil sie die Fremdheit nicht duldet und durch Vernunft unter Kontrolle zu bringen sucht.9 In Kafkas Texten aber verwischen die Grenzen, entsteht eine Wechselbeziehung, ja erscheinen Freiheit und Fremdheit bisweilen identisch. Roßmann im Verschollenen ist der Fremde, der wider Willen frei sein muss:
Neumann: Kafka. Experte der Macht, S. 141. Vgl. zum Folgenden Oschmann: Kafka als Erzähler, S. 443 f., sowie Kurz: Die Helden als Fremde. In: Kafka-Handbuch. Hg. v. Binder, S. 112–119, hier S. 112. 9 Vgl. Waldenfels: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden, S. 7. Siehe auch Jaeggi: Entfremdung, S. 275 und 313. 7
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2. Einleitung: Freiheit, Fremdheit und Deplatzierung
«‹Ja frei bin ich›, sagte Karl und nichts schien ihm wertloser» (V 171).10 Josef K. im Proceß ist derjenige, der sich mit Beginn des Prozesses fremd wird und sich fortan um seine Freiheit sorgt: «Noch war er frei.» (P 12). Und K. im Schloß ist jemand, der nach eigenem Bekunden immer frei sein möchte (S 14) und paradoxerweise all sein Handeln darauf richtet, das Gegenteil zu erreichen, indem er sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren sucht. Treffend spricht Gerhard Neumann vom «Freiheitstheater» in Kafkas Romanen.11 Sie alle zeigen Freiheit als Selbstbeziehung in der sozialen Praxis12 und bieten Variationen über die Verbindungen von Freiheit und Fremdheit, Freiheit und Unfreiheit sowie über diejenige von Freiheit und Schuld; Der Verschollene und Das Schloß veranschaulichen obendrein den Zusammenhang von Freiheit und Sinn.13 Insofern dürfen diese Romane nicht allein als Trilogie der Fremdheit oder als «Trilogie der Einsamkeit»14 bezeichnet werden, sondern ebenso als Trilogie der Freiheit. Während die Freiheit hier in Perspektivierung durch Fremdheit vor allem negativ erscheint, weil sie für die Protagonisten entweder nicht zu haben (Josef K. im Proceß) oder nicht von ihnen auszuhalten ist (Karl Roßmann im Verschollenen und K. im Schloß), zeigt sich in einzelnen Tiergeschichten des Autors, etwa in Ein Bericht für eine Akademie, Ein Hungerkünstler oder Die Sorge des Hausvaters, ein etwas anderes Bild. Dort
10 Diesen Zusammenhang sieht auch Hamann im Verschollenen, führt ihn aber nicht aus. Vgl. Hamann: Roßmanns Zerstreuung, S. 129–134 (Unterkapitel «Freiheit in der Fremde»). 11 Neumann: Inszenierung des Anfangs. Zum Problem der sozialen Karriere in Franz Kafkas «Prozeß»-Roman. In: ders.: Kafka-Lektüren, S. 24–37, hier S. 25: «Zwangsritual und Freiheitstheater gehen in den Romanen Kafkas einen unguten Pakt ein […].» 12 Vgl. dazu Jaeggi im Anschluss an Robert Pippin. Jaeggi: Freiheit als Nicht-Entfremdung, S. 344, und Jaeggi: Entfremdung, S. 27. 13 Hermann Lübbe folgend, erblickt Norbert Bolz darin ein Hauptproblem der Moderne, nämlich Freiheit (und «Freizeit als satanische Parodie der Freiheit») in Sinn verwandeln zu müssen. Bolz: Die ungeliebte Freiheit, S. 33 und 106. Vgl. auch Jaeggi: Entfremdung, S. 46 f. 14 Brod: Nachwort zur ersten Ausgabe [1927]. In: Kafka: Amerika (Ausgabe Brod), S. 260–262, hier S. 261. Auch Benjamin spricht von Kafkas «drei Romane[n] der Einsamkeit». Benjamin: Benjamin über Kafka, S. 122.
2. Einleitung: Freiheit, Fremdheit und Deplatzierung
nämlich können die Tiere und Mischwesen sogar im Zustand der Gefangenschaft positive Anschauungsformen der Freiheit bilden.15 Deshalb soll im Folgenden den Romanen alle Aufmerksamkeit gelten, aber ein abschließender Blick auf die genannten Tiergeschichten geworfen werden. Zugespitzt lässt sich sagen, dass der Verschollene die Freiheit als gesellschaftliches Problem exponiert, dass der Proceß sie unter den Bedingungen des Rechts verhandelt und dass im Schloß die Freiheit als Problem subjektiver Willensfreiheit erscheint. Die Tiergeschichten wiederum rücken die Freiheit in eine anthropologische Perspektive und setzen sich zugleich mit Fragen der Kunstfreiheit auseinander. Unabhängig von ihrer positiven oder negativen Bewertung erweist sich die Freiheit als eines der bislang nur unzureichend reflektierten Leitkonzepte Kafkas, das zudem in seiner Rezeption lange Zeit existentialistisch überformt war.16 Dass der Autor dieses Leitkonzept vielfach
Obwohl man nach Kant die Freiheit nicht anschauen kann, weil sie bloß eine Idee ist, spreche ich hier bewusst von «Anschauungsformen». 16 Exemplarisch stehen hierfür die Bücher von Emrich: Franz Kafka (1958) und Philippi: Reflexion und Wirklichkeit (1966). Vgl. dazu Lauterbach: «Unbewaffnet ins Gefecht» – Kafka im Kontext der Existenzphilosophie. Mit Blick auf die 1950er-Jahre spricht Alt vom «Höhepunkt der existentialistischen Eingemeindung des Autors». Alt: Kafka und der Film, S. 10. Soweit ich es überblicke, hat zuerst Klaus-Peter Philippi auf die Dialektik von Freiheit und Fremdheit in Kafkas Werk aufmerksam gemacht. Seinen Hinweisen dazu legt er freilich nur Das Schloß und den Bericht für eine Akademie zugrunde und bezieht eine durchweg existentialistische Perspektive, indem er sein Freiheitsverständnis in Anlehnung an die usual suspects der Existenzphilosophie von Kierkegaard über Jaspers und Heidegger bis hin zu Sartre und Camus entwickelt. Vgl. Philippi: Reflexion und Wirklichkeit, S. 69, 88, 97, 127, 147 ff. u. ö. Das ist einerseits von prinzipieller Bedeutung, weil damit überhaupt ein zentrales Problem in Kafkas Werk angesprochen wird, andererseits aber von begrenztem Erkenntniswert, weil dieses Vorgehen die Komplexität, Dynamik und den Facettenreichtum der Anschauungsformen von Freiheit in den einzelnen Texten ebenso verdeckt wie die Genese eines lange währenden Reflexionsprozesses ihres Autors. Der Erste wiederum, der über Freiheit bei Kafka nüchtern, und das heißt vor allem ohne existentialistischen Überbau, gesprochen und wie Philippi die Konstellation von Freiheit und Fremdheit akzentuiert hat, ist Jörgen Kobs. Bei ihm heißt es kurz und bündig: «Stets bleiben Gemeinschaft und Gefangenschaft, Freiheit und Verlorenheit notwendige Korrelate.» Vgl. Kobs: Kafka, S. 516–531, hier S. 531. Solche Dialektik hat freilich auch schon Emrich gesehen: «Freiheit und Gebundenheit sind derart ineinander ver-
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