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Porträt des Dichters als Philosoph. Eine Betrachtung des philosophischen Denkens von Dante Alighieri

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JAC O B BU R C K HA R D T- G E S P R ÄC H E AU F C A S T E L E N 37

Ruedi Imbach

Porträt des Dichters als Philosoph Eine Betrachtung des philosophischen Denkens von Dante Alighieri


Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen

Band 37


Ruedi Imbach

Porträt des Dichters als Philosoph Eine Betrachtung des philosophischen Denkens von Dante Alighieri

Schwabe Verlag


Die Jacob Burckhardt-Gespräche auf Castelen wurden im Rahmen der Römer-Stiftung Dr. René Clavel begründet von Dr. iur. Dr. phil. h.c. Jacob Frey-Clavel.

Direktorium: Prof. Dr. Gottfried Boehm · Prof. Dr. Gunnar Hindrichs · Prof. Dr. Kurt Seelmann

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Direktorium der Jakob Burckhardt-Gespräche auf Castelen, Universität Basel, und Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Direktoriums der Jakob Burckhardt-Gespräche und des Verlags in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: Dörlemann Satz, Lemförde Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4267-1 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4268-8 DOI 10.24894/978-3-7965-4268-8 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch


Inhalt I

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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II Dantes Verständnis der Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . .

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III Philosophie der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 «Der Mensch ist das am meisten unstete und am meisten unbeständige Lebewesen» . . . . . . . 2 «Dem Menschen allein ist Sprache gegeben» . . . . . .

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IV Beispiele der Präsenz der Philosophie in der Commedia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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V Die politische Dimension der Intellekttheorie und die Neubegründung der politischen Theorie . . . . . . . . . . . . .

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Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Zitierte Werke und Ausgaben von Dante . . . . . . . . . 2 Wichtige Studien zur Philosophie von Dante . . . . .

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I Einleitung Riguarda bene omai sì com’io vado per questo loco al vero che disiri, sì che poi sappi sol tener lo guado. Paradiso II, 124–1261

An einer wichtigen Stelle in seiner Schrift Die Kultur der Renaissance in Italien sagt Jacob Burckhardt: «Wiederum muss zuerst Dante gehört werden, wie bei allen wesentlichen Fragen.»2 Diese Aussage belegt, wie sehr Burckhardt den italienischen Dichter schätzte und welche Bedeutung er ihm zumaß. Der vorliegende, bescheidene Versuch entspricht also ganz und gar Burckhardts Geist. Indes ist es angebracht, unser Vorhaben, einige Aspekte von Dantes philosophischem Denken vorzustellen, mit einer kurzen Erklärung des Titels dieser Abhandlung zu eröffnen. Das Wort Porträt ist ein französisches Lehnwort, das aus einem substantivierten Partizip des Verbs portraire entstanden ist. Dieses Tätigkeitswort bedeutet ‹entwerfen, darstellen› und ist seinerseits aus dem lateinischen Verb protrahere abgeleitet, das wörtlich ‹hervor1

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Inglese, S. 56, Übersetzung Flasch, S. 288: «Sieh genau, wie ich von dieser Stelle aus zu dem Wahren gehe, nach dem du verlangst, so dass du danach den Weg allein gehen kannst.» Für die Abkürzungen der zitierten Schriften Dantes vgl. die Bibliographie im Anhang. Auf die Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur möchte ich an dieser Stelle verzichten. Verweisen will ich lediglich auf Kurt Flasch: Einladung, Dante zu lesen, Frankfurt 2011. – Ich widme diesen Beitrag Peter Schulthess, dessen Ratschläge, Hinweise und Belehrungen mich seit vielen Jahren begleiten, ermutigen und erfreuen. Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch, Frankfurt 2009, S. 144.

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ziehen› meint, aber im übertragenen Sinne ebenfalls ‹ans Licht bringen›. Das Porträt ist also eine Darstellung einer Person, in der in einem gewissen Sinne das Besondere und Auszeichnende dieses Wesens dargestellt werden soll. Nun aber wird in unserem Titel durch eine Ergänzung das Hauptwort präzisiert mittels der Konjunktion als. In der Geschichte der Philosophie spielt dieses Bindewort eine ganz hervorragende Rolle, griechisch als he und lateinisch als inquantum. Berühmt ist des Aristoteles Entwurf einer Wissenschaft des Seienden als Seienden (episteme tou ontos he ontos) in der Metaphysik, aber ebenso bekannt ist Heideggers Analyse in Sein und Zeit des apophantischen und hermeneutischen Als (Sein und Zeit, § 33). Es handelt sich bei der Verwendung dieses Wortes stets darum, Etwas als Etwas zu betrachten oder zu verstehen. In unserem Fall würde ich vorschlagen, vom perspektivischen Als zu sprechen, da dieses Wörtlein die Hinsicht oder die Perspektive andeuten soll, unter der Etwas betrachtet wird. Wenn wir also den poeta inquantum philosophus betrachten wollen, dann ist wohl gemeint, dass wir den Dichter nicht unter dem Gesichtspunkt des Dichters besehen, sondern eben aus der Perspektive der Philosophie. Das ist im Falle Dantes in einem gewissen Sinne überraschend, da er in erster Linie und vornehmlich als einer der bedeutendsten Dichter der Weltliteratur verehrt wird. Wenn es gilt, diese einschränkende Betrachtungsweise zu rechtfertigen, dann können wir darauf hinweisen, dass das perspektivische Als zweifach verstanden werden kann. Eine erste Bedeutung bezieht sich auf die Sichtweise desjenigen, der ein Porträt entwirft: wir wollen dann sagen, dass der Porträtierende den Porträtierten im Hinblick auf die Philosophie darstellt. Es handelt sich dann also um eine philosophische Betrachtungsweise von Dantes Werken. Die zweite Bedeutung bezieht sich auf den Porträtierten selbst und meint, dass jemand dargestellt werden soll, der sich selbst als Philosoph gesehen und verstanden hat. In unserem Falle sind beide Bedeutungen gemeint. Ich möchte versuchen, Dante im Zusammenhang der Philosophie8


geschichte zu betrachten, was allerdings deshalb von besonderer Tragweite ist, weil Dante selbst sich selbst, mindestens zeitweise, als Philosoph verstanden hat. Einen offensichtlichen Beleg dafür finden wir in seiner letzten Schrift, der Questio, die kurz vor seinem Tod 1320 disputiert wurde. Er bezeichnet sich selbst hier als «inter vere philosophantes minimus», als der geringste unter den wahrhaft Philosophierenden.3

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Questio, [1], Rinaldi, S. 694: «Universis et singulis presentes litteras inspecturis Dantes Alagherii de Florentia, inter vere philosophantes minimus, in Eo salutem qui est principium veritatis et lumen.» Vgl. ebenfalls [87], S. 748–750, wo das Syntagma «philosophorum minimus» wiederholt wird. – Die Einleitung von Rinaldi behandelt das Problem der Echtheit dieser kleinen Schrift. Für die Abkürzungen der zitierten Schriften Dantes vgl. die Bibliographie im Anhang.

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II Dantes Verständnis der Philosophie Dante beschließt die Kanzone, mit welcher der zweite Traktat des Convivio eingeleitet wird, mit der Bemerkung, es werden wenige sein, welche die darin enthaltenen Gedanken richtig deuten: «Canzone, io credo che saranno radi Color che tua ragione intendan bene.»4

Diese Kanzone mit dem Incipit: Voi che ’ntendendo il terzo ciel movete handelt bekanntlich von einer vergangenen und einer neuen Liebe. In seinem Kommentar erklärt Dante, dass nach dem Tod von Beatrice ihn der Blick einer anderen Frau getroffen habe und dass in der Kanzone die Schlacht (battaglia) zwischen den Gedanken an diese und die Erinnerung an jene Frau beschrieben werde.5 Im weiteren Verlauf des Kommentars versteht der Leser, dass die donna gentile, die höfliche Frau, deren Liebe jene zu Beatrice ablöst, mit der Philosophie identisch ist. Damit ist das zentrale Thema des zweiten Traktats des Convivio klar bestimmt: Dantes Weg zur Philosophie wird beschrieben als ein Prozess des Verliebens, während dem die Liebe zur einen Frau diejenige zu einer anderen in einem inneren Kampf besiegt. Dante ist darum bemüht, dass der Leser die Stationen des geschilderten Prozesses präzise chronologisch einordnet: genau 1168 Tage nach Beatricens Tod, am 8. Juni 1290,6 soll es sich ereignet haben, dass jene donna gentile zum ersten Male «in meinen Blick trat und in meinem Geist einen Platz eroberte».7 4 5 6 7

Convivio II, Canzone, Giunta, S. 192. Vgl. Convivio II, ii, 3–5, Fioravanti, S. 224–226. Zu dieser Zeitangabe vgl. den Kommentar von Ricklin II, S. 119–120 sowie denjenigen von Fioravanti, S. 222–223. Convivio II, ii, 1, Fioravanti, S. 222.

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Es scheint offensichtlich, dass das im Convivio Geschilderte ohne die Vita Nova nicht angemessen begriffen werden kann, liefert doch das, was in der Vita Nova berichtet wird, in einem gewissen Sinne die Struktur der Erzählung im Convivio. Beatricens Tod hat, so lehrt die Vita Nova, Dante in eine mächtige Verzweiflung gestürzt. Doch da ereignet sich etwas Sonderbares: «Und als ich bemerkte, wie ich mich plagte, da hob ich die Augen, um zu sehen, ob mich jemand anderes gesehen hat.» Das richtige Verstehen dieses Passus erheischt unsere ganze Aufmerksamkeit. Dantes Sehen dient ausschließlich der Erkundung, ob er gesehen werde. Schon Aristoteles hat den Vorrang des Sehens unter den Wahrnehmungen betont und die meisten mittelalterlichen Denker sind ihm in diesem Punkt gefolgt. Dantes Text indes unterstreicht den Vorrang des Gesehenwerdens.8 Im Sehen entsteht eine Beziehung von sehendem Subjekt zu seinem Gegenüber. Das Gesehenwerden ist gleichsam die Antwort auf das Sehen und in der von Dante beschriebenen Situation ist der Blick des anderen in einem gewissen Sinne Trost des Sehenden. Im Convivio werden diese in der Vita Nova beschriebenen Ereignisse umgedeutet. Auch hier ist der Tod Beatricens der Ausgangspunkt: «Als die erste Freude meiner Seele […] für mich verloren war, [blieb ich] von soviel Traurigkeit geschlagen zurück, dass es für mich keinerlei Trost gab.»9 Wie in der Vita Nova ist es eine donna gentile,10 die auf unverhoffte Weise dennoch Trost bringt, nämlich die Philosophie, die Dante durch die Lektüre des Trostbu8 9

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Vgl. dazu die Ausführungen unten S. 39. Convivio II, xii, 1, Fioravanti, S. 296: «E però, principiando ancora da capo, dico che, come per me fu perduto lo primo diletto della mia anima, dello quale fatta è menzione di sopra, io rimasi di tanta tristizia punto, che conforto non mi valeva alcuno.» Übersetzung Ricklin II, S. 65. Zur Entwicklung, Bedeutung und Wichtigkeit des Syntagmas donna gentile in Dantes Schrifttum vgl. den grundlegenden Artikel dazu in der Enciclopedia Dantesca (II, 574a–577a) von Giorgio Petrocchi.


ches von Boethius und des Freundschaftstraktats von Cicero zu Gesicht bekommt: «Und wie es vorzukommen pflegt, dass ein Mensch Silber suchen geht und ohne Absicht Gold findet, das durch eine verborgene Ursache dargebracht wird, vielleicht nicht ohne göttlichen Befehl; [so] fand ich, der ich versuchte mich zu trösten, nicht nur Mittel gegen meine Tränen, sondern Worte von Autoren, von Wissenschaften und von Büchern.»11 Er versteht, dass die Philosophie ein allerhöchstes Ding, somma cosa, ist, und da er sie sich als eine Frau vorstellt, verliebt er sich in sie, die nobilissima e bellissima Filosofia.12 An dieser Stelle der Erzählung, in der Dante seinen Weg zur Philosophie dem Leser verständlich machen will, fällt dem Leser des Convivio ein bemerkenswerter Unterschied zu dem in der Vita Nova Berichteten auf. Nach der tröstenden Begegnung mit der donna gentile kehrt Dante nach dem Text der Vita Nova zu Beatrice zurück,13 während er im Convivio berichtet, er sei dorthin gegan-

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Convivio II, xii, 5, Fioravanti, S. 300: «E sì come essere suole che l’uomo va cercando argento e fuori della ’ntenzione truova oro, lo quale occulta cagione presenta; non forse sanza divino imperio, io, che cercava di consolarme, trovai non solamente alle mie lagrime rimedio, ma vocabuli d’autori e di scienze e di libri.» Übersetzung Ricklin II, S. 67. Vgl. Convivio II, xii, 5, Fioravanti, S. 300 sowie xii, 9, Fioravanti, S. 304: «E perché, sì comme detto è, questa donna fu figlia di Dio, regina di tutto, nobilissima e bellissima Filosofia.» Vgl. dazu auch den Kommentar von Ricklin II, S. 236. Vgl. dazu das Ende der Vita Nova, 31 [2–3] (XLII), Gorni, S. 1062, Übersetzung Cosieru, Kunkel, S. 125: «Und dann möge es dem, der der Herr der Höflichkeit ist, gefallen, dass meine Seele sich aufmachen dürfe, die Herrlichkeit ihrer Herrin zu schauen, nämlich jener gebenedeiten Beatrice, die verklärt ins Angesicht Dessen schaut, der gepriesen ist in alle Ewigkeit.» Diese Ankündigung darf in einem gewissen Sinne als Antizipation der Rückkehr zu Beatrice in der Commedia gelesen werden. Jedenfalls ist es unbestreitbar, dass Dante nach der eindeutigen Zuwendung zur Philosophie im Convivio zu Beatrice als der Führerin zum Empyreum zurückgekehrt ist.

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gen, wo die Philosophie sich zeigt.14 Er hat sich also dem Studium der Philosophie gewidmet. Was diese Behauptung genau bedeutet, darüber streiten die Fachleute seit Menschengedenken.15 Was uns an dieser Stelle interessiert, ist die Feststellung, dass die Liebe zur Philosophie nach dieser autobiographischen Rekonstruktion jene zu Beatrice nach einem intensiven inneren, ausführlich geschilderten Kampf ablöst und Dante unerwartete intellektuelle Befriedigung vermittelt, die ihn den Verlust seiner ersten Freude der Seele vergessen lässt. Die Philosophie begegnet ihm zuerst als Trösterin, aber es bleibt nicht dabei. Sie zeigt sich ihm danach als sie selbst und wird in ihrer eigenen Schönheit als solche wahrgenommen. Es ist deshalb kaum überraschend, dass die Auslegung der Kanzone, welche die vergangenen Ereignisse aufgreift und Anlass gibt, sie im Kommentar zu beschreiben und zu interpretieren, sich im weiteren Verlauf des Gastmahls, wie Francis Cheneval überzeugend gezeigt hat, Anlass zu einer eigentlichen Einführung in die Philosophie gibt, die, wie es die diesbezügliche mittelalterliche Literaturgattung will, vor allem drei bedeutende Teile umfasst, nämlich eine diffinitio philosophie, eine commendatio philosophie und eine divisio philosophie.16 Während Dante die beiden ersten Programmpunkte im dritten Traktat ausführt, widmet er einen ansehnlichen Teil des zweiten Traktats der Wissenschaftseinteilung, zu der ihm die allegorische Deutung des Gedichtanfangs die Möglichkeit bietet: Voi che ’ntendendo il terzo ciel movete, «Ihr, die ihr denkend den dritten Himmel bewegt». Der Ausdruck ‹Himmel›, so 14

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Convivio II, xii, 7, Fioravanti, S. 302: «E da questo imaginare cominciai ad andare là dov’ella si dimostrava veracemente, cioè nelle scuole delli religiosi e alle disputazioni delli filosofanti; sì che in picciolo tempo, forse di trenta mesi, cominciai tanto a sentire della sua dolcezza, che lo suo amore cacciava e distruggeva ogni altro pensiero.» Vgl. dazu auch den Kommentar von Ricklin II, S. 228–233. Vgl. zu dieser Frage Fioravantis Kommentar, S. 302–307. Vgl. die Einleitung zu Band 1 der Übersetzung des Convivio, insbesondere S. LXXXVIII–XCIX.


lehrt es das 13. Kapitel, meint die Wissenschaften,17 und diese Identifikation verführt Dante dazu, eine Wissenschaftseinteilung vorzulegen, in der er eine Korrespondenz zwischen dem Himmelsgewölbe mit seinen Sphären und den Wissenschaften ausführlich entwickelt. Wie Thomas Ricklin in seinem ebenso umfänglichen wie reichhaltigen Kommentar zur Stelle nachgewiesen hat, gibt es durchaus Vorlagen zu diesem Versuch, das Weltgebäude als Schlüssel zu einer Wissenschaftseinteilung zu benutzen.18 Dennoch ermöglicht dieser Teil von Dantes Schrift einen lehrreichen Einblick in die Besonderheit und Eigenheit seines Philosophiekonzepts, das hier nur andeutungsweise entwickelt werden kann. Dantes der Tradition verpflichtetes Verständnis des Kosmos liefert den Leitfaden: Auf die sieben Planetenhimmel folgen nach dieser Konzeption der Fixsternhimmel, der Kristallhimmel und das Empyreum, so dass sich ein Gefüge von zehn Himmeln ergibt, deren Verhältnis zu den Wissenschaften Dante folgendermaßen zusammenfasst: «Den sieben ersten [Himmel] entsprechen die sieben Wissenschaften des Trivium und des Quadrivium, also Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie. Der achten Sphäre, d. h. dem Fixsternhimmel entspricht die Naturwissenschaft, die Physik heißt, und die erste Wissenschaft, die Metaphysik heißt; und der neunten Sphäre entspricht die Wissenschaft der Moral; und dem ruhenden Himmel entspricht die göttliche Wissenschaft, die Theologie genannt wird.»19

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Conivivio II, xiii, 2, Fioravanti, S. 306: «Dico che per cielo io intendo la scienza e per cieli le scienze.» Übersetzung Ricklin II, S. 237–302. Convivio, II, xiii, 8, Fioravanti, S. 310: «Alli sette primi rispondono le sette scienze del Trivio e del Quadruvio, cioè Gramatica, Dialetica, Rettorica, Arismetica, Musica, Geometria e Astrologia. All’ottava spera, cioè alla stellata, risponde la scienza naturale, che Fisica si chiama, e la prima scienza, che si chiama Metafisica; alla nona spera risponde la Scienza morale; ed al cielo quieto risponde la scienza divina, che è Teologia appellata.» Übersetzung Ricklin II, S. 71.

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Es ist im Rahmen dieses Vortrages nicht möglich, Dantes Entfaltung dieser Wissenschaftseinteilung in all ihren signifikativen Aspekten zu präsentieren, ich hebe, in einer kaum zu legitimierenden Willkür, nur vier Punkte hervor, die mir bedeutsam scheinen: 1. Dem Mondhimmel entspricht die Grammatik. Seinen eigenen methodischen Regeln folgend erwähnt Dante zwei Eigenschaften des Himmels, die eine Ähnlichkeit mit der Grammatik aufweisen. Am Mond, so meint Dante, fallen uns im Vergleich mit den anderen Sternen nicht nur die Mondflecken, sondern ebenfalls die Mondphasen auf: «Und diese beiden Eigenschaften hat die Grammatik: denn wegen ihrer Unendlichkeit können diese Strahlen der Vernunft in ihr an kein Ende gelangen, vor allem bezüglich der Vokabeln; und sie leuchtet mal von hier und mal von da, insofern als gewisse Vokabeln, gewisse Deklinationen und gewisse Konstruktionen jetzt in Gebrauch sind, die es früher nicht waren oder es bereits waren und wieder sein werden.»20

In diesen Sätzen zur Veränderlichkeit der Sprachen kommt nicht nur Dantes Interesse am Phänomen der Sprache zum Ausdruck, sondern überhaupt seine Sensibilität für die menschliche Endlichkeit und Geschichtlichkeit. Wie kaum ein anderer Philosoph des Mittelalters hat Dante über diesen Aspekt der Sprache nachgedacht, wie die Rede Adams im 26. Gesang des Paradiso bestätigt, wo in eindeutiger Weise einerseits der Mensch als Spracherfinder und andererseits die notwendige Variabilität der Sprachen betont wird.21 20

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Convivio II, xiii, 10, Fioravanti, S. 312: «E queste due propietadi hae la Gramatica: ché per la sua infinitade li raggi della ragione in essa non si terminano, in parte spezialmente delli vocabuli; e luce or di qua or di là, in tanto [in] quanto certi vocabuli, certe declinazioni, certe construzioni sono in uso che già non furono, e molte già furono che ancor saranno.» Übersetzung Ricklin II, S. 73. Vgl. dazu den zitierten Passus sowie den dazugehörigen Kommentar unten S. 31.


In seiner lateinischen Schrift De vulgari eloquentia, die ausschließlich dem Problem der Sprache gewidmet ist, wird die Problematik der nachbabelischen Sprachentwicklung ausführlich untersucht, und der italienische Philosoph legt die Vervielfältigung der Sprachen nicht nur, wie es üblich ist, als eine göttliche Strafe aus, sondern versucht dafür eine vernünftige Erklärung zu geben, die er in der menschlichen Natur entdeckt: «Da aber alle unsere Sprachen […] nach jener Verwirrung, die nichts anderes war als das Vergessen der früheren [Sprache], nach unserem Gutdünken neu gebildet wurden und da der Mensch ein äußerst unstetes und veränderliches Lebewesen ist, können sie weder dauerhaft noch beständig sein, sondern müssen sich wie anderes, was zu uns gehört, zum Beispiel Sitten und Gebräuche, aufgrund des Abstandes von Ort und Zeit verändern.»22

Dante liefert hier eine innovative Deutung der allen Philosophen seit Aristoteles geläufigen These, die menschliche Sprache sei ad placitum entstanden. Diese Auslegung ist deshalb bedeutsam, weil sie einerseits von einer besonderen Sensibilität für den geschichtlichen Wandel zeugt und andererseits dieser Faktizität durchaus etwas Positives abzugewinnen vermag. 2. Die Logik, die Dialektik, kann mit dem Merkurhimmel verglichen werden. Dante war durch die Logik, auf deren Corpus der Logica vetus und der Logica nova er an der fraglichen Stelle des Convivio hinweist, fasziniert. Was an einer Stelle des Inferno ein Teufel zu bedenken gibt, ist auch ein Einwurf Dantes an seinen Leser: «Forse/ tu non pensavi ch’io logico fossi», «Du hast vielleicht 22

De vulgari eloquentia I, ix, 6, Tavoni, S. 1220–1222: «Cum igitur omnis nostra loquela, […], sit a nostro beneplacito reparata post confusionem illam que nil fuit aliud quam prioris oblivio, et homo sit instabilissimum atque variabilissimum animal, nec durabilis nec continua esse potest; sed sicut alia que nostra sunt, puta mores et habitus, per locorum temporumque distantias variari oportet.» Übersetzung Cheneval, S. 29.

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nicht geglaubt, ich sei ein Logiker».23 Wie sehr ihm Logik am Herzen liegt, lässt sich hundertmal in seinem Werk bestätigen, wohl am eindrücklichsten in der Monarchia. Besonders auffallend ist der Gebrauch der Logik im dritten Buch des politischen Traktats, wo Dante die biblischen Argumente zugunsten der päpstlichen plenitudo potestatis mit dem Nachweis logischer Fehler in der Argumentation der Gegner zurückweist. Wir können hier an das 8. Kapitel erinnern, wo das berühmte Argument der universalen Binde- und Lösegewalt des Papstes nach Matthäus 16,19 zur Debatte steht: «Alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein.» Nach der Auffassung der von Dante angegriffenen Gegner bedeutet dieses Bibelwort, dass der Papst Gesetze und Erlasse der zeitlichen Regierung festlegen und auflösen könne. In einem ersten Schritt seiner Widerlegung transformiert Dante die gegnerische Argumentation in einen Syllogismus und in einem zweiten Schritt weist er nach, dass in dieser Angelegenheit alles von der logisch korrekten Auslegung des universalen Terminus ‹alles› (universale terminus omne) abhängt.24 Es folgt nun ein kurzer Exkurs, in dem Dante die im Logikhandbuch des Petrus Hispanus dargestellte Lehre der distributio terminorum, der universalen Quantifikation erörtert, zusammenfasst und auf sein Problem anwendet, mit dem Ergebnis, dass eine logisch korrekte Deutung des Bibelsatzes keineswegs erlaubt, ihn im Sinne der weltlichen Macht des Papstes zu interpretieren. Vielleicht noch überraschender ist ein anderes Beispiel. Im ersten Teil des 26. Gesangs des Paradiso wird der dritte Teil des theologischen Magisterexamens Dantes vorgestellt.25 Nachdem ihn die Apostel Jakob und Petrus vorher über den Glauben und die Hoffnung befragt 23 24 25

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Inferno XXVII, 122–123, Inglese, S. 328. Zum Folgenden vgl. den Kommentar bei Imbach, S. 322–323. Zum Folgenden vgl. ebenfalls: Ruedi Imbach / Silvia Maspoli: «Philosophische Lehrgespräche in Dantes ‘Commedia’», S. 291–321, insbesondere S. 318–321.


haben (Paradiso XXIV und XXV), prüft ihn Johannes hier über die Liebe. Dante beantwortet die Prüfungsfrage mit einem kurzen Diskurs, der zu den wichtigsten Passagen der Komödie überhaupt gehört, weil darin die These entwickelt wird, Gott sei als das höchste Gut die Ursache der größten Liebe; er ist der unbewegte Beweger der bewegten Welt und des sich bewegenden Menschen. Wer diese Verse, in denen nach Dantes eigener Aussage die Übereinstimmung von Vernunft und Glaube zum Ausdruck kommt,26 mit Genauigkeit liest, kann feststellen, dass die entsprechenden Terzinen einer genauen logischen Beweisform gehorchen. Zuerst wird ein aus drei Schritten bestehendes Argument vorgetragen (28–39), bevor ein Verweis auf Aristoteles,27 Moses und Johannes die Beweisführung bestätigt (40–44): «Und ich: ‹Denn Gutes als Gutes, sofern es erfasst wird, verursacht Liebe. Und diese ist umso grösser, je grösser die Güte ist, die es umfasst. Deswegen muss sich auf jene Wesenheit, die so erhaben ist, dass alles, was sich ausser ihr befindet, nur ein Strahl ihres Lichtes ist, der Geist dessen, der das Wahre dieses Beweises erfasst, in Liebe mehr als auf irgend etwas Anderes hinbewegen.›»28 26

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Paradiso XXVI, 25–27, Inglese, S. 323. «E io: ‘Per filosofici argomenti/ e per autorità che quinci scende/ cotale amor covien che in me s’imprenti.’» Die Verbindung von rationalen Argumenten mit sog. Autoritäten, d. h. Argumenten aus der Tradition, ist für das scholastische Vorgehen, beispielsweise in den Disputationen kennzeichnend. Johannes bestätigt V. 45–48 (Inglese, S. 325) dieses zweifache Vorgehen: «E io udî: ‘Per intelletto umano/ e per autorità a lui concorde/ d’i tuoi amori a Dio guarde ’l sovrano.’» Mit der Bemerkung (37–39): «Und diese Wahrheit lehrt den Intellekt derjenige, der mir die erste Liebe aller unvergänglichen Substanzen beweist» ist eindeutig Aristoteles gemeint (Metaphysik XII). Paradiso XXVI, 28–36, Inglese, S. 324: «ché ’l bene, in quanto ben, come s’intende,/ così accende amore, e tanto maggio/ quanto più di bontate in sé comprende;/ dunque ala essenzia ov’è tanto avvantaggio,/ che ciascun ben che fuor di lei si trova/ altro non è ch’un lume di suo raggio,/ più che in altra convien che si mova/ la mente, amando, di ciascun che cerne/ il vero in che si fonda questa prova.» Keine der mir bekannten Übersetzungen ist befriedigend, deshalb wurde der Text neu übersetzt.

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