LISIA BÜRGI, EVA KELLER (HG.)
Inwiefern gelang es strukturell benachteiligten Akteur_innen, die sie umgebenden Rahmenbedingungen zu beeinflussen ? Um zu verstehen, wie soziale Dynamiken, Prozesse und Logiken entstehen und sich wandeln, ist eine geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gruppen unverzichtbar, denen der Zugang zu institutionalisierten Machtstrukturen verwehrt blieb. Im vorliegenden Band zeigen dies namhafte Autor_innen an verschiedenen Beispielen auf. Sie tragen damit zu einem kritischen Blick auf die «grossen» Geschichten bei, der sich als Konstante durch das Schaffen von Prof. Dr. Brigitte Studer zieht. Anlässlich ihres 65. Geburtstags ist dieser Band entstanden.
Ausgeschlossen einflussreich
Ausgeschlossen einflussreich
Ausgeschlossen einflussreich
Lisia Bürgi hat seit 2018 als Assistentin am Lehrstuhl für Neueste Allgemeine und Schweizer Geschichte gearbeitet. Ihre Dissertation zu alleinerziehenden Müttern in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird durch Brigitte Studer betreut. Eva Keller ist Oberassistentin an der Abteilung für Schweizer Geschichte des Historischen Instituts der Universität Bern. Sie hat 2017 mit einer Studie zur Basler Straffälligenhilfe des 19. Jahrhunderts bei Brigitte Studer promoviert.
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LISIA BÜRGI EVA KELLER (HG.)
HERAUSGEBERINNEN
Handlungsspielräume an den Rändern etablierter Machtstrukturen
Lisia B체rgi, Eva Keller (Hg.)
Ausgeschlossen einflussreich Handlungsspielr채ume an den R채ndern etablierter Machtstrukturen Festschrift f체r Brigitte Studer zum 65. Geburtstag
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: Leibundgut, Helga: Nationale Demonstration zum 8. März (Internationaler Tag der Frau), Fribourg, 1978 – Demonstrantinnen mit Pappfiguren «Laissez les vivre – je m’en occuperai», «Laissez venir à moi les petits enfants», Fotografie, Datenbank Bild+Ton, Schweizerisches Sozialarchiv (SozArch) F 5110-Fc-024. Korrektorat: Ricarda Berthold, Freiburg i. Br. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4174-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4175-9 DOI 10.24894/978-3-7965-4175-9 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Inhalt
Elena Mango: Grusswort der Dekanin der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Patricia Purtschert und Michèle Amacker: Neue Räume schaffen: Brigitte Studer und das IZFG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Fabienne Amlinger: Festrede zur Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Brigitte Studer am 5. Dezember 2019 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Lisia Bürgi und Eva Keller: Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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1. Gemeinsam bewegen und verändern
Caroline Arni: Die Frauen, die Fabrik und die Mutter des Autors . . . . .
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Matthias Ruoss und Regula Ludi: Umdeuten und aneignen. Feministische Neucodierung der Freiwilligkeit in den 1970er- und 1980er-Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Carola Togni: Un siècle d’engagement féministe pour les droits des chômeuses (1920–2000) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Marc Perrenoud: La Genève internationale, une ressource pour les féministes suisses? Effets et limites des impulsions internationales pour les combats des femmes suisses (1919–1939) . . . .
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Leo Grob: Umkämpfte Deindustrialisierung. Streiks und Restrukturierungen bei Alusuisse in Italien um 1970 . . . . . . . . . . . . . . . .
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2. Individuelles Handeln und geteiltes Erfahren
Gabriella Hauch: Isa Strasser: Land ohne Schlaf (1970). Ein autobiografischer Roman über das Leben in Moskau in den 1920er-Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
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Inhalt
Bernhard C. Schär: Löchrige Quellen und lückenhafte Erzählungen. Wie Frau Silla in Borneo die Gründungsgeschichte der Schweiz trotzdem mitprägte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Kristina Schulz: Historische Kritik des Sorgens und Dienens. Oral History des Welschlandjahrs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 3. Deuten und Erinnern
André Holenstein: Majorität, Minorität, Parität. Die Aushandlung des Landfriedens im Thurgau 1713 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Roman Rossfeld: Schüsse auf dem Fraumünsterplatz. Der Landesstreik, Füsilier Vogel und das Handwerk des Historikers . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Regina Wecker: Ist 1967 das wahre achtundsechzig? Gegenkultur, Hippie-Kultur und 68er-Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Patrick Kury: «Willkommenskulturen» im Kalten Krieg. Der Ludwigbericht und die Elastizität staatspolitischer Maximen . . . . . 253 Sacha Zala: Die Konjunkturzyklen des Carl Lutz. Vom Gerechten unter den Völkern zum Feindbild der #BlackLivesMatter-Bewegung? . 267 Magali Delaloye et Sonja Matter: Explorer l’histoire pour comprendre le présent. Regard sur le parcours de Brigitte Studer, chercheuse et enseignante . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 Schriften von Brigitte Studer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 Tabula Gratulatoria . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
Porträt
Brigitte Studer, Foto: Vera Knöpfel / © Universität Bern.
Grusswort der Dekanin der Philosophischhistorischen Fakultät der Universität Bern
Die vorliegende Festschrift erscheint zum 65. Geburtstag von Kollegin Brigitte Studer und damit zeitgleich mit ihrer Emeritierung. So ist es mir eine Freude und Ehre, das Grusswort dazu beizutragen. Die Studienjahre von Brigitte Studer an der Universität Fribourg in den Fächern Geschichte und Anglistik, später ihre Assistenzzeit an der Universität Lausanne und ihr Aufenthalt an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris bedeuteten die Auseinandersetzung mit verschiedenen Forschungsansätzen und Forschungsgebieten, die sie alsbald durch ihre Arbeiten zu einer anerkannten Wissenschaftlerin machen sollten. Bereits 1982 sind es ihre Forschungen zur Geschlechtergeschichte, die sie im Rahmen ihrer Thèse de Licence ès lettres über Rosa Grimm – eine biografische Arbeit zu Geschlechtergeschichte und Arbeiterbewegung – anging, und später immer wieder unter verschiedenen Aspekten beleuchtete. Es folgten grundlegende Forschungen zu den transnationalen Beziehungen der kommunistischen Internationale (‹komintern›) und zur Kommunistischen Partei der Schweiz, die sie erstmals in ihrer sehr umfangreichen Dissertation analysierte, ein grundlegendes Werk und eine Verflechtungsgeschichte avant la lettre. Ihre Aufarbeitung der Geschichte der schweizerischen Kommunistischen Partei und des russischen Stalinismus machten Brigitte Studer als Expertin weltweit bekannt. Kollegin Studer wurde im Jahre 1997 an das Historische Institut der Universität Bern auf das Ordinariat für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte berufen und war 22 Jahre lang Mitglied der Philosophisch-historischen Fakultät. Durch ihr grosses Engagement in Forschung und Lehre hat sie deutliche Zeichen gesetzt und das Bild des Historischen Instituts nach innen und nach aussen massgebend geprägt.
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Grusswort der Dekanin der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern
Ihre Forschungsenergie hat Brigitte Studer zu einer Forschungspersönlichkeit mit internationaler Reputation und nationaler und internationaler Anerkennung gemacht. Im Rahmen ihrer sowohl national, als auch international und genauso lokal verorteten Forschungsthemen – ausser den bereits genannten Fachgebieten handelt es sich um Themen wie die 68er-Bewegung und die nachfolgend entstehende Neue Frauenbewegung und ihre Akteurinnen und Akteure in der Schweiz, die Sozialgeschichte des Politischen, des Staates und der Gesellschaft und die Geschichte des Schweizer Bürgerrechts – ist sie ihrem Credo «Geschichte muss gegenüber gesellschaftlichen Anliegen und Problemlösungen porös sein» auf vielfältige Weise gerecht geworden. Sie hat wichtige gesellschaftliche Grundlagen erarbeitet, inhärente, kulturell konstruierte, strukturelle Paradigmen aufgedeckt, diese in ihrem zeitlichen und geografischen – europäischen bisweilen auch weltweiten – Kontext verortet und neue zu beschreitende Wege aufzeigt. Ausdruck ihrer reichen und erfolgreichen Forschungsaktivität bilden eine grosse Anzahl an grundlegenden Publikationen, zahlreiche Forschungsprojekte und eine damit einhergehende intensive Förderung des akademischen Nachwuchses über alle akademischen Stufen. Vom Ansehen, das Brigitte Studer im Laufe ihrer akademischen Vita als Forscherin im Inland wie im Ausland gewann, zeugen wichtige Funktionen in verschiedenen Institutionen, u. a. im Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds, im Conseil Scientifique du Département des Sciences de l’Homme et de la Société, im CNRS Paris, am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, in L’Homme, CLIO, im Communism London u. a. m. Ihr langjähriges Engagement im Rahmen des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung der Universität Bern, das sie als Mitbegründerin und langjähriges Mitglied des wissenschaftlichen Beirates und der Graduate School of Gender Studies geprägt hat, ist eines der zahlreichen Zeichen ihrer Bereitschaft, sich für wichtige gesellschaftliche Themen und das grössere Ganze einzusetzen. Ad multos annos! Prof. Dr. Elena Mango
Neue Räume schaffen: Brigitte Studer und das IZFG
Die Standing Ovations nehmen kein Ende. Souverän und inspirierend hat Brigitte Studer in ihrer Abschiedsvorlesung «Helvetia ist eine Frau. Die Geschichte der modernen Schweiz» am 5. Dezember 2019 vor prall gefülltem Saal einmal mehr die Geschlechterperspektive in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zur Schweizer Geschichte gerückt. Überzeugend hat sie gezeigt, dass dieser Zugang, den nicht wenige Historiker und auch einige Historikerinnen noch immer für optional halten, unabdingbar ist für die Erforschung moderner Historie. Und zwar schlicht und einfach darum, wie Brigitte Studer den Zuhörenden am Beispiel von Überlegungen zur Demokratie, dem Wohlstand und der soziopolitischen Stabilität in der Schweiz vor Augen führte, weil Geschichtsschreibung ohne Geschlechterperspektive lückenhaft, unvollständig und verzerrt bleibt, und damit den eigenen, hoch gehaltenen wissenschaftlichen Standards nicht genügen kann. Ein überzeugenderes Argument gibt es nicht in der Welt der Akademie. Die meisten Autor*innen dieser Festschrift werden diesen Faden aufnehmen und zeigen, wie Brigitte Studers Arbeiten Geschlechteraspekte und andere marginalisierte Perspektiven aufnimmt und damit neues Wissen möglich macht, Wissen aus der Perspektive von Frauen, von behinderten, entrechteten, sozial und ökonomisch benachteiligten Menschen. Ausgeschlossene Stimmen einflussreich für die Geschichte machen, dieses Credo hat aber nicht nur Brigitte Studers Forschung angeleitet. In unserem kurzen Beitrag erinnern wir daran, dass sie sich mit ihrem Engagement für die Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Bern auch für die Transformation institutioneller Strukturen eingesetzt hat, für die Schaffung von Räumen und die Umwandlung von Ressourcen für ein lange an den Rand gedrängtes Lehr- und Forschungsgebiet: die Geschlechterforschung. Damit beleuchten
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Neue Räume schaffen: Brigitte Studer und das IZFG
wir einen weiteren Bereich, in dem Brigitte Studer, gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen, «ausgeschlossen einflussreich» agierte und ein wichtiges Erbe hinterlassen kann. In einem Artikel für die Zeitschrift genderstudies schrieb Brigitte Studer 2006: «Als sich die Trägerschaft, das waren damals die Professorinnen Doris Wastl-Walter, Margaret Bridges, Claudia Honegger, Silvia Schroer, Marina Cattaruzza, Verena Niggli, Karénina Kollmar-Paulenz und ich, im Februar 2001 mit Barbara Lischetti und der eben neu angestellten Leiterin, Dr. Brigitte Schnegg, auf dem Gurten zu einer Retraite trafen, war die rasante Entwicklung der nächsten fünf Jahre noch nicht abzusehen.»1 Der Text erschien aus Anlass eines ersten Jubiläums und wirft einen Blick zurück auf die fünfjährige Geschichte des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG), zu dessen Gründerinnen Brigitte Studer gehört. Nicht nur die rasante Entwicklung des IZFG nach dem Zeitpunkt seiner Gründung blieb damals unabsehbar, sondern auch, dass sie bis zu ihrer Emeritierung eine bedeutsame Rolle als Mitglied und ab 2011 als Präsidentin des Beirates spielen würde. Selbst eine ausgewiesene und international bekannte Geschlechterhistorikerin gehörte Brigitte Studer zur Gruppe von Professorinnen, die zu Beginn des neuen Jahrtausends zusammenkamen, um ihre Forschungstätigkeiten im Bereich der feministischen Forschung und der Geschlechterforschung stärker zu vernetzen und einen institutionellen Raum für die Gender Studies an der Universität Bern zu schaffen. Unter der Leitung von Brigitte Schnegg wurde das IZFG zu Beginn der Nullerjahre in kurzer Zeit zu einem Dreh- und Angelpunkt der Schweizer Geschlechterforschung, die in dieser Zeit, mit Unterstützung von Bundesgeldern, landesweit institutionalisiert werden konnte. Das IZFG als Ort der Forschung und Lehre schlug einen für die Universitätslandschaft ungewöhnlichen Weg ein, indem neben der Grundlagenforschung, etwa im Bereich der Geschlechtergeschichte, auch der Zusammenarbeit mit NGOs und Behörden grosses Gewicht gegeben wurde. Insbesondere in den Bereichen Care, Nachhaltigkeit, Menschenrechte oder Development wurden im Auftrag und in Zusammenarbeit mit solchen Institutionen zahlreiche Forschungsarbeiten durchgeführt.
Studer, Brigitte: Zum IZFG Jubiläum: Ein Mitglied der Trägerschaft blickt zurück, in: genderstudies 8, 2006, 8. 1
Neue Räume schaffen: Brigitte Studer und das IZFG
Als wir beide im Februar 2016 die Leitung des IZFG übernahmen und damit auch die Neuausrichtung des Zentrums zu planen und umzusetzen begannen, stand uns Brigitte Studer als Präsidentin des wissenschaftlichen Beirats immer zur Seite. Sie begleitete uns zu den Treffen mit der Universitätsleitung und verlieh unseren Anliegen dort den nötigen Nachdruck, indem sie unsere Argumente aus der «longue durée»-Perspektive einer erfahrenen Professorin bekräftigte und der Universitätsleitung immer aufs Neue aufzeigen konnte, wie bedeutsam die Entwicklung der Geschlechterforschung für die gesamte Universität ist. Brigitte Studer hat die Entwicklung des Zentrums damit während zwanzig Jahren auf entscheidende Weise geprägt und sich in dieser Zeit immer dezidiert für die Geschlechterforschung im Allgemeinen und für ihre Verankerung und Anerkennung an der Universität Bern im Besonderen eingesetzt. Mit Brigitte Studer verabschiedet sich die Generation der Gründungsmitglieder des IZFG nach fast zwanzig Jahren der Aufbau- und Begleitarbeit. Für uns ist das eine Gelegenheit, um uns nochmals zu bedanken, für den Mut, den Einsatz, die Beharrlichkeit und die Kreativität, mit der dieser wichtige Ort der Lehre und Forschung ins Leben gerufen und im universitären Geflecht der Universität Bern verankert wurde. Besonders bedeutsam ist, dass kommenden Generationen damit die Möglichkeit eröffnet wird, sich im Masterstudiengang oder als Mitglied der Graduate School vertieft mit Geschlechterforschung auseinanderzusetzen. Auch Brigitte Studer hat immer grossen Wert auf ihre Aufgabe als Mentorin von Nachwuchswissenschaftler*innen gelegt und sich auch in der Programmkommission der Graduate School Gender Studies für deren interdisziplinäre Ausbildung engagiert. In einem kürzlich erstellten Video für unsere Graduiertenschule hält sie fest: «Ich lerne ja auch etwas in der Graduate School. Auch für mich ist die Interdisziplinarität nicht einfach so gegeben.»2 Diese grundsätzliche Offenheit für die Perspektiven der jüngeren Forschenden, und das genuine Interesse an anderen Arbeitsweisen, Überlegungen und Wissensbeständen hat die Zusammenarbeit mit Brigitte Studer immer ausgezeichnet. Wir danken ihr von
Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung der Universtität Bern: Graduate School, verfügbar unter: https://www.izfg.unibe.ch/studium/graduate_school/index_ ger.html [01. 05. 2020]. 2
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Neue Räume schaffen: Brigitte Studer und das IZFG
ganzem Herzen für ihr langjähriges und grosses Engagement, wünschen ihr alles Gute für die Zukunft und freuen uns, sie immer wieder bei uns am Zentrum begrüssen zu dürfen. Patricia Purtschert und Michèle Amacker
Festrede zur Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Brigitte Studer am 5. Dezember 2019
Im vergangenen Sommer sagte mir Brigitte Studer, dass ich den 5. Dezember reservieren solle, da an diesem Tag ihre Abschiedsvorlesung stattfände. Ich erwiderte darauf lapidar, dass ich dieses Datum verdränge. Zu unschön fühlte sich der Gedanke an, dass Brigitte eines Tages nicht mehr als Lehrstuhlinhaberin an der Universität Bern wirken würde. Doch jetzt ist dieser Tag gekommen und mit dem Verdrängen war es spätestens bei den Vorbereitungen für diese Rede aus. Denn meine Aufgabe ist es, auf den mit Brigitte gegangenen Weg zurückzuschauen. Fast gleichzeitig starteten wir an der Uni Bern: sie als Professorin, ich als Studentin. Entsprechend war sie mir in den vergangenen mehr als 20 Jahren zuerst und dadurch massgeblich Dozentin – später dann Doktoratsbetreuerin, Vorgesetzte am Lehrstuhl und in den letzten Jahren Präsidentin und Projektleiterin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung. All das macht sie zu jener Person, die mich auf dem akademischen Weg am meisten geprägt und begleitet hat. Folglich zeichnet diese Rede ein impressionistisches Portrait von Brigitte Studer aus Sicht einer ihrer frühen und langjährigen Schülerinnen nach: 1997 und damit ein Jahr nachdem Brigitte Studer an der Universität Bern den Lehrstuhl am Historischen Institut antrat, immatrikulierte ich mich an der Uni. So frisch vom Gymnasium erschien mir nichts interessanter als die wuchtigen, weltgeschichtlichen Ereignisse wie die Französische Revolution, die Russische Revolution oder der Zusammenbruch der bipolaren Weltaufteilung in West und Ost. Schweizer Geschichte? Das klang in meinen Ohren damals, euphemistisch formuliert, enorm unattraktiv. Warum also sich für eine Veranstaltung beim «Lehrstuhl für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte» einschreiben? Nun gut, immerhin klang der zweite Teil des Namens «Neueste Allgemeine Geschichte» einigermassen ansprechend. Und
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Festrede zur Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Brigitte Studer am 5. Dezember 2019
schliesslich kam es zum entscheidenden Moment, der mich zum StuderLehrstuhl pilgern liess: Vor Semesterbeginn versammelten wir Studierende uns jeweils bei den Ausschreibewänden, an denen die kommenden Lehrangebote angeschlagen waren. Vor mir lasen drei Studenten die Texte des Studer-Ordinariats, grinsten sich an und meinten in jovialem Ton: «Studer – das ist doch die mit den Weibern!» In diesem Augenblick wusste ich, dass ich bei Brigitte Studer studieren will. Weil erstens war klar, dass solch chauvinistische Studenten wohl kaum in Brigittes Seminaren sitzen. Zweitens vermochten ihre Lehrveranstaltungen offenbar Widerstand und Unbehagen auszulösen, was mir vielversprechend erschien. Und ja, das «mit den Weibern» – also Frauen- und Geschlechtergeschichte – ja das klang hochspannend! Bereits im Proseminar erhellte sich mir und mit jeder weiteren Lehrveranstaltung bei Brigitte wurde deutlicher, was es bedeutete, bei ihr zu studieren und um welchen Ort es sich beim Ordinariat Studer handelte. An dieser Stelle sollen einige Schlaglichter auf diesen Ort geworfen werden: Als Erstes fiel auf, dass die Lehrveranstaltungen von Brigitte Studer schlichtweg der Ort waren, wo die coolen Studentinnen sassen und wo die wenigen männlichen Studenten oft kaum das Wort ergriffen oder zumindest nicht dem sonst so bekannten Mansplaining verfielen. Insbesondere mit ihrem Schwerpunkt auf Geschlechtergeschichte zog Brigitte Studer feministische, engagierte, hochmotivierte, kritische und auch aktivistische Studentinnen an. Frau traf sich über die Jahre immer wieder in ihren Seminaren und Vorlesungen. Brigittes Lehrveranstaltungen waren also auch der Ort, wo Freundschaften entstanden und wo frau Weggefährtinnen fand. Der Lehrstuhl von Brigitte Studer war zudem der Ort, wo die Uni nicht nur an der Uni stattfand. Damit sind nicht nur Exkursionen in Archive oder Bibliotheken gemeint. Die waren auch bei anderen Lehrstühlen üblich. Bei Brigitte Studer fand die Uni darüber hinaus auch an eher ungewöhnlichen Orten statt, beispielsweise bei einem gemeinsamen Filmbesuch in der Berner Reitschule. Die Uni gestaltete sich bei Brigitte Studer aber umgekehrt auch als Ort, an dem ausserakademische Gäste und Gästinnen zu Lehrveranstaltungen willkommen waren. Im Seminarraum diskutierten wir Studierende mit Nationalrätinnen, mit einer Vertreterin der Anti-Globalisierungsbewegung, mit einem anarcho-syndikalistischen Aktivisten oder mit einer Bundesrätin.
Festrede zur Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Brigitte Studer am 5. Dezember 2019
Das weist einerseits bereits auf die inhaltliche Ausrichtung von Brigitte Studers Wirken als Dozentin hin und andererseits darauf, was uns StuderSchüler*innen so interessierte und inspirierte. In ihren Lehrveranstaltungen – und generell in ihrem akademischen Schaffen – standen gewisse Fragen und ein spezifischer Fokus im Mittelpunkt. Zentral darunter war sicherlich der Blick auf die Geschlechterverhältnisse und damit verknüpft auf die Handlungsspielräume von Frauen. Diesen Blick verband Brigitte stets mit der Frage nach staatlicher wie nichtstaatlicher Macht sowie mit der Frage nach Inklusions- und Exklusionsmechanismen. Und so lernten wir, neue Fragen an bekannte Gegenstände zu stellen, gewisse Gegenstände überhaupt als historiografisch relevant zu entdecken, gängige Geschichtsbilder und Begrifflichkeiten kritisch zu hinterfragen und die Geschichte um die Perspektive marginalisierter Personen und Gruppen zu erweitern. Brigitte inspirierte uns, mit der Kategorie Geschlecht, mit einer anderen sozial relevanten Kategorie oder mit intersektional verwobenen Differenzachsen den Blick auf jene zu richten, denen der Zugang zu Machtpositionen verwehrt blieb. Mit diesem analytischen Zugang wurde für mich auf einmal jeder inhaltliche Schwerpunkt von Brigittes Lehrtätigkeiten spannend. Unabhängig, ob das nun das Frauenstimmrecht, die Komintern, der Landesstreik, der Schweizer Sozialstaat oder ein anderes Thema war. Und so stand das Ordinariat Studer letztlich für den Ort, der bei mir das Interesse und die Begeisterung für Geschichte – und eben auch für Schweizer Geschichte – weckte. Brigitte Studer vermittelte als Dozentin aber nicht alleine einen spezifischen analytischen Blick und vielfältige inhaltliche Schwerpunkte. Brigitte Studers Lehre war immer auch der Ort, wo geschichtswissenschaftliches Handwerk gelehrt und gelernt wurde. Und zwar akribisch: vom Archivgang zum Quellenstudium über das Formulieren von Thesen, der Anwendung von Theorien und Konzepten bis hin zur Lektüre französischer Texte und Quellen, zum Zeitmanagement bei Referaten und zur Orthografie. Das Ordinariat Studer war also – und diese Behauptung stammt aus sicheren Quellen – durchaus auch ein Ort der Strenge, der nicht nur mir oft ziemlichen Respekt einflösste. Mit der Zeit wusste ich aber alleine anhand der Intonation von Brigittes charakteristischem «Ah, bon», ob ich mich mit meiner Arbeit auf dem richtigen Weg befand oder nochmals etwas zulegen musste. Ja, ich glaube, als Studierende imponierte uns einfach auch das Wissen und Können von Brigitte. Zugleich war es unter anderem genau das, was mich und wohl
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Festrede zur Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Brigitte Studer am 5. Dezember 2019
auch andere angetrieben hat. Angetrieben zu mehr: mehr wissen zu wollen, schärfer analysieren zu können, eingängiger verstehen zu lernen, präzisere und interessantere Fragen zu stellen – und diese Freude und Neugier an Geschichte und historischem Arbeiten zu erfahren. Das waren nun Erinnerungen einer Schülerin. Zugleich sind diese Erinnerungen eben auch «Memories for the future». Im mehrfachen Sinne hat Brigitte Studer an der Uni Bern Geschichte geschrieben – und dabei Spuren bei Studierenden hinterlassen. Und zwar in Form von Standards, Inhalten, Analyseblicken, Fragen und Inspirationen. Mit all dem bereicherte und prägte Brigitte Studer jüngere Generationen von Historiker*innen und durch diese wirkt das Schaffen von Brigitte Studer in vielfältiger Form weiter. Merci, Brigitte, für all das! Fabienne Amlinger