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Jahrbuch 2019 Qualität der Medien

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Jahrbuch

Die fundierten Analysen bieten ßber das Jahrbuch hinaus eine Grundlage fßr die medienpolitische Debatte in der Schweiz. Das Jahrbuch Qualität der Medien ist eine informative Quelle fßr Medienschaffende, Fßhrungskräfte aus Politik und Wirtschaft, fßr die Wissenschaft und alle, die sich mit der Entwicklung unserer Medien und ihrer Inhalte auseinandersetzen wollen. Es will das Bewusstsein fßr die Qualität der Medien stärken und die Dis­ kussion ßber den Wandel unserer medialen Öffentlichkeit anregen.

Schwabe Verlag Basel www.schwabeverlag.ch

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Svizzera

2019 erscheint das Jahrbuch Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera. zum 10. Mal. Seit der ersten Ausgabe 2010 liefern die Herausgeber jähr­ lich aktuelle Kennzahlen zu den Mediengattungen Presse, Online / Social Media, Radio und Fernsehen. Die Forschergruppe der Universität Zßrich untersucht neben der Entwicklung der inhaltlichen Qualität auch die Nutzungsentwicklung und die Finanzierungsbasis der Informations­ medien. Ebenso ordnen die Wissenschaftler Trends und neue Phäno­ mene wie beispielsweise die fortschreitende Medienkonzentration, die sinkende Vielfalt oder die Bedeutung von Social Media fßr die Informa­ tionsmedien in einen grÜsseren Kontext ein.

Qualität der Medien

Suisse

Presse | Radio | Fernsehen | Online | Social Media

Schweiz

Das fÜg – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universi­ tät Zßrich untersucht jährlich die Veränderungen in der Schweizer Medien­ landschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei sämtliche Mediengattungen:

Qualität der Medien

2019

Jubiläumsausgabe Jahrbuch 2019

Schweiz

Suisse

Svizzera

, 6 % 1

fÜg  / Universität Zßrich

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Jahrbuch 2019

Qualität der Medien Schweiz – Suisse – Svizzera

Herausgegeben vom fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich im Auftrag der Kurt Imhof Stiftung für Medienqualität, Zürich

Schwabe Verlag Basel

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Das Jahrbuch Qualität der Medien steht als PDF auf www.foeg.uzh.ch zur Verfügung.

Copyright © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz, und fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages und des fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Gestaltung: Thomas Lutz, Die Medienmacher AG Gesamtherstellung: Die Medienmacher AG, Muttenz, Schweiz Printed in Switzerland ISBN Printausgabe 978-3-7965-4089-9 ISSN Printausgabe 1664-4131 rights@schwabe.ch www.foeg.uzh.ch www.schwabeverlag.ch

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Hauptbefunde – Umbau der Schweizer Medienöffentlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

II. Der Bedeutungsverlust traditioneller Newsmedien und die Entstehung neuer Nutzungsmuster – wie die Digitalisierung Newsrepertoires verändert . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

Inhalt

I.

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III. Agenda-Setting auf Twitter – welche Rolle spielen Informationsmedien in der Schweizer Twitter-Sphäre? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 IV. Medien in den Medien – Analyse der Zitationshäufigkeit von Schweizer Informationsmedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 V. Mediale Integrationsleistung – wie Schweizer Medien auf die Schweiz und ihre Landesteile blicken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 VI.

Qualität von Schweizer Informationsmedien im Zeitverlauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85

VII. Medienarena. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 VII.1 Ereignischronologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 VII.2 Kennzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 VIII. Presse – gedruckt und online. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 VIII.1 Ereignischronologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 VIII.2 Kennzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 IX. Radio und Fernsehen – Newssendungen und Webangebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 IX.1 Ereignischronologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 IX.2 Kennzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 X. Social Media . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 X.1 Ereignischronologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 X.2 Kennzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 Methodik 1. Untersuchungsgegenstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 2. Analyse der Medienstrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 3. Qualitätsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Team

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197

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Vorwort

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Zehn Jahre sind eine lange Zeit, zumal dann, wenn diese Jahre in eine Phase von grossen Veränderungen, vielleicht sogar in eine Umbruchphase fallen. Doch: Ist es nur eine Phase, gleichsam eine Etappe des Wandels, oder bereits der Beginn einer neuen Medienwelt? Kurt Imhof startete vor über zehn Jahren gemeinsam mit dem Team des fög das Projekt Jahrbuch Qualität der Medien. Vor zehn Jahren sah die Schweizer Medienwelt noch anders aus: vielfältig, stabil. Vieles erschien sicher, planbar. Doch 2009 sollte zum Schlüsseljahr werden: Die Werbeeinnahmen für das Fernsehen begannen zu steigen. Die Erlöse für Onlineangebote wuchsen markant. Umgekehrt brachen die Werbe­ erlöse bei der Presse ein. Sie erholten sich danach, aber seit 2012 nehmen diese Einnahmeverluste massiv zu. Andere Erträge sind für die Verlage schwierig zu er­ zielen, mehr Abos kaum noch abzusetzen und höhere Preise nicht so einfach durchzusetzen. Digital-Abos kann man zwar steigern, aber die Einnahmen daraus sind gering, und die Abo-Kunden binden sich weniger. Hilft jetzt die Paywall? Die klassischen Massenmedien mit ihren gebündelten Angeboten wie linear verbreiteten Programmen haben nicht nur an Werbung eingebüsst, sondern auch beim (jungen) Publikum verloren. Wegen mangelnder Leistungen, weil die Qualität nicht stimmt? Kurt Imhof, ausgestattet mit einem feinen Gespür für die Phänomene des gesellschaftlichen Wandels und ­einem soliden theoretischen Rucksack zur Erklärung von Wandel wie Krisen, machte sich just 2009 auf den Weg mit seinem Vorhaben: Lasst uns über Medien­ qualität sprechen. Durch die Herstellung von Öffentlichkeit wie die Debatte über Medienqualität sollte das Verständnis von Qualität verankert, gefestigt werden. Imhof, ein Diskurstheoretiker, war in seinem Element. Das diskursive Vorhaben stiess anfänglich auf Ab­ lehnung in der Branche und an anderen Orten auf Bedenken: ein überflüssiges Vorhaben, zumal für die qualitätsbewusste Schweiz. Und was ist eigentlich Qualität? Kann man Qualität überhaupt messen? Die Medienpraxis, geplagt von ökonomischen Herausforderungen, reagierte ablehnend: Wir bieten doch Qualität! Und die akademische Welt reagierte zurückhaltend: Was, bitteschön, kann dieses Vorhaben für Erfolge in der Welt der Journals bringen? Jenseits von Branche und Aka­

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demie gab und gibt es aber Persönlichkeiten aus Wirtschaft wie Politik, die die Bedeutung des Themas erkannten und das Vorhaben förderten – um der Demokratie willen. Medien sind in der direkten Demokratie des mehrsprachigen Kleinstaats Schweiz ­konstitutiv für die Deliberation im Vorfeld von Abstimmungen wie Wahlen. Die qualifizierte Beteiligung setzt kommunikative, auch mediale Teilhabe- wie Teilnahmemöglichkeiten voraus. Medienvielfalt wie ­ -qualität und die Qualität der Demokratie bedingen sich.

Vorwort

Otfried Jarren

In den zehn Jahren hat sich viel getan: Die Medienvielfalt ging deutlich zurück. Verlagsmonopole und -oligopole wurden zur durchgängigen Realität, jenseits des Wirtschaftsraumes Zürich. Der publizistische Wett­ bewerb ist zurückgegangen, Zentralredaktionen dominieren. Aber bezüglich der Medienqualität tat sich ­etwas: Ein grosses Verlagshaus in der Schweiz etablierte ein internes Qualitätsmonitoring. Es wurden weitere Initiativen zur Messung wie Bewertung von Medienqualität gestartet. Und es gibt wiederkehrend, mit dem Erscheinen jedes Jahrbuchs, eine gewisse öffentliche Debatte über Medien(-qualität). Dies in den letzten Jahren zwar abnehmend, auch weil es an Medien­ fachredaktionen mangelt. Aber es gibt eine Debatte. Die anstössige fög-Initiative hat also Impulse gegeben. Es wird über Medienqualität diskutiert, und das in ­einem breiten Verständnis: Welchen Beitrag l­eistet die Gratispresse für die Medienqualität im Land? Welche Folgen haben Gratisangebote für den Markt, für den Journalismus? Welche Folgen haben die im Zuge von Sparmassnahmen eingeführten Zentral­redaktionen für die publizistische Vielfalt und Qualität? Welche Informationsleistungen bieten die vielen (neuen) Onlineportale? Erkennbar ist, dass die Analysen mehr und mehr über das engere inhaltliche Angebot der Medien hinaus­ gehen. Es geht nicht allein um die Bewertung von einzelnen Angeboten einzelner Titel, sondern um die ­Analyse von Gattungen. Dabei werden sowohl Marktwie Nutzungsdaten einbezogen. Diese Gesamtschau macht die jährlichen Berichte wichtig: Sie stellen eine den Medienwandel begleitende reflexive Forschung dar, die aber nicht allein nach bestimmten Ursachen und Wirkungen fragt, wie es in der traditionellen Be-

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Vorwort

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gleitforschung üblich ist. Das Forschungsteam unter Mark Eisenegger ist offen für Neues, greift Kritik auf, setzt neue methodische Konzepte ein, wagt Urteile – und weiss um die Anstössigkeit des Tuns. Es gibt bequemere Formen des Arbeitens. Insoweit ist hinter dem Jahrbuch-Projekt der Geist seines Initiators noch immer deutlich zu spüren. Gestaltungsanstösse der Branche, aber auch der Wirtschaft wie der Politik zu geben, ist ein grosser Anspruch, nicht leicht zu erfüllen. Aber wir wissen es alle: Ohne eine vielfältige, plurale und offene Medienlandschaft und ohne einen qualitativ hochstehenden Journalismus würde sich die politische Kultur verändern. Medien, Öffentlichkeit und Demokratie bilden ein institutionelles Ensemble. Aber es geht nicht allein nur um Öffentlichkeit und politische Kommunikation, also die Ermöglichung von political citizenship. Es geht um mehr: Mit Blick auf die grossen Veränderungen bei der Bereitstellung, Verteilung wie Nutzung von Informa­ tionen und Wissen, so mittels Suchmaschinen und neuer Plattformen, geht es um die gesellschaftliche ­Kohäsion, also um das, was wir gemeinsam kennen, teilen oder wissen. Was macht uns aus, was wollen wir?

tionen für Kohäsion und für das geteilte Wahrnehmen von Gemeinsamkeiten wie Unterschieden. Je vielfältiger, wechselhafter und dynamischer unsere indivi­ duelle Welt wird, je mehr wir unser Informations- und Kommunikationsverhalten spezialisieren können, umso mehr sind wir auf zuverlässige Informationen angewiesen, denn wir müssen immer wieder über kollektive, aber auch persönliche Angelegenheiten ­ ­entscheiden. Dazu benötigen wir zuverlässige Infor­ mationen. Und wir müssen wissen, was andere tun, unterlassen oder entscheiden (wollen). Die gesellschaft­ lichen Intermediäre mögen sich verändern, aber wir bleiben sozial aufeinander angewiesen, wir müssen ­kooperieren. Wir können nur «Mit anderen werden» (Kerstin Meissner). Soziale Zugehörigkeit ist ein – mühe- wie anspruchsvoller – Prozess. Ohne Medien und Journalismus, die als unabhängige Instanzen beobachten, informieren, vermitteln, kritisieren oder einbeziehen, geht dies nicht. Medien wie Journalismus stehen für die sich stets entwickelnde, weite Welt. Eine Welt, die weit über unsere doch kleine Schar an SocialMedia-Friends wie sogar unsere möglicherweise vielen Follower, Tweets und Co. hinausreicht. Otfried Jarren*

Die soziale Differenzierung ist gross, sie nimmt auch dank Social Media ständig zu, aber wer sagt uns am Ende des Tages, ob wir noch genug über unsere Gemeinschaft und voneinander wissen? Gesellschaft ist nicht, sie entsteht durch Prozesse. Sozialisation findet nicht nur in der Kinder-, Jugend- und Schulzeit statt, sondern ist ein anhaltender Prozess – für Aus- wie ­Inländer. Cultural Citizenship und Social Citzenship müssen stets neu durch Angebote wie durch unsere ­Bereitschaft zur gesellschaftlichen Mitwirkung ent­ stehen. Publizistische Medien sind bedeutende Institu-

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* Prof. em. Dr. Otfried Jarren war 1989 bis 1997 Professor für Journalistik mit dem Schwerpunkt Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Hamburg. Er war von 1995 bis 2001 Direktor des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung. Von 1997 bis 2019 wirkte er am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IKMZ) der Universität Zürich. Seit 2016 ist Jarren Honorarprofessor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der FU Berlin. Jarren ist seit 2013 Präsident der Eidgenös­sischen Medienkommission (EMEK).

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I. Hauptbefunde

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Umbau der Schweizer Medienöffentlichkeit

Das Jahrbuch Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera feiert ein grosses Jubiläum. Bereits zum zehnten Mal publizieren wir diese Studie. Niemals hätten wir gedacht, dass es über einen so langen Zeitraum gelingt, ein derart umfangreiches Forschungsprojekt zu finanzieren, ein Team von zwischenzeitlich bis zu zehn Forschenden dauerhaft für die verfolgten Forschungsinhalte zu be­geistern und jedes Jahr diese breite Re­ sonanz in der Ö ­ ffentlichkeit zu erzielen. Über all die Jahre ist das Jahrbuchprojekt seinem Grund­anspruch treu ge­blieben, die schweizerische Medien­öffentlichkeit zu vermessen und die Befunde in den g­ esellschaftlichen Diskurs einzuspeisen. Seit der ersten Ausgabe im Jahr 2010 analysieren wir die Bericht­ erstattungsqualität professioneller Informationsmedien sowie deren Ressourcen, die publizistische Vielfalt bzw. die Medienkonzentration in der Schweizer Me­dienarena und nicht zuletzt die veränderten Nutzungsgewohnheiten des Medienpublikums. Dennoch hat sich im Laufe der Zeit viel am Forschungsdesign und an den prioritären ­Forschungsschwerpunkten ­ver­ändert. Sicherlich die wichtigste Veränderung ist, dass unser Fokus heute längst nicht mehr nur den ­professionellen Informa­ tionsmedien in der Schweiz gilt. Der digitale Strukturwandel der Medienöffentlichkeit hat es erfordert, die Forschungsperspektive auszuweiten. Längst wird die Schweizer Medienöffentlichkeit nicht mehr nur von professionellen, journalistischen Informationsmedien geprägt. Eine Vielzahl neuer Anbieter ist hinzuge­ kommen. Die Zivilgesellschaft, pseudojournalistische Quellen sowie die Public Relations aus Politik, Wirtschaft und anderen Handlungssphären haben gegenüber dem Journalismus im öffentlichen Meinungschor an Gewicht gewonnen und bilden mittlerweile für viele Leute einen Teil eines neu zusammengesetzten «Medienmenüs». Insbesondere aber setzen die globalen Tech-Plattformen, allen voran jene von Facebook, Google, YouTube und Co., auch die schweizerische Medienöffentlichkeit einem weitreichenden Wandel aus, der bei weitem nicht abgeschlossen ist. Diese «Platt­ formisierung» verändert im Positiven wie im Nega­ tiven die Zugangschancen zur Öffentlichkeit und die Mediennutzung, sie verändert die Kommunikations­ logiken, wie öffentlich kommuniziert wird, und nicht zuletzt bedrängt sie den professionellen Informations-

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journalismus, der in den letzten ­Jahren einem mess­ baren Erosionsprozess ausgesetzt ist. Die in diesen Hauptbefunden zusammengefassten Ergebnisse der Hauptstudie und der fünf separat ver­ öffentlichten Zusatzstudien stellen diesen Umbau der Schweizer Medienöffentlichkeit ins Zentrum. Die Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse gliedert sich in Hauptbefunde, die den vier Rubriken «Wandel der Mediennutzung» (1), «Wandel der Medienökonomie» (2), «Wandel der strukturellen und inhaltlichen Me­dienkonzentration» (3) und «Wandel der Medien­ inhalte» (4) zugeordnet sind. Den Abschluss bilden medienpolitische Erwägungen (5).

I. Hauptbefunde

Mark Eisenegger

I.1 Wandel der Mediennutzung I.1.1 Digital first und «Plattformisierung» der Mediennutzung Der Umbau der Schweizer Medienöffentlichkeit wird deutlich, wenn zunächst die Mediennutzung in den Blick genommen wird. Fragt man die Nutzerinnen und Nutzer danach, welche Informationskanäle «oft» oder «sehr oft» genutzt werden, so werden der Bedeutungs­ verlust klassischer Informationsmedien und die Bedeutungszunahme digitaler Quellen deutlich (vgl. ­Darstellung I.1). Den grössten Verlust haben die (gedruckten) Abonnementszeitungen zu verzeichnen. Innerhalb von zehn Jahren sinkt ihr Nutzungsanteil von 56% auf 32%. Ebenso werden Radio und Fernsehen seltener genutzt. Dagegen steigern Online-Informa­ tionsquellen im Untersuchungszeitraum ihre Nutzungsanteile von 52% auf 61%. Vor allem aber zeigt sich eine fortschreitende «Plattformisierung» der Mediennutzung. Mit einem Anteil von 70% im Jahr 2019 sind Social Media in der Bevölkerung der am weitesten verbreitete Newskanal. Zwar werden soziale Medien erst von rund jedem zehnten Nutzer als Hauptinformationsquelle genutzt (vgl. Kapitel X), als regelmässig genutztes «Begleitmedium» bzw. als «Begleit-Plattform» für den Newskonsum haben Social Media in den letzten Jahren jedoch stark und kontinuierlich zugelegt und sind mittlerweile fester Bestandteil des «Medienmenüs» der überwiegenden Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer.

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100% 90% 80% 70% 60%

I. Hauptbefunde

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Abonnementszeitungen

Pendlerzeitungen

Boulevardzeitungen

Sonntag/Magazin

Online

Radio

TV

Social Media

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Blogs

Darstellung I.1: Nutzungshäufigkeit von Medienkategorien zu Newszwecken Die Darstellung zeigt, wie sich die Nutzungshäufigkeit von Medienkategorien zu Newszwecken im Zeitraum von 2009 bis 2019 entwickelt hat. Abgebildet sind die Anteile der Befragten, die als Nutzungshäufigkeit «oft» oder «sehr oft» angegeben haben (n = 37 623; Quelle: eigene Daten basierend auf der jährlichen Mediennutzungsstudie GfK/fög). Lesebeispiel: 2019 nutzen 70% der Befragten Social Media oft oder sehr oft zu Newszwecken.

I.1.2 Verschiebungen im «Medienmenü»: Die News-Deprivation schreitet weiter voran Die markanten Umwälzungen in der Mediennutzung werden noch deutlicher, wenn analysiert wird, wie sich das «Medienmenü» der Nutzerinnen und Nutzer zu­ sammensetzt und wie sich dieses über die Zeit ver­ ändert. In unserer Forschung untersuchen wir solche Medienmenüs in Form sogenannter Repertoires und können mittlerweile auf eine Datenreihe zurück bis ins Jahr 2009 zugreifen, die für die Schweiz einzigartig ist (vgl. Kapitel II). Das Newsmedien-Menü der Schweizer Nutzerinnen und Nutzer lässt sich insgesamt sechs

­ epertoiretypen zuordnen. Drei davon lassen sich als R «Old-World-Repertoires» charakterisieren, da hier der Konsum klassischer Nachrichtenmedien wie Presse, Radio und Fernsehen dominiert. Die drei anderen Re­ pertoiretypen zählen zu den sogenannten «New-WorldRepertoires». In ihnen dominieren digitale Kanäle wie auch soziale Medien als primäre Quellen der Informa­ tionsnutzung. Während 2009 noch die Hälfte der Be­ völkerung ein Old-World-Repertoire aufwies, ist es 2019 nur noch ein gutes Viertel. Dagegen haben die New-World-Repertoires in den vergangenen zehn ­Jahren markant Anteile gewonnen. 2019 sind drei von vier Personen einem Repertoiretyp der neuen Medien­ welt zuzuordnen. Betrachtet man die Langzeitentwicklung der sechs repertoires im Einzelnen, wird deutlich: Das News­ ­Repertoire der «News-Deprivierten», das durch einen weit unterdurchschnittlichen Newskonsum geprägt ist, legt massiv zu (vgl. Darstellung I.2). Von 2009 bis 2019 ist ­dieses Repertoire um 15 Prozentpunkte auf einen Bevölkerungsanteil von 36% und somit am stärksten gewachsen und umfasst heute mit Abstand am meisten Nutzerinnen und Nutzer. Zoomt man auf die Alters­ gruppe der ­jungen Erwachsenen, d.h. auf die 16- bis 29-Jährigen, so gehören zu diesem Newsrepertoire mittlerweile 56% der Nutzerinnen und Nutzer. Seit dem Jahr 2017 unterscheidet unsere Repertoire­ forschung stärker ­zwischen der Nutzung verschiedener Social-Media-Plattformen. Das machte eine gering­ fügige Anpassung der erfassten Repertoire-Cluster nötig. Betrachtet man die Zeitreihe gemäss altem ­ ­Verrechnungsmodus (gepunktete Linien in der Dar­ stellung I.2), so würde der Anteil der «News-Depri­ vierten» im Jahr 2019 noch höher ausfallen und läge bei rund 38%. Nicht nur die «News-Deprivierten» sind mit relevanten Hardnews unter­versorgt, sondern auch das Repertoire der «Global Surfer». Während die «News-Deprivierten» generell wenig News konsu­ mieren, gelten die «Global Surfer» zwar als newsaffin, aufgrund ihres Medienmenüs werden sie aber unzu­ reichend mit regionaler und nationaler Berichterstat­ tung konfrontiert. Die Versorgung mit An­geboten aus dem Inland ist aber notwendig, um auf informierter Grundlage die demokratischen Grundrechte ausüben oder an der Öffentlichkeit eines Landes, in dem man lebt, teilnehmen zu können. Somit zeigt sich, dass mit den «News-Deprivierten» und den «Global Surfern»


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40%

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35%

30%

30% Old World & Onlinependants 25%

20%

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I. Hauptbefunde

News-Deprivierte

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Global Surfer 15%

Old World Boulevard 15% Intensivnutzer

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10% Homeland Oriented

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Darstellung I.2: Abnahme der Old-World-Newsrepertoires und Zunahme der New-World-Newsrepertoires Die Darstellung zeigt die Anteilsentwicklungen der sechs Repertoiretypen im Zeitraum von 2009 bis 2019 (n = 37 623). Die gepunktete Linie stellt den Verlauf dar, wenn kein Update der Repertoires erfolgt wäre. Lesebeispiel: Der Anteil der «News-Deprivierten» nimmt von 21% im Jahr 2009 auf 36% im Jahr 2019 zu.

die aus demokratiepolitischer Sicht problematischsten Repertoires in den letzten Jahren am meisten zugelegt haben. Die News-Deprivation ist in mehrfacher Hinsicht ­problematisch. Sie geht einher mit geringerem poli­ tischem Wissen und mit geringerer Teilhabe am politisch-demokratischen Prozess (Hyunwoo und JungAe 2014; Blekesaune et al. 2012). Die News-Deprivation korreliert weiter mit geringerem Vertrauen in staats­ tragende Institutionen (Strömbäck et al. 2013). Nicht zuletzt ist das gesellschaftliche Bild der «News-Deprivierten» stärker emotional und bedrohlich aufgeladen: Skandale und Krisen, Unfälle, Katastrophen und Anschläge finden stärker Eingang in die Newsfeeds solcher Nutzergruppen (Schneider und Eisenegger 2018). Das Problem der News-Deprivation beschränkt sich keineswegs auf die Schweiz. Dies zeigt die internationale Forschung zur sogenannten News Avoidance. Der Anteil der «News Avoider», die aktiv und bewusst

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News verweigern, liegt in westlichen Demokratien heute zwischen 15% und 41% (Reuters Institute 2019). Wir bevorzugen den Begriff der News-Deprivation ­gegenüber jenem der News Avoidance. Denn unsere Forschung zeigt, dass die entsprechenden Nutzer keineswegs systematisch News «verweigern», sondern mit News unterversorgt sind. Genau diese Unter­versorgung bringt der Begriff der Deprivation auf den Punkt.

I.1.3 Nutzungsmotive auf sozialen Medien: Unterhaltung und Socializing vor Infor­ mation Social Media werden in den Medienmenüs immer wichtiger, wenn sich Leute informieren möchten. Doch Social Media spielen darüber hinaus im Alltag auch jenseits von News eine immer wichtigere Rolle. Die Frage stellt sich: Wie wichtig ist der Newskonsum im Vergleich zu anderen Motiven wie Socializing und Unterhaltung? Diese Frage wurde für das aktuelle ­

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Muster 4 – Socializing via Facebook und WhatsApp, News nebenbei

63%

Muster 5 – Unterhaltung via Facebook und WhatsApp, News nebenbei

39%

Muster 2 – Nachrichten und Information via YouTube-Video

39%

35%

Muster 7 – Socializing und Unterhaltung via Instagram und Snapchat, keine News

I. Hauptbefunde

Muster 6 – Influencern folgen und Beiträge kommentieren, keine News

31%

Muster 1 – Nachrichten und Information als Bild, Post oder Link

21%

Muster 3 – Twittern und retweeten, Unterhaltung und News

21%

Muster vorhanden

0%

20%

Muster stark ausgeprägt 40%

60%

80%

Darstellung I.3: Häufigkeit der Nutzungsmuster von Social Media Die Darstellung zeigt die Anteile der Befragten, bei denen das betreffende Social-Media-Muster vorhanden oder stark ausgeprägt ist, für das aktuelle Erhebungsjahr 2019 in absteigender Häufigkeit (n = 3527). Lesebeispiel: Muster 1 «Nachrichten und Information als Bild, Post oder Link» ist bei 21% vorhanden oder stark ausgeprägt.

J­ ahrbuch Qualität der Medien detailliert auf Basis einer Bevölkerungsumfrage für die meistgenutzten SocialMedia- und Messenger-Anwendungen untersucht ­(Facebook, Instagram, Snapchat, YouTube, Twitter, WhatsApp) (vgl. Kapitel II). Insgesamt sieben Muster der Social-Media-Nutzung konnten identifiziert werden (vgl. Darstellung I.3). Am häufigsten kommt das Nutzungsmuster 4 «Socializing via Facebook und WhatsApp, News nebenbei» vor. Dieses Nutzungs­ muster dominiert bei 63% der befragten Nutzerinnen und Nutzer deutlich, gefolgt vom Nutzungsmuster 5 «Unterhaltung via Facebook und WhatsApp, News ­nebenbei» (39%). In beiden Mustern nutzen die Befragten News lediglich nebenher. Bei Befragten, die dem Repertoire der «News-Deprivierten» zugehörig sind, dominiert Muster 7 «Socializing und Unterhaltung via Instagram und Snapchat, keine News». Insgesamt zeigt unsere Analyse, dass das Konsumieren von News auf Social Media ein eher nachgeordnetes Nutzungsmotiv darstellt. Unterhaltung und Socializing (Vernetzung und Kontaktpflege) stehen im Vordergrund. Die prioritäre Nutzung von sozialen ­Medien fördert damit die News-Deprivation. Weiter begünstigt die Nutzung von sozialen Medien aufgrund der domi-

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nanten Unterhaltungsorientierung eher den Konsum von «Infotainment» und Softnews.

I.1.4 «Messengerisierung»: Wachsende Privatisierung der Digitalöffentlichkeit Die Analyse der dominanten Nutzungsmuster auf ­Social Media im vorhergehenden Abschnitt belegt die grosse Bedeutung sogenannter Messengerdienste wie WhatsApp oder Facebook Messenger. Für die beiden wichtigsten Motive zur Nutzung von Social Media in der Schweiz ist insbesondere der Messengerdienst WhatsApp prominent vertreten. Tatsächlich hat die ­Bedeutung dieser Messengerdienste international wie auch in der Schweiz in den letzten Jahren stark zu­ genommen (Reuters Institute 2019). In der Schweiz ist WhatsApp heute die meistgenutzte Social-Media-App. Rund drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer (74%) verwenden die App mindestens einmal pro ­Woche. Auch zu Newszwecken wird WhatsApp heute bereits von 26% der befragten Nutzer in der Schweiz regelmässig verwendet. Das entspricht einer Zunahme um 7 Prozentpunkte seit 2016 (vgl. Darstellung I.4). In verschiedenen Ländern (z.B. Brasilien oder Süd­ afrika) ist WhatsApp heute der wichtigste Kanal für den

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30%

25%

20%

15%

10%

5%

0% 2016

2017 WhatsApp

2018

2019

Facebook Messenger

Darstellung I.4: Wachsende Bedeutung von Messengerdiensten zu Newszwecken Die Darstellung zeigt, wie viele der Befragten angeben, die beiden Messengerdienste «letzte Woche» zu Newszwecken genutzt zu haben Reuters Institute 2016 bis 2019; Facebook Messenger-Zahlen (Quelle: ­ werden erst ab 2017 ausgewiesen). Lesebeispiel: In der Schweiz gaben im Jahr 2016 19% der Befragten an, «letzte Woche» WhatsApp zu Newszwecken genutzt zu haben. 2019 liegt der Anteil bereits bei 26%.

gesellschaftspolitischen Diskurs und die Newsnutzung (vgl. Reuters Institute 2019). Messengerdienste werden durch den Facebook-Konzern – zu dem sowohl WhatsApp wie Facebook Messenger gehören – strategisch gefördert. So kündigte Mark Zuckerberg Anfang 2019 eine Fokusverlagerung auf private Messengerdienste an (Reuters Institute 2019, S. 17). Dies dürfte auch mit der Skandalisierung von Facebook im Zusammenhang mit unzureichenden Massnahmen gegen Fake News und Hate Speech und für den Schutz privater Nutzerdaten zusammenhängen. Da es sich bei Messengerdiensten um private Kommunikation in abgeschotteten Communitys handelt, kann sich Facebook sehr viel einfacher dem regulatorischen Zugriff entziehen. Der starke Bedeutungsgewinn der Messengerdienste kann für die demokratische Gesellschaft weitreichende Folgen haben. Eine funktionierende demokratische Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass sich der relevante gesellschaftspolitische Diskurs in ausreichendem Masse in der Öffentlichkeit und nicht im Verborgenen vollzieht. Durch die «Messengerisierung» wird jedoch die Privatisierung gesellschaftlicher Diskussionen ge-

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fördert, was die demokratischen Grundfunktionen öffentlicher Kommunikation schwächen kann. Ge­ schwächt wird erstens die Kontrollfunktion öffentlicher Kommunikation, weil problematische Inhalte un­ erkannt bleiben und somit auch nicht mit kritischer Berichterstattung sanktioniert werden können. Geschwächt wird zweitens die Integrationsfunktion, weil abgeschottete Messenger-Communitys die Bildung von «Echokammern» befördern. Und geschwächt wird drittens auch die Deliberationsfunktion, weil in ab­ geschotteten Messenger-Communitys unzivile Kommunikationsformen – z.B. ehrverletzende oder gar ­rassistische Äusserungen –, aber auch die Verbreitung sonstiger problematischer Inhalte wie Desinformation einfacher möglich sind.

I. Hauptbefunde

13

I.1.5 Plattformisierung fördert den emergenten, entbündelten Newskonsum Der Bedeutungsgewinn von Plattformen wie Facebook, Google, WhatsApp, Snapchat oder Instagram verändert die Art und Weise, wie Nachrichten konsumiert werden. Sie werden immer weniger als gebündeltes Gesamt­ angebot einzelner Medienmarken wie 20minuten.ch, watson.ch oder nzz.ch genutzt. Zwar dominiert in der Schweiz immer noch der markengestützte News­ konsum, aber die Bedeutung des entbündelten, so­ genannt emergenten Medienkonsums nimmt zu Prozentpunkte im Vorjahresvergleich). Bereits (+3  27% der Befragten in der Schweiz sind «emergente ­Mediennutzer» (vgl. Darstellung I.5). Sie stossen auf Nachrichten mehr oder weniger beiläufig auf Social Media (12%), mittels News-Aggregatoren (4%) oder indem sie Stichworte in Suchmaschinen eingeben (11%; vgl. Darstellung I.5). Unter weiblichen Befragten ist der emergente Konsum ausgeprägter als bei den männ­ lichen (31% vs. 24%), und er ist auch stärker ­verbreitet bei jungen Erwachsenen (35% der 18- bis 34-Jährigen). Problematisch am emergenten News­konsum ist, dass die Bindung an herkömmliche Medienmarken abnimmt (Kalogeropoulos und Newman 2017). Die Nutzer und Nutzerinnen erinnern sich ­bestenfalls, dass sie einen bestimmten Beitrag z.B. auf einer bestimmten Plattform (z.B. Facebook) gesehen haben, nicht aber, dass er z.B. von tagesanzeiger.ch oder Blick.ch stammt. Wenn aber im emergenten Medienkonsum die Markenbindung leidet, so schwindet das Qualitätsbewusstsein, und auch die Zahlungsbereitschaft nimmt ab. ­Aktuelle

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Andere/Weiss nicht

18%

Aggregatoren

emergenter Newskonsum

4%

In Suchmaschine Stichwort eingegeben

11%

I. Hauptbefunde

Social Media

12%

In Suchmaschine Website eingegeben markengestützter Newskonsum

16%

Direkt zur Website oder via App

38% 0%

5%

10%

15%

20%

25%

30%

35%

40%

Darstellung I.5: Markengestützter vs. emergenter Nachrichtenkonsum Die Darstellung zeigt die Zugangswege zu Onlinenews (Quelle: Reuters Institute 2019). Lesebeispiel: In der Schweiz geben 38% der Befragten an, direkt die Website anzusurfen, um News zu konsumieren. Ihr Nutzungsverhalten lässt sich entsprechend als markengestützt beschreiben.

Befunde bestätigen, dass Personen, die Nachrichten­ seiten direkt ansteuern, eine signifikant höhere Zahlungsbereitschaft für News z­ eigen als Nutzerinnen und Nutzer, die ein emergentes Nutzungsverhalten auf­ weisen (Reuters Institute 2019, S. 14).

I.1.6 Privatpersonen und politische PR als wichtige Agenda-Setter auf Social Media Social Media werden in der Mediennutzung immer wichtiger. Doch wer vermag in der Social-MediaSphäre den Diskurs zu bestimmen? In einer für die Schweiz einzigartigen Studie haben wir untersucht, welche Themen und welche Akteure die Schweizer Twitter-Sphäre dominieren (vgl. Kapitel III). Dazu wurde ein für die Schweiz einmaliges Tracking sämt­ licher Schweizer Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer (rund 300 000 User) installiert. Anhand unserer Analyse lässt sich exemplarisch die Veränderung der digi­ talen Öffentlichkeit zeigen. Waren bislang Leitmedien zentrale Gatekeeper der öffentlichen Kommunikation, können über soziale Medien andere Akteure Themen setzen und den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen. Die Analyse belegt, dass in der Twitter-Sphäre Privatpersonen am stärksten in der Lage sind, die gesellschaftspolitische Agenda zu bestimmen, gefolgt von Politikerinnen und Politikern. Erst auf dem dritten

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Rang folgen Journalistinnen und Journalisten. Die ­Hierarchie der einflussreichsten Agenda-Setter wird im Vergleich zur klassischen, massenmedialen Öffentlichkeit in der Social-Media-Sphäre damit bis zu einem ge­ wissen Grad auf den Kopf gestellt (vgl. Darstellung I.6). Sogenannte Alternativmedien sind hingegen in der Schweizer Twitter-Sphäre von geringer Bedeutung. Sie treten in der Schweizer Twitter-Öffentlichkeit nur am Rande in Erscheinung – und wenn, handelt es sich durchwegs um ausländische, nicht schweizerische Twitter-Accounts. Insgesamt legt unsere Studie den Schluss nahe, dass in der untersuchten Schweizer Digitalöffentlichkeit weniger Desinformation ein dring­ liches Problem ist als die an Partikularinteressen orientierte PR.

I.1.7 Desinformation kein vorrangiges Problem Dass Desinformation in der Schweizer Digitalöffentlichkeit kein zentrales Problem ist, bestätigt sich auch auf der Grundlage von Bevölkerungsumfragen. Fragt man die Schweizerinnen und Schweizer danach, in­ wieweit sie in der Vorwoche problematischen Inhalten begegnet sind, so fallen die Werte im Vergleich zu internationalen Referenzländern signifikant geringer aus (vgl. Darstellung I.7).

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Privatperson Politiker Journalist Medienorganisation Künstler Wissenschaftler

NGO Kulturorganisation Alternativmedium 0

2000

4000

6000

interne Retweets

8000

10 000

12 000

I. Hauptbefunde

Politische Partei

externe Retweets

Darstellung I.6: Kategorisierung der Retweets für Hardnewsthemen Die Darstellung zeigt die erfassten Nutzergruppen, welche die codierten Tweets zu den Hardnewsthemen Politik, Wirtschaft und Kultur ursprünglich ­verfasst haben (n = 1800). Die Tweets wurden entweder von Usern in der kontinuierlich erfassten Schweizer Twitter-Sphäre verfasst (interne Retweets, blaue Balken) oder von Nutzern ausserhalb dieser Twitter-Sphäre geschrieben (externe Retweets, graue Balken). Lesebeispiel: Insgesamt wurden die Tweets von Politikern knapp 10 000-mal retweetet. Der Anteil Tweets von Schweizer Politikern ist höher als derjenige von ausländischen Politikern. Am häufigsten wurden die Tweets von Privatpersonen retweetet, nämlich mehr als 10 000-mal.

«Sind Sie diesen Dingen letzte Woche begegnet?» 45%

39%

40% 35% 30%

27%

26%

25% 20% 13%

15% 10% 5% 0% Berichten mit absichtlich verfälschten Tatsachen Schweiz

Zu politischen oder ökonomischen Zwecken frei erfundenen Berichten Vergleichsländer

Darstellung I.7: Bewusste Wahrnehmung von Desinformation Die Darstellung zeigt, wie viele der Befragten angeben, den abgebildeten Formen von Journalismus «letzte Woche» begegnet zu sein (Quelle: Reuters Institute 2018). Lesebeispiel: In der Schweiz gaben im Jahr 2018 27% der Befragten an, «letzte Woche» Berichten mit absichtlich verfälschten Tatsachen begegnet zu sein. Dieser Anteil ist niedriger im Vergleich zu den 36 Referenzländern (39%).

Nur 27% der Befragten geben an, Berichten mit absichtlich verfälschten Tatsachen begegnet zu sein, das sind 12 Prozentpunkte weniger im Vergleich zu den

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Befragten aus den Referenzländern. Gar nur 13% be­ jahen die Frage, in der Vorwoche zu politischen oder ökonomischen Zwecken frei erfundenen Berichten

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60% 50% 40% 30% 20%

I. Hauptbefunde

10% 0%

Informationsmedien

Suchmaschinen

Social Media

Darstellung I.8: Medienvertrauen im internationalen Vergleich Die Darstellung zeigt für die Schweiz und die Referenzländer den Anteil der Befragten, die angeben, überwiegend oder stark den Informationsmedien, Suchmaschinen bzw. Social Media zu vertrauen (Quelle: Reuters Institute 2019). Lesebeispiel: In der Schweiz geben 45% der Befragten an, den Medien überwiegend bis stark zu vertrauen.

­ egegnet zu sein. Das sind 13 Prozentpunkte weniger, b als die Werte in den 37 Referenzländern anzeigen.

I.1.8 Vertrauen in etablierte Informationsmedien hoch, in Social Media tief Wie verändert die Plattformisierung das Vertrauen der Schweizer Nutzerinnen und Nutzer in professionelle Informationsmedien und in Social Media? Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen herkömmlichen Newsmedien und den Digitalplattformen der Tech-­ Giganten: In allen Ländern, so auch in der Schweiz, wird klassischen Informationsmedien deutlich mehr vertraut (47%) als den Suchmaschinen (29%) oder ­Social Media (17%) als Informationsquellen. Mit diesen Vertrauenswerten in klassische Informa­ tionsmedien befindet sich die Schweiz im vorderen Drittel aller 38 untersuchten Länder sowie im Durchschnitt, wenn man die 12 westlichen Referenzländer heranzieht (vgl. Darstellung I.8; Reuters Institute 2019). Differenziert man nach verschiedenen Altersklassen, so zeigen sich interessante Unterschiede: Die intensivsten Social-Media-Nutzer, also die jüngsten Befragten, misstrauen den Nachrichten auf Social ­Media am meisten (62%). Insgesamt sind wir mit dem bemerkenswerten Befund konfrontiert, dass die zu­ nehmende Nutzung sozialer Medien mit sinkenden

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Vertrauenswerten in diese Plattformen einhergeht. Das ist für den Schweizer Informationsjournalismus ein wichtiger Befund: Trotz hoher und wachsender Be­ deutung der sozialen Medien als Quellen treten die Nutzerinnen und Nutzer den sozialen Plattformen mit tendenzieller Skepsis gegenüber und sind sich offensichtlich der wichtigen Funktion professioneller Informationsmedien als Garanten eines aufgeklärten gesellschaftlichen Diskurses bewusst.

I.2 Wandel der Medien­ ökonomie I.2.1 Konstant tiefe Zahlungsbereitschaft für News Die Zahlungsbereitschaft für Onlinenews bleibt in der Schweiz und auch in vielen weiteren Ländern tief. ­Lediglich 11% der Schweizer Mediennutzerinnen und -nutzer geben 2019 an, für digital verfügbare News zu bezahlen. Die Zahlungsbereitschaft bewegt sich in vielen anderen Ländern auf einem ähnlich tiefen ­ ­Niveau. Eine Ausnahme bilden die skandinavischen Länder, allen voran Norwegen (35%) und Schweden (27%), mit deutlich höheren Anteilswerten für die ­Zahlungsbereitschaft der Nutzer (vgl. Darstellung I.9). Als wichtigsten Grund für die mangelhafte Zahlungs-

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40% 35% 30% 25% 20% 15%

5% 0%

Darstellung I.9: Zahlungsbereitschaft für Onlinenews im internationalen Vergleich Die Darstellung zeigt für die Schweiz und die Referenzländer den Anteil der Befragten, die angeben, im letzten Jahr für Onlinenews bezahlt zu haben (Quelle: Reuters Institute 2019). Lesebeispiel: In der Schweiz geben 11% der Befragten an, im vergangenen Jahr für Onlinenews bezahlt zu haben.

bereitschaft nennen Befragte in Deutschland die kostenlose Verfügbarkeit der Informationen im Netz und auf den Digitalplattformen (Buschow und Wellbrock 2019).

I.2.2 Wesentlich höhere Zahlungs­ bereitschaft für Streamingdienste Ein weiterer Grund für die tiefe Zahlungsbereitschaft für Onlinenews ist die Konkurrenz durch StreamingUnterhaltungsangebote wie Netflix, Amazon Prime ­(Videos, TV-Serien) oder Spotify (Musik-Streaming). Wenn sich Nutzerinnen und Nutzer zwischen einem Abonnement für ein Newsangebot und einem für ein unter­haltungsorientiertes Angebot entscheiden müssten, fiele die Wahl in der Regel auf das Unterhaltungsangebot (vgl. Darstellung I.10). Von den 18- bis 24-­ Jährigen würden gerade einmal 4% das News­ abonnement wählen, während 83% ein Unterhaltungsangebot bevor­zugen würden. Je älter die Befragten, desto eher würden sie sich für das Newsangebot entscheiden. Laut internationalen Studien entwickelt sich die Zahlungsbereitschaft gemäss einer «Winner takes it all»­ utzer Dynamik: Zahlungsbereite Nutzerinnen und N sind künftig nur noch – wenn überhaupt – bereit, für ein einziges Newsabonnement zu bezahlen (Reuters

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I. Hauptbefunde

10%

Institute 2019). Aufgrund von Gewöhnungseffekten mit Streamingdiensten wie Netflix oder Spotify steigt zudem die Nachfrage nach gebündelten Newsange­

18–24

25–34

35–44

45–54

55+ 0%

20% News

40%

60%

Unterhaltung

80%

100%

Weder noch

Darstellung I.10: Präferenz für Onlineservices nach Altersgruppen Die Darstellung zeigt für die Altersgruppen in der Schweiz die Anteile der Befragten, die sich für News, Unterhaltung oder keines von beiden entscheiden würden, wenn sie sich für ein Abonnement davon entscheiden müssten (Quelle: Reuters Institute 2019). Lesebeispiel: In der Schweiz geben 4% der Befragten zwischen 18 und 24 Jahren an, sich für ein Onlinenewsabonnement zu entscheiden, wenn sie vor die Wahl gestellt würden. 83% würden ein Unterhaltungsangebot bevorzugen.

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I. Hauptbefunde

boten aus unterschiedlichsten Quellen, die m ­ ittels Flatrate abgerechnet werden (Reuters Institute 2019; ­Buschow und Wellbrock 2019). Die Schmerzgrenze für solche Flatrate-Angebote liegt in Deutschland bei 10–15 Euro pro Monat (Buschow und Wellbrock 2019, S. 8). In Kombination mit dem an­haltenden Abfluss von Werbegeldern zu den Tech-­Giganten wird deutlich, dass sich eine ausreichend vielfältige Informa­ tionspublizistik allein über den Markt zunehmend schwieriger finanzieren lässt.

I.2.3 Plattformisierung setzt dem Infor­ mationsjournalismus zu Die Plattformisierung setzt dem schweizerischen Informationsjournalismus zu. Dies sowohl medienökonomisch als auch darüber hinaus. Wie beschrieben lässt die Newsnutzung via Plattformen das Marken­ bewusstsein für journalistische Medienorganisationen schwinden. Andere Untersuchungen zeigen zudem, dass journalistische Inhalte in Google-Suchen ins­ gesamt eine nur geringe Rolle spielen (Meedia 2019) oder dass auf YouTube Schweizer Videos im Allgemeinen und Schweizer Nachrichtenvideos im Speziellen selten bis gar nicht im «Trending»-Bereich erscheinen (Skinner 2019). Ganz generell setzt die Plattformisierung den professionellen Informationsjournalismus der Willkür der global tätigen Plattformbetreiber aus. So änderte Facebook seinen Algorithmus 2018 so, dass Beiträge von Medien weniger prominent angezeigt werden als solche von Freunden und Bekannten. Kürzlich hat Facebook nun einen neuen «News Tab» für ­Inhalte aus «vertrauenswürdigen und hochwertigen Quellen» angekündigt (Spiegel 2019). Gemäss welchen Kriterien aber die «Hochwertigkeit» ­eines Mediums bestimmt werden soll, welche Informationsmedien für den «News Tab» überhaupt in Frage kommen und wie mögliche Entschädigungsmodelle aussehen könnten, ist gemäss heutigem Stand unklar. Der Informationsjournalismus wird aber vor allem auch durch den Abfluss von Werbegeldern zu den Tech-Plattformen geschwächt. Dass die Schweizer Verlagshäuser in den letzten Jahren vermehrt Paywalls hochgezogen haben und heute sehr viel stärker auf Verkaufserlöse für journalistische Inhalte setzen, ist ein aussagekräftiger Indikator dafür. Für 2017 wurde der gesamte Onlinewerbemarkt unter Einbezug von Suchmaschinenwerbung auf 2,1 Milliarden Franken ge-

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schätzt (vgl. Stiftung Werbestatistik 2018). Google ­allein verbucht davon 1,4 Milliarden Franken auf sein Konto, also rund 67%. Das ist deutlich mehr, als sämtliche Schweizer Presseanbieter zusammen an Werbegeldern einnehmen. Nicht in diesen Betrag einge­ rechnet sind Einnahmen anderer Tech-Giganten. Es ist anzunehmen, dass neben Google auch Facebook und YouTube substantielle Einnahmen generieren und ihre Dominanz in den nächsten Jahren weiter ausbauen werden. Eine Befragung von Schweizer Medienexperten ergab, dass im Jahr 2019 voraussichtlich 2,3 Mil­ liarden Franken in Onlinewerbung investiert werden. Davon sollen gemäss Schätzung 1,6 Milliarden Franken ins Ausland, allen voran zu Google und Facebook, abfliessen (Handelszeitung 2019).

I.3 Wandel der strukturellen und inhaltlichen Medien­ konzentration I.3.1 Zunahme der strukturellen Medienkonzentration Die Plattformisierung schwächt den professionellen Informationsjournalismus in medienökonomischer Hinsicht. Eine Folge ist die in den letzten Jahren sig­ nifikant zunehmende Medienkonzentration in der Schweiz. Die Marktanteile der grossen Medienhäuser wachsen, die Anzahl verschiedener Medienbesitzer (Kontrolleure) sinkt, und die Anzahl Titel nimmt ab (vgl. Darstellung I.11). Im Pressemarkt der Deutschschweiz ist die Medienkonzentration – gemessen anhand der Reichweiten der drei grössten Kontrolleure – von 2001 bis 2018 um 27 Prozentpunkte auf 83% Marktanteil gewachsen, von 2010 bis 2018 im Onlinemarkt um 11 Prozentpunkte auf 71%. Besonders ausgeprägt ist die Medienkonzentration in der Suisse romande. Im Pressemarkt ist sie seit 2001 um 10 Prozentpunkte auf 89% gewachsen, seit 2010 im Onlinemarkt um 6 Prozentpunkte auf 87%. Positiv ist der Marktzutritt einiger Medien-Startups wie Republik, Bon pour la tête, Sept, Micro oder Heidi.news. Diese werden in der Öffentlichkeit teilweise zwar breit diskutiert, aber in der breiten Bevölkerung noch relativ wenig genutzt, sodass sie weder die Vielfalt merklich erhöhen noch die Medienkonzentrationsstatistik positiv beeinflussen könnten.

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Konzentrationsrate (CR3) Presse

Online

81% 83%

60% 71% 71%

Suisse romande

Deutschschweiz

2001 2017 2018 2010 2017 2018 Kontrolleure

22

12

11

8

9

9

Titel

33

37

35

11

15

16

Konzentrationsrate (CR3) Presse

Online

90% 89% 81%

79%

87% 87% Konzentrationsrate (CR3) Presse

2001 2017 2018 2010 2017 2018 Kontrolleure

11

7

7

5

6

6

Titel

17

14

13

9

10

10

64% 60% 67%

Online 89% 88% 85%

I. Hauptbefunde

56%

2001 2017 2018 2010 2017 2018 Kontrolleure

6

7

6

4

4

4

Titel

6

7

6

5

5

5

Svizzera italiana Darstellung I.11: Konzentration im Presse- und Onlinemarkt Die Darstellung zeigt, wie dominant die drei grössten Kontrolleure (Medienbesitzer) eines spezifischen Marktes sind und wie sich die Anteile im Zeitverlauf verändert haben. Zudem ist die Zahl der Kontrolleure und Titel vermerkt (Quelle: WEMF, NET-Metrix). Berücksichtigt wurden alle Presse- und Onlinetitel, die mehr als 0,5% der sprachregionalen Bevölkerung erreichen. Lesebeispiel: In der Suisse romande kontrollieren die grössten drei Medienhäuser (Tamedia 69%; Editions Suisses Holding 12%; Imprimerie Saint-Paul 8%) im Jahr 2018 89% des gesamten Pressemarktes. Im Referenzjahr 2001 war dieser Anteil noch deutlich geringer.

I.3.2 Zunahme auch der inhaltlichen ­Medienkonzentration Nicht nur die strukturelle Medienkonzentration nimmt als Folge der medienökonomischen Engpässe zu, sondern auch die inhaltliche, gemessen am Anteil der eigenständigen Medienbeiträge (Unikate). Dies zeigt ein automatisierter Textvergleich für den publizistischen Output in der Deutschschweizer Medien­ arena für die Jahre 2017 und 2018 (vgl. Kapitel VIII). Insgesamt nimmt 2018 der Anteil an Unikaten in der redaktionellen Berichterstattung in der Deutschschweizer Medienarena im Vergleich zum Vorjahr um 7 Prozentpunkte ab und beträgt noch 74% (vgl. Darstellung I.12). Der Anteil an Unikaten geht bei allen untersuchten Themenbereichen zurück. Am wenigsten vielfältig ist in der Medienarena die Politikberichterstattung. Nur

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62% der redaktionellen Beiträge sind Unikate, d.h., 38% der publizierten Beiträge erscheinen in mindestens zwei unterschiedlichen Medien. Im Vergleich zum Vorjahr nehmen die Unikate hier um 7 Prozentpunkte ab. Im Bereich Human Interest ist der Anteil an Uni­ katen mit 83% noch am höchsten, aber ebenfalls rückläufig (–6 PP). Bei abnehmendem publizistischem Berichterstattungsvolumen kann somit eine zunehmende Anzahl gemeinsam geteilter Beiträge in unterschied­ lichen Schweizer Medientiteln gemessen werden. ­Treiber dieser Entwicklung sind redaktionelle Kooperationen. Durch die Zunahme der strukturellen und inhaltlichen Medienkonzentration wird die Themenund Meinungsvielfalt reduziert und auch die inter­ mediale «Watchdog»-Funktion geschwächt. Wenn ­zunehmend mehr Medientitel zum gleichen Verbundsystem gehören und in wachsender Zahl gleiche Bei-

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Arena

20

Total

74%

Human Interest

83%

Sphäre

Kultur

Bezugsraum Form

–11 PP

62%

–7 PP

Lokal

Verbund

I. Hauptbefunde

–10 PP

71%

Politik

CH Media

–8 PP

73%

Sport

Meinungsbetont

–6 PP

80%

Wirtschaft

International

–7 PP

94%

–1 PP

65%

National

–6 PP

62%

–15 PP

69%

–11 PP

74%

Tamedia AG

62%

Anteil Unikate (%)

–3 PP –15 PP

Differenz gegenüber 2017 in Prozentpunkten (PP)

Darstellung I.12: Inhaltliche Medienkonzentration des Deutschschweizer Pressemarktes Die Darstellung zeigt die Anteile an Unikaten innerhalb der redaktionellen Berichterstattung des Deutschschweizer Pressemarktes für das Jahr 2018 und die Veränderung zum Vorjahr. Als Unikate gelten alle Beiträge, die nur in einem der analysierten Medien erschienen sind. Die Darstellung zeigt, wie sich die Unikate über die verschiedenen Themenbereiche (Sphären), Bezugsräume, Beitragsformate und Verbundsysteme verteilen. Die vorliegende Analyse berücksichtigte zwölf täglich erscheinende Pressetitel aus der Deutschschweiz an fünf Stichprobentagen pro Jahr zwischen dem 1.1.2017 und dem 31.12.2018 (n = 8066). Lesebeispiel: 62% der redaktionellen Politikberichterstattung sind Unikate, d.h., 38% der Beiträge wurden jeweils in mehreren Medien veröffentlicht.

träge in verschiedenen Medientiteln im Umlauf sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass publizistische Fehlleistungen aufgedeckt und mit kritischer Berichterstattung geahndet werden.

I.4 Wandel der Medieninhalte I.4.1 Medienqualität: Professionalität hoch, Vielfalt und Einordnungsleistung nehmen ab Wie entwickelt sich die Medienqualität vor dem Hintergrund des beschriebenen Umbaus der Schweizer Medienöffentlichkeit? Diese Frage wurde für dieses Jahrbuch auf der Grundlage einer umfassenden Analyse der vorliegenden Langzeitdatenreihe von ins­ gesamt 64 Schweizer Titeln im Zeitraum zwischen 2015 und 2018 untersucht (vgl. Kapitel VI). Gesamthaft betrachtet verlieren die untersuchten Angebote

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trotz anhaltender struktureller Medienkrise nur leicht, aber signifikant an Qualität, und nicht alle Qualitäts­ dimensionen sind gleichermassen betroffen. Professionelle, journalistische Standards wie beispielsweise ein sachlich-abwägender Berichterstattungsstil, die redaktionelle Eigenleistung sowie das Transparentmachen von Quellen bleiben über die Jahre hinweg stabil. Das ist ein wichtiger Befund, insbesondere deshalb, weil eine hohe Professionalität im Informationsjournalismus vertrauensbildend aufseiten des Publikums wirkt, was die hohen Vertrauenswerte in den Schweizer Informationsjournalismus ja auch bestätigen (vgl. Kapitel I.1.8). Im Gegenzug verlieren die untersuchten journalistischen Medientitel jedoch bei der Relevanz und speziell bei der Vielfalt an Qualität. Softnews gewinnen an Bedeutung, und die Berichterstattungs­ vielfalt nimmt signifikant ab. Auch bei der Einord­ nungsleistung zeigen sich Einbussen. Vor allem die

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