Skip to main content

Puppen

Page 1

Puppen Eine Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch gezeigt im Spielzeugmuseum Riehen


Puppen. Eine Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch


Puppen Eine Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch gezeigt im Spielzeugmuseum Riehen

S c h w a b e Ve r l a g


Inhalt

6

Hey Puppe! Julia Nothelfer

12

Kunst und Puppe – eine Begegnung Julia Nothelfer

20

Die Stiftung Im Obersteg Henriette Mentha

22

Doris Im Obersteg-Lerch Michael Schonhardt

30 36 42 48 54

Moritz Insa Fooken Kassandra Emil, Emol, Johan, Mascha und Pauline Mabel Dorothee Kaltenbach Jana Anna Lehninger Josefine Jana Mikota

60

Das Sammeln als anthropologisches Phänomen

66 72 78 84 90

Feuerwehrmann Marie-Christine Fankhauser-Kremser Angela Nicolai Kölmel Senta Emilia Staehelin Balthasar Friedrich Dunkel Sylvia Julia Nothelfer

Friedrich Dunkel

96

Puppe – Seelengefährtin, Spiegel, Alter Ego, Hilfs-Ich und noch vieles mehr Insa Fooken

108 114 120 126 132

Henriette Martina Thommen Karl Justina Schreiber Lucile Jeanne Darling Oskar (Schlemmer) Anna Lehninger Alexandra Claudia Pantellini


138

Von Puppen und ihren Lebensgeschichten – Puppen in der Kinderliteratur Jana Mikota

148 154 160 166 172

Svenja Miriam Cohn Huang Magali Nieradka-Steiner Claudine Insa Fooken Timothy Vladimir Kostijal Rös Laura Knüsli

178

Aus Sehnsucht und Leere geboren. Puppenkünstlerinnen und ihre Künstlerpuppen Justina Schreiber

190 196 202 208 214

(Der Grosse)

Friedemann

Claudio Gioiella

Beatrice (Trix) Michael Schonhardt Babette Insa Fooken Wenzel Tobias Kaltenbach

Konstruktive Kunst und Puppen – eine Sammelleidenschaft Anna Lehninger

228

Puppenboom und Herzensstücke in der Basler Puppenund Bärenklinik Miriam Cohn

233

Sammlungskatalog

308

Impressum


Julia Nothelfer Leiterin Spielzeugmuseum Riehen

Hey Puppe!

22 0 Puppen – wa s tun?

Museen sind es gewohnt, Schenkungen zu bekommen. Besser gesagt: Ihre Sammlungen leben von privaten Sammler*innen, die das ein oder andere Stück an einem guten Ort wissen wollen und so über Schenkungen wie auch Leihgaben einen wertvollen Beitrag zur Museumsarbeit leisten. Aber über 220 Puppen, einige Clowns und eine Handvoll Stoffbären als geschlossene Sammlung einer Einzelperson bekommt man doch eher selten angeboten. Zumindest dem Spielzeugmuseum Riehen passiert das nicht häufig. Es wurde 1972 als Mehrspartenhaus unter dem Namen «Spielzeugmuseum, Dorf- und Rebbaumuseum Riehen» eröffnet und zeigte in den ersten zwanzig Jahre neben der Riehener Dorfsammlung hauptsächlich die Spielzeugsammlung des damaligen Völkerkundemuseums, das heutige Museum der Kulturen Basel. Die Eröffnung war gleichzeitig der Startschuss für eine eigene Spielzeugsammlung, die seither durch Schenkungen stetig anwächst. Die Stiftung Im Obersteg, die den Nachlass der Familie Im Obersteg verwaltet, trat 2017 über Claudia Pantellini, Leiterin Kultur der Gemeindeverwaltung Riehen, an das Spielzeugmuseum Riehen mit einem reizvollen Angebot heran: Sie suchte einen geeigneten Platz für die private Puppensammlung der Stiftungsgründerin Doris Im Obersteg-Lerch, die diesen Wunsch testamentarisch hinterlassen hatte. Zeitgleich zur Anfrage beschäftigte man sich im Spielzeugmuseum mit neuen inhaltlichen Konzepten und damit, die Zukunft für das bereits seit 45 Jahren bestehende Museum zu entwerfen. Neue Dauerausstellungen sollen den Besucher*innen die Objektwelt und das Wissen deutlich mehr mit Spiel, Emotionen und persönlichen Geschichten erschliessen. Nun stand das Angebot der Stiftung im Raum, die wertvolle Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch als Dauerleihgabe zu erhalten respektive nach einer gewissen Zeit in eine Schenkung übergehen zu lassen, gekoppelt mit dem Wunsch nach einer eigenen Ausstellung und einer Publikation zur Sammlung. Auf den ersten

6


Blick verträgt sich eine hochkarätige Puppensammlung nur schwer mit dem Wunsch nach mehr Spiel: Die meisten der Puppen sind nicht, oder wenn, dann vermutlich nur unter Beobachtung des Kindermädchens an Sonn- und Feiertagen, bespielt worden. Kein freies und phantasievolles Spiel, sondern eines, das sich vorrangig dem Lernen und Belehren widmen sollte. Also keine Objekte, die um des Spielens willen produziert wurden. Passt ein solches Format noch zu unserer heutigen Vorstellung vom Spielzeugmuseum Riehen? Schnell stellte sich uns also die Frage: Was tun mit 220 Puppen? Nach den ersten Gesprächen mit den Stiftungsverantwortlichen bekamen wir Einblicke in die Stiftungstätigkeiten und in das Leben der Privatperson Doris Im Obersteg-Lerch, die Sammlerin hinter der Sammlung. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie einige Jahre in Riehen gelebt, mit ein Grund für die Stiftung, unser Haus zu kontaktieren. In Basel und weit darüber hinaus steht der Name Im Obersteg für hochkarätige Kunst der Klassischen Moderne. Diese beiden konträren Welten, in denen sich Doris Im Obersteg-Lerch bewegte – zwischen Kunst, Vernissagen und Exponiertheit auf der einen und Puppen, deren individueller Namensgebung und dem Privaten auf der anderen Seite –, öffneten das Thema und machten Lust, damit zu arbeiten.

Puppen, B riefe und ein Fi sch

Neugierig gemacht, angeregt durch die scheinbaren Widersprüche und Gegensätze in den Sammlungen und gespannt auf die mit einer Publikation verbundenen weiteren Einblicke ging das Spielzeugmuseum die Zusammenarbeit mit der Stiftung Im Obersteg ein. Nun lag es an uns, die klassische Puppensammlung und das lebendige Museum einander anzunähern und ein schlüssiges Konzept hervorzubringen, das sowohl der Sammlung als auch dem Ort gerecht werden sollte. Insbesondere die Gestaltung eines Buchs zur Sammlung stellte sich als grosse Aufgabe heraus: Auf dem Markt gibt es bereits eine Vielzahl an einschlägigen Titeln und Publikationen, wobei sich der grösste Teil an kundige Sammler*innen richtet. Beim Sichten der vorhandenen Puppenliteratur wurde dann auch schnell klar, dass die Sammlung von Doris Im Obersteg-Lerch einen anderen Zugang haben sollte. Wie aber liess sich ein Buch schaffen, das nicht einfach bereits publiziertes Wissen zusammenfügt und auch nicht nur einen kleinen Kreis von interessierten Expert*innen anspricht, die schlussendlich doch nur Bekanntes lesen würden? Die Lösung fand sich in der Ent-

7


scheidung für eine Vielstimmigkeit von Autor*innen und der Idee, Frauen wie Männer mit unterschiedlichen Hintergründen eine von ihnen ausgewählte Puppe individuell porträtieren zu lassen. Ob persönlich, fiktional, kulturhistorisch oder objektbezogen. Somit wirft das Buch neben einem Katalogteil, der die gesamte Puppensammlung zeigt, Schlaglichter auf einzelne Puppen aus der Sammlung, begleitet durch Vertiefungstexte von Expert*innen, die das Thema «Puppe» und die damit meist auch verbundene Sammelleidenschaft aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und es so zu einem universellen Gegenstand erheben. Fein durchwoben mit Photographien und Dokumenten aus dem persönlichen Archiv wird das Buch von der Sammlerin und Privatperson Doris Im OberstegLerch zusammengehalten. Sie hinterliess einen reichen Nachlass bestehend aus Photographien, dokumentierten Reiseberichten, selbst geschriebenen Kurzgeschichten und Romanen, einem minutiös geführten Archiv aller Theaterstücke und einzelner Schauspieler*innen, die sie gesehen hatte und verehrte, Tagebüchern, Briefen, Unterlagen ihres beruflichen Werdegangs, Kinderzeichnungen sowie Kaufdokumenten von Puppen bei Christie’s in London bis zur lokalen Händlerin Anneliese Leonhardt und eröffnet damit ein vielfältiges Bild an Interessen und Leidenschaften. Sie tritt im vorliegenden Buch als Archivarin, Dokumentarin, Autorin, Fan, Freundin, Kind, Ehefrau, Pathologin und vielseitig interessierte Sammlerin auf und inspirierte die Themenwahl ebenso wie die Suche nach bestimmten Autor*innen. Im Zuge der Publikationsvorbereitung wurde der Nachlass systematisch erschlossen und ein Findbuch erstellt, mit dem man sich dem Leben Doris Im Obersteg-Lerchs und ihren unterschiedlichen Interessensgebieten weiter nähern kann.1 Ein wunderbares Beispiel dafür, wie verbunden ihre Interessen waren, zeigt ein Brief ihrer Jugendfreundin Verena Altenbach (Abb. 1, Seite 10/11), den diese nach einem Besuch bei den Im Oberstegs verfasste: «Deine Puppenwelt ist wahrhaftig eine schöne Welt», schrieb Verena Altenbach und drückte Bewunderung dafür aus, mit welcher «Verzücktheit und Sachkenntnis» Doris Im Obersteg-Lerch mit ihrer Sammelleidenschaft umging. Im selben Brief erwähnt sie ganz nebenbei noch, wie sie sich, angeregt von «Buffet’s Bild», das in den Privaträumen des Ehepaars hing, direkt nach dem Besuch eine geräucherte Forelle kaufte und noch am gleichen Abend verzehrte. Mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit hatte alles Platz im Leben von Doris Im Obersteg-Lerch.

8


An dieser Stelle möchte ich Ihnen einen kleinen Vorgeschmack auf die kommenden Seiten geben, die eine spannende Welt rund um Puppen, Sammeln und die Person Doris Im Obersteg-Lerch eröffnen und erfrischende Perspektiven auf ein staubig geglaubtes Thema werfen. Hier treffen Puppen auf Erziehungs- wie Literaturwissenschaften, auf die bildende Kunst ebenso wie auf Puppenkünstlerinnen. Dazu erhalten Sie Einblicke in die letzte Puppenklinik von Basel, die vom einstigen Sammelboom und den Sammelleidenschaften zeugt, und natürlich auch in das Leben von Doris Im Obersteg-Lerch. Studienfreundinnen, Kunstliebhaber, Patenkinder und Puppenexpertinnen haben diese Sachtexte mit Betrachtungen zu einzelnen Puppen ergänzt und bereichert – ich danke allen Autor*innen, die sich auf das Wagnis eingelassen haben und die, einige nach anfänglicher Skepsis, mit viel Freude und Lust die Puppenporträts erstellt haben, mit wundervollen, einzigartigen und überraschenden Ergebnissen. Ein besonderer Dank gilt den Stiftungsmitgliedern, die sich entschieden haben, die Puppensammlung von Doris Im Obersteg-Lerch dem Spielzeugmuseum Riehen anzuvertrauen und die Finanzierung der Publikation grosszügig zu unterstützen. Nun bleibt mir nur noch, Sie herzlich einzuladen, dieses weiche, fast textilhafte Buch aufzuschlagen, dem Bilderrausch zu verfallen und an die eigenen Puppenerinnerungen zu denken. Nur Mut – hinter manchen Seiten steckt Verborgenes, das erst durch Ihren Einsatz zum Vorschein kommt. Dann zeigen die Puppen Details, die man so ansonsten nie zu sehen bekommt. Viel Freude damit!

1   Der Nachlass befindet sich zurzeit in den Räumlichkeiten der Stiftung Im Obersteg. Die von dort stammenden Dokumente in diesem Buch sind mit den entsprechenden Signaturen, beginnend mit «DIOL», versehen.

9


10


1 Brief der Jugendfreundin Verena Altenbach, 6.11.1981, aus DIOL 2/28

11


Julia Nothelfer Kunst und Puppe – eine Begegnung

1 Antoni ClavĂŠ, Ohne Titel, um 1981, mit Puppe Friederike

12


2 Alexander Rodtschenko, Konstruktive Formen, 1918, mit Puppe Angela

13


3 James Coignard, Composition 78, 1987, mit Puppe Franz

14


4 Cuno Amiet, Nelkenbukett, 1916, mit Puppe Kassandra

15


5 Bernard Buffet, Deux chaises, 1951, mit Puppen Tchou und Fouhi

16


6 Bernard Buffet, Fleurs noires, 1950, mit Puppe Bertha

17


7 Emil Nolde, Dschunken, 1913, mit Puppen Mang und Shang

18


8 Serge Poliakoff, Composition, um 1960, mit Puppen Leneli und Liseli

19


Henriette Mentha Kuratorin Stiftung Im Obersteg

Die Stif tun g Im O ber s te g

Am 22. Juni 1992 hatte Doris Im Obersteg-Lerch in einem grosszügigen und weitsichtigen Akt die «Stiftung Sammlung Karl und Jürg Im Obersteg» (die heutige Stiftung Im Obersteg) ins Leben gerufen und so den Weg frei gemacht für die öffentliche Zugänglichkeit der bedeutenden Kunstsammlung ihres Schwiegervaters für nachfolgende Generationen. Ab Frühjahr 1995 wurde die Sammlung im Wichterheergut in Oberhofen über mehrere Monate ausgestellt, bis man sich 2002 entschloss, die immer wertvoller gewordenen Bestände der Klassischen Moderne als Dauerleihgabe ins Kunstmuseum Basel zu geben. Seit 2004 sind hier über vierzig Werke permanent ausgestellt, und in regelmässigen Abständen werden die Bestände in Sonderausstellungen des Kunstmuseums gezeigt. Die nächste umfassende Ausstellung der Sammlung Im Obersteg findet von Februar bis Mai 2020 statt. Die Stiftung finanziert eine Kuratorinnenstelle, um die Betreuung und Aufarbeitung ihrer Sammlung sowie interne und externe Ausstellungsprojekte sicherzustellen. In diesem Zusammenhang wurden auch verschiedene Publikationen realisiert, und in Zukunft sollen weitere Bestrebungen zur Bekanntmachung der Privatsammlung und ihrer Entstehungsgeschichte unternommen werden. Doris Im Obersteg-Lerch war viele Jahre Präsidentin der Stiftung, bis sie 2006 dieses Amt ihrem Neffen Matthias Hagemann übergab und sie selbst als ordentliche Stiftungsrätin weiterwirkte. Am 14. November 2015 verstarb die Stifterin. Sie vererbte der Stiftung Im Obersteg eine grössere Werkgruppe konstruktivistischer und suprematistischer Kunst, mehrheitlich Arbeiten auf Papier, die sie während Jahren akribisch gesammelt hatte. Dieser interessante Bestand harrt noch der wissenschaftlichen Aufarbeitung, besonders in Hinblick auf seine Provenienz. Eine ganz anders ausgerichtete Leidenschaft der Stifterin galt der historisch wertvollen Puppensammlung, die sie über Jahre sorgfältig zusammengetragen und gepflegt hatte. Auch diese Kollektion vererbte

20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Puppen by Schwabe Verlag - Issuu