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Das Marienleben des Kartäusers Philipp von Seitz

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DAS MARIENLEBEN DES KARTÄUSERS PHILIPP VON SEITZ «Wie ist es geschehen, dass du mein Kind werden wolltest, und wo bist du davor gewesen, darüber gib mir Auskunft.» Diese Übersetzung präsentiert erstmals mit Philipps von Seitz «Marienleben» die am häufigsten überlieferte Reimpaar­ dichtung des deutschsprachigen Mittelalters. Die heilsgeschicht­ liche Erzählung von der Gottesmutter zeichnet sich durch eine überzeugende narrative Kohärenz aus und ist eine der wenigen vollständig erhaltenen Bibelepen.

Herausgeber Eduard Glauser studierte Germanistik und Latinistik in Bern sowie Kiel. Er beschäftigt sich intensiv mit der Sprache und Literatur des Mittelalters.

www.schwabeverlag.ch

BRUDER PHILIPP DER KARTÄUSER DAS MARIENLEBEN

Eduard Glauser (Hg.)

DAS MARIENLEBEN DES KARTÄUSERS PHILIPP VON SEITZ aus dem Mittelhochdeutschen zeilengetreu übersetzt und kommentiert von Eduard Glauser


Bruder Philipp der Kartäuser

Das Marienleben aus dem Mittelhochdeutschen zeilengetreu Ăźbersetzt und kommentiert von Eduard Glauser

Schwabe Verlag


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:// dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Diese Publikation wurde begutachtet. Abbildung Umschlag: Albrecht Dürer: Maria auf der Mondsichel, Blatt 1 der Folge «Das Marienleben». Graphische Sammlung ETH Zürich. DOI: 10.16903/ethz-grsD_011667. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4075-2 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4107-0 DOI 10.24894/978-3-7965-4107-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


Inhalt

Das Marienleben des Kartäusers Philipp von Seitz

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Kommentar zum übersetzten neuhochdeutschen Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Allegorie / Typologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Hierarchie der neun Engelchöre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 Das «Marienleben» in seiner Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 Der Autor Philipp von Seitz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 Zur Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372 Zur mittelhochdeutschen Vorlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375

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Meiner Frau Lotti


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Maria, Mutter, Königin, Erlöserin der ganzen Welt, schenke mir, Herrin, so beschaffenen Verstand, dass ich dieses Büchlein beginne, worin ich dich so loben darf, dass ich deine Gunst gewinne und die Liebe Jesu, deines Kindes; dazu verhilf mir, verständige Lehrerin! Ich will, edle Jungfrau, alles erwähnen, was die Schrift uns von deiner grossen Heiligkeit und der Vollkommenheit deines Lebens sagt. Was ich auch überall, wo ich gewesen bin, über dich gehört und gelesen habe, das will ich der ganzen Welt verkünden, damit du, Herrin, mich gnädig von meinen Sünden befreist, denn all mein Trost hängt ab von dir. Erhabene Maria; nun bitte ich dich, dass du mich zu lehren bereit bist, so dass ich dieses Buch zu schaffen vermag. Dazu, liebreiche Jungfrau, verhilf mir! Uns lehrt das Buch des Alten Testaments, dass in dem Land Galiläa in einer Stadt mit dem Namen Nazaret,

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die sehr wohl bekannt war, ein reicher Mann wohnhaft war, zu jeder Tugend fest entschlossen. Er wurde „Joachim“ genannt, nach Gottes Dienst stand all sein Sinnen. Er stammte rechtmässig aus dem Geschlecht des Königs David. Von ganzem Herzen richtete er sich auf Gott aus und lebte ganz und gar nach seinem Gebot. Seinen Besitz liess er sogar den Armen zuteil werden, ebenso liess er sich des Unglücks der Aussätzigen erbarmen, sobald er deren ansichtig wurde. Er nahm sich eine Ehefrau aus seinem Geschlecht, dies tat er gemäss dem jüdischen Recht. Die Frau trug den Namen „Anna“ und ward dem heiligen Manne angetraut. Die Frau begann gleichfalls bereits in ihrer Jugend durch feine Sittsamkeit und makellose Tugend Gott und allen Menschen liebenswert zu sein und gut zu gefallen. Sie wurde mit ihrem reinen Herzen ihrem Manne fast ebenbürtig an Tugend, denn sie war keusch, lauter und gut. Nach Gott im Himmel stand ihr Sinn. Diese heilige Frau, Sankt Anna, lebte ordentlich mit ihrem Manne zusammen, ohne Trübsal irgendeiner Art lebten sie miteinander in Eintracht. Sie waren auch reich an Vermögen. Sie hatten jedoch um Gottes und ihres Seelenheiles willen ihren Besitz gerecht in drei Teile geteilt: Einen Teil gaben sie den Armen und damit liessen sie sich rühren


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von allen, die sie in Nöten sahen, aber auch von denen, die krank darnieder lagen. Den zweiten Teil, den bestimmten sie für Gottes Haus, dass man damit die Häuser Gottes auf schöne Weise schmückte, Gott und ebenso die Heiligen ehrte. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie vom dritten Teil und sorgten so für ihr Seelenheil. Kinder bekamen sie zusammen keine, was ihnen grossen Kummer bereitete. Nie erlebten sie die Geburt eines Kindes, worüber sie immer erneut wieder traurig waren. Sie baten Gott im Himmel, dass er sich ihrer erbarme und ihnen ein Kind schenke, wodurch ihr Leben erfreut, ihr Geschlecht vermehrt, aber auch Gott im Himmel geehrt würde. Anlässlich eines grossen Festes, das im siebten Monat stattfindet, kamen alle Juden zusammen und brachten im Tempel zu Jerusalem Gott mit Lobpreis ihr Opfer dar; dahin kam damals auch Herr Joachim. Als er zum Altar ging, seine Opfergabe mit der Hand umfasste und auf den Altar legen wollte, mit gebührender Andacht, wie es sich schickt, da wurde ein Priester mit Namen Isachar seiner dort sogleich gewahr. Dieser sprach: „Nun höre mir zu, Joachim, und nimm zur Kenntnis, was ich dir sage: Du musst aus dem Tempel hinausgehen und sollst völlig zurecht bloss davor stehen bleiben. Gott begehrt dein Opfer nicht,

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deshalb bist du es nicht wert, dein Opfer auf den Altar zu legen, denn du hast den Segen Gottes völlig verloren. Was ich dir sage, das akzeptiere ohne Widerspruch: Die Geburt eines Kindes erlangtest du nie, noch hast du je dein Geschlecht erweitert. Du bist ein von Gott vergessener Mann, der Fluch Gottes hängt dir an. Da du noch nie ein Kind bekommen hast, steht deine Sache nicht zum Guten. Deshalb geh alsbald eilig hinaus und verunreinige nicht den Tempel!“ Herr Joachim erschrak ausserordentlich, als er des Priesters Rede vernahm. Er erschrak sehr über die Rede und ihn erfasste eine tiefe Betrübnis in Anbetracht der dass er derart beleidigt wurde, [Tatsache, und dies vor all denen, die ihn kannten. Er liess den Kopf hängen und ging weinend aus dem Tempel. Er fuhr aus Jerusalem hinaus und kehrte heim zu seiner Frau. Er klagte ihr all sein Ungemach und erzählte ihr weinend sein ganzes Leid. Frau Anna empfand grossen Schmerz, weil ihr lieber Mann so grosses Ungemach erfuhr, worüber sie Tag und Nacht weinte. Sie riefen auch beide zu Gott, damit er sie von ihrem grossen Leid und ihrem Unglück befreie und ihnen schnell zu Hilfe komme. Wegen der grossen Schmach und der verächtlichen Behandlung, die er da erlitten hatte, und


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wegen der entehrenden Blossstellung wollte er von seinem Land weggehen. Er wollte sich den Leuten, die ihn erkannten, entziehen und fliehen. Er hatte viele Schafe und Rinder, diese sammelte er in kurzer Zeit zusammen und fuhr mit seinen Knechten hinaus in die Wüste, weit weg von seinem Haus. Er fuhr hinaus mit seinem Vieh, liess Frau Anna daheim und begab sich weit weg von den Menschen: Frau Anna blieb zu Hause betrübt zurück. Er ging weit weg auf unbebautes Land, wo er Wasser und Weide fand. Weiter trieb er sein Vieh in die Wüste und blieb da manchen Tag. Als Joachim in der Wüste war, vergass er doch nie sein grosses Leid, er rief Tag und Nacht zu Gott und betete wegen seines Unglücks zu ihm; zudem fastete er alle Tage und schrie zu Gott mit grosser Klage, dass er ihm zu Hilfe komme und ihn von seinem grossen Leid befreie. Frau Anna blieb zu Hause allein und vertrieb sich ihre Zeit mit Sorgen. Sie bat inständig und eifrig besorgt den gütigen Gott im Himmel, dass er ihr Unglück schnell von grosser Bedrängnis befreien und ihren Mann wieder zu ihr zurückschicken möge, welcher nun in der Fremde weilte. Da nun zeigte Gott doch seine Güte, denn wer auch immer ihn in Demut mit reinem Herzen anruft,

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dem nimmt er seine Schmerzen. So ist ja doch Gottes Wohltätigkeit beschaffen, sie ist gross und mannigfaltig; wer auch immer Not und Mühsal, Unglück und tiefe Betrübnis erleidet, den erreicht, überlässt er sich Gottes Gnade, dessen Hilfe ohne Verzug. Eben solche Hilfe schickte vom Himmel der gütige und machtvolle Gott diesen zwei heiligen Leuten, denn sie hatten keinen Trost ausser eben die Barmherzigkeit Gottes, die ihnen nun geschenkt wurde. Gott sandte nun einen Engel dahin, der sie vom Trauern befreite. „Raphael“ hiess ein Engel, diesen sandte Gott und er wies ihn an, dass er zu Joachim in die Wüste gehe und Folgendes zu ihm spreche: „Freue dich, lieber Joachim, und hör dir genau an, was ich dir sage: Gott selbst hat mich dir zum Trost in das entlegene Land gesandt, damit ich dir eine Tröstung zukommen lasse, wodurch du von deiner Not und von deinem Schmerz erlöst werden sollst. Ich werde dir eine gute Botschaft überbringen. Gott in seiner Gnade wird sich deiner erbarmen, denn du sollst ein Kind bekommen, das von der Liebe Gottes erfüllt sein wird. Es soll eine Geburt von dir abstammen, dir und aller Welt zum Nutzen. Das Kind soll überdies eine Tochter sein, und wie du wohl im Buch des


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Propheten Jesaja gelesen haben magst, soll die Tochter „Maria“ heissen. Sie soll Königin werden sowohl im Himmel als auch auf Erden und sie wird immer makellose Jungfrau bleiben; nie wird sie mit einem Mann in Liebe vereinigt sein. Damit will ich dir deutlich machen, dass eben diese Tochter unter Gottes liebender Einwirmit einem Sohn schwanger sein wird; [kung durch Gottes und des Heiligen Geistes Ratschluss wird sie ein Kind bekommen, einen Sohn, der volle Versöhnung und Gnade bringt. Er wird auch Herr der ganzen Welt werden, lohnender Gewinn der Heiligen und ruhmvolle Zier der Durch ihn wird die Erde erlöst [Engel. und das ganze Menschengeschlecht gerettet. Deshalb gesegneter Joachim, geh zu deiner Frau und tröste sie in ihrem Leid, freut euch beide über diese Botschaft.“ Nachdem der Engel dies zu Joachim gesprochen hatte, fuhr Joachim zuerst nach Jerusalem und danach nach Hause. Sobald sich der Engel von Joachim entfernt hatte, ging er unverzüglich zu Frau Anna. Er grüsste sie und sprach zu ihr: „Der Friede Gottes sei mit dir, du bist eine wirklich glückselige Frau, gesegnet ist deine Seele, gesegnet ist dein Leib All dein Leid hat ein Ende, denn all dein Unglück, das will Gott von dir wenden: Du bist damit ausgezeichnet vor allen Frauen. Er will dir eine Geburt zuteil werden lassen,

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wovon dein Leben freudvoll werden wird. Er will dir ein Kind schenken, das deinen Kummer ganz und gar beseitigt. Du wirst schwanger werden und ein Kind gebären, dessen Lob auf der Erde und ebenso im Himmel gross werden wird: Nie wird ihm ein Mensch ebenbürtig sein. Dieses selbe Kind wird eine Tochter sein, alle, die auf dieser Welt leben, werden durch diese Tochter erlöst, sie wird zudem auch die Hoffnung der Engel werden. Die Tochter soll mit Namen „Maria“ heissen und sie soll stets Jungfrau bleiben, worauf bereits Jesaja hinweist. Sie wird aber dann doch mit einem Kind schwanger gehen allerdings ohne alle Gegebenheiten, die fleischlicher Dieses Kind, das von deiner Tochter [Natur sind. geboren werden wird, soll, vom Himmelreich herkommend, Gottes Sohn sein. Ich tue dir das alles deshalb kund, weil du nach Jerusalem gehen sollst, wohin denn Joachim, dein lieber Mann, kommen wird, den du dort fröhlich empfangen sollst.“ Nachdem der Engel solches zur Frau gesprochen hatte, verliess er sie und entfernte sich. Über die empfangene Botschaft freute sich Sankt Anna. Kurz danach reiste Frau Anna nach Jerusalem und erkundigte sich, ob das alles nun zutreffe, was ihr der Engel berichtet hatte. Als sie in Jerusalem eintraf, blieb sie vor einem Tor stehen,


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das „Goldene Pforte“ genannt wurde, und eben davor sass sie eine geraume Zeit. Bald nahm die Frau wahr, dass Joachim herangefahren kam mit seinen Knechten und seinem Vieh. Freudig empfing ihn seine Frau. Sobald sie nämlich ihren Mann erblickt hatte, sprach sie zu Gott im Himmel: „Ich lobe dich, Herr, mein Schöpfer, denn gross ist deine Gnade. Ich lobe dich, weil ich meinen Mann mit meinen eigenen Augen wiedererkannt habe.“ Schnell ging sie ihm entgegen und fröhlich umarmte sie ihn. Sie sprach: „Willkommen lieber Mann, mein Leiden findet nun ein Ende. All meine Trauer hört auf, weil ich dich, lieber Mann, aus der Fremde zurückerhalten habe. Mir tut auch deine grosse Bekümmernis leid.“ Als Joachim seine Frau sah, sagte er mit grosser Freude: „Nun lobe ich wahrlich Gott im Himmel dafür, dass ich dich, liebe Frau, gesund und lebend wiedergefunden habe, dies macht mich aller Sorgen frei. Nun weiss ich wohl, es kann geschehen, und ich glaube, dass dies alles geschehen wird, was der Engel mir zuvor von dir gesagt hat.“ Sie gingen beide zum Tempel und empfingen dort den Segen. Danach fuhren sie von da weg nach Hause, Frau Anna zusammen mit Herrn Joachim. Während sie auf der Strasse fuhren,

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konnten sie es nicht lassen, jeder von ihnen tat dem andern kund, wie der Mund des heiligen Engels sie getröstet habe, dass sie nämlich ein Kind bekommen würden, aus ungetrübter Liebe, und dass das Kind eine Tochter sein werde, dass also von ihr eine Nachkommenschaft abstammen werde und dass das Kind „Maria“ heissen solle, weil es der Engel so aufgetragen habe, und weiter, dass eben dieses Kind Königin auf Erden werden solle und dass von demselben das ganze Volk Israels erlöst werde und alle Menschen, die bis heute auf der Erde leben würden. Der Engel habe weiter gesagt, das Kind werde Jungfrau bleiben und gleichwohl einen Sohn zur Welt bringen, ohne Mann, allein durch die Liebe Gottes. Unter diesen Worten gelangten Frau Anna und Herr Joachim nach Hause. Die Zeit blieb nicht stehen und so wurde Frau Anna schwanger und erwartete ein Kind. Als die gesegnete Frau den Leib des Kindes so lange in sich getragen hatte, dass ihm Gott eine Seele geben musste, wodurch sein Leben sich entwickeln würde, bereitete Gott im Himmel auf wunderbar verborgene Weise eine heilige Seele und sandte sie in den Leib des Kindes, mit dem die gesegnete Frau schwanger war. Der Seele, die Gott für das Kind schuf, schenkte er seine Gnade. Denn mit vielfachen vortrefflichen Eigenschaften entfaltete sich daraufhin des Kindes makellose Jugend-


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Er gab dessen Seele seinen Heiligen Geist, [zeit. insbesondere mitsamt den sieben Gaben, denn als die heilige Seele in das reine Gefäss des Leibes gekommen war und ihnen beiden ein ewiges Zusammenleben bevorstand, kam der Heilige Geist vom Himmel auf verborgene Weise in die Seele und machte sie frei von allen Sünden. In diesem Zusammenhang will ich darauf hinweisen, dass alle, die vom Mann gezeugt und vom Weib geboren sind, dass all diese unweigerlich in die eine Sünde geraten, womit uns Herr Adam zu Fall brachte, als er den Gehorsam brach. Diese selbe Sünde nun wird „Erbsünde“ genannt, weil wir unser Leben durch Fleischeslust erlangen, und zwar beide Mann und Frau. Wir werden geradezu damit geboren und von daher wären wir alle verloren, würde uns die Sünde bei der Taufe in Christi Namen nicht abgenommen. Von dieser Sünde ward das liebe Kind vom Heiligen Geist noch im Körper seiner Mutter gereinigt und zugleich wurde die Mutter durch ihn geheiligt. Als die Frist um war, die bei einer Schwangerschaft üblich ist, und die Zeit dafür gekommen war, brachte Frau Anna ihr sündenfreies Kind zur Welt. Grosse Freude erfüllte sie, da sie ihr liebes Kind sah. Auch der Vater freute sich,

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als er das Neugeborene erblickte. Sie lobten Gott im Himmel dafür, dass er sie so kraft- und huldvoll von ihrem Leid erlöst hatte, eben dafür lobten sie beide Gott. Das Kind wurde „Maria“ genannt, wie der Engel es ihnen aufgetragen hatte. Umsichtig wurde das Kind erzogen, mit angemessener Sorgfalt nahm man sich seiner an. In seiner Jugend war das liebe Kind so vollkommen in seinem Leben, dass diejenigen alle, die davon hörten und es vernahmen, neugierig waren, mehr davon zu erfahren. Gesittet und ohne gieriges Verlangen pflegte das Kindlein an der Brust seiner Mutter zu saugen; massvoll im Ganzen war seine Ernährung. Als das Kind achtzig Tage alt war, wie es ihm seine Mutter berechnet hatte, führten Frau Anna und ebenso Herr Joachim das Kind nach Jerusalem und brachten es opfernd Gott dar, wie es Moses‘ Gebot vorsah. Eine Turteltaube und ein kleines Lamm opferten sie für das Kindlein. Sobald die Juden und die Pharisäer, die Joachim ja von früher kannten, das entzückende Kind erblickten, sagten sie alle einhellig, dass Joachim ein heiliger Mann sei, weil Gott ihm gegenüber besondere Gnade habe walten lassen mit einem so liebenswerten Kind. Nachdem sie all das vollendet hatten, was nach Moses‘ Gesetz geboten war,


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