Denkmalpflege im Thurgau 21
Herausgegeben vom Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau
Der vorliegende Band widmet sich aus Anlass des 150-Jahre-Jubiläums der beiden Landeskirchen im Thurgau deren Kirchenbautätigkeit seit 1869. Ein bebilderter Katalog führt sämtliche in diesem Zeitraum neu erstellten landeskirchlichen Gotteshäuser auf. Daneben werden einige spezifische Themen wie der Kirchturmbauboom um 1900 oder die Paritätsaufhebungen aufgegriffen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Problematik der künftigen Nutzung liturgisch nicht mehr benötigter Kirchen. Anhand diverser historischer und gegenwärtiger Beispiele und im Gespräch mit Experten werden neue Nutzungsformen und bauliche Optionen aufgezeigt. Im zweiten Teil des Bandes stellen wir Erkenntnisse aus der Kunstdenkmälerforschung und Inventarisation vor. Anschliessend berichten die Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger über abgeschlossene Restaurierungen, die von einem besonders gelungenen Umgang mit der historischen Bausubstanz zeugen. Zwei sehr erfreuliche Begebenheiten aus dem oft wechselvollen denkmalpflegerischen Alltag runden den Band ab.
Regine Abegg, Kunstdenkmälerautorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Urs Baur, Kunsthistoriker und ehemaliger Denkmalpfleger, Zürich Ruedi Elser, Kantonaler Denkmalpfleger im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Peter Erni, Kunstdenkmälerautor im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Hans Jürg Gnehm, Diakon und Glockenexperte, Affeltrangen Bettina Hedinger, Denkmalpflegerin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Britta Hentschel, Inventarisatorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Stephan Kraus, Leiter Denkmalpfleger im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Felicitas Meile, Inventarisatorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Silvana Rageth, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Marko Sauer, Chefredaktor des Architekturmagazins Modulør, Wil Eva Schäfer, Denkmalpflegerin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Birgit Seidenfuss, Inventarisatorin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Ann-Kathrin Seyffer, Kunsthistorikerin und Theologin, Zürich Betty Sonnberger, Beraterin und Inventarisatorin für kirchliche Kunstgegenstände im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau Monika Zutter, Denkmalpflegerin im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau
Bisher erschienen in der Reihe Denkmalpflege im Thurgau: Band 1 : Kloster Fischingen. Die Restaurierung der barocken Prälatur, 2000 Band 2 : Scheunen ungenutzt – umgenutzt, 2001 Band 3 : Kartause Ittingen – von einst zu jetzt, 2002 Band 4 : Ein Blick ins Paradies. Bau- und Restaurierungsgeschichte der Klosterkirche St. Michael in Paradies, 2003 Band 5 : Albert Knoepfli – erster Denkmalpfleger des Kantons Thurgau, 2003 Band 6 : Sie bauten den Thurgau: Die Architekten Brenner, 2004 Band 7 : Bauerngärten im Thurgau, 2005 Band 8 : Glanzstücke. Gold- und Silberschmiedekunst aus Thurgauer Werkstätten, 2006 Band 9 : Die Alte Thurbrücke von Bischofszell und ihre Instandsetzung 1999–2006, 2007 Band 10 : Neues Licht auf Fischingen. Die Restaurierung der Klosterkirche 2000–2008, 2008 Band 11 : wie bist du so schön. 50 Jahre Thurgauer Siedlung und Landschaft im Wandel, 2010 Band 12 : Max Burkhardt. Vom Dekorationsmaler zum Fotograf, 2010 Band 13 : Höher bauen im Thurgau. Ein Blick zurück für die Zukunft, 2011 Band 14 : Ein Fall für... Die Denkmal Stiftung Thurgau, 2012 Band 15 : Farbkultur im Thurgau pflegen und gestalten, 2013 Band 16 : Die neubarocke Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld (1904–1906), 2014 Band 17 : modern bauen – Thurgauer Nachkriegsmoderne 1940–1980, 2015 Band 18 : Baudenkmäler im « Dichtestress »? – Grundlagen und kreative Lösungswege, 2016 Band 19 : Bungalow – Thurgauer Experimente im Systembau, 2017 Band 20 : Innere Werte – Historische Ausstattungen im Denkmal, 2018
Restaurierungen: Arbon, Bahnhofstrasse 34 Egnach, Attenreute 5 Ermatingen, Hauptstrasse 57a, b und c Frauenfeld, Kurzenerchingerstrasse 14 Mammern, Huebackerstrasse 28 Roggwil, katholische Kirche St. Otmar Salenstein, « Kaplanei Mannenbach » Sirnach, «Tuchhof » Sirnach, Unterdorfstrasse 2 Steckborn, «Turmhof » Sulgen, Bleiken 34 Aus dem wechselvollen denkmalpflegerischen Alltag : Aadorf, « Mon Repos » Arbon, Grabstein der Paulina Saurer
www.schwabeverlag.ch
I S B N 978-3-7965-4070-7
9
783796 540707
Denkmalpflege im Thurgau 21
Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes
Kirchenbau 1869 – 2019 – 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau
Denkmalpflege im Thurgau 21
Denkmalpflege im Thurgau 21
Kirchenbau 1869 – 2019 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau
Denkmalpflege im Thurgau 21
1869 wurde im Kanton Thurgau mit der Einführung des Landeskirchenrechts die Beziehung zwischen Kirche und Staat neu geregelt. Die evangelische und die katholische Kirche erhielten dabei eine weitgehende Selbstständigkeit zuerkannt. Anlässlich des Jubiläums « 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau » ist der diesjährige Band unserer Buchreihe der jüngeren Kirchenbaugeschichte im Thurgau gewidmet. In den letzten 150 Jahren war die kirchliche Baudynamik besonders hoch: Knapp 60 der rund 200 landeskirchlichen Gotteshäuser im Thurgau entstanden nach 1869, wobei hauptsächlich vor dem Ersten Weltkrieg und zwischen 1955 und 1975 viel gebaut wurde. Etwa die Hälfte der Neubauten erstellte man aus dem Wunsch heraus, paritätische Verhältnisse aufzulösen, also die gemeinsame – simultane – Nutzung eines Kirchengebäudes durch beide Konfessionen aufzugeben und im Ort eine zusätzliche Kirche zu errichten. Die wesentlichsten Triebfedern dieser Entwicklung waren die Bevölkerungszunahme und das Wirtschaftswachstum. Beide liessen die Kirchgemeinden finanziell erstarken und versetzten sie in die Lage, ihre meist lang gehegten Wünsche nach separaten Gotteshäusern in die Tat umzusetzen. Andere wichtige Aspekte der jüngeren Kirchenbaugeschichte sind die Themen des Umbauens und des Umnutzens – wobei gerade Letzteres, obwohl grundsätzlich nichts Neues, zurzeit wieder an Aktualität gewinnt. Denn sowohl evangelischer- wie auch katholischerseits scheint klar, dass künftig weniger Kirchen gebraucht werden. Vor allem die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft, die sinkenden Mitglieder- und Kirchenbesucherzahlen, der Personalmangel sowie vergrösserte Verwaltungseinheiten führen zu immer mehr kaum genutzten Kirchen, die trotzdem hohe Unterhaltskosten verursachen. Die vorliegende Publikation will zum einen auf die Qualitäten der jüngeren thurgauischen Kirchen und Kapellen aufmerksam machen und zum anderen einen Beitrag an die Diskussion um die künftige Nutzung liturgisch nicht mehr benötigter Kirchen leisten. Anhand verschiedener historischer und gegenwärtiger Beispiele und im Gespräch mit Experten werden neue Nutzungsformen und bauliche Optionen aufgezeigt. Denn: Eine geeignete Umnutzung zu finden und diese gut umzusetzen kann durchaus eine erfolgreiche denkmalpflegerische Erhaltungsstrategie sein !
Das Signet des 1488 gegründeten Druck- und Verlagshauses Schwabe reicht zurück in die Anfänge der Buchdruckerkunst und stammt aus dem Umkreis von Hans Holbein. Es ist die Druckermarke der Petri; sie illustriert die Bibelstelle Jeremia 23,29: «Ist nicht mein Wort wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?»
Denkmalpflege im Thurgau | 21
Kirchenbau 1869–2019 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau
Herausgegeben vom Amt fĂźr Denkmalpflege des Kantons Thurgau
Schwabe Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http ://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz und Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Schriftleitung : Ruedi Elser Redaktion und Lektorat : Silvana Rageth, Peter Erni Abbildung Umschlag : Ralph Feiner, Malans Umschlaggestaltung : icona basel, Basel Layout und Satz : icona basel, Basel Schriften : Berthold Akzidenz Grotesk und Sabon Papier : Tatami Natural mattgestrichen naturweiss 135 g/m² Lithos : Die Medienmacher AG, Muttenz Druck : Die Medienmacher AG, Muttenz Printed in Switzerland ISBN 978-3-7965-4070-7 rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
5 Inhaltsverzeichnis
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
8
Ruedi Elser
Kirchenbau 1869–2019 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau Urs Baur Einleitung – « Il faut repenser le plan de l’église » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
12
Birgit Seidenfuss Thurgauer Kirchenbau nach der Gründung der Landeskirchen – Ein Katalog . . . . . . . .
15
Regine Abegg Zwischen simpler Reparatur und pompösem « Wunderturm » – Kirchturm-Erneuerungen im Thurgau um 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Turm und Turmlosigkeit als Symbol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Baufälligkeit, neue Glocken, Blech statt Schindeln : Anlässe für die Erneuerung von Kirchtürmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Turm statt Dachreiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Höher und spitzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Extravagante Turmabschlüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . August Keller als Kirchturm-Architekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
47 47 47 49 50 52 53
Silvana Rageth Konfessionelle Parität und Kirchenbau in der Nachkriegszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Diskussionen und Hintergründe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Neue Möglichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
55 56 58
Betty Sonnberger Bunte Seide – Liturgische Gewandung im Besitz der katholischen Kirchgemeinde Sulgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Der Neubau der Kirche St. Peter und Paul in Sulgen, 1959−1961 . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeitgenössische Ausstattung und Kirchenschatz der neu erbauten Kirche . . . . . . Die liturgischen Farben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Atelier St. Klara in Stans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die handgewebten Gewänder aus dem Atelier St. Klara in Stans . . . . . . . . . . . . . . . . .
60 60 60 61 62 62
Hans Jürg Gnehm Worte in Bronze gegossen – Zur Beständigkeit und zum Wandel von Glockeninschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Giesserinschriften
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65 65
6 Kirchenbau 1869 – 2019 – 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau
Gedenkinschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stifterinschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Religiöse Inschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65 66 67
Silvana Rageth Die evangelische Kommission für kirchliche Bauten – Ein Gespräch mit Fachleuten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Ann-Kathrin Seyffer Nutzung im Wandel – Zur Profanierung von Sakralbauten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Gewerbliche Nutzung, Werkstatt oder Magazin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kulturelle und kirchliche Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kapellen der Chrischona-Gemeinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zum Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
76 76 82 84 86
Felicitas Meile Museum, Gottesdienstraum, Konzertsaal – Zum kulturellen Wert von Kirchen am Beispiel von Romanshorn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die paritätische Kirche : museal inszenierte Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die katholische Kirche: Erweiterung des Zelebrationsbereichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die evangelische Kirche : mal Gottesdienstraum, mal Konzertsaal . . . . . . . . . . . . . . . .
87 88 90 92
Eva Schäfer Umnutzung – Eine denkmalpflegerische Erhaltungsstrategie für Kirchengebäude ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
94 94 95 97
Gesellschaftliche Ausgangslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Umnutzen als Erhaltungsstrategie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Nutzen und Umnutzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was kann eine Umnutzung für ein kirchliches Baudenkmal bedeuten ? – Herausforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Was genau könnte eine « denkmalgerechte Kirchenumnutzung » sein ? − Beobachtungen und Empfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Marko Sauer « Unsere Aufgabe ist das Wohl der Menschen » –
Aktuelle und künftige Herausforderungen der Thurgauer Landeskirchen . . . . . . . . . . . . 104 Archive und archivalische Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
7 Inhaltsverzeichnis
Aus der Denkmalkultur des Thurgaus Blick in die Kunstdenkmälerforschung
Peter Erni Vom Webstuhl in Altnau aufs Schafott in Überlingen – Die fatalen Folgen eines Kirchenraubs im Jahr 1700 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Aus der Inventarisation
Britta Hentschel Frühe Schweizer Holzmoderne im Thurgau : Karl Fülschers Haus in Amriswil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Im Jahr 2018 abgeschlossene Restaurierungen
Ruedi Elser Bettina Hedinger Stephan Kraus Eva Schäfer Monika Zutter Arbon, Bahnhofstrasse 34 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Egnach, Attenreute 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ermatingen, Hauptstrasse 57a, b und c . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Frauenfeld, Kurzenerchingerstrasse 14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mammern, Huebackerstrasse 28 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Roggwil, katholische Kirche St. Otmar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Salenstein, « Kaplanei Mannenbach » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sirnach, « Tuchhof » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sirnach, Unterdorfstrasse 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Steckborn, « Turmhof » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sulgen, Bleiken 34 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
125 127 129 131 132 133 135 137 139 141 144
Aus dem wechselvollen denkmalpflegerischen Alltag
Bettina Hedinger Eva Schäfer Aadorf, « Mon Repos » . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Arbon, Grabstein der Paulina Saurer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
8 Kirchenbau 1869 – 2019 – 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau
Vorwort Die Anfrage der evangelischen und der katholischen Landeskirche, einen Beitrag aus denkmalpflegerischer Sicht zum Jubiläum «150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau » zu leisten, haben wir gerne angenommen. Dieser bietet uns eine gute Gelegenheit, einen Blick zurück auf den Kirchenbau im Thurgau von 1869 bis 2019 zu werfen. Zentraler Bestandteil des Beitrags ist ein ausführlicher Katalog zu den in den letzten 150 Jahren neu entstandenen Kirchen. Weitere Artikel beleuchten ergänzend dazu interessante Aspekte – vom Kirchturmbau über Glocken und Paramente bis hin zu aktuellen Fragen der Nutzung im Wandel und der Umnutzung von Gotteshäusern. Die Publikation erhebt nicht den Anspruch, einen umfassenden Rückblick zu bieten – dazu ist der zeitliche Abstand auf die zu betrachtende Epoche noch zu kurz. Es ist folglich ein vorläufiger und ausgewählter Blick aus denkmalpflegerischer Warte. Ergänzend wird eine 2019 erscheinende Publikation des Historischen Vereins des Kantons Thurgau einige geschichtliche und historische Aspekte kompetent beleuchten. Nach der Reformation wurden im Thurgau viele Kirchen simultan, also gemeinsam von den Katholiken und den Evangelischen genutzt. Diese paritätischen Besitzverhältnisse wurden nach 1869 vielerorts aufgelöst. Verbunden mit einem gesunden Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum entstanden seither zahlreiche neue Kirchen. Fast 60 der rund 200 heute noch erhaltenen Kirchen im Thurgau wurden in der Zeit von 1869 bis 2019 gebaut. Vom Historismus zur Moderne
Ihre führende Stellung in der Epoche des Historismus um 1900 verdankt die Ostschweiz drei herausragenden Kirchenbau-Architekten. Gefördert und beraten vom Einsiedler Kunsthistoriker Pater Albert Kuhn (1839 –1929 ), prägten August Hardegger (1858–1927) aus St. Gallen, Albert Rimli (1871–1954 ) aus Frauenfeld und Adolf Gaudy (1872–1956 ) aus Rorschach den katholischen Kirchenbau mit zahlreichen Bauten neugotischer und später vor allem neubarocker Prägung. Die grossen, weiten und einheitlichen Räume entsprachen dem Zeitgeist der neuen liturgischen Bewegung und standen am Anfang der Entwicklung zum Kirchenbau der Moderne. Die 1906 erbaute Stadtkirche St. Nikolaus in Frauenfeld gilt als das Meisterwerk des Architekten Albert Rimli und als bedeutendste Neubarockkirche der Schweiz. 1889/90 errichtete August Hardegger in Dussnang die erste Betonkirche der Schweiz. Die neuartige Konstruktionsweise lässt sich allerdings unter der vollständig erhaltenen, verputzten und bemalten Innenausstattung des Historismus nur erahnen. Eine geplante Restaurierung wird baubegleitende Untersuchungen erlauben und neue Erkenntnisse zutage bringen.
9 Vorwort
Moderne Kirchen
Aufsehen in Architektenkreisen erregte 1922/23 das filigrane Betonskelett der Kirche Notre-Dame in Rancy ( Frankreich ), entworfen vom französischen Architekten Auguste Perret (1874 –1954 ). Im Stil der Moderne und im neuen Material Sichtbeton gestaltet, erinnert ihr lichtdurchfluteter hoher Raum an hochgotische Kathedralen. Zwei Jahre später baute der Schweizer Architekt Karl Moser mit der St. Antoniuskirche in Basel (1925–1930 ) die erste Sichtbetonkirche der Schweiz. Das vielbeachtete Meisterwerk, verbunden mit Mosers Wirken als Entwurfsprofessor an der ETH Zürich, beeinflusste die Architekten der Schweiz, allen voran die nachfolgenden grossen Kirchenbauer Hermann Baur (1894 –1980 ) und Fritz Metzger (1898 –1973 ). Hermann Baur baute rund 30 neue Kirchen in der Schweiz, jedoch keine im Kanton Thurgau. Als Juror und Berater prägte er dennoch viele der damaligen Kirchenbau-Wettbewerbe. Diesen Wettbewerben ist es zu verdanken, dass die den modernen Kirchenbau prägenden Schweizer Architekten auch in unserem Kanton Werke realisieren konnten. So kam die Moderne leicht verspätet auch im Thurgau an. 1956 wurden im Hinterthurgau zwei Kirchenbau-Wettbewerbe ausgeschrieben : der eine in Wängi für den Bau einer katholischen Kirche samt Pfarrhaus, der andere in Bichelsee für den Bau einer neuen evangelischen Kirche. In Wängi empfahl die Jury unter acht eingegangenen Vorschlägen das Projekt von Fritz Metzger zur Ausführung. Angrenzend an den Friedhof und die alte Dorfkirche St. Johann bildet ein Längshaus unter kreuzförmigem Zeltdach mit Taufkapelle, Werktagskapelle und Pfarreisaal und dem hohen freistehenden Kirchturm ein markantes Ensemble im dörflichen Raum. Die Kirchgemeinde stimmte dem Bau zu, verlangte aber, dass das am Pfarrhaus geplante Flachdach in ein Schrägdach abgeändert werde. 1958 wurde die neue St. Johanneskirche in Wängi eingeweiht. In Bichelsee überraschte der junge Architekt Erwin Rausser (1925–2016 ) mit einem schlichten und kraftvollen Projekt und gewann so den Projektwettbewerb unter fünf eingeladenen Architekten. Ein quadratischer Kirchenraum, durchgestaltet im Masswerk des Modulors von Le Corbusier, zeigt Raussers Fähigkeit Raum, Baukörper und Bauglieder zu strukturieren und zu formen. 1959 schrieb der Architekt zur Einweihung : « Den Kirchenraum umschliesst eine 2.26 Meter hohe Mauer, über die sich eine zeltartige Decke spannt. Zwischen Mauer und Dachpyramide verläuft ein 86 cm hohes Fensterband, und mildes Licht strömt in den durch seine Strenge sakral wirkenden Raum.» Die Wände sind aussen und innen verputzt. Raussers Leidenschaft für Beton verdeutlichen sich im Inneren mit den konstruktiven Elementen aus gestocktem Sichtbeton an Decken und Unterzügen. Weitere bemerkenswerte moderne Kirchenbauten beider Konfessionen folgten und ergeben über den Thurgau verstreut kein spektakuläres, aber ein solides und bemerkenswertes Gesamtwerk, das sich zu betrachten und zu entdecken lohnt.
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Umbauten und innere Erneuerungen
Der Geist der Moderne und der Wunsch nach liturgischer Erneuerung führten nicht nur zu Neubauten, sondern auch zu vielen und teils massiven Umbauten der bestehenden historischen Kirchen. Die «Neo-Stile » wurden in den Nachkriegsjahren oft als schwülstige und oberflächliche Dekorationsstile empfunden. Mit der Kraft und Zuversicht des Aufbruchs und in guter Absicht, etwas Echtes und Wahres zu schaffen, wurde entstaubt und aufgeräumt, zuweilen sehr gründlich. Während bei Kirchenbauten des Spätmittelalters Wertvolles wieder sichtbar wurde, bestand bei jüngeren Bauten die Gefahr, dass nicht viel übrigblieb. Die 1964 purifizierte katholische Kirche St. Verena in Rickenbach ist ein frühes und radikales Beispiel. Die 1969 abgeschlossene Restaurierung der St. Nikolauskirche in Frauenfeld steht am Ende eines « Läuterungsprozesses », bei dem Historismus und Jugendstil nur zögerlich Anerkennung fanden – dies verbunden mit der Erkenntnis, dass alle Zeitepochen gültige Werke hinterlassen. Architekt Hermann Schmidt, verantwortlich für diese beiden und zahlreiche weitere Umbauten, fühlte sich als « Daniel in der Löwengrube », und Denkmalpfleger Albert Knoepfli ging den Weg vom « Paulus zum Saulus ». Im gleichnamigen Artikel zur Eröffnung der St. Nikolauskirche in Frauenfeld schrieb er : « Ein Kirchenbau kann von verschiedenen Gesichtspunkten aus verstanden und missverstanden werden : vom Geist, Geschmack und Gesinnung der Zeit her, die ihn geschaffen hat, vom Stilempfinden des Betrachters und dem seiner Epoche aus und schliesslich noch versuchend, objektive Kriterien zu gewinnen, die über Wandel und Mode stehen.» Die kommenden « Restaurierungen der Restaurierungen » werden zeigen, ob es uns gelingt, objektive Kriterien zu gewinnen und über den Zeitgeist hinausführende, nachhaltige Lösungen zu finden. Die Restaurierungen der Kirchen des Historismus und der Moderne sowie die beginnenden Diskussionen über mögliche Umnutzungen ungenutzter Kirchen werden uns herausfordern ! Ruedi Elser, Kantonaler Denkmalpfleger im Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau
Kirchenbau 1869–2019 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau
Regine Abegg Urs Baur Hans Jürg Gnehm Felicitas Meile Silvana Rageth Marko Sauer Eva Schäfer Birgit Seidenfuss Ann-Kathrin Seyffer Betty Sonnberger
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Einleitung – « Il faut repenser le plan de l’église » Als vor rund zehn Jahren die zwischen 1906 und 1908 erbaute evangelische Kirche Zürich-Oerlikon restauriert wurde, reiste die Baukommission, der ich angehörte, in den Thurgau, um sich zu erkundigen, wie an anderen Orten Sakralbauten ähnlichen Stils instandgesetzt wurden. Wir besichtigten die evangelischen Kirchen von Weinfelden und Romanshorn. Im Kanton Thurgau kannte ich zuvor vor allem die barocken Kloster- und Stiftskirchen ; die katholische Stadtkirche von Frauenfeld erschien mir wie ein postepochales Beharren auf demselben Baustil. Auf einer Zugfahrt von Weinfelden nach Wil SG fiel mir eine eigenwillig gebaute Rundkirche auf. Ich staunte, die Neugier packte mich und ich fuhr ein zweites Mal nach Bussnang und machte Halt. In Bussnang stehen einander zwei Kirchen auf zwei Seiten des Friedhofs gegenüber. In der alten, heute evangelischen Kirche feierten bis 1935 sowohl die evangelischen als auch die katholischen Dorfbewohner ihre Gottesdienste. Derartige Simultanverhältnisse bestanden im Kanton Thurgau an vielen Orten, so zahlreich wie kaum anderswo. Sie wurden im späten 19. oder im 20. Jahrhundert meist aufgelöst, weil eine der Konfessionen für sich eine eigene Kirche baute. So gehören heute vielerorts zwei ähnlich grosse Kirchen in unterschiedlichen Baustilen und mit verschieden hohen, aber durchwegs markanten Glockentürmen zum Dorfbild. Die Euphorie, eigene Gotteshäuser zu errichten, kontrastierte mit dem damals beginnenden ökumenischen Dialog und belastet heute die Kirchgemeinden angesichts der rückläufigen Mitgliederzahlen. Die ohnehin schon konfliktreiche Debatte über die Umnutzung leerer Sakralbauten wird wegen deren ortsbaulichen Qualitäten zusätzlich erschwert. Beim erwähnten Rundbau in Bussnang handelt es sich um die 1935 fertiggestellte katholische Kirche von Otto Linder ( 1891–1976 ), einem Vertreter der Stuttgarter Architekturschule. Kreis und Bogen sind die primären Gestaltungselemente: So entstand ein Zentralraum mit Kegeldach, der, um vier Konchen erweitert, im Grundriss die Form eines Vierpasses bildet. Die Wände sind verputzt, die Formen historisierend – für die Mitte der 1930er-Jahre eine Stilverspätung ! Die Form des Zentralbaus lädt dazu ein, die Gemeinde zeichenhaft um den Altar zu versammeln. Diese Möglichkeit, die in Bussnang ungenutzt blieb, sollte den katholischen Kirchenbau nach dem Zweiten Weltkrieg begleiten. Die Herausforderungen an die Planung und den Bau einer Kirche unterscheiden sich nicht grundsätzlich von anderen Bauvorhaben im öffentlichen Bereich. Es geht darum, die Bedürfnisse des Auftraggebers und die Erfordernisse der Zeit zu erkennen und dafür den geeigneten Raum in einer möglichst zeitgemässen Sprache zu schaffen. Prägnanter als bei anderen Bauaufgaben reflektiert der Sakralbau, wie « Kirche als Gemeinschaft » von der Bauherrschaft und dem beauftragten Architekten verstanden wird. Dem in einem über die letzten 150 Jahre mehrheitlich ländlichen Kanton wie dem Thurgau nachzuspüren, finde ich spannend.
Urs Baur
13 Einleitung – « Il faut repenser le plan de l’église »
Die Freude an einem Baustil allein genügt für den Kirchenbau nicht – dies zeigt die 1892 vollendete evangelische Kirche von Amriswil. Der neugotische Bau entspricht dem architektonischen Verständnis und dem religiösen Empfinden der Zeit. Vorbild bei der Raumaufteilung waren die spätmittelalterlichen Münster in den Städten: Kirchen mit einem Chor, der sich für den evangelischen Predigtgottesdienst aber schlecht eignet. Das deswegen latent vorhandene Unbehagen versuchte die Amriswiler Kirchgemeinde in den 1930er-Jahren mit dem Einbau einer grossen Orgel zu beseitigen. Dass gut nutzbare Kirchenräume aber auch in Stilformen des Historismus realisierbar sind, zeigen die evangelischen Kirchen von Weinfelden und Romanshorn : An ein kurzes Langhaus sind hier beidseitig breite Querhausarme angefügt. So entsteht der Eindruck eines Zentralbaus, der in Weinfelden zusätzlich mit dem achteckigen Glockenturm über der Vierung betont wird. Der Innenraum mit Emporen in drei Kreuzarmen ist da optimal auf die Kanzelwand ausgerichtet, die den Mittelraum abschliesst. Um 1900 war dieser Bautyp überall verbreitet. Doch die Zeit der wie Denkmäler positionierten Kirchen neigte sich dem Ende zu. Die Evangelischen besannen sich zunehmend darauf zurück, dass Kirchen Zweckbauten und keine Sakralräume sind, und die strenge Axialität von Taufstein, Abendmahltisch, Kanzel und Orgel wurde als zu triumphal empfunden. Als Teil dieser Entwicklung sind die evangelische Stadtkirche von Frauenfeld und die evangelischen Kirchen von Sirnach und Münchwilen schlichte Längsbauten im Stil der Neuen Sachlichkeit : Die Sitzbänke sind streng nach vorne ausgerichtet, die Kanzel ist zur Seite gerückt. Anders sind die baulichen Voraussetzungen für die katholischen Kirchen anfangs des 20. Jahrhunderts : Die Feier der Messe folgte klaren Vorgaben, die baulichen Vorschriften waren nicht verhandelbar, die zulässigen Bautypen über Jahrhunderte hinweg erprobt. Zur Auswahl standen einzig die verschiedenen Stilrichtungen des Historismus und neu das Dekor des Jugend- und Heimatstils. Erwähnenswert ist da die katholische Kirche St. Johannes in Romanshorn von 1913 : Die farbenfrohe und kunstreiche Innenausstattung wirkt im Wechselspiel zur schwer lastenden Architektur der Neuromanik heiter und leicht. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeiteten verschiedene Institutionen auf eine Erneuerung der Liturgie hin. 1924 wurde die Schweizerische St. Lukasgesellschaft gegründet, der Theologen, Architekten und Kunstschaffende angehörten. Ihr Ziel war und ist es bis heute, eine zeitgemässe Kirchenkunst zu fördern : « Il faut repenser le plan de l’église. » « Die Gestaltungsmittel für Profan- und Sakralbau sind dieselben », schrieb der Architekt Fritz Metzger ( 1898–1973 ) 1929 im dritten Band der « Ars Sacra », und diese neuen, modernen Kirchenräume sollten in Form und Gestalt die Gläubigen zur aktiven Teilnahme an der Liturgie einladen – Prämissen, die anfänglich recht einseitig befolgt wurden. Die Kirchgemeinden akzeptierten die modernen Gestaltungsformen oft problemlos, an der herkömmlichen Ausrichtung des Kirchenraums hielten sie jedoch fest. Eklatant zeigt dies die neue Pfarrkirche von Wängi von 1957 / 58 : Der in der Form eines Zeltes ausgeführte Bau stülpt sich über eine traditionell eingerichtete Kirche mit basilikalem Langhaus und einem auf die Breite des Mittelschiffs verschmälerten Chor, der mit
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seinem Binnenquerhaus das Kirchenschiff in den Schatten stellt. Ungläubiges Erstaunen für den, der das Werk des zuständigen Architekten Fritz Metzger kennt ! Kurze Zeit später projektierte Fritz Metzger die katholische Kirche St. Maria Regina in Sitterdorf ( Gemeinde Zihlschlacht-Sitterdorf ). Hier gestaltete er, wie es ihm sonst eigen ist, die Kirche mit runden und rechtwinkligen Wänden. Typologisch verwandt ist die katholische Kirche St. Maria Himmelfahrt in Müllheim : Die indirekte Beleuchtung des Chors vom Dach her wird mit seitlich angeordneten Lichtnischen ergänzt – eine Belichtungsart, die im Thurgau gelegentlich anzutreffen ist. Zentralität wird auch mit annähernd quadratischen Baukuben geschaffen : Die Sitzreihen sind im Winkel zur Mittelachse angeordnet, die diagonal zum Raum, zu einer aufgebrochenen Ecke, dem erweiterten Chor ausgerichtet ist. Erwähnenswerte Beispiele aus der Zeit sind die katholische Kirche von Eschlikon und die katholische Antoniuskapelle in Hauptwil. Speziell ist auch die längsorientierte katholische Franziskuskirche in Hüttwilen von 1965 : Zu den skulptural im Chor gesetzten Deckenwänden mit der dezenten Lichtführung bildet die grosse Fensterwand beim Eingang gegenüber einen Kontrast ; von dort fliesst helles Licht durch den Kirchenraum bis nach vorne zum Altar. Die Vielfalt an Formen und Gestalten ist im Thurgau beachtlich. Nicht vertreten sind im Kanton jedoch die Extreme der modernen Kirchenarchitektur : Die frühen französischen Betonkirchen und die skulptural expressionistischen Kuben in der Art von Walter Förderer ( 1928–2006 ). Schliessen möchte ich den Überblick mit einem Hinweis auf die evangelische Johanneskirche in Bischofszell, einem sehr bedeutenden Bauwerk seiner Zeit. Der nicht tiefe, aber breite Kirchenraum ist in zwei Hälften unterteilt, die in der Mitte annähernd rechtwinklig aufeinander stossen. Um die Innenecke sind symbolhaft Kanzel, Abendmahltisch und Taufbecken gruppiert ; jene drei liturgischen Orte, um die sich die Kirchgemeinde zum Gottesdienst versammelt.
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Birgit Seidenfuss
Thurgauer Kirchenbau nach der Gründung der Landeskirchen – Ein Katalog Traditionell besassen die meisten Gemeinden im Kanton Thurgau eine Kirche, die von den Katholiken und Evangelischen gemeinschaftlich genutzt wurde. Dies änderte sich nach der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Verbesserungen der gesundheitlichen Standards führten zu einem Bevölkerungswachstum und der wirtschaftliche Aufschwung zu wachsenden finanziellen Ressourcen. Dies wiederum liess diverse Kirchgemeinden ihre meist lang gehegten Wünsche nach separaten Gotteshäusern in die Tat umsetzen. Nachfolgend werden sämtliche evangelischen und katholischen Kirchen, die seit 1869 im Kanton Thurgau erbaut wurden, chronologisch aufgelistet und kurz vorgestellt. Einige besonders herausragende Beispiele werden zudem beschreibend gewürdigt.
1 Paritätische Kirche St. Peter und Paul, Uesslingen
2 Katholische Kirche St. Urban, Bettwiesen
Kirchgasse Assek.-Nr. : 65 / 2-0081 besonders wertvoll Baujahr : 1872 Architekt : Wilhelm Keller, Luzern Weitere Angaben : 1922 / 23 Spitzhelm
Kirchstrasse 10 Assek.-Nr. : 77/ 0-0038 besonders wertvoll Bauzeit : 1872 / 73 Baumeister : Wilhelm Keller, Luzern Weitere Angaben : 1872 Abbruch des Vorgängerbaus und Neubau an anderer Stelle
Adresse :
Einstufung :
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Einstufung :
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3 Katholische Kirche St. Remigius, Sirnach 57/ 2-0095 Einstufung : wertvoll Joachim Brenner, Frauenfeld Weitere Angaben : 1938 / 39 eingreifende Modernisierung durch Karl Zöllig
Adresse :
Wilerstrasse
Assek.-Nr. :
Baujahr : 1874 Architekt :
5 Evangelische Kirche, Märwil ( Gemeinde Affeltrangen ) Kirchstrasse Assek.-Nr. : 02 / 3-0001 Einstufung : besonders wertvoll Baujahr : 1885 Architekt : August Keller, Romanshorn Weitere Angaben : 1920 Turmrenovation ; 1972–1974 umfassende Kirchensanierung und Neugestaltung des Chorbereichs ; 2010 Aussen- und Innenrestaurierung Adresse :
Der elegante, verputzte Bau mit flachem Satteldach und weitgehend modern vereinfachten spätromanischen Formen liegt malerisch in erhöhter Lage. Sein gestaffelter Kastenchor ist stark eingezogen. Der kräftige Westturm springt an der Fassade flachrisalitartig vor und nimmt das hohe, übergiebelte Säulenportal auf.
4 Friedhofkapelle, Horn
Die Fassaden sind grösstenteils genutet, die Ecken von Lisenen
Mittlere Zelg 34 Assek.-Nr. : 33 / 0-0288 Einstufung : wertvoll Baujahr : 1877 Architekt : unbekannt Weitere Angaben : bis 1911 paritätisch genutzte Kirche ; bis 1930 alleinig durch die evangelische Kirchgemeinde genutzt und seither Friedhofkapelle
gefasst ; die Traufe ist von einem kräftigen Rundbogenfries unter-
Adresse :
fangen. Im Inneren weist der Saalraum an der hölzernen Felderdecke und den Wänden eine nüchtern-zurückhaltende Dekorationsmalerei auf, die sich nur entfernt an historische Vorbilder anlehnt. Florale Elemente setzen sparsam eingesetzte Akzente. Monumentale Fenster durchlichten den in seiner Schlichtheit durchaus modern
17 Thurgauer Kirchenbau nach der Gründung der Landeskirchen – Ein Katalog
8 Katholische Marienkirche, Dussnang ( leitete, wurde in den 1970er-Jahren zu einer Kanzelwand geschlos- Gemeinde Fischingen )
anmutenden Gebetsraum. Der Apsisbogen, der einst in den Chor sen. So entstand eine flache Chorwand, in der sich die rundbogig überfangenen Türen der Seitenkompartimente mit dem Chorbogen zu einem dreifachen Bogenmotiv zusammenfügen, wodurch sich eine traditionell-sakrale, triumphbogenartige Wirkung ergibt.
Kurhausstrasse Assek.-Nr. : 23 / 2-0013 Einstufung : besonders wertvoll Bauzeit : 1889 / 90 Architekt : August Hardegger, St. Gallen Weitere Angaben : von Pfarrer Johann Jakob Eugster in Eigenregie als Wallfahrtskirche zusammen mit dem benachbarten Asylgebäude für kranke und invalide Priester erbaut ; seit 1897 im Besitz der katholischen Kirchgemeinde ; 1900 Erhebung zur Pfarrkirche Adresse :
6 Evangelische Kirche, Hauptwil ( Gemeinde Hauptwil-Gottshaus ) 28 / 2-0134 Einstufung : wertvoll Emil Kessler, St. Gallen Weitere Angaben : 1948 Umgestaltung
Adresse :
Hauptstrasse
Assek.-Nr. :
Bauzeit : 1886 –1888 Architekt :
Die Marienkirche in Dussnang ist der prachtvollste neugotische
7 Katholische Kirche Pelagiberg, Gottshaus ( Gemeinde Hauptwil-Gottshaus ) St. Pelagibergstrasse Assek.-Nr. : 28 /1- 0165 Einstufung : besonders wertvoll Baujahr : 1888 Architekt : E. Studerus, Augsburg Weitere Angaben : 1955 / 56 Modernisierung durch Hans Burkard
Adresse :
Kirchenraum des Kantons Thurgaus, der bis heute allen Purifizierungsbestrebungen trotzen und seinen unvergleichlich bunten, harmonischen Gesamtklang bewahren konnte. Bemerkenswerterweise ist dieser so traditionell wirkende Bau die erste Betonkirche der Schweiz – aussen mit Steinplatten verkleidet, innen verputzt und bemalt. In freier Aneignung des Musters der Wallfahrtskirche von Lourdes erbaut, diente sie zunächst als Wallfahrtskirche, was den Reichtum ihrer Ausstattung erklärt. Aussen ist der Kirchenbau relativ geschlossen geformt. Flache Aussenstreben gliedern die langgestreckten Flanken in schmale Fensterfelder. Die breitere vorletzte Travée, mit einem Masswerkfenster ausgezeichnet und von einem Quergiebel überfangen, deutet ein Querhaus an, ehe sich ein zweiseitig geschlossener Chor anschliesst. Belebter ist die Westpartie, gebildet vom Turm – mit grossem Spitzbogenportal, gestelzten Schallöffnungen und hohem Spitzhelm – und den seitlichen Treppenhaustürmchen. Nach dem einfachen Äusseren überrascht der schreinartig reiche Innenraum durch seine Überfülle an Dekorativem. Eine Allee von marmorierten Bündelpfeilern scheidet äusserst schmale,
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quergewölbte Seitenschiffe ab. Das Mittelschiff hat ein lichtes Rippengewölbe, während der Chor ein blaues Netzgewölbe trägt. Der mehrstufig erhöhte Chor ist durch einen spitzen Triumphbogen abgeschieden, weitet sich danach aber wieder zur alten Breite. Es folgt ein querschiffartig geweitetes Raumkompartiment, danach umstellen Bündelpfeiler einen Umgang. Den Scheitel besetzt eine trapezförmige « Lady-Chapel », deren Lourdesmadonna durch die seitlichen Fenster hell beleuchtet ist. Gemalte pflanzliche Motive umsäumen allenthalben Fenster, Bögen und Rippen, füllen die Gewölbeflächen und schliessen sich mit dem Schnitzwerk der Altargesprenge und der Kanzel zu einem vielfältigen Spiel der Zierformen zusammen. Ein Apostelzyklus an den Bündelpfeilern bewacht das Mittelschiff ; an dessen Wänden imitiert Malerei reiche Tapisserien, reliefierte Kreuzwegstationen flankieren die Lanzettfenster.
nimmt und von niedrigen polygonalen Treppenhaustürmen flankiert ist. Das Äussere ist zurückhaltend gegliedert: Zwischen hohen Masswerkfenstern finden sich kaum ausladende Strebepfeiler, in den Quergiebeln sitzen gestaffelte Drillingsfenster. Beim Turm über quadratischem Grundriss erheben sich über dem Glockengeschoss Wimpergfelder mit Uhren, darüber thront ein hoher Spitzhelm. Das stark purifizierte Innere – ein gerade geschlossener Saal mit vertäferter Wandzone – wird von hohen, teilweise bunt verglasten Fenstern bestimmt. Statt des ursprünglichen Rippengewölbes wurde 1944 eine kräftige holzsichtige Balkendecke eingezogen. Den vierstufig erhöhten Chor bestimmt ein monumentaler Orgelprospekt, der in drei spitzbogige Wandöffnungen eingefügt ist,
9 Evangelische Kirche, Amriswil Friedhofweg 1 Assek.-Nr. : 06 /1-0654 Einstufung : besonders wertvoll Baujahr : 1892 Architekt : August Hardegger, St. Gallen Weitere Angaben : 1923 Kirchenfenster nach Entwürfen von Carl Roesch ; 1944 Ersatz des Gewölbes durch eine flache Holzdecke und Platzierung des Kanzelersatzes in der Raummitte ; 1945–1947 Ausmalung der Vorhalle durch Paul Bodmer Adresse :
Das Innere der neugotischen Kirche wurde wesentlich verändert. Deshalb präsentiert sich der monumentale Bau aussen bauzeitlich, innen eher im Landistil der 1930er-Jahre. Konstruktiv interessant ist sein Mauerwerk, bei dem vorfabrizierte Betonquader mit gegossenen Bossen aufeinander geschichtet sind. Der Bau besitzt ein kaum vorspringendes, übergiebeltes Querhaus, einen dreiseitig geschlossenen Chor sowie einen hoch aufragenden, markanten Fassadenturm, der in seinem Sockel ein Archivoltenportal auf-
welche Form und Massstab der Fenster aufgreifen.
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10 Katholische Kirche St. Martin, Wuppenau 72 / 3-0001 Einstufung : wertvoll August Hardegger, St. Gallen Weitere Angaben : für den Neubau wurde vom Vorgängergebäude der Turmschaft von 1679 /1688 übernommen und erhöht Adresse :
Nollenstrasse 7
Assek.-Nr. :
Bauzeit : 1890–1897 Architekt :
11 Katholische Kirche St. Stefan, Emmishofen ( Gemeinde Kreuzlingen ) Bernrainstrasse 10 Assek.-Nr. : 39 / 7- 0260 Einstufung : besonders wertvoll Bauzeit : 1901/ 02 Architekt : Albert Rimli, Frauenfeld Weitere Angaben : Majolikaausstattung von der TonwarenFabrik Burkart ; 1947 Purifizierung ; 1981/ 82 Innenrestaurierung mit Wiederherstellung der bauzeitlichen Farbfassung
Adresse :
Der neugotische Kirchenbau mit hohem Spitzhelmturm wurde 1967 / 68 von Hermann Schmidt purifizierend modernisiert. Seither treten aussen – anstelle von Querhausgiebeln – angeschleppte, risalitartige Vorsprünge in Erscheinung. Mit den neuen gliedernden Gesimsen und schmückenden Zierformen verschwand auch eine monumentale Fassadennische mit Kreuzigungsgruppe samt spitzgiebeligem Portikusvorbau. Den Eingang überfängt heute ein bretterverschalter Pultdachanbau. Lediglich die Querhausgiebel beim Chor beleben die sonst geschlossenen Flächen des Satteldachs. Noch durchgreifender wurde der Innenraum verändert. Eine grosse angespitzte Tonne ruht seitlich auf monumentalen Gesimsplatten, deren Konsolen die Fensterachsen scheiden. Daneben bestimmen grob verputzte Wandflächen ohne Gliederung und Zierrat den kahlen Raumeindruck. Vor dem stark eingezogenen, leicht erhöhten Chorbezirk ist der Raum nur zitathaft wie ein Querhaus erweitert. Der Triumphbogen zum gratgewölbten Chorbereich über quadratischem Grundriss wiederholt in etwa den Deckenbogen. Ein bodenhohes Fenster taucht den Chor von der rechten Seite her in helles Licht. Der für Böden, Altäre und Sedilien verwendete Travertin verleiht dem Raum einen zurückhaltenden Klang, über den der Holzton der Bänke und der Spitztonne dominiert.
20 Kirchenbau 1869 – 2019 – 150 Jahre Landeskirchen im Kanton Thurgau
Weithin sichtbar erhebt sich der stattliche Neubarockbau am Hang. Seine backsteinsichtigen Ordnungselemente verleihen dem Longitudinalbau mit Mansarddach dekorativen Reiz. Gegliedert ist er durch Pilaster und flachbogige Hochfenster mit darüberliegenden Oculi. Vor der letzten Langhausachse treten übergiebelte geschwungene Querhausfronten vor ; von Doppelpilastern gerahmt, werden sie von hohen Ädikulaauszügen mit Heiligenfigu-
12 Katholische Kirche St. Johannes der Täufer, Weinfelden Freiestrasse 15 Assek.-Nr. : 70 / 0-0311 Einstufung : besonders wertvoll Bauzeit : 1902 / 03 Architekt : Albert Rimli, Frauenfeld Weitere Angaben : neubarocke Ausstattung von Karl Glauner ; Glasfenster von Gottlieb Engeler ; 1990 Renovation mit liturgischer Neuorganisation Adresse :
ren überfangen. Der korbbogig geschlossene Chor ist entschieden eingezogen. Der an der Ostfassade vorspringende Turm läuft unter seinem geschwungenen Helm allseitig in Dreiecksgiebel aus. Unten rahmen rustizierte Wandvorlagen ein plastisch akzentuiertes Säulenportal mit hohem Auszug im gesprengten Volutengiebel. Das Innere ist ein lichter, flach gewölbter Saal in goldenpastelligen Tönen. Das Langhaus mit Pilastergliederung ist von einer gurtlosen Flachtonne mit stuckgerahmtem Mittelspiegel überwölbt. Daran angesetzt ist ein vergrössertes Joch mit querovalem Gewölbe, das den Gemeinderaum vierungsartig dominiert. Wenig tiefe Seitenkompartimente deuten Querhausarme an – Zentralbautendenz soll den Longitudinalbau durchwirken. Nach einem weiteren Langhausjoch folgt der Chor. Er ist, wie oft bei Albert Rimli, stark eingezogen, wodurch dem Triumphbogen flankierende Wandarkaden beigestellt werden können. Der Chor greift mit seinem um zwei Stufen erhöhten Bodenpodest eigentümlich weit in den Gemeinderaum aus, Altar und Ambo stehen bereits im Langhaus. Ähnlich entkoppelt von der Raumstruktur ist das Kirchengestühl, das die additive Raumkomposition einförmig durchläuft. Hervorzuheben ist die pastellfarbige Ausstattung aus einheitlichem Material : Glasierte Terracottatafeln verzieren Kanzel, Taufstein und Altäre. Aus demselben Material sind die Heiligenfiguren der Vorhalle und die Kreuzwegstationen, die un- 13 Evangelische Kirche, Weinfelden orthodoxerweise über die Solbank der Langhausfenster ragen.
Kirchgasse 4 Assek.-Nr. : 70 / 0-0021 Einstufung : besonders wertvoll Bauzeit : 1902 –1904 Architekten : Pfleghard & Haefeli, Zürich Weitere Angaben : Eisenbetonkonstruktion von Robert Maillard ; 1976 / 77 Aussen- und Innenrenovation
Adresse :
Der Kirchenbau thront auf einem Felsvorsprung über der Stadt gleich einer festen Burg. Der Zentralbau mit vier Kreuzarmen und massigem Vierungsturm erscheint in heimatstilig interpretierten romanischen Formen mit Jugendstilanklängen – ein Stilmix von malerischem Reiz. Steinsichtige Gliederungselemente und sorgsam verwendeter Bauschmuck zieren die hellen Fassaden. Ganz heimatstiligen Tendenzen folgend, vermeidet der Bau strikte Symmetrie. Die Auffälligsten Elemente an den scheingetreppten Giebeln sind monumentale ungeteilte Thermenfenster, die auf einer Fenstergalerie aufsitzen. Dem leicht verlängerten Westarm ist ein niedriger Portalbau mit breiter Rundbogenöffnung vorgelagert. Alles dominiert der kräftige,