ROLAND FÄRBER UND FABIAN LINK (HG.)
Roland Färber und Fabian Link (Hg.)
Der Band beleuchtet die Geschichte der Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt am Main von deren Gründung im Jahr 1914 bis ca. 1950. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit des NS-Regimes. Die Beiträge befassen sich mit Frankfurter Altphilologen, Althistorikern sowie klassischen und vorderasiatischen Archäologen und behandeln erstmals deren Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber dem National sozialismus. Außerdem geht es um die strukturellen und semantischen Transformationen ihrer Fächer nach dem Machtwechsel 1933. Die Beiträge beruhen vornehmlich auf bisher wenig bekanntem Quellenmaterial aus dem Universitätsarchiv Frankfurt und weiteren Archiven in Deutschland und Österreich. Sie gehen auf ein studentisches Forschungsprojekt an der Goethe-Universität zurück. Roland Färber ist Assistent am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Heinrich-HeineUniversität Düsseldorf. Von 2012 bis 2019 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Alte Geschichte der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Epochen des Hellenismus, der römischen Kaiserzeit und der Spätantike. Fabian Link ist Gastwissenschaftler am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Von 2012 bis 2018 war er an der Goethe-Universität Frankfurt am Main Assistent bei der Arbeitsgruppe Wissenschaftsgeschichte. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Geschichte der Geistes- und Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts.
Die Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt 1914 – 1950
Die Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt 1914 – 1950
Roland Färber und Fabian Link (Hg.)
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Die Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt 1914 – 1950
Studien und Dokumente
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Die Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt 1914 –1950 Studien und Dokumente
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2019 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Vorsatz: Das 3. Obergeschoss des Jügelhauses in einem Grundriss von 1907; ab 1914 waren hier die Altertumswissenschaften der Universität Frankfurt untergebracht. © Universitätsarchiv Frankfurt am Main, Abt. 855, Nr. 172. Abbildung Nachsatz: Lageplan des Geländes an der Viktoria-Allee in Frankfurt am Main 1903 – 1915 (Norden unten). © Universitätsarchiv Frankfurt am Main, Abt. 855, Nr. 210. Abbildungen Umschlag: Oben: Die Frankfurter Abgusssammlung im Laternensaal des Jügelhauses in den 1920er Jahren. © Universitätsarchiv Frankfurt am Main, Abt. 853, Nr. 85; Foto: Wilhelm Müller. Unten: Eva und Victor Ehrenberg 1926 in ihrer Frankfurter Wohnung in der Blanchardstraße 20. © University of Sussex, Special Collections. Rechts: Das Jügelhaus in den 1920er Jahren. © Universitätsarchiv Frankfurt am Main, Abt. 855, Nr. 181. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Satz: print + design GbR, Frankfurt am Main Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-4039-4 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4040-0 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch
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Inhalt
7 Roland Färber und Fabian Link
Einleitung: Die Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt im NS-Regime als Forschungsgegenstand
25 Charlotte Hamway und Maren-Christine Klute
Das Seminar für klassische Philologie bis in die frühen 1930er Jahre
47 Convin Splettsen
Hans Schrader und die Entwicklung der klassischen Archäologie bis 1933
61 Max Schmiedt
Walter Barthel, Wilhelm Weber und die Anfänge des Fachs alte Geschichte
73 Nelli Kisser
Victor Ehrenberg und Frankfurt
89 Paul Kracht und Aleksandar Trifunovic
Altertumswissenschaftliche Forschung und Lehre unter dem Einfluss von NS-Regime und Rektorat
111
Theresa Mons und Carina Santner Matthias Gelzer – Universitätspolitik und Althistorie im « Dritten Reich »
137
Charlotte Hamway Zwischen Forschungsdrang und Finanzierungszwang: Franz Altheim
153
Maren-Christine Klute Der klassische Philologe Karl Reinhardt im Nationalsozialismus
167
Hannah Möntenich Frankfurt, die letzte akademische Station des Gräzisten Walter Nestle (1902–1945)
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Inga Steinhauser Der Altphilologe Erwin Wolff und die Grenzen unpolitischen Forschens
199
Felix Schneider Vom « Dritten Humanismus » zum Eintritt in die NSDAP – der klassische Philologe Hermann Langerbeck
211
Dominik Wassermann Helmut Rahn – Beginn einer altphilologischen Laufbahn unter dem NS-Regime
221
Melvin Macaluso Bibliothekswesen und Geldmittel der altertumswissenschaftlichen Seminare
233
David Weinrich Die Abguss- und die Diapositivsammlung der klassischen Archäologie bis 1945
255
Tamara Schneider Ernst Langlotz: klassische Archäologie in Frankfurt während des NS-Regimes
271
Lisa Knorps Hilde Heyland: wissenschaftliche Assistentin am Archäologischen Seminar 1941–1946
285
André Kirsch Ernst Homann-Wedeking: klassische Archäologie im Frankfurt der Nachkriegszeit
307
Esra Kahraman Die Entnazifizierung an der Philosophischen Fakultät
323
Christoph Chodorowski Die Kontroverse um den vorderasiatischen Archäologen und Bauforscher Friedrich Wachtsmuth
343
Roland Färber und Fabian Link Résumé: Beständigkeit und Anpassung in den Frankfurter Altertumswissenschaften
365
Register: Personen und Institutionen
Einleitung
Einleitung: Die Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt im NS-Regime als Forschungsgegenstand Roland Färber und Fabian Link
Es begann überschaubar und bescheiden: Die beiden Herausgeber des vorliegenden Sammelbands veranstalteten im Wintersemester 2016/17 am Historischen Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität gemeinsam eine Übung mit dem Titel « Die Altertumswissenschaften an der Goethe-Universität während des NS-Regimes ». Als Althistoriker (Roland Färber) bzw. Historiker der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften (Fabian Link) wollten wir zusammen mit Studierenden die Geschichte dreier inhaltlich eng verbundener Fächer untersuchen. Dabei sollte eine hagiographische Fachgeschichte ebenso vermieden werden wie eine innerfachlich uninformierte Wissenschaftsgeschichte. Vielmehr war es unser Anliegen, mit aktuellen Ansätzen der Wissenschaftsgeschichte auf die internen Belange der Althistorie, der griechischen und lateinischen Philologie sowie der klassischen Archäologie ebenso einzugehen wie auf die Entwicklungen der Zeitgeschichte. Didaktisch war die Übung so angelegt, dass die Studierenden unter Anleitung der beiden Dozenten und mit tatkräftiger Mithilfe des betreffenden Archivpersonals neues, bisher unbekanntes Quellenmaterial aufspüren und bearbeiten sollten. Ergänzend hinzu kam der Blick in ausgewählte Schriften und das Lehrangebot der damals in Frankfurt wirkenden Altertumswissenschaftler. Die Übung war ein voller Erfolg: Derart viel neues Material war zutage getreten und zahlreiche wichtige Beobachtungen waren angestellt worden, dass wir die Initiative ergriffen, auf Basis der Hausarbeiten einen Sammelband mit studentischen Forschungsbeiträgen herauszugeben. So war unsere Zielsetzung mit einem Mal weit weniger bescheiden, und der Aufwand ging deutlich über das hinaus, was im Rahmen einer Lehrveranstaltung üblich ist. Dass daraus binnen zwei Jahren tatsächlich der nun vorliegende Sammelband entstanden ist, geht in besonderem Maße auf die große Bereitschaft und die anhaltende Energie der Beiträgerinnen und Beiträger zurück. Die Mehrheit von ihnen hatte an der vorbereitenden Übung teilgenommen, einige weitere sind im Rahmen der in den Folgesemestern regelmäßig organisierten « Schreibwerkstatt » dazu gestoßen und haben begeistert Themen übernommen, die vorher unbearbeitet geblieben waren oder auf die wir erst infolge der vertieften Auseinandersetzung mit der Thematik gestoßen sind. Forschung und Lehre waren in unserem Vorhaben von vornherein aufs Engste miteinander verzahnt. So sollten die Studierenden an die selbständige wissenschaftliche Re-
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cherche durch Aktenstudium im Archiv herangeführt werden und dabei zugleich einen Einblick in das Tätigkeitsfeld « Archiv » erhalten. Indem wir mit dem Projekt dann den Horizont des Leistungsnachweises gezielt überschritten, konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer umfassende und ungefilterte Erfahrungen in der praktischen Arbeit des Historikers sammeln, also den Weg von der Archivalie bis zur gedruckten Publikation einmal komplett durchschreiten. Das freilich war nicht ohne den organisatorischen Rahmen der « Schreibwerkstatt » und eine intensive Betreuung möglich: Auf ein unter den Beiträgerinnen und Beiträgern durchgeführtes Peer-Review-Verfahren, das Einblick in die Ergebnisse der jeweils anderen ermöglichte, folgte die schrittweise Vervollständigung, Korrektur und Überarbeitung der Texte. Im September 2017 präsentierte eine Vierergruppe aus dem Teilnehmerkreis ihre Studien im Rahmen der Zweiten Konferenz für studentische Forschung in Berlin, was einen willkommenen Zwischenerfolg darstellte.1 Die Veröffentlichung der Beiträge der Studierenden in einem solchen Sammelband fußt aber nicht allein auf didaktischen Überlegungen und darauf, dass die Gruppe gut harmoniert hat. Für die Entscheidung, Ergebnisse studentischer Forschung zu publizieren, lagen vielmehr wissenschafts- und wissensimmanente Gründe vor. Das betrifft zunächst den Forschungsstand. So sind im ersten Band aus Notker Hammersteins mittlerweile dreibändiger Geschichte der Frankfurter Universität zwar einzelne Akteure der Philosophischen Fakultät im NS-Regime dargestellt, die Altertumswissenschaften jedoch nicht eingehender untersucht worden.2 Das Gleiche gilt für das schmale Jubiläumsbändchen zum 75. Stiftungsfest der Goethe-Universität aus dem Jahr 1992, in welchem Hammerstein einen längeren Aufsatz über deren Geschichte publiziert hat: Altertumswissenschaftler werden hier allenfalls kursorisch erfasst.3 Auch der 1994 erschienene Band « Begegnungen. Frankfurt und die Antike »4 richtet den Blick allgemein auf die Stadt, behandelt die Universität nicht systematisch und fädelt die meisten einschlägigen Beiträge biographisch an den großen Namen auf. Demgegenüber sind zuletzt eine Reihe von Sammelbänden zu benachbarten Disziplinen, wie der Frankfurter Geschichtswissenschaft5 und den Literaturwissenschaften6, mit teils explizitem Schwerpunkt auf der Zeit von den 1920er Jahren bis in die 1940er Jahre erschienen. Zum anderen konstituierte sich aus dem Porträt der Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt während des NS-Regimes, das die Studierenden mit ihren Arbeiten entstehen ließen, bei den beiden Herausgebern der Eindruck, dass hier nicht 1 Darüber berichtete der Artikel « Von der Geschichtsübung zum ersten Vortrag » von Julia Wittenhagen im UniReport 5/2017, 14. 2 Hammerstein 1989, 361 – 378, 507 – 521. 3 Hammerstein 1992. 4 Herfort-Koch et al. 1994 (eine Ausnahme stellt der Beitrag von Scholz 1994 dar, der einen konzisen Überblick über die Entwicklung der alten Geschichte bis 1955 gibt). 5 Brockhoff et al. 2017. 6 Estelmann / Zegowitz 2017. Vgl. auch Epple et al. 2016.
Einleitung
bloß ein Wissenszuwachs für die Geschichte der Frankfurter Universität generiert worden war, sondern dass diese Ergebnisse auch ein wichtiger Baustein für die Geschichte der Geistes- und Kulturwissenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind. Letzterer Grund muss eingehender erläutert werden, und zu diesem Zweck beginnen wir mit dem Bild, das die Nationalsozialisten vom Altertum und dessen ideellen und materiellen Hinterlassenschaften hatten. Seit Volker Losemanns Studie « Nationalsozialismus und Antike » von 19777 hat sich der Blick dafür, wie NS-Politiker und NS-Ideologen über die Antike dachten, geschärft: Ungleich älteren Arbeiten, die vor allem den allseits bekannten und von den Nationalsozialisten offen zur Schau getragenen, auf die Prähistorie und das Frühmittelalter verweisenden Germanenkult betonten, liegt seit einiger Zeit der Befund vor, dass viele NS-Politiker und NS-Ideologen, allen voran Adolf Hitler, den antiken Hochkulturen alles andere als feindlich gegenüber standen. Nicht dass eine einheitliche Vorstellung davon, welchen Rang das klassische Altertum in der NS-Weltanschauung einnehmen sollte, bei den Nationalsozialisten auch nur annähernd existiert hätte: Dasjenige, was heute als « NS-Weltanschauung » gehandelt wird, war von einer ganz grundsätzlichen Heterogenität und Widersprüchlichkeit charakterisiert.8 Aber es ist doch bezeichnend, dass nicht bloß die griechische, sondern auch die römische Antike im ideologischen Gebäude so manches « NS-Granden » einen keineswegs geringen Platz einnahm. Unterlegt mit den Grundelementen der NS-Weltanschauung, zu denen die Vorstellung einer rassischen Superiorität der Germanen über alle anderen « Rassen », der Deutschen als Erben und Träger dieser rassischen Überlegenheit, was sich für die Nationalsozialisten in der auf völkische Homogenität unter Ausschaltung « artfremder » Elemente abzielenden NS-Volksgemeinschaft kondensierte, und ein aggressiv-bellizistischer Imperialismus als Ausdruck der vorgeblich kämpferischen Natur der Germanen zählten, bauten NS-Ideologen und NS-Politiker die Antike in ihre Weltanschauung ein. Zu diesen auf die Antike bezogenen NS-Ideologemen gehörten etwa die angebliche Härte und Unerbittlichkeit der Spartaner und die Moralvorstellungen Platons und Senecas, die mit « lebensunwertem Leben » nicht zimperlich umgegangen seien, was manchen Nationalsozialisten als Legitimation ihrer eugenischen Vernichtungspraktiken diente.9 Es gehörte dazu ebenso die rassische Essentialisierung der antiken Kulturen im Sinne einer Ethnisierung: Die alten Griechen und Römer wurden auf diese Weise zu rassischen Germanen, die auch Träger vorgeblich germanischer kultureller Werte sein sollten.10 Es gehörte dazu die Vorstellung, die historische Entwicklung sei dergestalt abgelaufen, dass Kulturen und Völker sich aggressiv ausgebreitet, Imperien gegründet und 7 Losemann 1977. Vgl. nun auch Losemann 2017. Einen guten Überblick über das gesamte Themen- und Forschungsfeld gibt Losemann 2001. 8 Vgl. Chapoutot 2016; Payne 2001, 194 – 201. 9 Chapoutot 2016, 10. 10 Ebd., 19 f.
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sich gegenseitig im Sinne eines « Rassenkampfes » bekriegt hätten; dass diesen Reichen Führerpersönlichkeiten vorstanden, die im aktualistischen Sinne immer mit dem « Führer » der Nationalsozialisten gleichgesetzt wurden; dass sich die kühnen Gedanken dieser großen Führer in monumentalen Bauwerken materialisierten; und schließlich, dass hinter dem Untergang der jeweiligen Reiche immer nur ein bestimmtes Volk gestanden hätte, nämlich die Juden, der « Weltenfeind » schlechthin.11 Weil der Antike ein durchaus prominenter Rang in der NS-Weltanschauung zukam, standen die altertumswissenschaftlichen Fächer griechischer, römischer und auch vorderasiatischer Prägung bei den NS-Wissenschafts- und Erziehungspolitikern keineswegs außen vor. Der Nachweis, wie weit das im Einzelnen reichte, ist ein Verdienst von Losemanns Pionierarbeiten, Beat Näfs Dissertation von 1986 mit dem klingenden Titel « Von Perikles zu Hitler » und einem 2001 vom selben Autor herausgegebenen Sammelband zum Thema, den fachgeschichtlichen und ideologiekritischen Arbeiten Karl Christs sowie einigen jüngeren Untersuchungen Stefan Altekamps zur klassischen Archäologie oder Josef Wiesehöfers und Stefan Rebenichs zur alten Geschichte;12 weder als Opfer und Leidtragende der sicher anti-intellektuellen, jedoch nicht wissenschaftsfeindlichen NS-Funktionäre, noch als Hüter einer « reinen Wissenschaft » in dunklen Zeiten lassen sich die Altertumswissenschaftler im NS-Regime aus heutiger Sicht beurteilen. Vielmehr waren sie Akteure, die im NS-Staat am politischen und sozialen Zeitgeschehen teilnahmen, manchmal aktiver, manchmal passiver, die die NS-Politik teils für ihre Zwecke nutzen wollten, teils von NS-Politikern benachteiligt wurden, teils mit ihren Forschungen erfolgreich waren, teils ihre Vorhaben nicht umsetzen konnten, teils nazifreundlich eingestellt waren, teils das NS-Regime und seine Politik unter innerer Ablehnung lediglich erduldeten. Opfer dagegen waren vor allem diejenigen, die in den Jahren nach 1933 entlassen wurden: von den Nationalsozialisten als Juden Kategorisierte, politisch Andersdenkende, sexuell und sozial als « deviant » Angesehene und religiös Missliebige.13 Aus dieser Sachlage heraus haben wir die für die Beiträge des vorliegenden Sammelbands zentralen Fragestellungen entwickelt: Wie war die strukturelle, d. h. soziale, wissenschaftspolitische und finanzielle Lage der Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt vor dem Machtwechsel 1933 ? Lassen sich daraus Verhaltensweisen und Positionsbezüge der Frankfurter Altertumswissenschaftler gegenüber den neuen Machthabern erklären, haben diese etwa versucht, im Sinne eines « Ressourcenaustauschs »14 Kollaborationsverhältnisse mit NS-Funktionären einzugehen,15 oder lässt Vgl. Chapoutot 2014. Näf 1986; Näf 2001; Christ 1982; Christ 1996; Altekamp 2008; Wiesehöfer 2008; Rebenich 2005; Rebenich 2013. 13 Vgl. am Beispiel der Frankfurter Universität Gudian 2016, 40 – 43. 14 Vgl. Ash 2002. 15 Dazu Mehrtens 1984. 11 12
Einleitung
sich keine Intensivierung des Verhältnisses zwischen den Gelehrten und dem politischen Feld nach 1933 feststellen ? Wie veränderten sich die altertumswissenschaftlichen Forschungs- und Lehrinhalte im Falle Frankfurts: Kam es zu semantischen Umbauten,16 fanden NS-Ideologeme Eingang in die Schriften der Frankfurter Altertumswissenschaftler, passten sie ihre Lehre an die ideologischen Vorgaben des NS-Regimes an ? Handelte es sich dabei um ein gegenseitiges Profitverhältnis, das womöglich karrierefördernde Wirkung hatte ? Und nicht zuletzt: Wie verhält es sich mit Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Hinblick auf akademische Laufbahnen, Wissensinhalte und Ideologeme nach dem Zweiten Weltkrieg ? Mit diesen Fragen im Hinterkopf gingen die Beiträgerinnen und Beiträger in die Archive, sichteten die für ihre jeweiligen Forschungsgegenstände verfügbaren Bestände und werteten sie aus. Am häufigsten frequentiert wurde dabei sicherlich das Frankfurter Universitätsarchiv, da es die Personalakten der jeweiligen Altertumswissenschaftler, die Akten des Rektors und diejenigen des Kurators, die Studentenakten und die Sachakten der Philosophischen Fakultät (Seminare und Institute) beherbergt. Die Entnazifizierungs- und Spruchkammerakten liegen im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden und spielen für die Beiträge des vorliegenden Sammelbands ebenfalls eine wichtige Rolle. Weitere, für einzelne Frankfurter Altertumswissenschaftler einschlägige Aktenbestände wurden im Bundesarchiv Koblenz, in den Universitätsarchiven Berlin, Bonn, Leipzig, Marburg, München und Wien, im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin, in den Staatsarchiven Bremen und Hamburg, im Archiv des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und im Archiv der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung gesichtet. Darüber hinaus wurden vereinzelt auch Interviews mit Nachfahren oder Schülern von Frankfurter Altertumswissenschaftlern geführt. Für fast alle Beiträge von großer Bedeutung waren die digital zugänglichen Vorlesungs- und Personalverzeichnisse der Universität Frankfurt. Neben der Archivarbeit gehörte die Auswertung der wichtigsten, vor, während und nach der NS-Zeit publizierten Schriften der hier untersuchten Protagonisten zu den zentralen Anliegen dieses Sammelbands. Das Gewicht legten wir gezielt auf die Archiv- und Quellenarbeit, die Einbettung der Forschungsergebnisse in die bestehende Literatur war von eher sekundärem Belang und sollte von den beiden Herausgebern in der Einleitung und im Résumé geleistet werden. Im Fokus des Sammelbands stehen die drei « klassischen » altertumswissenschaftlichen Disziplinen klassische Archäologie, klassische Philologie und alte Geschichte, in einem Beitrag wird auch die vorderasiatische Archäologie behandelt.17 Auf gemeinsame Wurzeln in Renaissance und Humanismus zurückblickend, pflegten diese Fächer eine
Vgl. Bollenbeck / Knobloch 2001. Entsprechend den Gepflogenheiten der in diesem Band untersuchten Zeitperiode verwenden wir bei der Bezeichnung dieser Fächer und ihrer Vertreter jeweils die Kleinschreibung. Ausgenommen sind Zitate und feststehende Begriffe. 16 17
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traditionelle Verbundenheit und waren auch in Frankfurt eng verklammert, etwa durch die räumliche Nähe im dritten Obergeschoss des Jügelhauses (zunächst im Mittelbau, ab 1927 im Westflügel), durch Lehrkooperationen, gemeinsame Gutachtertätigkeit oder Prüfungs- und Berufungskommissionen. Aus heutiger Sicht geradezu modern mutet die « Akademische Gesellschaft für die klassische Altertumswissenschaft » an, die von Wintersemester 1924/25 bis Wintersemester 1931/32 unter der Leitung des Altphilologen Walter F. Otto und des Althistorikers Matthias Gelzer (ab 1926) immer donnerstags von 20 bis 22 Uhr stattfand und zum Austausch über laufende Forschungsarbeiten diente.18 Warum sie in den 1930er Jahren nicht wenigstens bis zu Ottos Versetzung nach Königsberg (1934) weitergeführt wurde, ist unklar; möglicherweise lag es an den personellen Veränderungen dieser Jahre: Victor Ehrenberg, langjähriger Assistent der drei Seminare, hatte 1929 einen Ruf nach Prag angenommen, Hans Schrader wurde 1931 wegen chronischer Krankheit entpflichtet und Friedrich Drexel von der Römisch-Ger manischen Kommission (RGK) des DAI, mit dem Gelzer mehrere gemeinsame Lehrveranstaltungen durchgeführt hatte,19 war im Februar 1930 unerwartet verstorben. Wie dem auch sei, wenn man eine Blütezeit der Frankfurter Altertumswissenschaften benennen müsste, so wären dies sicherlich die späteren 1920er Jahre.20 Durch ihre multiple Verflochtenheit formten die « klassischen » Altertumswissenschaften eine Einheit gegenüber benachbarten Disziplinen, die die Antike berühren. Zu nennen wären hier etwa die indogermanische Sprachwissenschaft, die Semitistik und Orientalistik (beide am Orientalischen Seminar angesiedelt), die Geschichte des römischen Rechts (Rechtswissenschaftliche Fakultät)21 und die antike Philosophie. Selbstverständlich wiesen die ausgeklammerten Disziplinen Überschneidungspunkte mit den hier behandelten Fächern auf, sichtbar beispielsweise an einzelnen Lehrangeboten, etwa der Übung « Einführung in die Quellen des römischen Rechts », die von Wintersemester 1923/24 bis Wintersemester 1928/29 von Ehrenberg bei den Rechtswissenschaften angeboten wurde.22 Es braucht indes kaum darauf hingewiesen zu werden, dass die Be-
18 Dazu auch Scholz 1994, 450, dem zufolge sich diese Gesellschaft aus einem bereits im Sommersemester 1921 eingeführten rein althistorischen Kolloquium entwickelt hat; er übergeht indes die drei Semester bis 1926, in der Otto die Leitung innehatte. Die hier aufgeführten Daten beruhen auf den Vorlesungsverzeichnissen. 19 « Übungen zur Geschichte der römischen Rheinlande » im Sommersemester 1928 und Sommersemester 1929. Auch für das Sommersemester 1930 war noch eine solche Übung angekündigt. 20 Das spiegelt die finanzielle Gesamtsituation der Universität (vgl. Kluke 1972, 452 – 459) ebenso wie den Höhepunkt der Studierendenzahlen (vgl. das Diagramm bei Hammerstein 1989, 878). 21 Vgl. hierzu den historischen Abriss von Diestelkamp 2014, 11 – 39. 22 Diese Übung gab es seit Gründung der Universität; vor Victor Ehrenberg wurde sie von Fedor Schneider, danach von Wilhelm Finsterwalder abgehalten, beide am Historischen Seminar für mittlere und neuere Geschichte sowie geschichtliche Hilfswissenschaften zuständig; das fakultätsübergreifende Angebot bestand bis Sommersemester 1943. Vgl. die Vorlesungsverzeichnisse der Universität Frankfurt am Main.
Einleitung
handlung der gesamten Palette von Fächern, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem griechisch-römischen bzw. europäischen und vorderasiatischen Altertum beschäftigten, den Umfang des vorliegenden Sammelbands gesprengt hätte. Auch mit Institutionen außerhalb der Universität bestanden langjährige Verflechtungen und Kooperationen, die in unserem Band nur am Rande thematisiert werden können. Im Bereich der alten Geschichte und der klassischen Archäologie ist an erster Stelle die in Frankfurt ansässige RGK zu nennen. Ihre Direktoren und Assistenten waren regelmäßig in das Lehrangebot eingebunden und hielten vereinzelt sogar gemeinsame Veranstaltungen mit Professoren der Universität ab. Namentlich handelt es sich um Friedrich Koepp (Direktor 1916 – 1924),23 Friedrich Drexel (Direktor 1924 – 1930),24 Hans Zeiß (Assistent 1929 – 1931, dann Zweiter Direktor bis 1934),25 Ernst Sprockhoff (Direktor 1935 – 1944),26 Kurt Stade (Assistent 1931 – 1934, dann kommissarischer Zweiter Direktor bis 1937)27 und Joachim Werner (Assistent 1935 – 1942).28 Während Koepp und Drexel Veranstaltungen zur klassischen oder provinzialrömischen Archäologie anboten, waren die Vorlesungen und Übungen von Zeiß, Sprockhoff, Stade und Werner während des NS-Regimes der alten Geschichte zugeordnet und auf die « Germanische Altertumskunde » fokussiert. Entsprechend häufig wurden sie in den Lehrverzeichnissen im Sonderprogramm « Volk, Staat und Politik » (Wintersemester 1933/34 bis Wintersemester 1939/40) gelistet und auf diesem Wege der gesamten Frankfurter Studentenschaft empfohlen.29 Der Beteiligung von RGK-Direktoren an der Lehre der alten Geschichte und klassischen Archäologie ist es wohl auch zuzuschreiben, dass 1926/27, als die RGK Frankfurt beinahe verlassen hätte, sich die Universität für deren Verbleib einsetzte und Druck auf die Stadt ausübte, angemessene Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.30 Diese Verschränkung hielt seither an, so dass nach dem Zweiten Weltkrieg Gelzer, Mitglied der RGK seit 1927, die kommissarische Leitung der bis 1950 weitgehend brachliegenden Kommission überantwortet wurde.31 Zu den Wechselbeziehungen zwischen RGK und Universität lohnen sicherlich noch eingehendere Untersuchungen, als sie in unserem Rahmen geleistet werden konnten.
Zu Koepp (1860 – 1944) u. a. Grimm 1988; Schnurbein 2001, 147 – 161; Köster 2008, 21 – 84. Zu Drexel (1885 – 1930) u. a. Fabricius 1930; Schnurbein 2001, 162 f., 176. 25 Zu Zeiß (1895 – 1944) u. a. Schnurbein 2001, 200 f.; Fehr 2001; Jatho / Simon 2008, 46 – 48. 26 Zu Sprockhoff (1892 – 1967) vgl. Wagner 1968; Schnurbein 2001, 205 – 219; Pape 2001. 27 Zu Stade (1899 – 1971), einem Schüler Gelzers (Promotion im Juli 1926 mit der Arbeit « Der Politiker Diokletian und die letzte große Christenverfolgung »), Schnurbein 2001, 200, 202, 209; Jatho / Simon 2008, 37. 28 Zu Werner (1909 – 1994) u. a. Fehr 2001; Pape 2001; Bierbrauer 2006. 29 Dazu eingehend der Beitrag von Paul Kracht und Aleksandar Trifunovic in diesem Band S. 89 ff. 30 Vgl. Kluke 1972, 196 f.; Schnurbein 2001, 169 – 171; Vigener 2012, 41 mit Fn. 242. 31 Vgl. Schnurbein 2001, 239 – 248. 23 24
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Im Bereich der klassischen Philologie wiederum nahmen die örtlichen Gymnasien eine zentrale Rolle ein, denn eine ganze Reihe von « Schulmännern » gab Latein- oder Griechischkurse am Philologischen Seminar. So zeichneten von der Gründung der Universität an Heinrich Jungblut,32 Lehrer am Lessing-Gymnasium, bis Wintersemester 1923/24 für die Lateinkurse und Julius Schmedes,33 Lehrer am Goethe-Gymnasium, bis zum Sommersemester 1931 für die Griechischkurse verantwortlich. Ebenfalls aus dem Goethe-Gymnasium kam Richard Preiser an die Universität, um bis Sommersemester 1937 fortlaufend die lateinischen und griechischen Stilübungen abzuhalten.34 1921 wurde sein Kollege Felix Bölte, auf dem Gebiet der griechischen Landeskunde ebenso ausgewiesen wie in altgriechischer Lyrik und Prosa, zum Honorarprofessor ernannt. Mit Wilhelm Carl Heraeus, der seit 1914 Einführungen und Lektürekurse zum Vulgär- und Mittellatein anbot, bestand sogar eine Verbindung an das Gymnasium in Offenbach.35 Nach Schmedes’ Ausscheiden übernahm Josef Weisweiler, Privatdozent bei der Indogermanistik, die Griechischkurse (1932 – 1937); an die Stelle von Jungblut trat 1924 Eduard Bornemann, später Lateinlehrer am Lessing-Gymnasium, der – nach einer auffälligen Unterbrechung von 1934 bis 1940 – für mehrere Semester zusätzlich auch die Griechischkurse übernahm.36 Sein Schulkollege Otto Schumann war seit Sommersemester 1928 mit Kursen in Mittellatein beauftragt, als Heraeus dafür schon längere Zeit ausgefallen war.37 Ab demselben Jahr brachte sich der ehemalige Direktor des Goethe-Gymnasiums und Honorarprofessor Ewald Bruhn über viele Semester hinweg mit Lektüreübungen zu griechischen Dramatikern und Lyrikern ein.38 Das altertumswissenschaftliche Lehrspektrum erweiterte – obgleich bei der Völkerkunde gelistet – Hans Mühlestein mit Vorlesungen und Übungen zur Kultur der Etrusker.39 Weniger rühmliche Prominenz kommt dem Ausgräber, Sammler, Schriftsteller und bekennenden Nationalsozialisten Karl Maria Kaufmann zu, der in Frankfurt Lehraufträge für christliche Archäologie übernahm.40
Zu Jungblut (1857 – 1945) Bonnet 1954, 3 f. (mit Foto, A 12). Über Schmedes sind uns keine biographischen Artikel bekannt geworden. 34 Zu Preiser (1871 – 1945) vgl. Chronik der Schule 1932, 4 f. (mit Foto); Preiser 1953. 35 Zu Bölte (1863 – 1943) und Heraeus (1862 – 1938) vgl. den Beitrag von Charlotte Hamway und Maren-Christine Klute in diesem Band S. 25 ff. 36 Zu Bornemann (1894 – 1976) existiert bislang keine größere biographische Arbeit, doch würde in seinem Fall eine weitere Beschäftigung sicher lohnen; vgl. einstweilen Bonnet 1954, 8 f.; Haibach 1974; Klötzer 1994, 92 f.; Haibach 1976. 37 Zu Schumann (1888 – 1950) Bonnet 1954, 8 (mit Foto, A 31); Hammerstein 1988; Klötzer 1996, 353; Hausmann 2010, 93 – 134 und passim; Schumann 2004. 38 Zu Bruhn (1862 – 1936) vgl. den Beitrag von Charlotte Hamway und Maren-Christine Klute in diesem Band S. 25 ff. 39 Zu Mühlestein (1887 – 1969) Hess 2012; Studer 1997; Meyer 2017. 40 Zu Kaufmann (1872 – 1951) Olszewsky 1992; Heiber 1991, 360; Bode 1994, 349 mit Fn. 93. 32 33
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Neben diesen außeruniversitären Kooperationen, die hier lediglich angedeutet werden können, verbleiben in diesem Sammelband auch inneruniversitär und im Kernbereich der drei « klassischen » Disziplinen Lücken, die wir nicht verschweigen wollen. Diese Lücken haben teils systematische Gründe. Denn zu einzelnen Themen und Personen gibt es bereits umfangreiche, aktuelle Literatur, sodass eine Doppelung wenig Sinn gemacht hätte, wie dies im Falle Guido von Kaschnitz-Weinbergs41 oder Hermann Strasburgers42 der Fall ist. Manche Themen wiederum sind uns zu randständig erschienen, als dass wir die Studierenden damit hätten betrauen wollen. Ausgeklammert blieb etwa Bernhard Laum, der als 1917 in Frankfurt habilitierter Privatdozent und Lehrbeauftragter das Lehrangebot der klassischen Philologie und der alten Geschichte von Wintersemester 1917/18 bis Wintersemester 1922/23 hauptsächlich mit Veranstaltungen zur antiken Wirtschafts- und Sozialgeschichte bereicherte.43 Auch eine Reihe von Assistenten und Hilfskräften konnte im Rahmen unseres Projekts nur gestreift werden: Walter-Herwig Schuchhardt (klassischer Archäologe),44 Karl Volkert (klassischer Archäologe),45 Ernstwilhelm Gerster (provinzialrömischer Archäologe),46 Hans Riemann (klassischer Archäologe),47 Rolf Nierhaus (provinzialrömischer Archäologe),48 Friedrich Mehmel (klassischer Philologe)49 und Karl Arno Pfeiff (klassischer Archäologe).50 Unter den Assistierenden findet sich in der betrachteten Zeitperiode nur ein Althistoriker im engeren Sinne, nämlich Victor Ehrenberg. Erst mit Hermann Strasburger kam im Herbst 1948 wieder ein Privatdozent der alten Geschichte an die Frankfurter Universität. Zu dieser Zeit hatten Helmut Rahn (klassischer Philologe) und Ernst Homann-Wedeking (klassischer Archäologe) die Assistenzen inne. Die einzige 41 Raeck 2016; Raeck / Becker 2016. Kaschnitz-Weinberg wird aber in diesem Band in den Beiträgen von Lisa Knorps S. 271 ff., André Kirsch S. 285 ff. und Esra Kahraman S. 307 ff. mitbehandelt. 42 Bernstein / Leppin 2013. Neben der dort zitierten Literatur vgl. aus Freiburger Perspektive Wirbelauer 2006, 158 – 197. Strasburger wird in diesem Band auch im Beitrag von Theresa Mons und Carina Santner S. 111 ff. angesprochen. 43 Zu Laum (1884 – 1974) siehe Braeuer 1982; Wittenburg 1995; Berner / Humar 2012. 44 Schuchhardt (1900 – 1976) wird in diesem Band in den Beiträgen von Convin Splettsen S. 47 ff. und David Weinrich S. 233 ff. mitbehandelt. 45 Zu dem wenigen Bekannten über Volkert (geb. 1907) siehe in diesem Band die Beiträge von Convin Splettsen S. 47 ff. und Tamara Schneider S. 255 ff. 46 Gerster wurde 1937 in Frankfurt mit der Arbeit « Mittelrheinische Bildhauerwerkstätten im 1. Jahrhundert n. Chr. » promoviert (gedruckt 1938 in Bonn) und hat mehrere Aufsätze zu provinzialrömischen Themen veröffentlicht. Zu ihm ist uns kein biographischer Artikel bekannt geworden. 47 Riemann (1899 – 1992) wird in diesem Band im Beitrag von Tamara Schneider S. 255 ff. gestreift. 48 Zu Nierhaus (1911 – 1996) ebenfalls kurz der Beitrag von Tamara Schneider in diesem Band S. 255 ff. 49 Mehmel wird in diesem Band von Dominik Wassermann S. 211 ff. berücksichtigt. 50 Zu Pfeiff siehe in diesem Band die Beiträge von Tamara Schneider S. 255 ff. und Lisa Knorps S. 271 ff.
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Frau in unserem Untersuchungszeitraum war ebenfalls eine Assistentin: Hilde Heyland, von 1941 bis 1946 bei Kaschnitz-Weinberg am Archäologischen Seminar tätig. Ungeachtet dieser Lücken haben wir den Band im Rahmen unserer Möglichkeiten systematisch konzipiert: Er soll die Altertumswissenschaften an der Universität Frankfurt von ihrer Gründung bis in die 1950er Jahre möglichst umfassend abbilden. Dabei werden auch bislang vernachlässigte Aspekte behandelt, etwa der akademische « Mittelbau » oder die Infrastruktur (Sammlungen, Bibliotheken, Geldmittel). Darüber hinaus wurde ein besonderes Gewicht auf die Analyse des Lehrangebots gelegt, um Rückschlüsse auf die Frage nach der Umsetzung nationalsozialistischer Erziehungsziele durch die Frankfurter Altertumswissenschaftler ziehen zu können. Der chronologische Schwerpunkt liegt unweigerlich auf dem NS-Regime, die Zäsuren von 1933 und 1945 werden in unserem Band aber auch bewusst überschritten: Um die Vorgänge und Entwicklungen während des Nationalsozialismus richtig zu verstehen, muss die Lage der Frankfurter Altertumswissenschaften in der Weimarer Republik dargelegt werden, genauso wie ihre Situation in der zweiten deutschen Nachkriegszeit. Auf diese Weise treten Kontinuitäten und Brüche, sei es in Personalbestand und Führungspositionen, sei es in der Lehre, deutlicher hervor. Hierbei wurde viel Grundlagenarbeit geleistet, denn für einige Altertumswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen existierten bis dato nur Nachrufe oder nicht einmal das. Deren Werdegänge werden im vorliegenden Band erstmals kritisch erschlossen. In einigen Fällen wurden auch Schriftenverzeichnisse oder Verzeichnisse der Lehrveranstaltungen angelegt. Ein zentrales Anliegen unseres Bandes ist weiterhin die Reproduktion wichtiger Dokumente, die einerseits das in den Texten Dargestellte untermauern oder veranschaulichen, andererseits auch für sich sprechen sollen. Den Anfang machen vier Beiträge über die Frankfurter Altertumswissenschaften von 1914 bis etwa 1933, also genau jene Zeitspanne, die zweifelsohne als « Aufkeimen und Blüte » dieser (und auch anderer) Fächer an der Universität Frankfurt bezeichnet werden kann. Charlotte Hamway und Maren-Christine Klute geben einen Abriss über die Gründungsgeschichte der damals noch « Königlichen Universität zu Frankfurt am Main » und zeichnen die Entwicklung des Seminars für klassische Philologie vom Gründungsjahr 1914 bis in die frühen 1930er Jahre nach. Convin Splettsen untersucht am Beispiel Hans Schraders die Geschichte des Archäologischen Instituts bis zur sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten und Max Schmiedt nimmt mit Walter Barthel und Wilhelm Weber die Anfänge der alten Geschichte in den Blick. Die Beiträge zeigen, dass für den institutionellen und personellen Aufbau der Frankfurter Altertumswissenschaften ab 1914 Verbindungen an die Universität Wien eine große Rolle spielten und dass eine ganze Reihe von jüngeren und modernen geistes- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen gegenüber aufgeschlossenen Gelehrten den Weg an die Universität Frankfurt fand, was das von ihr in der Forschungsliteratur oftmals kolportierte Bild als einer ausgesprochen liberalen und fortschrittsorientierten Hochschule bestätigt. Nelli Kisser wiederum zeichnet ein Porträt des Althistorikers Victor Ehrenberg,
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der seit 1925 als erster außerplanmäßiger Assistent der drei altertumswissenschaftlichen Fächer tätig war, 1929 jedoch an die Deutsche Universität Prag berufen wurde und nach seiner Ende der 1930er Jahre erfolgten Emigration ins Vereinigte Königreich als Historiker des antiken Griechenlands internationale Bekanntheit erlangte. Der aus einer jüdischen Familie stammende Ehrenberg musste deshalb fliehen, weil das Klima an der Deutschen Universität Prag zunehmend feindlich und gewalttätig wurde. Dass er sich 1922 in Frankfurt habilitierte und vom Lehrstuhlinhaber Matthias Gelzer überaus geschätzt wurde, ist Indiz für die ebenfalls in der Forschungsliteratur wiederholt begegnende Feststellung, dass hier nur wenige Gelehrte in den 1920er Jahren antisemitische Haltungen vertraten.51 Den begonnenen biographiehistorischen Reigen unterbrechen wir bewusst mit einem strukturhistorischen Beitrag, dem eine Mittlerfunktion zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus zufällt: Paul Kracht und Aleksandar Trifunovic analysieren die infolge des Machtwechsels 1933 eingeleiteten strukturellen Umbrüche an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, wie sie seit 1932 offiziell hieß, und behandeln die Frage, welche Auswirkungen dieser Wandel auf die Frankfurter Altertumswissenschaften zeitigte. So skizziert Trifunovic die Universitätspolitik der nach 1933 eingesetzten Frankfurter « Führerrektoren » Ernst Krieck (1933 – 1934) und Walter Platzhoff (1934 – 1945), weitet den Blick sodann auf das maßgebliche Kontrollorgan des Regimes, den NS-Dozentenbund, und legt die Verstrickungen einiger Frankfurter Altertumswissenschaftler in wissenschaftspolitische Unternehmen wie dem « Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften » offen. Paul Kracht untersucht daran anknüpfend semantische Umbauten und Kontinuitäten in der altertumswissenschaftlichen Lehre, um die Frage zu klären, ob die Frankfurter Dozenten die durch NS-Funktionäre vorgegebenen wissenschaftspolitischen und ideologischen Inhalte tatsächlich umgesetzt hatten. Der Beitrag gibt somit eine querschnittsartige Vorschau auf das, was in den folgenden biographiehistorischen Studien jeweils mit Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus vertieft wird. Den Anfang macht der wohl bekannteste Frankfurter Althistoriker Matthias Gelzer, dessen akademische Laufbahn und Verhältnis zum NS-Regime im Rahmen eines gemeinsamen Beitrags von Theresa Mons und Carina Santner beleuchtet werden. Charlotte Hamway beschäftigt sich mit Franz Altheim und dessen Verbindungen zum SS-Ahnenerbe. Gleichermaßen althistorisch wie altphilologisch geprägt, leitet Altheims Wissenschaftlerprofil zu den Beiträgen über die Frankfurter klassischen Philologen über. Unter ihnen genießt bis heute der Gräzist Karl Reinhardt hohes Ansehen, nicht nur aufgrund seines wissenschaftlichen Œuvres, sondern auch weil er 1933 dem Ministerium erklärte, er könne wegen der neuen machtpolitischen Umstände sein Lehramt nicht mehr gewissenhaft ausüben. Warum er infolgedessen weder entlassen noch – im
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Vgl. Aschheim 2016.
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Gegensatz zu seinem latinistischen Kollegen Walter F. Otto – strafversetzt wurde und wie sich sein Verhältnis zum Nationalsozialismus fortan gestaltete, ergründet der Beitrag von Maren-Christine Klute. Hannah Möntenich beschäftigt sich sodann mit dem Aischylos-Experten Walter Nestle, der erst 1944 für den nach Leipzig gewechselten Reinhardt nach Frankfurt berufen wurde. Ihm war hier nur eine kurze Wirkungszeit vergönnt – im Juni 1945 kam er bei einem Raubüberfall ehemaliger Zwangsarbeiter ums Leben. Eine Kontinuitätslinie verkörpert dagegen der von der Forschung bisher kaum beachtete Latinist Erwin Wolff, der 1935 die Nachfolge Ottos antrat und bis 1962 als Professor in Frankfurt lehrte. Inga Steinhauser rekonstruiert seine Vita und legt eine tiefschürfende Analyse seines Aufsatzes zur « Germania » des Tacitus (1934) vor – angesichts der Zeitumstände ein unweigerlich politisches Thema. Felix Schneider geht im Anschluss der Frage nach, warum Hermann Langerbeck, der von 1935 bis 1939 die gemeinsame Assistentenstelle der Altertumsfächer innehatte, wiewohl vom « Dritten Humanismus » geprägt, 1940 in die NSDAP eintrat. Dominik Wassermann schließlich befasst sich mit der akademischen Laufbahn Helmut Rahns, eines Zöglings der Frankfurter klassischen Philologie, der während des Kriegs die Assistentenstelle übernahm. Bis 1959 war Rahn für die Bibliotheken der Seminare für klassische Philologie und alte Geschichte verantwortlich. Daher schien es angebracht, den Blick an dieser Stelle erneut auf strukturelle Fragen umzulenken: So gibt Melvin Macaluso einen Überblick über die finanzielle Lage der altertumswissenschaftlichen Seminare und die Ausstattung ihrer Bibliotheken bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, und David Weinrich stellt die Geschichte der Abguss- und Diapositivsammlung der klassischen Archäologie vor. Gerade die Analyse dieser materiellen Aspekte gibt Aufschluss über die Frage, ob die Frankfurter Altertumswissenschaften von der Wissenschaftspolitik der Nationalsozialisten profitiert hatten oder nicht. Von den archäologischen Sammlungen geht es weiter zu den Wissenschaftlerbiographien im Bereich der klassischen Archäologie: Tamara Schneider befasst sich mit dem von 1933 bis 1940 amtierenden Lehrstuhlinhaber Ernst Langlotz, Lisa Knorps mit der universitären Laufbahn Hilde Heylands, Assistentin am Archäologischen Seminar von 1941 bis 1946. Deren Stelle ging über an Ernst Homann-Wedeking, zu dem André Kirsch erstmals umfassend geforscht hat. All diese biographiehistorischen Beiträge verdeutlichen die Vielschichtigkeit des Verhältnisses zwischen Frankfurter Altertumswissenschaftlern und NS-Regime bzw. dessen Weltanschauung: Während bei der Mehrzahl partielle Übereinstimmungen mit dem Nationalsozialismus festzustellen sind, war ihre Haltung gegenüber den NS-Machthabern ebenso sehr von Inkongruenzen und Ablehnung gekennzeichnet. Diese Problematik wiederum vertiefen die letzten beiden Beiträge des Bandes: Esra Kahraman handelt über die Entnazifizierung der Philosophischen Fakultät und damit auch der altertumswissenschaftlichen Fächer. Die Darstellung der Entnazifizierungsrichtlinien und die Herausarbeitung der tatsächlichen Entnazifizierungspraxis der Amerikaner sowie der juristischen Verfahren der Spruchkammern sind deshalb
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wichtig, weil erst dadurch die Kontroverse um den vorderasiatischen Archäologen und Bauforscher Friedrich Wachtsmuth nachvollziehbar wird, der sich nach 1945 vor der Spruchkammer verantworten musste, wie es Christoph Chodorowski detailliert schildert. Im Résumé des Bandes schließlich greifen die Herausgeber wichtige Ergebnisse der Einzelstudien auf und stellen sie in einen breiteren ideen- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext. Es bleibt abschließend die angenehme Pflicht, allen unseren Unterstützern Dank abzustatten. Denn nicht nur den beteiligten Studierenden ist das Gelingen dieses Projekts zuzurechnen, sondern auch einer ganzen Reihe von Institutionen und Personen, die freundliche Hilfe gewährten: An erster Stelle sind hier das Universitätsarchiv Frankfurt am Main und namentlich PD Dr. Michael Maaser, Janine Aures, Marijana Grabovac und Ronja Vogel zu nennen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der anderen, von unseren Beiträgerinnen und Beiträgern aufgesuchten Archive an vielen Orten Deutschlands und Österreichs sei ebenso unser Dank ausgesprochen. Gleiches gilt für die übrigen Einrichtungen und Privatleute, die großzügig Informationen und Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben. Dass die Archivbesuche finanziell keine Hürde wurden, verdanken wir Zuschüssen aus QSL-Mitteln des Historischen Seminars und von historiae faveo, dem Alumniverein der Frankfurter Geschichtswissenschaften. Redaktion und Satzvorbereitung wurden vom Förderfonds Lehre der Goethe-Universität unterstützt und von Nelli Kisser, Melvin Macaluso, David Weinrich und insbesondere Theresa Mons im Sommer 2018 kompetent durchgeführt. Dank dem Förderfonds war es außerdem möglich, Herrn Dr. Joachim von Freeden (wisa-print Frankfurt am Main) beratend in die Redaktion einzubinden und das Team auf diese Weise professionell zu schulen. Er und sein Team haben dann die Druckvorstufe sachverständig und mit Akribie übernommen. Herrn Prof. Dr. Rebenich sind wir für die kritische Durchsicht einer früheren Fassung des Gesamtmanuskripts verbunden, Prof. em. Dr. Christian Simon hat den Beitrag über Matthias Gelzer, Prof. Dr. Wulf Raeck den Beitrag über Ernst Homann-Wedeking, Prof. Dr. Frank Bernstein den über Erwin Wolff und Dr. Matthias Recke den über die Abguss- und die Diapositivsammlung gelesen und kritisch kommentiert. Schließlich danken wir im Namen aller Beiträgerinnen und Beiträger dem Schwabe Verlag und namentlich Frau Dr. Arlette Neumann für die umsichtige Betreuung der Drucklegung. Druckvorstufe und Druck konnten in dankenswerter Weise aus den Mitteln des 1822-Preises für exzellente Lehre an der Goethe-Universität finanziert werden, der den Herausgebern im Juli 2018 zuerkannt wurde.
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Quellenverzeichnis Vorlesungs- und Personalverzeichnisse der Universität Frankfurt am Main, digitalisiert zugänglich unter http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/25223 (zuletzt geprüft am 25. 6. 2018).
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