Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
Supplement 1 Rezeptionsdokumente zum literarischen Schaffen Robert Walsers 1898 – 1933
Kritische Robert Walser-Ausgabe (KWA) Supplement 1 · Rezeptionsdokumente zum literarischen Schaffen Robert Walsers 1898–1933
Robert Walser Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte
herausgegeben von Wolfram Groddeck und Barbara von Reibnitz Supplement 1
Rezeptionsdokumente zum literarischen Schaffen Robert Walsers 1898–1933
herausgegeben von Hans-Joachim Heerde
Gedruckte Ausgabe Herausgegeben im Auftrag der Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel
Editorial Board: Prof. Dr. Davide Giuriato, Universität Zürich Prof. Dr. Alexander Honold, Universität Basel Publiziert mit Unterstützung der Kantone Aargau, Appenzell Ausserrhoden, BaselLandschaft, Basel-Stadt, Bern, Solothurn und Zürich. Die Druckvorstufe dieser Publikation wurde durch den Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt. Dieser Band ist als E-Book integriert in die KWAe-online und Open Access zugänglich. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-7965-3999-2 Copyright © 2021 Stiftung für eine Kritische Robert Walser-Ausgabe, Basel Copyright für die Texte von Robert Walser, mit freundlicher Genehmigung der Inhaberin der Rechte, der Robert Walser-Stiftung Bern © Suhrkamp Verlag, Zürich 1978 und 1986 alle Rechte bei und vorbehalten durch die Suhrkamp Verlag AG Berlin Eine Gemeinschaftsproduktion von Stroemfeld Verlag, CH-4054 Basel, Altkircherstrasse 17 Schwabe Verlagsgruppe AG, Schwabe Verlag, CH-4010 Basel, Steinentorstrasse 11 Layout und Satz: Christian Walt, Zürich; Doris Kern, Frankfurt am Main Druck und Verarbeitung: Hubert & Co., Göttingen Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier gemäß ISO 9706 www.schwabeverlag.ch www.kritische-walser-ausgabe.ch
E-Book ISBN E-Book (PDF) 978-3-7965-4446-0 (Schwabe) DOI 10.24894/978-3-7965-4446-0 (Schwabe) DOI 10.21255/69.58 (emono, Universität Basel)
Dieses E-Book ist lizensiert unter einer Creative Commons AttributionNonCommercial-NoDerviates 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)
Inhalt
Vorbemerkung
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Rezeptionsdokumente zum literarischen Schaffen Robert Walsers 1898–1933
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Nachwort Abbildungen Abkürzungen Register der Werke und Dokumenttypen Rezensentenregister Register der Publikationsorgane Register der Verlagsorte Chronologisches Verzeichnis der Rezeptionsdokumente Dank Rechtenachweis
777 789 804 806 809 823 834 837 878 880
Vorbemerkung Die vorliegende Sammlung dokumentiert mit über 500 erfassten Rezeptionszeugnissen die zeitgenössische Auseinandersetzung mit Robert Walsers literarischem Schaffen im Zeitraum 1898 bis 19331. Diese Zeugnisse, die unterschiedlicher Art sein können, sind chronologisch geordnet und fortlaufend nummeriert. Im Kopf jeder einzelnen Nummer wird das Dokument bibliographisch erschlossenen. Zur schnelleren Orientierung wird die Sigle des besprochenen Walser-Titels sowie die Sigle des Dokumententypus von der Marginalie aufgenommen. Alle aufgelösten Siglen finden sich im hinteren Teil des Bandes, im Register der Werke und Dokumenttypen. Mit Ausnahme von Rezensionen, die sich ausschließlich mit Walsers Texten auseinandersetzen und für die keine gesonderte Sigle vergeben wurde, werden folgende Typen von Dokumenten unterschieden: Buchankündigungen, Erscheinungsdaten und Verlagsanzeigen [Anz]; Aufsatzauszüge [Az]; Lexikoneinträge [Lex]; Erwähnungen in zeitgenössischen Literaturgeschichten [LitGe]; Meldungen [M]; Rundfunksendungen [R]; Rundfragen [Ru]; Redaktionelle Vorbemerkungen [RV]; Zeitgenössische Übersetzungen [Ü]; Vortrags- und Rezitationsabende [V]; Würdigungen [Wü].2 1
Zum ausgewerteten Zeitraum vgl. die Ausführungen im Nachwort, S. 778f. Die von 1934 bis
1956 erschienenen Rezeptionsdokumente sowie mögliche Nachtragsfunde aus den Jahren 1898 bis 1933 werden nach Abschluss der Kritischen Robert Walser-Ausgabe (KWA) in einem weiteren Supplementband mitgeteilt. Die Supplementbände ersetzen Abt. VIII der KWA. 2
Erläuterungen zu den einzelnen Dokumenttypen finden sich im Nachwort, S. 781–788.
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Die Textwiedergabe der Besprechungen folgt der bibliographisch erschlossenen Vorlage. Lesefehler des Redakteurs, Satz- und Druckfehler werden mittels in ¢spitze Klammern² gefasster Emendationen gebessert. Hervorhebungen im Originaldokument (Sperrung, Fettdruck, Kursivierung usw.) wie auch die unterschiedlich ausgezeichneten Titel werden einheitlich kursiv wiedergegeben. Auf eine differenzierte Wiedergabe von Fraktur- und Antiquasatz wird verzichtet. Sind in der Vorlage Verfasserangaben unter dem Text positioniert, werden diese generell rechtsbündig wiedergegeben. Im Fall von Sammelrezensionen werden nur die Robert Walser betreffenden Passagen im Wortlaut mitgeteilt. Die darüber hinaus rezensierten Werke werden in Form einer bibliographischen Inhaltserschließung [in eckigen Klammern] an die Walser-Besprechung anschließend mitgeteilt. Die der Vorlage entnommenen Angaben werden dabei nach folgendem Schema wiedergegeben: Verfasser, Titel (kursiv), (soweit angegeben) Erscheinungsort, Verlag und Erscheinungsjahr. Da es für den Rezeptionskontext von Bedeutung sein könnte, an welcher Stelle der Sammelbesprechung der auf Walser bezogene Abschnitt ursprünglich zu lesen war, wird diese mit der Markierung ¦¦ gekennzeichnet. Die Dokumentensammlung ist mit Hilfe mehrerer Register (Register der Werke und Dokumenttypen, Register der Rezensenten, der Publikationsorgane und der Verlagsorte) erschließbar. Ein chronologisches Verzeichnis der Rezeptionsdokumente findet sich am Ende des Bandes.
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Rezeptionsdokumente zum literarischen Schaffen Robert Walsers 1898–1933
1898
1898 Lyr [RV]
1 [Josef Viktor Widmann], Lyrische Erstlinge, in: Sonntagsblatt des „Bund“ (Bern), Nr. 19, 8.5.1898, S. 149 –150.3
Lyrische Erstlinge. Vorbemerkung der Redaktion. Ein zwanzigjähriger Handelsbeflissener in Zürich, R. W., der schon mit vierzehn Jahren aus der Schule ins Comptoir gekommen war und also durchaus keinen regelmäßigen, höhern Bildungsgang durchmachen durfte, sandte dem Herausgeber dieses Blattes unlängst ein Heft mit etwa vierzig lyrischen Gedichten, seinen „Erstlingen“. Fiel mir beim Durchlesen derselben schon die Abwesenheit aller banalen Liebeslyrik angenehm auf, so fühlte ich mich auch positiv ungemein angezogen durch wirklich neue Töne. Ein Gedicht: „Der Krieg“ begann mit der Strophe: „Die Trommel dröhnt aufs harte Fell, Der Wirbel macht die Landschaft hell, Die grünen Wiesen schreien empor: Das Vaterland! Ihr Söhne, hervor!“ Das war nicht gewöhnlicher patriotischer Singsang. Und als ich an ein „Frühlingslied“ geriet, in dem es unter anderm von den Menschen im Frühling hieß: „sie höpperlen gleich den Quellen aus ihren romantischen Zellen
3 Wieder gedr. bei Katharina Kerr (Hrsg.), Über Robert Walser, Bd. 1 und 2, Frankfurt am Main 1978, Bd. 3, Frankfurt am Main 1979, hier Bd. 1, S. 11–12.
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und stellen – an die Natur allerlei gelinde Forderungen dabei“ da wurde mir der junge Einsender noch interessanter. Es war etwas Urwüchsiges, Echtes und dabei etwas sehr Feines in den Stimmungen, die in seinen Gedichten Ausdruck fanden, auch eine merkwürdige, fast schlafwandlerische Sicherheit, sich auf jenen äußersten Gränzen zu bewegen, wo man so leicht vom erhabenen Standpunkt in den Abgrund der Lächerlichkeit fällt. In einem Gedicht, in dem der Mond „die Wunde der Nacht“ genannt wird, („Blutstropfen sind alle Sterne“), hieß es dicht neben solchem Ueberschwang: „Mangel ist mein Geschick, Errötend kratzen zu müssen am Hals, Wegen dem Blick des Prinzipals.“ Das alles gefiel mir sehr gut. Und als ich hie und da auf grammatikalisch ziemlich bedenkliche Konstruktionen stieß, auf unmögliche Reime wie „Kuß“ und „Jesus“, da bestärkten solche Zeichen ungenügender stilistischer Schulung meine Achtung vor einer Naturbegabung, die trotz allen Hindernissen meistens mit Sicherheit für die wahre und ungewöhnliche Empfindung auch das wahre und ungewöhnliche Wort zu finden wußte. Und da nun der junge Poet selbst angefragt hatte, ob vielleicht das eine oder das andere seiner Gedichte druckfähig sei, traf ich aus der Sammlung eine kleine Auswahl, die hier erscheint und den Lesern beweisen mag, daß, wie es immer wieder einen neuen Frühling giebt, so auch in allen Landen und erfreulicherweise besonders oft in unserm Lande immer wieder neue und eigenartige Talente erblühen, die eine Hoffnung der Zukunft bedeuten und schon als Gegenwart der Beachtung wert sind. Für den zwanzigjährigen Verfasser aber soll diese frühe Anerkennung ein Sporn 11
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sein, seine Naturbegabung durch getreue Arbeit und Fleiß zu dem zu entwickeln, was meisterliche Kunst ist. Und nun mögen die Gedichte für sich selbst sprechen! […]4
1900 2 h. s., Die Insel, herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, Walter Heymel und Alexander Schroeder, in: Prager Tagblatt, Jg. 24, Nr. 207, 29.7.1900, Morgen-Ausgabe, S. 8, Rubrik Literatur.
Lyr
Die Insel, herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, Walter Heymel und Alexander Schroeder. – Berlin, Schuster und Loeffler. Nr. 8 und 9.5 […] Ausgestattet ist das Heft durch Th. Th. Heine; den Zeichnungen des Mystikers oder Mystificirers Marcus Behmer konnten wir diesmal keinen Geschmack abgewinnen; auch denen des neusten Heftes nicht. In diesem kommt der neuentdeckte Robert Walser wieder zu Worte, in mehreren Gedichten, die manche hübsche Zeile und knapp daneben Journalismen und Naivetäten haben, die einen wahren lyrischen Genuß unmöglich machen. Seine Scenen „Dichter“ aber sind kindisches Gestammel; in der Neigung, altväterische, unraffinirte, „romantische“ Beiträge zu bringen, vergreifen sich die Herren Herausgeber recht häufig und halten unreife, durch die Unfähigkeit ihrer Verfasser naiv gewordene, unfertige Wortreihen für originelle Dichtungen. Wie sagt doch Bierbaum im selben Hefte so treffend: „angeschminkte Naivetät und Jugendlichkeit ist gewiß eine sehr widerwärtige Erscheinung; aber die neue Mode, sich lyrisch die Haare weiß zu färben und 4
Es folgt der Abdruck der Gedichte Helle; Trüber Nachbar; Vor Schlafengehen; Ein Land-
schäftchen; Kein Ausweg; Immer am Fenster. 5
Der Rezensionsauszug bezieht sich auf Walsers Beiträge Fünf Gedichte (Die Stille; Die Zeit
ist lang; Schnee; Nacht; Die Stunde) sowie das Dramolett Dichter in der Zeitschrift Die Insel, Jg. 1, H. 9, Juni 1900, S. 356 –358 und S. 359 –374.
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sich Erfahrungsfalten aufzuschminken, ist ebenso unangenehm und nicht weniger geeignet, den Fluch der Lächerlichkeit auf das lyrische Schaffen herabzuziehen“. Bravo, lieber Dichter Bierbaum! Wehe, armer Herausgeber Bierbaum! […] h. s.
1901 3 –n. [ Otto Hinrichsen], Aschenbrödel von Robert Walser, in: Allgemeine Schweizer Zeitung (Basel), Jg. 6, Nr. 31, 4.8.1901, Sonntagsbeilage, S. 124.6
Aschenbrödel von Robert Walser7. – Im Juliheft der Münchner Zeitschrift „Die Insel“ (herausgegeben von O. J. Bierbaum, A. W. Heymel und R. A. Schröder) findet sich eine Komödie in Versen von Robert Walser, einem jungen Schweizer, von dem am gleichen Ort schon hie und da Gedichte erschienen sind. Es lohnt sich, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die feine kleine Arbeit zu lenken, was auch nur der Zweck dieser Zeilen sein soll. „Aschenbrödel“ ist der Titel des wenig umfangreichen Dramas. Ob die Komödie über eine rein lyrische Begabung des jungen Verfassers hinaus auf eine dramatische weist, darüber ließe sich wohl mit einigem Recht streiten. Aber daß hier ein nicht gewöhnliches Talent sich in ungemein zarten, stillen Versen ausspricht, wird wohl jeder Urteilsfähige gestehen und sich gern dem Zauber der kleinen Dichtung hingeben. – Garten hinter dem Hause, heißt es im Anfang.
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Vgl. hierzu auch Lucas Marco Gisi, Otto Hinrichsen als erster Rezensent Robert Walsers,
in: Mitteilungen der Robert Walser-Gesellschaft 18, 2011, S. 20 –22, wo die Besprechung S. 21–22 wieder abgedruckt wurde. 7
In der Vorlage durchgängig „Walter“; vgl. zu dieser häufigen Falschschreibung von Walsers
Namen die Ausführungen in KWA III 1, S. 322–324.
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Asch
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Aschenbrödel: Ich will nicht weinen, daß sie mich Zum Weinen schelten, bös ist ja Das Weinen nur, das Schelten nicht. Wenn ich um ihre Hässigkeit Nicht weine, ist der Haß ja lieb Und süß wie Kuchen; weinte ich, Er wär’ wie eine Wolke schwarz, Die uns die Sonne neidisch deckt. Nein, wenn ich weint’, empfände ich Den Haß so schwer, daß er sich nicht Mit Thränen nur befriedigte. Er nähme mir das Leben, er, Ein Ungeheuer, wie er ist, Fräße mich tot. Wie lieblich ist Sein ganzes, giftiges Wesen mir, Der Fröhlichen, die nimmer weint, Die keine andere Thräne kennt Als die der Freude, die der ganz Gedankenlosen Lust u. s. w. Dann treten die Schwestern auf in einer kurzen Scene und schelten. Die nächste Scene geht im königlichen Palast vor sich, wo der Prinz sich traurig mit dem Narren unterhält. Er geht dann auf die Jagd. Scene: Ein Bergsturz im Wald. Prinz zu Pferd. – Endlich eine andere: Großes Zimmer mit einer Gallerie. Treppe zu derselben. Aschenbrödel. Die erste Schwester. – Hier sieht der Prinz von der Gallerie das Aschenbrödel. Prinz (sich über die Brüstung neigend): Bist du ein Märchen, holdes Kind, Sind deine Füße, Hände so, Daß, wenn man sie berührte, sich Die Herrlichkeit in Luft verzög’? – 14
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Ich bitte wie ein Flehnder dich; Sprich, bist du Bild und scheinst nur so? Dann tritt der König auf, wieder die beiden Schwestern, endlich das Märchen, das Aschenbrödel die schönen Kleider bringt. Ich will hier nicht das Ganze erzählen, sondern nur noch zwei Stellen hersetzen. Der Prinz und Aschenbrödel tanzen. Dann schweigt die Musik. Aschenbrödel: Sieh, sieh! Prinz: Als mahnte sie uns still zu sein. Aschenbrödel: Das will sie auch. Sie ist ein sehr Feinfühlig Wesen, will nicht, daß Der Ton durch Tanz verloren geh. Sie weist auf unsre Einbildung Uns lebhaft hin: wir tanzen doch Im Traum so gut als wirklich Tanz; In diesem Fall will nicht getanzt, Gepoltert sein. Empfindung kann Auch tanzen ohne einen Fuß Und ohne Lärm. Und später: Prinz: … Wir wollen jetzt Vergessen, wo und was wir sind, Lust teilen, wie Beängstigung Wir redlich teilten. Bist du still? Aschenbrödel: Ganz die gefang’ne Nachtigall, Die zitternd in der Schlinge sitzt, Und ihren Laut vergessen hat. Es ist erstaunlich, mit wie wenig Aufwand von äußeren Mitteln in diesen Versen ein inneres Leben gestaltet ist. –n.
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1902/04
1902 4 [ Josef Viktor Widmann], [Redaktionelle Vorbemerkung zum
[RV]
Textabdruck „Der Commis. Eine Art Illustration“], in: Sonntagsblatt des „Bund“ (Bern), Nr. 25, 22.6.1902, S. [193].8
[Redaktionelle Vorbemerkung] Wir wünschen, daß diese zwischen Scherz und Ernst in allen möglichen Lichtern und Farben spielenden Variationen über das Thema „Der Commis“ als eine publizistische Aufmerksamkeit angesehen werden, die wir dem soeben sein Jahresfest in der Bundesstadt feiernden Kaufmännischen Verein der Schweiz darbringen. Indem der junge Dichter, dem wir diesen Beitrag verdanken, selbst dem Kaufmannsstande angehört, fällt jeder Verdacht weg, als ob gewisse übermütige Stellen, in denen Spott und Ironie ihr Wesen treiben, schlimm gemeint sein könnten. Die Redaktion.
1904
FKA [Anz]
5 Angekündigt im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Leipzig), Jg. 71, Nr. 262, 10.11.1904, S. 9917, Rubrik Verzeichnis von Neuigkeiten, die in dieser Nummer zum erstenmal angekündigt sind, u. S. 9946 [ganzseitige Verlagsanzeige9].
FKA [Anz]
6 Erschienen lt. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Leipzig), Jg. 71, Nr. 280, 2.12.1904, S. 10864, Rubrik Erschienene Neuigkeiten des deutschen Buchhandels.
8
Wieder gedr. bei Kerr, Über Robert Walser (wie Anm. 3), S. 12–13.
9
Vgl. Abb. 1.
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1904
7 J. V. W. [ Josef Viktor Widmann], Gebrüder Walser, in: Der Bund (Bern), Jg. 55, Nr. 344, 9.12.1904, 2. Blatt, S. [1]–[2].10
Gebrüder Walser. Fritz Kochers Aufsätze. Mitgeteilt von Robert Walser. Mit elf Zeichnungen von Karl Walser. Inselverlag, Leipzig 1905. J. V. W. In der Malerei sind nicht nur die echten, die naiven „Primitiven“ früherer Jahrhunderte, sondern auch die neueren Maler, die aus Überdruß am Pathos und an sonstigem unkeuschem Überschwang, zum Teil aber auch aus Raffinement zur primitiven Malerei zurückgriffen, alsobald verstanden und gewürdigt worden. Nicht ganz dasselbe geschieht, wenn in der poetischen Produktion solche Versuche absichtlich primitiver Kunst auftauchen. Als der damals blutjunge schweizerische Poet Robert Walser in unserem Sonntagsblatte vor zwei Jahren seine den Stil eines begabten Sekundarschülers nachahmenden Skizzen erscheinen ließ, die er für nachgelassene Aufsätze eines früh verstorbenen Knaben ausgab, da schüttelten viele Leser bedenklich ihre Häupter und konnten die Aufnahme dieser Arbeiten dem Redakteur höchstens unter der Voraussetzung verzeihen, daß auch er selbst an die Existenz des früh verstorbenen „Fritz Kocher“ geglaubt und es vielleicht für eine Pflicht der Pietät gehalten habe, solche Schreibereien eines „in der Tat begabten Knaben“ als pädagogisch und psychologisch interessante Dokumente von der Veröffentlichung nicht auszuschließen. Aber auf „Fritz Kochers Aufsätze“ ließ Robert Walser – ebenfalls in unserem Sonntagsblatte – Einzeldarstellungen unter den Titeln: „Der Commis“, „Der Maler“, „Der Wald“ folgen, zu deren Autorschaft er sich selbst bekannte und die jenen angeblichen Aufsätzen in der studierten Schlichtheit der Diktion durchaus ähnlich waren. Und stärker wurde das Schütteln der Häupter, der schönlockigen sowohl als der zahn10
Wieder gedr. bei Kerr, Über Robert Walser (wie Anm. 3), S. 13 –16.
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FKA
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bürstchensteifen und der rattenkahlen. Am meisten aber ärgerte manche Leser, daß sie diese Sachen, obschon sie sie „absurd“ fanden, doch immer zu Ende lesen mußten. Es lag etwas Suggestives in Walsers Art, seine eigentümlichen Gedanken so ohne Hast und Nachdruck fast wie sanft gleitende Billardbälle auf grünem Tuch hervorrollen zu lassen. Und ein Traumzauber umfing den Leser mit der Ahnung von etwas ganz nahe vorübergeschwebtem sehr Schönem. Diese poetischen Prosaskizzen R. Walsers sind nun in dem oben angezeigten Büchlein durch einen hochmodernen und geschmackvollen Leipziger Verlag herausgegeben worden, worin unsere Redaktion so etwas wie eine Rückversicherung erblicken könnte, wenn sie einer solchen bedürftig wäre; jedenfalls aber ist aller Grund vorhanden, dem jungen Dichter zu gratulieren, indem nun in dem zierlichen Büchlein und hübsch beieinander seine zarten und doch lebensvollen Offenbarungen eines unbeschreiblich fein und auf jeden Reiz reagierenden Gemütes ganz anders können genossen werden, als das bei einem über Wochen hin verzettelten Erscheinen in der Zeitung möglich war. Sollen wir sie nun hier erläutern, nachdem so viele unserer Leser sie selbst gesehen haben? Das ist wohl nicht notwendig. Aber ein Wort darüber, wie sie entstanden sein möchten, gestatten wir uns. Und zwar muten wir ihnen einen positiven und einen negativen Entstehungsgrund zu; ob wir recht haben, vermag wohl nur der Dichter selbst zu entscheiden. Der positive Entstehungsgrund, dem wir echte, nicht gekünstelte Naivetät zugestehen, ist die große Lebensfreude an allem, was da ist. Wie einst der Apostel seiner Gemeinde schrieb: „Alles ist Euer“, so sagt das junge, gesunde frohe Poetenherz: „Alles ist mein!“ und entzückte, zärtliche Augen erblicken eine unendliche Folge herrlicher Schönheiten in allen Erscheinungen, im Flammenspiel der Feuersbrunst wie im grauen Regenschleier, von dem der Tannenwald tropft, im trompetenden und orgelnden Wirr18