Vater für die Armen Otmar und die Anfänge des Klosters St. Gallen
Vater für die Armen
Umschlag: Der heilige Otmar (rechts) und der heilige Gallus (links) in einem 1544 von Fridolin Sicher geschriebenen Antiphonar des Klosters St. Gallen. St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 541, S. XV.
Vater für die Armen Otmar und die Anfänge des Klosters St. Gallen Sommerausstellung 12. März 2019 bis 17. November 2019 Herausgegeben von Cornel Dora Verlag am Klosterhof, St. Gallen Schwabe Verlag, Basel 2019
© 2019 Verlag am Klosterhof, St. Gallen Gestaltung und Satz TGG Hafen Senn Stieger, St. Gallen Druck und Ausrüstung Cavelti AG, Gossau Bestelladressen Stiftsbibliothek St. Gallen Klosterhof 6d 9000 St. Gallen/Schweiz stibi@stibi.ch www.stiftsbibliothek.ch Schwabe Verlag www.schwabeverlag.ch CH: Buchzentrum AG Industriestr. Ost 10 6414 Hägendorf kundendienst@buchzentrum.ch DE / AT / übrige Länder: Stuttgarter Verlagskontor SVK GmbH Rotebühlstrasse 77 Postfach 10 60 16 70178 Stuttgart Deutschland svk@svk-service.de St. Gallen: Verlag am Klosterhof, 2019 ISBN 978 – 3 – 905906 – 33 – 2 Basel: Schwabe Verlag, 2019 ISBN 978 – 3 – 7965– 3995 – 4
Vorwort 6 Abt Otmar und die Bedeutung des klösterlichen Geistes für die Kultur Europas Jörg Lauster 8 1 Zwei Anfänge des Gallusklosters
Cornel Dora 16
2 Otmar und die Benediktsregel
Franziska Schnoor 26
3 Die Welt wird verzaubert
Cornel Dora 34
4 Der soziale Heilige St. Gallens
Cornel Dora 46
5 Alemannen und Franken und ihre Sprachen Andreas Nievergelt 54 6 Bücher und Bibliothek im Kloster Otmars Andreas Nievergelt 62 7 Die Otmarsverehrung im Laufe der Jahrhunderte Franziska Schnoor 70
8 Walahfrid Strabo, Das Leben des heiligen Abtes Otmar Übersetzung Johannes Duft 84
& Die Kopfreliquie des heiligen Otmar im Prager Veitsdom Lorenz Hollenstein 104 Anhang 108 Anmerkungen 109 Register der Handschriften 114
Vorwort 719, vor 1300 Jahren, übertrug der lokale Machthaber Waltram dem aus Alemannien stammenden und in Chur ausgebildeten Otmar die Leitung der religiösen Gemeinschaft am Gallusgrab. Abt Otmar belebte die um 612 von Gallus begründete, im weitesten Sinn be reits monastische Gemeinschaft an der Steinach neu. Otmar etablierte die Abtei St. Gallen als religiö ses Zentrum mit wachsender Ausstrahlung und schuf die institutionelle Grundlage für das Goldene Zeital ter des Klosters vom 9. bis zum 11. Jahrhundert. Sein Leben, sein Wirken und seine Welt werden in dieser Begleitschrift zur Sommerausstellung 2019 der Stifts bibliothek nachgezeichnet. Sie wird ergänzt durch die immer noch nützliche Übersetzung der Otmarsvita Walahfrid Strabos durch Johannes Duft mit den dazu passenden Bildern aus dem St. Galler Legendar (Cod. Sang. 602) aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Für die Vorbereitung und Umsetzung der Aus stellung und dieses Katalogs danke ich dem wissen schaftlichen Team der Stiftsbibliothek herzlich, insbe sondere Franziska Schnoor und Andreas Nievergelt, ebenso Jörg Lauster für seine inspirierende Einleitung und Lorenz Hollenstein für seinen Beitrag zur Kopfreliquie Otmars in Prag. Grosser Dank gebührt auch unseren Behörden: der Stiftsbibliothekskommission, dem Katholischen Administrationsrat und den Katholikinnen und Katholiken des Kantons St. Gallen, die den Betrieb unserer Bibliothek und unseres Museums zusammen mit Bund, Kanton und Stadt St. Gallen tragen. Wir wünschen den Leserinnen und Lesern eine inspirierende Begegnung mit Otmar, dem sozialen Heiligen St. Gallens.
Die älteste Darstellung des heiligen Otmar mit dem Weinfässchen als Attribut. St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. Sang. 586, S. 323 Papier, 498 Seiten 22 × 15.5 cm Kloster St. Gallen, Friedrich Kölner, 1430/1436
Cornel Dora, Stiftsbibliothekar
Vorwort
6 | 7
Abt Otmar und die Bedeutung des klösterlichen Geistes für die Kultur Europas Jörg Lauster
Mit Blick auf die Welt im Ganzen muss in unseren Tagen die Re gion um den Bodensee als ein Idyll erscheinen, das dem Paradies auf Erden recht nahe kommt. Die Natur zeigt sich in ruhig fliessen der Schönheit, die Bewohner sind in globalen Massstäben gemessen wohlhabend und teilen sich trotz unterschiedlicher nationaler Ab kunft friedlich Ufer und Hinterland des grossen Sees. Das Anzie hende dieser Region mussten auch schon die Menschen der Antike, der Spätantike und des frühen Mittelalters gespürt haben. Denn die Geschicke, die sich hier ereigneten, entfalteten weitreichende Fol gen für die europäische Kulturgeschichte. Der Name St. Gallen ist darum ein Doppeltes, ein Ortsname und zugleich ein Symbol für den werdenden Geist europäischer Kultur. In den Wirren der Spätantike, die wir etwas verharmlosend mit dem Begriff der «Völkerwanderung» bezeichnen, zerfiel zu nächst die Welt des römischen Reiches.1 Kurz nach dieser Zeit be gann die Wirksamkeit der ersten christlichen Missionare am Boden see, des Iren Kolumban und seines Schülers Gallus. Die Quellen geben trotz ihres legendarischen Anteils einen guten Einblick, dass Gallus zunächst sehr mühsam der urwüchsigen und wilden Natur einen Lebensraum abringen musste. Auf einen Bären musste er – so die Legende – einreden, damit er ihn in Frieden hier wohnen lies sen, auch Wölfen begegnete er, die Schlangen des Urwaldes zogen sich vor der Heiligkeit des Mannes freiwillig zurück. Gallus baute offensichtlich eine eher eremitisch geprägte Gemeinschaft aus, die aber dennoch sehr wohl ihr mönchisches Dasein mit sozialer Für sorge verband und darum über ein hohes Mass an Anziehungskraft verfügte. Als Otmar hundert Jahre nach Gallus hier sein Wirken begann, hatte sich bereits so etwas wie ein kultureller Quanten sprung ereignet. Es ging nicht mehr um Rodung von Wäldern und Urbarmachung der Natur, sondern darum, die christliche Lebens form des Klosters religiös, politisch und ökonomisch zu etablieren und zu stabilisieren. Es ist dieser Übergang, der den entscheiden den Wendepunkt markiert, und wie bei allen Übergängen folgt die Entwicklung nicht einfach einer geraden Linie. Der Blick auf den Abt Otmar und sein Wirken hilft uns, die Wehen dieses Übergangs im Detail besser zu verstehen.
Abt Otmar und die Bedeutung des klösterlichen Geistes für die Kultur Europas
8 | 9
Die Idee des Klosters: von der Wüste an den Bodensee Wenn wir heute sagen können, dass die europäische Kultur wesent liche Impulse den christlichen Klöstern des Mittelalters verdankt, ist das selbst jedoch an eine Voraussetzung gebunden. Die Idee des Klosters ist keine europäische Erfindung. Das Kloster war eine Ein richtung, die in der Wüste geboren wurde. Mit dem Anwachsen der Grosskirche mehrte sich stets auch Kritik an den notwendigen Kompromissen einer massenhaft praktizierten Religion. Das jesua nische Ideal des auf allen Besitz und weltliche Bande verzichtenden Wandercharismatikers, das bei der Entstehung des Urchristentums vermeintlich so rasch an den Rand gedrängt wurde, brach immer wieder in asketischen Formen durch. Als fassbare Grösse trat das asketische Ideal seit dem 4. Jahrhundert in Syrien, Palästina und vor allem in Ägypten ans Licht. Seinen Ursprüngen nach ist das Mönch tum als eine Protest-, Freiheits- und Erneuerungsbewegung in ei nem charakterisiert worden, die sich gegen die voranschreitende Abkühlung der grossen Kirche richtete. Die ägyptische Wüste ist der Ort, an dem der prominenteste Mönch seine Wirkung sogar noch vor der konstantinischen Wende entfaltete. Das griechische Wort monachós, lateinisch als monachus übernommen, bezeichnet den, der allein und einzigartig lebt. Beides tat der Wüstenvater An tonius, der bereits um 285 seine mönchische Lebensform aufnahm. Antonius zog sich aus der Welt zurück und lebte als Eremit in der Wüstenlandschaft östlich des Nils. Sein Beispiel machte Ein druck und zog Anhänger an. Eine andere, nicht minder anziehende Idee vom mönchischen Leben hatte Pachomius. Er begründete um 325 in Oberägypten das Kloster als gemeinschaftliche Lebensform und verfasste eine Klosterregel, die sich sowohl mit den praktischen Fragen des Zusammenlebens als auch den Motiven des Mönchtums beschäftigte. Die monastische Lebensweise war ein grosser Erfolg, sie zog Tausende von Anhängern an. Mit Pachomius’ Klostergrün dung löste das Zusammenleben der Mönche, das Zönobitentum, keineswegs die Eremiten ab. Die Spannung zwischen der einsamen Flucht der Eremiten aus der Welt und dem mönchischen Zusam menleben der Zönobiten durchzieht die Geschichte des Mönch tums bis heute. Das östliche Mönchtum hat mit beiden Strömungen, den Eremiten und den Zönobiten, den Westen des römischen Reichs nachhaltig beeinflusst. Martin von Tours – der Heilige, der alljähr lich von Katholiken und inzwischen auch von Protestanten in den Laternenzügen am 10. oder 11. November besungen wird – verkör perte eher den Geist der Eremiten. Wichtige Klostergründungen kamen eine Generation nach ihm in Südfrankreich zustande. Sie führten in vielem die ägyptischen Vorbilder fort und setzten doch auch deutlich andere Akzente. Die Verbindung des Klosters mit dem Ideal philosophischer Zurückgezogenheit und Bildung war bestes Erbe römischer Intellektualität. Honoratus gründete um 400
auf Lérins, einer Insel vor Cannes, eine Klostergemeinschaft, der Priester Johannes Cassianus etwa 415 eine in Marseille. Beide hatten Ägypten besucht und sich beim Aufbau ihrer Klöster an diesen Er fahrungen orientiert. Hinzu kam aber noch eine andere, die erwähn te spezifisch ‹westliche› Note. Den südfranzösischen Klöstern wandten sich viele Mitglieder der gebildeten gallorömischen Ober schicht zu, auch Klöster für Frauen wurden eingerichtet. In den aufkommenden Wirren der Völkerwanderung und dem sich ab zeichnenden Zusammenbruch des römischen Reiches fanden sie in den Klöstern im Süden Zuflucht und verbanden dies mit dem altrömischen Ideal des Rückzugs zum Landleben. Cicero und an ihn angelehnt Augustinus hatten dieser philosophischen Lebensform des Rückzugs aus der Welt zum Zwecke des geistigen Austauschs in den Gesprächen in Tusculum oder in den Dialogen in Cassiciacum literarische Denkmäler gesetzt. Vor allem der Römer Cassiodor übernahm dieses Bildungsideal in seine spätantiken Gemeinschafts gründungen in Süditalien. Für ihn gehörte zum klösterlichen Ge meinschaftsleben auch das Studium antiker Autoren, daher machte er die Sammlung ihrer Schriften zu einer wichtigen Aufgabe seiner Bibliothek. Nicht alle Klöster orientierten sich zunächst an diesem Ideal, aber spätestens in der karolingischen Renaissance wurde dies zu einem festen Bestandteil des Klosterlebens. Die klösterliche Lebensform folgte einem Plan der schritt weisen Lebensvervollkommnung. Dazu diente ein festgefügter Ta gesablauf, den Cassian mit der folgenreichen Idee der Stundenge bete liturgisch rahmte. Es war aber auch erforderlich, sich selbst zu erforschen. Der Mönch musste die eigenen Schwächen genau in den Blick nehmen, um sie überwinden zu können. Er sollte das Bewusstsein für die Gefahren aus dem eigenen Inneren schärfen. Um dagegen anzukämpfen, bedurfte es der dauerhaften asketischen Übung und der besonderen Seelenführung. Die klösterliche Exis tenz war kein Zustand, sondern der Prozess einer stetig an sich ar beitenden Lebensführung. Schon die frühen Formen des Klosters im Westen haben damit ein Doppeltes für die abendländische Kul turgeschichte auf den Weg gebracht: eine Kultur der Selbstbeob achtung im Verbund mit dem Ideal einer disziplinierten Lebens führung. Die verschiedenen Strömungen des frühchristlichen Mönch tums verband schliesslich Benedikt von Nursia mit grösster Präge kraft. Die ihm zugeschriebene Benediktsregel ist das wichtigste Fundament westlicher Klosterkultur. Aus den späteren Angaben kann man schliessen, dass Benedikt um etwa 480 in Nursia, dem heutigen Norcia in Umbrien, in eine offensichtlich vermögende Familie hineingeboren wurde. An einem Studium in Rom fand er wenig Gefallen und zog sich – hier kehrt das typische Moment des Mönchtums wieder – in die Einsamkeit der Berge zurück. Östlich von Rom lebte er für Jahre in einer Grotte in Subiaco, er wurde von
Abt Otmar und die Bedeutung des klösterlichen Geistes für die Kultur Europas
10 | 11
einer klösterlichen Gemeinschaft in der Umgebung zum Abt ge wählt, verliess die Gemeinschaft aber dann wohl im Streit. Nach einem weiteren Rückzug in die Einsamkeit gründete er mit seinen Anhängern um 530 das Kloster Monte Cassino. Kurz danach könn te die Regel entstanden sein. Zwischen 555 und 560 starb Benedikt. Die Regel liefert einen vorzüglichen Einblick in den Geist des klös terlichen Lebens. Regelwerke begleiteten das Mönchtum von An fang an, Pachomius verfasste eine Regel und auch Cassians Institu tiones erhoben einen ähnlichen Anspruch, ebenso entwarfen auch die Kirchenväter Basilius und Augustinus Programme des monasti schen Lebens. Im Westen setzte sich Benedikts Regel als mass geblicher Typ auch aller späteren Ordensregeln durch. Die Bene diktiner gelten daher als der älteste Orden der westlichen Kirchen. Allerdings dauerte es über zwei Jahrhunderte, bis die Regel ihre Geltung erlangte und man im eigentlichen Sinne von Benediktinern sprechen kann. Es waren mehrere Gründe, die Benedikts Regel ton angebend werden liessen. Die Protektion eines hochgeschätzten Papstes, Gregor des Grossen, und später die auf vereinheitlichende Ordnung zielende Religionspolitik der Karolinger waren wichtige Faktoren für ihren Aufstieg. Es gilt als sicher, dass Benedikt zentrale Elemente seiner Vor gänger Pachomius, Cassian, Basilius und Augustinus übernahm. Moderne Plagiatsjäger kämen auf ihre Kosten. Doch Benedikt war ein italienischer Mönch des 6. Jahrhunderts. Er hatte nicht die Ab sicht, mit dem Schmuck fremder Federn seine eigene Karriere zu befördern. Die Kompilation war Ausdruck einer tiefen Ehrfurcht vor den Leistungen seiner Vorgänger, er fügte deren Überlegungen zusammen und verlieh ihnen seine eigene Note. Sie zog die Summe der klösterlichen Lebensformen in einer imposanten Mischung aus römischer Klarheit und Disziplin, asketischer Frömmigkeit, einem feinen Sinn für die feierliche Praxis des Gebets und einem nüchter nen Pragmatismus. Wichtige Erscheinungsformen des abendländi schen Mönchtums sind bei Benedikt grundgelegt und haben noch heute, eineinhalb Jahrtausende später, Geltung, wie die einheitliche Kleidung, die festen Gebetszeiten, geregelte Mahlzeiten mit Le sung, die Verbindung von Bibelstudium und Arbeit sowie vor allem die mönchischen Ideale des Gehorsams, des Besitzverzichts und der Ortsgebundenheit. Das Stundengebet der Mönche strukturiert den Tag nach der Ordnung der Heilsgeschichte. Die Gebetsabfolge ist dadurch als kontinuierlicher Lobpreis Gottes gedacht, sie be deutet aber zugleich auch, die eigene Zeit in den tieferen Sinn gött licher Zeitordnung einzustellen. Es ist der Hauch der Ewigkeit, der im Stundengebet jeden Tag durchweht. Ebenso begründete Bene dikt die stabilitas loci, die den Mönch zeit seines Lebens an sein Kloster bindet. Kolumban und Gallus wussten davon noch nichts. Zu den praktischen Regeln gehörte auch die Aufforderung zu kör perlicher Arbeit, auch wenn man das Ora et labora vergeblich in der
Benediktsregel suchen wird. Darüber hinaus führte Benedikt aus, wie mit Verfehlungen umzugehen sei oder wie im Falle von Krank heit die Fastengebote zu wahren seien. Bei aller gebotenen Strenge der Askese liess Benedikt dabei auch eine Milde erkennen, die mehr aufrichtiger Humanität als pragmatischen Erwägungen geschuldet ist. Auch darin liegt eine Wurzel der später durchschlagenden Wir kung. An den Entwicklungen in St. Gallen lässt sich dieser Übergang vorzüglich studieren. Gallus schien seine Gemeinschaft noch nach einem recht vagen Regelwerk geführt zu haben, das eher auf Ein siedler zugeschnitten war. Otmar hingegen führte wohl mehr und mehr zönobitische Regularien ein, um schliesslich unter dem Ein fluss der Karolinger die Benediktsregel für St. Gallen zu überneh men. Otmars Werdegang steht also selbst dafür, wie die Regel Bene dikts zunehmend zu grösserer Durchsetzung gelangte. Über ihn gelangte der Geist der Wüste an den Bodensee. Doch wissen wir aus Otmars Geschick, dass wir uns diesen Übergang nicht mühelos vorstellen dürfen. Otmars Vorstellungen vom Klosterleben waren nicht weit von Benedikts Regel entfernt, vieles lag zu jener Zeit offensichtlich in der Luft, die Übernahme seiner Regel ist aber dann doch vor allem auch politischen Motiven geschuldet. Die Karolin ger gaben der Regel den Vorzug im Interesse einer Vereinheitli chung des Klosterlebens in ihrem Reich. Obwohl sich Otmar dieser anschloss, geriet er in den politischen Konflikt zwischen Aleman nen und Franken, der seine letzten Lebensjahre sehr beschwerte. Es ist der Luxus einer kulturgeschichtlichen Grossperspektive, wenn wir diese Wehen des Übergangs heute grosszügig meinen überfliegen zu können. Für die Zeitgenossen war es ein mühsamer Prozess mit weitreichenden Folgen. Der Abt Otmar steht an diesem markanten Wendepunkt und weist die Richtung.
Abt Otmar und die Bedeutung des klösterlichen Geistes für die Kultur Europas
12 | 13
Die Geburt Europas aus dem Geist des Klosters Die aussergewöhnliche Bedeutung des Klosters für die europäische Kulturgeschichte umfasst mehrere Faktoren. Der benediktinische Geist hat eine innere Haltung hervorgebracht, die einen Wesenszug europäischer Mentalität ausmacht. Die benediktinische Askese be deutet im Wesentlichen methodisierte Lebensführung, und in die sem Sinne ist Europa tatsächlich aus dem Geist der Askese geboren. Das mag aufs Erste befremden, denn die asketische Seite des klös terlichen Lebens verträgt sich mit den Idealen der heutigen Lebens welt offensichtlich am wenigsten. Askese gilt als weltfremd und sinnenfeindlich und steht darum für das glatte Gegenteil von dem, was eine Welt begehrt, die aus gegenwärtiger Fülle zu leben hofft. Die asketische Praxis der Mönche vereinte vielfältige Ein flüsse in sich, darunter auch das beste Erbe antiker Philosophie. Platon und die Neuplatoniker lieferten das metaphysische Grund gerüst für eine Haltung, in der sich das Denken über die Sinnenwelt zur Erkenntnis des höchsten Guts erhob, die Stoiker entwarfen Konzepte einer dauerhaften Einübung des Willens zur Herrschaft des sich selbst genügenden Geistes über den eigenen Körper und das Schicksal. Damit war der Weg zu einer methodisierten Lebens führung anhaltender Selbstbeobachtung und Prüfung geebnet. Ein gebettet in dieses philosophische Konzept der «Sorge um sich selbst» ist die Askese fester Bestandteil antiker Weisheitslehren. Mit Askese ist dabei die Übung gemeint – das heisst Askese auch wört lich übersetzt –, die eigene Lebensführung auf den erkannten tie feren und der sinnlichen Wahrnehmung entzogenen Sinn hin aus zurichten. Zu dieser Weisheit gehört im Dienste des höheren Gutes auch der Verzicht. Die Askese des Mönchtums hatte aber natürlich auch genuin christliche Wurzeln, die sich bis auf Jesus zurückver folgen lassen. Dazu zählte wesentlich der Gedanke, Leiden um eines höheren Zweckes willen auf sich zu nehmen oder gar sein Leben für andere zu geben. Daher ist mönchische Askese vor allem und zuerst Christusnachfolge. Die Grundidee verband sich mit dem antiken Weisheitsideal. Christusnachfolge ist Gegenstand einer unausge setzten Übung, einer Selbstdisziplinierung und Selbstvervoll kommnung. Die besondere Note aus der Vereinigung von Chris tusnachfolge und philosophischer Askese ist die eschatologische Ausrichtung. Das letzte Ziel ist das Himmelreich. Die Gewissheit eines höheren Sinns und eines tieferen Grunds aller Wirklichkeit gibt dem Leben eine andere Richtung. Was als Verzicht und Selbst verleugnung erscheint, dient letztlich dem Gewinn von Freiheit und Weltüberlegenheit. Dass die Askese kein Selbstzweck war, können wir an den Übergängen in St. Gallen eindrücklich feststel len. Denn der Verzicht auf das Eigene war immer auch eingebunden in die Fürsorge für die Anderen. Die Klöster waren nicht nur Stät ten der disziplinierten Selbstvervollkommnung und des grandio sen Bildungstransfers, sie waren auch Orte der Sozialfürsorge, der
Kranken- und Armenpflege. Das eine war ohne das andere nicht zu haben. Auch hier hat Otmar wichtige Übergänge eingeleitet. In St. Gallen wurden mit Gallus vor 1400 und mit Otmar vor 1300 Jahren Entwicklungen mit in Gang gesetzt, denen wir noch heute unendlich viel zu verdanken haben. Sie haben wesentlich zur Ausformung europäischer Kultur beigetragen. Auch wenn das Klos ter als Lebensform in unseren Tagen unter schwindender Beliebt heit leidet, ist trotz des askesefeindlichen Klimas moderner Kultur der alltäglichen Lebenserfahrung das Paradox nicht fremd, dass erst Verzicht Freiheit bedeutet: Freiheit von sich selbst und Freiheit für andere. Man muss daher auch nicht lange suchen, um Fortwirkun gen dieser asketischen Praxis zu suchen. Sie reicht von den Emp fehlungen der Lebenskunst in der frühen Neuzeit bis zu Schopen hauers Lobpreis des Verzichts auf die Selbstdurchsetzung des eige nen Willens. Schopenhauer berührte in seinem Programm der Willensverneinung etwas davon, was der Gehorsam des monasti schen Lebens meint. Es überrascht schliesslich nicht, dass in einer Kultur wie der unseren, die möglicherweise die Fülle ihrer Möglich keiten überschritten haben könnte, selbst die gemeinhin gering ge schätzte Askese Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Kloster ist eine wichtige Institution des Christentums, es ist zudem ein kulturelles Symbol für die Tiefe des Lebens. Hier in St. Gallen wurde Wichtiges auf den Weg gebracht, und wenn wir uns heute an den Abt Otmar erinnern, dann statten wir damit auch Dank ab für all die Wegberei ter, die uns und unsere Kultur auf den Weg gebracht haben.
Abt Otmar und die Bedeutung des klösterlichen Geistes für die Kultur Europas
Audomarus abbas in monasterio Sancti Galli Confessoris («Otmar, Abt im Kloster des heiligen Bekenners Gallus»). Erster Eintrag im ab 804 angelegten Professbuch des Klosters St. Gallen. St. Gallen, Stiftsarchiv C3 B56 Pergament, 24 Seiten 27.7 × 18.6 cm Kloster St. Gallen, 9./10. Jahrhundert
14 | 15
1
Zwei Anfänge des Gallusklosters Cornel Dora
Was den Anfang des Klosters St. Gallen betrifft, bestehen zwei Tra ditionen.2 Die eine führt den Ursprung auf den irischen Missionar Gallus zurück, der 612 in der Nähe eines Wasserfalls der Steinach eine Hütte baute und eine monastische Gemeinschaft im Geist sei nes Lehrers, des heiligen Kolumban des Jüngeren, begründete. Die andere lässt das Kloster mit Otmar beginnen, der am Gallusgrab 719 ein stärker institutionalisiertes Klosterleben einführte. Der Impuls Otmars ein Jahrhundert nach der Ankunft von Gallus leitete zwar die Entwicklung des Klosters St. Gallen zum wichtigen kulturellen und politischen Zentrum im Bodenseeraum ein. Aber diese baute auf einer bereits bestehenden spirituellen und monastischen Vorgeschichte auf, die zu Gallus zurückführt.3 Aus den erhaltenen Quellen, insbesondere aus den drei Ver sionen der Gallusvita, lässt sich schliessen, dass Gallus nicht allein siedelte, sondern eine monastische Gemeinschaft begründete, die im weiteren Sinn als Kloster angesehen werden kann.4 Diese Mönchsgemeinschaft muss man sich gemäss der Praxis Kolumbans nicht in Mauern, sondern als Willensgemeinschaft vorstellen. Sie war nur rudimentär reguliert, der Leiter oder Abt war normative Bezugsperson als eine Art lebende Regel.5 Die Gallusleben von Wetti und Walahfrid berichten, dass Gallus einige Zeit nach seiner Ankunft, wohl um das Jahr 615, mit Hilfe der weltlichen und geistlichen Machthaber eine Siedlung für zwölf Mönche errichtete, und dass diese nach einer Regel lebten.6 Etwa gleichzeitig erhielt er von seinem Lehrer Kolumban, der am 23. November 615 in Bobbio verstorben war, den irischen Abtsstab, die Cambutta.7 In dieser Stabübergabe lässt sich das bei den Iren übliche Ritual der Ernennung zum Abt erkennen, auch wenn es nicht explizit gesagt wird.8 Ob sich Gallus tatsächlich als Abt im Sinn von Kolumban ver stand, muss offen bleiben. Jedenfalls war er gemäss den erwähnten Zeugen das charismatische Zentrum einer in der Gegend neuarti gen Gemeinschaft von Brüdern, die nach einer Regel lebten. Wir dürfen in Gallus und den Brüdern um ihn deshalb die früheste klos terartige Niederlassung im Bodenseeraum sehen. Der deutsche Begriff «Kloster» ist hier nicht im Sinn von lateinisch claustrum («geschlossen») zu verstehen, sondern im Sinn von monasterium (französisch «monastère», englisch «monastery»), also als eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam ein monastisches Leben in idealistisch-spiritueller Ausrichtung führen. Dass es eine Gemeinschaft um Gallus gab, wird durch die archäologischen Ausgrabungen gestützt, die von 2009 bis 2013 im Stiftsbezirk durchgeführt wurden. Sie belegen, dass bereits zu Leb zeiten von Gallus das Gebiet des heutigen Stiftsbezirks – 60’000 Quadratmeter – vollständig gerodet war und bewirtschaftet wur de.9 Die Gallusgemeinschaft muss sich deshalb bereits zwischen 615 und 640 zu einer Mönchssiedlung mittelgrossen Umfangs ent 16 | 17
wickelt haben, die von einer weltlichen Infrastruktur umgeben war. Die schon in der frühen Chronistik so genannte «Galluszelle» war somit keine Zelle, sondern eine von einer Siedlung umgebene Mönchsgemeinschaft.10 Dass es von der Ankunft von Gallus 612 bis zur Amtseinset zung Otmars 719 eine Kontinuität des kirchlichen Lebens und der Besiedlung gab, ist unbestritten. Die Frage ist, ob die monastische Gemeinschaft des Gallus auch weiterexistierte. Von einigen der geistlichen Betreuer am Gallusgrab zwischen 640 und 720 kennen wir dank der schriftlichen Quellen die Namen und die Funktion. Demnach sollen die Gallusgefährten Magnoald und Theodor um 680 noch am Ort gelebt haben.11 In der ersten Urkunde des Klosters von um 700/706 (vgl. S. 22 – 23) erscheint Magulf als «Priester und Betreuer des heiligen Gallus».12 Wetti erwähnt zudem wohl für die Zeit nach 710, also kurz vor Otmar, einen Stephanus, den er «Dia kon» und custos ecclesiae («Sakristan der Kirche») nennt.13 Als welt liche Machtträger in der Gegend nennt Ratpert in der Klosterchro nik Casus sancti Galli den Priester Willibert, den Grafen Talto und seine Nachfahren Thiotolt, Pollo, Waldpert und Waltram.14 Letzte rer berief 719 Otmar nach St. Gallen. Die Quellen geben keinen eindeutigen Aufschluss darüber, ob die genannten Personen Laienbrüder, Priestermönche oder Weltkleriker waren. In Kapitel 10 des zweiten Buchs seiner Gallus vita verwendet Walahfrid zunächst den Begriff quidam religiosi clerici («einige gottesfürchtige Kleriker») für die Gemeinschaft, wenig spä ter nennt er sie im Zusammenhang mit dem Beginn der Tätigkeit Otmars aliquantula monachorum congregatio («eine kleine Mönchs gemeinschaft»).15 Für klösterliches Leben spricht die Stelle in Kapi tel 4 desselben Buchs, wonach die Brüder ad matutinale … officium («zur Matutin», also zum morgendlichen Stundengebet) zusam menkamen.16 In der unklaren Verwendung der Bezeichnungen spie gelt sich wohl die noch nicht vollständig ausgeformte Begrifflichkeit in der Frühzeit der damaligen pionierhaften Klosterkultur. In der Zeit zwischen Gallus und Otmar war die politische Welt in Bewegung und der Frieden immer wieder in Gefahr. Davon waren auch die Gallusgemeinschaft und die sie umgebende Sied lung betroffen. Kritisch für ihr Bestehen wurde es vor allem bei zwei Überfällen um 680 und um 710, von denen wir in den Galluswun dern von Walahfrid erstaunlich ausführlich unterrichtet werden.17 Beim ersten Überfall durch den «Präses» Otwin, der sich gemäss Wetti vierzig Jahre nach dem Tod von Gallus ereignete, wurden die Gallussiedlung, das Grab und die vorhandenen Altäre (es waren gemäss Wetti mehrere) gründlich geplündert. Zudem wurde eine grössere Anzahl «Menschen beiderlei Geschlechts», die am Grab des Heiligen Zuflucht gesucht hatten, gefangengenommen.18 Ähnliches geschah um 710/712, als der fränkische Hausmeier Pippin der Mittlere, Urgrossvater Karls des Grossen, einen seiner
1 Zwei Anfänge des Gallusklosters
18 | 19
Kriegszüge ins Gebiet der Alemannen unternahm. Wieder flohen zahlreiche Menschen aus der Gegend von Arbon zur Gallussied lung. Einige Frauen und Kinder wurden gemäss den Galluviten in der Kirche aufgespürt und nach Franken in die Gefangenschaft weggeführt.19 Nach dem ersten Überfall durch Otwin berichtet die Vita, wie Bischof Boso von Konstanz das Gallusgrab wiederherstellte. Walter Berschin weist darauf hin, dass das vorher im Boden befind liche Grab nun als Hochgrab mit einem Sarkophag und einer Grab platte neu erstellt wurde. Etwas mehr als eine Generation nach dem Tod des Heiligen wurde damit sein Kult nicht nur erneut etabliert, sondern im Sinn einer Erhöhung (elevatio) bekräftigt und stärker auf einen Erinnerungskult (memoria) ausgerichtet.20 Mit Blick auf die politische Situation Otmars wird bei beiden Überfällen deutlich, dass die örtliche alemannische Bevölkerung eine besondere Beziehung zu Gallus hatte und 710/712 vor den Franken zu seinem Grab flüchtete. St. Gallen tritt uns dadurch schon vor Otmars Zeit als spiritueller Zufluchtsort der von den fränkischen Machthabern zunehmend bedrängten Alemannen vor Augen.21 Otmar ist also nicht der Gründer St. Gallens, und wohl auch nicht des Klosters. Es ist aber sein bleibendes Verdienst, die Laien brüder, Priestermönche oder Weltkleriker, die 719 noch am Ort ver blieben waren, gesammelt und daraus mit viel Geschick ein Kloster geformt zu haben, das dem Geist des 8. Jahrhunderts entsprach.
Das Galluskloster Das meiste, was wir heute über Gallus wissen, entnehmen wir den drei erhaltenen Gallusviten. Deren älteste, nur fragmentarisch überlieferte (Cod. Sang. 2106), geht nach Walter Berschin in ihrem ältesten Teil wohl auf die Zeit vor 680 zurück, ist also im Verlauf einer Generation nach dem Tod von Gallus entstanden.22 Daraus formte der Reichenauer Gelehrte Wetti zwischen 816 und 824 eine nur in der hier abgebildeten Handschrift (Cod. Sang. 553) erhaltene Fassung, die wenig später, 833/834, von Walahfrid Strabo erneut überarbeitet wurde.23 Letzterer verfasste anschliessend, zwischen 834 und 838, auch die Otmarsvita (vgl. S. 71). Diese drei Versionen der Gallusvita sind inhaltlich weitgehend identisch, da sie aufein ander aufbauen. Im Hinblick auf den Anfang der Abtei St. Gallen ist die Gal lusvita die wichtigste Quelle, insbesondere Kapitel 1 der Vetustis sima bzw. I, 26 bei Wetti und Walahfrid. Demnach wandte sich Gal lus nach der Einsetzung seines Schülers Johannes ins Konstanzer Bischofsamt dem Aufbau einer Mönchsgemeinschaft zu. Wetti schreibt: «Daraufhin begann also der Heilige … mit dem Bau eines Bethauses und geeigneter Hütten für die Brüder. Er begnügte sich damit, dass zwölf Gefährten bei ihm lebten; für diese war jegliches noch so geringe Abweichen vom Pfad der Regel unziemlich.»24 Der Satz deutet darauf hin, dass die Mönchsgemeinschaft sich auf Gallus als ihr Haupt bezog und nach einer Regel lebte. Man darf im weitesten Sinn von einer Art Kloster sprechen. Offenbar strahlte es mit dem Charisma von Gallus in die Region aus und wurde von der Bevölkerung geschätzt und gefördert.25 Direkt nach dieser Stelle wird berichtet, wie Kolumban auf dem Totenbett die Übergabe seines irischen Abtsstabs, der Cam butta, an Gallus veranlasste und ihn vom Verbot des Messelesens freisprach. Gallus erhielt damit von Kolumban gemäss irischem Brauch das Würdezeichen des Abts. Im Kontext einer irischen Mönchskultur war er damit als Haupt seiner Brüdergemeinschaft legitimiert.26 Cod. Sang. 553, im 9. Jahrhundert in St. Gallen entstanden, enthält neben der Gallusvita von Wetti auch die älteste Überliefe rung der Kolumbansvita des Jonas von Bobbio.
1 Zwei Anfänge des Gallusklosters
St. Gallen, Stiftsbibliothek Cod. Sang. 553, S. 202 – 203 Pergament, 228 Seiten 23 × 14.5 cm Kloster St. Gallen, 9. Jahrhundert
20 | 21