Skip to main content

Ästhetik des ‹Wilden›

Page 1

Zur Verschränkung von Ethno-Anthropologie und ästhetischer Theorie 1750 –1850

Die Studie untersucht erstmals umfassend die vielschichtige Verschränkung zwischen völkerkundlicher Anthropologie und Ästhetik seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Dass sich diese beiden Wissensbereiche im damaligen Europa gleichzeitig als „ Leitdisziplinen“ zu etablieren begannen, ist keine bloß zufällige Koinzidenz. Vielmehr besteht zwischen ihnen eine enge entstehungsgeschichtliche und thematische Verbindung, die bis in den Primitivismus des frühen 20. Jahrhunderts hinein fortwirkte, wie das Buch in verschiedenen diachronen Längsschnitten zu zeigen unternimmt. Es verfolgt einen dezidiert transdisziplinären, kulturwissenschaftlich-wissenshistoriographischen Ansatz und schließt insbesondere an die Forschungszweige der interkulturellen Literatur- und Philosophiegeschichte an. Sebastian Kaufmann war von 2007 bis 2015 Akademischer Mitarbeiter am Deutschen Seminar der Universität Freiburg/Br., wo er 2011 mit einer Arbeit über Goethes poetologische Lyrik promoviert wurde. Seit 2013 ist er als Teilprojektleiter an der Forschungsstelle „ Nietzsche-Kommentar “ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften tätig. 2018 erfolgte die Habilitation für das Fach Neuere deutsche Literaturwissenschaft.

www.schwabeverlag.ch

Sebastian Kaufmann

ÄSTHETIK DES ‚WILDEN‘

ÄSTHETIK DES ‚WILDEN‘

Sebastian Kaufmann

ÄSTHETIK DES ‚WILDEN‘ Zur Verschränkung von Ethno-Anthropologie und ästhetischer Theorie 1750 –1850


Sebastian Kaufmann

Ästhetik des ‚Wilden‘ Zur Verschränkung von Ethno-Anthropologie und ästhetischer Theorie 1750–1850 Mit einem Ausblick auf die Debatte über ‚primitive‘ Kunst um 1900

Schwabe Verlag


Gedruckt mit Unterstützung des Förderungsfonds Wissenschaft der VG Wort.

®

MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen

www.fsc.org

FSC® C083411

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschließlich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Abbildung Umschlag: „The Head of a Chief of New Zealand, the face curiously tataow’d, or mark’d, according to their Manner“. Stich nach Sydney Parkinson in A Journal of a Voyage to the South Seas (1784), Tafel XVI. Alexander Turnbull Library, Wellington, New Zealand. /records/22753134. Umschlaggestaltung: icona basel gmbh, Basel Layout: icona basel gmbh, Basel Satz: 3w+p, Rimpar Druck: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Printausgabe 978-3-7965-3994-7 ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-4022-6 DOI 10.24894/978-3-7965-4022-6 Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt. rights@schwabe.ch www.schwabeverlag.ch


FĂźr Gudrun, Clara und Charlotte


Inhalt

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1.

13

Die Verschränkung von Ethno-Anthropologie und Ästhetik seit dem Zweiten Entdeckungszeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

13

‚Wilde‘, ‚Naturvölker‘, ‚Barbaren‘, ‚Primitive‘. Konzeptualisierungen des ethnisch Fremden im Untersuchungszeitraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

24

3.

Positionen und Stationen einer Ästhetik des ‚Wilden‘ seit 1750 . .

39

4.

‚Anthropologische Wende‘ und Anthropologie-Konzepte um 1800 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

49

Die Ästhetik des ‚Wilden‘ in kulturwissenschaftlicher Perspektive. Methodische Anschlüsse und Abgrenzungen . . . . . . .

64

2.

5.

Erster Teil: Körperästhetik des ‚Wilden‘ I. Beau Sauvage. Die ‚natürliche‘ Schönheit des (künstlichen) ‚Wilden‘ in Rousseaus Discours sur l’inégalité, Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung und Diderots Essais sur la peinture . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

1.

Ästhetische Implikationen von Rousseaus Konzept des homme sauvage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

87 87

2.

‚Naturmenschen‘ und Griechen. Winckelmanns Nähe zu Rousseau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102

3.

Die Europäisierung des ‚Hottentotten‘ auf dem Frontispiz von Rousseaus Discours sur l’inégalité . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108


8

Inhalt

4.

Zwischen Rousseau und Winckelmann. Schöne ‚Wilde‘ bei Diderot . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118

II. Klassizistische Anthropometrie. Idealschöne Griechen vs. „entlegene Völker“ in Winckelmanns Geschichte der Kunst des Alterthums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125

1.

Winckelmanns hellenozentrische Ethno-Ästhetik . . . . . . . . . . . . . 125

2.

Wider den ästhetischen Relativismus. Klimatheorie und Anthropometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132

3.

„das widrige der Farbe“. Opto-Ästhetik des „Mohren“ . . . . . . . . . 143

4.

Das ‚eigene Fremde‘ vor der griechischen Klassik . . . . . . . . . . . . . . 148

III. „was uns Eckel und Abscheu erwecket“. Die ‚Hottentotten‘-Passage in Lessings Laokoon und die anonyme Erzählung Tquassouw and Knonmquaiha . . . . . . . . . . . 155

1.

Der Topos des hässlichen ‚Hottentotten‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155

2.

Die Dichtung und das Hässliche. Der poetologische Horizont der ‚Hottentotten‘-Passage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159

3.

Ethno-Ästhetik des Ekelhaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166

4.

Verschiedene Geschmäcke. Alternative Entwürfe bei Friedrich Justus Riedel und Karl Friedrich Flögel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177

IV. Die „Verschiedenheit“ der Schönheitsbegriffe „bei den verschiedenen Völkern“. Ästhetischer Universalismus und Relativismus in Wielands Agathon und Abderiten . . . . . . . . . . . . . 183

1.

Ethno-Anthropologie und Ästhetik bei Wieland . . . . . . . . . . . . . . 183

2.

Verkappter Idealismus, ästhetischer Eurozentrismus. Der internationale ‚Schönheitswettbewerb‘ im Agathon . . . . . . . . . . . . 187

3.

Die „africanische Helena“ und die ethnische Relativität menschlicher Schönheit in den Abderiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206


Inhalt

V. Ästhetische Aspekte der Nationalphysiognomik, vergleichenden Anatomie, Rassenanthropologie und Menschheitsgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221

1.

Die Physiognomie des ‚Wilden‘ und sein moralisch-intellektueller Charakter. Lavaters Nationalphysiognomik und die Kontroverse mit Lichtenberg . . . . 221

2.

Kranio-Ästhetik. Schönheitsgrade von ‚Nationalschädeln‘ (Camper, Blumenbach, Soemmerring, Gall, Carus) . . . . . . . . . . . . 244

3.

Philosophische Rassenanthropologie, Körperästhetik und Menschheitsgeschichte (Kant, Meiners, Herder) . . . . . . . . . . . . . . 309

Zweiter Teil: Kunstästhetik des ‚Wilden‘ I. Die ‚Entdeckung‘ der Südseekunst in Reiseberichten von Louis-Antoine Bougainville, James Cook, Georg Forster und John Hawkesworth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359

1.

Südseereisen, (Nicht‐)Wissen und ethno-anthropologische Ästhetik im Zweiten Entdeckungszeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359

2.

Griechen im Südpazifik? Die Antikisierung der Tahitianer in Reiseliteratur und -malerei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368

3.

Fremde Künste. (Nicht‐)Wissen von den ästhetischen Praktiken der ‚Wilden‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380

4.

Fiktionalisierte Kunst-Ethnographie. John Hawkesworths Account of the Voyages . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399

II. „Alle unpolicirte Nationen sind singend“. Herders ethno-anthropologische Poetik des ‚Volkslieds‘ . . . . . . . 429

1.

Herder und die (Dicht‐)Kunst der ‚Naturvölker‘ . . . . . . . . . . . . . . 429

2.

„alles ist den Barden Ossians und den Wilden in Nordamerika gemein“. Der Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter Völker als anthropologische Poetik des ‚Wilden‘ . . . . . 444

9


10

Inhalt

III. Der ‚Wilde‘ als Prototyp des prometheischen Genies in Goethes Von deutscher Baukunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469

1.

‚Wilder‘ Text – ‚barbarisches‘ Bauwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469

2.

Das Wilde, das Charakteristische und das Erhabene . . . . . . . . . . . 476

3.

Der ‚exotische Naturmensch‘ und das prometheische Genie der Zukunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484

4.

Später Rückblick auf die wild-erhabenen Anfänge . . . . . . . . . . . . . 494

IV. „Barbarischer Geschmack“ und „interesseloses Wohlgefallen“ in Kants Critik der Urtheilskraft . . . . . . . . . . . . . . . 499

1.

Der ‚Wilde‘ und die ästhetische Erfahrung des Schönen und Erhabenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 499

2.

Das „empirische Interesse“ des ‚Wilden‘ am Schönen als „Anfang der Civilisirung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509

V. „Wie frühe oder wie spät sich der ästhetische Kunsttrieb entwickel[t]“. Schillers Ethno-Ästhetik im Wandel (1789– 1795) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523

1.

Schillers Vorüberlegungen zur Ästhetik des ‚Wilden‘ im kritischen Ausgang von Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 523

2.

Der unästhetische ‚Wilde‘ in Schillers universalhistorischer Phase 526

3.

Die Gleichgültigkeit des ‚Wilden‘ gegenüber dem Erhabenen in den Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 535

4.

Die ästhetische Erziehung des ‚Wilden‘ zum ‚Barbaren‘ in den Augustenburger Briefen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 540

5.

Die ästhetische „Revolution“ des ‚Wilden‘ in den Briefen Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 552

6.

Das „naive“ Genie und der ‚Wilde‘: Ueber naive und sentimentalische Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 576


Inhalt

VI. Zwischen Ausgrenzung und „Anerkennung“. Der prekäre Status des ‚Wilden‘ in der Ästhetik des Deutschen Idealismus und Spätidealismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 583

1.

Schellings (Mytho‐)Poetik, die außereuropäischen ‚Wilden‘ und die Debatte um den ‚Naturzustand‘ der homerischen Zeit (Voß, Heyne) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 585

2.

Das „Rohe und Wilde“ in Hegels Vorlesungen über die Aesthetik. „Vorkunst“ vor der „Vorkunst“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591

3.

Überhang der Phantasie. Die ästhetische Disqualifizierung von ‚Wilden‘ und ‚Orientalen‘ in Weißes System der Aesthetik . . . . . . . 608

4.

Der ‚Wilde‘ als ästhetisches Sujet und als Subjekt des „Spieltriebs“ in Friedrich Theodor Vischers Aesthetik . . . . . . . . . . 617

5.

Diffamierung und retrospektive Nobilitierung der ‚Wilden‘ in Karl Rosenkranz’ Aesthetik des Häßlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 637

Ausblick: Theorien ‚primitiver‘ Kunst in den Jahrzehnten um 1900 647

1.

Topos-Transformationen nach 1850 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 647

2.

Intensivierung und Konkretisierung des Interesses an der Kunst der ‚Naturvölker‘ in der Zeit der ‚empirisch-induktiven‘ Ästhetik (Semper, Carriere, Scherer) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 653

3.

Ernst Grosses ethnologische „Neubegründung“ der Ästhetik Anfang der 1890er-Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 664

4.

Neuformation von Denkfiguren: Vergleiche zwischen dem ästhetischen Verhalten der ‚Naturvölker‘, ‚Urmenschen‘, Kinder, Tiere und ‚Wahnsinnigen‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 675

5.

Einwände gegen die „entwicklungsgeschichtliche Methode“ vonseiten der Philosophie: Johannes Volkelts System der Ästhetik

692

Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 723

11


12

Inhalt

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 727

1.

Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 727

2.

Forschungsliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 762

Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 829


Einleitung

1. Die Verschränkung von Ethno-Anthropologie und Ästhetik seit dem Zweiten Entdeckungszeitalter Ist vom Zusammenhang zwischen Anthropologie und Ästhetik in den Jahrzehnten um 18001 die Rede, so zielt diese zumeist auf das Konzept des ‚ganzen Menschen‘.2 Als prominentester Vertreter einer solchen ästhetischen Anthropologie oder anthropologischen Ästhetik darf sicher Schiller gelten, nach dessen vielzitierten Worten der Mensch „ n u r d a g a n z M e n s c h [ i s t ] , w o e r s p i e l t “ , d. h. wo er sich im „aesthetischen Zustande“ befindet.3 Das Erlebnis des Schönen, das diesen Zustand ästhetischen Spielens charakterisiert, verbürge nämlich die harmonische Ganzheit der animalischrationalen Doppelnatur des Menschen, insofern es Sinnlichkeit und Vernunft, wenigstens für Augenblicke, miteinander vermittle. Nach dieser Auffassung ist der homo sapiens – im Idealfall – ein homo ludens und als sol-

Mit der Formel ‚Jahrzehnte um 1800‘ bezeichne ich großflächig den Hauptuntersuchungszeitraum der vorliegenden Studie: das Jahrhundert zwischen ca. 1750 und 1850. 2 Repräsentativ formuliert Pfotenhauer 1987, 1: „Anthropologie ist die neue, populäre Wissenschaft des 18. Jh.; sie befasst sich mit dem ‚ganzen Menschen‘ als einem leibseelischen Ensemble […]. Darin ist Anthropologie mit der gleichzeitig sich entwickelnden Ästhetik verschwistert“. Zu dieser (ästhetischen) Anthropologie des ‚ganzen Menschen‘ vgl. ferner den Überblicksartikel von Bödeker 1982, 1079–1102, die Sammelbände von Schings 1994 u. Bergengruen/Borgards/Lehmann 2001, den Forschungsbericht von Riedel 1994, die Sammelbesprechung von Käuser 1990, die Aufsätze von Zelle 2001b, 2003 u. 2004 sowie die Monographien von Pfotenhauer 1991, Dürbeck 1998, Nowitzki 2003, Godel 2007 u. Stöckmann 2009. 3 Schiller 1795, II, 88 u. III, 65 f. 1


14

Einleitung

cher ein homo aestheticus. Anthropologie und Ästhetik sind demzufolge unauflösbar miteinander verbunden. Doch nicht nur die Anthropologie des ‚ganzen Menschen‘, der es im Zuge einer „Rehabilitation der Sinnlichkeit“4 um das ausbalancierte Wechselspiel von Geist und Körper (commercium mentis et corporis) geht, sondern auch jener „andere[ ] Zweig der Aufklärungsanthropologie, der sich mit systematischen Vergleichen zwischen den Völkern befasst“5 – es ließe sich analog von einer Anthropologie der ‚ganzen Menschheit‘ sprechen –, ist mit der Ästhetik um 1800 eng verknüpft. In der Mitte des 18. Jahrhunderts zeichnet sich eine bemerkenswerte Gleichursprünglichkeit von Ethno-Anthropologie6 und ästhetischer Theorie ab – eine Verbindung, die von langer Dauer bleiben wird. Dieser Zusammenhang zwischen dem im Zweiten Entdeckungszeitalter7 enorm ansteigenden anthropologischen Interesse an den fremdarti-

Kondylis 1981, 19, der diese Formulierung von Ernst Cassirer aufgreift. Koš enina 2008, 11. 6 Der Terminus ‚Ethno-Anthropologie‘ ist zwar kein Begriff aus dem Untersuchungszeitraum, sondern eine erst im 20. Jahrhundert eingeführte Bezeichnung. Er soll jedoch dem Umstand Rechnung tragen, dass die heute geschiedenen Bereiche der physischen bzw. biologischen Anthropologie einerseits und der Sozial- und Kulturanthropologie (Ethnologie) andererseits zu jener Zeit noch eng miteinander verflochten sind. Das ethno-anthropologische Interesse der Europäer um 1800 gilt den ‚fremden/wilden Völkerschaften‘ in beiden Hinsichten: Körper und Kultur. Vgl. hierzu Abschnitt 4 der Einleitung. 7 Die Rede vom Zweiten Entdeckungszeitalter bezieht sich vor allem auf die von französischen und englischen Kapitänen wie Louis-Antoine de Bougainville und James Cook geleiteten Weltumseglungen, insbesondere auf die Erkundungen des südpazifischen Raums. Der Ausdruck geht zurück auf Parry 1963, 645 („ein neues Zeitalter der Entdeckungen“) bzw. Parry 1972, 477 („das Zweite Entdeckungszeitalter“) und wurde von Bitterli 2004, 74 f. sowie Kohl 1981, 8 in der deutschsprachigen Forschung etabliert. Diese Terminologie ist freilich problematisch: Aus Sicht der indigenen Einwohner waren die neu ‚entdeckten‘ Gebiete ja keineswegs unbekannt. Die eurozentrische Perspektive, aus der von Entdeckung gesprochen wird, um von Imperialismus zu schweigen, bricht bereits Georg Christoph Lichtenberg ironisch, wenn er das Verhältnis von ‚Entdeckern‘ und ‚Entdeckten‘ mit Blick auf das Erste Entdeckungszeitalter in einem Aphorismus umkehrt: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“ (Lichtenberg 1844, 84) 4 5


Die Verschränkung von Ethno-Anthropologie und Ästhetik

gen Lebens- und Erscheinungsweisen außereuropäischer ‚wilder Völker‘8 auf der einen Seite und der sich um 1750 als eigenständiges Teilgebiet der Philosophie etablierenden Ästhetik9 auf der anderen Seite lässt sich zunächst folgendermaßen beschreiben: Der Rekurs auf ethnographisches Wissen, wie es von den zahlreichen zeitgenössischen Reiseberichten vermittelt10 und von

8 Das Interesse an ‚fremden Völkern‘ kommt zwar keineswegs erst im 18. Jahrhundert auf, erhält in dessen zweiter Hälfte jedoch einen neuen Schub. Dass zahlreiche „Texte der Zeit […] – oft äußerst kritisch – an die Tradition jener (proto)ethnographischen Auseinandersetzungen mit dem ‚Exotischen‘ an[schlossen], die bereits in der Antike, etwa von Herodot oder Tacitus, vor allem aber seit dem 16. Jahrhundert verfasst worden waren und speziell auf die Autoren der französischen Aufklärung nachhaltig gewirkt hatten“, betonen Hermes/Kaufmann 2014b, 2. 9 Die Disziplinenbezeichnung ‚Ästhetik‘ wurde bekanntlich erst im 18. Jahrhundert von Gottlieb Alexander Baumgarten geprägt. In seiner Magisterarbeit Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus von 1735 verwendet Baumgarten im Rückgriff auf das griechische Wort αἴσθησις erstmals den Terminus ‚aesthetica‘ (vgl. Baumgarten 1735, 39 f.). 1750 veröffentlicht er dann den ersten, 1758 den zweiten Band seiner (unvollendeten) Hauptschrift Aesthetica, welche die „scientia cognitionis sensitivae“ (Baumgarten 1750, 1) behandelt und damit auch eine Theorie der schönen Künste liefert (dass bereits Baumgartens Ästhetik anthropologisch auf den ‚ganzen Menschen‘ ausgerichtet ist, zeigt Cassirer 2007, 367 f.). Kant lehnt zwar in der Critik der reinen Vernunft (1781) den Ausdruck ‚Ästhetik‘ in diesem Sinn noch ab: „Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts Aesthetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andre Critik des Geschmacks heissen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten faßte, die critische Beurtheilung des Schönen unter Vernunftprincipien zu bringen und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemühung ist vergeblich.“ (Kant 1781, 21 / AA III, 50) Kant selbst spricht dann aber später in der Critik der Urtheilskraft (1790) im Blick auf das Schöne, das Erhabene und die Kunst von „ästhetische[n] Urtheile[n]“ (Kant 1790, 30 / AA V, 218 u. passim), wodurch sich der Titel ‚Ästhetik‘ für die entsprechende philosophische Disziplin endgültig einbürgerte (vgl. Scheible 1988, 98–101). Zu Kants „Wende zur Ästhetik“ vgl. schon Marquard 1962. 10 Besonders hervorzuheben sind für das Zweite Entdeckungszeitalter Bougainvilles Voyage autour du monde von 1771, John Hawkesworths Bericht über Cooks erste Südseereise von 1773 sowie Georg Forsters Reise um die Welt von 1778–1780. Zu den Reiseberichten des Aufklärungszeitalters vgl. Wuthenow 1980, Berg 1982, Brenner 1990, 243– 274, Griep 1994, Maurer 1999, Bergengruen/Rosset/Winkler 2012, Krobb/Müller 2016;

15


16

Einleitung

neu entstehenden akademischen Disziplinen bzw. Textgenres wie ‚physische Geographie‘, ‚Naturgeschichte des Menschen‘ oder ‚Geschichte der Menschheit‘ systematisch geordnet und ausgewertet wurde, stellt geradezu ein zentrales Element der Ästhetik in der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar. Obwohl schon seit Längerem – und seit dem cultural turn11 des ausgehenden 20. Jahrhunderts noch verstärkt – ein breiter Konsens darüber herrscht, dass „in Europa die Zeit zwischen 1750 und 1850 auch für die Konstruktion kultureller Identitäten und kultureller Unterschiede eine Schwellenzeit bildet“,12 und obwohl dementsprechend auch ein großes allgemeines Interesses an der Ethno-Anthropologie jener Epoche vorhanden ist,13 hat deren Zusammenhang mit der ästhetischen Theorie vonseiten der geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschung bislang erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erfahren. Er wurde zwar schon seit den 1990er-Jahren vereinzelt festgestellt bzw. mit Blick auf einzelne Autoren

die ethno-ästhetische Reflexion speziell in den genannten Südseereiseberichten wird im ersten Kapitel des zweiten Teils in den Blick genommen. Über die Bedeutung der großen Reisesammlungen des 18. Jahrhunderts (die New General Collection of Voyages and Travels von 1745–1747, die Histoire générale des voyages von 1746–1759 und die Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und zu Lande von 1747–1774) für die zeitgenössische Anthropologie von Buffon bis Kant informiert konzis Boerner 1982. 11 Zur Ausdifferenzierung der verschiedenen cultural turns vgl. Bachmann-Medick 2014 u. – kritisch – Meierhofer/Scheufler 2011. 12 Bay/Merten 2006b, 7. 13 Zu diesem Thema liegt bereits eine beachtliche Reihe von Monographien aus unterschiedlichen Disziplinen seit den 1970er-Jahren vor. Vgl. die älteren Arbeiten von Duchet 1971, Gusdorf 1973, Moravia 1977 (zuerst 1970), Bitterli 2004 (zuerst 1976), Krauss 1987 (zuerst 1978), Kohl 1981 sowie die neueren Studien von Zedelmaier 2003 (Teile V und VI), Gisi 2007, Nutz 2009 und Vermeulen 2015, um nur einige der wichtigsten zu nennen. Aus dem Spektrum der Sammelbände sei neben Bay/Merten 2006a und Böhm/ Sproll 2008a noch Lüsebrink 2006a besonders hervorgehoben und auf die darin enthaltenen einleitenden Beiträge verwiesen: Lüsebrink 2006b und Osterhammel 2006 (in denen freilich die ‚Entdeckungsleistungen‘ des Zweiten Entdeckungszeitalters relativiert werden).


Die Verschränkung von Ethno-Anthropologie und Ästhetik

und Aspekte untersucht, aber noch kaum als Gesamtphänomen in den Fokus gerückt.14 Bislang hat sich die imagologische, oft postkolonial ausgerichtete Forschung vornehmlich auf das (Körper‐)Bild des Afrikaners bzw. ‚Negers‘ in der ästhetisch-anthropologischen Theorie um 1800 konzentriert (vgl. beispielsweise Gilman 1982, 19–34, Mielke 1993, Martin 1993, bes. 215–232 u. 240–271, Schubert 2003, 46–59 und Fiedler 2005, 60–71). Zwar mag die Feststellung von Mielke 1993, 192 zutreffend sein, dass sich die Ästhetiker „[i]n den sechziger und siebziger Jahren [des 18. Jahrhunderts] beinahe genauso viel um die Hottentotten und andere […] Afrikaner wie um Laokoon [kümmern]“. Dies charakterisiert das Verhältnis von Ethno-Anthropologie und Ästhetik aber keineswegs erschöpfend: Erstens dauert dieses noch um die Wende zum 19. Jahrhundert und weit darüber hinaus fort, und zweitens beschränkt es sich keineswegs auf die Thematisierung von „Hottentotten und andere[n] […] Afrikaner[n]“, sondern umfasst auch weitere ‚fremde Völker‘ wie etwa nordamerikanische ‚Indianer‘, Südseeinsulaner oder Grönländer (wenn die spezifischen Unterschiede zwischen den außereuropäischen ‚Völkerschaften‘ nicht überhaupt nivelliert werden und man sich lediglich auf das abstrakte Stereotyp ‚des Wilden‘ bezieht). Neben dem Aspekt der ethno-anthropologischen PhysioÄsthetik bzw. der Verbindung von Ästhetik und Rassentheorie im 18. Jahrhundert, den mit Blick auf den niederländischen Maler und Anatomen Peter Camper bereits Meijer 1999, mit Blick auf das Verhältnis von Rassismus und Sexismus Volland 1992 sowie mit Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum Zantop 1997 u. 1999, bes. 93–114 und ausführlicher Bindman 2002 behandelt haben, spielen auch dezidiert kunsttheoretische Fragen eine wichtige Rolle innerhalb der Ethno-Ästhetik in den Jahrzehnten um 1800, wie erstmals Robert 2012 überblicksartig gezeigt hat. Zwar stellt bereits Käuser 1991a, 289 allgemein fest, dass „Fremdheit Gegenstand der Ästhetik und Literaturtheorie“ um 1800 war, er verdeutlicht dies jedoch nicht an entsprechenden Bezugnahmen auf überseeische ‚Wilde‘. Die Studie von Möller 2016 untersucht in ihrem vierten Kapitel ästhetische Theorien des späten 18. Jahrhunderts (u. a. Kant, Burke, Herder) als Fremdheitstheorien, geht dabei jedoch ebenfalls so gut wie nicht auf die konkrete Thematisierung ‚fremder Völker‘ in diesen Theorien ein. Anders wiederum stellt sich die Forschungslage mit Blick auf die ethnologische Ästhetik des ausgehenden 19., frühen 20. Jahrhunderts dar: Hierzu liegen – vor allem aus ethnologie- und kunst-, aber auch literaturgeschichtlicher Perspektive – zahlreiche neuere Untersuchungen vor (vgl. Rampley 2000, Pfisterer 2008, Damme 2010, 2012 u. 2013, Basu 2011 u. 2012, Reichle 2012 u. 2017, Kaufmann 2009 u. 2013, Gess 2013a), die allerdings nahezu durchgängig verschweigen, dass es sich um ein Diskursfeld handelt, das sich zeitlich bis ins 18. Jahrhundert erstreckt. Wesentliche ideengeschichtliche Kontinuitäten kommen dadurch nicht in den Blick. Zumindest ansatzweise werden diese Zusammenhänge immerhin schon in der monographischen Studie von Connely 14

17


18

Einleitung

Die Verschränkung von Ethno-Anthropologie und ästhetischer Theorie ist darüber hinaus eine wechselseitige: Nicht nur rekurriert die philosophische, literarische und kunsthistorische Ästhetik um 1800 – wenngleich sie das Thema der ‚primitiven‘ Kunst noch nicht, wie erst die ethnologische Ästhetik um 1900, exklusiv fokussiert – in auffälliger Häufigkeit sowie an neuralgischen Stellen auf völkerkundliches ‚Wissen‘ der Zeit. Vielmehr interessieren sich auch umgekehrt die Verfasser ethnographischer Reisebeschreibungen und akademischer Abhandlungen über die ‚Naturgeschichte des Menschen‘ bzw. ‚Menschheitsgeschichte‘ besonders intensiv für Phänomene ästhetischer Alterität: Fast jeder zeitgenössische Ethnograph und Ethno-Anthropologe leitet „die Schilderung einer fremden Ethnie […] mit einer knappen Beschreibung der Physiognomien und des körperlichen Erscheinungsbildes“ ein; zugrunde liegt dieser Vorgehensweise die anthropologische Prämisse, dass „die Menschen […] sich eben nicht nur hinsichtlich ihrer kulturellen Praktiken, sondern auch hinsichtlich ihrer Körper“ unterscheiden oder ähneln.15 Dabei steht die physioästhetische Frage nach der Schönheit oder Hässlichkeit der ‚fremden‘, ‚wilden‘ Körper im Vordergrund: „Eins der wichtigsten Kennzeichen von Stämmen und Völkern ist Schönheit oder Häßlichkeit, entweder des ganzen Cörpers oder des Gesichts“,16 deklariert Christoph Meiners in seinem 1785 erschienenen Grundriß der Geschichte der Menschheit. In engem Zusammenhang mit der klischeehaften ethischen Differenzierung zwischen ‚edlen‘ und ‚unedlen‘, ‚guten‘ und ‚bösen Wilden‘17 erscheint der außereuropäische ‚Naturmensch‘ aufgrund der kalokagathisch-physiognomistischen Denkweise der Zeit häufig entweder als guter und schöner oder als böser und hässlicher ‚Wilder‘.18 Hier differieren die stereotypen Aussagen im

1995 herausgearbeitet, allerdings speziell im Blick auf die ‚primitivistische‘ Kunstpraxis um 1900 (Gauguin, Picasso). 15 Hoorn 2003, 139 f. 16 Meiners 1785, 43. 17 Vgl. die Beiträge aus dem Abschnitt „I. Der ‚gute‘ und der ‚böse‘ Wilde: Vom Reisebericht zur Anthropologie“ des Sammelbandes von Fludernik/Haslinger/Kaufmann 2002, 31–153. 18 Vgl. Kaufmann/Haslinger 2002, 21: „[E]ine schöne Gestalt kann fast als Wesensmerkmal des Edlen Wilden angesehen werden. Daß hier Maßstäbe europäischer Ästhetik


Die Verschränkung von Ethno-Anthropologie und Ästhetik

Hinblick auf die verschiedenen ‚exotischen Naturvölker‘, wobei zumeist das eigene, europäische Schönheitsideal, das sich an der griechischen Antike ausrichtet, als verabsolutierter Bewertungsmaßstab fungiert. Die intensiv geführte Debatte über die körperliche „Schönheit oder Häßlichkeit“ der ‚Wilden‘ läuft letztlich auf die ästhetiktheoretisch höchst relevante Frage hinaus, ob es ein objektives, allgemein verbindliches Ideal (menschlicher) Schönheit gebe – das mit dem europäischen gleichzusetzen wäre –, oder ob es sich lediglich um einen relativen Begriff handle, abhängig davon, in welchem Kulturraum man lebt oder welcher ‚Rasse‘ bzw. ‚Nation‘ man angehört. Dem exklusiven ästhetischen Universalismus eurozentrischer Observanz steht ein inklusiver ästhetischer Relativismus gegenüber, der kulturell verschiedene Schönheitsvorstellungen grundsätzlich für gleichrangig erachtet. Als dominantes Modell erweist sich jedoch der erstgenannte: Häufig genügt es den zeitgenössischen Autoren, das eigene, von der klassischen Antike geprägte europäische Schönheitsideal als universalgültigen normativen Maßstab anzulegen und die am meisten davon abweichenden Nicht-Europäer (vor allem die ‚Neger‘ mit ihrer ‚schwarzen‘ Hautfarbe und der ihnen unterstellten Affenähnlichkeit) als hässlich, die am ehesten damit kompatiblen ‚Exoten‘ (wie vermeintlich die bzw. einige Südseeinsulaner sowie in den

angelegt werden, versteht sich gleichsam von selbst. Antikisierende Beschreibungen der ‚guten Wilden‘ in Wort und Bild sind für die Reiseberichte ebenso charakteristisch […] wie die Betonung einer wohlgeformten, häufig erotisch aufgeladenen Gestalt bei den Edlen Wilden der Literatur“. Zur entsprechenden topischen Hässlichkeit des ‚unedlen‘ Wilden vgl. Holdenried 2008. Bindman 2002, 12 konstatiert mit Blick auf die Entstehung der Rassentheorie im ausgehenden 18. Jahrhundert zusammenfassend: „Aesthetics played a number of different roles in this process, most obviously because judgements of the beauty or ugliness of individuals could be applied to whole peoples. […] It was, furthermore, a widespread though not unchallenged assumption among the elite, that the exterior beauty or ugliness of a person could reflect their interior moral being, their ‚soul‘, and this again could be generalized from the individual to the nation or ‚race‘.“ Zum gegenteiligen Fall aus der frühneuzeitlichen „Bildgeschichte des Wilden“, dass nämlich, wie etwa im 16. Jahrhundert auf den Kupferstichen Theodor de Brys „Menschen, welche die verehrten klassischen Schönheitsideale verkörpern, […] sich gleichwohl der ruchlosen Menschenfresserei hingeben“, vgl. Theye 1985, 19. Im 18. Jahrhundert dominiert jedoch das kalokagathische Vorstellungs- oder Visualisierungsmuster.

19


20

Einleitung

Augen mancher Autoren die nordamerikanischen ‚Indianer‘) dagegen als schön zu beurteilen.19 Hinzu kommt ein merkliches Interesse an den ästhetischen Praktiken der ‚Naturvölker‘; immer wieder konzentrieren sich die zeitgenössischen ethnographischen Berichte, völkerkundlichen Abhandlungen und ästhetischen Theorien auch auf Erscheinungsformen ‚primitiven‘ ästhetischen Verhaltens. Freilich handelt es sich bei dieser Differenzierung zwischen Physio-Ästhetik einerseits und Kunst- und Schönheitstheorie andererseits, die auch den zweiteiligen Aufbau meiner Studie bestimmt, nur um eine heuristische Unterscheidung, nehmen die behandelten Autoren den ‚wilden‘ Körper doch oft genug aus genuin kunsttheoretischer Perspektive in den Blick, um bisweilen gar eine kausale Beziehung zwischen physischer Erscheinung und ästhetischer Rezeptions- und Produktionsfähigkeit des Menschen herzustellen. In Schillers – von Winckelmann inspirierten – Worten: „In Ländern, wo die Natur schöne [menschliche] Gestalten erzeugt, entstand auch die Foderung des Schönen“.20 Von der Betrachtung des ‚exotischen‘ Körpers als Objekt des anthropologisch-ästhetischen Interesses der Europäer provisorisch zu unterscheiden ist folglich zunächst die Reflexion auf den ‚Wilden‘ als Subjekt der ästhetischen Erfahrung des Schönen (wie auch des Erhabenen) in Natur und Kunst. Kontrovers diskutiert wird hierbei die Frage, ob bzw. inwiefern die ‚Naturmenschen‘ ihrerseits überhaupt in der Lage sind, solches wahrzunehmen.21 Von ihrer Beantwortung abhängig ist schließlich die Betrachtung des ‚Wilden‘ als Subjekt der ästhetischen Produktion, der künstlerischen Gestal-

Vgl. Bitterli 2004, 356–364. Schiller 1871, 543. 21 Vgl. Bindmann 2002, 12, der dem 18. Jahrhundert freilich etwas zu pauschal die ausschließlich negative Beantwortung dieser Frage unterstellt: „The ability to make aesthetic judgements could in itself be a way of dividing the ‚civilized‘ from the ‚savage‘. For philosophers, aesthetics could be way of finding a proper balance between reason and instinct, a happy condition that was by definition easier for ‚civilized‘ peoples to attain than others.“ Als Gegenbeispiele hierfür ließen sich etliche Autoren der Zeit anführen, die den ‚Wilden‘ durchaus als Subjekt ästhetischer Urteile (und ästhetischer Tätigkeiten) betrachten, wie im zweiten Teil dieser Studie gezeigt wird.

19

20


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Ästhetik des ‹Wilden› by Schwabe Verlag - Issuu